The Project Gutenberg EBook of Stein unter Steinen, by Hermann Sudermann

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Title: Stein unter Steinen

Author: Hermann Sudermann

Release Date: May 14, 2020 [EBook #62132]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STEIN UNTER STEINEN ***




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Stein unter Steinen


    Verlag der J. G. Cotta'schen Buchhandlung Nachfolger
    Stuttgart und Berlin


    Hermann Sudermann:


                                                             Geheftet

    Im Zwielicht. Zwanglose Geschichten. 30. Aufl.          M. 2.--

    Frau Sorge. Roman. 83. bis 87. Auflage                  M. 3.50

    Geschwister. Zwei Novellen. 27. Auflage                 M. 3.50

    Der Katzensteg. Roman. 61. bis 65. Auflage              M. 3.50

    Jolanthes Hochzeit. Erzhlung. 27. Auflage              M. 2.--

    Es war. Roman. 38. Auflage                              M. 5.--

    Die Ehre. Schauspiel in 4 Akten. 32. Auflage            M. 2.--

    Sodoms Ende. Drama in 5 Akten. 23. Auflage              M. 2.--

    Heimat. Schauspiel in 4 Akten. 34. Auflage              M. 3.--

    Die Schmetterlingsschlacht. Komdie in 4 Akten
    9. Auflage                                                M. 2.--

    Das Glck im Winkel. Schauspiel in 3 Akten
    15. und 16. Auflage                                       M. 2.--

    Morituri: Teja. Drama in 1 Akt. -- Fritzchen.
    Drama in 1 Akt. -- Das Ewig-Mnnliche.
    Spiel in 1 Akt. 17. Auflage                               M. 2.--

    Johannes. Tragdie in 5 Akten und 1 Vorspiel.
    28. Auflage                                               M. 3.--

    Die drei Reiherfedern. Dramatisches Gedicht in
    5 Akten. 14. Auflage                                      M. 3.--

    Johannisfeuer. Schauspiel in 4 Akten. 20. Aufl.         M. 2.--

    Es lebe das Leben. Drama in 5 Akten. 20. Aufl.          M. 3.--

    Der Sturmgeselle Sokrates. Komdie in 4 Akten.
    15. Auflage                                               M. 2.--

    Die vorstehend verzeichneten Werke sind auch gebunden zu beziehen

    Preis fr den Einband:

    in Leinen 1 Mark, in Halbfranz 1 Mark 50 Pf.




                          Stein unter Steinen

                       Schauspiel in vier Akten

                                  von

                           Hermann Sudermann

                             Elfte Auflage

                            [Illustration]

                       Stuttgart und Berlin 1905

               J. G. Cotta'sche Buchhandlung Nachfolger


~Copyright, 1905, by Hermann Sudermann~

Alle Rechte vorbehalten


Druck der Union Deutsche Verlagsgesellschaft in Stuttgart




Personen


    Zarncke, Steinmetzmeister.

    Marie, seine Tochter.

    Frau Homeyer, Wirtschafterin bei Zarncke.

    Jenisch, Buchhalter.

    Eichholz, Nachtwchter auf dem Werkplatz.

    Lore, seine Tochter.

    Lenchen, deren Kind.

    Willig, Polier.

    Gttlingk, Steinmetz.

    Jakob Biegler.

    Reitmaier, Kriminalkommissar.

    Lohmann,    }
    Sprengel,   } Arbeiter.
    Struve,     }

    Bildhauer, Steinmetzen, Arbeiter.

    Mehrere Frauen und Kinder.

    _Ort der Handlung_: Berlin.

    _Zeit der Handlung_: die Gegenwart.

    Zwischen dem ersten und dem zweiten Akt liegen drei Wochen,
    zwischen den folgenden Akten liegt je ein Tag.

[Illustration]




Erster Akt

    Wohnstube bei Zarncke. In der Mitte des Hintergrundes Tr nach
    dem Hausflur. Auf der linken Seite Tr nach Wirtschaftsrumen.
    Auf der rechten Seite ein breites Fenster nach dem Werkplatz
    fhrend. Davor, um eine Stufe erhht, ein Podium mit bequemem
    Lehnstuhl und Tischchen. Links vorne ein Sofa mit Sofatisch
    und Sesseln. Im Hintergrunde links von der Tr ein Tischchen
    mit Wandkonsole darber, rechts von der Tr ein Bcherschrank.
    Altvterisch-behagliche Ausstattung. Stahlstiche,
    Photographien, gestickte Sinnsprche an den Wnden.
    Pfeifenstnder, Zigarrenschrnkchen, Bauer mit Kanarienvogel
    etc. etc.


Erste Szene

    _Zarncke._ _Marie._ _Jenisch_


Zarncke

    (Sechziger, mittelgro, stark ergraut. Bartfunzeln auf den
    Backen. Gutmtig-vergngte uglein. Sprechweise -- mit
    Anklngen ans Niederdeutsche -- weich, bisweilen harmlos
    polternd, voll stillen Grblersinnes)

Marie

    (Ende der Zwanzig, klein, bucklig. Fahle Krankheitsfarbe. Zwei
    schne Augen voll wehmtig-lachender Gte. Gequetschte Sprache,
    bisweilen durch schweres Atmen unterbrochen. Bewegungen
    tastend, unsicher)

Jenisch

    (behaglicher, beschrnkter Zahlenmensch)

Zarncke (mit Jenisch eintretend)

Na, Miezelchen?

Marie

    (die im Lehnstuhl sitzt, aufleuchtend)

Vaterchen! (Will aufstehen)

Zarncke

Sitzen bleiben! Sitzen bleiben! (Tritt zu ihr hin und kt sie auf die
Stirn) Lte dir die Maisonne in 'n Magen scheinen? Das is recht ...
Na, Jenisch, was haben Sie da!

Jenisch

Die neuen Sandsteinproben aus den Knauerschen Brchen, Herr Zarncke.
(Reicht ihm die kleinen Blcke)

Zarncke (kratzt an den Rndern)

Schreiben Sie man den Leuten, mein Kontorbedarf an Streusand sei
vorlufig noch gedeckt.

Jenisch (lacht respektvoll)

Zarncke

Zweite Post?

Jenisch

Jawohl. (Reicht ihm ein Paket Geschftsbriefe)

Zarncke

    (setzt sich an den Tisch und lt die Kuverts durch die Hand
    gleiten)

Nischt -- nischt -- nischt. (Ein Kuvert ffnend) Machen wir. (Ein
zweites) Machen wir desgleichen. Verein zur Besserung entlassener
Strafgefangener. Mchten sie mir mal wieder einen andeichseln? ... Na,
wollen mal sehn ... (Legt das Kuvert beiseite und schiebt Jenisch die
anderen Briefe hin) Zurck zur Beantwortung! ... Und wenn die Leute von
der Polizei kommen wegen heute nacht -- das sag' ich besser drauen.
(Zu Marie) Verzeih mal! (ffnet das Fenster. Das klingende Gerusch
der Meielschlge, das Klirren der Flaschenzugketten, das Quietschen
der Windewagen wird hrbar) Sie da! Willig! Polier! (Lauter) Polier!

Stimme des Poliers Willig

Jawohl, Herr Zarncke!

Zarncke

Wenn die Leute vom Kriminal kommen, lassen Sie sie gleich aufs Kontor
fhren. Ich will nicht, da sie mir den Platz rabiat machen mit ihrem
dummen Gefrage.

Stimme Willigs

Jawohl, Herr Zarncke.

Zarncke (nachahmend)

Jawohl, Herr Zarncke. (Schliet das Fenster, das Gerusch hrt auf)

Marie

_Mutest_ du's denn anzeigen, Vaterchen?

Zarncke

Ja, das frag' ich mich auch. Aber ich kann mir doch nicht zu
nachtschlafender Zeit in meinen Magazinschlssern rumpulen lassen.
Womglich noch Schn Dank sagen ... Hren Sie mal, Jenisch, euch
auf'm Kontor geht's ja eigentlich nischt an, aber wie denken Sie ber
den alten Eichholz?

Jenisch

Ja, Herr Zarncke, wir meinen, er wird sich nich mehr lange halten
lassen. Als Wchter.

Zarncke

Na, als was denn sonst?

Jenisch

Das wei ich ja nich.

Zarncke

Sinekuren gibt's nich bei mir auf'm Platz. Selbst mein Kanarienfritze
hat sein Geschft. Wenn der nich singt, dreh' ich ihm den Hals um.

Marie (lchelnd)

Na, na.

Zarncke

Was ist hier zu na-na-en! (Zrtlich) Du -- h?

Marie (lacht)

Zarncke

Der Alte hat seine dreiig Dienstjahre. Hat 's Geschft gro werden
sehen ... Wird mir schwer! (Pause) Abends, wenn er elfe gepfiffen hat,
setzt er sich friedfertig auf einen Block, und dann sgt er los. (Ahmt
einen Schnarchton nach) Und derweilen pulen mir die Herren Einbrecher
in den Schlssern rum. Mir schwant so was, min Dchting, diese
Instituschon is nich das richtige.

Marie (lacht)

Zarncke

Also, Jenisch, ziehn Sie sich tapfer zurck.

Jenisch (lachend)

Adieu, Frulein Mariechen.

Marie

Adieu, Herr Jenisch.


Zweite Szene

    _Zarncke. Marie_

Zarncke

Dabei wei ich genau, wer's gewesen is.

Marie

Am Ende gar der -- --?

Zarncke

Na natrlich.

Marie (lachend)

Du weit ja noch gar nicht, wen ich meine.

Zarncke

_Du_ meinst den Struve. Und _ich_ mein' den Struve. Und drauen auf dem
Platze meinen sie _auch_ den Struve. Aber weil sie mich nich blamieren
wollen, tun sie, als htten sie keinen Dunst ... Wozu hab' ich nu
mal den Besserungspuschel? ... Wenn ich das Luder jetzt nich wieder
raushaue, kriegt er zehn Jahre.

Marie

Um Gottes willen!

Zarncke

Fnfmal vorbestraft ... Davon zweimal mit Zuchthaus. Billiger tun
sie's da nich ... Und so 'ne Seele von Mensch. Als die Steinmetzen
neulich fr den brustkranken Emil sammelten -- wo er doch als Arbeiter
eigentlich gar nischt mit zu tun hat -- Wochenlohn blank auf den Tisch
gelegt. Und mu mausen! ... Nmlich die Diamantsplitter in den neuen
Zahnsgen haben's ihm angetan. Macht er dem Polizeimann dieselbe
wehmutsvolle Gaunerschnauze, die er mir heute gemacht hat, dann sitzt
er schon im Kittchen ... Ach, was hat man fr'n Kreuz mit diesen Kerls!
Immer wieder saust man rin.

Marie

Na, manchmal auch nicht.

Zarncke

Hm! Der Auschwitz war gut. Dem Blankmann hab' ich das Leben gerettet.
Der Thiele hat sogar Karriere gemacht. Aber -- nee! -- nu Schlu! --
Ich nehm' nu nich _einen_ mehr, den mir der Verein zuschanzt.

Marie

Na, na!

Zarncke

Mariechen, ich schwr' es dir. (Das Kuvert aufnehmend) Und wenn dies
hier -- ein Lmmlein is, mit Zucker bestreut, ich tu's nicht. (Das
Kuvert aufreiend) Wollen mal gleich sehn!

Marie

Weit du, Vaterchen, dann lies lieber nicht. Nachher ist es ein
interessanter Fall, und dann --

Zarncke

Kann's auch ungelesen zurckschicken. (Unschlssig) Aber -- -- -- du,
klingel mal, da die Homeyer mir das Frhstck bringt.

Marie (klingelt)

Zarncke

    (die Papiere musternd, die in dem Kuvert stecken)

Da is nu ein ganzes Schicksal drin.

Marie (bittend)

Vaterchen, mach dir das Herz nicht schwer. Lies lieber nich.

Zarncke

Man soll zwar keinen von seiner Tre weisen. Na, wie du meinst. (Legt
das Kuvert hin)


Dritte Szene

    _Die Vorigen. Frau Homeyer_

    (Frau Homeyer, kraftvolle, hbsche Person, zu Anfang der
    dreiig. Energische Bewegungen. Haare kokett gelockt, mit einem
    Stich ins Gemeine)

Frau Homeyer

    (die Frhstckstablette mit belegten Brtchen und einer
    Rotweinflasche hereintragend)

Schnen guten Morgen wnsch' ich.

Zarncke

Wir haben uns ja heut schon gesehn, Homeyerchen.

Frau Homeyer

Wenn auch. Ich sag' noch mal Guten Morgen. Das ziemt sich fr mich.
(Auf die Tablette weisend) Is alles gut so?

Zarncke

Hm. Fein.

Frau Homeyer

Frulein Mariechen, was mchten Sie?

Marie

Danke. Danke.

Frau Homeyer

Is Ihnen heute wieder nich ganz frisch?

Marie

Doch. Doch.

Frau Homeyer

Nu sagen Sie doch. Ich will doch sorgen fr Sie. Ich kann mir gar nich
genug tun fr Sie.

Zarncke

Ja, ja, Sie sind eine Perle.

Frau Homeyer

Herr Zarncke, ich kmmre mich um keinen Menschen sein Lob. Ich bin eine
ehrbare Witwe. Wer so viel Leid durchgemacht hat im Leben, wie ich --
ach ja!

Zarncke

Ihr vieles Leid is Ihnen aber ganz gut bekommen, hren Sie mal.

Frau Homeyer

Ach ja. Ich hab' mir ganz gut konserviert.

Zarncke

Und dann so die ehrbare Lebensweise.

Frau Homeyer (seufzend)

Ja, ja.

Zarncke

Hren Sie mal, Kindchen, noch eine Frage: Haben Sie vielleicht irgend
was gehrt, heute nacht?

Frau Homeyer

Ja. Gehrt htt' ich wohl so einiges. -- Schritte und so.

Zarncke

Warum haben Sie denn nichts davon gemeldet?

Frau Homeyer

Hat mich ja keiner gefragt. Auerdem: ich geb' keinen an. Ich misch'
mich nich in fremde Sachen.

Zarncke

So -- das sind fremde Sachen fr Sie?

Frau Homeyer

Gott! Wo hab' ich denn gedacht, da es gleich Einbrecher sind?

Zarncke

Na, was denn sonst?

Frau Homeyer

Ich hab' gedacht: es is eben Frhling, -- da werden die Mannsleute
doll--

Zarncke

Und die Weibsleute auch.

Frau Homeyer

Von mir knnen Sie so was nich sagen, Herr Zarncke. Von dem Tage an,
da mein armer sel'ger Mann --

Zarncke

Scht, scht, scht! _Wenn_, dann wrd's auch nichts ausmachen. Na -- und?

Frau Homeyer

Und der alte Eichholz schlft natrlich. (Mit Betonung) Und die Tochter
schlft eben auch. Nu ja.

Zarncke

Ach so! Das geht gegen die Lore!

Frau Homeyer

Ich hab' nichts gesagt. Ich misch' mich in gar nichts. La das Frulein
Lore tun, was sie will. Es braucht nich jede so'n Wandel zu haben, wie
ich. Aber schlielich luft auf dem Werkplatz 'n kleines Mdchen rum.
Vater unbekannt.

Zarncke

Der Vater ist nicht unbekannt.

Frau Homeyer

Ach ja, man nennt ja wohl so gewisse Namen. -- Warum heiratet er sie
denn nich?

Zarncke

Das geht mich nichts an. Und Sie auch nicht ... Was hast du, Mariechen?

Marie

    (die mit geschlossenen Augen in den Sessel zurckgesunken ist)

Nichts, Vaterchen. Du weit ja. Mir wird manchmal so grasgrn.

Frau Homeyer

    (die eilig ein Glas Wasser gefllt hat)

Glas Wasser, Frulein Mariechen? Glas Wasser?

Marie (trinkt -- matt)

Danke schn.

Frau Homeyer

Sonst noch Wnsche? ... Nein. (Da niemand antwortet, ab)


Vierte Szene

    _Zarncke. Marie._ Spter _Lenchen_

Zarncke

Miezelchen!

Marie

Verzeih schon, Vaterchen. Es ist wohl der Frhling. Der macht einem
Kopf und Glieder so schwer.

Zarncke

Ja, ja, es is der Frhling ... Selbst ich alter Knochen spr' ihn.
Willst nich was essen? Wart, ich bring' dir. Der Doktor hat gesagt, du
sollst eine sitzende Lebensweise fhren, also fhre du eine sitzende
Lebensweise. (Setzt den Teller vor sie hin und nimmt ein Brtchen) Ganz
lecker! Magst du das Frauenzimmer eigentlich?

Marie

Ach Gott!

Zarncke

Ich hab' sie so lieb, weil sie mich so hbsch anschwindelt. Bichen
Kuddelmuddel mu sein um einen 'rum, sonst wei man gar nich, da
man lebt ... Jetzt luft sie auch hinter dem Gttlingk her. Darum
der Ha auf die Lore ... Ja, der Frhling! ... Und mit dem Arbeiten
gar da geht's bei allen nich ... Sie pfeifen die Sonne an, und wenn
sie Mittags auf den zwei Richtscheiten liegen, dann sind sie nich
hochzukriegen. (Seufzend) Junges Volk! ... brigens, du! Zu der Amsel
auf dem Kantinendach hat sich ein Weibchen gefunden.

Marie (freudig)

Ach! Gott sei Dank. Dann wird sie sich nich mehr die Seele aus dem
Leibe schreien ...

Zarncke

Andere Leut' schweigen sich die Seele aus dem Leibe.

Marie (betroffen)

Wie meinst du das?

Zarncke

Na, is doch so ... Schadt nischt! Sein Geheimfach hat jeder. --

Marie (hinaushorchend, ruft)

Lenchen! (Sie ffnet das Fenster, der Lrm des Werkplatzes dringt
herein, wie vorhin) Lenchen!

Die Stimme Lenchens (jubelnd)

Tante Mariechen!

Marie

Komm ans Fenster! Komm!

Zarncke

Tante nennt sie dich?

Marie

Soll sie nicht, Vaterchen?

Zarncke

Ja, ja. Kommt auf eins 'raus.

Marie

Na, kletter hoch!

Lenchens

    (Kopf erscheint in der Fensterffnung)

Tag, Tante Mariechen.

Marie

Klettre, Katz! Klettre!

Lenchen

Mut helfen.

Zarncke

    (da Marie eine Bewegung macht, rasch)

Nicht du! Ich, ich! (Zieht das Kind durch das Fenster herein und setzt
es auf den Boden)

Lenchen

    (die Arme um Mariens Knie schlingend)

Tante Mariechen! Tante Mariechen!

Marie (sie herzend)

Willst 'n Bonbon oder 'ne Butterstulle?

Lenchen

Butterstulle.

Marie

    (gibt ihr ein zusammengeklapptes Butterbrot)

Lenchen

    (setzt sich ihr zu Fen auf die Stufe des Podiums und it
    unbekmmert)

Marie

Und das soll nun 'ne Schande sein -- so ein Engelskind!

Zarncke

Httst wohl gern so 'n Stckchen Schande an dir?

Marie (inbrnstig)

Ach so gerne, Vaterchen, so gerne!

Zarncke

Tja! Vielleicht gibt sie's dir!

Marie

So was zu fordern, htt' ich nicht das Herz. (Streichelt die Kleine und
spricht leise zu ihr)

Zarncke

Tja! (Geht an den Tisch, trinkt ein Glas Rotwein, sieht verstohlen nach
Marie, nimmt das Kuvert, reit die Papiere heraus und beginnt zu lesen)

Marie

    (sieht es, lchelt und macht sich von neuem mit der Kleinen zu
    schaffen)

Zarncke (murmelnd)

Zu mir will der Mensch? Warum will der Mensch gerade zu mir? (Steckt
die Papiere heimlich ins Kuvert zurck und geht erregt im Zimmer umher)
Was kann man da machen? Was --

Marie (bittend)

Vater!

Zarncke

Was denn?

Marie

Allen hilfst du! Jeder Verbrecher kann zu deiner Tre kommen. Hilf doch
auch dem Kinde!

Zarncke

Ja, leicht gesagt! ... Wie?

Marie

Rede mit Gttlingk wegen Lore.

Zarncke

Ich _hab_' mit ihm geredet. Zwingen kann ich ihn nicht.

Marie

Erst wollt' er noch auf die Wanderschaft. Fnf Jahre ist er weg
gewesen. Als Herr ist er wiedergekommen.

Zarncke

Herr? ... Knstler! Knstler is er geworden. Dieser wste Kerl kann
mehr als ... Seinethalben braucht' ich gar keine Bildhauer mehr. Den
schwierigsten Auftrag kann ich annehmen, seit er da ist.

Marie

Vater, sprich mit ihm. Nun wird sie auch noch den Schmerz erleben mit
dem Alten. Ich mag das Elend nicht mehr mit ansehn.

Zarncke

Er sagt, er kann noch nicht. Er hat noch Hheres vor.

Marie

Je Hheres er vorhat, desto schlechter wird sie ihm.

Zarncke

Komm' ich ihm grob, dann wirft er mir den Meiel vor die Fe. Na und
dann? ... Weit du: Sprich du mit ihm.

Marie (erschrocken)

Ich? ... Nein, nein, nein.

Zarncke

Warum nicht?

Marie

Vaterchen -- das -- kann ich nicht.

Zarncke

Siehst du. Man kann manches nicht. (Es klopft) Herein.


Fnfte Szene

    _Die Vorigen. Eichholz_

    (Eichholz: Ende der Sechzig, knickbeinig, wrdevoll-finster,
    mit militrischem Anflug, alter Schwadroneur, fast weies,
    buschiges Haar, Rundbart mit ausrasierter Oberlippe, Bratenrock
    mit Ordensschnalle und eisernem Kreuz)

Zarncke

Na Eichholz! Ausgeschlafen?

Lenchen (ihm entgegen)

Grovaterchen! Grovaterchen!

Eichholz (will sie nicht sehen)

Marie

Pscht! Lenchen! Komm her! Grovater hat keine Zeit. (Sie beginnt zu
sticken. Das Kind spielt)

Eichholz

Nja.

Zarncke

Und so feierlich! Was is denn los?

Eichholz

Herr Zarncke -- ich mchte -- freundlichst -- um meine Entlassung
gebeten haben.

Zarncke

    (mit Marie einen erfreuten Blick wechselnd)

Sieh mal an!

Eichholz

Denn ich habe nmlich in Erfahrung gebracht -- da die Steinmetzen
behaupten -- _wollen_, da ich gewissermaen -- meines Amtes nicht mehr
gewachsen bin.

Zarncke

So?

Eichholz

Denn im Punkte des Ehrgefhls, da la ich mir nicht drankommen. Und
wenn die Steinmetzjungens sich die Schnauze verbrennen, damit, da sie
nicht wissen tun, was ein gewissenhafter Mann ist, und was ein sehr
tauglicher Mann ist --

Zarncke

Nu kohlt er wieder.

Eichholz

Und was ein knigstreuer Mann ist ... Und wo ich mir habe in Ihrem
Dienste ldiert, da ich mir habe nmlich die Schulterblattmuskeln
ausgefallen.

Zarncke

Ich wei, ich wei, ich wei.

Eichholz

Und wo ich da immer noch ein wollenes Fellchen, wie man so sagt, ein
Puschemauchen, drum herumtrage, wegen den Reimantismus, wo ich mir auch
im Dienste geholt habe.

