The Project Gutenberg EBook of Meine erste Weltreise, by James Cook

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Title: Meine erste Weltreise

Author: James Cook

Editor: W. F. v. Bous

Release Date: April 13, 2020 [EBook #61825]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK MEINE ERSTE WELTREISE ***




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Kulturgeschichtliche

Dokumente. Band 3.

Kapitn James Cook:

Meine erste Weltreise.


In der Sammlung $Kulturgeschichtliche Dokumente$ (Schwabacher'sche
Verlagsbuchhandlung in Stuttgart) ist bis jetzt ferner erschienen:

  $Napoleon auf Sankt Helena.$ (~Mmorial relatif  la captivit de
  Napolon  Ste-Hlne.~) Von $Sir Hudson Lowe$ (Gouverneur von St.
  Helena). Mit vier Tafeln nach alten Originalkupferstichen und mit
  andern zeitgenssischen Abbildungen. Broschiert 4 Mark. In Leinenband
  5 Mark.

  Die Memoiren von Sir Hudson Lowe sind eine diplomatische Enthllung
  von weltgeschichtlicher Bedeutung. Ohne Lowe ist die Literatur ber
  Napoleon unvollstndig. Der Kerkermeister gehrt zu seinem Opfer.


  $Meine Abenteuer.$ (Meine Flucht aus Sibirien. -- Meine Abenteuer zur
  See. -- Die Eroberung von Madagaskar.) Von $Graf Moritz August von
  Benjowski$. Mit vier Tafeln nach alten Originalkupferstichen. Brosch.
  4 Mark. In Leinenbd. 5 Mark.

  Der Graf zhlt zu den markantesten Erscheinungen des Jahrhunderts der
  Glcksritter. Seine berhmten Memoiren gaben Kotzebue die Anregung
  zu dem Schauspiel Die Verschwrung in Kamtschatka. Sie sind
  also abgesehen von der spannenden Handlung auch literarhistorisch
  interessant.


  $Vom Sonnenknig. (Ludwig XIV.)$ Von $Herzog Ludwig von St-Simon$.
  Mit vier Tafeln nach alten Originalkupferstichen. Broschiert 3 Mark
  60 Pf. In Leinenband 4 Mark 50 Pf.

  Nirgends tritt einem die hfische Sittenlosigkeit so nackt entgegen
  wie in den Geheimen Memoiren des Herzogs Ludwig von St-Simon.
  Napoleon hatte recht, als er nach ihrer Lektre ausrief: Kein Held
  besteht vor seinem Kammerdiener!

[Illustration: Kapitn James Cook.]




                                 Meine
                           erste Weltreise.

                                  Von

                          Kapitn James Cook.

                       Mit vier Tafeln nach den
                       $Originalkupferstichen$.

                             Herausgeber:

                            W. F. v. Bous.

                            [Illustration]

                              Stuttgart.

                 Schwabacher'sche Verlagsbuchhandlung.


Die Verlagsbuchhandlung behlt sich alle Rechte vor.

Nachdruck im einzelnen oder im ganzen wird gerichtlich verfolgt.


  Text in Schwabacher Schrift gedruckt von
  Carl Rembold in Heilbronn.




[Illustration]




Vorwort.


Die Londoner Knigliche Gesellschaft der Wissenschaften unterbreitete
im Februar 1768 dem Knige Georg III. von England die Bitte, eine
Expedition ausrsten zu wollen, um auf einer Insel in der Sdsee den
Durchgang des Planeten Venus durch die Sonnenscheibe im Jahre 1769 zu
beobachten. Die Admiralitt whlte auf des Knigs Befehl die Barke
Endeavour, ein gutes Schiff, und vertraute das Kommando dem damaligen
Schiffsleutnant James Cook (geb. am 27. Oktober 1728, ermordet auf
Hawai am 14. Februar 1779) an. Die Gesellschaft selbst bestimmte Tahiti
zur Beobachtungsstation und den Gehilfen der Kniglichen Sternwarte zu
Greenwich, Charles Green, zu ihrem Vertreter.

An dieser Expedition nahm auch Sir Joseph Banks (geb. am 4. Januar
1743, gest. am 19. Juni 1820), ein reichbegterter Edelmann und
berhmter Naturforscher, mit seinem Assistenten Dr. Solander und mit
zwei Zeichnern auf seine Kosten teil, um die Pflanzen- und Tierwelt
Ozeaniens zu erforschen. Diese glnzend durchgefhrte Expedition
begrndete Cooks Ruhm als Seefahrer und Entdecker. Als Verfasser
der Geschichte seiner ersten Weltreise, die einen der groartigsten
Bucherfolge aller Zeiten aufzuweisen hat, war Cook nur indirekt ttig.
Die Herausgabe dieses epochalen Werkes besorgte Dr. J.J.Hawkesworth
auf Veranlassung der Admiralitt und auf Grund der Tagebcher der
Herren Cook, Banks und Dr. Solander, denen das Manuskript im Palaste
der Admiralitt vorgelesen und zur Korrektur ausgehndigt wurde.
Dann erst erfolgte 1773 die Drucklegung in drei Bnden, die wir in
erschpfendem, von allen Weitlufigkeiten befreitem Auszug unserer
Sammlung Kulturgeschichtliche Dokumente einfgen, denn Cooks erste
Weltreise war eine Kulturtat ersten Ranges, durch die sich Cook ein
unvergngliches Verdienst um Wissenschaft und Menschheit erworben hat.

                                                        W. F. v. B.

[Illustration]




Inhalts-bersicht.


                                                                   Seite

  Vorwort des Herausgebers                                             V

  Erstes Kapitel.

  Mein Auftrag. -- Nach Amerika. -- Ein Unglcksfall im
  Feuerland. -- Die Feuerlnder und ihre Sitten. -- Fahrt nach
  der Sdsee. -- Entdeckungen. -- Ankunft in Otahiti                   1

  Zweites Kapitel.

  Die Bewohner von Tahiti. -- Ihre Stehlsucht. -- Wir bauen
  ein Fort. -- Lustbarkeiten. -- Oberea, die Knigin, und ihr
  Gnstling. -- Tootahah, der Regent. -- Ringkmpfe. -- Seltsame
  Besuchssitte. -- Freie Liebe                                        12

  Drittes Kapitel.

  Ein Besuch beim Regenten. -- Der Durchgang der Venus. -- Folgen
  ihres Kults. -- Ein tahitisches Begrbnis. -- Ein Hundebraten.
  -- Hoher Besuch. -- Eine Reise um die Insel. -- Lockungen           24

  Viertes Kapitel.

  Im Hause der Oberea. -- Eine Desertion. -- Unanstndige Tnze.
  -- Die Lustseuche. -- Krperschnheit, Sitten und Gebruche der
  Bewohner von Tahiti                                                 41

  Fnftes Kapitel.

  Reise nach Huaheine und Ulietea. -- Ein Weib als Gastgeschenk.
  -- Eine dramatische Unterhaltung. -- Der furchtbare Knig. --
  Ein berfall                                                        57

  Sechstes Kapitel.

  Neue Entdeckungen. -- Kriegerischer Empfang. -- Drei Gefangene.
  -- Verhandlungen                                                    69

  Siebtes Kapitel.

  Neue Feindseligkeiten. -- Das Kap der Kinderdiebe. --
  Gastfreundliche Wilde. -- Abenteuer in der Tegaduhbai               83

  Achtes Kapitel.

  Forschungen. -- Eine Naturfestung. -- Kunstvolle Bauten. -- Ein
  diebischer Geselle. -- Seltsame Ttowierungen. -- Eine Lektion
  und ihre Folgen. -- Kannibalismus                                   98

  Neuntes Kapitel.

  Neuseelndische Sitten. -- Die Ursache des Kannibalismus. --
  Gastfreundliche Prostitution. -- Zeitehen. -- Abscheuliche
  Tnze. -- Die Frauen. -- Die Religion                              115

  Zehntes Kapitel.

  Entdeckung der australischen Ostkste. -- Die Macht der
  Feuerwaffen. -- In der Botanybai. -- Gefhrliche Havarie. --
  Wir retten das Schiff                                              123

  Elftes Kapitel.

  Verkehr mit den Australiern. -- Ihre Lebensweise. -- Ein
  Streit und seine Folgen. -- Ausfahrt. -- Die Besitzergreifung
  von dem neuentdeckten Lande. -- Die Eingeborenen und ihre
  Lebensgewohnheiten                                                 138

  Zwlftes Kapitel.

  Fahrt durch die Endeavourstrae. -- Abenteuer whrend der
  Fahrt. -- Kranke an Bord. -- Savu. -- Kleinliche Schikanen. --
  Sitten und Gebruche                                               156

  Dreizehntes Kapitel.

  In Batavia. -- Todesflle. -- Ungesundes Klima. -- Tupia
  stirbt. -- Die Javaner und ihre Lebensgewohnheiten. --
  Nationallaster. -- Sklaverei. -- Abreise                           172

  Vierzehntes Kapitel.

  Die Prinzeninsel. -- Besuch beim Knig. -- Die Eingeborenen. --
  Das schwimmende Hospital. -- Wir begraben dreiundzwanzig Mann.
  -- Am Kap der Guten Hoffnung. -- Die Hottentotten und ihre
  Sitten                                                             183

  Fnfzehntes Kapitel.

  Heimreise. -- Eine Strflingsinsel. -- St. Helena. -- Grausame
  Behandlung der Sklaven daselbst. -- Wieder zu Hause                196

  Bilder.

  Kapitn James Cook Titelbild

  Indianer vom Feuerland in ihrer Htte                        Seite  48

  Innenraum eines Hauses auf der Insel Ulietea. -- Tanz der
  Eingeborenen (mit Musikbegleitung)                             "    96

  Kriegsboot der Neuseelnder                                    "   144




Meine erste Weltreise.




[Illustration]




Erstes Kapitel.

  Mein Auftrag. -- Nach Amerika. -- Ein Unglcksfall im Feuerland.
  -- Die Feuerlnder und ihre Sitten. -- Fahrt nach der Sdsee. --
  Entdeckungen. -- Ankunft in Otahiti.


Als ich meine Bestallung erhalten hatte, die vom 25. Mai 1768 datiert
war, ging ich an Bord des Endeavour, hite die Kommandoflagge und
segelte am 30. Mai nach Plymouth. Hier wurden der Mannschaft die
Kriegsartikel und die Parlamentsakte vorgelesen. Zugleich wurde ihr ein
zweimonatiger Sold im voraus bezahlt. Am 26. August stachen wir in See.

Am 12. September erblickten wir Porto Santo und Madeira, und am
folgenden Tage kamen wir auf der Reede von Funchal an, wo wir das
Schiff vor den Stromanker festlegten. Am nchsten Tage ri beim Lichten
das Seil des Ankerpfahls den Oberbootsmann Weir ber Bord, und er ging
mit dem Anker unter. Dieser wurde sofort wieder gehoben, allein es war
zu spt. Der Unglckliche, dessen Krper sich in das Seil verwickelt
hatte, war ertrunken. In der Nacht vom 18. auf den 19. gingen wir
wieder unter Segel.

Auf dem Wege von Teneriffa nach Bonavista sahen wir eine groe Menge
fliegender Fische. Am 25. Oktober segelten wir in der Lnge von 29
Graden 30 Minuten mit den blichen Feierlichkeiten durch den quator.
Am Abend des 29. beobachteten wir jenen lichten Glanz in der See,
den die Seefahrer so oft erwhnen. ber seine Entstehung waren die
Forscher verschiedener Meinung. Wir waren der Ansicht, da er von
irgendeinem glnzenden Tiere herrhrt, und fanden, nachdem wir ein
kleines Netz ausgeworfen hatten, unsere Meinung besttigt, denn wir
fingen eine Medusenart, die an Bord ein weies Licht von sich gab.
Gleichzeitig fingen wir auch verschiedene kleine Krebse, die, obschon
sie zehnmal kleiner als Johanniswrmchen sind, doch ebensostark wie
diese leuchteten. Herr Banks konstatierte mit vielem Vergngen, da
alle diese Tierchen noch von niemand beschrieben worden waren.

Am 8. November erblickten wir die Kste von Brasilien. Wir lavierten
dann bis zum 12. lngs der Kste hin, und am 13. segelten wir dem Hafen
von Rio de Janeiro zu. Wir waren vom 14. November bis zum 7. Dezember
hier[1]. Dr. Solander war einmal an Land, ich selbst verschiedene Male,
und Herr Banks fand ebenfalls Gelegenheit, sich durch die Wachen zu
schleichen. Dr. Solander sagte mir in Besttigung der verdammenden
Urteile mehrerer Reisenden ber die Sittenlosigkeit der Damen von Rio
de Janeiro, da sobald es dunkel geworden wre sich fast alle Damen
in den Fenstern gezeigt und die vorbergehenden Herren, soweit sie
ihnen zusagten, mit Blumen berschttet htten. Was in einem Lande eine
unanstndige Vertraulichkeit ist, ist in einem anderen Lande Sitte. Ich
fr meinen Teil kann nichts weiter sagen, als da ich von der Wahrheit
der Sache selbst sehr berzeugt bin.

Am 14. Januar 1769 liefen wir in die Le Mairestrae ein. Wir wurden
aber durch die Strmung vertrieben und gingen schlielich in der Bai
des guten Successes vor Anker. Am 16. gingen Banks und Dr. Solander
mit ihren Leuten, unserm Schiffsarzt Monkhouse und Herrn Green, dem
Astronomen, an Land, um Pflanzen zu suchen. Dabei berfiel sie ein
Schneegestber. Eine eisige Klte setzte ein, so da Dr. Solander der
ermdeten Gesellschaft den Rat gab, sich des Schlafes zu erwehren. Wer
sich niedersetzt, sagte er, der wird einschlafen, und wer einschlft,
wird nicht mehr erwachen! Und er war der erste, der dem Drange zu
schlafen folgte. Umsonst bat ihn Herr Banks, sich zu ermannen; er
legte sich nieder. Und seinem Beispiel folgte der Neger Richmond,
ein Diener von Banks, der auf alle Vorhaltungen nur antwortete, da
er nichts weiter verlange, als sich niederzulegen und zu sterben.
Der Doktor erklrte -- obschon er kurz vorher gewarnt hatte: hier
einschlafen und sterben sei eins -- er wolle gerne fortgehen, msse
aber vorher ein wenig schlafen. In kaum zwei Minuten fielen beide in
tiefen Schlaf. Bald darauf kam einer von den ausgeschickten Leuten mit
der angenehmen Meldung, da an geschtzter Stelle im Walde ein Feuer
angezndet worden sei. Herrn Banks gelang es mit vieler Mhe den Doktor
aufzuwecken. Obgleich dieser nicht lnger als fnf Minuten geschlafen
hatte, so war er doch nicht mehr imstande seine Glieder zu gebrauchen;
seine Muskeln waren so sehr eingeschrumpft, da ihm die Schuhe von den
Fen fielen. Trotzdem erklrte er sich zum Marsche bereit, wenn man
ihn untersttze. Der arme Richmond war nicht wachzukriegen. Herr Banks
lie seinen zweiten Neger und einen Matrosen, die am wenigsten von der
Klte gelitten zu haben schienen, als Wache zurck und versprach sie
bald abzulsen. Hierauf schleppte er den Doktor zum Feuer hin. Spter
sandte er zwei Leute, nachdem sie sich durchwrmt hatten, mit dem
Auftrage ab, Richmond mit Hilfe seiner Wache herbeizuschleppen. Nach
einer halben Stunde kamen sie mit der Nachricht wieder, da sie trotz
eifrigen Suchens und Rufens von den drei Zurckgebliebenen keine Spur
entdeckt htten. Zum Unglck fing es stark zu schneien an, so da man
alle Hoffnung auf die Rettung der Verunglckten aufgab. Um Mitternacht
hrte man in einiger Entfernung rufen. Herr Banks machte sich sogleich
mit vier Leuten auf den Weg und fand den Matrosen, der kaum noch die
Krfte hatte, heranzutaumeln und um Hilfe zu rufen. Man brachte ihn
sogleich zum Feuer, nachdem er die Richtung angegeben hatte, wo er sich
von seinen Gefhrten getrennt hatte. Herr Banks fand die Gesuchten
dann auch glcklich auf. Richmond stand auf den Fen, war aber nicht
imstande, sich zu bewegen. Sein Gefhrte lag auf dem Boden und war
unempfindlich wie ein Stein. Banks alarmierte jedermann am Feuer.
Allein die vereinten Krfte der ganzen Gesellschaft reichten nicht
hin, die Verunglckten nach dem Feuer zu schleppen. Die Finsternis
und der tiefe Schnee erschwerten das Fortkommen derart, da jeder
einzelne genug mit sich zu tun hatte. Da auch des fallenden Schnees
wegen der Versuch, an Ort und Stelle Feuer anzuznden, scheiterte, so
sah man sich in die traurige Notwendigkeit versetzt, die Unglcklichen
ihrem Schicksal zu berlassen. Man machte ihnen ein Lager von Zweigen
zurecht und bedeckte sie mit Reisern und Laub. Die Klte und der Schnee
setzten den Rettern derart zu, da einige von ihnen fhllos zu werden
begannen; Banks' Diener Briscoe wurde so krank, da man glaubte, er
wrde sterben. Endlich erreichten sie ihre Lagersttte, doch brachten
sie die Nacht in der frchterlichsten Gemtsverfassung zu. Von den
zwlf Personen, die in guter Gesundheit aufgebrochen waren, hielt man
zwei fr tot, ein dritter war schwer erkrankt, die brigen litten
unbeschreiblich. Man war eine starke Tagereise vom Schiff entfernt. Der
Weg dahin ging durch unbekannte Wlder. Wie leicht konnte man sich hier
verirren! Auerdem war der Proviant aufgezehrt. Dabei diese furchtbare
Klte, die man selbst in Lappland fr etwas Unerhrtes halten wrde.

Dumpf vor sich hinbrtend wartete jedermann auf den Tagesanbruch. Um
sechs Uhr des Morgens fate man Hoffnung. Das Gewlk fing an sich zu
zerteilen, und man konnte den Ort sehen, wo die Sonne hervorbrechen
wollte. Herr Banks lie sofort nach den beiden Verunglckten sehen und
erhielt die traurige Gewiheit, da sie gestorben waren. Um acht Uhr
stellte sich Tauwetter ein, und da sich die Kranken besser fhlten, so
brach die Gesellschaft, nachdem sie einen Geier roh verspeist hatte, um
zehn Uhr auf. Nach einer dreistndigen, beschwerlichen Wanderung sahen
sich die Verirrten am Strande und in der Nhe des Schiffes. Sobald
sie an Bord waren, wnschten sie einander zu ihrer Rettung Glck; ich
selbst hatte wegen ihres Ausbleibens groe Angst ausgestanden und nahm
daher freudigen Herzens an dem allgemeinen Jubel teil.

Am 20. Dezember suchte Herr Banks in Begleitung des Doktors das Dorf
einiger feuerlndischer Familien auf, das sich nach dem Bericht unserer
Leute etwa zwei Meilen landeinwrts befinden sollte. Als sie sich dem
Dorfe nherten, kamen ihnen zwei Feuerlnder im Sonntagsstaate entgegen
und begrten sie mit lautem Freudengeschrei. Dann geleiteten die
Feuerlnder ihre vornehmen Gste in das Dorf, das auf einem waldigen
Hgel aufgebaut war und etwa aus fnfzehn uerst primitiven Htten
bestand, die die Gestalt groer Bienenkrbe hatten. Von Hausgerten war
hier nichts zu sehen. Eine Rasenbank vertrat die Stelle eines Bettes
und der Sthle, die Blase irgendeines Tieres diente als Wasserbehlter,
ein Handkorb und ein Ranzen bildeten den ganzen Reichtum dieser Leute.
Der ganze Stamm, Mnner und Weiber, jung und alt, zhlte kaum fnfzig
Personen. Ihre Hautfarbe war eisenrostartig. Die Mnner sind bis zu
5 Fu 10 Zoll gro und in Bewegung und Haltung vierschrtig, die
Weiber sind bedeutend kleiner. Die Kleidung besteht aus dem Felle
eines Seehunds oder eines Guanicoes, das ungegerbt ber die Schulter
geworfen wird. Die Mnner tragen das Fell offen; die Weiber, denen ein
kleiner Lappen als Feigenblatt dient, binden es mit einem Riemen um
den Leib. Obwohl Mnner wie Weiber sonst ganz nackt gehen, so bemalen
sie doch ihr Gesicht mit weien, grellroten und schwarzen Figuren und
Streifen und tragen am Arm und an den Fugelenken Armbnder aus kleinen
Muscheln und Knochen. Die liebe Eitelkeit ging so weit, da sie sogar
Glaskorallen den Messern und Beilen vorzogen.

Die Sprache besteht zum grten Teil aus Gurgellauten, wie wir sie
ausstoen, wenn uns etwas in die falsche Kehle gekommen ist; doch
sagen sie fr Zieraten: ~halleca~, und fr Wasser: ~ooda~. Sie leben
in der Hauptsache von Muscheltieren. Die Waffe dieser Naturmenschen,
Pfeil und Bogen, war der einzige Gegenstand, in dessen Verfertigung
sie Geschmack und Begabung zeigten. Da sie im Besitz von unechten
Ringen, Knpfen, Tuch und sonstigem Zeug waren, und da seit vielen
Jahren kein europisches Schiff so weit nach Sden vorgedrungen ist,
so liegt die Annahme nahe, da dieser Stamm nomadisierend in der Terra
del Fuego lebte und vom Norden gekommen sein mute. Auch kannten
sie die Waffe der Weien, unser Gewehr, denn sie baten Herrn Banks
einen Seehund zu erlegen, der sich in der Nhe zeigte. Unter ihnen
herrschte vollkommene Gleichheit. Keiner war Herrscher im Lande,
trotzdem lebten sie in vollkommener Eintracht miteinander. Auch hatten
sie keine Gtzen und wohl auch keine Religion. Das aberglubische
Geschrei, mit dem sie uns durch ihre Priester beschworen, kann
doch keine Religionsbettigung[2] sein. Im ganzen genommen schienen
diese menschenhnlichen, armseligen, hilflosen Wesen der Auswurf der
Menschheit zu sein. Hingegen sind sie auch der bittern Sorgen ledig,
die uns unsre verfeinerte Kultur aufbrdet, um die Begierden, die sie
schafft, stillen zu knnen.

Am 26. Januar steuerten wir vom Kap Horn ab. Am 13. Februar befanden
wir uns 12 westwrts von der Magelhaensstrae. Erst am 4. April
sichtete Peter Briscoe, ein Diener Banks', im Sden Land. Ich richtete
sogleich meinen Kurs dahin und fand, da es sich um eine eifrmige
Insel handelte, in deren Mitte sich eine Lagune befand. Ich taufte sie
deshalb die Laguneninsel. Die kupferfarbigen Bewohner dieser Insel
sammelten sich am Strande und trugen groe Spiee, mit denen sie
aufgeregt hin und her liefen. Um ein Uhr steuerten wir nach Nordwesten
und entdeckten eine neue Insel, die ich Thrumbkap nannte. Um drei
Uhr fanden wir eine armbrustartige Insel, die bewohnt war; ich hie
sie die Bow-Insel, Bogen-Insel. Am 6. entdeckten wir verschiedene
Eilande, die ich die Gruppen nannte, am 7. die Vgelinsel, am 8. die
Ketteninsel, am 10. Maitea, die Kapitn Wallis zuerst entdeckt und
die Osnabrckinsel genannt hatte. Am folgenden Morgen frh entdeckten
wir Otahiti. Um 11 Uhr waren wir so nahe, da verschiedene Khne mit
Eingeborenen, die Palmzweige mit sich fhrten, uns anliefen und uns
die Zweige als Friedenszeichen berreichten. Am nchsten Morgen um 7
Uhr gingen wir in der Port Royal Bai, die von den Eingeborenen Matavai
genannt wird, vor Anker. Die Eingeborenen umringten das Schiff sofort
mit ihren Khnen und brachten uns Kokosnsse, pfel, Brotfrchte
und Fische, die sie uns fr Glaskorallen und andere Kleinigkeiten
berlieen. Unter ihnen befand sich Owhah, ein alter Huptling, den
die frheren Begleiter des Kapitns Wallis, Herr Gore und andere, die
mich auf meiner Reise begleiteten, sofort erkannten. Ich lud den alten
Herrn an Bord und machte ihm einige Geschenke. Zugleich ordnete ich
durch einen Befehl den Verkehr meiner Leute mit den Eingeborenen, um
Preisdrckereien und anderem vorzubeugen. Hauptschlich untersagte
ich, da Waren gegen irgend etwas anderes als Lebensmittel umgetauscht
werden sollten.

Sobald das Schiff gehrig gesichert war, ging ich mit den Herren Banks
und Dr. Solander unter dem Schutze einer Abteilung Seesoldaten mit
unserm Freunde Owhah an Land. Die zahlreich versammelten Eingeborenen
lieen uns grne Zweige berreichen und erzeigten uns groe Ehrfurcht.
Am nchsten Tage kamen zwei Huptlinge an Bord und whlten Herrn Banks
und mich mit groem Zeremoniell zu ihren Freunden. Mataha lud uns dann
zu sich ein. Weil ich einen bequemeren Hafen zu finden hoffte, lie
ich zwei Boote aussetzen und ging mit Banks, Dr. Solander und den
andern Herren in Gesellschaft unsrer beiden indianischen Freunde an
Bord, um unter der Fhrung der letzteren die Reise anzutreten. Als wir
eine Seemeile weit gerudert waren, winkten uns die Huptlinge an Land
zu steuern. Der Zulauf des Volkes war so gro, da wir uns bald von
etlichen hundert Personen umringt sahen. Man geleitete uns sofort in
ein stattliches Haus, wo uns Tootahah, der Regent des Landes, begrte
und mit dem Geschenk wohlriechender Tcher bedachte. Das Tuch, das er
Herrn Banks berreichen lie, war 33 Fu lang und 6 Fu breit. Herr
Banks erwiderte das Geschenk mit einem seidenen Spitzenhalstuch und
mit einem Taschentuch. Tootahah legte den neuen Staat mit stolzer und
selbstgeflliger Miene an. Doch es ist Zeit, da ich auch die Damen
erwhne, die uns nach unserer Verabschiedung von dem Oberhuptling in
ihre Huser geleiteten. Sie erwiesen uns alle Aufmerksamkeiten und
schienen auch kein Bedenken zu tragen, ihre Geflligkeiten allenfalls
noch weiter zu treiben. Die Huser hatten keine Seitenwnde, man
blieb also niemals ungesehen. Das hinderte die Schnen nicht, auf die
Matten zu deuten, sich niederzulassen und uns zu sich hinabzuziehen.
Wir beurlaubten uns jedoch von ihnen und gingen der Kste entlang.
Unterwegs begegnete uns der Huptling Tubourai Tamaide an der Spitze
seiner Leute. Wir schlossen sofort einen Friedensvertrag mit ihm ab und
folgten dann seiner Einladung zu einem Imbi.

Whrend der Tafel erzeigte eine von den Gemahlinnen des Huptlings,
die Tomio hie, Herrn Banks die Ehre, sich dicht neben ihn zu setzen.
Tomio war nicht mehr in der Blte ihrer Jugend und Schnheit.
Aus diesem Grunde bezeigte ihr auch Herr Banks keine besonderen
Aufmerksamkeiten. Als ihm unter den Umstehenden ein sehr schnes
Mdchen in die Augen fiel, winkte er sie heran. Die Schne zierte
sich anfnglich, folgte dann aber der Einladung. Nun beschenkte sie
Banks mit Glaskorallen und anderen Kleinigkeiten. Tomio war zwar
etwas beleidigt, aber sie blieb ebenso aufmerksam und hflich gegen
ihren Gast wie zuvor. Diese Szene htte wohl noch interessanter
und rhrender werden knnen, wre sie nicht durch einen ernsten
Zwischenfall gestrt worden. Dr. Solander und Herr Monkhouse machten
nmlich die unangenehme Entdeckung, da sie bestohlen worden waren,
und zwar war ersterer um ein kleines Taschenperspektiv und letzterer
um seine Schnupftabaksdose bestohlen. Dieser Diebstahl verdarb allen
die gute Laune. Die Herren beschwerten sich bei dem Huptling. Und
um der Beschwerde mehr Nachdruck zu geben, sprang Herr Banks auf und
stie mit drohender Gebrde den Kolben seiner Bchse auf den Boden,
wodurch er der ganzen Gesellschaft einen solchen Schrecken einjagte,
da sie Hals ber Kopf zum Hause hinauslief. Dem Huptling gelang es
binnen kurzem, die gestohlenen Gegenstnde herbeizuschaffen und ihren
rechtmigen Eigentmern auszuhndigen, worauf wir vershnt nach dem
Schiffe zurckkehrten.

[1] Cook wurde von dem ungebildeten Vizeknig, der sich den Durchgang
der Venus als den Durchgang des Nordsterns durch den Sdpol erklrte,
aufs uerste schikaniert, als Feind behandelt, scharf bewacht und in
jeder Weise aufgehalten.

[2] Die Weien galten den Mexikanern nicht als die Reprsentanten
der guten Gtter, sondern als die des Dmons. Als solche galten auch
Cook und seine Leute den Feuerlndern, deren primitive Religion in der
Vershnung des Bsen bestand, da ja das Gute nicht zu frchten war.




Zweites Kapitel.

  Die Bewohner von Tahiti. -- Ihre Stehlsucht. -- Wir bauen ein Fort.
  -- Lustbarkeiten. -- Oberea, die Knigin, und ihr Gnstling. --
  Tootahah, der Regent. -- Ringkmpfe. -- Seltsame Besuchssitte. --
  Freie Liebe.


Am nchsten Tage ging ich mit den Herren Banks, Dr. Solander und Green
an Land, um dort einen Platz fr ein kleines Fort und unsre Sternwarte
aufzusuchen. Wir waren bald ber den Platz schlssig und steckten auf
der nordstlichen Spitze der Bai die Grenzen ab, wo wir auch ein Herrn
Banks gehriges Zelt aufschlugen. Wie bei allem, was wir taten, so
versammelte sich auch diesmal eine groe Menge Zuschauer um uns, die
ohne Waffen gekommen waren. Unter ihnen befand sich auch Owhah, dem ich
durch Zeichen verstndlich zu machen suchte, da wir den Platz, den wir
abgesteckt hatten, nicht fr immer, sondern nur fr die Zeit unseres
Aufenthalts beanspruchten. Ich kann nicht sagen, ob er mich verstanden
hat. Die Eingeborenen betrugen sich zu meiner Freude gefllig und
ehrerbietig; sie hockten ganz friedfertig auerhalb des abgesteckten
Kreises nieder und schauten uns zu, solange wir arbeiteten.

Wir beschlossen, obwohl uns Owhah durch Zeichen abriet, uns im Innern
des Waldes umzusehen. Wir lieen unsere Seesoldaten unter dem Befehl
eines Unteroffiziers zur Bewachung des Zeltes zurck und begaben uns
in Begleitung einer groen Anzahl Eingeborener in den Wald. Als wir
ber einen kleinen Flu setzten, flogen einige Enten auf. Banks scho
und erlegte drei Stck davon. Der Schu jagte den Eingeborenen einen
solchen Schrecken ein, da die meisten wie vom Blitz getroffen zu Boden
fielen; doch sie erholten sich bald von ihrer Furcht, und wir setzten
unsere Reise fort. Pltzlich fielen zwei Schsse in der Richtung des
Zeltes. Wir brachen in groer Besorgnis so schnell als mglich dorthin
auf und fanden den Platz um das Zelt von den Eingeborenen gerumt.
Der wachhabende Unteroffizier meldete, da einer der Indianer dem
Posten das Gewehr entrissen habe und damit entflohen sei. Man habe
ihn verfolgt und erschossen, sonst sei niemand gettet oder verwundet
worden. Wir rechtfertigten Owhah und den Huptlingen gegenber das
Vorgehen unserer Leute und bedeuteten ihnen, da wir niemand ein Leid
zufgen wrden, der uns und unsere Leute in Frieden lasse. Wir brachen
hierauf das Zelt ab und gingen rgerlich ber den Vorfall an Bord.

Am folgenden Morgen war der Strand ziemlich leer. Niemand von
unsern indianischen Freunden, selbst unser treuer Owhah nicht, lie
sich blicken -- Beweis genug, da man uns grollte. Unter diesen
Umstnden segelte ich nher an die Kste und legte das Schiff so vor
Anker, da unsere Kanonen den ganzen nordstlichen Teil der Bai und
insbesondere den Platz bestreichen konnten, den ich zur Erbauung des
Forts abgesteckt hatte. Am 17. starb zu unserem grten Leidwesen
Herr Buchan, ein begabter Maler, den Herr Banks mitgenommen hatte, an
den Folgen des Abenteuers auf der Terra del Fuego. Aus Rcksicht auf
die Eingeborenen begruben wir ihn nicht auf der Insel, sondern wir
bergaben seinen Leichnam unter groen Feierlichkeiten der See. Am
Vormittag desselben Tages statteten uns Tootahah und Tubourai Tamaide
ihren Gegenbesuch ab. Auch brachten sie Geschenke mit, Brotfrucht und
ein gebratenes Schwein. Ich machte jedem ein Beil und einen Nagel
zum Gegengeschenk. Am Abend gingen wir an Land und schlugen ein Zelt
auf, worin Green und ich die Nacht zubrachten, um eine Finsternis des
Jupitertrabanten zu beobachten; weil sich aber der Himmel bewlkte,
wurde nichts daraus.

Nach Anbruch des Tages begannen wir mit dem Bau des Forts. Zu meiner
Beruhigung machten sich die Eingeborenen dadurch ntzlich, da sie
die im Walde gehauenen Pfosten und Faschinen herbeischleppten, die
ich ihnen ehrlich bezahlt hatte. Kein Baum war ohne ihre Erlaubnis
gefllt worden. Diese Rcksichtnahme auf ihre Eigentumsrechte machte
so guten Eindruck, da der Oberhuptling Tamaide bei einem Besuch
nicht nur seine Familie, sondern auch das Wetterdach eines Hauses und
allerhand Baugerte mitbrachte und erklrte, seine Residenz in unserer
Nachbarschaft aufschlagen zu wollen. Am 22. veranstaltete Tootahah ein
Konzert zu unseren Ehren. Das Orchester bestand aus vier Fltisten,
die ihr Instrument mit der Nase bliesen, und vier Sngern, die immer
eine und dieselbe Melodie spielten und sangen. An einem Abend lieh
Dr. Solander einer von den Frauen Tamaides sein Messer, bekam es aber
nicht wieder; am folgenden Morgen vermite Herr Banks das seinige. Bei
dieser Gelegenheit will ich betonen, da unterschiedslos die Mnner
und die Frauen dieses Volkes die grten Diebe auf Erden sind. Bereits
am Tage unserer Ankunft, als uns die Eingeborenen an Bord unseres
Schiffes besuchten, waren die Huptlinge ebenso beschftigt unsere
Kabinen zu bestehlen, wie ihre Leute die andern Teile des Schiffes.
Banks beschuldigte Tamaide, ihm sein Messer gestohlen zu haben. Der
Oberhuptling leugnete feierlich. Banks erfuhr bald, da sein eigener
Bedienter das Messer verlegt hatte, und er beeilte sich, den Huptling
zu vershnen.

Am 26. stellte ich sechs Drehbassen im Fort auf, wodurch die
Eingeborenen in Furcht gerieten; einige Fischer, die auf der Landspitze
der Bai wohnten, verzogen deshalb nach dem Innern der Insel. Am
nchsten Morgen langten zahlreiche Khne an, und die Zelte im Fort
wimmelten von Mnnern und Frauen, die aus allen Teilen der Insel
hergekommen waren. Ich hatte an Bord zu tun; allein unser Steuermann
Mollineux, der schon einmal mit Kapitn Wallis in Otahiti war, ging
fr mich an Land. Als er in das Zelt des Herrn Banks trat, fiel ihm
sofort eine Frau auf, die mit mehreren andern dort sa. Kaum erblickte
er sie, so erkannte er in ihr Oberea, die Knigin der Insel, die nach
dem Zeugnis des Kapitns ihm so wertvolle Dienste geleistet hatte. Auch
sie erkannte den Steuermann wieder. Oberea war sehr gro, ihre Haut war
wei und ihr Gesicht schien ungemein geistreich und empfindsam. Sie war
ungefhr vierzig Jahre alt und mute in ihrer Jugend sehr schn gewesen
sein.

Als Banks hrte, wer sie war, erbot er sich, sie an Bord des Schiffes
zu geleiten. Die Knigin nahm den Vorschlag mit Freuden an und kam mit
zwei Huptlingen und ihren Frauen an Bord, wo ich sie feierlich empfing
und mit Geschenken berhufte. Am besten gefiel der erlauchten Dame
eine Kinderpuppe. Alsdann begleitete ich sie an Land, wo wir Tootahah
begegneten, der zwar nicht Knig als Regent, aber mit der hchsten
Gewalt bekleidet war. Es schien ihm wenig zu gefallen, da wir die
Knigin mit so groer Auszeichnung behandelten. Und als sie ihre Puppe
zeigte, wurde er so eiferschtig, da ich ihm, um ihn zu vershnen,
auch eine Puppe schenken mute, die er sogar einem schnen Beile
vorzog. Kurz danach fielen die Puppen so im Kurs, da sie niemand mehr
wollte.

Die Mnner, die uns besuchten, pflegten ohne das geringste Bedenken an
unserm Tische zu speisen. Die Frauen und Mdchen hingegen waren nie
dazu zu bewegen gewesen. Auch heute lehnten sie unsere Einladung ab,
verfgten sich aber in das Speisezimmer der Bedienten, wo sie es sich
gut schmecken lieen. Der Grund dieses Betragens blieb uns ein Rtsel.
Am nchsten Morgen erwiderte Herr Banks den Besuch der Knigin. Es war
nicht mehr sehr frh, als er erschien. Trotzdem sagte man ihm, da sie
noch unter der Wetterdecke ihres Kahnes schlafe. Er begab sich dorthin
in der Absicht sie zu wecken, weil er glaubte, da er sie durch diese
etwas familire Art schwerlich beleidigen wrde. Als er aber in ihre
Kajte blickte, fand er sie mit Obadec, einem stattlichen jungen Manne
von fnfundzwanzig Jahren, zusammen. Banks wich beschmt zurck. Man
gab ihm aber zu verstehen, da dergleichen Intimitten landesblich
seien; auerdem wre es kundig, da Obadec der Gnstling der Knigin
wre. Zu hflich, Herrn Banks lange antichambrieren zu lassen, kleidete
sich Oberea schnell an und ging dann in seiner Begleitung nach den
Zelten.

Kapitn Wallis hatte eines der Steinbeile der Insulaner nach England
gebracht, nach dessen Muster die Admiralitt ein eisernes Beil
verfertigen lie, das ich mitnehmen mute, um den braunen Herrschaften
mit unserer Industrie zu imponieren. Als ich Tootahah dieses Beil zum
Geschenke machte, um ihn wegen des Forts, das ich mit zwei Vierpfndern
und sechs Drehbassen bewehrt harte, zu beruhigen, war er von dem
Geschenke derart entzckt, da er in der Furcht, das Geschenk wrde
mich reuen, sofort davonlief, um es in Sicherheit zu bringen. Leider
wurde uns nebst mehreren andern Gegenstnden ein Quadrant gestohlen,
den wir unter jeder Bedingung haben muten. Meine Leute setzten daher
den guten Tootahah als Geisel gefangen. Zum Glck kam ich rechtzeitig
zurck, um ihn zu befreien. Wir erhielten die gestohlenen Sachen
ausgeliefert. Die Insulaner grollten mehrere Tage, allein es gelang
uns, sie wieder vollstndig zu vershnen. Wir statteten Tootahah einen
feierlichen Besuch ab.

Das Volk erwartete uns in so groer Menge am Strand, da wir kaum
hindurch gekommen wren, wenn nicht ein groer, mit einem Turban
bekleideter Mann dagewesen wre, eine Art von Zeremonienmeister, der
mit einem weien Stock um sich hieb und Platz schuf. Dieser seltsame
Herr geleitete uns zum Oberhaupt, indes das Volk uns zujauchzte:
Tai Tootahah!, Tootahah ist euer Freund! Wir fanden ihn gleich
einem biblischen Erzvater, umgeben von den ltesten seines Staates,
unter einem Baume thronend. Ich berreichte ihm zu den bedungenen
Vershnungsgeschenken noch ein Oberkleid von englischem Tuche, das er
mit groer Freude empfing und sofort anlegte, und ein Hemd, das er
seinem Zeremonienmeister bergab. Dann lud er uns zu einem Wettkampf,
einem Ringkampf ein, den er uns zu Ehren veranstaltet hatte. Wir wurden
nach einem groen Platze gefhrt, der von einem etwa drei Fu hohen
Rohrgitter umgeben und an die Residenz des Oberhuptlings angebaut
war. Tootahah sa in der Mitte der Preisrichter; wir zogen es vor, uns
frei umherzubewegen. Als alles bereit war, traten die Kmpfer in den
Kreis. Sie waren bis auf ein Hfttuch nackt. Die Anfangszeremonien
des Ringkampfes bestanden darin, da die Ringer in gebckter Haltung
langsam rund im Kreise herumgingen und dabei die linke Hand auf ihre
rechte Brust legten, whrend sie mit der rechten Hand den Takt auf
ihrem linken Arm schlugen, eine Herausforderung an alle, die mit ihnen
ringen wollten. Die direkte Herausforderung bestand noch darin, da
der einzelne Ringkmpfer seinen Gegner zum Kampfe einlud, indem er
die Hnde auf die Brust legte und mit den Ellenbogen wippte. Hatte
der Gegner dasselbe getan, so fuhren beide aufeinander los, wobei
jeder seinen Gegner regellos zu packen suchte, an den Beinen, an
den Armen, um den Leib und selbst an den Haaren, wobei nur die rohe
Kraft entschied. Doch mute der Sieger den Besiegten auf den Rcken
legen. Whrend des Ringens tanzten Tnzer einen der charakteristischen
monotonen Tnze. Mit Erbitterung wurde nirgends gerungen. Wir
konstatierten sogar, da die Besiegten ber ihr Pech lachten und
scherzten. Das Wettringen dauerte etwa zwei Stunden. Tootahah lud
sich alsdann bei uns im Fort zu Gaste, wozu er ein gebratenes Schwein
lieferte. Unsere Ausshnung mit diesem mchtigen Manne wirkte wie ein
Zauber auf das Volk, das sofort mit vielem Eifer den unterbrochenen
Tauschhandel mit uns wieder aufnahm. Doch hielt es nach wie vor
schwer, Schweinefleisch zu erhalten. Die Herren Green und Mollineux
hrten bei einem Ausflug, da die meisten Schweine unserem Tootahah
gehrten. Nunmehr fingen wir an, unsern Freund fr einen mchtigen
Frsten zu halten, denn anders wren ein solcher Reichtum und eine so
unumschrnkte Gewalt nicht mglich. Bis jetzt hatten wir Kokosnsse und
Brotfrchte immer noch mit Glaskorallen eingehandelt. Nun aber begann
der Wert dieses Tauschartikels so bedeutend zu fallen, da wir Ngel
auf den Markt brachten. Fr einen vierzlligen Nagel erhielten wir
zwanzig Kokosnsse und Brotfrucht in demselben Quantum.

Am 9. Mai besuchte uns, zum ersten Male seit dem Streit mit Tootahah,
die Knigin wieder. Oberea kam in Begleitung des Huptlings Tupia und
ihres Gnstlings Obadec, die uns ein Schwein und Brotfrchte brachten,
ein Geschenk, das wir mit einem Beil auslsten. Wir hatten inzwischen
eine Schmiede im Fort aufgestellt. Der Schmied hatte bestndig Arbeit,
denn die Eingeborenen brachten altes Eisen, woraus ich ihnen neue
Werkzeuge schmieden lie. Die Knigin hatte eine zerbrochene Axt
mitgebracht, die ich ihr zu ihrer Zufriedenheit reparieren lie.
Alsdann verabschiedete sie sich mit dem Versprechen, nach drei Tagen
wiederkommen zu wollen. Unsere Namen richtig aussprechen zu lernen
war den Insulanern ein Ding der Unmglichkeit. Mich nannten sie Tuti,
Herrn Hicks Hiti, Mollineux nach seinem Vornamen Bob Boba, Herrn Gore
Toora, Dr. Solander Torano, Herrn Banks Tapane, Herrn Green Eteri, den
Maler Parkinson Patini und den Unteroffizier Monkhouse, der den Dieb
der Muskete erschossen hatte, Matte, was soviel wie Tod bedeutet. Der
letztere Umstand lie uns darauf schlieen, da die Namen, die sie uns
gegeben hatten, Worte ihrer eigenen Sprache bedeuteten.

Am 12. Mai, an einem Freitag, statteten uns einige fremde Frauen von
Rang einen Besuch ab. Herr Banks sa am Tore des Forts in seinem Boote
neben Tootahah und andern vornehmen Eingeborenen, um die Marktgeschfte
zu erledigen. Zwischen 9 und 10 Uhr landete ein groer Kahn, unter
dessen Wetterdach ein Mann und zwei Frauen saen. Tootahah bedeutete
Herrn Banks, den vornehmen Fremden entgegen zu gehen. Bis er jedoch
aus dem Boote kam, waren ihm jene schon bis auf dreiig Fu nahe
gekommen. In dieser Entfernung hielten sie still und winkten ihm ein
Gleiches zu tun. Hierauf legten sie ein halbes Dutzend Bumchen und
andere Pflanzen auf die Erde nieder. Das Volk hatte inzwischen von
den Fremden bis zu Banks eine Gasse gebildet. Alsdann brachte der
Mann, der ein Diener der vornehmen Frauen zu sein schien, die Bumchen
nacheinander Herrn Banks und sprach dazu einige Worte. Der Huptling
Tupia versah das Amt eines Zeremonienmeisters des Herrn Banks; er nahm
die Zweige ebenso feierlich an und legte sie ins Boot. Nach dieser
Feierlichkeit schleppte der Mann einen groen Ballen Tcher herbei,
ffnete ihn und breitete den Inhalt stckweise zwischen Banks und
seinen Gsten aus, wobei er jedesmal drei Tcher aufeinander legte.
Hierauf stieg eine der beiden Frauen, die Ooratooa hie und die
vornehmere war, auf die Tcher, hob ihre Kleider ringsum bis an die
Hften auf und drehte sich mit der unschuldigsten Miene von der Welt
feierlich und bedchtig dreimal im Kreise herum. Alsdann lie sie
den Vorhang fallen und trat wieder herunter. Jetzt legte man sechs
Tcher und dann neun bereinander. Ooratooa wiederholte jedesmal die
Zeremonie, der das Volk mit dem feierlichsten Ernste anwohnte. Danach
wurde das Tuch sofort aufgerollt und Herrn Banks als Geschenk von der
Dame berreicht, die mit ihrer Freundin an ihn herantrat und ihn kte.
Er machte den beiden die auserlesensten Geschenke; die beiden vornehmen
Insulanerinnen blieben etwa eine Stunde, dann fuhren sie heimwrts.
Am Abend bekamen die Herren im Fort den Besuch der Knigin und ihrer
Freundin Oteothea, eines sehr schnen jungen Mdchens.

