The Project Gutenberg EBook of Rumnisches Tagebuch, by Hans Carossa

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Title: Rumnisches Tagebuch

Author: Hans Carossa

Release Date: October 9, 2020 [EBook #63410]

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK RUMNISCHES TAGEBUCH ***




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                              Hans Carossa




                          Rumnisches Tagebuch


                                  1924
                       Im Insel-Verlag zu Leipzig


             Raube das Licht aus dem Rachen der Schlange!






_Libermont (Nordfrankreich), 4. Oktober 1916_ zerbrach ich am Waschtisch
den kleinen geschliffenen Spiegel der Madame Varniers und ging zu ihr,
um mich zu entschuldigen und Bezahlung anzubieten. Gewi war der alten
Frau sehr leid um das hbsche Stck; sie lie aber nichts merken und
versetzte lchelnd, es habe gar nichts zu sagen, wo doch die halbe Welt
in Trmmer gehe, was liege an einem Spiegel? Dann zhlte sie die vielen
Besitztmer auf, die ihr im Kriege vernichtet worden, und alles pour
rien! Zum Glck war eben eine Sendung Schokolade-Makronen aus Mnchen
gekommen; ich gab ihr die volle Schachtel, die sie ohne Umstnde in ihre
zittrigen Hnde nahm und sogleich davontrug, um sie mit ihrem Manne zu
teilen. Spter, gleichsam als Gegengabe, stellte sie mir ein
Zierbumchen ans Fenster, eine Art Araukarie, dem Wuchse nach an eine
Fichte erinnernd, starrend von harten schwarzgrnen Blttchen, die sich
aufstruben, als warnten sie jeden, sich an der strengen Schnheit des
Ganzen zu vergreifen. Von Zeit zu Zeit kommt sie wieder herein, tritt
zum Bumchen, pustet ber die Zweige hin, als lge Staub darauf,
trommelt eine Weile mit den Fingern an den Scheiben, seufzt, murmelt
etwas vor sich hin und geht wieder. Von der Somme herunter donnert es in
unsern Miggang; es klingt, als wre im Kamin ein stark loderndes
Feuer. Alle Fenster klirren; die Tren, wie von Zornigen geworfen,
schlagen auf und zu.

                   *       *       *       *       *

Ich reite nun wieder tglich nach dem Dienst gegen Guiscard hinaus und
bilde mir dann ein, die See zu wittern, als kme mir ein Gru aus der
freien groen Welt, von der uns Deutsche das Geschick ausgeschlossen
hat, wer wei, fr wie lange. Gefhl der Meeresnhe, ja, das ists, was
mir diese Landschaft ein wenig verklrt, in der sonst nicht gut wohnen
ist fr unsereinen, so abgewandt ist jeder Baum, jeder Stein. Das immer
ein wenig verstimmte Blau des Himmels ber den leeren Flchen und
flachen Hgeln, die gepflasterte Heerstrae, die Bonaparte mit dem
Lineal gezogen hat, die grauen, wie Negerhtten spitzdchigen
Streuschober, auf denen uns Raben und Elstern beobachten -- es kann uns
alles an nichts gemahnen und verrt uns nichts von seiner Innigkeit, die
man doch manchmal ahnt. Wren nicht die deutschen Bauernshne, die das
allen heilige Erdreich pflgen, und unsere jungen, starkbrstigen
Pferde, die, frei von Zaum und Sattelzeug, in den Hrden grasen, der
Blick htte nirgends ein freudiges Ruhen.




                                                            5. Oktober


Die Division verlangt einen Bericht ber unsere Gefechtsstrke. Die
Gasmasken sollen abermals geprft werden. Das ganze Bataillon wird
morgen gemustert, und ich mu alle Mannschaften aussondern, denen ich
nicht gengend Kraft zu groen Leistungen zutraue. Sie kommen zu den
Ersatzbataillonen; die bleibenden werden gegen Cholera geimpft. ber das
Wohin verlautet nichts. Die Schutzimpfung gegen Cholera spricht fr den
stlichen Kriegsschauplatz. Offiziere und Mannschaften sind, wie vor
jeder Vernderung, sehr aufgerumt, obgleich ihnen Maurepas noch in den
Nerven zittert. Alle verwnschen schon wieder die sogenannte Ruhe mit
karger Kost, unaufhrlichen Besichtigungen, bungen, Appellen, Alarmen
und Ehrfurchtsgebrden vor unversehrten Uniformen. Viele sehnen sich
wieder nach dem gefhrlicheren und hrteren, aber wrdigeren und
freieren Leben vor dem Feind.




                                                                Abends


Eben las ich zum drittenmal Vallys Brief, der fast nur von dem kleinen
Wilhelm handelt. Wie schn ist es doch, wenn ein Mensch dem andern durch
feinste, beleuchtendste Zge versumte Gegenwarten ersetzen mchte!
Neulich, whrend eines heftigen Sturms, luft der Knabe im Garten von
Staude zu Staude, greift schlielich in eine Buchshecke hinein, wo der
Wind gerade am strksten whlt, pret die Hand fest zusammen und rennt
zur Mutter: Jetzt hab ich den Wind gefangen, schreit er in atemlosem
Entzcken, indem er vorsichtig die Faust ffnet, und ist sehr erstaunt,
weil da nichts zu sehen ist, als ein paar Bltter und Stengel.




                                                            8. Oktober


Die Musterung dauerte den ganzen Tag. Den Abend verbrachte ich mit
Leutnant T. in seinem Quartier. Er war verdrielich, weil er solche
Massen abgehender Briefpost zensieren mute, und gestattete nach einigem
Knurren, da ich ihm wieder ein wenig dabei half. Kein Brief darf
durchkommen, durch den die bevorstehende Ablsung verraten werden
knnte. Fast unwillkrlich suchte ich nach der steilen, klaren
Handschrift des jungen Glavina, der oft an seine Freunde so wunderliche
Stze schreibt. Was wre das fr eine geistige Einheit, die wegen der
Explosion einer dummen Granate gleich auseinandersprnge? las ich
diesmal.




                                            Pronville, 9. Oktober 1916


Um drei Uhr frh weckte mich Rehm. Ich trank den Tee im Bett, blieb noch
eine Viertelstunde liegen, bedachte manches. Das Einpacken ging schnell.
Einige Bildchen lie ich, den Dmonen zum Opfer, an der Wand hngen.
Wilhelms Zeichnung, ein Ding halb wie ein Schiff, halb wie ein Vogel,
nahm ich am Ende doch mit. Beinah wre die rote Wachshand der kleinen
Regina in der Schublade liegen geblieben. Ich hatte das Kstchen gestern
beim Umrumen bersehen. Nun sind es zwei Jahre. Was Kindern fr
Einflle kommen! Aber eigentlich hatte die Mutter schuld daran. Warum
zwang sie das Mdchen, eine wchserne Hand auf den Mariahilfberg zu
tragen? Da wars kein Wunder, da Regina dachte: der Doktor hat mehr Mhe
gehabt als die Mutter Gottes, warum soll er leer ausgehn? Da ich die
Reliquie immer bei mir haben soll, war freilich ein Verlangen. Aber
schlielich schleppe ich nicht schwer daran. Ists nicht Liebe, so ists
Aberglaube; auch der hat viel Gewalt.

Die alten Varniers waren bereits aufgestanden und angekleidet, als ich
in die Kche kam, um Abschied zu nehmen und Dank zu sagen. Sie wehrten
ab, -- on remplit son devoir, sagte die Dame hflich. Doch drckten
wir uns krftig die Hnde. Um halbfnf Uhr, bei Finsternis, rckten wir
ab und erreichten Ham um halbneun Uhr. In sehr langsamer Fahrt, ber
Cambrai hinaus, verging der kurze Tag; es dunkelte schon wieder, als der
Marsch nach Pronville begann. Der Mond stand hinter Wolken; doch ferne
Felder schimmerten von ihm. Im Winde war ein Gurren wie von Lachtauben;
drres Laub lief ber den Boden wie Muse. Von der Somme her tost es wie
Weltuntergang; von tausend Mndungsblitzen und Leuchtraketen fiebert der
Himmel.

Um Mitternacht, auf der Landstrae, aen wir bei den Feldkchen Bohnen
und Bchsenfleisch; das war Mittag- und Abendessen zugleich und
schmeckte kstlich. Gern htte man sich den Teller noch einmal fllen
lassen; aber die Vorrte sind bedenklich knapp geworden, und der
Mannschaft ein Beispiel tchtigen Hungers zu geben, kaum rtlich.
Whrend wir noch aen, zersetzte sich das Gewlk zu Flocken; der Himmel
hutete sich, wie wir in Bayern sagen, der Mond wurde frei.

Die Strae ist voll ziehender Kolonnen; erst kommt preuische
Infanterie, bringt bse Kunde, Maurebas verloren, Pronne gefhrdet,
klagt ber viel zu geringe Wirksamkeit unserer Artillerie, ja ohne die
ungeheure Leistung der Infanterie, meint ein Offizier, wre die Front
gewi bereits durchbrochen. Bald hierauf kommen preuische
Artilleristen, besttigen die schlimmen Nachrichten, schmlen ber das
arge Nachlassen der Infanterie und begreifen nicht, warum wir alle
herzlich lachen, als sie beteuern, die Artillerie ganz allein halte noch
die Front.

Franzosen in langen dunklen Mnteln, die Schultern frstelnd
hochgezogen, marschieren in Gefangenschaft. Einige von unseren jungen
Tapsen nhern sich ihnen, scharren ihre paar Vokabeln zusammen, mchten
gerne wissen, wieviel sie drben Lhnung, was fr Essen sie haben, wann
Friede werde und dergleichen. Die Fremden scheinen nicht recht zu
verstehen; ihre bleichen Gesichter starren undurchdringlich im
Mondlicht, und in ihrer Lage, mitten in ihrem zerstrten Lande, ist es
ihnen kaum zu verdenken, wenn sie der naturhaften sddeutschen
Zutraulichkeit wenig entgegenkommen.

Endlich kam bayrische Artillerie auf dem Weg in Ruhequartiere.
Infanterist Wimmer von der 6. Kompagnie tritt mich krftig auf den Fu,
rennt mit flchtigster Entschuldigung weiter, leuchtet jedem
Artilleristen mit der Taschenlampe ins Gesicht. Licht aus! ruft man
ihm zornig zu. Es sind ja die Achter! schreit er verzweifelt; bei
denen ist mein Vater Kanonier, dreht aber das Lmpchen doch ab. Zum
Glck wird bei den Batterien Halt befohlen, und bald gelingt es durch
eifriges Fragen wirklich, den Kanonier Wimmer zu finden. Er ist ein
hagerer, schon ergrauender Mann mit hartem, rasiertem Gesicht voll
kleiner Falten, die Mundwinkel eingekniffen; der Mondschein fiel gerade
auf ihn, so da ich sah, wie seine Augen vor Staunen und Freude gro
wurden. Die beiden schauten sich an, hielten sich bei den Hnden, kamen
lange in kein Gesprch. Die Kunde von dem ungewhnlichen Zusammentreffen
luft schnell herum, und man zieht sich zurck, um die zwei nicht zu
stren. Schlielich nimmt der Vater ein Pckchen aus der Tasche und gibt
es dem Sohn. Die Kompagniefhrer verzgern den Abmarsch; endlich aber
ertnt der Ruf: An die Gewehre! Der lange, schon eingereiht, gibt im
Augenblick des Abmarsches seiner Ergriffenheit unwillkrlich den
einzigen Ausdruck, der ihm innerhalb der soldatischen Form zur Verfgung
sieht: er macht vor dem zurckbleibenden Vater eine regelrechte
Ehrenbezeigung, obgleich dieser keinerlei Charge bekleidet, eine
rhrende Gebrde, die unter den anderen ein leises gutmtiges Lachen
hervorruft.

Nach Mitternacht erreichten wir Pronville. Ich wurde in ein
schloartiges, parkumgebenes Gebude verwiesen. Auf dem Flur erschien
ein Offiziersdiener, der mir vertraulich riet, lieber in die
Nachbarschaft zu ziehen, dort wren saubere Rume frei, hier dagegen
wimmele es von Lusen. Ich vermutete gleich, was bald herauskam, da der
Bursche auf einen Zweck hinredete. Sein Herr hatte bis jetzt in zwei
Zimmern recht bequem gewohnt; nun sollte er eins davon mir einrumen,
und diese Pein suchte der treue Diener von ihm abzuwenden. Auch Rehm
durchschaute den Schlauen und berhob mich der Antwort, indem er
freundlich erklrte, wir frchteten uns nicht vor Lusen, es knnte
sogar sein, da wir etliche mitbrchten, worauf jener wie ein mit
Weihwasser besprengtes Gespenst verschwand.




                                                           12. Oktober


Ein Lager von Edamer Ksen ist im Keller unsers Quartiers entdeckt
worden; der Jubel war ungeheuer. Der Major, der gerade dazukam,
behandelte die Sache sehr dienstlich; vor aller Augen sollte der Schatz
im Hof auf Zeltbahnen geschttet, von Schutt und Schimmel gesubert und
unter die Kompagnien verteilt werden. Der Feldwebel, der die Kse
zhlte, bemerkte, da sie beim Fallen recht hart aufklangen, und zog
sein Messer, um einen anzuschneiden, was sich aber als unmglich
herausstellte; die Masse war wie verbeint. Schweigsam standen die
Soldaten umher; hinter den etwas vergrauten radieschenroten Schalen
mochte sich jeder ein fettes, weiches Gelb ertrumt haben, und noch gab
keiner seine Hoffnung auf. Manche hielten sich nicht mehr, zogen auch
ihre Messer und stachen in die nchsten Rotkpfe, fanden aber den
gleichen Widerstand. Viele entfernten sich jetzt, einige mit Hohnrufen,
andere mit verzichtenden Mienen, als wten sie schon, da ihnen nichts
Gutes gegnnt sei. Dem huslichen Sinn des Majors aber widerstrebte es,
den froh begrten Fund preiszugeben; er befahl, die Kse
auseinanderzusgen, indem er hoffte, sie wrden sich wenigstens auf
Parmesanart zerpulvern lassen. Aber das Innere zeigte sich nicht nur
durchaus fest, sondern auch berall mit einem rtlichgrnen
Zersetzungsnetz durchzogen, das freilich gleichfalls der Verhrtung
anheimgefallen ist. Die Leute, die noch gewartet hatten, gingen jetzt
rgerlich lachend auseinander, ohne sich jedoch zu uern; nur
Infanterist Kristl mute wieder einmal seinen immer arbeitenden Grimm
entladen, indem er vorschlug, die Kse doch an des Kaisers Hoftafel nach
Spa zu schicken. Er sprach so laut, da der Major es hren mute; der
aber wei ja lngst, wie gerne Kristl in ein Strafverfahren verwickelt
wrde, um auf Gefngnisumwegen in die Heimat zu gelangen, und so nahm er
von dem frechen Wort keine Kenntnis.