Zarncke

Ja -- so Nachts auf dem kalten Stein schl-- (sich rasch verbessernd)
sitzen -- sitzen, das hlt der Krftigste nicht aus.

Eichholz

Ich? Sitzen? ... Sitzen? Ich -- Nachts? Nu sagen Sie blo noch, Herr
Zarncke, ich hab' auch die Augen zugemacht, dann kann ich ruhig jehn,
mir aufhngen.

Zarncke

Na, na, na. Sagt ja keiner. (Zu Marie) Was fngste da an?

Eichholz

Wo ich doch schon Kummer genug hab' -- mit meine Tochter -- und hier
mit -- diese -- diese -- Mestize.

Marie (hebt erstaunt den Kopf)

Zarncke

Wieso Mestize?

Eichholz

Nu, was ein ungebhrliches Kind is -- 's is ja schlimm, da man das
selber sagen mu, -- aber das is doch nich anders, das is doch eine
Mestize.

Zarncke

Ach, Sie haben wohl ein Indianerbuch gelesen?

Eichholz

Ja, so Sonntagnachmittag, wenn ich 'n freien Momang habe, dann les' ich
wohl sehr gerne in de Indianerbiecher.

Zarncke

Nu hren Sie mal, lieber Eichholz, alter Kriegskamerad, wie wr's, wenn
Sie sich mal 'n bichen mehr Ruhe gnnten?

Eichholz

Ja, ich bin aber ausgeschlafen so gegen zehne.

Zarncke (leise zu Marie)

Kunststck! ... Nein, nein, ich meine zur Nachtzeit, Eichholz.

Eichholz

Ja, wenn man das so ginge, Herr Zarncke. Aber was 'n gewissenhafter
Wchter is und 'n tauglicher Wchter is, der hat Ohren, sag' ich Ihnen,
der hrt den Maulwurf graben zur nchtlichen Stunde, sag' ich Ihnen.

Zarncke

Aber von Einbrechern haben Sie heute nacht nichts gehrt -- h?

Eichholz

Hhhh! Da lach' ick wwer.

Zarncke (ernst)

Heute nacht ist nmlich eingebrochen worden, Eichholz.

Eichholz (gekrnkt)

Fangen Sie nu auch so an, Herr Zarncke, wie die Steinmetzjungens?

Zarncke (ernst)

Ich mu wohl, Eichholz.

Eichholz (versteht, fassungslos)

Ach so! (Sein Gesicht verndert sich)

Zarncke (bittend)

Nu sehn Se mal, alter Freund. Sie gehn auf die Siebzig. Nu schlafen Sie
sich doch mal ordentlich aus. Im Bett. Verstehen Sie. Im ordentlichen
Bett.

Eichholz (klglich)

Ich kann gar nich im Bett schlafen.

Zarncke

Dann werd' ich Ihnen einen schnen, harten Granitblock in Ihre
Schlafkammer schaffen lassen ... damit Sie Ihre Bequemlichkeit haben ...

Eichholz (brtend)

Nja.

Zarncke

Und Not sollen Sie auch nich leiden. Ich setz' Ihnen 'ne Pension aus
... Knnen auch wohnen bleiben ... Bei Tag schustern Sie 'n bichen
oder luten die Pausen ab oder helfen Ihrer Tochter in der Kantine.

Eichholz

Und gewhn' mir das Saufen an.

Zarncke

Sie werden doch nich.

Eichholz

Herr Zarncke, ich bin ein Mann -- hochgeehrt -- ich hab' anno 70 immer
mit am Offezierstisch gegessen.

Zarncke

Na, na.

Eichholz

Ja ... Ich bin nie 'n Fettschmecker gewesen und 'n Saufjee, ich hab'
noch nich mal 'n Stckschen Kse ins Schnapsglas getunkt.

Zarncke

Schmeckt ja auch gar nich.

Eichholz

Das is nu Ansichtssache, Herr Zarncke ... Aber wenn man in eine so
lausige Beschaffenheit versetzt wird, da das Ehrgefhl im Menschen so
sehr gekrnkt wird, wo man doch von seinem redlichen Schustergewerbe
nichts mehr brig hat wie 'n paar Lederabflle und zehn steifgewordene
Finger ... und ehe man so'ne Schandpanksjohn annimmt ...

Zarncke

Sie sind ja ein ganz beiiges altes Vieh, hren Sie mal ...

Eichholz

Ich ... ich ... hab'... ich ... (Wrgt)

Zarncke

Na, na, Eichholzchen ... Nu si doch man wedder good, min Shn.

Eichholz (befehlshaberisch)

Lenchen!

Marie (ngstlich)

Nein, nein, das Kind bleibt hier.

Eichholz

Ich und Lenchen -- wir gehn jetzt aus'm Haus.

Zarncke

Wenn Sie aus dem Hause gehen wollen, Eichholz, dann kann ich nichts
dagegen haben -- das heit, Sie werden sich ja noch anders besinnen --

Eichholz

Na, glauben Sie, geehrter Herr, ich werd's mit ansehn, da irgend
so ein hergelaufener Sch -- Schlump jetzt sagen kann, ich bin dem
weggejagten Alten da -- sein Nachfolger. Das -- nee -- nee -- nee!
Ich hab' noch 'ne kleine Nachrechnung, Herr Zarncke. Wegen ein paar
reparierte Abstze, die schenk' ich Ihnen, Herr Zarncke. Ich arbeit'
nich mehr fr Sie ... Guten Morgen, Herr Zarncke. (Ab)


Sechste Szene

    _Zarncke. Marie. Lenchen. Spter Lore_

Zarncke (verzweifelt)

Na -- nu is er rabiat. Nu geht er sausen. --

Marie

Du warst milde genug, Vaterchen.

Zarncke

Ja, wenn's Maschinen wren. Aber jeder is 'n Mensch. Jeder hat sein
Schicksal.

Marie

In sich, Vater.

Zarncke

Wenn das wahr wre, dann wr' ich nicht schon so vielen ihr Schicksal
gewesen ... In sich! ... Spreu sind wir im Winde. Es kommt nur drauf
an, von wo er blst ... Na -- vielleicht kann man's an einem andern
wieder gutmachen. (Nimmt die Papiere) Da wird heute einer kommen. So
einen hatten wir noch nicht.

Marie

Was hat er denn pekziert?

Zarncke

Frag nicht. Nachher drckt's dich.

Lores Stimme (drauen rufend)

Lenchen! Lenchen!

Lenchen (aufhorchend)

Das is Mama. Ich will zu Mama.

Marie

    (das Fenster ffnend, durch das diesmal kein Gerusch
    hereindringt)

Das Kind is bei mir drin, Lore.

Zarncke (nach der Uhr sehend)

Alles still? Is schon Frhstckspause?

Lores

    (Kopf erscheint in der Fensterffnung)

Dank' schn, Frulein Mariechen. (Zu Lenchen, die die Arme ausstreckt,
sich vorbeugend) Na, hopp!

Zarncke

Du kannst mal 'reinkommen, Lore.

Lore

Wenn ich darf, Herr Zarncke. (Verschwindet)

Marie

    (schliet das Fenster und beruhigt Lenchen, die weinen will)

Zarncke

Und findet sich der Mann hier 'rein -- der Mann von diesem Brief --
Biegler heit er -- dann schick ihn nicht ins Komptor, dann la mich
lieber rufen. (Es klopft) Herein!

Lore (erscheint in der Tr)

Zarncke

Du, Lore, ich mu dir was sagen: Vater is von heute ab --

Lore

    (Mitte der Zwanzig. Hbsch, vollkrftig mit Spuren
    seelischen Leidens. Sprechweise bald ohne Grund erregt,
    bald scheinbar teilnahmslos. Bewegungen mde, schwerfllig,
    jh in Leidenschaftlichkeit umschlagend. Helle, schlichte
    Sommerkleidung des Mdchens aus dem Volke, ein wenig ber dem
    Habitus der Dienerin stehend)

Ich wei schon, Herr Zarncke. Es ging ja schon lang' nich mehr.

Zarncke

Na, Gott sei Dank, da ich mich bei dir nicht zu entschuldigen brauch'.

Lore

Ach, Sie! (Beugt sich rasch nieder, um ihm die Hand zu kssen)

Zarncke

Na, na, na! Und wegen Unterhalt, da -- (Beruhigt sie mit einer
Handbewegung) Aber stell ihm die Kmmelflasche hher. Das rat' ich dir,
Kind! (Klopft sie auf die Schulter. Ab)

Lenchen (die Arme hochhebend)

Mama! Mama!

Lore

    (ihr mit dem Schrzenzipfel den Mund putzend)

Ich hab' immer Angst, da ihr ein Steinsplitter ins Aug' fliegt.

Marie

Ach, sie passen schon auf. Sie haben sie ja alle lieb.

Lore

Ja ... Die andern ja. -- Blo der der nchste dazu is --

Marie

Er wird's nicht zeigen wollen.

Lore

Gestern hat ihr einer 'ne Wippe zurechtgemacht. Und wie er vorbeikommt,
da ruft sie ihn an, er soll sie schaukeln. Da hat er sie weggeschoben
-- na wie? 'n jungen Hund schiebt man nich so.

Marie

Das hngt anders zusammen, Lore. So schlecht ist kein Mensch. Und er
sicherlich nicht. Sicherlich nicht.

Lore

Wenn Sie alles wten, Frulein Mariechen. --

Marie

Kannst ruhig du sagen. Es hrt uns keiner.

Lore

Ach, ich verdien's ja nich ... Warum rhrst du mich an? Warum gibst du
dich ab mit mir? (Verbirgt den Kopf an ihrer Stuhllehne)

Marie (sie streichelnd)

Na, na, Lore. Als du so gro warst wie die, da hab' ich dich schon
gestreichelt. Dabei lassen wir's auch. (Da Lenchen weinerlich
dazukommt) Du, Lenchen, der weie Br ist ein Eisbr. Und den bind
mal nu an die Leine. (Reicht dem Kinde eine Porzellanfigur und ein
Garnknuel)

Lore

Ja, Lenchen, tu das.

Lenchen

    (fngt beruhigt von neuem zu spielen an)

Marie

Und la uns mal vernnftig reden. Was versteckst du dich? Warum sagst
du nicht ganz offen, da er der Vater ist?

Lore (verngstigt)

Gott, wie kann ich denn? Er hat's doch verboten.

Marie

Warum lt es dir verbieten?

Lore

Als er im Herbst von der Wanderschaft kam, da sagt' er zu mir: Willst
du, da ich wieder eintrete auf dem Platz? Ich glaub', ich hab' ihm
noch die Hnde gekt in meinem Glck ... Aber eine Bedingung hatte er
dabei. Mund halten, sagt' er, da keiner was erfhrt. ... Die's von
frher wuten, waren inzwischen weg. Blo der Polier ... Und das ist
sein Freund. Vater hat er auch in der Tasche ... Und nun bei' ich mir
rein die Zunge ab Tag fr Tag und denk': Endlich mu das Schweigen doch
ein Ende nehmen. Aber es geschieht nichts ... Er kommt in die Kantine.
Ganz vergngt. Blo nicht allein. Da htet er sich.

Marie

Was soll er zu dem allem aber fr 'n Grund haben?

Lore (achselzuckend)

Ich denk' mir, er hat eine andere im Sinn.

Marie (erschreckt, beklommen)

Wen denn?

Lore

Vielleicht hat er sich eine aus Mailand mitgebracht, vielleicht -- ach,
wer kann wissen?

Marie (auf Lenchen weisend)

Und du meinst, da auf'm Platz keiner was ahnt?

Lore

Die denken sich schon ihr Teil. Aber er tut ja doch mit allen, was er
will ... Er ist mehr Herr auf dem Platz als der Polier. Da wagt keiner
zu mucksen ... Und wenn er ihnen gar was vorsingt, was er da unten von
den Weibern gelernt hat ... Darauf sind sie _rein_ doll ...

Marie (trumerisch)

Ja, schn singt er! ... Ach, Lore, was bist du dumm! (aufschluchzend)
Da spielt dein Kind! Dein Kind spielt da. Und du jammerst.

Lore (erschrocken)

Mariechen!

Marie (sich zusammenraffend)

Ach, es ist der Frhling ... Es ist der ... Der macht einen ganz ...
Und du jammerst.

Lore (mit wehem Lcheln)

Ich jammer' ja auch nich.

Marie

Aber du schleichst 'rum und qulst dich mit deiner Schande. -- Schande!
Was ist Schande? ... Unser Leib ist ein Tempel ... Und Gebren ist
Gottesdienst ... Nur wenn der Tempel im Bau verpfuscht wurde, dann ist
es schlimm ... dann kommt der Frhling, und das Amselweibchen baut, und
man selbst ist schon Ruine.

Lore

Du kannst auch noch glcklich werden, Mariechen.

Marie

Ich mcht' schon ... Aber wer wird vorliebnehmen mit mir? ... Und ich
bin so mutig da drinnen! ... Ich mcht' was verpflanzen von mir in
dich. Da du den Kopf wieder hebst. -- Nicht mehr wie 'n Stein bist in
deinem Gram.

Lore (lacht bitter)

Marie (mit sich kmpfend)

Du -- soll ich -- reden mit ihm?

Lore

Du -- mit ihm?

Marie (nickt)

Lore (ohne Hoffnung)

Ja, wenn du das willst. Aber noch nicht ... Wart lieber noch ...
Vielleicht, da er _doch_ --

Marie (stockend)

Es wird mir -- ja nicht -- leicht fallen ... Ich kenn' ihn ja auch kaum
mehr -- den groen Herrn ... Aber wenn man was _sehr gerne_ will, dann
wird man's doch auch -- knnen. -- Na, freut's dich gar nicht?

Lore

    (die Hand mutlos vor die Stirne legend)

Ach! ... (Es klopft)

Marie

Herein!


Siebente Szene

    _Die Vorigen. Jakob Biegler_

    (Jakob Biegler: Mitte der Dreiig, sehr drftig, doch nicht
    schmutzig gekleidet, Hose von grauem Bauernvelvet, vielfach
    geflickt und zu kurz. Altes, blankgewordenes Jakett,
    gleichfalls geflickt, darunter braune Strickweste. Defektes
    Schuhwerk. Wsche nirgends zu sehn. -- Gelbes, zermrbtes
    Gesicht mit scheuen Augen und kurzem, wildwachsendem Blondbart.
    Auftreten gedrckt, verhetzt, bisweilen in verzweifelte Rauheit
    umschlagend)

Biegler

Guten Morgen.

Marie

Sie wnschen meinen Vater zu sprechen?

Biegler

Herrn Zarncke -- mcht' ich sprechen.

Marie

Heien Sie Biegler?

Biegler (betroffen)

Ach so! -- Sie wissen schon. Na -- dann -- (Macht eine halbe Wendung
zur Tr)

Lenchen

    (ist zu ihm gegangen und streckt die Hand empor)

Guten Tag!

Marie

    (seinen Seelenzustand erkennend)

Mein Vater hat gesagt, wenn jemand mit Namen Biegler kommt, dann mcht'
ich ihn rufen.

Biegler (erleichtert)

Ja, der bin ich.

Lenchen

Nu sag doch: Guten Tag.

Biegler

    (sieht das Kind, ein leeres Lcheln geht ber sein Gesicht. Er
    wei nicht, was tun)

Lore (sie leise zurckrufend)

Lenchen!

Marie

Nehmen Sie's als gute Vorbedeutung, da dies Kindchen Sie willkommen
heit.

Biegler

    (sieht sie gro an, versteht nicht)

Erst -- mu -- ich -- Herrn Zarncke -- sprechen.

Marie (aufstehend)

Lore, klopf, bitte, im Vorbeigehn bei Vater an (leiser) und bring dem
was zu essen. Er hat's ntig.

Lore (nickt)

Komm, Lenchen. (Mit dem Kinde ab)

Marie

Nehmen Sie so lange Platz, bitte.

Biegler

Ich kann auch stehen.

Marie (ab)


Achte Szene

    _Biegler._ Dann _Zarncke_

Biegler

    (alleingeblieben, wagt sich nicht zu rhren, nur seine Augen
    wandern umher)

Zarncke

    (mit Bieglers Papieren in der Hand)

Guten Tag.

Biegler

    (in straffer Haltung, wie er's im Zuchthause gewohnt war)

Melde Jakob Biegler.

Zarncke

Is gut, is gut. Sie sind hier nicht im Gefngnis. Der Verein zur
Besserung entlassener Strafgefangener hat Sie mir zugeschickt. Stehen
Sie unter seiner Frsorge?

Biegler

Jawohl.

Zarncke

Wie lange sind Sie 'raus?

Biegler

Vier Monate zehn Tage.

Zarncke

Fnf Jahre haben Sie abgemacht?

Biegler

Jawohl.

Zarncke

Wegen was?

Biegler (schweigt)

Zarncke

Na -- wegen was?

Biegler (auf die Papiere weisend)

Steht ja da drin.

Zarncke

    (fixiert ihn, um sein Schamgefhl zu prfen)

Da steht nur der Paragraph. Den kenn' ich nicht auswendig.

Biegler (verbissen)

Na, ich sprech's nich aus.

Zarncke

Dann werd' ich im Strafgesetzbuch nachsehn.

Biegler

Wenn Sie wollen.

Zarncke

    (geht zum Bcherschrank, schlgt ein Buch auf und liest)

Hm. Schlimm. Schlimm.

Biegler

Schlimm. (Pause)

Zarncke

Na, wie is es denn gekommen?

Biegler

Wie das so kommt, wenn ein Weib dabei ist.

Zarncke

Aha ... Haben Sie's gut gehabt in Sonnenburg?

Biegler

Man war ja mit mir zufrieden.

Zarncke

Ersparnisse gemacht?

Biegler

Jawohl. Fnfundsechzig Mark fnfzig Pfennig.

Zarncke

Noch was da?

Biegler

Dann sh' ich nich so aus, Herr -- Zarncke.

Zarncke

Hat der Verein Ihnen keine Arbeit besorgt?

Biegler

Zweimal haben sie mich aufs Land geschickt. Einmal als Hofgnger, das
zweite Mal als Kuhfutterer.

Zarncke

Na -- und?

Biegler (schweigt)

Zarncke

Ausgerissen?

Biegler (in erregter Verteidigung)

Ich hielt nicht aus. Ich -- ich -- ich --

Zarncke

Dann werden Sie auch bei mir nich aushalten.

Biegler

Ach, Herr Zarncke.

Zarncke

Hier steht: auf Ihre besondere Bitte schickt man Sie zu mir. Was wollen
Sie gerade bei mir?

Biegler (schweigt)

Zarncke

Ja, wenn Sie nicht antworten ... Was sind Sie?

Biegler

    (zaudernd, nach innerem Kampfe)

Steinmetz.

Zarncke

Ach so! -- _Darum_! Hier steht doch -- Arbeiter. (Sieht nach)

Biegler

Weil ich als Arbeiter gegangen bin.

Zarncke

Warum denn?

Biegler

Wer wird mich nehmen -- als Steinmetz?

Zarncke

Sie htten doch probieren knnen!

Biegler

Probiert hab' ich genug.

Zarncke

Und berall abgewiesen?

Biegler

Einmal wurd' ich eingestellt ... Zwei Tag' spter kam's 'raus. Da lag
ich schon auf der Strae.

Zarncke

Warum sind Sie denn nicht schon frher zu mir gekommen?

Biegler (schweigt)

Zarncke

Wuten Sie, da ich Strafentlassene nehme?

Biegler

Ja, die Herren haben's mir gesagt.

Zarncke

Wollten Sie nich?

Biegler (zgernd)

Nein.

Zarncke

Warum nicht?

Biegler (erregt)

Nachher wird's doch nichts -- -- --

Zarncke

Und jetzt wollen Sie?

Biegler

Als Steinmetz will ich auch nicht. Nich als Steinmetz. -- Wenn ich blo
'ne Arbeitsstelle htte, als Schleifer oder beim Flaschenzug, wo keiner
was fragt.

Zarncke

Ich werd' mit dem Polier sprechen. Wenn ich drauf besteh' -- Sie knnen
auch als Steinmetz eintreten.

Biegler (verngstigt)

Nein, nein, nein ... dann kommt's 'raus ... dann is wieder alles
... Blo auf den Werkplatz will ich ... Blo w--wenn ich den --
Klippelschlag hren kann. Blo von weitem.

Zarncke

Sie waren wohl ein _guter_ Steinmetz?

Biegler

Ach! (Zuckt die Achseln)

Zarncke (voll wrmerer Anteilnahme)

Hm. (Es klopft) Herein.


Neunte Szene

    _Die Vorigen._ _Lore_ (mit einem Teller, worauf Butterbrot)

Lore

Verzeihung, Herr Zarncke, Frulein Mariechen hat befohlen.

Zarncke

Essen Sie.

Biegler

    (gierig nach dem Teller sehend)

Danke! Ich hab' -- keinen -- Hunger.

Lore (leise, mitleidig)

Essen Sie nur.

Biegler

    (blickt sich scheu um, will ein Butterbrot nehmen, sieht
    Zarncke fragend an)

Zarncke

Ja, ja, Sie drfen.

Biegler

    (dreht sich der Wand zu und schlingt das Butterbrot herunter)

Zarncke

Du, Lore, hol mal das Wasserglas.

Lore

    (holt das Wasserglas vom Nhtisch)

Zarncke (Rotwein eingieend)

Bring ihm das. -- brigens: wie trgt's denn der Vater?

Lore

Gott, Herr Zarncke, er schimpft ... Ja, was ich fragen wollte: darf er
den Dienst noch tun, bis ein Nachfolger da ist?

Zarncke

    (mit einem Blick nach Biegler hin)

Nachfolger hab' ich schon.

Lore (dem Blick folgend)

Ach so.

Zarncke

Gefllt er dir?

Lore

Ach, is 'n armer Mensch!

Zarncke

Sag's nicht, wie du ihn hier gefunden hast.

Lore

Nein, nein. (Stellt das Glas neben Biegler, ab)


Zehnte Szene

    _Biegler._ _Zarncke_

Biegler

    (wrgt eiligst den letzten Bissen hinunter und stellt sich in
    Positur)

Zarncke

Sie drfen auch 'n Schluck von dem Wein trinken.

Biegler

Ja. (ugt zweifelnd nach dem Glase)

Zarncke

Haben Sie keinen Durst?

Biegler

Erst geben Sie mir -- Wein zu trinken, und dann nehmen Sie mich _doch_
nich. H.

Zarncke

Erst trinken Sie mal.

Biegler

    (dreht sich der Wand zu und trinkt zgernd, verstohlen)

Zarncke

Auf den Steinmetzplatz _wollen_ Sie. Aber gewissermaen im verborgenen.
So da keiner was erfhrt, da Sie keinem Rede zu stehen brauchen -- h?

Biegler

So was Schnes gibt's ja nich.

Zarncke

Vielleicht _doch_. Wollen Sie Wchter werden bei mir auf'm Platz?

Biegler

    (in staunendem Nicht-glauben-wollen)

Herr Zarncke!

Zarncke

Na?

Biegler

Das is doch 'n Vertrauensposten.

Zarncke

Ja, das is es.

Biegler

Da mssen manche sogar Kaution stellen.

Zarncke (bejahend)

Hm ... Und wenn Sie Mittags ausgeschlafen haben, knnen Sie unter den
Arbeitern mithelfen ... da fragt Sie keiner ... Na?

Biegler

Wird ja nicht lange dauern --

Zarncke

Das wird ganz von Ihnen abhngen.