Am 13., als der Markt schon um 10 Uhr vorber war, erging sich Herr
Banks, der seine Kugelbchse bei sich trug, im khlenden Schatten
des Waldes. Auf dem Rckwege traf er Tubourai Tamaide vor seinem
provisorischen Wetterhaus und verweilte bei ihm. Dieser nahm die
Gelegenheit wahr, nahm Herrn Banks die Bchse aus der Hand, spannte den
Hahn und versuchte einen Schu in die Luft abzufeuern. Zum Glck fr
ihn versagte der Schu. Banks entri ihm augenblicklich die Bchse.
Da es von hchster Wichtigkeit war, die Insulaner in der Behandlung
des Feuergewehrs in gnzlicher Unwissenheit zu erhalten, so erging
sich Banks dem Huptling gegenber in den frchterlichsten Drohungen.
Tamaide hrte den Verweis mit groer Demut an, allein kaum hatte ihm
Banks den Rcken gewendet, so enteilte er mit seiner ganzen Familie
in sein Haus zu Eparre. Wir wurden sofort benachrichtigt, und da wir
diesen einflureichen Mann nicht zum Feinde haben wollten, so reisten
die Herren Banks und Mollineux noch an demselben Abend nach Eparre
ab. Hier fanden sie den Oberhuptling betrbt im Kreise seiner Leute
sitzen; seine Lieblingsfrau hatte in ihrer Trauer ber den Vorfall
ihren Kopf mit einem Seehundszahn blutig gestoen. In gleicher Weise
hatte die Terapo schon vorher ihrem Schmerze Ausdruck gegeben. Banks
beeilte sich also, den Huptling zu beruhigen und ihm zu versichern,
da er weit davon entfernt sei, ihm zu zrnen. Tamaide war so froh
darber, da er sofort zurckkehrte und zum Zeichen der vollstndigen
Ausshnung mit seinen Frauen im Zelte des Herrn Banks bernachtete.

Am 4. Juni, an einem Sonntage, hielten wir im Fort Gottesdienst ab,
wozu wir den Tamaide und andere vornehme Insulaner einluden. Herr
Banks setzte sich mitten zwischen sie, und sie ahmten alles nach,
was er tat; sie erhoben sich, setzten sich, knieten nieder, ganz
wie er. Als jedoch der Gottesdienst vorber war, bezeigten sie kein
Interesse dafr, von uns zu erfahren, um was es sich hier gehandelt
habe. Die Insulaner hielten dagegen eine Vesper von besonderer Art
ab. Ein junger, sechs Fu groer Mensch weihte nmlich ein junges,
etwa zwlfjhriges Mdchen in Gegenwart einiger von unseren Leuten und
einer groen Menge Volkes feierlich in die Mysterien des Venuskultes
ein. Die ungenierte Art, womit er hiebei zu Werke ging, bewies ganz
klar, da er seine Handlungsweise nicht im geringsten fr unschicklich
und unanstndig, sondern fr eine im Gebrauch des Landes erlaubte
und moralische hielt. Unter den Zuschauern befanden sich die Knigin
und viele Frauen von Stand, die sich nicht damit begngten, bei
dieser Zeremonie die Zuschauerinnen zu spielen, sondern im Gegenteil
eifrig bemht waren, der Novize Anleitungen zu geben, wie sie sich zu
verhalten habe, obschon das Mdchen trotz seiner Jugend der Anleitungen
eben nicht sehr zu bedrfen schien. Ich erzhle diesen Vorfall, weil
er ein nicht unbedeutender Beitrag zur Lsung einer Frage ist, ber
die die Philosophen schon lange stritten, die Frage nmlich: ob die
Scham, die gewisse natrliche Handlungen begleitet, ihren Grund in der
Natur selbst hat, oder ob sie aus Gebruchen entstanden ist. Es drfte
sehr schwer werden zu erklren, wie es kam, da der Schambegriff
bezglich gewisser Naturakte gerade diesem paradiesisch harmlosen Volke
vollstndig fehlt.

Ebenso verhielt es sich mit dem Begriff des Diebstahls und seiner
Verwerflichkeit. Wir hatten wiederholt bemerkt, da, sobald uns etwas
gestohlen wurde, alle Insulaner schon vor uns davon Kenntnis hatten.
In der Nacht vom 13. auf den 14. Juni wurde uns eines von den am Fort
aufgestellten Wasserfssern gestohlen; am andern Morgen war kein
Insulaner, der nicht von diesem Diebstahl gewut htte.




Drittes Kapitel.

  Ein Besuch beim Regenten. -- Der Durchgang der Venus. -- Folgen ihres
  Kults. -- Ein tahitisches Begrbnis. -- Ein Hundebraten. -- Hoher
  Besuch. -- Eine Reise um die Insel. -- Lockungen.


Am 27. Juni beschlossen wir, dem Oberhuptling Tootahah einen Besuch
abzustatten, um ihn zur Lieferung einiger Schweine zu veranlassen.
Ich ruderte daher frhmorgens mit Banks, Dr. Solander und drei andern
Herren in der Pinasse ab. Da wir den Weg nach Atahourou, der neuen
Residenz Tootahahs, nur zur Hlfte im Boote zurcklegen konnten, so
langten wir erst gegen Abend bei ihm an. Wir fanden ihn in seinem
gewhnlichen Staatsgewand unter einem groen Baum inmitten seines
Volkes thronend und berreichten ihm unser Geschenk, das aus einem
gelben Frauenunterrock und andern Kleinigkeiten bestand und das er in
Gnaden anzunehmen geruhte.

Die Menge des Volkes und der angesehensten Huptlinge war so gro
-- auch die Knigin war mit ihrem Gefolge erschienen -- da die
Huser nicht alle beherbergen konnten. Wir waren also gezwungen jeder
woanders zu logieren. Oberea bot Herrn Banks hflich einen Platz in
ihrem Quartier an. Banks war froh, so gut versorgt zu sein, wnschte
uns gute Nacht und ging mit der Knigin weg. Nach dem Landesgebrauch
legte er sich frhzeitig schlafen, und da die Nacht sehr hei war,
so entkleidete er sich. Oberea bestand darauf, die Kleider in ihre
eigene Verwahrung zu nehmen, damit sie nicht gestohlen wrden. Unter
dem so mchtigen Schutze der Knigin schlief Banks sorglos wie in
Abrahams Scho. Als er um 11 Uhr aufstehen wollte, waren seine Kleider
verschwunden. Er weckte also die Knigin, die sofort Licht machen
lie und ihm schwur, ihm die Kleider zu verschaffen. Auch Tootahah,
der nebenan schlief und von dem Lrm erwachte, entfernte sich mit der
Knigin, um den Dieb zu suchen, der dem guten Banks nichts weiter
zurckgelassen hatte als seine Beinkleider und seine Kugelbchse,
die nicht geladen war. Pulverhorn, Pistolen, Rock, Weste usw. waren
verschwunden. Nach einer halben Stunde kamen Oberea und Tootahah
mit der Nachricht zurck, da sie von dem Diebe keine Spur entdeckt
htten. Banks, der keine Ahnung von unserem Quartier hatte, machte
gute Miene zum bsen Spiel. Gegen Morgen suchte er uns halb nackt
auf. Uns war es nicht viel besser ergangen; mir waren die Strmpfe
gestohlen, einem andern das Wams. Oberea brachte ihrem Gastfreund einen
Eingeborenenrock, und in diesem halb englischen, halb indianischen
Kostm ging Herr Banks einher. Nur Dr. Solander, der bei ehrlichen
Leuten bernachtet hatte, war mit heiler Haut davongekommen. Unsere
Kleider waren und blieben verschwunden. Wir hegten deshalb den ziemlich
begrndeten Verdacht, da der Diebstahl mit Wissen und Willen der
Knigin und Tootahahs begangen worden war. Wir traten sobald als
mglich den Rckmarsch zum Boote an und kamen des Abends spt nach dem
Fort zurck.

Lord Morton hatte mir bei meinem Abschiede dringend ans Herz gelegt,
den Durchgang der Venus von verschiedenen Orten aus beobachten zu
lassen. Green und ich wollten das Ereignis vom Fort aus beobachten.
Die erste Expedition unter dem Befehl des Herrn Hicks sollte im Osten
der Insel, die zweite unter dem Befehl des Leutnants Gore auf Imao im
Westen von Otahiti, einer Insel, die Kapitn Wallis Herzog-York-Insel
nannte, die Beobachtung anstellen. Zu diesem Zwecke stattete unser
Astronom Green beide Expeditionen mit den ntigen Instrumenten aus und
unterwies deren Leiter in ihrem Gebrauche. Herr Hicks brach mit seinen
Leuten in der Pinasse auf. Fr die zweite Expedition wurde das lange
Boot ausgerstet, aber man wurde erst Donnerstag nachmittag fertig. An
dieser Expedition nahm auch Banks mit Tamaide und mit Tomio teil, einer
Verwandten des Knigs von Imao. Nachdem die Bootsleute den grten
Teil der Nacht hindurch gerudert harten, gelangten sie an die Insel,
wo sie sich vorlufig vor Anker legten. Bald nach Anbruch des Tages
erblickte man einen indianischen Kahn, den Tamaide anrief, um sich
nach einer Einfahrt zu erkundigen. In dieser erblickten sie einen von
der Insel etwa 450 Fu entfernten Korallenfelsen, der fr ihre Zwecke
gnstig schien. Er war 240 Fu lang, 60 Fu breit, und zeigte in seiner
Mitte einen Sandflecken, der fr den Aufbau der Zelte reichte. Man
beschlo daher die Sternwarte hier anzulegen. Whrend Gore und seine
Leute die Zelte aufschlugen, ging Banks mit Tamaide und Tomio an Bord
des Indianerkahns und fuhr nach der Hauptinsel, um Nahrungsmittel
einzutauschen. Bei seiner Rckkehr fand er die Sternwarte in Ordnung
und die Fernrohre befestigt und geprft. Der Abend war sehr heiter.
Allein jedermann besorgte, da der Himmel sich trben knne, und so
fand keiner den Schlaf. Sobald der Tag anbrach und die Sonne hell
und klar aufging, stieg die Aufregung der Beobachter aufs hchste.
Banks wnschte den Herren Gore und Monkhouse viel Glck und fuhr in
Begleitung der Indianer nach der Insel. Um 8 Uhr bemerkte er, da
sich zwei Khne dem Platze nherten, den er sich fr seine Geschfte
ausgesucht hatte. Man teilte ihm mit, da die Khne dem Knig der
Insel, Tarrao, gehrten, der zum Besuche kme. Als der Knig sich
nherte, bildete das Volk eine Gasse vom Strande bis zum Marktplatz,
und Seine Majestt traten hierauf nebst dero Schwester Nuna ans Land.
Als sie sich dem Baume nherten, unter dem Banks hielt, ging er
ihnen entgegen und geleitete sie feierlichst zu seinem Platze, wo
er ein Tuch ausbreiten und seine Gste darauf sitzen lie. Der Knig
berreichte hierauf Herrn Banks ein Schwein, einen Hund und Frchte
zum Geschenk, das dieser mit einem Beil, einem Hemd und einigen
Glaskorallen erwiderte, womit er Sr. Majestt und der erlauchtesten
Prinzessin viele Freude bereitete. Kurz darauf erschienen Tamaide und
Tomio. Diese stellte sich als Verwandte Tarraos vor und berreichte ihm
einen groen Nagel und der Nuna ein Hemd zum Geschenk.

Als die erste innere Berhrung des Planeten Venus mit der Sonne vorber
war, begab sich Herr Banks mit Tarrao und seinem Gefolge, worunter
sich auch drei junge Schnheiten befanden, nach der Koralleninsel. Er
zeigte ihnen durch das Fernrohr den Planeten auf dem Sonnenspiegel
und suchte ihnen begreiflich zu machen, da wir aus unserm Vaterlande
nur deshalb hergekommen wren, um dieses Ereignis zu beobachten. Am
folgenden Morgen fuhren die Mitglieder der zweiten Expedition wieder
nach dem Fort zurck. Auch die Ergebnisse unserer Beobachtungen waren
befriedigend. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang war die Luft rein
und der Himmel klar. Nach den Aufzeichnungen Greens geschah die erste
uere Berhrung des Planeten der Sonnenscheibe um 9 Uhr 25 Minuten 42
Sekunden, die erste innere um 9 Uhr 44 Min. 4 Sek., die zweite innere
Berhrung um 3 Uhr 14 Min. 8 Sek., und die zweite uere Berhrung um
3 Uhr 32 Min. 10 Sek. Die Breite unserer Sternwarte war 17 Gr. 29 Min.
15 Sek., die westliche Lnge von Greenwich 149 Gr. 32 Min. 30 Sek.

So groe Ursache wir auch hatten, uns ber den Erfolg unserer
Observationen zu freuen, so sehr gab uns ein Teil des Schiffsvolks
Anla zum rger. Whrend wir nmlich den Durchgang der Venus
beobachteten, brachen verschiedene Matrosen in eine unserer
Vorratskammern ein und entwendeten ungefhr einen Zentner groer Ngel
-- eine Tat, von der wir den grten Nachteil zu befrchten hatten,
denn wenn die Diebe diese Ngel an die Insulanerinnen verhandelten, so
entwerteten sie unsere Haupttauschware. Wir entdeckten einen der Diebe,
fanden aber nur sieben Ngel bei ihm; auch verriet er, obwohl ich ihm
vierundzwanzig Hiebe aufbrennen lie, keinen seiner Mitschuldigen.

Um diese Zeit starb eine alte Frau von Rang, die mit der Tomio verwandt
war. Dies verschaffte uns die lngstersehnte Gelegenheit, einem
Leichenbegngnis beizuwohnen. In der Mitte eines Vierecks, das mit
einem schnen Gitter umgeben war, wurde eine Wetterdecke ber zwei
Pfosten ausgespannt. Darunter wurde die Leiche auf eine primitive Bahre
gelegt und der Verwesung berlassen. Neben ihr wurden Brotfrchte
und andere Lebensmittel niedergelegt, und in der Nhe wurden einige
Htten errichtet, worin die nchsten Anverwandten und der vornehmste
Leidtragende, diesmal Tubourai Tamaide, den Zeitpunkt der Verwesung
abwarteten, um dann die Gebeine zu beerdigen.

Herr Banks war so begierig, in die Geheimnisse einer solchen
Feierlichkeit einzudringen, da er sich zur bestimmten Zeit nach dem
Orte begab, wo der Leichnam lag. Die Tochter der Verstorbenen empfing
ihn daselbst, umgeben von allen Leidtragenden, unter denen sich auch
ein Knabe von etwa vierzehn Jahren befand. Tamaide trug als der
Hauptleidtragende eine seltsame Maske. Herr Banks mute sich nackt
ausziehen; man wickelte ihm ein Lendentuch um den Leib und frbte
seinen Oberkrper mit Kohlenstaub und Wasser so lange, bis er schwarz
wie ein Neger war. Diese Frmlichkeit nahm man auch mit den andern,
unter ihnen einige Frauen und Mdchen, die sich gleichfalls nackt
ausziehen muten, und mit dem Knaben vor. Tubourai Tamaide sprach
jetzt eine Art von Trauergebet, dann setzte sich der Zug in Bewegung.
Als man an das Haus Tamaides kam, betete dieser wiederum, dann nahm
der Zug seinen Weg nach dem Fort hin. Die nicht zum Trauergeleite
gehrenden, in der Nhe des Forts angesiedelten Insulaner flchteten
beim Herannahen des Zuges in die Wlder, und so war es berall, wo
sich dieser zeigte. Banks hatte als sogenannter Niniveh mit noch
zwei andern das Amt, darber zu wachen, da kein lebendes Wesen in
den Husern weilte, und hatte dies Tamaide mit dem Worte: imatata! es
ist niemand da! zu melden. Der erste Leidtragende trug in seiner Hand
einen langen, flachen Stock, dessen Rnder mit scharfen Seehundszhnen
besetzt sind. Entdeckt er einen Fremden, so verprgelt er ihn aufs
unbarmherzigste mit dieser Waffe. Nach dem Umzug wuschen sich alle
Teilnehmer im Flusse.

Die letzten Fleischteile der Leiche wurden im Verwesungshause, dem
Tupapow, sorgfltig von den Knochen abgeschabt, worauf diese in
dem ummauerten Begrbnisplatz, dem Morai, begraben wurden. War der
Verstorbene ein Arrih, ein Huptling, so wird seine Hirnschale in
einem besonderen Kstchen neben seinen Gebeinen begraben. Alsdann ist
die Trauer zu Ende. Offiziell wenigstens. Es kommt oft vor, da sich
besonders die Frauen spter noch mit den Seehundszhnen verwunden,
wenn sie sich bei irgendeiner Gelegenheit an den Verlust eines teuren
Anverwandten erinnern. Dies war auch bei der Terapo der Fall, als
sie sich in unsrer Gegenwart scheinbar ohne jeden Grund mit dem
Seehundszahn bearbeitete. Ihren Begrbnisplatz halten die Eingeborenen
heilig. Ich hatte ein Boot unter dem Kommando eines Offiziers an Land
geschickt, um Steinballast zu holen. Weil nun der Offizier nicht gleich
die ntigen Steine fand, lie er eine Moraimauer niederreien. Die
Insulaner widersetzten sich dem mit Gewalt. Herr Banks eilte hinzu
und stiftete Frieden, indem er die Matrosen nach dem Flusse schickte,
wo es Steine genug gab. Es ist gewi sehr charakteristisch, da die
Eingeborenen von Otahiti gegen das, was man ihren Toten antat, weit
empfindlicher als gegen das waren, was man mit den Lebenden vornahm.
Das einzige Mal, wo sie es wagten, die Hand an einen von uns zu legen,
geschah dies aus hnlichem Anla. Unser Schiffsarzt Monkhouse pflckte
nmlich eines Tages eine Blte von einem Baum, der sich in einem Morai
befand. Einer der Eingeborenen, der ihn mit Entrstung beobachtet
hatte, rannte ihn wtend an und schlug auf ihn ein. Monkhouse
erwischte den Kerl, doch eilten diesem zwei andre zu Hilfe und zogen
Monkhouse an den Haaren, so da er seinen Gefangenen los lassen mute,
der mit seinen Befreiern schnellfig flchtete.

Am Abend des 19. Juni bekamen wir einen Besuch der Knigin; es
befremdete uns aber nicht wenig, da Oberea ohne die uns gestohlenen
Kleider erschien, obschon sie wute, da wir sie fr die Hehlerin
hielten. Sie erklrte uns zwar, da sie ihren Gnstling Obadec
davongejagt htte, der der Dieb sei, allein sie mute fhlen, da wir
ihrem Mrchen keinen Glauben schenkten. Trotzdem lud sie sich wieder
bei Herrn Banks zum Nachtquartier ein, was ihr abgeschlagen wurde.
Daraufhin zog sie sich maulend zurck. Am nchsten Morgen erschien sie
wieder und brachte uns zur Vershnung ein Schwein und einen Hund mit.
Weil wir erfahren hatten, da die Insulaner das Fleisch ihrer Hunde
fr einen groen Leckerbissen halten und es sogar dem Schweinefleisch
vorziehen, kam uns die Lust an, uns den Hund braten zu lassen. Der
Minister und Oberpriester der diebischen Knigin, Tupia, erhielt den
Auftrag, das Tier fr uns zuzubereiten. Um den Hund zu tten, hielt
er ihm mit aller Kraft ber eine Viertelstunde Maul und Nase zu. In
dieser Zeit war ein futiefes Loch gegraben und in dieses waren kleine
Steine schichtweise zwischen das brennende Holz gelegt worden. Hierauf
wurde der Hund ber das Feuer gehalten, seine Haare wurden abgesengt
und seine Haut wurde mit einer Muschel so rein abgeschabt, als wre
er in heiem Wasser gebrht worden. Alsdann wurde er mit derselben
Muschel geffnet. Man nahm die Eingeweide heraus, reinigte sie in der
See und legte sie dann in die Kokosnuschalen, in denen man das Blut
aufgefangen hatte. Alsdann entfernte man den Brand aus dem Loch, in
das ein Teil der heien Steine gelegt wurde. ber diese kam frisches
Laub, auf das der Hund und die Eingeweide gelagert wurden. Man bedeckte
beides mit Blttern und legte ber diese den Rest der heien Steine.
Dann wurde das Loch mit Erde zugedeckt. Nach etwa vier Stunden wurde
der Braten herausgenommen, der nach unserm einstimmigen Urteil ganz
delikat schmeckte. Die zum Verspeisen gezchteten Hunde werden nicht
mit Fleisch, sondern mit Brotfrucht, Kokosmilch und Yamswurzeln, einer
Kartoffelart, gemstet.

Am 21. Juni wurden wir von Oamo besucht, einem sehr mchtigen
Oberhuptling, dem die Eingeborenen mit groer Ehrfurcht begegneten.
Oamo kam mit einem Knaben von sieben Jahren und einem jungen Mdchen
von etwa sechzehn Jahren. Der Knabe wurde von einem Manne getragen.
Sobald man sie kommen sah, entblten Oberea und smtliche Eingeborenen
innerhalb und auerhalb des Forts den Oberkrper und schritten
so den Ankommenden entgegen. Diese Entblung war so gut wie die
des Unterkrpers seitens der Ooratooa ein Zeichen ganz besonderer
Ehrfurcht. Noch merkwrdiger war, da die Insulaner wohl Oamo, nicht
aber den Knaben und das Mdchen zu uns ins Fort lieen. Wir hrten
spter, da Oamo der Gemahl der Knigin war, von der er getrennt
lebte. Der Knabe (der Thronerbe) und das Mdchen waren ihre Kinder.
Das Mdchen war die Verlobte ihres Bruders Teridiri. Der wirkliche
Oberknig war ein Sohn des Oberhuptlings Whappai namens Outou.
Whappai, Oamo und Tootahah waren Brder; Whappai war der lteste und
Oamo war der zweite Bruder. Weil nun Whappai nur einen einzigen Sohn
hatte, nmlich den Outou, so war Teridiri als der Sohn Oamos Kronprinz.
Nach den Gebruchen des Landes erbt ein Sohn mit seiner Geburt den
Titel und die Macht seines Vaters. Das Volk whlt alsdann einen
Regenten, gewhnlich den Vater. Diesmal war die Wahl zum Regenten fr
Outou auf seinen Oheim Tootahah gefallen, weil sich dieser in einem
Kriege ganz besonders ausgezeichnet hatte. Der intelligenteste von den
drei Brdern war jedenfalls Oamo, wie aus seinen Erkundigungen ber
England u.a. hervorging.

Die Besuche der verschiedenen Potentaten reizten uns zu einer
Umschiffung der Insel, die denn auch Banks und ich am 26. Juni frh
um 3 Uhr mit dem Maler Parkinson in der Pinasse bewerkstelligten. Wir
nahmen unsern Weg ostwrts und landeten in Oahounue, das von dem jungen
Oberhuptling Ahio regiert wurde, der uns bereits mehrere Male besucht
hatte. Auer ihm trafen wir dort noch unsre alten Freunde Tituboalo und
Hoona an, die uns hoch erfreut bewirteten. Von hier gingen wir zu Fu
weiter, whrend uns die Pinasse in Hrweite folgte. Unsre Freunde gaben
uns das Geleite bis zum Hafen Ohidea, wo Herr von Bougainville mit der
Boudeuse vor Anker gelegen hatte. Die Eingeborenen zeigten uns noch
den Lagerplatz der Franzosen.

Wir stiegen hierauf in die Pinasse und luden Tituboalo ein, uns an die
andere Seite der Bai hinberzubegleiten. Er weigerte sich aber und
riet uns von diesem Wagnis ab, weil die Eingeborenen auf der andern
Seite nicht Untertanen des Tootahah wren und uns alle ermorden wrden.
Man kann sich leicht denken, da wir uns dadurch nicht ins Bockshorn
jagen lieen. Wir luden aber unsere Bchsen mit Kugeln. Tituboalo,
der das mit ansah, setzte so viel Vertrauen in den Blitz und den
Donner unserer Gewehre, da er sich anders besann und zu uns an Bord
kam. Nachdem wir die Nacht hindurch gerudert hatten, gelangten wir im
Innern der Bai an eine Landenge, die Otahiti in zwei Teile teilte. Wir
bernachteten auf unsrer Seite. Auf Befehl der Ooratooa, eben jener
Dame, die Banks im Fort eine so eigenartige Reverenz erwiesen hatte,
wurden wir hier gastfreundlich aufgenommen und beherbergt. Am nchsten
Morgen sahen wir uns unsere Umgebung an und fanden, da sie aus einem
etwa zwei englischen Meilen breiten, sumpfigen Moorland bestand,
ber das die Eingeborenen ihre Khne bis zur See hinberziehen. Wir
setzten hierauf unsere Reise nach dem feindlichen Knigreich fort,
das nach Tituboalos Angaben Tiarrabou hie und von dem Knig Waheatua
beherrscht wurde. Unser indianischer Reisegefhrte schien neuen Mut
gefat zu haben. Das Volk von Tiarrabou, prophezeite er uns jetzt
weniger bedrohlich, wrde uns zwar nicht tten, aber es wrde uns
regelrecht verhungern lassen. Und in der Tat hatten wir, seitdem wir
mit ihm unterwegs waren, keine Brotfrchte gesehen. Nachdem wir
etliche Meilen weit gerudert waren, landeten wir in einem Gebiete,
dessen Oberhuptling Maraitata, der Mnner Grab, hie. Der Name seines
Vaters war nicht weniger einladend, denn dieser nannte sich Pahairedo
oder der Boote Dieb. Diese Namen schienen allerdings die Weissagungen
Tituboalos zu besttigen, allein wir erfuhren doch bald zu unserer
angenehmen berraschung, da unser Freund grau in grau gemalt hatte,
denn Vater und Sohn empfingen uns mit ungemeiner Hflichkeit, gaben uns
Lebensmittel und verkauften uns sogar ein sehr groes Schwein fr ein
Beil. Das Volk strmte in Menge herbei, uns zu bewundern, doch fanden
wir in dem groen Haufen nicht mehr als zwei bekannte Gesichter. Wir
bemerkten auch keine Glaskorallen oder sonstigen Zierate an ihnen, die
von uns htten herstammen knnen, obwohl wir europischen Tand genug
an ihnen bemerkten. Wir entdeckten in einem der Huser sogar zwei
Kanonenkugeln, die nach der Angabe des Besitzers von den Franzosen
herstammen sollten, nach dem breiten Pfeil aber, den sie als Zeichen
trugen, vom Dolphin des Kapitns Wallis stammen muten.

Hierauf kamen wir in ein Gebiet, das unmittelbar unter der Regierung
des Knigs Waheatua stand. Ob er, da er einen Sohn hatte, die Regierung
als Regent oder als Selbstherrscher fhrte, ist uns nicht bekannt
geworden. Dieses Reich bestand aus einer groen, fruchtbaren Ebene,
die von einem Flu durchquert wird, der so breit ist, da wir uns in
einem Kahne bersetzen lassen muten. Unser indianisches Gefolge aber
wollte lieber hinberschwimmen und sprang munter wie eine Koppel
Jagdhunde ins Wasser. In dieser Gegend fanden wir kein bewohntes Haus,
dagegen die Reste vieler Huser, die sehr gro gewesen sein muten. Die
Kste bildet hier eine von den Eingeborenen Oaitipeha genannte Bai.
Wir marschierten den schnen Strand entlang und fanden endlich den
mchtigen Beherrscher dieses Teils der Insel neben schnen Wetterdecken
sitzen, unter denen er mit seinem ganzen Hofstaat zu schlafen pflegte.
Waheatua war ein hagerer alter Mann mit schneeweiem Haar und Bart; er
hatte eine wunderschne Frau von etwa fnfundzwanzig Jahren bei sich,
die Toudide hie. Wir hatten den Namen dieser Dame oft gehrt, und nach
allem, was man uns von ihr erzhlt hatte, mute sie die Oberea dieser
Insel sein. Wir verweilten einige Zeit und kauften Nahrungsmittel ein,
darunter von dem Sohne des Knigs, dem Prinzen Tiarih, ein Schwein.
Tiarih entschlo sich dann uns zu begleiten. Nach feierlichem Abschied
von dem alten Knig und der schnen Knigin marschierten wir weiter.
Das Land, in das wir alsdann gelangten, war besser kultiviert als alle
andern, die wir bisher gesehen hatten. Die Bche waren zu beiden Seiten
mit Dmmen von Steinen eingefat und glichen regelrechten Kanlen;
selbst die Kste war mit Steindmmen versehen. Die Huser waren weder
zahlreich noch gro. Dagegen fanden wir viele schne, groe Khne lngs
der Kste auf den Strand gelagert, die mit groer Sorgfalt gebaut, mit
greren Hinterteilen und mit Wetterdchern versehen waren, die auf
Pfeilern ruhten. Fast auf jeder Landspitze befand sich ein Grabmal,
das mit groer Sorgfalt und vieler Kunst ausgefhrt war. Die Pfosten
waren mit Schnitzwerk versehen, das aus Figuren von Menschen und Vgeln
bestand. Unter den Figuren fielen uns ein rot und gelb bemalter Hahn
und unfrmliche Menschengestalten auf, die reihenfrmig bereinander
angebracht waren. Trotz der scheinbaren Fruchtbarkeit dieses
Landstrichs gab es keine Brotfrchte. Die Bume waren leer, und die
Einwohner schienen hauptschlich von Nssen zu leben, die den Kastanien
hnelten und Aehi genannt wurden.

Mde vom Marsch riefen wir die Pinasse herbei, fanden aber unsere
indianischen Freunde Tituboalo und Tuahow nicht darin. Wir nahmen
daher Tiarih und seinen Begleiter an Bord und steuerten dann nach dem
Eiland Otooareite, wo wir bernachteten. Ein Teil des nchsten Morgens
verstrich unter den fruchtlosen Bemhungen Lebensmittel zu erhalten,
dann setzten wir unsere Reise um die sdstliche Landspitze fort. Diese
Reise machten wir teils im Boot, teils zu Fu. Nach einem Marsche von
drei Meilen gelangten wir an einen Platz, wo wir viele Khne und viel
Volk antrafen, in dem wir auer Tuahow noch eine Reihe guter Bekannten
entdeckten, von denen wir einige Kokosnsse einhandelten. Wir nahmen
Tuahow, der lange bei Waheatua auf uns gewartet hatte, an Bord und
ruderten weiter. In einer Gegend, die der Oberhuptling Mathiabo
beherrschte, hielten wir an, um Lebensmittel einzutauschen. Mathiabo
kam selbst an den Strand, berhrte aber hartnckig unsere Wnsche.
Bei seinen Untertanen konnten wir uns besser verproviantieren. Dem
Reiz einer leeren Glasflasche vermochte aber Seine Exzellenz nicht
zu widerstehen; er gab uns ein junges Schwein dafr und schien stolz
auf sein Handelstalent. Er hatte eine Gans und einen Welschhahn im
Besitz, die der Dolphin zurckgelassen hatte. Die Indianer hatten ihre
ganz besondere Freude an diesen Tieren, die erstaunlich fett und zahm
geworden waren. In einem Hause fanden wir fnfzehn frische menschliche
Kinnbacken an einem halbrunden Brett befestigt. Was das bedeuten
sollte, konnten wir nicht in Erfahrung bringen, weil man uns entweder
nicht verstand oder nicht verstehen wollte. Mathiabo erbot sich uns zu
begleiten. Mit Freuden erteilten wir ihm die Erlaubnis, denn wir ahnten
nicht, da er uns als Pilot nur deshalb die vorzglichsten Dienste
leistete, um uns desto besser bestehlen zu knnen. Am Abend gelangten
wir vor die Bai, die sich an der nordwestlichen Seite der Insel an der
die letztere teilenden Landenge befindet, und fast ganz bis an jene
auf der sdstlichen Seite der Insel gelegene Bai heranreicht. Wir
ruderten an der Kste dieser Bai hin. Als wir zwei Drittel des Weges
zurckgelegt hatten, entschlossen wir uns an Land zu bernachten. Wir
steuerten auf ein groes Haus zu, das, wie Mathiabo sagte, seinem
Freunde, dem Oberhuptling Wiverou, gehrte. Es dauerte nicht lange,
so kamen uns verschiedene Khne vom Strand entgegen. Wir entdeckten
darin eine Anzahl auffallend hbscher Frauen und Mdchen, die ihren
Gesten und Winken und ihrem unzweideutigen Betragen nach ausdrcklich
abgeschickt zu sein schienen, um uns durch ihre Reize ans Land zu
locken. Da wir die Absicht hatten an Land zu gehen, so bedurfte es
seitens der braunen Sirenen keiner groen Verfhrungsknste.

Der Oberhuptling empfing uns sehr freundlich und befahl seinen Leuten,
uns unser Nachtessen, zu dem wir Mathiabo eingeladen hatten, bereiten
zu helfen. Die Huptlinge speisten in unsrer Gesellschaft, und es ging
sehr heiter und aufgerumt zu. Whrend der Nacht flchtete Mathiabo
mit einem ihm von uns geliehenen berrock. Wir entdeckten den Frevel
sogleich und verfolgten den Dieb, der in seiner Angst den gestohlenen
Mantel von sich warf, worauf wir ihn laufen lieen. Der Zwischenfall
hatte das ganze Haus in Aufregung gebracht. Allein unser Schrecken
wurde zur Verzweiflung, als uns um 5 Uhr des Morgens unsre Schildwache
mit der Nachricht weckte, da das Boot verschwunden sei. Der Mann hatte
es noch vor einer halben Stunde vor Anker liegen sehen. Kurz darauf
hrte er rudern, und als er sich umblickte, war das Boot verschwunden.
Nunmehr stand es uerst milich mit uns, und wir hatten alle Ursache
in Verzweiflung zu geraten. Da vllige Windstille herrschte, so konnten
wir natrlich nicht vermuten, da sich die Pinasse von ihrem Anker
losgerissen habe, sondern wir befrchteten, da die Insulaner unsere
schlafenden Bootsleute berfallen und ermordet und sich der Pinasse
bemchtigt htten. Wir waren nicht mehr als unser vier und besaen
ein paar geladene Pistolen, eine geladene Kugelbchse, aber sonst
keine Munition, und waren gegenber einem Angriff der Eingeborenen,
den wir jeden Augenblick befrchten muten, rettungslos verloren. Man
kann sich also unser Entzcken ausmalen, als wir die Pinasse nach
einigen Stunden mit der Flut zurckkehren sahen. Sie war durch die
Ebbe losgerissen und abgetrieben worden, ein Umstand, an den wir in
der Bestrzung und Verwirrung nicht gedacht hatten. Nach dem Frhstck
fuhren wir unserer Halbinsel zu.




Viertes Kapitel.

  Im Hause der Oberea. -- Eine Desertion. -- Unanstndige Tnze. -- Die
  Lustseuche. -- Krperschnheit, Sitten und Gebruche der Bewohner von
  Tahiti.


Wir waren nach mehrstndigem Rudern in der Nhe von Paparra angekommen,
dem Landesteil, der unserm Freunde Oamo und unserer diebischen Freundin
Oberea erbeigentmlich gehrte. Wir hatten beschlossen, dort zu
bernachten, hrten aber bei unsrer Landung, da unsre Freunde nach
Matavai gegangen wren, um uns dort zu erwarten. Wir quartierten uns
trotzdem in dem kleinen, sehr geschmackvoll ausgestatteten Hause der
Knigin ein, deren alter Vater uns auf das gastfreundlichste empfing.
Nachdem wir uns ausgeruht und gestrkt hatten, machten wir einen
Spaziergang nach der Landspitze hin, auf der wir von weitem etwas
gesehen hatten, eine Art von Trauerbumen, die die Eingeborenen um ihre
Morais herum zu pflanzen pflegen.

Wir waren berrascht, dort ein ungeheures Bauwerk zu finden, das,
wie man uns sagte, der Morai der Oamo und der Oberea und zugleich
das grte Meisterwerk indianischer Baukunst auf der ganzen Insel
war. Dieser Grabbau war ganz von Stein pyramidenfrmig auf einem
Fundament von 267 Fu Lnge und 87 Fu Breite in elf Staffeln von 4
Fu Hhe errichtet. Jede Staffel oder Stufe war aus einer Reihe weier
Korallensteine erbaut, die regelmig viereckig gehauen und geglttet
waren; die brigen Teile bestanden aus runden, bearbeiteten, ganz
gleichen Kieselsteinen. Einige von den Korallenquadern waren 4 Fu
lang und 3 Fu breit. Unter den gewhnlichen Felsenquadern fanden wir
einen, der 4 Fu 7 Zoll lang und 2 Fu 4 Zoll breit war. Ein solches
Gebude, von einem Volke aufgefhrt, das weder eiserne Werkzeuge fr
die Steinhauerarbeiten noch den Mrtel unsrer Mauern kannte und doch
so gut und dauerhaft wie die besten unter unsern Baumeistern baute,
mute uns in sprachloses Erstaunen setzen. In der ganzen Gegend
entdeckten wir keinen Steinbruch, also muten die Quadern aus groer
Entfernung hergeschafft worden sein. Allein mit welcher Mhe! Zumal
da den Eingeborenen unsre Transportmittel, Wagen und Pferde fehlen!
Die Korallenblcke muten aus der Meerestiefe heraufgeholt werden! Und
dann die Bearbeitung und Glttung des rohen Gesteins, die sie nur mit
Steinwerkzeugen bemeistern konnten! Eine unglaublich mhsame Arbeit
auf alle Flle. Das Gltten konnte mit dem sehr scharfen Korallensande
wohl leichter bewerkstelligt worden sein, aber auch hier fehlt uns der
Mastab fr die Berechnung und Bewertung. Mitten auf dem Gipfel dieser
veritabeln Pyramide stand ein aus Holz geschnitzter Vogel, neben ihm
lag ein aus Stein gehauener Fisch, der aber zerbrochen war. Die ganze
Pyramide nahm die Seite eines Platzes ein, der 360 Fu lang, 354 Fu
breit, im Innern mit flachen, breiten Steinen regelmig gepflastert,
von einer Steinmauer umgeben und mit Trauerbumen bepflanzt war.
Etwa 300 Schritte von diesem imponierenden Mausoleum entfernt befand
sich ein anderer gepflasterter Hof, worin etwa 7 Fu hohe Gerste,
sogenannte Ewattas, aufgerichtet waren, auf denen die Opfer fr die
Totengtter dargebracht wurden. Ein schner Morai wird hier als Mastab
des Ranges betrachtet, und der der Oberea ist ein sehr ins Auge
fallender Beweis von der frheren Macht und dem Reichtum dieser Knigin.

Als wir am Strande zurckgingen, fanden wir den ganzen Weg mit
Menschenknochen dicht best. Auf unsre Frage erzhlte man uns, da
etwa fnf Monate vor unsrer Ankunft das Volk von der sdstlichen
Halbinsel, die wir soeben bereist hatten, gelandet sei, eine groe
Menge der Untertanen Oamos niedergemacht, viele Huser vernichtet und
fast alle Tiere, den Reichtum des Knigs, geraubt habe. Die Kinnbacken,
die wir gesehen hatten, seien von ihnen als Siegeszeichen mitgenommen
worden. Oamo und Oberea seien damals ins Gebirge geflchtet und halb
ruiniert worden. Dieser berfall erklrte uns auch, warum Oberea nicht
mehr so viel Macht und Ansehen besa wie zu der Zeit, wo Kapitn
Wallis hier war. Wir kehrten nach der Residenz der Knigin zurck und
bernachteten daselbst in voller Ruhe und Sicherheit. Am folgenden
Abend kamen wir nach Atahourou, der Residenz unseres Freundes Tootahah,
der uns mit vieler Freude beherbergte, und am nchsten Tag, Sonnabend,
den 1. Juli, zogen wir wieder in unser Fort zu Matavai ein. Zu unserm
Empfang strmten unsre indianischen Freunde herbei, und keiner kam mit
leeren Hnden.

Wir bereiteten nunmehr unsre Abreise vor. Der Wasservorrat war bereits
an Bord und der Proviant wurde energisch ergnzt. In dieser Zeit
besuchte uns Oamo mit der Oberea und ihren Kindern Terridiri und
Toimata. Letztere war sehr begierig, das Fort zu besichtigen, allein
ihr Vater gab es nicht zu. Auch Tearih hatte sich zu dieser Zeit
eingestellt. Am 7. rissen unsre Zimmerleute das Tor und die Palisaden
des Forts ein und zerkleinerten das Holzwerk zu Brennholz. Tags
darauf schleiften wir die Festung. Um Mitternacht desertierten zwei
junge Seesoldaten, Clement Webb und Samuel Gibson, im Einverstndnis
und mit Hilfe der Sippen ihrer jungen indianischen Geliebten, um
diese zu heiraten und auf der Insel zurckzubleiben. Die Deserteure
wurden mir erst ausgeliefert, als ich den Tootahah, die Knigin und
andre Huptlinge mit ihren Frauen als Geiseln an Bord des Schiffes
zurckbehielt, worber sie nicht besonders mivergngt schienen. Wir
shnten uns nach diesem Zwischenfall vollstndig mit unsern Freunden
aus, die einsichtsvoll genug waren mein Verfahren zu begreifen.
In dieser Nacht wurde alles, was wir noch an Land hatten, an Bord
gebracht.

Unter den Eingeborenen, die fast bestndig um uns waren, befand sich
Tupia, der zur Zeit der Macht der Oberea ihr erster Minister und der
oberste Tahowa oder Oberpriester der Insel war. Er war ein guter Kenner
von Land und Leuten, der Religion und der Sitten seiner Heimat. Auch
besa er groe Erfahrung in der Schiffahrt seines Landes und eine
ungemeine Kenntnis von der Anzahl und der Lage der benachbarten Inseln.
Dieser hervorragende Mann kam am 12. mit seinem Diener Tayeto, einem
dreizehnjhrigen Knaben, an Bord und bat uns instndig, ihn auf unsre
Reise mitzunehmen. Zu unserm Glcke wurde das Anliegen einstimmig
angenommen. Indessen fand sich, da das Holz unserer Buganker von
Wrmern zerfressen war und ersetzt werden mute. Tupia machte sich
diesen kurzen Aufschub zunutze; er ging noch einmal an Land und nahm
ein Portrt Banks', um es seinen Freunden zu zeigen, und verschiedene
Kleinigkeiten als Andenken fr diese mit. Wir besuchten nochmals
Tootahah, bei dem wir die Oberea und unsern Freund Tupia fanden, der in
dieser Nacht zum erstenmal an Bord schlief.

Am folgenden Morgen, Donnerstag, den 13. Juli 1769, wurde das Schiff
sehr frh von unsern smtlichen Freunden besucht und von einer Menge
Khne umringt, die von Eingeborenen niedern Standes dicht besetzt
waren. Zwischen 11 und 12 Uhr lichteten wir die Anker. Sobald das
Schiff unter Segel war, nahmen die an Bord befindlichen Huptlinge und
ihre Frauen rhrenden Abschied von uns, wobei es nicht ohne Trnen
abging. Auch das Volk in den Khnen klagte laut. Tupia bewies bei
diesem rhrenden Auftritt eine wahrhaft bewundernswerte Standhaftigkeit
und Entschlossenheit, trotz der Trnen, die er vergo. Er machte der
Lieblingsfrau Tootahahs, der Potomai, zum Abschied noch ein Hemd zum
Geschenk; dann stieg er mit Banks in den Mastkorb, von wo er seinen
scheidenden Freunden seine letzten Gre zuwinkte. So nahmen wir nach
dreimonatigem Aufenthalt Abschied von den gastlichen Gestaden der
schnen Insel und unsern lieben Freunden, mit denen wir in letzter
Zeit ziemlich handeln muten, weil sie unsre Ngel im Kurs stark
herabgesetzt hatten. Durch den Diebstahl der Ngel seitens eines Teiles
der Bemannung waren die Insulanerinnen in der Lage, die Ngel viel
leichter als durch den Verkauf von Lebensmitteln zu erwerben. Zuletzt
muten wir fr ein Milchschwein von zehn Pfund ein Beil bezahlen, ein
Umstand, der unsre Abreise wesentlich beschleunigte.

In allen Lndern hlt man die Mdchen und Jungfrauen von Dingen fern,
die sich auf den Verkehr mit dem andern Geschlechte beziehen. Hier
findet das gerade Gegenteil statt. Unter andern Lustbarkeiten hat man
auf Otahiti einen von jungen Mdchen zu tanzenden Tanz, den Timorodi,
der in Gebrden und in Bewegungen besteht, die hchst unzchtig sind,
und der ihnen in frhester Jugend eingebt wird. Whrend dieses Tanzes,
mit dem wir oft empfangen wurden, stoen sie die unanstndigsten Worte
aus. Allein das, was den Mdchen erlaubt ist, ist den verheirateten
Frauen durch die Sitte streng verboten. Nach allem bisher Gesagten ist
es klar, da unter ihnen die Keuschheit nicht sehr hoch geschtzt
wird. Doch alle Vorstellungen, die man sich darber machen kann,
sind nicht hinreichend, die Ausschweifungen dieses Volkes in ihrem
ganzen Umfang zu charakterisieren. Denn es gibt hier einen Grad
von ausgelassener ppigkeit, den kein andres Volk je erreicht hat.
Eine groe Anzahl der vornehmsten Leute in Otahiti gehren einer
Geheimgesellschaft an, in der der Weiberkommunismus herrscht. Diese
Gesellschaften werden die Arreoys genannt. Hier tanzen die Frauen den
Timorodi mit mnadenhafter ppigkeit. Die Folgen dieser Orgien werden
durch Mord beseitigt, und in dieser Gesellschaft ist der Name Mutter
ein Schimpfwort. Wir haben verschiedene Mitglieder der Gesellschaft
befragt. Sie waren weit davon entfernt, ihre Mitgliedschaft als Schande
zu betrachten. Im Gegenteil, sie rhmten sich ihrer und bekannten, da
sie noch immer Mitglieder wren, und da sie verschiedene Kindsmorde
begangen htten.

