The Project Gutenberg EBook of Das Leben der Bienen, by Maurice Maeterlinck

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Title: Das Leben der Bienen

Author: Maurice Maeterlinck

Illustrator: Wilhelm Mller-Schoenfeld

Translator: Friedrich von Oppeln-Bronikowski

Release Date: March 8, 2020 [EBook #61584]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DAS LEBEN DER BIENEN ***




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                             MEINEM FREUNDE
                              ALFRED SUTRO
                                GEWIDMET


                          AUTORISIERTE AUSGABE
                       IN DAS DEUTSCHE BERTRAGEN
                             VON FRIEDRICH
                         v. OPPELN-BRONIKOWSKI

                         MIT SCHMUCKLEISTEN UND
                         INITIALEN VON WILHELM
                           MLLER-SCHOENEFELD


                        VERLEGT IN LEIPZIG 1901
                          BEI EUGEN DIEDERICHS


                                MAURICE
                              MAETERLINCK




                               DAS LEBEN
                               DER BIENEN




                   AUF DER SCHWELLE DES BIENENSTOCKES


Es ist kein Buch ber Bienenzucht, kein Handbuch fr Bienenzchter, was
ich hier schreiben will. Jedes Land besitzt treffliche Werke dieser Art,
und es wre zwecklos, sie noch einmal zu schreiben. In Frankreich hat
man die Werke von Dadant, Georges de Layens, Bonnier, Bertrand, Hamet,
Weber, Clment und Abb Collin, auf englischem Sprachgebiete die
Schriften von Langstroth, Bevan, Cook, Cheshire, Cowan und Root, in
Deutschland die des Pfarrers Dzierzon, des Barons von Berlepsch,
Pollmann, Vogel u. v. a.

Ebensowenig will ich eine wissenschaftliche Monographie ber apis
mellifica, ligustica, fasciata, dorsata u. s. w. schreiben, oder die
Ergebnisse neuer Forschungen und Beobachtungen mitteilen. Ich werde fast
nichts sagen, was nicht jedem, der sich ein wenig mit Bienenzucht
befasst hat, gelufig wre, und, um dieses Buch nicht unntz zu
beschweren, eine gewisse Anzahl von Beobachtungen und Erfahrungen, die
ich in zwanzigjhrigem Verkehr mit den Bienen gewonnen, mir fr ein
Spezialwerk vorbehalten, da sie nur von beschrnktem, technischem
Interesse sind. Ich will nur ganz einfach von den Bienen reden, wie man
von einem vertrauten und geliebten Gegenstande redet, wenn man
Nichtkenner darber belehren will. Ich will weder die Wahrheit
ausschmcken, noch, was Raumur mit vollem Rechte allen seinen
Vorgngern in der Bienenkunde vorwirft, ein hbsch erfundenes Mrchen an
die Stelle der ebenso wunderbaren Wirklichkeit setzen. Es giebt Wunder
genug im Bienenstaat, und man braucht darum keine hinzu zu erfinden.
berdies habe ich schon lange darauf verzichtet, etwas Interessanteres
und Schneres auf dieser Welt zu finden, als die Wahrheit oder doch
wenigstens das Trachten nach ihr. Ich werde im folgenden also nichts
vorbringen, was ich nicht selbst erprobt habe oder was von den
Klassikern der Bienenkunde nicht derartig besttigt wird, dass jede
weitere Beweisfhrung langweilig wrde. Ich beschrnke mich darauf, die
Thatsachen ebenso zuverlssig wiederzugeben, nur etwas lebendiger und
mit Weiterentwickelung einiger eingeflochtener, freierer Gedanken, sowie
mit etwas harmonischerem Aufbau, als dies in den Handbchern oder den
wissenschaftlichen Monographien zu geschehen pflegt. Wer dies Buch
ausgelesen hat, ist nicht gleich im stande, einen Bienenstock zu halten,
aber er erfhrt daraus nahezu alles Merkwrdige und Tiefe, alle
feststehenden Einzelheiten ber seine Bewohner, und zwar keineswegs auf
Kosten dessen, was noch zu wissen brig bleibt. Ich bergehe all die
Fabeln, die auf dem Lande und in vielen Werken noch ber die Bienen
verbreitet sind. Wo Zweifel herrschen, die Meinungen auseinandergehen,
etwas hypothetisch ist, wo ich zu etwas Unbekanntem komme, werde ich es
ehrlich erklren. Wir werden oft vor dem Unbekannten innezuhalten haben.
Ausser den grossen sichtbaren Vorgngen ihres Lebens weiss man sehr
wenig ber die Bienen. Je lnger man sie zchtet, desto mehr wird man
sich unserer tiefen Unkenntnis ber ihr wirkliches Dasein bewusst, aber
diese Art des Nichtwissens ist immerhin besser, als die bewusstlose und
selbstzufriedene Unwissenheit.

Gab es bisher eine solche Arbeit ber die Bienen? Ich glaube, nahezu
alles gelesen zu haben, was ber die Bienen geschrieben worden ist, aber
ich kenne nichts hnliches ausser dem Kapitel, das Michelet ihnen am
Schlusse seines Werkes Das Insekt widmet, und dem Essay von Ludwig
Bchner, dem bekannten Verfasser von Kraft und Stoff, in seinem
Geistesleben der Tiere.[1] Michelet hat den Gegenstand kaum gestreift;
Bchners Studie ist ziemlich erschpfend; aber liest man all die
gewagten Behauptungen und lngst widerlegten Fabeln, die er von
Hrensagen berichtet, so kann man nicht umhin, zu glauben, dass er nie
seine Bibliothek verlassen hat, um seine Heldinnen selbst zu befragen,
und dass er nicht einen von den hundert summenden und flgelglnzenden
Bienenstcken geffnet hat, die man vergewaltigt haben muss, bevor unser
Instinkt sich ihrem Geheimnis anpasst, bevor wir mit dem Dunstkreise und
dem Geiste des Mysteriums, das diese emsigen Jungfrauen bilden, vertraut
werden. Das riecht weder nach Honig noch nach Bienen, und es hat
denselben Mangel, wie viele unserer gelehrten Werke: die Schlsse sind
vielfach schon bekannt, und der wissenschaftliche Apparat besteht aus
einer riesenhaften Anhufung von unsicheren Geschichten aus jedermanns
Munde. Indessen werde ich ihm in meiner Arbeit nicht oft begegnen; unsre
Ausgangspunkte, Ansichten und Ziele liegen zu weit auseinander.

                   *       *       *       *       *

Die Bibliographie der Bienenkunde -- denn ich mchte den Anfang mit den
Bchern machen, um sie mglichst schnell zu erledigen und zu der Quelle
zu kommen, aus der sie geschpft sind -- ist sehr umfangreich. Von
Urbeginn an hat dies kleine seltsame Gesellschaftstier mit seinen
komplizierten Gesetzen und seinen im Dunkeln entstehenden Wunderwerken
die Wissbegier der Menschen gefesselt. Aristoteles, Cato, Varro,
Plinius, Columella, Palladius haben sich damit beschftigt, nicht zu
reden von dem Philosophen Aristomachos, der sie nach Aussage des Plinius
58 Jahre lang beobachtet hat, oder Phyliscus von Thasos, der in den
Landstrichen lebte, um nur sie zu sehen, und den Beinamen der Wilde
trug. Aber das sind im Grunde Fabeln ber die Bienen, und alles, was der
Rede wert ist, d. h. so gut wie garnichts, findet sich zusammengefasst
im vierten Buche von Virgils Georgica.

Die Geschichte der Biene beginnt erst im 17. Jahrhundert mit den
Entdeckungen des grossen hollndischen Gelehrten Swammerdam. Jedoch, um
der Wahrheit die Ehre zu geben, muss vorausgeschickt werden, dass schon
vor Swammerdam ein vlmischer Naturforscher Clutius gewisse wichtige
Wahrheiten gefunden hat, z. B. dass die Knigin die alleinige Mutter
ihres ganzen Volkes ist und die Attribute beider Geschlechter besitzt,
aber er hat dies nicht bewiesen. Swammerdam war der erste, der eine
wissenschaftliche Beobachtungsmethode einfhrte; er schuf das Mikroskop,
sezierte die Bienen zuerst und bestimmte endgltig, durch Entdeckung der
Eierstcke und des Eileiters, das Geschlecht der Knigin, die man bisher
fr einen Knig (Weisel) gehalten hatte. Er warf ein unerwartetes
Licht auf die politische Verfassung des Bienenstockes, indem er sie auf
die Mutterschaft begrndete. Ausserdem hat er Durchschnitte entworfen
und Platten gezeichnet, die so tadellos waren, dass man sie noch heute
zur Illustration von Werken ber Bienenzucht benutzt. Er lebte in dem
geruschvollen, trbseligen Amsterdam von ehemals, voller Sehnsucht nach
dem sssen Landleben, und starb im Alter von 43 Jahren, von Arbeit
erschpft. In deutlicher, frommer Sprache, mit schnen, schlichten
Stzen, in denen er bestndig Gott die Ehre giebt, hat er seine
Beobachtungen niedergelegt; sein Hauptwerk Bybel der Natuure wurde ein
Jahrhundert spter von Dr. Boerhave aus dem Niederlndischen ins
Lateinische bersetzt (unter dem Titel Biblia naturae, Leyden 1737).

Nach ihm hat Raumur, derselben Methode getreu, in seinen Grten in
Charenton eine Menge merkwrdiger Experimente und Beobachtungen gemacht
und den Bienen in seinen Mmoires pour servir  l'Histoire des
Insectes einen ganzen Band gewidmet. Man kann ihn noch heute mit Erfolg
und ohne Langeweile lesen. Er ist klar, ehrlich, gerade, und nicht ohne
einen gewissen verschlossenen und herben Reiz. Er hat es sich vor allem
angelegen sein lassen, eine Reihe von alten Irrtmern zu zerstreuen, --
wofr er freilich einige neue in Umlauf gesetzt hat --; er gewann einen
Einblick in die Entstehung der Schwrme, die politischen Gewohnheiten
der Kniginnen, kurz, er fand verschiedene verwickelte Wahrheiten und
wies den Weg zu anderen. Er heiligte durch seine Wissenschaft die
architektonischen Wunder des Bienenstaates, und alles, was er darber
gesagt hat, kann nicht besser gesagt werden. Man verdankt ihm
schliesslich den Gedanken der Kasten mit Glaswnden, der in seiner
spteren Vervollkommnung das ganze husliche Treiben dieser
unermdlichen Arbeiterinnen ans Licht gebracht hat, die, wenn sie ihr
Werk in blendendem Sonnenschein beginnen, es doch nur im Finstern
vollenden und krnen. Der Vollstndigkeit halber wren noch die etwas
spteren Untersuchungen und Arbeiten von Charles Bonnet und Schirach zu
nennen, welch letzterer das Rtsel des kniglichen Eis gelst hat; aber
ich will mich auf die grossen Zge beschrnken und gehe darum zu
Franois Huber ber, dem Meister und Klassiker der heutigen Bienenkunde.

Huber wurde i. J. 1750 in Genf geboren und erblindete schon als Knabe.
Durch Raumurs Experimente angeregt, die er zunchst nur auf ihre
Richtigkeit prfen wollte, empfand er bald eine Leidenschaft fr diese
Dinge und widmete mit Hilfe eines treuen und verstndigen Dieners,
Franois Burnens, sein ganzes Leben dem Studium der Bienen. In den
Annalen des menschlichen Leidens und Siegens ist nichts rhrender und
lehrreicher, als die Geschichte dieses geduldigen Zusammenarbeitens, wo
der eine, der nur einen unstofflichen Schimmer wahrnahm, die Hnde und
Blicke des Anderen, der sich des wirklichen Lichtes erfreute, mit seinem
Geiste lenkte, und obschon er, wie versichert wird, nie mit eigenen
Augen eine Honigwabe gesehen hat, durch den Schleier dieser toten Augen
hindurch, der jenen andren Schleier, in den die Natur alle Dinge hllt,
fr ihn verdoppelte, dem Geiste, der diesen unsichtbaren Honigbau schuf,
seine tiefsten Geheimnisse ablauschte, wie um uns zu lehren, dass wir
unter keinen Umstnden darauf verzichten sollten, die Wahrheit
herbeizuwnschen und zu suchen. Ich will hier nicht aufzhlen, was die
Bienenkunde ihm alles verdankt, ich knnte leichter sagen, was sie ihm
nicht verdankt. Seine Nouvelles Observations sur les Abeilles, von
denen der erste Band i. J. 1789 in Form von Briefen an Charles Bonnet
erschien -- der zweite folgte erst 25 Jahre spter -- sind der
unerschpfliche, untrgliche Schatz fr alle Bienenforscher. Gewiss
enthlt das Werk auch Irrtmer und Unzulnglichkeiten, es sind seit
diesem Buche in der mikroskopischen Bienenkenntnis und praktischen
Bienenzucht, der Behandlung der Kniginnen u. s. w. manche Fortschritte
gemacht worden, aber nicht eine seiner Hauptbeobachtungen ist widerlegt
oder als irrig erwiesen worden; sie sind im Gegenteil die Grundlage
unseres heutigen Wissens.

                   *       *       *       *       *

Nach Hubers Entdeckungen herrschte einige Jahre Schweigen, aber bald
entdeckte ein deutscher Bienenzchter, der Pfarrer Dzierzon, von
Karlsmarck in Schlesien, die jungfruliche Zeugung (Parthenogenesis) und
erfindet den ersten Kastenstock mit beweglichen Waben, durch den der
Imker befhigt wird, seinen Anteil an der Honigernte zu gewinnen, ohne
seine besten Vlker zu zerstren und die Arbeit eines ganzen Jahres in
einem Augenblick zu vernichten. Dieser noch sehr unvollkommene
Kastenstock ist dann von Langstroth meisterhaft vervollkommnet worden.
Er erfand den eigentlichen beweglichen Rahmen, der in Amerika
Verbreitung fand und ausserordentliche Erfolge erzielte. Root, Quinby,
Dadant, Cheshire, de Layens, Cowan, Heddon, Houward u. a. brachten dann
noch einige wertvolle Verbesserungen an. Endlich erfand Mehring, um den
Bienen Arbeit und Wachs, also auch viel Honig und Zeit zu sparen,
Kunstwaben, die sie alsbald benutzten und ihren Bedrfnissen anpassten,
whrend Major von Hruschka die Honigschleuder erfand, eine
Centrifugalmaschine, die den Honig ausschleudert, ohne dass die Waben
zerstrt werden. Damit erffnet sich eine neue Periode der Bienenzucht.
Die Ksten sind von dreifachem Fassungsvermgen und dreifacher
Ergiebigkeit. berall entstehen grosse, leistungsfhige
Bienenwirtschaften. Das unntze Hinmorden der arbeitslustigsten Vlker
und die Auslese der Schlechtesten, welche die Folge davon war, hren
auf. Der Mensch bekommt die Bienen wirklich in seine Gewalt, er kann
seinen Willen durchsetzen, ohne einen Befehl zu geben, und sie gehorchen
ihm, ohne ihn zu kennen. Er bernimmt die Rolle des Schicksals, die
sonst in der Hand der Jahreszeiten lag. Er gleicht die Ungunst der
einzelnen Jahreszeiten aus. Er vereinigt die feindlichen Vlker. Er
macht reich arm und arm reich. Er vermehrt oder verringert die Geburten.
Er regelt die Fruchtbarkeit der Knigin. Er entthront und ersetzt sie in
schwer errungenem Einvernehmen mit dem beim blossen Argwohn einer
unbegreiflichen Einmischung rasenden Bienenvolke. Er versehrt, wenn er
es fr ntzlich hlt, ohne Kampf das Geheimnis des Allerheiligsten und
kreuzt die kluge und weitblickende Politik des kniglichen
Frauengemaches. Er bringt sie fnf oder sechs Mal hintereinander um die
Frchte ihrer Arbeit, ohne sie zu verletzen, zu entmutigen und arm zu
machen. Er passt die Honigrume und Speicher ihrer Wohnungen dem Ertrage
der Blumenernte, die der Frhling ber die Berghnge ausstreut, an. Er
zwingt sie, die ppige Zahl der Bewerber, welche auf die Geburt der
Prinzessinnen harren, herabzusetzen. Kurz, er thut mit ihnen, was er
will, und erreicht von ihnen, was er fordert, vorausgesetzt, dass seine
Forderungen mit ihren Tugenden und Gesetzen bereinstimmen, denn sie
sehen ber den Willen des unerwarteten Gottes hinaus, der sich ihrer
bemchtigt hat und der zu ungeheuer ist, um erkannt, zu fremd, um
begriffen zu werden, weiter als dieser Gott selbst, und sind nur darauf
bedacht, in unermdlicher Selbstverleugnung die geheimnisvolle Pflicht
gegen die Gattung zu erfllen.

                   *       *       *       *       *

Nachdem uns die Bcher nunmehr das Wesentlichste gesagt haben, was sie
uns ber eine sehr alte Geschichte zu sagen hatten, lassen wir die durch
andere erworbene Erfahrungsweisheit fallen und sehen uns die Bienen
selbst einmal an. Eine Stunde im Bienenstock sagt uns vielleicht Dinge,
die zwar weniger gewiss, aber ungleich lebendiger und fruchtbarer sind.

Ich habe den ersten Bienenstand, den ich zu Gesichte bekommen und an dem
ich die Bienen lieben gelernt habe, noch nicht vergessen. Es ist manches
Jahr darber verflossen. Es war in einem grossen Dorfe im flandrischen
Seeland, jenem reinlichen und anmutigen Erdenwinkel, der noch krftigere
Farben entwickelt, als das eigentliche Seeland, der Hohlspiegel
Hollands, und das Auge gefangen nimmt mit dem allerliebsten, tiefernsten
Spielzeug seiner Tauben und Trme, seiner bemalten Wagen, seiner
Wandschrnke und Stutzuhren, die aus dem Dunkel der Korridore
hervorleuchten, seiner Grachten und Kanle mit ihren Spalier bildenden
kleinen Bumen, die auf eine fromme, kindliche Zeremonie zu warten
scheinen, seiner Barken und Marktschiffe mit geschnitztem Bug, seiner
buntfarbigen Fenster und Thren, seiner prchtigen Schleusen und
schwarzgetheerten Zugbrcken, seiner schmucken Huschen, die wie
glnzende, zartgetnte Topfwaaren leuchten, und aus denen Weiber wie
grosse Klingeln, mit Gold- und Silberschmuck behngt, heraustreten, um
auf die weissumzunten Wiesen zu gehen und die Khe zu melken, oder
Wsche auf dem in Ovale oder schrge Vierecke geteilten und peinlich
grnen, blumenreichen Rasenteppich auszubreiten.

Ein alter Weiser, an den Greis Vergils erinnernd,

   Ein Mann, den Kn'gen gleich, ein Mann, den Gttern nah,
   Und ruhig und zufrieden gleich wie diese.

wrde Lafontaine sagen, hatte sich dorthin zurckgezogen, wo das Leben
enger scheinen knnte, als wo anders, wenn es mglich wre, das Leben
wirklich einzuschrnken, und hatte seinen Alterssitz dort aufgeschlagen,
nicht lebensmde zwar, -- denn der Weise kennt keine Lebensmdigkeit, --
aber ein wenig mde, die Menschen zu befragen, denn sie antworten
weniger einfltig als Tier und Pflanze auf die einzigen Fragen von
Belang, die man der Natur ber ihre wahren Gesetze stellen kann. Sein
ganzes Glck, wie das des Philosophen Skytha, bestand in einem schnen
Garten, und unter dessen Schnheiten liebte er am meisten und besuchte
er am hufigsten einen Bienenstand von zwlf Strohglocken, die er mit
hellem Gelb, Rosenrot und vor allem mit zartem Blau angestrichen hatte,
denn er wusste schon lange vor den Experimenten von Sir John Lubbock,
dass Blau die Lieblingsfarbe der Bienen ist. Der Bienenstand befand sich
an der Hausmauer, im Winkel einer jener khlen und leckeren
hollndischen Kchen mit Porzellanbrettern an den Wnden und leuchtendem
Zinn- und Kupfergeschirr darauf, das sich durch die offene Hausthr in
einem stillen Kanal spiegelte. Und der Blick glitt ber den
Wasserspiegel mit seinen huslichen Bildern, die ein Rahmen von
Pappelbumen umschloss, und fand seinen Ruhepunkt am Horizont mit seinen
Mhlen und Weidetriften.

Hier wie berall, wo man sie aufstellt, hatten die Bienenstcke den
Blumen, der Stille, der milden Luft, den Sonnenstrahlen eine neue
Bedeutung verliehen. Man griff hier mit Hnden das festliche Gleichnis
der hohen Sommertage. Man ruhte unter dem funkelnden Kreuzweg, von
welchem die luftigen Strassen ausstrahlen, die sie vom Morgen bis zum
Abend, mit allen Dften der Fluren beladen, geschftig durchsummen. Man
lauschte der heiteren, sichtbaren Seele, der klugen, wohlklingenden
Stimme, man sah den Brennpunkt der Freude der sommerlichen Gartenlust.
Man lernte in der Schule der Bienen das geheimnisvolle Weben der Natur,
die Fden, die sich zwischen ihren drei Reichen knpfen, die
unermdliche Selbstgestaltung des Lebens, die Moral der selbstlosen,
eifrigen Arbeit, und was ebensoviel wert ist, wie diese: die heroischen
Arbeiterinnen lehrten den Geschmack an der unbestimmten Sssigkeit der
Musse, sie unterstrichen mit ihren tausend kleinen Flgeln wie mit
Feuerzeichen die fast unstoffliche Wonne jener jungfrulichen Tage, die
in ewig gleicher Reinheit und Klarheit wiederkehren, ohne Erinnerungen
zu hinterlassen, wie ein zu reines Glck.

                   *       *       *       *       *

Wir beginnen, um die Geschichte des Bienenstaates im Kreislaufe des
Jahres so einfach wie mglich zu erzhlen, mit dem Erwachen im Lenz und
dem Wiederbeginn der Arbeit, und wir werden die Hauptstadien des
Bienenlebens in ihrer natrlichen Reihenfolge einander ablsen sehen:
das Schwrmen und was ihm vorangeht, die Grndung der neuen Stadt,
Geburt, Kmpfe und Hochzeitsausflug der jungen Kniginnen, die
Drohnenschlacht und die Wiederkehr des Winterschlafes. Jede dieser
Episoden erfordert die ntigen Erklrungen der Gesetze,
Eigentmlichkeiten, Gewohnheiten und Ereignisse, die sie verursachen
oder sie begleiten, sodass wir am Ende des Bienenjahres, das vom April
bis Ende September reicht, alle Geheimnisse des Honigstaates kennen
werden.

Vorderhand, ehe ich einen Bienenstock ffne, um einen allgemeinen Blick
darauf zu werfen, mag es gengen zu wissen, dass er sich aus einer
Knigin, der Mutter des ganzen Volkes, vielen tausend Arbeitsbienen, d.
h. unentwickelten und unfruchtbaren Weibchen, und einigen hundert
mnnlichen Bienen oder Drohnen zusammensetzt. Aus den letzteren geht der
einzige unglckliche Auserwhlte der knftigen Herrscherin hervor,
welche die Bienen nach dem mehr oder minder unfreiwilligen Scheiden der
alten Knigin auf den Thron erheben.

                   *       *       *       *       *

Wenn man zum ersten Male einen Bienenstock ffnet, so versprt man etwas
von der Erregung, die einen stets befllt, wenn man etwas Unbekanntes
vergewaltigt, das voll von furchtbaren berraschungen sein kann, wie z.
B. ein Grab. Es spinnt sich um die Bienen eine Fabel von Gefahren und
Drohungen. Man hat eine unbestimmte Erinnerung an die Bienenstiche, die
einen zu eigenen Schmerz verursachen, als dass man wsste, womit man ihn
vergleichen soll; es ist ein trockenes, zuckendes Brennen, eine Art
Wstensonnenbrand, mchte man sagen, der sich bald ber den ganzen
Krperteil verbreitet. Es ist, als ob diese Sonnenkinder aus den
glhendsten Strahlen ihrer Mutter ein leuchtendes Gift gesogen htten,
um die Schtze der Sssigkeit, die sie in ihren segenspendenden Stunden
sammeln, desto wirksamer zu verteidigen.

Freilich, wird ein Bienenstock ohne Vorsichtsmassregeln geffnet, von
einem, der weder Charakter noch Sitten seiner Bewohner kennt und achtet,
so verwandelt er sich im Nu in einen feurigen Busch von Zorn und
Heldenmut. Aber es lernt sich nichts leichter als das bischen
Geschicklichkeit, das erforderlich ist, um ihn ungestraft zu
vergewaltigen. Es gengt etwas Rauch, den man von Zeit zu Zeit
hineinblst, etwas Kaltbltigkeit und Sanftheit, und die wohlbewehrten
Arbeiterinnen lassen sich ausplndern, ohne daran zu denken, ihren
Stachel zu zcken. Sie erkennen ihren Herrn nicht, wie behauptet worden
ist, sie frchten den Menschen nicht, aber wenn sie den Rauch riechen
und die ruhigen Bewegungen in ihrer Wohnung sehen, so bilden sie sich
ein, dass es sich nicht um einen Angriff oder einen Feind handelt, gegen
den sie sich verteidigen knnen, sondern um eine Naturkraft oder
Katastrophe, in die sie sich fgen mssen. Statt einen fruchtlosen Kampf
zu wagen, wollen sie in ihrer diesmal getuschten Klugheit wenigstens
die Zukunft retten: sie strzen sich auf die Honigvorrte und schlucken
mglichst viel davon herunter, um sie wo anders, gleichgltig wo, aber
sofort, zur Grndung einer neuen Stadt zu verwerten, wenn die alte
zerstrt ist oder sie gezwungen sind, sie aufzugeben.

                   *       *       *       *       *

Der Laie pflegt zuerst einigermassen enttuscht zu sein, wenn man ihm
Einblick in einen Beobachtungskasten[2] gewhrt. Man hatte ihm
versprochen, dass dieser Kasten ein ungeheures Maass von Thatkraft, eine
Unzahl von weisen Gesetzen, eine erstaunliche Flle von Geist, dass er
Mysterien, Erfahrungen, Berechnungen, Wissen und Gewerbfleiss der
verschiedensten Art, weise Voraussichten, Gewissheiten und Gewohnheiten
voller Klugheit und eine Menge von seltsamen Tugenden und Gefhlen
enthielte. Und nun erblickt er nur ein Gekribbel von rtlichen Beeren,
die wie gerstete Kaffeebohnen aussehen, oder wie Rosinen, die
massenhaft an den Scheiben sitzen. Sie scheinen mehr tot als lebendig
und ihre Bewegungen sind langsam, unzusammenhngend und unverstndlich.
Er erkennt die herrlichen Lichttropfen nicht wieder, die noch eben ohne
Unterlass in den gold- und perlenschimmernden Schoss von tausend
geffneten Blumenkelchen hinabtauchten und wieder hervorkamen. Sie
zittern anscheinend in der Finsternis. Sie ersticken in einer
unbeweglichen Menge; man mchte sagen, sie sind wie kranke Gefangene
oder entthronte Kniginnen, die nur einen glnzenden Augenblick unter
den leuchtenden Blumen des Gartens leben, um alsbald in das scheussliche
Elend ihres armseligen, engen Kerkers zurckzukehren.

Es ist mit ihnen, wie mit allen tiefen Realitten. Man muss sie
beobachten _lernen_. Wenn ein Bewohner einer andren Welt auf die Erde
herabkme und she, wie die Menschen durch die Strassen gehen, wie sie
sich um einzelne Gebude schaaren oder auf gewissen Pltzen
zusammendrngen, wie sie ohne auffllige Gebrden in ihren Wohnungen
sitzen und harren, so wrde er auch zu dem Schlusse kommen, dass sie
trge und bedauernswert sind. Mit der Zeit erst beginnt man die
vielseitige Thtigkeit, die in dieser Trgheit liegt, zu erkennen.

In Wahrheit arbeitet jede dieser fast unbeweglichen kleinen Bienen
unermdlich, und jede thut etwas andres. Keine kennt die Ruhe, und
gerade die z. B., welche scheinbar eingeschlafen sind und wie leblose
Trauben an den Scheiben hngen, haben die geheimnisvollste und
ermdendste Arbeit zu verrichten, sie bereiten das Wachs. Aber wir
werden auf diese Einzelheiten ihrer streng geteilten Thtigkeit bald
nher eingehen. Inzwischen gengt es, die Aufmerksamkeit auf den
Hauptcharakterzug der Bienen zu lenken, durch den sich das enge
Beieinandersitzen in dieser mannigfachen Thtigkeit erklrt. Die Biene
ist vor allem und mehr noch als die Ameise ein Gesellschaftstier, sie
kann nur zu vielen leben. Wenn sie aus dem dichtbesetzten Stocke
ausfliegt, so muss sie sich mit dem Kopfe einen Weg durch die lebenden
Mauern bahnen, die sie umschliessen, und verlsst damit ihr eigentliches
Element. Sie taucht einen Augenblick in den blumenreichen Raum, wie der
Schwimmer in den perlenreichen Ocean, aber sie muss, wenn ihr das Leben
lieb ist, von Zeit zu Zeit wieder in den Dunstkreis ihrer Gefhrtinnen
zurck, wie der Schwimmer wieder auftaucht, um Luft zu schpfen. Bleibt
sie allein, so geht sie auch bei den gnstigsten Temperaturverhltnissen
und dem grssten Blumenreichtum in wenigen Stunden zu Grunde, nicht
infolge von Hunger oder Klte, sondern von Einsamkeit. Die Menge ihrer
Schwestern, der Bienenstock, ist fr sie ein zwar unsichtbares, aber
nicht weniger unentbehrliches Nahrungsmittel als der Honig. Dieses
Bedrfnis muss man sich gegenwrtig halten, will man den Geist der
Gesetze des Bienenstaates erfassen. Das Individuum gilt im Bienenstock
nichts, es hat nur ein Dasein aus zweiter Hand, es ist gleichsam ein
nebenschlicher Faktor, ein geflgeltes Organ der Gattung. Sein ganzes
Leben ist eine vollstndige Aufopferung fr das unzhlige, beharrende
Wesen, zu dem es gehrt. Sonderbarerweise lsst sich feststellen, dass
dies nicht immer so war. Man findet auch heute noch unter den
Honigwespen alle Stadien der schrittweisen Entwickelung unserer
Hausbiene vor. Auf der untersten Stufe arbeitet sie allein im Elend; oft
erblickt sie nicht einmal ihre Nachkommenschaft (wie bei den Prosopis
und Colletes), bisweilen lebt sie im engen Familienkreise mit ihrer
jhrlichen Brut (wie bei den Hummeln), vereinigt sich dann vorbergehend
zu Gesellschaften (Grabbienen, Hosenbienen, Ballenbienen) und erreicht
schliesslich, von Stufe zu Stufe steigend, die nahezu vollkommene
Gesellschaftsform unserer Bienenstcke, wo das Individuum vollstndig in
der Gesamtheit aufgeht und die Gesamtheit wiederum der abstrakten,
unsterblichen Gesellschaft der Zukunft geopfert wird.

                   *       *       *       *       *

Hten wir uns, aus diesen Thatsachen voreilige Schlsse auf den Menschen
zu ziehen. Der Mensch hat das Vermgen, sich den Naturgesetzen nicht zu
fgen. Ob es Recht oder Unrecht ist, von diesem Vermgen Gebrauch zu
machen: das ist der wichtigste, aber auch der unaufgeklrteste Punkt
unserer Moral. Inzwischen ist es nicht belanglos, den Willen der Natur
in einer anders gearteten Welt zu belauschen, und gerade bei den
Honigwespen, die nchst dem Menschen unzweifelhaft die intelligentesten
Bewohner dieses Erdballes sind, tritt dieser Wille sehr deutlich zu
Tage. Er trachtet sichtlich nach Veredelung der Art, aber er zeigt auch,
dass er diese nur auf Kosten der individuellen Freiheit und des
individuellen Glckes erreichen will oder kann. In dem Maasse, wie die
Gesellschaft sich organisiert und erhebt, wird dem Sonderleben eines
jeden ihrer Glieder ein immer engerer Kreis gezogen. Wo ein Fortschritt
eintritt, geschieht dies durch ein immer vollkommeneres Opfer der
persnlichen zu Gunsten der allgemeinen Interessen. Zunchst muss ein
jedes Individuum auf eigenmchtige Laster verzichten. So findet man auf
der vorletzten Kulturstufe der Bienen die Hummeln, die unseren
Menschenfressern zu vergleichen sind: die ausgewachsenen Arbeiterinnen
stellen nmlich unaufhrlich den Eiern nach, um sie zu fressen, und die
Mutter muss sie mit aller Energie dagegen verteidigen. Ferner muss sich
jedes Individuum, nachdem es die gefhrlichsten Laster abgelegt hat,
eine Anzahl von immer strenger gefassten Tugenden zu eigen machen. Die
Arbeiterinnen bei den Hummeln lassen es sich z. B. noch nicht einfallen,
der Liebe zu entsagen, whrend unsere Hausbiene in unbedingter
Keuschheit lebt. Nun, wir werden ja bald sehen, was sie alles in Tausch
giebt fr das Wohlbefinden, die Sicherheit, die architektonische,
konomische und politische Vollkommenheit des Bienenstockes, und wir
kommen auf den Entwicklungsgang der Honigwespen in dem Kapitel ber den
Fortschritt der Art noch einmal zurck.




                             DAS SCHWRMEN


Die Bienen des von uns erwhlten Bienenstockes haben also die Starre des
Winterschlafes abgeschttelt. Die Knigin beginnt von Anfang Februar an
wieder Eier zu legen. Die Arbeitsbienen befliegen die Anemonen,
Narzissen, Veilchen, Salweiden und Haselnussstrucher. Der Frhling hlt
seinen Einzug, die Speicher und Keller strotzen wieder von Honig und
Bltenstaub, und tausende von Bienen erblicken tglich das Licht der
Welt. Die ungeschlachten Drohnen kriechen aus ihren grossen Zellen,
laufen auf den Waben herum, und der Bevlkerungszuwachs der Stadt wird
bald so gross, dass hunderte von Arbeitsbienen, wenn sie abends vom
Felde heimkehren, kein Unterkommen mehr finden und gentigt sind, die
Nacht auf der Schwelle zuzubringen, wo viele vor Klte sterben.

Eine allgemeine Unruhe ergreift das Volk, und die alte Knigin gert in
Aufregung. Sie ahnt, dass sich ein neues Schicksal vorbereitet. Sie hat
ihre Pflicht als Mutter gewissenhaft gethan, und nun fhrt ihre
Pflichterfllung zu Verwirrung und Trbsal. Eine unabweisliche
Notwendigkeit bedroht ihre Ruhe: bald wird sie die Stadt ihrer
Herrschaft verlassen mssen. Und doch ist diese Stadt ihr Werk, ihr
eigenstes Ich. Sie ist keine Knigin im menschlichen Sinne. Sie giebt
keine Befehle; sie ist, wie die letzte ihrer Unterthanen, einer
verhllten Gewalt von berlegener Weisheit unterworfen, die wir
einstweilen, bis wir sie zu entschleiern versuchen, den _Geist des
Bienenstockes_ nennen wollen. Sie ist die alleinige Mutter und das
Werkzeug der Liebe. Sie hat die Stadt in Unsicherheit und Armut
gegrndet. Sie hat sie unaufhrlich mit ihrem eignen Fleisch und Blut
bevlkert, und alles, was darinnen lebt, -- Arbeitsbienen, Drohnen,
Larven, Nymphen und die jungen Prinzessinnen, deren baldiges
Ausschlpfen ihren Aufbruch beschleunigen wird und deren eine ihr vom
Geiste des Bienenstockes schon zur Nachfolgerin bestimmt ist, -- ist
aus ihren Weichen hervorgegangen.

                   *       *       *       *       *

Wo befindet sich dieser Geist des Bienenstockes und wo hat er seinen
Sitz? Er ist nicht wie der individuelle Instinkt des Vogels, der sein
Nest mit Geschicklichkeit baut und andere Himmelsstriche aufzusuchen
weiss, wenn der Tag des Wanderns wieder angebrochen ist. Er ist
ebensowenig eine mechanische Gewohnheit der Gattung, die nur vom blinden
Lebenswillen beseelt ist und sich an allen Ecken des Zufalls stsst,
sobald ein unvorhergesehener Umstand die Abfolge der gewohnten
Erscheinungen durchbricht. Im Gegenteil, er folgt Schritt fr Schritt
den allmchtigen Umstnden, wie ein kluger und geschickter Sklave, der
auch die gefhrlichsten Befehle seines Herrn sich zum Vorteil zu wenden
weiss.

Er verfgt ohne Rcksicht, aber gewissenhaft, als wre ihm eine grosse
Pflicht auferlegt, ber Wohlstand und Glck, Leben und Freiheit dieses
geflgelten Vlkchens. Er bestimmt Tag fr Tag die Zahl der Geburten und
zwar genau nach der Blumenzahl, die auf den Fluren blht. Er sagt der
Knigin, dass sie verbraucht ist oder dass sie ausschwrmen muss, er
zwingt sie, ihren Nebenbuhlerinnen das Leben zu geben, erhebt diese zu
Kniginnen, schirmt sie vor dem politischen Hass ihrer Mutter und
veranlasst oder verhindert, -- je nach der Flle des Blumensegens, dem
frheren oder spteren Eintreten des Frhjahrs und den beim
Hochzeitsflug zu befrchtenden Gefahren, -- dass die erstgeborene unter
den jungfrulichen Prinzessinnen ihre jngeren Schwestern in der Wiege
ttet. Oder auch bei vorgerckter Jahreszeit, wenn die Blumenstunden
krzer werden, gebietet er den Arbeitsbienen, die ganze knigliche Brut
zu vernichten, damit die ra der Umwlzungen ein Ende hat und die
fruchtbringende Arbeit wieder aufgenommen wird. Er ist ein Geist der
Vorsicht und Sparsamkeit, aber nicht des Geizes. Er weiss anscheinend um
die verhngnisvollen und etwas vernunftwidrigen Naturgesetze der Liebe,
und duldet darum in den reichen Sommertagen, in denen die junge Knigin
ihren Liebhaber suchen geht, das Vorhandensein von drei- oder
vierhundert thrichten, ungeschickten, bei aller Geschftigkeit nur
hinderlichen, anspruchvollen, schamlos mssigen, lrmenden, gefrssigen,
groben, unsauberen, unersttlichen und ungeschlachten Drohnen. Aber
sobald die Knigin befruchtet ist, die Blumen ihre Kelche spter ffnen
und frher schliessen, ordnet er eines Tages gelassen an, dass sie alle
miteinander ermordet werden. Er regelt die Arbeit jeder Biene nach ihrem
Alter, er bestimmt die einen zur Pflege der Brut, die anderen zur
kniglichen Leibwache, welche die Knigin zu unterhalten hat und sie nie
aus den Augen verlieren darf, wieder andere zum Ventilieren: sie lften
mit ihren Flgeln den Stock, fhren ihm Wrme oder Klte zu und
beschleunigen die Verdunstung des dem Honig zuviel zugesetzten Wassers;
wieder andre verwertet er als Architekten, Maurer und Steinmetzen; sie
hngen sich in Ketten auf, um Wachs zu bereiten, und bauen die Waben,
whrend ein anderer Schwarm ausfliegt und eintrgt: Nektar, der zu Honig
verarbeitet wird, Bltenstaub zum Futterbrei fr die Brut, und
Stopfwachs (Propolis) zum Verkleben und Befestigen der Bauten. Er weist
den Chemikern im Bienenstaate ihre Aufgabe an: den Honig haltbar zu
machen, indem sie einen Tropfen Ameisensure in die gefllten Zellen
thun, den Arbeiterinnen, welche diese Zellen verdeckeln, den
Strassenkehrerinnen, die Strassen und Pltze in musterhafter Ordnung
halten, den Totengrberinnen, welche die Leichen fortschaffen, und den
Amazonen der Schildwache, die Tag und Nacht fr Sicherheit des Eingangs
sorgen, die Kommenden und Gehenden befragen, sich die jungen Bienen beim
ersten Ausfluge merken, die Landstreicher, Bettler und Ruber fortjagen,
Eindringlinge austreiben, gefrchtete Feinde in Masse angreifen und
ntigenfalls das Flugloch verbarrikadieren.

Endlich bestimmt er die Stunde, wo dem Genius der Art das grosse
Jahresopfer gebracht wird, ich meine das Schwrmen, wo das ganze Volk,
auf dem Gipfel seiner Macht und seines Gedeihens angelangt, der nchsten
Generation pltzlich alles berlsst, seine Schtze und Palste, seine
Wohnungen und die Frucht seiner Arbeit, um fern im Ungewissen und den
eine neue Heimat zu suchen. Es ist dies ein Akt, der -- bewusst oder
unbewusst -- ber die menschliche Moral hinausgeht. Bisweilen zerstrt
er, immer verarmt er, und sicher zerreisst er das glckgesegnete Volk,
damit es einem hheren Gesetze gehorche, als das Gedeihen der Stadt ist.
Wo entsteht dieses Gesetz, das, wie wir sogleich sehen werden, nicht so
fatalistisch und blind ist, wie man wohl glaubt? In welcher Versammlung,
welchem Rat, welcher gemeinsamen Sphre hat er seinen Sitz, dieser
Geist, dem sich alle unterwerfen, und der selbst einer heroischen
Pflicht, einer stets auf die Zukunft gerichteten Vernunft gehorcht?

Es ist bei unsren Bienen wie bei der Mehrzahl aller irdischen Dinge: wir
beobachten einige ihrer Gewohnheiten, wir sagen, sie thun dies und
jenes, sie arbeiten so und so, ihre Kniginnen sorgen fr
Nachkommenschaft, ihre Arbeiterinnen bleiben Jungfrauen, und dann und
dann schwrmen sie. Damit glauben wir sie zu kennen und fragen nicht
weiter. Wir sehen sie von Blume zu Blume hasten, wir beobachten das
behende Kommen und Gehen im Stock, und dieses Leben scheint uns hchst
einfach und beschrnkt, wie jedes Leben, das instinktiv nach
Selbsterhaltung und Vermehrung trachtet. Aber sobald das Auge tiefer
eindringt und sich Rechenschaft ablegen will, erkennt es die
erstaunliche Kompliziertheit der einfachsten Erscheinungen, das Wunder
des Verstandes und des Willens, der Bestimmungen und Ziele, der Ursachen
und Wirkungen, die unbegreifliche Organisation der geringsten
Lebensakte.

                   *       *       *       *       *

In unsrem Bienenstock bereitet sich also das grosse Opfer vor, das den
anspruchsvollen Volksgttern gebracht wird. Den Geboten dieses Geistes
gehorsam, der uns ziemlich unerklrlich erscheint, vorausgesetzt, dass
er allen Instinkten und Gefhlen unsrer Art zuwiderluft, -- sind
sechzig bis siebzigtausend von den achtzig bis hunderttausend Bienen des
Gesamtvolkes im Begriff, die Mutterstadt zur gegebenen Stunde zu
verlassen. Es ist kein Augenblick der Angst, in dem sie davonziehen,
kein pltzlicher toller Entschluss, das durch Hunger, Krieg oder Seuchen
verheerte Heimatland zu fliehen. Ihre Selbstverbannung ist seit langem
vorbedacht und die gnstigste Stunde wird geduldig abgewartet. Ist der
Stock arm und durch Unglck im Knigshause, schlechtes Wetter oder
Plnderung geschwcht worden, so wird nicht geschwrmt. Sie verlassen
ihre Stadt nur auf dem Gipfel ihres Wohlstands, wenn der mchtige
Wachsbau nach harter Frhjahrsarbeit in seinen 120000 schnurgerade
gebauten Zellen prangt und von frischem Honig strotzt, oder von jenem
bunten Mehl, das zur Aufftterung der Brut dient und Bienenbrot genannt
wird.

Nie sieht der Stock schmucker aus, als am Tage vor der heroischen
Entsagung. Es ist fr ihn die Stunde ohne Gleichen, die lebensvolle,
etwas fieberhafte und doch so heitere Stunde des berflusses und der
Ausgelassenheit. Suchen wir ihn uns vorzustellen, nicht wie ihn die
Bienen sehen, denn wir ahnen nicht, welche magische und furchtbare
Gestalt die Dinge in den sechs- bis siebentausend Facettenaugen
annehmen, die sie an der Seite haben, oder in dem dreifachen
Cyclopenauge auf ihrer Stirn, sondern so, wie wir ihn sehen wrden, wenn
wir ihre Grsse htten. Oben von der Wlbung, die noch ungeheurer ist,
als die des St. Peter in Rom, bis auf den Fussboden herab gehen
zahlreiche senkrechte, parallele Riesenmauern, die im Finstern und im
Leeren hngen und die man -- im Verhltnis gesprochen -- wegen ihrer
khnen Bauart, ihrer Genauigkeit und Riesenhaftigkeit mit keinem
menschlichen Bauwerk vergleichen kann. Jede dieser Mauern, deren
Baustoff noch jungfrulich frisch, silbern, unbefleckt und duftend ist,
besteht aus tausenden von Zellen und enthlt Vorrte, von denen das
ganze Volk wochenlang leben knnte. Hier und dort leuchten rote, gelbe,
schwarze und veilchenfarbene Flecken; es ist Pollen, der befruchtende
Blumenstaub der gesamten Frhlingsflora, in durchsichtigen Zellen
bewahrt, und ringsherum in schweren, ppigen Goldgewinden mit starren,
unbeweglichen Falten der Aprilhonig, der reinste und duftreichste, in
zwanzigtausend schon verdeckelten Behltern, die nur in den Tagen der
hchsten Not erbrochen werden. Weiter unten reift der Maihonig noch in
seinen weit geffneten Behltern, an deren Rand eine wachsame Schaar fr
ununterbrochenen Luftwechsel sorgt. In der Mitte, fernab vom Lichte,
dessen Diamantstrahlen durch die einzige ffnung dringen, schlummert im
wrmsten Teile des Bienenstockes die Zukunft oder beginnt zu erwachen.
Es ist dies der Bezirk des Brutraums, in dem die Knigin und ihre Mgde
hausen, etwa zehntausend Zellen, in denen die Eier ruhen, fnfzehn- oder
sechzehntausend, die von den Larven bewohnt sind, und vierzigtausend, in
denen die wachsbleichen Nymphen von tausenden von Pflegerinnen gewartet
werden. (Diese Zahlen entsprechen genau einem stark bevlkerten Stock
zur Zeit der Volltracht.) Endlich im Allerheiligsten des Kinderhimmels
drei bis zwlf geschlossene, verhltnismssig sehr grosse Weiselzellen,
in denen die jungen Prinzessinnen, in eine Art von Leichentuch gehllt,
unbeweglich und bleich ihre Stunde erharren und im Finstern genhrt
werden.

                   *       *       *       *       *

Dieser noch gestaltlosen Jugend rumt also zu einer gegebenen, vom
Geiste des Bienenstocks genau bestimmten Stunde ein Teil des Volkes
das Feld, und auch er ist nach unerschtterlichen, untrglichen Gesetzen
hierzu erlesen. In der schlafenden Stadt zurck bleiben die Drohnen, aus
deren Reihen der knigliche Buhle hervorgehen wird, die noch ganz jungen
Bienen, die die Brut fttern, und einige tausend Arbeitsbienen, die nach
wie vor eintragen, den aufgehuften Schatz beschirmen und die
moralischen Traditionen des Bienenstockes aufrecht erhalten. Denn jeder
Bienenstock hat seine besondere Moral. Man findet sehr tugendhafte und
sehr verdorbene, und der unvorsichtige Imker kann ein Volk verderben, es
die Achtung vor fremdem Besitz verlieren lassen, zum Plndern verleiten,
ihm Eroberungsgelste und Neigung zum Mssiggang beibringen, wodurch es
zum Schrecken aller schwachen Vlker der Umgegend wird. Er braucht die
Bienen nur merken zu lassen, dass die Feldarbeit in den Blumen, von
denen hunderte beflogen werden mssen, um einen Tropfen Honig zu
liefern, weder das einzige, noch das bequemste Mittel zum Reichwerden
ist, sondern dass es viel leichter ist, durch List in schlecht bewachte
Stdte oder durch Gewalt in solche einzudringen, deren Bevlkerung zu
schwach ist, um sich zu wehren. Sie verlieren bald den Sinn fr die
glnzende, aber unbarmherzige Pflicht, die sie zu geflgelten Knechten
der Blumen im hochzeitlichen Reigen der Natur macht, und es ist zuweilen
garnicht leicht, ein so zuchtlos gewordenes Volk wieder auf den Weg der
Pflicht zu bringen.

                   *       *       *       *       *

Alles das beweist, dass das Schwrmen nicht von der Knigin, sondern vom
Geiste des Bienenstocks ausgeht. Es ist mit der Knigin, wie mit den
Fhrern der Menschen: sie scheinen zu befehlen, und gehorchen doch
selbst nur Geboten, die gebieterischer und unerklrlicher sind, als die,
welche sie ihren Untergebenen erteilen. Wann dieser Geist den
Augenblick fr gekommen hlt, muss er wohl schon bei Morgengrauen, ja
vielleicht schon am Tage vorher oder zwei Tage vorher bekannt geben,
denn kaum hat die Sonne die ersten Thautropfen aufgetrunken, so nimmt
man rings um den Bienenstand eine ungewhnliche Unruhe wahr, ber deren
Wesen sich der Bienenwirt selten tuscht. Manchmal soll selbst
Uneinigkeit, Zaudern und Zurckweichen eintreten. Es kommt sogar vor,
dass sich der goldig schimmernde, durchsichtige Schwarm mehrere Tage
hintereinander bildet und ohne ersichtlichen Grund wieder verschwindet.
Entsteht in diesem Augenblick am Himmel, den die Bienen sehen, eine
Wolke, die wir nicht wahrnehmen, oder ein Heimweh in ihrem Geiste? Wird
die Notwendigkeit des Aufbruches in einer geflgelten Ratsversammlung
errtert? Wir wissen davon ebensowenig, wie wir wissen, auf welche Weise
der Geist des Bienenstocks seine Entschliessungen bekannt giebt. Wenn es
auch feststeht, dass die Bienen sich Mitteilungen machen, so wissen wir
doch keineswegs, ob sie dies nach Art der Menschen thun. Dieses
honigduftende Summen, dieses trunkene Schwirren an schnen Sommertagen,
welches eine der holdesten Freuden fr den Bienenvater ist, dieser
Hochgesang der Arbeit, der im Krystall der Luft rings um den Bienenstand
bald steigt, bald fllt und gleichsam das frhliche Flstern des
Blumenflors, das Preislied seines Glckes, der Widerhall seiner sssen
Dfte ist, -- sie hren ihn vielleicht nicht einmal. Trotzdem besitzen
sie eine ganze Skala von Tnen, die wir selbst unterscheiden knnen und
die von tiefer Seligkeit bis zu Drohung, Zorn und Trbsal reicht, sie
besitzen ein Lied auf die Knigin, ein Hoheslied des berflusses und
Klagelieder, und endlich stossen die jungen Prinzessinnen in den Kmpfen
und Blutbdern, die dem Hochzeitsausflug vorausgehen, ein langgezogenes,
seltsames Kriegsgeschrei aus. Sind das alles nur Laute von ungefhr, die
ihr inneres Schweigen nicht berhren? Um die Gerusche, die wir rings um
ihre Wohnungen machen, scheinen sie sich allerdings nicht zu kmmern,
aber vielleicht sind sie der Meinung, dass diese Gerusche nicht zu
ihrer Welt gehren und fr sie keine Bedeutung haben. Wahrscheinlich
hren wir unsererseits auch nur einen geringen Teil dessen, was sie
sagen, und vielleicht verfgen sie ber eine Menge von harmonischen
Tnen, die nicht fr unsre Organe gemacht sind. Jedenfalls werden wir
weiterhin sehen, dass sie sich verstndigen knnen und zwar mit einer
oft wunderbaren Geschwindigkeit, z. B. wenn der grosse Honigdieb, der
Totenkopf-Schmetterling, in den Stock dringt und dabei von Zeit zu Zeit
eine eigentmliche, unwiderstehliche Beschwrungsformel murmelt. Sofort
luft die Kunde von Mund zu Mund und das ganze Volk von den Wachen am
Eingang bis zu den letzten Arbeitsbienen, die auf den fernsten Waben
arbeiten, gert in Schrecken.

                   *       *       *       *       *

Man hat lange gemeint, die klugen Honigwespen, die fr gewhnlich so
sparsam, nchtern und weitblickend sind, gehorchten in dem Augenblick,
wo sie die Schtze ihrer Wohnung im Stiche lassen, um sich selbst ins
Ungewisse hinauszuwagen, einer Art von Wahnsinn und Verhngnis, einem
instinktiven Trieb und Gattungsgesetz oder Naturgebot, kurz, jener
dunklen Gewalt, der alle in der Zeitlichkeit lebenden Wesen unterworfen
sind. Handelt es sich um die Bienen oder um uns selbst, uns scheint
alles, was wir noch nicht verstehen, ein Verhngnis. Aber man hat den
Bienen heute drei oder vier ihrer materiellen Geheimnisse abgewonnen,
und da hat es sich erwiesen, dass dieser Auszug weder instinktiv, noch
vom Schicksal verhngt ist. Es ist keine blinde Auswanderung, sondern
ein anscheinend bewusstes Opfer, welches das lebende Geschlecht dem
zuknftigen bringt. Der Bienenzchter braucht nur die jungen,
unausgeschlpften Kniginnen in ihren Zellen zu tten und, wenn viele
Larven und Nymphen vorhanden sind, gleichzeitig Honig- und Brutraum des
Volkes zu erweitern -- und alsbald hrt das ganze unfruchtbare Treiben
auf, die gewhnliche Arbeit wird wieder aufgenommen, Honig eingetragen,
und die alte Knigin, die jetzt unentbehrlich geworden ist und keine
Nebenbuhlerinnen zu hoffen oder zu frchten hat, verzichtet in diesem
Jahre auf ein Wiedersehen des Sonnenlichtes. Friedlich nimmt sie ihre
Mutterpflicht im Finstern wieder auf und legt methodisch, eine Spirale
beschreibend, von Zelle zu Zelle, ohne eine einzige auszulassen, ohne je
inne zu halten, jeden Tag zwei- bis dreitausend Eier.