Zehn Minuten spter ist ein Fuballspiel mit den roten Kugeln im Gang.
Auch Kristl beruhigt sich. An einem Baum lehnend schnitzt er aus einem
abgesgten Stck eine Tierfigur, durch kluge Verwertung der
Schimmelstreifen schn getigert. Endlich aber ist die Masse doch zu
brchig, die halbfertige Form zerbrselt; heftig wirft er sie auf den
Kies.

Der Abend wird kalt. Aus hochgestuften braungesumten Wolken stehen
schrge breite Strahlen wie Flgel einer Windmhle. Bei Bapaume entsteht
eine neue Schlacht; viele glauben, da man uns dort einsetzen wird. Eben
hpft aber ein Gercht umher, als wren wir fr die rumnische Front
bestimmt. Feldpost kommt. Das Shnchen ist wieder gesund und will immer
zeichnen und bauen.






_Am 13. Oktober_ gegen abend wurden wir in Aubigny-au-Bac mit
unbekanntem Ziele verladen. Es vollzog sich langsam und umstndlich. Der
kleine Kommandeur hlt noch immer nicht viel von schwbisch-bayrischer
Gewandtheit und Findigkeit und will wieder alles allein tun, jede
Feldkche, jedes Maschinengewehr selbst verstauen. Alles lacht und
schimpft ber ihn wie ber das Urbse, whrend er mit kummervoll
verbissenem Gesicht und heftigen spastischen Gebrden Befehle bellt,
welche niemand versteht, bis endlich der Bahnhofkommandant ungeduldig
wird und ihm hochmtig droht, er werde den Zug in fnf Minuten unter
allen Umstnden abfahren lassen. Dies gert nun unserem aufgeregten
Gebieter zum Heile; mit einem Schlag regen sich alle Hnde fr ihn. Denn
wenn er uns auch oft gar zu sehr in Atem hlt und mancher ihm eine
kleine Unannehmlichkeit wohl gnnte, er ist doch unser Kamerad, und sein
drftiges, fahlgraugrnes Umhngchen, stearinsteif von den
Kerzenlichtern vieler Unterstnde und verdreckt von allen Erden
Frankreichs und Flanderns, ist uns wahrlich ehrwrdiger als der
nagelneue Prunkmantel des Herrn Oberstleutnants vom Bahnhof. Ungeheien
greift jetzt jeder zu, ein Viertelstndchen, und der Zug steht bereit.

Es begann aus tiefen Wolken zu regnen; ich fand Platz bei zwei
Kompagniefhrern, a noch einen Apfel und wickelte mich in die Decke.
Etwas Fieber scheint mir im Blute zu spuken, -- wie froh bin ich, da
Ruhetage kommen und hinter ihnen eine groe Reise! Ich schlief bald ein
und trumte mancherlei. Einmal sah ich Vally mit Wilhelm an einem
Tischchen sitzen. Sie hatten Spielkarten zu Reihen gelegt und sahen, die
Stirnen in die Hnde gesttzt, Schachspielern hnlich, darauf nieder.
Spter kam auch die kleine Regina, setzte sich zu ihnen und tat wie sie.
Pltzlich zog sie einen versiegelten Brief hervor, hielt ihn mir hin,
ohne von den Karten aufzublicken und sagte: Es ist nichts Eiliges. Nur
eine Botschaft vom Heiligen Geist. Beim Erwachen war mein Rcken
feucht; ich merkte, da das Fieber geschwunden war.




                                                           14. Oktober


Frhstck in Charleroi. Vor einem Jahr, um die nmliche Stunde, bin ich
auf dem Wege zur Front hier durchgefahren. Den spitzen Schlackenbergen
ist seither noch etwas mehr Grn angeflogen; bald werden sich
Rasenflchen ausbreiten, dort und da steht schon ein Bumchen. Ich
freute mich wieder der nahen Kanle mit den Pappelreihen, die der
Meerwind seltsam zugeformt hat, der alten Mnner und Frauen, die an
Seilen ihre behbigen Barken dahinziehen, der lieben blonden Kinder, die
zutraulich heranspringen und um Brot bitten. Am Fu der schwarzen Berge
steht ein Wasser mit fettig schillernder Haut, aus der wie Speere einer
versunkenen Phalanx lange drre Schilfrohre schrg aufstarren. Schafe
liegen kauend im Gras; der Himmel ist niedrig und grau, voll
silberheller narbiger Einziehungen.




                                                           15. Oktober


Noch schlafen alle; mich allein haben Licht und Klte geweckt. Der Zug
fhrt auf hohem Viadukt ber einem Tale voll Nebelrauch; spitztrmig
steht ein Schattendrfchen vor dunkelblau durchscheinendem Hgel,
darber die Sonne als berstrmender Glanz in zerhhltem Gewlk. Essen
veratmen graugelben Dampf, der am Rand ins Purpurne spielt. Ich sah in
die rote Glut eines Hochofens hinein, schwarze Mnner gingen hin und
her, so hab ich mir als Kind Salamander im Feuer getrumt. Nach diesem
Anblick schlief ich noch einmal ein.

                   *       *       *       *       *

Immer schneller gegen Osten. Diesen Tag will ich keine Bezeichnungen der
Bahnhfe, keine Plakate, keine Dorfnamen lesen, auch nicht hinhren,
wenn sich die andern darber unterhalten. Auf die namenlose Landschaft
will ich achten, wie sie sich leise ndert und die Tnung des Himmels
ber ihr.




                                                     3 Uhr nachmittag


berall braunrotes Ackerland, mit Wintersaat lichtgrn bestubt, die
Bume schon viel mehr vergilbt als in Pronville und Libermont. Eine
rtliche Strae fhrt zu kleinen Ortschaften und darber hinaus zu Hhen
mit Gehlz und Gestrpp. Langsam fahren wir durch einen kleinen Bahnhof;
eine alte Buerin steht allein an der Sperre. Ihr schwarzes Kopftuch
bildet ber der Stirne ein spitzbogiges Vordchlein, und auch die vielen
tiefen Furchen des Gesichtes streben gotisch zueinander auf.
Die Bahnhofuhr zeigt eine falsche Stunde; darunter liegen,
aneinandergefesselt, Kirchenglocken, die Klppel ausgerissen, die
Sprche und verzierenden Figuren mit nassen Blttern beklebt. Sie mssen
zum Einschmelzen fr neue Geschtze bestimmt sein. So bin ich diesmal
schlafend ber den Rhein gefahren. Wir sind in Deutschland.




                                                           16. Oktober


Es regnet, und man bringt das Frsteln nicht los. Als ich eben zu mir
kam, lachten die Kameraden und sagten, ich habe zwlf Stunden geschlafen
und schon zweimal das Essen versumt. Einmal aber mu ich doch wach
gewesen sein, vielleicht gestern abend. Wir fuhren gerade an Leipzig
vorbei, und ich erstaunte, da die Stadt so unversehrt unter dem
Gewitterhimmel ruhte, da nicht jedes Haus, jeder Turm zertrmmert war,
eine sonderbare Tuschung des Fiebers.

Die Stunden werden lang; die andern spielen Karten und rauchen; ich habe
einen Aufsatz ber Atome und Elektronen nahezu auswendig gelernt, sodann
im Notizbuch abgerissene Stze gefunden, die ich in Briefen Glavinas
gelesen und nie ganz vergessen hatte, so da ich sie spter leidlich
getreu nachschreiben konnte. Nun suche ich den einen oder andern in
meiner Sprache zu entwickeln, frchte nur, da dann etwas anderes daraus
wird, da der ursprngliche Jugendklang verloren geht.

                   *       *       *       *       *

Es gab wilde Zeiten, da ri der Sieger dem erlegten Feinde das Herz aus
der Brust und a es auf, weil er dadurch die Tugenden und Krfte des
Toten zu erben hoffte. Zugegeben, da dies ein kindisch-grausames
Verfahren war; aber so vllig sinn- und ehrfurchtslos, wie es dem ersten
Blick erscheinen mag, ist es doch nicht. Ha, ist er mit Liebe nicht aus
einer Wurzel? Der Meister der Menschen, ernhrt er nicht seit
zweitausend Jahren mit seinem Herzen unzhlige Seelen? Mir ist, als sei
keiner von uns zu langem Leben berufen, -- erkennen wir es doch! Opfern
wir uns bewut und freudig dem unbekannten Geiste der Zukunft, bevor uns
ein armseliger Zufall ereilt und sinnlos zerfleischt!

                   *       *       *       *       *

Durchsichtig-dichte Jahre der Kindheit! Wo man sich wunderte, weil in
der Welt nur immer gerade so viel Wichtiges und Gefhrliches geschah,
da die Zeitung davon genau voll wurde, nie mehr und nie weniger!
Meistens, wenn die Bltter ins Haus kamen, teilten sich Vater und Mutter
darein; gespannt und sorgenvoll blickten sie auf die bedruckten Seiten,
es mute ruhig im Zimmer sein, und ich durfte meine Angelegenheiten
nicht zur Sprache bringen. Aber wie Sonnenfinsternis ging der ngstliche
Zustand vorber; verchtlich wurden die Papiere weggelegt, und alles
Fremde war damit unschdlich gemacht und abgetan. Heute nacht nun hatte
ich einen seltsamen Traum. Ich war wieder Kind und ging whrend eines
Gewitters ber steinige Berge. Ein weies Blatt hielt ich in Hnden und
wandte keinen Blick davon. Frage ich mich jetzt, was auf der weien
Flche stand, so mu ich bekennen, da sie ganz leer war, ohne Schrift,
ohne Zeichen; dennoch las ich mit Entzcken darin. Tiefziehende Wolken
besprhten das Blatt, Blitze loderten darber hin, Himmel und Felsen
ertnten, und schaurig aus der Ferne riefen die Geister der Toten. Ich
aber las auf dem leeren Wei unsagbar selige Begebenheiten und kmmerte
mich nicht um Gewitter und Rufe der Toten.

                   *       *       *       *       *

O Freund, ich selber wrbe gern ein Heer zu wunderbarem, nie gewagtem
Feldzug; aber es ist noch zu frh, der Feind, den wir berall spren,
htet sich zu erscheinen, in keiner Sprache noch lt sich die Parole
ausgeben, und die ich wecken soll, die schlafen noch zu tief. Ists da
unklug, wenn ich so, wie frher Knigsshne taten, einstweilen in einer
anderen Armee diene, damit ich mich schon jetzt an kriegerisches Treiben
gewhne? Ja, suchen wir Gefahr und Mhsal, wie sie sich gerade bieten,
so bereiten wir uns fr hhere Mhsal, wahrere Gefahr. Mir ist wie einem
Tter, der seine Tat noch nicht kennt. >Raube das Licht aus dem Rachen
der Schlange!< Was ist es fr eine Stimme, die mir dies Wort manchmal
zuruft aus tiefem Schlaf?






_17. Oktober_ erwachte ich zum ersten Male wieder mit gesundem Blick,
doch gab es zunchst nichts zu sehen als unendlichen Nebel, der sogar
die Namen der Bahnhfe verdeckte. Der Kompa zeigte Zugrichtung Sdost.
Als es nach zwlf Uhr sich lichtete, glaubten wir uns groen
Schilfgebieten zu nhern, die sich spter als abgeerntete Maisfelder
erklrten. Der Dunst stieg auf und wurde Gewlk, das gegen Abend in
unzhlige spitze Htchen auseinanderfiel, als wre fern im Raum ein
Lager weier Zelte aufgeschlagen. In groflchiger Landschaft mit
Gebirgshintergrnden kam die Donau nher, geschmckt mit herbstlichen
Inseln, deren eine von Pappelsilberlaub wie blhend schimmerte. Auf
rundem Hgel steht ein griechisches Tempelchen, in dessen Kuppelmessing
sich der letzte Abendglanz verfngt. Von Kisgd aus, das unter den roten
Gefiedern alter Akazien halb verborgen liegt, fuhren wir immer schneller
der ungarischen Hauptstadt zu. Kchenordonnanz Klingensteiner, Kerzen
bringend, verrt uns, stotternd vor Entzcken, da wir in Budapest
Stadtquartiere beziehen werden. Einige umarmen einander vor Freude,
Koffer werden aufgesperrt, leichte Stiefel und Urlaubsmtzen
hervorgeholt. Leutnant H. und ich beschlossen, ein Kaffeehaus in der
Andrssystrae zu besuchen, einer wnschte vor allem das
Parlamentsgebude zu sehen, ein anderer die Burg; alle drngten wir zum
Fenster. Nahe den ersten Vororten bog aber der Zug nach Sden ab und
trug uns mit gewaltiger Eile von der trmeschimmernden Stadt hinweg in
die Nacht hinein. Mtzen und Stiefel wurden wieder eingepackt, wie immer
die Kerzen angezndet und in leere Konservenbchsen gestellt, ein
Kartenspiel auf ausgespannter Zeltbahn begonnen. Klingensteiner, Tee,
Brot und Wurst auf dem Brettchen tragend, wagt sich kaum herein, bser
Worte gewrtig; nahezu weinend entschuldigt er sich, er msse eine
uerung des Adjutanten falsch verstanden haben. Spt kam noch der Major
herber, verdrielichen Gesichts; es war, als ob er einem das bichen
Licht wegnhme. Seine Natur ist mehr agil als aktiv; ruhende Menschen zu
sehen, macht ihm Pein. Er sah von einem zum andern; endlich erkundigte
er sich bei mir nach der Gesundheit der Mannschaft. Ich war unbedacht
genug, ohne viel Errterung das Gnstigste zu berichten. Er meinte,
darber liee sich doch nicht so leichthin urteilen, das beste wre,
wenn ich von morgen an tglich bei grerem Aufenthalt mit meinem
Unteroffizier den Zug entlangginge und von Wagen zu Wagen ausdrcklich
fragte, ob niemand erkrankt sei. Die suggestive Wirkung solcher Fragen
bedenkend, lie ich mir ein unziemliches Lcheln zu schulden kommen, was
der alte Herr schlimm vermerkte; er spitzte seinen Rat zum Befehl und
verlie uns ohne Gru. Wir sprachen vor dem Einschlafen noch eine Weile
von ihm. Leutnant H., der Gtter- und Sagenkundige, erinnerte, da nach
altem nordischen Glauben die bsesten Mchte sich in gute verwandeln,
wenn es ein einziges Mal gelingt, sie zum Lachen oder auch nur zum
Lcheln zu bringen; es wre an der Zeit, meinte er, dieses Mittel bei
unserem finstern Gebieter zu versuchen.