Die Ehe ist denn auch hier, wie uns schien, weiter nichts als ein
Vertrag zwischen einem Mann und einem Weibe, mit dem der Priester
nichts zu tun hat. Wenn dieser Vertrag einmal geschlossen ist, so
pflegt er von beiden Seiten gehalten zu werden, doch trennen sich
oft die Parteien mit beiderseitiger Einwilligung, und alsdann wird
die Ehe so leicht aufgehoben wie sie geschlossen wurde. Kein Wunder,
da Vater und Mutter die Tochter, der Bruder die Schwester, der Mann
das Weib aus Gastfreundschaft und um einen Nagel prostituierte.
Sowenig auch die Frauen der Eingeborenen vor uns mit Europern Umgang
hatten, so war dieser doch hinreichend, auch ber die Insulaner jene
frchterliche Krankheit, die Lustseuche, zu bringen, durch die die
von den Spaniern in Amerika verbten Grausamkeiten gercht worden
sind. Da es erwiesen ist, da auer mir nur Kapitn Wallis und Herr
von Bougainville hierher gekommen sind, und da Kapitn Wallis aus
seinen Schiffspapieren bewiesen hat, da keiner seiner Leute krank
war, ich aber bei meiner Ankunft fand, da diese Pest auf der Insel
die frchterlichsten Verheerungen angerichtet hat, so steht fest,
da sie von den Leuten Bougainvilles eingeschleppt worden ist. Einer
von unsern Leuten wurde angesteckt. Dies gab uns Veranlassung, unter
den Eingeborenen Nachforschungen anzustellen, und sie erzhlten uns,
da die Fulnisseuche, wie sie sie nannten, von jenen Schiffen
eingeschleppt worden sei, die fnfzehn Monate vor uns auf der stlichen
Seite der Insel vor Anker gelegen hatten, also von den beiden Schiffen
des Herrn von Bougainville. Zum Troste fanden wir, da die Eingeborenen
Heilkruter dagegen entdeckt hatten. Htten wir ihre Sprache besser
verstanden und ihre Heilmittel wider diese Seuche erfahren knnen, so
wren wir ihnen sehr dankbar gewesen, denn als wir die Insel verlieen,
fand sich, da mehr als die Hlfte des Schiffsvolks von diesem bel
angesteckt war.

[Illustration: Indianer vom Feuerland in ihrer Htte. Nach einem alten
Stiche.]

Das Volk ist schn gewachsen. Die Mnner sind gro, stark, von schnem
Gliederbau und durchaus ansehnliche, stattliche Leute. Der grte,
den wir sahen, Huaheina, ma 6 Fu, 4 Zoll. Die Frauen von Stand
sind ber europisches Mittelma gro und ausnehmend schn gewachsen.
Die Frauen aus dem Volke sind etwas kleiner, was von ihrem frhen
Geschlechtsverkehr herrhren mag. Denn auer diesem Umstand wte ich
nichts, was sie von den vornehmen Frauen unterscheiden sollte und
zugleich dem Wachstum so nachteilig wre wie dieser. Die Hautfarbe
ist von heller Oliven- oder Brnettentnung, die viele Europer dem
schnsten Wei vorziehen. Bei den Leuten, die mehr dem Wind und der
Sonne ausgesetzt sind, ist sie natrlich dunkler. Die vornehmen
Frauen haben eine ungemein glatte, samtweiche Haut, ihre Gesichtszge
sind wohlgebildet, nur ist die Nase meist etwas flach. Dagegen sind
ihre Augen voller Ausdruck, bald glhen sie wie Feuer, bald sind sie
zrtlich schmachtend. Die Zhne sind fast ohne Ausnahme ungemein
schn, ebenmig und glnzend wei. Der Atem ist rein und von allen
unangenehmen Gerchen frei. Die Haare sind durchgehends glnzend
schwarz und nur etwas grob. Die Mnner tragen Brte, von denen sie
meist die Wangenhaare ausrupfen. Beide Geschlechter entfernen auch die
Haare der Achselhhle mit den Wurzeln und hielten es fr unreinlich,
da wir es nicht ebenso machten. In ihren Bewegungen bemerkt man
zugleich Strke und Elastizitt; ihr Gang ist angenehm, ihre Gesten
sind edel, und ihr Betragen gegen Fremde und gegeneinander ist hflich
und zuvorkommend. Ihrer Gemtsart nach sind sie ritterlich, tapfer,
offenherzig, freimtig und ohne Argwohn, Falschheit, Hinterlist,
Grausamkeit und Rachsucht. Deshalb setzten wir auch das Vertrauen in
sie, das man in seine besten Freunde setzt. Viele von uns, so Herr
Banks insbesondere, schliefen allein mit ihnen mitten im Walde und
waren folglich ganz in ihrer Gewalt. Dagegen waren sie insgesamt
diebisch und ausschweifend. Auch trafen wir mehrere Albinos unter ihnen.

In den meisten Lndern pflegen die Mnner ihre Haare zu schneiden und
die Frauen ihr Haar lang zu tragen. In Otahiti ist es umgekehrt, denn
hier schneiden die Frauen ihr Haar kurz, whrend es die Mnner mit
Ausnahme der Fischer in groen Locken ber die Schulter wallen lassen
oder in Buschform aufknpfen. Da sie keine Kmme haben und ihr Haar
mit Kokosnul fetten, so knnen sie ihren Kopf auch nicht rein von
Ungeziefer halten. Die Kinder und die gemeinen Leute machen es wie
die Affen, sie speisen ihr Ungeziefer auf. Diese hliche Gewohnheit
widerspricht ihren Vorzgen einer peinlichen Reinlichkeit, denn sie
baden und waschen sich oft und gern. Unsre Freunde, denen wir Kmme
schenkten, reinigten sich das Kopfhaar so eifrig und sorgfltig, da
man wohl bemerken konnte, wie unangenehm und ekelhaft ihnen dieses
Parasitentum war.

Auch pflegen sie insgesamt ihren Krper trotz der Schmerzhaftigkeit der
Operation mit einer gezhnten, aus einer scharfen Muschel hergestellten
Klinge zu ttowieren, und zwar mit Bildern, Zeichen, Halbmonden usw. je
nach dem Rang und dem ortsblichen Geschmack. Hauptschlich werden die
Gesteile vom Schenkel bis zu den Rippen hinauf mit dunkelschwarzen
Ttowierungen, Figuren und Bogenlinien berladen, worauf Mnner wie
Frauen so stolz sind, da sie sie mit demselben Vergngen zeigen, wie
wir etwa eine Gemldesammlung. Nur das Gesicht bleibt frei. Herr Banks
wohnte einmal einer solchen Operation bei: es handelte sich um ein
dreizehnjhriges Mdchen, dem ein Gesteil ttowiert werden sollte.
Das bei dieser Operation gebrauchte Instrument hatte dreiig Zhne.
Auf jeden Schlag auf das Instrument, deren in einer Minute wenigstens
hundert getan wurden, kam eine wsserige Feuchtigkeit, die mit Blut
gefrbt war, auf der Haut zum Vorschein. Das Mdchen hielt die Qualen
mit stoischer Tapferkeit ungefhr eine Viertelstunde aus, dann aber
berwltigten sie die Schmerzen. Sie begann sich zu struben, weinte
und flehte ihre Peiniger um Erbarmen an. Zwei Weiber hielten die
rmste fest, liebkosten, schalten und schlugen sie, um sie willfhrig
zu machen. Banks wartete eine Stunde; als er sich entfernte, war die
Ttowierung nicht einmal in ihrem schmerzlichsten Teil vollendet.

Die Insulaner verfertigen den Stoff zu ihrer Kleidung hauptschlich
aus der Rinde des chinesischen Papiermaulbeerbaums, des Brotbaums
und einer Feigenart. Sie frben ihn scharlachrot und gelb; ihre rote
Farbe, die sie aus der Frucht der Matefeige und den Blttern der Cordia
pressen, ist glnzender und feiner als die, die wir in Europa haben.
Aus der Rinde des Poerou verfertigen sie die feinen Mattengewebe, die
sie bei Regenwetter tragen, dem ihre Tuchkleider nicht standhalten. Die
Kleidung der Frauen von Rang besteht aus dem Parou, der 6 Fu breit
und 33 Fu lang ist und den sie rockhnlich um den Unterleib wickeln;
ferner aus der Tebuta, die dem Poncho der Sdamerikaner hnelt, und
aus einem Grtel. Die Kleidung der Mnner ist die nmliche: nur tragen
sie den Parou nicht als Rock, sondern als Hose, die sie Maro nennen.
Whrend der heien Jahreszeit gehen sie fast ganz nackt. Die Frauen aus
dem Volke tragen dann nur einen dnnen Unterrock, die Mnner nichts
als ein Lendentuch. Auch die Frauen von Stand legen alles, was sie am
Oberkrper tragen, in Gesellschaft und zu Hause so gleichgltig weg,
wie unsre Damen ihren Hut und ihren Mantel ablegen. Auch die Huptlinge
trugen vielfach nichts weiter als einen Lendenwulst, der allerdings aus
so viel Tuch zusammengewickelt war, da man bequem ein Dutzend Personen
damit kleiden knnte. Die Kinder pflegen ganz nackt zu gehen, die
Mdchen bis zum vierten Jahre, die Knaben bis zum siebenten. Mnner wie
Frauen tragen kleine Muscheln, Beeren, rote Erbsen, kleine Perlen und
Glaskorallen als Ohrringe, aber nur an _einem_ Ohr, und als Haarschmuck
Blumen und schne Federn. Die vornehmen Frauen tragen zum Schutze gegen
die Glut der Tropensonne kleine Mtzen und den Tomou, einen aus Haaren
gewebten Turban, der aufgewickelt ber eine englische Meile lang ist.
Herr Banks kaufte einen Tomou von dieser Lnge, der nicht einen Knoten
aufwies, so kunstvoll war das Gewebe. Die gtige Natur, die hier so
fruchtbar ist, da diesem glcklichen Vlkchen der biblische Fluch: du
sollst dein Brot im Schweie deines Angesichts verdienen! nicht gilt,
gewhrt jeder Frau zu dieser Webarbeit reichlich Zeit.

Es berhrte uns sehr eigentmlich, da dieses gesellige, ppige
Vlkchen bei seinen Mahlzeiten die Geschlechter scheidet. Stets speisen
die Mnner und die Frauen gesondert, auch in der Familie. Wir essen
allein, weil es sich so schickt! sagten sie, wenn wir nach dem Grunde
fragten, und sie gaben ihrem Ekel darber Ausdruck, da wir mit unsern
Frauen zusammen speisen wrden. Wenn einer von uns mit einem Mdchen
allein war und sie einlud mit ihm zu speisen, dann tat sie uns zwar den
Gefallen, wir muten ihr aber schwren, nichts darber verlauten zu
lassen, denn wenn dieser Versto gegen die gute Sitte ruchbar wrde,
wre es um ihren Ruf geschehen. Wenn wir zufllig einmal in einem Hause
den Korb anrhrten, worin sich die fr die Frauen des Hauses bestimmten
Speisen befanden, so konnten wir sicher sein, da von den ltern
Weibern die Speisen mit dem Korbe weggeworfen wurden.

Ich kann den Bericht ber das husliche Leben dieses Vlkchens nicht
schlieen, ohne seiner persnlichen Reinlichkeit rhmend zu gedenken.
Mnner, Frauen, Knaben und Mdchen baden tagtglich dreimal in
flieendem Wasser: einmal am Morgen, dann zu Mittag und schlielich am
Abend, bevor sie zur Ruhe gehen, einerlei ob der Flu und die See in
der Nhe sind oder ob sie meilenweit zu gehen haben. Auch waschen sie
Mund und Hnde fast nach jedem Bissen, ebenso reinlich halten sie ihre
Kleidung. Ich glaube, da man dieses Lob nicht einmal den vornehmsten
Gesellschaftsklassen in Europa erteilen kann.

ber die Religion unserer braunen Freunde konnten wir nur wenig
erfahren. Was wir sahen, war in mystische Gebruche gehllt und durch
handgreifliche Widersprche verwirrt, wie in andern Religionen ja
auch. Der Umstand, da auf Otahiti wie in China die gottesdienstliche
Sprache von der Landessprache abweicht, erschwerte uns das Eindringen
in dieses Mysterium ganz bedeutend. Tupia gab sich zwar viele Mhe
uns zu unterrichten, weil er dies aber in seiner Priestersprache
tat, von der wir nichts verstanden, so erfuhren wir nur sehr wenig.
Wie alle Menschen von primitiven Religionsbegriffen glauben auch die
Eingeborenen von Otahiti, da die Welt auf dem Wege der Zeugung --
von der die Existenz zweier Personen von verschiedenem Geschlecht
unzertrennlich ist -- erschaffen worden sei. Die hchste Gottheit
nennen sie Taroathaihetumuh; die zweite, die weibliche, die ihrem
Wahne nach ein Felsen gewesen ist, Tepapa. Eine Tochter beider war
Tettowmatayo oder das Jahr, denn so pflegen sie auch die dreizehn Monde
ihres Jahres zu benennen. Diese Tochter zeugte mit ihrem Vater die
Monate, und die Monate paarten sich und zeugten die Tage. Die Sterne
sind teils unmittelbare Abkmmlinge des ersten Paares, teils haben sie
sich untereinander selbst fortgepflanzt. Eine hnliche Anschauung haben
sie von der Entstehung der verschiedenen Gattungen der Pflanzen. Zu
den Abkmmlingen Taroathaihetumuhs und der Tepapa zhlen sie auch das
zahlreiche Geschlecht ihrer Untergtter, die Eatuas. Zwei von diesen
waren die Eltern des ersten Menschen, der in Kugelform geboren wurde
und den seine Mutter zu seiner jetzigen Gestalt reckte und streckte
und Eothe, d.i. Vollendet nannte. Eothe zeugte mit seiner eigenen
Mutter eine Tochter und mit dieser einen Sohn und mehrere Tchter, mit
denen Eothes Sohn die Welt bevlkerte. Taroathaihetumuh zeugte mit
der Tepapa auch einen Sohn, den Tane, zu dem die Insulaner, die den
obersten Gott den Urheber der Erdbeben nennen, am liebsten beten,
weil sie glauben, da Tane der hervorragendste Sachwalter der Menschen
im Himmel sei.

Die Untergtter, die Eatuas, sind sehr zahlreich und mnnlichen
und weiblichen Geschlechts. Die mnnlichen Eatuas werden von den
Mnnern des Volkes, die weiblichen von den Frauen verehrt. Mnner und
Frauen haben an den Morais ihre besondern Altre fr ihre speziellen
Gtter. Es gibt nur mnnliche Priester, doch hat jedes Geschlecht
seine eigenen, denn die, die das Amt speziell zur Anbetung der
Geschlechtseatuas fr das eine Geschlecht versehen, drfen es fr das
andere nicht verwalten.

Man glaubt in Otahiti an die Unsterblichkeit der Seele, an ein ewiges
Leben nach dem Tode und daran, da es zwei Orte und verschiedene
Abstufungen der Glckseligkeit gibt, was sich mit unsern Begriffen
von Himmel und Hlle in etwas deckt. Den obersten Himmel heien sie
Tavirua l'erai; er ist fr ihre Herrscher und ihre Vornehmen, der
zweite Himmel, der Tiahobuh, ist fr das gewhnliche Volk bestimmt. Sie
glauben indes nicht im entferntesten, da ihre Handlungen in diesem
Leben nach dem Tode von ihren Gttern gewogen und zu leicht befunden
wrden, sie sind vielmehr der Meinung, da ihre Gtter mehr zu tun
htten, als sich um die irdischen Handlungen jedes einzelnen von ihnen
zu bekmmern. Ihre Religion hat demgem keinen Einflu auf ihre
Sitten, aber sie ist dafr auch frei von jedem Eigennutz. Sie beten
nicht, auf da es ihnen auf Erden wohl ergehe, sondern ihre Ehrfurcht
vor dem Hchsten entsteht aus dem Bewutsein ihrer eigenen Niedrigkeit
im Vergleich mit der unaussprechlichen und unfabaren Erhabenheit
der gttlichen Vollkommenheit. Gtzen hatten sie nicht; auch der
Fetischdienst war ihnen fremd.

Die priesterliche oder Tahowa-Wrde ist erblich. Es gibt viele und
verschiedenartige Priester, doch ist der Oberpriester gewhnlich der
jngere Sohn einer sehr vornehmen Familie und dem Range nach die
nchste Person nach dem Knige. Der grte Teil der Gebildeten besteht
aus den Priestern. Aber die Bildung beschrnkt sich auf das Wissen
und die Kenntnis der zahlreichen Eatuas und ihres Kultes, sowie der
mndlichen Traditionen des Priestertums, die in Weisheitssprchen
festgehalten und in unglaublicher Menge vorhanden sind. Die vornehmeren
Priester sind zugleich rzte, Astronomen und Schiffahrtskundige. In
der Tat bedeutet der Name Tahowa eigentlich nur einen Mann von Wissen
und Einsicht. Da nun jeder Stand seine Priester hat, so verwenden die
Vornehmen niemals einen Tahowa von der Klasse des gemeinen Volkes, und
umgekehrt wird ein Priester der hheren Stnde niemals fr andere als
fr seine Standesgenossen zu haben sein.

Mit der Arzneikunst der Priester ist es allerdings nicht weit her;
sie besteht hauptschlich in (Gesund-) Beten. Wenn der Priester seine
Kranken besucht, so sagt er gewisse fr diese Zwecke verfate Gebete
her, wickelt die Finger und Zehen des Kranken mit Kokosnufasern ein,
gibt ihm den heilbringenden Zweig irgendeines Strauches in die Hand
und kommt und betet so lange, bis der Kranke entweder genesen oder
gestorben ist. Ist er gesund geworden, dann hat die Arznei geholfen;
ist er gestorben, dann ist die Krankheit eben unheilbar gewesen. Was
meinen die Leser: ist in dieser Hinsicht das Vlkchen von Otahiti
wirklich von den europischen Vlkern so sehr verschieden?




Fnftes Kapitel.

  Reise nach Huaheine und Ulietea. -- Ein Weib als Gastgeschenk. --
  Eine dramatische Unterhaltung. -- Der furchtbare Knig. -- Ein
  berfall.


Nachdem wir von unsern Freunden Abschied genommen hatten, segelten wir
bei gelindem Winde und heiterm Wetter frohgesinnt nach Westen. Wie
uns Tupia sagte, waren die Nebeninseln von Otahiti, die er Huaheine,
Ulietea, Otaha und Bolabola nannte, bequem in zwei Tagesreisen zu
erreichen. Auch seien diese Inseln auerordentlich bevlkert und mit
Nahrungsmitteln reich versehen. Wir hatten jedoch bei nebligem Wetter
Windstille, so da wir nur langsam weiterkamen. Tupia betete zu seinem
Gotte Tane um Wind, aber er fing erst zu beten an, wenn er aus allen
Anzeichen schlieen konnte, da der Wind die Segel blhen wrde, bevor
er noch mit seinem Gebete zu Ende wre.

Am 16. Juli erhob sich ein leichter Wind, der uns bald nach Huaheine
brachte. Als wir des Morgens um 8 Uhr dem nordwestlichen Teil dieser
Insel sehr nahe waren, sondierten wir, konnten aber mit achtzig
Klaftern keinen Boden erreichen. Es dauerte nicht lange, so stieen
einige Khne vom Land ab; allein die Insassen kamen erst nher, als
ihnen Tupia winkte. In einem der Khne befand sich der Knig der Insel
mit seiner Gemahlin, die dann in Begleitung ihrer Wrdentrger an Bord
kamen. Anfangs erstaunten sie und verwunderten sich ber alles, was
ihnen an Bord gezeigt wurde, allein sie beobachteten eine wrdevolle
Zurckhaltung; erst nach lngerem Aufenthalt tauten sie auf. Der Knig
hie Orih, und zum Zeichen seiner hchsten Gunst machte er mir den
Tausch unsrer Namen zum Vorschlag. Solange wir beisammen waren, nannte
er sich Knig Cookih, denn so sprach er meinen Namen aus, und ich hie
Orih. Diese Insulaner waren grer und strker als die von Otahiti,
die Frauen weier und schner, sonst aber waren sie den Bewohnern von
Otahiti in Tracht, Sprache, Sitte sehr hnlich, nur da sie nicht
diebisch waren.

Nach 12 Uhr kamen wir in einem kleinen, aber sehr guten Hafen vor
Anker. Ich ging sogleich in Begleitung von Banks, Dr. Solander,
Monkhouse, Tupia, Knig Cookih und den andern Eingeborenen ans Land.
Kaum hatten wir einen Fu auf den Strand gesetzt, so entblte Tupia
seinen Oberkrper und hielt eine Ansprache an den Knig, der ihm
gegenberstand und ihm von Zeit zu Zeit antwortete, dann tauschten
sie Geschenke aus. Nach Abschlu dieser Zeremonie, die wir fr
einen Freundschaftsvertrag hielten, durften wir uns berall frei
und unbelstigt bewegen und konnten gehen, wohin wir wollten. Tupia
verfgte sich nach dem Hauptmorai, um dort zu opfern.

Am nchsten Morgen erstiegen wir die Berge, die von der gleichen
Beschaffenheit wie die in Otahiti waren, nur schienen Gestein und
Ton noch mehr verbrannt zu sein. Wir hatten einen Tauschhandel mit
den Eingeborenen etabliert. Das Geschft ging sehr flau, denn wenn
wir etwas ausboten, so kaufte keiner frher, als bis er sich mit
seiner Sippschaft eingehend ber die Chancen beraten hatte, worber
zwecklos viele Zeit vergeudet wurde, so da wir am ersten Tag nur elf
Ferkel eintauschen konnten. Am nchsten Morgen boten wir Beile aus,
fr die wir die grten Schweine bekamen. Am Nachmittag, als bekannt
wurde, da wir unsre Abfahrt vorbereiteten, machte der Knig seine
Abschiedsvisite. Ich gab ihm u.a. einen Zinnteller, worauf mein Name
und das Datum: 16. Juli 1769 Huaheine gestempelt waren. Dieses
Geschenk konnte als dauernder Beweis dafr gelten, da wir die ersten
europischen Entdecker dieser Insel waren.

Wir segelten hierauf nach der Insel Ulietea, die 7-8 Seemeilen
sdwestlich von Huaheine liegt, und um halb 7 Uhr des Abends waren
wir an der stlichen Seite der Insel etwa 3 Seemeilen von der Kste.
Die ganze Nacht ber lavierten wir hin und her. Sobald der Tag
anbrach, steuerten wir gegen die Kste hin. Bald darauf erblickten
wir eine Einfahrt im Riffe, das vor der Kste liegt. Tupias Aussage
nach sollte sich dahinter ein guter Hafen befinden, weil ich mich
aber nicht blindlings auf sein Wort verlassen wollte, so schickte
ich den Steuermann in der Pinasse aus, um genaue Untersuchungen
anstellen zu lassen. Tupia hatte uns recht berichtet, denn der
Steuermann signalisierte uns, da wir ihm folgen sollten. Wir steuerten
daher in die Einfahrt hinein und kamen in 22 Klaftern auf weichem
Grund vor Anker. Es dauerte nicht lange, so fuhren zwei Khne der
Eingeborenen an uns heran; in jedem Kahne befanden sich ein schnes
Weib und ein junges Schwein, die fr uns bestimmt waren. Da sie uns
Weiber zufhrten, hielten wir fr einen Beweis ihres Vertrauens. Die
Schweine waren Geschenke. Wir nahmen beides mit pflichtschuldigem
Danke an und beschenkten die Damen je mit einem groen Nagel und mit
Glaskorallen, worber sie hoch erfreut waren. Tupia, der die Mnner
von Bolabola sehr zu frchten schien, machte uns darauf aufmerksam,
da sie Ulietea erobert htten, und da sie, sobald sie von unserer
Anwesenheit erfhren, herabkmen, um uns zu bekriegen. Wir beschlossen
daher, sofort an Land zu gehen. Banks, Solander, ich und Tupia lieen
uns sofort ans Ufer setzen, wo Tupia angesichts der Eingeborenen
dieselben Zeremonien wie in Huaheine vornahm, eine englische Flagge
hite und im Namen des Knigs von England Ulietea, Huaheine, Otaha
und Bolabola -- die drei letztgenannten Inseln konnten wir von unserm
Standorte aus bersehen -- in Besitz nahm. Wir fuhren die nchsten Tage
nach Otaha und Bolabola, hatten aber ungnstigen Wind. Am Nachmittag
des 29. Juli befanden wir uns in der Lnge des sdlichen Endes von
Ulietea und windwrts von einigen Hfen, die auf der westlichen Seite
dieser Insel liegen. Nun hatten wir zwar diese Insel schon besucht
und waren krzlich auf ihrer andern Seite vor Anker gelegen. Weil
wir aber inzwischen in der Pulverkammer ein Leck erhalten hatten,
entschlo ich mich, in einem dieser Hfen vor Anker zu gehen. Als das
Schiff gesichert war, ging ich an Land, um einen Platz zu suchen, wo
wir Ballast und Wasser einholen knnten. Die Herren Banks und Dr.
Solander ergingen sich den ganzen Tag ber in der schnen Gegend.
Die Eingeborenen begegneten ihnen berall mit groer Hflichkeit und
Ehrerbietung. Mnner, Frauen und Kinder sammelten sich in groer Menge
um sie, ohne ihnen im geringsten lstig zu fallen. Im Gegenteil,
jeder war bestrebt, ihnen in jeder Weise behilflich zu sein. Man trug
sie ber Pftzen und Lachen. Man geleitete sie wie Halbgtter in die
Wohnungen der Vornehmen und bildete dabei Spalier. Als sie in das Haus
eines der Frsten traten, fanden sie alles in feierlicher Ordnung.
Auf dem Boden war eine Matte ausgebreitet, an deren Ende die Familie
sa, whrend das Volk an beiden Seiten aufgestellt war. In einem
andern vornehmen Hause wurden sie von einigen reichgekleideten Kindern
erwartet. Das eine war ein sechsjhriges Mdchen, das sich auf den
Arm seiner schnen Amme sttzte und die Geschenke der Herren mit so
liebreizender Wrde wie nur irgendeine europische Prinzessin empfing.
Das Volk war ber die Geschenke, die diesem Kinde gemacht wurden, so
entzckt, da irgendein Vornehmer den Gebern zu Ehren einen Tanz
tanzen lie, der sie hchlichst interessierte.

Am 3. begegneten wir einer Gesellschaft reisender Tnzer, die aus
zwei Tnzerinnen und sechs Mnnern mit drei Trommeln bestand. Tupia
berichtete uns, da diese Gesellschaft den vornehmsten Kreisen
zugehrig sei, zu ihrem Privatvergngen umherziehe und keine Geschenke
fr ihre Darbietungen beanspruche. Die Tnzerinnen hatten denn auch
eine betrchtliche Menge Tamous oder geflochtenen Haares um ihre Kpfe
gewickelt und mit Kapjasmin verziert. Den Hals, die Schultern, die
Arme und die Brust bis unter die Achselhhlen hatten sie entblt, die
enganliegende Taille war von feinstem, schwarzem Tuch, an jeder Seite
der Brust war ein kleiner Busch schwarzer Federn. Whrend der braun
und wei gestreifte Hftenteil des Kleides malerisch gefaltet war,
hing der weie Rockteil glatt hinab und bedeckte die Fe, die sie mit
groer Virtuositt und ebenso kunstfertig und grazis wie irgendeine
Ballettnzerin bei uns zu wirbeln wuten.

Zu Beginn des leidenschaftlichen Tanzes schritten sie rhythmisch und
im genauen Takte mit den Trommeln in zierlichen Schritten seitwrts.
Dann bewegten sie die Hften in immer heftigeren Bewegungen, was sie in
allen Stellungen und Situationen dieses ppigen Tanzes, im Stehen, im
Knien, im Sitzen und selbst dann beibehielten, als sie sich liegend auf
die Ellenbogen sttzten. In allen diesen Phasen bewegten sie zugleich
die Finger mit einer fast unbeschreiblichen Geschwindigkeit. Auerdem
entzckte die Zuschauer die Khnheit der Gebrden und Stellungen, die
in der Tat unsagbar frech waren.

Eine der Tnzerinnen trug drei Perlen als Ohrgehnge; eine der Perlen
war sehr gro, aber so trbe, da sie wenig wert war, die beiden andern
waren erbsengro, von schnstem Wasser und prchtiger Form, aber durch
das Bohren verdorben. Herr Banks htte diese Perlen um jeden Preis
eingehandelt, aber ihre Besitzerin vermochte sich nicht von ihnen zu
trennen.

Zwischen den Tnzen fhrten die Mnner eine Art theatralischer
Vorstellung auf, die aus Sprechrollen und Tnzen bestand; wir waren
aber leider nicht in der Lage, den Inhalt ihrer Darbietung zu verstehen.

Tupia hatte uns frher schon erzhlt, da er auf Ulietea vor einiger
Zeit noch reich begtert gewesen, aber durch die Eroberung der Insel
seitens der Krieger von Bolabola um seine Besitzungen gekommen wre. Er
zeigte uns jetzt seine ehemaligen Lndereien. Als wir ans Land gingen,
erfuhren wir von den Eingeborenen, da dem also sei. Sie zeigten uns
die verschiedenen Gter, die unserm Freunde, wie sie sagten, von Rechts
wegen zugehrten. Am 5. August bersandte mir Opuhui, der furchtbare
Knig von Bolabola, der Arrih rhie, ein Geschenk von drei Schweinen,
einigem Federvieh und vielen Frchten, nebst verschiedenen Stcken 150
Fu langen Tuches. Seine Majestt tat mir zugleich kund und zu wissen,
da sie sich auf der Insel befinde und die Gewogenheit haben werde,
mich am folgenden Tage mit einem Besuche zu beehren. Wir blieben am 6.
also allesamt an Bord und erwarteten feierlichst das Erscheinen des
groen Knigs, fanden uns aber bald angenehm enttuscht. Denn er
sandte drei schne Mdchen als Botschafterinnen an uns ab und lie sich
durch diese ein Gegengeschenk fr das seinige ausbitten. Vielleicht
wagte er sich Tupias wegen nicht an Bord, oder vielleicht glaubte er
durch seine schnen Botschafterinnen fr sich ein hheres Gegengeschenk
herauszuschlagen, als ihm persnlich gelungen wre. Auf alle Flle
waren wir ber sein Fernbleiben sowenig betrbt, wie es die drei
Grazien ber ihren Besuch an Bord waren.

Kommt der Berg nicht zu Mohammed, so geht Mohammed zum Berge, dachten
wir und brachen am Nachmittag auf, um unter dem Geleite unsrer schnen
Freundinnen den furchtbaren Knig zu besuchen, unter dem wir uns
einen gewaltigen Kriegshelden, einen tatkrftigen Eroberer vorstellten,
weil er der Schrecken aller war, die wir auf Ulietea kennengelernt
hatten. Und an Stelle unseres Idealhelden fanden wir einen abgelebten,
armseligen, schwachen Greis, der vor Alter halb blind, trge und fast
kindisch war. Er empfing uns ohne jede besondere Feierlichkeit und
ohne jedes Geprnge. Wir berreichten ihm unser Geschenk, worber er
so zufrieden war, da er noch ein Schwein dreingab. Wir wuten, da er
sich am liebsten auf Otaha aufhielt. Daher teilten wir ihm mit, da wir
beabsichtigten, am nchsten Tage dieser Insel einen Besuch abzustatten,
und luden ihn ein, mit von der Partie zu sein, was er auch zusagte.

Am nchsten Morgen brachen wir mit der Pinasse und dem langen Boote
auf. Unterwegs stie der Knig zu uns. Als wir in Otaha landeten,
machte ich ihm eine Axt zum Geschenk, in der vergeblichen Hoffnung,
da er dann unsern Tauschhandel protegieren wrde. Um die Mittagszeit
nahmen wir Abschied von ihm. Wir aber trennten uns, um die Kste nach
verschiedenen Seiten zu befahren. Bei dieser Gelegenheit machte ich
sehr gute Geschfte. Inzwischen war das Leck ausgebessert worden, und
als wir Ostwind bekamen, segelten wir ab. Tupia bat mich, eine Kugel
gegen Bolabola abzufeuern. Ich tat dem braven Mann, der seinen Feinden
zeigen wollte, mit welchen Mchten er befreundet war, den Gefallen
und lie eine Kanone abfeuern. Ich taufte die Inselgruppe: Die
Gesellschaftsinseln, behielt aber fr die einzelnen Inseln die alten
Namen bei.

Wir setzten unsern Lauf gegen Sden fort. Zur Mittagsstunde des 13.
Augusts erblickten wir im Sdosten Land. Tupia sagte uns, da wir
die Insel Oheteroa vor uns htten. Um 6 Uhr befanden wir uns kaum
drei Seemeilen von ihr entfernt; ich lie daher die Segel krzen und
lavierte die ganze Nacht ber hin und her. Am nchsten Morgen steuerte
ich auf die Insel zu. Wir liefen unter dem Wind und hielten uns hart an
der Kste, an der wir eine Anzahl Eingeborener beisammen erblickten.
Um neun Uhr schickte ich meinen Leutnant Gore mit der Pinasse ab und
beauftragte ihn, eine Landung zu versuchen und wenn mglich von den
Eingeborenen zu erfahren, ob die Bai vor uns Ankergrund habe und was
fr Land weiter sdwrts liege. Herr Banks und Dr. Solander schlossen
sich Herrn Gore an und nahmen Tupia als Dolmetscher mit. Als sie sich
dem Lande nherten, sahen sie, da die Indianer mit langen Lanzen
bewaffnet waren. Um eine Landspitze zu umschiffen, steuerte Herr Gore
lngs der Kste hin, was ihm die Indianer als Feigheit auslegten. Der
Trupp war etwa sechzig Mann stark. Sie setzten sich in den Sand, doch
folgten einige Krieger dem Boote und versuchten, es durch Schwimmen zu
erreichen und zu entern. Das Boot steuerte indes um die Landspitze und
kam in eine groe Bai, an deren Kste sich sofort ein Haufe bewaffneter
Insulaner zeigte. Unsre Leute beschlossen hier zu landen und nherten
sich der Kste, von der ein Kahn voll Bewaffneter abstie. Sobald er
in der Nhe war, lie Herr Gore den Eingeborenen durch Tupia sagen,
da wir in friedlicher Absicht kmen und ihnen Ngel schenken wollten,
die man ihnen zeigte. Nach kurzer Beratung kamen sie nher und nahmen
einige Ngel an, allein sie bentzten diese Gelegenheit zu einem
verrterischen berfall. Drei von ihnen sprangen in unser Boot. Der
erste sprang neben Banks und suchte ihm das Pulverhorn zu entreien.
Banks entwand es ihm und suchte ihn ber Bord zu drngen, allein der
Indianer behauptete seinen Platz. Herr Gore wollte seine Kugelbchse
abfeuern -- der Schu versagte. Die Mannschaft feuerte nun ber die
Kpfe der Indianer weg, was diese vor Schrecken Hals ber Kopf ins
Wasser trieb. Als die braunen Gesellen wegschwammen, sandte ihnen
einer von unsern Leuten eine Kugel nach, wodurch ein Indianer einen
Streifschu an der Stirn erhielt. Die Wunde war so leicht, da sie ihn
nicht hinderte, eilig in den Kahn zu springen und stark nach dem Ufer
zu rudern, wo sich inzwischen mehr als zweihundert Krieger versammelt
hatten. Unser Boot steuerte ebenfalls nach dem Land, konnte aber wegen
einer Sandbank nicht anlegen. Gore hielt es daher fr gut, der Kste
entlang zu rudern und einen gnstigen Landungsplatz zu suchen. Unsre
Leute beobachteten, wie die Indianer sich um die Krieger drngten und
eifrig gestikulierten. Bald darauf lief ein einzelner Krieger mit der
Lanze in der Hand uns nach. Als er uns eingeholt hatte, fing er an wild
zu tanzen, seine Lanze zu schwingen und grelle Schreie auszustoen.
Wie Tupia erklrte, bedeutete dieser Hokuspokus die Kriegserklrung
der Insulaner. Das Boot ruderte immer weiter; der Kriegsbote folgte
uns und wiederholte seinen Kriegstanz. Da Leutnant Gore keine
passende Landungsstelle fand, so kehrte er um und steuerte direkt auf
die Landungsstelle der Eingeborenen, um diese zu einem Palaver zu
veranlassen und zu einem Friedensvertrage zu bewegen.

In diesem Augenblicke kam ein andrer Kriegsbote, der eine aus den
schillernden Schwanzfedern der schnsten Tropenvgel zusammengesetzte
Mtze und Kleider aus Tuchen von allen Farben trug und das Tanzen
noch besser verstand als sein Vorgnger. Der Matrosenwitz unsrer
Leute taufte den Gecken: Hanswurst. Da seine Bocksprnge unser Boot
nicht zum Stillhalten brachten, nherte sich ein lterer Huptling
und fragte unsre Leute, wer sie wren und woher sie kmen. Von
Otahiti! antwortete ihm Tupia in dessen eigener Sprache. Die Indianer
beratschlagten aufs neue. Tupia stand ihnen tapfer Rede und Antwort,
flsterte aber Herrn Gore fortwhrend zu, auf seiner Hut zu sein, denn
die Indianer wren immer noch sehr kriegerisch gesinnt. Endlich wollten
sie uns Lebensmittel verkaufen, machten aber zur Bedingung, da wir
ohne Waffen an Land kommen sollten, worauf Gore sich nicht einlie.
Vielmehr kehrte er sofort zum Schiff zurck.

Die Waffen dieser kriegerischen Eingeborenen bestanden aus langen
Lanzen und krzeren Piken, die auch als Keulen dienten. Lanzen und
Keulenpiken waren aus dem sehr harten Holze des Etoabaumes verfertigt
und mit vieler Sorgfalt poliert. Wir sahen Lanzen von 20 Fu Lnge,
die trotzdem nicht ber drei Finger dick waren. Die Waffe, die als
Keule und als Pike diente, war etwa 7 Fu lang und war an einem Ende
mit einer Beilspitze versehen. Gegen diese Waffen schtzten sie sich
durch eine Mattenrstung, mit der sie unter ihren Kleidern den Leib
bedeckten. Ob diese primitive Rstung aber Schutz gewhrt gegen die
Lanzen mit dem Stachel des Rochens als Spitze, die wir in dieser Gegend
sahen, ist mehr als zweifelhaft.

Tupia sagte uns, da in verschiedenen Entfernungen und Lagen zwischen
Sden und Nordosten von Oheteroah auerordentlich fruchtbare Inseln
lgen. Allein da ich mir vorgenommen hatte sdwrts zu steuern, um
womglich festes Land zu entdecken, so ging ich auf die dringenden
Vorstellungen Tupias nicht ein.




Sechstes Kapitel.

  Neue Entdeckungen. -- Kriegerischer Empfang. -- Drei Gefangene. --
  Verhandlungen.


Wir segelten am 15. August von Oheteroah ab. Am 25. August feierten
wir mit einem groen Fa Starkbier, das sich vortrefflich gehalten
hatte, und mit einem groen Chesterkse den Jahrestag unsrer Abreise
von England. Am 30. sahen wir einen Kometen. Am 1. September waren wir
in der sdlichen Breite von 40 Graden 22 Minuten und in der westlichen
Lnge von 174 Graden 29 Minuten. Da wir aber in dieser Gegend kein
Anzeichen von Land sahen, und da von Westen her Sturmwogen anrollten,
so wich ich, in der Besorgnis, an Segeln und Tauwerk schwer geschdigt
zu werden, dem Sturme aus und segelte nach Norden.

Am 1. Oktober sahen wir eine groe Menge Vgel, einen Seehund und
Seetang. Am 6. Oktober sichteten wir vom Mastkorb aus Land; es lag in
Nordwest, und wir steuerten gerade in derselben Richtung. Dem Ansehen
nach mute es von betrchtlicher Gre sein. Am nchsten Tage war
Windstille; wir nherten uns daher dem Lande nur sehr langsam. Als am
Nachmittag eine Brise einsetzte, waren wir noch 7-8 Seemeilen davon
entfernt. Je nher wir kamen, desto grer schien es zu sein. Wir
konnten vier bis fnf Reihen von Bergen erkennen, die sich bereinander
erhoben, und ganz im Hintergrunde erblickten wir eine Kette von
Gebirgen, die ber alles ragte und erstaunlich hoch zu sein schien. Die
meisten unter uns meinten, da es die ~Terra australis incognita~ sei,
die wir jetzt glcklich entdeckt htten.

Um 5 Uhr entdeckten wir die Einfahrt einer Bai, die ziemlich weit ins
Land zu greifen schien. Wir hielten uns hierauf nher an den Wind und
steuerten gegen die Bai an. Gleichzeitig sahen wir an verschiedenen
Stellen landeinwrts Rauch aufsteigen. Da indessen die Nacht einbrach,
so lavierten wir hin und her. Bei Tagesanbruch fanden wir uns unter
dem Winde der Bai, der aus Norden blies. Wir konnten jetzt schon
unterscheiden, da die Berge mit Wldern bedeckt und da unter den
Bumen in den Tlern einige von ungeheurer Gre waren. Um die
Mittagszeit gelangten wir bis an die sdwestliche Spitze hin; da es
uns aber des Windes wegen nicht gelingen wollte sie zu umsegeln, so
wendeten wir und entfernten wir uns wieder. Um diese Zeit sahen wir
verschiedene Khne quer ber die Bai laufen, ohne da sie uns bemerkt
htten.

Wir erblickten gleichzeitig einige kleine, aber geschmackvolle Huser.
An einem davon versammelte sich eine betrchtliche Menschenmenge, die
sich nach einer Beratung, bei der wir die Hauptrolle spielen mochten,
nach dem Strande begab und sich dort niedersetzte. Wir konnten ferner
ganz deutlich erkennen, da der Gipfel eines Berges des nordstlichen
Vorgebirges mit Palisaden umzunt war.

Um 4 Uhr des Nachmittags kamen wir an der nordwestlichen Seite der
Bai vor der Mndung eines kleinen Flusses auf feinsandigem Boden
etwa eine halbe Seemeile von der Kste entfernt vor Anker. Die Seiten
der Bai bestehen aus hohen, weien Klippen; der mittlere Teil ist
niedriges Land, hinter dem sich mehrere Reihen von Bergen stufenweise
eine ber die andre erheben und sich endlich in die Gebirgskette
verlieren, die weit innen im Lande zu lagern schien. Gegen Abend ging
ich in Begleitung der Herren Banks und Dr. Solander mit der Pinasse
und der Jolle ans Land und nahm auch eine Abteilung meiner Leute mit.
Wir landeten dem Schiffe gegenber auf der Ostseite des Flusses, der
hier etwa 120 Fu breit war. Da ich aber einige Eingeborene an dem
andern Ufer erblickte, mit denen ich zu verhandeln wnschte, und da
ich keine Furt im Flusse fand, so lie ich die Jolle kommen, um uns
hinberzufhren. Als wir uns den Eingeborenen nherten, liefen sie
davon. Wir landeten trotzdem, lieen vier Jungmatrosen an der Jolle
und gingen nach den Htten, die etwa 700 Fu weit vom Ufer ablagen.
Sobald wir uns vom Boot entfernt hatten, rannten vier mit langen Lanzen
bewaffnete Mnner aus dem Walde nach dem Boote, um sich seiner zu
bemchtigen. Die Leute in der Pinasse aber entdeckten sie und riefen
den Jungmatrosen zu, den Flu hinabzufahren. Die Matrosen lieen sich
dies nicht zweimal sagen, indessen setzten ihnen die Indianer doch so
scharf nach, da der Bootsmann in der Pinasse fr ntig fand, eine
Kugel ber die Kpfe der Indianer zu feuern. Der Schu erschreckte
sie ein wenig, sie blieben stehen und sahen sich um, doch kurz darauf
setzten sie der Jolle wieder nach, wobei sie drohend ihre Lanzen
schwangen. Man feuerte hierauf einen zweiten Schreckschu ab, aber sie
kehrten sich nicht daran, und einer von ihnen machte Miene, seine Lanze
nach der Jolle zu werfen. Der Bootsmann scho jetzt zum dritten Mal,
und der Angreifer blieb tot liegen. Die andern Indianer blieben vor
Erstaunen und Furcht wie versteinert stehen, dann aber zogen sie sich
zurck, indem sie den Leichnam des Gefallenen hinter sich herzogen.
Doch lieen sie ihn bald liegen, um sich durch eilige Flucht in
Sicherheit zu bringen. Auf den Knall des ersten Schusses sammelten wir
uns, liefen so schnell als mglich nach dem Boote zurck und fanden,
als wir ber den Flu setzten, den Indianer auf dem Boden liegen. Er
war mitten durchs Herz getroffen. Er war ein Mann von mittlerer Gre
und brauner, nicht sehr dunkler Farbe. Die eine Seite seines Gesichtes
war mit regelmigen, schneckenfrmigen Linien ttowiert. Gekleidet war
er in Tuch von feinstem Gewebe. Nach dieser Untersuchung kehrten wir
sofort nach dem Schiffe zurck.

Am nchsten Morgen sahen wir wiederum eine groe Anzahl Eingeborener
an ihrer Beratungsstelle; einige unter ihnen untersuchten eifrig unsre
Landungsstelle. Da es mir darum zu tun war, mit ihnen in freundlichen
Verkehr zu treten, so lie ich drei Boote mit Seesoldaten und Matrosen
bemannen und fuhr mit Banks, Dr. Solander, den andern Herren und
Tupia ans Land. Ungefhr fnfzig Eingeborene taten so, als warteten
sie auf uns. Im Glauben, da sie sich vor uns frchteten, ging ich
ihnen mit Herrn Banks, Dr. Solander und Tupia entgegen. Wir waren nur
einige Schritte weit, als sie alle miteinander aufsprangen und der
eine seine Lanze, der andre ein Kriegsbeil hervorzog. Diese Waffe
war einen Fu lang, aber 4-5 Pfund schwer und aus ungemein kunstvoll
geglttetem, grnem Talkstein geformt. Tupia rief sie in ihrer Sprache
an und bot ihnen Frieden. Statt jeder Antwort schwenkten sie drohend
ihre Waffen und machten uns Zeichen, uns zurckzuziehen. Wir feuerten
eine Muskete ab, jedoch weit von ihnen, denn wir hatten noch den
Flu zwischen uns, so da die Kugel ber den Wasserspiegel strich.
Als sie die Bewegungen und die Wirkung der Kugel sahen, lieen sie
von ihren Drohungen ab. Trotzdem hielten wir es fr das klgste, uns
zurckzuziehen und die Seesoldaten landen zu lassen. Wir lieen die
kleine Truppe mit ihrer Fahne eine Anhhe besetzen. Hier wurde sie
in Schlachtordnung aufgestellt. Ich rckte alsdann mit Herrn Banks,
Dr. Solander, Green, Monkhouse und Tupia wieder vor. Tupia erffnete
das Palaver, und wir bemerkten mit groem Vergngen, da ihn die
Eingeborenen verstanden. Er sagte ihnen, da wir ihnen gegen Eisen
und andre Tauschwaren Lebensmittel abkaufen wollten. Wir fanden sie
zu diesem Handel scheinbar geneigt; sie verlangten aber, da wir
zu ihnen hinberkommen sollten, was wir ablehnten, da uns Tupia
dringend riet, auf unsrer Hut zu sein, und sie sich nicht verpflichten
wollten, die Waffen abzulegen. Wir stellten ihnen dagegen anheim zu
uns herberzukommen. Endlich entkleidete sich einer und schwamm ohne
seine Waffe zu uns herber, zwei andre folgten seinem Beispiel,
bald nachher kamen dreiig bewaffnet ber den Flu. Wir machten
ihnen Geschenke von Glaskorallen und Ngeln, wogegen sie uns, da sie
deren Gebrauch nicht kannten, nur einige Federn verehrten. Auf ihren
dringenden, listigen Vorschlag, mit ihnen zum Zeichen der Freundschaft
die Waffen zu tauschen, konnten wir natrlich nicht eingehen. Die
Wilden versuchten alsdann mit Gewalt zu ihrem Ziele zu kommen. Wir
waren aber darauf vorbereitet und lieen ihnen durch Tupia androhen,
da wir sie im Falle weiterer Gewaltttigkeiten unweigerlich tten
wrden. Trotzdem stahl wenige Augenblicke spter ein kecker Wilder den
Hirschfnger des Herrn Green und flchtete, indem er triumphierend
seinen Raub ber dem Kopfe schwang. Das war fr die brigen das Signal
zu bedrohlichen Unverschmtheiten. Wir muten sie deshalb in ihre
Schranken zurckweisen. Herr Banks feuerte sofort mit Schrot in einer
Entfernung von 45 Fu auf den Dieb und traf ihn. Trotzdem schwenkte
dieser uns zum Hohn seinen Raub und suchte ihn auf dem Felsen, der in
der Mitte des Flusses lag und wohin sich die Wilden nach dem Schusse
geflchtet hatten, in Sicherheit zu bringen. Herr Monkhouse kam dem mit
einer gut gezielten Kugel zuvor. Als jener tot zu Boden strzte, kamen
die andern sofort herbei; zwei von ihnen rannten zu dem Toten hin, der
eine ergriff sein Kriegsbeil und flchtete damit, der andre versuchte
den Hirschfnger zu erobern. Monkhouse war ihm aber zuvorgekommen.
Jetzt rckten die Wilden zum Angriff gegen uns vor. Wir schossen drei
mit Schrot geladene Bchsen gegen sie ab und schlugen sie dadurch
gnzlich in die Flucht. Wir hatten drei von ihnen getroffen. Die Wilden
zogen sich allmhlich ins Land zurck; wir aber bestiegen unsre Boote.