Biegler

Dann kommen die Schutzleute -- und recherchieren ... Und dann is aus.

Zarncke

Sie wissen doch, da solange der Verein die Frsorge fr Sie bernimmt,
die Polizei sich mit Ihnen nichts zu schaffen macht.

Biegler (fatalistisch)

Die Schutzleute -- kommen doch.

Zarncke

Zu mir nicht ...

Biegler

Die Schutzleute kommen doch.

Zarncke

So hren Sie doch. Hierher kommt kein Schutzmann recherchieren. Das
hab' ich mir ein fr allemal verbeten. Und da die Herren vom Verein,
wenn _die_ kommen, Sie nicht verraten werden, das knnen Sie sich doch
denken. ... Na?

Biegler

Das wr' ja ein solches Glck, wie man sich gar nich -- (Es klopft)

Zarncke

    (geht zur Tr und ffnet sie)


Elfte Szene

    _Die Vorigen._ _Jenisch_

Zarncke (ihm den Eintritt versperrend)

Was gibt's?

Jenisch (vom Hausflur her)

Verzeihung, Herr Zarncke -- die Polizei is da -- wegen --

Biegler

    (zuckt heftig in die Hhe und macht eine unwillkrliche
    Bewegung, als wolle er sich verstecken)

Zarncke

Is gut. Soll 'n Augenblick warten. Komme gleich. (Schlgt die Tre zu)


Zwlfte Szene

    _Biegler._ _Zarncke_

Zarncke

Na ruhig, ruhig, ruhig!

Biegler (sich wild umschauend)

Die Schutzleute kommen berall -- die --

Zarncke

Unsinn! Diese Nacht is eingebrochen worden bei mir. Deshalb kommen sie.
Und eben deshalb sollen Sie auch Nachtwchter werden. Verstanden?

Biegler (wrgend)

Herr Zarncke -- ich mu -- ich -- dank' Ihnen auch schn frs Glas Wein
... ich ... kann nich in Dienst ... ich mu -- wieder weg.

Zarncke (schttelt den Kopf)

Ja, zwingen kann ich Sie nich ... (Nach einem Schweigen) Haben Sie denn
andere Arbeit in Aussicht?

Biegler (verneint)

Zarncke

Wer nicht Arbeit hat von euch, wird abgeschoben von der Polizei ...
Unbarmherzig ... Wissen Sie das?

Biegler (bejaht)

Zarncke

Na und dann?

Biegler (zuckt die Achseln)

Zarncke

Schlielich zieht der Verein auch noch seine Hand von Ihnen -- und was
dann?

Biegler (zuckt die Achseln)

Zarncke

    (pltzlich seinen Ton ndernd)

Nu komm mal her, min Shn. Komm, komm, komm, komm. (Zieht ihn nach
vorne) Bienchen hast du doch keine?

Biegler (schttelt den Kopf)

Zarncke

Na dann setz dir mal. (Zieht ihn in einen Stuhl) Du bist nu man bschen
verbiestert, min Shn ... Wat dir da im Kopp spukt, das will ich gar
nich wissen ... Is auch ganz egal. Nu la man schon bschen sorgen fr
dich. (Strenge) Und jetzt geschieht folgendes: Du kriegst mal zuerst 'n
Anzug von mir ...

Biegler

    (an sich niedersehend, freudig)

Ja, ja, ja, ja.

Zarncke

Du, du hast ja gar nich mal 'n Hemde an!

Biegler (eifrig, voll Ehrgefhl)

Jawohl -- hab' ich. (Reit, um das Hemde zu zeigen, die Strickweste
auf) Da! (Beschmt) Blo -- Kragen hab' ich nich.

Zarncke

Also das kriegste alles auch. Und 'n warmen Mantel. Denn Nachts is
noch kalt ... Und dann kriegst du 'ne Pfeife und 'ne Schnarre. Und die
Kontrolluhren, die bis zum Abend ankommen, die erklr' ich dir. Wohnen
tust du drben im Sgewerk. Und essen tust du in der Kantine bei der
Lore, die dir das Butterbrot gebracht hat. Verstehste?

Biegler (wie vorhin)

Ja, ja, ja, ja.

Zarncke

Und nun kmmerst du dich um Dodt und Deiwel nich mehr. Und so wollen
wir langsam wieder 'n Menschen aus dir machen. H?

Biegler (nickt willenlos)

Zarncke

Na also.

    (_Der Vorhang fllt_)




Zweiter Akt

    Der Werkplatz. Links das _Wohnhaus_ mit vorspringender
    _Veranda_ und einem Balkon darber, zu dem aus dem oberen
    Stockwerk eine Glastr fhrt. Zu ebener Erde ein Fenster.
    Rechts die _Kantine_ mit einer Tr in der Seitenwand und
    einem nach der Rampe zu gerichteten Fenster, vor dem eine
    Bank steht. Hinter der Kantine, ein wenig vorspringend, das
    _Magazin_, mit einer Tr und einer daneben angebrachten Glocke.
    -- Im Hintergrunde rechtwinklig zum Magazin ein offener,
    von Holzpfeilern getragener _Schuppen_, der sich mit seiner
    Hinterwand an die senkrechte Erhhung lehnt, welche den
    hinteren Teil des Werkplatzes bildet und zu der in der Mitte
    des Hintergrundes eine schmale Treppe emporfhrt. Links von
    der Treppe mehrere hochaufgestapelte Steinblcke, welche die
    Hhe des hinteren Teiles bersteigen. ber einem der Stapel ein
    _Kran_. Eine schmale _Feldbahn_ zum Transport der Blcke fhrt
    an den Stapeln, der Treppe und dem Schuppen vorber quer ber
    die Bhne. Blcke liegen berall verstreut. An den Wnden des
    Schuppens und der Huser stehen und hngen, wo nur ein Platz
    sich findet, Gipsmodelle: Figuren, Reliefs, Ornamentstcke. Die
    Veranda ist mit Schlingpflanzen bewachsen, ein Baum neigt sich
    ber ihr Dach. Das Kantinenfenster schmcken Blumentpfe. Den
    _Prospekt_ bildet eine grostdtische Huserreihe, die jenseits
    der am Werkplatz entlangfhrenden Strae gedacht ist. Ein
    Kirchturm ragt aus der Ferne herber


Erste Szene

    (Beim Aufgehen des Vorhangs zeigt der Platz ein beraus reiches
    Arbeitsleben. Vor den Blcken arbeiten _Steinmetzen_ oder
    _Bildhauer_, die ersteren mit blauer Schrze, die letzteren mit
    langem, weigrauem Kittel und Papier- oder sog. Raffaelmtze
    bekleidet. Der Kran ist im Gange. Niedrige Wagen transportieren
    Blcke vorber. Hilfeleistende _Arbeiter_ in beliebigem
    Werktagsanzug. Mittagsstimmung)

    Vorne rechts _Gttlingk_ in Steinmetzentracht vor einem Blocke
    -- ein Gipsmodell daneben. Der Polier _Willig_ an einem anderen
    Blocke, messend. Unter den Arbeitern, die sich hinten zu
    schaffen machen, _Lohmann_, _Sprengel_, _Struve_

Gttlingk

    (stmmig, mittelgro, Stiernacken, blonder, schn geringelter
    Schnauzbart, Haar in geschniegeltem Bogen in die Stirn
    heruntergestrichen. Spielt den Kraftmenschen, grosprecherisch,
    bermtig, brutaler Charmeur. Er arbeitet mit Meiel und
    Klippel und singt dazu)

Na -- nun kommt auch noch die Sonne angekrochen. He, ihr
Zitronenschleifer da hinten, hab' ich euch nich gesagt, ihr sollt mir
den Block in den Schuppen schaffen? -- Lohmann, Sprengel, ihr andern,
immer 'ran!

Willig

Du, Gttlingk, schnauz hier nicht so viel. Sag's lieber mir.

Gttlingk

Du hast mir gar nischt zu befehlen, mein Sohn.

Willig

Und du hast denen nischt zu befehlen.

Gttlingk

Wenn sie so dumm sind und gehorchen. (Lohmann, Sprengel und ein dritter
Arbeiter sind nach vorn gekommen) Da, wie sie anhampeln! Hab du sie man
so an der Strippe wie ich. (Befehlshaberisch) Also nu los!

Lohmann

Warten Sie man bichen, hochgeborner Herr. Zehn Finger hat jeder zu
verlieren. (Stemmt ein Brecheisen ein)

Gttlingk

Brecheisen weg! Ihr werd't mir die Kanten abstoen.

Sprengel

Ohne Brecheisen geht's nich.

Gttlingk

So? H! Wenn ihr man stramme Kerls wrt, ihr Volk ... (Fat mit an)
~Uno~ -- ~due~ -- ~tre~! (Der Block rckt weiter) Na, geht's oder nich?

Lohmann

Ja, wenn Sie so scheen auslndsch kommandieren! Sagst du zum Hund
kusch, dann kuscht er. Blo weil er's Franzesch so gern hat.

Gttlingk

Noch mal: ~uno~ -- ~due~ -- ~tre~! (Der Block rckt wieder) Ja,
ja, Kerlchens. Grips im Kopp und Marks in de Knochen. Das ist die
Hauptsache.

Lohmann

Und 's Messer im Sack nich zu vergessen.

Gttlingk

Lassen Sie man mein Messer in Ruh, mein alter Sohn. (Zieht ein
Dolchmesser aus einer Lederhlse, die er am Leibgurt unter dem Kittel
befestigt hat) Das is dreikantig geschliffen. Das schlupft (schnalzt,
das Messer vorstoend, mit den Lippen) wie 'n Kchen ... Tut gar nich
weh. Will einer probieren?

Willig

    (der mibilligend zugehrt hat)

Du -- Gttlingk!

Gttlingk (zu ihm herbertretend)

H?

Lohmann (hinter ihm her, ingrimmig)

So 'n Paradehengst! (Die andern lachen)

Willig

Mach dich nich immer mit den Kerls gemein. La sie ihre Arbeit
verrichten. Und damit gut!

Gttlingk (grospurig)

Ph! Ich bin nu mal so 'ne leutselige Natur.

Willig

Mute immer Bewunderer haben?

Gttlingk

    (wendet sich lachend zum Stein zurck und kommandiert weiter)


Zweite Szene

    _Die Vorigen._ _Zarncke_ (ist aus der Veranda getreten)

Zarncke

Polier!

Willig (respektvoll)

Herr Zarncke.

Zarncke

Is was zu melden?

Willig

Nein, Herr Zarncke.

Zarncke

Was tut der Kran da?

Willig

Er holt die Quadern frs Sgewerk.

Zarncke

Bis morgen abend mu auch der Oberkirchner Block dort an der Treppe
'runtergeschafft werden, damit er Montag in Arbeit genommen werden kann.

Willig

Sehr wohl, Herr Zarncke.

Zarncke

Wie is die Verteilung heute?

Willig

Elf Steinmetzen auf'm Platz, fnfzehn drauen auf'm Bau, vier Bildhauer
auf'm Platz, sechs auf'm Bau.

Zarncke

Wo is der Gttlingk heute?

Willig

Da is er ja.

Gttlingk

    (den Stein betrachtend, dessen senkrechte mit Ornamenten
    bedeckte Seite jetzt oben liegt)

Donnerschock! ~Per Bacco!~ Den ganzen Dreckplatz soll der Deiwel holen!
Du, Polier, komm mal her.

Zarncke

Was schimpfen Sie denn heute so wild um sich, Gttlingk?

Gttlingk

    (lftet einigermaen verlegen die Mtze)

Verzeihung, Herr Zarncke, aber das soll wirklich der Deibel holen. Wie
ich den Block drehen lass', da seh' ich, da von gestern auf heute eine
fremde Hand daran 'rumgemurkst hat.

Zarncke

    (stutzt, ein Verdacht steigt in ihm auf)

Ach, Sie werden sich tuschen. (Tritt hinzu)

Gttlingk

Weil mir das schon einmal passiert war, hab' ich mir zu Feierabend
immer 'n Zeichen gemacht ... Da, bitte!

Zarncke (den Stein betrachtend)

Von dem Blaustrich an?

Gttlingk

Jawohl.

Zarncke (nachdenklich, lchelnd)

Hm. So! -- Das is aber nich schlecht gemacht. Da ist Schwung drin. Wenn
sich die Heinzelmnnchen extra fr Sie bemhen, Gttlingk!

Gttlingk

Wenn ich das Heinzelmnnchen treff', dann gibt's eins zwischen
de Rippen ... Was is das fr'n Nachtwchter, der Kerl, der jetzt
Nachmittags hier 'rumschleicht, wenn er so was zulassen kann? ... Das
ist schlimmer wie Einbruch.

Zarncke (der abzulenken sucht)

Was hat denn der Nachtwchter damit zu tun? Wenn's finster is, kann man
nich arbeiten.

Willig

Verzeihung, Herr Zarncke. Um fnfe, da is es schon lang hell.

Zarncke (beruhigend)

Ich werd' den Mann hernach mal fragen.

Gttlingk (murmelnd)

Das besorg' ich schon selber.

Zarncke

    (mit Willig nach vorne kommend)

Sagen Sie mal, Polier, wie macht sich der Nachtwchter im brigen auf'm
Platz?

Willig

Der Mann ist fgsam und ordentlich und kann sich an Flei nicht genug
tun. Aber -- schwach, Herr Zarncke.

Zarncke

Tja!

Willig

Und dann -- 'n bichen sonderbar.

Zarncke

Inwiefern? (Ringsum ertnen Mittagssignale)

Willig

Er hlt sich immer abseits. Gibt kaum Antwort. Manche fangen ihn schon
zu verulken an.

Zarncke

Dulden Sie das nich, Willig!

Willig

Ja, da kann ich nich viel machen, Herr Zarncke.

Zarncke

Warum lutet denn der Eichholz nich Mittag? Eichholz!

Willig (zur Kantinentr laufend)

Eichholz!


Dritte Szene

    _Die Vorigen_. _Eichholz_

Eichholz (angeheitert)

Haben blo zu befehlen, Herr Zarncke! Wie der Blitz bin ich da -- ja!
(Lutet die Glocke, die am Magazin hngt)

Zarncke (sieht kopfschttelnd zu)

Willig

Er is jetzt immer im halben Dusel.

Eichholz (sich umschauend)

Na -- schlft der -- faule Hund -- noch?

Zarncke

Mchten Sie nu mal den Frauen das Tor aufschlieen?

Eichholz (brummend nach links)

Willig

Nu geht er noch in die Destille!

Zarncke

Is das ein Elend!


Vierte Szene

    _Die Vorigen._ _Mehrere Frauen._ Spter _Lore_

    (Smtliche Arbeiter haben ihre Werkzeuge niedergelegt, einzelne
    gehen zu den Wasserleitungshhnen, die im Schuppen angebracht
    sind und waschen sich. Andere holen dicke Butterstullen und
    Blechkannen hervor und beginnen zu essen. Frauen kommen von
    links mit Ekrben und begren ihre Mnner. Einzelne haben
    auch ihre Kinder mitgebracht, die sich mit den Eltern um den
    Ekorb gruppieren)

Zarncke

    (begrt eines und das andere, teilt Bonbons aus, wnscht den
    Frauen Guten Tag und spricht einige Worte zu den Mnnern)

Lore

    (erscheint in der Tr der Kantine und geht zu verschiedenen der
    Bildhauer und Steinmetzen)

Bitte zu Mittag. -- Bitte zu Tisch. -- Zu Tisch mcht' ich bitten.
(Lauter) Wem kann ich Bier 'rausschicken?

Einzelne Stimmen

Hier. Ich. -- Mir eins.

Lore (zhlt die Stimmen)

Gttlingk

    (betrachtet murrend seinen Block)

Lore

    (an ihn herantretend, leise zaghaft)

Kommst nich auch, Eduard?

Gttlingk (sich umschauend, unwirsch) Hab' ich dir nicht gesagt, du
sollst mich nich du nennen auf'm Platz?

Lore Verzeih! Ich hab' vergessen. (Zur Kantine ab)

    (Verschiedene Bildhauer und Steinmetzen gehn zur Kantine,
    darunter Gttlingk)

Zarncke

Gehn Sie auch zu Tisch, Willig. brigens hren Sie mal: Mit dem Struve
steht's schlecht. Den wird uns das Kriminal bald abholen.

Willig (achselzuckend)

Ja.

Zarncke

Ach, schicken Sie ihn mir mal, -- ja?

Willig (rufend)

Struve!

    (Struve steht von einem hinteren Steine auf, wo er unbemerkt
    gesessen hat. Willig spricht im Vorbeigehn zu ihm und weist
    nach vorne, dann geht er in die Kantine ab)


Fnfte Szene

    _Die Vorigen_ ohne _Willig_. _Struve_ (nach vorne
    kommend)

Struve

    (Mann in den Vierzigern. Ergrauendes Haar, blank und gelockt.
    Bartstoppeln. Verschmitzte uglein. Ein Zug drolliger Heuchelei
    um die Mundwinkel. Arbeitskleidung mit wollenem Halstuch
    und Holzpantinen. Trgt einen Deckelnapf in der einen, eine
    faustdicke Butterstulle mit Taschenmesser in der andern Hand.
    Bei dem Versuch, die Mtze abzunehmen, fllt ihm das Butterbrot
    auf die Erde)

Zarncke

Sachte, sachte! Nu is die janze Pastete in den Sand gefallen.

Struve

    (das Butterbrot an den Hosen abwischend)

Das macht nichts, Herr Zarncke. Mit ne Ladung Sand -- schmeckt selbst
'n alter Strohsack pikant, sagten wir immer uf de hohe Schule.

Zarncke

Na, nu werden Sie ja bald wieder drinsitzen in Ihre hohe Schule.

Struve

Ja, Herr Zarncke, was kann man machen?

Zarncke

Mensch, wenn's mir nich so leid tte um Sie --

Struve

Nu haben Se man guten Mut, Herr Zarncke ... Mir hat's auch mal leid
getan. Aber nu is schon egal.

Zarncke (leise)

Na, sind Sie's nu gewesen oder nich?

Struve

Herr Zarncke, wenn ich gleich hier meinen Totenschein in die Hand
nehm'--

Zarncke (lachend)

So 'n Halunke wie Sie! ... Sie wissen doch, die Untersuchung geht
weiter?

Struve

Ja, die Polente schnffelt ja alle Tage hier 'rum.

Zarncke

Sagen Sie mal, knnen Sie nu wirklich keinen Zeugen dafr beibringen,
wo Sie in den Stunden des Einbruchs gewesen sind?

Struve

Was man so nennt: einen Aal-ibi, Herr Zarncke?

Zarncke

Jawohl.

Struve

Ja, sehn Sie mal, was 'n wirklich reeller Aal-ibi is -- der kost't nich
unter fnfzig Mark. Wo soll ich fnfzig Mark hernehmen, Herr Zarncke?

Zarncke (lachend)

So?

Struve

So 'ne Brieder, die schon wegen Meineid verschtt jejangen sind, die
tun's auch billiger ... Meechens auch. Aber die kriegen's vor Gerichte
hernach mit die Heulerei ... Nee, das sind alles keine reelle Sachen.

Zarncke

Na, und wenn sie Sie nu gleich mitnehmen?

Struve

Der Gerechte mu viel leiden, so steht in de Psalmen geschrieben.

Zarncke

Hren Se auf mit Ihre dmliche Muckerei. Glaubt Ihnen ja doch keiner
... Mensch, Mensch, wie hau' ich Sie nu 'raus?

Struve

Htten gar nicht anzeigen mssen. Sehn Se, nu sitzen Se drin, Herr
Zarncke.

Zarncke (lacht)

Marie (das Fenster ffnend)

Vaterchen, kommst nich zu Tisch?

Zarncke

Gleich, Miezelchen ... Also ich werd' mal nachdenken. Vielleicht fllt
mir noch was ein.

Struve

Ganz wie Sie meinen, Herr Zarncke.

Zarncke

Ulkiges Huhn! ... Hier haben Sie 'ne Zigarre. (Ab)

Struve

Danke, Herr Zarncke. (Die Zigarre einsteckend) Ja, ja. Sie rsten sich
wider die Seele des Gerechten und -- (sieht, da Zarncke inzwischen
weggegangen ist) Ach so! (Setzt sich auf den vordersten Block, kratzt
an seinem Butterbrot und fngt an zu essen)


Sechste Szene

    _Struve. Lohmann._ _Sprengel_, _ein dritter Arbeiter_,
    die essend auf dem Block hinter ihm sitzen

Lohmann

Na, wie lange werden sie dich deinen Knast Brot noch 'runterfuttern
lassen, Struve, ehe sie dich inlochen?

Struve (achselzuckend)

Ja.

Lohmann

Nachher gibt's zu Mittag wieder Rumfutsch und blauen Heinerich. Ei
weh.

Struve

Kindersch, babbelt nich von so hohe Sachen. Das versteht ihr nich.

Sprengel

Der tut sich noch dicke auf sein Zuchthaus.

Struve

Nu ob. Da kommt ihr noch lange nich rin. Da sind blo _feine_ Leute
drin. Ja.

Die Anderen (lachen)

Lohmann

Drum heit es auch die hohe Schule.

Struve

Jawoll. Da lernt man was. Hast du berhaupt 'ne Kleiderbrschte? Die
hat mir der Staat immer franko geliefert. Aus lauter persnlicher
Hochachtung ... Oder gar 'ne Zahnbrschte? Aber ich -- siehste! ...
Kiek dir mal an, wie der Dreck an dir 'rumklebt ... Aber _wir_ machen
dort zu Mittag immer Toi--lette. Und Handtuch tragen wir immer auf'n
Arm, da laufen wir den janzen Tag mit 'rum. Vor lauter Feinheit. Ja.

Die Anderen (lachen)

Struve

berhaupt, was bist du hier? Und was bin ich hier? Und was sind
wir alle hier? ... Dreck sind wir. Hoch ber dir kommen erst die
Steinmetzen ... und da hoch drber die Bildhauer. Und denn _noch_ hher
der Polier ... Und _denn_ gar erst ... ach! Dort hab' ich immer in
de erschte Klasse gearbeit't ... Weie Binde hab' ich tragen drfen.
Tischltster bin ich gewesen. Das is mehr wie der Polier. Das is wie 'n
Jeneral ... Das kannste alles werden, wenn de ins Zuchthaus kommst ...
Karri--ere kannste machen. Ja.

Lohmann (singt spottend)

        Liebes Kind, nu weine nich,
        Mittags jibt's den blauen Heinerich;
        Stehst du mit dem Schien auf du und du,
        Kriegste auch 'n halben Hering zu.

Struve

Nu ja. Verdient euch mal erst 'n halben Schwimmling. Ihr geht hier zur
Lore und schnauzt: Hering -- aber 'n milchernen -- mit Zwiebel -- viel
Zwiebel ... janzen Berg Zwiebel, und dann schmeckt er noch nich mal ...
Ich sag' euch: ... wollt ihr 'n wirklichen duften, leckern Schwimmling,
da mt ihr in de Anstaltskche kommen. Die verstehn det Jeheimnis ...
Da kitzelt euch die Schnauze von -- noch Abends beis Einschlafen. So
viel scheener ist da alles. Ja.

Lohmann

Wenn da alles so viel scheener is, wat machste denn nich wieder hin?

Sprengel

Da hast _du_ doch freien Angtree.