                                                           18. Oktober


   Im Uferwald verborgen
   lag die Morgensonne.
   Wir stieen vom Strand.
   Sie sprang ins Wasser,
   gab ber den Strom uns
   ein funkelnd Geleite.

Diese alten Verse fielen mir heute beim Erwachen ein, als wir eben ber
einen Flu fuhren, wo die Sonne tiefgespiegelt neben uns mitreiste.
Nachts war ich mehrmals munter geworden, whrend irgendwo der Zug
stillstand; so glaubte ich, wir seien kaum weitergekommen und sprach den
Flu noch als die Donau an, es war aber die Thei. Bald sahen wir in
weiter Ebene Gehfte mit haushohen Ziehbrunnen, Herden schwarzwollig
behaarter Schweine, junge Feldarbeiterinnen mit weien, blaugestreiften
Kopftchern, die am Rand eines Kukuruzackers Krbisse sammelten. Als die
Soldaten ihnen zuwinkten, kreuzte eine die Arme heftig ber der Brust,
um sie dann, mit fremdartigem Ungestm, dem enteilenden Zuge
nachzustrecken.

                   *       *       *       *       *

In Bkscsaba stieg ein himmelblaues Urlaubsoffizierchen zu uns herein,
ungarischer Kavallerist, dessen knabenhafter berschwang ein Weilchen
wie Kolibrigeschwirr die ernsten deutschen Kuze unterhielt. Er duzte
uns alle, wie es im verbndeten Heere blich ist, verteilte seinen
halben Zigarettenvorrat, lie uns die Photographie seiner Braut
bewundern und versicherte uns auf ewig seiner unbedingten Freundschaft,
verga auch nicht, uns zu erinnern, es gbe nur den Sieg oder den Tod
fr uns, kein drittes. Als wir uns Arad nherten, berreichte er jedem
eine Postkarte mit seinem Bild und erbat sich Gegengaben. Vergeblich
suchten wir lange in allen Taschen; doch fand sich endlich bei mir ein
wunderschnes Lichtbildchen der Tnzerin Clotilde von Derp, von Meister
Holdt wie ein Gemlde aufgenommen und nach Libermont gesandt; dies gab
ich schlielich mit bsem Gewissen hin. Deine Braut? schrie der Ungar
und uerte malos Dank und Entzcken. Ich berlegte, whrend er die
Reize der zarten Gestalt wie ein Kenner hervorhob, ob ich eingestehen
sollte, da ich leider nie die herrliche Knstlerin von Angesicht zu
Angesicht gesehen, sagte mir aber, da dies albern wre, und lie mich
getrost als den glcklichsten der Mnner feiern und beneiden.

In Arad kaufte ich zwei Flaschen Tokaier und verwahrte die eine im
Sanittswagen; die andere teilte ich mit Raab, so da wir bald in die
Laune gerieten, den Befehl von gestern auszufhren. Eindringlich fragten
wir vor jedem Wagen die guten Leute nach ihrem Befinden. Einige
lchelten verlegen, andere erschraken sehr, da sie glaubten, wir htten
irgend etwas Niedertrchtiges mit ihnen vor. Als ihnen aber klar wurde,
da die Frage ernst gemeint sei, da sprte der eine oder andere bald ein
Ziehen, Drcken oder Schneiden; ja mancher brave Junge, der noch vor
fnf Minuten seiner Gesundheit allerhand Proben zugetraut htte, begann
sich ein wenig lazarettreif zu fhlen. Ich begngte mich fr heute mit
zwlf Krankmeldungen; es wren aber leicht vierzig oder fnfzig zu
erreichen gewesen. Die Meldung, die ich nach dem Mittagessen im Bahnhof
zu Arad erstattete, rief den erwarteten Schrecken hervor, und als ich
nun ehrerbietig meine Grnde gegen das neue Verfahren vorbrachte, fand
ich keinen Widerspruch. Besnftigend fgte ich brigens hinzu, da ich
bisher noch keinen der Erkrankten in ein Lazarett berwiesen habe,
sondern versuchen wolle, sie bei der Truppe zu behandeln. Gegen Abend
fuhren wir zwischen Waldbergen einem neuen Flu entlang, der uns seither
nicht mehr verlt; es ist die Maros.




                                              Parajd, 19. Oktober 1916


Kurz vor Mitternacht fuhren wir in den Bahnhof Maros-Vsrhely ein, doch
nur zu flchtigstem Aufenthalt. Stab und fnfte Kompagnie sollten
bergaufwrts weiter bis Parajd. Whrend der Viertelstunde, die wir in
den Warteslen verbrachten, umdrngten uns Frauen und alte Mnner aller
Stnde und baten mit einer verzweifelten Instndigkeit um etwas Tabak.
Unendliche Verdrossenheit spricht aus allen Mienen; die rasche
Entziehung des jahrhundertelang gewhnten Giftes hat die Menschen
furchtbarer ernchtert als feindlicher Einbruch und Hunger.

Um einhalbein Uhr bestiegen wir die Schmalspurbahn. Fnf Stunden
gedachte ichs im bloen Mantel wohl auszuhalten und lie meine beiden
Decken beim groen Gepck zurck. Aber dem Wagen fehlten smtliche
Fenster, die Klte stieg mit den Kilometern, aus Regen wurde Schnee, den
der Wind auf uns hereinwarf. Erstarrt sah ich morgens um sechs Uhr das
Trmchen von Parajd. Wir standen vier Stunden in Bahnhofnhe zwischen
zerstrten Geleisen, auf welche wie zerrissene Nervenbndel abgesprengte
Telephonstrnge niederhingen. Schlielich verlautete, unsere Nachtfahrt
sei unntig und dem Versehen eines Generalstabsoffiziers zu verdanken
gewesen. Junge fluchten, Alte murrten; alle aber verstummten, als uns
echtes Unglck entgegentrat. Von der Bahnhofstrae, deren Rand
unabsehbare Reihen von Flchtlingen besetzt hielten, sahen wir
sterreichische Krankentrger auf uns zukommen, die vorsichtig auf
Bahren drei kleine verhllte Gestalten dahertrugen. Es waren Kinder
einer Flchtlingsfamilie, die beim Spielen eine scharfe Handgranate
gefunden, sich darum gebalgt und dabei die Schnur herausgezogen hatten.
Die Explosion hatte die Mutter, die gerade Kochfeuer anznden wollte,
gettet, die drei Kleinen schwer verwundet. Die Gromutter, Siebenbrger
Schsin, die weinend den stillen Zug begleitete, meinte, man msse
solche Vorflle den Kaisern und Knigen der ganzen Welt zu wissen
machen, damit sie traurig wrden und von dem gottlosen Kriegfhren
ablieen. Indessen war auf einmal die Sonne frei geworden und
beleuchtete sehr hell einen hohen Berg, der allen auffiel. Der untere
Teil zeigte fahlgrne, mit Steinen durchsetzte Matten, dann folgte, wie
mit Sorgfalt umgelegt, ein schmaler Tannengrtel, und aus diesem spitzte
sich schneeglnzend eine mchtige Pyramide in das zerflieende Grau. Der
feierliche Anblick bannte jeden; sogar die alte Frau verstummte, und
ich, darf ich mirs zugeben, da das Jammerbild der zerfetzten Kinder mir
im Nu vllig ausgelscht war? Da es mir in der herrlichen Schau
zerschmolz, als wre es zufllig und nur am Rande geschehen wie die
meisten Begebenheiten der Zeit, dort aber, geltend und geisterbehtet,
stnde ein geheimes Gesetz, das lngst all unsere Leiden und Schrecken
bernommen hat?

Um elf Uhr wurden Quartiere bezogen. Ich stellte alle Mdigkeit zurck
und holte erst nach Revierdienst und Fuappell den versumten Schlaf ein
wenig nach. Vor Mitternacht -- wir saen noch lesend und plaudernd
beisammen -- hrte man auf der Strae Pferdegetrappel und -geklingel,
dann wurde schchtern die Hausglocke gelutet. Jemand bat um Einla,
obgleich die Tre nicht verschlossen war. Es war der Eigentmer des
Hauses, ein lterer Mann, der mit seiner Familie vor den Rumnen
geflohen war und nun vorderhand allein zurckkehrte, um Lage und
Aussichten zu erfahren. Hflich lie er um einen kleinen Schlafraum
bitten und blieb geduldig vor seinem erleuchteten, von Fremden besetzten
Hause stehen, bis er Bescheid erhielt. Der Major ging selbst hinunter,
um ihn zu begren, und bot ihm ein Abendessen an, das jener bescheiden
ablehnte, vllig zufrieden, in seinem Anwesen ein drftiges Obdach zu
erhalten.




                                                           20. Oktober


Heut ist Ruhetag, und endlich fhrten wir die Typhusimpfung durch, die
schon seit August fllig ist. Zwei groe Schulzimmer waren
uns berlassen. Um Raum zu gewinnen, hatte man die Bnke
bereinandergestellt. Auf dem Katheder lagen noch spanisches Rhrchen
und Kreide; an der Wand hingen Tafeln mit Abbildungen von Pflanzen,
Tieren und allen Menschenrassen der Erde. Mir war ein wenig bang vor
dieser Impfung, und gern htte ich sie noch einmal verschoben. Denn
wieder sind die neuen Kanlen, die vielmals angeforderten, nicht
eingetroffen; die alten aber haben bereits arge Widerhkchen an den
Spitzen, wodurch der Einstich und das Herausziehen sehr schmerzhaft
werden. Aber es gab kein Verzgern, und so half ich mir denn, wie ich
konnte, und verfiel schlielich darauf, ein bichen Theater zu machen,
um die Aufmerksamkeit der Mihandelten abzulenken. Zuerst entkleidete
ich mich selbst und versetzte mir vor der harrenden Mannschaft den bsen
Stich, wobei meine Mienen, glaube ich, in guter Ordnung blieben. Dann
kamen Dehm und Raab daran; sie waren wohl belehrt und hteten sich, zu
zucken. Spter nahm ich die Bildertafel mit den vielen wilden Vlkern
zum Anla und gab, indessen ich die Haut der armen Burschen zerschund,
manches zum besten, was ich dereinst ber Indianer und Malaien gelesen.
Sonderbarer Sitten der wilden Timmes wurde gedacht, die den Genossen,
den sie zum Knig whlen wollen, am Tage vor der Krnung fast zu Tode
prgeln, so da er zuweilen seine Thronbesteigung nur kurze Zeit
berlebt, auch die Fidschi-Inseln nicht vergessen, wo liebreiche Kinder
unter vielen Trnen ihren Vater lebendig begraben, festen Glaubens, da
er dann jenseits in aller Kraft und Herrlichkeit des Todestages ewig
weiterleben werde. Die guten Soldaten lauschten aufmerksam und schienen
ber jenen ungeheuerlichen Grausamkeiten die kleinen wespigen
Einspritzungen wirklich leicht zu verschmerzen. Als alle Kompagnien
schon abgerckt waren, kam auch noch der Herr Oberst, um sich impfen zu
lassen, fuhr aber dabei so heftig zusammen, da die Nadel schier
zerbrach und uerte sich gar ungndig. Den Mannschaften gegenber war
er freilich sehr im Nachteil, da ich ihn leider ehrerbietig-schweigsam
verletzen mute, ihm schicklicherweise weder Gebruche der Wilden noch
sonst etwas erzhlen konnte.

Die Stunde vor dem Abendessen verschlief ich. Das Impfgift wirkte wie
immer, ich trumte viel. Mir war, als lgen Jahre des Wachens, Denkens,
nach innen Gerichtetseins hinter mir. Nun aber saen wir im Kreis um
einen franzsischen Kamin, Vally, Stefanie, klein Wilhelm, die Freunde,
etwas abseits Regina. Wir froren und streckten die Hnde zum Feuer.
Regina trug ihr schwarzes Zglingskleid mit rotem Grtelband. Ihre Hand
war verbunden, aber auch alle anderen trugen Verbnde. Wilhelm hatte
eine schwarze Binde ber einem Auge. Doch waren wir guter Dinge und
plauderten viel von unserm frheren Leben. Auf einmal sagte Regina: Die
Mnner sind schlecht. Sie frchten sich vor mir und laufen nach
Frankreich zum bsen Feind. Da lachten die anderen hellauf; aber indem
sie lachten, wurden sie sehr unruhig und ganz durchsichtig; schlielich
verzog sich eines nach dem andern in den Kamin hinein und entschwand mit
den Flammen.

Als ich erwachte, war eben die Feldpost gekommen, und vor dem klaren
Klang des Lebens zerstob aller Trug der Trume. Auch Wilhelm hat ein
paar Zeilen angefgt; es mag ihm sauer geworden sein. Ein Urlauber,
schreibt er, hat uns verraten, da du nach Siebenbrgen kommst. Das
freut mich. Dort gibt es Gold in den Bergen und Flssen. Der Oskar Appel
hat es in der Erdkunde gelernt. Nimm so viel du tragen kannst und bring
es mir mit! Ich kann es gut brauchen. Der Brief war einem schnen
silbergrauen Umhang mit breitem, dunkelblauem Kragen angeheftet, den
mehrere unserer Offiziere, die ihn spter sahen, mit Entrstung als
vorschriftswidrig bezeichneten. Hchstens Generale der Artillerie
drften einen so breiten Kragen haben, auf der Stelle msse ich ihn von
einem Kompagnieschneider abndern lassen. Der Major aber sagte lachend,
fr die rzte des Landsturms gebe es keine eindeutigen Vorschriften, ich
solle mir das Zeug ruhig umhngen, es knne mir nur zum Vorteil
gedeihen.




                                          Szentllek, 21. Oktober 1916


Ehe wir Parjd, beim ersten Zwielicht, verlieen, konsultierte mich der
Major. Sein Hftnerv ist entzndet; er hat Fieber und kann sich vor
Schmerz kaum auf dem Pferde halten, will aber seinen Posten nicht
aufgeben und daher das Lazarett vermeiden. Schlielich gab er mir in
Scherz und Ernst den dienstlichen Befehl, ihn abends zu besuchen und bis
zum andern Morgen zu heilen. Mir fiel ein, da noch die starken
Maretin-Laudanon-Pulver in der Brieftasche stecken muten, doch erwhnte
ich nichts davon.