Um wenigstens frisches Wasser zu erhalten und womglich einige
Eingeborene an Bord zu nehmen und sie durch gute Behandlung und
Geschenke zu Freunden zu gewinnen, ruderte ich um die Spitze der
Bai herum. Die Brandung war jedoch berall so stark, da ich keinen
Landungsversuch wagte. Ich erblickte aber zwei Khne von der See
hereinkommen, wovon der eine unter Segel war und der andere gerudert
wurde. Das war eine gnstige Gelegenheit, einige von den Eingeborenen
aufzuheben und sie fr unsre Zwecke zu verwenden. Ich verteilte daher
meine Boote, um die beiden Khne abzufangen. Der eine Kahn bemerkte
uns, und es gelang ihm zu entwischen, der andre aber segelte in die
ihm gestellte Falle. Sobald uns jedoch seine Besatzung erblickte,
reffte sie das Segel ein und ruderte mit solcher Kraft, da sie unsre
Boote hinter sich lie. Tupia schrie den Wilden aus vollem Halse zu,
zu halten: wir seien Freunde. Aber die braunen Burschen verlieen
sich mehr auf ihre Ruder als auf unsre Freundschaft und versuchten
zu entkommen. Ich lie hierauf eine Muskete ber ihre Kpfe abfeuern
in der Hoffnung, das wrde sie veranlassen, sich zu ergeben. Sie
hielten auch mit Rudern ein und fingen an, sieben an der Zahl, sich zu
entkleiden. Wir glaubten, sie tten das, um ber Bord zu springen; die
Sache war aber anders gemeint. Denn als wir nahe an sie herankamen,
warfen sie ihre Lanzen, Beile, Steine gegen uns, so da wir gezwungen
waren, eine Salve auf sie abzufeuern, wodurch vier Mann fielen. Die
andern drei, Knaben und Jnglinge von 11, 15 und 19 Jahren, sprangen
sofort ber Bord und suchten sich durch Schwimmen zu retten. Mit vieler
Mhe gelang es uns, die drei jungen Leute, die wie Enten schwammen,
ins Boot zu ziehen, wo sie zusammenkauerten. Da die Unglcklichen ohne
Zweifel erwarteten, kurzweg hingerichtet zu werden, so lieen wir sie
durch Tupia beruhigen, versorgten sie mit Kleidern und gaben uns die
erdenklichste Mhe, sie von unserm Wohlwollen zu berzeugen. Die jungen
Wilden, die befrchtet hatten, irgendeinem Dmon geopfert zu werden,
tauten frmlich auf; sie waren mit ihrem Schicksal vershnt und guter
Dinge. An Bord des Schiffes entwickelten sie einen guten Appetit,
auch gaben sie Tupia Auskunft auf seine Fragen und nahmen an allem,
was sie sahen und was um sie herum vorging, den grten Anteil. Wir
bestrkten sie in ihrer Frohlaune, so da sie tanzten und einige ihrer
Lieder zum besten gaben, deren Rhythmus und Wohlklang uns ebensosehr
in Erstaunen setzte, wie der hohe Grad von Kunstfertigkeit der drei
Snger, von denen die zwei ltesten Brder waren. Nach dem Frhstck,
bei dem sie wie alle Wilden einen fabelhaften Appetit entwickelten,
lie ich sie von Kopf bis Fu neu kleiden und stattete sie mit
Armbndern und Furingen sowie mit buntfarbigen Halstchern aus. In
dieser Kleiderpracht wollte ich sie ans Land setzen, in der Hoffnung,
da die Wilden, wenn sie auf diese Weise erfhren, wie gtig wir unsre
Gefangenen behandelten, ihr Mitrauen gegen uns fallen lassen und in
die dargebotene Freundeshand einschlagen wrden. Ich lie dann das Boot
aussetzen und meinen Gefangenen sagen, da wir sie ans Land bringen
und ihnen die Freiheit schenken wollten. Diese Nachricht brachte sie
vor Freude so auer sich, da sie tanzten. Als sie aber bemerkten, da
wir nach unsrer ersten Landungsstelle am Flusse hinruderten, da baten
sie flehentlich, man mge sie nicht an diesem Orte aussetzen, denn
hier wohnten ihre Feinde, die sie tten und fressen wrden. Auf diese
Weise war es wieder nichts mit meiner Diplomatie. Weil ich aber schon
die Seesoldaten unter dem Befehl eines Offiziers an Land geschickt
hatte, so beschlo ich ebenfalls dort zu landen; den jungen Wilden
lie ich durch Tupia versichern, da wir sie am Abend nach dem Teil
der Kste bringen wrden, den sie als ihre Heimat bezeichneten. Herr
Banks und Dr. Solander waren bei mir. Als wir mit den jungen Wilden
landeten und ber den Flu gingen, schienen sie sich die Sache anders
berlegt zu haben, denn sie nahmen, wenn auch nicht ohne innern Kampf
und Trnen, pltzlich Abschied von uns. Wir gingen dann nach einem
Sumpfe hin, der auerordentlich reich an Enten war, um dort zu jagen,
whrend uns vier Seesoldaten auf einer Anhhe flankierten, von der aus
man die ganze Gegend bersehen konnte. Wir waren etwa eine Meile weit
vorgedrungen, als uns die Soldaten meldeten, da ein starker Trupp
Wilder zum Vorschein komme und eilfertig heranrcke. Auf diese Meldung
hin zogen wir uns zusammen und eilten nach den Booten zurck. Kaum
hatten wir den Rckmarsch angetreten, so kamen unsre jungen Wilden
aus einem Busch, in dem sie sich verkrochen hatten, hervor und baten
uns sie mitzunehmen. Wir eilten mit ihnen dem Strande zu. Die Wilden
rckten indessen ber die Anhhe -- die die Seesoldaten verlassen
hatten, um zu uns zu stoen -- und um den Sumpf herum, aber in einem so
ngstlichen, vorsichtigen Tempo heran, da wir bequem in dem kleinen
Boote zu den Seesoldaten, die mit Holzfllen beschftigt waren,
bersetzen und die Schlachtordnung bilden konnten. Die Wilden kamen
nicht, wie wir erwartet hatten, in Trupps, sondern paarweise herab,
jedoch wuchs ihre Anzahl in kurzem bis auf 200 Mann. Wir beschlossen
einem zwecklosen Kampfe vorzubeugen und an Bord zurckzukehren. Als
wir in die Pinasse einsteigen wollten, erkannte einer unsrer jungen
Wilden unter den Indianern seinen Oheim, mit dem er sofort ein Gesprch
anknpfte, in das sich auch Tupia mischte. Der Mann kam denn auch zu
uns herber geschwommen und brachte einen grnen Zweig mit, den er uns
durch Tupia berreichen lie. Wir machten ihm einige Geschenke und
luden ihn ein, mit uns an Bord des Schiffes zu gehen, was er ablehnte.
Wir verabschiedeten uns von ihm und nahmen als selbstverstndlich an,
da sein Neffe und dessen Kameraden bei ihm bleiben wrden, allein zu
unsrer grten Verwunderung wollten sie lieber mit uns gehen. Sobald
wir weggerudert waren, pflckte der Wilde einen Zweig und legte ihn
unter allerhand Zeremonien auf den Leichnam des von uns erschossenen
Indianers, dann kehrte er, um zu berichten, zu seinen Gefhrten
zurck, die sich sofort um ihn gruppierten und, wie wir von Bord des
Schiffes aus durch unsre Fernglser beobachteten, fast eine Stunde lang
berieten. Spter holten sie die Leiche auf einem Floe ab und trugen
sie dann auf einer Art von Bahre ins Innere des Landes; den zweiten
Leichnam dagegen lieen sie an dem Orte liegen, wo er von Anfang an
gelassen worden war.

Nach dem Mittagessen lie ich meine drei jungen Wilden durch Tupia
fragen, ob sie an dem Orte, wo wir mit ihrem Oheim zusammengewesen
wren, nicht an Land gehen wollten, da ja der Friede durch die Wegnahme
des Leichnams wiederhergestellt sei. Sie erklrten sich dazu bereit,
sprangen munter ins Boot und ebenso munter ans Land, doch kaum stie
das Boot wieder ab, so wateten sie ins Wasser und baten, wieder an Bord
genommen zu werden. Ich hatte aber zuvor streng verboten, sie wieder
aufzunehmen. Wir konstatierten dann spter durch unsre Fernglser, da
ein Indianer die drei jungen Wilden auf einem Flo nach einer Stelle
verbrachte, wo etwa 40 bis 50 Wilde weilten, die nach Untergang der
Sonne nach jenem Kstenstrich hinzogen, den unsre Gefangenen vordem
als ihre Heimat bezeichnet hatten. Wir waren daher ber ihr Schicksal
beruhigt. Nach Eintritt der Finsternis hrten wir wie gewhnlich laute
Stimmen vom Lande her, ber deren Bedeutung wir uns aber nicht klar
wurden.

Am folgenden Morgen um 6 Uhr lichteten wir die Anker und steuerten
aus dieser unwirtlichen Unglcksgegend, die von den Eingeborenen
Taoneroa oder langer Sand genannt wird. Das feste Land erstreckte
sich von Nord-Ost-Nord gegen Sden hin, und ich nahm mir vor, der Kste
entlang bis zum 40. oder 41. Breitegrad zu fahren und dann eventuell
nach Norden umzukehren. Nachmittags trat Windstille ein. Als die
Eingeborenen bemerkten, da das Schiff stilllag, stieen verschiedene
Khne von der Kste ab, die sich uns bis auf eine Viertelmeile
nherten. Tupia gab sich zwar alle Mhe, die Indianer zutraulicher zu
machen, allein er verschwendete nur die Kraft seiner Lunge und seine
Beredsamkeit, die in solchen Fllen von klassischer Unerschpflichkeit
war. Unterdessen sahen wir einen Kahn von Taoneroa mit vier Leuten an
Bord herankommen. Als sie nher kamen, erkannten wir einen unter ihnen
als den Mann, mit dem wir auf dem Felsen unterhandelt hatten. Die
vier ruderten direkt auf uns zu und legten, ohne sich im geringsten
um die andern zu kmmern, hart an das Schiff; es dauerte nicht lange,
so kamen sie auf unsre Einladung hin an Bord. Die brigen Wilden
folgten dem ihnen gegebenen Beispiele nach, und bald hatten wir etwa
50 Mann an Bord und 7 Khne um uns herum. Wir bedachten sie freigebig
mit Geschenken; sie waren berdies so handelseifrig, da sie sogar
die Kleider vom Leibe und die Ruder aus den Booten an uns vertauschen
wollten. Von der ganzen Gesellschaft waren nur zwei mit Waffen
versehen, dem Ptuh-Ptuh, einem Kriegsbeil aus grnem Talkstein, mit
dem sie wohl imstande waren den hrtesten Schdel zu spalten.

Wir erkundigten uns sofort nach unsern jungen Wilden und erfuhren, da
sie daheim in Sicherheit wren. Der Erzhler fgte hinzu, da er und
seine Freunde sich nur deshalb an Bord gewagt htten, weil die drei
jungen Indianer unsre Gastfreundschaft so sehr gerhmt htten. Die
Zeit ber, wo sie bei uns an Bord weilten, versicherten sie uns ihrer
Ergebenheit; auch luden sie uns dringend ein, in die verlassene Bai
zurckzukehren. Ich wollte aber lieber meine Entdeckungen fortsetzen;
auch hoffte ich nicht ohne Grund, bald einen guten Hafen zu finden.
Kurz vor Sonnenuntergang ruderten unsre Gste weg, wobei sie im
Durcheinander drei der Ihrigen im Schiffe zurcklieen. Wir machten
sie zwar sofort aufmerksam, aber es fiel niemand ein, umzukehren;
noch mehr wunderten wir uns ber die Verlassenen selbst, die uns ihre
Tnze vorfhrten und ihre Reigen sangen und so ruhig zu Bette gingen,
als gehrten sie zum Schiff. Bald nach Einbruch der Nacht begann eine
leichte Brise zu wehen. Wir steuerten lngs der Kste hin und legten
bei, als neue Windstille eintrat. Trotzdem waren wir einige Seemeilen
weitergekommen. Als am nchsten Morgen die Indianer dies bemerkten,
jammerten sie gottserbrmlich ber ihr Schicksal. Tupia beruhigte sie
mit Mhe. Um 7 Uhr kamen zwei Khne von Land in Sicht, und es gelang
Tupia und den drei Wilden, den Fhrer eines der Khne, einen alten
Huptling, zu bewegen, an Bord zu kommen und die drei aus ihrer fatalen
Lage zu befreien. Was den alten Herrn zu diesem Abenteuer bewog, war
die eidesstattliche Versicherung seiner Landsleute, da wir keine
Menschenfresser wren, was uns ein indirekter Beweis dafr war, da
auf der Insel der Kannibalismus herrschen msse, worauf ja auch die
wiederholte uerung der jungen Wilden schlieen lie.

Wir befanden uns, als wir absegelten, einer Landspitze gegenber, die
ich wegen ihrer Gestalt das Tafelvorgebirge nannte; sie ist ziemlich
hoch, bildet einen scharfen Winkel und ist eben. Um die Mittagszeit
stieen wir ungefhr vier Seemeilen weiter auf ein kleines Eiland, das
Teahorvray der Wilden, das ich wegen seiner groen hnlichkeit mit dem
Portland der Themse die Insel Portland nannte. Whrend wir unsern Lauf
lngs der Kste nahmen, versammelte sich hier und auf der Insel eine
groe Menge Eingeborener, denen unser Erscheinen gewi viel zu denken
gab. Mittags lie sich ein Kahn blicken mit vier Insassen; einer von
ihnen schien durch seine Gebrden bald Frieden bald Krieg zu knden,
tanzte mitunter und grlte ein heiseres Lied. Tupia redete lang auf ihn
ein, konnte ihn aber nicht bewegen, an Bord zu kommen. Wir segelten
weiter, gerieten aber in seichtes Wasser. Doch vermochten wir uns
wiederloszuwinden und legten dann bei. Als wir vor Anker lagen, kamen
zwei Khne so nahe an uns heran, da Tupia mit den Insassen sprechen
und wir ihnen Geschenke zuwerfen konnten, mit denen sie sich dann
seelenvergngt trollten.




Siebtes Kapitel.

  Neue Feindseligkeiten. -- Das Kap der Kinderdiebe. -- Gastfreundliche
  Wilde. -- Abenteuer in der Tegaduhbai.


Am folgenden Morgen, den 13. September, erhob sich um 5 Uhr ein
Nordwind. Wir lichteten sofort die Anker und steuerten gegen das Land
hin. Gegen Abend versuchten wir in eine Einfahrt hineinzufahren,
machten aber wieder kehrt, als wir entdeckten, da es sich nicht um
die Einfahrt eines Hafens handelte. Dabei verfolgte uns ein groes
Kriegskanu. Es war mit ungefhr zwanzig Bewaffneten besetzt, die
uns mit hhnischen Worten zum Kampf herausforderten. Wir lieen
die Mpse ruhig den Mond anbellen. Am nchsten Tage bekamen wir
das im Lande liegende Gebirge zu sehen, dessen hchste Gipfel mit
Schnee und Eis bedeckt waren. An der Kste war das Land niedrig und
unfruchtbar. In einer kleinen Entfernung sahen wir Haine von Bumen,
die hochstmmig und oben spitzig waren. Ich lie die Pinasse und
das lange Boot aussetzen, um frisches Wasser aufzusuchen. In diesem
Augenblick bemerkten wir verschiedene stark bemannte Khne aus dem Land
herauskommen. Um 10 Uhr wurden fnf von diesen Khnen zusammengezogen.
Sie hielten eine Art von Kriegsrat, der fr den Krieg ausgefallen
sein mute, denn sie rckten gegen das Schiff vor. Diese fnf Khne
hatten 80-90 Mann an Bord; in einer kurzen Entfernung folgten ihnen
noch vier Boote nach, jedenfalls als Reserve. Kaum hatten sie sich uns
auf dreihundert Schritte genhert, als die Wilden ihren Kriegsgesang
anstimmten, ihre Lanzen schwenkten und sich zum Angriff formierten.
Tupia rief ihnen zu, da wir den Donner in der Gewalt htten und
sie alle vernichten wrden, wenn sie uns nicht in Ruhe lieen. Zur
Bekrftigung dieser Worte lie ich eine Kanone abfeuern. Der Knall,
der Blitz und die Kugeln des Traubenschusses, die sich fcherartig
im Wasser ausbreiteten, erschreckten die Indianer in solchem Mae,
da sie sich eiligst zurckzogen. Tupia aber rief ihnen nach, da
wir sie, wenn sie ohne Waffen kommen wollten, als Freunde aufnehmen
wrden. Die Besatzung eines der Boote lie sich wirklich dazu bewegen,
unbewaffnet zu uns ans Hinterteil des Schiffes zu kommen. Wir machten
ihnen verschiedene Geschenke und wrden sie auch bewogen haben an
Bord zu kommen, wren nicht die brigen Khne in feindlicher Absicht
herangekommen, worber die andern sehr emprt waren. Nach kurzer
Auseinandersetzung ruderten sie alle ans Land.

Am nchsten Tage frh 8 Uhr befanden wir uns endlich der Landspitze
gegenber. Hier kamen einige Fischer zu uns, die uns einige sehr
verdchtig riechende Fische verkauften, aber bereit waren, uns in jeder
Weise zu untersttzen. Leider wurden sie durch die Besatzung eines
Kriegskahns verscheucht, der sich frech an uns heranmachte. Obgleich
die Bewaffneten nichts zu verkaufen hatten, so schenkte ich ihnen doch
einige Stcke Tuch. Einer von ihnen vertauschte mir sein Brenfell fr
ein Stck rotes Tuch, nahm dieses in Empfang, gab aber das Fell nicht
heraus. Bei dem sich deshalb entspinnenden Streit bemchtigten sich
die Fischer des Dieners Tupias, Tayeto, der an die Seite des Schiffes
gestellt worden war, um die eingetauschten Sachen heraufzureichen. Zwei
hielten ihn im Vorderteil des Kahnes fest, whrend die andern eiligst
wegruderten, welchem Beispiel die brigen Khne folgten. Hierauf gab
ich den Seesoldaten, die auf Verdeck unter Gewehr standen, Befehl
zu feuern. Ein Mann fiel. Tayeto bentzte die Verwirrung, um sich
loszureien und ins Wasser zu springen. Der groe Kahn wendete, um ihn
zu verfolgen; ich vertrieb ihm die Lust dazu durch ein paar gutgezielte
Gewehr- und Kanonenschsse. Wir konnten den armen Burschen unverletzt
auffangen, aber er war so erschrocken, da er lange nicht zu sich
kam. Die Herren Banks und Solander konstatierten durch das Fernrohr,
da die Wilden drei Mnner tot oder doch schwerverletzt den Strand
hinaufgetragen htten. Als Tayeto sich von seinem Schrecken erholt
hatte, brachte er seinem Herrn einen Fisch, um ihn seinem Eatua, seinem
Gotte, zu opfern. Tupia lobte den frommen Sinn des Knaben und befahl
ihm, den Fisch als Dankopfer ins Meer zu werfen. Das Vorgebirge, an dem
dieser freche Raub stattfand, nannte ich Kap Kidnappers, das Kap der
Kinderdiebe.

Wir fuhren noch einige Zeitlang sdwrts. Da ich aber nirgends einen
guten Hafen fand, so machte ich an einem Vorgebirge mit gelben
Steinklippen in einer sdlichen Breite von 40 Graden, 34 Minuten,
18 Seemeilen Sd-Sd-West von Kap Kidnappers, kehrt. Am 18. des
Morgens um 4 Uhr lag Kap Kidnappers 2 Seemeilen weit nordwrts und 3
westwrts. Die Nacht ber legte ich am Tafelvorgebirge bei, am Morgen
segelte ich gegen Land, um in einer Bai 2 Seemeilen weit vom Kap vor
Anker zu gehen. Die Eingeborenen, die uns mit ihren Khnen bestndig
umschwirrten, hatten uns auf diesen Ankerplatz aufmerksam gemacht und
dabei bestndig auf eine Gegend hingewiesen, wo es berflu an frischem
Wasser gab. In der Bai selbst fand ich nicht so viel Schutz vor der
See, wie ich erwartet hatte. Da uns aber die Eingeborenen freundlich
gesinnt schienen, so wollten wir lnger hier verweilen. In einem der
Khne, die uns besuchten, kamen auch zwei Huptlinge. Ich lud sie ein
an Bord zu kommen und schenkte jedem von ihnen 12 Fu Leinwand und
einen groen Nagel, den sie nicht sehr wertschtzten. Wir hrten von
ihnen, da sie ber die Vorflle in der Taoneroabai unterrichtet waren,
und lieen ihnen daher durch Tupia sagen, da wir freundschaftliche
Absichten hegten und uns nur wehrten, wenn man uns angriffe.
Unterdessen trieben die Indianer im Kahne einen regen Tauschhandel mit
unsern Leuten. Ich lud die Huptlinge zu Tisch. Nachher begleiteten
sie mich in meinen eigenen Booten, um mir eine gnstige Wasserstelle
zu zeigen. Da es jedoch strmisch und regnerisch war und die Brandung
hoch lief, so da wir keine Landungsstelle finden konnten, so lieen
sie sich in ihren eigenen Khnen an Land bringen, versprachen aber
wiederzukommen und Lebensmittel mitzubringen. Gegen Abend heiterte sich
das Wetter wieder auf. Ich ging mit den Herren Banks und Dr. Solander
ans Land. Die Eingeborenen empfingen uns berall mit den Zeichen der
Ergebenheit und vermieden es sogar, uns durch unmige Neugierde und
Ansammlung groer Menschenmengen lstig zu fallen. Auch in den Husern,
die wir besuchten, kamen hchstens die Nachbarn zusammen, so da wir
nie mehr als zwanzig Personen, die Weiber und Kinder inbegriffen,
antrafen. Wir machten ihnen kleine Geschenke. Der Umstand, da wir
auf unserm Spaziergange zwei kleine Bche mit gutem Swasser fanden,
bewog mich, dort einen Tag zu verweilen, um Herrn Banks Gelegenheit fr
seine Untersuchungen zu geben und gleichzeitig unsern Wasservorrat zu
erneuern.

Ich schickte am nchsten Tag den Leutnant Gore mit seiner Mannschaft
ans Land, um Wasser einzuholen. Die Herren Banks, Dr. Solander und
Monkhouse folgten mit Tupia und Tayeto nach. Die Eingeborenen setzten
sich zu unsern Leuten und schauten ihnen interessiert zu. Auch
etablierten sie einen kleinen Tauschhandel. Die Herren Banks und Dr.
Solander erforschten ohne Vorsichtsmaregeln die Pflanzenwelt der Bai
und erlegten einige hervorragend schne Vgel. Unterwegs sprachen
sie in verschiedenen Htten der Eingeborenen ein und informierten
sich ber deren husliches Leben. Man zeigte und erklrte ihnen
alles, was sie wollten. Von Haustieren fanden sie den Hund in einer
kleinen, hlichen Abart vertreten. Die Felder waren wohlgepflegt und
kunstgerecht angebaut. Gepflanzt wurden Kartoffeln, Krbisse und Eddas.
Merkwrdigerweise waren die Felder der einzelnen Besitzer mit Palisaden
eingezunt, deren einzelne Rohre so dicht beieinander standen, da
kaum eine Maus dazwischen durchkriechen konnte. Die Weiber waren
eben nicht schn, aber sie machten sich dadurch noch hlicher, da
sie ihr Gesicht mit rotem Ocker oder Bergrot und l schminkten. Diese
Schminke war stets frisch und feucht auf ihren Wangen und pflegte
die Nase desjenigen zu kennzeichnen, der sich zum Ku dahin verirrt
hatte. Es gab natrlich ein Hallo, als einige unsrer Schwerenter mit
diesem Steckbrief ihrer Snde ahnungslos sich zeigten, denn sowenig
schn diese Weiber auch waren, umso buhlerischer fhrten sie sich
auf; und die Mdchen waren so ppig wie junge Fllen. Sie trugen
einen kurzen Rock und unter diesem einen aus parfmierten Blttern
geflochtenen Grtel, an dem als intimster Schutz ein kleiner Bschel
von Blttern einer starkriechenden Pflanze befestigt war. Die Mnner
pflegten sich weniger zu schminken. Doch sahen wir einen Gecken, der
sich den ganzen Leib und sogar die Kleider mit Bergrot gefrbt hatte
und fortwhrend damit beschftigt war, die schadhaften Stellen seines
geschminkten uern zu reparieren. An Reinlichkeit kamen sie unsern
Freunden in Otahiti nicht gleich, zum regelmigen Baden im Freien war
der Himmelsstrich doch zu kalt. Hingegen hatte fast jedes Gehft seinen
Abort. Was das anbetrifft, so waren sie kultivierter als die Spanier,
denn ich wei, da es bis zum Jahre 1760 in Madrid keine Aborte gab
und da bis dahin alles, was man sonst in die Aborte schttet, dort
einfach auf die Straen geschttet und dann von den Straenreinigern
auf Haufen zusammengeschaufelt wurde. Die Madrider rzte waren auch
einmal der Meinung, da Kothaufen die hygienische Eigenschaft htten,
alle schdlichen Luftkrper an sich zu ziehen.

Am Abend waren unsre Boote mit Wassereinholen beschftigt. Die Herren
Banks und seine Gesellschaft, etwa acht Europer, versuchten es nun,
um nicht zu stren, sich in einem Indianerkahn zum Schiff rudern zu
lassen. Aber da es sich in einem solchen Kahn so schwer sitzen lt
wie in einem sogenannten Grnlnder, so schlug das leichte Ding in der
Brandung um. Man kam mit dem Schrecken davon, lie sich dann aber in
zwei Partien an Bord rudern.

Weil ich es der starken Brandung wegen schwer fand, an diesem Platze
Wasser einzunehmen, so beschlo ich abzusegeln. Ich lichtete daher
am folgenden Morgen frh um 5 Uhr die Anker und lief in See. Die
Tegaduhbai liegt in der Sdbreite von 38 Graden, 10 Minuten. Von hier
wollte ich nordwrts steuern, allein der Wind war mir entgegen, so da
ich nicht von der Stelle kam. Whrend ich rgerlich gegen den Wind
lavierte, kamen mehrere Eingeborene an Bord und sagten mir, da es
in einer Bai, die sdwrts nicht weit entfernt liege, vortreffliches
Wasser an einem Orte gebe, wo die Boote bequem landen knnten. Ich
segelte also dorthin und fand alles besttigt. Um 1 Uhr kam ich vor
Anker. Die Wasserstelle lag in einer kleinen Bucht. Kaum hatten wir
beigelegt, als auch schon eine Unzahl von Khnen von der Kste her
auf uns zuschossen. Bald herrschte um uns das reinste Marktleben,
wobei sich die Indianer, die an otahitischem Tuch und an glsernen
Flaschen einen Narren gefressen zu haben schienen, als grundehrlich
erwiesen. Ich ging mit den Herren Banks und Dr. Solander ans Land,
um die Wasserstelle in Augenschein zu nehmen. Das Boot konnte bequem
landen. Das frische Quellwasser war von vortrefflichem Geschmack, auch
war die Gegend zum Fllen und Transport der Fsser gnstig. Auch Holz
zum Fllen war hier im berflu vorhanden. Am nchsten Tage schickte
ich Herrn Gore mit allen Seesoldaten zur Erledigung dieses Geschftes
ab, bei dem ich die Oberaufsicht fhrte, whrend die Herren Banks und
Dr. Solander ihre botanischen Untersuchungen fortsetzten. Als sie am
Abend nach der Wasserstelle zurckkehrten, begegneten sie einem alten
Mann, der sie damit unterhielt, da er ihnen den Gebrauch der Waffen
dieses Landes, der Lanze und des Ptuh-Ptuh, zeigte. Die Lanze ist
10-14 Fu lang und an beiden Enden gespitzt. Der Ptuh-Ptuh ist einen
Fu lang, aus Talkstein oder Walfischknochen gefertigt, mit zwei
scharfen Schneiden versehen und wird als Streitaxt gebraucht. Der alte
Wilde steckte einen Pfosten in die Erde, der seinen Feind vorstellen
sollte. Auf diesen ging er dann mit wtendem Gesichte los, indem er
seine Lanze wiederholt schwenkte und dann nach ihm stach. Hierauf
ergriff er den Ptuh-Ptuh und schlug damit wtend auf den Pfosten
ein. Aus diesem Umstande kann man darauf schlieen, da die Wilden in
ihren Kmpfen ihre Feinde nicht nur unschdlich zu machen, sondern in
der Hauptsache zu erschlagen bestrebt waren. Unter den Indianern, die
uns an der Wasserstelle aufsuchten, befand sich auch ein Priester, mit
dem Tupia einen tiefgrndigen theologischen Disput hatte. Bei dieser
Gelegenheit erkundigte er sich denn auch bei seinem Standesgenossen,
ob der Kannibalismus hier landesblich wre. Er erhielt die Antwort,
da man die erschlagenen Feinde zu verzehren pflege. Am 26. regnete
es unaufhrlich, so da wir an Bord des Schiffes verblieben. Den
nchsten Tag lieen wir uns an der Wasserstelle von den Indianern
Kriegsspiele vorfhren. Die Mnner stimmten den Schlachtgesang an, in
den alle unter den abscheulichsten Gesichtsverzerrungen einfielen.
Dabei rollten sie die Augen wild umher, streckten die Zunge heraus
und verrenkten die Glieder, aber dies alles unter genauer Beobachtung
des Taktes. Am 28. landeten wir auf einer Insel, die links von der
Einfahrt in die Bai lag. Hier fanden wir den grten Indianerkahn,
den wir bisher gesehen hatten; er war 68 Fu lang, 5 Fu breit und
4 Fu hoch. Der Boden bestand aus drei ausgehhlten Baumstmmen, von
denen der mittlere am lngsten war und die beiden Spitzen des Kahnes
bildete. Die aus _einem_ Stck bestehenden 62 Fu langen Seitenplanken
waren mit halberhabener Schnitzarbeit verziert. Am Vorderteil war
diese noch sorgfltiger ausgefhrt. Auch die Holzarbeit an einem noch
unfertigen Hause, das wir dort sahen, war auf meisterhafte Weise nach
dem auf schneckenfrmige Linien und verzerrte Gesichter ausgehenden
Kunstgeschmack der Eingeborenen verfertigt. Weil ich meinen Holz- und
Wasservorrat erneuert und auch eine Menge Sellerie geladen hatte, der
ein gutes Mittel gegen den Skorbut ist, so lichtete ich, weil es sonst
nichts einzuhandeln gab, am 29. die Anker. Wir haben hier tatschlich
nichts als Fische und Kartoffeln erhalten knnen. Von Tieren bekamen
wir nichts als Hunde und Ratten zu sehen. Und selbst diese waren hier
sehr selten. Am Eingang der Bai, die die Eingeborenen die Tolagabai
nennen, liegen zwei charakteristische Felsen. Der eine ist rund wie
ein Schober, der andre ist lang hingestreckt und an verschiedenen
Stellen so durchlchert, da seine ffnungen den Bogen einer Brcke
hnlich sind. Als wir Montag den 30. bei leichtem Winde zehn Stunden
gesegelt waren, kamen wir an die nordstliche Spitze des Landes, die
ich das Ostkap nannte. Als wir es umsegelt hatten, erblickten wir eine
groe Anzahl Kstendrfer und viele angebaute Felder in fruchtbarer
Gegend. Um 6 Uhr segelten wir an einer Bai vorbei, die ich nach ihrem
Entdecker, meinem Leutnant Hicks, Hicksbai nannte. In der Nacht
legte ich bei, segelte aber um 2 Uhr wieder weiter und erblickte um
8 Uhr Land, eine Insel, die ich die weie Insel nannte. Hier wurden
wir von einer Eingeborenen-Flottille berfallen, die nach ein paar
Schreckschssen Hals ber Kopf Reiaus nahm. Am 1. November kamen
etwa 45 Khne mit Eingeborenen an unsre Seite, die anfangs ehrlich
handelten, dann uns aber bestahlen. Einen der Diebe bedachte ich mit
einer Schrotladung. Die brige Gesellschaft verjagte ich mit einem
Kanonenschu. Um 2 Uhr des Mittags erblickten wir gen Westen einige
Inseln. Um 7 Uhr hatten wir sie erreicht. Nach einigem Zgern legte
ich bei. Die Eingeborenen nannten sie die Mowtohorainsel. Es war ein
Glck, da wir in der Nacht nicht weitergefahren waren, denn kaum
segelten wir am nchsten Morgen weiter, so zeigten sich verschiedene
gefhrliche Klippen, die etwa anderthalb Seemeilen von der Insel
entfernt sind. Auf dieser Fahrt wurden wir wiederholt von Eingeborenen,
die sich erst friedlich zeigten, mit einem Steinhagel bombardiert. Um
11 Uhr segelten wir wieder der Kste entlang. Die Drfer, die wir hier
erblickten, waren sehr gro, lagen auf Hhen, die ans Meer stieen,
und waren gegen die Landseite durch Schanzen und Grben verteidigt,
innerhalb deren Palisaden starrten. Auch waren einige dieser kleinen
Dorffestungen noch durch Auenwerke flankiert. Tupia hielt diese Pltze
fr Morais, wir hielten sie mit grerm Rechte fr Festungswerke. An
einer Insel, nordnordstlich von der Kste, bernachteten wir; ich
taufte sie als die grte ihrer Gruppe den Major. Das Land, woran wir
dann vorbersegelten, war auerordentlich volkreich. Wir sahen viele
grere Stdte, vor denen am Strande einige hundert Boote lagen.

Um 2 Uhr erblickten wir eine groe Einfahrt; um 7 Uhr des Abends kamen
wir im sdlichen Eingang der Bai, die ich Merkuriusbai nannte, in
7 Klaftern vor Anker. Bis hierher wurden wir von Khnen begleitet,
ziemlich primitiv ausgehhlten Baumstmmen, deren Insassen sich
anfangs sehr bescheiden und friedlich zeigten, bald nachher jedoch
unsern Ankerboy zu kapern versuchten. Wir feuerten darauf einige
Schreckschsse ab, worauf sie in hchster Wut erklrten, morgen
wiederzukommen und uns alle zu ermorden. Tatschlich versuchten sie in
der Nacht ihr Heil, fanden uns aber immer auf dem Posten, so da sie
vorzogen, sich ebenso leise zu entfernen, wie sie gekommen waren. Am
Morgen erschienen zwlf Khne mit 150 Kriegern, die mit Lanzen, Keulen
und Steinen bewaffnet waren. Tupia gelang es, ihnen das Unsinnige ihres
Vorhabens begreiflich zu machen und sie zu einem Tauschhandel mit uns
zu bewegen. Wir erboten uns, ihnen ihre Waffen abzukaufen. Bei den
ersten Geschften ging es ehrlich zu, nachher betrogen sie uns auf das
frechste. Weil ich mir aber vorgenommen hatte, fnf bis sechs Tage
hierzubleiben, um den Durchgang des Merkurs zu beobachten, so zog ich,
um ihren Unverschmtheiten ein fr allemal die Spitze abzubrechen,
schrfere Saiten auf. Ein Dieb erhielt einige Schrotschsse und sein
Boot eine Kugel als Denkzettel, worauf er sich davonmachte. Obwohl er
stark blutete, so kmmerte sich doch niemand von den andern um sein
Schicksal. Einem Tuchdieb zerscho ich seinen Kahn, und zum Schlu
lie ich eine Kanonenkugel abfeuern, die uns von der Gesellschaft
befreite. Um 3 Uhr lichtete ich den Anker und lief nher an die Kste
heran, wo ich das Schiff in gnstigerer Lage sicherte. In dieser Lage
hatten wir die sdliche Spitze der Bai eine Meile weit ostwrts und
einen Flu, in den die Boote bei niedrigem Wasser einlaufen konnten,
anderthalb Meilen weit in Sd-Sd-Osten. Am nchsten Morgen kamen
die Eingeborenen wieder, aber wir bemerkten zu unserm Vergngen,
da sie sich sehr bescheiden auffhrten. Unter ihnen war ein alter
Huptling Toiava, dessen Klugheit und Ehrlichkeit uns schon letzthin
imponiert hatte. Wir forderten ihn auf an Bord zu kommen, was er auch
in Begleitung eines andern tat. In der Kajte machte ich jedem von
ihnen ein Stck Tuch und einige groe Ngel zum Geschenk. Die beiden
erzhlten uns, da ihre Landsleute in groer Furcht vor uns lebten,
worauf wir ihnen durch Tupia verstndlich machten, da wir nur denen
Schaden zuzufgen pflegten, die uns feindlich gegenbertreten oder
uns bestehlen. Nachdem uns die Indianer verlassen hatten, fuhren wir
mit den Booten den Flu hinauf, um dort zu fischen, waren aber nicht
besonders glcklich. Indessen konnten wir einige Vgel schieen.
Am Morgen wurde das lange Boot wiederum ausgeschickt, um mit dem
Strichnetz in der Bai zu fischen; gleichzeitig wurde Mannschaft
unter dem Kommando eines Offiziers zum Holzfllen ans Land gesandt.
Am 7. war schlechtes Wetter. Am 8. gingen die Herren Banks und Dr.
Solander ans Land, um Pflanzen zu sammeln. Da sie erst spt am Abend
zurckkehrten, so hatten sie Gelegenheit, sich das Nachtlager der
Eingeborenen anzusehen. Ihre Decke bestand aus Strauchwerk. Die Weiber
und Kinder legten sich am weitesten vom Meer landeinwrts auf den
Boden nieder; die Mnner aber lagerten sich im Halbkreise um sie,
wobei sie ihre Waffen an die nchsten Bume so angelehnt hatten, da
sie sie jederzeit zur Hand hatten. Man erfuhr auch, da sie weder dem
Oberknig Teratu noch sonst jemand untertan waren, und wir nahmen
deshalb an, da sie eine nomadisierende Bande rechtlos gewordener
Gechteter seien. Kurz nach Anbruch des folgenden Tages kam eine groe
Menge Khne mit ausgezeichneten Makrelen ans Schiff, die wir sofort
einhandelten. Um 8 Uhr hatten wir bereits Fische fr Tage und Wochen
an Bord. Wir frhstckten sofort von den delikaten Fischen. Alsdann
begab ich mich mit den Herren Green, Banks und Dr. Solander in der
besten Laune ans Land, um den Durchgang des Merkur bei klarem Himmel
zu beobachten. Der Eintritt des Merkur in die Sonnenscheibe ereignete
sich um 7 Uhr 20 Min. 58 Sek., die innere Berhrung um 12 Uhr 8 Min.
58 Sek., die uere um 12 Uhr 9 Min. 55 Sek. Kurz darauf wurden wir
durch einen Schu vom Schiffe aus erschreckt. Leutnant Gore war im
Tauschhandel von einem Eingeborenen bestohlen und insultiert worden
und hatte in seiner Aufregung den Mann, statt ihm eine Ladung Schrot
aufzubrennen, erschossen, worauf er den brigen Schwarm der Wilden mit
einem Kanonenschu verscheuchte. Als die Nachricht von diesem Vorfall
ans Land gelangte, erschraken die Indianer, die sich in unserer Nhe
befanden; sie vereinigten sich sofort und zogen sich zur Beratung
zurck. Als wir ihnen aber genauen Bericht erstatten lieen, kamen
sie zurck und billigten das Geschehene, da der Erschossene seine
Strafe verdient htte. Kurz vor Sonnenuntergang brachen unsre Indianer
auf, um ihre Abendmahlzeit zu bereiten. Weil uns dies interessierte,
begleiteten wir sie. Ihre Gerichte bestanden aus Fischen, Krebsen und
Vgeln, die sie teils gebraten teils gebacken verspeisten. Das Backen
geschah mit heien Steinen auf dieselbe Weise wie in Otahiti, das
Braten dadurch, da sie die Fische oder Vgel an Stecken banden und
ber Feuer hielten. In der Gesellschaft der Indianer sahen wir eine
Frau in Trauer. Sie sa einsam, die Trnen liefen ihr bestndig die
Wangen herab, dabei wiederholte sie in leisem, klagendem Ton gewisse
Worte, deren Sinn selbst Tupia nicht entrtseln konnte. Am Schlu eines
jeden Satzes zerfetzte sie sich mit einer Muschelschale Gesicht, Brust
und Arme so sehr, da sie ganz mit Blut bedeckt war. Doch schienen die
Verletzungen, die sie sich beibrachte, nicht so schwer zu sein wie nach
den Narben zu urteilen die, die sich einige ihrer Leidensgefhrtinnen
beigebracht hatten.

[Illustration: Innenraum eines Hauses auf der Insel Ulietea. Tanz der
Eingeborenen. Nach einem alten Stiche.]

Am Morgen darauf ging ich mit Herrn Banks und den andern Forschern in
beiden Booten nach dem Lande hin, um einen groen Flu zu erforschen,
der sich in den obern Teil der Bai ergiet. Wir ruderten ungefhr 4-5
Meilen weit; hier war der Flu breiter als an der Mndung und durch
angeschwemmte Inseln gespalten, auf denen die Mangroven, harzreiche
Bume, wuchsen. Auf einer der Inseln schossen wir uns ein Gericht
Vgel, die wir auf dem Roste brieten und zu Mittag verspeisten. An
der Mndung des Stromes entdeckten wir ein kleines indianisches
Dorf, wo wir sehr gastfreundlich aufgenommen und mit Schaltieren von
ausgezeichnetem Geschmack bewirtet wurden; wir aen sie so hei wie
sie vom Feuer kamen. In der Nhe dieses Dorfes befanden sich auf einer
Landspitze die berreste einer Festung, die von den Eingeborenen Ipph
oder Hipph genannt wurde. Der beste Festungsbauknstler htte keine
vorteilhaftere Lage fr diesen Zweck whlen knnen als der indianische
Erbauer dieser Festung, die, auf drei Seiten von Wasser und steilen
Klippen umgeben, von hierher unzugnglich gemacht war. Die Landseite
war durch Schanzen, einen 22 Fu breiten, 14 Fu tiefen Graben und
durch Palisaden geschtzt. Das Ganze knnte mit leichter Mhe so
befestigt werden, da die Mannschaft eines europischen Schiffes sich
gegen den Angriff des ganzen Volkes verteidigen knnte.

Am 11. war das Wetter so windig und regnerisch, da sich kein Kahn
vom Lande in See wagte. Da wir aber tags zuvor mehrere reichbesetzte
Austernbnke entdeckt hatten, so sandten wir das lange Boot ab, um
die delikate Ernte einzuheimsen. Es kam nach einer Weile vollbeladen
zurck, und nun begann an Bord ein Wettausternessen bis in die sinkende
Nacht. Wir konnten uns das leisten, denn unsre Austernbnke waren
unerschpflich und die Austern so gut wie die besten Colchesteraustern,
weshalb ich dem Strome den Namen Austernstrom gab.




Achtes Kapitel.

  Forschungen. -- Eine Naturfestung. -- Kunstvolle Bauten. -- Ein
  diebischer Geselle. -- Seltsame Ttowierungen. -- Eine Lektion und
  ihre Folgen. -- Kannibalismus.


Am 12., an einem Sonntag, ruderte ich in Begleitung der Herren Banks
und Dr. Solander mit der Pinasse und der Jolle nach der nrdlichen
Baiseite hinber, um das Land und zwei befestigte Drfer in Augenschein
zu nehmen, die wir in einer gewissen Entfernung entdeckt hatten. Wir
landeten unterhalb des kleineren Dorfes, das in hchst romantischer
und anmutiger Lage auf einem kleinen Felsen aufgebaut war, der vom
festen Lande abgetrennt und zur Zeit der Flut mit Wasser umgeben
war. Den einzigen Zugang zu dieser Naturfestung bildete ein steiler,
schmaler Saumpfad, auf dem uns die Einwohner entgegenkamen, um uns
zur Besichtigung ihres Hipph einzuladen. Wir lehnten diese Einladung
jedoch ab, da wir die grere Festung, die eine Meile entfernt lag,
besichtigen wollten. Jedoch verteilten wir an die Frauen und Mdchen
kleine Geschenke. In diesem Augenblick sahen wir auch die Bewohner des
kleinen Stdtchens, das wir besichtigen wollten, uns zur Begrung
entgegenkommen, Mnner, Weiber, Kinder, ber hundert an der Zahl. Als
sie sich so weit genhert hatten, da wir einander verstehen konnten,
winkten sie uns unter Horomairufen grend mit den Hnden und setzten
sich dann zwischen den Gebschen am Strande nieder. Wie uns Tupia
sagte, war diese Zeremonie bei ihnen das Zeichen freundschaftlicher
Ergebenheit. Wir eilten also zu ihnen hin, begrten sie, machten
ihnen einige Geschenke und baten sie um die Erlaubnis, ihr Hipph zu
besuchen. Mit Jubel bewilligten sie unsre Bitte, indem sie gleich
als Fhrer vorausgingen. Wharretouwa, so hie das Stdtchen, liegt
auf einem hohen Vorgebirge, das in die See hinausluft und an der
nrdlichen Seite der Bai liegt. Von zwei Seiten wird das Hipph von
der See besplt, hier ist es ganz unzugnglich. Die beiden Landseiten
sind groartig befestigt. Die eine, die nach dem Strande zu liegt,
ist auerordentlich steil, die schwchere wird durch zwei starke
Grben beschtzt. Auerdem ist das ganze Hipph mit starken Palisaden
von 10 Fu Hhe umgeben. Auch das Innere der eigenartigen Festung
ist durch Palisaden und durch Wehrtrme befestigt, von denen aus die
Belagerten ihre Feinde mit Lanzen und durch ein Steinbombardement
zurcktreiben knnen. Das Ganze ist in der Tat uneinnehmbar und gegen
jeden Sturmangriff gefeit. Auf der schwcheren Seite, der Bergseite,
gibt es einige kleine Auenwerke, und verschiedene Htten als Wohnungen
fr Leute, die wegen Platzmangels nicht in der Festung wohnen knnen,
aber doch unter deren Schutze leben wollen. Das Innere der Festung war
ursprnglich ein spitzer Hgel, der zu Ansiedlungszwecken abgetragen,
d.h. amphitheatralisch derart abgegraben wurde, da das Stdtchen
eigentlich aus bebauten Stufen besteht, die unter sich wieder durch
enge Gchen verknpft sind, so da der Feind, wenn er die uern
Palisaden erobert hat, sich gezwungen sieht, die einzelnen Stufen zu
erstrmen, was vielleicht noch schwerer ist als die Ersteigung der
ueren Palisaden selbst.