Was wre in alledem fatalistisch als die Liebe des Volkes von heute zu
dem von morgen? Diese Art von Verhngnis findet sich auch in der
menschlichen Gattung, wenn auch nicht mit der gleichen Gewalt und
Unbedingtheit, denn sie fhrt bei uns nie zu so grossen, einmtigen und
vollstndigen Opfern. Welchem weitblickenden Fatum, das jenes andre
ersetzt, mgen wir gehorchen? Niemand weiss es, denn keiner kennt das
Wesen, das uns so ansieht, wie wir die Bienen.

                   *       *       *       *       *

Aber der Mensch soll den Gang der Dinge in dem von uns beobachteten
Bienenstocke nicht unterbrechen, und die feuchte Wrme eines langsam
dahinfliessenden Sommertages, der seine Strahlen schon unter das
Blattwerk sendet, beschleunigt die Stunde des Aufbruchs. berall in den
goldbraunen Gngen, die zwischen den senkrechten Riesenmauern laufen,
rsten die Arbeitsbienen sich zur Reise. Jede versieht sich mit einem
Honigvorrat fr fnf bis sechs Tage. Aus diesem Honig bereiten sie,
durch einen noch nicht recht aufgeklrten chemischen Prozess, das zur
Auffhrung von neuen Bauten unmittelbar erforderliche Wachs. Ferner
versehen sie sich mit einer gewissen Menge von Propolis, einer harzigen
Substanz, die dazu bestimmt ist, die Spalten und Ritzen der neuen
Wohnung zu verkitten, alles, was locker ist, zu befestigen, alle Wnde
zu firnissen und alles Licht abzublenden, denn sie arbeiten nur in einer
fast vlligen Dunkelheit, in der sie sich mit Hlfe ihrer Facettenaugen
oder auch ihrer Fhler zurechttasten, denn diese scheinen in der That
der Sitz eines unbekannten Sinnes zu sein, welcher die Finsternis fhlt
und misst.

                   *       *       *       *       *

Sie vermgen also die Ereignisse des gefahrvollsten Tages in ihrem
Dasein vorauszusehen. Heute leben sie nur fr den grossen Akt und die
vielleicht wunderbaren Abenteuer, die er mit sich bringt; heute haben
sie keine Zeit, in Grten und Wiesen hinauszuschwrmen, und morgen oder
bermorgen kann es vielleicht regnen und strmen, ihre kleinen Flgel
knnen erstarren und ihre Blumen sich nicht mehr ffnen. Ohne diese
Voraussicht wren sie dem Hungertode preisgegeben. Nichts kme ihnen zu
Hlfe, und sie wrden niemanden um Hlfe bitten. Von Stock zu Stock
kennen sie sich nicht und helfen sich nie. Es kommt sogar vor, dass der
Bienenzchter den Bienenstock, in den er die alte Knigin und den sie
umgebenden Schwarm eingeschlagen hat, dicht neben den eben verlassenen
Stock stellt. Welches Unglck sie nun auch trifft, man kann sagen, dass
sie seinen Frieden, sein emsiges Glck, seine Reichtmer und seine
Sicherheit unwiderruflich vergessen haben, und dass sie alle, eine nach
der andern bis zur letzten, lieber bei ihrer unglcklichen Knigin
verhungern, als in ihr Elternhaus zurckzukehren, obschon der Duft
seines berflusses, welches der Duft ihrer verflossenen Arbeit ist, bis
in ihre Trbsal herberdringt.

                   *       *       *       *       *

Was, wird man sagen, wrden die Menschen nicht thun; es ist dies ein
Beweis dafr, dass hier trotz einer staunenswerten Organisation keine
eigentliche Vernunft, kein Bewusstsein vorhanden ist. Was wissen wir
davon? Sind wir, ganz abgesehen davon, dass es sehr wohl mglich ist,
dass andere Wesen eine andere Vernunft haben als die unsre, eine
Vernunft, die sich in ganz anderer Weise ussert, ohne darum
minderwertig zu sein, -- sind wir, die wir nie aus dem engen Kreise des
Menschlichen herauskommen, so gute Richter ber geistige Dinge? Wir
brauchen nur zwei oder drei Personen hinter einem Fenster sprechen und
gestikulieren zu sehen, ohne zu hren, was sie sich sagen, und schon
wird es uns sehr schwer, den sie leitenden Gedanken zu erraten. Glaubt
man etwa, ein Bewohner des Mars oder der Venus, der von einem Berggipfel
herab die kleinen schwarzen Punkte, die wir im Raume sind, durch die
Strassen und Pltze hin- und herwimmeln she, knnte sich aus dem
Anblick unserer Bewegungen, unserer Gebude und Kanle oder Maschinen,
eine genaue Vorstellung von unserem Verstande, unserer Moral, unserer
Art zu lieben, zu denken und zu hoffen, kurz unsrem inneren und
wirklichen Wesen machen? Er wrde sich damit begngen, gewisse
erstaunliche Thatsachen festzustellen, ganz wie wir es im Bienenstock
thun, und daraus wrde er wahrscheinlich ebenso unsichre und irrige
Folgerungen ziehen wie wir. Auf alle Flle drfte es ihm sehr schwer
fallen, in den kleinen schwarzen Punkten die grosse moralische
Tendenz, das wunderbar einmtige Gefhl zu entdecken, das im Bienenstock
zum Ausdruck kommt. Wohin gehen sie? wrde er sich fragen, wenn er uns
Jahre und Jahrhunderte lang beobachtet htte. Was thun sie? Welches ist
der Mittelpunkt und der Zweck ihres Lebens? Gehorchen sie irgend einem
Gotte? Ich sehe nichts, was ihre Schritte lenkt. Heute scheinen sie
allerhand Kleinigkeiten aufzuhufen und aufzubauen, und morgen zerstren
und zerstreuen sie sie. Sie kommen und gehen, sie versammeln sich und
gehen auseinander, aber man weiss nicht, was sie eigentlich wollen. Sie
bieten allerhand unerklrliche Anblicke. So sieht man z. B. etliche, die
sich sozusagen nicht rhren. Man erkennt sie an ihren glnzenderen
Gewndern. Oft auch sind sie von grsserem Umfange, als die, welche
ihnen dienen. Ihre Wohnungen sind zehn oder zwanzig Mal so gross, auch
zweckmssiger eingerichtet und reicher als die der andren. Sie halten
darin Tag fr Tag Mahlzeiten ab, die stundenlang dauern und sich
bisweilen tief in die Nacht erstrecken. Alle, die ihnen nher kommen,
scheinen sie ausserordentlich zu ehren; aus den Nachbarhusern wird
ihnen Nahrung zugetragen, und vom Lande her strmen sie in Massen
herbei, um ihnen Geschenke zu bringen. Man muss wohl glauben, dass sie
unentbehrlich sind und ihrer Gattung wesentliche Dienste leisten,
wiewohl unsre Forschungen uns noch keinen Aufschluss darber gegeben
haben, welcher Art diese Dienste sind. Dann wieder sieht man andre in
grossen Husern, die mit kreisenden Rdern angefllt sind, in dsteren
Schlupfwinkeln an den Hfen, oder auf kleinen Erdgevierten, auf denen
sie vom Morgen bis zum Abend herumwhlen, in unaufhrlicher, mhevoller
Arbeit. Dies alles fhrt zu der Vermutung, dass ihre Thtigkeit eine
Strafe ist. Man lsst sie in engen, schmutzigen und bauflligen Htten
wohnen. Sie sind mit einem farblosen Stoffe bekleidet. Und so gross
scheint ihr Eifer bei ihrer schdlichen oder doch zum mindesten unntzen
Thtigkeit, dass sie sich kaum zum Schlafen und zum Essen Zeit gnnen.
Auf einen der vorhin genannten kommen ihrer Tausend. Es ist zu
bewundern, dass sich die Gattung unter Umstnden, die ihrer Entwicklung
so ungnstig sind, bis auf diesen Tag erhalten hat. brigens muss man
hinzusetzen, dass sie, wenn man von dem zhen Eifer absieht, mit dem sie
ihr mhevolles Tagewerk betreiben, harmlos und willfhrig erscheinen und
sich in allem jenen andren anbequemen, die augenscheinlich die Hter und
vielleicht die Retter der Gattung sind.

                   *       *       *       *       *

Ist es nicht sonderbar, dass der Bienenstock, den wir aus der Hhe einer
andren Welt nur undeutlich erkennen, uns beim ersten Blick eine tiefe
und gewisse Antwort giebt? Ist es nicht wunderbar, dass seine Bauten,
seine Sitten und Gesetze, seine soziale und politische Organisation,
seine Tugenden und selbst seine Grausamkeiten, uns unmittelbar den
Gedanken oder Gott offenbaren, dem die Bienen dienen, der weder der
unrechtmssigste, noch der vernunftwidrigste ist, den man sich
vorstellen kann, wiewohl vielleicht der einzige, den wir noch nicht
ernstlich angebetet haben, nmlich die Zukunft? Wir suchen in unsrer
Menschheits-Geschichte bisweilen die moralische Kraft und Grsse eines
Volkes zu bewerten, und wir finden keinen andren Maassstab, als die
Dauerhaftigkeit und Grsse des von ihm verfolgten Ideals und die
Selbstverleugnung, mit der es sich ihm hingiebt. -- Haben wir oft ein
Ideal gefunden, das dem Weltall nher steht, das fester, erhabener,
selbstloser und offenkundiger ist und mit einer gnzlicheren und
heldenhafteren Selbstverleugnung Hand in Hand geht?

                   *       *       *       *       *

O seltsame kleine Republik, so logisch und so ernst, so zweckvoll und so
streng durchgefhrt, so sparsam und doch einem so grossen und ungewissen
Traume hingegeben! O kleines Volk, so entschlossen und so tief, von
Licht und Wrme und allem Reinsten in der Welt genhrt, vom Kelch der
Blumen, das ist vom sichtbarsten Lcheln der Materie und ihrem
rhrendsten Streben nach Glck und Schnheit! Wer wird uns sagen, welche
Probleme Ihr gelst habt und uns zu lsen aufgebt, welche Gewissheiten
Ihr erworben habt und uns zu erwerben noch brig lasset! Und wenn es
wahr ist, dass Ihr Probleme gelst, Gewissheiten erlangt habt, indem Ihr
nicht dem Verstande folgtet, sondern einem blinden und dumpfen Drange:
welches noch unlsbarere Rtsel zwingt Ihr uns dann noch zu lsen? O
kleine Stadt voller Glauben und Hoffen, und voller Mysterien, warum wird
Deinen hunderttausend Jungfrauen eine Aufgabe zuteil, die kein
menschlicher Sklave je auf sich genommen hat? Schonten sie ihre Krfte,
dchten sie ein wenig mehr an sich selbst, wren sie etwas weniger
eifrig bei der Arbeit, sie shen einen zweiten Lenz und einen neuen
Sommer, und doch scheinen sie in dem grossen Augenblick, wo alle Blumen
ihnen winken, von einer mrderischen Arbeitslust ergriffen zu werden,
und mit geknickten Flgeln, mit eingeschrumpftem, wundenbedecktem Leibe
finden sie fast alle in weniger als fnf Wochen den Tod.

Tantus amor florum et generandi gloria mellis, ruft Vergil aus, der
uns im vierten Buche seiner Georgica, das den Bienen gewidmet ist, die
holden Irrtmer der Alten berliefert hat, welche die Natur mit einem
durch die glnzende Vision des Olymps geblendeten Auge betrachteten.

                   *       *       *       *       *

Warum entsagen sie dem Schlafe, den Wonnen des Honigs, der Liebe und der
gttlichen Musse, die z. B. ihr geflgelter Bruder, der Schmetterling,
kennt? Knnten sie nicht leben wie er? Der Hunger ist es nicht, der sie
zur Arbeit treibt. Zwei oder drei Blumen gengen zu ihrer Ernhrung, und
sie befliegen stndlich zwei- oder dreihundert, um einen Schatz
aufzuhufen, dessen Ssse sie nie kosten werden. Wozu schaffen sie sich
soviel Qual und Mhe, und woher kommt eine solche Entschiedenheit? Es
muss also das Geschlecht, fr das sie sterben, dieses Opfer wohl
verdienen, es muss schner und glcklicher sein und etwas thun, was sie
nicht vermochten? Wir erkennen ihr Ziel, es ist klarer, als das unsre,
sie wollen in ihren Nachkommen leben, solange die Welt steht: aber
welches ist doch der Zweck dieses grossen Ziels und die Aufgabe dieses
ewig wiederkehrenden Kreislaufes? -- Oder sind wir, die da zweifeln und
zaudern, nicht viel eher kindliche Trumer, die unntze Fragen stellen?
Sie knnten von Stufe zu Stufe gestiegen und allmchtig und glckselig
geworden sein, sie knnten die letzten Hhen erklommen haben, von denen
sich die Naturgesetze beherrschen lassen, sie knnten unsterbliche
Gttinnen geworden sein, und wir wrden sie immer noch befragen, was sie
hofften, wohin sie gingen, wo sie Halt zu machen gedchten und sich am
Ziel ihrer Wnsche glaubten. Wir sind so geschaffen, dass uns nichts
befriedigt, dass uns nichts seinen eigenen Zweck zu haben und einfach,
ohne Hintergedanken, zu existieren scheint. Haben wir uns bis auf diesen
Tag auch nur einen Gott vorstellen knnen, so dumm oder so
vernunftgemss er auch sein mag, ohne dass wir ihn uns unmittelbar
geschftig und wirkend dachten, ohne dass wir ihn zum Schpfer einer
Menge von Wesen und Dingen machten und tausend Zwecke noch hinter ihm
annahmen? Werden wir uns wohl je damit begngen, einige Stunden lang
ruhig eine besondere Form der wirkenden Materie darzustellen, um alsbald
ohne Staunen und ohne Bedauern jene andre Form anzunehmen, welches die
unbewusste, unbekannte, schlafende, ewige ist?

                   *       *       *       *       *

Indessen vergessen wir nicht unsren Bienenstock, dessen Schwarm die
Geduld verliert, unsern Bienenstock, der schon von schwrzlichen,
kribbelnden Fluten brodelt und berschwillt, wie ein klingendes Gefss
in der Sonnenglut. Es ist Mittag, und man mchte sagen, dass die Bume
mitsamt in der brtenden Hitze kein Blttchen bewegen, wie man seinen
Atem anhlt, wenn man vor etwas sehr Holdem, aber sehr Ernstem steht.
Die Bienen schenken dem Menschen Honig und duftendes Wachs, aber was
vielleicht mehr wert ist, als Honig und Wachs: sie lenken seinen Sinn
auf den heiteren Junitag, sie ffnen ihm das Herz fr den Zauber der
schnen Jahreszeit, und alles, woran sie Anteil haben, verknpft sich in
der Vorstellung mit blauem Himmel, Blumensegen und Sommerlust. Sie sind
die eigentliche Seele des Sommers, die Uhr der Stunden des berflusses,
der schnelle Flgel der aufsteigenden Dfte, der Geist und Sinn des
strmenden Lichtes, das Lied der sich dehnenden, ruhenden Luft, und ihr
Flug ist das sichtbare Wahrzeichen, die deutliche musikalische Note der
tausend kleinen Freuden, die von der Wrme erzeugt sind und im Lichte
leben. Sie lehren uns die zarteste Stimme der Natur verstehen, und wer
sie einmal kennen und lieben gelernt hat, fr den ist ein Sommer ohne
Bienensummen so unglcklich und unvollkommen, wie ohne Blumen und ohne
Vgel.

                   *       *       *       *       *

Wer die betubende und wirre Episode des Schwrmens bei einem starken
Bienenvolke zum ersten Male miterlebt, der ist ziemlich ausser Fassung
und kommt nur furchtsam nher. Er erkennt die friedlichen und ernsten
Bienen der Trachtzeit nicht wieder. Noch vor wenigen Minuten sah er sie
aus allen vier Winden herbeifliegen, wie kleine emsige Brgerfrauen, die
sich durch nichts von ihren Haushaltungsgeschften ablenken lassen.
Erschpft, atemlos, hastig und aufgeregt, aber leise, schlpften sie
fast unbemerkt in das Flugloch und die jungen Wchterinnen am Eingang
nickten ihnen im Vorbeikommen mit den Fhlern zu. Kaum wechselten sie
die drei oder vier Worte, die wahrscheinlich unerlsslich sind, und
bergaben ihre Honigbrde hastig einer der jungen Trgerinnen, die stets
im Innenhofe der Werksttte postiert sind, oder sie gingen selbst hinauf
und entleerten die zwei schweren Krbe von Blumenstaub, die an ihren
Hinterschenkeln hngen, in den gerumigen Speichern, die rings um dem
Brutraum liegen, um alsbald wieder davonzufliegen, ohne sich darum zu
kmmern, was im Laboratorium, im Schlafraume der Nymphen oder im
kniglichen Palaste vorgeht, ohne sich auch nur eine Sekunde in das
geschwtzige Treiben des ffentlichen Platzes vor dem Thore zu mischen,
wo in den Stunden grosser Hitze eine Anzahl von Bienen fr Luftzufuhr
sorgt, indem sie, eine an der andern hngend, hin- und herschaukeln, als
ob ein Bart im Winde flattert.

                   *       *       *       *       *

Heute bietet sich ein ganz anderes Bild dar. Eine Zahl von Arbeitsbienen
fliegt allerdings nach wie vor, als wre nichts geschehen, friedlich aus
und ein, reinigt den Stock, klettert zu den Brutzellen hinauf und
scheint von der allgemeinen Trunkenheit nicht fortgerissen zu werden. Es
sind die, welche die Knigin nicht begleiten werden, sondern im alten
Heim zurckbleiben, um es zu beschtzen, die neun- oder zehntausend
Eier, die achtzehntausend Larven, die sechsunddreissigtausend Nymphen
und sieben oder acht Prinzessinnen, die allein zurckbleiben, zu pflegen
und zu ernhren. Sie werden zu dieser schweren Aufgabe auserkoren, ohne
dass man wsste, wie, noch durch wen und nach welchem Gesetze. Doch sind
sie diesem Gesetze fest und unverbrchlich treu, und wiewohl ich
mehrmals das Experiment gemacht habe, eines dieser selbstverleugnenden
Aschenbrdel, die man an ihrem ernsten und bedchtigen Wesen leicht aus
dem schwrmenden Volke herauserkennt, mit einem Farbstoffe zu bestuben,
so habe ich doch nur selten eine von ihnen in der trunkenen Menge des
Schwarmes wiedergefunden.

                   *       *       *       *       *

Und doch scheint der Reiz unwiderstehlich. Es ist der Wonnetaumel des --
vielleicht unbewussten -- gottverordneten Opfers, das Honigfest, der
Sieg der Rasse und der Zukunft, es ist der einzige Tag der Freude, des
Vergessens und der Ausgelassenheit, es ist der einzige Sonntag der
Bienen. Und anscheinend auch der einzige Tag, wo sie nur fr ihren
Hunger essen, wo sie die ganze Ssse des von ihnen aufgespeicherten
Schatzes empfinden. Sie sind wie freigelassene Gefangene, die sich
pltzlich ins Land der Freiheit und des berflusses versetzt sehen. Sie
frohlocken, sie sind nicht mehr Herr ihrer selbst; sie, die nie eine
unangebrachte oder unntige Bewegung machen, sie kommen und gehen,
fliegen ein und aus und immer wieder, um ihre Mitschwestern anzufeuern,
um nachzusehen, ob die Knigin bereit ist, um ihre Ungeduld zu betuben.
Sie fliegen hher, als es sonst der Fall ist, und das Laub der grossen
Bume rings um den Bienenstand bebt von ihrem Schwirren. Sie kennen
keine Furcht und Sorge mehr. Sie sind nicht mehr wild, schnfflerisch,
argwhnisch, reizbar, heftig und unbndig. Der Mensch, der unbekannte
Herr, den sie nie anerkennen, und der ihrer nur dadurch Herr wird, dass
er sich allen ihren Arbeitsgewohnheiten anpasst, alle ihre Gesetze
achtet und Schritt fr Schritt der Spur folgt, die ihr stets auf die
Zukunft gerichteter Sinn, ihr durch nichts zu trbender, durch nichts
von seinem Ziele abzulenkender Verstand dem Leben aufdrckt, -- der
Mensch kann ihnen nahen, kann den brausenden, kreisenden Schleier
zerreissen, in den sie ihn goldig und sanft einhllen, er kann sie in
die Hand nehmen, sie einzeln abpflcken, wie Weinbeeren von der Traube;
sie sind ebenso sanft, ebenso harmlos, wie ein Schwarm Libellen oder
Nachtfalter. Sie sind an diesem Tage glcklich, obwohl sie nichts mehr
besitzen, sie blicken vertrauensvoll in die Zukunft, und wenn man sie
nicht von ihrer Knigin trennt, die diese Zukunft in sich trgt, fgen
sie sich in Alles und verletzen niemand.

                   *       *       *       *       *

Aber das eigentliche Zeichen ist noch nicht gegeben. Im Bienenstock
herrscht eine unbegreifliche Aufregung und eine anscheinend durch nichts
zu erklrende Unordnung. Sonst scheinen die Bienen, wenn sie heimgekehrt
sind, zu vergessen, dass sie Flgel haben, und jede einzelne sitzt
nahezu unbeweglich, wenn auch nicht unthtig, auf den Waben, und zwar an
dem Flecke, der ihr durch die Art ihrer Arbeit zugewiesen ist. Jetzt
fliegen sie wie unsinnig in dichten Ketten an den Seitenwnden hinauf
und hinunter, wie ein bebender Teig, der von einer unsichtbaren Hand
geknetet wird. Die Temperatur steigt im Innern jh, oft so weit, dass
der Wachsbau weich wird und sich zerdehnt. Die Knigin, welche den
Brutraum sonst nie verlsst, luft aufgeregt und kopflos durch die
Oberflche der brausenden Masse, die sich gleichsam um sich selbst
dreht. Geschieht dies zur Beschleunigung oder zur Verzgerung des
Aufbruches? Befiehlt sie oder bittet sie? Verbreitet sie die wunderbare
Aufregung oder unterliegt sie ihr? Nach dem, was wir von der Psychologie
der Bienen im allgemeinen wissen, scheint es ziemlich erwiesen, dass das
Schwrmen allemal gegen den Willen der alten Knigin stattfindet. Im
Grunde ist die Knigin in den Augen der asketischen Arbeitsbienen,
welche ihre Tchter sind, das unentbehrliche und geheiligte, aber auch
ein wenig geistesschwache und oft kindliche Organ der Liebe. Sie
behandeln sie darum auch wie eine Mutter, die unter Vormundschaft steht.
Sie besitzen eine grenzenlose Verehrung und heldenmtige Anhnglichkeit
gegen sie. Ihr bleibt der reinste, besonders geluterte und fast restlos
verdauliche Honig vorbehalten. Sie hat ein Gefolge von Trabanten oder
Liktoren, wie Plinius sagt, eine Leibwache, die Tag und Nacht ber sie
wacht, ihr die mtterliche Arbeit erleichtert, die Zellen zum Eierlegen
bereit macht, sie pflegt, liebkost, ernhrt, reinigt, ja, selbst ihre
Exkremente auffrisst. Wenn ihr das Geringste zustsst, verbreitet sich
die Kunde durch das ganze Volk; alles umdrngt sie und klagt. Wenn man
einem Stocke die Knigin nimmt und die Bienen auf einen Ersatz nicht
hoffen knnen, sei es, dass sie keine knigliche Nachkommenschaft
hinterlassen hat, sei es, dass keine Larven von Arbeitsbienen im Alter
von weniger als drei Tagen vorhanden sind (denn jede Arbeitsbienenlarve
unter drei Tagen kann durch besondere Ernhrung in eine Kniginnenlarve
verwandelt werden; das ist das grosse demokratische Prinzip des
Bienenstockes, welches die Vorrechte der mtterlichen Abkunft
kompensiert), -- wenn man, sage ich, unter diesen Verhltnissen einem
Stocke die Knigin nimmt und ihr Fehlen bemerkt wird -- es vergehen oft
zwei bis drei Stunden, ehe alle Bienen es wissen, so gross ist ihre
Stadt, -- so ruht alsbald fast jede Arbeit, die Brut wird im Stich
gelassen, ein Teil des Volkes irrt im Stock umher und sucht nach seiner
Mutter, ein anderer fliegt aus und sucht sie da, die Ketten der
Arbeitsbienen, die am Wachsbau beschftigt waren, zerreissen und lsen
sich auf, die Honigsucherinnen befliegen ihre Blumen nicht mehr, die
Schildwachen am Eingang verlassen ihren Posten und die fremden Ruber
und Honigschmarotzer, die stets auf unverhoffte Beute lauern, kommen und
gehen, ohne dass jemand daran denkt, den mhsam erworbenen Schatz zu
verteidigen. Allmhlich verarmt und verdet der Stock und seine
trostlosen Bewohnerinnen sterben bald vor Trbsal und Elend, wiewohl der
Sommer ihnen alle seine Blten ffnet.

Giebt man ihnen ihre Knigin aber wieder, ehe ihr Verlust ihnen zur
vollendeten, unumstsslichen Thatsache geworden ist, ehe die
Demoralisation zu sehr um sich gegriffen hat, -- denn die Bienen sind
wie die Menschen; Unglck und Verzweiflung brechen mit der Zeit ihren
Charakter und trben ihren Verstand, -- giebt man ihnen die Knigin nach
einigen Stunden wieder, so bereiten sie ihr einen ausserordentlich
rhrenden Empfang. Alle umdrngen sie und rotten sich zusammen, klettern
ber einander weg und liebkosen sie im Vorbeilaufen mit ihren langen
Fhlhrnern, die noch manche unaufgeklrten Organe enthalten, bieten ihr
Honig dar und geleiten sie im Gedrnge bis zu den kniglichen Gemchern.
Sofort ist die Ordnung wieder hergestellt und die Arbeit wird wieder
aufgenommen, von den innersten Waben des Brutraumes bis zu den
abgelegensten Vorbauten, in denen der berschuss der Ernte gespeichert
wird; die Honigsucherinnen fliegen in schwarzen Fden hinaus und kehren
oft schon drei Minuten darnach mit Nektar und Bltenstaub beladen heim;
die Ruber und Schmarotzer werden vertrieben oder umgebracht, die Gnge
gesubert und der Stock ertnt wieder von dem sanften und eintnigen,
eigentmlich freudigen Summen, welches gleichsam das Hohelied auf die
Gegenwart der Knigin ist.

                   *       *       *       *       *

Es giebt tausend Beispiele fr diese unbedingte Treue und Hingebung der
Arbeitsbienen an ihre Knigin. Bei fast allen Missgeschicken dieser
kleinen Republik, wenn einzelne Tafeln oder der ganze Bau durch
menschliche Rohheit oder Unwissenheit zerstrt werden, wenn das Volk
durch Klte, Hungersnte oder Krankheiten dahingerafft wird, bleibt die
Knigin fast immer wohlbehalten und man findet sie lebend unter den
Leichen ihrer treuen Tchter. Denn alle beschtzen sie, erleichtern ihr
die Flucht und schirmen sie mit ihrem eigenen Leibe, sparen fr sie die
bekmmlichste Nahrung und die letzten Honigtropfen. Und so lange sie am
Leben ist, mag das Missgeschick noch so gross sein, die Verzweiflung
bleibt der Stadt der Jungfrauen fern. Man mag ihnen zwanzigmal
hintereinander die Waben zertrmmern, die Brut und die Lebensmittel
nehmen, man macht sie doch nicht irre an der Zukunft. Mgen sie
gezehntet, halb verhungert sein und kaum noch so viele berlebende
zhlen, dass sie ihre Mutter vor den Augen des Feindes verbergen knnen,
sie werden doch die Ordnung im Bau wiederherstellen, werden so schnell
wie mglich fr Vorrte sorgen und sich nach den neuen Ansprchen ihrer
unglcklichen Lage in die Arbeit teilen. Und sie werden diese Arbeit mit
einer Geduld, einem Eifer, einer Umsicht und Beharrlichkeit verrichten,
die man in der Natur nicht oft findet, obgleich die Mehrzahl ihrer
Bewohner mehr Mut und Zuversicht zu entwickeln pflegt, als der Mensch.

Um der Verzweiflung vorzubeugen und die Arbeitslust wach zu erhalten,
bedarf es nicht einmal des Vorhandenseins einer Knigin: genug, wenn
diese bei ihrem Scheiden die entfernteste Hoffnung auf Nachkommenschaft
zurcklsst. Wir haben, sagt der ehrwrdige Langstroth, einer der
Vter der modernen Bienenzucht, ein Volk gesehen, das nicht Bienen
genug zhlte, um eine Flche von zehn Quadratzentimetern zu bedecken,
und doch suchte es eine Knigin zu erziehen. Zwei volle Wochen gab es
die Hoffnung nicht auf; endlich, als die Bienen auf die Hlfte reduziert
waren, kroch die Knigin aus, aber ihre Flgel waren so schwach, dass
sie nicht fliegen konnte. Aber trotz ihrer Ohnmacht behandelten ihre
Bienen sie nicht weniger ehrerbietig. Eine Woche darauf war nur noch ein
Dutzend Bienen brig und einige Tage spter war die Knigin
verschwunden, einige verzweifelte berlebende auf den Waben
zurcklassend.

                   *       *       *       *       *

Noch eine Thatsache, die der Mensch in seiner unerhrten tyrannischen
Einmischung an diesen unglcklichen, aber unerschtterlichen Heldinnen
erprobt hat, ein Experiment, an dem sich die letzte Geberde der
kindlichen Liebe und Selbstverleugnung beobachten lsst. Ich liess mir
mehrmals aus Italien geschwngerte Kniginnen kommen, wie dies jeder
Bienenfreund thut, denn die italienische Rasse ist besser, krftiger und
fruchtbarer, sie ist emsiger und von sanfterer Gemtsart, als die
einheimischen. Man verschickt sie in kleinen durchlcherten Ksten,
giebt ihnen etwas Nahrung und einige Arbeitsbienen mit, die nach
Mglichkeit aus den lteren Jahrgngen ausgesucht sind. (Das Alter der
Bienen erkennt man ziemlich leicht an ihrem glatteren, mageren, fast
kahlen Leib und vor allem an ihren abgenutzten und durch die Arbeit
beschdigten Flgeln.) Diese Begleiterinnen haben die Aufgabe, sie zu
ernhren, zu pflegen und whrend der Reise zu bewachen. In vielen Fllen
kommt eine Reihe davon tot an. In einem Falle waren sogar alle
verhungert, aber hier wie dort war die Knigin unversehrt und krftig,
und die letzte ihrer Gefhrtinnen war wahrscheinlich umgekommen, indem
sie ihrer Herrin, der Verkrperung eines kostbareren und herrlicheren
Lebens, als das eigene war, den letzten Honigtropfen gegeben hatte, den
sie in der Tiefe ihrer Honigblase aufgespart hatte.

                   *       *       *       *       *

Die Erkenntnis dieser unverbrchlichen Hingebung hat dem Menschen den
Weg gewiesen, wie er den wunderbaren politischen Sinn der Bienen, ihre
Arbeitslust, ihre Beharrlichkeit, Hochherzigkeit und Liebe zur Zukunft,
die aus dieser Hingebung hervorgehen oder darin einbegriffen sind, zu
seinem Vorteil zu benutzen hat. Durch sie ist es ihm seit einigen Jahren
gelungen, die wilden Bienen, ohne dass sie es ahnen, bis zu einem
gewissen Grade zu zhmen; denn sie weichen keiner fremden Gewalt und
noch in ihrer unbewussten Knechtschaft dienen sie nur ihren eignen
Gesetzen. Der Mensch kann glauben, dass er mit der Knigin die Seele und
das Geschick des Schwarmes in Hnden hlt. Je nachdem er sie verwendet,
je nachdem er sozusagen mit ihr spielt, kann er z. B. das Schwrmen
hervorrufen oder verhten, knstliche Schwrme machen, Schwrme
vereinigen oder teilen und die Auswanderung der Vlker regeln. Die
Knigin ist im Grunde eine Art von lebendigem Symbol, das, wie alle
Symbole, ein weniger sichtbares und allgemeineres Prinzip vertritt, und
der Imker muss sich dessen wohl bewusst werden, wenn er sich nicht
mancherlei Misserfolgen aussetzen will. brigens tuschen sich die
Bienen keineswegs ber ihre Knigin und verlieren nie aus den Augen,
dass hinter ihrer sichtbaren und kurzlebigen Gebieterin eine hhere,
beharrende, geistige Macht steht, das ist ihr herrschender Gedanke. Ob
dieser Gedanke bewusst oder unbewusst ist, darauf kommt es nur dann an,
wenn wir die Bienen, die ihn haben, oder die Natur, die ihn in sie
gelegt hat, insbesondere bewundern wollen. Wo er aber auch seinen Sitz
hat, dieser herrschende Gedanke, in den kleinen zarten Bienenleibern
oder in dem grossen unerkennbaren Weltkrper, er ist unserer Beachtung
wert, und wenn wir uns nebenbei gesagt davor hteten, unsre Bewunderung
gewohnheitsmssig von rtlichen Nebenumstnden abhngig zu machen, oder
von der Herkunft eines Dinges, so wrden wir nicht so oft die
Gelegenheit versumen, unsre Augen voll Bewunderung zu ffnen; denn
nichts ist heilsamer, als sie so zu ffnen.

                   *       *       *       *       *

Vielleicht wird man sagen, dass dies sehr gewagte und allzumenschliche
Annahmen sind, dass die Bienen wahrscheinlich keinen Gedanken dieser Art
haben und dass die Begriffe Zukunft, Liebe zur Rasse und viele andre,
die wir ihnen andichten, im Grunde weiter nichts sind, als die Formen,
welche der Selbsterhaltungstrieb, die Furcht vor Schmerz und Tod oder
der Lustreiz bei ihnen annehmen. Ich gebe zu, dass dies alles nur eine
Ausdrucksweise ist und darum messe ich ihm auch keinen allzugrossen Wert
bei. Das Einzige, was in diesem Falle -- wie in allen andern Fllen --
sicher feststeht, ist die Thatsache, dass die Bienen unter den und den
Verhltnissen sich gegen ihre Knigin so und so benehmen. Der Rest ist
ein Mysterium, ber das man nur Vermutungen haben kann, die mehr oder
weniger annehmbar, mehr oder weniger zutreffend sind. Aber wenn wir von
den Menschen so sprchen, wie es vielleicht klug wre, von den Bienen zu
sprechen, htten wir dann wohl das Recht, mehr zu sagen? Auch wir
gehorchen nur den Notwendigkeiten des Lebens, dem Lustreiz oder der
Furcht vor Schmerz und Tod, und was wir unsern Verstand nennen, das hat
den gleichen Ursprung und den gleichen Zweck wie das, was wir bei den
Tieren Instinkt nennen. Wir vollziehen gewisse Akte, deren Folgen wir zu
kennen meinen, wir unterliegen anderen, deren Grnde wir uns besser zu
kennen schmeicheln, als sie selbst; aber abgesehen davon, dass diese
Annahme durchaus nicht unanfechtbar dasteht, sind solche Akte
unerheblich und im Vergleich mit der Unzahl der brigen selten, und
alle, die bestbekannten und die unbekanntesten, die kleinsten und die
gewaltigsten, vollziehen sich in einer undurchdringlichen Nacht, in der
wir fast ebenso blind sind, wie nach unserer Meinung die Bienen.

                   *       *       *       *       *

Man muss gestehen, sagt Buffon, der gegen die Bienen eine hchst
spasshafte Abneigung hat, man muss gestehen, dass diese Tiere einzeln
genommen weniger Witz haben als der Hund, der Affe und die meisten
anderen Wesen. Man muss gestehen, dass sie weniger gelehrig und
anhnglich sind und weniger Gemt, kurz, weniger menschenhnliche
Eigenschaften besitzen, und ferner, dass ihr anscheinender Verstand nur
von ihrer vereinigten Masse kommt. Doch setzt diese Vereinigung selbst
keinerlei Verstand voraus, denn sie vereinigen sich keineswegs aus
moralischen Absichten, sie finden sich ohne ihre Einwilligung zusammen.
Ihr >Staat< ist also nur eine physische Versammlung, von der Natur
angeordnet und ohne irgendwelche Bewusstheit und berlegung entstanden.
Die Knigin gebiert zehntausend Stck auf einmal und am nmlichen Fleck,
also mssen diese zehntausend Stck, auch wenn sie noch tausendmal
stumpfsinniger sein mgen, als ich annehme, sich um der blossen
Lebenserhaltung willen irgendwie zusammenthun, und da sie alle
miteinander mit denselben Krften ausgerstet sind, so mssen sie gerade
durch den Schaden, den sie sich anfangs etwa thun, bald dahin kommen,
sich mglichst wenig zu schaden, d. h. sich zu helfen; sie erwecken
infolgedessen den Anschein eines Einvernehmens und eines gemeinsamen
Zieles; wer sie beobachtet, wird ihnen also leicht Absichten und den
Geist, der ihnen gerade fehlt, unterschieben, er wird bemht sein, fr
jede Handlung eine Ursache zu entdecken, jede Bewegung wird bald einen
Beweggrund haben, und daraus werden dann Vernunft-Ungeheuer oder
Wundertiere ohne Gleichen; denn diese zehntausend Stck, die alle
zugleich zur Welt gekommen sind, die zusammen gewohnt haben und fast
alle zugleich die Metamorphose durchgemacht haben, knnen nicht umhin,
alle dasselbe zu thun und, wenn sie auch noch so wenig Gemt haben, die
gleichen Gewohnheiten anzunehmen, sich in die Arbeit zu teilen und in
dieser Gemeinschaft sich wohl zu fhlen, sich um ihre Wohnung zu
kmmern, nach dem Ausfluge wieder zurckzukehren u. s. w. Daher kommt
auch die Architektur, die Geometrie, die Ordnung, die Voraussicht und
Heimatsliebe, mit einem Wort: die Republik und das, wie man sieht, auf
der Bewunderung des Beobachters beruhende Ganze.

Diese Art, unsere Bienen zu erklren, ist freilich eine ganz andere. Sie
kann auf den ersten Blick als natrlicher erscheinen, aber sollte sie
nicht gerade, weil sie so einfach klingt, garnichts erklren? Ich
bergehe die sachlichen Irrtmer der eben zitierten Worte; aber wenn man
sagt, sie passten sich, indem sie sich mglichst wenig schadeten, den
Notwendigkeiten des gemeinsamen Lebens an, setzt man dann nicht eine
gewisse Intelligenz voraus und zwar eine, die um so betrchtlicher
erscheinen muss, je genauer man zusieht, auf welche Weise diese
zehntausend Stck sich zu schaden vermeiden und sich zu helfen wissen?
Ist das nicht ebensogut unsere eigene Geschichte, die der alte
rgerliche Naturforscher da erzhlt, und lsst sie sich nicht ganz genau
auf alle unsere menschlichen Gesellschaften anwenden? Unsere Weisheit,
unsere Tugenden, unsere Politik sind weiter nichts als die Frchte der
herben Notwendigkeit, die unsere Einbildungskraft vergoldet hat; sie
haben keinen anderen Zweck, als unsere Selbstsucht nutzbar zu machen und
die ursprnglich schdliche Thtigkeit der Einzelwesen zum gemeinsamen
Heile zu wenden. Und dann, um es noch einmal zu sagen: wenn man den
Bienen jeden Gedanken, jedes Gefhl abspricht, das wir ihnen zugelegt
haben: was liegt schliesslich an dem Gegenstande unserer Bewunderung?
Wenn man es fr unvernnftig hlt, die Bienen zu bewundern, so knnen
wir ja die Natur bewundern; es wird allemal ein Augenblick kommen, wo
man uns unsere Bewunderung nicht mehr rauben kann, und wir werden dann
nichts verloren haben, indem wir warteten und zurckwichen.

                   *       *       *       *       *

Wie dem aber auch sei, und um unsere Annahme nicht fallen zu lassen,
denn sie hat wenigstens den Vorzug, gewisse mit der Wirklichkeit in
Beziehung stehende Thatsachen auch mit unserem Geiste in Beziehung zu
setzen, so ist es unstreitig weit mehr das unendliche Fortbestehen ihrer
Rasse, was die Bienen in ihrer Knigin anbeten, als die Knigin selbst.
Die Bienen sind keineswegs empfindsam, und wenn eine von ihnen mit so
schweren Verletzungen von der Arbeit heimkommt, dass sie fr dauernd
arbeitsunfhig erachtet werden muss, so wird sie ohne Erbarmen verjagt.
Und doch kann man nicht sagen, dass sie jeder persnlichen
Anhnglichkeit an ihre Mutter bar sind. Sie erkennen sie unter allen
anderen heraus. Selbst wenn sie alt, elend und gelhmt ist, werden die
Wachen am Eingang keiner unbekannten Knigin Einlass gewhren, so jung,
schn und fruchtbar sie auch scheinen mag. Es ist dies freilich einer
der Fundamentalgrundstze ihrer Polizei, und nur in der grossen
Trachtzeit wird er zu gunsten einiger fremden Arbeitsbienen aufgegeben,
vorausgesetzt, dass diese mit Vorrten wohl beladen sind. -- Wird sie
schliesslich vllig unfruchtbar, so wird sie ersetzt, indem eine gewisse
Zahl von jungen Kniginnen erzogen wird. Was aber geschieht mit der
alten Herrin? Man weiss es nicht genau, aber es begegnet dem
Bienenzchter bisweilen, dass er auf den Waben eines Bienenstockes eine
prachtvolle Knigin in der Blte ihres Alters findet, und ganz im Grunde
in einer dunklen Ecke die alte Herrin, wie sie in der Normandie
heisst, abgemagert und gelhmt. Wie es scheint, haben sie sie in diesem
Falle bis zuletzt gegen den Hass ihrer jugendstarken Rivalin geschtzt,
die ihren Tod will, denn die Kniginnen haben stets einen
unbezwinglichen Abscheu vor einander und strzen auf einander los,
sobald zwei unter demselben Dache vereinigt sind. Man ist also zu der
Annahme geneigt, dass sie der alten Knigin eine Art von friedlichem und
bescheidenem Alterssitz in einem entfernten Eckchen des Stockes sichern,
wo sie ihre Tage in Frieden beschliessen kann. Es ist dies eines der
tausend Wunder dieses Wachsknigreiches, und wir knnen wieder einmal
feststellen, dass die Politik und die Lebensgewohnheiten der Bienen
nichts Fatalistisches und Engherziges an sich haben, und dass sie vielen
weit verborgeneren Gesetzen gehorchen, als wir zu kennen whnen.

                   *       *       *       *       *

Aber wir kreuzen alle Augenblicke die Naturgesetze, die den Bienen
unerschtterlich erscheinen mssen. Wir versetzen sie alle Tage in die
Lage, in der wir uns selbst sehen wrden, wenn jemand pltzlich die
Gesetze der Schwerkraft, des Lichtes und des Todes aufhbe.

Was werden sie z. B. thun, wenn man dem Stocke durch List oder Gewalt
eine zweite Knigin beisetzt? Von Natur ist dieser Fall nie eingetreten,
seit Bienen leben, dafr sorgen die Wachen am Eingang. Sie verlieren den
Verstand indess nicht, sondern wissen die zwei Grundstze, die sie wie
Gttergebote zu achten scheinen, in einer wunderbaren Weise zu
vereinigen. Der eine dieser Grundstze ist der der ungeteilten
Mutterschaft _einer_ Knigin, ein unverbrchlicher Grundsatz, ausser
wenn die herrschende Knigin unfruchtbar ist (und auch in diesem Falle
nur ganz ausnahmsweise). Der zweite ist noch sonderbarer, denn wenn er
auch nicht bertreten werden darf, so lsst er sich sozusagen doch
beugen. Es ist dies das Prinzip der Unverletzlichkeit jeder kniglichen
Person. Es wre den Bienen ein leichtes, die Eingedrungene mit ihren
tausend Giftstacheln zu durchbohren, sie wrde auf der Stelle tot sein
und sie htten ihren Leichnam nur aus dem Bau zu schaffen. Aber obwohl
ihr Stachel stets kampfbereit ist, obwohl sie ihn jeden Augenblick
gebrauchen, um innere Zwistigkeiten auszufechten, die Drohnen oder die
Schmarotzer des Bienenstockes zu tten, so brauchen sie ihn nie gegen
eine Knigin, ebenso wie die Knigin den ihren nie gegen Menschen, Tiere
oder Arbeitsbienen zckt: sie zieht ihre knigliche Waffe, die nicht
gerade ist, wie bei den Arbeitsbienen, sondern gekrmmt, wie ein
Trkensbel, nur im Kampfe mit ihresgleichen, d. h. gegen eine andere
Knigin.

Keine Biene wagt also, wie es scheint, einen unmittelbaren, blutigen
Knigsmord auf sich zu nehmen, und so suchen sie in allen Fllen, wo
Ordnung und Gedeihen ihrer Republik den Tod der einen Knigin
erheischen, diesem Tode den Anschein eines natrlichen zu geben: sie
teilen das Verbrechen in tausend Teile, und so wird es anonym.

Sie schliessen dann die Eingedrungene in einen dichten Knuel ein und
bilden eine Art von lebendem Kerker um sie, in dem sie sich nicht rhren
kann, bis sie nach vierundzwanzig Stunden verhungert oder erstickt ist.
Erscheint inzwischen aber die rechtmssige Knigin und wagt den Kampf
gegen die Nebenbuhlerin, so ffnen sich alsbald die lebendigen
Kerkerwnde, die Bienen ziehen sich zurck und schliessen um die beiden
Gegnerinnen einen Kreis, ohne sich an dem Kampfe zu beteiligen.
Aufmerksam, aber unparteiisch verfolgen sie diesen eigentmlichen
Zweikampf, denn nur eine Mutter darf den Stachel gegen eine Mutter
erheben, und nur die, welche zwei Millionen Leben in ihren Weichen
birgt, scheint das Recht zu haben, mit einem Streiche zwei Millionen zu
tten. Wenn aber der Kampf unentschieden bleibt, wenn die zwei
gekrmmten Stachel an den schweren Chitinpanzern machtlos abgleiten, so
wird die, welche Miene macht zu fliehen, die rechtmssige sowohl wie die
fremde, ergriffen und wieder in den lebenden Kerker eingeschlossen, bis
sie die Absicht kundgiebt, den Kampf von neuem aufzunehmen. Es muss
brigens noch hinzugefgt werden, dass bei den zahlreichen Versuchen
dieser Art die regierende Knigin fast immer Siegerin bleibt, sei es,
dass sie im Gefhl zu Hause zu sein, mehr Wagemut und Kraft hat, als die
andre, sei es, dass die Bienen nur im Augenblick des Kampfes
unparteiisch, hingegen in der Art, wie sie die beiden Rivalinnen
einschliessen, ziemlich parteiisch sind, denn ihre Mutter scheint unter
ihrer Einkerkerung keineswegs zu leiden, aber die Fremde geht fast immer
sichtlich gelhmt und zerquetscht daraus hervor.

                   *       *       *       *       *

Ein einfaches Experiment zeigt besser als alles andere, dass die Bienen
ihre Knigin wiedererkennen und eine wirkliche Anhnglichkeit an sie
haben. Nimmt man einem Bienenstocke die Knigin, so sieht man bald alle
die Kundgebungen der Unruhe und Trbsal eintreten, die ich in einem
frheren Kapitel beschrieben habe. Lsst man nach einigen Stunden
dieselbe Knigin wieder ein, so kommen alle ihre Tchter ihr huldigend
entgegen und bieten ihr Honig dar. Die einen bilden Spalier vor ihr, die
andern prsentieren in grossen unbeweglichen Halbkreisen um sie herum,
d. h. sie senken den Kopf, halten den Hinterleib hoch und schwirren
dabei in eigentmlich zitternder Weise mit den Flgeln. Dieses
sonderbare Gebahren ist der Ausdruck ihrer Freude ber die glckliche
Heimkehr und bedeutet in ihrem Hofceremoniell anscheinend feierliche
Verehrung oder hchstes Wohlbehagen. Aber man glaube nicht, man knnte
sie tuschen, und statt der rechtmssigen Knigin eine fremde einfhren.
Wenn diese kaum einige Schritte vorwrts gemacht hat, so laufen die
Arbeitsbienen von allen Seiten entrstet zusammen. Sie wird auf der
Stelle umringt, in das furchtbare Getmmel des Schwarms eingekerkert und
darin gefangen gehalten, bis sie stirbt, denn in diesem besonderen Falle
kommt es fast nie vor, dass sie lebend entrinnt.

Es ist darum auch sehr schwierig fr den Bienenzchter, Kniginnen zu
ersetzen. Es ist eigentmlich zu sehen, zu welchen Kniffen und
komplizierten Listen der Mensch greifen muss, um seinen Willen
durchzusetzen und diese kleinen klugen, aber stets im besten Glauben
lebenden Insekten irrezufhren, die mit rhrendem Mute die
unverhofftesten Ereignisse annehmen und augenscheinlich nichts anderes
in ihnen sehen, als eine neue unvermeidliche Laune der Natur. Auf jeden
Fall rechnet der Mensch bei all seiner List und bei der trostlosen
Verwirrung, die er mit seinen gewagten Manvern oft anrichtet, allemal
auf den wunderbaren praktischen Sinn der Bienen, auf den
unerschpflichen Schatz ihrer Gesetze und merkwrdigen Gewohnheiten, auf
ihre Ordnungs- und Friedensliebe, ihren Gemeinsinn, ihre Treue gegen die
Zukunft, ihre so geschickte Charakterfestigkeit und ihren so selbstlosen
Ernst, vor allem aber auf ihre unermdliche Pflichterfllung. Doch die
Einzelheiten dieses Verfahrens gehren in das Gebiet der eigentlichen
Bienenzucht und wrden uns hier zu weit fhren.[3]

                   *       *       *       *       *

Was aber die persnliche Anhnglichkeit betrifft, mit der ich hier zu
Ende kommen mchte, so scheint es gewiss, dass sie vorhanden ist, ebenso
gewiss aber, dass sie nicht lange im Gedchtnis bleibt, und wenn man
eine Mutter, die mehrere Tage verschwunden war, wieder in ihr Reich
einsetzen will, so wird sie von ihren erbitterten Kindern derart
behandelt, dass man sich beeilen muss, sie der ttlichen Einkerkerung zu
entziehen, welche das Loos der fremden Kniginnen ist. Denn sie haben
inzwischen Zeit gehabt, ein Dutzend Zellen fr Arbeitsbienen in solche
fr Kniginnen umzubauen, und die Zukunft des Volkes steht nicht mehr
auf dem Spiele. Ihre Anhnglichkeit nimmt also in dem Maasse zu oder ab,
inwieweit die Knigin diese Zukunft vertritt. So sieht man, wenn eine
Knigin die gefhrliche Zeremonie des Hochzeitsausfluges vollzieht, ihre
Unterthanen hufig so besorgt, sie mchte verloren gehen, dass sie sie
auf diesem tragischen Liebesfluge, von dem ich spterhin reden werde,
begleiten. Das thun sie aber nie, wenn man ihnen ein Stck Zellenbau
gegeben hat, der junge Brutzellen enthlt, weil sie dann die Aussicht
haben, andere Mtter aufzuziehen. Die Anhnglichkeit kann sogar in Wut
und Hass umschlagen, wenn ihre Herrin nicht alle ihre Pflichten gegen
jene abstrakte Gottheit erfllt, die man die knftige Gesellschaft
nennen knnte und die sie hher zu verehren scheinen, als wir. So hat
man die Knigin z. B. aus verschiedenen Grnden am Schwrmen gehindert,
indem man ein Gitter am Flugloch anbrachte, durch das die dnnen und
gelenken Arbeitsbienen ahnungslos hindurchschlpften, whrend die arme
Sklavin der Liebe mit ihrem betrchtlich schwereren und umfangreicheren
Krper nicht hindurchkonnte. Beim ersten Ausflug merkten die Bienen,
dass sie ihnen nicht gefolgt war, kehrten in die alte Wohnung zurck und
stiessen, drngten und misshandelten die unglckliche Gefangene, die sie
ohne Zweifel der Trgheit anklagten oder fr etwas geistesschwach
hielten, auf eine sehr unzweideutige Weise. Beim zweiten Ausflug schien
ihr bser Wille festzustehen, der Zorn wuchs und die Ausschreitungen
wurden ernster. Endlich beim dritten Ausflug waren sie der Meinung, dass
sie ihrem Loose und der Zukunft der Rasse fr immer untreu geworden war,
und verurteilten sie zum Tode in dem kniglichen Gefngnis.