Das Ding will bedacht sein. Der kleine alte Herr ist unbequem,
qulerisch, aufsssig; aber er ist es nicht nur nach unten, sondern mehr
noch nach oben, ein seltener Fall in der Armee. Niemals lt ers um sich
herum gemtlich werden -- aber sind wir denn hier, um es gemtlich zu
haben? Er wei Nchternheit und Migkeit zu erzwingen, -- soll ich
leugnen, da ich mich gesund und frei dabei fhle? Und einer, der uns
fters reizt und beizt, entwickelt er uns nicht am Ende krftiger als
einer, der uns freundlich gehen lt? Nein, der kleine graue Dmon
gehrt schon einmal zu uns und unserm Schicksal, -- vielleicht helfen
die Plverchen, er soll sie haben!

Langsam stiegen wir die Strae nach Szentllek hinan, die ein heier
Wind schnell auftrocknete. Der Himmel sah seltsam aus; mein frher
Traum, als ob jede Stadt, jede Landschaft an der Formung ihrer Gewlke
mitwirke, meldete sich wieder. Ich sah lichtweie schwarzgekernte Blle,
dazwischen Meeresbrandungen mit abgesprhtem Schaum, dahinter eine graue
Bank, besetzt mit spitzen silbernen Bumchen. Bald wurden wir inne, da
wir uns durch eine der salzreichsten Gegenden Europas bewegen; rein und
wei tritt hier und da der Salzstein aus dem grauen Mergel. Mancher
bricht in der Marschpause ein Stckchen ab, wgt es betrachtend und
steckt es wie einen Edelstein in den Tornister.

In den Drfern sind alle Huser mit gleichem stumpfem Blau getncht; um
jedes luft eine Galerie mit schlanken hlzernen Sulen, die das
vierflchige steile Walmdach tragen helfen. Die Grate, mit vielen
schrgen Zacken besetzt, sehen wie gestreckte Wirbelsulen aus. Alte
Leute, traurig und freundlich, standen vor den Tren; einmal drngten
sich schwarzugige Madjarinnen heran und berichteten schreiend
schauerliche Untaten der Rumnen, worauf blonde deutsche Frauen, die
seit ihrer Kindheit im Dorfe wohnen, besonnen-still, sichtlich auf
Gerechtigkeit bedacht, jene berschweren Anklagen auf ihr Ma
zurckfhrten.

Gegen zwlf Uhr gelangten wir vor das groe Dorf Szentllek, rckten
aber nicht ein, sondern lagerten samt groer und kleiner Bagage auf
einem heckenumflochtenen Anger, wo sogleich die Feldkchen geheizt
wurden. Kirchengnger, von der Sonntagsmesse heimkehrend, ungeheure
Gebetbcher im Arm, nherten sich auf allen Wegen, die Mnner zgernd,
die Frauen mit lftigem, zuversichtlichem Schritt. Unter vielen Worten
machten diese verheiende Zeichen und liefen auf einmal alle in die
Huser, von wo sie bald mit Krben voll Obst und Eimern voll Milch
zurckkehrten. Das Dorf hat noch vor drei Tagen unter dem rumnischen
Einbruch zu leiden gehabt; nun freut es sich ber den Vormarsch der
Deutschen und erschpft sich in Gebelust. Milch schumt in alle
Feldbecher, und mit goldensten Parmnen fllen sich die Taschen. Langsam
kommen auch Mnner herbei, voran der uralte Pfarrer. Ihm haben die
Eindringlinge, da sie deutsche Bcher in seiner Stube fanden, zur Strafe
den ganzen Mewein und obendrein die goldene Brille weggenommen. Whrend
er dies in leidlichem Deutsch mit gelassenem Humor erzhlt, packt
Leutnant N. seine lange gesparte Flasche Burgunder aus; der Greis nimmt
das Geschenk als ein der Kirche dargebrachtes ohne Zgern an und
verspricht seine nchste Messe fr den Spender zu lesen. Die brigen
Mnner treibt eine Hoffnung, Tabak zu erhalten, immer nher. Seltsame
Tauschgeschfte kommen zustande. Fr drei Zigaretten erhlt ein Soldat
ein Dutzend Eier, ein anderer fr zwei Pckchen Knaster eine fette Gans.
Mich aber suchten die Kranken des Dorfes; der Sanittswagen wird
erschlossen, Verbandstoff und Arzneien freigebig verspendet, bis Raab
erschrocken gemahnt, da uns im Gebirge niemand ersetzen wird, was wir
hier unbedacht hingeben. Indessen hat uns die Regimentsmusik eingeholt;
sie stellt sich in der Angermitte auf, spielt madjarische Lieder. Die
Kranken vergessen ihre bel, Soldaten und Mdchen tanzen, die Stunde
wird zum Fest.

Um drei Uhr war es Zeit, das Dorf zu besetzen, damit uns nicht
nachrckende Bataillone die Quartiere wegnhmen. Mir ist eine
balkengedeckte Stube in einem alten Bauernhause zugewiesen. Es ist sehr
dumpf und dster innen, die Fenster klein, das Lager hart, schmal. Von
Bewohnern hab ich bisher nur den Bauer gesehen, einen krnklich und
grmlich aussehenden Mann, der uns aus dem Wege geht. Um die besonnte
Galerie drauen ist ein singendes Geschwebe winziger Holzwespen; die
haben Sulen und Gelnder tausendfach durchlchert und schlpfen
unermdlich ein und aus. Morsch, einsinkend ist alles, um so wundersamer
das ganz neue, reichgeschmckte Hoftor. Es hat hohe, breite Flgel mit
zierlichen Gittern und schn geschnitzten und bemalten Flchen. Gewinde
von Tieren und Pflanzen umkrnzen beiderseits einen blauen Leuchter mit
gelbrot brennender Kerze, zu der sich eine grne Schlange hinaufringelt.
Oben auf den Torpfosten ruht ein langes niedriges Gehuse, eine Art
Arche, bemalt mit roten Tubchen, zwischen denen durch runde Luken
wirkliche Tauben verkehren. Sah denn das Tor dem ersten Blick so fremd
und gestohlen aus, als wrs von einem groen Gutshofe herverschleppt
worden, so merkt man bei lngerem Vergleichen doch, da es aus dem alten
Hauswesen hervorgewachsen ist. Ein sonderbarer Einfall war es freilich,
statt beim Hause beim Tor zu beginnen; immerhin errt man, wie das Ganze
werden soll. Der Krieg hat auch dieses Wachstum unterbrochen, und
vielleicht ist nur darum der Bauer so gedrckt und scheu, weil er seinen
Hof nicht erneuern kann und sich dabei verkmmern fhlt. Wer baut,
erbaut sich selber, -- es gilt das alte heilige Wort.

                   *       *       *       *       *

Nach dem Revierdienst zum Kommandeur befohlen. Er lag in einem breiten
Bett, mit Schafpelzen bedeckt, vom Fieber geschttelt. Sehr ungehalten
zeigte er sich, als ich ihm Arznei geben wollte.

Was soll mir das Gift? rief er. Gibt es etwas Frevelhafteres, als da
man chemische Substanzen in das Blut bringt?

Ich entgegnete, da wir doch selbst aus lauter chemischen
Zusammensetzungen bestnden, die nur zuweilen unrichtig
ineinandergriffen, und dann mte eine neue eingefhrt werden, welche
die falschen Verbindungen lste. Als er noch zgerte, erinnerte ich ihn
daran, da erkrankte Tiere sich fters Kruter und Bltter suchten, die
sie sonst niemals fren, und rasch davon gesund wrden. Dies lie er
gelten und nahm nun das Pulver fast gierig.

Den Abend verbrachte ich mit Offizieren in meinem Quartier. Eine der
Patientinnen vom Vormittag hat zwei Enten geschickt, die lieen wir
braten und tranken Apfelmost dazu. Die frohe Stunde auf dem Anger klingt
noch in allen; viele glauben, es werde sehr bald Friede geschlossen
werden. Einer erwartet vom deutschen, ein anderer vom russischen Kaiser,
ein dritter von Wilson das weltbefreiende Wort. Mancher dieser lieben
Menschen sprt im innersten Herzen vielleicht schon den nahen Tod und
sieht nun in wunderbarer Verwechslung das Ende des Krieges gekommen.

Immer um uns herum ging indessen die Hausfrau, ein nicht mehr junges
Weib, derbe Gestalt, welche sich aber im schnsten Mae bewegt,
hellgraue Augen, darunter breite braune, leicht geschwollene Schatten,
die von feinen blauen Venen umlaufen sind, schwarzes Kopftuch, unter dem
rauhes rotes Haar hervorsieht. Sie kostet von Most und Speisen, bringt
pfel und Pflaumen dafr und lehrt uns madjarische und rumnische Worte.
Mich hatte sie zuerst fr den Feldgeistlichen gehalten und mit groer
Scheu behandelt; nun sie wei, da ich ein ungesalbter Mann bin wie die
andern, wird sie sehr zutraulich und sucht mich als ihren Wohngast und
ltesten der Tafelrunde zu ehren, indem sie oft nach meinen Wnschen
fragt und mich dabei jedesmal auf zeremonise Weise halb umarmt, ein
Benehmen, das am Tische viel Gelchter hervorruft; aber darum kmmert
sie sich nicht. Zuweilen spricht sie mit sich selber, in anmutigem
Wahnsinn scheint ihr Wesen zu kreisen. Von Zeit zu Zeit ging sie in die
Wohnstube hinber, wo ihr Mann finster, unteilnehmend am Herde sa, gab
ihm Zigaretten, die wir ihr geschenkt hatten, und redete ihm, wie mir
vorkam, begtigend zu. Zuletzt, wie ein Kind, brachte sie Schachteln mit
Karten, Briefen und Heiligenbildchen zum Betrachten. Wie sehr erstaunte
ich, darunter ein Blttchen mit der Skizze jener am Hoftor ausgefhrten
Zeichnung zu finden! Hier, wo sich das Ornament als ein erst
entstehendes zeigte, regte es die Einbildung strker an: ich konnte es
nicht lassen, mute ein Meldeblatt nehmen und nachzuzeichnen versuchen.
Dabei wurde, wie stets in solchen Fllen, etwas anderes daraus. Ein
stattliches siebenbrgisches Haus im Hintergrund anzugeben, gelang
einigermaen; vorn am Tor aber hat die Schlange den Flammenkern von der
Kerze gebissen und trgt ihn zwischen den Zhnen fort. Darunter schrieb
ich den Satz, den ich einst bei Glavina gelesen: Raube das Licht aus dem
Rachen der Schlange! Die Kameraden lachten, sie meinten, der Most sei
mir betrchtlich in den Kopf gestiegen; die Frau sah lchelnd dem
Gekritzel zu, schlielich fragte sie mit Gebrden an, ob sie's nehmen
drfe, worauf sie ging, um es ihrem Manne zu zeigen.




                                                           22. Oktober


Um fnf Uhr waren wir marschbereit. Die Frau, beim Abschied, brach
Zweige von einem getrockneten Pflanzenbschel, der am Stubengeblk
befestigt ist, und reichte sie mir mit bedeutsamem Blick. Vermutlich ist
es als Talisman gemeint; der Geruch erinnert halb an Thymian, halb an
Rosmarin. Sie redete noch viel und eindringlich, als ich das Pferd
bestieg; verstand ich recht, so wollte sie mich einladen, dereinst nach
dem Kriege wieder als Gast in ihrem neugebauten Hause einzukehren. --
Der Major, noch vor neun Stunden im Fieber chzend, sitzt fest auf
seinem Rappen und berserkert wider Offizier und Mann. Was haben Sie dem
Kerl fr Zeug gegeben? schrie mir Leutnant F. zu. Ich sagte, mir knne
es recht sein, da er meinen Mittelchen so viel Wirkung zutraue, aber
der Alte wisse genau, da ihn viele weit weg wnschten, das sei auch
keine schlechte Arznei.

In langen Mrschen entschleppte sich der Tag. Es ging ber kahle und
bewaldete Hgel, und immer durch gleiches Regenperlengrau der Luft sah
man das gleiche stumpfe Blau der Huser. Die Soldaten, geblendet noch
vom Glanz des Gestern, empfanden mrrisch Obdachlosigkeit, karges Essen,
zerrissene Stiefel und ungewisses Ziel, und an allem gaben sie dem Major
die Schuld, dem sie berdies seine Genesung nicht verzeihen knnen.
Laute Flche schrieen sie ihm zu, wenn er vorberritt; er stellte sich
taub und nahm Rache, indem er bermig lang auf eine Marschpause warten
lie, die schlielich der Adjutant auf meinen Wunsch von ihm erbat.

In Szkely-Udvarhely waren mehrere Gebude grndlich zerstrt, die Luft
noch voll Brandgeruch. Auf den Hgeln aber, in geringen Abstnden,
staken blanke Nhmaschinen, treffliche deutsche Ware, bald im
Straenschlamm, bald in der Ackererde. Ungern mag sich der fliehende
Gegner dieser wertvollen Beutestcke entledigt haben.

Abends klagten viele ber uerste Ermdung. Vielleicht wirkt noch die
Typhusimpfung im Blut. Ich selbst spre wenig, obgleich ich, um das
kranke Pferd zu schonen, den Weg, mit Gepck beladen, zu Fu
zurckgelegt habe. Die Migkeit, die ich mir seit Beuvraignes verordne,
scheint zu ntzen; auch lebe ich, vielleicht unter Glavinas Eingebungen,
wachsamer als frher und mache mir aus unserm Zug nicht viel mehr und
nicht viel weniger als ein groes Abenteuer. Damit gewinne ich viel: der
unfreie Dienst wird mir leichter und lt einen freieren ahnen, der
vielleicht aus ihm hervorgehen wird. Von den Mitteln, die man gegen
Erschpfung anpreist, la ich Tee und Kaffee gelten; grobtuschende, wie
Tabak und Branntwein, hab ich vorderhand ausgeschieden. Den leichtesten
und geistigsten mchte ich am liebsten trauen. Wie wenige kennen die
unbemebaren, immer wirkungsbereiten Energien des lebendigen Wortes! Da
es bei Dichtern Strophen gibt, herzgeborene, geladen mit der Kraft
ganzer Geschlechter, vergleichbar den radioaktiven Elementen, aber weit
wunderbarer, da sie, schon irdisch vernichtet, noch die Krfte der Welt
anziehen und Fluten von Erneuerung verstrmen, wer wei etwas davon?
Mchtig genug wren manche, um das Schwungrad auch der ermdetsten Seele
neu anzutreiben, und vielleicht sind schon sie allein es wert, da man
sich eine Weile auf den Bergen des Todes aufhalte, weil sie dort gewi
am reinsten und strksten klingen. Schwingt aber die Seele frei, was
brauchen die Sinne viel Aufreizung? Brot, Frchte, eine Handvoll
felsgeschpften Wassers, ein Geruch wilder Minze sind Erquickung genug.