Wir fanden viele derartige Burg- und Festungsbauten lngs der Kste,
auf Felsen, Inseln, ja selbst auf Klippen, die eher zu Vogelnestern als
fr menschliche Wohnungen geeignet waren. Und doch ist es etwas sehr
Sonderbares, da der Erfindungsgeist, der diesen wilden Menschen den
Plan zu ihren bewundernswerten Festungsbauten eingab, sie nicht auch
auf den naheliegenden Gedanken gebracht hat, Wurfgeschosse zu deren
Niederzwingung zu erfinden. Denn auer ihren Wurfspieen kennen sie
nur den Naturstein als Waffe, und zwar als Handwaffe. Denn sie haben
keine Art von Bogen, um einen Pfeil abzuschieen, keine Steinschleuder,
nichts, um auf grere Entfernungen hin zu wirken! Allerdings sind die
Spitzen ihrer langen Lanzen mit Widerhaken versehen, und sie bedienen
sich deren mit solcher Kraft und Geschicklichkeit, da ich es mit
keiner andern Waffe als mit einer gut geladenen Muskete gegen sie
aufnehmen wollte. Wir besichtigten die Festung sehr eingehend mit dem
grten Interesse und kehrten hochbefriedigt gegen Abend an Bord zurck.

Am 15. segelte ich in Begleitung vieler Khne aus der Bai hinaus. Der
gute Toiava klagte mir noch zum Abschied, da er jetzt nach unsrer
Abreise in sein Hipph flchten msse, denn die Verwandten des von
Gore Erschossenen wollten dessen Tod an ihm rchen, weil er unser
Freund sei. Wir trsteten den alten Herrn mit einigen Geschenken. Ich
will noch bemerken, da unsre Geologen an verschiedenen Stellen dieser
Bai Eisen- und Erzsand fanden, der von den verschiedenen Bchen aus
dem Innern des Landes herabgeschwemmt worden war -- ein deutliches
Kennzeichen dafr, da die Berge um die Bai herum eisenerzhaltig sein
muten.

Am 18. befanden wir uns einem Vorgebirge gegenber, von dem einige
feindliche Khne gegen uns abstieen. Tupia suchte die Wilden zu
beschwichtigen, allein sie riefen drohend: Kommt ans Land, und wir
werden euch alle tten. -- Gut, antwortete Tupia, aber warum
belstigt ihr uns, solange wir in See sind? Da wir keine Zeit haben mit
euch zu fechten, so werden wir eure Herausforderung ans Land zu kommen
nicht annehmen. Hier aber habt ihr kein Recht Streit anzufangen, denn
das Meer gehrt euch sowenig wie das Schiff! Da diese rednerische
Argumentation nichts nutzte, sandte ich den nackten Herrschaften eine
Kugel zu, die sie in die Flucht trieb. Tags darauf erhielten wir
den Besuch eines Enkels unsres Freundes Toiava, den wir reichlich
beschenkten. Wir ankerten am nchsten Tag in einem Kanal; ich bentzte
die Windstille, um mit Dr. Solander an die westliche Kste zu gehen.
Als wir das Schiff verlieen, waren viele Khne um uns versammelt.
Herr Banks blieb deshalb an Bord, um mit den Eingeborenen zu handeln.
Er tauschte Waffen und Kleider der Wilden, die sich ehrlich zeigten,
hauptschlich gegen -- Papier ein[3]. Ein junger Wilder stahl indessen
in der Kajte ein Halbminutenglas und wurde dabei erwischt. Herr Hicks
verordnete ihm zwlf Hiebe mit der neunschwnzigen Katze und lie ihn
zu diesem Zweck an die Schiffswand binden. Als die andern Indianer dies
sahen, drohten sie das Schiff zu berfallen. Herr Hicks blieb fest, und
Tupia mute den Indianern sagen, da man ihren Genossen nicht tten,
sondern fr den Diebstahl bestrafen wolle. Mit dieser Erklrung gaben
sie sich zufrieden. Der Dieb erhielt seine zwlf aufgezhlt; sobald er
freigelassen war, wurde er von einem alten Indianer, anscheinend seinem
Vater, nochmals tchtig verprgelt und dann in seinen Kahn geschickt.
Allein die Wilden waren dadurch eingeschchtert und verzogen sich bald,
um sich nicht mehr blicken zu lassen.

Dicht bei dem Kap, das in der Breite von 36 Graden 26 Minuten liegt
und das ich nach Seiner Lordschaft Kap Colville nannte -- es ist
an einem hohen Felsen zu erkennen, den man sehr weit und deutlich
erblicken kann -- mndet ein Strom in die Bai, den ich die Themse
nannte. Er besitzt eine Tiefe von ber 26 Klaftern. Die Eingeborenen,
die in der Nhe dieses Stromes wohnen, scheinen im Verhltnis zu den
ungeheuern Lnderstrichen, die sie besitzen, nicht sehr zahlreich zu
sein; sie sind aber ein starkes, wohlgebildetes und fleiiges Volk.
Merkwrdigerweise bemalen sie sich den ganzen Leib von Kopf bis Fu
mit Bergrot, das in l gerhrt wird, eine Mode, die wir zum ersten
Male hier fanden. Ihre Khne sind gro, schn gebaut und mit reichem,
geschmackvollem Schnitzwerk versehen. Wir steuerten von hier zwischen
der Kste und den davor lagernden Inseln hindurch und ankerten bei
Anbruch der Nacht in einer Bai. Unsre Leute warfen Angeln aus, und
wir fingen in kurzer Zeit etwa hundert Stck 6-8 Pfund schwere
Seebrassen. Am 25. verlieen wir die Bai, die ich die Brassenbai
taufte, und steuerten weiter nrdlich. Wir ankerten in der Nhe
einiger kleiner Inseln, die ich die Poor Knights, die armen Ritter
hie. Am Abend hatten wir den blichen Streit mit betrgerischen
Eingeborenen. Des Morgens schon zwischen 6 und 7 Uhr ruderten groe,
stark bemannte Khne an das Schiff heran. Unter ihnen waren mehrere
reich verziert und anscheinend von Personen hherer Stnde besetzt,
die aufs beste bewaffnet waren. Die Waffen bestanden in steinernen und
walfischbeinernen Ptuh-Ptuhs und in reich verzierten Walfischgrten.
Ihre Hautfarbe war stark braun, auch trugen sie sogenannte Amocos,
schwarze, ttowierte Flecken am Leibe. Unter anderm hatten sie breite
Spirallinien auf jedem Ges, das sie mit Schwarz so ttowiert
hatten, da von der Hautfarbe nichts brig blieb als die Streifen.
Infolgedessen sah es aus, als trgen sie gestreifte Badehosen. Jeder
Stamm hatte sein besonderes Amoco. Einzelne waren ganz ttowiert,
andre nur auf dem Ges; gemeinsam war nur das Amoco der Lippen. Die
Kerle hatten alle Muler als ob sie Heidelbeeren gegessen htten. Die
Bande wollte uns um ein Tuch betrgen, aber eine Kugel brachte sie
zur Vernunft. Als wir am Nachmittag an der Landspitze vorbeisegelten,
fand ich diese doch bedeutender. Ich nannte sie Sir Piercy zu Ehren
Kap Brett. Dieses Kap ist viel hher als irgendein Teil der Kste. An
seiner westlichen Seite liegt eine Bai; wir sahen an ihr verschiedene
Drfer teils auf Inseln, teils an der Kste. Die Bewohner kamen
auf ihren Khnen herbei und versuchten es, uns ber die Lffel zu
barbieren. Wir lieen es ziemlich ungestraft hingehen. Aber einer der
Unteroffiziere, den sie beim Einkauf betrogen hatten, nahm seine
Angel, fitzte dem Betrger den Haken geschickt in den mit viel Amoco
geschmckten unteren Rckenteil und zupfte ziemlich lange daran herum,
bis der Angelhaken brach. Der den Angelhaken im Fleische sitzen hatte,
brauchte auch fr den Spott nicht zu sorgen. An diesem Tage sahen wir
mehr als fnfhundert Wilde bei uns, ein Beweis fr den Volksreichtum
dieser Gegend.

Um 8 Uhr des nchsten Morgens befanden wir uns inmitten einer Anzahl
von Inseln, wo wir der Windstille wegen zwei Stunden liegen blieben.
Die Eingeborenen verkauften uns einige Fische, die wir Cavalles
nannten, und nach diesen tauften wir die Inselgruppe. Die Halunken
waren hier so verwegen, da sie uns sogar whrend des Tauschgeschftes
bedrohten. Als ihre Anzahl durch die Ankunft mehrerer Khne verstrkt
worden war, fingen sie sogar an, mit Steinen nach uns zu werfen,
worauf wir mit Schrot unter sie feuerten. Sie lieen nicht eher nach,
als bis wir einigen von ihnen einen ziemlich empfindlichen Denkzettel
gegeben hatten, worauf wir in die hohe See hinaussteuerten. Da uns
der Wind zuwider war, steuerte ich am 29. nach einer Bai in der Nhe,
westwrts vom Kap, und legte dort bei. Leider waren wir auf eine
Untiefe geraten, weshalb ich durch Boote die Nachbarschaft sondieren
lie. Unterdessen drngten sich ungefhr 400 Eingeborene in ihren
Khnen um uns herum. Wir lieen einige von ihnen an Bord kommen.
Darunter befand sich ein Huptling, dem ich ein Stck feinen Tuches
schenkte. Ich erkannte einige der Eingeborenen wieder; sie muten uns
ebenfalls wiedererkennen, denn der bloe Anblick einer Kanone jagte
ihnen sichtlich Schrecken ein. Trotzdem stahl uns die Mannschaft eines
der Khne die Ankerboje. Wir feuerten sofort eine Muskete ber ihre
Kpfe ab. Das nutzte nichts. Wir feuerten mit Schrot auf sie, doch
sie waren zu weit. Nun schossen wir scharf und verwundeten einen von
ihnen. Zuletzt lie ich noch eine Kanone abbrennen. Tupia sagte ihnen
spter, da wir nur die Diebe zchtigten, und machte sie dadurch wieder
zutraulich.

Als wir das Schiff von der Untiefe weg in gesicherte Lage gebracht
hatten, lie ich die Pinasse und die Jolle mit bewaffneten Mannschaften
zurck und ruderte mit Herrn Banks und Dr. Solander nach einer vom
Schiff etwa drei Viertelstunden entfernten Insel. Die Khne der
Eingeborenen blieben beim Schiff, was wir fr ein gutes Zeichen
hielten. Allein kaum hatten wir in einer kleinen Bucht gelandet, so
folgten uns die Khne, und bald sahen wir uns etwa von zwei- bis
dreihundert Mann umringt, die teils gelandet, teils von den Bergen
gekommen waren. Alle waren bewaffnet, liefen aber so durcheinander,
da wir nicht an eine feindselige Haltung der Indianer glaubten. Doch
zogen wir eine Linie im Sand und gaben ihnen zu verstehen, da dies
die Grenze sei, deren berschreiten wir ahnden wrden. Sie blieben
zunchst unschlssig. Als aber Verstrkung eintraf, begannen sie
ihren Kriegstanz und drangen dann auf uns ein. Wir feuerten einige
Schrotschsse auf sie ab, was sie in Verwirrung brachte. Allein ein
Huptling organisierte schnell den Angriff. Dr. Solander jagte ihm
eine Schrotladung zu, die er mit dem blichen Danke quittierte; er floh
und setzte sich mit seinen Kriegern auf einer Anhhe fest. Da wir sie
dort mit Schrot nicht erreichen konnten, so feuerten wir mit Kugeln.
An Bord des Schiffes war man auch nicht mig; von dort bemerkte man
berdies, da immer noch mehr Indianer heranrckten, die wir nicht
sehen konnten. Mit ein paar in die Luft geschossenen Kanonenkugeln
wurde der Feind in die Flucht geschlagen. Nun waren wir Herren der
Bucht und gingen an das friedliche Geschft des Einsammelns von --
Sellerie.

Bald nachher besuchten wir eine andre Bucht derselben Insel und
bestiegen dort einen Berg, der eine wundervolle Aussicht bot. Um
uns herum im weiten Horizont lagen unzhlige Inseln. Jede bildete
einen reizenden Hafen, in dem die leuchtende See so still dalag wie
das Wasser in einem Mhlenteiche. Hbsche Drfer, einzelne Gehfte,
angebaute Felder wechselten miteinander ab. Eines von diesen ziemlich
groen Drfern lag in der Nhe. Seine Einwohner kamen in groer
Menge heraus und huldigten uns in rhrender Weise. Der ungnstigen
Windverhltnisse halber muten wir in dieser Bai verweilen. Wir hatten
uns inzwischen mit den Eingeborenen vollstndig ausgeshnt; sie kamen
oft ans Schiff, und wir besuchten sie in ihren Drfern. Auf diese Weise
lernten wir auch unsre Verwundeten kennen, so den Dieb der Ankerboje,
dem die Kugel durch die Armmuskel gegangen war und die Brust gestreift
hatte. Die ziemlich bedenkliche Wunde war in vollstndiger Heilung
begriffen. Auch der von Dr. Solander verwundete Huptling, der von
dem Schrotschu in die Schenkel getroffen worden war, schien sehr
getrstet, obwohl ihm noch ein halbes Dutzend Schrotkrner in den
Muskeln steckten. Eines Tages begleitete uns ein alter Mann hartnckig.
Als wir an eine kleine Burg kamen, zu der eine Leiter hinauffhrte,
blickte er uns scheu und ngstlich an. Das reizte unsre Neugierde, und
wir erklrten ihm, da wir diese Hhnerburg besichtigen wollten, was er
gegen das heilige Versprechen erlaubte, oben nichts -- Unanstndiges
zu tun, denn dort wohne seine Frau. Wir beruhigten ihn und kletterten
die Stange mit den paar Sprossen hinauf. Als wir eintraten, fanden wir
drei Weiber versammelt, die bei unserm Anblick in Trnen ausbrachen. Es
wurde uns nicht schwer, die drei Grazien zu beruhigen.

Am 5. Dezember lichteten wir frh um 4 Uhr bei leichtem Landwinde den
Anker. Den ganzen Tag lavierten wir, um aus der Bai hinauszukommen;
indessen trat um 10 Uhr des Abends solche Windstille ein, da das
Schiff sich weder auf die eine noch auf die andre Seite wenden lassen
wollte. Da die Flut nun so stark anlief, wurde es pltzlich so rapid
gegen das Land angetrieben, da es kaum noch eine Kabellnge von den
Klippen entfernt war. Wir hatten zwar 13 Klafter Wasser, allein der
Grund war so unsicher, da wir nicht mehr wagten die Anker auszuwerfen.
Ich lie daher sofort die Pinasse ausheben, um das Schiff an einem
Tau fortzuschleppen. Die Mannschaft erkannte die Gefahr sofort und
arbeitete mit aller Energie. Glcklicherweise bekamen wir von der
Landseite her Wind, und nun bemerkten wir zu unsrer unaussprechlichen
Freude, da sich das Schiff vorwrts bewegte. Es war die hchste
Zeit. Wir waren nmlich der Kste schon so nahe gekommen, da Tupia
in der Lage war, sich mit den Leuten an Land zu verstndigen. Wir
glaubten frei zu sein, als der Mann in den Pttings 17 Klafter meldete.
Fast in demselben Augenblick stie das Schiff gegen den Grund. Die
Erschtterung jagte uns allen den grten Schrecken ein. Herr Banks,
der im Begriff war ins Bett zu steigen, hrte 5 Klafter melden.
Der Felsen, auf den wir gerannt waren, lag zum Glck gegen den Wind.
Infolgedessen wurde das Schiff gleich wieder abgetrieben, ohne den
geringsten Schaden gelitten zu haben, und fiel in 20 Klafter. Mit dem
von Nordwest kommenden frischen Winde liefen wir in die See[4].

Am 14. Januar 1770 befanden wir uns in einer Bai in der Nhe des
Kaps Egmont (am Eingang der Cookstrae, direkt stlich vom Kap
Kidnappers). Die Kste schien hier verschiedene Baien zu bilden; ich
nahm mir vor, um das Schiff grndlich zu reinigen, in eine davon
einzulaufen. In dieser Absicht lavierte ich die Nacht hindurch. Um 2
Uhr nachmittags erst kamen wir vor Anker. Unser Ankerplatz war etwa
vier Kanonenschsse von einem Hipph entfernt, von dem einige Khne
gegen uns ausgesandt wurden. Die Mannschaft war gut bewaffnet. Mit den
blichen Herausforderungen rckten sie vor, bis es Tupia gelang, sie
zu beruhigen, worauf ein alter Huptling den Wunsch uerte, zu uns an
Bord zu kommen. Seine Landsleute wollten ihn mit Gewalt daran hindern,
allein er entwand sich mit heiterm Mute ihren Hnden und kam zu uns an
Bord. Wir reichten dem alten Herrn die blichen Geschenke, dann kehrte
er in seinen Kahn zurck. Nach einem Freudentanz in allen Khnen kehrte
man in das Fort zurck, whrend wir landeten. Am nchsten Morgen kamen
drei Khne. Die Eingeborenen hatten ihre Weiber mitgebracht, die uns
sehr lstig wurden; sie trugen einen aus Federn hergestellten Chignon,
der das Haupt gnzlich bedeckte und es doppelt so gro erscheinen lie,
als es war. Nach Tisch fuhr ich mit den Herren Banks und Dr. Solander
nach einer zwei Meilen entfernten Bucht. Unterwegs fanden wir eine
Frauenleiche, die auf dem Wasser trieb. Als wir landeten, flchtete
eine indianische Familie, die sich an der Kste aufhielt. Es gelang
Tupia, sie zu beruhigen. Wir erfuhren, da die Tote nach Landesbrauch
mit einem Stein in die See versenkt worden war; wenn wir die Leiche
schwimmend angetroffen htten, so mte der Stein durch irgendeinen
Zufall losgekommen sein. Die Wilden waren gerade beim Kochen. Als wir
in einen der Krbe blickten, entdeckten wir zwei abgenagte Knochen
darin, die unmglich von einem Hunde sein konnten. Bei genauerer
Besichtigung erkannten wir sie fr Menschenknochen, was uns mit
Schauder und Entsetzen erfllte. Um allen Zweifeln ein Ende zu machen,
lieen wir durch Tupia die Wilden fragen, was das fr Knochen wren.
Die Knochen eines Mannes, antworteten sie gleichgltig. Aber warum
habt ihr die Frau nicht gegessen? -- Die Frau war eine Verwandte und
ist an einer Krankheit gestorben. Wir essen nur die Leiber unserer
Feinde. Auf unsre Frage, wer der Mann gewesen sei, hrten wir, da er
zur Besatzung eines feindlichen Bootes gehrte. Einer von uns fragte,
ob sie noch Menschenfleisch htten. Sie verneinten. Als wir aber
scheinbar zweifelten, da es wirklich Menschenknochen wren, bejahten
sie die Frage. Einer von ihnen nahm den Knochen, nagte daran herum
und gab durch Gebrden zu verstehen, da es vorzglich gemundet habe.
Dann gab er Banks den Knochen zum Andenken. In der Gesellschaft befand
sich ein Weib, das sich aus Trauer den Krper auf entsetzliche Weise
zerschnitten hatte; sie beklagte den Tod ihres Mannes, der sein Grab in
den Mgen seiner siegreichen Gegner gefunden hatte.

Das Schiff lag kaum eine viertel Meile vom Land entfernt. Jeden Morgen
wurden wir durch ein Vogelkonzert geweckt. Die Anzahl der gefiederten
Snger war unglaublich gro; sie wetteiferten frmlich miteinander. Und
dieser Gesang war zauberhaft. Man glaubte lauter harmonisch abgestimmte
Glckchen zu hren; vielleicht wurde dieser Melodienzauber durch die
Entfernung und das leise Rauschen des Meeres verschnert. Wir erfuhren
von den Eingeborenen, da die kleinen Snger ihre Lieder immer zwei
Stunden nach Mitternacht anstimmen und sie bis zum Sonnenaufgang in
einer groen Symphonie ertnen lassen, dann aber wie unsre Nachtigallen
schweigen.

Am Morgen kam ein kleiner Kahn, worin sich unser Freund, der alte
Huptling, befand. Tupia erkundigte sich bei ihm wegen der bei seinen
Stammesgenossen herrschenden Gewohnheit, Menschenfleisch zu essen.
Der Alte wiederholte und besttigte alles, was wir gestern gehrt
hatten. Aber wohin kommen die Kpfe? Fret ihr die auch auf? fragte
Tupia. Von den Kpfen essen wir nur das Hirn, antwortete der Alte,
und er versprach uns, bei einem spteren Besuch ein paar Schdel
mitzubringen. Dann erzhlte er Tupia, da sie stndlich erwarteten,
wegen der letzten Menschenfressereien von den Blutrchern ihrer Opfer
berfallen zu werden. Wenige Tage spter fiel uns auf, da kein Kahn
ans Schiff kam. Wir brachten dies mit den Kriegsbefrchtungen unsrer
Nachbarn in Verbindung und beobachteten daher mit unsern Fernglsern
den Kriegsschauplatz, entdeckten aber nicht das geringste. Unsre Leute
fanden in diesen Tagen im Walde drei menschliche Hftknochen neben
einer Backgrube der Wilden und brachten uns diese Knochen als weitern
Beweis des hier blichen Kannibalismus. Herr Monkhouse fand in einem
verlassenen Dorfe den Skalp eines Mannes.

Am 19. stellten wir die Schmiede auf, um unser Schiff auszubessern, das
wir zu diesem Zweck auf die Seite legten. Am 20. kam der alte Herr und
brachte vier Kpfe mit. Haar und Fleisch der Kpfe waren unversehrt,
das Gehirn war herausgenommen. Banks konnte nur einen derselben
erhandeln; wahrscheinlich bewahren diese Kannibalen die Kpfe ihrer
Opfer als Siegeszeichen auf, denn das Fleisch schien prpariert zu
sein. Durch einen Schlag gegen die Schlfe war der Schdel geffnet
worden, wie der Augenschein bewies. Am nchsten Tage fingen die Herren
Banks und Solander so viele Fische, da die ganze Mannschaft damit
bekstigt werden konnte. Am 24. statteten wir unsern Nachbarn im Hipph
einen Besuch ab. Sie empfingen uns mit der grten Ehrerbietung und
zeigten uns ihre Wohnungen, die nicht nur bequem, sondern auch sehr
reinlich waren. Auch boten sie uns Menschenknochen zum Kauf an. Weil
wir alle diese Andenken als Beweisstcke ihrer Verirrung kauften,
so wurden ihnen Menschenknochen zum Handelsartikel. In dem Dorfe
fanden wir ein Kreuz angebracht, das mit Federn verziert war. Man
sagte uns, da man es zum Andenken an einen fremden Mann errichtet
habe. Da wir wuten, da sie ihre Toten nicht begraben, so wollten
wir Nheres wissen, aber sie verweigerten jede weitere Auskunft. Am
25. machte ich mit den Herren Banks und Dr. Solander einen Ausflug,
wobei wir nomadisierenden Fischern, Mnnern, Frauen und Kindern,
begegneten. Wir beschenkten sie mit Bndern und Glaskorallen und wurden
dafr geherzt und gekt. Am 26. errichteten wir auf einem Berge
eine Steinpyramide, in der wir einige europische Artikel vergruben,
um dadurch anzuknden, da wir die ersten Europer in dieser Gegend
waren. Spter besuchten wir ein Felsenhipph von hundert Husern. Wir
beschenkten deren Bewohner mit allerlei Kleinigkeiten, wofr sie uns
die Boote mit getrockneten Fischen fllten, wovon sie groe Vorrte
angesammelt hatten. Am 27. und 28. reparierten wir unser Schiff.
Am 29. kam Topaa, unser alter Herr, mit drei Eingeborenen. Am 30.
lie ich auf einer benachbarten Insel Sellerie einsammeln. Als unsre
Leute dort erschienen, setzten sich mehrere Frauen in ihre Nhe und
begannen sich Arme, Beine, Busen und Gesicht mit scharfen Muscheln
zu zerfetzen, aus Trauer darber, da die Feinde vor einigen Tagen
ihre Mnner gettet und gefressen htten. Den brigen Eingeborenen
schien diese Szene ziemlich gleichgltig zu sein. Ich lie durch den
Schiffszimmermann auf dem hchsten Berg einen Pfosten errichten, an dem
ich die englische Flagge hite, und beauftragte gleichzeitig den alten
Topaa, Gegenstnde, die ich ihm gab, in Verwahrung zu nehmen und sie
bei Gelegenheit dem Europer, der nach uns hierherkommen sollte, als
Beweis dafr zu zeigen, da wir vor ihm dagewesen seien. Gleichzeitig
taufte ich die Gegend Knigin-Charlotten-Sund und ergriff von ihr im
Namen Knig Georgs III. Besitz. Topaa sagte mir, da der Kanal eine
stliche Ausfahrt habe. Am 5. Februar endlich konnten wir die Anker
lichten, wir muten aber bald wieder beilegen; am 6. erst erhielten wir
gnstigen Wind, und ich steuerte in die Strae[5], in der wir einen
erstaunlich hohen, mit Schnee bedeckten Berg erblickten. Bald waren
wir am Endkap der Strae angelangt, das ich einem alten Freunde, dem
Kapitn Palliser, zu Ehren das Kap Palliser nannte. Am 9. Februar
1770, morgens um 11 Uhr, sahen wir Kap Turnagain ungefhr 7 Seemeilen
weit von uns in Nord gen Ost halb Ost liegen. Ich rief die Offiziere
auf Deck und konstatierte, da Eaheinomauwe, wie die Eingeborenen
das nrdliche Neuseeland nennen, eine Insel sei und wir sie erstmals
umschifft htten. Da nun alle Zweifel gehoben waren, so richteten wir
unsern Lauf hart am Winde gegen Osten hin. Um 4 Uhr des Nachmittags
steuerten wir unsern Kurs gen Sdwest.

[3] Diese Vorliebe fr Papier scheint auf Neuseeland, denn um dieses
handelt es sich oben, traditionell zu sein. Ein neuseelndischer
Huptling sagte einmal zu dem Forscher Earle, indem er den Geschmack
von Menschenfleisch rhmte: Menschenfleisch ist weich wie Papier!

[4] Hier folgen die Schilderung der Umschiffung des Nordkaps und die
Daten der Fahrten bis zum 10. Januar. Die Beschreibung ist zu sehr nur
technischer Natur, als da sie allgemein interessieren knnte.

[5] die nach ihrem Entdecker die Cookstrae genannt wird.




Neuntes Kapitel.

  Neuseelndische Sitten. -- Die Ursache des Kannibalismus. --
  Gastfreundliche Prostitution. -- Zeitehen. -- Abscheuliche Tnze. --
  Die Frauen. -- Die Religion.


Am 14. befanden wir uns dem Schneegebirge gegenber; am 16. entdeckten
wir eine grere Insel, der ich Banks' Namen gab; am 25. segelten wir
bei heftigem Nordnordostwind an einem Kap vorber, dem Kap Saunders; am
4. Mrz erblickten wir einige Walfische; am 10. Mrz endlich befanden
wir uns an der sdlichsten Spitze von Neuseeland, die ich das Sdkap
taufte. Von hier steuerte ich nach Westen.

Das westliche Kap lag in einer Breite von 45 Gr. 54 Min. und in einer
Lnge von 193 Gr. 17 Min. Wir hatten hier die Nacht ber beigelegt
und gingen um 4 Uhr des Morgens mit einem gelinden Sdsdostwind
nach Norden hin wieder unter Segel. Man kann sich unmglich eine
rauhere, schroffere und dere Gegend vorstellen als das felsige Land,
das sich whrend dieser ganzen Fahrt nordwrts unsern Blicken bot.
Endlich erreichten wir die Insel, die ich bei der Einfahrt in den
Knigin-Charlotten-Sund erblickt hatte; wir hatten also das ganze
Land umschifft. Nun war der groe Tag des Abschieds gekommen. Wir
beschlossen ber Neuholland (Australien) und Ostindien nach England
zurckzukehren. In dieser Absicht gingen wir am 31. Mrz 1770 bei
Tagesanbruch unter Segel.

Abel Jansen Tasman hat Neuseeland am 13. Dezember 1643 zuerst entdeckt.
Weil er aber in der Bai, der er den Namen Mrderbai gab, von den
Eingeborenen angegriffen wurde, so ging er nicht ans Land. Man wei
jetzt, da dieses Land, das man vielfach fr den Teil eines sdlichen
festen Landes gehalten hatte, aus zwei groen Inseln besteht, die
durch eine 4-5 Seemeilen breite Strae voneinander getrennt sind. Die
nrdliche dieser Inseln wird von den Eingeborenen Eaheinomauwe, die
sdliche Tavai Poenammoo genannt. Die Neuseelnder sind ungewhnlich
gro, krftig, muskuls, ungemein ttig und rhrig, und nicht so fett
und trge wie die ppigen Bewohner der Sdsee-Inseln. Die Frauen haben
fast mnnliche Gesichtszge; allein um so sanfter und lieblicher ist
ihre Stimme, an der man sie erkennt, denn die beiden Geschlechter
tragen dieselbe Tracht. Mnner und Frauen sind sanftmtig und hflich;
sie verkehren miteinander auf das zrtlichste und liebreichste. Gegen
ihre Feinde jedoch sind sie grausam und unvershnlich.

Das Hauptnahrungsmittel der Neuseelnder sind Seefische. Der Hunger
treibt die Stmme aus dem Innern des Landes an die Kste, deren
Bewohner also gezwungen sind, fortwhrend um ihre lteren Besitzrechte
zu kmpfen. Daher die befestigten Drfer an der Kste, daher der
Kannibalismus. Der Hunger war es, der den Sieger zwang, den Leichnam
des Erschlagenen zu verspeisen; und die Rachsucht ist es, die den
Satten veranlat, Gleiches mit Gleichem zu vergelten. Auf diese
Weise hat sich unter den Neuseelndern der Gebrauch eingebrgert
Menschenfleisch zu essen. Der Hunger ist hier tatschlich die Ursache
aller Greuel, die Ursache, da ein an sich sanftmtiges Volk nicht
nur dem Kannibalismus huldigt, sondern auch dem Kriege ergeben und
geneigt ist, jeden Fremden fr seinen Feind anzusehen. So waren die
Neuseelnder auch stets bereit uns anzugreifen, doch beugten sie sich
fatalistisch unsrer berlegenheit. Als sie aber erkannten, da wir
unsre Macht nicht mibrauchten, da wurden sie unsre ergebenen Diener
und Freunde.

Die Schamlosigkeit unserer Freunde auf Otahiti in ihrer ganzen
naiven Verderbtheit ist den Neuseelndern fremd. Diese beobachten
in ihren Gesprchen und Handlungen ebensoviel Wohlanstand, als man
unter den gesitteten Vlkern antreffen kann. Die ziemlich ppigen,
buhlerischen und sehr koketten Neuseelnderinnen waren weder sprde
noch unerbittlich, allein sie knpften an ihre Gunst die Bedingung der
Abschlieung einer sogenannten Zeitehe. Dieser Vertrag war unerllich.
Wenn irgendeiner von unsern Leuten einem jungen Mdchen einen Antrag
machte, so machte sie ihn darauf aufmerksam, da er die Einwilligung
ihrer Eltern einholen msse und ihnen das bliche Geschenk zu bringen
habe. Diese Ehe auf ein paar Stunden oder Tage wurde von den jungen
Frauen fr so ernst und heilig genommen wie jede wirkliche Ehe. Einer
von unsern Reisenden wandte sich an einen Huptling wegen einer seiner
Tchter und erhielt folgenden Bescheid: Ein jedes von unsern jungen
Mdchen wird es sich zur Ehre anrechnen, da Sie sich die Mhe geben
um sie anzuhalten. Sie mssen mir aber zuvor ein anstndiges Geschenk
machen und alsdann kommen und bei uns am Lande bernachten, denn das
Sonnenlicht darf ja nicht Zeuge von dem sein, was zwischen Ihnen beiden
vorgeht.

Die Neuseelnder baden des viel klteren Klimas wegen nicht so hufig
wie die Tahitiindianer. Das Ekelhafteste an ihnen ist jedoch das
ranzige Fischl, mit dem sie ihr Haar einfetten. Dadurch riechen sie
so bel wie die Hottentotten. Auch sind ihre Kpfe, obschon sie sich
Kmme zu machen verstehen, nicht rein von Ungeziefer. Die Mnner tragen
den Bart kurz; das Haupthaar binden sie auf dem Kopfwirbel zusammen
und verzieren es mit Federn. Die Frauen tragen meist das Haar lang
und lassen es frei ber die Schulter hngen. Auch verunstalten sich
Mnner und Frauen mit Ttowierungen und einer greulichen Schminke, dem
Bergrot, womit sie Gesicht und Krper reichlich bemalen.

Die Frauen sind weniger eitel auf ihre Kleider als die Mnner; aber
im Gegensatz zu den Frauen auf Otahiti legen sie ihre Kleider nur
dann ab, wenn sie baden oder ins Wasser gehen, um Krebse zu fangen,
wobei sie Sorge tragen, von keinem Manne berrascht zu werden. Einige
von uns landeten eines Tages auf einer kleinen Insel in der Toloyabai
und berraschten zuflligerweise verschiedene Frauen und Mdchen beim
Krebsfang. Aber die keusche Diana war gewi nicht verschmter, als sie
den neugierigen Akton erblickte, als die braunen Nymphen bei unsrer
Annherung. Ein Teil der Gesellschaft versteckte sich zwischen den
Klippen, die brigen duckten sich so lange ins Wasser, bis sie sich aus
Seetang eine Art Schrze gemacht hatten. Als sie mit dieser Hlle dem
Walde zu flchteten, geschah es mit allen Zeichen holder Verwirrung und
Schamhaftigkeit.

Der Kriegstanz der Neuseelnder besteht aus vielen heftigen Bewegungen
und aus abscheulichen Verdrehungen des Krpers und der Glieder. Auch
das Gesicht, das scheulich verzerrt wird, spielt eine abschreckende
Rolle. Die Zunge wird oft unglaublich lang herausgestreckt; die
Augenlider werden so verzogen, da das Weie im Auge sichtbar
wird. Kurzum, sie machen alles, um schrecklich, wild und furchtbar
auszusehen. Dabei schwenken sie die Lanze, schtteln die Wurfspiee
und hauen mit dem Ptuh-Ptuh wie besessen in der Luft herum. Der
Kriegsgesang, den sie bei diesem grlichen Tanz anstimmen, ist zwar
wild, aber doch nicht unangenehm. Jeder Vers wird mit einem lauten,
seufzerhnlichen Gesthne beendet, dessen Wirkung auf die Nerven dem
Zweck des Angstmachens entsprechend ist. So abscheulich aber auch bei
diesem Tanze die Gliederverrenkungen und die scheulichen Drehungen
des Krpers sein mochten, so sehr begeisterte uns der Umstand, da
alles dabei klappte und da keiner unter den Tnzern aus dem Takte
fiel. Wenn sie den Kriegstanz mit dem Ruder begleiteten, d.h. wenn oft
hundert Ruderer mit ihrem Ruder gegen die Bootswand schlugen, so klang
es wie _ein_ Schlag. Ich habe nie gehrt, da irgendeiner vor- oder
nachschlug. Genau so abgemessen waren auch die groteskesten Episoden
des Tanzes selbst.

Die Lieder der Frauen, deren weiche, biegsame, melodische Stimmen uns
auffielen, sind rhrend sentimental und voll rhythmischer Schnheiten,
aber unsagbar wehmtig und ergreifend innig. Wir waren in der Tat
berrascht, unter den armen Wilden dieses den Landes einen solchen
Reichtum an Tnen, an Melodien zu finden, deren Gemtstiefe und
Ausdrucksschnheit an die schnsten Volkslieder unsrer Heimat erinnert;
sie atmen Schmerz und Trauer!...

Ich will noch erwhnen, da die Neuseelnder die Schdel
ihrer erschlagenen und aufgespeisten Gegner zu schauderhaften
Schmuckgegenstnden verzieren; sie setzen ihnen falsche Augen ein,
prparieren den Haarboden derart, da die Haare nicht ausfallen, und
schmcken sie mit Ohrgehng.

Es scheint, da die Frauen auf Neuseeland weniger geachtet sind als
die Frauen auf Otahiti. Wenigstens sagte es Tupia, und er uerte sich
darber sehr mibilligend. Nheres konnten wir nicht ermitteln. Wir
sahen Mnner und Frauen zusammen speisen, sahen die Frauen fischen,
weben und kochen. Das war alles. Wie also Tupia zu seinem Urteil
kam, wurde uns nicht recht verstndlich. Auch ber die Religion der
Neuseelnder erfuhren wir nicht viel. Sie glauben an einen hchsten
Gott und an Untergtter; von der Entstehung der Welt und der Schpfung
des ersten Menschen haben sie dieselbe Meinung wie die Eingeborenen
von Otahiti. Doch schien Tupia in seiner Religion aufgeklrter und
entwickelter zu sein. Er predigte den Neuseelndern wiederholt, und
es fehlte ihm nie an Zuhrern, die ihm so ehrerbietig und aufmerksam
zuhrten, da wir ihnen herzlich gern einen bessern Lehrer gewnscht
htten. Sonst erfuhren wir nichts davon, wie sie ihre Gtter ehrten;
auch entdeckten wir keine Morais. Ebensowenig erfuhren wir Nheres
ber die Art der Bestattung ihrer Toten. Im Norden sagte man uns, man
_begrabe_ die Toten; im Sden, man werfe sie ins Meer. So viel aber
ist gewi, da wir nirgends ein Grab entdecken konnten, und da die
Neuseelnder alles, was ihre Toten betraf, mit dem grten Geheimnis
umgaben. Nur die Krper der berlebenden zeugten von einem Totenkult.
Denn wir entdeckten fast an allen Mnnern und Frauen jene tiefen
Narben, die von den Wunden herrhrten, die sie sich aus Trauer ber den
Tod ihrer Verwandten beigebracht hatten. Wir fanden diese Trauerwunden
noch frisch, waren sogar Zeugen davon, wie sich eine Trauernde Arme,
Beine und Busen verwundete; ein Leichenbegngnis indessen bekamen wir
merkwrdigerweise nicht zu sehen.

Gewisse hnlichkeiten zwischen der Sprache von Neuseeland und der
von Otahiti lassen darauf schlieen, da beide Vlker von ein und
demselben Urvolk abstammen. Beide Vlker haben auch eine gemeinsame
Sage, nach der ihre Ahnen vor langen Jahren aus einem Lande, das beide
Hiwije nennen, eingewandert sind. Auch konnte sich Tupia berall
verstndlich machen. Die Verwandtschaft wird noch grer, wenn wir die
hnlichkeit der Sprache bercksichtigen; so haben die Neuseelnder
und die Otahiti-Insulaner dasselbe Wort fr die meisten Begriffe. Bei
beiden heit z.B. Taata: Mann; Eupo: der Kopf; Erai: die Stirn; Mata:
die Augen, usw. usw. Uns schien jedoch aus verschiedenen Ursachen die
Annahme, da die gemeinsamen Stammeltern der beiden Inselvlker etwa
aus Amerika gekommen wren, nicht berechtigt zu sein.

Unsre Entdeckungsfahrt hat den Beweis dafr erbracht, da sich im Sden
von Ozeanien kein festes Land befindet. Es kann keinen groen sdlichen
Weltteil geben. Hingegen gibt es noch eine Menge unbekannter Inseln,
die bisher von keinem europischen Schiffe besucht worden sind...




Zehntes Kapitel.

  Entdeckung der australischen Ostkste. -- Die Macht der Feuerwaffen.
  -- In der Botanybai. -- Gefhrliche Havarie. -- Wir retten das Schiff.


Am 28. Mrz erblickten wir Land[6]. In der Nacht segelten wir der Kste
entlang nach Norden. Sobald der Tag anbrach, sahen wir eine Bai. Da
sie gegen Winde geschtzt zu sein schien, so nahm ich mir vor, mit dem
Schiff einzulaufen. Wir kamen denn auch etwa zwei Seemeilen von der
Einfahrt in sechs Klaftern Wasser vor Anker. An dieser Stelle hatten
wir die sdliche Landspitze der Bai im Sdosten und die nrdliche im
Osten. Whrend der Einfahrt hatten wir daselbst einige Htten und eine
Anzahl Eingeborene gesehen; unter der sdlichen Landspitze bemerkten
wir vier kleine Khne mit je einem Mann an Bord. Die vier waren mit der
Fischjagd beschftigt und so eifrig bei der Arbeit, da sie uns nicht
bemerkten, obwohl wir in einer Entfernung von kaum einer englischen
Viertelmeile an ihnen vorbersegelten.

Der Ankerplatz des Schiffes lag einem kleinen, ungefhr aus acht Htten
bestehenden Dorfe gegenber. Als wir das Boot freimachten, sahen
wir eine alte Frau in Begleitung von drei Kindern aus dem Gehlze
kommen. Sie trug eine Ladung Brennholz. Am Dorfe kamen ihr noch drei
Kinder entgegen. Whrend sie im Freien Feuer anmachte und mit den
Vorbereitungen zur Herrichtung eines Mahles beschftigt war, blickte
sie zwar oft nach dem Schiffe aus, schien aber vllig unbesorgt zu
sein. Unterdessen kamen auch die Fischer mit ihren Khnen zurck,
landeten, zogen ihre Khne an das Land und kochten sich ihr Essen. Von
uns nahmen sie kaum Notiz. Die vier Mnner gingen wie die Kinder vllig
nackt; selbst die Frau trug nicht einmal ein -- Feigenblatt. Um die
Mittagszeit lie ich die Boote bemannen, und wir ruderten direkt nach
dem Dorfe hin, berzeugt, da uns die Wilden, die unsre Anwesenheit so
gleichgltig lie, die Landung nicht streitig machen wrden. In dieser
Erwartung sahen wir uns getuscht; denn kaum waren wir in der Nhe der
Felsen, als zwei von den Mnnern, die mit langen Lanzen und Keulen
bewaffnet waren, herankamen, uns in ihrer rauhen, beltnenden Sprache
die Landung verboten und entschlossen Vorbereitungen zur Verteidigung
ihrer Kste trafen. Ich bewunderte ihren Mut und versuchte sie durch
Zeichen und kleine Geschenke freundlicher zu stimmen.

Die Wilden hoben zwar die Ngel und Glaskorallen, die ich ihnen zuwarf,
mit Vergngen auf, widersetzten sich aber ebenso energisch unsrer
Landung. Ich feuerte einen Schreckschu gegen sie ab. Allein sie
begannen daraufhin Steine gegen uns zu schleudern. Wir feuerten sodann
einen Schrotschu ab, der den einen von ihnen in die Beine traf; er
rannte sofort nach einer der Htten. Wir stiegen unterdessen ans Land.
Kaum waren wir aus dem Boote, als der Verwundete mit seinem Schilde
zurckkam und mit seinem jngern Gefhrten ein paar Lanzen gegen
uns schleuderte, die zum Glck niemand verwundeten. Ich lie einen
zweiten Schrotschu gegen die tapfern Burschen abfeuern, worauf sie
dann flchteten. Da Herr Banks von vergifteten Waffen sprach, so hielt
ich es nicht fr ratsam, die beiden in den Wald verfolgen zu lassen.
Wir gingen aber nach den Htten hin und fanden in einer von ihnen
die Kinder hinter Schilden und Baumrinden versteckt. Wir begngten
uns jedoch damit, einige verstohlene Blicke auf sie zu werfen und
die Knirpse in dem Wahn zu lassen, als htten wir sie nicht bemerkt.
Beim Weggehen legten wir Bnder, Glaskorallen, kleine Stcke Tuch und
andre Geschenke hin, nahmen aber smtliche Lanzen, etwa fnfzig an der
Zahl, als Siegesbeute mit. Die Lanzen waren sechs bis fnfzehn Fu
lang und hatten gleich einer Fischgabel vier Zinken. Als wir die Khne
untersuchten, fanden wir, da sie von allen, die wir bisher untersucht
hatten, die primitivsten waren und aus Baumrinde bestanden, die in der
Mitte durch hineingeklemmte Knppel auseinandergehalten wurde, an den
beiden Enden aber zusammengezogen und gebunden war. Wir suchten hierauf
nach frischem Wasser, fanden aber nichts. Nachdem wir die eroberten
Lanzen an Bord verbracht hatten, ruderten wir zur nrdlichen Landspitze
der Bai hinber, wo wir bei unsrer Einfahrt eine Horde Wilder erblickt
hatten, fanden sie aber verlassen. Am andern Morgen entdeckten wir
einen kleinen Bach und ergnzten hier unsern Wasservorrat.

Das Dorf war verlassen. Unsre Geschenke lagen unberhrt da. Als jedoch
die Holzfller und unsre Wasserleute eine Pause machten und an Bord
zurckkehrten, erschien ein Dutzend Wilder, die unsre Fsser anstaunten
und dann ihre Khne in Sicherheit brachten. Am Nachmittag erschien ein
Trupp bewaffneter Eingeborener in der Nhe der Wasserstelle, war aber
nicht zum Nherkommen zu bewegen. Am Abend fing ich mit den Herren
Banks und Dr. Solander mit dem groen Netz in wenigen Zgen drei
Zentner Fische, die unter das Schiffsvolk verteilt wurden. Am folgenden
Morgen erschienen die Wilden wieder in ihrem Dorf. Wir hrten sie laut
rufen und sahen sie auch am Strande. Kurz darauf zogen sie sich in ihre
Wlder zurck, wo sie an verschiedenen Stellen Feuer anzndeten.