                   *       *       *       *       *

Man sieht, dieser Zukunft ist alles mit einer Voraussicht, einer
Einstimmigkeit, einer Unbeugsamkeit und Geschicklichkeit im Auslegen und
Benutzen der Umstnde untergeordnet, dass man vor Bewunderung starr ist,
wenn man bedenkt, wie unverhofft und bernatrlich unser Eingreifen den
Bienen erscheinen muss. Man wird vielleicht sagen, dass sie sich in
diesem Falle das Unvermgen der Knigin, ihnen zu folgen, sehr schlecht
deuten. Aber wrden wir viel hellsichtiger sein, wenn ein anders
gearteter Verstand in Verbindung mit einem so riesenhaften Krper, dass
seine Bewegungen fast ebenso unfasslich sind, wie die einer
Naturerscheinung, sich das Vergngen machte, uns Fallen gleicher Art zu
stellen? Haben wir nicht einige tausend Jahre gebraucht, um eine
einigermassen annehmbare Erklrung fr den Blitzstrahl zu finden? Jeder
Intellekt ist mit Langsamkeit geschlagen, wenn er aus seiner eng
begrenzten Wirkungssphre heraustritt und sich Vorgngen gegenber
sieht, zu denen er nicht den Anstoss gegeben hat. Ausserdem ist nicht
gesagt, dass die Bienen, wenn man das Experiment mit dem Gitter
fortsetzen und verallgemeinern wrde, nicht schliesslich doch
dahinterkmen und einen Ausweg fnden. Sie haben schon manches andre
Experiment begriffen und das bestmgliche Teil dabei erwhlt, z. B. das
Experiment mit den beweglichen Waben oder das mit den Aufstzen, wo man
sie zwingt, ihren berschssigen Honig in die kleinen amerikanischen
Honigksten zu tragen, oder endlich das ausserordentliche Experiment mit
den Kunstwaben, wo die Zellen nur durch einen dnnen Wachsumriss
angedeutet sind und die Bienen sofort die Ntzlichkeit begreifen und sie
sorgfltig ausbauen, ohne Stoff und Arbeitskraft zu verlieren. Finden
sie nicht unter allen Verhltnissen, die sich ihnen in Gestalt einer von
einem bswilligen und hinterlistigen Gotte gestellten Falle darstellen
mssen, stets die beste und einzig menschliche Lsung? Um nur einen ganz
naturgemssen, aber abnormen Fall zu erwhnen: wenn eine Schnecke oder
eine Maus in den Stock gert oder darin umkommt -- was werden sie wohl
thun, um den Kadaver loszuwerden, der alsbald ihre ganze Wohnung
verpesten wrde? Wenn es ihnen nicht mglich ist, den Eindringling
hinauszujagen oder zu zerstckeln, so schliessen sie ihn methodisch in
ein hermetisches Grabmal von Wachs und Propolis ein, das unter den
gewhnlichen Bauten der Stadt einen bizarren Eindruck macht. Letztes
Jahr fand ich in einem meiner Bienenstcke ein Konglomerat von drei
solchen Grabhgeln, die wie die Zellen des Wachsbaues nur durch eine
gemeinsame Mittelwand getrennt waren, um mglichst viel Wachs zu sparen.
Die klugen Totengrberinnen hatten sie ber den Leichen dreier Schnecken
errichtet, welche ein Kind in ihre Behausung hineingesteckt hatte.
Gewhnlich begngen sie sich bei Schnecken damit, die ffnung des
Gehuses mit Wachs zu verkleben. Aber hier, wo die Schale mehr oder
weniger zerbrochen oder rissig war, hatten sie es fr klger gehalten,
das Ganze zu begraben, und um den Eingang nicht zu verstopfen, hatten
sie in dieser den Weg versperrenden Masse eine Anzahl von Gngen
angebracht, die genau der Krpergrsse der Drohnen angepasst waren,
welche zweimal so gross sind, wie die Bienen. Dies und der folgende Fall
erlauben wohl die Annahme, dass sie eines Tages dahinterkommen knnten,
warum die Knigin ihnen durch das Gitter nicht folgen kann. Sie haben
einen ganz ausgeprgten Sinn fr Proportionen und den ntigen Spielraum,
dessen ein Krper zu seiner Bewegung bedarf. In den Gegenden, wo der
Totenkopfschmetterling (Acherontia atropos) hufig ist, errichten sie am
Flugloche ihrer Stcke kleine Wachssulen, zwischen denen der nchtliche
Ruber seinen dicken Leib nicht hindurchzwngen kann.

                   *       *       *       *       *

Aber genug davon, ich htte erst garnicht damit angefangen, wenn es
glte, alle Beispiele zu erschpfen. Um jedoch die Rolle und Lage der
Knigin noch einmal zusammenzufassen, so kann man sagen, dass sie das
sklavische Herz des Schwarmes ist, whrend die Arbeitsbienen den
Verstand darstellen. Sie ist die Alleinherrscherin, aber auch die
knigliche Magd, die gefangene Hterin und die verantwortliche
Vertreterin der Liebe. Ihr Volk dient ihr und verehrt sie, ohne darber
zu vergessen, dass es nicht ihrer Person unterthan ist, sondern der von
ihr erfllten Aufgabe und Bestimmung. Man wird schwerlich ein
menschliches Gemeinwesen finden, dessen Plan und Anlage einen so
betrchtlichen Teil der Wnsche und Sehnschte unseres Planeten erfllt,
eine Gesellschaft, deren Glieder eine grssere und vernnftigere
Unabhngigkeit geniessen, und wo andererseits eine unerbittlichere und
zweckmssigere Unterordnung herrscht, wo die Opfer hrter und
unbedingter sind. Man glaube nicht, dass ich diese Opfer ebenso
bewunderte, wie ihre Resultate. Es wre augenscheinlich zu wnschen,
dass diese Resultate mit weniger Leid und Selbstaufopferung zu erreichen
wren. Stimmt man dem Prinzip aber einmal bei -- und vielleicht will die
Vernunft unseres Erdballs dieses Prinzip -- so ist seine Durchfhrung
jedenfalls bewundernswert. Mag fr die Menschen eine andere Wahrheit
gelten oder nicht, im Bienenstock wird das Leben jedenfalls nicht als
eine Reihe von mehr oder minder angenehmen Stunden angesehen, die man
sich nur so weit verbittern und verdstern darf, als zu seiner Erhaltung
unerlsslich ist, sondern als eine grosse gemeinsame Pflicht, die auf
eine von Weltbeginn an ewig zurckweichende Zukunft gerichtet ist. Jedes
Individuum verzichtet hier auf mehr als auf sein halbes Glck und seine
halben Rechte. Die Knigin entsagt dem Tageslicht, den Blumenkelchen und
der sssen Freiheit, die Arbeitsbienen entsagen der Liebe, fnf oder
sechs Lebensjahren und dem Mutterglck. Die Knigin sieht ihr Hirn zu
Gunsten der Zeugungsorgane auf ein Nichts reduziert und die
Arbeitsbienen eben diese Organe auf Kosten ihres Intellekts
verkmmern. Es wre unrecht zu behaupten, dass der Wille an diesen
Verzichtleistungen keinen Anteil hat. Die Arbeitsbiene ist zwar nicht
Herrin ihres eigenen Geschickes, aber sie bestimmt das Schicksal aller
Nymphen ihrer Umgebung, die ihre mittelbaren Tchter sind. Wir haben
gesehen, dass aus jeder Larve, wenn sie kniglich ernhrt oder
untergebracht wird, eine Knigin entstehen kann, und wenn man umgekehrt
die Ernhrung einer kniglichen Larve ndert und ihre Zelle verkleinert,
wrde eine Arbeitsbiene daraus hervorgehen. Diese geheimnisvollen Wahlen
finden jeden Tag in dem goldbraunen Schatten des Bienenstockes statt.
Sie geschehen nicht auf gut Glck, sondern eine Klugheit, deren
tiefehrlichen Ernst nur der Mensch missbrauchen kann, eine allzeit
wachsame Weisheit, die sich von allem Rechenschaft ablegt, was
ausserhalb und innerhalb des Stockes vor sich geht, lenkt sie in ihren
Entschliessungen. Tritt ein unverhoffter Blumenreichtum ein, wird die
Knigin alt oder lsst ihre Fruchtbarkeit nach, wird es dem Schwarm
infolge starker Vermehrung zu eng in seinen Wnden, so entstehen alsbald
Kniginnenzellen. Dieselben Zellen knnen aber wieder abgetragen werden,
wenn die Ernte nicht hlt, was sie versprach, oder wenn der Bienenstock
grsser geworden ist. Sie werden oft nicht zerstrt, so lange die junge
Knigin ihren Hochzeitsausflug noch nicht -- oder noch nicht erfolgreich
-- ausgefhrt hat, aber sofort geschieht dies, sobald sie heimgekehrt
und das untrgliche Zeichen ihrer Befruchtung wie eine Trophe hinter
sich herschleppt. Wo befindet sich diese Weisheit, die Gegenwart und
Zukunft so gewissenhaft abwgt und fr die das noch nicht Sichtbare mehr
in die Waage fllt, als alles, was man sehen kann? Wo hat sie ihren
Sitz, diese unpersnliche Klugheit, die da entsagt und whlt, erhht und
erniedrigt, die so viele Bienen zu Kniginnen machen knnte und aus
sovielen Mttern ein Volk von Jungfrauen erzieht? Wir sagten weiter
oben, dass sie im Geiste des Bienenstockes zu suchen sei, aber wo ist
dieser Geist schliesslich zu finden, wenn nicht in der Masse der
Arbeitsbienen? Vielleicht war es, um sich zu berzeugen, dass er hier
seinen Sitz hat, nicht ntig, die Sitten und Gebruche dieses
republikanischen Knigreiches so aufmerksam zu studieren. Es gengte,
wie Dujardin, Brandt, Girard, Vogel und andere Entomologen gethan haben,
den etwas leeren Hirnschdel der Knigin und den prchtigen Drohnenkopf,
an dem zwanzigtausend Augen glnzen, neben den kleinen undankbaren und
kmmerlichen Kopf der jungfrulichen Arbeitsbiene unter das Mikroskop zu
legen. Wir wrden alsdann gesehen haben, dass sich in diesem kleinen
Kpfchen das grsste und vollkommenste Schdelmark des ganzen
Gemeinwesens windet, ja, selbst das schnste, komplizierteste und nchst
dem des Menschen auch das vollkommenste in der ganzen Natur, wenngleich
es auf einer ganz anderen Stufe steht und ganz anders beschaffen ist.[4]
Hier wie berall in der uns bekannten Welt ist da, wo das Gehirn liegt,
der Sitz der Autoritt, der wirklichen Kraft, der Weisheit und des
Sieges. Auch hier findet sich ein fast unsichtbares Atom jener
geheimnisvollen Substanz, welche die Materie unterjocht und organisiert
und den ungeheuren, trgen Gewalten des Nichts und des Todes ein
gesichertes, dauerndes Pltzchen abzuringen weiss.

                   *       *       *       *       *

Doch kehren wir zu unsren schwrmenden Bienen zurck, die nicht auf das
Ende dieses Exkurses gewartet haben, um das Zeichen zum Aufbruch zu
geben. In dem Augenblick, wo dieses Zeichen gegeben wird, scheinen sich
alle Thore der Stadt mit einem Male zu ffnen, wie von einem
pltzlichen, irren Stosse, und die schwarze Menge strmt oder vielmehr
strzt heraus, je nach der Anzahl der ffnungen in einem doppelten,
dreifachen oder vierfachen, geraden, straffen, zitternden und
ununterbrochenen Strahle, der sich alsbald in der Luft zu einem
summenden Netze von hunderttausend wild schwirrenden, durchsichtigen
Flgeln zerteilt. Einige Minuten schwebt dieses Netz ber dem
Bienenstock wie ein durchsichtiges, knisterndes Seidengewebe, das
tausend und abertausend elektrisch bewegte Hnde unaufhrlich zerreissen
und wieder zusammenfgen; es schwankt hin und her, stockt und wallt von
neuem zwischen den Blumen der Erde und dem Blau des Himmels auf und
nieder, wie ein Schleier der Freude, den unsichtbare Hnde bestndig
schwenken, zusammenraffen und wieder entfalten, als feierten sie die
Ankunft oder das Scheiden eines hohen Gastes. Endlich senkt sich einer
der Zipfel, ein andrer hebt sich, die vier sonnenglnzenden Enden des
schimmernden Mantels stossen zusammen, und wie ein Zaubertuch im
Mrchen, das den Horizont durchsegelt, um irgend welche Wnsche zu
erfllen, steigt der Schwarm, bereits wieder geballt, nach dem nchsten
Linden-, Birnen- oder Weidenbaum auf, um die heilige Trgerin der
Zukunft wieder mit seinen Leibern zu bedecken. Denn die Knigin hat sich
dort bereits angesetzt, wie ein goldener Nagel, an den sich nun die
brausenden Wellen des Schwarmes eine nach der andern anhngen, bis rings
herum sich ein flgelglnzender Perlenmantel schlingt.

Dann wird es pltzlich still, und das laute Brausen dieser
sonnenverfinsternden Wolke, die aus unendlichem Zorn und unzhligen
Drohungen gewebt schien, der betubende Goldhagel, der unaufhrlich ber
der ganzen Umgebung schwebte und tnte, verwandelt sich eine Minute
darauf zu einer grossen, harmlosen und friedlichen Traube von tausend
und abertausend kleinen, lebenden Beeren, die unbeweglich an einem
Baumzweige hngt und geduldig auf die Rckkehr der Sprbienen wartet,
die eine neue Wohnung auskundschaften.

                   *       *       *       *       *

Es ist dies das erste Stadium des Schwrmens, der s. g. erste oder
Hauptschwarm, der allemal die alte Knigin bei sich hat. Er legt sich
gewhnlich an einem Baume oder Busche in nchster Nhe des Bienenstocks
an, denn die Knigin ist mit ihren Eiern beschwert und hat das Licht
seit ihrem Hochzeitsausflug oder dem vorjhrigen Schwrmen nicht mehr
erblickt, deshalb zaudert sie noch, sich dem weiten Luftmeer
anzuvertrauen, ja, sie scheint den Gebrauch ihrer Flgel verlernt zu
haben.

Der Bienenzchter wartet, bis der Schwarm sich recht zusammengeballt
hat. Dann geht er mit einem grossen Strohhut auf dem Kopfe (denn die
harmloseste Biene macht unweigerlich Gebrauch von ihrem Stachel, sobald
sie sich in die Haare verirrt, wo sie sich jedenfalls in einer Falle
whnt), aber ohne Bienenhaube, sofern er Erfahrung besitzt, und nachdem
er die Arme bis an den Ellenbogen in kaltes Wasser getaucht hat, auf den
Schwarm zu und schttelt ihn von dem Aste, an dem er hngt, in einen
umgestlpten Bienenkorb. Die Traube fllt schwer hinein wie eine reife
Frucht. Oder, wenn der Ast zu stark ist, schpft er den Klumpen mit
einem Lffel auf und schttet die vollen Lffel wie Getreide, wohin er
will. Er braucht die Bienen, die um ihn herumsummen und ihm auf Gesicht
und Hnden herumkriechen, nicht zu frchten. Vernimmt er doch ihr
trunkenes Lied, den s. g. Schwarmgesang, das ihrem zornigen Summen ganz
unhnlich ist. Er braucht nicht zu frchten, dass der Schwarm sich
teilt, wtend wird, sich zerstreut oder entschlpft. Wie ich schon
sagte, haben die geheimnisvollen Arbeiterinnen heute ihren Festtag und
sind voll unwandelbaren Zutrauens. Sie haben sich von dem unter ihrer
Obhut stehenden Schatze losgerissen und kennen ihre Feinde nun nicht
mehr. Sie sind harmlos vor Glckseligkeit, und man weiss nicht, warum
sie so glcklich sind: erfllen sie doch nur das Gesetz. Aber alle Wesen
kennen diese Stunden blinden Glcks, welche die Natur fr solche
Augenblicke aufspart, wo sie ihr Ziel erreichen will. Wundern wir uns
nicht, dass sie die Betrogenen sind! Auch wir mit unserm vollkommeneren
Gehirn, das sie seit vielen Jahrhunderten beobachtet, werden von ihr zum
Besten gehalten und wissen noch nicht einmal, ob sie wohlwollend,
gleichgltig oder niedrig grausam ist. --

Der Schwarm bleibt da, wohin die Knigin gefallen ist, und wenn sie
allein in den Bienenkorb gefallen ist, so ziehen alle Bienen, sobald sie
dies merken, in langen, schwarzen Fden nach dem mtterlichen Obdach,
die meisten hastig eindringend, andre wieder an der Schwelle des
unbekannten Thores stutzend und jenen Reigen feierlicher Freude bildend,
mit dem sie glckliche Ereignisse zu begrssen pflegen. Sie
prsentieren, wie der Kunstausdruck lautet. Im Nu wird der unerwartete
Unterkunftsort angenommen und bis in seine kleinsten Schlupfwinkel
untersucht, seine Lage, Form und Farbe vermerkt und in die tausend
kleinen, klugen und treuen Gedchtnisse eingegraben. Die Merkzeichen der
Umgebung werden sorgsam eingeprgt, die neue Stadt mit ihrem Platze in
Geist und Herzen aller Bewohnerinnen gegrndet, und bald erschallt in
ihren Mauern das Liebeslied der kniglichen Gegenwart, whrend die
Arbeit beginnt.

                   *       *       *       *       *

Wenn der Mensch den Schwarm nicht pflckt, so ist seine Geschichte hier
noch nicht zu Ende. Er bleibt an seinem Aste hngen, bis die zur
Rekognoszierung und zum Quartiermachen ausgesandten Sprbienen, die sich
von Anbeginn des Schwrmens an nach allen Windrichtungen zerstreut
haben, um eine neue Wohnung zu suchen, sich wieder eingefunden haben.
Eine nach der andern kehrt zurck und berichtet, was sie gefunden hat,
denn da wir nicht im stande sind, in das Denken der Bienen einzudringen,
so mssen wir uns das Schauspiel, dem wir beiwohnen, wohl auf
menschliche Weise erklren. Es ist also wahrscheinlich, dass man ihren
Meldungen aufmerksam lauscht. Die eine rhmt gewiss einen hohlen
Baumstamm, die andere die Vorteile einer alten Mauerspalte, einer
Felsenhhle oder einer verlassenen Grube. Oft geschieht es, dass der
Schwarm zaudert und bis zum nchsten Morgen bert. Endlich wird die Wahl
getroffen und die Einstimmigkeit erzielt. In einem bestimmten Augenblick
beginnt der Schwarm zu kribbeln, sich zu zerteilen und mit ungestmem,
andauernden Fluge, der jetzt kein Hindernis mehr kennt, ber Hecken,
Getreide- und Leinfelder, Heuschober und Teiche, Flsse und Ortschaften
hinweg, in gerader Linie einem bestimmten und jedesmal sehr entfernten
Ziele entgegenzufliegen. Selten kann der Mensch ihnen auf diesem zweiten
Teil ihres Fluges folgen. Sie kehren zur Natur zurck und wir verlieren
die Spur ihres Schicksals.




                           DIE STADTGRNDUNG


Sehen wir indes zu, was der Schwarm in der von dem Imker dargebotenen
Behausung macht. Und zunchst gedenken wir des Opfers, das die
fnfzigtausend Jungfrauen gebracht haben, die nach Ronsards Wort

   Ein edles Herz in kleinem Leibe tragen.

Bewundern wir noch einmal den Mut, dessen es bedarf, um in der Wste, in
die sie gefallen sind, das Leben fortzusetzen. Sie haben die
vorratsreiche, prchtige Stadt verlassen, in der sie geboren sind, wo
das Leben so gesichert, so wundervoll organisiert war, wo der Saft aller
Blumen, die der Sonne entgegenblhen, dem Druen des Winters zu spotten
erlaubte. Tausende und abertausende kleiner Tchter, die sie nie wieder
sehen werden, haben sie in ihren Wiegen schlummernd zurckgelassen. Sie
haben ausser dem riesigen Schatz von Wachs, Propolis und Bltenstaub,
den sie aufgehuft hatten, mehr als hundertundzwanzig Pfund Honig im
Stich gelassen, d. h. mehr als das zwlffache Gewicht des ganzen Volkes
und das sechsmalhunderttausendfache jeder Biene, was fr den Menschen
zweiundvierzigtausend Tonnen Lebensmittel vorstellen wrde. Eine ganze
Flotte von grossen Lastschiffen, mit kostbareren und vollkommeneren
Lebensmitteln beladen, als die, welche wir kennen, denn der Honig ist
fr die Bienen eine Art von Lebenselixir und Nahrungssaft, der
unmittelbar und fast restlos verdaulich ist.

Hier in der neuen Wohnung ist nichts vorhanden, kein Tropfen Honig, kein
Wachsstreifen, kein Merkzeichen und kein Sttzpunkt. Es ist die
trostlose Nacktheit eines riesenhaften Bauwerks, das nur Dach und Mauern
hat. Die glatten, kreisrunden Wnde bergen nur Finsternisse, und die
riesige Wlbung droben rndet sich ber der grossen Leere. Aber die
Biene kennt kein unntiges Heimweh, jedenfalls hlt sie sich damit nicht
auf. Kaum ist der Bienenkorb wieder aufgerichtet und an seinen Platz
gestellt, kaum die Betubung und Verwirrung des geruschvollen Falles
etwas gewichen, so sieht man in der kribbelnden Masse eine sehr
reinliche und ganz unerwartete Scheidung eintreten. Die grosse Mehrzahl
der Bienen beginnt wie ein Heer, das einem bestimmten Befehl gehorcht,
in dichten Reihen an den Seitenwnden des Gebudes hochzuklettern. In
der Kuppel angelangt, hngen die vordersten sich mit den Krallen ihrer
Vorderfsse darin auf, die folgenden an den ersten und so weiter, bis
lange Ketten entstehen, die der nachdrngenden Menge zur Brcke dienen.
Allmhlich vermehren, verstrken und verschrnken sich diese Ketten und
es entstehen Guirlanden, die durch den fortwhrenden Aufstieg der Massen
schliesslich in einen dicken, dreieckigen Vorhang bergehen, oder besser
in einen kompakten Kegel, dessen Spitze im hchsten Punkte der Kuppel
hngt, whrend die Basis sich bis zur Hlfte oder Dreiviertel der
Gesamthhe des Bienenkorbes herabzieht. Hat die letzte Biene, die sich
durch eine innere Stimme zu dieser Gruppe berufen fhlt, den im Dunkeln
hngenden Vorhang erreicht, so hrt das Klettern auf, jede Bewegung
erstirbt allmhlich und der seltsame Kegel wartet Stunden und Stunden
lang in einem geradezu andachtsvollen Schweigen und in einer schier
erschrecklichen Unbeweglichkeit auf das Mysterium der Wachsbildung.

Whrend dieser Zeit prft der Rest der Bienen, d. h. alle die, welche im
untern Teile des Bienenkorbes geblieben sind, das Gebude und unternimmt
die notwendigen Arbeiten, ohne sich irgendwie an der Bildung des
wunderbaren Vorhanges zu beteiligen, in dessen Falten die Wundergabe
herabzutrufeln beginnt, ohne sich auch nur versucht zu fhlen, dabei
mitzuwirken. Sorgsam subern sie den Fussboden und tragen welke Bltter,
Hlmchen und Sandkrner Stck fr Stck hinaus, denn der
Reinlichkeitssinn der Bienen geht bis zur Manie, und wenn sie mitten im
Winter zur Zeit der grossen Frste allzulange verhindert sind, den
Reinigungsausflug zu unternehmen, wie der Imker es nennt, so gehen sie
lieber massenhaft an grsslichen Unterleibsleiden zu Grunde, als dass
sie den Stock besudelten. Nur die Drohnen sind unverbesserlich unsauber
und beschmutzen schamlos die Waben, auf denen sie sitzen, und die
Arbeitsbienen sind dann gezwungen, hinter ihnen rein zu machen. Ist das
Subern beendigt, so beginnen die Bienen derselben profanen Gruppe, die
sich an dem in einer Art von Extase dahngenden Kegel nicht beteiligt,
die Innenwnde ihrer gemeinsamen Wohnung sorgfltig zu verkitten. Alle
Spalten werden untersucht und mit Propolis zugestopft und die Wnde von
oben bis unten gefirnisst. Die Thorwache wird eingesetzt und bald fliegt
eine Anzahl von Arbeitsbienen aus, um Nektar und Pollen einzutragen.

                   *       *       *       *       *

Ehe wir die Falten des geheimnisvollen Vorhangs lften, unter dem die
Grundmauern der eigentlichen Wohnung gelegt werden, versuchen wir doch
einmal uns klar zu machen, welche Intelligenz unser Vlkchen von
Auswanderern entwickeln muss, welches Augenmass und welcher Fleiss ntig
sind, um das neue Obdach wohnlich zu machen, den Stadtplan im Leeren zu
entwerfen und in Gedanken den Platz fr die einzelnen Gebude
festzulegen, die so sparsam und so schnell wie mglich erbaut werden
mssen, denn die Knigin hat es eilig mit dem Eierlegen und setzt die
ersten bereits auf den Boden. Es ist in diesem Labyrinth der
verschiedensten, bisher nur in der Vorstellung bestehenden Bauten, die
durchaus nach keinem Schema errichtet werden knnen, sowohl den Gesetzen
der Ventilation, wie denen der Haltbarkeit und Stabilitt Rechnung zu
tragen; die Widerstandskraft des Wachses, die Art der aufzuspeichernden
Lebensmittel, die Bequemlichkeit der Zugnge, die Lebensgewohnheiten der
Knigin, die gewissermassen vorherbestimmte, weil organisch
zweckmssigste Verteilung der Vorratshuser und Wohnrume, der Strassen
und Durchgnge und viele andre Fragen, deren Aufzhlung hier zu weit
fhren wrde, sind zu bedenken.

Nun aber ist die Form der Wohnungen, die der Mensch den Bienen anbietet,
die denkbar verschiedenste; sie wechselt vom hohlen Baumstamm oder der
Thonrhre, die in Asien und Afrika noch im Gebrauch ist, und von der
klassischen Strohglocke, die in einem Gebsch von Monatsrosen und
Sonnenblumen im Gemsegarten oder unter den Fenstern unserer meisten
Bauernhfe steht, bis zu den wirklichen Werksttten der modernen
Mobilzucht, wo sich oft mehr als 150 Kilogramm Honig in drei oder vier
Wabenstockwerken bereinander in einem herausnehmbaren Rahmen befinden,
der das Ausschleudern der Waben mit einer Honigschleuder und das
Wiedereinsetzen derselben gestattet, ganz als ob man in einer wohl
geordneten Bibliothek ein Buch nach Benutzung wieder an seinen Platz
stellt.

Laune oder Erwerbssinn des Menschen fhrt den Schwarm also eines Tages
in die eine oder andre dieser recht ungleichen Wohnungen ein, und es ist
nun Sache des kleinen Insekts, sich darin zurecht zu finden, Plne zu
modifizieren, die eigentlich unvernderlich sein sollten, und in diesem
ungewohnten Raume die Lage des Wintersitzes zu bestimmen, der innerhalb
der Zone der von dem halb erstarrten Volke noch erzeugten Wrme liegen
muss; endlich muss der Brutraum seinen richtigen Platz haben, er darf,
wenn kein Unglck geschehen soll, weder zu hoch noch zu tief, weder zu
nahe am Flugloch noch zu weit davon entfernt sein. Der Schwarm kommt z.
B. aus einem umgestrzten hohlen Baumstumpf, der nur einen langen, engen
Gang bildete, und nun sieht er sich in einer Wohnung, die turmhoch ist
und deren Dach sich im Finstern verliert. Oder, um uns in sein
gewhnliches Erstaunen zu versetzen: er war seit Jahrhunderten daran
gewhnt, unter dem Strohdach unserer lndlichen Bienenwohnungen zu
hausen, und nun sperrt man ihn in eine Art Wandschrank oder grossen
Kasten, der drei oder viermal grsser ist, als sein Elternhaus, in ein
Durcheinander von Rahmen, die bald parallel, bald senkrecht zum Flugloch
ber einander hngen und alle Wandflchen des Baues mit einem Netz von
Gersten bedecken.

                   *       *       *       *       *

Und doch giebt es keinen Fall, wo ein Schwarm die Arbeit verweigert
htte, wo er sich durch die Seltsamkeit der Umstnde htte verwirren
oder entmutigen lassen, vorausgesetzt, dass die ihm dargebotene Wohnung
nicht schlecht riecht oder wirklich unbewohnbar ist. Aber selbst in
diesem Falle tritt keine Entmutigung und Bestrzung oder
Pflichtverweigerung ein: der Schwarm verlsst dann einfach die
ungastliche Sttte und sucht sich anderswo etwas Besseres. Ebensowenig
lsst sich sagen, dass man die Bienen je habe veranlassen knnen, eine
sinnlose oder unzweckmssige Arbeit zu verrichten. Man hat nie
festgestellt, dass die Bienen den Kopf verloren und nicht gewusst
htten, welchen Entschluss sie fassen sollen, dass sie planlose,
missratene oder berflssige Bauten unternommen htten. Man schttle sie
in eine Hohlkugel, einen Trichter, eine Pyramide, einen ovalen oder
eckigen Korb, eine Rhre oder eine Spirale, und man besuche sie einige
Tage spter, vorausgesetzt, dass sie die Wohnung angenommen haben, so
wird man sehen, dass diese seltsame Vielheit von kleinen, selbstndig
denkenden Kpfen sich unmittelbar geeinigt und nach einer Methode, deren
Grundstze unwandelbar, aber deren Folgen lebendig sind, den gnstigsten
und oft den einzig brauchbaren Punkt der sonderbaren Wohnung ohne
Zaudern gewhlt hat.

Wenn man sie in einen der obengenannten grossen Kastenstcke bringt, so
beachten sie die darin befindlichen Rahmen nur insoweit, als sie ihnen
zum Ausgangs- und Sttzpunkt beim Bau ihrer Waben dienen, und das ist
schliesslich auch ganz verstndlich, da die Wnsche und Absichten des
Menschen ihnen ja gleichgltig sind. Wenn der Bienenzchter aber den
oberen Rand einiger Rahmen mit einem schmalen Wachsstreifen versehen
hat, so begreifen sie sogleich den Vorteil, der in dieser angefangenen
Arbeit liegt, bauen den Streifen sorgsam aus und fhren den angedeuteten
Plan mit eigenem Wachs zu Ende. Desgleichen -- und der Fall tritt bei
dem intensiven Betriebe von heute hufig ein -- wenn alle Rahmen des
Stockes, in den man den Schwarm eingeschlagen hat, von oben bis unten
mit angefangenen Kunstwaben bedeckt sind, so fangen sie keinen Zeit und
Wachs vergeudenden Neubau an, sondern sie nehmen die Gelegenheit wahr,
fhren das begonnene Werk weiter und bauen die eingepressten
Zellenanstze bis zur Normaltiefe fertig, wobei sie brigens an Stellen,
wo die knstliche Wabe von der haarscharfen Senkrechten abweicht, ihre
Korrektur vornehmen. Auf diese Weise besitzen sie in mehr als einer
Woche eine ebenso prchtige und wohlgebaute Stadt, wie die eben
verlassene, whrend sie, auf sich allein angewiesen, zwei oder drei
Monate gebraucht htten, um dasselbe Gewirr von Speicherrumen und
weissen Wachshusern aufzufhren.

                   *       *       *       *       *

Dieses Anpassungsvermgen scheint die Grenzen des Instinkts doch
merklich zu berschreiten. berdies ist nichts willkrlicher, als dieses
Unterscheiden zwischen Instinkt und Intellekt. Sir John Lubbock, der
ber Ameisen, Wespen und Bienen ganz persnliche und sonderbare
Beobachtungen gemacht hat, ist vielleicht infolge einer unbewussten und
etwas ungerechten Vorliebe fr die Ameisen, die er am genausten
beobachtet hat, -- denn jeder Beobachter will, dass das von ihm
studierte Insekt intelligenter und bemerkenswerter sei als die andern,
und man thut wohl daran, sich vor solchen kleinen Anwandlungen von
Eigenliebe zu hten -- Sir John Lubbock, sage ich, ist sehr geneigt, der
Biene jedes Unterscheidungsvermgen und jede berlegung abzusprechen,
sobald es sich nicht um ihre gewhnlichen Arbeiten handelt. Als Beweis
giebt er ein Experiment, das Jeder leicht wiederholen kann. Man thue in
eine Wasserflasche ein halbes Dutzend Fliegen und ebenso viele Bienen,
lege die Flasche wagerecht und drehe ihren Boden dem Zimmerfenster zu.
Die Bienen werden sich stundenlang abqulen, einen Ausgang durch den
Glasboden zu finden, bis sie schliesslich vor Erschpfung und Hunger
sterben, whrend die Fliegen in weniger als zwei Minuten zur
entgegengesetzten Seite durch den Flaschenhals entschlpft sind. Sir
John Lubbock schliesst daraus, dass der Verstand der Biene usserst
beschrnkt ist und dass die Fliege viel mehr Geschick besitzt, sich aus
der Verlegenheit zu ziehen und ihren Weg zu finden. Dieser Schluss
scheint nicht einwandsfrei. Man wende bald den Boden, bald den
Flaschenhals dem Lichte zu, zwanzigmal, wenn man will, und die Bienen
werden sich zwanzigmal umdrehen, und dem Licht entgegenfliegen. Was sie
in dem Experiment des englischen Gelehrten herabsetzt, ist ihre Liebe
zum Licht und ihr Verstand selbst. Sie bilden sich augenscheinlich ein,
dass die Befreiung aus jedem Gefngnis auf der Lichtseite liegt, sie
handeln also ganz folgerichtig, nur zu folgerichtig. Sie wissen nichts
von dem bernatrlichen Mysterium, das fr sie das Glas ist, diese
pltzlich undurchdringliche Luft, die es in der freien Natur nicht giebt
und die ihnen um so unverstndlicher sein muss, je intelligenter sie
sind. Die hirnlosen Fliegen, die sich um die Logik, den Ruf des Lichtes
und das Wunder des Krystalls nicht kmmern, schwirren planlos in der
Flasche herum, bis sie schliesslich mit dem Glck der Einfltigen, die
sich oft da retten, wo die Weisheit verdirbt, in den guten Flaschenhals
geraten, der sie befreit.

                   *       *       *       *       *

Derselbe Naturforscher giebt noch einen anderen Beweis von ihrer
mangelnden Intelligenz, indem er sich auf den grossen amerikanischen
Bienenzchter, den ehrwrdigen und vterlichen Langstroth beruft. Da
die Fliege, sagt Langstroth, nicht dazu geschaffen ist, von Blumen,
sondern von Dingen zu leben, in denen sie leicht ertrinken knnte, so
setzt sie sich vorsichtig auf den Rand von Gefssen, die eine flssige
Nahrung enthalten, und saugt klglich daraus, whrend die arme Biene
sich kopfber hineinstrzt und bald darin umkommt. Das traurige Geschick
ihrer Mitschwestern hlt die anderen nicht ab: sobald sie sich derselben
Lockspeise nhern, setzen sie sich wie wahnsinnig auf Leichen und
Sterbende, um alsbald ihr trauriges Loos zu teilen. Niemand kann ihren
Wahnsinn ganz ermessen, wenn er nicht gesehen hat, mit welcher
nimmersatten Gier sie schaarenweise in die Zuckersiedereien eindringen.
Ich habe tausende aus dem Zuckersaft herausziehen sehen, in dem sie
ertrunken waren, tausende auf den siedenden Zucker sich setzen; der
Boden war mit Bienen bedeckt und die Fenster von ihnen verdunkelt; die
einen krochen, die andren flogen, wieder andere waren so vollstndig
verkleistert, dass sie weder kriechen noch fliegen konnten; nicht eine
von zehn war im stande, die verderbliche Beute heimzutragen, und doch
war die Luft voll von Myriaden von Neuankmmlingen, die ebenso unsinnig
waren.

Auch dies erscheint mir nicht entscheidender, als fr einen
bermenschlichen Beobachter, der die Grenzen unserer Intelligenz
feststellen will, der Anblick der Alkoholverwstungen unter den Menschen
oder eines Schlachtfeldes. Die Biene ist uns gegenber in einer
seltsamen Lage, sie ist geschaffen, um in der gleichgiltigen und
unbewussten Natur zu leben, und nicht an der Seite eines Ausnahmewesens,
das die festesten Gesetze rings um sie erschttert und grossartige,
unbegreifliche Erscheinungen hervorruft. In der Natur, im eintnigen
Waldleben wre der von Langstroth beschriebene Wahnsinn nur dann
mglich, wenn ein honigstrotzender Bau durch irgend einen Zufall
auseinanderbrche. Aber dann gbe es keine ttlichen Fenster, keinen
kochenden Zucker, keinen dicken Syrup, und folglich auch keine Toten und
keine anderen Gefahren als die, welche jedem Beute machenden Tiere
drohen.

Wrden wir unsere Kaltbltigkeit besser bewahren als sie, wenn eine
unbekannte Gewalt unsere Vernunft auf Schritt und Tritt auf die Probe
stellte? Es ist fr uns also sehr schwer, die Bienen zu beurteilen, die
wir selbst toll machen, und deren Intelligenz nicht darauf gerstet ist,
unsere Fallen zu meiden, ebensowenig wie die unsere darauf gerstet ist,
der Listen eines heutigen Tages unbekannten, aber nichts destoweniger
doch mglichen, hheren Wesens zu spotten. Da wir es nicht kennen,
schliessen wir daraus, dass wir den Gipfel dieses Erdenlebens erklommen
haben, aber im ganzen genommen ist das nicht unbestreitbar. Ich verlange
nicht, dass wir uns bei ungereimten oder niedrigen Handlungen, die wir
thun, in den Schlingen dieses Wesens whnen, aber es ist nicht
unwahrscheinlich, dass dies eines Tages Wahrheit sein wird. Andererseits
kann man vernnftiger Weise nicht behaupten, die Bienen seien jedes
Verstandes bar, weil es ihnen noch nicht gelungen ist, uns von dem Affen
oder dem Bren zu unterscheiden, und sie uns behandeln, wie sie diese
eingeborenen Bewohner des Urwaldes behandeln wrden. Es ist gewiss, dass
in und um uns Einflsse und Mchte herrschen, die einander ebenso
unhnlich sind und von uns doch nicht unterschieden werden.

Zuletzt, und um diese Apologie der Bienen abzuschliessen, mit der ich
selbst ein wenig in die Anwandlungen von Eigenliebe verfalle, die ich
dem Sir John Lubbock vorwarf, steht die Frage noch offen, ob man nicht
intelligent sein muss, um so grosser Thorheiten fhig zu sein. Ist es
doch stets so in dem ungewissen Bereich des Verstandes, welcher der
unsicherste und schwankendste Zustand der Materie ist. In derselben
Flamme wie der Verstand, ist auch die Leidenschaft, und man kann nicht
einmal genau sagen, ob sie der Rauch oder der Docht der Flamme ist. Und
hier ist die Leidenschaft der Bienen edel genug, um das Schwanken des
Verstandes zu entschuldigen. Was sie zu dieser Tollheit treibt, ist
nicht das tierische Verlangen, sich voll Honig zu saugen. Das htten sie
in den Zellen ihres Baues leichter. Man beobachte sie und verfolge sie
in einem analogen Falle, und man wird sehen, dass sie, sobald ihre
Honigblase voll ist, nach dem Bienenstock zurckkehren, ihre Beute
abgeben und dreissig Mal in einer Stunde nach dem wunderbaren Erntefelde
zurckkehren. Es ist also derselbe Trieb, der sie so viel
Bewundernswertes thun lsst: der Eifer, dem Hause ihrer Schwestern und
der Zukunft so viel Gutes zuzufhren, als sie vermgen. Wenn die
Thorheiten der Menschen eine ebenso selbstlose Ursache haben, pflegen
wir ihnen einen andern Namen zu geben.

                   *       *       *       *       *

Die ganze Wahrheit muss trotzdem gesagt werden. Angesichts der Wunder
ihres Gewerbfleisses, ihres Gemeinsinnes und ihrer Opferfreudigkeit,
muss uns ein Umstand immerhin in Erstaunen setzen und unsere Bewunderung
etwas beeintrchtigen, nmlich ihre Gleichgiltigkeit gegen den Tod und
das Unglck ihrer Mitschwestern. Es geht durch den Charakter der Bienen
ein seltsamer Spalt. Im Bienenkorbe lieben und helfen sich alle. Sie
sind so einig, wie die guten Gedanken derselben Seele. Verletzt man
eine, so opfern sich tausend, um ihre Mitbrgerin zu rchen.
_Ausserhalb_ des Bienenstockes kennen sie sich nicht mehr. Man
verstmmele oder vernichte -- oder besser, man thue es nicht, es wre
eine unntige Grausamkeit, denn die Thatsache steht fest, -- aber
gesetzt, man verstmmelte oder vernichtete auf einem Stck Wabenhonig,
ein paar Schritte vom Bienenstand entfernt, zwanzig oder dreissig Bienen
aus demselben Stocke, und die nicht getroffenen werden nicht einmal den
Kopf drehen, sondern achtlos gegen die in Todeszuckungen Liegenden,
deren letzte Bewegungen ihre Glieder streifen, deren Schmerzensrufe
ihnen ins Ohr gellen, saugen sie nach wie vor mit ihrer phantastischen
Zunge, die wie eine chinesische Waffe aussieht, den Saft, der ihnen
kostbarer ist als das Leben. Und wenn die Wabe leer ist, klettern sie,
um nichts zu verlieren, um auch _den_ Honig, der an den Opfern klebt,
noch zu gewinnen, ruhig ber Leichen und Verwundete weg, ohne sich ber
das Vorhandensein der Einen aufzuregen und ohne den Anderen Hilfe zu
bringen. Sie haben in diesem Falle also weder einen Begriff von der
Gefahr, die sie laufen, denn der Tod, den sie um sich sehen,
erschttert sie nicht im Mindesten, noch das geringste Gefhl der
Zusammengehrigkeit und des Mitleids. Was die Gefahr betrifft, so ist
das erklrlich: die Biene kennt in der That keine Furcht, und nichts in
der Welt kann sie schrecken, ausser dem Rauche. Ausserhalb ihres
Bienenkorbes ist sie voller Langmtigkeit und Friedfertigkeit. Sie
weicht dem Strenfried aus und ignoriert das Vorhandensein alles dessen,
was sie nicht unmittelbar angeht. Man mchte sagen, dass sie sich in
einer Welt fhlt, die Allen gehrt, wo Jeder Anspruch auf seinen Platz
hat, wo man friedlich und nachsichtig sein muss. Aber unter dieser
Nachsichtigkeit und Friedfertigkeit verbirgt sich ein so selbstgewisses
Herz, dass sie garnicht daran denkt, sich zu behaupten. Sie weicht aus,
wenn jemand sie bedroht, aber sie flieht nie. Andrerseits beschrnkt sie
sich im Bienenstock keineswegs auf dieses passive Ignorieren der Gefahr.
Sie strzt sich mit einer unerhrten Wucht auf jedes lebende Wesen,
Ameise, Lwe oder Mensch, das ihre heilige Arche anzutasten wagt. Nennen
wir das je nach unserer geistigen Veranlagung Zorn, Verbissenheit,
Stumpfsinn oder Heroismus.

Aber ber ihren Mangel an Solidarittsgefhl ausserhalb des
Bienenstockes weiss ich nichts zu sagen. Man muss wohl annehmen, dass es
sich auch hier um jene unverhofften Grenzen handelt, die jeder Art von
Verstand gezogen sind, und dass die kleine Flamme, die durch den
schwierigen Verbrennungsprozess so vieler trger Stoffe nur mhsam dem
Gehirn entstrahlt, jederzeit so ungewiss ist, dass sie einen Punkt nur
auf Kosten vieler anderer erleuchtet. Man kann sich sagen, dass die
Biene -- oder die Natur in der Biene -- die gemeinsame Arbeit, den
Kultus der Zukunft und die Fernstenliebe in einer nie wieder erreichten
Vollkommenheit durchgefhrt hat. Sie lieben ber sich hinaus und wir
lieben vornehmlich, was um uns ist. Vielleicht gengt es, hier zu
lieben, um dort keine Liebe mehr brig zu haben. Nichts ist
vernderlicher als die Richtung der Barmherzigkeit oder des Mitleids.
Wir selbst wren ehedem ber diese Fhllosigkeit der Bienen weit weniger
erstaunt gewesen, und manchen alten Schriftstellern wre es garnicht
eingefallen, sie deswegen zu tadeln. Zudem knnen wir nicht ahnen, wie
sehr ein Wesen, das uns so beobachten wrde, wie wir sie beobachten,
ber uns in Erstaunen geraten wrde.

                   *       *       *       *       *

Schliesslich mssten wir, um uns von ihrer Intelligenz eine genauere
Vorstellung zu machen, festzustellen suchen, auf welche Weise sie sich
mit einander verstndigen. Denn dass sie sich verstndigen, ist
sonnenklar; ein Gemeinwesen von so grosser Volkszahl, dessen Arbeiten so
mannigfach sind und doch so wunderbar harmonieren, knnte bei der
Unfhigkeit seiner Mitglieder, in Verbindung miteinander zu gelangen und
aus ihrer geistigen Vereinsamung herauszutreten, nicht bestehen. Sie
mssen also die Fhigkeit haben, ihre Gedanken und Gefhle auszudrcken,
sei es durch eine Lautsprache, sei es, was wahrscheinlicher ist, mit
Hilfe einer Tastsprache oder einer magnetischen bertragung, die sich
vielleicht an Eigenschaften der Materie und an Sinne knpft, die uns
vllig unbekannt sind, und der Sitz dieser Sinne knnte sich in ihren
geheimnisvollen Fhlern befinden, welche die Finsternis abtasten und
fhlen und nach den Berechnungen von Cheshire bei den Arbeitsbienen aus
zwlftausend Fhlfden und fnftausend Geruchshhlen bestehen. Dass sie
sich nicht nur ber ihre gewhnlichen Arbeiten verstndigen, sondern
dass auch Aussergewhnliches Platz und Namen in ihrer Sprache hat, das
geht daraus hervor, dass jede gute oder bse, gewohnte oder
bernatrliche Nachricht sich durch den Bienenstock verbreitet, z. B.
Verlust und Wiederkehr der Knigin, Eindringen eines Feindes, einer
fremden Knigin, Nahen eines Ruberschwarms, Entdeckung eines Schatzes
u. s. w. Das Benehmen und die Tne der Bienen sind bei jedem dieser
Ereignisse so verschieden, so charakteristisch, dass der gewiegte
Bienenwirth unschwer errt, was in dem kribbelnden Dunkel des
Bienenstockes vorgeht.

Will man einen deutlicheren Beweis, so beobachte man eine Biene, die auf
einem Fensterbrett oder einer Tischecke ein paar Honigtropfen gefunden
hat. Zuerst saugt sie sich so gierig voll, dass man sie in aller Musse,
ohne sie in ihrer Arbeit zu stren, mit einem kleinen Farbfleck zeichnen
kann. Aber diese Fressgier ist nur scheinbar. Der Honig kommt nicht in
den eigentlichen, sozusagen persnlichen Magen der Biene, er bleibt im
Honigmagen, der gewissermaassen der Magen der Gesamtheit ist. Sobald
dieses Behltnis gefllt ist, fliegt die Biene von dannen, aber nicht
blind und unmittelbar, wie ein Schmetterling oder eine Fliege. Man wird
sie im Gegenteil einige Augenblicke _rckwrts fliegen_ sehen; sie
schwirrt aufmerksam in der Fensterffnung oder um den Tisch herum, den
Kopf nach dem Zimmer gewandt. Sie prgt sich die rtlichkeit ein und
merkt sich genau die Stelle, wo der Schatz liegt. Dann erst fliegt sie
nach dem Stock zurck, entleert ihre Beute in eine der Vorratszellen und
ist in drei oder vier Minuten wieder da, um eine neue Ladung von dem
wunderbaren Brett zu holen. Alle fnf Minuten kommt sie, solange noch
Honig da ist, und wenn es bis zum Abend whrt, ununterbrochen wieder und
fliegt, ohne sich die geringste Ruhe zu gnnen, von dem Fenster nach dem
Bienenstock und vom Bienenstock nach dem Fenster.

                   *       *       *       *       *

Ich will die Wahrheit nicht ausschmcken, wie Viele es gethan haben, die
ber die Bienen schrieben. Beobachtungen dieser Art sind nur dann von
Interesse, wenn sie absolut ehrlich sind. Ich htte vielleicht gesagt,
dass die Bienen unfhig sind, sich ber ein Ereignis ausserhalb des
Bienenstockes zu verstndigen, wenn ich gelegentlich einer kleinen
experimentellen Enttuschung ein Vergngen daran gefunden htte, wieder
einmal zu konstatieren, dass der Mensch im Grunde genommen doch das
einzige wirklich intelligente Wesen auf diesem Erdball ist. Und dann
empfindet man, wenn man bis zu einem gewissen Punkte des Lebens gekommen
ist, mehr Freude daran, etwas Wahres zu sagen, als etwas Aufflliges.
Hier wie in allen Dingen muss man sich von dem Grundsatz leiten lassen:
wenn die nackte Wahrheit uns im Augenblick weniger gross, edel oder
anziehend erscheint, als der ertrumte Schmuck, mit dem man sie behngen
knnte, so liegt die Schuld an uns, weil wir die stets erstaunlichen
Beziehungen, die zwischen unserm Wesen und den Weltgesetzen bestehen
mssen, noch nicht zu erkennen vermgen, und es ist in diesem Falle also
nicht die _Wahrheit_, die einer Vergrsserung und Veredelung bedarf,
sondern unser _Intellekt_.

Ich will also eingestehen, dass die gezeichneten Bienen oft allein
wiederkehren. Man muss wohl glauben, dass es unter ihnen dieselben
Charakter-Unterschiede giebt, wie bei den Menschen, und dass die einen
schweigsam, die andern mitteilsam sind. Jemand, der meinen Versuchen
beiwohnte, bemerkte, dass es bei vielen Eitelkeit oder Egoismus sein
knnte, was sie bestimmt, die Quelle ihres Reichtums nicht zu verraten,
um den Ruhm einer Leistung, die der Schwarm fr wunderbar halten muss,
nicht mit andern zu teilen. Aber das sind recht niedrige Laster, die
nicht nach dem reinen und frischen Duft des Hauses ihrer tausend
Schwestern schmecken. Wie dem indes auch sei, es geschieht auch oft
genug, dass die vom Glck begnstigte Biene mit zwei oder drei
Gefhrtinnen wieder kommt. Es ist mir bekannt, dass Sir John Lubbock im
Anhang zu seinem Werke Ants, Bees and Wasps ausfhrliche und
gewissenhafte Beobachtungstabellen aufstellt, aus denen hervorzugehen
scheint, dass fast nie andere Bienen der Wegweiserin folgen. Ich weiss
freilich nicht, welche Bienenart der gelehrte Naturforscher beobachtet
hat, oder ob die Umstnde besonders ungnstig waren. Meine eigenen
Beobachtungstabellen, die ich sorgfltigst aufgestellt habe, indem ich
unter Benutzung aller mglichen Vorsichtsmassregeln verhinderte, dass
die Bienen direkt durch den Honigduft angezogen wurden, ergaben, dass im
Durchschnitt _vier_mal in zehn Fllen andere Bienen von der ersten
mitgebracht wurden.

Einmal betupfte ich einer besonders kleinen italienischen Biene den Leib
mit einem Farbfleck. Beim zweiten Male kam sie mit zwei Schwestern
wieder. Ich fing diese weg, ohne dass sie sich stren liess. Das nchste
Mal kam sie mit drei Gefhrtinnen wieder, die ich ebenfalls wegfing, und
so fort, bis ich am Ende des Nachmittags achtzehn Bienen gefangen hatte.
Sie hatte also achtzehn Schwestern die Mitteilung zu machen gewusst.

Alles in allem genommen, wird man bei solchen Experimenten zu dem
Schlusse kommen, dass die Mitteilung an andere, wo nicht regelmssig, so
doch hufig stattfindet, und dieses Vermgen der Bienen ist den
Bienenjgern Amerikas so gut bekannt, dass sie es sich regelmssig zu
nutze machen, wenn sie ein Nest ausspren. Sie whlen, sagt Josiah
Emmery, zum Beginn ihrer Thtigkeit ein Feld oder ein Gehlz, das
weitab von allen Bienenstnden zahmer Bienen liegt. Hier angekommen,
lauern sie einigen Bienen auf, welche die Blten befliegen, fangen sie
weg und sperren sie in einen mit Honig versehenen Kasten. Sobald sich
die Bienen darin vollgesogen haben, lassen sie sie wieder fliegen. Nun
kommt ein Augenblick des Wartens, dessen Dauer von der Entfernung des
Bienennestes abhngt, aber bei einiger Geduld findet der Jger seine
Bienen allemal mit einem Gefolge von mehreren Gefhrtinnen wieder. Er
fngt sie von neuem ein, regaliert sie und lsst sie jede nach einer
andern Seite fliegen, wobei er genau aufpasst, welche Richtung sie
nehmen. Der Punkt, nach dem sie zusammenzustreben scheinen, giebt ihm
die mutmassliche Lage des Nestes an. (Citiert von _Romanes_ in
L'Intelligence des Animaux, Bd. I, S. 117)

                   *       *       *       *       *

Man wird bei Wiederholung des oben genannten Experimentes bemerken, dass
die mitgebrachten Freundinnen, die der Losung des Glckes gehorchen,
nicht immer zusammen ankommen und dass oft ein Zwischenraum von mehreren
Sekunden zwischen der Ankunft der einzelnen liegt. Man muss sich also
ber ihr Mitteilungsvermgen dieselbe Frage vorlegen, die Sir John
Lubbock fr die _Ameisen_ gelst hat: Thun die Gefhrtinnen, die sich
bei dem von der ersten Biene entdeckten Schatze mit einfinden, nichts
weiter, als dass sie dieser folgen, oder sind sie vielleicht von ihr
geschickt und finden ihn selbst nach deren Angaben und der von ihr
gemachten Ortsbeschreibung? Es wre dies, wie man leicht einsieht, ein
gewaltiger Unterschied hinsichtlich der Hhe und Vollkommenheit ihrer
Intelligenz. Dem gelehrten Englnder ist es mit Hilfe eines
komplizierten und sehr sinnreichen Apparates von Gngen und Stegen,
Wassergrben und fliegenden Brcken gelungen, nachzuweisen, dass die
Ameisen in diesem Falle einfach der Fhrte der Wegweiserin folgen.
Solche Experimente sind nun zwar sehr sinnreich bei den Ameisen, die man
zwingen kann, einen bestimmten Weg zu whlen, aber der Biene, die Flgel
hat, stehen alle Wege offen und man msste zu andern Hilfsmitteln
greifen. Das Folgende habe ich angewandt, ohne jedoch zu entscheidenden
Resultaten gekommen zu sein. In grsserer Vervollkommnung aber und unter
gnstigeren Umstnden drfte es doch zu befriedigender Gewissheit
fhren.

Mein Arbeitszimmer auf dem Lande liegt im ersten Stock ber einem sehr
hohen Erdgeschoss. Ausser in der Bltezeit der Kastanien und Linden
pflegen die Bienen nie sehr hoch zu fliegen, sodass ich ein Stck
entdeckelten Wabenhonig (d. h. gefllte Honigwaben, von denen die
Wachsdeckel entfernt waren) vor dem Experiment mehr als eine Woche lang
auf dem Tische liegen hatte, ohne dass eine einzige Biene von dem Duft
angelockt wurde und die Wabe beflog. Ich nahm nun eine italienische
Biene aus einem unfern des Hauses aufgestellten Beobachtungsstock, trug
sie in mein Arbeitszimmer hinauf und liess sie an dem Honig naschen,
whrend ich sie mit einem Farbfleck betupfte.