Es war schon tiefe Nacht, als wir ankamen. Den Namen des Dorfes hab ich
vergessen. Alle Huser sind mit Infanterie bereits berfllt; wir sind
gerade noch in einem verlassenen, ausgeplnderten Httchen
untergekommen, wo sich auch etwas Heu gefunden hat. Die anderen haben
sich schon unter ihre Decken und nassen Mntel gestreckt, mein
Kerzenstmpfchen flackert zu Ende, ich mu eilen, mir noch ein Lager zu
sichern.

Die Welt, die rauhe, rohe, ungeheure, ich lebe jetzt in ihr wie in dem
Innern einer feinen, heftig schillernden Seifenblase und halte den Atem
an, um sie nicht zu zersprengen, las ich bei Glavina.




                                             Ottelve, 24. Oktober 1916


Bis Mittag stiegen wir durch windgetriebene Nebelwolken ber bewaldete
Hgel. Nach ein Uhr klrte sich unter uns das Tal von Csik Szereda, in
das wir hinabstiegen. Hier war die Luft still und warm.

Um die Stadt rankt sich ein Kranz neuer Grber. Innen sind viele Gebude
zerstrt und ausgeraubt, die eisernen Schutzlden vielfach mittels
Handgranaten zerrissen. Fliehende Rumnen hatten die Alutabrcke
gesprengt; nun ist von preuischen Pionieren eine hlzerne Notbrcke,
ein khnes, fast zierliches Bauwerk, in wenigen Stunden errichtet
worden.

Vor Ottelve gab es ziemlich lange keine Marschpause. Eben kamen die
siebenbrgisch-rumnischen Grenzberge zum erstenmal in Sicht, da
erscholl aus einem der vorderen Zge ein lautes Halt!, das nach hinten
weitergegeben wurde. Die Gruppen gerieten in Unsicherheit; einige
wollten stehenbleiben, andere weitergehen. Bald stellte sich heraus, da
weder der Major noch Leutnant Leverenz, die beide eine Strecke
vorausgeritten waren, einen Haltbefehl erteilt hatte. Irgendein Mann
mute gerufen, ein anderer den Ruf weitergegeben haben. Der Marsch wurde
fortgesetzt. Als wir bald nachher auf einer Wiese lagerten, verbot
Leverenz seiner Kompagnie das Abnehmen der Tornister, lie sie in voller
Ausrstung antreten und erklrte, da er sie so lange stehen lassen
werde, bis ihm der freche Strer gemeldet sei. Unterdrckte
Verwnschungen wurden hrbar; den Gehorsam zu verweigern wagte aber
keiner, ja mehrere, die den Tornister bereits abgelegt hatten, nahmen
ihn zwar murrend, aber hurtig wieder auf. An etwas erhhter Stelle trat
Leverenz mitten vor die Mannschaft und, wiederholte seinen Beschlu. Er
setze voraus, sagte er, da nahezu alle den meuterischen Rufer
verurteilten; sei der zu feig, um sich zu nennen, so msse es ein
anderer tun. Geschehe dies noch whrend der Ruhestunde, so werde der
Schuldige bestraft, und damit habe es sein Bewenden, wo nicht, so werde
die ganze Kompagnie, die Herren Zugfhrer nicht ausgenommen, zu ben
haben. Keiner murrte jetzt mehr; es wurde sehr still, Soldaten anderer
Zge kamen auf einige Entfernung heran, neugierig, wie das ausgehen
werde. Der Anblick war beklemmend. Hier stand einer der besten Offiziere
der Division, mit seinen meisten Untergebenen stamm- und artverwandt,
vielgerhmt als furchtlos und besonnen, verehrt als einer, der niemals
aus bloem Ehrgeiz die Seinigen in gefhrliche Lagen brachte, im Kriege
frh alternd, mit Narben geschmckt, jetzt bleich vor Erbitterung ber
die ihm vermeintlich angetane Schmach, die scharfen runden Augen ein
wenig auf Uhuart einander zugedreht, einen Mann um den andern fixierend,
sichtlich entschlossen, die Sache zum uersten zu treiben, dennoch
weise genug, sie vorderhand gewissermaen unter vier Augen austragen zu
wollen, -- ihm gegenber die abgemattete Mannschaft, ber sich selbst
erschrocken, eben sich noch dumpf in einem Rechte fhlend, das aber,
sobald es ausgesprochen werden sollte, zu Nichts zerfiel, im stillen die
Haltung des Fhrers vielleicht schon bewundernd, -- wo las ich doch
einmal, da eulenhafte Menschen allen andern berlegen seien?

Suchte man sich den Vorgang ins klare zu denken, so sah man eigentlich
nur ein bel akut aufbrechen, das nun schon lange unter uns umschleicht.
Ins dritte Jahr zieht sich der Krieg; der Soldat, vielfach unberufen,
sprlich ernhrt, mangelhaft gekleidet und beschuht, selten beurlaubt,
im Urlaub von Mutlosen entmutigt, verliert Nervenkraft und Zucht. Die
Offiziere wissen es und lassen, besonders die jngeren, aus Verlegenheit
manches hingehen, berhren strfliche Zurufe, reden sich auch wohl ein,
diese seien nicht bse gemeint und werden in der Nhe des Feindes von
selber verstummen. Solch lax-zweideutiges Verhalten mu einer klaren
Kriegernatur wie Leverenz' durchaus bedenklich und unwrdig vorkommen,
und wenn er nun sein ganzes Ansehen einsetzt, um wenigstens seinen
kleinen Bereich gewaltsam in die Ordnung zurckzubiegen, so fhlt man
mit ihm wie mit einem Arzt, welcher einen Eingriff auf Tod und Leben
wagt.

Der Major indessen sa abseits, in einem Notizbuch bltternd wie
unbeteiligt, und gewi war es sein bester Geist, der ihm eingab, sich
zunchst nicht in den Handel zu mischen.

Schon dehnte sich die Szene schier unertrglich, da fand sie hchst
unverhofft eine Entspannung. Hervor mit kleinen schnellen Schritten trat
Infanterist Kristl und bekannte sich klar und bndig als den Mann, der
Halt gerufen habe. Eine Weile standen alle wie erstarrt, dann ging
eine leichte behagliche Regung durch die bende Kompagnie. Mir war ja
diese Selbstbezichtigung nicht unverdchtig, denn Kristl war keineswegs
vorne, sondern eher in der Mitte marschiert; aber wie er nun dastand,
bleich und zusammengenommen, in seinem ganz verfrbten Waffenrock, die
schwachen silbrigen Augenbrauen hoch hinaufgezogen, Leverenz
anblinzelnd, als ob dessen Anblick ihn blende, da konnte einen sein
Gestndnis wirklich berzeugen. Durch des Leutnants ernstes Gesicht
flimmerte jetzt ein beraus flchtiges Lcheln, seltsam zu sehen, als ob
ein steinerner Gott einen Atemzug lang Mensch wrde. Vielleicht ging es
ihm wie mir, und er hielt es fr mglich, da Kristl sich falsch
beschuldigte, um die ersehnte Entfernung von der Front zu bewirken, und
er bedauerte ihn ein wenig wie einen, der eine Sache immer wieder
verkehrt anfngt, war ihm wohl auch heimlich einigermaen dafr dankbar,
da der Bogen nicht mehr strker gespannt zu werden brauchte, --
jedenfalls griff er zu: ohne Verhr, khl, streng erkannte er den Tter
an und verkndete, da er Entziehung des Urlaubs auf ein Jahr als Strafe
beantragen werde, stellte jedoch Nachla in Aussicht, falls Kristl sich
vor dem Feind auszeichnen werde. Jemand lachte bei diesem Wort, aber
niemand lachte mit. Unverzglich wurde die Kompagnie freigelassen,
whrend Kristl verwirrt und, wie es schien, enttuscht, noch eine Weile
stehen blieb.

Unter Gewitterhimmel, den ein zartes nervenbeschwichtigendes Lilalicht
weithin durchatmete, zogen wir eine Stunde spter nach Ottelve weiter;
Zuversicht und Gefhl des Zueinandergehrens waren pltzlich mchtiger
als seit langer Zeit. Das gemeinsam Erlebte so vieler Monate, Aufbrche,
Nachtmrsche, Kampf, Wut, Todesangst, -- man merkt mit einer Art
Schrecken, da es Eigentum und innerster Bestand geworden ist, da man
es, ohne von sich selber abzufallen, nicht mehr wegwerfen kann. Kristl,
heute der einzige Handelnde unter lauter Leidenden, ist zu einem
wundersamen Ansehen gelangt. Ob er wirklich der Haltrufer gewesen,
danach fragt niemand. Aber jeder bietet ihm irgend etwas an, Zigaretten,
Schokolade, Nsse. Auch Leute von den anderen Kompagnien gren
freundlich den sonderbaren Menschen und bekrftigen sein Lob.




                                             Koczms, 25. Oktober 1916


Heute gelangten wir den ganzen Tag nicht aus dem Nebel. Eine Art
Blindheit befiel die Augen, und als wir nach vier Uhr in Koczms
ankamen, erfuhr ich ein Verflieen ueren und inneren Gesichts, von dem
ich mir guten Gewissens berichte, weil der Geist frei blieb und der
Tuschung gelassen zusah. Ich hatte mich bei einem Fukranken
aufgehalten, fand mich schlielich allein auf der Strae und suchte auf
einem Seitenweg mein Quartier, dessen Richtung mir bezeichnet worden
war. Als ich einmal stehenblieb, um mich zurechtzufinden, hrte ich ein
Rauschen in der Nhe; es klang wie der Brunnen vor dem Hause der Mutter
in S., und gleich kamen mir Weg, Zaun und Nebelbume bekannt vor. Jeden
Pfahl, jeden Stein hatte ich frher schon einmal gesehen, und nun hrte
ich auch das breite Brausen der Donau. Ein Haus aber, das verschwommen
im Dunst erschien, formte sich bis in Einzelheiten zu dem mtterlichen
Huschen aus. Kaum eine Viertelminute dauerte der angenehme Trug; ich
folgte dem Rauschen, das sich aber auf einmal abschwchte, und als ich
vor der Haustr stand und meinen Namen las, den der Quartiermacher mit
Kreide daran geschrieben hatte, war alles vorber. Eine ganz alte Frau
trat heraus und fhrte mich in ein Stbchen, das ich mit Leutnant T.
teilen soll. Spter brachte sie sonderbare Milchspeise, die mit einer
dicken Zimt- und Zuckerkruste berzogen war, dazu sehr scharfen, mir
ungeniebaren Schafkse. Ich habe mich beim Stab entschuldigen lassen
und esse mit T. zu Abend, helfe ihm auch wieder beim Zensieren der
Briefe. Die alte Frau erscheint von Zeit zu Zeit, stellt sich mit
verschrnkten Armen in die Tr und betrachtet uns unverwandt. Ihre
Mienen sind kummervoll, ihr Blick ungesammelt, und wenn ich der Frau von
Szentllek gedenke, mu ich mich fragen, ob es hierzulande nicht mehr
verwirrte und entrckte Menschen gibt als anderswo. Dann und wann kommt
eine stmmige blonde Tochter, stellt die Alte wegen ihres zudringlichen
Verweilens zur Rede und fhrt sie wie ein unverbesserliches Kind immer
wieder hinaus.




                                           26. Oktober. Auf dem Marsch


Bei klarem Wetter vergit man die nchtlichen Trume schnell; im trben
haften sie lang. Vor einem Turmeingang hatte ich den kleinen Wilhelm
zurckgelassen und ihm zu warten befohlen. Ich stieg die Wendeltreppe
hinauf. Die rohe Ziegelwand hatte Nischen; die schienen tief in
Katakombenfinsternis hineinzufhren. Ich sah hohe schmale silberne
Wiegen; in jeder lag, puppenklein, ein toter deutscher oder
franzsischer Soldat, die glsernen Augen weit offen; einzelne
Lorbeerbltter, wie kleine Flgel, standen auf Blutgerinnseln an Stirn
und Haar. Ich stieg weiter und befand mich auf einmal vor dem schnen
jungen Wolf, den wir im Tierpark zu Hellabrunn fters gefttert haben;
seine rechte Vorderpfote war zwischen zwei Stufen eingeklemmt,
erwartungsvoll sah er mich an. Eine Berhrung gengte, um ihn zu
befreien; vorsichtig hinkend ging er mir nach oben voraus. Dabei merkte
ich, da von den Schultern an sein Fell eigentlich ein Gefieder war,
breite graue, silbern geaugte Federn, in einem Pfauenschweif endend. Ich
sah empor, da flog hinter Wolken der Mond, Wind pfiff um die Ohren, ich
stand auf weiter Heide. Drei weibliche Gestalten, in weie Decken
gehllt, schliefen unter eisklirrenden Bumen. Die vordere war Vally;
dahinter grer, wesenloser, lagen Mutter und Schwester. Ich beugte mich
nieder, da sah ich, da die weien Decken aus lauter Schneeflocken
bestanden, die wie ein Federkleid aneinanderhingen. Der Wolf ging im
Kreise herum und beschnupperte die drei Frauen. Jetzt erwachten sie, mit
verstrten Gesichtern; keine kannte mich. Der Wolf wird euch fressen,
wenn ihr schlaft auf der Heide! rief ich ihnen zu. Sie lchelten
einander verlegen an. Geht in den Turm! Dort sind silberne Wiegen,
setzte ich hinzu. Ich wollte es freundlich und ermutigend sagen, aber es
kam hart und drohend heraus. Sie erkannten mich nicht und frchteten
sich vor mir. Vally, frostgeschttelt, zog die Schneedecke ber sich und
rief dabei leise dem Wolf etwas zu. Der legte sich den Schlferinnen zu
Fen, schlug ein Pfauenrad und bedeckte alle drei mit seinem ungeheuren
grauen, silbern spiegelnden Gefieder. Da hrte ich ganz laut und klar
das Shnchen aus der Tiefe rufen: Vater, bist du schon oben? und war
wach.

Am Abend stieg der Nebel auf und formte sich zu hellen, tiefgekerbten
Wolken auseinander. Die Berge sind wieder weiter zurckgetreten. Das
Fernglas zeigt eine kleine, schimmernd weie Stadt; es mu
Kzdi-Vsrhely sein.