An diesem Abend verschied der Matrose Forby Sutherland. Am nchsten
Morgen beerdigten wir ihn an der Wasserstelle. Zu seinem Andenken
taufte ich die sdliche Spitze der Bai Sutherland-Point. Kurz darauf
trat ich mit den Herren Banks und Dr. Solander und sieben Leuten
der Besatzung eine Forschungsreise an. Wir fanden viele Htten und
Lagerpltze der Wilden, begegneten aber niemand. Die Khnheit, womit
uns die Wilden bei unsrer Landung begegneten, und die namenlose Furcht,
mit der sie jetzt bei unserm Herannahen zu flchten und sich zu
verkriechen pflegten, standen in gewaltigem Gegensatz. Wir erklrten
diese Wandlung mit der Wirkung unsrer Schuwaffen, die sie von ihren
Verstecken aus aufmerksam beobachteten.

Die groe Menge verschiedenartiger Pflanzen, die die Herren Banks
und Dr. Solander hier sammelten, gab mir Veranlassung, die Bai die
Botanybai zu nennen; sie liegt in der sdlichen Breite von 34 Grad und
in der westlichen Lnge von 208 Grad 37 Minuten. Sie ist gerumig,
sicher und bequem. Die Anwohner der Bai, die uns zu Gesicht kamen,
gingen splitternackt; sie schienen nicht zahlreich zu sein und lebten
in vereinzelten Familien. Ihre Hauptnahrungsmittel waren Muscheln,
Krebse und Fische. Von ihrer Lebensweise konnten wir nichts erfahren,
da sie sich uns fernhielten.

Am 6. Mai 1770 segelten wir aus der Botany-Bai hinaus und steuerten
bei leichtem Nordwestwind, der sich bald nach Sden drehte, nach
Nordnordost lngs der Kste hin. Am Mittag befanden wir uns einem Hafen
gegenber, den ich Port Jackson taufte. Je weiter wir uns von der
Botanybai entfernten, desto gebirgiger wurde das Land; die Aussicht
zeigte abwechselnd Berg und Tal, Hgel und Ebenen, die ziemlich
waldreich waren. Wir hatten bereits 1300 englische Seemeilen ohne
Unfall an einer gefhrlichen, klippenreichen Gegend zurckgelegt. An
einem Kap, das in der sdlichen Breite von 16 Grad 6 Minuten und in
der westlichen Lnge von 214 Grad 39 Minuten liegt, sollte uns das
Verhngnis erreichen. Es war am spten Abend, als wir fast pltzlich in
12, 10 und 8 Klafter Wasser gerieten. Um 10 Uhr fanden wir 20 Klafter;
alle Gefahr schien beseitigt und wir begaben uns zur Ruhe. Um 11 Uhr
nahm die Tiefe pltzlich wieder bis auf 7 Klafter ab; das Schiff sa
kurz danach fest und senkte und hob sich knirschend mit den Wellen.
Dadurch aber schlug es nur um so heftiger auf die schroffen Spitzen
der Klippe, worauf es gestrandet war. In ein paar Sekunden befand sich
alles auf Deck, und jeder las aus den Mienen der andern die Gre der
Gefahr ab, in der wir schwebten. Jeder wute, da wir fern von der
Kste auf eine Korallenklippe aufgelaufen waren und nur durch ein
Wunder gerettet werden konnten. Ich lie sogleich die Segel reffen, die
Boote aussetzen und das Wasser sondieren. Unsre Lage war verzweifelt
genug: die Wellen hatten das Schiff ber den Rand der Klippe gehoben
und in eine Vertiefung eingeklemmt. Wir warfen die Anker am Hinterteil
aus, wo tiefes Wasser war, und versuchten das Schiff mit der
Schiffshaspel loszuwinden, aber es war nicht von der Stelle zu bringen.
Dabei schlug es unaufhrlich auf, und beim Mondschein sahen wir Bretter
von der Schiffswand und zuletzt auch den Afterkiel abschwimmen. Ein
jmmerlicher Anblick, der uns so erschtterte, da wir die See bereits
als unser Grab betrachteten.

Indes war es nicht an der Zeit solchen Gedanken nachzuhngen. Wir
lieen das Wasser aus den Fssern laufen und heraufpumpen. Sechs
Kanonen, die auf dem Verdeck standen, unsern Ballast an Eisen und
Steinen, Fsser, Krge usw. warfen wir ber Bord. Jedermann arbeitete
unermdlich und mit aller Energie, und keinem, selbst dem Rohesten
nicht, entfuhr dabei ein Fluch. Mit einem Dankgebet begrten wir den
jungen Tag. Wir sahen jetzt, da wir etwa 8 Seemeilen vom Land entfernt
waren. Zum Glck trat nun eine Windstille ein; bei starkem Winde wre
das Schiff in Stcke zerschellt. Als die Flut wieder eintrat, fhrten
wir die Anker wieder aus, um den Versuch zu erneuern, das Schiff, falls
es durch die Flut flott wrde, ber die Klippe zu heben. Allein zu
unserm Entsetzen war die Flut am Tage niedriger als in der Nacht; wir
muten also die Mitternachtsflut abwarten und den Tag ber mit zwei
Pumpen das eingedrungene Wasser aus dem Schiff pumpen.

Um 5 Uhr des Abends bemerkten wir, da die Flut sich einstellte, wir
machten aber auch gleichzeitig die frchterliche Entdeckung, da das
Leck sich immer mehr vergrerte. Wir muten unsre letzte Pumpe in
Aktion treten lassen. Um 9 Uhr richtete sich das Schiff wieder auf.
Das Leck hatte sich aber so vergrert, da wir befrchten muten,
nach dem Flottbringen des Schiffes dem sofortigen Untergang geweiht zu
sein. Wir wuten wohl, da weder die Anzahl noch die Gre unsrer Boote
ausreichte, uns alle ans Land zu fhren. Wir wuten, da, wenn jener
frchterliche Augenblick da war, ein entsetzlicher Kampf um die Boote
entstehen wrde. Wir wuten aber auch, da das Los der Unglcklichen,
die mit dem Schiffe ihren Untergang finden muten, im Vergleich mit dem
Schicksal, das die Schiffbrchigen in diesem wilden Lande erwartete,
beneidenswert war. Wer das vor Augen hatte, der kann von sich sagen,
da er den Tod in seiner frchterlichsten Gestalt kennengelernt hat.
Als der Augenblick sich nherte, der ber unser Schicksal entscheiden
sollte, konnte jeder das, was er selber fhlte, auf dem Gesichte seiner
Leidensgefhrten ausgedrckt finden.

Inzwischen wurden so viele Leute, als beim Pumpen entbehrlich waren,
an die Winde und den Haspel gestellt. Ungefhr 20 Minuten nach 10 Uhr
wurde das Schiff flott. In demselben Augenblick wurden Winde und Haspel
mit der uersten Kraft angezogen. Dadurch wurde das Schiff von der
Klippe glcklich in tiefes Wasser hinabgehoben. Zu unsrer Freude fanden
wir, da das Schiff hier nicht mehr Wasser einlie als auf der Klippe.
Und mit neuem Mut kmpfte die Mannschaft an den Pumpen die ganze Nacht
hindurch mit dem eindringenden Wasser. Nach vierundzwanzigstndigem
Ringen aber ermatteten auch die Tapfersten unter uns, und selbst die
Mutigsten verzweifelten an der Rettung.

Die Leute waren so bermdet, da sie es kaum lnger als fnf Minuten
an den Pumpen aushalten konnten; sie fielen auf dem nassen Verdeck
sofort in tiefen Schlaf, aus dem man sie zur Ablsung rtteln mute.
Als sich am Morgen herausstellte, da das Wasser im Schiffsraum
nachgelassen hatte, schpfte jeder wieder neuen Mut und arbeitete mit
frischen Krften. Um 8 Uhr des Morgens lichteten wir die Anker, wobei
wir den kleinen Buganker und das Kabeltau des Stromankers einbten.
Doch waren das in unsrer jetzigen verzweifelten Lage Kleinigkeiten, um
die sich niemand bekmmerte.

Um 11 Uhr bekamen wir Wind von der See her, gingen glcklich wieder
unter Segel und steuerten dem Lande zu.

Durch bestndiges, eifriges Pumpen hielten wir das Schiff zwar ber
Wasser, aber auf die Dauer war diese schwere Arbeit unmglich. Einer
meiner Unteroffiziere schlug mir vor, das Schiff zu fttern, ein
Mittel, durch das es einem Kauffahrteischiff mglich war, von Virginien
nach London zu fahren. Gleichzeitig erbot er sich, das Schiff auf diese
Weise zu fttern. Ich gab ihm dazu die ntigen Mittel und Gehilfen,
und er ging nun in der Weise vor, da er einen Brei aus Wolle und den
Fasern von aufgedrehten Seilen mischte, diesen Brei an einem leeren
Segel befestigte, alles mit Schafsmist und Dnger bedeckte und dann das
Segel unter dem Schiffsboden bis zum Leck hinzog, den es so bedeckte
und fllte, da eine Pumpe gengte, um das Wasser zu bewltigen. Wir
faten jetzt neuen Mut.

Als wir in der Nacht vor Anker gingen, fanden wir, da das Schiff in
einer Stunde ungefhr 15 Zoll Wasser einlie. Das bedeutete keine
unmittelbare Gefahr. Um 6 Uhr morgens hoben wir den Anker und steuerten
langsam auf das Land zu. Die Pinasse brachte am Abend die Nachricht,
da ungefhr zwei Seemeilen weit unter dem Wind hin ein Hafen liege,
der so beschaffen sei, da dort das Schiff zur Reparatur ans Land oder
auf die Seite gelegt werden knne.

Auf diese Nachricht hin hob ich morgens in der Frhe den Anker. Zwei
Boote muten vorausrudern und hatten Befehl, sich zur Sicherheit des
Schiffes auf die Untiefen zu legen, die wir auf unserm Wege sahen. Als
dies geschehen war, segelten wir dem Hafen zu, wobei wir trotz unsrer
Vorsicht in Untiefen gerieten. Um diese Zeit fing der Wind an immer
strker zu wehen.

Es war ein Glck fr uns, da der Hafen so nahe war, denn das Schiff
parierte dem Steuer nicht mehr. Auch hatten wir die Gefahr noch nicht
ganz berwunden, denn wir waren von Untiefen umgeben. Ich lie daher
Anker auswerfen und steckte im Kanal Ankerwchter aus, um mich beim
Einlaufen danach richten zu knnen. Ich fand die Einfahrt sehr schmal
und auch den Hafen bedeutend enger als ich geglaubt hatte, sonst
aber wie geschaffen fr unsre Zwecke. Den ganzen Tag und die Nacht
ber strmte es so heftig, da wir nicht wagen durften in den Hafen
einzulaufen; bei all unsrer Freude ber unsre Errettung durften wir
doch nicht vergessen, da eine Handvoll Wolle die Scheidewand zwischen
uns und dem Tode bildete. Der Sturmwind hielt am 15. den ganzen Tag
ber an, auch am 16. setzte er wieder ein, als wir im Begriff waren den
Anker zu lichten.

Wir hatten am Abend nicht weit vom Strand ein Feuer erblickt; ein
Zeichen, da die Gegend bewohnt war. Wir hofften daher mit den
Eingeborenen in Verbindung zu treten. Auch heute erblickten wir mehrere
Feuer und sahen durch unsre Fernglser vier Indianer, die diese Feuer
anzndeten. Der Zweck der Feuer war uns natrlich ein Rtsel. Der
Skorbut begann sich unter uns auszubreiten. Tupia klagte ber Schmerzen
im Gaumen und bekam gelbblaue Flecken an den Beinen. Auch Herr Green
war sehr krank. Am 17. lichteten wir die Anker und eilten dem Hafen zu.
Das Schiff geriet dabei zweimal auf Grund. Das erste Mal wurde es ohne
Mhe wieder flott, das zweite Mal nur mit Hilfe der Flut, worauf wir
es an Seilen in den Hafen zogen und an der Sdseite an einer Stelle,
wo der Strand sehr steil war, festlegten. Am Morgen des 18. wurde eine
Brcke vom Schiff bis zum Strande gebaut und wurden am Strande zwei
Zelte aufgeschlagen. Das eine war fr die Kranken, das andre war fr
die Schiffsvorrte bestimmt, die sofort ausgeladen wurden. Kaum war das
Krankenzelt aufgeschlagen, so schickte ich unsre Kranken, acht an der
Zahl, ans Land. Auch fertigte ich ein Boot zum Fischfang ab; leider
kam es leer zurck. Tupia angelte seine Fische selbst und lebte davon.
Der Erfolg blieb nicht aus, denn er genas sehr schnell, whrend Herr
Green andauernd gefhrlich krank blieb. Die bergige Gegend war trostlos
unfruchtbar und de, die Ebene sumpfig und mit Mangrovebumen bedeckt.

Am folgenden Morgen lie ich die vier Kanonen, die uns briggeblieben
waren, aus dem Schiffsraum heraufbringen und auf den berlauf pflanzen.
Hierauf transportierten wir allen Ballast und die Schiffsschmiede ans
Land; am Nachmittag wurden die Vorrte der Offiziere und die unterste
Reihe der Wasserfsser ausgeschifft, so da im untersten Schiffsboden
nichts als die Kohlen zurckblieben.

Herr Banks war inzwischen ber das Revier hinaus auf die andre Seite
des Hafens hinbergegangen; er traf hier groe Flge Tauben an, von
denen er etliche scho, die ungemein schn waren.

Am 20. wurden der Pulvervorrat und der Steinballast ans Land geschafft.
Dadurch wurde das Schiff so erleichtert, da es vorne nur noch 8 Fu 10
Zoll und hinten 13 Fu tief im Wasser lag. Ich lie dann die Kohlen
vom Vorderteil des Schiffes, um diesen zu heben, nach dem Hinterteil
verbringen. Dabei zeigte sich, da das Leck unter dem Kohlenraum war;
wir konnten hren, da das Wasser ein wenig hinter dem Fockmast,
ungefhr drei Fu vom Kiel entfernt, hereinscho.

Ich mute mich also dazu bequemen, den ganzen Schiffsraum leeren
zu lassen. Am 21. nachmittags um 4 Uhr war diese Arbeit geschehen,
worauf wir das Schiff an Seilen an eine Stelle hinzogen, wo es meines
Erachtens am bequemsten ans Land gelegt und das Leck verstopft werden
konnte. Vorne lag es nunmehr 7 Fu 9 Zoll, hinten 13 Fu 6 Zoll tief im
Wasser. Um 8 Uhr whrend der Flut lie ich das Vorderteil herumwenden
und fest aufs Ufer ziehen. An verschiedenen Stellen des Schiffsbodens
entdeckten wir glatte Lcher; das Hauptleck aber war merkwrdigerweise
durch den Felsen, der es verursacht hatte, wieder verstopft worden,
indem das betreffende Stck vom Felsen abgebrochen und zum Glck fr
uns in dem Loche steckengeblieben war.

Wir fanden bei dieser Untersuchung aber auch, da die Ftterung
diejenigen Ritzen des Lecks, die das Felsenstck offengelassen
hatte, grtenteils verstopft hatte. Wir waren also wie durch ein
Wunder gerettet worden, denn das Leck war so gro, da uns ohne
diese glcklichen Umstnde alle Schiffspumpen der Welt nicht vor dem
Untergang gerettet htten. Bei der ferneren Besichtigung entdeckten wir
noch, da das Schiff auch sonst an seinem Boden betrchtlich Schaden
genommen hatte; vom Afterkiel fehlte ein Teil, auch waren Vordersteven
und Hauptkiel stark beschdigt. Das Hinterteil des Schiffes schien
nicht viel gelitten zu haben.

Um 9 Uhr gingen die Zimmerleute und Schmiede an ihre Arbeit, whrend
die Seesoldaten zur Taubenjagd abkommandiert wurden. Bei dieser
Gelegenheit entdeckten sie das Knguruh und, was fr uns momentan
wichtiger war, einen Quellbach mit frischem Wasser. Mit dem groen
Netze fingen wir, obschon die See im Hafen von Fischen wimmelte,
nur drei Fische. Der Zimmermann war mit den Ausbesserungen an der
Steuerbordseite fertig; wir neigten also das Schiff auf die andre Seite
und zogen es aus Furcht, es mchte auf dem Grunde sitzen bleiben, 2 Fu
tiefer ins Wasser. Am Abend erzhlte ein Matrose, er htte den Teufel
gesehen, und er beschrieb uns eine -- Riesenfledermaus.

Am 24. besserten die Schiffszimmerleute die Haut (d.i. die ueren
Bretter) unter dem Backbordbug aus, und da fand sich denn, da auch
zwei von den innern Planken durchgerieben waren. An diesem Tage sah ich
zum ersten Mal ein Knguruh. Ich lie whrend der Ebbe das Hinterteil
des Schiffes untersuchen. Dabei stellte es sich heraus, da die Haut
durchgescheuert und der innere Boden gefhrdet war. Dem konnte aber nur
durch eine grndliche Ausbesserung im Dock, wozu wir leider nicht in
der Lage waren, abgeholfen werden; ich veranlate daher die mglichen
Notausbesserungen. Der 25. wurde zum Wassereinnehmen, zur Besichtigung
der Taue usw. bestimmt. Auch wurden die Schiffszimmerleute an diesem
Tage mit ihren Arbeiten fertig.

Die Herren Banks und Dr. Solander bentzten diesen Tag zu botanischen
Exkursionen im Walde; sie entdeckten dort Kohlbume, Kokos und einen
Wildrenettenapfel, der nach Lagerung von einigen Tagen ebar wurde
und wie eine mittelmig gute Pflaume mundete. Am folgenden Morgen
fingen wir an, das Hinterteil des Schiffes zu entlasten. Der Schmied
fuhr unverdrossen in seiner Arbeit fort, whrend der Zimmermann das
Schiff kalfaterte. Am Vormittag ruderte ich in der Pinasse den Hafen
hinauf, um zu fischen; ich fing aber nur 20-30 Fische, die ich an die
Kranken und Rekonvaleszenten austeilte. Die nchsten Tage war der
Fischfang so ergiebig, da auf jeden Mann etwa 5 Pfund Fische kamen.
Die eingesammelten Gemse lie ich mit Erbsen kochen; dieses Gericht
in Verbindung mit delikat zubereiteten Fischen war uns allen ein
kulinarischer Genu ersten Ranges.

Am 1. Juni gab ich dem ganzen Schiffsvolk Landurlaub. Die Ausflgler
sahen wohl viele Tiere, konnten aber keines erlegen. Da ich bei einem
Ausflug auf den an der sdlichen Landspitze gelegenen Berg die Kste
mit Bnken und Untiefen wie best fand, so erteilte ich dem Steuermann
den Auftrag, die Untiefen zu untersuchen und zu sondieren, ob es gegen
Norden nicht einen Kanal gebe, in dem wir sicher auslaufen knnten.
Auch an diesem Tage bekamen wir das Schiff trotz angestrengtester
Versuche nicht flott. Der Steuermann dagegen brachte gute Nachricht
zurck; er hatte tatschlich einen Kanal zwischen den Untiefen
entdeckt, der nach der hohen See fhrte. Die Bnke bestanden aus
Korallenfelsen; viele davon waren, wie er mir erzhlte, whrend der
Ebbe auer Wasser. Er selbst war auf eine solche Klippe gestiegen und
hatte dort eine Anzahl groer Muschel- und Schalentiere gesammelt, die
so gro waren, da von einem solchen Tiere zwei Mann mehr als satt
wurden. Er erzhlte, da er in einer Bai im Norden, drei Seemeilen
von uns entfernt, einige Eingeborene bei der Abendmahlzeit berrascht
htte, die bei seinem Erscheinen sofort geflohen wren.

Am nchsten Tag endlich gelang es uns, das Schiff flottzubekommen.
Da jedoch gleichzeitig eine Planke zwischen den Verdecken losri und
dieser Schaden sofort ausgebessert werden mute, so muten wir das
Schiff wieder ans Land legen. Am nchsten Morgen lie ich den Ballast
im Schiff wieder segelrecht verteilen, und am Nachmittag lie ich das
Schiff selbst mit Hilfe der Flut auf eine Sandbank legen und whrend
der Ebbe ausbessern, worauf es zur Flutzeit wieder flottgemacht
wurde. Wir machten es dann segelfertig. In dieser Zeit fand Herr
Banks am Strand eine Menge angeschwemmter Frchte. Am 6. unternahm
er mit Herrn Gore und drei Matrosen einen grern Ausflug, von dem
er erst am 8. nachmittags zurckkehrte. Whrend der Nacht waren die
Ausflgler derart von Moskitos geplagt worden, da sie nicht schlafen
konnten. Kurz nach Anbruch des Tages erblickten sie einige Knguruhs.
Zu Mittag kehrten sie nach dem Boote zurck und ruderten darin weiter
in das Revier hinauf. Als sie am Abend nach einem Lagerplatz Umschau
hielten, sahen sie in der Nhe Rauch aufsteigen. Sie eilten sofort
darauf zu, fanden aber niemand mehr an dem Feuer. rgerlich darber,
da die Wilden, mit denen sie gerne zusammengetroffen wren, entflohen
waren, kehrten sie zu der Sandbank zurck, auf der sie sich sorglos
niederlegten, ohne im geringsten an die Mglichkeit zu denken, da die
Wilden sie beschleichen und im Schlafe ermorden knnten. Im Gegenteil,
sie schliefen, todmde wie sie waren, fest bis tief in den Morgen und
kehrten dann, weil das Land dem Ansehen nach nicht viel versprach, nach
dem Schiffe zurck. Kurz nach ihnen traf auch der Steuermann ein und
brachte drei groe Schildkrten mit, die zusammen fast acht Zentner
wogen.

[6] Die Ostkste von Australien.




Elftes Kapitel.

  Verkehr mit den Australiern. -- Ihre Lebensweise. -- Ein Streit
  und seine Folgen. -- Ausfahrt. -- Die Besitzergreifung von dem
  neuentdeckten Lande. -- Die Eingeborenen und ihre Lebensgewohnheiten.


Am Nachmittag des folgenden Tages lieen sich sieben Wilde an der
Sdseite unsres Reviers blicken; bei meiner Annherung entflohen
sie. Am nchsten Morgen tauchten vier Wilde in einem Kahne bei der
nrdlichen Landspitze auf, um dort mit der Fischgabel zu fischen.
Gewitzigt, wie ich durch meine Erfahrung mit diesen scheuen Gesellen
geworden war, lie ich sie gewhren und nahm von ihrer Anwesenheit
scheinbar keine Notiz.

Meine Kriegslist hatte den gewnschten Erfolg, denn es dauerte nicht
lange, so kamen zwei von ihnen in ihrem Kahn auf Schunhe an uns heran
und riefen uns in ihrer Sprache laut einige Worte zu, die wir natrlich
nicht verstanden. Ich machte ihnen beruhigende Zeichen und lud sie zu
uns an Bord. Sie kamen auch wirklich nher und deuteten uns an, da sie
Waffen htten, sich zu rchen, wenn wir ihnen ein Leid antun wrden.
Als sie dicht am Schiffe waren, warfen wir ihnen Ngel, Glaskorallen,
kleine Stckchen Tuch zu, woraus sie sich anscheinend wenig machten.
Als ihnen jedoch einer unsrer Leute einen Fisch zuwarf, uerten sie
ihre Freude und gaben uns gleichzeitig zu verstehen, da sie auch
ihre Kameraden herbeiholen wrden. Mittlerweile war Tupia mit einigen
Matrosen ans Land gegangen. Die Wilden kamen jetzt ganz dicht an uns
heran. Wir teilten an die Neuangekommenen einige Geschenke aus. Die
Gesellschaft ruderte dann ans Land, wo sie Tupia so weit brachte, da
sie ihre Lanzen niederlegten und sich ihm ohne diese nherten. Er lud
sie durch Zeichen ein, neben ihm Platz zu nehmen, was sie auch taten.
Ich ging mit einigen Begleitern ebenfalls ans Land und beschenkte
die Wilden wiederum, um ihnen jedes Mitrauen zu nehmen. Hierauf
unterhielten wir uns mit ihnen bis zur Essenszeit durch Zeichen; wir
luden sie dann ein, an Bord mit uns zu speisen, was sie ablehnten.
Kaum waren wir im Boote, so stiegen sie in ihren Kahn und ruderten
davon. Der eine der Wilden war ein lterer Mann, die drei andern
hingegen waren junge Leute; alle waren von Durchschnittsgre, fielen
mir aber durch ihren zarten Gliederbau auf. Die Farbe ihrer Haut war
schwarzbraun, das Haar pechschwarz, kurz geschnitten und straff. Der
Leib war an verschiedenen Stellen mit einer roten Farbe angestrichen;
einer von ihnen hatte sich die Oberlippe und die Brust mit weien
Streifen bemalt, die er Carbanda nannte. Die Gesichtsbildung der
Wilden war sehr angenehm, ihre Augen waren lebhaft, ihre Zhne wei und
ihre Stimme wohlklingend und biegsam, so da sie mhelos allerlei Worte
nachsprechen konnten.

Am folgenden Morgen erschienen drei von ihnen wieder bei uns; sie
hatten einen Vierten mitgebracht, den sie uns als Herrn Nprico
frmlich vorstellten. Dieser Herr zeichnete sich durch einen sehr in
die Augen fallenden Schmuck aus; er hatte sich nmlich den Nasenknorpel
durchbohrt und trug in dem Loch einen fingerdicken Vogelknochen als
Zierat. Wir berzeugten uns, da auch die Nasen seiner Genossen
durchbohrt waren. Auch die Ohrlppchen unsrer Gste waren durchlchert;
am Arme trugen sie als Schmuck ein Armband aus geflochtenen Haaren,
und obwohl sie sonst vllig nackt gingen, waren sie auf ihr Armband
besonders eitel. Ich schenkte einem von ihnen ein Stck von einem alten
Hemd; er band es sich als Turban um den Kopf. Unsre Gste hatten uns
einen Fisch zum Gegengeschenk gebracht und schienen sich huslich bei
uns niederlassen zu wollen. Als aber einer der Forschungsreisenden
ihren Kahn genauer untersuchen wollte, erschraken sie dermaen, da
sie augenblicklich in den Kahn hinabsprangen und eilig als ginge es auf
Leben und Tod davonruderten.

Am folgenden Morgen um 2 Uhr brachte Herr Gore in der Jolle drei
gewaltige Schildkrten und eine groe Sole mit. Nach dem Frhstck
ruderte er wieder hinaus, um die Jagd auf Schildkrten fortzusetzen.
Drei Wilde wagten sich jetzt an Tupias Zelt heran; einer von ihnen
ruderte davon, um noch zwei andre zu holen, die er uns dann unter
Nennung ihres Namens vorstellte. Die Gesellschaft blieb den ganzen
Vormittag ber bei uns; wir berzeugten uns bei dieser Gelegenheit, da
die natrliche Hautfarbe der Herrschaften durch eine Schicht von Ru
und Schmutz bedeckt war. Auf der gegenberliegenden Landspitze lie
sich eine nackte Frau mit einem Knaben blicken; wir bemerkten durch
unsre Fernglser, da ihre Arme und Beine ungemein zart und zierlich
geformt waren. Als sie ihre Neugierde befriedigt hatte, eilte sie
schnellfig davon. Einer von den Fremden trug ein Muschelhalsband, ein
Armband aus Schnren und vor der Stirn als Schmuck ein Stck Baumrinde.
Die Sprache dieser Wilden klingt rauher als die der Sdseeinsulaner;
sie wiederholten sehr oft das Wort Tscherkau, auch pflegten sie, wenn
ihnen etwas Neues in die Augen fiel, auszurufen: Tscher tut, tut,
tut!, wohl beides Ausdrcke der berraschung und Verwunderung. Der
Kahn war nicht ber 10 Fu lang, aber mit einer Seitenrahme versehen
und hnelte dadurch den Sdseekhnen, war jedoch viel primitiver
gebaut. Ihre Lanzen glichen den Lanzen, die wir an der Botanybai
erobert hatten, doch hatten sie nur eine einzige, mit Widerhaken
versehene Spitze. In der Tat, eine frchterliche Waffe!

Herr Gore erlegte am folgenden Tag ein Knguruh, wie es die
Eingeborenen nannten. Wir fanden das Fleisch dieses merkwrdigen
Wildes ungemein zart und wohlschmeckend. Damals lebten wir ziemlich
lukullisch: Tag fr Tag Schildkrtensuppe, Schildkrtenfleisch,
ausgezeichnet mundende Fische, Knguruhfleisch in Hlle und Flle.
Meist fingen wir die kstliche grne Schildkrte in Exemplaren von 2-3
Zentnern Lebendgewicht; sie waren ungleich besser von Geschmack als
die, die wir in England zu essen bekommen hatten. Vermutlich rhrt dies
daher, da wir sie hier frisch erhielten.

Am 17. schickte ich den Steuermann wieder aus, um eine bequemere als
die bisher entdeckte Durchfahrt zu suchen. Ich selbst begab mich mit
den Herren Banks und Dr. Solander in den Wald. Tupia war daselbst
drei Indianern begegnet, die ihm dort einige wohlschmeckende Wurzeln
gezeigt htten. Wir erhofften ein hnliches Abenteuer, das uns mit den
Eingeborenen in nhere Beziehung bringen wrde, dergestalt, da sie uns
mit ihrem Hauswesen und ihren Frauen bekannt machen wrden. Es dauerte
auch wirklich nicht lange, so bemerkten wir vier Wilde in einem Kahn.
Als sie uns erblickten, kamen sie ans Land und ohne Furcht auch so
dicht an uns heran, da wir mit ihnen verhandeln konnten. Nachdem sie
eine Weile bei uns geblieben waren, entfernten sie sich. Wir folgten
ihnen in der Erwartung, da sie uns in ihr Dorf fhren und mit ihren
Frauen bekanntmachen wrden, allein sie gaben uns durch Zeichen zu
verstehen, da ihnen unsre Begleitung wenig zusage.

Am nchsten Tage kamen wieder einige der uns bereits bekannten Wilden
zu uns. Wir baten einen von ihnen, er mge uns zeigen, auf welche
Art sie ihre Lanzen zu schleudern pflegten; er war auch gleich dazu
bereit und schleuderte seine etwa acht Fu lange Lanze, die mit
bewundernswerter Kraft und Schnelligkeit vier Fu hoch ber dem Boden
hinsauste und in einen fnfzig Schritte von uns entfernten Baum fuhr.
Hierauf lud ich die Gesellschaft an Bord, wo ich sie unter der Obhut
meiner Leute lie, weil ich von innerer Unruhe getrieben mich durch
einen Blick auf die See davon berzeugen wollte, ob wir wirklich in
einem Klippenlabyrinth gefangensen. Ich bestieg daher mit Herrn Banks
einen hohen Berg, von wo wir uns davon berzeugen konnten, da unsre
Lage weit gefhrlicher war, als wir bisher geglaubt hatten. Denn wohin
der Blick auch fiel, berall zeigten sich drohende Klippen und Bnke.
Wir berzeugten uns durch den Augenschein davon, da es keine andre
Ausfahrt nach der hohen See als die gab, die durch die krummen Kanle
zwischen den Klippen hindurch fhrte. In diese Kanle konnte man sich
aber ohne die grte Gefahr nicht wagen.

Wir kehrten in trber Stimmung nach dem Schiffe zurck. Hier fanden wir
noch einen Teil der Eingeborenen vor, die hchst begehrliche Blicke
nach unsern Schildkrten warfen. Tags darauf kamen zehn Wilde von jener
Seite des Reviers her, wo diesmal sieben Weiber, alte und junge, in
ihrer paradiesischen Nacktheit so lange verweilten, als ihre Mnner
bei uns an Bord blieben. Unsre Gste hatten eine grere Anzahl Lanzen
als gewhnlich mitgebracht; sie lehnten die Lanzen an einen Baum und
stellten eine Wache dabei auf, ehe sie an Bord kamen. Hier zeigte es
sich bald, da sie es auf unsre Schildkrten abgesehen hatten, die sie
genau so wie wir zu wrdigen wuten. Anfnglich baten sie uns durch
Zeichen, ihnen eine zu geben. Als man sich weigerte, gerieten sie in
Wut. Einer von ihnen wandte sich an Herrn Banks; als aber auch dieser
abwinkte, wurde der Wilde so zornig, da er mit dem Fue aufstampfend
ihm einen krftigen Sto versetzte. So versuchten sie vergebens der
Reihe nach bei jedem ihr Glck, der nach ihrer Meinung auf dem Schiffe
von Bedeutung war. Als sie endlich einsahen, da ihre Bitten vergeblich
waren, versuchten sie mit Gewalt zwei Schildkrten ber Bord in ihren
Kahn zu werfen, was ihnen jedoch gleichfalls verwehrt wurde. Daraufhin
verlieen sie wtend das Schiff und ruderten dem Strande zu, wohin ich
ihnen mit Herrn Banks und sechs Matrosen zum Schutz unsrer daselbst
arbeitenden Leute folgte.

[Illustration: Kriegsboot der Neuseelnder. Nach einem alten Stiche.]

Kaum waren die Wilden am Strand, als sie ihre Waffen ergriffen, einen
Feuerbrand unter einem Pechkessel herausrissen und damit whrend ihrer
Flucht das trockene Gras in Brand setzten. Ehe wir uns ihres Treibens
und der uns drohenden Gefahr bewut wurden, stand das drre, fnf bis
sechs Fu hohe Gras in Flammen, die mit ungeheurer Schnelligkeit um
sich griffen und Banks' Zelt sowie die Schmiede bedrohten. Es gelang
uns noch, das Zelt zu retten; die Schmiede jedoch wurde ein Raub der
Flammen. Auch versuchten die Wilden, unsre zum Trocknen aufgespannte
Wsche und das groe Netz zu verbrennen, indem sie auch hier das
Gras in Flammen setzten. Wir konnten jedoch die Gefahr abwehren und
sandten den Brandstiftern einen Schrotschu nach, der einen von ihnen
verwundete. Unterdessen griff das Feuer den Wald an, in den sich die
Wilden geflchtet hatten. Ich feuerte ihnen eine Kugel nach, worauf
sie sich zurckzogen. Kurze Zeit darauf vernahmen wir wieder Stimmen
im Walde. Ich ging daher mit Banks und einigen Seesoldaten dem Schalle
nach. Als wir die Wilden erblickten, hielten wir; sie sandten uns
einen Greis entgegen, der uns durch eine Rede beschwichtigen wollte.
Wir verstanden leider nicht, was er sagte. Nach dem Speech ging er zu
seinen Leuten, mit denen er sich dann zurckzog. Wir folgten ihnen
jedoch und bemchtigten uns bei dieser Gelegenheit einiger Wurfspiee.
Auf diese Weise verfolgten wir sie eine Meile, worauf wir uns auf
einem Felsen niederlieen, von dem wir ihre Bewegungen aufs genaueste
beobachten konnten; die Wilden lagerten sich 300 Fu von uns entfernt.
Nach einer Weile kam der Greis mit einer Lanze ohne Spitze wieder auf
uns zu. Wir gaben ihm Zeichen, da wir ihnen nicht zrnten, worauf er
sich an seine Stammesgenossen wandte und sie veranlate, sich uns ohne
Waffen zu nhern. Zum Zeichen der Vershnung hndigten wir ihnen ihre
Lanzen wieder aus, worauf sie uns die Leute mit Namen vorstellten,
die wir noch nicht kannten. Wir teilten einige Kleinigkeiten, die
wir bei uns hatten, als Geschenke unter sie aus, worauf sie uns
vershnt zum Schiffe folgten. Unterwegs gaben sie uns durch Zeichen
zu verstehen, da sie das Gras nicht mehr anznden wollten. Als sie
sich dem Schiffe gegenber befanden, setzten sie sich nieder und waren
unter keinen Umstnden zu bewegen, mit an Bord zu kommen. Wir schieden
daher von ihnen. Nach Verlauf von zwei Stunden gingen sie zurck.
Nicht lange nachher sahen wir den Wald in einer Entfernung von einigen
Meilen in Flammen aufgehen. Wir lieen uns den Vorfall, der leicht
zu einer Katastrophe fr uns htte werden knnen -- denn nur wenige
Stunden zuvor hatten wir unser Schiepulver an Bord zurckgebracht
-- zur Warnung dienen und nahmen uns vor, unsre Zelte knftig nur in
feuersichrer Gegend aufzuschlagen. Am folgenden Tage ruderte ich zur
Ebbe aus, um die Untiefen zu sondieren und Ankerwchter aufzustecken.
An diesem wie an den folgenden Tagen lieen sich keine Eingeborenen
blicken, aber die Gipfel aller Berge rings um den Hafen standen
die Nacht in Flammen und gewhrten ein Schauspiel voll schauriger
Erhabenheit und Schnheit.

Da das strmische Wetter, das uns bisher an der Abfahrt verhindert
hatte, immer noch anhielt, so machten die Herren Banks und Dr.
Solander tglich kleinere oder grere botanische Entdeckungsreisen.
Bei dieser Gelegenheit fingen sie ein weibliches Opossum nebst zwei
Jungen. Durch diese Entdeckung widerlegten sie die Meinung des Herrn
von Bffon, der Amerika fr die Heimat dieser Tiergattung erklrte.
Unsre wilden Freunde lieen sich nicht mehr blicken. Nach ihren Feuern
zu urteilen hielten sie sich wenigstens sechs Meilen weiter innen im
Lande verborgen; wahrscheinlich fanden sie den Streich, den sie uns
gespielt hatten, fr so unverzeihlich, da sie dem Landfrieden nicht
mehr trauten.

Am 1. August fand der Zimmermann, da die Pumpen angefault waren; wir
muten uns daher in der Hauptsache auf die Dichtigkeit des Schiffes
verlassen, das in der Tat so gut ausgebessert war, da es in der
Stunde nicht ber einen Zoll Wasser einlie. Am 4. August gelang es
uns das Schiff herauszuziehen; um 7 Uhr gingen wir unter Segel. Um 12
Uhr lie ich eines drohenden Unwetters wegen die Anker wieder fallen;
wir befanden uns fnf Seemeilen vom Hafen entfernt; wir blieben im
Sturme so bis zum 10. August liegen. Um 7 Uhr konnten wir die Anker
lichten. Ich hatte mich entschlossen, lngs der Kste zu segeln und
einen Durchgang nach Norden zu suchen. Nach vielen Mhen und unter den
grten Gefahren gelang uns die Durchfahrt durch den engen, krummen
Kanal, an dessen Ende wir in 7 Klaftern auf einem sichern Grunde vor
Anker gingen. Hier breitete sich der Kanal ziemlich aus; die Inseln,
die zu beiden Seiten lagen, waren eine Meile von uns entfernt. Wir
hofften endlich den Weg in das Indische Meer gefunden zu haben. Um
mich darber vergewissern zu knnen, beschlo ich, auf einer der
Inseln zu landen. Als ich in Begleitung Banks' und Dr. Solanders
vom Schiff abstie, erblickten wir ein Dutzend Eingeborene auf dem
Berge. Einer von ihnen war mit Bogen und Pfeil, die andern waren mit
Lanzen bewaffnet; auch bemerkten wir solche, die eine Halskette von
Perlmuttergegenstnden um den Hals trugen. Drei der Wilden kamen zum
Strande herab, entfernten sich aber, als wir landeten. Wir kletterten
sogleich auf den Berg hinan, von dessen Gipfel ich mich davon
berzeugen konnte, da ich hier den Kanal gefunden hatte, der nach dem
Indischen Meere fhrte.

Da ich der erste Europer war, der an der stlichen Kste von
Neuholland vom 38. Breitegrad an bis hierher gekommen war, so lie ich
die englische Flagge entfalten, taufte das Land mit allen Hfen und
Inseln Neusdwales und nahm es im Namen Georgs III., meines Knigs,
in Besitz. Wir feuerten drei Salven ab, die vom Schiff aus erwidert
wurden. Daraufhin kehrten wir zum Schiffe zurck und blieben die ganze
Nacht hindurch vor Anker liegen. Am Morgen sahen wir einige Eingeborene
am Strande Muscheln suchen; mit Hilfe der Fernglser erkannten wir
in ihnen Weiber, die ganz nackt gingen. Um 10 Uhr lichteten wir die
Anker und steuerten sdwestwrts und nach Westnordwest. Verschiedene
Anzeichen bestrkten mich in dem Gedanken, da wir bereits den
Carpentariagolf im Norden Neuhollands durchquert hatten und die
Indische See vor uns liegen haben muten. Die Frage, ob Neuholland
und Neuguinea zwei verschiedene Inseln wren, war gelst. Die Strae,
die beide trennt, habe ich nach meinem Schiffe die Endeavourstrae[7]
genannt.

Im Verhltnis zur Gre von Neusdwales scheint die Zahl seiner
Einwohner sehr gering zu sein; die grte Anzahl, die wir je beisammen
gesehen haben, betrgt nicht mehr als dreiig Personen. Dies war in
der Botanybai, als sich Mnner, Weiber und Kinder auf einem Felsen
versammelten, um das Schiff im Vorbeisegeln zu betrachten. Selbst in
den Fllen, wo sie uns angreifen wollten und also Leute ntig hatten,
brachten sie nie mehr als 14 bis 15 streitbare Mnner auf die Beine.
Auch sahen wir nie mehr als ein paar Htten beieinander. Es ist wahr,
wir haben von dem ungeheuern Lande nicht mehr als die Kste gesehen,
allein es ist doch mehr als unwahrscheinlich, da das de Innere des
Landes reicher bevlkert ist als die der Ernhrung gnstigere Kste.
Ohne Ackerbau wrden sich die Bewohner des Festlandes schwerlich
halten knnen; es ist aber nicht gut mglich, da die Kstenbewohner
von diesem Ackerbau nichts wissen sollten. Wir haben an der Kste
nicht einen Fubreit angebauten Landes gefunden; es lt sich daher
mit groer Sicherheit die Behauptung aufstellen, da das Innere des
Landes nur sehr sprlich bewohnt sein kann. Wir haben allerdings nur
mit einem Stamme der wilden Vlkerschaften, die Neuholland bewohnen,
nheren Verkehr unterhalten. Das war in dem Hafen, wo wir unser Schiff
ausbesserten. Es waren alles zusammengenommen nur 21 Personen: 12
Mnner, 7 Weiber, 1 Knabe und 1 Mdchen. Die Frauen haben wir nie
in der Nhe zu sehen bekommen, denn wenn die Mnner ber das Revier
kamen, lieen sie die Weiber und Kinder zurck. Die Mnner waren von
mittlerer Gre, schn gebaut, gradgliederig, dabei stark, lebhaft
und gelenkig; ihrer Gesichtsbildung fehlte es nicht an Ausdruck, und
ihre Stimme war sanft, beinahe weiblich fein. Am ganzen Leibe waren sie
jedoch mit Schmutz so berzogen, da ihre natrliche Hautfarbe nicht
mehr zu erkennen war. Wir tauchten den Finger in Wasser und rieben
und kratzten die Haut an einzelnen Stellen ab, aber es war unmglich,
die Schmutzkruste, die sie so schwarz wie Neger machte, zu lsen; und
alles, was wir ermitteln konnten, war, da ihre Haut ursprnglich
schokoladebraun gewesen sein mute. Die Gesichtsbildung dieser Wilden
war nicht unangenehm; sie hatten weder platte, eingedrckte Nasen noch
dick aufgeworfene Lippen. Die Zhne waren blendend wei und klein, ihr
Haar, das sie kurz trugen, war schwarz und straff, verschiedentlich war
es leicht kraus, es war sehr klebrig, aber merkwrdigerweise frei von
Ungeziefer. Die Brte, die sie ebenfalls kurz geschnitten trugen, waren
buschig und stark und pechschwarz wie die Haare. Wir sahen eines Tags
einen Mann bei uns, der einen lngeren Bart als seine Genossen trug;
als er sich am nchsten Tage wieder einstellte, bemerkten wir, da er
seinen Bart gekrzt hatte. Bei nherer Untersuchung fand sich, da die
Spitzen des Barthaares abgesengt waren. Aus diesem Umstande, und weil
wir niemals ein Messer bei ihnen sahen, schlossen wir, da sie ihre
Haare zu der von ihnen gewollten Krze abzusengen pflegen.

Beide Geschlechter gehen ganz nackt, was ihnen sowenig unanstndig
vorkommt, wie uns die Entblung des Gesichtes und der Hnde. Ihr
Hauptschmuck besteht in einem Vogelknochen, den sie durch den zu
diesem Zweck durchbohrten Nasenknorpel stecken. Wie diese unbequeme,
unschne, schmerzhafte Mode unter ihnen entstehen konnte, konnten wir
nicht ergrnden. Diese Mode, die ihnen ein schreckliches Aussehen
verleihen sollte, war ihnen selbst so lstig, da sie den Knochen nur
bei besonderen Gelegenheiten in der Nase trugen, denn er ist 5 bis 6
Zoll lang, reicht ber das ganze Gesicht, verstopft beide Nasenlcher,
zwingt sie stndig den Mund offen zu halten und behindert sie sogar
derart im Sprechen, da sie sich selbst kaum verstehen knnen. Der
Matrosenwitz taufte diesen Schmuckknochen die blinde Rahe, und wir
hatten Mhe ernst zu bleiben, wenn sich die Herren Wilden mit der
blinden Rahe in der Nase einstellten.

Als weitere Schmuckstcke tragen unsre Wilden noch Muschelhalsbnder,
Armbnder aus Schnren am Oberarm, sowie eine aus Menschenhaar
geflochtene Schnur um den Leib. Die Gecken unter ihnen besitzen noch
Muschelbrustbnder, die von den Schultern ber die Brust getragen
werden. Auerdem bemalen sie die Schmutzkruste ihres Krpers mit weier
und roter Farbe; mit der roten schmieren sie sich groe Flecken auf
die Schultern und die Brust; mit der weien Farbe tragen sie schmale
Streifen, die ber Arme und Beine laufen, und breite Bruststreifen
auf, die ziemlich genau gezeichnet sind. Auch legen sie sich weie
Schnheitspflsterchen auf und malen sich weie Ringe um die Augen,
was grotesk genug aussieht. Die rote Farbe war Bergrot, die krnigen
Bestandteile der weien Farbe konnten wir zu unserm Bedauern nicht
analysieren.

So erpicht unsre Wilden auch auf ihren Schmuck waren, sowenig machten
sie sich aus unsern bunten Bndern, unsern Glaskorallen und anderm
europischem Tand. Von Tausch und Handel hatten sie ebenfalls keine
Ahnung. Was wir ihnen gaben, nahmen sie, aber sie konnten nicht
begreifen, da wir gegen unsre Geschenke auch etwas von ihnen im
Tausch haben wollten. brigens hielten sie ihren Schmuck in so hohem
Werte, da sie ihn uns um alle Gter der Welt nicht berlassen htten;
wir konnten tatschlich fr unsre Sammlung nicht das geringste von
ihnen erwerben. Die Gleichgltigkeit gegen unsre Schtze war auch die
Ursache, da sie nichts stahlen. Htte sie danach gelstet, so wrden
sie uns bestohlen haben, so aber warfen sie unsre Geschenke achtlos
in den Wald, wo sie Herr Banks wieder auffand. Die tiefen Narben, die
unsre Wilden, die sich einer kernigen Gesundheit erfreuten, an ihrem
Krper trugen, waren, wie sie uns durch Zeichen verstndlich machten,
sogenannte Trauernarben, die sie sich aus Trauer ber den Tod ihrer
Lieben selbst beibrachten.