Struve

Kindersch, ick werd' euch mal was erzhlen: Dicht an de groe
Auenmauer in Waldheim -- da steht nmlich 'ne alte Linde ... Und
von de Fisintation aus, was nmlich der Arbeitssaal is, da siehste
'n janzes kleines Stckschen von ... Und von'n Spazierhof aus, wo
du immer sechs Schritt hintern Vordermann herzoddelst, (stolz) blo
nicht wir von de erste Klasse, wir jingen natierlich immer zu zweie
-- wenn du da -- und du huppst in die Hh', dann siehst wieder 'n
andern Stckschen -- so sechzig bis achtzig Bltter, wodran du immer
jenau wissen kannst, was fr Jahreszeit is ... Und nun hat uns immer
und ewig der Deibel geplagt, da wir auch mal den _janzen_ Lindenbaum
sehen wollten, denn der soll nmlich der scheenste Lindenbaum sein,
wo's auf de Welt berhaupt jibt. Das soll schon in de Geschichtsbicher
stehn ... Na, und wo nu endlich der Tag da is von de Entlassung, und wo
einem das Herz bis in'n Kopp 'raufbummert -- und wo nu das innere Tor
aufjeschlossen wird -- na, da is er nu -- und da is er 'n janz jemeiner
oller, ekliger Lindenbaum. Na -- und so war denn hernach alles -- janze
Freiheit.

Lohmann

Nu -- wenn du das nu schon weit? --

Struve

Was hilft da viel -- wissen. Der Mensch is 'n dmliches Vieh. Wie ich
's zweite Mal drinsa, da war der olle, dmliche Lindenbaum noch viel
scheener geworden.

Die Anderen (lachen)

Sprengel

Ja, wenn's so is.

Struve

berhaupt -- ihr Schafskppe mit eure sogenannte Freiheit! --
Geschunden! hin und her geschmissen! Liegste im Sonnenschein uf
ne scheene Planke, kriegste den Holzbock in de Waden; haste keene
Arbeit, kannste jehn den Chausseegraben austapezieren. Willste mal
geradaus -- jeder Mensch will mal geradaus -- und als dir kommt nu
'ne verschlossene Tr in de Quere -- und du willst _doch_ geradaus,
dann stecken sie dir ins Kittchen. Das heit nu Freiheit. Kindersch,
ick hust' auf eure Freiheit. Seine Ordnung mu der Mensch haben. Seine
Ordnung hat der Mensch blo allein im Zuchthaus.

Die Anderen (lachen)

Struve

Mir hat berhaupt blo _eins_ gefehlt. Dann wr' ich auch janz komplett
jlcklich gewesen.

Sprengel

Das war wohl eene Braut?

Struve

Ne.

Lohmann

_Zwei_ Brauten?

Struve

Ne.

Lohmann

Na was denn sonst?

Struve (trumerisch)

Das war 'n Rasierspiegel ... Wenn ich _den_ noch htt' gehabt -- --


Siebente Szene

    _Die Vorigen._ _Biegler_ (von rechts)

Biegler

    (in anstndiger Arbeitskleidung. Sein Bart ist gestutzt,
    sein Aussehen gebessert, aber sein Benehmen noch scheu und
    unumgnglich, voll immer neu aufflackernden Mitrauens. Er
    setzt sich auf die Bank vor das Kantinenfenster)

Lohmann

Kiekt mal den da! ... Was _is_ das eigentlich fr 'ne Sorte? Reden
_tut_ er nich, guten Tag _sagt_ er nich.

Biegler

    (gewahrend, da man sich mit ihm beschftigt, unfreundlich,
    dumpf)

Guten Tag.

Struve

Na sagt ja.

Lohmann

War auch danach. Guten Tag, hochwohlgeborener Herr Nachtrat! ... Kommen
der Herr Dunkelmann 'n bichen de Sonne revindieren?

Sprengel

Mensch, nu red doch was!

Biegler

Was soll ich reden?

Sprengel

Mach doch 'n Witz.

Biegler

Ich wei keinen Witz.

Lohmann

Der Kerl is trocken wie Galgenholz.

Struve

Nu sag blo, Mensch, wie amesierste dir nu so die lange Nacht ber?
Putzte de Sterne blank? Ziepste dir an de Barthaare? Wirfste de
Meechens, wo auf de Strae vorbeigehn, Klamotten auf'n Kopp? ... Irgend
was mu der Mensch doch zu tun haben de lange Nacht ber!

Biegler

Ach, ich hab' immer zu tun.

Lohmann

Tranig is das Luder.

Sprengel

Wat huckste da uf de Banke? Warum jehste nich ze Mittag?

Biegler

Jetzt essen doch die -- Steinmetzen. Da kann ich doch nich auch essen.

Lohmann

Nu dann komm doch mal her so lang ... Na -- los!

Biegler (erhebt sich zgernd)

Was soll ich bei euch?

Sprengel

Trink mal aus meine Buddel. Prost.

Biegler

Danke. Ich trinke keinen Schnaps.

Lohmann

Ach, du bist wohl auch so 'n Pinkelinker? So 'n Pumpengenie?

Biegler

Sonst habt ihr nichts zu wollen von mir?

Sprengel

Nu huck dir doch mal erst dal. (Zieht ihn auf den Block nieder)

Lohmann (weiterrckend)

Setzen Sie sich ruhig in die Sonne, verehrte Schattenpflanze.

    (Lachen)

Biegler

Ich tu' dir doch nichts, warum uzt du mir?

Lohmann

Ich uz' dir doch gar nich. Ich schmeichel' mir blo so an dir ran.

Struve

Sag mal, Mensch, was biste vorher gewesen? Eh' du hier Nachtwchter
wurdst?

Biegler (erschreckend)

Ich? -- Ich bin Arbeiter.

Lohmann

Kirschenpflcker vor de Wintermonate -- h?

Struve

Du kommst mir nmlich so bekannt vor, weite.

Biegler (angstvoll)

Ich -- dir? Nee -- da ich nich --

Struve

Nich, als ob ich dir kennen tu'. Aber du hast so 'ne Art ... Bei uns in
Waldheim da hatten wir so 'n paar. Wir nennten se immer de blamierten
Frschten. -- Du, wo liegt denn dein Frschtentum?

Lohmann

Markgraf von Brandenburg, Frstbischof von Moabit, Edler Herr von und
zu Sonnenburg.

Biegler (zuckt zusammen)

Lohmann

Du plinkst ja immer so mit 'n rechten Vorderarm.

Sprengel

La ihm man in Ruh. Das is 'n guter Kerl ... der is blo verschchtert.

Lohmann (gutmtig)

Ich mach' ja auch blo 'n Witz.

Struve

Da -- willste 'ne Zijarre?

Biegler (verblfft)

Wieso -- gibst -- du mir --?

Struve

Kannst nehmen ... die is jut ... die hat mir der Alte vorher geschonken.

Biegler

    (noch immer verwundert, sein Gesicht erhellt sich)

Na, denn dank' schn ... Ich werd' mir denn auch spter --
revanschieren.

Lohmann

    (ihn auf die Schulter klopfend)

Na, meinen wir's denn nu so beese?

Biegler (mit glcklichem Gesicht)

Nee! Wahrhaftigen Gott nich!

Lohmann

Na siehste! (Nach links weisend, wo Eichholz sichtbar wird) Aber vor
dem Alten nimm dir in acht. Der is dir nich jrien.


Achte Szene

    _Die Vorigen._ _Eichholz_

Eichholz (vollends angetrunken)

Ich bin ein Mann -- hochgeehrt, -- ich brauch' nich -- Kartoffelsuppe
aus'n Steinguttopp -- fressen! Morjen, die Gesellschaft! Morjen, die
hochgeehrte Gesellschaft! (Biegler bemerkend) Was? -- Was will der
Hund? Der schmalbauchige Hund? M -- M -- Mantel hat er ihm geschenkt
-- mit blanke Knppe -- wie 'n Offezier! Was is der Kerl berhaupt? Wo
kommt der verhungerte Kerl her?

Lohmann

Das geht dir jar nischt an. Wenn er man seine Pflicht tut.

Eichholz

Pflicht tut? Hhh! Der is blo zum Rausfuttern hier. Der is hier
auf Eichelmast wie de Nuck-Nuck-Schweinchen. Wann hab' ich mal blanke
Knppe gekriegt? Kerl, durch was fr Pfiffe und Kniffe bist du auf den
Posten gekommen? Zieh mal vom Leder, du Hund!

Biegler

Lassen Sie mich in Ruh. Ich habe mit Ihnen nichts zu tun.

Eichholz

Was krauchste immer bei meine Tochter 'rum? Dir jibt se 'n
Porzellanteller. Du wirst noch mal -- platzen -- wie 'n Bovist. Und
dann wird man an dem Gestanke erkennen, wer du bist. Mensch, ich hab'
'ne Faust wie 'ne Ramme! (Dringt auf ihn ein)

Biegler (stt ihn fort)

Eichholz (zurcktaumelnd)

Was -- hauen -- tust du mir alten Mann?


Neunte Szene

    _Die Vorigen._ _Gttlingk_ und _andere Bildhauer_ und
    _Steinmetzen_

Gttlingk

Was is hier los?

Eichholz (keuchend)

H--h--hauen -- m--m--ir--!

Gttlingk

Wer hat den alten Mann gehauen?

Struve

Is ja alles Blech!

Gttlingk

Werd' ich nu bald Antwort kriegen?

Lohmann (kleinlaut)

Hier hat berhaupt keiner gehauen.

Eichholz (mit erhobener Faust)

Der Hund! -- der verhungerte -- (Einige der Umstehenden fhren ihn nach
hinten)

Gttlingk

Sieh mal an! ... Kommen Sie mal ran, Sie! ... Na?

Biegler

Ich tu' hier, was ich zu tun habe. Sie gehn mich nischt an.

Gttlingk

Das werd' ich Ihnen mal gleich beweisen. Eins -- zwei -- (pfeift)

Struve (leise)

Da geh man schon. -- Jegen den Groschnauz kommste nich auf.

Lohmann (leise)

Der sticht mit's dreikant'ge Messer.

Gttlingk

Wenn ich drei sag' --

Biegler (bla, schwer atmend)

Sie knnen -- ja auch zu mir kommen.

Gttlingk (pfeifend)

Ich warte.

Biegler (in Erregung, zitternd)

Da lassen -- sich man -- die Zeit -- nich lang werden.

Die Anderen (lachen)

Gttlingk (in Wut)

Wer riskiert hier zu lachen? ... Soll ich meine Pfeife mit euch
stoppen, Kerls? (Das Lederfutteral nach vorne ziehend) Soll ich euch
mal die Hhneraugen barbieren? (Da Lohmann, Sprengel, Struve sich vor
Biegler gestellt haben) Aus dem Weg hier!

Lohmann (sich umschauend)

Wo is denn der Polier?

Gttlingk

Jetzt bin ich hier der Polier. (Wild) Aus dem Weg hier -- oder --

Biegler (vortretend)

Lat man. Wegen mir soll hier keiner Ungelegenheiten haben. --

Gttlingk (befriedigt)

Na, da htten wir ja das Gewchse. (Setzt sich, raucht) Immer parieren,
Kinderchen.

Biegler

Also ich wr' ja nu da.

Gttlingk

Das seh' ich. Was den alten Knackstiebel betrifft, den wollen wir mal
auf sich beruhen lassen. Aber wir haben noch 'n Hhnchen zu pflcken,
wir beide. Sie sind doch der neue, krumme Kerl von Nachtwchter?

Biegler

Neu bin ich hier ... Krumm bin ich wohl auch.

Gttlingk (auflachend)

Und Nachtwchter auch?

Biegler

Ja.

Gttlingk

Dann kieken sich mal hier diesen Block an. Na -- soll ich Sie bei den
Ohren nehmen?

Biegler (stammelnd)

Was -- is -- denn -- mit dem Block?

Gttlingk

Sie sind verantwortlich fr das, was hier ber Nacht geschieht. Ich
frag' Sie: Wer hat da an meinem Block rumgemurkst?

Biegler (sehr bestrzt)

Das --

Gttlingk

Na?

Biegler

Das -- wei ich -- doch -- nich.

Gttlingk

Seht euch mal das bse Gewissen an.

Struve (leise)

Nu sei doch frech! Schmei ihm doch Staub ins Gesichte.


Zehnte Szene

    _Die Vorigen. Frau Homeyer. Marie_

Frau Homeyer

    (geht quer ber den Platz zu der Gruppe hin)

Gttlingk

    (sich rasch vom Wterich in den Schwerenter verwandelnd)

Oi, da kommt ja hoher Besuch, feiner Besuch, pikefeiner Besuch. Nu,
mein ses, strammes Frau Homeyerchen, mein --

Frau Homeyer (ihn abwehrend)

Man wird schlielich nich mal mehr unbelstigt auf den Platz kommen
knnen.

Gttlingk

Aber Kindchen, Puppechen! Sie waren doch sonst nich so. Ich hab' Ihnen
doch manches liebe Mal in Ihren warmen, sanften Oberarm gekniffen.

Frau Homeyer

Und haben immer noch von mir auf die Finger gekriegt.

Gttlingk

Aber gelchelt haben Sie dazu -- so sie! (Schmachtend) Ach, wie so
sie!

Frau Homeyer

Ach, Sie sollten sich was schmen. Dort vor der Tr steht das Frulein.
Das will Sie sprechen.

Gttlingk

Das Frulein -- mich? -- Mich -- das --? So! Na! Sie, Nachtwchter, Sie
knnen abrutschen. Aber Sie werden mir noch Rede stehn. Verstanden? --

Lohmann (leise)

Hab man keine Bange vor dem!

Struve (leise)

Und wenn du fr irgend was 'n Zeugen brauchst, ick beschwr' alles ...
Unbesehn.

Biegler

Ich dank' euch schn.

Gttlingk

    (dreht eitel seinen Schnurrbart)

Na, bin ich nu nobel genug frs Frulein? (Geht nach vorne links)

Frau Homeyer

    (schaut verliebt hinter ihm her, einer der Steinmetzen umfat
    sie von hinten, sie schlgt nach ihm, die andern lachen, sie
    geht nach links)

Biegler (nach der Kantine ab)


Elfte Szene

    _Marie. Gttlingk._ Die anderen im Hintergrund

Marie

    (ist bebend die Stufen heruntergestiegen und streicht sich, wie
    um sich Mut zu machen, mit der Hand bers Gesicht)

Gttlingk

    (linkisch, mit durchbrechender Frechheit)

Mahlzeit, Frulein.

Marie (tonlos)

Gesegnete Mahlzeit!

Gttlingk

Mchte mir die ergebenste Frage erlauben, womit ich dem Frulein dienen
kann?

Marie

Herr Gttlingk, Sie sind lange weg gewesen.

Gttlingk

Jawohl, bichen de Welt besehen. Aber nu bin ich schon lange wieder da.

Marie

Das freut mich, da Sie wieder da sind, Herr Gttlingk.

Gttlingk

Nu, das is ja hchst schmeichelhaft fr mich. Danke schn.

Marie (rasch, ngstlich)

Nein, nein, der Lore wegen.

Gttlingk

Der Lore wegen. Ach so ... Na, das geht so seinen Weg.

Marie

Was fr 'n Weg, Herr Gttlingk?

Gttlingk

Wissen Sie was, Frulein Mariechen? Beunruhigen Sie sich darber nicht.
Da sind Sie viel zu fein zu. -- Das sind solche Geschichten.

Marie

Sie wissen wohl gar nicht, Herr Gttlingk, wie lieb Sie die Lore hat?

Gttlingk

Mdchen mit 'n Kind hat einen immer lieb. Dafr sorgt schon der liebe
Gott.

Marie (ihn bestrzt anstarrend)

Herr Gttlingk, so schlecht knnen Sie doch gar nicht sein. Wenn die
andern auch sagen, Sie seien gewaltttig und -- Ich habe Sie immer fr
einen guten und edeln Menschen gehalten.

Gttlingk

Na, macht sich!

Marie

Und ich wei, aus Ihrem Singen spricht ein weiches Herz. Ich habe Ihnen
immer mit Freuden zugehrt.

Gttlingk

So? Na, ich hab' auch sozusagen immer extra fr Sie gesungen, Frulein
Mariechen.

Marie (tdlich erschrocken)

Wieso -- fr -- mich?

Gttlingk

Nu, weil ich schon wei, da Sie dann immer 's Fenster aufmachen. Also
mssen Sie's doch gerne haben. Ich tu' immer, was Sie gerne haben.
Jawohl. Mach' ich.

Marie (auer Fassung)

Es handelt -- sich hier -- aber gar nicht -- um mich.

Gttlingk

    (in trumpfender Mnnlichkeit)

Warum eigentlich nich, Frulein Mariechen? Warum soll es sich nich auch
'n mal um Sie handeln?

Marie

    (sprachlos, ratlos, schliet fr einen Augenblick die Augen,
    dann -- da sie Zarnckes Stimme in der Veranda hrt, eilt sie
    hilfesuchend auf ihn zu)

Vaterchen! Vaterchen!

Gttlingk (seinen Schnurrbart drehend)

Sieh mal an! Sieh mal an! (Geht nach hinten)


Zwlfte Szene

    _Die Vorigen. Zarncke. Kriminalkommissar
    Reitmaier_

Zarncke

Na, was denn, Miezelchen? (Ruft) Frau Homeyer! (Sie hngt in seinem
Arm, er streichelt ihre Wange und bergibt sie dann Frau Homeyer, die
fr einen Augenblick in der Tr erscheint) Sie werden entschuldigen,
Herr Kommissar! Sie is 'n bichen krnklich ...

Reitmaier

    (Mann Mitte der Vierzig, rund, breitschultrig, strohblonder
    Schnauzbart, Pincenez. Gemachte Jovialitt, die gelegentlich in
    brutale Schrfe umschlgt. Ein wenig Bierbruder mit Ausblick
    zum Offiziertypus)

Ach, es ist mir ja immer hchst fatal, wenn ich so das Privatleben der
Herrschaften stren mu. Ich werd' Sie auch nicht lange aufhalten.
Ich bin nur beauftragt worden, mal 'n bichen nachzuhren, was mein
Kollege vom Revier da -- -- Haben Sie man keine Bange. Ich bin 'ne
menschenfreundliche Natur. Ich mach' das alles gemtlich. Die Herren
Spitzbuben -- die sind mir so wie 'ne groe Familie.

Zarncke (erfreut, bewundernd)

Ach -- ne -- wirklich?

Reitmaier (bieder)

Ja, darf ich wohl sagen: Wie meine Familie! Na, kann man den Onkel mal
'n bichen sehn?

Zarncke (rufend)

Struve!

Struve

    (sich von einer Gruppe im Hintergrunde lsend)

Jawohl, Herr Zarncke. (Leise) Ei weh, Kindersch. Da is der Reitmaier
vom Prsidium. Das is 'n fauler Junge. (Kommt nach vorn)

Reitmaier (die Arme ausbreitend)

Herr Gott, das is ja mein guter, alter Struve.... Na, lieber Freund!

Struve (gerhrt)

Ach, der Herr Kommissar! Ne, is das 'ne Freude!

Reitmaier

Na, Menschenskind, wir haben uns ja so lange nich gesehn.

Struve

Ja, Herr Kommissar. Es hat mir auch immer was gefehlt.

Reitmaier

Nu sagen Sie mal, alter Sohn, was _haben_ Se denn nu wieder
ausgefressen?

Struve

Herr Kommissar, es tut mir ja leid. Aber ich bin eben scharf in de
Besserung. Diesmal kann ich wirklich nich -- nich -- dienen.

Reitmaier (berzeugt)

Ja, ja, ja. Also, Sie sind's nich gewesen?

Struve

Herr Kommissar, und wenn ich hier gleich meinen Totenschein in die Hand
nehm' --

Reitmaier

Nich schon Totenschein! Pfui! -- Mann wie Sie mu leben!

Struve

Aber wenn sich's machen lt, Herr Kommissar, im Zuchthaus. Ja.

Reitmaier (zu Zarncke)

Er is bitter gestimmt. (Beruhigend) Na, na, na, es is da blo noch 'ne
kleine Formensache. Nichts von Bedeutung! Ne! (Zieht sein Notizbuch)
Sagen Sie mal, wo waren Sie denn nu in der Nacht?

Struve

Ja, Gott, Herr Kommissar. Wo man so is. Uf 'ne Banke. Oder so.

Reitmaier (bedauernd)

Warum _waren_ Se nu nich in Ihre Schlafstelle?

Struve

Ja, warum _war_ ich nich in meine Schlafstelle? Htt' ich gewut, da
schlechte Menschen hier bei Herrn Zarncke einbrechen wrden, htt' ich
mir gleich um halb zehne in de Klappe gelegt. Wegen den Aal--ibi.

Reitmaier

Natrlich! (Leise) Das is 'n abgefeimtes Luder! -- Da Sie das aber
selbstredend nicht wissen konnten, so gingen Sie zu -- in den bekannten
Lehmannschen Keller, wo wir ja auch schon zusammen gesessen haben. Is
da 's Bier immer noch so gut?

Struve

Danke. Ja. Es jeht.

Reitmaier

Da waren Sie bis -- zehn Minuten nach zwlfe. Und dann waren Sie mit
Ihrem Freund Kuntze -- ja, wo waren Sie da?

Struve

Ja, wo war ich da? Ich bin -- spazieren jewesen.

Reitmaier (klagend)

Nmlich, denken sich mal, Ihr armer Freund Kuntze sitzt schon wieder
feste!

Struve

Das is dem Kerl recht. Der is zu dumm.

Reitmaier

Aber es is doch schade. Na -- und als Sie sich dann getrennt hatten,
was taten Sie dann?

Struve

Ach, Herr Kommissar, ich bin so 'n weiches Jemiete. Ick hab' mir so,
wie ick schon sagte, in'n Humboldthain bisken uf die Banke jesetzt.

Reitmaier

Und gesprochen haben Sie mit niemandem?

Struve

I wo wer' ick doch. Dabei kann man so leicht in schlechte Jesellschaft
kommen. Ne.

Zarncke (triumphierend, leise)

Den kriegen Sie nich!

Reitmaier

Und dann sind Sie nach Hause gegangen.

Struve

Ja, ick wollte eijentlich noch 'n bisken die Vgelchens singen hren.
Aber ~pee  pee~ bin ick denn zu Hause jejangen.

Reitmaier (leise)

Der Kerl hat ein Schwein. Weder die Stunde des Einbruchs noch die Zeit
seines Heimkommens sind festzustellen. Aber -- -- (laut) Struve!

Struve

Herr Kommissar!

Reitmaier

Ja, noch eins. (Wieder leise) In dem Magazin -- haben Sie da Sachen von
Wert?

Zarncke

O ja. Da bewahr' ich unter anderm die Zahnsgen auf.

Reitmaier

Und die sind wertvoll?

Zarncke

Einige davon sind mit Diamantsplittern besetzt.

Reitmaier

Ah! Wute der Struve davon?

Zarncke (mit reserviertem Lcheln)

Ja, das wei ich nicht, Herr Kommissar.

Reitmaier

Struve, wo ist hier das Magazin?

Struve

Das Magazin? (Nach rechts weisend) Na da is es ja.

Reitmaier

Was is denn da so drin?

Struve

Was wird denn da so drin sein? Vielleicht berfhren Sie sich mal, Herr
Kommissar.

Reitmaier (schrfer)

Wissen Sie, was Zahnsgen sind?

Struve

Zahnsgen? Ja. Das sind Zahnsgen.

Reitmaier

Wo werden die ber Nacht aufbewahrt?