Als sie sich vollgesogen hatte, flog sie nach ihrem Bienenstock zurck.
Ich ging hinterher und sah, wie sie hastig ber die andern Bienen
hinweglief, ihren Kopf in einer leeren Zelle verschwinden liess, den
Honig entleerte und sich zum Ausfliegen anschickte. Zwanzigmal
hintereinander wiederholte ich denselben Versuch mit verschiedenen
Bienen und fing dabei jedesmal die gekderte Biene fort, sodass die
andern ihrer Spur nicht folgen konnten. Ich hatte zu diesem Zwecke vor
dem Flugloch einen Glaskasten angebracht, der durch eine Klappthr in
zwei Abteilungen geschieden war. Kam die gezeichnete Biene allein
heraus, so fing ich sie einfach weg und wartete dann in meinem Zimmer
auf die Ankunft der Freundinnen, denen sie die Nachricht gebracht htte.
Kam sie mit zwei oder drei andern Bienen heraus, so hielt ich sie in der
ersten Abteilung des Glaskastens gefangen und trennte sie so von ihren
Gefhrtinnen, denen ich einen Fleck von anderer Farbe auftupfte und dann
die Freiheit gab, wobei ich sie mit den Augen verfolgte. Es ist klar,
dass, wenn eine lautliche oder magnetische Mitteilung stattgefunden
htte, die eine Ortsbeschreibung und Orientierungsmethode in sich
schlsse, ich eine Anzahl von Bienen, die auf die Fhrte gesetzt waren,
in meinem Zimmer htte vorfinden mssen. Ich muss gestehen, dass sich
nur _eine_ einfand. Folgte sie den im Bienenstock empfangenen
Anweisungen, oder war es reiner Zufall? Die Beobachtung war nicht
ausreichend genug, aber die Umstnde verstatteten nicht, sie
fortzusetzen. Ich liess die Bienen wieder frei, und alsbald war mein
Arbeitszimmer voll von der summenden Menge, der sie in ihrer gewohnten
Weise den Weg zum Schatze gewiesen hatten.[5]

                   *       *       *       *       *

Aber auch ohne aus diesem unvollkommenen Versuch Schlsse zu ziehen,
sieht man sich zu der Annahme gezwungen, dass die Bienen in geistigen
Beziehungen zu einander stehen, die ber ein blosses Ja und Nein oder
jene elementaren Mitteilungen, die durch Geberde oder Vorbild entstehen,
weit hinausgehen. Man braucht nur die rhrende Harmonie ihrer Arbeiten
im Bienenstock, die berraschende Arbeitsteilung und die regelmssige
Ablsung in der Arbeit zu bedenken. Ich habe oft beobachtet, wie die
Beutemacherinnen, die ich am Morgen betupft hatte, ausser bei
ungewhnlichem Blumenreichtum Nachmittags damit beschftigt waren, das
Brutnest auszulften oder zu bebrten; andere fand ich unter der
Schaar wieder, die jene geheimnisvollen, wie tot dahngenden Ketten
bildet, in deren Mitte die Wachszieherinnen und Steinmetze arbeiten.
Ebenso habe ich beobachtet, wie die Arbeiterinnen einen ganzen Tag lang
Pollen eintrugen, am nchsten Tage dagegen ausschliesslich Nektar und
umgekehrt.

Schliesslich wre noch eine Erscheinung zu bercksichtigen, die der
berhmte franzsische Bienenzchter Georges de Layens die Verteilung
der Bienen auf die honigspendenden Pflanzen nennt. Allmorgendlich, wenn
die Sonne aufgeht und die mit dem Morgenrot ausgesandten Sprbienen
zurckkehren, erhlt der erwachende Bienenstock sichere Nachrichten von
draussen. Heute blhen die Linden an den Kanalufern. Der Weissklee
leuchtet durch das Gras am Wege. Steinklee und Salbei sind im
Aufblhen. Lilien und Reseda strmen von Pollen ber. Da heisst es,
sich schnell zusammenthun, Massregeln ergreifen und die Arbeit
einteilen. Fnftausend von den strksten werden hinauf zu den
Lindenwipfeln fliegen, dreitausend jngere den Weissklee besuchen. Die
einen fahndeten gestern auf den Nektar der Blumenkelche, heute sollen
sie ihre Zunge und die Drsen des Honigmagens schonen; sie werden den
roten Reseda-Pollen, den gelben Pollen der grossen Lilien eintragen,
denn nie wird man eine Biene Pollen von verschiedenen Blumensorten und
verschiedener Farbe ernten oder vermischen sehen, und das methodische
Sortieren der einzelnen Arten dieses schnen duftigen Mehls, je nach
Farbe und Herkunft, bildet eine der Hauptbeschftigungen im Stocke
selbst. So werden die Befehle von einem verborgenen Geiste ausgegeben,
und alsbald kommen die Arbeiterinnen in langen Zgen hervor, um jede
unbeirrt ihrer Aufgabe entgegenzufliegen. Anscheinend, sagt de Layens,
sind die Bienen genau informiert ber Standort, Honiggehalt und
Entfernung aller honigtragenden Pflanzen in einem gewissen Umkreise um
den Bienenstock. Merkt man sich genau die Richtung, welche die
Beutemacherinnen einschlagen, und kann man die Ernte, die sie von den
verschiedenen Pflanzen der Umgegend eintragen, methodisch beobachten, so
stellt sich heraus, dass die Arbeitsbienen sich sowohl nach der
Quantitt der Pflanzen einer Art, wie nach ihrem Honigreichtum in die
verschiedenen Blumen teilen. Mehr noch: sie schtzen tglich ab, welcher
Zuckersaft der beste zum Einernten ist. Wenn z. B. nach Abblhen der
Sahlweiden noch nichts auf den Feldern erblht ist und die Bienen auf
die ersten Waldblumen angewiesen sind, so kann man sie beim regen
Besuche von Anemonen, Schlsselblumen, Narzissen und Veilchen sehen. Ein
paar Tage darauf, wenn die Raps- und Kohlfelder in gengender Menge
erblht sind, sieht man sie ihre Waldblumen fast vollstndig verlassen,
obschon sie noch in voller Blte stehen, und sich ganz den Raps- und
Kohlblten widmen. So verteilen sie sich tglich auf die Pflanzen, die
in mglichst kurzer Zeit den besten Zuckersaft liefern. Man kann also
sagen, das Bienenvolk weiss sowohl in seinen Erntearbeiten, wie im
Innern des Bienenstocks eine rationelle Verteilung der Arbeitsbienen
vorzunehmen und zwar unter strikter Anwendung des Prinzips der
Arbeitsteilung.

                   *       *       *       *       *

Aber, wird man sagen, was liegt uns daran, ob die Bienen mehr oder
minder intelligent sind? Warum mit soviel Sorgfalt eine kleine, fast
unsichtbare Spur der Materie verfolgen, als handelte es sich um ein
Fluidum, von dem die Geschicke der Menschheit abhingen? Ohne zu
bertreiben: ich glaube, das Interesse, das wir hieran nehmen, ist nicht
genug zu schtzen. Indem wir ausser uns eine wirkliche Spur von
Intelligenz finden, empfinden wir etwas von dem seltsamen Schauder
Robinsons, als er den Eindruck eines menschlichen Fusses im Strandsande
seiner Insel fand. Es scheint uns, dass wir weniger allein sind, als wir
whnten. Wenn wir uns ber die Intelligenz der Bienen klar zu werden
versuchen, so erforschen wir im Grunde genommen das Kostbarste unseres
eigenen Wesens in ihnen und suchen ein Atom jenes seltenen Stoffes, der
berall, wo er hervortritt, die wunderbare Gabe hat, die blinden
Notwendigkeiten umzuformen und zu organisieren, das Leben zu verschnen
und zu mehren und der hartnckigen Macht des Todes, dem grossen
gedankenlosen Strome, der fast Alles, was besteht, in ewiger
Unbewusstheit dahintrgt, ein sinnflliges Halt zu gebieten.

Wren wir im Alleinbesitz eines Teiles dieser Kraft in dem besonderen
Blte- und Glanzzustande, den wir Intelligenz nennen, so htten wir
einiges Recht darauf, uns fr bevorzugt zu halten und uns einzubilden,
dass die Natur ein Ziel in uns erreicht; aber da ist nun eine ganze
Kategorie von Wesen: die Honigwespen, in denen sie fast dasselbe Ziel
erreicht. Dies entscheidet nichts, wenn man will, aber die Thatsache
nimmt doch einen Ehrenplatz ein in der Menge der kleinen Thatsachen, die
zur Klrung unserer Lage auf Erden beitragen. Hier findet sich eine
Parallel-Erscheinung fr den unentzifferbarsten Teil unseres Wesens,
eine Ablagerung von Schicksalen, die wir von einem hheren Standpunkt
aus berschauen, als wir es fr die Geschicke der Menschheit je
vermchten. Hier finden sich mit einem Worte die grossen, einfachen
Linien, die wir in unserm eigenen, unverhltnismssig grsseren
Wirkungskreis weder aufdecken, noch bis zu Ende verfolgen knnen. Hier
findet sich Geist und Materie, Art und Individuum, Entwickelung und
Beharren, Vergangenheit und Zukunft, Leben und Tod auf einen Raum
zusammengeschaart, den wir mit der Hand umspannen und mit einem Blick
berschauen knnen, und es drngt sich die Frage auf: hat die grssere
Ausdehnung unseres Krpers in Raum und Zeit wirklich soviel Einfluss auf
die geheimen Plne der Natur, die wir im Bienenstock mit seiner kurzen,
nach Tagen zhlenden Geschichte zu erforschen suchen, wie in unserer
grossen Menschheitsgeschichte, wo drei Geschlechter ein ganzes
Jahrhundert ausfllen.

                   *       *       *       *       *

Nehmen wir die Geschichte unseres Bienenstockes also wieder auf, wo wir
sie fallen gelassen hatten, und versuchen wir eine der Falten des
geheimnisvollen Vorhanges zu lften, von dem jene seltsame Ausschwitzung
herabzutrufen beginnt, die fast so weiss ist wie Schnee und leichter
als Daunenfedern. Denn das Wachs ist im Augenblick seiner Entstehung
anders als in dem allbekannten Zustand, in dem wir es finden; es ist
fleckenlos und leicht wie Luft; es scheint wirklich die Seele des Honigs
zu sein, der seinerseits wieder der Geist der Blumen ist, und wird durch
eine regungslose Beschwrung hervorgezaubert, um spterhin in unseren
Hnden, gewiss im Angedenken an seinen Ursprung, in dem so viel
Himmelsblue, soviel keuscher und segenspendender Wohlgeruch liegt, zur
duftenden Kerze unserer Totenbahre zu werden.

                   *       *       *       *       *

Es ist sehr schwer, die verschiedenen Phasen der Wachsbildung und des
Wachsbaues bei einem Volke, das zu bauen beginnt, zu verfolgen. Es
vollzieht sich alles in der Enge des Schwarmes, der sich immer dichter
zusammenschliesst, um die zu seiner Ausschwitzung erforderliche
Temperatur zu erzeugen; diese Ausschwitzung selbst ist das Vorrecht der
jngsten Bienen. Huber, der sie zuerst mit unsglicher Geduld studiert
hat, nicht ohne bisweilen in ernste Gefahr zu geraten, widmet diesem
Vorgang mehr als 250 spannende, aber notwendigerweise zusammenhangslose
Seiten. Ich, der ich kein technisches Werk schreibe, beschrnke mich
darauf, unter gelegentlicher Benutzung seiner trefflichen Beobachtungen
nur das zu berichten, was jeder beobachten kann, wenn er einen Schwarm
in einen mit Glaswnden versehenen Beobachtungskasten einschlgt.

Zunchst muss man gestehen, dass wir noch nicht wissen, durch welchen
chemischen Vorgang der Honig in dem rtselreichen Krper unserer
regungslos dahngenden Bienenketten sich in Wachs umformt. Man kann nur
feststellen, dass nach einer Wartezeit von achtzehn bis zu
vierundzwanzig Stunden und bei einer so hohen Temperatur, dass man
glauben mchte, der Bienenstock glhte innerlich, weisse durchsichtige
Schuppen aus den vier kleinen Taschen auf jeder Seite des Hinterleibes
der Bienen hervortreten.

Sobald die Mehrzahl derer, welche den hngenden Kegel bilden, diese
Elfenbeinblttchen am Hinterleib trgt, sieht man eine von ihnen, als ob
sie einer pltzlichen Erleuchtung folgte, sich mit einem Male von der
Menge ihrer Schwestern ablsen, ber die ruhig dahngende Masse
hinwegklettern und den hchsten Punkt der inneren Kuppel erklimmen. Hier
angekommen, hngt sie sich fest auf, indem sie die Nachbarinnen, die ihr
in ihren Bewegungen hinderlich sind, mit dem Kopfe beiseite schiebt.
Dann packt sie mit Fssen und Mund eines der acht Plttchen ihres
Hinterleibes, beschneidet und hobelt es, dehnt und durchkaut es mit
ihrem Speichel, biegt und reckt es, zerdrckt und stellt es wieder her,
wie ein geschickter Tischler, der eine kunstvolle Lade zimmert. Endlich
scheint ihr das durchgekaute Wachs die richtige Form und Haltbarkeit zu
haben, und sie klebt es in der Spitze der Kuppel an: es ist die
Grundsteinlegung der neuen Stadt, oder vielmehr die des Schlusssteins,
denn es handelt sich hier um eine umgekehrte Stadt, die vom Himmel
herabwchst, statt von der Erde empor, wie eine Menschenstadt.

Dies geschehen, klebt sie an den im Leeren hngenden Schlussstein neue
Wachsstckchen, die sie einzeln unter ihren Hornringen hervorzieht,
giebt dem Ganzen die letzte Feile mit der Zunge und den Fhlern, und
verschwindet darauf ebenso pltzlich, wie sie gekommen ist, in der
Menge. Sofort tritt eine andre an ihre Stelle, setzt die Arbeit fort, wo
jene sie liegen gelassen hat, fgt das ihrige hinzu, verbessert, was ihr
mit dem Idealplan des Volkes nicht bereinzustimmen scheint, und
verschwindet dann gleichfalls, whrend eine dritte, eine vierte und
fnfte ihr unerwartet und pltzlich folgen, keine das Werk vollendend,
aber alle ihr Scherflein zum allgemeinen Wohle beitragend.

                   *       *       *       *       *

Bald hngt ein kleiner, noch ungestalter Wachszipfel von der Decke
herab. Sobald er ihnen die ntige Dicke zu haben scheint, sieht man aus
der hngenden Traube eine andere Biene auftauchen, deren krperliche
Erscheinung von der der ihr vorangegangenen Grnderinnen merklich
absticht. Wenn man die Sicherheit ihres Auftretens und die Erwartung der
sie umgebenden Schwestern sieht, so knnte man meinen, dass es eine
erleuchtete Baumeisterin ist, die den Plan der ersten Zelle, welche die
Lage aller anderen mathematisch nach sich zieht, im Leeren entwirft.
Jedenfalls aber gehrt sie zu der Klasse der Steinmetze und Bauleute,
die kein Wachs hervorbringen, sondern das ihnen gelieferte Material nur
bearbeiten. Sie whlt also den Platz fr die erste Zelle aus, grbt eine
Vertiefung in den Wachsblock und zieht das Wachs, das sie aus dem Boden
herausgrbt, nach den Rndern zu aus, die allmhlich rings um die Grube
entstehen. Dann lsst sie, ganz wie die Grnderinnen, ihr angefangenes
Werk pltzlich liegen, eine ungeduldige Arbeiterin tritt an ihre Stelle
und fhrt ihre Arbeit weiter, und eine dritte vollendet sie, whrend
andere rechts und links davon nach derselben Methode der
Arbeitsunterbrechung und Fortsetzung den Rest der Wachsflche und die
andere Seite der Wachswand bearbeiten. Man mchte sagen, dass ein
wesentliches Gesetz des Bienenstaates den Arbeitsstolz verteilt und dass
jedes Werk gemeinsam und namenlos sein muss, um desto brderlicher zu
sein.

                   *       *       *       *       *

Bald lsst sich die werdende Wabe erkennen. Sie ist einstweilen noch
linsenfrmig, denn die kleinen prismatischen Wachsrhren, aus denen sie
besteht, sind ungleich lang und nehmen in regelmssiger Verjngung von
der Mitte nach den Enden zu ab. Sie hat jetzt fast das Aussehen und die
Strke einer menschlichen Zunge, die auf ihren beiden Breitseiten aus
sechseckigen, mit den Seiten aneinander stossenden und mit den Bden
sich berhrenden Zellen besteht.

Sobald die ersten Zellen fertig sind, heften die Grnderinnen einen
zweiten, dann einen dritten und vierten Wachsblock an die Wlbung an,
und zwar mit regelmssigen, wohl berechneten Zwischenrumen, sodass,
wenn die Tafeln ihre volle Strke erreichen, was allerdings erst viel
spter eintritt, die Bienen immer Platz genug behalten, um zwischen den
Parallelwnden durchzugehen.

Sie mssen also einen bestimmten Plan vor Augen haben, in dem die
endgiltige Strke jeder Tafel (22 bis 23 mm) vorgesehen ist, desgleichen
die Breite der trennenden Strassen, die etwa 11 mm betragen muss, d. h.
die doppelte Hhe einer Biene, denn sie mssen zwischen den Tafeln
Rcken an Rcken an einander vorber.

brigens sind sie nicht unfehlbar, und ihre Sicherheit hat nichts
mechanisches. Unter schwierigen Verhltnissen machen sie manchmal recht
bedeutende Fehler. Bisweilen ist zuviel Zwischenraum zwischen den
Tafeln, oft auch zu wenig. Sie suchen dem spter abzuhelfen, so gut es
geht, sei es, dass sie die zu eng herangerckte Tafel schrg weiter
fhren, oder in den zu grossen Zwischenraum eine Zwischenwabe einbauen.
Bisweilen geschieht es, dass sie sich tuschen, sagt Raumur in
Hinblick hierauf, und gerade das scheint zu beweisen, dass sie
urteilen.

                   *       *       *       *       *

Wie bekannt, bauen die Bienen viererlei Zellen. Erstens die
Kniginnenzellen von ungewhnlicher Bauart, wie Eicheln aussehend,
zweitens die gerumigen Zellen zur Aufziehung der Drohnen und zum
Aufspeichern von Vorrten in der Haupttrachtzeit, ferner die kleinen
Zellen, die zur Erziehung der Arbeitsbienen und als gewhnliche Speicher
dienen und unter normalen Verhltnissen acht Zehntel des Baues
einnehmen, und endlich, um zwischen den grossen und kleinen Zellen eine
ordnungsmssige Verbindung herzustellen, eine Zahl von bergangszellen.
Abgesehen von der unvermeidlichen Unregelmssigkeit der letzteren, sind
die Dimensionen des zweiten und dritten Typus so gut berechnet, dass
Raumur, als das Dezimalsystem festgesetzt wurde und man in der Natur
nach einem festen Maasse suchte, das zum unumstsslichen Normalmaass
erhoben werden konnte, die Bienenzelle vorschlug.[6]

Jede dieser Zellen bildet eine sechseckige Rhre mit pyramidaler Basis,
und jede Wabe besteht aus zwei Schichten dieser Rhren, die mit der
Basis gegen einander liegen, und zwar derart, dass jeder der drei
Rhomben, welche die pyramidale Basis einer Zelle der Vorderseite bilden,
auch drei Zellen der Rckseite zur Basis dient.

In diese prismatischen Rhren wird der Honig eingetragen. Um zu
vermeiden, dass er in der Zeit des Ausreifens herausfliesst, was
unvermeidlich eintreten wrde, wenn sie, wie es den Anschein hat, genau
horizontal lgen, geben die Bienen ihnen ein leichtes Geflle von vier
bis fnf Winkelgraden.

Ausser der Wachsersparnis, sagt Raumur im Hinblick auf das
Gesamtgefge dieses Wunderbaus, ausser der Wachsersparnis, die durch
die Anordnung der Zellen erreicht wird, und abgesehen davon, dass die
Bienen mit Hilfe dieser Anordnung die ganzen Tafeln anfllen, ohne eine
Lcke zu lassen, fhrt dieselbe auch zu einer grsseren Haltbarkeit des
Baues. Der Bodenwinkel jeder Zelle, die Spitze der pyramidenfrmigen
Vertiefung, findet ein Widerlager in der Spitze zweier Ecken des
Sechsecks einer andern Zelle. Die beiden Dreiecke oder Fortsetzungen der
hexagonalen Seitenwnde, die einen der ausspringenden Winkel der von den
drei Rhomben begrenzten Vertiefung ausfllen, bilden mit einander einen
Flchenwinkel an ihrer Berhrungsseite; jeder dieser Winkel, der im
Innern der Zelle konkav ist, sttzt mit seiner konvexen Kante eine der
Kanten des Sechsecks einer anderen Zelle, und diese Kante bt ihrerseits
wieder einen Gegendruck, ohne den der Winkel nach aussen getrieben
wrde; derart sind alle Kanten verstrkt. Alles, was man von der
Haltbarkeit jeder einzelnen Zelle verlangen knnte, wird somit durch die
Form der Zellen sowohl, wie durch die wechselseitige Anordnung derselben
erreicht.

Die Mathematiker, sagt Dr. Reid, wissen, dass es nur drei Arten von
Figuren giebt, um eine Flche in kleine Teile von regelmssiger Form und
gleicher Grsse ohne Zwischenraum zu teilen. Es sind dies: das
gleichseitige Dreieck, das Quadrat und das gleichseitige Sechseck, das
in Hinsicht auf die Bauart der Zellen vor den beiden anderen Figuren
durch grssere Bequemlichkeit und Widerstandskraft den Vorrang verdient.
Desgleichen besteht der Zellenboden aus drei in der Mitte
zusammenstossenden Flchen, und es ist bewiesen worden, dass diese
Bauart eine betrchtliche Arbeits- und Materialersparnis mit sich
bringt. Es war auch die Frage, welcher Neigungswinkel der Flchen zu
einander der grssten Ersparnis entspricht, ein Problem der hheren
Mathematik, das von einigen Gelehrten, u. a. Maclaurin S., gelst worden
ist, man findet die Lsung dieses Gelehrten in den Berichten der
kniglichen Gesellschaft zu London.[7] Nun aber entspricht der derart
errechnete Winkel dem Bodenwinkel der Bienenzellen.

                   *       *       *       *       *

Gewiss, ich glaube es nicht, dass die Bienen diese komplizierten
Berechnungen angestellt haben, aber ich glaube ebensowenig, dass der
blosse Zufall oder die Gewalt der Dinge zu so erstaunlichen Resultaten
fhren. Fr die Wespen, welche ebenfalls Tafeln mit sechseckigen Zellen
bauen, war das Problem dasselbe, und sie haben es doch auf weit weniger
sinnreiche Art gelst. Ihre Zellen sind nur einfach gelagert und
besitzen somit keinen gemeinsamen Boden, wie die doppelseitige
Bienenwabe. Daher besitzen sie auch weniger Haltbarkeit und
Regelmssigkeit und verursachen einen Zeit-, Raum- und Materialverlust,
der etwa ein Viertel der unumgnglichen Arbeit und ein Drittel des
notwendigen Raumes darstellt. Desgleichen bauen die Trigonen und
Meliponen, die wirkliche Hausbienen sind, doch auf einer niedrigeren
Kulturstufe stehen, ihre Zellen nur ein Stockwerk hoch und verbinden die
horizontalen, ber einander liegenden Stockwerke durch unfrmige,
zeitraubende Wachssulen. Ihre Vorratszellen oder Honigtpfe sind
grosse, regellos neben einander sitzende Schluche und werden von den
Meliponen, jeder Raum- und Materialersparnis zum Trotze, zwischen die
Tafeln des regulren Wachsbaues eingeschoben. Und so machen denn ihre
Nester, im Vergleich zu der mathematisch gebauten Stadt unserer
Hausbienen, den Eindruck eines Marktfleckens von primitiven Htten neben
einer jener unerbittlich regelmssigen Stdte, die das vielleicht
reizlose, aber der menschlichen Logik mehr entsprechende Resultat eines
immer hrter gewordenen Kampfes gegen Zeit, Raum und Materie sind.

Nach einer landlufigen, brigens von Buffon wieder aufgewrmten Theorie
sollen die Bienen gar nicht die Absicht haben, sechseckige Cylinder mit
pyramidaler Basis zu bauen; sie wollen nur runde Zellen in das Wachs
eingraben, aber ihre Nachbarinnen und die auf der anderen Seite der
Tafel arbeitenden graben zu gleicher Zeit mit der gleichen Absicht die
gleichen Zellen, und folglich nehmen diese an den Berhrungsstellen
notwendigerweise eine sechseckige Form an. Dasselbe, sagt man, findet
bei den Krystallen, den Schuppen gewisser Fische, den Seifenblasen u. s.
w. statt. Es findet gleichfalls bei folgendem, von Buffon
vorgeschlagenem Experiment statt. Man flle, sagt er, ein Gefss mit
Erbsen oder einer anderen, cylindrischen Hlsenfrucht, giesse soviel
Wasser hinein, als zwischen den Krnern Platz ist, schliesse es und
lasse es kochen. Alle diese cylindrischen Krner werden zu sechsseitigen
Sulen werden. Der Grund ist leicht ersichtlich, er ist rein
mechanischer Natur. Jedes Korn von cylindrischer Form hat beim
Aufquellen die Tendenz, sich in einem gegebenen Raume so weit wie
mglich auszudehnen; sie werden durch den wechselseitigen Druck also
notwendiger Weise smtlich sechseckig. Ebenso sucht jede Biene in einem
gegebenen Raume soviel Platz wie mglich zu erlangen, und da der Krper
der Bienen cylindrisch ist, so _mssen_ ihre Zellen ebenfalls
sechsseitig werden, eben infolge des wechselseitigen Widerstandes. --

                   *       *       *       *       *

In der That sind dies wechselseitige Widerstnde von wunderbarer
Wirkung, ebenso wie die Laster der einzelnen Menschen eine gemeinsame
Tugend hervorbringen, die gengt, um der menschlichen Gattung, die in
ihrem Individuum oft hassenswert ist, jedes Odium zu nehmen. Zunchst
knnte man mit Brougham, Kirby, Spence u. a. Gelehrten antworten, dass
das Experiment mit den Seifenblasen und Erbsen nichts beweist, denn in
beiden Fllen fhrt der wechselseitige Druck nur zu ganz unregelmssigen
Formen und erklrt jedenfalls nicht die Ursache des prismatischen
Zellenbodens. Vor allem aber knnte man entgegnen, dass es mehr als eine
Art giebt, aus den blinden Notwendigkeiten sein Teil zu ziehen. Z. B.
kommen die Papierwespen, die Erdhummeln, die Meliponen und Trigonen
Mexikos und Brasiliens bei gleichen Umstnden und gleichem Zweck zu ganz
anderen und offenbar minderwertigen Ergebnissen. Endlich knnte man
sagen, dass die Bienenzellen, wenn sie den Gesetzen der Krystalle, des
Schnees, der Seifenblasen und der gekochten Erbsen Buffons unterworfen
sind, durch ihre allgemeine Symmetrie, ihre Anordnung in doppelseitigen
Waben, ihre berechnete Neigung u. s. w. gleichzeitig noch vielen anderen
Gesetzen gehorchen, welche die tote Materie nicht kennt.

Man knnte schliesslich noch hinzufgen, dass der menschliche Geist sich
auch in der Form befindet, in der er aus den gleichen Notwendigkeiten
sein Teil zieht, und dass uns diese Form nur darum als die bestmgliche
erscheint, weil wir keinen Beurteiler ber uns haben. Aber es ist
besser, die Thatsachen selbst reden zu lassen, denn um einer Einwendung
zu begegnen, die aus einem Experiment gezogen ist, giebt es nur ein
Mittel: ein Gegenexperiment.

Um mich also zu vergewissern, dass der sechsseitige Bau der Zellen
wirklich in den Geist der Bienen eingeschrieben ist, habe ich eines
Tages aus der Mitte einer Wabe, und zwar an einer Stelle, wo sich
Brutzellen und Honigbau befanden, ein rundes Stck von der Grsse eines
Fnffrankenstcks herausgeschnitten. Nachdem ich dieses Stck in der
Mitte durchgeteilt hatte, wo die pyramidalen Zellenbden aneinander
stossen, legte ich auf die Schnittflche der einen Hlfte ein
Zinnblttchen von demselben Umfange und stark genug, dass die Bienen es
nicht verbiegen konnten. Dann setzte ich den Ausschnitt wieder ein. Die
eine Wabenseite war also ganz normal, da der Schaden derart repariert
war, die andre dagegen enthielt ein grosses Loch, dessen Boden aus einer
Zinnscheibe bestand, und in dem etwa dreissig Zellen fehlten. Die Bienen
waren zunchst ganz verblfft, kamen massenhaft herbei, um den
unglaublichen Abgrund zu prfen und zu erforschen, und liefen mehrere
Tage ratlos herum, ohne zu einem Entschluss kommen zu knnen. Da ich sie
aber jeden Abend stark ftterte, kam schliesslich ein Augenblick, wo sie
keine Zellen mehr frei hatten, um ihre Vorrte zu bergen. Wahrscheinlich
erhielten die grossen Baumeister, die Steinmetze und Wachszieherinnen
nun Befehl, den unntzen Abgrund nutzbar zu machen. Eine dicke Kette von
Wachsbereiterinnen bildete sich um das Loch, um die ntige Wrme zu
erzeugen, andere kletterten hinein und begannen die Metallscheibe mit
kleinen Wachsleisten in regelmssigen Abstnden ringsherum an den Ecken
der angrenzenden Zellen zu befestigen. Dann gingen sie an die Errichtung
von drei oder vier Zellen in dem oberen Halbkreise der Scheibe, und zwar
im Anschluss an die kleinen Leisten. Jede dieser bergangszellen war am
usseren Rande mehr oder weniger unregelmssig gebaut, um sich dem
ursprnglichen Bau anzuschliessen, aber die untere Hlfte bildete auf
der Zinnscheibe stets drei genau abgezirkelte Winkel, und es entstanden
bereits drei kleine gerade Linien, welche die erste Hlfte der nchsten
Zelle andeuteten.

Nach 48 Stunden war die ganze Zinnscheibe mit angefangenen Zellen
bedeckt, obschon hchstens drei Bienen in der engen ffnung bauen
konnten. Die Zellen waren zwar unregelmssiger, als bei gewhnlichem
Bau, und die Knigin htete sich wohl, als sie dieselben untersucht
hatte, sie zu bestiften, denn die Brut, die daraus entstanden wre,
wrde sehr unregelmssig ausgefallen sein. Aber sie waren alle
vollstndig sechseckig, ohne eine krumme Linie, eine abgerundete Ecke,
wiewohl alle gewhnlichen Voraussetzungen verndert waren. Die Zellen
waren nicht, wie bei Hubers Beobachtung, in einen Wachsblock
eingegraben, noch, wie nach Darwins Beobachtung, in einem Wachszipfel
angelegt, erst kreisfrmig und dann durch den Gegendruck derer
Nachbarzellen sechseckig. Es war keine Rede von wechselseitigen
Widerstnden, denn sie entstanden eine nach der andern und ihre kleinen
Anfangslinien entstanden frei auf eine Art von tabula rasa. Es scheint
also festzustehen, dass das Sechseck nicht das Resultat mechanischen
Druckes ist, sondern vielmehr der Absicht und Erfahrung, der Intelligenz
und dem Willen der Bienen entspringt. Nebenbei gesagt, beobachtete ich
noch einen anderen merkwrdigen Zug ihres Scharfsinns: die auf die
Metallscheibe gebauten Zellen hatten keinen Wachsboden. Die Baumeister
des Volkes hatten also augenscheinlich festgestellt, dass das Zinn stark
genug war, um Flssigkeiten abzudmmen, und darum hatten sie es nicht
fr ntig erachtet, es mit Wachs zu berziehen. Doch als kurz darauf ein
paar Honigtropfen in zwei dieser Zellen gebracht wurden, bemerkten sie
wahrscheinlich, dass sich der Honig bei Berhrung mit dem Metall mehr
oder weniger vernderte. Sie liessen sich dies also gesagt sein und
berzogen die ganze Zinnflche mit Wachs.

                   *       *       *       *       *

Wollten wir alle die Geheimnisse dieser geometrischen Bauweise ans Licht
ziehen, so mssten wir mehr als eine seltsame Frage errtern, z. B. die
Form der ersten, an das Dach des Bienenstockes angehefteten Zellen,
welche so gebaut sind, dass sie dieses Dach an mglichst vielen Stellen
berhren.

Man msste auch sein Augenmerk nicht sowohl auf die Anlage der grossen
Strassen lenken, die durch den Parallelismus der Waben bedingt wird, als
vielmehr auf die Verteilung der Gassen und Durchgnge, die hin und
wieder durch die Tafeln hindurch oder um sie herum ausgespart sind, um
den Verkehr zu erleichtern und Luftwege zu schaffen, und die durch ihre
geschickte Anlage sowohl grosse Umwege wie zu grosses Gedrnge
verhindern.

Endlich msste man die Bauart der bergangszellen und die wunderbare
Einmtigkeit studieren, mit der die Bienen ihre Zellen in einem
gegebenen Augenblick erweitern, sei es, dass die Ernte besonders
ergiebig ausfllt und grssere Gefsse erheischt, sei es, dass sie die
Volkszahl fr stark genug halten oder die Aufziehung von Drohnen
notwendig wird. Zugleich msste man die kluge Sparsamkeit und
harmonische Sicherheit bewundern, mit der sie in solchen Fllen von den
kleinen Zellen zu grossen und von den grossen zu kleinen, von der
vollendeten Symmetrie zu einer unvermeidlich unsymmetrischen Bauart
bergehen, um alsbald, wenn die Gesetze ihrer lebendigen Mathematik es
erlauben, zur idealen Regel zurckzukehren, ohne eine Zelle zu
verlieren, ohne in der Flucht ihrer Bauten ein aufgegebenes, kindliches,
unreifes und barbarisches Stadtviertel, einen unbrauchbaren Bezirk zu
hinterlassen. Aber ich frchte, ich habe mich schon in viele belanglose
Einzelheiten verloren, wenigstens sind sie belanglos fr einen Leser,
der vielleicht nie mit eigenen Augen einen Bienenschwarm gesehen hat
oder sich nur im Vorbeigehen dafr interessiert, wie wir im Vorbeigehen
an einer Blume, einem Vogel, einem seltenen Steine Gefallen finden, ohne
etwas anderes zu verlangen, als eine kleine, oberflchliche Gewissheit,
und ohne uns genugsam zu sagen, dass das geringste Geheimnis eines
Dinges, das wir in der aussermenschlichen Natur erblicken, an dem tiefen
Rtsel unseres Ursprunges und Zweckes vielleicht einen unmittelbareren
Anteil hat, als das Geheimnis unserer glhendsten und mit besonderer
Vorliebe erforschten Leidenschaften.

                   *       *       *       *       *

Um diese Studie nicht unntig zu beschweren, bergehe ich auch die
erstaunliche Thatsache, dass die Bienen die Rnder ihrer Waben bisweilen
abtragen und zerstren, wenn sie dieselben erweitern oder verlngern
wollen. Man wird mir freilich zugeben, dass zerstren, um neu zu bauen,
vernichten, was man geschaffen hat, um es noch einmal und zwar
regelmssiger zu machen, eine eigentmliche Spaltung des blinden
Instinkts voraussetzt. Ich bergehe ferner einige bemerkenswerte
Experimente, bei denen man sie zwingen kann, ihre Waben kreisfrmig,
oval oder in ganz bizarren Formen anzulegen; ebenso will ich nicht
weiter errtern, auf welche sinnreiche Weise sie es fertig bringen, dass
die erweiterten Zellen der konvexen Seite mit denen der konkaven Seite
der Tafel bereinstimmen. Nur mchte ich, ehe ich diesen Gegenstand
verlasse, einen Augenblick dabei verweilen, auf welche geheimnisvolle
Weise sie ihre Arbeit in Einklang setzen und ihre Massregeln ergreifen,
wenn sie zu gleicher Zeit und ohne sich zu sehen, auf beiden Seiten
einer Tafel arbeiten. Man halte eine dieser Tafeln gegen das Licht, und
man wird aus dem durchsichtigen Wachs ein ganzes Netz von Prismen mit
haarscharfen Spitzen und Kanten, ein ganzes System von Konstruktionen
mit scharfen Schattenlinien hervortreten sehen, die so sicher gefhrt
sind, als wren sie in Stahl getzt.

Ich weiss nicht, ob sich jemand, der nie einen Blick in das Innere eines
Bienenstockes geworfen hat, die Anordnung und das Aussehen der Waben
richtig vorstellen kann. Man denke sich also, um den burischen
Bienenstock zu nehmen, in dem die Biene sich vllig selbst berlassen
ist, einen Stroh- oder Weidenkorb. Dieser Korb ist von oben bis unten in
fnf, sechs, acht, bisweilen auch zehn genau parallele Wachstafeln
geteilt, die wie grosse durchgeschnittene Brote aussehen und sich von
der Spitze des Bienenstockes bis auf den Boden herab ziehen, indem sie
sich der ovalen Form seiner Wnde genau anschmiegen. Zwischen je zwei
dieser Tafeln ist ein Raum von einer Zellenhhe ausgespart, in dem die
Bienen sich aufhalten und gehen. In dem Augenblicke, wo oben in der
Spitze des Bienenstockes mit dem Bau einer dieser Tafeln begonnen wird,
ist die angefangene Wachswand, die spter ausgezogen und verdnnt wird,
noch sehr stark und trennt die fnfzig oder sechzig Bienen, die auf der
Vorderseite arbeiten, vollstndig von den ebensovielen Bienen, die die
Rckwand ausmeisseln, sodass sie sich gegenseitig nicht sehen knnen,
vorausgesetzt, dass ihre Augen nicht die Gabe haben, die dunkelsten
Krper zu durchdringen. Nichtsdestoweniger grbt keine Biene der
Vorderseite ein Loch oder klebt ein Wachsstck an, das nicht einer Aus-
oder Einbuchtung auf der anderen Seite entsprche und umgekehrt. Wie
fangen sie das an? Wie kommt es, dass die eine nicht zu tief und die
andere nicht zu flach grbt? Wie kommt es, dass alle Winkel der Rhomben
stets so wunderbar zusammentreffen? Wer sagt ihnen, hier anzufangen und
dort aufzuhren? Wir mssen uns wieder einmal mit der Antwort begngen,
die keine Antwort ist: Das ist ein Mysterium des Bienenstocks. Huber
hat versucht, dieses Geheimnis zu erklren; er hat gesagt, sie riefen
durch den Druck ihrer Fsse oder ihrer Zhne in gewissen Abstnden
leichte Ausbuchtungen auf der entgegengesetzten Seite hervor, oder sie
berzeugten sich von der grsseren oder geringeren Strke der Wachswand
durch den Grad der Biegsamkeit, Elastizitt oder einer anderen
physischen Eigenschaft des Wachses, oder auch, ihre Fhler schienen zur
Untersuchung der zartesten, fernsten Umrisse gemacht und dienten ihnen
zum Kompass im Unsichtbaren, oder endlich, die Lage aller Zellen ergbe
sich mit mathematischer Genauigkeit aus Anlage und Grssenverhltnissen
der obersten Zellen, ohne dass es anderweitiger Maassnahmen bedrfte.
Aber diese Erklrungen sind, wie man sieht, unzulnglich. Die ersteren
sind unbeweisbare Hypothesen, und die anderen geben dem Mysterium nur
einen anderen Namen. Und wenn es auch gut ist, mit den Mysterien so oft
wie mglich einen Namens- und Ortswechsel vorzunehmen, so darf man sich
doch nicht dem Irrglauben hingeben, dass solch ein Ortswechsel
hinreichte, um sie zu zerstren.

                   *       *       *       *       *

Verlassen wir endlich die eintnigen Tafeln und die geometrische Einde
der Zellen. Hier sind fertige Waben, die bewohnt werden knnen. Wenn
auch nur verschwindend Kleines sich zu verschwindend Kleinem fgt, ohne
scheinbare Aussicht auf Fortschritt, und unser Auge, das so wenig sieht,
hinblickt, ohne etwas zu sehen, so bleibt der Wachsbau doch keinen
Augenblick stehen, weder bei Tage noch bei Nacht, vielmehr wchst er mit
ausserordentlicher Geschwindigkeit. Mehr als einmal ist die Knigin
schon durch das Dunkel der wachsbleichen Werksttten gelaufen, und
sobald die ersten Reihen der knftigen Wohnung entstanden sind, ergreift
sie von ihnen Besitz, und mit ihr das Gefolge ihrer Leibwache, ihrer
Beraterinnen und Mgde, denn man kann nicht sagen, ob sie gefhrt oder
begleitet, verehrt oder berwacht wird. An der Stelle angekommen, die
sie fr geeignet hlt oder die ihre Ratgeberinnen ihr bezeichnen, krmmt
sie den Rcken, beugt sich zurck und fhrt das Ende ihres langen,
spindelfrmigen Hinterleibes in eine der Zellen ein, whrend all die
kleinen aufmerksamen Kpfe mit den grossen schwarzen Augen sie
begeistert umringen, ihr die Beine sttzen, die Flgel streicheln und
mit ihren fiebernden Fhlern ber sie hintasten, wie um sie zu
ermutigen, zu drngen und zu beglckwnschen.

Die Stelle, an der sie sitzt, erkennt man leicht; sie bildet in jener
gestirnten Kokarde, oder besser in jener ovalen Brosche, die den
mchtigen Broschen unserer Grossmtter hnelt, den Mittelstein. Es ist
nmlich bemerkenswert, da sich die Gelegenheit, es zu bemerken, hier
bietet, dass die Arbeitsbienen ihrer Knigin niemals den Rcken
zudrehen. Sobald sie einer Gruppe naht, stellen sich alle mit den Augen
und Fhlern gegen sie und gehen rckwrts vor ihr. Es ist dies ein
Zeichen von Ehrfurcht oder vielleicht von Besorgnis, die, so grundlos
sie hier auch scheinen mag, nichtsdestoweniger immer rege und ganz
allgemein ist. Kommen wir indes auf unsere Knigin zurck.

Oft geschieht es bei dem leichten Krampf, der das Eierlegen sichtbar
begleitet, dass eine ihrer Tchter sie in ihre Arme schliesst und Stirn
an Stirn, Mund an Mund, mit ihr zu flstern scheint. Sie bleibt diesen
etwas berschwenglichen Liebesbezeugungen gegenber jedoch ziemlich
gleichgiltig; sie regt sich nie auf, nimmt sich stets Zeit und geht ganz
in ihrem Berufe auf, der fr sie mehr eine Liebeswonne als eine Arbeit
zu sein scheint. Endlich, nach Verlauf einiger Sekunden, richtet sie
sich ruhig wieder auf, macht einen Schritt zur Seite, dreht sich etwas
um und steckt den Kopf in die Nebenzelle, um sich, bevor sie den
Hinterleib in diese einfhrt, zu berzeugen, ob alles in Ordnung ist und
ob sie dieselbe Zelle nicht zweimal bestiftet, whrend zwei oder drei
Bienen aus ihrem Gefolge schnell nacheinander in die von ihr verlassene
Zelle strzen, um nachzusehen, ob das Werk vollbracht ist, und das
kleine bluliche Ei, das sie auf den Boden gesetzt hat, mit ihrer
Frsorge zu umgeben oder richtig hinzustellen.

Von nun an rastet sie bis zu den ersten Herbstfrsten nicht mehr im
Eierlegen; sie legt, whrend sie gefttert wird, und schlft, wenn sie
schlft, im Legen. Sie ist fortan die Verkrperung jener alles
verschlingenden Macht, die jeden Winkel des Stockes ergreift: der
Zukunft. Schritt fr Schritt folgt sie den unglcklichen Arbeitsbienen,
die sich im Bauen der Wiegen erschpfen, welche ihre Fruchtbarkeit
heischt. Man kann auf diese Weise einem Wettkampfe zweier mchtiger
Instinkte folgen, dessen Ausgang auf verschiedene Wunder des
Bienenstockes genug Licht wirft, nicht um sie zu erklren, wohl aber, um
auf sie hinzuweisen.

Es kommt z. B. vor, dass die Arbeitsbienen in ihrer treuen
Hausfrauenfrsorge, die sie Vorrte fr schlechte Zeiten aufspeichern
heisst, einen Vorsprung gewinnen, indem sie die Zellen, die sie der
Habsucht der Gattung abgerungen haben, in aller Eile mit Honig fllen.
Aber die Knigin kommt herbei; die materiellen Gter mssen dem Gedanken
der Art weichen, und die Arbeitsbienen schaffen den lstigen Schatz
voller Verzweiflung hastig bei Seite.

Es kommt auch vor, dass ihr Vorsprung eine ganze Wabe betrgt: dann
haben sie das Symbol der Tyrannei einer Zukunft, die keine von ihnen je
erblicken wird, nicht mehr vor Augen und bauen, sich dies zu Nutze
machend, so schnell wie mglich eine Reihe von grossen, sogenannten
Drohnenzellen, die viel leichter und schneller zu errichten sind. In
dieser undankbaren Zone angelangt, bestiftet die Knigin hie und da
nicht ohne Widerwillen eine Zelle, berschlgt die meisten anderen und
fordert, am Ende angelangt, neue Arbeitsbienenzellen. Die Arbeitsbienen
gehorchen, verengern die Zellen allmhlich und die unersttliche Mutter
setzt ihren Rundgang fort, bis sie von den Enden des Bienenstockes
wieder zu den ersten Zellen gelangt ist, die in der Zwischenzeit von der
eben auskriechenden ersten Generation besetzt waren, welche sich aus
ihrem dunklen Geburtswinkel soeben ber die Blumen der Umgegend
ergiesst, die Sonnenstrahlen bevlkert und die schnsten Stunden des
Jahres belebt, um sich ihrerseits wieder dem nachfolgenden Geschlechte
zu opfern, das sie in ihren Wiegen schon ablst.

                   *       *       *       *       *

Und die Bienenknigin, wem gehorcht die? Der Nahrung, die ihr gegeben
wird, denn sie ernhrt sich nicht selbst, sie wird wie ein Kind von eben
den Arbeitsbienen gefttert, die ihre Fruchtbarkeit erschpft. Und diese
Nahrung wiederum, die ihr die Arbeitsbienen zuteilen, hngt von dem
Blumenreichtum und den Ergebnissen der Trachtzeit ab. Auch hier also,
wie berall auf Erden, ist ein Teil des Kreises in Finsternis getaucht;
auch hier, wie berall, kommt der hchste Befehl von aussen, von einer
unbekannten Macht, und die Bienen gehorchen gleich uns dem namenlosen
Herrn des aus sich rollenden Rades, das die es bewegenden Willenskrfte
zermalmt.

Als ich einem Freunde krzlich in einem meiner Beobachtungsksten die
Bewegung dieses Rades zeigte, die so sichtbar ist, wie die einer grossen
Wanduhr, als er die Unruhe und das zahllose Hin und Her auf den Waben,
das bestndige, rtselhafte, tolle Beben und Zittern der Pflegerinnen
auf dem Brutnest, die lebenden Gnge und Leitern, welche die
Wachszieherinnen bilden, die alles befruchtenden Spiralen der Knigin,
das mannigfaltige, unaufhrliche Schaffen des Schwarmes, die
erbarmungslose und vergebliche Arbeit, den verzehrenden Eifer im Gehen
und Kommen, das Fehlen jedes Schlafes, ausser in den Wiegen, welche von
Arbeit umringt sind, ja selbst das Fernbleiben des Todes von einem Orte,
der weder Krankheit noch Grber zulsst -- als er dies alles sah, da
wandte er nach dem ersten Staunen die Augen ab und ich las darin Trbsal
und Schauder.

In der That steht im Bienenstock hinter dem frhlichen Eindruck des
ersten Anblicks, hinter den leuchtenden Erinnerungen der schnen Tage,
die ihn erfllen und zur Juwelenlade des Sommers machen, hinter dem
trunkenen Hin und Her, das ihn mit den Blumen, den Wasserbchen und dem
blauen Himmel, mit dem friedlichen berfluss aller schnen und
glcklichen Dinge verknpft -- hinter all diesen usseren Wonnen
verbirgt sich in der That ein Schauspiel, das zu dem Traurigsten gehrt,
was man sehen kann. Und wir Blinde, die wir nur blde Augen ffnen, wenn
wir diese unschuldig Verurteilten ansehen, wir wissen wohl, dass es
nicht sie allein sind, die wir zu sehen uns bemhen, dass es nicht sie
allein sind, die wir nicht verstehen, sondern nur eine traurige Gestalt
jener grossen Kraft, die auch uns beseelt.

Ja, wenn man will, so ist dies traurig, wie alles in der Natur, wenn man
nher zusieht. Und es wird so lange traurig sein, solange wir ihr
Geheimnis nicht wissen, noch ob sie eines hat. Und wenn wir eines Tages
erfahren, dass sie keines hat oder dass dies Geheimnis schauerlich ist,
dann werden andere Pflichten zu Tage treten, die vielleicht noch
namenlos sind. Inzwischen mge unser Herz sich sagen, wenn ihm danach
gelstet: Das ist traurig, aber unsere Vernunft mge sich begngen, zu
sagen: Das ist so. Unsere Pflicht ist zu dieser Stunde, danach zu
suchen, ob hinter diesem Traurigen nichts anderes liegt, und darum soll
man die Augen nicht davon abwenden, sondern es fest anschauen und mit so
viel Mut und Teilnahme erforschen, als wre es etwas Freudiges. Es
gebhrt sich, die Natur zu befragen, ehe wir sie verurteilen und uns
beklagen. --

                   *       *       *       *       *

Wir haben gesehen, dass die Arbeitsbienen, sobald sie durch die
bedrohliche Fruchtbarkeit der Mutter nicht mehr gedrngt werden,
Vorratszellen anlegen, die sich mit geringeren Mitteln bauen lassen und
mehr Fassungsvermgen haben, als die Arbeitsbienenzellen. Wir haben
andererseits gesehen, dass die Knigin lieber die kleinen Zellen
bestiftet und unaufhrlich nach solchen verlangt. Nichtsdestoweniger
schickt sie sich, wenn keine da sind, in die Verhltnisse und legt in
Erwartung neu zu erbauender Arbeitsbienenzellen ihre Eier auch in die
grossen Zellen, die sie auf ihrem Wege findet.

Die Bienen, die aus ihnen hervorgehen, sind mnnliche Bienen oder
Drohnen, wiewohl die Eier genau ebenso aussehen, wie die der
Arbeitsbienen. Nun aber ist im Gegensatz zur Verwandlung einer
Arbeitsbiene in eine Knigin, nicht die Form und der grssere Umfang der
Zelle fr die Vernderung maassgebend, denn wenn man ein Ei, das in eine
grosse Zelle gelegt ist, in eine kleine Zelle schafft (was schwer zu
bewerkstelligen ist, weil das Ei sehr klein und verletzlich ist, so dass
mir diese Umquartierung nur vier- oder fnfmal geglckt ist), so geht
daraus ein mehr oder minder schmchtiges, aber unverkennbares Mnnchen
hervor. -- Die Knigin muss beim Eierlegen also das Vermgen haben, das
Geschlecht des Eies zu erkennen oder zu bestimmen und der Grsse der
Zelle, ber der sie niederhockt, anzupassen. Es kommt selten vor, dass
sie sich tuscht. Wie geschieht das? Wie ist es mglich, dass sie bei
den tausenden von Eiern, die ihre beiden Eierstcke enthalten, die
mnnlichen und weiblichen zu scheiden weiss, und wie gelangen diese nach
ihrem Willen in den gemeinsamen Eileiter?

Wir stehen hier wiederum vor einem der Wunder des Bienenstockes, und
zwar vor einem der unerklrlichsten. Es ist bekannt, dass die
jungfruliche Knigin keineswegs unfruchtbar ist, dass sie hingegen nur
Drohneneier legen kann. Erst nach der Befruchtung des Hochzeitsausfluges
bringt sie Drohnen- _und_ Arbeitsbieneneier zur Welt, und zwar bleibt
sie von dem Hochzeitsausfluge an bis zu ihrem Tode mit den Samenfden
geschwngert, die sie ihrem unglcklichen Buhlen entreisst. Diese
Samenfden, deren Zahl Dr. Leuckart auf 25 Millionen schtzt, bleiben in
einer besonderen Samentasche unter den Eierstcken am Anfang des
gemeinsamen Eileiters bewahrt und halten sich darin lebend. Man nimmt
an, dass die enge ffnung der kleinen Zellen und die Art, wie die Form
dieser Mndung die Knigin zwingt, sich zu bcken und niederzuhocken,
auf die Samenfden einen gewissen Druck ausbt, so dass dieselben
herausquellen und das Ei im Vorbeigleiten befruchten. Dieser Druck
findet nicht statt bei den grossen Drohnenzellen und die Samentasche
ffnet sich dann nicht. Andere dagegen sind der Meinung, dass die
Knigin wirklich Herr der Schliessmuskeln ihrer Samentasche ist, und in
der That sind diese Muskeln ausserordentlich zahlreich, ausgebildet und
mannigfach. Ohne darum entscheiden zu wollen, welche von diesen zwei
Hypothesen die bessere ist -- denn je weiter man geht, desto mehr nimmt
man wahr, je mehr man einsieht, dass man nur ein Schiffbrchiger auf dem
bisher fast unerforschten Meere der Natur ist, desto besser erkennt man,
dass immer eine Thatsache bereit ist, aus dem Schosse einer pltzlich
durchsichtiger werdenden Welle emporzutauchen und mit einem Schlage
alles zu vernichten, was man zu wissen glaubte -- so kann ich doch nicht
leugnen, dass ich mehr zu der letzteren Annahme hinneige. Denn einmal
beweisen die Experimente eines Bienenvaters aus Bordeaux, Namens Drory,
dass die Knigin, auch wenn alles Drohnenwerk aus dem Stocke entfernt
ist, sobald der Augenblick zum Legen von Drohneneiern gekommen ist,
nicht zgert, diese in Arbeitsbienenzellen zu legen, und umgekehrt
Arbeitsbieneneier in Drohnenzellen, wenn man ihr keine anderen brig
gelassen hat. Ferner geht aus den schnen Beobachtungen von Fabre ber
die Mauerbienen (Osmiae), einsame Kunstbienen aus der Familie der
Bauchsammler, zur Genge hervor, dass die Mauerbiene das Geschlecht des
Eies, das sie legen wird, nicht nur im Voraus kennt; auch die
Geschlechtsbestimmung liegt in der Macht der Mutter, und diese richtet
sich dabei nach dem ihr zu Gebote stehenden Platz, der oft vom Zufall
abhngig und nicht modificierbar ist, indem sie hier ein mnnliches,
dort ein weibliches Ei legt. Ich will auf die Einzelheiten der
Experimente des grossen franzsischen Entomologen nicht nher eingehen;
sie sind zu verwickelt und wrden uns zu weit fhren. Aber welche
Hypothese auch zuletzt recht behlt, sie wrden beide die Vorliebe der
Knigin, nur Arbeitsbienenzellen zu bestiften, ganz ohne Hineinziehung
der Zukunft erklren.