                                           Esztelnek, 30. Oktober 1916


Nach etlichen Ruhetagen scheint es nun gewaltig zu schlaunen:
Eilmrsche, mit Gefechtsbungen verbunden, brachten uns heute bis
Esztelnek, dessen weier Turm, ein Campanile, sich einige Schritte vom
Kirchlein fernhlt. Als mich meine Quartierwirtin im Hof willkommen
hie, erschrak ich vor der fast unnatrlichen hnlichkeit, womit mich
Gesicht und Gebaren dieser Buerin an Frau Nikola, die verstorbene
Oberin, erinnerte. So gibt es auch da kein Ende, und immer schaut
gleiche Seele mit gleichen Augen durch die Schichten der Zeit. Jene zwar
verlie ihr Leben lang das Kloster nicht; diese ist Mutter, dabei aber
herb und ernst, wie vom Gesetz eines Ordens begrenzt, und all ihr Tun
spielt sich im Rhythmus geistlicher bungen ab. Sie entschuldigte sich
sehr, da sie fast kein Deutsch verstehe, und fhrte mich in eine Stube,
deren helle Nchternheit mein Gefhl besttigte. Die Frau brachte
Weibrot und pfel, entfernte sich, kam aber bald wieder und stellte
Photographien ihres Mannes und ihrer zwei Shne auf den Tisch. Dann
faltete sie in Schulterhhe die Hnde nach der Seite zusammen, neigte
den Kopf darauf, indem sie eine Schlafende nachahmte, deutete hierauf
zur Erde, sagte In Galizia und ging wieder. Die Bilder lie sie bei
Brot und Frchten stehen, als wnschte sie, da ich, die Gaben des
Hauses genieend, auch der Toten des Hauses gedchte.

Der Nachmittag verging im Dienst. Unser Wohin ist noch immer unbekannt.
Die verheiene Stiefelsendung ist nicht eingetroffen. Das Bataillon wird
mit lchrigen Sohlen in den Gebirgskrieg marschieren. Aus der Heimat
kommt keine Nachricht. Am Abend, vielleicht vom Turmtraum gewiesen,
bestieg ich den Campanile. Wenn das Dunkel die Grenzen der einzelnen
Besitztmer aufhebt und schlielich nur noch die staubweien
allhinfhrenden Straen erkennbar bleiben, die jedem und keinem gehren,
so schickt man gern seine besonderen Wnsche schlafen.




                                                Esztelnek, 31. Oktober


Um fnf Uhr marschierten wir ab. Es wehte scharf aus Nordost. Bald fror
ich im Reiten und ging lieber zu Fu. Dunkelgrne Wintersaaten breiten
sich bis zu den Bergen hinan, denen wir uns rasch nherten. ber den
Gipfeln lagen erdgraue Wolkenschichten, die sich nach und nach rtlich
fleckten und auf einmal Feuer fingen. Schlielich aber ging die Sonne
nicht an dem Punkt auf, wo es am heftigsten flammte, sondern etwas links
davon in gleichmig hellem Gewlk. Wir erblickten bereits das Trmchen
von Bereczk, da kam ein Befehltrger nachgesprengt und bergab dem Major
ein Blatt, gleich scholl ein Halt, und nach Minuten folgte Befehl:
Zurck in die alten Quartiere! Mit lauten Rufen bezeugten die Kompagnien
ihre Freude. Vielleicht war ich der einzige, der im Augenblick den
Marsch lieber fortgesetzt htte. Ist Aufschub einer Entscheidung dem
vorwrtsgerichteten Geiste doch immer gespenstisch, als verbge sie den
geraden Gang des Geschicks. Um zehn Uhr gelangten wir nach Esztelnek
zurck, wo uns die gestern noch so freundlichen Drfler mit bestrzter
Zurckhaltung betrachteten. Unsere Wiederkehr kommt ihnen beraus
verdchtig vor; sie vermuten dahinter den Beginn eines deutschen
Rckzugs und sehen uns im Geiste bereits ber die Maros gejagt. Meine
gute Wirtin dagegen begrte mich mit unverhohlener Freude; sie schien
mich erwartet zu haben. Jemand hatte ihr nachtrglich die rztlichen
Zeichen an meinem Kragen gedeutet, nun wollte sie Versumtes nachholen.
ber Stufen fhrte sie mich in eine Kammer, wo Heiligenbilder in
russischem Stil an den Wnden hngen und leere zierlich bemalte
Ostereier den Deckenbalken entlang an Ngelchen aufgespiet sind. In
einem zum Fenster gerckten Bett mit grellroter Decke lag eine kaum
Sechzehnjhrige, von der Schwindsucht gezeichnet. Die Mutter geriet ganz
aus ihrer Gehaltenheit und redete viel und schnell. Wenn ich zu erklren
versuchte, da ich nicht eines ihrer Worte verstnde, nickte sie mir zu
mit solchem Beifall, als wrs gerade das, was sie zu hren wnschte.
Wozu auch Worte! Sie suchte Hilfe, das war leicht zu begreifen. Das Kind
ist schn; schwarzes feuchtes Haar ber dem Schwcheglanz der Stirne
hoch emporgekmmt, in den Augen brennt das ganze in die Enge getriebene
Leben, wie eine Flamme in reinem Sauerstoff brennt. Der Leib ist
schrecklich eingeschmolzen; die Brste nur, steil und straff, trotzen
noch selig dem Tod.

Whrend des Untersuchens wurde wieder einmal offenbar, wie sehr doch das
lange Kriegsleben die innere Gestalt verndert. Was durch Jahre
tgliches Geschft gewesen war, das Durchspren der Organe nach den
Herden des Zerfalls, es will nicht mehr so recht von der Hand gehen. Ja,
mir kam vor, als wrs ein grbliches verfngliches Beginnen, blasse
Magie, die weder guten Tod noch gutes Leben bringt. Ich glaube, mancher
Arzt wird knftig seinen Kranken anders gegenberstehen als bisher.
Vielleicht mte man sich selber gewissen bungen und Enthaltungen
unterwerfen, wenn man tiefe Verschattungen einer anderen Natur
durchdringen und auflsen will, vielleicht auch viele Kranke abweisen,
um wenige desto sicherer zu heilen. Fr diesmal war es nur ein
Scheindienst, was ich leistete; und als ich nach der Untersuchung
andeutete, da ich Arzneien aus dem Sanittswagen holen wolle, waren
Mutter und Tochter fr den Augenblick zufrieden und getrstet. Die Frau
ging und brachte einen Teller mit Pflaumen, bot erst mir, dann der
Kranken und a auch selber davon. Schweigend saen wir nun beisammen,
sie meiner, ich ihrer Sprache unkundig. Heie Nachmittagssonne schien
herein, sie durchleuchtete rtlich die braunen Paprikaschoten, die wie
kleine Hrner in Bscheln am Fenster hngen. Wespen summten, und leiser
Geschtzdonner kam von den Bergen herber. Auch die Mutter sprach nicht
mehr; zuweilen, wenn sie mich zum Essen ermahnen wollte, rhrte sie mit
der Hand leicht an mein Kinn und deutete dann auf die Frchte. Bald
stand ich auf und ging. Wie ein ewiger Abschied von allem dumpf
Leidenden, Schwindenden war mir die Szene. Und seltsam, nicht mehr als
niedrig-widriges Zehrergezcht erschien mir auf einmal das dunkle Reich
der Mikroben, vielmehr als eine heilig-schreckliche Macht, verbunden und
pflichtig den strksten Energien der Natur. Solche zu bekmpfen kann
jetzt kaum unser Dienst sein. Schon deuten sich andere Gewalten an,
denen wir uns entgegenstellen oder denen wir uns verbnden mssen.

Es gibt abwartende Gifte, die das Blut nicht beschdigen, solange sich
das vergiftete Wesen im Finstern hlt, wogegen sie bei hellem Tage
sogleich zu gren und zu tten beginnen. Wie klrt sich mir langsam
dies dunkle Wort!

Vor dem Abendessen verschlief ich eine halbe Stunde. Mir trumte von
meinem Pferd. In dem Augenblick, da ich es besteigen wollte, verwandelte
es sich in ein junges nacktes Weib.

Der Adjutant kndigt an, da es morgen in aller Frhe weitergeht. Er
versichert uns, da wir diesmal nicht zurckgerufen werden.




                                           Bak tet, 1. November 1916


Um die gleiche Stunde wie gestern verlieen wir Esztelnek und erreichten
bei trb grauendem Tage das groe Dorf Bereczk. Viel Volk stand auf der
Strae, meist Frauen. Ein zierliches, vom Alter gekrmmtes Matrnchen
lief neben der Kolonne her und sphte aufgeregt von einem Kopf zum
andern: die Stahlhelme, die wir seit gestern tragen mssen, haben ihrs
angetan. Endlich, da wir gerade langsamer marschierten, fate sie Mut,
huschte an den kleinsten Flgelmann heran und beklopfte mit scharfem
Finger seinen Helmrand. Vielleicht hatte sie gemeint, es sei Holz oder
Pappe; nun erkennt sie, da es Metall ist, verschrnkt zufrieden die
Arme und bleibt zurck.

Ein sehr alter Mann stand vor seinem Huschen und schrie, den Hut
schwingend, in schauerlichem Gleichton unaufhrlich: Gott helfe den
Deutschen! Gott helfe den Deutschen!

Die Gefechtsbagage blieb im Dorf; Zahlmeister und Verpflegungsoffiziere
nahmen Abschied und wnschten uns Glck. Es ging bei leichtem Regen ins
Gebirge empor. Man sah ferne Felsen mit schwarzen Klften, die wie
Schlnde Nebel ein- und ausatmeten. Um neun Uhr hielten wir auf dem
Punkt Madjaros, wo nun auch die Pferde und ihre Wrter uns verlieen.
Auf sumpfiger Waldwiese kochten die Feldkchen ab, es gab eine lange
notwendige Rast; schon hatten wir fnf Wegstunden hinter uns, und vor
uns ragten steile Hnge. Nach dem Essen ging ich eine Strecke voraus und
setzte mich auf einen Stein, wo ich zu warten beschlo, bis die andern
mich einholten. Es wurde dster, Nebel fiel von oben, und whrend ich
ihm entgegensah, war ich von abgewehten Fransen schon berzngelt und
umschlungen. Wie seltsam das ist, von der ferngewohnten geistigen Wolke
berhrt und aufgenommen zu werden wie von einem bltigen Wesen! Alle
Heimatgestalten glnzen auf, und zugleich erschwingt ein grenzenloses
Vertrauen in die strmenden und untergrabenden Krfte der Welt. Wie aus
groer Ferne hrte ich das Bataillon aufbrechen und regte mich nicht,
bis die ersten Gruppen zu mir stieen.

Es ging nun stetig aufwrts. Der Adjutant sagte, nur fnfzehn Kilometer
htten wir bis zur Stellung zurckzulegen, aber man hrte keinen Schu.
Der Nadelwald setzte streckenweise aus, Wacholder, strotzend von
lilagrnen Frchtchen, wuchert zwischen Felsblcken. Viele Grber
kommen; nach den Inschriften, die sie tragen, sind sie erst fnf Tage
alt. Carp, rumnischer Leutnant, stand auf einem Holzkreuz. Gegen zwei
Uhr durchstiegen wir eine kahle, nebelberstrichene Senke; dort wurde
uns ein rtselhafter, erschtternder Anblick. Ein einsames,
niedergebranntes Haus stand in der Mitte; es rauchte noch leicht aus den
Kohlen. Die Wnde waren stehen geblieben, und unter der Verschwrzung
erkannte man die blaue Tnche; vom Dach aber sah man blo das verkohlte
Geripp. Hinter einer unversehrten Pfahlhtte befanden sich zwei Grber
ohne Kreuze, nur mit Wacholder geschmckt. Eine groe, sehr alte Frau,
nackt bis zum Grtel herab, dem Gesichte nach Madjarin, das graue Haar
zerrauft und beschmutzt, schlich um die Hgel und redete zutraulich mit
etwas Unsichtbarem. Als wir uns nherten, reckte sie sich auf und drohte
mit der Hand, als wollte sie uns von dem Orte verscheuchen. Pltzlich
wandte sie sich ab und rang unter grausigem Geheul die Hnde gegen
Osten. Leutnant F., im Vertrauen auf sein bichen ungarische
Sprachkenntnis, versuchte mit ihr zu reden. Sie aber bckte sich,
scharrte Erde vom nchsten Grab und streute sie ihm entgegen; doch war
diese Bewegung mehr warnend und beschwrend als feindselig. F. sprang,
halb rgerlich, halb erschrocken, zurck und marschierte mit seinem Zuge
weiter. Von den brigen Offizieren und Mannschaften blieb niemand
stehen. Zwar wurden Vermutungen ausgewechselt, was der Frau widerfahren
sein knnte; die meisten aber mochten den Gang einer Tragdie spren,
vor welcher kein zudringliches Mitleid gilt, und stiegen schweigsam
weiter im Gewlk empor, das die schauerlich groe Erscheinung bald
verhllte.

Als wir um halb vier Uhr den Bako tt erklommen, tauchten wir aus der
Dunstwelt in blauen Tag. Eine moosige, mit Silberdisteln bewachsene
Flche zwischen zwei bewaldeten Kuppen wurde als Rastplatz gewhlt.
Riesige Haufen rostender Konservenbchsen zeigten an, da vor uns
bereits andere Truppen hier gelagert hatten. Ich tat wie die meisten,
wickelte mich in meine Decke und legte mich, schweidampfend wie ich
war, auf den berfrorenen Boden, wo ich sofort einschlief und nach einer
halben Stunde, trotz einigem Frsteln sehr erquickt, erwachte.