Struve (rufend)

Du, Lohmann, wo werden doch die Zahnsgen aufbewahrt?

Reitmaier (rgerlich)

Sie haben hier zu antworten und keine Fragen zu stellen.

Zarncke

    (auf die Umstehenden weisend, von denen sich einige allgemach
    nher herangedrngt haben)

Stren Sie die Leute, Herr Kommissar?

Reitmaier

Durchaus nicht. Durchaus nicht. (Leiser) Sie sehn brigens -- (zu
Struve streng) treten Sie mal zurck! -- (leiser) da an das Subjekt
nicht 'ranzukommen ist.

Zarncke (zaghaft, bittend)

Ach, dann lassen Sie ihn doch laufen.

Reitmaier

Nu ja, _Sie_ sind ja bekannt dafr, da es Ihnen Vergngen macht,
dergleichen Volk bei sich unterkriechen zu lassen.

Zarncke

Vergngen? Es is wohl mehr eine Abbitte an den lieben Gott.

Reitmaier (immer noch leise)

Weitere Verdachtsmomente als seine Bescholtenheit liegen nicht vor. Ich
knnte jetzt noch die Leute hier vernehmen. Vorher aber mcht' ich mal
an _Sie_ die Frage richten, ob Sie nach Ihren Beobachtungen den Kerl
fr verdchtig halten oder nicht?

Zarncke (verlegen)

Ja, da is schwer --

Reitmaier

Trotzdem mcht' ich sehr bitten, der Wahrheit gem --

Zarncke (in die Enge getrieben)

Ja, ja, ja. Einen Augenblick. Polier! Geben Sie doch mal -- (spricht
leise weiter)

Willig

    (der sich inzwischen unter den Umstehenden eingefunden hat,
    holt eine Anzahl Schlssel aus der Hosentasche und reicht ihm
    einen davon)

Zarncke

Struve! ... Sehen Sie mal hier diesen Schlssel. Kennen Sie den?

Struve

Ne.

Zarncke

Das ist der Magazinschlssel. Den bergeb' ich Ihnen hiermit. Verstehn
Sie?

Struve

Ne.

Zarncke

Falls der Herr Kommissar Sie hier lt, werden _Sie_ mir von jetzt ab
fr die Sicherheit der Sachen -- einstehn. Verstanden?

Struve

Ne.

Reitmaier

Erlauben Sie mal, Herr Zarncke! Was bedeutet denn das?

Zarncke

Das ist meine Antwort, Herr Kommissar. Entnehmen Sie daraus, was Sie
wollen.

Reitmaier

Sie -- vertrauen -- _dem_ den --? Hhh! Erlauben Sie mal. -- Hhh.
Pardon, das ist zu spahaft. (Immer lachend) Na dann will ich auch
nicht weiter stren. Das kann dann mein Kollege vom Revier zu Ende
fhren! ... Aber wenn Ihnen man die Passion fr solche schweren Jungens
nich noch mal sauer aufstoen wird ... denn auerdem haben Sie ja auch
noch 'n Mrder bei sich. Und wei Gott, was --

Zarncke (sehr erschrocken)

_Mrder?_ (Groe Bewegung unter den Zuhrern, die sich whrend der
Folgezeit ber den ganzen Platz fortpflanzt)

Reitmaier

Nu ja -- den --

Zarncke (rasch, mit Nachdruck)

Das ist ein Irrtum, Herr Kommissar.

Reitmaier

Erlauben Sie mal --

Zarncke

    (ihn bei Seite nehmend, erregt)

Erstens ist der Mann nicht wegen Mordes, sondern wegen Totschlags
verurteilt worden --

Reitmaier

Menschenblut is Menschenblut.

Zarncke

Menschenblut hat auch so einer in den Adern. Und das braucht ihm nicht
unntz vergiftet zu werden. Wissen Sie, da Sie dem Manne, der sich zu
mir gerettet hat, wie 'n Stck Vieh von der Schlachtbank, da Sie _dem_
das Weiterexistieren auf dem Platze wahrscheinlich unmglich gemacht
haben?

Reitmaier

Ich? Wieso? Bitte!

Zarncke

    (auf die erregten Gruppen weisend)

Da sehn Sie! Die werden's bald 'raushaben, wer der Mrder ist.
Anstatt hier rcksichtsvoll --

Reitmaier (brutal)

Ach was! Da mt' ich viel Zeit haben, auf solchen -- Auswurf --
Rcksicht zu nehmen.

Zarncke

Na, sehr verwandtschaftlich reden Sie nu gerade _nicht_ von Ihrer
werten Familie.

Reitmaier

Was fr Familie? ... Ach so! (Scharf) Ich empfehle mich Ihnen, Herr
Zarncke. (Ab nach links)


Dreizehnte Szene

    _Die Vorigen_ ohne _Reitmaier_

Zarncke

    (der einen Augenblick kopfschttelnd dagestanden hat, laut)

Hrt mal, Kinder! Das -- mit dem -- Mrder -- das mu 'ne Verwechslung
sein. Das -- ja --!

Willig (vor sich hin)

Na na!

Andere

    (geben ebenfalls durch Mienen und Gebrden ihrem Zweifel
    Ausdruck)

Zarncke

Struve!

Struve

    (der seinen Schlssel kopfschttelnd besehen hat)

Herr Zarncke.

Zarncke

Diesmal hab' ich Sie noch 'rausgehauen. Nu benehmen Sie sich auch
darnach.

Struve

Ja w-- w-- w--

Zarncke

Na was denn?

Struve

Wenn nu gesetzten Falls -- und es is _doch_ nu ein anderer gewesen --

Zarncke

Sie, bilden Sie sich keine Schwachheiten ein .... Und?

Struve

Und -- nu ja -- und der andere der kommt nu mal wieder -- --

Zarncke

Dann werden _Sie_ eingesteckt. Verlassen sich drauf. (Ab)

Lohmann (nach der Kantine weisend)

Nu selbstverstndlich is er's. Wer denn sonst?

Sprengel (nach Struve hin)

An _den_ hat man sich schlielich gewhnt, -- aber _Mrder_! Ne.

Lohmann

Du, Struve, komm mal her. (Struve geht zu ihnen)

Sprengel

Scht. Da is er.


Vierzehnte Szene

    _Die Vorigen._ _Biegler._ Gleich darauf _Lore_

Biegler

    (hat drei Zigarren in der Hand, die er besieht)

Lore

    (mit einem kleinen Teller, worauf noch eine Zigarre)

Herr Biegler.

Biegler (sich umwendend)

Ja?

Lore

Sie haben doch _vier_ Zigarren bezahlt und blo dreie genommen.

Biegler

Ach so. Ja. Danke. (Nimmt die Zigarre) Es war ja auch noch 'n vierter
dabei. (Mit glcklichem Lcheln) Ich hab' nmlich -- jetzt -- auch --
_Freunde_ hier.

Lore (erfreut)

Ach, sehn Sie!

Biegler

Ja. Freunde -- hab' ich. Drei Stck. Ja ... Und da will ich mich doch
mit Zigarren revanschieren. Ja.

Lore

Na sehn Sie. Hab' ich Ihnen nich immer gesagt: Es is nich so schlimm,
-- sie tun Ihnen nichts?

Biegler

Ja, ja, Frulein! Wenn Sie mir nicht htten immer Mut gemacht.

Gttlingk (herberrufend)

Sie, Lore, was machen Sie sich da mit dem Kerl zu schaffen? Das ist
kein Umgang fr Sie. -- Lassen Sie den mal hbsch laufen.

Lore (zusammenschreckend)

Ja ... ja, ja. (Steht unschlssig)

Biegler (die Zhne zusammenbeiend)

Der kann mich nich leiden. Gehn Sie man schon ... Ich hab' ja auch noch
-- _Freunde_. (Lore ab) (Er breitet seine Zigarren fcherfrmig in
der Linken aus und tritt zu Lohmann, der zuerst mit Struve gesprochen
und dessen Gruppe sich dann aufgelst hat) Du -- willste nich -- eine
Zigarre von mir -- rauchen?

Lohmann (verchtlich)

Nee. (Tritt von ihm fort)

Biegler

    (steht einen Augenblick wie erstarrt, dann geht er zu Sprengel,
    sehr zaghaft)

Ach -- bitte -- ich htt' -- ne Zigarre -- fr --

Sprengel

Du kannst deine Zigarren fr dich behalten. (Tritt gleichfalls von ihm
fort)

Biegler

    (reibt sich fassungslos die Stirn; eine verzweifelte Wildheit
    kommt ber ihn; er geht zu Struve -- voll Angst und Ingrimm)

Du hast mir vorhin ne Zigarre gegeben --

Struve (gutherzig abwehrend)

La man! La man! ... Es is nich, weil ich stolz bin, weil ich nu
den -- Magazinschlssel hab' ... aber -- ich kann mir nich --
ausschlieen, -- ich mu machen wie die andern.

Biegler

Wa -- was hab' ich -- euch denn -- ...?

Struve

Sag mal, wie alt bist du?

Biegler

Vierunddreiig.

Struve

Und da haben sie dich schon 'rausgelassen? So frh lassen sie einen wie
du -- sonst doch nich los ...

Biegler

    (sieht ihn entsetzt an, wirft einen wilden, verngstigten Blick
    auf die ihn rings Beobachtenden und versteht)

Ach so ... Ach so.

Struve (ist zu Lohmann zurckgetreten)

Ich sag' euch blo: det stimmt _nich_.

Lohmann

Wer soll's denn sonsten sein?

Biegler

    (auf die Bank der Kantine sinkend)

Ach so!

    (_Der Vorhang fllt_)




Dritter Akt

    Die Kantine. Deren Wnde sind aus Fachwerk gebildet. Die Decke
    ist niedrig und verruchert. Auf der rechten Seite die Tr zum
    Werkplatz. Im Hintergrunde rechts das Fenster, im Hintergrunde
    links das Bfett mit einem Schanktisch davor. -- Auf der
    linken Seite eine Tr zu Schlafrumen. -- In der Mitte unter
    der Hngelampe ein Tisch mit Sthlen, links vorne ein Sofa mit
    Tisch und Sthlen, rechts vorne Tisch mit Sthlen. Vor dem
    Fenster Schustergert. In der Ecke rechts hinten ein eiserner
    Ofen.

    Das Ganze trotz des rmlichen oder vielmehr provisorischen
    Charakters sauber und beinahe freundlich. Blumentpfe auf
    den Tischen und vor dem Fenster. Blitzblankes Gert auf dem
    Schanktisch, darunter ein verzinkter Wasserwrmer. Plakate und
    Bilder ohne Rahmen sind als zuflliger Schmuck an die Wnde
    geheftet. Die Platzordnung unter Glas und Rahmen hngt neben
    der Eingangstr. ber dem Bfett eine Uhr; neben ihm eine
    Mandoline


Erste Szene

    _Lore_ hinter dem Schanktisch mit einer Handarbeit beschftigt.
    Der alte _Eichholz_ auf dem Sofa schlafend. _Lenchen_ an dem
    Schusterschemel

Eichholz (schnarcht)

Lore

Was machst du da, Lenchen?

Lenchen

Ich spiel' mit Grovatern seine Schuhmacherspielsachen.

Lore

Zerbrich ihm man nich seine Glasglocke.

Lenchen

Nein, nein.

Lore

    (sieht nach der Uhr und geht dann zum Sofa)

Vater -- Vater!

Eichholz

    (brummt aus dem Schlafe, ohne sich zu rhren)

Lore

Vater, du mut aufstehn.

Eichholz (im Halbschlaf)

Wieso denn?

Lore

Es is Sonnabend heute. Nach der Lohnzahlung -- du weit ja -- dann
wird's noch einmal voll hier.

Eichholz

Ja, ja ... Na ja ... (Richtet sich auf und reckt die Glieder) Ich mu
ja auch noch gehn, mir neues Verschmierpech besorgen.

Lore

La doch, Vater, das eilt ja nicht.

Eichholz

Nu ja. Ich arbeit' ja _doch_ nich. Ich bin 'n altes Faultier, sagt
meine Tochter. (Rlpst) Dein Kmmel is das reine Rattengift. -- Meine
Leber kriegt schon harte Stellen von. Ich mu mal baldigst gehn, mich
an einen Migkeitsvereine zu beteiligen.

Lore

Ach ja, das wr' ganz gut, Vater.

Eichholz

Wr' ganz gut. Wr' ganz gut. Was weit du, was mir gut is? Ich fre
nich mehr aus'n Steinguttopp. Das la dir gesagt sein.

Lore

Ach, das is ja alles Einbildung, Vater.

Eichholz

Denn was bin ich? ... Stck Vieh auf'm Schindanger bin ich ... Wenn sie
mich schon wegjagen tun um -- um -- um 'n Mrder.

Lore (abwehrend)

Ach!

Eichholz

Auf meinem Platz sitzt 'n Mrder. Das halt' ich nich aus. Da jeh' ich
ins Wasser. Da nehm' ich eine Jiftpille zu mir. Und dann verkauf' ich
mir an die Annetomie ... Damit du nichts zu erben kriegst, du Biest.
Nich mal meinen Leichnam.

Lore (lchelnd)

Ich will ja auch nichts, Vaterchen.

Eichholz

Wenn du httest Ehre in deinem Herzen, dann schmit du den Kerl 'raus
und scheuerst mit Karbol die Stelle, wo er gestanden hat. Statt dessen
frit er sich hier rund an deine Karbonade.

Lore

Gnn ihm doch sein bichen Essen, Vater. Und ob er wirklich _der_ is,
von dem der Kommissr gestern gesprochen hat, das wei ja keiner.

Eichholz

Ich hab's immer gesagt: der Kerl hat Mrderaugen im Kopp. Heute is nu
jeder so klug.

Lore

Was sind denn Mrderaugen, Vater?

Eichholz

Die sind wie beim Fisch. Da sitzt ein Stein drin. Und das is der Tod.
Und wegen so einen -- haben sie -- mir -- (Weint)

Lore (mitleidig)

Vaterchen!

Eichholz (weinend)

Das halt' ich nich aus. Da werde ich verrckt von. Einer mu hin. Er
oder ich. Tot oder lebendig. Der mu verrecken, der Hund, der Bluthund,
der -- der -- (Klglich) Ich hab' so 'n Leberstechen.

Lore

Geh, leg dich aufs Bett, Vater.

Eichholz

Das hat er mir schon mit seinen bsen Blick anjetan, da ich nicht
werde jenesen meines Leidens ... Ich hab' so 'n Leberstechen. (Ab)

Lore (sieht ihm seufzend nach)

Lenchen, du bist ein kluges Kind. Geh mit Grovater. Und wenn er weint,
dann ruf.

Lenchen

Ja, Mamachen. (Von Lore zur Tr geleitet, ab. Es klopft)

Lore

Herein!


Zweite Szene

    _Lore._ _Marie_

Marie

'n Tag, Lore. Du hast wohl schon sehr auf mich gewartet?

Lore (gedrckt)

Ach! Jetzt hatt' ich schon aufgehrt.

Marie

Wutest du's, da ich gestern mit ihm gesprochen hatte?

Lore

Die anderen erzhlten sich's.

Marie

Und du fragst gar nicht? Dachtst dir wohl schon, da ich keine guten
Nachrichten bringe?

Lore (mutlos)

Gott, als Sie gestern abend nicht kamen. Und heute vormittag nicht.
Wollen sich nich setzen, Mariechen?

Marie

Danke. (Setzt sich) Hast du gehrt, wie schn die Amsel singt auf
deinem Dach? Mitten in all dem Lrm. Tusch' ich mich, oder pfeift sie
frhlicher, seit sie ihr Nest hat? Es is wirklich so, als ob das Glck
pfeift ... Auf deinem Dach, Lore.

Lore

Fr mich pfeift kein Glck.

Marie

Wer wei? ... (Zgernd) Lore, ich will dir was gestehn: Ich hab' Vater
gebeten, da er ihm am nchsten Termin kndigt.

Lore

Warum haben Sie das getan? Wenn er gehen will, dann soll er gehn. Aber
nicht fortjagen. Nicht um meinetwillen.

Marie

Lore. Ich hab' auch Vater gebeten, da er ihm dann sagt, da er dir 'ne
Aussteuer geben wird.

Lore

Ich will keine Aussteuer. Die heilt nichts und macht nichts gut. Ich
will nichts.

Marie

Denn sieh mal: Er ist ehrgeizig. Er will eine Frau, die wohlhabend ist.
Darauf geht er aus.

Lore

Woher wissen Sie das?

Marie

    (stockend, mit abgewandtem Gesicht)

Nun, das -- merkt -- man doch.

Lore

Zuzutrauen ist es ihm schon. Aber so himmlisch gut Herr Zarncke is,
wohlhabend, wie _er_ meint, kann ich ja doch nie werden.

Marie

    (mit geheimnisvollem Lcheln)

Nun -- wer wei?

Lore

Denn erspart hab' ich nichts. Ich verdien' hier gerade das tgliche
Brot.

Marie (mit unterdrckter Erregung)

Sieh mal, Lore, was ich dir schon immer mal hab' sagen wollen: Lange
leben werd' ich nicht, (langsam, mit Betonung) und -- dein Lenchen --
hab' ich _sehr lieb_.

Lore (nach langem Schweigen)

Mein Kind hast du -- so lieb?

Marie (nickt)

Lore

Mein Lenchen hast du so lieb?

Marie (tonlos)

Ja.

Lore (aufschreiend)

Dann geb' ich's dir. Dann nimm's als dein eigen. Wozu soll sie sich
durchschleppen mit mir durch all den Jammer, wenn sie _das_ haben kann?
(schluchzt)

Marie

Lore, hr mal! ... Vor zwei Tagen -- da htt' ich noch ja und Schn
dank gesagt. Aber jetzt -- seh' ich die Dinge -- anders an. Denn, sieh
mal! So ein -- Kindchen -- mu doch zuerst mal -- seinen Vater haben
... Nicht wahr?

Lore (in neuem Erstaunen)

Marie, Marie! Wenn ich das recht versteh'! ... Das glaub' ich nicht!
Das ist zu viel! Das ist zu viel! Und das kann auch nicht zum Guten
sein. Nie im Leben. Nie.

Marie

Warum nicht?

Lore

Weil -- weil ... Der -- der _will_ mich nicht mehr. Dem bin ich _doch_
blo 'ne Kette am Bein. Weiter nichts.

Marie

Auch wenn er wei, was Lenchen mal zu erwarten hat? Und wovon er doch
der Verwalter sein wird?

Lore

Mein Gott, mein Gott, mein Gott!

Marie

Nur wie das wird, wenn ich frher sterbe als Vater, das wei ich nicht.
Denn wollen _wird_ er ja nicht.

Lore

Nein, nein, nein! Es wird nichts. Es kann auch nicht. Und es schadet
auch gar nichts, wenn's -- nichts -- wird. -- Man is ja lngst schon
viel zu mrbe. Und vielleicht ist einem ganz, ganz was anders bestimmt,
wo _nicht_ so viel Trnen drauf liegen. Aber 'ne Viertelstunde lang mal
froh gewesen sein und ein Mensch, nicht blo ein Stein, den man hin
und her stt, ach, das tut so gut, so gut, so gut! (Sinkt lachend und
weinend vor ihr nieder und kt ihr die Hnde)

Marie

La doch! Steh auf! Mir scheint, es kommt wer. (Lore steht auf)


Dritte Szene

    _Die Vorigen. Biegler_

Biegler (dumpf, scheu)

Guten Tag.

Marie.

Guten Tag, Herr Biegler. Ist denn schon Feierabend?

Biegler

Ja.

Marie

Geht's Ihnen gut?

Biegler

Danke.

Marie

Adieu, Herr Biegler. Adieu, Lore! (ab)


Vierte Szene

    _Lore. Biegler_

Biegler (setzt sich an den Mitteltisch)

Lore

    (geht zum Bfett, schenkt aus dem Wrmekessel einen Topf mit
    Kaffee ein, bricht eine Fnfpfennigsemmel ab und bringt sie
    nach dem Tisch links)

Setzen sich lieber hierher, Herr Biegler. Das da is ja der
Steinmetzentisch, und die Bildhauer kommen nich nach der Auszahlung.
Die sind zu groe Herren.

Biegler

Ich geh' so wie so gleich fort. (Setzt sich links)

Lore

Warum sind Sie eigentlich nich bei der Wochenauszahlung?

Biegler

Ich -- krieg' -- monatlich. (Schweigen)

Lore

    (immer in freudiger Erregung)

Ich wei nicht; Sie kommen mir heut so anders vor, Herr Biegler. Sie
reden gar nich.

Biegler

Ich red' ja -- auch sonst nich -- viel.

Lore

Wissen Sie, mir is nmlich heute ganz was -- ganz was -- Besonderes --
passiert.

Biegler

Was Gut's?

Lore (nickt)

Biegler

Da gratulier' ich.

Lore

Ach, es is nichts zu gratulieren. Es wird sich nichts ndern. Aber es
is doch wie 'n heller Schein. -- Und da mcht' ich, da es auch andern
so geht. Ihnen auch.

Biegler (schwer atmend)

Danke!

Lore

Herr Biegler -- ach, Herr Biegler, wozu sollen wir erst viel Versteck
spielen. Ich wei ja, was Sie qult -- seit gestern.

Biegler

    (sich in Erstaunen jh umwendend)

Und da reden Sie noch mit mir?

Lore

Ja -- is es denn wahr?

Biegler (nach einer Pause, schwer)

Die Herren Geschworenen haben die Frage -- ob's Notwehr gewesen is oder
nich -- verneint ... Und nu lassen Sie mich meinen Kaffee austrinken.
(Schweigen)

Lore (nach innerem Kampfe)

Herr Biegler! ... Sndig sind wir alle ... Ich auch.

Biegler (bitter lachend)

Sie?

Lore (zaghaft)

Sie wissen doch!

Biegler

Ja, Ohren hab' ich auch ... (in Wut auffahrend) Und wenn ich erst
wieder Fleisch htt' auf den Armen, dann wrd' ich den Kerl -- --

Lore

Ruhig, Herr Biegler, ruhig, ruhig! Sie wollen doch nich, da ich Angst
hab' vor Ihnen?

Biegler (hastig seinen Kaffee trinkend)

Ich geh' schon. Ich geh' schon.

Lore

Herr Biegler, wollen Sie nich mal Ihr Herz erleichtern?

Biegler

    (unschlssig, mit dankbarem Aufblick)

Ach! ... (hart) Ne.

Lore

Gott, Herr Biegler, gut tt's Ihnen schon! Man wird ja so wie so wie'n
Stein! Die Steinmetzen erzhlen nmlich: Der Stein wird durch Druck.
Wissen Sie?

Biegler

Das sollt' ich wohl wissen.

Lore

Ja, Hunderttausende und Millionen Jahre mssen die drberliegenden
Schichten drcken, dann wird die lebendige Erde zu Stein ... Beim
Menschen dauert's nich so lang. Das hab' ich ausprobiert. 'n paar
Jhrchen Druck -- immer derselbe Druck. Das gengt.

Biegler (bitter)

Ob's gengt.

Lore

Man lacht und man weint und man schlft und man arbeitet -- ach, lustig
sein kann man sogar -- man is berhaupt ein Mensch wie andere und is
doch lang keiner mehr ... Drin im Innersten lebt man gar nich mehr ...
Man is willenlos wie 'n Stein ... Man lt sich mit dem Fu stoen wie
'n Stein. Man wird gegen alles gleichgltig wie 'n Stein.