Es ist dabei nicht ausgeschlossen, dass die Sklavin dieser Zukunft, die
wir zu beklagen geneigt sind, vielleicht eine grosse Liebende, ein
Ausbund von Wollust ist und in der Vereinigung des mnnlichen und
weiblichen Prinzipes, die sich in ihrem Wesen vollzieht, eine gewisse
Wonne und gleichsam einen Nachgeschmack der Trunkenheit ihres einzigen
Hochzeitsausfluges empfindet. Vielleicht ist die Natur, die nie
sinnreicher, nie hinterlistiger, weitblickender und erfindungsreicher
ist, als wenn sie die Fallen der Liebe stellt, auch hier darauf bedacht
gewesen, das Interesse der Gattung auf eine persnliche Wonne zu
sttzen. Aber seien wir vorsichtig und lassen wir uns nicht von unserer
eigenen Erklrung blenden. Der Natur derart einen Gedanken zuschreiben
und whnen, das sei genug, heisst einen Stein in einen unerforschlichen
Abgrund werfen, wie man ihn im Grunde mancher Hhlen findet, und sich
dabei einbilden, der Schall, den dieser Stein im Fallen verursacht, wird
auf alle unsere Fragen antworten und uns mehr offenbaren, als die
Unermesslichkeit des Abgrundes.

Wenn man nachspricht: die Natur will dies, sie organisiert dieses
Wunder, geht auf diesen Endzweck aus, so kommt das auf dasselbe heraus,
als wenn man sagt: eine kleine Erscheinung des Lebens weiss sich in der
Zeit, in der wir sie beobachten knnen, auf der ungeheuren Oberflche
der Materie, die uns leblos erscheint und darum von uns, anscheinend
sehr zu Unrecht, das Nichts oder der Tod genannt wird, zu behaupten.

Ein durchaus nicht notwendiges Zusammentreffen von Umstnden liess diese
Erscheinung unter tausend anderen, vielleicht nicht minder sinn- und
belangreichen, sich durchsetzen, whrend diese nicht die Gunst der
Verhltnisse besassen und auf ewig verschwunden sind, ohne dass wir sie
htten bestaunen knnen. Es wre tollkhn, wollte man mehr sagen, und
alles brige, unsere Gedanken und unser hartnckiger Glaube an Zwecke,
unser Hoffen und unsere Bewunderung ist im Grunde etwas Unbekanntes, das
wir in etwas noch Unbekannteres werfen, um ein kleines Gerusch zu
verursachen, das uns ein Bewusstsein von der hchsten Stufe des
besonderen Daseins giebt, die wir auf dieser stummen und
unerforschlichen Oberflche erreichen knnen, wie das Lied der
Nachtigall und der Flug dem Kondor die hchste Stufe des besonderen
Daseins ihrer Art offenbaren. Nichts destoweniger bleibt es eine unserer
unzweifelhaftesten Pflichten, dieses kleine Gerusch hervorzurufen, ohne
uns dadurch entmutigen zu lassen, dass es wahrscheinlich vergeblich ist.




                         DIE JUNGEN KNIGINNEN


Schliessen wir hier unsern jungen Bienenstock, wo der Kreislauf des
Lebens von Neuem beginnt, wo das Leben sich ausbreitet und mehrt, um
sich alsbald wieder zu teilen, wenn es den Gipfel seiner Macht und
seines Glckes erreicht hat, und ffnen wir noch einmal den Mutterstock,
um zu beobachten, was nach Abzug des Schwarmes darin geschieht.

Sobald die Aufregung des Aufbruches sich gelegt hat und zwei Drittel der
Einwohner ohne Aussicht auf Wiederkehr ausgewandert sind, liegt der
Stock verdet, wie ein Krper, der sein Blut verloren hat. Er ist matt,
entkrftet, fast tot. Trotzdem sind einige tausend Bienen
zurckgeblieben. Sie nehmen unerschttert, wenn auch etwas gedrckt, die
Arbeit wieder auf, suchen die Fehlenden so gut wie mglich zu ersetzen,
entfernen die Spuren der vorangegangenen Orgie, verschliessen die zum
Plndern freigegebenen Vorrte, befliegen die Blten, wachen ber die
Speicher der Zukunft, kurz, sind sich ihrer Aufgabe bewusst und ihrer
Pflicht, welche ein ganz bestimmtes Schicksal vorschreibt, treu ergeben.

Aber wenn die Gegenwart trbe erscheint, so ist alles, worauf das Auge
fllt, von Hoffnungen erfllt. Wir sind in einem jener Mrchenschlsser
der deutschen Sage, dessen Wnde aus tausend und abertausend Phiolen
bestehen, welche die Seelen der Ungeborenen enthalten. Wir sind an der
Sttte des Lebens, das dem Leben vorausgeht. berall ruhen in
wohlverschlossenen Wiegen, in dem zahllosen bereinander der wunderbaren
sechseckigen Zellen, Myriaden von Nymphen, weisser als Milch, die Beine
zusammengelegt und das Kpfchen ber die Brust gebeugt, und warten auf
die Stunde des Erwachens. Wenn man sie so sieht in ihrem einfrmigen
Grabe, das, aus seiner Umgebung herausgelst, fast durchsichtig ist, so
mchte man sagen, es sind eisgraue Zwerge in tiefem Sinnen oder Legionen
von Jungfrauen, in die Falten ihres Leichentuches gehllt und in
sechskantige Prismen eingesargt, die ein unbezhmbarer Geometer bis zum
Wahnsinn fort und fort gebaut hat.

Auf dem gesamten Umkreise dieser senkrechten Mauern, die eine werdende,
sich wandelnde Welt umschliessen, die vier oder fnf Mal die Hlle
wechselt und ihr Linnen im Finstern webt, tanzen ein paar hundert
Arbeitsbienen flgelschlagend herum, um die ntige Wrme zu erzeugen und
auch noch um eines dunkleren Zweckes willen, denn ihr Reigen weist
aussergewhnliche, methodische Bewegungen auf, die einen, wie ich
glaube, bisher von keinem Beobachter erschlossenen Zweck haben.

Nach Verlauf weniger Tage reissen die Deckel dieser Myriaden von Urnen
(man zhlt deren in einem starken Bienenstock 60000 bis 80000), und zwei
grosse ernste schwarze Augen kommen zum Vorschein, darber ein paar
Fhler, die das Dasein ringsum schon betasten, whrend die thtigen
Kinnbacken die ffnung erweitern. Sogleich kommen die Ammen herbei,
helfen der jungen Biene aus ihrem Gefngnis heraus, sttzen, brsten und
subern sie und bieten ihr auf der Spitze ihrer Zunge den ersten Honig
ihres neuen Lebens dar. Sie, die aus einer andern Welt kommt, ist noch
betubt, blass und schwankend; sie hat das hinfllige Aussehen eines
kleinen Greises, der dem Grabe entronnen ist. Man mchte sagen, sie ist
wie ein Wanderer, der mit dem flaumweichen Staube der unbekannten, zum
Dasein fhrenden Strassen bedeckt ist. Im brigen ist sie vom Kopf bis
zu Fssen vollkommen entwickelt, weiss unmittelbar alles, was sie zu
wissen hat, und begiebt sich, gleich jenen Kindern des Volkes, die
sozusagen schon in der Wiege lernen, dass sie nie die Zeit haben werden,
zu lachen und zu spielen, alsbald nach den noch verdeckelten Zellen, um
ebenfalls mit den Flgeln zu schlagen, sich rhythmisch zu bewegen und
ihre noch schlummernden Schwestern zu wrmen, ohne dass es ihr in den
Sinn kme, das erstaunliche Rtsel ihrer Bestimmung und ihrer Gattung
lsen zu wollen.

                   *       *       *       *       *

Einstweilen bleiben ihr die anstrengendsten Verrichtungen trotzdem noch
erspart. Sie verlsst den Stock erst acht Tage nach ihrer Geburt, um
ihren ersten Reinigungsausflug zu machen und ihre Luftscke mit Luft
zu fllen. Diese schwellen alsbald auf, weiten ihren ganzen Krper und
vermhlen sie von Stund' an dem unendlichen Raume. Danach fliegt sie
heim, wartet noch eine Woche und befliegt dann in Gemeinschaft mit ihren
Altersgefhrtinnen zum ersten Mal die Blten, nicht ohne eine ganz
bestimmte Aufregung, die dem Bienenzchter wohl bekannt ist (das
Vorspiel). Man sieht in der That, wie sich die jungen Bienen frchten,
wie sie, die Kinder des Dunkels und der Enge, vor dem azurenen Abgrund
und der unendlichen Einsamkeit des Lichtes schaudern, und ihre tastende
Freude ist aus Schrecken gewebt. Sie bleiben vor der Schwelle stehen,
sie zgern, fliegen zwanzig Mal aus und ein, wiegen sich in den Lften,
den Kopf beharrlich nach ihrem Geburtshause gewandt, beschreiben grosse
Halbkreise nach oben und fallen pltzlich unter der Last eines Heimwehs
herab; und ihre dreizehntausend Augen prfen oder spiegeln wieder und
behalten mit einander alle Bume, den Springbrunnen, das Gitter, das
Spalier, die Dcher und Fenster der Umgebung, bis die luftige Strasse,
auf der sie heimwrts fliegen werden, so unwandelbar in ihr Gedchtnis
eingegraben ist, als wre sie mit dem Stahlgriffel in den Raum geritzt.

Da wir hier zufllig ein neues Mysterium berhren, so wollen wir es
nicht unbefragt am Wege liegen lassen. Es ist immer vorteilhaft, ein
Mysterium zu befragen, und wenn es keine Antwort giebt, so trgt doch
selbst sein Schweigen zur Erweiterung unserer bewussten Unwissenheit
bei, welche das fruchtbarste Feld unserer Thtigkeit ist. Wie also
finden die Bienen ihre Wohnung wieder, die sie oft durchaus nicht sehen
knnen, da sie meist unter Bumen versteckt ist, und deren Flugloch
jedenfalls nur ein unendlicher Punkt im Raume ist? Wie ist es mglich,
dass man sie in einem Kasten zwei oder drei Kilometer vom Bienenstock
fortbringen kann und sie ihn doch nur usserst selten nicht wieder
finden?

Sehen sie ihn durch die Gegenstnde hindurch? Finden sie sich mit Hilfe
von Merkzeichen zurecht oder besitzen sie etwa jenen besonderen, noch
wenig bekannten Sinn, den wir gewissen Tieren, z. B. den Schwalben und
Tauben, zuschreiben und den man den _Richtungssinn_ nennt? Die
Experimente von J. Fabre, Lubbock und vor allem Romanes (Nature, 29.
Oktober 1886) scheinen zu beweisen, dass sie von diesem seltsamen
Instinkt nicht geleitet werden. Andererseits habe ich mehr als einmal
die Erfahrung gemacht, dass sie Form und Farbe des Bienenstockes
keineswegs bercksichtigen. Sie scheinen sich mehr an den gewohnten
Anblick des Bienenstandes, an die Lage des Flugloches und die Stellung
des Flugbrettes zu halten.[8] Aber selbst das ist nebenschlich, und
wenn man z. B., whrend sie ihre Tracht holen, die Vorderseite ihrer
Wohnung von oben bis unten verndert, so kommen sie nichtsdestoweniger
aus den Tiefen des Horizontes direkt darauf zugeflogen und zgern nur in
dem Augenblicke etwas, wo sie die unverkennbare Schwelle betreten. Ihre
Orientierungsmethode scheint, soweit wir dies nach unseren Erfahrungen
beurteilen knnen, vielmehr auf einem System von Merkzeichen zu beruhen
und ausserordentlich fein und zuverlssig zu sein. Es ist nicht der
Bienenstock, den sie wiedererkennen, es ist der Platz, den er unter den
umliegenden Gegenstnden einnimmt. Und dieser Ortssinn ist so wunderbar
genau, so mathematisch sicher und so tief in ihr Gedchtnis eingegraben,
dass, wenn der Bienenstock nach vier oder fnf Monaten der Einwinterung
in einem dunklen Keller wieder an seinen Platz gestellt und das Flugloch
wenige Zentimeter zur Seite gerckt wird, alle Bienen, wenn sie mit der
ersten Tracht heimkehren, genau an der Stelle anfliegen, wo es sich im
vorigen Jahre befand; nur allmhlig finden sie tastend den verschobenen
Eingang. Man mchte glauben, der Raum habe den ganzen Winter hindurch
die unzerstrbare Spur ihrer Flge sorgfltig bewahrt, und der Pfad
ihrer Emsigkeit sei in der Luft eingegraben.

So kommt es auch, dass viele Bienen sich verirren, sobald man den
Bienenstock wo anders hinstellt, ausgenommen, wenn es sich um eine
grosse Reise handelt oder die ganze Gegend, die sie bis auf drei oder
vier Kilometer im Umkreise genau kennen, vllig verndert ist, oder
endlich, wenn man ein Brett vor dem Flugloche anbringt und ihnen dadurch
begreiflich macht, dass sich etwas verndert hat, dass sie sich neu
orientieren und andere Merkpunkte aussuchen mssen.

                   *       *       *       *       *

Indessen kehren wir zu dem sich allmhlig wieder bevlkernden
Bienenstocke zurck, in dem sich eine Wiege nach der andern ffnet und
selbst der Stoff der Wnde in Bewegung zu geraten scheint. Aber der
Stock hat noch keine Knigin. An den Rndern des Brutnestes erheben sich
sieben bis acht bizarre Bauten, die an der rauhen Oberflche der
gewhnlichen Zellen wie die Kreise und Protuberanzen aussehen, welche
den photographischen Mondbildern ein so seltsames Geprge geben. Es sind
sozusagen runzelige Wachskapseln oder hngende, rundum geschlossene
Eicheln, die den Raum von drei oder vier Arbeitsbienenzellen einnehmen.
Sie sitzen gewhnlich auf einem Fleck, und eine zahlreiche, eigentmlich
unruhige und aufmerksame Wache beschirmt diesen Teil des Stockes, ber
dem irgend ein Zauber zu walten scheint. Es ist das Reich der Mtter. In
jede dieser Zellen ist vor Aufbruch des Schwarmes ein Ei gelegt, das
genau so aussieht wie die, aus denen die Arbeitsbienen hervorgehen, sei
es von der Knigin selbst, sei es, was wahrscheinlicher ist, obwohl es
bisher nicht festgestellt wurde, von den Arbeitsbienen, indem diese es
von einer der benachbarten Zellen hinberschafften.

Nach drei Tagen entsteht aus dem Ei eine kleine Larve, die eine
besondere, mglichst reichliche Nahrung erhlt, und nun knnen wir die
Natur in der Verfolgung einer ihrer beliebtesten Methoden belauschen,
die, handelte es sich um Menschen, sogleich den anspruchsvollen Namen
Verhngnis erhalten wrde. Die kleine Larve macht infolge dieser
Behandlungsart eine ganz besondere Entwickelung durch und ihr Geist und
Krper verndert sich dergestalt, dass die Biene, die aus ihr
hervorgeht, einer ganz anderen Insektengattung anzugehren scheint. Die
Knigin -- denn sie ist es -- lebt vier bis fnf Jahre, statt fnf oder
sechs Wochen. Ihr Hinterleib ist zweimal lnger, von hellerer, goldiger
Farbe, ihr Stachel ist gekrmmt, ihre Augen zhlen nur sechs- bis
siebentausend Facetten, statt zwlf- oder dreizehntausend. Ihr
Hirnschdel ist enger, aber ihre Eierstcke sind mchtig entwickelt, und
sie besitzt ein besonderes Organ, die sogenannte Samentasche, die sie
gewissermassen zweigeschlechtig macht. Sie besitzt keinerlei
Arbeitswerkzeuge, weder Organe zur Wachsbildung, noch Brsten und
Krbchen zum Einsammeln des Bltenstaubes. Sie hat keine der
Gewohnheiten und Leidenschaften, die uns von der Biene unzertrennlich
scheinen. Sie empfindet keinen Sonnendurst, kein Verlangen nach dem
Luftraume, sie stirbt, ohne auch nur eine Blume beflogen zu haben. Sie
verbringt ihr Dasein im Dunkeln und in der Enge des Bienenstockes, voll
unermdlichen Verlangens nach Wiegen fr die Brut. Dafr lernt sie
allein die Freuden der Liebe kennen. Sie weiss nicht, ob sie das Licht
zweimal in ihrem Leben erblicken wird, denn das Schwrmen ist nicht
unbedingt notwendig; vielleicht wird sie nur ein einziges Mal ihre
Flgel gebrauchen, aber dieser einzige Ausflug gilt ihrem Geliebten. Es
ist sonderbar zu sehen, dass so viele Dinge, Organe, Gedanken,
Sehnschte und Gewohnheiten, kurz, ein ganzes Schicksal, sich dergestalt
nicht in einem Samen befindet -- dies wre das gewhnliche Wunder von
Pflanze, Tier und Mensch --, sondern in einem fremden, trgen Stoffe:
nmlich in einem Honigtropfen.[9]

                   *       *       *       *       *

Ungefhr eine Woche ist seit dem Scheiden der alten Knigin verstrichen.
Die kniglichen Nymphen, die in ihren Kapseln schlummern, sind nicht
alle gleichalterig, denn die Bienen haben ein Interesse daran, dass die
Kniginnen nur _nach_ einander auskommen, je nachdem das Volk sich
entscheidet, einen zweiten, dritten oder vierten Schwarm dem ersten
nachzusenden. Seit einigen Stunden tragen sie die Wnde der reifsten
Zelle allmhlig ab, und bald streckt die junge Knigin, die von innen
gleichzeitig an dem gerndeten Deckel nagt, den Kopf heraus, kommt halb
zum Vorschein und kriecht schliesslich mit Hilfe der Wrterinnen, die
herbeilaufen, sie brsten, reinigen und liebkosen, ganz aus, um ihre
ersten Gehversuche auf der Wabe zu machen. Sie ist wie die
auskriechenden Arbeitsbienen bleich und schwankend, aber nach zehn
Minuten steht sie schon fest auf den Beinen und luft voller Unruhe, in
dem Gefhl, dass sie nicht allein ist, dass sie ihr Reich erobern muss,
dass es irgendwo noch Prtendenten giebt, ber alle Wachsmauern hin und
sucht nach ihren Nebenbuhlerinnen. Hier greift nun die Weisheit, der
Instinkt, der Geist des Bienenstockes oder die Masse der Arbeitsbienen
mit einer geheimnisvollen Entscheidung ein. Am berraschendsten ist es,
wenn man den Gang dieser Ereignisse in einem Bienenstock mit Glaswnden
mit den Augen verfolgen kann. Denn man gewahrt nie das geringste
Zaudern, die geringste Uneinigkeit. Man findet nie das geringste Zeichen
von Zwist und Streit. Eine vorherbestimmte Einmtigkeit herrscht
berall; es ist dies der Dunstkreis des Bienenstaates, und jede Biene
scheint im voraus zu wissen, was die andern denken werden. Trotzdem ist
der Augenblick fr sie sehr ernst; es ist, genau genommen, der
Augenblick, wo es sich um Leben und Bestand des Stockes handelt. Sie
haben zwischen drei oder vier weittragenden Mglichkeiten zu whlen, die
in ihren Folgen vllig verschieden sind und durch ein Nichts
verhngnisvoll werden knnen. Sie haben die eingeborene Leidenschaft
oder Pflicht der Vermehrung der Art mit der Erhaltung des Bienenstockes
und seiner Sprsslinge in Einklang zu bringen. Bisweilen greifen sie
fehl und senden nach einander vier oder fnf Schwrme aus, wodurch der
Mutterstock bermssig geschwcht wird. Sie sind dann nicht mehr im
stande, sich schnell genug zu vermehren, werden durch unser Klima
berrascht, welches nicht das Klima ihres Ursprungslandes ist, das sie
trotz allem noch immer in Erinnerung behalten, und gehen mit Einbruch
des Winters zu Grunde. Sie werden so das Opfer des sogenannten
Schwarmfiebers, das, wie das gewhnliche Fieber, eine Art von zu
heftiger Reaktion des Lebens ist, die ber das Ziel hinausschiesst, den
Kreis schliesst und mit dem Tode endigt.

                   *       *       *       *       *

Von diesen Entschlssen, die sie fassen knnen, scheint keiner
vorherbedingt zu sein, und der Mensch kann, wenn er blosser Zuschauer
bleibt, nicht voraussehen, welchen sie whlen werden. Aber dass diese
Wahl allemal berlegt ist, das geht daraus hervor, dass er sie
beeinflussen und selbst herbeifhren kann, indem er gewisse Umstnde
modifiziert, z. B. wenn er den Raum, den er ihnen zur Verfgung stellt,
verkleinert oder vergrssert, indem er gefllte Honigwaben mit leeren
Waben, die Arbeitsbienenzellen enthalten, vertauscht und umgekehrt.

Es handelt sich also fr sie nicht darum, ob sie sofort einen zweiten
oder dritten Schwarm aussenden werden; dies wre, knnte man sagen, nur
eine blinde Entschliessung, die durch die Launen und Reizungen einer
guten Stunde veranlasst wird; es handelt sich vielmehr darum, vom Fleck
weg und in voller bereinstimmung Maassregeln zu ergreifen, die es ihnen
ermglichen, drei bis vier Tage nach Geburt der ersten Knigin einen
neuen Schwarm, und drei Tage nach Aufbruch der jungen Knigin mit diesem
Schwarme einen dritten Schwarm auszusenden. Man kann nicht leugnen, dass
hierin ein ganzes System, eine ganze Kombination von zuknftigen Dingen
liegt, die sich, wenn man die Krze ihres Lebens in Erwgung zieht, ber
einen betrchtlichen Zeitraum erstreckt.

                   *       *       *       *       *

Diese Maassregeln nun betreffen die Pflege der jungen Kniginnen, die
noch in ihren Wachssrgen schlafen. Ich will annehmen, der Geist des
Bienenstockes entschliesst sich, keinen zweiten Schwarm auszusenden.
Auch dann stehen noch zwei Wege offen. Sollen sie der Erstgeborenen
unter den jungen Prinzessinnen, deren Geburt wir beiwohnten, gestatten,
ihre feindlichen Schwestern zu vernichten, oder sollen sie abwarten, bis
sie die gefhrliche Zeremonie des Hochzeitsausfluges vollzogen hat, von
der die Zukunft des Volkes abhngen kann? Zuweilen lassen sie den
unmittelbaren Mord zu, oft auch widersetzen sie sich ihm, aber man sieht
ein, dass es schwer zu sagen ist, ob dies in Voraussicht der Gefahren
des Hochzeitsausfluges geschieht oder weil ein zweiter Schwarm
ausgesandt werden soll, denn es ist oft beobachtet worden, dass sie sich
zur Aussendung eines zweiten Schwarmes entschlossen, dann aber pltzlich
ihren Willen gendert und die ganze, vor der Wut der Erstgeborenen
beschirmte Nachkommenschaft vernichtet haben, sei es, dass die Witterung
zu ungnstig wurde, sei es aus einem anderen, fr uns undurchdringlichen
Grunde. Aber nehmen wir einmal an, sie htten auf das Schwrmen
verzichtet und die Gefahren des Hochzeitsausfluges angenommen. Wenn also
unsere junge Knigin, von Eifersucht getrieben, sich dem Gebiet der
kniglichen Wiegen naht, so macht die Wache ihr Platz; sie strzt sich
in ihrer Eifersucht wutentbrannt auf die erste Zelle, die sie trifft,
und sucht mit Fssen und Zhnen die Wachshlle zu zerreissen. Sie
erbricht die Zelle, zerreisst das Gespinnst, mit dem die Innenwnde
bekleidet sind, entblsst die schlafende Prinzessin, und wenn ihre
Nebenbuhlerin bereits erkenntlich ist, dreht sie sich um, fhrt ihren
Stachel in die Zelle ein und bohrt ihn wild in den Leib der Gefangenen,
bis diese den Wunden der vergifteten Waffe erliegt. Dann beruhigt sie
sich; der Tod, der dem Hass aller Wesen eine geheimnisvolle Schranke
setzt, scheint sie zu befriedigen, und sie zieht ihren Stachel heraus,
um sich einer anderen Zelle zuzuwenden. Sie ffnet diese gleichfalls,
lsst sie jedoch unversehrt, sobald sie nur eine Larve oder
unentwickelte Nymphe darin findet, und hlt erst dann inne, wenn sie,
rchelnd und erschpft, mit ihren Zhnen an den Wachsmauern kraftlos
abgleitet.

Die Bienen, die um sie sind, sehen ihrem Thun zu, ohne daran
teilzunehmen, und weichen zurck, um ihr freies Feld zu lassen, aber
sobald sie eine Zelle erbrochen und zerstrt hat, eilen sie herbei,
zerren den Leichnam, die noch lebendige Larve oder die verletzte Nymphe
hervor und schaffen sie aus dem Stocke, um sich alsdann voller Gier ber
die knigliche Nahrung zu strzen, die auf dem Zellenboden
zurckgeblieben ist. Wenn schliesslich die Wut ihrer erschpften Knigin
nachlsst, vollenden sie selbst den Mord der Unschuldigen, und das
Knigsgeschlecht verschwindet mitsamt seinen Husern.

Es ist dies neben der Drohnenschlacht, die brigens noch entschuldbarer
ist, die furchtbarste Stunde des Bienenstockes, die einzige, wo die
Arbeitsbienen dem Tod und der Zwietracht Einlass in ihr Haus gewhren,
und auch hier, wie so oft in der Natur, sind es die Bevorzugten der
Liebe, welche die aussergewhnlichen Anzeichen des gewaltsamen Todes
tragen.

Bisweilen -- doch der Fall ist selten, denn die Bienen wissen ihm
vorzubeugen -- kommen zwei Kniginnen zugleich aus. Dann entspinnt sich
gleich nach Verlassen der Wiege der tdliche Zweikampf, der _Huber_
Gelegenheit zu einer eigentmlichen Entdeckung gab.

Jedesmal, wenn die beiden Jungfrauen in ihren Chitinpanzern einander so
gegenberstehen, dass sie sich, wenn sie ihren Stachel zcken,
gegenseitig durchbohren wrden, scheint, wie in den Kmpfen der Ilias,
ein Gott oder eine Gttin -- vielleicht der Gott oder die Gttin der
Rasse -- sich ins Mittel zu legen, und die beiden Kriegerinnen lassen
von einander ab, wie in pltzlichem Schrecken, und fliehen sich
gegenseitig voller Entsetzen, um alsbald wieder auf einander
loszufahren, sich abermals zu fliehen, wenn das zwiefache Verhngnis die
Zukunft ihres Volkes von neuem bedroht, und so fort, bis es einer von
beiden gelingt, ihre Nebenbuhlerin bei einer unvorsichtigen oder
ungeschickten Bewegung zu berlisten und gefahrlos zu tten.

Denn das Gesetz der Gattung heischt nur ein Opfer.

                   *       *       *       *       *

Hat die junge Knigin dergestalt die kniglichen Wiegen zerstrt oder
ihre Nebenbuhlerinnen ermordet, so wird sie von dem Volke anerkannt, und
es bleibt ihr, um wirklich zu regieren und so behandelt zu werden, wie
ihre Mutter, nur noch eins brig, nmlich den Hochzeitsausflug zu
vollziehen; denn die Bienen kmmern sich wenig um sie und erweisen ihr
wenig Ehre, so lange sie unfruchtbar ist. Aber oft ist ihre Geschichte
nicht so einfach, und die Arbeitsbienen verzichten selten auf das
Vergngen, noch ein zweites Mal zu schwrmen.

In diesem wie in dem obigen Falle nhert sie sich, von demselben
Verlangen getrieben, den Kniginnenzellen, aber statt hier unterwrfige
Dienerinnen und Zuspruch zu finden, prallt sie gegen eine zahlreiche,
feindselige Wache, die ihr den Weg versperrt. Von ihrem fixen Gedanken
getrieben, sucht sie zornig den Durchgang zu erzwingen oder zu umgehen,
allein berall trifft sie auf Schildwachen, welche die schlummernden
Prinzessinnen behten. Hartnckig versucht sie zum zweiten Male
durchzubrechen, sie wird immer unwirscher zurckgewiesen und selbst
misshandelt, und schliesslich begreift sie dunkel, dass die kleinen
unbeugsamen Arbeitsbienen ein Gesetz vertreten, vor dem das ihre
zurckstehen muss.

Zuletzt zieht sie sich zurck und tobt ihren ungestillten Zorn von Wabe
zu Wabe aus, wobei sie jenes, dem Bienenzchter so wohlbekannte,
Kriegsgeschrei oder vielmehr jenen drohenden Klagegesang ertnen lsst,
der wie ein ferner silberner Trompetenton klingt und doch so deutlich
vernehmbar ist in seiner zornigen Schwche, dass man ihn namentlich des
Abends, durch die doppelten Wnde des bestverschlossenen Stockes
hindurch, auf drei oder vier Meter Entfernung hrt.

Dieser knigliche Zornruf ist von magischer Wirkung auf die
Arbeitsbienen. Er versetzt sie in eine Art von Schrecken oder
ehrfrchtiger Starre, und wenn die Knigin ihn auf den verteidigten
Zellen ausstsst, so halten die Wachen, die sie umringen und
fortzuzerren suchen, pltzlich inne, neigen den Kopf und warten
regungslos, bis er verklungen ist. Man nimmt brigens an, dass der
Totenkopfschmetterling (Acherontia atropos) diesen Ruf nachahmt und
durch die bezaubernde Wirkung desselben in die Stcke einzudringen und
sich voll Honig zu saugen vermag, ohne dass die Bienen an eine Abwehr
denken.

Zwei oder drei Tage, bisweilen auch fnf, irrt dies zornige chzen durch
den Bienenstock und ruft die beschtzten Prtendenten zum Kampfe heraus.
Inzwischen haben diese sich vllig entwickelt, drngen zum Lichte empor
und beginnen an ihren Zellendeckeln zu nagen. Eine grosse Gefahr scheint
den Staat zu bedrohen. Aber der Geist des Bienenstockes hat, als er
seine Entschliessung traf, alle ihre Folgen vorausgesehen, und die wohl
unterrichteten Schildwachen wissen Stunde fr Stunde, was sie zu thun
haben, um berraschungen von Seiten eines entgegengesetzten Instinktes
zuvorzukommen und die beiden feindlichen Gewalten zum Besten zu fhren.
Es ist ihnen also wohl bewusst, dass die jungen Kniginnen, die es in
ihrem Kerker nicht mehr duldet, wenn sie wirklich auskmen, in die Hand
ihrer bereits unbesieglichen lteren Schwester fallen und eine nach der
anderen den Tod erleiden wrden. Sobald also eine der lebendig
Eingemauerten die Thore ihres Turmes von innen zu ffnen sucht, bauen
sie von aussen eine neue Lage von Wachs vor, und die ungeduldige
Gefangene arbeitet hartnckig an ihrer Befreiung, ohne zu ahnen, dass
sie eine Zauberwand durchnagt, die immer wieder nachwchst. Sie vernimmt
dabei die Herausforderung ihrer Nebenbuhlerin, und da sie ihre
Bestimmung und ihre knigliche Pflicht kennt, noch ehe sie einen Blick
ins Leben hat thun knnen, ehe sie weiss, wie ein Bienenstock aussieht,
so antwortet sie aus der Tiefe ihres Kerkers. Da aber ihr Ruf durch die
Wnde eines Grabes dringen muss, so klingt er ganz anders, erstickt,
hohl, und wenn der Bienenzchter gegen Abend, wenn aller Tageslrm sich
legt und das Schweigen der Sterne heraufzieht, am Eingang seiner
Wunderstdte horcht, so vernimmt und versteht er das Zwiegesprch der
umherirrenden Jungfrau mit den noch eingekerkerten.

                   *       *       *       *       *

Diese verlngerte Haft ist den jungen Prinzessinnen brigens hchst
heilsam. Wenn sie auskriechen, sind sie reifer und krftiger, und schon
zum Ausfliegen bereit. Andererseits hat das Warten auch die freie
Knigin gestrkt, so dass sie jetzt im stande ist, den Gefahren des
Schwrmens zu trotzen. Der _zweite_ oder _Nachschwarm_ verlsst alsdann
die Wohnung, an der Spitze die erstgeborene Knigin. Unmittelbar nach
ihrem Aufbruch lassen die im Stocke zurckgebliebenen Arbeitsbienen eine
der Gefangenen frei, und diese zeigt alsbald dieselbe Mordlust, stsst
denselben Zornesruf aus und verlsst drei Tage spter an der Spitze des
dritten Schwarmes ebenfalls den Stock u. s. w., im Falle des
Schwarmfiebers, bis zur vlligen Erschpfung des Mutterstockes. -- Der
alte hollndische Naturforscher Swammerdam erwhnt einen Bienenstock,
der durch seine Schwrme und die Schwrme dieser Schwrme in einem Jahre
dreissig Kolonien grndete.

Diese ausserordentliche Vervielfltigung lsst sich namentlich nach
strengen Wintern beobachten, wie wenn die stets mit dem geheimen Willen
der Natur vertrauten Bienen sich der ihrer Gattung drohenden Gefahren
bewusst wren. Aber bei normaler Witterung und bei starken, richtig
behandelten Vlkern bricht das Schwarmfieber selten aus. Viele schwrmen
nur einmal, manche berhaupt nicht.

Gewhnlich verzichten die Bienen schon nach Absendung des zweiten
Schwarmes auf eine weitere Volksteilung, sei es, dass sie eine
bermssige Schwchung des Mutterstockes befrchten, sei es, dass die
Ungunst des Wetters ihnen Besonnenheit auferlegt. Sie gestatten dann der
dritten Knigin, den Rest der Gefangenen zu morden, und das regelmssige
Leben tritt wieder ein. Der Eifer, mit dem die Arbeit wieder aufgenommen
wird, ist dabei um so grsser, als fast alle Arbeitsbienen noch sehr
jung sind und ihr Stock verarmt und entvlkert ist, so dass grosse
Lcken noch vor Einbruch des Winters ausgefllt werden mssen.

                   *       *       *       *       *

Die Vorgnge beim Ausfliegen des zweiten und dritten Schwarmes sind
genau dieselben wie beim ersten, nur sind diese Schwrme weniger
volkreich und vorsichtig, denn sie senden keine Sprbienen aus, und die
junge, jungfruliche Knigin mit ihrem unbeschwerten Krper fliegt in
ihrem Eifer viel weiter und reisst den Schwarm nach dem ersten Anlegen
zu einer grossen Entfernung vom Mutterstocke fort. Es kommt hinzu, dass
diese zweite und dritte Auswanderung viel tollkhner und das Schicksal
dieser Schwrme recht ungewiss ist. Sie haben als Vertreterin der
Zukunft nur eine ungeschwngerte Knigin bei sich, und ihr ganzes
Geschick hngt von dem bevorstehenden Hochzeitsausfluge ab. Ein
vorberfliegender Vogel, einige Regentropfen, ein kalter Wind, ein
Irrtum gengen, um das unabwendbare Verhngnis heraufzubeschwren. Die
Bienen sind sich dessen so wohl bewusst, dass sie trotz ihrer schon
festen Anhnglichkeit an ihre erst seit einem Tage bezogene Wohnung, und
trotzdem die Arbeit schon begonnen hat, oft alles im Stiche lassen und
ihre junge Herrin auf der Suche nach ihrem Geliebten begleiten, um sie
ja nicht aus den Augen zu verlieren, sie mit tausend treuen Flgeln zu
bedecken und zu schirmen, oder mit ihr unterzugehen, wenn die Liebe sie
so weit von dem Stocke fortreisst, dass der noch ungewohnte Rckweg in
ihrem Gedchtnis schwankt und sich verwirrt.

                   *       *       *       *       *

Aber das Gesetz der Zukunft ist so mchtig, dass keine Biene angesichts
dieser Unsicherheit und dieser Gefahren zaudert. Die Begeisterung des
zweiten und dritten Schwarmes kommt der des ersten gleich. Sobald der
Mutterstock seine Entscheidung gefllt hat, findet jede der gefhrlichen
jungen Kniginnen eine Schaar von Arbeitsbienen, die ihr Glck mit ihr
versuchen wollen und sie auf ihrer Reise begleiten, auf der viel zu
verlieren und nichts zu gewinnen ist, als die Hoffnung auf Befriedigung
eines Triebes. Wer giebt ihnen diese Energie, die wir nie haben, mit der
Vergangenheit zu brechen, wie mit einem Feinde? Wer whlt aus der Menge
die aus, welche aufbrechen sollen, und die, welche bleiben? Es ist nicht
die und die Altersklasse, die geht oder bleibt: hierher die Jngsten,
dorthin die ltesten. Um jede der auf Nimmerwiedersehen aufbrechenden
Kniginnen scharen sich ganz alte und ebenso ganz junge Bienen, die sich
zum ersten Mal dem schwindeltiefen Luftraum anvertrauen. Ebensowenig ist
es der Zufall, die Gelegenheit, das vorbergehende Aufflackern oder
Verblassen eines Gedankens, Instinktes oder Gefhls, was das
Strkeverhltnis des Schwarmes bestimmt. Ich habe mich oft bemht, das
Zahlenverhltnis zwischen den bleibenden und scheidenden Bienen
festzustellen, und ich habe, wiewohl die Schwierigkeiten des
Experimentes nicht zu mathematisch genauen Resultaten fhrten, doch
feststellen knnen, dass dieses Verhltnis, -- die Strke des
Brutnestes, d. h. der bevorstehenden Geburten, eingerechnet, -- konstant
genug ist, um eine wirkliche geheimnisvolle Berechnung durch den Geist
des Bienenstockes anzunehmen.

                   *       *       *       *       *

Wir wollen den Abenteuern dieser Schwrme nicht folgen. Sie sind
zahlreich und oft verwickelt. Bisweilen vermischen sich zwei Schwrme,
manchmal kommt es auch vor, dass zwei oder drei der gefangenen
Kniginnen in der Aufregung des Aufbruches ihren Wachen entrinnen und
der sich bildenden Traube anschliessen. Bisweilen benutzt auch eine der
jungen Kniginnen, wenn sie von Drohnen umringt wird, die Gelegenheit
des Schwrmens, um sich befruchten zu lassen, und reisst dann ihr Volk
zu einer ausserordentlichen Hhe und Entfernung mit fort. In der Praxis
der Bienenzucht fhrt man diese zweiten und dritten Schwrme dem
Mutterstocke wieder zu. Die Kniginnen treffen im Baue wieder auf
einander, die Arbeitsbienen bilden einen Kreis um ihren Kampfplatz, und
wenn die Tchtigere gesiegt hat, so entfernen sie in ihrer Ordnungsliebe
und Emsigkeit alsbald die Leichen aus dem Stock, beugen knftigen
Gewaltthtigkeiten vor, vergessen das Vergangene, klettern wieder in die
Zellen hinauf und fliegen von neuem auf friedlichen Pfaden zu den ihrer
harrenden Blumen.

                   *       *       *       *       *

Zur Vereinfachung unserer Darstellung wollen wir die Geschichte der
jungen Knigin da wieder aufnehmen, wo die Bienen ihr erlauben, ihre
Schwestern in ihren Wiegen zu ermorden. Wie ich schon sagte, dulden sie
diesen Mord oft nicht, auch wenn sie nicht die Absicht zu hegen
scheinen, einen zweiten Schwarm auszusenden. Oft aber lassen sie ihn
auch zu, denn der politische Sinn der einzelnen Bienenstcke desselben
Bienenstandes ist eben so verschieden, wie der der Nationen desselben
Erdteils. Aber es steht fest, dass sie eine Thorheit begehen, wenn sie
ihn zulassen, denn wenn die Knigin bei ihrem Hochzeitsausfluge umkommt
oder sich verirrt, so ist niemand da, der sie ersetzen knnte, und die
Arbeitsbienenlarven sind zu alt geworden, um in Kniginnenlarven
verwandelt werden zu knnen. Doch die Thorheit ist nun einmal geschehen,
und die erstgeborene unter den jungen Kniginnen ist von ihrem Volke als
alleinige Herrin anerkannt worden. Sie ist aber noch Jungfrau. Um ihrer
Mutter, an deren Stelle sie getreten ist, in allen Stcken zu gleichen,
muss sie in den ersten zwanzig Tagen nach ihrer Geburt den Gatten
finden. Geschieht dies aus irgend einem Grunde spter, so bleibt sie
unwiderruflich Jungfrau. Nichtsdestoweniger ist sie, wie ich schon
gesagt habe, auch als solche nicht unfruchtbar. Es handelt sich hier um
jenes grosse Mysterium, jene Vorsicht oder Laune der Natur, die man
Parthenogenesis nennt und die sich bei einer Reihe von Insekten findet,
z. B. bei den Blattlusen, den Schmetterlingen der Gattung Psyche, den
Hautflglern aus der Familie der Gallwespen (Cynipidae) u. s. w. Die
jungfruliche Knigin vermag also Eier zu legen, als ob sie befruchtet
wre, aber aus allen diesen Eiern, mgen sie in grosse oder kleine
Zellen gelegt werden, entstehen nur Drohnen, und da diese nie arbeiten,
sondern stets auf Kosten der (weiblichen) Arbeitsbienen leben, ja, nicht
einmal ihre eigne Nahrung suchen noch fr ihren Unterhalt sorgen knnen,
so tritt wenige Wochen nach dem Tode der letzten erschpften
Arbeitsbienen der vllige Ruin und Untergang des Stockes ein. Die
Jungfrau gebiert also nur tausende von Drohnen und jede dieser Drohnen
oder mnnlichen Bienen besitzt Millionen von Samenfden, von denen doch
kein einziger in ihren Organismus eindringen kann. Das ist nicht
erstaunlicher, wenn man will, als tausend analoge Erscheinungen, denn
wenn man sich mit dergleichen Problemen beschftigt, insbesondere mit
denen der Zeugung, so scheint das Wunderbare und Unerwartete gar kein
Ende mehr zu nehmen, und alles macht einen noch viel fabelhafteren
Eindruck, als in den seltsamsten Mrchen und Zaubergeschichten; man
gert auch bald in ein so bestndiges Staunen, dass man ziemlich schnell
das Gefhl der Verwunderung verliert. Aber die Thatsache ist darum nicht
minder verwunderlich. Wie soll man sich andererseits die Absicht der
Natur erklren, wenn sie die verderblichen Drohnen auf Kosten der
ntigen und ntzlichen Arbeitsbienen derart begnstigt? Frchtet sie,
der weibliche Verstand wrde danach trachten, die Zahl dieser
Schmarotzer ber Gebhr zu beschrnken? Oder ist es eine bermssige
Reaktion gegen das Unglck einer unfruchtbaren Knigin? Ist es einer
jener Flle von zu gewaltsamer, blinder Vorsicht, welche den Grund des
bels nicht erkennt, ber das Ziel hinausschiesst und, um einem
schlimmen Zufall vorzubeugen, eine Katastrophe herbeifhrt? In der
Wirklichkeit -- doch vergessen wir nicht, dass diese Wirklichkeit nicht
ganz die natrliche, primitive Wirklichkeit ist, denn im Urwalde knnten
die einzelnen Kolonien weit mehr zerstreut werden, als heutzutage, -- in
der Wirklichkeit liegt, wenn eine Knigin nicht geschwngert wird, die
Schuld meist nicht an den Drohnen, die immer zahlreich sind und von sehr
weit herbeikommen, sondern an Regen oder Klte, durch die sie zu lange
an den Stock gefesselt wurde, oder wohl gar an ihren unvollkommenen
Flgeln, die es ihr unmglich machen, den Drohnen auf ihrem hohen Fluge
zu folgen. Trotzdem kmmert sich die Natur nicht im mindesten um diese
tieferen Ursachen und hat nur das eine leidenschaftliche Streben,
mglichst viel Drohnen hervorzubringen. Sie durchkreuzt noch andere
Gesetze, um dies Ziel zu erreichen, und man kann in weisellosen Stcken
oft zwei oder drei Arbeitsbienen von einem solchen Verlangen nach
Erhaltung der Art ergriffen sehen, dass sie sich trotz ihrer
verkmmerten Eierstcke zum Eierlegen zwingen. In der That schwellen
diese Organe unter dem Drucke eines verzweifelten Willens auf und
ergeben einige Eier, aber aus ihnen, wie aus denen der ungeschwngerten
Knigin, entstehen nur Drohnen.

                   *       *       *       *       *

Man kann hier einen berlegenen, aber vielleicht unberlegten Willen,
der den bewussten Willen einer Lebensform unrettbar kreuzt,
gewissermaassen auf frischer That und mitten in seinem Eingreifen
beobachten. Derartige Eingriffe sind in der Insektenwelt nicht selten.
Es ist sehr eigenartig, sie hier zu beobachten; diese Welt ist
bevlkerter und vielfltiger als die andern, gewisse Absichten der Natur
treten deutlicher hervor und man berrascht sie hier bei Versuchen, die
man fr unabgeschlossen halten knnte. Sie hat z. B. ein grosses
allgemeines Bestreben, das sie berall offenbart: die Verbesserung der
Art durch den Sieg des Strksten. Gewhnlich bewegt sich der Kampf in
ganz bestimmten Bahnen. Die Hekatombe der Schwachen ist ungeheuer, doch
was verficht das, wenn dem Sieger nur ein wirksamer und gewisser Lohn zu
teil wird? Aber es giebt Flle, wo man sagen mchte, sie habe noch keine
Zeit gehabt, ihre Kombinationen ins klare zu bringen, wo der Lohn nicht
erfolgt, oder das Schicksal des Siegers ebenso verhngnisvoll ist, wie
das der Besiegten. Um z. B. bei unseren Bienen zu bleiben, so wsste ich
nichts, was in dieser Hinsicht aufflliger wre, als die Geschichte der
Triangulinen der Gattung Sitaris colletis. brigens ist dabei zu
bemerken, dass verschiedene Einzelheiten dieser Geschichte der des
Menschen durchaus nicht so fern stehen, wie man versucht sein knnte, zu
glauben.

Diese Triangulinen sind die Schmarotzer oder richtiger gesagt, die Luse
einer einsam bauenden wilden Biene (Colletes), die ihr Nest in Erdhhlen
hat. Sie lauern der Biene am Eingange ihrer Wohnung auf, hngen sich zu
dritt, zu viert oder fnft, oft noch mehr, an sie und setzen sich auf
ihrem Rcken fest. Wenn in diesem Augenblick der Kampf der Starken gegen
die Schwachen stattfnde, so wre kein Wort weiter zu verlieren und
alles wrde nach dem allgemeinen Gesetze verlaufen. Aber ihr Instinkt
gebietet ihnen, man weiss nicht warum -- und folglich gebietet auch die
Natur, -- dass sie sich ruhig verhalten, solange sie auf dem Rcken der
Biene sitzen. Whrend diese die Blumen befliegt, Zellen baut und mit
Vorrten fllt, halten sie sich still und harren ihrer Stunde. Aber
sobald sie ein Ei gelegt hat, schlpfen alle darauf, und die harmlose
Biene verschliesst die Zelle, die sie frsorglich mit Vorrat versehen
hat, ohne zu ahnen, dass sie den Tod ihrer Brut mit einschliesst. Sobald
die Zelle verkapselt ist, bricht unter den Sitarislarven der
unvermeidliche und heilsame Auslesekampf um das einzige Ei aus. Die
Strkste und Geschickteste ergreift ihre Nebenbuhlerin trotz ihres
Panzers, hebt sie ber ihren Kopf empor und hlt sie derart Stunden lang
in ihren Klauen, bis dieselbe tot ist. Aber whrend dieses Kampfes hat
eine andere Sitarislarve, die allein geblieben oder ihres Gegners schon
Herr geworden ist, sich auf das Ei gestrzt und es angebissen. Die,
welche zuletzt gesiegt hat, muss jetzt also mit diesem neuen Feinde
fertig werden, was ihr auch nicht schwer fllt, denn die Trianguline,
die einen eingeborenen Heisshunger zu stillen hat, klammert sich so
hartnckig an ihr Ei an, dass sie gar nicht an Verteidigung denkt.
Endlich ist sie auch gettet und die andere befindet sich im
Alleinbesitze des kostbaren und so wohlfeil errungenen Eies. Gierig
steckt sie den Kopf in die von ihrer Vorgngerin geschaffene ffnung und
macht sich an die lange Mahlzeit, die sie in ein vollkommenes Insekt
verwandeln soll. Aber die Natur, die diese Kampfprobe will, hat den
Siegespreis mit einem so kleinlichen Geize festgesetzt, dass ein Ei
gerade ausreicht, um eine einzige Trianguline zu ernhren, so dass,
sagt Mayet, dem wir den Bericht dieses erstaunlichen Missgeschickes
danken, unsere Siegerin um die Nahrung zu kurz kommt, die ihr letzter
Feind vor seinem Tode verzehrt hat, und somit die erste Hutung nicht
stattfinden kann. Sie stirbt also gleichfalls und bleibt an der Haut des
Eies hngen oder vermehrt in dem flssigen Zuckersafte die Zahl der
Ertrunkenen.

                   *       *       *       *       *

Dieser Fall liegt zwar selten so klar, steht aber in der Naturgeschichte
nicht vereinzelt da. Doch der Kampf zwischen dem bewussten Willen der
Trianguline, die leben will, und dem dunkeln, allgemeinen Willen der
Natur, die ebenfalls will, dass sie lebt und zugleich will, dass sie ihr
Leben so verbessert und krftigt, wie es ihr aus freien Stcken nie
einfallen wrde, ist hier einmal blossgelegt. Nur fhrt durch eine
seltsame Unachtsamkeit der Natur die erzwungene Verbesserung gerade den
Tod der Besten herbei, und die Sitaris colletis wren lngst
ausgestorben, wenn nicht einzelne von ihnen durch Zufall, und ganz gegen
die Absicht der Natur, allein blieben und so dem trefflichen und
weitblickenden Gesetze, welches den Sieg des Strksten fordert, auf
diese Weise entrnnen.

Es kommt also vor, dass die grosse Gewalt, die uns unbewusst erscheint,
aber notwendigerweise vernnftig ist, denn das Leben, das sie hervorruft
und erhlt, giebt ihr jederzeit Recht, -- es kommt also vor, sage ich,
dass sie Fehlgriffe thut. Ihre hhere Vernunft, die wir anrufen, wenn
wir mit der unseren am Ende sind, hat also Mngel. Und wenn dem so ist,
wer wird sie wieder gut machen?

Aber kommen wir auf ihr gebieterisches Eingreifen in der Form der
Parthenogenesis zurck. Und vergessen wir nicht, dass diese Probleme
einer anderen Welt, die uns sehr fern zu liegen scheint, uns sehr nahe
berhren. Wer wollte leugnen, dass hnliche, noch geheimere, aber nicht
minder gefhrliche Eingriffe in die Sphre des Menschen jederzeit
stattfinden? Und wer hat in dem vorliegenden Falle recht, wenn man alles
in allem nimmt, die Natur oder die Bienen? Was wrde geschehen, wenn
diese gelehriger oder intelligenter wren, wenn sie die Absicht der
Natur nur zu gut verstnden und bis zur ussersten Konsequenz
anwendeten, indem sie immerfort nur Drohnen hervorbrchten, wie sie
gebietet? Wrden sie nicht Gefahr laufen, ihre Gattung zu vernichten?
Muss man glauben, dass es Absichten der Natur giebt, die zu begreifen
gefhrlich und denen allzueifrig zu folgen verhngnisvoll ist, und dass
eine ihrer Absichten die ist, nicht alle ihre Absichten zu verstehen und
zu befolgen? Und steht es nicht ebenso mit den Gefahren des Menschen?
Auch wir fhlen unbewusste Krfte in uns schlummern, die gerade das
Gegenteil von dem wollen, was unser Verstand fordert. Ist es gut, dass
unser Verstand, der sich gewhnlich um sich selbst dreht und dann nicht
mehr weiss, wohin, diesen Krften Recht giebt und sein unerhofftes
Gewicht dem ihren hinzufgt?

                   *       *       *       *       *

Haben wir das Recht, aus der Gefahr der Parthenogenesis zu schliessen,
dass die Natur Mittel und Zweck nicht immer in Einklang zu bringen
vermag, dass das, was sie zu erhalten whnt, sich oft nur infolge
von Vorsichtsmaassregeln erhlt, die sie just gegen ihre
Vorsichtsmaassregeln ergriffen hat, und oft gar durch fremde Umstnde,
die sie keineswegs vorausgesehen hat? Aber sieht sie berhaupt voraus,
sucht sie etwas zu erhalten? Die Natur, wird man sagen, ist ein Wort,
mit dem wir das Unerkennbare belegen, und es ist wenig Grund vorhanden,
ihr ein Ziel oder Vernunft zuzutrauen. Allerdings handelt es sich hier
um die hermetisch verschlossenen Gefsse, die den Hausrat unserer
Weltanschauung bilden. Um nicht ewig die Aufschrift Unbekannt darauf
zu setzen, denn sie entmutigt und zwingt zum Schweigen, gebrauchen wir,
je nach Form und Grsse, die Worte Natur, Leben, Tod,
Unendlichkeit, Auslese, Genius der Art u. v. a., wie die, welche
vor uns lebten, die Namen Gott, Vorsehung, Bestimmung, Lohn u.
s. w. darauf anbrachten. Das ist es, wenn man will, und weiter nichts.
Aber wenn der Inhalt auch verborgen bleibt, so haben wir doch das eine
gewonnen, dass die Aufschriften weniger bedrohlich geworden sind, und
dass wir den Gefssen nher treten, sie berhren und in heilsamer
Wissbegierde das Ohr daran legen knnen.

Aber welchen Namen man ihnen auch giebt, so viel steht fest, dass zum
mindesten eines dieser Gefsse, das grsste von ihnen, das auf seiner
Rndung den Namen Natur trgt, eine sehr reale Kraft birgt, vielleicht
die realste von allen, und jedenfalls weiss sie auf unserem Erdballe
eine ungeheure und wunderbare Quantitt und Qualitt von Leben mit so
sinnreichen Mitteln zu erhalten, dass man ohne bertreibung sagen kann,
sie bertrifft alles, was Menschengeist zu ersinnen im stande wre. Und
diese Qualitt und Quantitt sollten sich pltzlich durch andere Mittel
erhalten? Oder tuschen wir uns da, indem wir Vorsichtsmaassregeln zu
erblicken whnen, wo es sich vielleicht nur um einen vom Glck
begnstigten Zufall handelt, der eine Million minder glcklicher Zuflle
berlebt?