Ihrem Charakter als Nomaden entsprechend bauen sich unsre Wilden so
erbrmlich primitive, unzulngliche Htten, da die der Feuerlnder
wahre Palste dagegen sind. Ihre Htten sind kaum so hoch, da ein
Mann aufrecht darin sitzen kann, und so ungengend lang, da sich
keiner darin lagern kann. In diesen elenden Lchern fanden wir sie
oft zu vieren, in gekrmmter Lage, die Knie am Kopf; vor der offenen
Seite ihrer Htte, deren Wand stets gegen den Wind gerichtet war,
brannte zum Schutz gegen die Moskitos ein qualmiges Feuer; sie blieben
immer nur so lange an einem Orte, bis sie der Hunger vertrieb. In den
wrmeren Gegenden und auf den Inseln bauten sie ihre Htten mit der
ffnung gegen den Wind. Interessant ist, da sie, obschon sie keinerlei
Kochgeschirre haben, doch das von ihnen erjagte Fleisch nie roh
verschlangen, und da sie es mit frappanter Sicherheit verstanden, sich
Feuer zum Rsten ihres Wildes und ihrer Fische zu verschaffen. Um Feuer
zu erhalten, nehmen sie einen acht Zoll langen drren Stock, den sie
spitzen. Mit dieser Spitze quirlen sie ein flaches Stck Holz so emsig,
da das Holz in weniger als zwei Minuten glimmt. Den Funken wickeln sie
in eine Handvoll drren Grases, und damit rennen sie gegen den Wind.
Dann geben sie das glimmende Bschel in die Streu; einige Sekunden
darauf brennt sie lichterloh. Auf diese Weise sahen wir sie oft an
verschiedenen Stellen Feuer anmachen; sie nennen das den Feuerlauf,
der ihnen gleichzeitig zur Unterhaltung dient. Wir beobachteten einen
solchen Feuerlufer und sahen, da an jeder Stelle, wo er sich bckte,
um den Funken niederzulegen, bald eine Flamme loderte. Es schien uns,
da die Wilden durch den Feuerlauf die Knguruhs, die sich vor dem
Feuer auerordentlich frchten, durch dieses einkreisen, um sie desto
leichter zu erjagen; eine andre Erklrung des wegen der Drre der
Grasflchen so gefhrlichen Sportes fanden wir nicht.

Die Waffen unsrer Wilden bestehen aus Lanzen von verschiedener Gre
und Art. Wir sahen Lanzen mit vier Spitzen oder Zinken, die mit
Widerhaken versehen waren. Die einzelnen Spitzen waren mit einem harten
und glatten Harz berzogen, wodurch sie tiefer in den Gegenstand
eindringen, den sie treffen. In den nrdlichen Gegenden der Kste
hat die Lanze, deren Schaft aus einem geraden Rohr besteht, nur eine
Spitze. Der Schaft ist aus mehreren Stcken in der Gesamtlnge von 8-14
Fu zusammengesetzt, die Spitzen bestehen entweder aus Fischgrten oder
aus hartem Eisenholz. Wir sahen verschiedene Lanzen, die den Stachel
des Stechrochens als Spitze hatten; die Widerhaken waren sehr sinnreich
an den Stacheln befestigt. Die Widerhaken der Holzspitzen bestanden aus
scharfen Muschelstcken, die in das Holz hineingebohrt und mit Harz
befestigt waren. Erklrlicherweise ist diese Waffe auerordentlich
gefhrlich, denn entweder bleiben die Widerhaken im Fleische stecken
oder die Wunde wird beim Herausnehmen des Geschosses furchtbar
zerfetzt. Mit der Hand werfen die Wilden 30 bis 60 Fu weit, mit ihrem
Wurfstock dagegen bis auf 150 Fu; sie treffen damit ihr Ziel ebenso
sicher wie wir mit unsern Gewehren. Auer diesen Lanzen besitzen sie
keine Offensivwaffen; wir sahen nur einmal in weiter Entfernung einen
Mann, der mit Pfeil und Bogen bewaffnet schien, allein wir knnen uns
auch geirrt haben; jedenfalls sind Pfeil und Bogen nicht allgemein im
Gebrauch. Als Schutzwaffe dient ein Schild aus starker Baumrinde; wir
fanden oft Bume, an denen die Rinde genau in der Gre eines Schildes
herausgeschlt war.

Die Khne dieses Volkes sind ebenso primitiv wie ihre Htten. An
der Botanybai bestehen sie aus Baumrinde, im Norden dagegen aus
ausgehhlten Baumstmmen. Hier waren sie 14 Fu lang, sehr schmal und
mit einem Seitenrahmen versehen, der das Umkippen verhinderte.

Auf welche Weise die Wilden, die keinerlei Werkzeuge besitzen, ihre
Bume fllen, konnten wir nicht in Erfahrung bringen; da ihnen das
primitive, schlecht gearbeitete Steinbeil, in dessen Besitz wir sie
fanden, dazu diente, schien uns unglaublich. Zum Gltten ihrer Ruder,
Lanzen und Wurfstcke bedienen sie sich der scharfen und rauhen Bltter
einer Feigenart, mit denen sie das Holz ebenso scharf angreifen wie
unsre Schreiner mit dem Schachtelrohr. Mit solchen Werkzeugen einen
Kahn zu bauen ist eine Leistung, die wir nicht genug bewundern konnten;
unser Schiffszimmermann hielt die Sache geradezu fr unmglich.

Durch welchen Umstand die Zahl der Eingeborenen, vorzglich aber der
Weiber, in diesem Lande so zurckgegangen ist, da man beinahe von
einem Aussterben sprechen kann, ist uns ein Rtsel geblieben. Ob sie
Kannibalen sind wie die Neuseelnder, ob sie durch Seuchen oder durch
Kriege so dezimiert wurden, wie sie es sind, konnten wir ebenfalls
nicht erfahren. Mit Ausnahme der zwei tapfern Wilden, die uns in
der Botanybai an der Landung verhindern wollten, betrugen sich uns
gegenber fast alle Eingeborenen so scheu und feige, da wir sie mit
dem besten Willen nicht fr kriegerisch halten knnen. Auch fanden
wir unter ihnen niemand, an dessen Krper wir die Zeichen seiner
kriegerischen Tapferkeit entdeckt htten. Jedenfalls schien uns der
Krieg nicht die Ursache des auffallenden Mangels an Menschen in diesem
Lande zu sein.

[7] Die heutige Torresstrae.




Zwlftes Kapitel.

  Fahrt durch die Endeavourstrae. -- Abenteuer whrend der Fahrt.
  -- Kranke an Bord. -- Savu. -- Kleinliche Schikanen. -- Sitten und
  Gebruche.


Ich hatte anfnglich die Absicht, so lange nach Nordwest zu steuern,
bis ich die sdliche Kste von Neuguinea erreichte, wo ich einlaufen
wollte. Da ich aber auf diesem Wege gefhrliche Klippen und Bnke
antraf, so nderte ich meinen Kurs, um tieferes Wasser zu finden, und
dies gelang mir auch nach Wunsch. Schon am Mittag segelten wir in einer
Tiefe von 17 Klaftern. Land war nirgends zu sehen; wir setzten unsern
Kurs bis Sonnenuntergang fort und fanden eine Tiefe von 23-27 Klaftern.
Als es Nacht wurde, krzten wir die Segel und lavierten acht Stunden
gegen den Wind. Bei Anbruch des Tages setzten wir alle Segel auf und
steuerten erst gegen Westnordwest, dann gegen Nordwest, und zwar den
ganzen Tag ber. Bei Sonnenuntergang krzten wir die Segel wieder und
steuerten hart am Winde gegen Norden. Um 8 Uhr des Morgens wendeten wir
und steuerten gegen Sden; um 12 Uhr richteten wir unsern Kurs wieder
nach Norden; je weiter wir kamen, desto seichter wurde die See. Sobald
es Tag wurde, setzten wir alle Segel auf und steuerten auf die Kste
von Neuguinea hin. Die Wassertiefe war bis auf 12 Klafter gefallen. Am
Abend flatterte ein kleiner Vogel um das Schiff; als es dunkel wurde,
setzte er sich auf die Wand, wo wir ihn erhaschen konnten.

Wir setzten unsern Lauf gegen Norden bis zum 3. September fort, und
zwar hielten wir uns der Untiefen wegen der Kste von Neuguinea so
fern, da wir sie vom Schiffe aus nur undeutlich sehen konnten. Unsre
wiederholten Landungsversuche schlugen fehl. Wir verloren so sechs
Tage, und da wir den sdstlichen Passatwind, der uns nach Batavia
fhren sollte, nicht lnger unbentzt lassen wollten, so beschlossen
wir, in der Pinasse ans Land zu rudern. Der Wind, der vom Lande wehte,
fhrte uns den Duft der Blumen und Baumblten zu, so da wir begierig
waren, die Vegetation des Landes zu untersuchen. Um 9 Uhr legten
wir in einer Entfernung von 3-4 Meilen von der Kste bei. Ich lie
sofort die Pinasse aussetzen, ging mit Banks und Dr. Solander an Bord
und ruderte dann mit noch zwlf bewaffneten Leuten ans Land. Allein
das Wasser wurde so seicht, da wir ungefhr 600 Fu von der Kste
stecken blieben; wir lieen also das Boot unter der Obhut von zwei
Matrosen zurck und wateten ans Land. Wir hatten vorher noch keine
Anzeichen davon gefunden, da das Land in dieser Gegend bewohnt wre.
Jetzt entdeckten wir im Sande hart am Ufer Fuspuren, die noch frisch
waren. Da die Bewohner von Neuguinea von verschiedenen Reisenden als
kriegerisch, grausam und hinterlistig geschildert waren und der Urwald
ihnen die gefhrlichsten Verstecke bot, so erforderte es die Klugheit,
vorsichtig zu sein, um nicht in einen Hinterhalt zu fallen und vom
Boote abgeschnitten zu werden. Wir drangen daher nicht in den dichten
Wald ein, sondern gingen dem Waldsaum entlang bis zu einem Haine von
Kokosbumen, die voller Frchte hingen. Unterhalb des Haines befand
sich, in der Nhe eines Baches mit salzigem Wasser, eine verlassene
Htte; sosehr uns auch die Frchte locken mochten, sowenig schien
es uns ratsam, sie zu brechen. Nicht weit davon fanden wir einige
Bataten- und Brotfruchtbume. Wir waren jetzt etwa eine englische Meile
vom Boote entfernt. Pltzlich, ehe wir uns dessen versahen, kamen
drei Indianer mit Kriegsgeheul aus dem Walde heraus auf uns zu. Der
vorderste schleuderte etwas nach uns, das wie Schiepulver brannte,
aber keinen Knall von sich gab; die beiden andern schleuderten ihre
Lanzen. Wir feuerten sofort mit Schrot auf sie, trafen aber anscheinend
niemand, denn wenn sie auch erschreckt stehenblieben, so warfen sie
doch wieder ihre Lanzen nach uns. Wir luden unsre Gewehre mit Kugeln
und feuerten zum zweitenmal. Wir muten getroffen haben, denn sie
ergriffen jetzt in aller Schnelligkeit die Flucht, worauf wir uns
langsam nach dem Boote hin zurckzogen. Whrend wir der Kste entlang
schritten, machten uns die Leute im Boote darauf aufmerksam, da etwa
1500 Schritte von uns entfernt auf einer Landspitze die Indianer sich
in groer Anzahl versammelten. Wir wateten sofort nach dem Boote,
whrend sie unttig auf der Landspitze blieben, ohne uns zu belstigen.
Als wir im Boote waren, ruderten wir auf sie zu; ihre Anzahl war etwa
auf hundert angewachsen. Mit Mue beobachteten wir sie und fanden,
da sie viel hnlichkeit mit den Neuhollndern hatten; sie waren von
derselben Gre, trugen die Haare wie jene und gingen vollstndig
nackt. Die Hautfarbe schien etwas heller, ein Kaffeebraun zu sein.
Wahrscheinlich waren sie reinlicher als die Wilden der Botanybai.
Whrend wir vor ihnen hielten, forderten sie uns unter bestndigem
Geheul heraus, wobei sie ihr Feuer abbrannten. Was das fr ein Feuer
war, welchem Zweck es diente und wie es abgebrannt wurde, konnten
wir nicht sehen. Wir sahen nur, da sie ein kurzes Rohr in der Hand
hielten und es ein paarmal im Kreise herumschwenkten, worauf aus dem
Rohre Feuer und Rauch hervorkamen. Obwohl kein Knall zu vernehmen
war, machte die Sache vom Schiff aus den Eindruck, als feuerten sie
richtige Gewehre ab; unsre Leute glaubten in der Tat, die Wilden htten
Feuerwaffen. Nachdem wir sie in Mue betrachtet hatten, ohne uns durch
ihr Blitzen und ihr Geheul stren zu lassen, schossen wir unsre Gewehre
ber ihre Kpfe ab. Als sie die Kugeln in den Bumen rasseln hrten,
zogen sie sich langsam zurck. Wir ruderten dann nach dem Schiffe. Die
Lanzen, die sie nach uns geworfen hatten, bestanden aus Bambusrohr mit
einer Spitze aus Eisenholz, die mit Widerhaken versehen war. Die Wilden
schleuderten ihre Lanzen mit ungeheurer Kraft, denn obwohl sie fast 200
Fu von uns entfernt waren, so flogen die Geschosse doch weit hinter
uns. Wir nahmen daher an, da sie Wurfstcke verwenden.

Als wir an Bord des Schiffes waren, lie ich sofort westwrts steuern,
denn ich hatte keine Lust, meine kostbare Zeit noch lnger an dieser
Kste zu verlieren. Das Schiffsvolk jubelte ber diesen Befehl. Zu
meinem Leidwesen rieten mir meine Offiziere, eine Abteilung Matrosen
ans Land zu schicken und die Kokosbume fllen zu lassen. Das wre
nicht ohne Blutvergieen abgegangen; und wegen einiger Nsse setze
ich kein Menschenleben aufs Spiel. Dergleichen blutige Auftritte sind
mir zuwider, und selbst wenn ich Mangel an allem gelitten htte,
so wre es mein letztes gewesen, Gewalt anzuwenden und Menschen zu
tten, um sie ihres Eigentums zu berauben. Auch fehlte es mir an der
Zeit, denn das Schiff war so leck, da es noch fraglich war, ob wir
es nicht in Batavia grndlich ausbessern lassen mten. Und dies war
der Hauptgrund, weshalb wir Eile ntig hatten. Auerdem hatten wir in
einer Meeresgegend, wo es nichts mehr zu entdecken gab, keine Zeit zu
verlieren.

Am 17. September erblickten wir morgens um 6 Uhr eine Insel in
Westsdwest. Anfangs glaubte ich eine neue Entdeckung gemacht zu haben;
als wir aber um 10 Uhr an der Nordseite waren, sahen wir Huser und
Schafherden auf der Insel, die von den Eingeborenen Savu genannt wird
und zu den Kleinen Sundainseln zhlt -- fr Leute in unsern Umstnden
Grund genug einzulaufen. Und so beschlo ich denn, der Kranken wegen,
die mir nicht verzeihen konnten, da ich vor Timor nicht beilegen
wollte, hier vor Anker zu gehen und mit den Bewohnern dieser Insel,
die mit allem, was wir so dringend ntig hatten, reichlich versehen
waren, in Verbindung zu treten. Die Pinasse wurde also ausgehoben, und
der zweite Schiffsoffizier Gore wurde abgeschickt, um einen Ankerplatz
fr das Schiff ausfindig zu machen. Kaum war er fort, so erblickten
wir zwei Reiter, die das Schiff mit groem Interesse betrachteten. Aus
diesem Umstand schlossen wir, da sich auf der Insel Europer befnden,
wodurch wir uns aller Weitlufigkeiten enthoben whnten. Unterdessen
landete Gore in einer kleinen, sandigen Bucht, an der etliche
Huser standen. Wir beobachteten, da ihm ein Dutzend Eingeborener
entgegenging. An Gestalt und Kleidung waren sie den Malaien hnlich.
Auch trugen sie wie diese ein Messer im Grtel. Einer von ihnen fhrte
einen Esel bei sich. Wir sahen, da sie Herrn Gore freundlich einluden
ans Land zu kommen, und da sie sich mit Zeichen verstndlich zu machen
suchten. Kurz darauf kam er an Bord und teilte uns mit, da es in
dieser Gegend keinen Ankerplatz fr das Schiff gebe. Ich sandte ihn
wieder ans Land und gab ihm Geld und Waren mit, um einige Erfrischungen
fr die Kranken einzukaufen. Dr. Solander ging zur Begleitung mit.
Inzwischen lavierte ich mit dem Schiffe hin und her; ich mochte
ungefhr eine Meile vom Land entfernt sein. Das Boot war noch nicht
am Lande, da erblickten wir zwei Reiter, von denen der eine ganz nach
europischer Art gekleidet war; sie schienen ihre ganze Aufmerksamkeit
dem Schiffe zu schenken. Sobald Herr Gore und Dr. Solander aus dem
Boote stiegen, versammelten sich um sie einige Leute zu Pferd und eine
groe Menge Fugnger. Wir sahen, da man ihnen einige Kokosnsse ins
Boot trug, ein Anblick, der uns das Beste hoffen lie.

Nach 1 Stunden signalisierte uns Herr Gore, da sich leewrts eine Bai
befinde, in der wir ankern knnten. Wir steuerten sofort dahin; das
Boot folgte uns, und die beiden Herren kamen an Bord. Gore berichtete,
da er einige der Vornehmen des Landes gesprochen, und da man ihm die
Kokosnsse als Geschenk berreicht habe. Auch erzhlte er, auf welch
umstndliche Weise er von dem Hafen Nachricht erhalten htte.

Um 7 Uhr des Abends erreichten wir die Bai und gingen daselbst eine
Meile weit vom Land in 38 Klaftern Wasser auf reinem Sandboden vor
Anker. Als wir um die nrdliche Landspitze segelten, erblickten wir
eine Stadt, weshalb wir eine Flagge aufzogen. Es dauerte nicht lange,
so wurden in der Stadt gleichfalls Flaggen aufgezogen, und zwar zu
unsrer Verwunderung hollndische; zur gleichen Zeit wurden drei
Kanonenschsse abgefeuert. Bei Anbruch des folgenden Tages bemerkte
ich auf dem Strande uns gegenber einige aufgezogene hollndische
Flaggen. Da ich nun annehmen mute, da die Hollnder hier eine Kolonie
htten, so schickte ich Herrn Gore in groer Uniform ans Land, um dem
Statthalter oder dem Residenten unsre Aufwartung zu machen und ihm
zu melden, wer wir wren und was uns gezwungen htte, diese Kste
anzulaufen.

An der Stelle, wo Herr Gore landete, fand er eine Wache von dreiig
Eingeborenen, die mit Musketen bewaffnet waren; der Befehlshaber
der Wache meldete sich und geleitete ihn mit wehender Fahne nach
der Stadt, wo er dem Rajah, d.i. dem Knige der Insel, vorgestellt
wurde. Gore stattete mit Hilfe seines portugiesischen Dolmetschers
seine Meldung ab: da der Endeavour ein dem Knige von Grobritannien
gehriges Kriegsschiff sei, viele Kranke an Bord habe und fr
diese Kranken Erfrischungen aller Art einzukaufen wnsche. Der
Rajah erwiderte hflich, da er persnlich gerne bereit wre, uns
mit allem, was wir verlangten, zu versorgen; weil er aber mit der
Hollndisch-Indischen Kompanie ein Bndnis abgeschlossen htte, so
msse er, ehe er mit uns in Handelsverbindung trete, dem Residenten
der Kompanie, der der einzige weie Mann auf der Insel sei, Kenntnis
von unserm Anliegen geben. Er schickte sogleich einen Brief an den
Residenten, der in der Nhe der Stadt wohnte, whrend Herr Gore einen
Boten an mich abfertigte, um mir von dem Verlauf der Verhandlungen
Kenntnis zu geben. Nach einigen Stunden beantwortete der Resident
den Brief in Person, und wir erfuhren bei dieser Gelegenheit, da
er ein geborener Sachse war und Johann Christoph Lange hie. Er war
der Reiter in europischer Tracht, den wir vom Schiff aus beobachtet
hatten. Der Resident kam Herrn Gore auerordentlich liebenswrdig
entgegen und versicherte ihm, da er seinerseits unsern Einkufen in
jeder Weise frderlich sein werde. Auch uerte er den Wunsch, das
Schiff zu besichtigen. Als der Rajah denselben Wunsch uerte, erbot
sich Herr Gore sofort, die Herrschaften an Bord zu geleiten. Um 2 Uhr
erschien Gore mit seinen Gsten an Bord. Da unser Mittagsmahl gerade
zubereitet war, so luden wir sie ein daran teilzunehmen. Der Rajah
schien verlegen und meinte, er knne es nicht glauben, da wir ihm
erlauben wollten, sich neben uns zu setzen, da wir doch weie Mnner
wren und er ein farbiger sei. Wir beruhigten ihn, und nun setzten
wir uns heiter und frhlich zu Tisch. Um Dolmetscher waren wir nicht
verlegen. Dr. Solander verstand so viel Hollndisch, sich mit dem
Residenten unterhalten zu knnen; einige unsrer Matrosen konnten
sich mit dem Rajah verstndigen, der portugiesisch sprach. Unsre
Mahlzeit bestand aus Hammelfleisch, was den Rajah veranlate, sich ein
englisches Schaf auszubitten. Obwohl wir nur noch ein einziges Exemplar
an Bord hatten, wurde ihm die Bitte bewilligt; auch seine Bitte um
einen englischen Hund konnte erfllt werden, indem ihm Herr Banks sein
Windspiel verehrte. Der Resident erhielt auf seinen Wunsch ein Fernglas
zum Andenken. Hierauf erzhlten uns unsre Gste von dem groen Reichtum
der Insel an Ochsen, Schafen, Schweinen und Federvieh, von dem wir so
viel erhalten knnten als wir gebrauchten. Der Becher kreiste fter
als der Rajah und der Resident vertragen konnten; doch hatten sie so
viel Gewalt ber sich, da sie sich noch rechtzeitig entfernten. Unsre
Seesoldaten machten die Honneurs. Der Rajah wollte einige militrische
bungen sehen. Man willfahrte ihm und lie drei Salven abfeuern. Das
erste Mal, als er die Przision bemerkte, womit die Soldaten den
Hahn spannten, anschlugen und feuerten, schrie er vor Bewunderung
laut auf. Als die Gste vom Schiff abfuhren, wobei ihnen Herr Banks
und Dr. Solander das Geleite gaben, feuerten wir zu ihren Ehren neun
Kanonenschsse ab.

In der Stadt wurden die Herren Banks und Dr. Solander von dem Rajah
mit sem Palmwein bewirtet. Dieses Getrnke ist nichts anders als
der Saft, der aus der angebohrten Palmknospe trufelt; er schmeckt
s, aber nicht unangenehm. Dr. Solander verordnete ihn sofort unsern
Skorbutkranken, nachdem er zu diesem Zweck einige Krge davon gekauft
hatte. Am nchsten Morgen stattete ich mit den Herren Banks und Dr.
Solander sowie den ersten Offizieren dem Rajah einen Gegenbesuch
ab, um gleichzeitig einige Ochsen, Schafe und Federvieh von ihm
einzuhandeln. Darauf besuchten wir die von der Hollndisch-Indischen
Kompanie erbauten Gebude. In dem grten trafen wir Herrn Lange
und den Rajah, der Ae Mdocho Lomi Dra hie und diesmal mit seinem
ganzen Hofstaat erschienen war. Als wir dem Residenten vorschlugen,
einen Tauschhandel zu etablieren, wies er uns an die Eingeborenen und
empfahl sich unter irgendeinem Vorwand. Der Rajah lud uns zu Tisch
ein, was wir annahmen. Den Wein stellten wir. Das Essen bestand aus
Reis und Schweinefleisch, das auf verschiedene Weise zubereitet worden
war und in 36 Schsseln aufgetragen wurde. Nach der Landessitte nahm
der Rajah nicht daran teil; ihn vertrat sein Premierminister. Auch
der Resident erschien wieder und wohnte der Festlichkeit bei. Die
verschiedenen Gerichte mundeten ausgezeichnet; auch die verschiedenen
Suppen, die dazu gereicht wurden, waren vorzglich. Die aus Blttern
verfertigten Lffel, deren wir uns bedienen muten, waren zu klein,
so da nur wenige die Geduld besaen, sich ihrer zu bedienen. Nach
Tisch begaben wir uns, um uns den Freuden des Weines zu ergeben, in
einen andern Raum, whrend die Matrosen unsre Pltze einnahmen, um die
Reste unsres Mens zu verzehren, was ihnen unmglich war, so reichlich
wurde aufgetischt. Die Frauen und Mdchen, die die Speisen auftrugen,
ntigten unsre Leute, das, was sie nicht verzehrten, mitzunehmen.

Wir aber saen frhlich beim Wein! Und da der Wein die Zunge lst
und das Herz frhlich macht, so brachten wir das Gesprch wieder auf
unsre Angelegenheiten, den Einkauf von Ochsen usw. Unser schsischer
Hollnder setzte jetzt eine Amtsmiene auf und erklrte, von seinen
Vorgesetzten den Befehl erhalten zu haben, uns nur mit dem Ntigsten
zu versehen und einen lngeren Aufenthalt nicht zu gestatten. Wir
hielten diesen Befehl fr eine Fabel, ersonnen, uns zu brandschatzen,
und beschlossen dem vorzubeugen. In der Tat war das fr uns bestimmte
Vieh vom Markte abgetrieben worden. Wir beschwerten uns sehr energisch
bei dem verrterischen Residenten, der uns scheinheilig vertrstete.
Der Rajah machte uns Hoffnung fr den nchsten Tag, an dem wir wieder
auf dem Markt erschienen, wo ein kleiner Ochse angetrieben war, fr den
fnf Guineen, zweimal soviel als das Tier wert war, verlangt wurden.
Wir boten drei und erhielten den Zuschlag unter der Bedingung, da der
Rajah den Kauf gestatte. Dr. Solander war inzwischen zu dem Residenten
gegangen, um dort vorstellig zu werden; er kam in Begleitung von etwa
100 Bewaffneten zurck und meldete mir, da uns der Rajah den Kauf
verbiete, weil wir seine Leute bervorteilten. Wir bezweifelten nicht,
da dieser Befehl auf den Residenten zurckzufhren war, der sich auf
erpresserische Weise an uns bereichern wollte, was er am besten dadurch
zu erreichen hoffte, da er die Eingeborenen vom Markt vertreiben lie.
In diesem Augenblick erkannte ich den alten Premierminister des Rajahs
und sah ihm an, da er das Verfahren des Vertreters des Residenten
mibilligte. Ich begrte ihn und schenkte ihm einen Soldatendegen;
er nahm den Degen mit Entzcken, schwenkte ihn ber dem Kopf des
Portugiesen und befahl ihm und dem Offizier der Wache, sich hinter
ihn zu setzen und ruhig zu sein. Ein Zeichen des alten Herrn, und der
Markt war mit einem Male wieder belebt. Wir konnten einkaufen und
eintauschen, was wir wollten; wir erhielten sogar im Tausch die grten
Ochsen gegen alte Flinten.

Savu ist von Osten nach Westen ungefhr acht Seemeilen lang und
beraus fruchtbar. Die Einwohner sind im groen und ganzen eher klein
als gro; besonders aber sind die Frauen klein und in einem gewissen
Alter untersetzt. Die Vornehmen sind von lichter, hellbrauner Farbe;
die Haut der gewhnlichen Leute, die viel in der Sonne arbeiten, ist
fast so dunkel wie die der Eingeborenen von Neuholland. Die Mnner
sind krperlich schn gebaut; ihre Gesichtsbildung ist verschieden.
Die Frauen dagegen sehen einander so ziemlich hnlich; sie binden
ihr Haar nach hinten in einen dichten Busch zusammen, eine Mode,
die sie nicht verschnt. Die Mnner tragen ihr langes Haar mit
einem Kamm auf dem Kopfwirbel zusammengesteckt; beide Geschlechter
epilieren ihr Haar unter der Achsel, die Mnner sogar den Bart. Zu
diesem Zwecke tragen die Vornehmen eine kleine silberne Zange bei
sich, die an einer Zierschnur um den Hals hngt. Die Stutzer tragen
einen winzigen Schnurrbart, der die Hlfte der Oberlippe von der
Nasenwurzel aus bedeckt. Mnner wie Frauen kleiden sich in blauen,
wolkenmig schattierten Kattun, den sie selbst weben. Zwei Stcke
Kattun in Lnge von 6 und Breite von 5 Fu reichen zur vollstndigen
Kleidung; das eine dient als Ober-, das andre als Unterkleid. Arme,
Beine und Fe bleiben unbekleidet. Die Frauen tragen ihr Haar frei,
whrend die Mnner eine Art von Turban um den Kopf wickeln. Auffallend
ist ihre Vorliebe fr Schmuck, echten und unechten. Die Vornehmen
tragen goldene oder vergoldete Ketten um den Hals, Ringe an den
Fingern, Korallenschmuck, Armbnder und Ohrgehnge von berladenem,
oft protzenhaftem Umfang. Die Shne des Rajahs trugen als Zeichen
ihrer Wrde Schlangenarmbnder um den Oberarm. Auerdem schmckten
sich Mnner und Frauen mit Ttowierungen an den Armen; bei den Frauen
waren es meist Quadrate, bei den Mnnern Namenszge. Die unverkennbare
hnlichkeit dieser Zeichen mit denen, die sich die Sdseeinsulaner
einzuttowieren pflegen, war berraschend; ber den Ursprung dieser
gemeinsamen Unsitte vermochten wir natrlich Bestimmtes nicht zu
erfahren; sie ist traditionell wie die Erbsnde.

Die Huser auf dieser Insel sind nach einem System und je nach dem
Range und dem Vermgen ihrer Besitzer kleiner oder grer erbaut; sie
sind auf Pfeilern und Pfosten ungefhr 4 Fu hoch ber dem Erdboden
errichtet. Das schrge, mit Palmblttern gedeckte Dach reicht bis auf 2
Fu gegen den Fuboden hinunter. In jedem Hause befindet sich ein von
den brigen Rumen abgesondertes Frauengemach. Der Haustrunk auf Savu
und auf den brigen Sundainseln ist der auf sinnreiche Weise von der
Fcherpalme gezogene Palmwein, der Toddy. Um ihn zu gewinnen, schneiden
die Eingeborenen die Knospen der geschlossenen Blten auf, unter die
man kleine, aus Blttern so dicht geflochtene Krbchen hngt, da
nichts hindurchtropfen und der aus den Knospen laufende Saft gesammelt
werden kann. Zur Einsammlung dieses Saftes sind gewisse Leute bestellt,
die morgens und abends auf die Bume klettern und die Sammelkrbchen
in einen groen Behlter leeren. So gro auch die Quantitten dieses
Weines sein mgen, die die Insel selbst verbraucht, so ist doch die
Ernte immer noch grer, weshalb der berschssige Saft zu Syrup, der
Gula, eingekocht wird, deren heilende Wirkung wir an unsern Kranken
beobachten konnten. Mit Reis gemischt dient die Gula zur Mstung der
Schweine und des Geflgels. Die Bltter der Fcherpalme dienen zur
Herstellung von Krben, Bechern, Sonnenschirmen und -- Tabakspfeifen;
auch deckt man die Dcher damit.

Mnner wie Frauen sind dem hlichen und schdlichen Laster ergeben,
fortwhrend Betel und Areka zu kauen, woran sie von Jugend auf gewhnt
werden. Auch mischen sie Betel und Areka mit Muschelkalk und Tabak.
Der Tabak verpestet den Atem, und der Betel mit der Kalkmischung greift
die Zhne so an, da sie bald einer ausgebrannten Kohle gleichen.
Ich habe junge Mnner gesehen, die fast keine Zhne, sondern nur
noch ekle, schwarze Zahnstumpen im Munde hatten. Meines Wissens sind
viele Schriftsteller der Ansicht, da es die zhe, faserige Hlse der
Arekanu sei, was die Zhne so verdirbt, allein ich bin andrer Meinung.
Ich glaube entschieden, da der Kalk die Schuld an diesem bel trgt,
denn die Zhne sind nicht abgebrochen oder ausgebissen, wie es sein
mte, wenn das bestndige Kauen harter Gegenstnde allein in Betracht
kme, sondern nach und nach abgefressen wie Metalle, die der Wirkung
starker Suren ausgesetzt sind; ich kann nur der zerfressenden Wirkung
des tzenden Muschelkalks die Schuld geben. Mnner wie Frauen sind
auch leidenschaftliche Raucher; sie rollen den Tabak und stecken ihn
in ein 6 Zoll langes, aus einem Palmblatt verfertigtes Rhrchen. Da
sich in ein solches Rhrchen nur sehr wenig Tabak einfllen lt, so
schlucken sie, um seine Wirkung zu verstrken, den Rauch in die Lunge.
Mit Vorliebe tun das wieder die Frauen.

Der Resident versicherte uns, da das Volk sehr tapfer und kriegerisch
sei, und da die Rajahs der fnf miteinander verbndeten Frstentmer
der Insel 2300 Mann mit Musketen, Spieen, Lanzen, Kriegsbeilen und
Schilden bewaffneter Krieger auf die Beine stellen knnten. Die Lanzen
sollen sie, wie er uns erzhlte, so geschickt zu schleudern wissen,
da sie auf 60 Fu Entfernung das Herz des Feindes treffen. Inwieweit
dieses Zeugnis berechtigt ist, lasse ich dahingestellt. Wir haben nie
Leute mit Lanzen gesehen, und die Musketen waren in schlechtem Zustand,
auen zwar rein, aber innen vom Rost zerfressen. Von Kriegszucht war
bei den sogenannten Truppen keine Spur zu entdecken. Auf dem Marsche
liefen sie wie ein Haufen zusammengerottetes Volk einher; der eine
trug ein Huhn, der zweite Tabak, der dritte Waren, um sie zu Markt zu
bringen; in den Patrontaschen fehlten die Patronen. Die groe Kanone
vor dem Pseudozeughaus lag auf einem Steinhaufen mit dem Zndloch nach
unten. Kriegerisch sah das alles nicht aus.

Die Sklaven gehren hier zum Grundbesitz und werden gut gehalten; ohne
Vorwissen des Rajahs, d.h. ohne Urteil, darf kein Sklave gezchtigt
werden. Manche Grundherren haben 500 Sklaven. Wenn ein vornehmer Herr
ausgeht, so trgt ihm ein Sklave sein Schwert nach, dessen Griff
meist von Silber ist; ein zweiter trgt den Betel- und Tabaksbeutel.
Der gewhnliche Preis fr einen Sklaven besteht in einem gemsteten
Schwein. Die Religion dieser Leute ist, wie uns der Resident sagte,
eine ungereimte Art Heidentums. Jeder whlt sich seinen eigenen Gott.
Es gibt beinahe so viel Gtter und Gtzen als es Eingeborene auf der
Insel gibt. Doch ist ihre Sittenlehre rein und verfeinert. Niemand darf
mehr als eine Frau nehmen; der uneheliche Verkehr beider Geschlechter
ist verpnt. Der Diebstahl ist verachtet. Beleidigungen werden
ausschlielich von dem Rajah geshnt, dessen Urteil allein entscheidend
ist.




Dreizehntes Kapitel.

  In Batavia. -- Todesflle. -- Ungesundes Klima. -- Tupia stirbt.
  -- Die Javaner und ihre Lebensgewohnheiten. -- Nationallaster. --
  Sklaverei. -- Abreise.


Am 21. September 1770 gingen wir am frhen Morgen unter Segel und
steuerten lngs der Kste von Savu westwrts. Am 26. um 7 Uhr abends
befanden wir uns in der Breite, in der das Vorgebirge von Java liegt.
Trotzdem sah ich kein Land; ich richtete daher meinen Lauf nach
Ostnordost. In der Nacht zum 1. Oktober bekamen wir ein Gewitter
mit heftigem Donner und Blitz. Mitternacht, als ein frchterlicher
Blitzstrahl Himmel und Meer erhellte, sahen wir Land im Osten. Um 6
Uhr morgens lag das westliche Ende von Java nur noch fnf Seemeilen
im Sdosten. Am 2. Oktober frh 4 Uhr liefen wir hart an die Kste
von Java hinein, sodann steuerten wir lngs des Landes hin. Am Morgen
schickte ich ein Boot ab, um einige Frchte fr den schwer erkrankten
Tupia und Heu fr das Vieh einzuhandeln. Nach zwei Stunden kam es mit
dem Verlangten zurck. Die Kste war so mit Bumen bewachsen, da es
wie ein einziger Wald aussah und einen herrlichen, zauberhaft schnen
Anblick gewhrte. Um 11 Uhr sahen wir zwei hollndische Schiffe auf der
Hhe der Angerspitze liegen. Ich schickte meinen ersten Offizier Hicks
aus, um Neuigkeiten aus unserm Vaterland einzuholen, von dem wir so
lange nichts gehrt hatten. Es war nicht viel, was er zu hren bekam.

Endlich kamen wir nach einigen Kreuzfahrten glcklich auf der Reede
von Batavia vor Anker. Hier fanden wir den englischen Ostindienfahrer
Harcourt und zwei englische Kauffahrteischiffe, dreizehn groe und
viele kleinere hollndische Schiffe vor Anker liegen. Kaum waren wir
angelangt, so wurde von einem Schiffe her, das einen Kommandowimpel
fhrte, ein Boot an uns abgefertigt. Der Offizier, der es befehligte,
befragte uns, wer wir seien und woher wir kmen, und kehrte dann mit
der Antwort sofort an Bord seines Schiffes zurck; er und seine Leute
sahen so bla aus wie Gespenster: eine traurige Vorbedeutung von den
Leiden, die wir in einem so ungesunden Lande ausstehen sollten! Kurz
darauf sandte ich einen Leutnant an den Statthalter ab, um ihm unsre
Ankunft mit dem Ausdruck des Bedauerns zu melden, da wir ihn nicht wie
blich mit neun Kanonenschssen begrt htten. Hierauf berreichte mir
der Schiffszimmermann den offiziellen Bericht ber die Havarien des
Schiffes, den ich einem Gesuch an den Statthalter beilegte, das Schiff
in der Reede kielholen und reparieren zu drfen; sodann gingen wir alle
ans Land.

Wir begaben uns sofort zu Herrn Leith, einem angesehenen Englnder, um
ihn um Rat zu fragen. Herr Leith empfing uns sehr hflich und behielt
uns zu Tisch bei sich. Wir fragten ihn, wo wir am besten in der Stadt
wohnen knnten. Er teilte uns mit, da es einen Gasthof in Batavia
gebe, in dem alle fremden Kaufleute wohnen mten; da wir jedoch einem
kniglichen Schiffe angehrten, so bezweifle er nicht, da uns der
Statthalter erlauben wrde nach freier Wahl zu wohnen. Herr Leith
meinte, wir knnten uns besser und billiger einrichten, wenn wir in
der Stadt ein Haus mieteten und uns zur Bedienung einige Leute vom
Schiff aussuchten. Da wir aber niemand an Bord hatten, der sich mit den
Eingeborenen wegen des Einkaufs von Lebensmitteln htte verstndigen
knnen, so zogen es unsre Freunde vor, im Hotel zu wohnen. Um 5 Uhr des
Nachmittags wurde ich dem Statthalter vorgestellt und mit Auszeichnung
empfangen. Er sagte mir, da ich alles erhalten wrde, dessen ich
bedrfte; die Petition aber werde er dem Staatsrat unterbreiten, dem
er mich vorstellen wrde. Um 9 Uhr des Abends brach ein frchterliches
Gewitter mit Sturm, Donner und Blitz ber uns herein. Der Blitz
spaltete den groen Mast eines hollndischen Schiffes, das in unsrer
Nhe lag, und schleuderte ihn ber Verdeck. Wir wrden das nmliche
Schicksal erlitten haben, wenn wir nicht kurz vorher eine elektrische
Kette aufgehngt htten, in die der Strahl schlug. Der Blitz fuhr
jedoch die Kette entlang ins Wasser, ohne das Schiff zu beschdigen.
Wir empfanden nur einen gewaltigen Sto. Die Kette sprhte Funken,
und einer Schildwache, die in diesem Augenblick ihr Gewehr lud, wurde
dieses aus der Hand geschleudert und der Ladestock zerschmettert.
Von dem Staatsrat erhielt ich am nchsten Morgen persnlich die
Zusicherung, da ich alles, was ich ntig htte, erhalten sollte.

Da es Herrn Banks im Gasthof zu unruhig war, so mietete er nebenan
fr sich und seine Freunde ein Privathaus; sobald er sich darin
eingerichtet hatte, lie er den kranken Tupia von Bord holen, dem er
nebst Tayeto hier ein Zimmer anwies. Als Tupia die Stadt sah, lebte er
wieder auf; er promenierte gern und viel in den Straen und sah sich
alles mit dem grten Interesse an. Als er wahrnahm, da hier jedermann
in seiner Landestracht erscheint, so ging er nur noch in der seinigen
aus und wurde deshalb vielfach fr Otourou gehalten, den Insulaner, den
Herr von Bougainville seinerzeit aus Otahiti mit sich nach Frankreich
nahm.

Die Kosten, die die Ausbesserung und die Ausrstung des Schiffes
erforderten, ntigten mich Gelder aufzunehmen. Der Generalstatthalter
streckte mir die Summe, die ich brauchte, aus der Kasse der Kompanie
vor, worauf ich das Schiff auf die Werft brachte. Unterdessen machte
sich das mrderische Klima ber uns her. Der erste, der schwer
erkrankte, war Tupia; Tayeto bekam eine Lungenentzndung; zwei Bediente
des Herrn Banks wurden bettlgerig, und bei den Herren Banks und Dr.
Solander stellten sich schwere Fiebererscheinungen ein. Nach wenigen
Tagen war fast jedermann von uns krank. Dies rhrte ohne Zweifel
von der niedrigen, sumpfigen Lage des Ortes und von den unzhligen,
unreinen Kanlen her, die die Stadt nach allen Richtungen hin
durchziehen. Tupia war der erste, der sich wieder nach der reineren
Seeluft sehnte. Herr Banks ging mit ihm nach dem Kuyporeiland und
errichtete ihm bei der Schiffswerft ein Zelt. Auch pflegte er ihn
so lange, bis er selbst so schwach wurde, da er kaum mehr gehen
konnte. Dr. Solander brach ebenfalls zusammen, und unser Schiffsarzt
Monkhouse konnte das Bett nicht mehr verlassen. Am 5. November, an
dem Tage, wo das Schiff umgelegt wurde, starb der arme Monkhouse, ein
einsichtsvoller Arzt und uns allen ein treuer Freund. Ein furchtbarer
Schlag fr uns. Herr Banks war so schwach, da er nicht einmal dem
Leichenbegngnis beiwohnen konnte. Der Tod kam uns allen sichtbar
nher, und wir konnten ihm nicht entfliehen. Am 9. November starb
Tayeto, dessen Tod unsern armen Tupia so furchtbar hart traf, da wir
an seinem Aufkommen zu zweifeln begannen.

Der Boden des Schiffes war unterdessen genau untersucht worden. Der
Afterkiel fehlte bis auf eine Kleinigkeit; der Hauptkiel war schwer
beschdigt; ein groer Teil der Schiffshaut fehlte, und viele von den
inneren Planken waren derart abgescheuert, da sie kaum mehr einen
achtel Zoll dick waren. Auch die Wrmer hatten ihr Zerstrungswerk
begonnen und die Rippen angefressen. In diesem trostlosen Zustand war
das Schiff viele Hunderte von Seemeilen ber den Teil des Weltmeers
gesegelt, der fr die Schiffahrt als der gefhrlichste gilt. Welches
Glck, da wir nicht wuten, da unser Schiffsboden noch dnner als
eine Schuhsohle war, da zwischen uns und dem bodenlosen Abgrund
des Korallenmeers nur diese dnne Scheidewand war! Und allen diesen
Gefahren waren wir entgangen, um hier am Lande eines elenden Todes zu
sterben!

Die Herren Banks und Dr. Solander waren so krank, da der Arzt ihnen
als einziges Rettungsmittel Luftvernderung vorschrieb. Wir mieteten
ihnen ein Landhaus zwei Meilen von der Stadt entfernt und kauften
ihnen auf ihren Wunsch zwei malaiische Sklavinnen als Pflegerinnen.
Kurz nach der bersiedelung der beiden Herren starb zu unser aller
Leidwesen der arme Tupia, der sich von dem Verluste seines jungen
Freundes nicht mehr erholen konnte. Zum Glck wirkten die Seeluft und
der Landaufenthalt bei unsern andern Kranken; die Herren Banks und
Dr. Solander erholten sich zusehends. Whrend sie genasen, erkrankten
andre, so da von der ganzen Besatzung kaum zehn Mann imstande waren
Dienst zu tun. Auch ich konnte mich vor Fieber nicht mehr aufrecht
halten. Desungeachtet fuhr ich fort, das Schiff auszursten und den
ntigen Proviant einzuhandeln. Am 26. November stellte sich nach
einem furchtbaren, wolkenbruchartigen Unwetter der Passatwind ein.
Der Regen durchstrmte unser Landhaus wie ein Sieb; und in den untern
Zimmern wtete das Wasser wie ein Bach, der ein Mhlrad htte treiben
knnen. In der Stadt war es nicht anders. Alles war berschwemmt. Auf
diese Weise stellte sich die Regenzeit ein; doch gab es noch schne
und heitere Tage. Die Frsche, die hier zehnmal lauter quaken als die
europischen, waren uns zu gute Wetterpropheten, und die Moskitos, die
in der heien Jahreszeit lstig genug waren, wurden zur Landplage; sie
schwrmten aus ihren Pftzen und Tmpeln in solcher Unzahl, da man
sich ihrer kaum erwehren konnte. Aber der Mensch gewhnt sich an alles.

Am 8. Dezember war das Schiff ausgebessert, die Kranken waren an
Bord, und wir liefen die Reede hinauf. Hier ankerten wir bis
zum 24. Dezember, um das Schiff vollstndig auszursten und zu
verproviantieren. Wir wren frher fertig geworden, wenn uns nicht
Krankheiten und Todesflle heimgesucht htten.

Am Nachmittag verabschiedete ich mich von dem Statthalter und den
angesehensten Brgern, die uns whrend unseres Aufenthalts in Batavia
so gastfreundlich begegnet waren. Weihnachten feierten wir am Lande; am
Abend des ersten Feiertags gingen wir alle an Bord, und am 26. Dezember
frh 6 Uhr lichteten wir die Anker. Der englische Ostindienfahrer
Elgin, Kapitn Cook, ein Namensvetter von mir, mit dem wir sehr frohe
Stunden verlebt hatten, begrte uns mit dreimaligem Hurra und dreizehn
Kanonenschssen; das Fort brachte einen Salut von vierzehn Schssen.
Beide Gre erwiderten wir mit Hilfe unsrer Drehbassen.