Biegler (eifrig)

Ja, ja, ja, -- so is es, -- ja, ja.

Lore

Aber heut is wieder Leben in mich gekommen. So sehr hat mich was
gefreut ... Gestern war ich wie Sie. Aber heut kann ich Ihnen was
helfen. Blo Vertrauen mssen Sie haben, da ich's auch wirklich will.

Biegler

Das htt' ich schon -- aber -- (vor sich hinbrtend) ich mu ja wohl
wieder weg.

Lore

Ich denk', Sie waren zufrieden.

Biegler

Wenn sie mich in Ruh' gelassen htten -- _alle_ -- im Himmel wr' ich
gewesen. Morgens -- so gegen zweie -- da is mir leicht geworden ...
dann kann keiner kommen und was von mir wollen. -- _Doch!_ -- Einer
_kann_ kommen ... Die kann _immer_ kommen. Sie _is_ noch nich -- aber
sie kann.

Lore (mit beruhigendem Lcheln)

Na wer denn, wer denn?

Biegler

Ach so -- ich soll ja mein Herz erleichtern.

Lore

Nicht -- wenn Sie nich wollen.

Biegler

Wissen Sie, wie's nu werden wird? ... Vors erste schieben sie sich so
langsam von einem weg ... Man will _mit_ anfassen, und dann is man
allein. Und dann geht's Gerede los um einen rum. Da heit es: Na,
habt ihr auch schon euer Leben versichert? Und da heit es: Wenn
sich gewisse Brieder nich bald dinne machen, dann werden wir den Platz
schwarz stellen. Und dann fliegt 'n Stck Holz. Und dann fliegt 'n
Stein. Und dann kommen _Sie_ eines Tags und sagen: Es tut mir leid,
Herr Biegler, aber Sie mssen wo anders essen, es is wegen der Leute.

Lore (schttelt heftig den Kopf)

Biegler

Na warten Sie man. Und schlielich kommt der Prinzipal und sagt: Hier
is Ihr Buch. Sie knnen gehen. Und man wei, da man nu wieder ins
Hungerland zieht, wo kein warmes Mittag is und kein Bett, und man sagt
noch: Gott sei Dank.

Lore

Ach, es is schrecklich.

Biegler

Unser Pastor in der Anstalt hat immer gesagt: Seid froh, da ihr
shnen knnt ... Shnen heit das schne Wort ... Das haben die
Herren extra fr uns erfunden ... Ja, was soll ich nu alles shnen?
... Da der Weg mich in _die_ Schlafstelle gefhrt hat -- und gerade
in _die_? ... Da die Frau jung war -- mit Flunkeraugen -- und da sie
immer _so_ machte (haucht mit spitzem Munde), wenn sie hinten an mir
vorbeiging. Und wenn ich gesagt hab': Was machen Sie da? dann hat sie
mich mit den blanken Zhnen angelacht und gesagt: Ich kann's in den
Tod nich leiden, wenn auf dem Rockkragen 'ne Feder sitzt ... Und der
Mann hat noch mitgelacht, wenn's mir schon hei und kalt das Genick
'runterlief ... Ja, so kommt so was ... Er war Schuster. Wie Ihr Vater
... Mit den Schustern hab' ich kein Glck ... Nu, da wissen Sie ja
auch, was 'n Klopfstein is ... (Zum Gertschemel gehend) Da liegt er
ja! (Bringt den Stein.) Sehn Sie sich den an! Bichen kleiner war er
-- aber gro genug. Dann wie der Mann mich eines Tages abgefat hat --
mit ihr -- -- und auf mich zugekommen is, Messer in der Hand, da hab'
ich gedacht: was machen? Was hab' ich gemacht? _So!_ (Hebt den Stein
hoch) ... Und mit eins hat er langgelegen. Das Ganze hat gedauert,
wie wenn einer bis drei zhlt ... Weil der nu da lang lag, darum war
mein Leben verdorben. Nu sagt der Pastor: shnen! Ja, nun shne mal,
wenn der Wahnsinn schon hinter dir sitzt ... Was kann ein zu Schanden
geprgelter Hund viel shnen? Seine Wunden kann er sich lecken ... Mehr
kann er nich.

Lore (mitleidig)

Mein lieber Gott.

Biegler

_Ihr_ lieber Gott is nich _mein_ lieber Gott. Sonst lie' er _das_ nich
zu ... Ja, nu werd' ich gehn ... die ersten mssen gleich kommen.

Lore (fest)

Sie sollen _nicht_ gehn, Herr Biegler.

Biegler (in flackernder Angst)

Ich hab' mein Vesper getrunken. Ich hab' hier nichts mehr zu tun.

Lore

Sie sollen dableiben. Was auch geschehen mag, Sie sollen dableiben. Ich
setz' Ihnen ein Glas Bier hin wie den andern. Das trinken Sie aus und
kmmern sich um nichts.

Biegler

Um Gottes willen. Hier? Hier? Wieso denn?

Lore

Sehn Sie denn das nicht? Je mehr Sie sich verkriechen, desto mehr sind
_die_ von Ihrer Schuld berzeugt. Und das darf nicht sein.

Biegler

Wenn's nu aber doch wahr is?

Lore

Das geht keinen was an. Auer Herrn Zarncke und mir wei keiner was.
Und wir halten reinen Mund. Wenn _die_ sehn, da Sie keinem aus dem
Wege gehn, dann wird das Getratsche langsam wieder einschlafen ... Aber
nichts gestehn! Sich nich verschnappen! Sonst ist alles aus ... Wissen
Sie noch, wie Sie waren, als ich Ihnen das erste Butterbrot brachte?

Biegler (nickt voll Grauen)

Lore

So sehn Sie in vier Wochen wieder aus, wenn Sie sich jetzt wegjagen
lassen. Es geht um Ihr Leben, Herr Biegler. (Hinaushorchend) Ich
glaube, Sie kommen schon. Da setzen Sie sich hin. Und wer Sie anlappt,
dem zeigen Sie die Zhne.

Biegler (stammelnd)

Ach ich -- m -- mir bl -- eibt ja jedes Wort in der Kehle.

Lore

Soll nicht. Darf nicht. Sie mssen. Mssen, Herr Biegler, mssen!

Biegler

Und 's kann sein, wer's will? Ja?

Lore (stutzend, dann stark)

Ja.

Biegler (dumpf, zagend)

Na, is gut. (Setzt sich auf seinen Platz zurck)


Fnfte Szene

    _Die Vorigen._ _Lohmann._ _Sprengel._ _Struve._
    _Drei andere Arbeiter_

    (Die Eintretenden begren Lore, die rasch hinter den
    Schanktisch getreten ist, mit einem brummigen Guten Tag und
    setzen sich an den Tisch rechts)

Lohmann

Glas Bier!

Sprengel

Mir auch.

Struve

Jedem eins.

Sprengel

Kiekt mal, wer da huckt!

Lohmann

Mir wundert, da er sich nich aufs Ehrensofa geschmissen hat. Das ist
doch extra fr ihm hingebaut.

Struve

Der Mensch sitzt, wo er kann. -- La ihm sitzen.

Lore (Bier bringend)

Wohl bekomm's!

Lohmann

Danke. (Nach Biegler hinber) Jemtlich is anders. Prost! (Sie stoen
an)

Lore

    (bringt auch Biegler ein Glas Bier)

Sprengel

Wird der hier nu auch den Stammgast spielen?

Lohmann

Struve, du verstehst dir ja auf so 'ne Brieder. Graul ihm mal 'raus.

Struve

Kindersch, lat mir in Ruh. Ick bin jetzt so beschftigt mit meine
eigenen Sorgen.

Lohmann

Wat vor Sorgen?

Struve

Wat vor Sorgen? Des fragste noch? Glaubste, es macht Verjniegen, mit
so 'ne Verantwortung in de Welt rumzuloofen? Wenn du jehst blo Steine
schleppen, denn haste jar keene Verantwortung, dafr biste aber auch
'n Lump. Wenn du aber wirst jeehrt sein durch das Vertrauen deiner
Mitbrger, wenn du wirst 'n Magazinschlssel an dir tragen, oder so --
dann wirst mal sehen, wie so 'n Mann zu Mute ist.

Sprengel

Dir is des wohl zu Koppe gestiegen? Was?

Struve

Denn wer eine jewisse Erfahrung hat von's menschliche Leben, der mu
sich doch sagen: det is 'n janz jewehnliches Schnappschlo. -- Da
brauchste blo 'n paar gesunde Zhne zu, um 'n vierzlligen Drahtnagel
krumm zu biegen, und denn biste schon drinne. Immer so mitten mang de
Diamanten. Kindersch, um Gottes willen, regt eich das jar nich uf?

Lohmann (lachend)

Ne.

Struve

Und jesetztenfalls und du hast se nu ausgebrochen --

Lohmann

Was?

Struve

Na -- de Diamanten, denn kannste se jehn ruhig verschrfen bei jeden
freindlichen Mann, wo mit blanke Knppe handelt. Da kann dir kein
Teckel an de Beene ... Des is 'ne aufjelegte Sache. Des reinste
Beersenjeschft ... Kindersch und da soll ick die Verantwortung vor
haben? -- Ne, des halt' ich nich aus. Da zieh' ick ber Land.

Sprengel

Jlickliche Reise. Prost.

Struve

Und was der Nachtwchter da is, der schlappohrige Kerl, ick wette 'n
Hering jegen 'n Lffel Jritze, dessentwegen knnte man 'rin und 'raus
-- wie de Schwalben.

Lohmann

Der blieht da nu so 'rum. Wie so 'n Maibliemchen.

Sprengel

Abjebrieht is er wohl. Sonst s' er nich hier.

Struve

Kindersch, ick sag' eich immerzu. Wenn er und er wr's, dann wr' er
noch nich 'raus.

Lohmann

Jedenfalls wollen wir da mal ein jelinde blasenziehendes Mittel
anwenden. (Sehr laut) Frulein! Wissen Sie vielleicht die Adresse von
'ne leistungsfhige Lebensversicherungsgesellschaft?

Biegler

    (der solange scheinbar teilnahmslos, doch in gespannter
    Erwartung dagesessen hat, wendet sich jh um)

Lore (abweisend)

Was soll ich mit 'ne Lebensversicherung?

Lohmann

Nu, 's is doch jetzt nich janz jeheier auf'n Platz. Da kann mal leicht
so 'n kleiner Kuhhandel kommen, wo man pltzlich mit Tode abjeht, man
wei nich, wie?

Lore (abweisend)

Ich versteh' gar nich, was Sie meinen.

Lohmann

Diejenigen, wo's anjeht, die werden mir schon verstehn.

Biegler

    (steht auf, will reden, bringt aber nur ein unartikuliertes
    Stammeln hervor und setzt sich wieder)

Lohmann

Hat jesessen.

Sprengel

Wo bleiben brigens heite die Steinmetzen?

Struve

Nu -- die mssen sich doch erst ausputzen. Mit ihre blaue
Kalikoschirzen trauen die sich nich uf de Strae. Es knnt' se ja einer
fir Hausknechte halten. (Lachen)

Lohmann

Jedenfalls mt' man sich mit denen zusammentun und was unternehmen
beim Alten, -- damit er auf'm Platz 'n bichen ausruchern lt. Es
wird ntig.

Sprengel

Fang nich schon wieder an, Mensch ... hab doch Erbarmen mit so 'n
plundrigen Kerl.

Lohmann

Wenn ich in 'n Modder trete, dann wisch' ich mir die Stiebeln ab; -- da
hab' ich auch kein Erbarmen.

Biegler

    (zittert und atmet schwer. Er ringt mit sich, unschlssig, ob
    er sprechen solle, wagt es aber nicht mehr)

Sprengel

Kein Mensch wei, ob er's wirklich is.

Lohmann

Warum steht er denn nich auf und --


Sechste Szene

    _Die Vorigen. Willig. Gttlingk und andere
    Steinmetzen_ (in Feierabendkleidung)

Gttlingk

    (auf den Tisch der Arbeiter weisend)

Da _sitzt_ se ja, die janze feine Familie ... Ihr kriegt's wohl nich
eilig genug mit eurem Feierabend -- was?

Lohmann

Wieso denn?

Willig

Den groen Oberkirchner Block, links von der Treppe, habt ihr auf
Hochkant stehn lassen. Wit ihr das nich?

Sprengel

Nu, der hngt doch im Flaschenzug.

Willig

Aber locker hngt er.

Lohmann

Bis wir den 'runterkriegen, dauert's zwanzig Minuten. Wenn der Alte
berstunden zahlen will, gehn wir gleich noch mal 'ran.

Gttlingk

Husten wird er euch was.

Willig

Jedenfalls steift ihn noch ab. Wenn was passiert, seid ihr
verantwortlich. (Setzt sich zu den Steinmetzen an den Mitteltisch)

Gttlingk

Na, Lore, Sie knnten ruhig 'n bichen fixer sein, wenn die Steinmetzen
kommen.

Lore

    (die Bier bringt, eilig, ngstlich)

Hier is, bitte, hier is schon alles.

Gttlingk

Aber freilich, wenn man sich mit solchem Volk abgibt, wie der Kerl --
der -- (Biegler erkennend) Herrgott, wer sitzt denn da?

Willig (rasch)

Ach, kmmer dich nicht um den.

Gttlingk

Hast recht. So 'n Geschmei existiert nich. Prost, die Herren! ~Per
Bacco~, is mir mollig. Ganz fingrig is mir zu Mute. Wollt ihr was
hren? Natrlich, ihr wollt immer was hren. Lore, bring mal -- bringen
Sie mal die Seufzerkiste.

Lore

Jawohl. (Holt die Mandoline von der Wand und bringt sie ihm)

Ein Steinmetz

Du, der Alte war doch heute so extra s mit dir. Ahnste weswegen?

Gttlingk

    (whrend er die Mandoline stimmt)

Tja, lieber Sohn, wer kann das wissen? Manchmal knnen sich Ereignisse
vorbereiten -- die Welt is eben 'n Affenkfig.


Siebente Szene

    _Die Vorigen._ _Der alte Eichholz_

Eichholz

    (angezogen wie im ersten Akt)

Einen guten Feierabend wnsch' ich der hochgeehrten Gesellschaft.

Gttlingk

So in Jala, Papa Eichholz?

Eichholz

Jawohl. Mein Manschettenhemde hab' ich mir angezogen und habe mir
angetan im Schmucke smtlicher Orden und Ehrenzeichen. Nu wollen wir
mal sehn, ob ein alter Krieger noch was gilt in seinem Vaterlande.

Lore (ngstlich)

Was hast du vor, Vater?

Eichholz

Zuerst bejeb' ich mir zum Alten und frag' ihn auf Ehr' und Jewissen:
Wer is der Kerl? Was is der Kerl? ... Und wenn er in meinen unjewissen
Zustande mir sollte -- (bemerkt Biegler) was -- was -- was -- was is
denn das? Is das --?

Lore

Vater, hier darf jeder sein Bier trinken, der zum Platz gehrt. Weit
du das nich?

Gttlingk (halblaut zu Lore)

Was mischst du dich da eigentlich immer 'rein?

Eichholz

Was man so sagt, der Wiedehopf, der lt in sein eigenes Nest
'reinschmutzen, aber wenn du willst mein Fleisch und Blut sein -- (in
ausbrechender Wut) Kerl, dir werd' ich platt schmeien! Dir bind' ich
'n Mhlstein um'n Hals, dir, dir ... Blut mu flieen, du Hund, du
blutiger Hund!

Biegler (geqult)

Frulein, soll ich nu immer noch lnger hier bleiben? Ich denk', nu is
genug.

Gttlingk (halblaut zu Lore)

Nanu? Was geht dich dem Kerl sein Hierbleiben an?

Lore

Vater, tu, was du willst, aber hier in der Kantine fang keinen Zank an.
Sonst mut du 'raus.

Lohmann (leise)

Sieh mal, wie sie sich auf dem seine Seite schmeit.

Sprengel

Hat sie ganz recht.

Eichholz

Jawohl. Ich geh' schon. -- Ich werde schon in geeignete Erfahrung
bringen, wer, wer (mit geballter Faust) und wer Blut vergiet, de --
Blut -- mu -- -- ich geh' schon, ich geh' schon. Guten Abend, die
hochgeehrte Gesellschaft. (Ab)


Achte Szene

    _Die Vorigen_ ohne _Eichholz_

Gttlingk (leise zu Lore)

Hast du etwa Durchsteckereien mit dem?

Lore (wendet sich ab)

Gttlingk (verbissen)

Sieh mal an! (Kehrt auf seinen Platz zurck) Na, lassen wir uns nich
die Laune verderben. (Ergreift die Mandoline, in neuem Argwohn)
Freilich, wissen mchte man doch.

Willig

Halt blo Ruhe, Eduard.

Die Anderen

    (die am Steinmetztische sitzen, stimmen ihm bei)

Gttlingk (an der Mandoline zupfend)

Na also, was soll ich euch singen? Ich wei 'ne Menge schne Lieder,
die mir die schnen Weiber dort unten in schnen Stunden beigebracht
haben ... denn die Weibsleut' da unten! berhaupt die Weibsleut',
Kinder! Wenn man da nich feste 'ranjeht! (Beilufig, herablassend) Ach,
bringen Sie mir doch noch 'n Glas Bier, Frulein Lore.

Lore

    (bebend vor Erregung, holt sein leeres Glas)

Gttlingk

Du fragtest vorhin, warum der Alte heute so s mit mir war. Ja,
mein geliebter Sohn, Glck bei den Weibsleuten mu der Mensch haben.
Das is der Ausschlag beim Rosinenhandel ... Danke, mein Frulein,
danke, danke, danke! (Singt und spielt) ~V qu una giardiniera, si
chiama Luisella, da sovra all'Arenella~ -- (Abbrechend) Sagt mal,
Herrschaften, wie wr's, wenn ich zur Abwechslung mal so euer Chef
wrde hier auf diesem Steinmetzplatz?

Willig

Was is das wieder fr 'n fauler Witz?

Gttlingk

Ja, das Leben macht manchmal so 'ne faulen Witze. Wenn ich da Jimm
drauf htte. Die Puckligen sind zwar nich gerade mein Jeschmack, aber
wenn so 'n schnes Jeschft dran hngt, kann man ja auch mal beide
Augen zumachen.

Lore

    (stt einen unartikulierten Laut des Abscheus und des
    Entsetzens aus)

Sprengel (halblaut)

Is 'n Mensch wie 'n Vieh.

Willig (leise)

Lte nu nich mal mehr die Krppel in Ruh?

Gttlingk

    (der das allgemeine Murren bemerkt hat, zum Arbeitstisch
    hinber)

Riskiert da etwa einer zu mucken? Was?

Lohmann

Wir sind ja ganz still.

Gttlingk

Mcht' ich mir auch ausgebeten haben. (Da Lore, den Kopf in den Hnden,
noch einmal aufsthnt) Was ist denn hier los? Was? Was? Was?

Biegler

    (ist in zitternder Erregung langsam aufgestanden, leise,
    zaghaft, als traue er seinen erwachenden Krften nicht)

Du Schuft! Du Schuft! -- Du Schuft!

Gttlingk (fassungslos vor Erstaunen)

Was will das Gewchse da?

Biegler

Du ganz erbrmlicher Schuft!

Gttlingk (Humor heuchelnd)

Kinder, der is bergeschnappt. Soll ich den zu Mus quetschen? Nehmt mir
das nicht bel, aber die Handvoll, das lohnt mir nich. Auerdem bin
ich's als Steinmetz mir und euch schuldig, mich nich mit erst wem --
Prost!

Biegler (heiser)

Was du bist, bin ich noch alle Tage.

Gttlingk

Dem Kerl mu man doch 'ne Zwangsjacke anlegen.

Biegler

Ich hab' zum Spa deine Arbeit getan. Wenn's hell is, kann ich's besser.

Gttlingk (aufspringend)

Du warst das selber, du verfluchter --?

Die Anderen (halten ihn fest)

Ruhig, ruhig, ruhig.

Biegler

Aber das is Nebensache. (Auf Lore weisend) Da -- da -- wer steht da?
-- Der sagst du _das_ ins Gesicht? -- Jeder wei, da sie 'n Kind von
dir hat. Zum Dank verhunzen tust du sie -- schuriegeln tust du sie ...
Wirst sie -- wirst sie ehrlich machen? Wirst sie ehrlich machen? Du
nichtswrdiger Schuft! Du!

Gttlingk (der sich zu befreien sucht)

Nu lat doch los. -- Is blo 'n Floh, der ganze Kerl, aber das kost't
ihm das Leben. (Reit sich los und zieht den Dolch heraus) Los sag'
ich, oder --

Die Anderen (weichen erschrocken zurck)

Biegler

Du meinst, ich hab' Angst vor deiner einzinkigen Gabel, weil alle
anderen Angst haben? -- Kraft hab' ich keine, Haut und Knochen bin
ich vom langen Hungern, aber -- (er hat den Klopfstein ergriffen, der
auf dem Schanktisch liegen geblieben ist, und hebt ihn hoch) -- _mit
so 'nem Schusterstein hab' ich schon einen erschlagen! Mit so 'nem
Schusterstein hab' ich schon_ -- -- (groe Bewegung) Nu komm mal 'ran,
wenn du willst. Komm mal 'ran -- komm mal 'ran! (Dringt auf Gttlingk
ein)

Gttlingk (erschrocken zurckweichend)

Na, na, na, na.

Biegler

Komm 'ran -- oder 'raus da -- 'raus da. --

Gttlingk

(weicht, unverstndliche Worte stammelnd, bis zur Tr zurck)

Biegler (der ihm gefolgt ist)

'raus da! 'raus da!

Gttlingk

Das werd' ich dir -- gedenken. -- (Rettet sich durch die rasch
geffnete Tr)

Biegler

    (sieht sich wirr um und wankt zu seinem Tische zurck. Er
    sieht verstndnislos noch einmal um sich, sieht Lore, die
    schluchzend, mit verhlltem Gesicht, abgewandt dasteht, sieht
    die blassen, entsetzten Gesichter und murmelt, wie wenn er
    langsam zu sich kme)

Was is denn? Was war denn? Was --? (Sein Gesicht verndert sich, er
kmpft mit dem Schluchzen und will auf seinem Stuhl zusammensinken,
rafft sich aber mit letzter Kraft empor, trinkt sein Bier aus, setzt
seine Mtze auf und schreitet mit geballten Fusten zur Tr zurck; --
sich umwendend wirft er einen fragenden, trotzigen Blick auf die ihn
regungslos Anstarrenden -- und geht hinaus)

    (_Der Vorhang fllt_)




Vierter Akt

    Szenerie des zweiten. Sptabendbeleuchtung. ber den Husern
    des Hintergrundes ein glhender Streif Abendrot, der sich
    allmhlich verliert. Vor der Veranda unter dem Fenster der
    Zarnckeschen Wohnung ein gedeckter Tisch nach vollendeter
    Abendmahlzeit. Das Fenster der Kantine ist erleuchtet. Beim
    Aufgehen des Vorhangs ertnt von irgendwoher Biergartenmusik


Erste Szene

    _Marie._ _Zarncke_

Zarncke

    (in einem Korbstuhl behaglich ausgestreckt, eine Zigarre
    rauchend)

Siehste, nu is unsre Amsel auch schon schlafen gegangen.

Marie

Eben sang sie doch noch.

Zarncke

Bald werden sie nu auch im Gambrinus Ruhe geben mit ihrem Bumbum.

Marie

Ach, ich hr's gerne.