Aus dem Wald ber uns kam ein Mann in langem, grnem Mantel herab, den
turbandick verbundenen Kopf mit beiden Hnden festhaltend. Es war ein
verwundeter Rumne, der ohne Bewachung, sich selbst berlassen, seinen
Weg in die Gefangenschaft suchte. Beim Nherkommen sah man die
durchbluteten Kompressen und Mullbinden verschoben, am Hals eine
klaffende Wunde halb entblt. Das rechte Auge war schwarz
zugeschwollen, das unbeschdigte linke hatte ein schnes Hellbraun. Die
rztlichen Zeichen erkennend, blieb er vor mir und R. stehen, deutete
schweigend auf seine Wunde. Diese zu sondieren hteten wir uns, nahmen
auch den ersten Verband nicht ab, sondern legten dicht und fest einen
frischen darber, worauf der Unglckliche seinen Kreuzweg
weiterschwankte, gefolgt von dem grimmigen Lachen unserer Infanteristen,
die vielleicht, ohne es zu bedenken, in dem erniedrigten Bilde des
feindlichen Genossen sich selber verhhnten: Heute du -- morgen wir! Wir
marschieren nicht weiter; Befehl ist gekommen, an Ort und Stelle zu
biwakieren. Jetzt werden die Gewehre zu Pyramiden gegeneinandergestellt,
die Helme darangehngt, Zelte aufgeschlagen. Verbndete Truppen ziehen
ber den Berg; Fetzen unbekannter Sprachen flattern vorbei. Der Mond,
blagrn, schmal wie ein Grashalm, geht in kleinem Bogen ber den
Himmel, das Flammen der Sterne beginnt. Die Kompagnien haben Feuer
angezndet, um die sich bald alles versammelt. Auch sterreichische
Offiziere kommen fr eine Weile, um sich zu wrmen. Einer von ihnen hat
ebenfalls die Frau bei den Grbern getroffen und vergeblich zu beruhigen
versucht. Er hat sich auch in dem Pfahlhttchen umgesehen. Kleider,
Felle, bunte Decken und Lebensmittel, sagt er, gebe es darin genug. Er
habe einen Mantel herausgeholt und der Wahnsinnigen ber ihre Nacktheit
gelegt, sie habe ihn wieder herabgleiten lassen. brigens sei das Haus
ein Grenzhaus gewesen, die Rumnen, auf ihrem Vormarsch, htten Vater
und Sohn, die beiden Grenzwchter, niedergemacht; jedoch ergibt sich aus
ferneren Reden, da auch dies nur Vermutung ist. Fast war ich froh, als
das Gesprch zum Gewhnlichen zurckflachte. Was liegt am Geschehen? Den
Schmerz, der den Menschen dahin verhrtet, wo es kein Hungern, kein
Frieren, keine Trnen mehr gibt, den Schmerz, der Trost und Wohltat mit
weihender Beschwrung zurckweisen mu, dies letzte groe Heiligtum der
Menschen, jedem hchsten Genius verwandt, soll man es zerschwatzen? Eine
Angelegenheit fr Greuelerzhler und Seelenspher daraus machen?

Die Nacht wird kalt. Einer um den andern gesteht sich ein, da er fr
einen Gebirgswinterkrieg eigentlich nicht ausgerstet ist. Keiner sprt
Lust, in das dnne Zelt zu kriechen. Ich will als Gast von Feuer zu
Feuer wandern, bis mich der Schlaf bermannt.




                                                           2. November


Ich erwachte mit dem Gefhl absterbender Zehen, verlie das Zelt und
umschritt stampfend das Lager. Spter meldeten sich einige Soldaten mit
wirklich abgefrorenen Zehen und Ohren. Bei mir brachten Gesprch,
Bewegung und heier Kaffee, dem nur gar zu viele Wacholdernadeln
beigemischt waren, das Blut bald wieder in seinen Lauf. Aus den
rumnischen Bergen aber hob sich die Sonne, und wunderbar zeigte sich
heute die strahlenbeugende Kraft irdischer Atmosphre: nicht als
kreisrunde Scheibe, sondern als mchtiges karminrotes Ei lag das Gestirn
minutenlang ber schwarzen Wldern, bis es nun, langsam steigend, sich
entrtet und rundet. In den Tiefen aber ist unermeliches Wei
ausgegossen, ein glattes, dichtes, mit Gipfelinseln berstreutes Meer
von Flaum, das uferlos mit lilablauem Strich im Westen endet. An dem uns
nahen Rande, wo es noch seicht ist, lt es Felsen und Bume
durchscheinen; man knnte glauben, diese spiegelten sich darin.

Der Marsch, der um neun Uhr begann, war oft von Rastpausen unterbrochen;
vermutlich durften wir nicht zu frh ankommen. Die Mittagstunde
verbrachten wir nahe dem Gipfel des Berges Kishavas auf einer moosigen,
mit Steinblcken und Wacholderbschen besetzten Flche voll neuer
Grber. Einige Kreuze sind sorgfltig mit Grn umwunden, manchmal nur
ein kleiner Stecken einem greren mit Waldreben zu flchtigstem
Gedenken angeknpft. Zwischen zwei Steinen steht ein Pfahl mit
aufgeschnitztem Halbmond und der Inschrift: Brica Hamid, 29. X. 16.
Durch kalten Wind wirken scharfe Hhestrahlen, Reifkrner verdampfen an
den Spitzen des Wacholders, von Stunde zu Stunde brunen sich die
Gesichter. Es ist sehr still, die Lust zu sprechen gering, der Geist
unterhlt sich noch immer mit jenem unendlichen Wei.

Ein ungarischer Beobachter gesellte sich zu uns; er lud mich und H.
schlielich ein, auf seinem Standort mit ihm Tee zu trinken, und lie
uns durch sein Scherenfernrohr schauen. Wie man das Blickfeld eines
Mikroskops nach den schdlichen rot oder blau gefrbten Pilzen absucht,
so wird hier nach den moosgrn gekleideten rumnischen Soldaten
gefahndet. Der Offizier hatte die Hhe Lespdii eingestellt; er verriet
uns, da unser Bataillon sie werde erstrmen mssen, und zwar bald. Im
brigen war er rgerlich, weil keiner der Grnen sich zeigen wollte; gar
zu gern htte er ihnen ein paar Granaten hinbergesandt. Ich sah im Glas
einen kleinen steinigen Hgel mit etwas Baumwuchs und viel Gestrpp. An
einem Schrubchen drehend, entdeckte ich auf einmal hinter
Wacholderbschen eine ganze Gruppe schanzender Rumnen, wollte schon den
Beobachter aufmerksam machen, fhlte mich aber gehemmt und schwieg. Zum
ersten Male stand ich gewissermaen vor der Pflicht, den Tod auf
Menschen zu lenken; denn der verschonte Gegner kann im nchsten
Augenblick die eigenen Landsleute gefhrden. Anderseits waren die
arbeitenden Leute von drben hier in dem kleinen Glase gleichsam in
meine Hand gegeben; ich sah, wie der eine sich eben eine Pfeife stopfte,
ein anderer aus der Feldflasche trank, sie hielten sich fr vllig
sicher, und solange ich sie nicht verriet, geschah ihnen auch nichts, --
ein seltsamer Fall fr einen Menschen, der nicht Soldat ist und mit sich
selber in leidlichem Frieden lebt. Whrend mir das Herz wunderlich zu
klopfen begann, trat ein lterer bosnischer Hauptmann herzu, der nachts
aus dem Urlaub zurckgekehrt ist, und wandte durch lebhaftes Erzhlen
alle Aufmerksamkeit auf sich, so da der magische Spiegel ganz in
Vergessenheit geriet. Die Hofburg in Wien, berichtete jener, soll Tag
und Nacht von Massen hungernden Volks umlagert sein, die den alten
Kaiser beschwren, er mge einen Schritt fr den Frieden tun.

Als wir zum Lager zurckkehrten, sahen wir eine Karawane von Tragtieren
dem groen Wolkenglanz entsteigen; die Fhrer sagen, es gebe drunten im
Lande einen trben Tag. Um drei Uhr rckten wir, durch dichten Wald
absteigend, in die Stellungen, wo wir bosnische Infanterie ablsten.
Eine Moos- und Reisightte wurde mir als Befehlsstelle bezeichnet; hier
lie ich mein Gepck zurck und ging weiter, um die Verteilung der
Kompagnien zu erfahren. Die Rumnen verhalten sich still; doch entgeht
ihnen schwerlich, da eine neue Art Feind in den Wald eingezogen ist.
Hatten sich nmlich die tapferen, aber etwas bequemen Bosniaken lieber
der dauernden Todesgefahr ausgesetzt und Nchte durch gefroren, als da
sie sich mit dem Ausbau der Stellung abgaben, so geht es jetzt unter
unbndigem Jauchzen und Gesang an ein deutsch-grndliches Graben,
Baumfllen, Sgen und Hmmern, als stnden wir auf heimatlichem Grund
und mten fr Kind und Kindeskind Huser bauen.




                                                           4. November


Das Lager aus Fichtenzweigen, das Rehm aufgeschichtet und mit einer
Zeltbahn berdeckt hat, bewhrte sich gut; wir schliefen alle weit in
den Morgen hinein. Die Rumnen bleiben ruhig. Die Unsrigen bauen
Unterstnde. Es verlautet aber, da wir nicht lange hierbleiben.

Beim Frhstck, als der Major Marmelade aus dem Topf nehmen wollte,
brachte er mit dem Lffel eine kleine tote Maus zum Vorschein. Wie sie
in das Gef geraten ist, wer wei es? Muse gibt es ja hier genug, es
sind hbsche brunliche, mit Augen wie schwarze Fischrogenkrnchen; beim
Aufwachen heute sah ich eine ber mir im Gezweig, die mich beobachtete.
Klingensteiner wurde gerufen und zur Rechtfertigung aufgefordert, konnte
aber keine andere Erklrung abgeben, als da der Topf ber Nacht
vermutlich unbedeckt stehen geblieben sei. Er wurde hart angelassen, was
er schweigend hinnahm; schlielich erbot er sich schchtern, eine neue
Bchse zu ffnen. Der Major schien zu schwanken, aber nur einen
Augenblick, dann wies er das Anerbieten zurck, lie die Muschenleiche
entfernen und begann, whrend ihm vor Widerwillen die Augen aus dem
Kopfe traten, sein Brot zu bestreichen, schob auch uns das
Marmeladegef zu. Da er uns schaudern sah, bestrich er das Brot noch
etwas dicker und erklrte knapp und brsk, die Maus knne erst heute
nacht hineingefallen, von Verwesung also noch keine Rede sein, in den
Stdten Deutschlands herrsche der Hunger, tausend Mtter wrden sich
dort glcklich schtzen, wenn sie ihren Kindern solche Marmelade auf ihr
elendes Kleienbrot schmieren drften. Dabei kaute und schluckte er
gewaltsam, die Mienen von grenzenlosem Ekel verzerrt. Endlich stand er
auf, strich sich stehend ein zweites Brot und ging, ohne abzuwarten, ob
wir seinem Beispiel folgten, davon. Einige lachten jetzt, und einer
nannte ihn ein Schwein, doch war eine gewisse Angefochtenheit bei jedem
zu merken. Einer meinte schlielich, er htte ja die Marmelade
stehenlassen und mit dem trockenen Brote vorliebnehmen knnen; aber dies
Wort ging daneben, jeder hatte gesprt, da der Alte den Ekel mit
Bewutsein erleiden und zeigen, ja, da er uns damit peinigen und
beschmen wollte. Im stillen mochte sich auch jeder sagen, da ein Volk,
worin alle dchten und handelten wie er, ewig unberwindbar bliebe; doch
scheint es manchem befremdlich, da aus dem bitteren kleinen Greise, der
uns allzuoft halb eine Belustigung, halb ein rgernis gewesen ist, auf
einmal etwas wie echter Schmerz und echte Gre hervorwachsen will. Sich
selber traut ja jeder Erneuerungen zu; den andern aber, besonders den
lteren, hlt man gern fr eine starre Gewordenheit und ist fast
ungehalten, wenn er einem pltzlich Beweise vom Gegenteil gibt.

Bald redete keiner mehr; nachdenklich saen alle um den Marmeladetopf,
bereit, wenn es gegolten htte, davon zu essen, aber einer durch des
andern Gegenwart gehemmt.

                   *       *       *       *       *

Nach Mittag durchging ich mit dem Ordonnanzoffizier unsern ganzen
Frontbereich. Die Gegend ist wie absterbend; manchmal knistert es im
Gezweig, eine Staude wird geschttelt, aber man sieht kein Wild, keinen
Vogel. Der Wald ist Urwald; filzig-strhnige Flechtengewebe verbinden
die Baumkronen und verdnnen das Licht. Ungeheure Stmme, halb
aufgelst, manche wie durchwrmte Kerzen verbogen, glhend in allen
Rten und Brunen des Verwesungsrostes, liegen auf- und nebeneinander,
und berall ringt Alge, Moos und Pilz zur Welt. Ja, was hhere Natur in
veredelter und festerer Form lange bewahrt und entwickelt, bis es
endlich mit Augen blickt oder sich mit Flgeln auflftet, hier, im
feilsten hinflligsten Stoff, ist es vorgetrumt seit onen und
zerfllt, kaum geworden, in haltloser Brunst. Es gibt Schwmme, die wie
Rebhuhnfittiche den Boden berbreiten, andere gleichen schwarzen
Muschelschalen, aus denen ein amethystenes Geriesel kommt. Ein Flor
violetter Posaunen bedeckt ganze Flchen, aus lockigem Gekrusel stehen
weie Glieder, und winzige verstmmelte Hnde, lichtgrn, mit einem
siegellackroten Trpfchen statt fehlender Fingerspitzen, greifen aus
morschen Rinden hervor.

Pltzlich standen wir vor einem Toten, und als htte uns dieser den
Blick geffnet, sahen wir nun den Wald voller Leichen. Um die Hhe
Lespdii herum liegen sie zu Reihen hingestrzt, lauter Rumnen; die
sterreicher hat man wohl bereits begraben. Sie tragen zwiefach
gespitzte Mtzen, denen vorne blo ein Goldknpfchen fehlt, um an alte
deutsche Schalkskappen zu erinnern. Alle haben ganz neue Uniformen, dazu
Halbschuhe, die aus einem einzigen Stck Leder geschnitten und oben mit
starker grner, durch Lcher laufender Schnur zusammengezogen sind. Der
Ausrstung ist anzumerken, da die Fhrer mit einem raschen Siegeslauf
gerechnet haben.