                   *       *       *       *       *

Mag sein, aber diese glcklichen Zuflle geben uns alsdann eine nicht
geringere Lehre der Bewunderung, als die, welche wir von Dingen, die
ber dem Zufall stehen, empfangen. Wir brauchen gar nicht bei den Wesen
stehen zu bleiben, die einen Schimmer von Intelligenz und Bewusstsein
besitzen und gegen die blinden Gesetze anringen knnen, wir brauchen
nicht einmal die ersten zweifelhaften Reprsentanten der untersten
Stufen des Tierreiches, die Protozon, ins Auge zu fassen. Die
Experimente des berhmten Mikroskopikers M. H. J. Carter zeigen in der
That, dass Wille, Absichten und Unterscheidungsvermgen schon bei
Embryos von der Winzigkeit der Myxomyceten zu finden sind, dass
Bewegungen, die eine List voraussetzen, sich schon bei Infusorien ohne
jeden sichtbaren Organismus zeigen, z. B. bei der Amoebe, die den jungen
Acineten an der Mndung der mtterlichen Eierstcke auflauert, weil sie
weiss, dass sie dann noch keine giftigen Fhlhrner haben. Dabei besitzt
die Amoebe weder Nervensystem noch irgendwelche beobachtungsfhigen
Organe. Gehen wir direkt zum Pflanzenreich ber; die Pflanzen scheinen
keine eigene Bewegung zu haben und allen usseren Einflssen ausgesetzt
zu sein. Halten wir uns auch nicht bei den fleischfressenden Pflanzen
auf, bei den Drosera z. B., die ganz wie Tiere auf Reize reagieren,
sondern sehen und staunen wir, welches Genie manche unserer einfachsten
Pflanzen entwickeln, um die kreuzweise Befruchtung, die sie ntig haben,
durch eine die Blte befliegende Biene sicher herbeizufhren. Betrachten
wir das wunderbar komplizierte Spiel des Rostellum und der Pollinarien
mit ihrem klebrigen Stielende und ihrer mathematisch-automatischen
Vorwrtsneigung bei Orchis morio, der schlichten Orchidee unserer
Himmelsstriche.[10] Verfolgen wir das doppelte, unfehlbare Schaukelspiel
der Salbei-Antheren, die den Krper des die Blume besuchenden Insektes
an dem und dem Punkte berhren, damit es die Narbe einer Nachbarblume
genau an derselben Stelle berhrt und befruchtet. Folgen wir ferner dem
allmhlichen Aufklinken und der Berechnung, welche die Narbe von
Pedicularis silvatica zeigt; beobachten wir die Organe dieser drei
Blumen, wie sie beim Hineinkriechen der Biene nach Art jener
komplizierten Mechaniken funktionieren, die man in den Schiessbuden
unserer Jahrmrkte hat, und die sofort in Bewegung treten, wenn ein
guter Schtze ins Schwarze getroffen hat.

Wir knnten noch tiefer heruntergehen und, wie Ruskin in seinen Ethics
of the Dust, den Charakter, die Gewohnheiten und Listen der Krystalle,
ihre Kmpfe und Maassnahmen, wenn ein Fremdkrper ihre Absichten strt
(die lter sind, als alles, was unsere Phantasie begreift), die Art und
Weise, wie sie einen Feind annehmen oder abstossen, den mglichen Sieg
des Schwchsten ber den Strksten u. s. w. beobachten. Z. B. giebt das
allmchtige Quarz dem unscheinbaren, heimtckischen Epidot in
zuvorkommendster Weise nach und lsst sich von ihm bertrumpfen, whrend
das Bergkrystall mit dem Eisen einen bald furchtbaren, bald prachtvollen
Ringkampf fhrt. Mancher durchsichtige Krystall hat ein regelmssiges,
tadelloses Wachstum, eine ungetrbte Reinheit, denn er stsst von vorn
herein alles Unreine ab, whrend sein Bruder neben ihm ein krankhaftes
Wachstum, eine augenscheinliche Immoralitt zeigt, da er alles Unreine
annimmt und sich klglich im Leeren windet. Endlich wre auf die
seltsame Erscheinung der krystallinischen Vernarbung und Rentegration
zu verweisen, die Claude Bernard studiert hat, aber dies Mysterium ist
zu seltsam. Halten wir uns an unsere Blumen, als an die letzten Glieder
eines Lebens, das zu dem unseren noch Beziehungen hat. Es handelt sich
hier nicht mehr um Tiere oder Insekten, bei denen wir einen
vernnftigen, eigenen Willen annehmen knnen, infolgedessen sie sich
erhalten. Ihnen schreiben wir, mit Recht oder Unrecht, keinen solchen
Willen zu. Jedenfalls knnen wir bei ihnen nicht die geringste Spur
jener Organe entdecken, in denen Wille, Vernunft und Initiative zu einer
Handlung ihren Sitz oder Ursprung haben. Folglich stammt das, was in
ihnen solche Wunder wirkt, unmittelbar aus der Quelle, die wir sonst
die Natur zu nennen pflegen. Es ist nicht mehr die Intelligenz des
Einzelwesens, sondern die unbewusste, ungeteilte Kraft, welche anderen
Gebilden Fallen stellt. Sollen wir daraus folgern, dass diese Fallen
keine reinen Zuflle sind, die durch zufllige Wiederkehr zur Regel
geworden sind? Dazu haben wir noch kein Recht. Man kann sagen, dass
diese Blumen ohne solche wunderbaren Vorrichtungen sich nicht erhalten
htten. Andere, die der kreuzweisen Befruchtung nicht bedurften, wren
an ihre Stelle getreten, und niemand htte das Nichtvorhandensein der
Ersteren bemerkt, auch wre das Leben uns darum nicht minder
unbegreiflich, vielfltig und erstaunlich erschienen.

                   *       *       *       *       *

Und doch kann man sich schwerlich der Auffassung verschliessen, dass die
Vorgnge, welche die glcklichen Zuflle herbeifhren und immer wieder
herbeifhren, Akte der Klugheit und Intelligenz sind. Aber welches ist
ihre Quelle, die Wesen selbst, oder die Kraft, aus der diese ihr Leben
schpfen? Ich sage nicht: Was liegt daran? Im Gegenteil; es lge uns
sehr viel daran, dies zu wissen. Einstweilen aber, bis wir erfahren, ob
es die Blume ist, die danach trachtet, das von der Natur in sie gelegte
Leben zu unterhalten und zu vervollkommnen, oder die Natur, die alles
versucht, um das Stck Dasein, das die Blume darstellt, zu erhalten und
zu veredeln, oder endlich der Zufall, der zuletzt den Zufall regelt, --
ldt eine Menge von Erscheinungen zu der Annahme ein, dass etwas
hnliches wie unsere hchsten Gedanken bisweilen aus einem gemeinsamen
Muttergrunde hervorgeht, den wir bewundern mssen, ohne sagen zu knnen,
wo er sich befindet.

Bisweilen scheint uns ein Irrtum aus diesem gemeinsamen Grunde
hervorzugehen. Aber obwohl wir sehr wenig wissen, so haben wir doch oft
Gelegenheit einzusehen, dass der Irrtum ein Akt der Klugheit war, der
nur ber den Horizont unserer ersten Einfalt hinausging. Selbst in
unserem kleinen Gesichtskreise knnen wir erkennen, dass die Natur, wenn
sie sich _hier_ tuscht, es fr ntzlich hlt, ihre angebliche
Unachtsamkeit _dort_ wieder gut zu machen. Sie hat die drei Blumen, von
denen wir reden, in eine so schwierige Lage gebracht, dass sie sich
nicht selbst befruchten knnen, aber sie hlt es fr vorteilhaft, warum,
wissen wir nicht, dass diese drei Blumen sich durch ihre Nachbarinnen
befruchten lassen, und das Genie, das sie zu unserer Rechten vergessen
hat, bekundet sie zur Linken, indem sie die Intelligenz ihrer
Stiefkinder mehrt. Die Umwege, die sie macht, scheinen uns unerklrlich,
aber ihr Genius bleibt stets auf der gleichen Hhe. Sie scheint in einen
Irrtum herabzusinken, vorausgesetzt, dass ein Irrtum hier mglich ist,
und sie erhebt sich unmittelbar darauf in dem Organ, das diesen Irrtum
wieder gut zu machen hat. Wohin wir uns wenden, sie berragt uns
berall. Sie ist der Kreisstrom Okeanos, der die Erde umfliesst, die
ungeheure Wasserflche ohne Ebbe, auf der unsere verwegensten und
unabhngigsten Gedanken immer nur eine untergeordnete Schaumblase
bilden. Wir nennen sie heute die Natur, und morgen haben wir
vielleicht einen anderen Namen gefunden, der sanfter oder schrecklicher
klingt. Inzwischen herrscht sie zu gleicher Zeit und in gleichem Geiste
ber Leben und Tod und liefert den beiden unvershnlichen Schwestern die
prunkhaften oder vertrauten Waffen, die ihren Busen vllig verndern und
schmcken.

                   *       *       *       *       *

Ob sie Maassregeln ergreift, um das, was sich auf ihrer Oberflche regt,
zu erhalten, oder ob man den seltsamsten der Kreise schliessen muss,
indem man sagt, dass das, was sich auf dieser Oberflche regt, selbst
Maassregeln gegen den Genius ergreift, der es beseelt: das sind Fragen
besonderer Art. Es ist fr uns nicht mglich zu wissen, ob eine Gattung
trotz der Frsorge des hheren Willens, unabhngig von ihm, oder
schliesslich allein durch ihn sich erhalten hat. Alles, was wir
feststellen knnen, ist, dass die und die Art sich erhlt, und folglich
hat die Natur in diesem Punkte recht. Aber wer kann uns sagen, wie viele
andere, die wir nicht kennen, ihrer Achtlosigkeit oder Ungeduld zum
Opfer gefallen sind? Alles, was wir noch feststellen knnen, sind die
berraschenden und bisweilen bedrohlichen Formen, die, bald in absoluter
Unbewusstheit, bald in einer Art von Bewusstheit, das ausserordentliche
Fluidum annimmt, das Leben heisst, und das uns und alles brige beseelt
und unsere Gedanken hervorbringt, die es beurteilen, und unsere Stimme,
die davon zu reden versucht.




                          DER HOCHZEITSAUSFLUG


Sehen wir indessen zu, auf welche Weise sich die Befruchtung der
Bienenknigin vollzieht. Auch hier hat die Natur ausserordentliche
Maassregeln ergriffen, um die Vereinigung der beiden Geschlechter aus
verschiedenen Stcken zu begnstigen, ein seltsames Gesetz, zu dem sie
durch nichts gezwungen wird, eine Laune vielleicht oder Unachtsamkeit,
deren Wiederausgleichung die wundervollsten Krfte ihrer Wirksamkeit
verschlingt. Es ist hchst wahrscheinlich, dass, wenn sie zur Erhaltung
des Lebens, zur Milderung des Leidens, zur Herbeifhrung eines sanfteren
Todes, zur Fernhaltung der schrecklichsten Zuflle halb so viel Geist
aufgewandt htte, als sie fr die kreuzweise Befruchtung und einige
andere willkrliche Einflle vergeudet, das Rtsel des Daseins uns
minder unbegreiflich und erbarmungswrdig erschienen wre, als so, wie
es sich jetzt unserer Wissbegier darstellt. Doch wir drfen unser
Bewusstsein und den Anteil, den wir am Dasein nehmen, nicht aus dem
schpfen, was vielleicht htte sein knnen, sondern aus dem, was ist.

Die jungfruliche Knigin lebt in der kribbelnden Enge des Bienenstockes
mit einigen hundert sie umschwrmenden Drohnen oder mnnlichen Bienen,
die voller bermut in stetem Honigrausche leben und keinen anderen
Daseinsgrund haben, als die Vollziehung eines Aktes der Liebe. Aber
trotz der ewigen Berhrung der beiden Geschlechter, die berall wo
anders alle Widerstnde berwinden, findet die Begattung niemals im
Bienenstock statt, und es ist noch nie gelungen, eine eingesperrte
Knigin zu schwngern.[11] Die sie umringenden Drohnen kennen sie nicht,
so lange sie in ihrer Mitte weilt. Sie fliegen aus und suchen sie im
Luftraum, in den verborgensten Winkeln des Horizontes, ohne zu ahnen,
dass sie sie eben verlassen haben, dass sie mit ihr auf derselben Wabe
schliefen und sie bei ihrem ungestmen Aufbruche vielleicht angerannt
haben. Man mchte sagen, ihre prachtvollen Augen, die ihren ganzen Kopf
mit einem blinkenden Helme bedecken, erkennen sie und verlangen nur dann
nach ihr, wenn sie im blauen ther schwebt. Jeden Tag von Mittag bis um
drei Uhr, wenn die Sonne am hchsten steht, fliegt ihre federgeschmckte
Horde zur Eroberung der Gattin aus, die kniglicher und
unvergleichlicher ist, als die unerreichbarste Mrchenprinzessin, denn
zwanzig oder dreissig Stmme sind von allen Stcken der Nachbarschaft
herbeigestrmt und umschwrmen sie: ein Gefolge von mehr als zehntausend
Freiern, von denen ein einziger zu einer einzigen minutenlangen Umarmung
auserkoren wird, die ihn dem Glcke, aber auch dem Tode vermhlt,
whrend alle anderen das engverschlungene Paar als unntze Begleitung
umschwirren und bald darauf umkommen werden, ohne das schicksalsvolle
Zauberbild wiedergesehen zu haben.

                   *       *       *       *       *

Diese erstaunliche, unsinnige Verschwendung der Natur ist keineswegs
bertrieben. In den volkreichsten Stcken zhlt man gewhnlich vier- bis
fnfhundert Drohnen. In entarteten oder schwcheren Stcken findet man
deren oft vier- oder fnftausend, denn je mehr ein Bienenvolk dem
Verfall entgegenneigt, desto mehr Drohnen bringt es hervor. Man kann
sagen, dass ein Bienenstand von zehn Kolonien im Durchschnitt ein Volk
von zehntausend Drohnen in die Luft schickt, von denen hchstens zehn
bis fnfzehn Gelegenheit haben werden, den einzigen Akt, zu dem sie da
sind, zu vollziehen.

Derweilen erschpfen sie die Vorrte des Volkes, und die unermdliche
Arbeit von fnf bis sechs Arbeitsbienen reicht kaum hin, um einen dieser
anspruchsvollen und gefrssigen Schmarotzer, die nur mit dem Munde
fleissig sind, zu erhalten. Aber die Natur ist stets verschwenderisch,
wo es sich um die Funktionen und Privilegien der Liebe handelt. Sie
knausert nur bei den Organen und Werkzeugen der Arbeit. Sie ist
parteiisch und hart gegen alles, was die Menschen Tugend nennen. Dagegen
spart sie die Diamanten und Gunstbeweise nicht, die sie auf den Weg der
gleichgiltigsten Liebenden ausstreut. Sie ruft berall: Vereinigt und
vermehrt Euch, es giebt kein anderes Gesetz und Ziel als die Liebe, --
um dann halblaut hinzuzufgen: und erhaltet Euch nachher, wenn Ihr es
vermgt, das geht mich nichts weiter an. Umsonst, etwas anderes zu
thun, etwas anderes zu wollen, man findet berall dieselbe Moral, die
der unseren so zuwiderluft. Man beobachte nur an denselben kleinen
Wesen ihren ungerechten Geiz und ihre sinnlose Verschwendung. Die
pflichttreue Arbeitsbiene muss von der Wiege bis zum Grabe hinaus in die
dichtesten Wlder, muss tausend versteckte Blten befliegen, muss im
Labyrinth der Honigbehlter, in den verborgenen Schchten der
Staubgefsse Honig und Pollen entdecken. Trotzdem sind ihre Augen und
Geruchsorgane im Vergleich zu denen der Drohnen verkmmert. Diese
knnten fast blind und ohne Geruchssinn sein, ohne darunter zu leiden,
kaum ohne sich dessen bewusst zu sein. Sie haben nichts zu thun, keine
Beute zu verfolgen, ihre Nahrung wird ihnen fertig zugetragen, und ihr
Dasein ist ein ununterbrochenes Honigfest. Aber sie sind die
Vollstrecker der Liebe, und die ungeheuersten und unntzesten Geschenke
werden mit vollen Hnden in den Abgrund der Zukunft geworfen. Einer von
tausend unter ihnen wird einmal in seinem Leben das Bild der kniglichen
Jungfrau im Azurblau erblicken. Einer von tausend wird im Luftraum einen
Augenblick der Spur des Weibes folgen, das nicht flieht. Das gengt. Die
parteiische Macht hat ihre unerhrten Schtze bis zum bermaass und
Wahnsinn aufgethan. Jedem dieser unwahrscheinlichen Liebhaber, von denen
999 einige Tage nach der Todeshochzeit des tausendsten geschlachtet
werden, hat sie 13000 Augen auf jeder Kopfseite gegeben, whrend die
Arbeitsbiene nur 6000 hat. Jeden ihrer Fhler hat sie, nach den
Berechnungen von Cheshire, mit 37800 Geruchshhlen versehen, gegen 5000,
welche die Arbeitsbiene auf beiden Seiten hat. Wer den Charakter der
Natur schildern wollte, so wie er sich aus derartigen Zgen ergiebt, der
msste eine ganz ungewhnliche, unserem Ideal ganz unhnliche Gestalt
entwerfen, obschon dieses Ideal doch auch von ihr stammen muss. Aber der
Mensch weiss zu wenig, um ein solches Bild zu malen, er knnte nur einen
grossen Schatten hinzeichnen und zwei oder drei ungewisse Lichter
daraufsetzen.

                   *       *       *       *       *

Ich glaube, es sind sehr Wenige, die das Hochzeitsgeheimnis der
Bienenknigin belauscht haben, denn diese Hochzeit vollzieht sich in dem
unendlichen, blendenden Brautbett des Sommerhimmels. Aber man kann den
Aufbruch der Braut und die todkndende Rckkehr der Gattin unter
Umstnden beobachten.

Trotz ihrer Ungeduld wartet sie im Schatten ihrer Thore Tag und Stunde
ab, bis ein wundervoller Morgen sich aus der Tiefe der azurenen
Himmelsurne in den hochzeitlichen Raum ergiesst. Sie liebt den
Augenblick, wo noch ein Rest von Thau auf Blatt und Blten schimmert, wo
die letzte Frische der sinkenden Morgenrte noch gegen die Glut des
Tages anringt, wie eine Jungfrau in den Armen eines Kriegsmannes, und
die krystallenen Laute des Morgens in dem Schweigen des nahenden Mittags
noch nicht ganz verhallt sind.

Dann erscheint sie auf der Schwelle, unbeachtet von den Arbeitsbienen,
die ihren Geschften obliegen, oder auch von ihren bethrten Tchtern
umringt, je nachdem sie Schwestern im Stocke zurcklsst oder nicht mehr
ersetzt werden kann. Sie fliegt zuerst rckwrts, lsst sich zwei bis
dreimal auf das Flugbrett nieder, und erst, wenn sie Lage und Anblick
ihres Knigreiches, das sie noch nie von aussen gesehen hat, genau in
ihren Geist aufgenommen hat, fliegt sie in gerader Linie scheitelwrts
ins Blaue, und erreicht so Hhen und eine Lichtzone, zu denen die
anderen Bienen sich nie in ihrem Leben aufschwingen. Die Drohnen
drunten, die sich trge auf den Blumen wiegen, haben die Erscheinung
gesehen und den magnetischen Duft eingesogen, der sich alsbald bis zu
den nachbarlichen Bienenstcken verbreitet. Sofort sammeln sich die
Horden und tauchen, ihrer Fhrte folgend, in das Meer der Heiterkeit,
dessen krystallene Grenzen sich immer weiter verschieben. Freudetrunken
ber den Gebrauch ihrer Flgel und dem herrlichen Gesetze der Art
getreu, das ihr den Liebsten zufhrt und nur den strksten allein in
ihre therferne Einsamkeit hinaufdringen lsst, steigt sie immerfort,
und die blaue Morgenluft strmt zum ersten Male in ihre Luftgefsse und
braust wie ein himmlisches Blut in den tausend strahlenfrmigen
Luftrhren ihrer beiden Lungen, welche die Hlfte ihres Krpers
einnehmen und sich vom weiten Raume nhren. Sie steigt immerfort, bis
sie eine de Zone erreicht, wo kein Vogel ihr Mysterium mehr strt. Sie
steigt immerfort, und schon zerteilt und vermindert sich der ungleiche
Schwarm unter ihr. Die Schwachen und Kranken, die Greise
und Missratenen, die schlecht Ernhrten der kraftlosen und
heruntergekommenen Vlker stehen von ihrer Verfolgung ab und
verschwinden im Leeren. Nur eine kleine Schaar von Unermdlichen schwebt
noch im unendlichen Raume. Noch eine letzte Anspannung der Flgel, und
der Auserwhlte der unbegreiflichen Mchte hat sie eingeholt, umarmt und
durchdrungen, und von doppeltem Schwunge beflgelt, kreist das eng
verschlungene Paar einen Augenblick im ttlichen Delirium der Liebe.

                   *       *       *       *       *

Die Mehrzahl der Wesen hat das dunkle Gefhl, dass Tod und Liebe nur
durch eine durchsichtige Haut von einander getrennt sind. Sie meinen,
die Natur wolle streng genommen, dass man in dem Augenblick, wo man
neues Leben hervorruft, das seine lsst. Wahrscheinlich ist es diese
angeerbte Furcht, die der Liebe solche Bedeutung verleiht. Hier
wenigstens offenbart sich diese Absicht der Natur in ihrer primitiven
Einfachheit, die ihren Schatten noch auf den Kuss zweier Menschen wirft.
Sobald die Vereinigung stattgefunden hat, platzt der Leib der Drohne
auf, das Werkzeug der Zeugung lst sich ab und zieht die ganzen
Eingeweide nach; die Flgel erschlaffen, und der entleerte Krper
strzt, vom hochzeitlichen Blitze getroffen, kreiselnd in den Abgrund.
Dieselbe Absicht, die in der Parthenogenesis die Zukunft des
Bienenstockes durch die ungewhnliche Vermehrung der Drohnen aufs Spiel
stellte, opfert hier die Drohnen der Zukunft des Bienenstockes. Sie
setzt immer in Erstaunen, diese Absicht; je mehr man in sie einzudringen
sucht, desto ungewisser wird sie, und Darwin, um einen Forscher zu
nennen, der sie von allen Menschen am leidenschaftlichsten und
methodischsten studiert hat, Darwin verliert auf Schritt und Tritt die
Fassung und weicht vor dem Unerwarteten und Unvereinbaren zurck. Man
sehe nur zu -- wenn anders man dem erhebend demtigenden Schauspiel des
menschlichen Geistes im Ringen mit dem Unendlichen zusehen will -- man
sehe nur zu, wie er die seltsamen, unglaublich geheimnisvollen und
zusammenhangslosen Gesetze der Unfruchtbarkeit und Fruchtbarkeit der
Bastarde, oder die der Variabilitt der Art- und Gattungscharaktere zu
entwirren sucht. Kaum hat er ein Prinzip formuliert, so drngen sich
schon zahllose Ausnahmen auf, und bald ist das bedrngte Prinzip froh,
in einem Eckchen ein Obdach zu finden und als Ausnahme einen Rest von
Dasein zu fristen.

Bei der Bastardierung wie bei der Variabilitt (namentlich bei den
gleichzeitigen Variationen, die man Korrelation des Wachstums nennt),
beim Instinkt, wie bei den Vorgngen des Kampfes ums Dasein, bei der
Auslese, der geologischen Aufeinanderfolge und geographischen Verteilung
der organischen Wesen, bei den Verwandtschaften unter einander, kurz
berall, ist die Natur tastend und nachlssig, sparsam und
verschwenderisch, weitblickend und unaufmerksam, unbestndig und
unerschtterlich, lebendig und regungslos, ein- und tausendfltig,
grossartig und niedrig in demselben Augenblick und derselben
Erscheinung. Da sie das unendliche, jungfruliche Land der Einfachheit
vor sich hatte, bevlkert sie es mit kleinen Irrtmern, kleinen, sich
widersprechenden Gesetzen und kleinen schwierigen Problemen, die sich
ins Dasein verlaufen, wie blinde Heerden. Freilich ist das nur in
unseren Augen so, die nur das von der Realitt widerspiegeln, was sich
uns und unseren Bedrfnissen angepasst hat, und nichts berechtigt uns zu
dem Glauben, dass die Natur ihre Ursachen und Wirkungen, die sich
verlaufen haben, aus den Augen verlre.

Jedenfalls gestattet sie ihnen selten, so weit zu gehen, dass sie
widersinnig und gefhrlich werden. Sie verfgt ber zwei Krfte, die
stets Recht haben, und wenn die Erscheinungen gewisse Grenzen
berschreiten, winkt sie dem Leben oder dem Tode, und diese stellen die
Ordnung wieder her und zeichnen den Weg, der frderhin zu beschreiten
ist, gleichgiltig vor.

                   *       *       *       *       *

Sie entschlpft uns berall, sie missachtet die meisten unserer Regeln
und durchbricht alle unsere Maassstbe. Rechts von uns steht sie weit
unter unserem Denken, doch zur Linken berragt sie es pltzlich wie ein
Gebirge. Sie scheint sich fortwhrend zu irren, sowohl in der Welt ihrer
ersten Versuche, wie in der der letzten, will sagen, in der
Menschenwelt. Sie heiligt hier den Instinkt der dunklen Masse, die
unbewusste Ungerechtigkeit der Zahl, die Niederlage der Intelligenz und
Tugend, die flache Durchschnittsmoral, die den grossen Strom der Gattung
lenkt und offenbar viel niedriger steht, als die Moral, wie sie ein
Geist erhofft und versteht, der sich dem kleinen, klareren Strome
anschliesst, welcher dem grossen entgegenluft. Trotzdem fragt derselbe
Geist sich vielleicht nicht mit Unrecht, ob es nicht seine Pflicht sei,
alle Wahrheit, folglich auch die moralischen Wahrheiten, in dieser Masse
und nicht in sich selbst zu suchen, wo sie verhltnismssig so klar und
bestimmt zu Tage liegen.

Es fllt ihm nicht ein, die Vernnftigkeit und Tugendhaftigkeit seines
Ideals, das so viele Helden und Weise geheiligt haben, zu verneinen,
aber bisweilen sagt er sich doch, dass dieses Ideal sich vielleicht
abseits von der grossen Masse gebildet hat, deren gestaltlose Schnheit
er zu verkrpern whnt. Er hat bisher mit gutem Grunde frchten knnen,
dass er durch Anpassung seiner Moral an die der Natur gerade das, was
ihm die Krone der Natur zu sein dnkte, vernichten wrde, aber heute, wo
er sie etwas besser kennt und aus einigen noch dunklen, aber von
unerwarteter Grsse zeugenden Antworten erkannt hat, dass ihre Plne und
ihre Vernunft ungeheuerer sind, als alles, was er in seiner
Selbstbeschrnkung htte denken knnen, frchtet er sie minder und
bedarf darum nicht mehr so unbedingt der Zuflucht zu seiner Sondertugend
und Vernunft. Er sagt sich, dass etwas, das so gross ist, keinen
erniedrigenden Einfluss haben kann. Er mchte wissen, ob nicht der
Augenblick gekommen ist, wo er seine Gewissheiten, Prinzipien und Trume
einer grndlicheren Prfung unterwerfen soll.

Ich wiederhole es: er denkt nicht daran, sein menschliches Ideal
aufzugeben. Gerade das, was dieses Ideal zuerst widerrt, lsst ihn
schliesslich darauf zurckkommen. Die Natur kann kein schlechter
Ratgeber sein fr einen Geist, dem jede Wahrheit, die nicht wenigstens
auf der Hhe seines eigenen Strebens steht, nicht hoch genug erscheint,
um endgiltig und des grossen Planes wrdig zu sein, den er aufzudecken
trachtet. Nichts wechselt seinen Platz in seinem Leben, ohne mit ihm zu
steigen, und er wird sich noch lange sagen, dass er steigt, wenn er sich
dem alten Bilde des Guten nhert. Aber in seinem Denken wandelt sich
alles mit grsserer Freiheit, und er kann in seiner leidenschaftlichen
Betrachtung ungestraft bergab steigen, bis er die grausamsten und
unsittlichsten Widersprche des Lebens wie Tugenden schtzt, denn er
fhlt im Voraus, dass eine Menge von Thlern nach einander zu der
ersehnten Hochflche fhren. Diese Betrachtung und diese Leidenschaft
hindern ihn nicht daran, im Suchen nach dieser Gewissheit, selbst wenn
dies Suchen ihn zum Gegenteil von dem fhrt, was er liebt, sein
Verhalten nach der menschlich schnsten Wahrheit zu regeln und sich an
das am hchsten stehende Vorlufige zu halten. Alles, was die
wohlthtige Tugend mehrt, geht unmittelbar in sein Leben auf; alles, was
sie schmlern wrde, bleibt ungelst darin, wie eines jener unlslichen
Salze, die sich erst zur Stunde des entscheidenden Experiments bewegen.
Er kann eine niedrige Wahrheit annehmen, aber um danach zu handeln, wird
er -- vielleicht Jahrhunderte lang -- warten, bis er erkannt hat, welche
Beziehungen zwischen dieser Wahrheit und denen bestehen, die unendlich
genug sind, um alle anderen einzubegreifen und zu berschatten.

Mit einem Worte, er wird die moralische Weltordnung von der
intellektuellen trennen und in die erstere nur das aufnehmen, was
grsser und schner ist als ehedem. Und wenn es tadelnswert ist, diese
beiden Ordnungen zu trennen, wie man es oft genug im Leben thut, um
schlechter zu handeln, als man denkt, und das Bessere zu erkennen, aber
dem Schlechteren zu folgen, so ist es doch immerhin heilsam und
vernnftig, das Schlechtere zu erkennen, aber dem Besseren zu folgen und
ber seine Gedanken hinaus zu handeln, denn die menschliche Erfahrung
giebt uns tglich mehr Hoffnung, dass der hchste Gedanke, den wir
erfassen knnen, noch lange unter der geheimnisvollen Wahrheit stehen
wird, nach der wir trachten. Und wenn von alledem auch nichts wahr wre,
so wird er doch von einem vertrauteren Gedanken und Gefhl geleitet. Je
mehr Kraft nach seiner Meinung den Gesetzen innewohnt, die zur
Selbstsucht, Ungerechtigkeit und Grausamkeit einzuladen scheinen, desto
mehr bestrkt er jene anderen, die Grossmut, Mitleid und Gerechtigkeit
lehren, denn indem er den Anteil des Weltalls und der eigenen Person
gleichzusetzen und methodischer abzugrenzen beginnt, findet er in der
letzteren etwas ebenso tief Natrliches.

                   *       *       *       *       *

Indessen kehren wir zu der tragischen Hochzeit der Bienenknigin zurck.
In dem uns beschftigenden Falle will die Natur also in Anbetracht der
kreuzweisen Befruchtung, dass Knigin und Drohne sich nur im weiten
Raume begatten. Aber ihre Plne verstricken sich wie ein Netz, und ihre
liebsten Gesetze mssen unaufhrlich durch die Maschen von anderen
hindurch, und diese im nchsten Augenblick wieder durch die der
ersteren. Da sie denselben Himmel mit ungezhlten Gefahren bevlkert
hat, mit kalten Winden, strmischen Luftstrmungen, Vgeln, Insekten und
Wassertropfen, die auch unbeugsamen Gesetzen gehorchen, muss sie dafr
sorgen, dass diese Paarung sich so schnell wie mglich vollzieht. Dies
geschieht durch den blitzhaften Tod der Drohne. Eine Minute gengt, und
der Rest der Befruchtung vollzieht sich in den Weichen der Gattin.

Diese kehrt von den blauen Hhen schnell in den Stock zurck und
schleppt die langgezogenen Gedrme ihres Buhlen wie eine Oriflamme nach.
Einige Bienenkenner behaupten, dass sie bei dieser hoffnungsschwangeren
Rckkehr eine grosse Freude offenbarte. U. a. entwirft Bchner eine
ausfhrliche Schilderung davon. Ich habe diese hochzeitliche Heimkehr
nun oft genug belauscht, aber ich muss gestehen, dass ich nie eine
ungewhnliche Aufregung beobachtet habe, ausser wenn es sich um eine
junge Knigin handelt, die an der Spitze eines Schwarmes aufgebrochen
ist und die einzige Hoffnung einer neu gegrndeten, noch den Stadt
bildet. In diesem Falle strzen alle Arbeitsbienen ihr wie bethrt
entgegen, um sie zu empfangen. Doch fr gewhnlich scheinen sie sie zu
vergessen, obwohl die Zukunft des Volkes oft keine kleinere Gefahr
luft. Sie haben eben alles bedacht, bis dahin, wo sie den Mord der
jungen Prinzessinnen zuliessen, aber weiter geht ihr Instinkt nicht; es
ist wie ein Loch in ihrer Voraussicht. Sie machen also einen ziemlich
gleichgiltigen Eindruck. Sie heben den Kopf, erkennen vielleicht auch
das mrderische Wahrzeichen der Befruchtung, aber immer noch
misstrauisch, wie sie sind, verraten sie nichts von der Heiterkeit, die
wir von ihnen erwarten. Als positive, wenig illusionsfhige Wesen
erwarten sie, bevor sie sich freuen, wahrscheinlich noch andere Beweise.
Wir thun unrecht, wenn wir alle Gefhle dieser kleinen Geschpfe, die
uns so unhnlich sind, vermenschlichen und logisch machen wollen. Bei
den Bienen, wie bei allen anderen Tieren, die einen Abglanz unseres
Verstandes in sich tragen, kommt man selten zu so bestimmten
Ergebnissen, wie sie in den Bchern geschildert werden. Es bleiben zu
viele Umstnde, die uns nicht bekannt sind. Warum soll man sie
vollkommener machen, als sie sind, und etwas sagen, was nicht wahr ist?
Wenn manche whnen, dass sie anziehender wren, wenn sie uns glichen, so
haben sie noch keinen richtigen Begriff davon, was einem aufrichtigen
Geiste belangreich erscheinen muss. Das Ziel des Beobachters ist nicht,
in Erstaunen zu setzen, sondern zu verstehen, und es ist interessanter,
die Lcken eines Verstandes und alle Anzeichen eines von dem unseren
abweichenden Zerebralsystems aufzuzeigen, als Wunder davon zu erzhlen.

Trotzdem ist die Gleichgiltigkeit nicht allgemein, und sobald die
Knigin atemlos auf dem Flugbrett landet, bilden sich einige Gruppen und
geleiten sie in die Vorhalle, in welche die Sonne, der Held aller Feste
des Bienenstockes, mit kleinen, furchtsamen Schritten hineindringt, um
die Wachswnde und Honigguirlanden mit goldbraunem Helldunkel zu zieren.
brigens regt die junge Gattin sich nicht mehr und nicht weniger auf,
als ihr Volk; es ist nicht viel Raum fr unntige Wallungen in dem engen
Hirn der praktischen Barbarenknigin. Sie hat nur ein Verlangen,
nmlich: sich sobald wie mglich von dem lstigen Angedenken an ihren
Gatten zu befreien, das sie am Gehen hindert. Sie hockt auf der Schwelle
nieder und entledigt sich sorgfltig der unntzen Organe, die alsbald
von den Arbeitsbienen aus dem Stocke geschafft werden, denn die Drohne
hat ihr alles gegeben, was sie besass, und weit mehr, als ntig war. Sie
behlt nichts bei sich, als in ihrer Samentasche die Samenflssigkeit,
in der Millionen Keime schwimmen, die einer nach dem andern beim
Vorbeigleiten der Eier im Dunkel ihres Leibes die geheimnisvolle
Vereinigung des mnnlichen und weiblichen Elementes vollziehen werden,
aus der die Arbeitsbienen entstehen. Es ist eine seltsame Umkehrung der
Dinge, dass sie das mnnliche Prinzip liefert und die Drohne das
weibliche. Zwei Tage nach der Begattung legt sie ihre ersten Eier, und
alsbald umgiebt das Volk sie mit peinlicher Frsorge. Sie ist fortan
zweigeschlechtig und ihr eigentliches Dasein nimmt jetzt seinen Anfang.
Sie verlsst nie mehr den Stock, sieht nie mehr das Licht, ausser bei
Begleitung eines Schwarmes, und ihre Fruchtbarkeit erlahmt erst bei
ihrem Tode.

                   *       *       *       *       *

Eine seltsame Hochzeit! Die mrchenhafteste vielleicht, die sich trumen
lsst, voller Himmelsblue und Trauerspiel, ein Aufschwung des
Verlangens ber das Leben hinaus, blitzhaft und unvergnglich, kurz und
blendend, einsam und unendlich. Eine erhabene Trunkenheit, ein Tod im
Reinsten und Schnsten, was es auf dieser Erde giebt. Im jungfrulichen,
unendlichen Raume, in der majesttischen Klarheit des offenen Himmels
schwebt der Augenblick der Wonne; im keuschen Lichte lutert sich alles
Unreine, was der Liebe anhaftet, wird die unvergessliche Umarmung
vollzogen und fr eine lange Zukunft einem und demselben Leibe das
doppelte Vermgen beider Geschlechter unzertrennlich verliehen.

Die tiefere Wahrheit hat freilich nichts von dieser Poesie; sie besitzt
eine andere, fr die wir weniger empfnglich sind, obwohl wir sie
vielleicht dereinst auch begreifen und lieben werden. Die Natur hat
keine Anstalten getroffen, um diesen beiden abgekrzten Atomen, wie
Pascal sagen wrde, eine glnzende Hochzeit, einen Augenblick idealen
Glcks zu bescheren. Sie hat, wir haben es schon gesagt, nichts im
Sinne, als die Verbesserung der Art durch die Befruchtung ber Kreuz,
und um diese sicherzustellen, hat sie das Organ der Drohne so
eingerichtet, dass es keinen anderen Gebrauch zulsst, als im weiten
Raume. Die Drohne muss durch andauerndes Fliegen ihre beiden grossen
Luftscke vollstndig ausdehnen, damit diese beiden luftgefllten
Gefsse den Unterteil des Hinterleibes herausdrcken, wodurch die
Befruchtung stattfindet. Das ist das ganze physiologische Geheimnis --
wie trivial, werden die einen sagen, fast peinlich, die anderen --
des wunderbaren Liebesfluges, der blendenden Verfolgung und der
seltsamen Hochzeit.

                   *       *       *       *       *

Und wir, fragt ein Poet, sollen wir unsere Freude denn stets ber der
Wahrheit suchen?

Ja, bei jeder Gelegenheit, in jedem Augenblick, in allen Dingen wollen
wir unsere Freude stets zwar nicht ber der Wahrheit suchen, was
unmglich ist, denn wir wissen nicht, wo sie zu suchen ist, wohl aber
oberhalb der kleinen Wahrheiten, die wir erkennen. Wenn ein Gegenstand
durch irgend welchen Zufall, eine Erinnerung, eine Illusion, eine
Leidenschaft oder irgend einen Anlass sich unseren Augen schner
darstellt als den anderen, sei uns dieser Anlass zunchst lieb und
teuer! Vielleicht ist es nur ein Irrtum, aber der Irrtum verhindert
nicht, dass _der_ Augenblick uns den Gegenstand am schnsten erscheinen
lsst, wo wir nahe daran sind, seine Wahrheit zu erkennen. Die
Schnheit, die wir ihm verleihen, lenkt unsere Aufmerksamkeit auf seine
wirkliche Grsse und Schnheit, die durchaus nicht leicht zu entdecken
sind und in den Beziehungen aller Dinge zu den allgemeinen, ewigen
Gesetzen und Krften liegen. Die Fhigkeit zu bewundern, die wir an
einer Illusion erprobt haben, ist fr die Wahrheit, die ihr spter oder
frher folgt, unverloren. Mit Worten und Gefhlen der Vergangenheit, mit
der Glut, die alte, imaginre Schnheiten entfesselt haben, nimmt die
Menschheit heute Wahrheiten auf, die vielleicht nie geboren wren, noch
gnstigen Boden gefunden htten, wenn diese lngst geopferten Illusionen
das Herz und den Verstand, auf welche diese Wahrheiten sich herablassen
wollen, nicht erfllt und bestrkt htten. Glcklich die Augen, die
keiner Illusion bedrfen, um die Grsse des Anblickes zu ermessen! Die
anderen lernen eben durch die Illusion aufschauen, bewundern und sich
freuen. Und so hoch sie auch aufschauen mgen, sie werden nie zu hoch
blicken. Je nher man der Wahrheit kommt, desto mehr erhebt sie sich,
und je mehr man sie bewundert, desto nher kommt man ihr. Und so hoch
sie sich auch freuen mgen, sie werden sich nie im Leeren freuen, noch
_ber_ der unbekannten ewigen Wahrheit, die ber allen Dingen wie eine
unbestimmte Schnheit schwebt.

                   *       *       *       *       *

Heisst das, wir sollen uns der Lge befleissigen, einer willkrlichen,
unwirklichen Poesie nachtrachten und uns in Ermangelung eines Besseren
an dieser erfreuen? Sollen wir etwa in dem vorliegenden Falle, der an
sich nichts bedeutet, aber fr tausend hnliche Flle und unsere ganze
Stellung zu gewissen Thatsachenreihen typisch ist -- sollen wir in
diesem Falle etwa die physiologische Erklrung unterlassen und uns nur
an die Empfindung halten, die uns dieser Hochzeitsausflug hinterlsst,
der, was auch seine Ursache sein mag, immerhin einer der schnsten
lyrischen Vorgnge jener pltzlich selbstlosen und unwiderstehlichen
Gewalt bleibt, der alle Lebewesen gehorchen und die man Liebe nennt?
Nichts wre kindlicher, nichts wre auch unmglicher, dank den
trefflichen Gewohnheiten, denen heute alle redlichen Geister huldigen.

Die kleine Thatsache, dass die Befruchtung durch die Drohne nur dann
stattfindet, wenn die Luftscke aufgeschwellt sind, wollen wir mit
Freuden aufnehmen, da sie unbestreitbar ist. Aber wenn wir uns damit
begngten, wenn wir nicht darber hinausblickten, wenn wir daraus
folgerten, dass jeder zu hoch fliegende oder zu weitgehende Gedanke
notwendigerweise Unrecht hat, und dass die Wahrheit sich allemal in
materiellen Kleinigkeiten befindet, wenn wir nicht irgendwo, vielleicht
in Ungewissheiten, die von grsserer Tragweite sind, als die, welche
durch die kleine Erklrung nun aufgehellt sind, z. B. in dem seltsamen
Mysterium der kreuzweisen Befruchtung, der Fortdauer der Art und des
Lebens, im Weltplan u. s. w. eine Fortsetzung dieser Erklrung, eine
Fortdauer des Schnen und Grossen im Unbekannten suchen: ich mchte fast
behaupten, dass wir unser Dasein dann in grsserem Abstande von der
Wahrheit verbringen wrden, als die, welche sich blind auf die poetische
und vllig imaginre Auslegung dieser wunderbaren Hochzeit verlegen
wrden. Sie tuschen sich ohne Zweifel ber Form und Farbe der Wahrheit,
aber sie leben weit mehr als die, welche sich schmeicheln, sie ganz und
gar in Hnden zu halten, in ihrem Dunstkreise und unter ihrem Einfluss.
Sie sind darauf vorbereitet, sie zu empfangen, denn es ist ein
gastlicherer Raum in ihnen, und wenn sie sie nicht sehen, so erheben sie
ihre Augen doch zu dem Orte der Schnheit und Grsse, allwo es heilsam
ist, sie zu suchen.

Das Ziel der Natur, welches fr uns die alle anderen beherrschende
Wahrheit ist, kennen wir nicht. Aber um diese Wahrheit zu lieben, um die
Glut, mit der wir nach ihr trachten, in unserem Herzen zu nhren, mssen
wir sie fr gross halten. Und wenn wir eines Tages erkennen sollten,
dass wir auf falscher Fhrte sind, dass sie klein und unzusammenhngend
ist, so werden wir diese Entdeckung doch nur der Anregung verdanken, die
uns ihre vermeintliche Grsse gegeben hat, und wenn diese Kleinheit
feststeht, wird sie uns lehren, was zu thun ist. Einstweilen ist es
nicht zu viel gethan, wenn wir im Trachten nach ihr alles Mchtigste und
Verwegenste in Bewegung setzen, dessen unser Verstand und Herz fhig
ist. Und wenn das letzte Wort in alledem etwas Niedriges sein sollte, so
ist es doch nichts Kleines, die Kleinheit oder Hohlheit des letzten
Zieles der Natur aufgedeckt zu haben.

                   *       *       *       *       *

Es giebt fr uns noch keine Wahrheit, sagte mir eines Tages einer
unserer grossen zeitgenssischen Psychologen bei einem Spaziergange auf
dem Lande. Es giebt noch keine Wahrheit, aber es giebt berall drei gute
Wahrscheinlichkeiten. Jeder whlt sich eine davon aus, oder besser, sie
whlt ihn, und diese Wahl, die er trifft, oder die ihn trifft, geschieht
oft ganz instinktiv. Er hlt sich fortan an sie, und sie bestimmt Form
und Inhalt aller Dinge, die auf ihn eindringen. Der Freund, dem wir
begegnen, das Weib, das uns lchelnd entgegengeht, die Liebe, die unser
Herz ffnet, der Tod oder Kummer, der es schliesst, dieser
Septemberhimmel, dieser schne, anmutige Garten, in dem man, wie in
Corneilles Psyche, grne, goldumsumte Lauben erblickt, und die
weidende Herde und der Schfer, der daneben schlft, und die letzten
Dorfhuser, und das Meer zwischen den Bumen: das alles bckt oder
erhebt sich, schmckt oder entkleidet sich seines Reizes, je nach dem
Zeichen, das ihm die Wahl, die wir getroffen, macht. Lernen wir unter
den drei Wahrscheinlichkeiten whlen. Am Abend meines Lebens, in dem ich
so viel nach der kleinen Wahrheit und der physikalischen Ursache
geforscht habe, beginne ich, zwar nicht das zu schtzen, was uns von
diesen ablenkt, wohl aber das, was ihnen vorangeht, und namentlich das,
was etwas ber sie hinausgeht. --

Wir waren auf einer jener Hochebenen im Lande Caux in der Normandie
angelangt, das so sanft ist, wie ein englischer Park, aber ein
natrlicher Park ohne Grenzen. Es ist einer jener seltenen Erdenwinkel,
wo das Land vollstndig gesund und mit tadellosem Grn bedeckt ist.
Etwas mehr nordwrts wird das Klima zu rauh, etwas mehr nach Sden wirkt
die Sonne erschlaffend und sengend. -- Am Saum einer Ebene, die sich bis
ans Meer herabzog, trmten Bauern einen Getreideschober auf.

Sehen Sie, sagte er, von hier aus gesehen sind sie schn. Sie errichten
ein einfaches und doch so wichtiges Ding; es ist das glckbedeutende und
fast unvernderliche Denkmal des sich bejahenden Menschenlebens: ein
Getreideschober. Die Entfernung und die Abendluft verwandeln ihre
Freudenrufe in eine Art von Lied ohne Worte; es ist wie eine Antwort auf
das Hohelied der Bume, die ber unseren Kpfen rauschen. Der Himmel
ber ihnen ist wundervoll, als ob gtige Geister alles Licht mit
feurigen Palmwedeln nach dem Schober zugekehrt htten, um ihrer Arbeit
noch lnger zu leuchten. Und die Spur der Palmen ist am Himmel
geblieben. Sehen Sie die schlichte Dorfkirche halb zur Seite unter den
rundwipfeligen Linden; sie berragt und berwacht sie. Und das Gras des
heimatlichen Kirchhofes, der ins heimische Meer schaut. Sie errichten
ihr Denkmal des Lebens harmonisch zwischen den Denkmlern ihrer Toten,
die dieselben Bewegungen machten und in ihnen weiterleben. Fassen Sie
nun das Ganze zusammen. Es ist ohne besondere, allzu hervorspringende
Einzelheiten, wie man es in England, Holland oder der Provence finden
knnte. Es ist das breite, beschauliche Bild eines natrlichen,
glcklichen Lebens, alltglich genug, um symbolisch zu wirken. Sehen
Sie, welches Ebenmaass in der nutzbringenden Bethtigung des
Menschenlebens liegt! Blicken Sie den Mann an, der die Pferde lenkt, den
ganzen Krper des anderen, der die Garbe auf der Gabel hinaufreicht, die
Weiber, die sich ber das Getreide beugen, und die spielenden Kinder ...
Sie haben keinen Stein verschoben, keine Erdscholle bewegt, um die
Landschaft zu verschnern, sie thun keinen Schritt, sie pflanzen keinen
Baum, sen keine Blume, wo es nicht notwendig ist. Das ganze schne Bild
ist nichts als das ungewollte Ergebnis des menschlichen Bemhens, sich
eine kurze Zeit in der Natur zu erhalten. Und doch knnen die unter uns,
die ein Bild der Anmut und des Friedens, ein Bild voll tiefer Bedeutung
ersinnen oder schaffen mchten, nichts Vollkommeneres entdecken und
kommen einfach hierher, um dies zu malen oder zu beschreiben, wenn sie
uns Schnheit oder Glck darstellen wollen. Das ist die erste
Wahrscheinlichkeit, die einige die Wahrheit nennen. --

Gehen wir nher heran. Hren Sie den Gesang, der dem Rauschen der
grossen Bume so frohgemut antwortete? Er besteht aus groben Worten und
Schimpfreden, und wenn ein Lachen erschallt, so hat ein Mann ein Weib
mit Dreck geworfen, oder sie ziehen den Schwchsten, den Buckeligen auf,
der seine Brde nicht heben kann, werfen den Lahmen hin oder zausen den
Blden.

Ich beobachte sie seit manchem Jahr. Wir sind in der Normandie, der
Boden ist fett und leicht zu bebauen. Hier um den Schober herrscht ein
bischen mehr Wohlstand, so dass man nicht berall eine Szene dieser Art
vermutet. Folglich sind die Mehrzahl der Mnner Alkoholiker, viele
Weiber sind es gleichfalls, und ein anderes Gift, das ich nicht erst zu
nennen brauche, verdirbt den Volksschlag vollends. Das Resultat davon
sind die Kinder, die Sie da sehen. Dieser Knirps ist skrophuls, dieser
Krummbeinige hat einen Wasserkopf. Alle, Mnner und Weiber, junge und
alte, huldigen den gewhnlichen Lastern des Bauern. Sie sind brutal,
heuchlerisch, verlogen, habgierig, verleumderisch, misstrauisch,
neidisch, auf kleinen unerlaubten Profit bedacht, stets mit der
niedrigsten Erklrung bei der Hand, schmeichlerisch gegen den Strksten
u. s. w. Die Not weist sie auf einander an und zwingt sie, sich
gegenseitig zu helfen, aber wo sie es unbeschadet thun knnen, trachten
alle insgeheim danach, sich zu schaden.

Die Schadenfreude ist die einzige wahre Freude des Ortes. Ein grosses
Unglck ist der lange gehtschelte Gegenstand heimtckischen Ergtzens.
Sie belauschen, beargwhnen, verachten und verabscheuen einander. So
lange sie arm sind, hegen sie gegen die Hrte und den Geiz ihrer
Brotherren einen zhen und verschlossenen Hass, und wenn sie selber
Knechte haben, benutzen sie die Erfahrungen ihrer Knechtszeit, um die
Hrte und den Geiz, unter denen sie selbst gelitten haben, noch zu
bertreffen. Ich knnte Ihnen manche Einzelheiten ber die Schurkereien
und Knickereien, die Tyrannei, Ungerechtigkeit und Rnkesucht erzhlen,
die dieser in Frieden und Himmelsschein ruhenden Arbeit zu Grunde
liegen. Wir drfen nicht glauben, dass der Anblick dieses herrlichen
Himmels und des Meeres, das jenseits ihrer Kirche einen anderen
greifbareren Himmel bildet, der die Erde umfngt, wie ein grosser
Spiegel voller Bewusstsein und Weisheit, -- dass dieser Anblick sie
erhbe und erbaute. Sie haben ihn nie genossen. Ihr Denken wird nur von
drei oder vier ganz bestimmten Furchtempfindungen geleitet: der Furcht
vor Hunger, der Furcht vor der Kraft, der ffentlichen Meinung, dem
Gesetze, und in der Todesstunde der Furcht vor der Hlle. Um zu zeigen,
was sie wert sind, msste man sie einzeln vornehmen. Erst den grossen
Burschen rechts, der so gemtlich aussieht und so schn die Garbe wirft.
Vergangenen Sommer zerbrachen ihm seine Freunde bei einem Streit im
Wirtshause den rechten Arm. Ich habe den Bruch geheilt, es war eine
schlimme, komplizierte Geschichte. Ich habe ihn lange gepflegt. Ich habe
ihn untersttzt, bis er wieder arbeiten konnte. Er kam alle Tage zu mir.
Er hat sich das zu Nutze gemacht und im Dorfe verbreitet, er htte mich
in den Armen meiner Schwgerin berrascht, und meine Mutter trnke. Er
ist nicht schlecht und will mir nicht bse, im Gegenteil, sein Gesicht
strahlt von dem aufrichtigsten Lcheln, wenn er mich sieht. Es war kein
sozialer Hass, der ihn dazu trieb. Der Bauer hasst den Reichen nicht,
dazu hat er zu viel Respekt vor dem Reichtum. Aber ich denke, mein
wackerer Gabelschwinger begriff nicht, warum ich ihn pflegte, ohne
Vorteil daraus zu ziehen. Er witterte Rnke und wollte nicht der
Genarrte sein. Mehr als einer, reich oder arm, hatte es vor ihm ebenso
getrieben, oder noch schlimmer. Er glaubte nicht, dass er lge, als er
seine Erfindungen verbreitete, er stand unter dem Drucke der Moralitt
seiner Umgebung. Er gehorchte unwissentlich und gewissermaassen wider
Willen dem allmchtigen Gebote der allgemeinen Niedertracht ... Aber
warum dies Bild weiter ausmalen? Wer einige Jahre auf dem Lande gelebt
hat, der kennt es ja. Das ist also die zweite Wahrscheinlichkeit, die
von den Meisten die Wahrheit genannt wird. Es ist die Wahrheit des
notwendigen Lebens. Es ist unzweifelhaft, dass sie auf den
zuverlssigsten Thatsachen beruht, den einzigen, die jeder Mensch
beobachten und erfahren kann. --

Setzen wir uns hier auf diese Garben, fuhr er fort, und sehen wir weiter
zu. Verwerfen wir keine der kleinen Thatsachen, welche die eben genannte
Realitt ausmachen. Lassen wir sie von selber im Raum kleiner werden.
Sie fllen den Vordergrund aus, aber hinter ihnen, das muss man wohl
zugeben, steht eine grosse, hchst merkwrdige Kraft, die das Ganze in
starken Hnden hlt. Hlt sie es aber nur, oder vielmehr, erhebt sie es
nicht? Die Menschen, die wir da sehen, sind nicht mehr in allen Stcken
die wilden Tiere La Bruyre's, die so etwas wie eine artikulierte Stimme
hatten und sich des Nachts in Hhlen verbargen, wo sie von Schwarzbrot,
Wasser und Wurzeln lebten ...