Zarncke

Ich auch ... Und weit du, warum? Weil es so schn weitab is vom
eigenen Leben ... Da sitzen nu die Menschen in Haufen, stoen sich,
rgern sich, beneiden sich, begehren sich, und fnf aufgequollene
Trompeter machen Musike zu ... Man is doch wahrhaftig wie der liebe
Herrgott in seiner Stille ... Sechs Tage hat er an der verfluchten
Welt 'rumgebastelt, am siebenten hat er aber auch _gar nichts_ von ihr
wissen wollen. ... Was guckste denn immer nach der Lore ihrem Fenster
'rber?

Marie

Ja, Vaterchen, merkwrdig is es doch.

Zarncke

Was denn? ... Da der Gttlingk da is?

Marie

Den ganzen Winter ist er Sonntags nicht einmal bei ihr gewesen. Seit
seiner Rckkehr nicht. Und pltzlich kommt er -- Abends um neune -- von
da oben -- die Treppe 'runter.

Zarncke

Der Deibel mag wissen, was er da oben zu suchen gehabt hat. Aber
so ksewei brauchst du darum doch auch nich zu werden, wenn er nu
wirklich mal hinter dir auftaucht.

Marie (schweratmend)

Denk doch, was das fr die Lore bedeutet.

Zarncke

Hr mal, Kindchen, hab die Lore lieb! Aber du mut dich nich so
'reinbegeben in das, was rings um uns geschieht. Nich mitmachen wollen.
Das zehrt dann am eigenen Leben. Es bleibe jeder in seiner Haut -- und
jeder hte den Schlssel zu seinem Geheimfach ...

Marie

O, das freilich. Aber -- gestern mu was passiert sein bei der Lore
drin.

Zarncke

So? Was denn?

Marie

Zwischen dem Nachtwchter und -- und -- Gttlingk.

Zarncke

So? Hm. Das war ja nu leider vorauszusehn.

Marie (ngstlich)

Wieso?

Zarncke

Sie haben 'rausgekriegt, da der arme Kerl was pekziert hat. Deshalb
hab' ich gestern schon den Eichholz 'rausgeschmissen. Das alte Vieh
war ganz rabiat. Irgendwas bereitet sich vor gegen den Biegler. Und
schlielich werd' ich noch klein beigeben mssen. Schad um den --
(Schnalzt)

Marie

Nein, nein, es scheint was anderes. Was Schlimmeres. Viel was
Schlimmeres.

Zarncke

'n Menschen ins Verderben zu jagen is schlimm genug ... Von wem weit
du's denn? Von der Lore?

Marie

Nein. Das ist es eben, was mich ngstigt. Die geht mir heut aus dem
Wege, wo sie kann ... Und die Homeyer macht immerzu Andeutungen. Aber
was Rechtes kriegt man auch aus _der_ nich 'raus.

Zarncke

Na, wenn das Schwatzweib schon sein Maul hlt. Da wollen wir doch mal
gleich -- (Klingelt)


Zweite Szene

    _Die Vorigen._ _Frau Homeyer_

Frau Homeyer

    (eine Windlampe in der Hand)

Gotte, Gotte, ich wart' schon immer mit der Lampe ... Nein, so im
Dunkeln ...! Wie knnen Sie blo?

Zarncke

Sie haben wohl noch nie zu zweien im Dunkeln gesessen?

Frau Homeyer

Ach nein doch! Mit 'n jungen Mann -- der nimmt sich dann so leicht was
'raus --

Zarncke

Und mit 'n alten Mann -- das lohnt nich.

Frau Homeyer

Aber, Herr --

Zarncke

Sagen Sie mal, Sie, was is denn gestern bei der Lore gewesen?

Frau Homeyer

Bei der Lore? I, da ich nicht wte.

Zarncke

Sie haben doch meiner Tochter erzhlt --

Frau Homeyer

Ich? Ach nein, das mu ein Irrtum sein. Ich, dem Frulein? Und gerade
dem Frulein? I, da mt' ich -- (Nimmt das Tischzeug zusammen)

Marie

Aber Frau Homeyer --

Zarncke (gleichzeitig)

Was heit das: _Gerade_ dem Frulein?

Frau Homeyer

Nu ja. Da mt' ich doch sozusagen eine Schwtzerin sein. Und ich bin
im Gegenteil immer hchst zurckhaltend ... Da bin ich bekannt fr. Da
knnen Sie alle Mannsleute fragen. Da knnen Sie meine Zeugnisse lesen
... Und da soll ich mir gerade _hier_ die Zunge bei verbrennen? ... Das
kann Ihnen wer anders erzhlen, Frulein. Und dann mssen sich auch
nichts draus machen. ... Die Mnner sind immer mit dem Maul vorneweg
... Ehrbar sein und sein Myrtenbumchen pflegen, das is immer noch das
Beste fr 'n ltliches Mdchen.

Marie

Ja, was hab' _ich_ aber mit dem allen zu tun, Frau Homeyer?

Frau Homeyer

Ja, Frulein Mariechen, der Mensch hat _manchmal_ mit was nich zu tun,
und kommt _doch_ ins Gerede ... Von dem Herrn Gttlingk htt' ich
das freilich nicht gedacht. Der is sonst immer 'n Kavelier gewesen
(verschmt) immer so zutraulich -- und, wie gesagt, Kavelier. Aber da
knnte ja jeder kommen und -- ach, bitte das Sahnentpfchen -- und
behaupten, er braucht' blo die Hand auszustrecken, da knnt' er Herr
sein auf diesem Steinmetzplatz. Ja.

Zarncke

Was? Was? Was is das?

Frau Homeyer

Und es glaubt ihm auch keiner. Da knnen Sie ganz unbesorgt sein,
Frulein, das --

Zarncke

Halt! Stopp! 'raus! Weg!

Frau Homeyer

Aber Herr --

Zarncke

Weg, weg, weg, weg!

Frau Homeyer

Ja, ja, Herrgott!

Zarncke

Weg!

Frau Homeyer

    (mit dem Tablette ins Innere ab)


Dritte Szene

    _Marie._ _Zarncke_

Zarncke

Das haste wahrhaftig um den Lumpen nich verdient, Mariechen. Bittst
mich noch, ich soll helfen, ihm sein Nest austapezieren ... Und da
traut sich der Kerl berhaupt noch hierher? -- Da wollen wir mal gleich
-- -- (steht auf)

Marie

    (die, ins Leere starrend, regungslos dagesessen hat, fhrt auf)

Nein, Vater, nein!

Zarncke

Was -- nein? Und wie siehste denn aus? -- Ganz berird'sch!

Marie (in hilflosem Bekennen)

Vaterchen!

Zarncke

    (nach einem Schweigen hinter sie tretend)

Miezelchen! (Die Hand auf ihren Scheitel legend, leise) Haben sie dir
's Geheimfach aufgebrochen?

Marie (aufschluchzend)

Nicht ansehn! Nicht ansehn! (Verbirgt das Gesicht in seinem Rock)

Zarncke (sie streichelnd)

Also _das_ war's? Und was du da drinnen verschlossen hieltst, das wird
dir nu da -- (weist zur Kantine) Ja, wie geht denn das zu?

Marie (von Schluchzen geschttelt)

Wei nicht! Wei nicht!

Zarncke

Na, nu la doch mal meinen Rock los!

Marie

    (verbirgt das Gesicht um so fester)

Zarncke

Willst nich? ... Schmst dich so sehr? ... Kannst mich gar nich ansehn?
Mchtst das Tageslicht nich mehr sehn? Mchtst dir womglich das Leben
nehmen noch diese Nacht?

Marie (nickt heftig)

Zarncke (lacht und streichelt sie)

Und machst doch nur durch, was jeder durchmachen mu, dem 'n Stern vom
Himmel 'runterfllt. (Zum Himmel weisend) Kiek mal hoch! ... Kannst
noch nich? Da sind schon 'n paar. Und dahinter noch Milliarden. Sie
stehn da wie fr die Ewigkeit. _Und sie fallen alle._ Aber darum
werden wir Menschen nich rmer ... Hchstens die, denen sie als
Zwanzigmarkstcke in die Tasche fallen ... Die Jugend verliert sich
zuerst, aber unser Blick wird um so heller ... Die Freunde zerkrmeln
sich, aber unsere Freundschaft wird alles, was mit uns reden kann,
jeder Gedanke -- jeder Hund -- jeder Stein ... Na -- und die Liebe? --
Dem einen fllt sie in den Schmutz -- wie dir, dem anderen zerreibt sie
der Alltag; -- rasch oder langsam, es is immer dasselbe, -- aber vor
der Tr lauern schon wieder viele, die wollen sehr liebgehabt sein,
und die brauchen's den Deiwel wie ntig ... Selbst der Herrgott wird
uns aus unseren Herzen gerissen, aber unsere Herzen schlagen krftiger
... Kindchen, 's wird noch 'n bschen weh tun 'ne Zeit lang ... Scham
brennt ... Aber seines guten Rechts soll sich der Mensch nicht schmen.
Und dein Recht war's ... Ja war's ... Wie's mein Recht war und ist,
dich liebzuhaben und dir zu sagen: Halt still ... Die Stillen sind die
Klugen ... Und nur wer von der Welt _weit, weit_ ab is, der hat sie
ganz.

Marie (sich aufrichtend)

Vaterchen, hast du das immer gedacht?

Zarncke

Ich geb' zu, Kindchen, es is 'ne Weisheit fr die Kranken und die
Alten. Aber die, welche die Jungen und die Gesunden sich zurechtmachen,
is auch nischt wert ... Na -- nu schmunzelst du ja wieder --.

Marie (schluchzt kurz auf)

Zarncke

Nich, nich, nich ... Und komm 'rauf ... Mir is, die Tr hat schon 'n
paarmal geklappt. (Weist nach der Kantine) Da traut sich einer nich an
die frische Luft, eh' wir nich verduftet sind.

Marie

Die arme Lore!

Zarncke

Nja. Na, komm. (Beide ins Haus ab)


Vierte Szene

    _Eichholz._ _Gttlingk._ _Lore_

Eichholz

Scht! Du, Gttlingk! -- Sie sind weg!

Gttlingk (heraustretend)

Es war auch hohe Zeit! ... Denn wenn mir jetzt -- gewisse Leute in den
Weg gerannt wren -- -- na! Also bers Aufgebot reden wir noch, Lore!

Lore

    (die in der Tr geblieben ist, matt, freudlos)

Wie du willst, Eduard.

Gttlingk

Dann wollen wir also Schlu machen mit dieser elenden Quetsche. Mein
Handwerkszeug bringt mir morgen der Vater und -- ja, richtig! Die
Mandoline gib mir doch noch mit.

Lore (verschwindet)

    (Die halboffene Glastr ber der Veranda hat sich erhellt. Die
    Gestalt Zarnckes wird dahinter sichtbar)

Gttlingk (leise)

Is das nich der Alte da oben?

Eichholz

Ja, der schlft da.

Gttlingk

Scht! Na, endlich macht er die Tre zu. (Das Rouleau wird herabgelassen)

Lore (bringt die Mandoline)

Gttlingk

So ... Vater begleitet mich noch ein Stckschen.

Lore (ngstlich)

Vater, es wre wohl besser, du -- --

Eichholz (scheltend)

Was heit das? Was hast du --?

Gttlingk (gleichzeitig)

Nu la doch Vater! ... (Reicht ihr die Hand) Gute Nacht! -- (Da sie in
der Tre stehen bleibt) Nu geh nur! Geh nur!

Lore (tonlos)

Gute Nacht. (Ab, die Tre hinter sich schlieend)


Fnfte Szene

    _Eichholz._ _Gttlingk_

Gttlingk

Na -- und nu? ... Wir haben drin nich ausreden knnen, weil uns
die Lore ewig auf den Hacken sa. Wie denkst du nu ber 'ne gute
Streckschicht fr den Kerl?

Eichholz

Ich bin immer ein ehrenwerter Mann jewesen, ich bin ein zuverlssiger
Mann jewesen und ein --

Gttlingk

Ja, ja, ja, ja!

Eichholz

Aber sie haben mir die Seele aus dem Leibe gezogen, sie haben mir den
hllischen Geier, welcher heit Hadramoth, den haben sie mir --

Gttlingk

Nu quatsche nich. Komm mal mit 'rber in die Destillation.

Eichholz

Hier steh' ich, hier jeh' ich nich weg. Sobald der Hund kommt, dann
strz' ich mir los auf ihm. Brust gegen Brust.

Gttlingk

Na und dann?

Eichholz

Dann? Ich hab' dem Alten gesagt: Herr Zarncke, hab' ich gesagt, es gibt
-- ein Unglck.

Gttlingk

Ja, mit's Maulwerk.

Eichholz

So? ... (Zgernd) Du, und was is denn mit dem -- Block?

Gttlingk (lauernd)

Was fr 'n Block?

Eichholz

Wo du vorhin von sprachst.

Gttlingk

Ach so ... Siehst du den da oben im Flaschenzug?

Eichholz

Ja.

Gttlingk

Wenn da einer die Ketten aushngt, dann steht er blo auf der Kippe.
Verstehste? Eine Holzsteife -- die kann 'n Kind wegschlagen. -- Und
geht dann einer die Treppe 'rauf -- _mu_ er die Treppe 'rauf?

Eichholz

Nu jewi. Der Alte hat doch dahinter 'ne Kontrolluhr aufgestellt. --

Gttlingk

Da da man kein Malheur passiert!

Eichholz

    (argwhnisch, will nicht verstehn)

Warum soll -- da gleich -- 'n Malheur passieren?

Gttlingk

Ach so! ... Scht! Is er das nich? (Man hrt rechts das Schlieen einer
Tr)

Eichholz

Ja.

Gttlingk (leiser)

Nu komm ... Drben trinken wir noch eins ... Kann man da oben irgendwo
'raus?

Eichholz

Durch die kleine Tr. Immerzu.

Gttlingk

    (ihn nach dem Hintergrunde ziehend)

Na denn komm!

Eichholz

Warum nich hier durchs Tor?

Gttlingk

Komm, komm, komm ... Da scheint auch wer zu stehn. -- Komm! (Auf einer
mittleren Treppenstufe hlt er inne) Scht!

Eichholz

Er schliet noch das Sgewerk.

    (Beide verschwinden links oben. -- Whrend rechts eine schwere
    Tr zugeschlossen wird, hrt man oben das leise Klirren der
    Flaschenzugketten. Dann Stille. Whrend der folgenden Szene
    geht der Mond auf)


Sechste Szene

    _Biegler._ Dann _Struve_

Biegler

    (mit Schlsselbund und schwerem Stock, eine Schnarre
    umgehngt, erscheint rechts vorne und geht an dem erleuchteten
    Kantinenfenster vorbei, dann revidiert er das Schlo des
    Magazins und will zur Tr des Wohnhauses hinber)

Struves Stimme (vom Haustor her)

He! Scht! Nachtwchter! Biegler!

Biegler

Wer is da?

Struves Stimme

'n guter Freund!

Biegler

Ich hab' keine guten Freunde.

Struves Stimme

Struve is da.

Biegler

Struve kann bei Tage kommen.

Struves Stimme

Mach auf, sonst rei' ich an de Klingel.

Biegler

Was is denn? (Er geht aufmachen. Man hrt den Schlssel sich drehen.
Dann erscheint er zusammen mit Struve) Na?

Struve

Fsch! Drinne wr' mer ja nu.

Biegler

Also was willst du?

Struve

Sachte, sachte, sachte! ... Ick jeheer' hier zu's Haus. Ick hab' 'n Amt
hier ... 'n Vertrauensposten! Jawoll! ... Da mu ick mir iberfihren
knnen bei Tag und bei Nachte ... Ick kann schon jar nich mehr schlafen
vor lauter Ehrjefihl. Ja.

Biegler

Na, schlaf man. Ich geh' ja hier als Wchter.

Struve

Det sagste so in deinen Jemiete. -- Aber wenn du eines Morjens nicht
mehr dabist --

Biegler

Wieso?

Struve

Na, Mensch, Kohlege, wir beid' kennen uns doch. Uns haben se doch aus
denselben Suppentopp jeangelt.

Biegler (bitter)

Ach so!

Struve

Und diesentwegen biste dir doch klar: Weg mute hier _nu doch_!

Biegler

Ja. Das bin ich mir klar.

Struve

Als du jestern 'raus warst, da haben die Steinmetzen noch ne jroe
Beratung jehabt. Da haben wer nich zuheeren derfen. Blo, da se
morjen frh zum Alten jehn werden, das hab' ich noch --

Biegler (in bitterer Erregung)

Und meinen Austritt fordern?

Struve

Wer zufllig fnf Finger hat, kann sich das ja dran abzhlen.

Biegler (verbissen, verzweifelt)

Ich wart's gar nich ab. Ich geh' alleine.

Struve

Da wrste ja auch scheen dumm, wenn du dir -- nich vorher schon dinne
machen wolltst. -- Und darum bin ick eben auch 'n bisken dahinter
jewesen. Deiwel auch! Wenn man so die Verantwortung hat.

Biegler

Wofr? Fr mich?

Struve

Ne -- aber -- (macht Zeichen nach dem Magazin hin) vor -- -- Ick kenn'
doch 's menschliche Leben. So 'ne Sachen die loofen doch jewissermaen
hinter einen her. Janz von selber. Wie wenn se Beene htten. Da kann
man jar nischt vor.

Biegler

Was denn? Was denn?

Struve

Na, du weit schon. Aber in so 'ne menschliche Versuchungen da mu man
eben 'n Freind haben. Mann mit Ehrjefihl. Und so. Wo einem 'n bisken
ins Jewissen redt ... Denn der Fallstricke des Teufels sind viele, und
-- -- was? Wie sagste?

Biegler (mit einem kurzen Lachen)

Ich sag' jar nischt.

Struve

Na, nu mal unter uns! -- Wenn du -- und du jehst hier weg, wo wirschte
denn nu hinmachen?

Biegler

Wer kann das wissen?

Struve

Nu, setz dir mal bisken hier dal! (Zieht ihn auf den vordersten Block)
Sieh mal, mir jeht hier ja so weit janz jut. Ick bin Verdrauensperson.
Und so. -- Aber _zu_ viel Ehre kann der Mensch auch nich verdragen. Des
drickt aufs Jemiet, weite ... Und weil ich dir nu mal so liebhabe --
jewissermaen, und weil de iberhaupt noch im janzen 'n bisken klietrig
bist -- weite! -- -- na? -- Wollen wir zusammen uf de Fahrt steigen?

Biegler

Was? Du und ich?

Struve

Nu ja. Mit _die_ Ansichten, wo wir beide vons menschliche Leben haben
-- die _haben_ wir nu mal! Die kann uns keiner nehmen. Die einen
wlzen sich in'n Jolde, wir wlzen uns in'n jrienen Chausseejraben.
Tagsber sehn wir mal bisken nach, wo wat los is, Abends saufen wir uns
'n verjnichten Teng ins Jesichte. Hier mute ewig 'n krummen Puckel
machen und dir sauer anhauchen lassen und wirscht doch nie mehr im
Leben, wat die andern sind!

Biegler

Mensch! Da haste recht!

Struve

Drauen veracht' dir keiner ... Und da biste blo _einem_ Jehorsam
schuldig, -- das is der Meilenzeiger ... Na?

Biegler

    (schaut abschiednehmend um sich, mit hartem Entschlu)

Gut! Wann willst du -- losjehn?

Struve

Losjehn? ... Jleich. Uf'n Momang.

Biegler (in Erregung)

Ich mu doch erst -- mit ihm -- reden ... Mu doch kndigen.

Struve

Ach! Sei doch kein Milchkalb! Wird er dir viel kndigen? Und noch eins
sag' ich dir: Der Jttlingk is 'n tck'sches Luder. Der verjet dir die
Blamasche nich. Da kannste morjen drei Zoll Stahl ins Leib kriegen,
jleich, noch auf'n nichternen Magen.

Biegler (dumpf, entschlossen)

Mir is alles egal.

Struve

Ne, ne, ne, ne. Komm jleich. Nimm dir in acht.

Biegler

Zeugnisbuch mu ich haben. Dann komm' ich mit.

Struve

Zeichnisbuch? Ick wee 'ne Penne hier in de Jegend, da stempelt dir 'n
jewesener Oberjeheimrat de piksten Flebben noch heite nacht. Und denn
-- wat willste mit 'n Zeichnisbuch? -- Et steht ja woll jeschrieben:
Ehrlich whrt am lngsten -- aber 'n tichtiger Spitzbube fhrt mit
vier Hengsten. Und iberhaupt mit die olle Tugend! Die schabt sich ab
wie 'ne dreck'ge Scheierbrschte. Da droppt dir ewig de Nese von wie
bei'n kleinen Swienegel ... Blo natirlich -- 'n jewisses Anlagekapital
-- det missen wir haben.

Biegler

Wozu? Woher?

Struve

Det brauchste berall. -- Ohne 'n Parchentlappen kannste nich uf de
Flohjagd. -- Willste lernen Jold machen? Kleinigkeit! Aber natirlich --
wenn de keinen Dukaten _hast_, kannste auch keinen Dukaten beschneiden.
Siehste! Das is der Witz ... Na, Jott sei Dank, bei uns is ja nich wie
bei arme Leit' ... Kleines Vermeegen zum Anfangen -- und so -- is ja
alles da.

Biegler

Ich krieg' noch nich mal 's volle Monatsjehalt.

Struve

Aber Mensch! -- Bejreifst de denn noch immer nich?

Biegler

Was denn? Na was denn?

Struve

Herrgott! Schon doch 'n bisken mein Ehrjefihl und frag nich immer so
glup'sch. Aber se sind doch nu mal da. Da kann man doch nischt machen.

Biegler

Was? Was? Was?

Struve (zaudernd, verlegen)

Na -- de -- de -- Diamanten.

Biegler

Die willst du am Ende --?

Struve

Die brechen wir doch jetzt jleich aus. Det is doch 'n janz reelles
Jeschftsprinzip. Anzeigen kann uns der Olle nich mehr. Sonst blamiert
er sich. Na?

Biegler

Ach so einer bist du! Na, dann jeh man wieder zu Hause.

Struve

Du bist wohl 'n Schlamassel?

Biegler

Ich mu jetzt elfe abpfeifen. (Wild) Jeh, oder ich pack' dir ins Jenick.

Struve

Na -- denn mach's gut! ... Ick hab' mir aber sehr in dir entteischt.
Den Vorwurf kann ick dir nich ersparen! ... h! Is nischt mehr los
mit's menschliche Leben, nich vor und nich hinter de Mauer.

    (Ab, von Biegler gefolgt. Man hrt das Tor auf- und zuschlieen)


Siebente Szene

    _Lore._ _Biegler_

Lore

    (tritt aus der Kantinentr und lauscht nach links hin)

Vater, bist du's?

Biegler

Ich bin's, Frulein.

Lore (freudig aufschreckend)

Ach Sie sind's ... Haben Sie Vater nich gesehn mit -- mit -- noch einem?

Biegler

Nein.

Lore

Ach -- 'n paar Augenblicke knnt' ich Sie sprechen -- ja?

Biegler

Ich mcht' Sie ja auch noch sprechen, bevor ich ... das heit wenn Sie
mir danken wollen etwa --

Lore

Danken darf ich Ihnen wohl noch nich mal! Wei Gott, Herr Biegler, ich
wollt' Ihnen so gerne helfen. Das war meine einzigste Absicht. Statt
dessen haben Sie mir geholfen. Nu helfen Sie mir auch weiter. Ich wei
nicht aus, nicht ein.