Wir waren aber kaum an den letzten Schiffen vorber, als der Wind sich
drehte und uns zwang, bis zum nchsten Tag vor Anker zu gehen. Zu
dieser Zeit belief sich die Anzahl unsrer Kranken an Bord auf vierzig
Mann, und der Rest war kaum genesen. Mit Ausnahme des Segelmachers,
eines Jnglings von ungefhr 75 Jahren, waren wir alle mehr oder minder
krank; der gute Knabe war aber whrend unseres ganzen Aufenthalts in
Batavia niemals so nchtern gewesen, da er selbst htte wissen knnen,
ob er die Malaria hatte oder nicht; jedenfalls hat er sie weggeekelt,
whrend wir im ganzen sieben Genossen ans Grab zu begleiten hatten. Von
diesen fielen sechs dem Klima zum Opfer, whrend der arme Tupia mehr
seiner vernderten Lebensweise unterlag.

Batavia, die Hauptstadt der hollndischen Kolonien in Java, ist, was
die Kanle betrifft, ein zweites Holland, ein zweites Venedig. In der
heien Jahreszeit aber verpesten diese Kanle mit ihrem stagnierenden
Wasser die Luft; in der Regenzeit berschwemmen sie die niedriger
gelegenen Stadtteile mit ihrem Schlamm und ihrem Kot und sind beinahe
stets mit Tierleichen gefllt. Tote Hunde und Pferde bleiben so lange
liegen, bis sie von einer zuflligen berschwemmung abgetrieben werden.
Ich sah hier einen toten Ochsen ber acht Tage lang im Hauptkanal
umhertreiben. Daher auch die ungesunden Verhltnisse von Batavia, die
so mrderisch sind, da, wie man uns sagte, von hundert Soldaten,
die aus Europa hier anlangen, kaum fnfzig das erste Jahr berleben
und kaum zehn dienstfhig sind. Dieser Bericht kann zwar bertrieben
sein, allein die Gespenster, die wir hier mit einem Gewehr herumlaufen
sahen, besttigen die traurige Wahrheit des Gesagten. In ganz Batavia
haben wir keinen wirklich gesunden Mann getroffen; auch die Frauen
sahen alle bla und krank aus. Man nimmt hier die Arzneien fast
gewohnheitsmig ein und spricht vom Sterben wie von einer alltglichen
Sache. Die Eingeborenen verbrennen eine Unmasse von wohlriechendem Holz
und Harzen und sind die ppigsten Blumenzchter, die man sich denken
kann; vermutlich sollen ihnen die Wohlgerche als Gegengift gegen die
mephitischen Ausdnstungen ihrer Gruben und Kanle dienen.

Wir sahen zwar viele weie Frauen, aber kaum zehn waren geborene
Europerinnen; doch stammten die meisten von Europern ab.
Merkwrdigerweise schadet das Klima den Frauen weniger als den Mnnern.
Diese Kreolinnen ahmen jedoch die Gebruche der Malaiinnen so sehr
nach, kauen Betel wie sie und tragen Kleidung und Haar so sehr nach der
Mode der Eingeborenen, da man sie nur an der Hautfarbe erkennen kann.
Die Bevlkerung selbst besteht aus Hollndern, Portugiesen, Chinesen,
Malaien und Negern. Die Chinesen treiben meist Handelsgeschfte;
sie sind in der Tat die rhrigsten Kaufleute, die man sich denken
kann, und ohne sie ist hier kein Geschft mglich. Die Portugiesen,
die Java bevlkern, haben sich mit den Javanern so sehr vermischt,
da man sie nur an der Hautfarbe von ihnen unterscheiden kann. Die
Malaien sind meist als Sklaven von den benachbarten Inseln importiert
und spter freigelassen worden. Als Mohammedaner nennen sie sich die
Rechtglubigen, die Isalams, was sie aber nicht hindert, sich durch
Opiumhandel zu bereichern, Betel und Areka zu pflanzen und die Laster
ihrer alten Heimat getreulich beizubehalten. Die eigentlichen Javaner
sind mit den Isalams verschmolzen. Mnner wie Frauen verwenden trotz
des Betelkauens auf die Pflege ihrer Zhne die grte Sorgfalt, indem
sie die Zhne gleichlang abfeilen und eine Rinne in die obere Zahnreihe
schneiden, die mit dem Zahnfleisch parallel luft. Allgemein frnen sie
dem Laster des Opiumrauchens so sehr, da unter ihnen eine besondere
Art von Wahnsinn herrscht, den man das Amoklaufen nennt. Wenn jemand
Amok luft, so ist er vogelfrei, man kann ihn niederschlagen wie einen
tollen Hund, denn er ist nichts anders als ein Tobschtiger, der sich
mit Opium zu einem Mord berauscht, rasend auf die Strae luft und nun
unterschiedslos jedermann anfllt, der ihm begegnet. Wir sahen einen
wohlhabenden Mann Amok laufen aus Eifersucht auf seinen Bruder, den er
in seinem Blutrausch ttete. Diese Mordmanie ist so verbreitet, da
die Gerichtsdiener eigene Fangapparate, groe Gabelzangen, mit sich
herumtragen, um die Amoklufer, die ihr Leben teuer genug verkaufen,
unschdlich zu machen. Die gefangenen Amoklufer werden unmittelbar
nach ihrer Verhaftung auf dem Schauplatz ihres ersten Mordes ohne Gnade
lebendig gerdert.

Merkwrdig ist, da die Javaner, obwohl sie meist Mohammedaner sind,
den Teufel als den Urheber alles bels anbeten und ihm in der Not
sogenannte Vershnungsopfer darbringen. Auch glauben sie, da manche
Menschen einen Sandura, d.h. ein Krokodil, als Zwillingsbruder htten.
Die Familie, in der sich eine solche Geburt ereignet haben soll,
trgt ihrem Sandura im nahen Flu so reichlich Nahrungsmittel zu, da
sie selbst oft darunter notleidet; denn eine Vernachlssigung dieser
Pflicht wird unnachsichtlich mit einem Krankheits- oder Sterbefall
in der Familie geahndet. Eine junge Sklavin, die unter Englndern
erzogen worden war, erzhlte Herrn Banks, ihr Vater habe ihr auf seinem
Totenbett entdeckt, da er ein Krokodil zu seinem Sandura htte, und
habe ihr aufgetragen, die Bestie zeit ihres Lebens zu fttern. Sie
gehe daher jeden Tag an den Flu, um ihren Oheim zu fttern. Gegen
die Macht dieses Aberglaubens helfen keine Vernunftgrnde. Die Leute
glauben so fest an die Mythe vom Sandura, da sie an gewissen Festtagen
gemeinsam hinausrudern, um ihre gefrigen Verwandten mit Fleisch,
Betel und Tabak zu regalieren.

Nchst den Chinesen, die in einem besondern Quartier wohnen und allen
ihren Nationallastern, dem Opiumrauchen und dem Spiele frnen, sind in
Batavia die Sklaven am zahlreichsten. Jedermann hlt sich zu seiner
Bedienung Sklaven, und wo man einen Hollnder, einen Portugiesen oder
einen Isalam sieht, er sei vornehmen oder geringen Standes, reich oder
arm, so sieht man ihn in Begleitung seiner Sklaven. Man fhrt sie aus
Sumatra und den stlichen Provinzen ein. Die Javaner selbst sind durch
die Gesetze und schwere Strafen vor der Leibeigenschaft und dem Lose
geschtzt, als Sklaven in dem Lande zu leben, dessen Herren sie einst
waren; eine gesetzgeberische Manahme, die ihrem trgen Sinne wenig
zusagt, zumal da die Sklaven hier ein Leben wie in Arkadien fhren
und die faulste Menschensorte unter Gottes Himmel sind. Fr einen
Sklaven zahlt man in Batavia zehn bis zwanzig Pfund Sterling, fr ein
Mdchen, wenn es schn ist, bis zu hundert Pfund. Man hat Sklaven aus
allen Vlkerschaften. Berchtigt sind die Negersklaven aus Afrika, die
man hier Papuas nennt; sie sind Diebe und unverbesserliche Faulenzer.
Nicht viel besser sind die Sklaven von der Insel Celebes, die sich
nicht nur durch ihre Faulheit, sondern auch durch ihren rachschtigen
Charakter auszeichnen. Die zuverlssigsten Sklaven kommen aus Bali, die
schnsten Sklavinnen aus Bias, einer kleinen Insel bei Sumatra. Leider
sind diese Mdchen krperlich so zart, da sie dem mrderischen Klima
von Batavia leicht erliegen. Die Sklaven stehen unter der Strafgewalt
ihrer Herren; wer jedoch seinen Sklaven so mihandelt, da er daran
stirbt, verfllt der Todesstrafe. Daher zchtigen die Sklavenhalter
ihre Leute nicht selbst, sondern sie berlassen das dem Marineu, einer
Gerichtsperson, der es obliegt, den Straenfrieden zu wahren, die
Amoklufer einzufangen und straffllige Sklaven zu zchtigen. Dies
besorgt jedoch der Marineu nicht selbst, sondern er lt es von seinen
Sklaven ausfhren. Die Sklaven werden ffentlich vor der Haustre
ihres Herrn, die Sklavinnen innerhalb des Hauses gezchtigt. Als
Strafinstrument dienen dnne Bambusrohre, die aber so krftig wirken,
da auf jeden Hieb Blut fliet. Fr jede gewhnliche Exekution erhlt
der Marineu einen Taler, fr eine besonders harte einen Dukaten.




Vierzehntes Kapitel.

  Die Prinzeninsel. -- Besuch beim Knig. -- Die Eingeborenen. -- Das
  schwimmende Hospital. -- Wir begraben dreiundzwanzig Mann. -- Am Kap
  der Guten Hoffnung. -- Die Hottentotten und ihre Sitten.


Donnerstag, den 27. Dezember, liefen wir in See; am 29. kamen wir an
Pulo Pare vorber; am 1. Januar 1771 segelten wir wiederum der Kste
von Java zu. Am 5. Januar befanden wir uns an der Prinzeninsel.
Da sich der Zustand der Kranken seit unsrer Abreise von Batavia
verschlimmert hatte, so beschlo ich hier beizulegen und ging um 3 Uhr
des Nachmittags an der sdstlichen Seite der Insel in 18 Klaftern
Wasser vor Anker, um Erfrischungen fr die Kranken einzukaufen und
unsre Vorrte an Holz und Wasser zu ergnzen.

Als das Schiff gehrig gesichert war, ging ich mit den Herren
Banks und Dr. Solander ans Land. Am Strande begegneten uns einige
Eingeborene, die sich erboten, uns zu ihrem Knige zu geleiten,
ein Vorschlag, den wir sofort annahmen. Seine Majestt empfing uns
mit groer Auszeichnung. Was aber den Einkauf von Lebensmitteln,
Schildkrten und andern Erfrischungen betraf, so wurden wir ber den
Preis nicht einig. Seine Majestt war ein groer Halsabschneider und
forderte haarstrubende Preise. Dies machte uns weiter keine Sorge,
denn wir wuten im voraus, da er am andern Tage seine Leute auf
unsre Preise stimmen wrde. In dieser Erwartung empfahlen wir uns von
dem Knig und der Versammlung von Indianern, die er zu unsern Ehren
zusammengetrommelt hatte, und nahmen unsern Rckweg lngs der Kste,
um eine Wasserstelle ausfindig zu machen, was uns auch gelang. Wir
fanden nmlich in der fr unsre Zwecke gnstigsten Lage Wasser. Als wir
uns einschiffen wollten, boten uns einige Indianer drei Schildkrten
zum Kauf an. Wir wurden handelseinig, muten aber an Eides Statt
versichern, Seiner Majestt diesen Kauf zu verschweigen.

Am andern Morgen kommandierte ich einen Teil der Mannschaft ab, um
Wasser einzuholen. Wir gingen des Proviantes wegen ans Land, fanden
jedoch, da die Eingeborenen auf Allerhchsten Befehl auf ihren hohen
Preisen bestanden. Allein als sie sahen, da auch wir unsre Preise
hatten und nicht zu bewegen waren, mehr zu geben, als wir von Anfang
an geboten hatten, so bequemten sie sich nach ein paar Stunden des
Feilschens zu unsern Preisen. Wir hatten bald smtliche Schildkrten
und ausgestellten Frchte an Bord. Die vorher gekauften Schildkrten
teilte ich der Mannschaft zu, die seit vier Monaten nur von frischen
Lebensmitteln lebte, sich also in bezug auf die Verpflegung ber
eine Vernachlssigung von meiner Seite nicht beklagen konnte. Vier
Monate auf hoher See und nicht ein einziges Mal Pkelfleisch! -- unser
Schiffskoch hielt das fr ein Wunder. Am Abend stattete Herr Banks
dem Knig, der gerade sein Abendessen kochte, in dem Kniglichen
Palais, das aus einer Htte im Reisfeld bestand, seinen Besuch ab und
wurde ungemein gndig empfangen. Am folgenden Tag war der Markt mit
Fischen, Geflgel, jungen Rehen, Frchten und kleinen Affen berfllt.
Schildkrten gab es nicht; wir hatten sie aufgekauft. Aber die Tage
darauf entsprach das Angebot an Schildkrten wieder der Nachfrage; doch
bekamen wir nie soviel wie am ersten Tag.

Herr Banks erinnerte sich, da ihm sein malaiischer Bedienter in
Batavia von einer Stadt auf der Prinzeninsel erzhlt hatte, die im
Westen liege. In der Absicht sie aufzusuchen reiste er, weil er gehrt
hatte, da die Eingeborenen Fremde nur hchst ungern in diese Stadt
geleiteten, unter dem Vorwand ab, da er Pflanzen suchen wollte.
Nachdem er mit seinen Begleitern zwei Stunden lang unterwegs gewesen
war, begegneten sie einem alten Manne, bei dem sie sich nach der
kleinen Stadt erkundigten. Der Alte gab ihnen zuerst eine falsche
Auskunft und suchte sie in die Irre zu fhren; als er aber sah, da ihm
das nicht gelang, fhrte er sie auf dem nchsten Wege nach Samadang,
wie die Hauptstadt der Insel heit.

Samadang ist eine Stadt von vierhundert Husern und wird von einem
Flusse durchzogen; die beiden Stadtteile werden durch eine Fhre
verbunden. Banks erkannte unter den Einwohnern, die sich bei seinem
Erscheinen neugierig ansammelten, mehrere, mit denen wir an der Kste
gehandelt hatten. Er bat sie, ihn und seine Begleiter nach der Neustadt
zu fhren, was die Angesprochenen gegen eine kleine Vergtung denn
auch taten. Das Volk empfing sie hier sehr freundlich und zeigte
ihnen die Huser des Knigs und der vornehmsten Huptlinge. Leider
befanden sich die Herrschaften in ihren Htten in den Reisfeldern, wo
sie sich damit beschftigten, die Vgel und die Affen, die die Ernte
bedrohten, zu verscheuchen. Von einer Besichtigung des Innern der sehr
ansehnlichen Huser mute daher abgesehen werden. Zur Rckkehr nach der
Kste mietete Herr Banks ein Segelboot, wofr er dessen Besitzer vier
Schilling zahlte.

Wir kauften auer Geflgel und Frchten tglich drei Zentner
Schildkrten. Am 13. abends war unser Proviant ergnzt, und wir dachten
an die Abreise. Herr Banks ging noch einmal ans Land, um sich von
dem Knige zu verabschieden, bei welcher Gelegenheit er ihm zwei Buch
Papier zum Geschenk machte. Am 14. waren wir segelfertig; am 15. frh
stachen wir bei leichtem Nordostwind in See.

Wir hatten an der Kste der Prinzeninsel, die von den Eingeborenen
Pulo Paneitan genannt wird, zehn Tage verweilt. Die Einwohner sind
Javaner; ihr Rajah, der Knig, steht unter der Oberhoheit des Sultans
von Bantam. Die Javaner der Prinzeninsel hneln in ihrer Tracht, ihren
Sitten und Gewohnheiten denen von Batavia. Nur scheinen sie in bezug
auf ihre Frauen, die sie vor uns versteckten, eiferschtiger als die
Bataver zu sein. Wir sahen whrend unseres Aufenthalts zufllig im
Walde eine einzige Frau; als sie uns erblickte, lief sie schreiend
davon und verbarg sich. Die Paneitanjavaner sind strengglubige
Mohammedaner, die ihren Ramadan so streng hielten und fasteten, da sie
an diesem hohen Festtage nicht einmal dem heigeliebten Betel huldigten.

Die Huser in der Stadt, die Herr Banks besichtigte, sind auf Pfhlen
erbaut, die 4 bis 5 Fu hoch sind und auf denen der aus Bambusrohr
verfertigte Fuboden ruht. Auch die Seitenwnde sind aus Bambusrohr,
das die Fachwerke dicht ausfllt. Die schrgen, steilen Dcher sind
mit Palmenblttern so dicht gedeckt, da weder Sonne noch Regen
hindurchdringt. Das Haus des Knigs und das des reichsten Mannes auf
der Insel hatten Bretterwnde. Die Huser in den Reisfeldern sind als
Landhuser bedeutend kleiner gebaut, nur sind die Pfosten, worauf sie
ruhen, etwa 10 Fu hoch. Die Vorfahren der Paneitanjavaner wohnten
ursprnglich an der neuen Bai von Java; sie wanderten der vielen
Tiger wegen, die dort die Dschungeln und Wlder unsicher machen,
aus und lieen sich auf der in dieser Hinsicht mehr geschtzten,
auerordentlich fruchtbaren Prinzeninsel nieder.

Wir beschleunigten unsre Reise nach dem Kap der Guten Hoffnung, denn
wir waren in einer frchterlichen Lage. Das schlechte Wasser von der
Prinzeninsel hatte unsern Kranken sehr geschadet. Zu der Malaria, dem
Skorbut und dem Wechselfieber war noch eine gefhrliche Dysenterie
gekommen, die uns zwang, das ganze Schiff mit Essig zu desinfizieren,
um die bsartige Wirkung der ansteckenden Ausdnstungen unsrer Kranken
zu bekmpfen. Herr Banks erlitt einen so bedenklichen Rckfall, da wir
eine Zeitlang an seinem Aufkommen zweifelten. Das Schiff selbst war ein
schwimmendes Hospital, worin es den Kranken an der ntigsten Pflege
fehlte, so da wir jeden Morgen eine neue Leiche hatten. Nicht ganz in
sechs Wochen muten wir auf dieser Todesfahrt der See dreiundzwanzig
Tote bergeben, darunter den Astronomen Green, Parkinson den Maler,
den Reisenden Sporing, den freiwilligen Unteroffizier Monkhouse, den
Oberbootsmann, den Schiffszimmermann, den alten Segelmacher und seinen
Gehilfen, den Schiffskoch, den Korporal der Seesoldaten, einen zweiten
Unteroffizier, die beiden Zimmermannsgehilfen und neun Matrosen. Im
ganzen hatten wir seit unsrer Ankunft in Batavia dreiig Tote zu
beklagen. Eine furchtbare Meerfahrt war es, die wir im Totenschiff
zurcklegten; wir atmeten erst auf, als wir die Hhe des Vorgebirges
der Guten Hoffnung erblickten, wo wir am 15. Mrz in 7 Klaftern auf
schlammigem Boden vor Anker gingen.

Ich begab mich sogleich ans Land, um dem Statthalter meine Aufwartung
zu machen und ihn um Hilfe fr meine armen Kranken zu bitten, die mir
auch zugesagt und in jeder Weise zuteil wurde. Ich mietete fr sie
in herrlicher, gesunder Lage ein Haus, wo man sie, den Mann tglich
fr zwei Schilling, mit Kost und Pflege versah. Auf der ganzen
traurigen Fahrt hierher fiel sonst nichts Besonderes vor, was den
Seefahrer interessieren knnte. In der Windstille war die Luft schwl
und ungesund. Wenigstens konstatierte ich, da an solchen Tagen die
Dysenterie sich so verschlimmerte, da sich jeder fr verloren gab,
umsomehr als die gereichte Medizin nicht im geringsten anschlug.
Kaum hatten wir aber den Passatwind erreicht, als wir sofort an uns
und unsern Kranken dessen heilsame Wirkung versprten. Wir verloren
allerdings noch zwei der Kranken, allein diese waren schon in Batavia
hoffnungslos erkrankt. Wir glaubten zuerst, da die Schildkrten,
die wir auf der Prinzeninsel gekauft hatten, die frchterlichen,
verheerenden Wirkungen der Dysenterie verursacht htten, allein wir
hrten in Kapstadt, da alle die Schiffe, die mit uns von Batavia
abgesegelt waren, ebensosehr von Krankheit mitgenommen worden waren
wie wir; auch hier war der Keim zu der todbringenden Dysenterie
in Batavia gelegt worden, denn keines dieser Schiffe, die fast
ebensoviel Tote hatten wie wir, hatte an der Prinzeninsel geankert.
Als wir am Vorgebirge der Guten Hoffnung vor Anker lagen, segelte
der Ostindienfahrer Hougthon nach England ab. Der Hougthon hatte
whrend seines Aufenthalts in Ostindien 30-40 Mann durch Krankheiten
eingebt, und als er das Kap verlie, lagen noch viele von seinen
Leuten so sehr am Skorbut danieder, da man stndlich ihr Ableben
erwartete. Andre Schiffe, die nicht viel ber ein Jahr von England
fern waren, hatten nicht weniger gelitten. Wenn wir bedachten, da wir
dreimal so lange Zeit von Hause fort waren wie sie, so konnten wir mit
unserm Schicksal nicht so sehr grollen; im Verhltnis waren wir weniger
heimgesucht worden als unsre Leidensgefhrten.

Teils um die Genesung der Kranken abzuwarten, teils um Proviant
einzunehmen und Schiff wie Takelwerk auszubessern, blieb ich bis zum
13. April hier vor Anker. An diesem Tage nahm ich die Kranken, von
denen sich noch verschiedene in sehr gefhrlichem Zustand befanden,
wieder an Bord, verabschiedete mich von dem Gouverneur und lichtete am
14. die Anker, um mit dem ersten Wind auszulaufen.

Das Vorgebirge der Guten Hoffnung ist so oft beschrieben worden, da
ich nur weniges berichtigend zu sagen habe. Sehr berichtigungsbedrftig
sind in erster Linie die bertriebenen Schilderungen von der
Schnheit und Fruchtbarkeit dieses Landes, die mit der Wahrheit wenig
bereinstimmen, denn auf unsrer ganzen Reise haben wir kein Land
gefunden, das so sehr einer unfruchtbaren Wste geglichen htte. Die
Halbinsel, die von der Tafelbai und von der falschen Bai umgeben ist,
besteht aus hohen, kahlen und trostlosen Bergen. Hinter diesen liegt
nach Osten hin eine Landenge, die aus Sandboden besteht, worauf nichts
als Heidekraut gedeiht. Die wenigen fruchtbaren Stellen, die mit Wein,
Obst und Gemse angepflanzt sind, verhalten sich zu den unfruchtbaren
wie eins zu tausend. Auch im Innern des Landes ist es nicht viel
anders. Die Hollnder sagten uns, da viele von ihren Landsleuten sich
etwa 900 englische Meilen entfernt im Innern des Landes niedergelassen
htten und aus dieser groen Entfernung den Ertrag ihrer Felder per
Achse zu Markt ans Kap brchten. Whrend unsres Aufenthaltes kam ein
Bur fnfzehn Tagereisen weit aus dem Landesinnern und brachte seine
jungen Kinder mit. Wir verwunderten uns und meinten, ob es nicht
bequemer gewesen wre, die Kleinen bei dem Nachbar unterzubringen.
Nachbar! lachte der Mann, mein nchster Nachbar wohnt fnf
Tagereisen von mir entfernt! Mu das Land nicht schrecklich de sein,
wenn die Bauern, die vom Ackerbau und von der Viehzucht leben, der
Unfruchtbarkeit des Landes wegen so weit voneinander wohnen mssen?

Die einzige Stadt, die die Hollnder hier gebaut haben, ist Kapstadt.
Sie besteht etwa aus hundert Backsteinhusern, die des Sdwinds wegen
mit Stroh gedeckt sind. Ziegel und Schiefer knnte man auf dem Dache
nicht erhalten. Die Straen sind breit und bequem, und durchschneiden
einander im rechten Winkel. In der Hauptstrae findet man einen zu
beiden Seiten mit Eichen bepflanzten Kanal. Die Eichen haben sich gut
entwickelt und spenden einen khlenden Schatten. Sonst sind die Bume
hier stark verkrppelt. Unter den Bewohnern der Kapstadt berwiegen die
Hollnder bei weitem. Da die meisten als Hausbesitzer an Fremde und
Reisende vermieten, so haben sich ihre Lebensgewohnheiten denen fremder
Nationen vielfach angepat. Die Frauen aber bleiben ihren hollndischen
Sitten so treu, da z.B. jede beim Ausgang eine Magd neben sich hat,
die ihr wie in der Heimat zum Fuwrmen den Eisentopf mit glhenden
Kohlen nachtrgt, was in dem viel heieren Klima von Kapstadt geradezu
deplaciert erscheint und lcherlich wirkt. Im allgemeinen sind die
Hollnderinnen hier sehr schn und haben eine reine, zarte Haut und
eine blhende, gesunde Farbe. Sie geben die besten Ehefrauen von der
Welt, die ihr Hauswesen sorgsam leiten und gute, meist kinderreiche
Mtter sind. Ein Haus, in dem es nicht von Kindern wimmelt, ist hier
selten. Die Luft ist ungemein gesund und heilkrftig.

Was wir ber die Eingeborenen dieses Landes hrten, haben wir nur vom
Hrensagen, denn von ihrer Lebensweise und ihren ursprnglichen Sitten
bekommt man in der Stadt selbst nichts zu sehen. Wer sie daraufhin
beobachten will, mu sie in ihren Drfern, ihrem Kral besuchen. Das
nchste Hottentottendorf aber liegt wenigstens vier Meilen von der
Stadt entfernt. Diejenigen, die man in der Stadt zu sehen bekommt, sind
meistens als Knechte bei den Buren im Dienst oder als Viehhirten ttig,
also etwas von der Kultur beleckt. Die Hottentotten sind lange, hagere
Gestalten, aber ungemein stark, gelenkig und gewandt. Manche sind 6 Fu
gro; ihr Auge blickt trge und gleichgltig; die Haut ist pechschwarz
von Natur und noch mehr von Schmutz. Ich glaube, da sie ihren Krper
niemals waschen, so starrt er von Schmutz und Unreinlichkeit. Das
Haar ist gestrhnt, lockig und glnzt von Fett. Die Kleidung besteht
aus einem Schaffell, das sie ber der Schulter tragen, und aus einem
Schambeutel; die Frauen tragen ein Lendentuch, das an einem mit
Glaskorallen und Kupferstckchen verzierten Grtel befestigt wird.
Mnner und Frauen tragen eine Kette von Glaskorallen um den Hals und
ebensolche Armbnder. Die Weiber wickeln Lederringe um die Knchel, um
sich gegen die Dornen zu schtzen; vielfach tragen sie Holzsandalen als
Fubekleidung. Die Sprechweise der Hottentotten ist glucksend guttural;
ihr Hollndisch ist dagegen rein und in der Aussprache fehlerfrei.

Ich habe selten ein so schamhaft schchternes Volk kennen lernen wie
die Hottentotten. Es kostete uns immer die grte Mhe von der Welt,
sie dahin zu bringen, da sie in unserer Gegenwart tanzten. Doch
glckte es uns, sie in ihren Tnzen zu beobachten und beim Singen
ihrer Lieder zu belauschen. Die Tnze der Hottentotten sind teils
ppig lebhaft, teils trge und schlfrig. Die leidenschaftlichen Tnze
bestehen aus heftigen, erotischen Bewegungen des Krpers und aus tollen
Sprngen; die andern darin, da der Tnzer abwechselnd mit den Fen
den Boden stampft, ohne sich von der Stelle zu rhren oder irgendwie
sonst den Krper zu bewegen. Es ist ein monotones Tanzen, dem einige
ihrer Lieder gleichen, whrend hinwiederum andre Lieder lebhafte und
feurige Melodien haben.

Wir waren gezwungen, um mehr von den Sitten und Gebruchen der
Hottentotten zu erfahren, uns bei den Hollndern danach zu erkundigen.
Wie wir von unsern Gewhrsleuten hrten, gehren die Hottentotten
verschiedenen Stmmen an, die sich in ihren Eigentmlichkeiten
voneinander unterscheiden. Doch sind sie friedliebend bis auf das
im Osten wohnende Volk der Buschmnner, die vom Krieg und vom Raube
leben. Die Buschmnner sind die heimtckischsten Viehruber, die man
sich denken kann. Was sie besonders gefhrlich macht, ist, da sie die
Spitzen ihrer Lanzen und Pfeile mit dem uerst gefhrlichen Gifte
der Kobraschlange vergiften, so da die kleinste Wunde unbedingt
tdlich wirkt. Dabei sind sie gute Schtzen, die, einerlei ob sie die
Lanze werfen oder den Pfeil abschieen oder den Stein schleudern, ihr
Ziel, und sei es auch nur talergro, auf hundert Schritte zu treffen
wissen. Gegen diese unverbesserlichen Ruber, die ihre Raubzge des
Nachts unternehmen, schtzen sich die Hottentotten, die viel von ihnen
belstigt werden, dadurch, da sie ihre Bullen die Nacht ber frei
herumlaufen lassen. Diese vierbeinigen Nachtwchter stellen jeden, der
sich nachts ans Dorf heranschleicht, und machen dabei solchen Lrm,
da das ganze Dorf alarmiert wird. Auch den wilden Tieren treten sie
geschlossen mutig entgegen.

Die Huptlinge der Hottentotten gehen in Lwen-, Tiger- oder
Zebrafelle gekleidet, die sie mit Fransen und anderm Zierat einfassen.
Sie besitzen meist groe Viehherden. Das ganze Volk, Mnner und
Frauen, schmiert sich den Krper mit Hammelfett oder Butter ein.
Man versicherte uns, da die Priester der Hottentotten bei der
Vermhlung eines Paares dieses mit seinem Urin bespritzen, und da
ohne diese Zeremonie die Ehe ungltig sei. Was nun die sogenannte
Hottentottenschrze der Frauen betrifft, die als besondere Schnheit
gilt, so wurde sie von einigen geleugnet. Unser Arzt dagegen, der viele
Hottentottinnen rztlich untersucht und behandelt hat, sagte uns, da
unter den vielen Hunderten von Frauen, die er behandelt habe, nicht
eine gewesen sei, die nicht diese scheuliche Verunstaltung an ihrem
Krper gehabt htte; bei einigen wre sie sogar vier und noch mehr Zoll
gro gewesen. So viel von den Eingeborenen des Kaplandes.

Die Bai ist gro, sicher und bequem. Der Nordwind kann zwar gerade noch
hineinwehen, allein er strmt selten. Die Sdostwinde wehen oft sehr
ungestm; da sie aber in der Richtung nach der See hin blasen, so ist
keine Gefahr dabei. Um die Waren bequem aus- und einladen zu knnen,
haben die Hollnder einen hlzernen Kai angelegt, der ziemlich weit von
der Stadt in die Bai hinausluft. Auch kann man hier frisches Wasser
einnehmen, das dahin gepumpt wird. Der Proviant wird durch Hafenschiffe
der Kompanie an Bord gebracht; auch vermitteln diese Schiffe gegen
geringe Gebhr den Transport nach der Stadt. Die Bai selbst wird
durch ein Fort beschtzt, das an der Ostseite der Stadt hart am
Strande liegt. Auch sind lngs der Kste verschiedene Auenwerke und
Strandbatterien zum Schutze der Stadt und des Hafens angelegt. Allein
deren Lage ist nicht die sicherste; vom Land aus wie von den Schiffen
sind sie leicht zu beschieen. Wider einen mchtigen Gegner, der diesen
Forts von der Landseite beikme, knnten sie sich meines Erachtens
nicht lange halten[8]. Die Besatzung besteht aus 800 Mann regulrer
Truppen und aus der Landmiliz, zu der jeder zhlt, der eine Flinte
tragen kann.

[8] 24 Jahre spter wurde Kapland von den Englndern unter Admiral
Elphinstone und General Clarke erobert; 1814 kam es durch den Pariser
Frieden endgltig in englischen Besitz.




Fnfzehntes Kapitel.

  Heimreise. -- Eine Strflingsinsel. -- St. Helena. -- Grausame
  Behandlung der Sklaven daselbst. -- Wieder zu Hause.


Am 14. April 1771 frh hoben wir den Anker und steuerten aus der Bai
hinaus. Um 5 Uhr des Nachmittags befanden wir uns an der Pequin- oder
Robininsel, wo wir fr die Nacht vor Anker gingen. Da ich am Morgen
der Windstille wegen nicht weiter konnte, so schickte ich ein Boot
nach der Kste, um einige Kleinigkeiten einzukaufen, die ich am Kap
zu kaufen vergessen hatte. Als sich das Boot der Kste nherte, wurde
es angerufen und ihm die Landung untersagt. Gleichzeitig erschienen
sechs Soldaten am Strand und stellten sich in Reih' und Glied mit
angelegtem Gewehr auf. Um ein paar Kpfe Gemse, denn darum handelte
es sich, wollte der das Boot kommandierende Offizier kein Blut
vergieen; er kehrte daher zum Schiff zurck. Anfnglich war uns die
wenig gastfreundliche Art der Herren Hollnder befremdlich, aber dann
erinnerten wir uns, da die Kaphollnder ihre schweren Verbrecher auf
diese Insel deportierten, wo sie in den Kalksteinbrchen, deren es hier
sehr viele gibt, schwer arbeiten muten. Auch erinnerten wir uns des
Vorfalls, der die Kapregierung bewogen hatte, knftighin jede Landung
eines fremden Schiffes auf der Strafinsel zu untersagen. Der Fall war
allerdings provozierend genug und macht die Rigorositt der Hollnder
verstndlich. Der Kapitn eines dnischen Schiffes nmlich, dem seine
Mannschaft durch Sterbeflle stark dezimiert worden und dem es nicht
gelungen war, in Kapstadt so viele Ersatzmannschaften anzuheuern, als
er zu seiner Heimreise gebrauchte, hatte die Wachmannschaften auf der
Insel berfallen und sich so vieler Verbrecher bemchtigt, als er
zur Bedienung seines Schiffes ntig hatte. Diesem Gewaltakt hatten
wir es zu verdanken, da man uns die Landung verwehrte, was wir sehr
begreiflich fanden.

Am 25. erst konnten wir bei leichtem Ostwind die Anker heben und wieder
in See gehen. Um 4 Uhr starb unser leichtlebiger Steuermann Robert
Mollineux. Er war ein junger, sehr befhigter Seemann, aber zu seinem
Unglck geno er die Freuden des Lebens in vollen Zgen, so da er
sich selbst whrend seiner Krankheit nicht schonte. Aber sein Tod ging
uns allen sehr nahe, denn er war die Lebensfreude selbst und in den
fatalsten Lagen stets bei guter Laune.

Am 29. April passierten wir den quator. Wir hatten nunmehr die Welt
von Osten nach Westen her vllig umsegelt. Natrlich veranstalteten
wir bei dieser Gelegenheit ganz besondere Festlichkeiten, an denen
sogar unsre Kranken und Rekonvaleszenten regen Anteil nahmen. Am 1. Mai
erblickten wir bei Anbruch des Tages die Insel Sankt Helena. Am Mittag
legten wir uns auf der Reede vor dem Fort James vor Anker, wo wir bis
zum 4. Mai blieben.

Herr Banks, der sich vollstndig wieder erholt hatte, machte in dieser
Zeit eine Rundfahrt um die Insel herum. Sankt Helena liegt fast in der
Mitte des Groen Ozeans und ist von der Kste Afrikas 400, von der
Amerikas 600 Seemeilen entfernt. Die Insel besteht aus dem Gipfel eines
ungeheuren Berges, der steil aus der unergrndlichen Tiefe des Meeres
hervorragt und nicht ber zwlf Seemeilen lang und sechs breit ist.
Bekanntlich ist in den Lndern, wo es Vulkane gibt, deren Sitz stets
in den hchsten Bergen zu suchen. So ist der tna der hchste Berg von
Sizilien und der Vesuv der von Neapel. In Island ist der hchste Berg
der Vulkan Hekla; in Sdamerika liegen die Vulkane in den hchsten
Regionen der Anden und in dem berhmten Pik von Teneriffa. Alle diese
Vulkane brennen noch. Aber es gibt noch eine Menge ausgebrannter
Vulkane; unter diese gehrt die Insel Sankt Helena. Ihre Oberflche
ist sehr uneben, bald Berg, bald Tal. Diese Ungleichheiten des Bodens
sind dadurch entstanden, da sich die Erde infolge der Wirkungen des
unterirdischen Feuers stellenweise hob oder senkte. Jedenfalls ist die
Insel vulkanischen Charakters, wie die dort vorkommenden Gesteinarten
beweisen.

Als wir uns der Insel auf der Windseite nherten, sah sie einem
ungestalten Haufen Felsen gleich, die nach der See hin frchterlich
steil abfallen und ohne jede Vegetation sind. Als wir noch ziemlich
weit von der Kste entfernt waren, glaubten wir, da uns die groe
Entfernung die Vegetation verberge; allein je nher wir kamen, desto
trostloser sahen die kahlen Felsen aus. Einzelne Felsen neigen sich
mit ihren Gipfeln gleichsam ber die See, so da wir unter ihnen
hindurchfuhren; es sah geradezu bengstigend aus. Es war uns zumute,
als wollten die Felsen herabstrzen. Der Anblick war so furchterregend
und bedrohlich, da wir unwillkrlich die Augen schlossen. Endlich
gelangten wir an das Kapellental, das wie ein groer trockener Graben
aussieht. Und in diesem traurigen Graben, dessen Boden mit sprlichem,
dnnem Graswuchs bedeckt ist, liegt die Stadt.

So sieht auf den ersten Anblick die Insel aus. Hinter den Bergen erst
beginnt die Vegetation, die allerdings ebenso reich wie vielseitig
ist und die Produkte aller Zonen hervorbringt. Die Stadt liegt hart
am Strande. Sie besitzt viele, schlecht gebaute Huser, eine alte,
baufllige Kirche und ein ebenso altes Stadthaus. Alle weien Einwohner
der Insel, die im Besitz der Englisch-Ostindischen Kompanie ist,
sind Englnder. Allein da sie fr ihre Rechnung keine Schiffahrt zum
Zweck des Handels treiben drfen -- die Kompanie hat dieses Verbot
erlassen -- so sind sie auf den Kleinhandel angewiesen, den sie mit
den einlaufenden Schiffen treiben. Dennoch knnten sie gute Geschfte
machen, wrden sie sich die Lage der Insel, auf der nicht nur alle
europischen, sondern auch alle ostindischen Landesprodukte gedeihen,
mehr zunutze machen.

Es gibt zwar Pferde genug auf der Insel, doch dienen sie nur zum
Reiten. Als Lasttiere dienen hier die Sklaven, und diese Unglcklichen,
die fast aus allen Gegenden der Welt hier zum Verkauf kommen, werden in
der frchterlichsten Weise ausgentzt und durch die schweren Arbeiten,
die man ihnen aufbrdet, auf die schnellste Weise aufgerieben. Die
unerhrtesten Mihandlungen und die unglaublich rohe Behandlung, denen
die hiesigen Sklaven ausgesetzt sind, machen sie zu den unglcklichsten
Menschen unter der Sonne. Es tut mir leid, da ich die Klagen dieser
Unglcklichen fr berechtigt halten und da ich zur Schande meiner
Landsleute hier konstatieren mu, da sie ihre Sklaven weit grausamer
und unmenschlicher behandeln als die Hollnder am Kap und in Batavia
die ihrigen. Und die hollndischen Sklavenhalter sind doch dafr
bekannt, da sie aller Menschlichkeit bar sind.

Am 4. Mai lichteten wir die Anker. Um 1 Uhr nachmittags liefen
wir in Gesellschaft des Kriegsschiffs Portland und von zwlf
Ostindienfahrern in See. Mit dieser kleinen Flotte segelten wir
bis zum 10. Mai. Da ich aber wahrgenommen hatte, da wir mit den
brigen Segelschiffen auf die Dauer nicht in der Schnelligkeit
konkurrieren knnten, so signalisierte ich dem Portland, er mge
mir jemand an Bord senden. Der Kapitn erschien in eigener Person,
und ich hndigte ihm einen Brief an die Admiralitt sowie ferner die
Schiffsrechnungsbcher und die Tagebcher der verstorbenen Offiziere
ein, da er voraussichtlich vor uns nach England kommen wrde. Am 23.
Mai verloren wir die ganze Flotte aus dem Gesicht. Am Nachmittag starb
mein erster Leutnant Hicks an der Schwindsucht, mit der er schon in
England behaftet war; seit Batavia nahm die Krankheit zu. Am Abend
bestatteten wir ihn feierlich in des Seemanns Kirchhof, dem Weltenmeer.
Unser Takelwerk und unsre Segel waren so schlecht geworden, da sie
fast jeden Tag stckweise in Fetzen gingen. Doch setzten wir unsre
Reise ohne Unfall fort. Am 10. Juni erblickte Nikolaus Young, derselbe
Schiffsjunge, der Neuseeland zuerst entdeckt hatte, Land; es war Kap
Lizard. Am 11. liefen wir den Kanal hinauf; am 12. mittags sahen wir
uns Dover gegenber; und um 3 Uhr kamen wir in den Dnen vor Anker und
landeten in Deal.




Bei uns ist ferner erschienen:


Quintessenz der Lebensweisheit und Weltkunst.

Lord Chesterfield

Briefe an meinen Sohn.

Ausgewhlt und aus dem Englischen bersetzt von

Dr. Karl Munding.

22.-25. Tausend.

  In moderner Ausstattung :: Leicht gebunden 3 Mark 60 Pf.
  In feinem Leinenband mit Goldschnitt             5 Mark.

Der Inhalt dieses Werkes ist weltberhmt.

Ein Vater schreibt seinem Sohne Briefe der allervertraulichsten Art.
Der Sohn steht im Begriff, ins praktische Leben einzutreten. Der ihn
zrtlich liebende Vater mchte ihm die Wege ebnen. Ein vollendeter
Welt- und Menschenkenner, der eine fast fnfzigjhrige Erfahrung hinter
sich hat, der immer mit offenen Augen, immer sonnenklar in die Welt
hineingeschaut, ein Mann, der die Sonde des schrfsten Verstandes
an die Menschen legte, spricht zu einem unerfahrenen Jngling, um
ihm diejenige Erkenntnis beizubringen, die in den Strmen, Nten und
Bedrngnissen des Lebens wohl keinem erspart bleibt, die aber die
meisten erst mit ihrem Herzblut erkaufen mssen.

Jahrelang wird die Korrespondenz gefhrt. Der Inhalt der Briefe wchst
allmhlich an zu einem ganzen System der Weltkunst und Lebensweisheit.
Immer wieder werden neue Saiten aufgezogen. Da stirbt der inzwischen
zum Manne herangereifte Sohn. Fnf Jahre spter folgt ihm der Vater.
Kaum hat sich das Grab ber ihm geschlossen, so fliegen auch schon
seine Briefe in die Welt hinaus. Die Gattin des Sohnes verkauft sie
in Bausch und Bogen einem Buchhndler fr die enorme Summe von 30000
Mark. Und schon ein Jahr spter sind sie ffentliches Gemeingut. In den
Salons der oberen Zehntausend, in der ganzen gebildeten Welt spricht
man von Chesterfields Briefen an seinen Sohn.

Die Briefe Chesterfields sind der Ausfluss einer durch das Alter und
zahlreiche Erfahrungen gereiften Lebensweisheit. Chesterfield ist
Realist. Er beleuchtet und nimmt die Menschen wie sie sind und zeigt
den Weg, der zum Frieden mit ihnen fhrt. Das Buch enthlt einen
herrlichen Schatz der feinsten Beobachtungen und Lebensmaximen. Es
spricht ein feiner, erfahrener und liebenswrdiger Geist zu uns. Das
Buch lehrt, wie man mit den Menschen verkehren soll, was man tun muss
und was man nicht tun darf, um in der Welt fortzukommen und sein Glck
zu machen. Es ist ein ntzliches Geschenkwerk allerersten Ranges,
besonders fr Jnglinge. Aber selbst auch ein Virtuose der Lebenskunst
wird noch vieles daraus lernen.


Schwabacher'sche Verlagsbuchhandlung in Stuttgart.




Bei uns ist ferner erschienen:


Unseren Shnen.

Ratschlge fr ihr usseres Leben daheim und in der Fremde.

Von

-- M. Grimm. --


Broschiert 3 Mark. Fein gebunden 4 Mark.

_Einige Urteile der Presse_:

Ein wahrhaft vorzgliches Buch, das besonders allen denen, die aus den
sicheren Grenzen des Elternhauses zum erstenmal allein in das Leben
hinaustreten (sei es des Studiums oder eines andern Berufs halber)
nicht warm genug empfohlen werden kann.

  Deutsche Warte.

Seit langem haben wir kein so ntzliches Buch in die Hand bekommen.

  Frankfurter Zeitung.

Gewissermassen ein _Lexikon der Praxis_ -- gibt dem jungen Manne
Aufklrung ber Dinge, ber die alle Konversationslexika sich in
Schweigen hllen.

  Weser-Zeitung.

Ein durchaus prchtiges Buch, dessen Besitz wir jedem in das Leben
eintretenden jungen Manne wnschen mchten. Es wird ihm ein guter
Berater und bald ein lieber Freund sein.

  Breslauer Zeitung.


Schwabacher'sche Verlagsbuchhandlung in Stuttgart.




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  | Anmerkungen zur Transkription                                  |
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  | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen    |
  | gebruchlich waren, wie:                                       |
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  | lteren -- ltern                                              |
  | anderen -- andern                                              |
  | Aufenthaltes -- Aufenthalts                                    |
  | Botany-Bai -- Botanybai                                        |
  | greren -- grern                                            |
  | inneren -- innern                                              |
  | Oheteroa -- Oheteroah                                          |
  | unseren -- unsern                                              |
  |                                                                |
  | Interpunktion wurde ohne Erwhnung korrigiert.                 |
  | Im Text wurden folgende nderungen vorgenommen:                |
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  | S. 1 Funchial in Funchal gendert.                         |
  | S. 7 nacktgehen in nackt gehen gendert.                   |
  | S. 33 sogut in so gut gendert.                            |
  | S. 57 Ulieta in Ulietea gendert.                          |
  | S. 124 streitigmachen in streitig machen gendert.         |
  | S. 135 Starbordseite in Steuerbordseite gendert.          |
  | S. 162 Stadthalter in Statthalter gendert.                |
  | S. 164 konten in konnten gendert.                         |
  | S. 180 frhnen in frnen gendert.                         |
  | S. 180 parallelluft in parallel luft gendert.           |
  | S. 197 Admiral Elphinestone in Admiral Elphinstone         |
  |        gendert (Funote).                                     |
  |                                                                |
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START: FULL LICENSE

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Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
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increasing the number of public domain and licensed works that can be
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array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
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The Foundation is committed to complying with the laws regulating
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considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
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