Die Rasse, werden Sie mir sagen, ist weniger krftig und gesund. Wohl
mglich. Das Alkohol und die andere Plage sind Zuflle, deren die
Menschheit auch Herr werden muss. Vielleicht sind es Prfungen, die
manchen unserer Organe, z. B. dem Nervensystem, zum Heile gereichen
werden, denn wir sehen das Leben aus den beln, die es berwindet,
regelmssig Vorteil ziehen. berdies kann ein Nichts, das vielleicht
morgen gefunden wird, sie unschdlich machen. Dies ist es also nicht,
was unseren Blick beschrnken darf. Diese Menschen haben Gedanken und
Empfindungen, welche diejenigen La Bruyre's noch nicht hatten. -- Ich
mag die einfache, nackte Bestie lieber, als das abstossende Halbtier,
murmelte ich. -- Da sprechen Sie ganz im Sinne der ersten
Wahrscheinlichkeit, die wir ins Auge fassten, entgegnete er. Vermischen
wir sie nicht mit der, die wir jetzt prfen wollen. Diese Gedanken und
Empfindungen sind klein und niedrig, wenn Sie wollen, aber das Kleine
und Niedrige ist schon ein Fortschritt gegen das Nichts. Sie gebrauchen
sie nur, um sich zu schdigen und in ihrer Mittelmssigkeit zu beharren,
aber es geht in der Natur oft so zu. Die Gaben, die sie gewhrt, werden
zuerst nur zum Bsen gebraucht und machen das, was sie scheinbar
verbessern wollte, nur noch schlimmer, aber zuletzt entspringt diesem
bel doch ein gewisses Gutes. brigens bin ich gar nicht darauf aus, den
Fortschritt zu beweisen. Er ist je nach dem Standpunkte, von dem man ihn
betrachtet, etwas sehr Grosses oder etwas sehr Kleines. Die Lage des
Menschen etwas menschenwrdiger, etwas weniger qualvoll zu gestalten,
das ist ein grosses Ziel, das ist vielleicht das sicherste Ideal, aber
wenn man von den materiellen Folgen einmal absieht, so ist der Abstand
zwischen dem Menschen, der an der Spitze des Fortschrittes schreitet,
und dem, der blindlings hintendreinluft, nicht betrchtlich. Unter
diesen jungen Bauernflegeln, deren Hirn nur von verworrenen Gedanken
erfllt ist, haben mehrere die Mglichkeit, den Grad von Bewusstsein, in
dem wir leben, in kurzer Zeit zu erlangen. Man wundert sich oft, wie
klein der Unterschied zwischen der Unbewusstheit dieser Menschen, die
man fr vollstndig hlt, und dem Bewusstsein ist, das wir fr das
hchste ansehen.

berdies: woraus besteht denn dies Bewusstsein, auf das wir so stolz
sind? Aus weit mehr Schatten, als aus Licht, aus weit mehr erworbener
Unwissenheit als aus Wissen, aus weit mehr Dingen, auf deren Erkenntnis
wir mit vollem Bewusstsein verzichten mssen, als aus bekannten.
Trotzdem liegt in ihm alle unsere Wrde, unsere wirklichste Grsse, und
vielleicht ist es die erstaunlichste Erscheinung auf der Welt. Es lsst
uns die Stirn zu dem unbekannten Prinzip erheben und zu ihm sprechen:
Ich kenne Dich nicht, aber etwas in mir erfasst Dich schon. Du wirst
mich vielleicht zerstren, aber wenn Du aus meinen Trmmern keinen
besseren Organismus zusammensetzen kannst, als ich bin, so bist du
meiner nicht wert, und das Schweigen, das dem Tode der Art folgt, zu der
ich gehre, wird Dich lehren, dass Du gerichtet bist. Und wenn Dir nicht
einmal daran liegt, eine gerechte Verurteilung zu erfahren, was liegt
dann an Deinem Geheimnis? Wir wollen es dann nicht mehr ergrnden. Es
muss stumpfsinnig und schauderhaft sein. Du hast durch Zufall ein Wesen
hervorgebracht, zu dessen Erzeugung Du nicht das Vermgen hattest. Ein
Glck fr den Menschen, dass Du ihn durch einen entgegengesetzten Zufall
wieder ausgemerzt hast, ehe er den Abgrund Deiner Geistlosigkeit
ermessen hat, und noch mehr Glck fr ihn, dass er die unendliche
Abfolge Deiner scheusslichen Zufallsspiele nicht mehr erlebt. Er gehrte
nicht in eine Welt, in der seiner Vernunft keine ewige Vernunft
entsprach, in der sein Trachten nach dem Besten kein wirkliches Gut
erreichen konnte.

Noch einmal: der Fortschritt ist nicht unbedingt erforderlich, damit das
Schauspiel uns begeistert. Das Rtsel gengt, und dieses Rtsel hat in
jenen Bauern ebensoviel Grsse und mystischen Glanz, wie in uns. Man
findet es berall, wenn man dem Leben bis auf seinen allmchtigen
Urgrund nachgeht. Dieser Urgrund erhlt von Jahrhundert zu Jahrhundert
einen anderen Namen. Einige waren deutlich und bestimmt, und waren
trstlich. Man hat erkannt, dass dieser Trost und diese Bestimmtheit
illusorisch waren. Aber mgen wir ihn Gott, Vorsehung, Natur, Zufall,
Leben, Geist, Materie, Verhngnis nennen, das Mysterium bleibt sich
gleich, und alles, was wir in Jahrtausende langer Erfahrung gelernt
haben, ist, ihm einen immer weiteren, uns menschlich nher stehenden
Namen zu geben, der dem, was wir erwarten, und dem, was sich nicht
vorhersehen lsst, Rechnung trgt. Diesen Namen fhrt er heute bereits,
und darum ist er niemals grsser erschienen. -- Dies ist einer der
zahlreichen Flle der dritten Wahrscheinlichkeit und auch ein Stck
Wahrheit.




                          DIE DROHNENSCHLACHT


Bleibt nach dem Hochzeitsausfluge der Knigin der Himmel noch klar und
die Luft warm, sind die Blumen noch ergiebig an Nektar und Pollen, so
dulden die Arbeitsbienen in einer Art von Nachsicht und Vergesslichkeit,
oder vielleicht aus bertriebener Vorsicht, noch eine Zeit lang die
lstige und verderbliche Anwesenheit der Drohnen. Diese gebhrden sich
im Stocke, wie die Freier der Penelope im Palast des Odysseus. Sie
tafeln und schmausen und fhren das mssige Leben von verschwenderischen
und rcksichtslosen Ehrenliebhabern. Selbstzufrieden und breitspurig,
wie sie sind, versperren sie die Gnge, verstopfen die Thore, stren die
Arbeit, rmpeln und werden germpelt und stehen blde und wichtig da,
von blinder, gedankenloser Verachtung aufgeblasen, aber selbst mit
Bewusstsein und Hintergedanken verachtet, und ohne eine Ahnung von der
Erbitterung, die sich still huft, und dem Schicksal, das ihrer harrt.
Um nach Herzenslust zu schlafen, whlen sie sich die wrmste Ecke des
Stockes zur Ruhesttte, erheben sich lssig, um aus den offenen
Honigzellen, die am schnsten duften, nach Belieben zu saugen, und
beschmutzen die Waben, auf denen sie sitzen, mit ihrem Unrat. Die
langmtigen Arbeitsbienen gedenken der Zukunft und machen den Schaden
stillschweigend wieder gut. Von Mittag bis um drei Uhr, wenn die
Landschaft in blulichem Sommerduft liegt und unter dem sieghaften Auge
der Juli- oder Augustsonne in seliger Mdigkeit bebt, fliegen sie aus.
Sie tragen einen Helm aus riesigen schwarzen Perlen mit zwei hohen
lebendigen Federn, ein Wams von falbem Sammet mit lichten Perlen, ein
zottiges Fell und einen vierfachen, starren, durchscheinenden Mantel.
Dabei machen sie einen furchtbaren Lrm, drngen die Schildwachen
beiseite, stren die Lfterinnen und rennen die Arbeitsbienen um, die
mit ihrer Tracht beladen heimkehren. Sie haben das geschftige,
auffllige und rcksichtslose Auftreten von unentbehrlichen Gttern, die
geruschvoll nach einem grossen, dem gemeinen Volke unbekannten Ziele
aufbrechen. So vertrauen sie sich nacheinander stolz und unwiderstehlich
dem weiten Luftraum an, um sich alsbald friedlich auf die nchsten
Blumen niederzulassen und ihr Mittagsschlfchen zu halten, bis die
abendliche Khle sie wieder aufweckt. Dann kehren sie in demselben
gebieterischen Fluge in den Stock zurck, laufen dort, stets von der
gleichen, unentwegten Absicht erfllt, wieder an die Honigbehlter,
stecken den Kopf bis zum Halse hinein, saugen sich wie Schluche voll,
um ihren erschpften Krften aufzuhelfen, und schreiten dann wieder
schweren Schritts zum Lager, wo der gute Schlaf ohne Sorgen und Trume
sie bis zum nchsten Mahle umfngt.

                   *       *       *       *       *

Aber die Geduld der Bienen reicht nicht so weit wie die der Menschen.
Eines Morgens luft die lngst erwartete Losung durch den Stock, und die
friedlichen Arbeitsbienen werden zu Richtern und Henkern. Man weiss
nicht, wer die Losung giebt, sie scheint aus der kalten,
verstandesmssigen Entrstung der Arbeitsbienen pltzlich
hervorzubrechen und erfllt, sobald sie ausgesprochen ist, wie es der
Geist des einmtigen Gemeinwesens will, alsbald aller Herzen. Ein Teil
des Volkes steht vom Beutemachen ab, um sich ganz dem Werke der
Gerechtigkeit zu widmen. Die schamlosen Mssiggnger, die klumpenweise
auf den honigspendenden Wnden sitzen, werden in ihrer Sorglosigkeit
berrascht und durch ein Heer von zornigen Jungfrauen pltzlich aus dem
Schlaf gerissen. Sie wachen glckselig auf, und doch unsicher, sie
trauen ihren Augen nicht recht, und ihr Erstaunen dringt allmhlig durch
ihre allgemeine Gleichgiltigkeit hindurch, wie ein Mondstrahl durch ein
sumpfiges Wasser. Sie bilden sich ein, sie seien das Opfer eines
Irrtums, blicken starr um sich, und da der leitende Gedanke ihres Lebens
in ihren dicken Hirnschdeln zuerst lebendig wird, so wenden sie sich
nach den Honigbehltern, um sich zu strken. Aber es ist jetzt nicht
mehr die Zeit des Maihonigs, des Blumenweins der Linden und seines
ambrosischen Seitenstckes, der Salbei, der Esparsette und des Majoran.
Statt des freien Zugangs zu den schnen, vollen Behltern, die ihre
geflligen Zuckerrnder unter ihrem Munde ffneten, finden sie ringsum
ein grimmes Gestrpp von gestrubten Giftstacheln. Der Dunstkreis der
Stadt hat sich verndert, und statt des freundlichen Nektarduftes weht
der bittere Anhauch des Giftes, das in tausend Trpfchen auf den Spitzen
der Stachel funkelt und Hass und Rache verbreitet. Aber noch ehe die
verblfften Schmarotzer sich dieser unerhrten Verletzung ihres
gesegneten Schicksals bewusst werden, ehe sie den Umschwung der
Glcksgesetze des Bienenstaates begriffen haben, strmen schon drei bis
vier Gerichtsfrauen auf sie los, versuchen ihnen die Flgel zu kappen,
den Hinterleib vom Brustkasten abzutrennen, die fiebernden Fhler zu
amputieren, die Fsse auszurenken und einen Spalt zwischen den Ringen
ihres Panzers zu finden, um ihr vergiftetes Schwert hineinzutauchen. Die
ungeschlachten, wehrlosen Tiere denken nicht an Verteidigung, sondern
suchen zu entfliehen oder bieten ihr dickes Fell den auf sie
niederregnenden Schlgen dar. Auf dem Rcken liegend, wehren sie mit
ihren starken Fussenden die erbitterten Feindinnen ab, die nicht von
ihnen ablassen, oder sie laufen im Kreise herum und reissen den ganzen
Haufen zu einem tollen Wirbel mit fort, der indessen bald erlahmt. Nicht
lange, so sind sie schon so mitleidswrdig, dass das Mitleid, welches in
unserem Herzen nie weit von der Gerechtigkeit wohnt, sofort die Oberhand
erlangt und um Gnade bitten wrde. Aber umsonst, die harten
Arbeiterinnen kennen nur das tiefe, harte Naturgesetz. Die Flgel werden
den rmsten zerrissen, die Fusswurzeln abgetrennt, die Fhlhrner
abgebissen, und ihre prachtvollen schwarzen Augen, in denen der
Blumenflor sich spiegelte und der unschuldige Prunk des azurenen
Sommerhimmels widerstrahlte, brechen im Schmerz und der Trbsal der
Todesangst. Die einen erliegen ihren Wunden und werden von zwei oder
drei ihrer Henkerinnen sofort nach den abliegenden Kirchhfen
geschleppt. Andere, die weniger schwer verletzt sind, retten sich in
einen Winkel, wo sie eng zusammengedrngt sitzen und von einer
unerbittlichen Wache blockiert werden, bis sie elendiglich sterben.
Vielen gelingt es auch, den Ausgang zu gewinnen und in den Luftraum zu
entweichen, wohin ihre Feindinnen sie verfolgen. Aber am Abend, wenn
Hunger und Klte sie qulen, kehren sie scharenweise nach dem Stocke
zurck und flehen um Obdach. Doch auch hier finden sie eine
erbarmungslose Wache. Am nchsten Morgen beim ersten Ausfluge rumen die
Bienen die Leichenhgel der unntzen Riesen von der Schwelle fort, und
mit ihnen verschwindet die Erinnerung an das Schmarotzergeschlecht aus
dem Bienenstock bis zum nchsten Frhling.

Oft findet die Drohnenschlacht, in einer grossen Zahl von Kolonien
desselben Bienenstandes gleichzeitig statt. Die reichsten und
geordnetesten geben das Zeichen zum Morden. Einige Tage spter folgen
die weniger begnstigten kleineren Republiken. Nur die rmsten und
klglichsten Vlker, deren Knigin sehr alt und fast unfruchtbar ist,
lassen ihre Drohnen, in der Hoffnung, dass die junge Knigin, die sie
erwarten, noch geschwngert wird, bis zum Einbruch des Winters am Leben.
Dann kommt das unausbleibliche Elend, und der ganze Schwarm, Mutter,
Schmarotzer und Arbeitsbienen, ballt sich zu einem darbenden, dicht
verschlungenen Knuel zusammen und geht im Dunkel des Stockes still zu
Grunde, bevor der erste Schnee gefallen ist.

Nach dem Strafgericht der Mssiggnger nehmen die starken und
wohlhabenden Vlker die Arbeit wieder auf, doch mit vermindertem Eifer,
denn die Blumen werden immer seltener. Die grossen Feste und die grossen
Trauerspiele sind vorber. Trotzdem fllen die nahrungspendenden Wnde
sich zur Vervollstndigung der unentbehrlichen Vorrte noch mit
Herbsthonig, und die letzten Behlter werden mit dem weissen
unverderblichen Wachssiegel verschlossen. Der Wachsbau hrt auf, die
Geburten nehmen ab, die Todesflle zu, die Tage werden krzer und die
Nchte lnger. Regen und ungnstige Winde, Frhnebel und die Fallen der
allzufrh sinkenden Dmmerung bringen hunderten der emsigen
Arbeiterinnen den Tod vor den Thoren, und das ganze kleine Volk, das so
sonnenschtig ist wie die Cicaden Attikas, sieht der drohenden
Winterklte entgegen.

Der Mensch hat sich seinen Anteil an der Ernte schon vorweggenommen.
Jeder der guten Bienenstcke hat ihm 80 bis 100 Pfund Honig geliefert,
-- und die reichsten geben bisweilen 200, -- den Ertrag riesiger
Lichtmeere und endloser Blumenfelder, die sie Tag fr Tag und Blte fr
Blte beflogen haben. Jetzt wirft er noch einen letzten Blick auf die
der Winterstarre entgegengehenden Vlker. Den reichsten nimmt er ihre
berflssigen Schtze und verteilt sie an die stets durch unverdientes
Missgeschick verarmten Bewohner dieser emsigen Welt. Er deckt ihre
Wohnungen zu, schliesst die Eingnge halb, nimmt die unntzen Rahmen
heraus und berlsst die Bienen ihrem langen Winterschlaf. Sie ziehen
sich dann nach der Mitte des Bienenstockes zusammen und hngen sich an
die Waben, aus denen whrend der Frosttage der Ertrag des Sommers
geschpft werden soll. In der Mitte sitzt die Knigin, umgeben von ihrer
Leibwache. Die erste Reihe der Arbeitsbienen hngt an den gedeckelten
Zellen, ber ihnen eine zweite Reihe, auf dieser eine dritte u. s. w.
bis zur letzten, die den anderen zur Decke dient. Fhlen die Bienen
dieser Deckschicht sich von der Klte berwltigt, so verschwinden sie
in der Masse und werden durch andere ersetzt. Die hngende Traube ist
wie eine dunkle Kugel, die durch die Honigwnde geteilt wird und sich
unmerklich auf und ab, vorwrts und zurck bewegt, je nachdem die
Zellen, an denen sie hngt, nachgeben. Denn das Leben der Bienen steht
im Winter nicht ganz still, wie man allgemein glaubt, sondern es
pulsiert nur langsamer.[12] Durch Zittern mit ihren Flgeln, den kleinen
berlebenden Schwestern der Sommerglut, und indem sie je nach den
Schwankungen der Aussentemperatur bald strker, bald schwcher
brausen, unterhalten sie in ihrem Winterlager eine gleichmssige
Temperatur von der Wrme eines Frhlingstages. Dieser verborgene
Frhling aber quillt aus dem Honig, der nichts anderes ist, als ein
vormals verwandelter Wrmestrahl, der nun zu seiner ersten Form
zurckkehrt und wie ein edles Blut durch ihren Wintersitz strmt. Die
Bienen, die auf den offenen Zellen sitzen, reichen ihn ihren
Nachbarinnen und diese geben ihn wieder weiter. Er geht derart von Hand
zu Hand, von Mund zu Mund und erreicht schliesslich die letzten Glieder
des Schwarmes, in dessen tausend kleinen Herzen nur ein Gedanke und ein
Schicksal lebt. Er ersetzt ihnen Sonnenschein und Blumen, bis sein
lterer Bruder, die Sonne, an einem schnen Frhlingstage wieder durch
die halbgeffnete Pforte blickt, um mit seinen lauen Blicken, unter
denen die Veilchen und Anemonen erblhen, die Bienen vom Winterschlaf zu
erwecken und ihnen zu bedeuten, dass der Himmel wieder sein blaues Kleid
angethan hat und dass der ununterbrochene Kreislauf des rastlosen Lebens
und des frhzeitigen, aber thtigen und glckseligen Sterbens wieder
begonnen hat.




                        DER FORTSCHRITT DER ART


Ehe ich dieses Buch schliesse, wie wir den Bienenstock ber dem
Schweigen der Winterstarre geschlossen haben, mchte ich noch einem
Einwand begegnen, der fast immer erhoben wird, wenn man die Wunder des
Bienenstaates, seinen politischen Sinn und Gewerbfleiss, dem Beschauer
vor Augen fhrt. Ja, heisst es gewhnlich, das alles ist wunderbar, aber
unvernderlich und starr. Seit abertausenden von Jahren leben sie unter
bemerkenswerten Gesetzen, aber diese Gesetze sind seit abertausenden von
Jahren die gleichen geblieben. Von Urbeginn an bauen sie ihre
wunderbaren Waben, denen man nichts nehmen und nichts hinzusetzen kann,
und in denen sich das Wissen des Chemikers mit dem des Mathematikers,
Architekten und Ingenieurs in gleicher Vollendung paart; aber diese
Waben sind genau dieselben, wie in den Sarkophagen, oder in den
Darstellungen auf Steinen und in den Papyrusrollen gyptens. Man nenne
uns eine Thatsache, die den geringsten Fortschritt bedeutet, eine
Einzelheit, in der sie eine Neuerung getroffen, einen Punkt, wo sie von
ihrer Jahrhunderte alten Gewohnheit abgewichen wren, und wir werden uns
beugen, wir werden anerkennen, dass in ihnen nicht nur ein wundervoller
Instinkt lebt, sondern auch ein Verstand, der ein Recht hat, sich dem
des Menschen zu nhern und mit ihm auf irgend ein hheres Geschick zu
hoffen, als das der unbewussten, unterworfenen Materie.

Es sind nicht nur die Laien, die so reden. Auch Entomologen vom Range
Kirbys und Spences haben dasselbe Argument gebraucht, um den Bienen jede
Intelligenz abzusprechen, ausser der, die sich in dem engen Kerker eines
wunderbaren, aber unvernderlichen Instinktes verworren kundgiebt. Man
zeige uns, sagen sie, einen einzigen Fall, wo sie unter dem Drucke der
Verhltnisse darauf gekommen sind, an Stelle von Wachs oder Propolis z.
B. Thon oder Mrtel zu verwerten, und wir werden zugeben, dass sie der
berlegung fhig sind.

Dieses Argument, das Romanes the question begging argument nennt --
man knnte es auch das unersttliche Argument nennen -- gehrt zu den
allergefhrlichsten und wrde uns, auf den Menschen angewandt, sehr weit
fhren. Wohl betrachtet, stammt es aus jenem gesunden Menschenverstande,
der oft Schaden genug stiftet und dem Galilei antwortet: Die Erde
bewegt sich nicht, denn ich sehe die Sonne am Himmel wandeln, des
Morgens emporsteigen und des Abends untergehen, und nichts kann das
Zeugnis meiner Augen widerlegen. Der gesunde Menschenverstand ist als
Grundlage unseres Geistes vortrefflich und notwendig, aber nur, wenn ein
erhabener Zweifel ihn stets berwacht und ihm seine unendliche
Unwissenheit nach Bedarf vorhlt; anderenfalls ist er nichts als eine
Angewohnheit der unteren Stufen unseres Verstandes. Aber die Bienen
haben die Einwendung von Kirby und Spence selbst beantwortet. Sie war
kaum gemacht worden, als ein andrer Naturforscher, Andrew Knight, der
die kranke Rinde gewisser Bume mit einer Art Zement aus Wachs und
Terpentin bestrichen hatte, die Beobachtung machte, dass seine Bienen
kein Propolis mehr eintrugen und nur dieses unbekannte Material
benutzten, das sich bald bewhrte und angenommen wurde, da sie es
vollstndig fertig und in grossen Mengen in der Nhe ihrer Wohnung
fanden.

berdies luft die Hlfte aller Bienenkunde und Bienenzucht darauf
heraus, der Initiative der Bienen Vorschub zu leisten und ihrem
praktischen Verstande Gelegenheit zu geben, sich zu ben und wirkliche
Entdeckungen, wirkliche Erfindungen zu machen. Wenn z. B. wenig Pollen
in der Natur vorhanden ist, so streut der Bienenwirt zur Aufftterung
der Brut, zu der viel Pollen ntig ist, in der Nhe des Bienenstockes
Mehl aus. Im Naturzustande, im Schoosse der Urwlder oder asiatischen
Thler, in denen sie vor der Tertirzeit wahrscheinlich gelebt haben,
ist ihnen ein derartiger Stoff jedenfalls nicht begegnet. Trotzdem
braucht man nur einige darauf aufmerksam zu machen, indem man sie in das
Mehl setzt, und sie werden es betasten, kosten und seine dem Bltenstaub
verwandten Eigenschaften erkennen, sie werden in den Stock zurckkehren,
ihre Schwestern von ihrer Entdeckung benachrichtigen, und alsbald wird
ein ganzer Schwarm erscheinen, um dies unerwartete und unbegreifliche
Nahrungsmittel einzuernten, das in ihrem anererbten Gedchtnis von den
Blumenkelchen unzertrennlich ist.

                   *       *       *       *       *

Es ist kaum hundert Jahre her, dass man nach Hubers Vorgang die Bienen
ernstlich zu beobachten und die ersten Fundamentalwahrheiten zu
entdecken begonnen hat, die ein erfolgreiches Studium erlauben. Etwas
mehr als fnfzig Jahre sind es her, dass sich durch die Erfindung der
beweglichen Waben und Kastenstcke des Pfarrers Dzierzon eine rationelle
und praktische Bienenzucht anbahnt, dass der Bienenstock nicht mehr ein
unverletzliches Haus ist, wo alles in Mysterien gehllt bleibt, bis der
Tod es entschleiert, wenn es nicht mehr ist. Schliesslich sind es
weniger als fnfzig Jahre her, seit durch Vervollkommnung des Mikroskops
und des Handwerkszeuges der Entomologen das Geheimnis der Hauptorgane
der Arbeitsbienen, der Knigin und der Drohnen blosgelegt ist. Ist es da
erstaunlich, dass unser Wissen nicht weiter reicht, als unsere
Erfahrung? Die Bienen leben seit Jahrtausenden, und wir beobachten sie
seit zehn oder zwlf Lustren. Und wenn es auch bewiesen wre, dass sich
im Bienenstocke nichts verndert hat, seit wir ihn geffnet haben, so
haben wir doch noch kein Recht, daraus zu folgern, dass sich nie etwas
darin gendert hat, ehe wir ihn befragten. Wissen wir nicht, dass in der
Entwickelung einer Gattung ein Jahrhundert wie ein Regentropfen ist, der
sich im Strom verliert, und dass im Leben der Materie die Jahrtausende
ebenso schnell vergehen, wie die Jahre im Leben eines Volkes?

                   *       *       *       *       *

Aber es ist unbewiesen, dass sich in den Gewohnheiten der Bienen nichts
verndert haben soll. Prft man sie ohne vorgefasste Meinung und ohne
das kleine Feld unserer heutigen Erfahrung zu verlassen, so wird man im
Gegenteil sehr merklicher Vernderungen gewahr. Und wer nennt die,
welche uns entgehen? Ein Beobachter, der etwa einhundertfnfzigmal
unsere Grsse und siebenhunderttausendmal unseren Umfang htte (es sind
dies die Zahlenverhltnisse zwischen unserer Statur und Schwere und
denen der kleinen Honigbiene), ein Beobachter, der unsere Sprache nicht
verstnde und mit ganz anderen Sinnen begabt wre, als wir, wrde
vielleicht entdecken, dass sich in den zwei letzten Dritteln des
verflossenen Jahrhunderts recht sonderbare materielle Vernderungen
vollzogen haben, aber von unserer moralischen, sozialen, religisen,
politischen und konomischen Entwickelung knnte er sich keinen Begriff
machen.

Eine hchst wahrscheinliche wissenschaftliche Hypothese wird uns
sogleich erlauben, unsere Hausbiene an den grossen Stamm der Apinen zu
knpfen, der alle wilden Bienen umfasst, und in dem vielleicht ihre
Vorfahren zu suchen sind.[13] Wir werden dann physiologischen, sozialen,
konomischen, architektonischen und industriellen Wandelungen beiwohnen,
die selbst unsere menschliche Entwickelung in Schatten stellen. Zunchst
jedoch wollen wir uns an unsere Hausbiene halten, deren man etwa
sechszehn Arten zhlt. Aber ob Apis dorsata, die grsste, oder Apis
florea, die kleinste, die man kennt, es ist immer dasselbe Insekt, durch
Klima und Umstnde, denen es sich hat anpassen mssen, mehr oder minder
verndert. Alle diese Arten sind sich nicht viel unhnlicher, als ein
Englnder einem Russen oder ein Japaner einem Europer. Indem wir unsere
Vorbemerkungen dermassen beschrnken, wollen wir hier nur das
feststellen, was wir mit eigenen Augen und zu dieser Stunde sehen
knnen, ohne unsere Zuflucht zu irgend einer Hypothese zu nehmen, mag
sie noch so wahrscheinlich und unabweislich sein. Wir wollen auch nicht
auf all die Thatsachen Bezug nehmen, die man hier heranziehen knnte.
Einige der bezeichnendsten mgen in schneller Aufzhlung folgen.

                   *       *       *       *       *

Die wesentlichste und radikalste Verbesserung, die einer ungeheuren
Arbeitsleistung in der Menschenwelt entsprechen wrde, ist zunchst der
Schutz des Gemeinwesens nach aussen.

Die Bienen wohnen nicht wie wir in Stdten unter offenem Himmel, die den
Launen von Wind und Wetter ausgesetzt sind, sondern ihre Siedelungen
sind ganz und gar mit einer schtzenden Hlle umgeben. Im Naturzustande
und in einem idealen Klima ist das nicht der Fall. Wenn sie nur den
Tiefen ihres Instinktes Gehr gben, so wrden sie ihre Waben offen
bauen. In Indien sucht die Apis dorsata nicht allzubegierig hohle Bume
und Felshhlen auf. Der Schwarm legt sich an einen Astwinkel an und die
Wabe entsteht, die Knigin legt, die Vorrte hufen sich ohne ein
anderes Obdach, als die Leiber der Arbeitsbienen. Man hat bisweilen
beobachtet, dass unsere nrdlichen Bienen sich durch einen zu milden
Sommer tuschen liessen und diesem Instinkt wieder Gehr gaben, und man
hat Schwrme gefunden, die so im Freien im Buschwerk lebten.[14]

Aber selbst in Indien hat diese anscheinend eingeborene Gewohnheit oft
unangenehme Folgen. Sie verdammt einen Teil der Arbeitsbienen zur
Unbeweglichkeit. Die ntige Wrme fr die am Wachsbau und an der
Errichtung von Brutzellen thtigen Bienen zu erzeugen, ist ihre einzige
That, und infolge dessen baut die Apis dorsata, die an den sten hngt,
nur eine Wabe. Das bescheidenste Obdach erlaubt ihr vier oder fnf und
noch mehr anzulegen, und um soviel hebt sich auch die Bevlkerungszahl
und der Wohlstand des Volkes. Darum haben auch alle Bienenrassen der
kalten und gemssigten Zone diese ursprngliche Methode aufgegeben.
Augenscheinlich hat die natrliche Auslese die kluge Initiative des
Insektes geheiligt, indem sie nur die volkreichsten und geschtztesten
Stmme den nordischen Winter berdauern lsst; und was zuerst nur ein
Gedanke war, der dem Instinkte zuwiderlief, ist allmhlich zur
instinktiven Gewohnheit geworden. Aber darum steht es doch fest, dass es
zuerst ein khner und wahrscheinlich an Beobachtungen, Erfahrungen und
berlegungen reicher Gedanke war, dem weiten, angebeteten, natrlichen
Lichte Valet zu sagen und sich in den Hhlen eines Baumes oder Felsens
zu bergen. Man mchte fast sagen, diese Erfindung war fr die Geschicke
der Hausbiene ebenso bedeutungsvoll, wie die Entdeckung des Feuers fr
das Menschengeschlecht.

                   *       *       *       *       *

Neben diesem grossen Fortschritte, der, obwohl alt und erblich, doch
jedesmal neu errungen werden muss, finden wir eine Flle von unendlich
vernderlichen Einzelheiten, die uns beweisen, dass Politik und
Gewerbfleiss des Bienenstaates nicht in eherne Formen gegossen sind. Wir
erwhnten schon den klugen Ersatz von Pollen durch Mehl und den von
Wachs durch eine knstliche Zementmasse. Wir haben gesehen, wie
geschickt sie die oft verzweifelt ungastlichen Wohnungen, in die man sie
einschlgt, ihren Bedrfnissen anzupassen wissen. Wir haben gleichfalls
gesehen, mit welcher unmittelbaren, berraschenden Gewandtheit sie sich
die Kunstwaben, die ihnen der erfinderische Sinn des Menschen darbot, zu
Nutze gemacht haben. Hier ist die sinnreiche Ausnutzung eines wunderbar
brauchbaren, aber unvollstndigen Dinges geradezu staunenswert. Sie
haben den Menschen mit seinen halben Andeutungen thatschlich
verstanden. Man stelle sich vor, wir bauten unsere Stdte seit
Jahrhunderten nicht mit Kalk, Steinen und Ziegeln, sondern mit einer
hmmerbaren Substanz, die wir mit Hilfe von besonderen Organen mhsam
aus unserem Krper ausschieden, und eines Tages setzt uns ein
allmchtiges Wesen mitten in eine fabelhafte Stadt. Wir erkennen, dass
sie aus einem ganz hnlichen Stoffe besteht, wie wir ihn ausscheiden,
aber im brigen ist es ein Traum, der just durch seine Logik, eine
verzerrte und gewissermaassen reduzierte und konzentrierte Logik, mehr
verwirrt, als die Zusammenhangslosigkeit selbst. Unser gewhnlicher
Bauplan findet sich darin wieder, alles ist so, wie wir es erwarten
knnen, aber nur in Potenz und sozusagen durch eine eingeborene
feindliche Macht erdrckt, im Entstehen aufgehalten und nicht zur vollen
Entfaltung gediehen. Die Huser, die vier oder fnf Meter hoch sein
sollen, bestehen nur aus kleinen Anschwellungen von Handbreite. Tausend
Mauern sind durch einen Strich angedeutet, der ihr Schicksal und
zugleich das Baumaterial, aus dem sie gebaut werden sollen, in sich
schliesst. Dazu findet sich manche grosse Unregelmssigkeit, die zu
verbessern bleibt, Abgrnde mssen ausgefllt und mit dem Ganzen in
Einklang gebracht, weite lockere Flchen versteift werden. Denn das Werk
ist unverhofft brauchbar, aber unfertig und in seinem jetzigen Zustande
geradezu gefhrlich. Es scheint von einer berlegenen Vernunft ersonnen,
die unsere meisten Wnsche erraten hat, aber durch ihre eigene
Riesenhaftigkeit behindert wurde, sie anders als ganz grob zu
verwirklichen. Es handelt sich also darum, das alles zu entwirren, sich
die geringsten Absichten des bernatrlichen Gebers zu Nutze zu machen,
in wenigen Tagen das zu bauen, was sonst Jahre in Anspruch nehmen wrde,
auf seine organischen Gewohnheiten zu verzichten und seine
Arbeitsmethoden von Grund aus umzuwerfen. Ganz gewiss bedrfte es aller
unserer Anspannung, um die auftauchenden Probleme zu lsen und nichts
von den Vorteilen zu verlieren, die eine grossmtige Vorsehung uns
darbte. Aber dies ist ungefhr dasselbe, was die Bienen in unseren
modernen Mobilstcken thun.[15]

                   *       *       *       *       *

Selbst die Politik des Bienenstaates ist wahrscheinlich nicht stets
dieselbe geblieben, sagte ich. Es ist dies der dunkelste und am
schwersten nachzuweisende Punkt. Ich will mich nicht bei der
vernderlichen Behandlungsweise der Kniginnen aufhalten, noch bei den
jedem Volke eigenen Gesetzen des Schwrmens, die sich von Geschlecht zu
Geschlecht zu vererben scheinen. Neben diesen Thatsachen, die nicht ganz
fest umschrieben sind, giebt es noch andere, die weder schwankend noch
unbestimmt sind und deutlich beweisen, dass nicht alle Arten der
Hausbiene auf derselben Stufe politischer Gesittung stehen, dass es
solche giebt, deren politischer Geist noch tastet und vielleicht nach
einer andern Lsung des Problems der Knigin trachtet. Die syrische
Biene z. B. zieht gewhnlich einhundert und zwanzig Kniginnen auf und
mehr, wogegen unsere Apis mellifica hchstens bis auf zehn oder zwlf
kommt. Cheshire berichtet von einem syrischen Volke, das keineswegs
abnorm war und bei dem sich einundzwanzig tote Kniginnen und neunzig
lebende und freie befanden. Dies ist der Ausgangs- oder Endpunkt einer
recht seltsamen sozialen Entwickelung, und es verlohnte sich, ihr mehr
auf den Grund zu gehen. brigens steht die cyprische Biene in Bezug auf
die Aufziehung der Kniginnen der syrischen sehr nahe. Ist dies ein
tastender Rckfall vom monarchischen Prinzip zur Oligarchie, zur
vielfachen Mutterschaft nach der erprobten einzigen? Jedenfalls war die
syrische und cyprische Biene, die der gyptischen und italienischen nahe
verwandt ist, wohl die erste, die der Mensch unter seine Botmssigkeit
gebracht hat. Zum Schluss noch eine Beobachtung, die noch deutlicher
zeigt, dass die Sitten und die weitblickende Organisation des
Bienenstaates nicht das Ergebnis eines ursprnglichen Triebes sind, der
sich mechanisch von Jahrhundert zu Jahrhundert und von Klima zu Klima
forterbt, sondern dass der Geist, der diese kleinen Gemeinwesen lenkt,
den vernderten Umstnden Rechnung trgt, sich ihnen fgt und daraus
Vorteil zieht, wie er den frheren Gefahren vorzubeugen wusste. Wird
unsere schwarze Biene also nach Australien oder Californien gebracht, so
verndert sie ihre Gewohnheiten vollstndig. Vom zweiten oder dritten
Jahre an, d. h. sobald sie gemerkt hat, dass ewiger Sommer herrscht und
nie Blumenmangel eintritt, lebt sie in den Tag hinein, begngt sich
damit, soviel Pollen und Honig einzutragen, als zum tglichen Gebrauche
ntig ist, und da ihre neue, verstandesmssige Beobachtung ber ihre
erbliche Erfahrung Herr wird, so trgt sie keinen Wintervorrat mehr ein.
Man erhlt sie sogar nur dadurch in Thtigkeit, dass man ihr die Frchte
ihrer Arbeit fortnimmt.[16]

                   *       *       *       *       *

Soviel knnen wir mit unseren Augen sehen. Wie man zugeben wird, sind
dies ein paar ausschlaggebende Thatsachen und ein gutes Argument gegen
die Ansicht derer, die da meinen, dass aller Verstand unbeweglich und in
eherne Formen gegossen ist, ausgenommen der menschliche.

Wenn wir die Hypothese der Entwickelung aber einen Augenblick zugeben,
so wird das Schauspiel grsser, und sein unbestimmter, gewaltiger Schein
reicht bis an unsere eigenen Geschicke. Es ist nicht augenscheinlich,
aber wer sich ernstlich damit beschftigt, fr den ist es nicht mehr
zweifelhaft, dass in der Natur ein Wille herrscht, der danach trachtet,
einen Teil der Materie auf eine hhere, vielleicht auch bessere Stufe zu
erheben und ihre Oberflche allmhlich mit jenem geheimnisvollen Fluidum
zu berziehen, das wir zuerst das Leben, dann den Instinkt und kurz
danach den Verstand nennen, ein Wille, der die Existenz alles dessen,
was einem unbekannten Ziele zustrebt, zu sichern, zu organisieren und zu
erleichtern trachtet. Es steht nicht fest, aber viele Beispiele, die wir
um uns haben, laden zu der Annahme ein, dass die Materie, die sich von
Urbeginn an dergestalt erhoben hat, gesetzt dass man sie wgen und
zhlen knnte, nicht aufgehrt hat, zuzunehmen. Ich wiederhole es: die
Annahme steht auf schwachen Fssen, aber es ist die einzige ber die
verborgene Kraft, welche uns lenkt, zu der wir ein Recht haben, und das
ist viel in einer Welt, in der unsere erste Pflicht die Zuversicht zum
Leben ist, selbst dann, wenn man keine ermutigende Gewissheit darin
entdecken wrde, und solange es keine gegenteilige Gewissheit giebt.

Ich weiss, was man gegen die Entwickelungslehre alles einwenden kann.
Sie hat zahlreiche Beweise und starke Grnde fr sich, aber sie sind
nicht notwendig berzeugend. Man darf sich den Wahrheiten seines
Zeitalters nie rckhaltlos anvertrauen. In hundert Jahren werden
vielleicht viele Kapitel in unseren Bchern, die von ihr durchtrnkt
sind, deswegen veraltet sein, wie heute die Werke der Philosophen des
achtzehnten Jahrhunderts, die von einer zu vollkommenen Menschheit
ausgehen, die es nicht giebt, oder so viele Werke des siebzehnten
Jahrhunderts, die durch den Gedanken des kleinlichen und strengen Gottes
der von so vielen Lgen und Eitelkeiten entstellten katholischen
Tradition befleckt werden.

Trotzdem ist es gut, wenn man die Wahrheit ber eine Sache nicht wissen
kann, die Hypothese anzunehmen, die sich in dem Augenblick, wo der
Zufall uns ins Leben gerufen hat, dem Verstande am unabweislichsten
aufdrngt. Man kann wetten, dass sie falsch ist, aber solange man sie
fr wahr hlt, ist sie ntzlich, belebt sie die Gemter und giebt
unserer Wissbegier eine neue Richtung. Es mag auf den ersten Blick
weiser erscheinen, diese feinsinnigen Hypothesen durch die einfache,
tiefere Wahrheit zu ersetzen, dass wir nichts wissen. Aber diese
Wahrheit wre nur dann erspriesslich, wenn es bewiesen wre, dass wir
nie etwas wissen werden. Inzwischen wrde sie uns in einer
Unbeweglichkeit erhalten, die verderblicher ist, als die thrichtesten
Illusionen. Wir sind so geschaffen, dass uns nichts hher und weiter
trgt, als die Sprnge unserer Irrtmer. Im Grunde danken wir das
Wenige, was wir wissen, den gewagtesten, oft geradezu absurden
Hypothesen, die zumeist weit unkluger sind, als die heutige. Sie waren
vielleicht sinnlos, aber sie haben die Glut der Erkenntnis in uns
geschrt. Mag der, welcher am Herde der Herberge der Menschheit wacht,
blind oder im hchsten Alter sein: was thut das dem Wanderer, der friert
und sich an seine Seite setzt? Wenn das Feuer unter seiner Obhut nicht
erloschen ist, so hat er gethan, was der Beste nicht besser machen
knnte. bertragen wir diese Glut, und zwar nicht wie sie ist,
sondern gesteigert; und nichts kann sie so mehren, wie diese
Entwickelungshypothese, die uns zwingt, alles, was auf und unter dieser
Erde, in den Tiefen des Meeres und an der Veste des Himmels ist, fortan
nach strengeren Methoden und mit anhaltenderer Leidenschaft zu befragen.
Was giebt es zum Ersatz fr sie, und was sollen wir an ihre Stelle
setzen, wenn wir sie verwerfen? Etwa das grosse Gestndnis der gelehrten
Unwissenheit, die sich selbst erkennt, ein Gestndnis, das gewhnlich so
thatlos und fr die Wissbegier, die dem Menschen ntiger ist, als selbst
die Weisheit, so entmutigend ist, oder die Hypothese von dem Beharren
der Arten und der gttlichen Schpfung, die noch unbewiesener ist, als
die unsere, und die den lebensvollsten Teil des Problems fr immer von
sich abschiebt, indem sie das Unerklrliche zu befragen vermeidet?

                   *       *       *       *       *

An diesem Aprilmorgen im Garten, der unter dem frischen Himmelstau zu
neuem Leben erwachte, sah ich an den Rosenbeeten und den zitternden
Primeln in ihrer Einfassung von weissem Tschelkraut, das auch Alysse
oder Steinkraut genannt wird, die wilden Bienen schwirren, die Urmtter
der unserem Willen und Begehren unterworfenen, und ich gedachte der
Lehren meines alten seelndischen Bienenfreundes. Mehr als einmal ist er
mit mir durch seine bunten Blumenbeete gegangen, die so gehalten und
angelegt waren, wie zu Zeiten des Vater Cats, jenes guten, prosaischen
und unversieglichen hollndischen Dichters. Sie bildeten Rosetten,
Sterne, Guirlanden, Ohrringe und Armleuchter am Fusse einer
Weissdornhecke oder eines Obstbaumes, der als Kugel, Pyramide oder
Spindel zugeschnitten war, und die Buchsbaumeinfassung lief wie ein
wachsamer Schferhund um alle Rnder, um zu verhten, dass die Blumen
auf den Weg wuchsen. Ich lernte die Namen und Gewohnheiten der einsamen
Kunstbienen kennen, die wir nie beachten, da wir sie fr gemeine
Fliegen, schdliche Wespen oder stumpfsinnige Kfer halten. Und doch
trgt eine jede von ihnen unter ihrem doppelten Flgelpaar, das sie im
Insektenlande kennzeichnet, den Lebensplan, die Werkzeuge und den
Gedanken zu einem ganz besonderen und oft wunderbaren Schicksal. Da sind
zunchst die nchsten Verwandten unserer Hausbiene, die zottigen,
untersetzten Hummeln, bisweilen winzig, meist aber riesig und wie die
Urmenschen in ein unfrmiges Fell gekleidet, um das sich kupferne oder
zinnoberrote Spangen schlingen. Sie sind noch halbe Barbaren,
vergewaltigen die Kelche, zerreissen sie, wenn sie Widerstand leisten,
und dringen unter die atlasschimmernden Schleier der Blumenkronen, wie
ein Hhlenbr unter das seiden- und perlenglnzende Zelt einer
byzantinischen Prinzessin.

Neben ihnen, und grsser als die grsste unter ihnen, steht ein in
Finsternis gehlltes Ungetm, von dsterem Feuer glhend, grn und
violett: die Holzbiene (Xylocopa violacea), der Riese in der Bienenwelt.
Ihr folgen in der Grsse die ernsten Mrtelbienen (Chalicodoma), die in
Schwarz gekleidet sind und sich aus Lehm und Kies Wohnungen erbauen, die
hart wie Stein sind. Dann kommen mit einander die Brsten- oder
Hosenbienen (Dasypoda) und die wespenhnlichen Ballenbienen (Halictus),
die Erd- oder Sandbienen (Andrena), die oft einem phantastischen
Schmarotzer zum Opfer fallen, dem Stylops, der ihr Aussehen vollstndig
verndert, die zwerghaften, stets schwer mit Pollen beladenen Grabbienen
und die vielgestaltigen Osmien (Mauerbienen), die hundert verschiedene
Industriezweige haben. Eine von ihnen, die Osmia papaveris, begngt sich
nicht mit dem Brot und Wein, den ihr die Blumen liefern, sie schneidet
sich auch grosse Purpurlappen aus den Mohnblumen heraus, um damit den
Palast ihrer Tchter frstlich auszutapezieren. Eine andere Biene, die
kleinste von allen, ein Staubkorn, das auf vier elektrisch bewegten
Flgeln schwebt, der Blattschneider (Megachile centuncularis), sgt
haarscharfe Halbkreise, die man mit der Maschine ausgeschnitten meint,
aus den Rosenblttern, faltet sie zusammen und formt daraus jene
wundervoll regelmssig zusammengesetzten fingerhutfrmigen Zellen, deren
jede zur Aufnahme einer Larve dient. Aber ein Buch wrde kaum gengen,
um die mannigfachen Gewohnheiten und Talente der honigsuchenden Schaar
aufzuzhlen, die sich in jedem Sinne auf begierigen und unthtigen
Blten tummelt, wie zwischen geketteten Brautpaaren, die der
Liebesbotschaft harren, welche zerstreute Gste ihnen bringen.

                   *       *       *       *       *

Man kennt etwa 4500 wilde Bienenarten. Wir werden sie selbstredend nicht
alle durchgehen. Vielleicht wird eines Tages ein grndlicheres Studium
in Verbindung mit Beobachtungen und Experimenten, die noch nicht gemacht
sind, und die mehr als ein Menschenleben in Anspruch nehmen wrden, ein
entscheidendes Licht auf die Entwickelungsgeschichte der Bienen werfen.
Diese Geschichte ist meines Wissens noch nicht methodisch geschrieben
worden. Und doch ist dies zu wnschen, denn es wrde damit mehr als ein
Problem berhrt, das ebenso gross ist, wie die vieler Geschichten der
Menschheit. Was uns betrifft, so wollen wir keine Behauptungen mehr
aufstellen, denn wir betreten hier das dunkle Gebiet der Vermutungen,
sondern wir wollen uns damit begngen, einem Zweige der Immen auf seinem
Wege zu einem durchgeistigteren Dasein, zu etwas mehr Wohlstand
und Sicherheit zu folgen und die springenden Punkte dieses
mehrtausendjhrigen Aufstieges mit einfachen Strichen anzudeuten. Der
Zweig, den wir verfolgen wollen, ist, wie wir schon wissen, der der
_Apinen_[17], deren Merkmale so genau bestimmt und deutlich sind, dass
ihre Abkunft von einem gemeinsamen Ahnen nicht unwahrscheinlich ist.

Darwins Schler, insbesondere Hermann Mller, halten eine kleine wilde
Biene, die in der ganzen Welt vorkommt, die Prosopis, fr den
gegenwrtigen Reprsentanten der Urbiene, von der alle uns bekannten
Arten abstammen sollen.

Die arme Prosopis steht zu den Hausbienen in etwa dem Verhltnis, wie
der Hhlenmensch zum glcklichen Grossstadtbewohner. Vielleicht hat
jeder von uns, ohne darauf zu achten, und ohne zu ahnen, dass er hier
die ehrwrdige Urmutter vor sich hat, der wir vielleicht die Mehrzahl
unserer Blumen und Frchte verdanken -- denn man glaubt thatschlich,
dass ber hunderttausend Pflanzenarten nicht mehr sein wrden, wenn die
Bienen sie nicht beflgen und dadurch befruchteten -- und wer weiss?
vielleicht auch unsere Zivilisation, denn alles greift bei diesen
Mysterien in einander ber -- vielleicht hat jeder von uns sie schon
fter in einem entlegenen Winkel seines Gartens um Gestrpp herumfliegen
sehen. Sie ist hbsch und lebhaft, und die, welche in Frankreich am
hufigsten vorkommt, ist elegant mit weiss auf schwarzem Grund
gesprenkelt. Aber unter dieser Eleganz verbirgt sich eine unglaubliche
Armut. Sie fhrt ein Hungerleben. Sie ist fast nackt, whrend ihre
Schwestern in warme, prchtige Pelze gekleidet sind. Sie hat keine
Schenkelkrbchen zum Einsammeln von Pollen, wie die Apiden, oder an
ihrer statt Schienenbrsten, wie die Andrenen, oder Bauchbrsten wie die
Bauchsammler. Sie muss den Blumenstaub mit ihren kleinen Krallen
hervorscharren und verschlucken, um ihn einzutragen. Sie hat kein
anderes Werkzeug, als ihre Zunge, ihren Mund und ihre Fsse, aber die
Zunge ist zu kurz, ihre Fsse sind schwchlich und ihre Kauwerkzeuge
ohne Kraft. Sie kann weder Wachs erzeugen, noch Lcher in Holz bohren
oder in die Erde graben. Sie legt ungeschickte Gnge im weichen Mark der
trockenen Brombeeren an, baut ein paar grobe Zellen hinein, versieht sie
mit etwas Nahrung fr die Brut, die sie nie erblicken wird, und nach
Erledigung dieser armseligen Aufgabe, deren Ziel sie nicht kennt,
ebensowenig wie wir es kennen, stirbt sie, einsam auf dieser Welt, wie
sie gelebt hat, in einem Winkel.

                   *       *       *       *       *

Wir bergehen viele Zwischenstufen, wo die Zunge allmhlich lnger wird,
um einer immer grsseren Zahl von Blumenkelchen ihren Nektar zu
entreissen, wo sich Sammelwerkzeuge fr Pollen, Haare und Franzen,
Schenkel-, Fersen- und Bauchbrsten bilden und entwickeln, wo die Fsse
und Kinnbacken krftiger werden, whrend ntzliche Ausscheidungen des
Krpers eintreten und ber dem Wohnungsbau ein Geist schwebt, der
erstaunliche Verbesserungen aller Art zu suchen und zu finden weiss.
Dies darzustellen, wrde ein Buch fr sich beanspruchen. Ich will nur
ein Kapitel daraus skizzieren oder noch weniger als ein Kapitel, eine
Seite, die uns das Zaudern und Tasten des Lebenswillens in seinem
Trachten nach Glck und die langsame Entstehung, das Wachstum und die
Selbstgestaltung der sozialen Vernunft zeigt.

Wir haben gesehen, wie die unglckliche Prosopis in dieser ungeheuren
Welt voll schrecklicher Gefahren ihr kleines einsames Leben schweigend
ertrgt. Eine gewisse Anzahl ihrer Schwestern, die zu Rassen mit
besseren Werkzeugen und grsserer Gewandtheit gehren, wie z. B. die
reich gekleideten Seidenbienen (Colletes) oder die sonderbaren
Blattschneider des Rosenstockes (Megachile centuncularis), leben in
derselben tiefen Vereinsamung, und wenn zufllig ein anderes Wesen mit
ihnen zusammenwohnt und ihr Obdach teilt, so ist es ein Feind oder gar
ein Schmarotzer. Denn die Bienenwelt ist mit weit absonderlicheren
Gespenstern bevlkert als die unsere, und manche Art hat einen
geheimnisvollen, unthtigen Doppelgnger, der dem von ihm auserkorenen
Opfer in allen Stcken gleicht, ausser dass er durch seine
unvordenkliche Faulheit alle Arbeitswerkzeuge nacheinander verloren hat
und nur noch auf Kosten des emsigen Typus seiner Rasse leben kann.[18]

Indessen regt sich schon bei den Bienenarten, die man etwas zu
kategorisch als einsame Bienen bezeichnet, der soziale Instinkt wie
eine unter dem Druck der auf allem primitiven Leben lastenden Materie
erstickte Flamme. Hier und da, an unvermuteter Stelle, zngelt er in
furchtsamer und bisweilen bizarrer Weise, wie um zu zeigen, dass er da
ist, allmhlich aus dem auf ihm lastenden Holzstoss hervor, der eines
Tages seinem Triumphe die Nahrung zufhren wird.