Biegler

Was is denn nu?

Lore

Er -- war -- eben da.

Biegler

Aha ... Na, wann wird Hochzeit sein?

Lore (schweigt)

Biegler

Oder will er noch immer nich?

Lore

Ja, ja, er will ... Er sagt wenigstens, er will ... In Arbeit kommt er
nich mehr zurck.

Biegler

So? Ei, ei!

Lore

Aber sobald er was andres gefunden hat, sagt er --

Biegler

Das kann ihm ja nich fehlen.

Lore

Herr Biegler, sagen Sie mir, is denn das mglich? -- Man hungert, man
hungert nach seinem Glck, jahrelang -- und wie man's endlich hat --
_so_, zwischen seinen zwei Hnden, da is es mit einem Mal keins mehr,
da _will_ man gar nich mehr, da is man satt, satt. Satt is man. Satt.

Biegler

Wer satt is, soll nich essen.

Lore

Ich kann doch nicht nein sagen zu ihm ... Das is doch Wahnsinn. Da
drin schlft doch mein Lenchen.

Biegler (erregt, verbissen)

Mancher Mann wr' glcklich, Ihr Lenchen auf dem Scho zu halten.

Lore (erschrocken)

Herr Biegler, so etwas darf ich nich denken. Das is Snde.

Biegler

Snde is, wenn man sich mit sehenden Augen ins Unglck strzt.

Lore

Das sagen Sie heute, und gestern -- haben Sie Stellung und alles --
haben Sie hingegeben -- blo --

Biegler

Gott wei, wie alles kommt.

Lore

Ach, wenn ich reden drfte! Ich glaub' ihm ja nichts mehr. Ich laure
blo immer: Was fr 'n Hintergedanken hat er nu? Mit Vater hat er im
Winkel gesessen, weit weg, damit ich nichts hren soll ... Es war da
die Rede von -- Gott, Sie wissen ja, wie Vater is. Nu hebt mich die
Angst, da er ihm irgend was Schlimmes einredet.

Biegler

Wem kann der alte Mann denn was tun?

Lore

Vielleicht irr' ich mich auch. Ach, sagen Sie mir, was soll ich? Ich
kann ja nich mehr los von ihm. Ich bin jahrelang wie sein Hund zu ihm
gewesen. Ich kann ja nich mehr los von ihm.

Biegler

Ja, wenn Sie nich _knnen_.

Lore

Ach, lieber Herr Biegler, helfen Sie mir.

Biegler

Helfen! Ich wei mir alleine nich zu helfen!

Lore

Ach, Sie sind stark. Das wei ich seit gestern. Sie knnen, was Sie
wollen! Sie --

Biegler

Hhhh! Weil ich 'n Stein gefunden hab' zur richtgen Zeit. Ich will
_nich_ bald wieder auf 'ner dreckigen Pritsche liegen, Pennbruder
rechts, Pennbruder links -- wenn nichts Schlimmeres -- und mir die
Augen aus dem Kopf brennen vor -- -- _und mu doch_.

Lore

Sie knnen doch auch da gehn, wo Sie hingehren. Zu Ihresgleichen.

Biegler

Das _is_ meinesgleichen, Frulein Lore. Irren sich nich. -- Da _gehr'_
ich hin ... Aus _der_ Welt, wo Sie sind, da bin ich 'raus. Wo ich lebe,
da is Krtze und Fuselgestank, da spuckt man sich auf die wunden Fe,
weil man kein Geld zu Salbe hat, da verkauft man seine ewige Seligkeit
um ein geflschtes Stck Attest.

Lore

Aber noch sind Sie doch hier.

Biegler

Schon so gut wie nich mehr. Morgen frh geh' ich weg.

Lore

Aber warum denn? Warten Sie doch ab!

Biegler

Ich wart' gar nichts mehr ab. Nichts Gutes, nichts Bses. -- Ich geh'
auf alle Flle ... Nu sie aus meinem eigenen Munde wissen, was fr
einer ich bin, nich einen Tag mehr ... Dies is blo wie 'n schner
Traum gewesen. Der is nu aus ... Ach, bangen werd' ich mich schon sehr
... Ja, _die Nchte_, wenn der Mondschein berall auf den Blcken liegt
... Da -- sehn Sie, da ... Bei Tag sind sie man grau ... Aber Nachts
wie Carrara ... Manchmal bin ich so 'rumgegangen und hab' _einen_
gestreichelt und den _andern_ gestreichelt und hab' gedacht: Wer wird
dich mal behauen -- der Glckliche! ... Und wenn dann erst alles ganz
still wird -- ringsum auf den Straen, -- dann sitzt man mitten in der
Welt wie in einem schnen, warmen Mantel -- ganz ruhig und ganz -- --
ich sagt's Ihnen schon gestern -- aber das kommt erst viel spter gegen
Mor -- -- (Hlt lauschend in ngstlicher Spannung inne)

Lore

Was is?

Biegler

    (Man hrt links Gelchter von Frauenstimmen und Singsang --
    scheinbar sich entfernend)

Horchen Sie! Horchen Sie!

Lore

Nun ja. Da lachen 'n paar auf der Strae. Was is denn dabei?

Biegler (leise)

Das sind die Mdchen, die unter Aufsicht stehn. Die ziehen hier in
die Runde -- von elfe ab -- immer ums Straenkarree 'rum -- bis gegen
Morgen. (In Angst) Solang ich die lachen hr', da --

Lore

Was haben Ihnen denn die armen Weiber getan?

Biegler (leise, geheimnisvoll)

Sie is drunter. Ja, sie, sie ... die geht jetzt auch so 'rum.

Lore

Woher wissen Sie das?

Biegler

Ich hab' -- sie -- getroffen.

Lore (erschrocken)

Hier drauen?

Biegler

Ne ... Bevor ich herkam. Oben im Norden ... Wenn sie mich gesehn htt'
-- ich hab' mich blo geschmt, weil ich so abgerissen war, sonst --
wei Gott, was ich jetzt schon wr' ... (Er schaudert) Ja, der Hunger
kann viel ... Na -- werden ja sehn!

Lore (erschttert)

Aber Sie haben doch Ihren guten Willen, Sie --

Biegler

Was is guter Wille? Mein guter Wille sind Sie gewesen, Sie und der
komische alte Mann da drin. Von jetzt ab hlt mir keiner mehr die
Stange hin. Aber gedenken werd' ich's Ihnen -- bis -- ... Frulein
Lore, es is mein letzter Dienst heute. Ich hab' die Elf-Uhr-Runde noch
nich gemacht.

Lore (sich ngstlich umschauend)

Ach -- noch -- noch -- Wenn ich blo wte, wo er Vater hingeschleppt
hat ... Ich kann die Angst nich los werden, da, da -- --

Biegler

Na, was denn?

Lore

Ach, nehmen Sie sich vor dem Block in acht -- dort -- ja?

Biegler

Ja, ja, der hngt locker, ich wei ...

Lore

Und bleiben Sie wenigstens im Mondschein. Gehn Sie nich ins Finstre --
nein?

Biegler (kurz auflachend)

Das wr' 'n richtiger Wchter, der sich vorm Finstern grault. Und heut
bin ich noch einer ... Heut bin ich noch Mensch ... Morgen munter --
wieder 'runter -- in den Morast ... (Streckt in tiefer Bewegung die
Hand gegen sie aus) Gut soll's Ihnen gehn, Frulein Lore ...

Lore (ohne die Hand zu nehmen)

Ja, Herr Biegler, wenn's Ihnen hier so gefllt ... Schlielich, wenn's
Ihnen die andern verzeihen, warum _mssen_ Sie denn durchaus weg?

Biegler

Wer wird _mir_ verzeihen? ... Die Steinmetzen haben ja schon beraten,
da sie morgen zum Alten gehen werden -- und --

Lore

Nu ja.

Biegler

-- und --

Lore

Ach, Sie denken wohl ...? Ach, Sie wissen noch gar nich ...?

Biegler

Was is da viel zu wissen?

Lore

Herr Biegler, die Steinmetzen _wollen_ morgen zum Alten gehn -- das
is richtig, aber nicht darum, was _Sie_ glauben, sondern weil sie ihm
sagen wollen, da sie gerne mit Ihnen zusammenarbeiten werden.

Biegler (verstndnislos)

Die Steinmetzen -- wollen -- dem Al--

Lore

Ja. Weil Sie ja bewiesen haben, da Sie vom Fach sind, und weil Ihr
Auftreten gestern ihnen so gut gefallen hat, darum soll Ihr Privatleben
keinen mehr was angehn, haben sie gesagt.

Biegler

Die Steinmetzen wollen -- die Steinmetzen wollen -- die Steinm-- -- --
Gott, Gott, Gott! ... Die Steinmetzen wollen -- ja, warum haben Sie mir
das nich schon frher gesagt?

Lore

Sie sagten doch, Sie warten gar nichts mehr ab ... Sie gehen auf alle
Flle.

Biegler

Wenn die Steinmetzen _wollen_, warum soll _ich_ denn --? Wenn ich
wieder -- ich soll wieder Krnel und Scharriereisen in die Hand nehmen?
... Ich soll wieder die blaue Schrze -- umbinden -- drfen? Ich soll
-- soll -- soll -- wieder die blaue Schrze ... (Heimlich, leise, in
Angst) Frulein Lore, ich will Ihnen was anvertrauen. -- Aber -- (Legt
die Hand auf die Lippen) Ich hab' nmlich manchmal solche Anflle
gehabt (wischt sich ber die Stirn) in der Anstalt ... Das find't man
dort sehr oft ... Sind Sie ganz sicher, da Sie das eben gesagt haben,
da die Steinmetzen -- morgen -- dem Alten --?

Lore

Aber Herr Biegler, ja, ja!

Biegler

Und Sie glauben auch, es kann -- nichts mehr -- dazwischenkommen -- bis
morgen?

Lore

Was sollt' denn das sein?

Biegler

Nu, da die Steinmetzen ihren Sinn ndern -- oder da der Alte sagt:
Nein -- oder da mir 'n Stein auf'n Kopf fllt -- oder, was wei ich?

Lore

    (sieht sich erschrocken nach der Treppe um, leise)

Stein auf'n --

Biegler (lachend)

Ach, wissen Sie, das wr' wirklich schade. Denn ich bin immer 'n
tchtiger Arbeiter gewesen ... Ich hab' schon zwei Preise gekriegt ...
Ich bin mal vor der ganzen Innung -- bin ich ffentlich belobt worden
... Gespart hab' ich auch mal ... Ich hab' mal schon acht Mark fnfzig
pro Tag verdient ... Ich versteh' auch gut in Granit zu arbeiten.
Profile und Alles ... Granit, das wissen Sie ja, das ist das Hrteste
... Dabei scheint es einem manchmal wie Gallert ... weicht einem
geradezu aus. Man kann da mit dem Spitzeisen gar nich 'ran ... da mu
man -- da mu man -- (vom Glcke berwltigt) Die Steinmetzen -- wollen
-- mit mir -- -- (sinkt lachend und schluchzend auf die Bank, das
Gesicht gegen die Mauer gelehnt, leise) arbeiten -- mit mir -- arbeiten
-- --

Lore

    (macht mitleidig einen Versuch, seinen Rcken zu streicheln)

Ach Gott! (um ihn zu erwecken, ein wenig ngstlich) Herr Biegler! ...
Herr Biegler!

Biegler (zu sich kommend)

Ja, ja, ja, ja! Wo hab' ich meinen Stock -- meine Pfeife? ... Ich bin
ganz, ganz ... die Kontrolluhren hab' ich auch noch nich gestochen! --
Heut darf ich nichts versumen, sonst ... Hahaha -- hahahaha! Adieu,
Frulein Lore. Ich komm' bald wieder.

Lore

Wo wollen Sie hin, Herr Biegler?

Biegler

Runde machen -- nach oben -- die Treppe 'rauf ...

Lore (leise)

Gehn Sie nich, Herr Biegler. Nich die Treppe 'rauf!

Biegler

Warum denn nich? Haben Sie immer noch Angst vor dem Block?

Lore (in wachsender Angst)

Gehn Sie nich, Herr Biegler! Wenn Sie sich freuen auf Ihr knftiges
Leben -- wenn Sie den Krnel wirklich noch mal fhren wollen -- wenn
Sie -- ... _Mein Kind_ hat Ihnen das erste Willkommen gesagt, das hat
Ihnen Glck gebracht -- darum ... ach, gehn Sie nich! Gehn Sie wo
anders, aber da _nicht_!

Biegler

Frulein Lore, Sie werden ja wohl Ihre Grnde haben --

Lore

J, ja, ja, ja.

Biegler

Aber sein Sie ganz ruhig! Nu kann geschehn, was will! Mir tut keiner
mehr was. Jetzt nich mehr. Nee.

Lore (entschlossen)

Dann komm' ich mit.

Biegler

Gut! Kommen Sie mit. Gehn wir alle beide nachtwchtern!

Lore (ruft hinauf)

Is da einer oben? (Schweigen)

Biegler

Na sehn Sie!

Lore (leise)

Herr Biegler, wenn wir die Treppe 'raufgehn, dann fassen Sie mich mal
um den Leib. Ganz fest.

Biegler

Ich soll Sie umfassen? Das is doch nich Ihr Ernst?

Lore

    (umschlingt ihn rasch, mit erhobener Stimme)

So werden wir jetzt die Treppe 'raufgehn. Und dann wollen wir doch mal
sehen.

Eichholzens Stimme (von oben)

Wirste weg da, du --

Gttlingks Stimme

Scht!

Biegler

Nanu! Was is denn _das_? (Er reit sich los und springt blitzschnell
die Treppenstufen hinan. -- In demselben Augenblicke strzt dicht
hinter ihm der Block mit Getse herunter, prallt gegen die Stufen und
zerschellt am Boden. Eine Staubwolke wirbelt auf. Man hrt oben das
ngstliche Granzen des alten Eichholz und ein Sthnen wie von Ringenden)

Lore

    (ist mit einem Schreckensruf zurckgewichen und schreit,
    sinnlos vor Angst, in das Dunkel hinauf)

Tu ihm nichts, Eduard. Ich zeig' dich an. Ich zeig' dich an. Ich zeig'
dich an.

Gttlingks Stimme

Schrei nich, du Frauenzimmer! (Man sieht seine Gestalt nach links hin
flchten und verschwinden)


Achte Szene

    _Lore._ _Biegler._ _Eichholz._ Spter _Zarncke._ _Marie._ _Frau
    Homeyer._ _Zwei Dienstmdchen_

Stimmen von der Strae her (durcheinander)

Was ist da los? Was is da geschehn? Da is Mord und Totschlag ... Macht
doch mal auf! ... Aufmachen! -- (Man rttelt am Tor)

Biegler

    (fhrt unterdessen den Alten die Treppe herab)

Vorsicht! ... Da sind Stufen zerbrochen. -- Vorsicht! --

Eichholz (betrunken weinend)

Ich bin unschuldig. Ich hab' nichts getan ...

Lore (ihnen entgegen)

Um Gottes willen, Vater!

Biegler

    (gibt den Alten, der sich nicht aufrecht halten kann, an Lore
    und ruft nach links hinbergehend atemlos)

Was wollen Sie hier? 'n Stein is 'runtergefallen. Weiter nichts ...
Weiter is nichts. --

Die Stimmen (durcheinander)

Nu machen Sie doch mal das Tor auf ... Wollen mal nachsehen..
Geschwindelt wird nicht ... Aufmachen!

Biegler

Hier wird nichts aufgemacht. Gehen Sie Ihrer Wege! (Pfiffe. Gelchter.
Abgerissene Rufe. Dann allmhlich Stille)

Eichholz

    (der von Lore zu dem vordersten Block gefhrt wird, wo er sich
    niedersetzt, derweilen weitergranzend)

Ich bin nu auch 'n Mrder. Ich komm' nu aufs Schafott.

Zarncke

    (hat derweilen Licht gemacht, das Rouleau hochgezogen und die
    Glastr geffnet, dann tritt er im Schlafrock auf den Balkon
    hinaus)

Was is da unten? Is da ein Unglck geschehn?

Lore

    (mit flehender Gebrde zu Biegler hin)

Ach bitte, bitte!

Zarncke

Bekomm' ich keine Antwort?

Biegler

    (nach Atem ringend, mit zitternder Stimme)

Der Oberkirchner Sandsteinblock links an der Treppe is vom Stapel
gefallen, Herr Zarncke.

Zarncke

Wie hat denn das passieren knnen?

Biegler

Er stand auf Hochkant im Flaschenzug. Da haben sich wohl die Ketten
gelockert.

Zarncke

Und was klagt der alte Eichholz so? Hat er sich verletzt?

Lore

    (Angst und Erregung niederzwingend, mit geheuchelter Ruhe)

Er hat sich wohl 'n bichen weh getan ... Aber schlimm is es nicht,
Herr Zarncke.

Zarncke

Na wenn's weiter nichts is.

Eichholz (wird allmhlich still)

Frau Homeyer

    (in Nachtjacke mit einem dunkeln Tuch darber, ist mit zwei
    Mgden hinter sich auf die Veranda hinausgetreten)

O Gott, o Gott, o Gott, da is gewi 'n Malheur passiert.

Zarncke (herunterrufend)

Nichts is passiert. Geht mal alle ins Haus zurck!

Marie

    (die whrend des Vorigen in dem -- gleichfalls erhellten --
    Fenster des Wohnzimmers erschienen ist)

Du, Lore, komm mal her zu mir.

Lore (geht zu ihr)

Frau Homeyer (derweilen)

Da is sicher wieder 'n fremder Mann bei der Lore gewesen. Da mcht' ich
jeden heiligen Eid drauf schwren.

Zarncke

Na, wird's bald?

Frau Homeyer (mit den Mgden ab)

Ja, ja, ja, geh' schon. Herrgott, ja.

Marie (leise)

Was schriest du da vorhin? Und zu wem?

Lore (bebend)

Ich?

Marie

Ich war wach. Mich tuschst du nicht.

Zarncke

Mariechen.

Marie

Vaterchen?

Zarncke

Geh nu man auch zu Bett. Den Schaden knnen wir uns morgen besehn. Das
heit, dem Willig werd' ich aufs Dach steigen. Haben sich wohl tchtig
erschreckt, Biegler -- was?

Biegler

    (noch immer zitternd in Erregung)

Ach -- nich sehr -- Herr Zarncke.

Zarncke

Na denn: Gute Nacht, Kinder.

Lore

Gute Nacht, Herr Zarncke.

Marie (gleichzeitig)

Gute Nacht, Vaterchen.

Zarncke

    (geht ins Zimmer zurck und schliet die Glastr)

Lore (leise)

Morgen erzhl' ich dir alles. Es is viel geschehn seit gestern.

Marie

Aber doch nur Gutes?

Lore (fest)

Ja. Wei Gott.

Marie (in wehmtiger Gte)

Na, dann freut's mich auch. Gute Nacht.

Lore

Gute Nacht, Mariechen.

Marie (schliet das Fenster. Ab)


Neunte Szene

    _Lore._ _Biegler._ _Eichholz_

    (Fenster und Glastr verdunkeln sich. Die Stimmen der Strae
    haben sich allmhlich verloren. Mitternachtsstille)

Biegler

    (sinkt, von den Folgen der ausgestandenen Erregung berwltigt,
    auf die Bank und atmet schwer)

Lore

Was is Ihnen, Herr Biegler? Sind Sie ganz heil geblieben? Is Ihnen auch
nichts geschehn?

Biegler

Ich mu mich blo -- 'n bichen verschnaufen ... ich bin ganz ...

Lore

Aber Sie rangen doch mit ihm? Hat er Ihnen da nichts getan?

Biegler

Er hat nich mal mehr so viel Courage gehabt, seinen Dreikantigen zu
ziehn. -- Na, kommen Sie noch immer nich los von ihm?

Lore

    (mit einer wilden Gebrde des Befreitseins)

Ach!

Biegler

Ja. Dem sein Hund sind Sie _gewesen_, scheint mir.

Lore

Und meinen alten Vater so zu -- der Schuft! ... Vater! Du mut zu Bett
gehn, Vater!

Eichholz

    (antwortet nicht, atmet tief im Schlafe)

Lore

Gott! -- Nu sehn Sie blo!

Biegler

Schlft er am Ende?

Lore

_Dem_ werden Sie doch nichts nachtragen?

Biegler

Wenn er mir nichts nachtrgt. Hahaha.

Lore

Herr Biegler!

Biegler

Was, Frulein Lore?

Lore

Ich kann nichts sagen -- mir ist das Herz so -- ich kann nicht ...

Biegler

Aber die Hand knnen Sie mir geben. (Streckt ihr die Hand entgegen)
Wenn die nu wieder rein wird, dann sind Sie schuld.

Lore

    (weist kopfschttelnd nach dem Balkon)

Unser Alterchen da oben is schuld.

Biegler (seine Hand in der ihren)

Ja, wie's auch wird, dem wollen wir danken ... Scht! ... Schlgt's da
nich zwlfe? (Man hrt die ferne Turmuhr schlagen) Wahrhaftig! Nu mu
ich aber wirklich mal Runde machen und abpfeifen ... Sonst bin ich ja
gar nich wert, da ... (Lacht leise und glcklich) Gute Nacht, Frulein
Lore!

Lore

Gute Nacht, Herr Biegler.

Biegler (am Fu der Stufen)

Na, nu kann ich ja wohl ruhig die Treppe 'rauf?

Lore

_Der_ kommt nie wieder. --

Biegler (von den Stufen her)

Gute Nacht!

Lore

Gute Nacht.

Biegler (verschwindet nach rechts)

Lore

Vater! ... Nu mute aber wirklich schlafen gehn, Vater. (Der Alte rhrt
sich nicht. Man hrt Biegler dreimal kurz pfeifen) Vater, hrst du, wie
er pfeift? (Biegler pfeift -- wieder von weiter her) Vater, das Glck
pfeift! Das Glck pfeift! (Sie sinkt schluchzend vor dem Alten nieder,
das Gesicht an seinem Knie verbergend. Der Alte schlft fort. -- Das
Pfeifen Bieglers tnt leiser, je weiter er sich entfernt)

    (_Der Vorhang fllt langsam_)

[Illustration]




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  | Anmerkungen zur Transkription                                  |
  |                                                                |
  | Inkonsistenzen wurden beibehalten, wenn beide Schreibweisen    |
  | gebruchlich waren, wie:                                       |
  |                                                                |
  | anderen -- andern                                              |
  | besehen -- besehn                                              |
  | danach -- darnach                                              |
  | Gehen -- Gehn                                                  |
  | sehen -- sehn                                                  |
  |                                                                |
  | Interpunktion wurde ohne Erwhnung korrigiert.                 |
  | Im Text wurden folgende nderungen vorgenommen:                |
  |                                                                |
  | S. 31 teilnahmlos in teilnahmslos gendert.                |
  | S. 66 austapenzieren in austapezieren gendert.            |
  | S. 71 verschchert in verschchtert gendert.              |
  | S. 76 pike-pikefeiner in pikefeiner gendert.              |
  | S. 130 umso in um so gendert.                             |
  | S. 156 der Lore von in der von Lore gendert.              |
  |                                                                |
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End of Project Gutenberg's Stein unter Steinen, by Hermann Sudermann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK STEIN UNTER STEINEN ***

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Section 3. Information about the Project Gutenberg Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
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The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
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Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
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