Wenn alles auf Erden Stoff ist, so kann man hier die unstofflichste
Bewegung des Stoffes beobachten. Es handelt sich um den bergang vom
egoistischen, unsicheren, unvollkommenen Leben zum brderlichen, etwas
gesicherteren und glcklicheren Dasein. Es handelt sich darum, im Geiste
zu vereinigen, was in der Krperwelt getrennt ist, die Selbstverleugnung
des Individuums zu Gunsten der Art und die Ersetzung des Sichtbaren
durch das Unsichtbare anzubahnen. Ist es da erstaunlich, dass den Bienen
das, was wir von unserem privilegierten Platze aus noch nicht erreicht
haben, von dem der Instinkt nach allen Seiten ins Bewusstsein strahlt --
dass den Bienen das nicht mit einem Schlage gelingt? Es ist wunderbar,
fast rhrend zu sehen, wie die neue Idee zuerst in der Finsternis
tastet, die alles auf Erden Entstehende umhllt. Sie geht aus der
Materie hervor und ist noch ganz Materie. Sie ist nichts als Hunger,
Furcht und Klte, in etwas noch Gestaltloseres umgesetzt. Sie schleicht
unsicher um die grossen Gefahren, die langen Nchte, den Einbruch des
Winters und einen zweideutigen Schlaf herum, der schon fast Tod ist.

                   *       *       *       *       *

Holzbienen (Xylocopa) sind starke Bienen, die ihr Nest in trockenes Holz
graben. Sie leben immer einsam. Trotzdem kommt es gegen Ende des Sommers
vor, dass man einige Exemplare einer besonderen Art, der Xylocopa
cyanescens, in einem Asphodelenkelche frostig bei einander kauern sieht,
um den Winter gemeinsam zu verbringen. Diese zgernde Brderlichkeit ist
eine Ausnahme bei den Holzbienen; aber bei ihren nchsten Verwandten,
den Ceratinen, wird sie schon zur unvernderlichen Gewohnheit. Hier
kommt die Idee zum Vorschein. Sofort hlt sie wieder inne, und bis
hierher ist sie bei den Holzbienen ber die erste dunkle Linie der Liebe
nicht hinausgekommen.

Bei anderen Apinen nimmt die sich noch suchende Idee andere Gestalt an.
Die Mrtelbienen (Chalicodoma) oder Maurerbienen, die Brstenbienen
(Dasypoda) und Ballenbienen (Halictus) vereinigen sich in zahlreichen
Kolonien zum Nesterbau. Aber dies ist ein illusorisches Gemeinwesen von
lauter Einsiedlern. Keinerlei Einvernehmen, keine gemeinsame That. Eine
jede ist in der Menge tief vereinsamt und baut sich ihre Wohnung fr
sich selbst, ohne sich um ihre Nachbaren zu kmmern. Es ist, sagt J.
Perez, ein einfaches Zusammenkommen von Einzelwesen, die derselbe
Geschmack, dieselben Fhigkeiten am gleichen Platze versammeln, wo der
Grundsatz >jeder fr sich< auf das strengste durchgefhrt wird. Es ist
ein Schwarm von Arbeitern, der lediglich durch seinen Fleiss und seine
Zahl an einen Bienenstock erinnert. Solche Vereinigungen sind also die
einfache Folge einer grossen Zahl von Einzelwesen, die auf demselben
Fleck wohnen.

Aber bei den Grabbienen, den Vettern der Dasypoden, dringt pltzlich ein
kleiner Lichtstrahl hervor und wirft einen Schein auf die Entstehung
eines neuen Gefhls in dem zuflligen Beieinander. Sie vereinigen sich
nach Art der vorigen, und jede grbt ihre eigene unterirdische Hhle fr
sich, aber der Eingang, das von der Erdoberflche nach ihren getrennten
Behausungen fhrende Schlupfloch, ist gemeinsam. So betrgt sich jede,
sagt Perez, was die Arbeit in den Zellen betrifft, wie wenn sie allein
wre, aber alle benutzen den gemeinsamen Zugang und benutzen so die
Arbeit einer einzigen, wodurch sie die Zeit und Mhe sparen, sich jede
einen besonderen Gang anzulegen. Es wre interessant festzustellen, ob
diese vorlufige Arbeit selbst nicht gemeinsam ausgefhrt wird, und ob
sich nicht verschiedene Weibchen abwechselnd darin ablsen.

Wie dem aber auch sei, die Idee der Brderlichkeit ist einmal durch die
Mauer gedrungen, die zwei Welten schied. Es ist nicht mehr der Winter,
der Hunger oder die Todesfurcht, der sie dem Instinkt in entstellter und
thrichter Form abzwingt, es ist das thtige Leben, das sie einflstert.
Aber auch diesmal kommt sie nicht weit in dieser Richtung. Trotzdem
verzagt sie nicht, sie versucht andere Wege einzuschlagen. So dringt sie
bei den Hummeln durch, nimmt in ihrer vernderten Atmosphre Gestalt an,
reift und bewirkt die ersten entscheidenden Wunder.

                   *       *       *       *       *

Die Hummeln, diese grossen, zottigen, geruschvollen,
furchteinflssenden und doch so friedfertigen Bienen, die wir alle
kennen, sind zunchst einsam. Von den ersten Tagen des Mrz an beginnt
das fruchtbare, berwinterte Weibchen sein Nest zu bauen, entweder
unterirdisch oder in einem Busche, je nach der Art, zu der es gehrt. Es
ist allein auf der Welt im erwachenden Lenze. Es rumt die gewhlte
Stelle auf, grbt ein Loch und tapeziert es aus. Dann legt es ziemlich
unfrmige Wachszellen an, versieht sie mit Honig und Pollen, legt Eier,
bebrtet sie, pflegt und ernhrt die auskriechenden Larven und sieht
sich alsbald von einer Tchterschaar umgeben, die bei allen inneren und
usseren Arbeiten Hand anlegt und zum Teil gleichfalls Eier legt. Der
Wohlstand nimmt zu, der Zellenbau wird besser, die Kolonie wchst. Die
Grnderin bleibt die Seele und Hauptmutter des Ganzen und steht an der
Spitze eines Knigreiches, das schon ein Ansatz zu dem unserer Hausbiene
ist. brigens ein recht grober Ansatz. Der Wohlstand ist beschrnkt, die
Gesetze sind unklar und werden schlecht befolgt, der Kannibalismus und
Kindermord der Urzeit tauchen immer wieder auf, die Architektur ist
formlos und weitlufig, aber was beide Stadtbildungen am meisten
unterscheidet, ist, dass die eine permanent und die andere vorbergehend
ist. In der That verschwindet die Hummelstadt im Herbst vollstndig,
ihre drei- bis vierhundert Bewohner sterben, ohne eine Spur ihres
Daseins zu hinterlassen, all ihre Arbeit ist umsonst; es berwintert nur
ein einziges Weibchen, das im nchsten Frhjahr in derselben Einsamkeit
und Armut die fruchtlose Arbeit der Mutter wieder aufnehmen wird.
Nichtsdestoweniger ist die Idee sich hier ihrer Kraft bewusst geworden.
Wir sehen sie bei den Hummeln diese Grenze nicht berschreiten, aber
sogleich wird sie sich, ihrer Gewohnheit getreu, in einer Art von
unermdlicher Seelenwanderung inkarnieren, noch zitternd ber ihren
letzten Triumph, aber allmchtig und fast vollkommen, und zwar in einer
anderen Sippe, der vorletzten der Rasse, der unmittelbaren Vorgngerin
unserer Hausbiene, die ihre Krone bildet, nmlich in der Sippe der
Meliponiten, die in die tropischen Meliponen und Trigonen zerfllt.

                   *       *       *       *       *

Hier ist bereits Alles so organisiert, wie in unserem Bienenstocke: eine
einzige Mutter[19], unfruchtbare Arbeiterinnen und Drohnen. Einige
Einzelheiten sind sogar besser eingerichtet. Die Drohnen sind z. B.
nicht vollstndig mssig, sie schwitzen Wachs aus. Das Eingangsthor ist
sorgfltiger geschlossen, in kalten Nchten durch eine Thr, in warmen
durch eine Art von Vorhang, der die Luft durchlsst.

Aber das Gemeinwesen ist weniger stark, das gemeinsame Leben weniger
gesichert, das Gedeihen beschrnkter als bei unseren Bienen, und
berall, wo man diese einfhrt, beginnen die Meliponiten vor ihnen zu
weichen. Der Gedanke der Brderlichkeit ist bei ihren beiden Stmmen
gleichfalls prchtig entwickelt, nur in einem Punkte ist er bei dem
einen nicht ber das hinausgekommen, was im engen Familienbau der
Hummeln schon erreicht war. Es ist dies die mechanische Organisation der
gemeinsamen Arbeit, das genaue Haushalten mit den Krften, mit einem
Worte, die Architektur der Stadt, die hier offenbar noch sehr
rckstndig ist.[20] Hinzugefgt sei noch, dass bei unseren Apiten alle
Zellen sowohl zur Aufziehung der Brut wie zur Aufspeicherung der Vorrte
geeignet sind, und ebensolange vorhalten, wie die Stadt selbst, whrend
sie bei den Meliponiten nur zu einem bestimmten Zwecke benutzt, und wenn
sie den jungen Nymphen zur Wiege dienen, nach deren Auskriechen
abgetragen werden.

Bei unserer Hausbiene hat dieser Gedanke also seine vollkommenste Form
erreicht, und somit wre das rasch entworfene und unvollstndige Bild
seines Entwickelungsganges hier beendet. Sind nun aber die einzelnen
Stufen dieses Entwickelungsganges bei jeder Art konstant, und besteht
die Verbindungslinie zwischen ihnen nur in unserer Vorstellung? Wir
wollen auf diesem noch wenig erforschten Gebiete keine voreiligen
Schlsse wagen. Begngen wir uns zunchst mit vorlufigen Annahmen, und
neigen wir, wenn wir wollen, lieber den hoffnungsvollsten zu, denn wenn
es unbedingt zu whlen glte, so zeigt uns hier und dort ein schwacher
Schein, dass die am meisten herbeigewnschten die gewissesten sein
werden. berdies mssen wir wieder einmal eingestehen, dass wir
garnichts wissen. Wir fangen erst an, die Augen zu ffnen. Tausend
Versuche, die gemacht werden knnten, haben noch nicht stattgefunden.
Wre es z. B. nicht mglich, dass die Prosopis, wenn sie in
Gefangenschaft gehalten und gezwungen wrden, mit ihresgleichen zu
hausen, mit der Zeit die Eisenschwelle der vollkommenen Einsamkeit
berschreiten und Freude daran finden wrden, sich wie die Hosenbienen
zu vereinigen und einen Schritt zur Brderlichkeit zu thun, wie die
Grabbienen? Und diese wiederum, wrden sie unter abnormen,
aufgezwungenen Verhltnissen den gemeinsamen Schlupfgang nicht mit einer
gemeinsamen Wohnung vertauschen? Wrden die Hummelmtter, wenn sie
zusammen berwintert und in Gefangenschaft aufgezogen und gefttert
wrden, sich nicht schliesslich zur Arbeitsteilung verstehen? Hat man
den Meliponiten je Kunstwaben gegeben? Hat man ihnen knstliche Gefsse
gegeben, um ihre sonderbaren Honigtpfe zu ersetzen? Wrden sie
dieselben annehmen und sich zu Nutze machen, und wie wrden sie ihre
Gewohnheiten dieser ungewohnten Bauart anpassen? Dergleichen Fragen sind
an sehr kleine Wesen gerichtet und schliessen doch die Lsung unserer
grssten Geheimnisse ein. Wir knnen nicht darauf antworten, denn unsere
Erfahrung ist von gestern und ehegestern. Von Raumur an gerechnet, ist
es jetzt kaum anderthalb Jahrhunderte her, dass man die Gewohnheiten
gewisser wilder Bienen studiert hat. Raumur kannte nur einen Teil
davon, wir haben einige andere beobachtet, aber hunderte, vielleicht
tausende, sind bis heute nur von unwissenden oder hastigen Reisenden
befragt worden. Die, welche wir seit den schnen Arbeiten des Verfassers
der Mmoires kennen, haben an ihren Gewohnheiten nichts gendert, und
die Hummeln, die sich in den Grten von Charenton voll Honig sogen und
wie ein kstliches Murmeln des Sonnenlichtes goldbestubt umhersummten,
glichen in jedem Punkte denen, die sich im nchsten April einige
Schritte weiter in den Wldern von Vincennes tummeln werden. Aber von
Raumur bis auf unsere Tage ist es nur ein Augenzwinkern der Zeit, das
wir beobachten, und mehrere Menschenleben hintereinander bilden nur eine
Sekunde in der Geschichte eines Naturgedankens.

                   *       *       *       *       *

Wenn der Gedanke der Gesellschaftsbildung, dessen schrittweiser
Verwirklichung wir in diesem Buche mit den Augen gefolgt sind, seine
vollkommenste Gestalt bei unseren Hausbienen erreicht hat, so ist damit
nicht gesagt, dass im Bienenstock alles auf der Hhe sei. Ein
Meisterstck, die sechseckige Zelle, erreicht freilich die absolute
Vollkommenheit in jeder Hinsicht, und alle Genies zusammen knnten
nichts mehr daran verbessern. Kein lebendes Wesen, selbst der Mensch
nicht, hat in seiner Sphre das erreicht, was die Biene in der ihren
verwirklicht hat, und wenn ein Geist aus einer anderen Welt auf die Erde
herabstiege und die vollkommenste Schpfung der Logik des Lebens zu
sehen begehrte, so msste man ihm die schlichte Honigwabe zeigen.

Aber wie gesagt, es steht nicht alles auf gleicher Hhe. Wir sind schon
einigen Fehlern und Irrtmern begegnet, die bisweilen auffllig,
bisweilen geheimnisvoll sind, wie der berfluss an mssigen und
verderblichen Drohnen, die jungfruliche Zeugung, die Gefahren des
Hochzeitsausfluges, das Schwarmfieber, der Mangel an Mitleid, die
geradezu ungeheuerliche Aufopferung des Individuums zu Gunsten der Art.
Dazu kme noch eine seltsame Vorliebe zum Aufspeichern unmssiger
Quantitten von Pollen, die unbenutzt bleiben und daher ranzig und hart
werden und die Waben verstopfen, ferner das lange unfruchtbare
Interregnum, das vom ersten Schwrmen bis zur Befruchtung der zweiten
Knigin reicht, u. a. m.

Von diesen Fehlern ist der schwerste und der einzige, der unter unseren
Himmelsstrichen fast immer verhngnisvoll wird, das wiederholte
Schwrmen. Aber vergessen wir nicht, dass in dieser Hinsicht die
natrliche Auslese der Hausbiene seit Jahrtausenden vom Menschen
gekreuzt wird. Vom gypter der Pharaonenzeit bis zu unserm heutigen
Bauern hat der Bienenzchter den Wnschen und dem Vorteil der Gattung
stets zuwider gehandelt. Die Bienenstcke, die am besten gedeihen, sind
die, welche zu Beginn des Sommers einen einzigen Schwarm aussenden. Sie
befriedigen damit ihren mtterlichen Instinkt, sichern die Erhaltung des
Stammes durch die notwendige Erneuerung der Knigin, und ebenso die
Zukunft des Schwarmes, der volkreich und frh abgesandt ist und darum
Zeit hat, sich eine dauerhafte und mit Vorrten wohl versehene Wohnung
anzulegen, ehe der Herbst kommt. Es ist klar, dass wenn die Bienen sich
selbst berlassen wren, nur diese Stcke und ihre Ableger aus den
Prfungen des Winters lebend hervorgegangen wren, whrend die von
anderen Instinkten beseelten Vlker ihnen fast regelmssig erliegen
wrden, und dass sich die Regel des beschrnkten Schwrmens bei unsern
nrdlichen Rassen dadurch fast durchgehends herausgebildet htte. Aber
es sind gerade diese weitblickenden, reichen und wohl akklimatisierten
Stcke, die der Mensch stets vernichtet hat, um sich ihres Schatzes zu
bemchtigen. Er liess und lsst auch heute noch in der hergebrachten
Praxis nur _die_ Stmme und Kolonien am Leben, die erschpft sind, die
zweiten und dritten (Nach-)Schwrme, die gerade soviel haben, um den
Winter zu berdauern, oder denen er einige Honigabflle giebt, um ihre
klglichen Vorrte zu vervollstndigen. Das Resultat davon ist
wahrscheinlich eine Schwchung der Rasse und eine erbliche Neigung zum
Schwarmfieber, sodass heute fast alle unsere Bienen, insbesondere unsere
schwarzen Bienen, zu viel schwrmen. Seit einigen Jahren wird diese
gefhrliche Angewohnheit durch die neuen Methoden der Mobilzucht
bekmpft, und wenn man sieht, mit welcher Schnelligkeit die knstliche
Auslese auf die meisten unserer Haustiere, Rinder, Schafe, Hunde, Pferde
und Tauben wirkt, -- um nicht noch mehr zu nennen, -- so darf man der
Hoffnung Raum geben, dass wir in kurzem eine Bienenrasse haben werden,
die auf das natrliche Schwrmen fast ganz verzichtet und ihre ganze
Thtigkeit der Honig- und Pollenernte zuwendet.

                   *       *       *       *       *

Aber was die anderen Fehler betrifft: wrde ein Verstand, dem Zweck und
Ziel des Gesellschaftslebens deutlicher wre, sich nicht davon befreien
knnen? Es wre viel ber diese Fehler zu sagen, die bald aus den
unbekannten Tiefen des Bienenstockes hervordringen, bald nichts als eine
Folge des Schwrmens und seiner Irrtmer sind, an denen wir mitschuldig
sind. Aber nach dem, was man bisher gesehen hat, kann jeder nach seinem
Geschmack den Bienen alle Intelligenz zu- oder absprechen. Ich will sie
nicht verteidigen. Mich deucht, sie zeigen unter manchen Verhltnissen
ein Einvernehmen, aber wenn sie auch alles, was sie thun, nur blindlings
thten, meine Wissbegier wrde darum nicht kleiner werden. Es ist so
anziehend zu sehen, wie ein Gehirn _in sich_ die ausserordentlichen
Hilfsquellen entdeckt, um gegen Frost, Hunger, Tod, Zeit, Raum,
Einsamkeit und alle Feinde der belebten Materie anzukmpfen, aber wenn
es einem Wesen gelingt, sein kleines verwickeltes und tiefes Leben zu
erhalten, ohne den Instinkt zu berschreiten, ohne etwas zu thun, was
nicht ganz gewhnlich ist: das dnkt mich erst recht anziehend und
ausserordentlich. Das Gewhnliche und das Wunderbare fliessen in
einander ber und halten sich die Wage, sobald man sie auf ihren
wirklichen Platz in der Natur stellt. Nicht mehr sie, die Trger
angemasster Namen, sondern das Unerklrliche und Unverstandene ist es,
was unsere Blicke auf sich lenken, unsere Thtigkeit belohnen und
unseren Gedanken, Worten und Gefhlen eine neue, gerechtere Form
verleihen soll. Es ist Weisheit darin, sich mit nichts weiter zu
befassen.

                   *       *       *       *       *

Wir sind berdies garnicht im stande, die Fehler der Bienen im Namen
unserer Intelligenz zu richten. Sehen wir nicht, wie lange Intelligenz
und Bewusstsein bei uns inmitten von Fehlern und Irrtmern leben, ohne
sie zu bemerken, und lnger noch, ohne ihnen abzuhelfen? Wenn es ein
Wesen giebt, das durch seine Bestimmung besonders, ja fast organisch,
berufen scheint, sich aller Dinge bewusst zu werden, das
Gesellschaftsleben nach den Regeln der reinen Vernunft zu gestalten und
zu leben, so ist es der Mensch. Und doch: was macht er daraus? Und nun
vergleiche man die Fehler des Bienenstaates mit denen unserer
menschlichen Gesellschaft. Wenn wir Bienen wren, welche die Menschen
beobachteten, so wrde unser Erstaunen gross sein, wenn wir z. B. die
unlogische und ungerechte Verteilung der Arbeit bei einem Geschlechte
beobachteten, das im brigen mit hervorragendem Verstande ausgerstet
scheint. Wir sehen die Oberflche der Erde, die einzige Sttte alles
gemeinsamen Lebens, von zwei bis drei Zehnteln der Gesamtbevlkerung
mhsam und unzureichend bebaut; ein anderes Zehntel zehrt in absolutem
Mssiggange den besten Teil der Produkte jener Arbeit auf, und die
sieben brigen Zehntel sind zu ewigem Halbverhungern verdammt und
erschpfen sich unaufhrlich in seltsamen und unfruchtbaren
Anstrengungen, von denen sie doch nie etwas haben werden, und die nur
den Zweck zu haben scheinen, das Dasein der Mssiggnger noch
komplizierter und unerklrlicher zu machen. Wir wrden daraus folgern,
dass Vernunft und Moralbegriffe dieser Wesen einer Welt angehren, die
von der unseren gnzlich verschieden ist, und dass sie Prinzipien
gehorchen, die zu begreifen wir nicht hoffen drfen. Aber gehen wir
unsere Fehler nicht weiter durch, sind sie unserem Geiste doch stets
gegenwrtig, wenn ihre Gegenwrtigkeit auch keine grosse Wirkung thut.
Hchstens, dass sich von Jahrhundert zu Jahrhundert einer erhebt, einen
Augenblick den Schlaf abschttelt, einen Schrei des Erstaunens thut, den
schmerzenden Arm unter seinem Kopfe wegzieht, sich anders hinlegt und
wieder einschlft, bis ein neuer Schmerz, wiederum eine Folge der
traurigen Erschlaffung der Ruhe, ihn von neuem erweckt.

                   *       *       *       *       *

Die Entwickelung der Apinen, oder doch wenigstens der Apiten, sei einmal
zugegeben, da sie wahrscheinlicher ist als die Starrheit. Welches ist
dann aber ihre bestndige und allgemeine Richtung? Sie scheint dieselbe
Kurve zu beschreiben, wie die unsrige. Sie hat ersichtlich die Tendenz,
Kraft zu sparen, die Unsicherheit, das Elend zu mindern, den Wohlstand,
die gnstigen Verhltnisse und die Autoritt der Art zu mehren. Diesem
Ziele opfert sie ohne Zaudern das Individuum, dessen berdies
illusorische und unglckliche Unabhngigkeit im Zustande der Einsamkeit
durch die Kraft und das Glck der Gesamtheit wieder ausgeglichen wird.
Man mchte sagen, die Natur denkt wie Perikles bei Thukydides, dass die
Individuen im Schosse einer Stadt, die als Ganzes gedeiht, glcklicher
sind, selbst wenn sie darunter zu leiden haben, als wenn das Individuum
gedeiht und der Staat zu Grunde geht. Sie begnstigt die arbeitsame
Sklaverei in der mchtigen Stadt und berlsst den pflichtenlosen
Wanderer den namen- und gestaltlosen Feinden, die in allen Winkeln von
Raum und Zeit, in allen Bewegungen des Weltalls lauern. Es ist hier
nicht der Ort, diesen Gedanken der Natur zu errtern, noch sich zu
fragen, ob der Mensch gut thue, ihm zu folgen, aber das steht fest, dass
berall da, wo die unendliche Materie uns den Ansatz zu einem Gedanken
zu zeigen scheint, dieser Ansatz denselben Weg der Entwickelung nimmt,
dessen Ziel man nicht kennt. Was uns betrifft, so gengt es uns zu
sehen, mit welcher Frsorge die Natur es sich angelegen sein lsst, in
der sich entwickelnden Rasse alles das zu erhalten und festzulegen, was
der feindlichen Trgheit der Materie einmal abgerungen ist. Sie bucht
jedes erfolgreiche Bemhen und zieht gegen den Rckfall, der nach dem
Vorstoss unvermeidlich sein wrde, eine Schranke von besonderen,
wohlwollenden Gesetzen. Dieser Fortschritt, der sich bei den
intelligenteren Arten kaum ableugnen lsst, hat vielleicht keinen
anderen Zweck, als den der Bewegung, und er weiss nicht, wohin er
strebt. Auf alle Flle ist es in einer Welt, in der nichts, ausser
einigen Thatsachen dieser Art, auf einen bestimmten Willen schliessen
lsst, recht bezeichnend zu sehen, wie sich gewisse Wesen von dem Tage
an, wo wir die Augen aufthaten, derart von Stufe zu Stufe ununterbrochen
erheben; und wenn die Bienen uns nichts anderes offenbart htten, als
diese geheimnisvolle Spirale zum Lichte in der allmchtigen Nacht, so
wre dies doch genug, und wir htten die Zeit nicht zu bedauern, die wir
dem Studium ihrer kleinen Gebrden und bescheidenen Gewohnheiten
gewidmet haben, die unsern grossen Leidenschaften und stolzen Geschicken
so fern und doch so nahe stehen.

                   *       *       *       *       *

Vielleicht ist das alles eitel und unsere Spirale zum Licht, wie die der
Bienen, ist nur dazu da, um die Finsternis zu belustigen. Vielleicht
aber auch giebt ein ungeheurer Zufall, der von aussen kommt, von einer
anderen Welt, oder von einer neuen Erscheinung, diesem Streben einen
endgiltigen Sinn oder den endgiltigen Tod. Inzwischen wollen wir unsern
Weg weiter gehen, als ob nichts Ungewhnliches geschehen sollte. Wssten
wir, dass morgen eine Offenbarung -- etwa in Form einer Verbindung mit
einem lteren und lichtvolleren Planeten -- unsere Natur ber den Haufen
werfen und die Leidenschaften, Gesetze und Grundwahrheiten unseres
Wesens aufheben kann, so wre es das Klgste, unser Heute ganz diesen
Leidenschaften, Gesetzen und Wahrheiten zu widmen, sie in unserem Geiste
in Verbindung zu setzen und unserem Schicksal treu zu bleiben, welches
darin besteht, die dunklen Gewalten des Lebens in uns und um uns zu
unterjochen und um einige Stufen zu erheben. Es ist mglich, dass in der
neuen Offenbarung nichts davon bestehen bleibt, aber unmglich ist es,
dass die Seele derer, die diesen Beruf, welcher der menschliche Beruf
vor allem ist, bis zu Ende erfllt haben, nicht im Vordertreffen steht,
um diese Offenbarung zu empfangen, und selbst wenn sie von ihr nur das
lernten, dass die einzige wahre Pflicht das Gegenteil von Wissbegier und
der Verzicht auf das Unerkennbare ist, so werden sie besser als die
anderen im stande sein, diesen Mangel an Wissbegier und diese endgiltige
Entsagung zu begreifen und ihren Vorteil daraus zu ziehen.

                   *       *       *       *       *

Auch sollten unsere Phantasien sich garnicht in dieser Richtung bewegen.
Die Mglichkeit einer allgemeinen Vernichtung sollte unsere Thtigkeit
ebensowenig beeinflussen, wie das wunderbare Eingreifen eines Zufalls.
Wir sind bisher, trotz der Verheissungen unserer Einbildungskraft, stets
auf uns selbst und auf unsere eigenen Hilfsquellen angewiesen geblieben.
Alles Ntzliche und Dauerhafte, was auf Erden besteht, ist das Werk
unseres bescheidenen Strebens. Es steht uns frei, von einem fremden
Zufall das Beste oder das Schlimmste zu erwarten, aber nur unter der
Bedingung, dass diese Erwartung sich nicht in unsere menschliche Aufgabe
hineinmischt. Auch darin geben uns die Bienen eine vortreffliche Lehre,
wie jede Lehre der Natur vortrefflich ist. Sie haben wirklich solch
einen wunderbaren Eingriff erfahren. Sie sind mehr als wir in den Hnden
eines Willens, der ihre Gattung vernichten oder verndern und ihren
Geschicken einen anderen Lauf geben kann. Und doch bleiben sie ihrer
ursprnglichen, tiefen Aufgabe unbeirrt treu. Und gerade die unter
ihnen, die diese Pflicht am treusten erfllen, sind auch am besten im
stande, aus dem bernatrlichen Eingriff, der heute das Loos ihrer
Gattung erhebt, ihren Vorteil zu ziehen. Nun aber ist die unfehlbare
Pflicht eines Wesens leichter zu entdecken, als man glaubt. Man kann sie
jederzeit in den Organen lesen, durch die es sich vor andern auszeichnet
und denen alle anderen untergeordnet sind. Und ebenso wie es auf der
Zunge, dem Munde und Magen der Bienen geschrieben steht, dass sie Honig
hervorbringen mssen, ebenso steht es in unseren Augen, unseren Ohren,
unserem Mark und allen Fibern unseres Kopfes, im ganzen Nervensystem
unseres Krpers geschrieben, dass wir dazu geschaffen sind, alles
Irdische, was wir in uns aufnehmen, in eine besondere Kraft von einer
auf diesem Erdball einzigen Art umzusetzen. Kein uns bekanntes Wesen ist
so wie wir befhigt, jenes seltsame Fluidum hervorzubringen, das wir
Denken, Verstand, Intelligenz, Vernunft, Seele, Geist, Zerebralvermgen,
Tugend, Gte, Gerechtigkeit, Wissen nennen, denn es besitzt tausend
Namen, obwohl es immer dasselbe ist. Alles in uns ist ihm geopfert
worden. Unsere Muskeln, unsere Gesundheit, die Beweglichkeit unserer
Gliedmassen, das Gleichgewicht unserer animalischen Funktionen, die Ruhe
unseres Lebens -- alle tragen mehr und mehr die Last seines
bergewichtes. Es ist der kostbarste und schwierigste Zustand, zu dem
man die Materie erheben kann. Feuer, Licht, Wrme, das Leben selbst, der
Instinkt, der feiner ist, als das Leben, und die Mehrzahl der
unfasslichen Krfte, welche die Welt vor unserem Erscheinen krnten, sie
sind vor dem neuen Fluidum verblasst. Wir wissen nicht, wohin es uns
fhren, was es aus uns machen wird, noch wir aus ihm. Von ihm werden wir
es zu erfahren haben, sobald es in unumschrnkter Machtflle regiert.
Inzwischen wollen wir nur darauf bedacht sein, wie wir ihm alles geben
und opfern knnen, was es verlangt, alles, was seiner vollen
Entwickelung frommt. Es ist kein Zweifel, dass hier die erste und
grsste unserer augenblicklichen Pflichten liegt. Die anderen werden wir
von ihm erfahren, je mehr es wchst. Es wird sie nhren und erweitern,
je nachdem es selbst genhrt wird, wie das Wasser der Hhen die Bche
der Ebenen speist und erweitert, wenn es seine wunderbare Nahrung von
den Gipfeln empfangen hat. Zerbrechen wir uns den Kopf nicht, wer von
dieser Kraft, die sich derart auf unsere Kosten anhuft, einst Nutzen
haben wird. Die Bienen wissen auch nicht, ob sie den Honig essen werden,
den sie anspeichern. Und ebenso wissen wir nicht, wem die Geisteskraft,
die wir in die Welt einfhren, einst frommen wird. Wie sie von Blume zu
Blume fliegen, um mehr Honig zu ernten, als sie und ihre Kinder
bedrfen, so wollen auch wir von Realitt zu Realitt schreiten und
alles sammeln, was dieser unbegreiflichen Flamme zur Nahrung dienen
kann, damit wir im Gefhl der Erfllung unserer organischen Pflicht auf
alles, was da kommen mag, vorbereitet sind. Nhren wir sie mit unseren
Gefhlen und Leidenschaften, mit allem, was man sehen, fhlen, hren,
fassen kann, und mit ihrem eigenen Wesen, welches der Gedanke ist, den
sie aus allen Entdeckungen, Erfahrungen und Beobachtungen zieht und aus
allem eintrgt, was sie besucht. Dann wird ein Augenblick kommen, wo
sich fr einen Geist, welcher der wahrhaft menschlichen Pflicht mit
bestem Willen gedient hat, alles so natrlich zum Besten wendet, dass
selbst die Befrchtung, all sein Streben und Trachten knnte umsonst
sein, die Glut seines Forschens noch heller, reiner, selbstloser,
unabhngiger und edler entfacht.


                                  ENDE




                              ANMERKUNGEN


[1] (SEITE 6). Man knnte noch die Monographie von Kirby und Spence in
ihrer Introduction to Entomology erwhnen, aber sie ist fast
ausschliesslich technisch.

[2] (SEITE 18). Ein Beobachtungskasten ist ein Bienenstock mit
Glaswnden und schwarzen Vorhngen oder Lden. Die besten sind die,
welche nur eine einzige Wabe enthalten, sodass man sie von beiden Seiten
beobachten kann. Diese Ksten lassen sich ohne weiteres und ohne jede
Gefahr in einem Wohn- oder Arbeitszimmer aufstellen, vorausgesetzt,
dass sie einen Ausgang nach aussen haben. Die Bienen meines
Beobachtungskastens, den ich in Paris in meinem Arbeitszimmer habe,
tragen selbst in der Steinwste der Grossstadt genug ein, um zu leben
und fortzukommen.

[3] (SEITE 63). Man setzt eine fremde Knigin gewhnlich in einem
kleinen Kfig aus Eisendrhten bei, den man zwischen zwei Waben
aufhngt. Die Thrffnung wird mit Wachs und Honig verschlossen, den die
Bienen, wenn ihr Zorn verraucht ist, fortnagen. Die so befreite
Gefangene wird von ihnen oft wohlwollend aufgenommen. Mr. S. Simmins,
der Leiter der grossen Bienenwirtschaft von Rottingdean, hat krzlich
eine andere Methode gefunden, die ausserordentlich leicht zu befolgen
und fast immer erfolgreich ist, weshalb sie auch bei den gewissenhaften
Bienenwirten immer mehr Verbreitung findet. Die Schwierigkeit bei der
Einfhrung von Kniginnen liegt nmlich in dem Benehmen der Knigin
selbst. Sie ist aufgeregt, flieht, verbirgt sich, gebrdet sich wie ein
Eindringling und erweckt dadurch den Verdacht der Arbeitsbienen, der
sich nach nherer Prfung alsbald besttigt. Mr. Simmins isoliert darum
die beizusetzende Knigin vollstndig und lsst sie eine halbe Stunde
fasten. Dann lftet er die Innendecke des weisellosen Stockes ein wenig
und setzt die fremde Knigin auf das oberste Ende einer Wabe. Die
vorangegangene Einsamkeit hat sie so unglcklich gemacht, dass sie jetzt
froh ist, sich wieder unter Bienen zu sehen, und in ihrem Hunger die ihr
dargebotene Nahrung begierig annimmt. Die Arbeitsbienen lassen sich
durch ihr sicheres Auftreten tuschen und stellen keine Untersuchung an.
Sie bilden sich vielleicht ein, dass ihre alte Herrin wiedergekehrt ist,
und nehmen sie mit Freuden auf. Aus diesem Experiment scheint
hervorzugehen, dass sie, im Gegensatz zu Huber und allen Beobachtern,
ihre Knigin nicht wieder zu erkennen vermgen. Wie dem aber auch sei,
die beiden Erklrungen sind gleich annehmbar, wenn die Wahrheit
vielleicht auch in einer dritten liegen mag, die uns noch nicht bekannt
ist, und jedenfalls zeigen sie wieder einmal, wie verwickelt und unklar
die Psychologie der Bienen noch ist. Und es lsst sich, wie aus allen
Lebensfragen, auch hieraus nur der eine Schluss ziehen, dass wir in
Ermangelung eines Besseren die Wissbegier in unserm Busen walten lassen
mssen.

[4] (SEITE 71). Das Gehirn der Biene betrgt nach den Berechnungen von
Dujardin 1/174 des Gesamtgewichtes ihres Krpers, das der Ameise nur
1/296. Dafr sind die strangfrmigen Krper, die sich im gleichen
Verhltnis entwickeln, wie der Intellekt, bei den Bienen etwas geringer,
als bei den Ameisen. Aus diesen Schtzungen scheint -- wenn man das
hypothetische derselben und die ganze Dunkelheit des Gegenstandes mit in
Betracht zieht -- sich zu ergeben, dass Ameise und Biene sich in Bezug
auf Intellekt ungefhr gleich stehen mssen.

[5] (SEITE 99). Ich habe das Experiment bei der ersten Frhlingssonne
dieses ungnstigen Jahres wiederholt, und zwar mit dem gleichen
negativen Ergebnis. Ein mir befreundeter Bienenzchter, der ein sehr
geschickter und sehr zuverlssiger Beobachter ist und von mir dieses
Problem vorgelegt erhielt, schreibt mir, er htte bei demselben
Experiment vier Flle zu verzeichnen, wo unweigerlich eine Mitteilung
stattgefunden haben msste. Die Thatsache verdient festgestellt zu
werden, doch die Frage bleibt ungelst. Auch ich bin berzeugt, dass
mein Freund sich durch das sehr begreifliche Verlangen, sein Experiment
gelingen zu sehen, irrefhren liess.

[6] (SEITE 109). Man hat brigens gut gethan, dieses Normalmass nicht zu
whlen. Der Zellendurchmesser ist von wunderbarer Regelmssigkeit, doch
wie alles, was auf organischem Wege entstanden ist, nicht von
_mathematischer_ Unvernderlichkeit. berdies haben die verschiedenen
Bienenarten, wie Maurice Girard nachgewiesen hat, bei ihren Zellen eine
ganz bestimmte Seitenachse, so dass das Mass von Stock zu Stock ein
andres sein wrde, je nach der darin wohnenden Bienenart.

[7] (SEITE 111). Raumur hatte dem berhmten Mathematiker Knig
folgendes Problem gestellt: Unter allen sechskantigen Zellen mit
pyramidalem, aus drei gleichen und hnlichen Rhomben bestehendem Boden
die zu bestimmen, die am wenigsten Baustoff erfordert. Knig
antwortete, es wre diejenige, deren Boden aus drei Rhomben bestnde,
deren grosse Winkel je 109 26' und die kleinen je 70 34' betrgen. Nun
aber hat ein anderer Gelehrter, Maraldi, die Winkel der Rhomben in den
Bienenzellen so genau wie mglich nachgemessen und gefunden, dass die
grossen 109 28', die kleinen 70 32' betragen. Zwischen beiden Lsungen
bestand also nur eine Differenz von zwei Minuten! Und es ist
wahrscheinlich, dass der etwa vorliegende Irrtum von Maraldi begangen
wurde, und nicht von den Bienen, denn es giebt kein Instrument, das die
Zellenwinkel, die nicht so scharf hervortreten, mit untrglicher
Sicherheit nachzumessen erlaubte.

Ein anderer Mathematiker, Cramer, hat dasselbe Problem noch mehr im
Sinne der Bienen gelst; er fand 109 28' fr die grossen und 70 31'
fr die kleinen Winkel. Maclaurin, der Knigs Berechnung berichtigt hat,
giebt 70 32' und 109 28' an, Lon Lalanne 70 81' 44" und 109 28'
16". Siehe ber diesen Streitpunkt auch: Maclaurin, Philos. Trans. of
London, 1743; Brougham, Recherch. anal. et expr. sur les alv. des
ab.; L. Lalanne, Note sur l'Arch. des abeilles u. s. w.

[8] (SEITE 136). Das Flugbrett ist oft nichts als eine Fortsetzung des
Brettes, auf dem der Bienenstock ruht, und bildet eine Art Vorhof oder
Ruheplatz vor dem Haupteingang, dem sogenannten Flugloch.

[9] (SEITE 140). Einige Bienenzchter behaupten, dass Arbeitsbienen und
Kniginnen, sobald sie das Ei verlassen haben, dieselbe Nahrung
erhalten, eine Art stickstoffreicher Milch, welche die Pflegerinnen aus
einer Kopfdrse ausscheiden. Doch werden die Arbeitsbienenlarven nach
einigen Tagen entwhnt und fortan mit grberer Nahrung, Honig und
Pollen, gespeist, whrend die junge Knigin bis zu ihrer vollstndigen
Entwickelung reichlich mit jener kostbaren Milch ernhrt wird, die man
den Knigstrank genannt hat. Wie dem aber auch sei, der Erfolg und das
Wunder bleiben die gleichen.

[10] (SEITE 162). Es ist unmglich, die Einzelheiten dieser von Darwin
beobachteten Flle hier wiederzugeben. Der Vorgang ist in grossen Zgen
folgender. Der Pollen von Orchis morio ist nicht staubfrmig, sondern
ballt sich zu kleinen Klumpen, welche die sogenannten Pollinarien
bilden. Diese (es sind ihrer zwei) haben einen stielartigen Fortsatz,
der an seinem unteren Ende in einer klebrigen Rundung endigt (dem
Caudiculum) und von einem membranartigen Beutelchen (dem Rostellum)
umschlossen wird, das bei der leisesten Berhrung platzt. Steckt nun
eine die Blte befliegende Biene den Kopf in den Kelch, um den Nektar zu
saugen, so streift sie dies Beutelchen, dasselbe zerreisst und die
beiden klebrigen Rundungen treten zu Tage. Die Pollinarien bleiben
infolge des Klebestoffes, der an den Rundungen sitzt, am Kopfe des
Insekts haften und dieses trgt sie beim Verlassen der Blume wie ein
paar zwiebelartige Hrner von dannen. Wenn diese zwei Pollenhrner nun
steif und gerade blieben, so wrden sie in dem Augenblick, wo die Biene
die nchste Orchidee befliegt, das membranartige Sckchen derselben
berhren und einfach zum Platzen bringen, aber nicht bis zu der Narbe
(dem weiblichen Organ) der zweiten Blume dringen, die befruchtet werden
muss und unter dem membranartigen Sckchen liegt. Die Orchis morio hat
diese Schwierigkeit genial erkannt, und darum vertrocknet nach dreissig
Sekunden, das heisst in der kurzen Spanne Zeit, die das Insekt braucht,
um den Nektar vollends aufzusaugen und eine andere Blume zu befliegen,
der Stengel des kleinen Kolbens und schrumpft zusammen, und zwar stets
nach derselben Seite und im gleichen Sinne; die den Pollen enthaltende
Zwiebel sinkt herab, und ihr Neigungswinkel ist so genau berechnet, dass
sie sich in dem Augenblick, wo die Biene in die benachbarte Blume
hineinschlpft, genau in der Hhe der Narbe befindet, auf die sie ihren
befruchtenden Staub entleeren muss. Siehe fr alle Einzelheiten dieses
intimen Dramas der unbewussten Blumenwelt die prachtvolle Studie von
Darwin ber die Befruchtung der Orchideen durch Insekten und die guten
Wirkungen der Kreuzung, 1862.

[11] (SEITE 169). Es ist dem Professor McLain krzlich gelungen, einige
Kniginnen knstlich zu befruchten, aber nur mit Hilfe von komplizierten
und schwierigen chirurgischen Operationen. brigens war die
Fruchtbarkeit dieser Kniginnen nur beschrnkt und vorbergehend.

[12] (SEITE 204). Ein starkes Volk braucht whrend der berwinterung,
die in unseren Himmelsstrichen etwa sechs Monate dauert, d. h. vom
Oktober bis Anfang April, gewhnlich zwanzig bis dreissig Pfund Honig.

[13] (SEITE 211). In der wissenschaftlichen Einteilung nimmt die
Hausbiene (Apis mellifica) folgenden Platz ein. Klasse: Insekten.
Ordnung: Immen (Hymenoptera). Familie: Eigentliche Bienen (Apidae).
Sippe: Apis. Art: Mellifica. Die Bezeichnung _Mellifica_ stammt aus der
Linn'schen Einteilung. Sie ist nicht sehr glcklich gewhlt, denn alle
Bienen, mit Ausnahme einiger Parasiten, sind _Honig_bienen. Scopoli sagt
_cerifera_, Raumur _domestica_, Geoffroy _gregaria_. -- _Apis
ligustica_, die italienische Biene, ist nur eine Abart von Apis
mellifica.

[14] (SEITE 212). Der Fall tritt auch bei _Nach_schwrmen hufig genug
ein, denn sie sind weniger erfahren und vorsichtig, als der Vorschwarm.
An ihrer Spitze befindet sich eine junge, leichtsinnige Knigin, und sie
bestehen meist aus ganz jungen Bienen, in denen der ursprngliche
Instinkt um so lauter spricht, weil sie die Strenge und Wetterwendigkeit
unseres nordischen Himmels noch nicht kennen. brigens lebt keiner
dieser Schwrme ber die ersten Herbststrme hinaus, und sie vermehren
die unzhligen Opfer der langsamen und dunklen Versuche der Natur.

[15] (SEITE 215). Da wir uns hier zum letzten Male mit den Bauten der
Bienen beschftigen, wollen wir eine Eigentmlichkeit der _Apis florea_
nicht unerwhnt lassen. Einzelne Drohnenzellen sind bei ihr cylindrisch,
statt sechseckig. Es scheint also, dass sie noch nicht dauernd von der
einen Form zur anderen bergegangen ist und endgiltig die bessere
angenommen hat.

[16] (SEITE 217). Etwas hnliches berichtet Bchner: Auf der Insel
Barbados, wo viele Zuckersiedereien sind und die Bienen das ganze Jahr
hindurch Zucker in berfluss finden, befliegen sie keine Blte mehr. Ein
Beweis mehr, dass die Anpassung an die Umstnde nicht langsam, etwa im
Laufe von Jahrhunderten stattfindet oder unbewusst und fatalistisch ist,
sondern dass sie unmittelbar eintritt und auf berlegung beruht.

[17] (SEITE 223). Man verwechsele nicht Apinen, Apiden und Apiten. Diese
drei Ausdrcke werden durcheinander gebraucht, wie sie sich in der
Klassifikation von Emile Blanchard vorfinden. Der Stamm der _Apinen_
umfasst alle Familien der Bienen, die _Apiden_ bilden die erste Familie
derselben und zerfallen ihrerseits in Apiten, Meliponiten und Bombinen
(Hummeln). Die _Apiten_ endlich umfassen die verschiedenen Arten unserer
Hausbiene.

[18] (SEITE 225). Zum Beispiel die Hummeln, deren Schmarotzer die
Psithyrus oder Schmarotzerhummeln sind, die Steliden, die auf Kosten der
Anthidien leben. Man ist, sagt J. Perez (Les Abeilles) sehr richtig,
wegen der hufig vorkommenden hnlichkeit der Schmarotzer mit ihren
Opfern zu der Annahme gezwungen, dass beide Arten nur zwei Formen
desselben Typus bilden und engstens mit einander verwandt sind. Fr die
der Entwickelungslehre huldigenden Naturforscher ist diese
Verwandtschaft nicht nur ideell, sondern real. Die Schmarotzerart ist
nach ihnen nur eine Abart der anderen und hat ihre Sammelwerkzeuge durch
Anpassung an das Schmarotzerleben verloren.

[19] (SEITE 230). Es steht freilich nicht fest, ob das Prinzip des
Knigtums oder der Mutterschaft einer Einzigen bei den Meliponiten sehr
streng durchgefhrt wird. Blanchard glaubt mit Recht, dass
wahrscheinlich mehrere Weibchen in einem Stocke leben, da sie sich bei
ihrer Stachellosigkeit nicht so leicht tten knnen, wie die
Bienenkniginnen. Aber dies ist bisher nie festgestellt worden, weil die
Weibchen und Arbeiterinnen sehr schwer zu unterscheiden sind und die
Meliponiten in unseren Himmelsstrichen durchaus nicht gedeihen.

[20] (SEITE 231). Siehe auch die ausfhrlichere Darstellung auf Seite
112.




                           BIBLIOGRAPHISCHES


Eine vollstndige Bibliographie der Bienenkunde wrde die Grenzen, die
wir uns gesteckt haben, berschreiten. Ich begnge mich damit, auf die
interessantesten Werke zu verweisen.


              I. HISTORISCHE ENTWICKELUNG DER BIENENKUNDE:

a) Die Alten. -- _Aristoteles_, Geschichte der Tiere, passim; _Varro_,
De agricultura, L. III, 16; _Plinius_, Historia naturae, L. XI;
_Virgil_, Georgica, IV; _Columella_, De re rustica; _Palladius_, De
re rustica, L. I, 37, etc.

b) Die Neueren. -- _Swammerdamm_, Biblia naturae, 1737; _Maraldi_,
Observations sur les abeilles (Mm. Acad. des Sciences), 1712;
_Raumur_, Mmoires pour servir  l'histoire des insectes, 1740; _Ch.
Bonnet_, Oeuvres d'histoire naturelle, 1779-1783; _A. G. Schirach_,
Physikalische Untersuchung der bisher unbekannten, aber nachher
entdeckten Erzeugung der Bienenmutter, 1767; _J. Hunter_, On bees,
philosophical transactions, 1732; _A. Janscha_, Hinterlassene
vollstndige Lehre von der Bienenzucht, 1773; _Franois Huber_,
Nouvelles Observations sur les abeilles, 1794, etc.


                      II. PRAKTISCHE BIENENZUCHT:

_Dzierzon_, Theorie und Praxis des neuen Bienenfreundes; _Langstroth_,
The honey bee, ins Franzsische bersetzt von Ch. Dadant (L'abeille
et la ruche), eine Verbesserung und Vervollstndigung des Originals;
_Georges de Layens_ und _Bonnier_, Cours complet d'apiculture; _Frank
Cheshire_, Bees and bee-keeping (Band II, Praxis); _Dr. E. Bevan_,
The honey bee; _T. W. Cowan_, British bee-keeper's guide book; _A.
J. Cook_, Bee-keeper's guide book; _A. Root_, The ABC of Bee
culture; _Henry Alley_, The Bee-keeper's Handy book; _Abb Collin_,
Guide de propritaire d'abeilles; _Ch. Dadant_, Petit cours
d'apiculture pratique; _Ed. Bertrand_, Conduite du rucher; _Weber_,
Manuel pratique d'apiculture; _Hamet_, Cours complet d'apiculture;
_de Bauvoys_, Guide de l'apiculteur; _Pollmann_, Die Biene und ihre
Zucht; _S. Simmins_, A modern bee farm; _F. W. Vogel_, Die
Honigbiene und die Vermehrung der Bienenvlker; _Baron A. von
Berlepsch_, Die Biene und ihre Zucht; _Jeker_, _Kramer_ und _Theiler_,
Der Schweizerische Bienenvater etc.


                     III. ALLGEMEINE MONOGRAPHIEEN:

_F. Cheshire_, Bees and Bee-keeping (Band I, Wissenschaft); _T. W.
Cowan_, The Honey Bee; _J. Perez_, Les abeilles; _Girard_, Manuel
d'apiculture (die Bienen, ihre Organe und deren Funktion); _Shuckard_,
British bees; _Kirby_ and _Spence_, Introduction to Entomology;
_Girdwoyn_, Anatomie et physiologie de l'abeille; _F. Cheshire_,
Diagrams on the anatomy of the Honey Bee; _Gundelach_, Die
Naturgeschichte der Honigbiene; _Ludwig Bchner_, Geistesleben der
Tiere; _O. Btschli_, Zur Entwickelungsgeschichte der Biene; _J. D.
Haviland_, The social instincts of bees, their origin and natural
selection.


                      IV. SPEZIELLE MONOGRAPHIEEN:

(Organe und deren Funktionen, Arbeiten u. s. w.): _Ed. Brandt_,
Recherches anatomiques et morphologiques sur le systme nerveux des
insectes hymnoptres (Comptes rendus de l'Acadmie des Sciences, 1876,
Band LXXVIII, S. 613); _F. Dujardin_, Mmoires sur le systme nerveux
des insectes; _Dumas_ und _Milne-Edwards_, Sur la production de la
cire des abeilles; _E. Blanchard_, Recherches anatomiques sur le
systme nerveux des insectes; _L. R. D. Brougham_, Observations,
demonstrations and experiences upon the structure of the cells of bees
(Natural Theology, 1856); _P. Cameron_, On Parthenogenesis in the
Hymenoptera (Trans. nat. soc. of Glasgow, 1888); _Erichson_, De
fabrica et usu antennarum in insectis; _B. T. Lowne_, On the simple
and compound eyes of insects (Phil. trans., 1879); _G. K. Waterhouse_,
On the formation of the cells of Bees and Wasps; Dr. _C. T. E. von
Siebold_, On a true Parthenogenesis in Moths and Bees; _F. Leydig_,
Das Auge der Gliederthiere; Pastor _Schnfeld_, Bienenzeitung,
1854-1883, Illustrierte Bienenzeitung, 1885-1890; _Assmus_, Die
Parasiten der Honigbiene.


          V. VERSCHIEDENE BEOBACHTUNGEN BER DIE HONIGWESPEN:

_E. Blanchard_, Histoire naturelle des insectes, Mtamorphoses,
moeurs et instincts des insectes; _Darwin_, Origin of species;
_Fabre_, Souvenirs entomologiques 3 (Sries); _Romanes_, Mental
evolution in animals, animal intelligence; _Lepeletier St. Fargeau_,
Histoire naturelle des Hymnoptres; _V. Mayet_, Mmoire sur les
moeurs et les mtamorphoses d'une nouvelle espce de la famille des
Vsicants (Ann. Soc. entom. de France, 1875); _H. Mller_, Ein Beitrag
zur Lebensgeschichte der Dasypoda hirtipes; _E. Hoffer_, Biologische
Beobachtungen an Hummeln und Schmarotzerhummeln; _Jesse_, Gleaning in
natural history; Sir _J. Lubbock_, Ants, Bees and Wasps, The senses,
instincts and intelligence of animals; _Walkenaer_, Les Haclites;
_Westwood_, Introduction to the study of insects; _V. Rendu_, De
l'intelligence des animaux; _Espinas_, Animal Communities, u. s. w.




                           INHALTSVERZEICHNIS


                AUF DER SCHWELLE DES BIENENSTOCKES    4
                DAS SCHWRMEN                        23
                DIE STADTGRNDUNG                    77
                DIE JUNGEN KNIGINNEN               132
                DER HOCHZEITSAUSFLUG                168
                DIE DROHNENSCHLACHT                 198
                DER FORTSCHRITT DER ART             206
                ANMERKUNGEN                         245
                BIBLIOGRAPHISCHES                   253


                     Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigert. Weitere
nderungen sind hier aufgefhrt (vorher/nachher):

   [S. 28]:
   ... Selbstverbannung ist seit lange vorbedacht und ...
   ... Selbstverbannung ist seit langem vorbedacht und ...

   [S. 66]:
   ... dass unter den gewhnlichen Bauten der Stadt ...
   ... das unter den gewhnlichen Bauten der Stadt ...

   [S. 156]:
   ... Bestreben, dass sie berall offenbart: die Verbesserung ...
   ... Bestreben, das sie berall offenbart: die Verbesserung ...






End of Project Gutenberg's Das Leben der Bienen, by Maurice Maeterlinck

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Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org



Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

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facility: www.gutenberg.org

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including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
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