Wir besuchten unsere smtlichen Kompagnien; spter gesellte sich
Leutnant K. zu uns, der vor acht Tagen zum erstenmal an die Front
gekommen ist, und wir schritten zu dritt einen weiten Bogen aus, wobei
der Ordonnanzoffizier sehr anschaulich die Lage des Oitzpasses
beschrieb. Der Leutnant ist ein zarter Junge, wie ihn frher kein Heer
aufgenommen htte, sein Gesicht so bleich, als wre er erst vom
Krankenbett aufgestanden. Die Begegnung mit so vielen Toten schien ihn
anzugreifen; er fragte, wann sie denn begraben wrden, worauf der
Ordonnanzoffizier meinte, das eile nicht so sehr, der Frost bewahre die
Leichen gut und lasse keine Verwesung herankommen, es gbe fr den
Augenblick Wichtigeres zu tun. In einer kleinen Lichtung blieben wir
stehen und betrachteten die Hhe Lespdii, die das Bataillon in den
nchsten Tagen erstrmen soll. Sie nahm sich jetzt noch unbedeutender
aus als gestern im Fernrohr; mit gelbem Gestein und braunem Gestrpp
glich sie dem rudigen Fell eines scheckigen Tieres, und Leutnant K.
sprach nur mein eigenes Empfinden aus, als er fragte, ob es denn
irgendeinen taktischen Zweck habe, fr den elenden Steinhaufen deutsches
Blut zu opfern, man mge ihn doch in Gottes Namen den Rumnen lassen.
Der Ordonnanzoffizier sah den jungen Kameraden verwundert an wie einen
Mitspielenden, der sich nicht an die Spielregeln hlt, und erklrte
dann, es handle sich keineswegs darum, Berge zu erobern, sondern
feindliche Krfte hier festzuhalten und wichtigere deutsche Fronten zu
entlasten, und brigens sei es an der Zeit, da wir ins Gefecht kmen,
eine lange Defensive zerstre den Mut, ja der beste Soldat werde
schlecht ohne Kampf und Gefahr.

Der Leutnant schwieg lange. Erst als wir schon den Rckweg angetreten
hatten, fragte er unvermittelt, ob sich von den Friedensgerchten, die
neulich umliefen, etwas besttigt habe. Wir verneinten es. Nun geriet er
mehr und mehr in ein fieberisch-verworrenes Gerede hinein; schlielich,
lachend und doch sehr erregt, erzhlte er von einer Tante in Augsburg,
die darauf schwre, niemand anderer als Mars, der nahe rote Planet, habe
uns den Krieg gesandt, er herrsche auf sieben Jahre ber die Erde und
sauge an ihren Geistern, bis sie einander aus der warmen Behausung des
Lebens jagen. Der Ordonnanzoffizier war immer einsilbiger geworden; auf
das letzte hin schwieg er ganz, und ich glaube, er hatte recht. Vor den
Antlitzen der Toten erstirbt jedes nicht ganz wahre, nicht ganz
nchterne Wort wie in luftleerem Raum. Im Grunde fhlt wohl jeder einen
Sinn in sich, der mit und ber allen Planeten wei und wirkt. Bleiben
wir im engsten Kreise wachsam! Wenn einer vom eigenen Mittelpunkt aus
das Nchste, Notwendige erkennt und lst, wie kann ein wandelnder Stern
gegen ihn sein? Er hat sich dem Geist aller Sonnen verbunden, immer
dient er den Gngen des ewigen Spiels.

In das obere Waldgebiet zurckkehrend, sahen wir die schwarze
Fichtenfensterung rot und blaugolden wie mit Scheiben ausgelegt, unter
uns aber, schon von Halbnacht umgeben, die groe weie Dunstsee
hingebreitet, an deren stlichem Saum einzelne kleine Lichter
flimmerten. Whrend wir uns fragten, ob diese noch unserer eigenen oder
schon der gegnerischen Zone angehrten, bemerkten wir am Boden etwas
Seltsames, ein kleines dunkles Tier, das, einer aufziehbaren Blechmaus
hnlich, in engen Kreisen unaufhrlich einen Baum umlief. Sein Gebaren
erinnerte an die japanischen Tanzmuse, die Wilhelm in Hellabrunn immer
so viel Spa gemacht haben; es war aber grer und nahezu schwarz. Wir
nherten uns vorsichtig, da huschte es den Stamm hinauf und war
verschwunden. -- Im Unterstand wurde mir erffnet, da ich laut
Brigadebefehl fr die Kampftage zum Regimentsstab abkommandiert bin, wo
ich einen Verbandplatz errichten soll. Das bedeutet, aus Gefahr und
feuchter Niederung der Leichenwlder in Sicherheit und golden-trockene
Hhenluft versetzt werden. Alle wnschen mir Glck. Ich wre aber lieber
beim Bataillon geblieben.






_6. November_ stieg ich mit Rehm, Dehm und Raab auf den Gipfel des
Kishavas, meldete mich beim Oberst und nahm sogleich einen Verwundeten
in Empfang. Er ist bei einer Erkundung in die linke Seite geschossen
worden; die Kugel steckt in der Lunge. Uneingedenk des Todes, der ihm
wie ein feiner sichelfrmiger Glanz aus den schon umnebelten Augen
blickt, verlangt er hartnckig Schnaps und hofft, mit ihm seine Schwche
zu berwinden, um unzhlige Rumnen erschieen zu knnen. Nie sah ich so
brennende Rachsucht in so leidender Natur.

Beim Abendessen besprach ich mit dem Oberst Ort und Art des zu bauenden
Unterstandes. Wir einigten uns auf einen geschtzten Platz am Waldrand.
Ich bat ihn auch, mir Leute zur Arbeit zuzuweisen; aber bevor er nur
antworten konnte, erklangen von allen Seiten die schnsten
Versprechungen: Adjutant, Feldgeistlicher und Ordonnanzoffizier
berbieten sich in Hilfsbereitschaft, jeder wird mir morgen in aller
Frhe seinen Diener senden.




                                                           7. November


Die Nchte sind hier klter als unten. Wir haben Erde tief und breit
ausheben lassen und ber diese Grube Zeltbahnen ausgespannt, so friert
man weniger. Noch etwas besser wre das Lager ohne die vielen verholzten
Wacholderwurzeln, die sich zuweilen scharf gegen die Rippen stemmen,
wenn man im Schlaf die Lage verndern mchte. Doch wacht man jetzt gern
einmal eine Stunde, wenn Mondlicht ist ber unserer vorzeitigen Gruft
und Grser und Stauden, zart abgeschattet, ber dem Zelttuche schwanken.
Heut mute ich viel an Glavina denken, der tief auf dem Grunde des
Nebelmeers atmet, wo der Mond wohl nur als blagrauer Silberdunst
hinabreicht. Gern lse ich wieder einmal eins von seinen Worten oder
sprche mit ihm; aber er ist unnahbar scheu, und Briefe gehen keine mehr
durch meine Hand. Oft ist mir, als ob mich seine Sprche leicht und
stark in die Zukunft hinberzgen. Es hat sich nun doch so lenken
lassen, da er nicht mehr im Graben, sondern fast nur noch als
Befehltrger verwendet wird.




                                                           8. November


Das Wetter hlt an; jeder Morgen bringt Nebel und ist wie eine graue
Puppe, aus welcher blau der Tag emporfliegt.

Mit meinem Unterstand ist es etwas anders gegangen, als ich gestern
meinte; aber er steht da, trotz allem, -- was will ich mehr? Es ist bei
einem Regimentsstab wie an einem kleinen Hofe; man sieht einander
weniger in die Augen als auf die Achselstcke, und da mir solche fehlen,
so zeigten die Zusagen von gestern keine rechte Haltbarkeit; vielleicht
haben sie mehr dem Obersten gegolten als meinem Unternehmen. Als am
Morgen die Diener ausblieben, erlaubte ich mir die Herren an ihr
Versprechen zu erinnern; aber da war gerade jeder unmig in Anspruch
genommen, keiner knnte im Augenblick seinen Burschen entbehren, einer
um den anderen vertrstete mich auf spter. Ich drngte nicht, sondern
begann sofort mit Raab, Dehm und Rehm allein zu arbeiten. Das ging aber
gar langsam; wir muten doch nach anderen Hnden ausschauen. So nach
zehn Uhr, als ich die Offiziere fest in den Dienst gestrengt wute, da
machte ich mich wie ein geheimer Werber an die Diener heran und lockte
sie mit Geld und Tabak zur Mithilfe. Es sind lauter gewandte Leute, die
gleich auf alles eingingen. Doch beschftigte ich nicht alle zugleich;
zwei muten immer fr die Herren erreichbar bleiben, um statt der
fehlenden einzuspringen. Das Werk scho auf wie eine Morchel; mittags
waren aus Pfhlen und Erdkltzen schon Wnde errichtet, um ein Uhr hatte
Dehm ein Dach aus Latten, Gezweig, Erdreich und Steinen darbergelegt,
bald sah ich Pritschen bereinandergebaut, sogar einen Tisch und zwei
Sthle aus Birkensten gezimmert, dazu kam noch ein Felsenofen mit einem
Rauchrohr aus ineinandergesteckten Konservenbchsen, denen man den Boden
ausgeschnitten hatte. Von Zeit zu Zeit lie ich mich bei der
Befehlsstelle sehen, wo nun alles kriegerisch webert und in
Ferngesprchen der Angriff erlutert wird. Der Ordonnanzoffizier, vom
Apparat herber quer lchelnd, fragte nach meinem Unterstand. Ich klagte
ber Arbeitermangel; er meinte zerstreut-verbindlich, das werde sich
geben, es eile ja nicht, auf jeden Fall werde er mir morgen seinen
Burschen schicken. Nun freute mich erst der Spa. Meine lieben Jungen
werkten wie fr die Ewigkeit; mir fiel der Bauer von Szentllek ein, --
mge ihm sein gro geplanter Hof so glcklich geraten wie mir diese
Htte! Nach dem Abendessen fragte der Oberst, ob ich den Unterstandbau
bereits begonnen habe. Die Verwunderung, als ich sagte, der sei fertig,
war lebhaft am ganzen Tisch. Alle wollten ihn sehen. Ich fhrte sie zum
Walde hinber, lud sie ein, auf Sthlen und Pritschen Platz zu nehmen
und spendete Zigaretten. Die Baumeister Dehm, Rehm und Raab wurden vom
Oberst gerufen und belobt. Niemand fragte, wer sonst noch geholfen habe.

Es ist ein Abend, so therhell wie man ihn auf geklrteren Planeten
ahnt. Herrlich brannte die Sonne hinab, und whrend noch der Westen
haselnubrunlich nachleuchtet, steigt aus lavendelblauen rumnischen
Bergen der Mond.




                                                          11. November


Vormittags um zehn Uhr, als die Sonne sehr grell gegen die feindliche
Stellung fiel, wurde durch verwegenen berfall mit einer Handvoll Leuten
der 6. und 7. Kompagnie den Rumnen Lespdii entrissen. Jetzt ist es
vier Uhr, und bereits haben sie den siebenten Sturmlauf unternommen, um
das Hgelchen zurckzugewinnen. Die Unsrigen rhmen die groe
Todesverachtung der Gegner, sagen aber, da es ihnen an Besonnenheit und
Erfahrung fehle. Jedesmal, ehe sie ansetzen, hrt man, wie drben ein
Fhrer eine Rede hlt, worauf ein wilder Marsch ertnt, bei dessen
Klngen sie heranrasen wie Trunkene. So wird Musik, die reine Kunst, zu
einem Fluidum, das den Menschen ber seine Grenzen hinaustreibt und mit
Gefhl des Lebens dermaen berldt, da er sich sehnt, es abzuwerfen.

Schon zeigt sich, da der kleine Gesteinshaufen weit mehr Opfer kosten
wird, als wir vermutet hatten; die Fortschaffung der Verwundeten mu bis
morgen in eine heillose Stockung geraten. Ich beschlo, noch einige
Gruppen von Trgern anzufordern. Unwillig berlie mir der Adjutant das
Telephon. Ich erfuhr, da unser Divisionsarzt samt seiner
Sanittskompagnie einem andern Frontabschnitt zugeteilt worden ist.
Andere deutsche Stellen erwiderten mit vagen Vertrstungen; schon sah
ich die mir anvertrauten Verwundeten der Erfrierung und dem Hunger
ausgesetzt und wollte den Apparat verlassen, um beim Oberst Gehr zu
erbitten, da lehnte an einer Fichte, schlank, leicht gebckt, mit
klarer, steiler Stirne ein junger ungarischer Kadett neben mir, dessen
khle graue Augen mit einiger Teilnahme auf mich gerichtet waren.

Darf ich Ihnen einen Rat geben? sagte er, hflich grend. Wenn Sie
an irgend etwas Mangel haben, wenden Sie sich stets an den
sterreichischen Hauptmann Gebert in Bereczk. Er hilft immer.

Der junge Mann glich eher einem stillen Gelehrten als einem Soldaten;
vielleicht gerade deshalb fate ich Vertrauen. Und wirklich, sehr
aufgerumt wie ein Kaufmann, der gute Geschfte zustande kommen sieht,
antwortete der fern Gerufene:

Warum nur sechs Gruppen? Ich schicke lieber zwlf! Haben Sie denn genug
Verbandstoff?

Ich bat um eine mige Menge, und er versprach, ein Eselchen, mit
Kompressen und Binden beladen, den Trgern bald nachzuschicken. Bis
fnf Uhr morgens ist alles bei Ihnen, setzte er hinzu. Nie war ich
froheren Herzens von einem Telephon weggetreten. Ich wandte mich, um dem
unverhofften Schutzgeist Dank zu sagen; der aber hatte seine Natur auch
dadurch bewiesen, da er indessen unsichtbar geworden war.




                                       12. November, sechs Uhr morgens


Da der Verbandraum lngst berfllt ist, haben wir die neuen Verwundeten
in ein ganz nahes Tlchen gelegt und ein groes Feuer angezndet, um die
Luft zu erwrmen. Die Toten werden auf einer moosigen Flche
zusammengetragen, etwas jenseits des Feuers, das sich unter dem Winde zu
ihnen hinberstreckt, wie um sie zu verzehren. Der junge Leutnant, der
uns neulich auf dem Weg durch die Stellung begleitet hat, ist unter
ihnen. Kurz vor Mitternacht kommt eine Meldung, da die Rumnen von der
Front zurckgezogen und durch ein russisches Regiment ersetzt worden
seien.

Es wurde nun still in der Tiefe, und nach ein Uhr kamen keine
Verwundeten mehr. Ich legte mich um zwei Uhr in das Zelt und schlief
ein. Da hatte ich einen Traum. Ich befand mich bei Vally und Wilhelm in
unserm Wohnzimmer zu Passau. Es sah darin sehr kahl und rmlich aus;
fast alle Mbel waren entfernt, die Wnde voller Sprnge, der Spiegel
blind. Vally, mit magerem weiem Gesicht, lag in einem schlechten,
zerschlissenen Bett und sagte gelassen, fast heiter, da sie schon lange
nichts mehr zu essen htten. Wilhelm sa an seinem Tischchen und schrieb
auf einer Schiefertafel. Von Zeit zu Zeit legte er den Griffel weg, nahm
ein Spritzknnchen, ging ans Fenster und bego Pflanzen, die dort in
Scherben wuchsen. Was tust du? fragte ich. Ich mu die Knigsblumen
gieen, gab er mit groem Ernst zur Antwort und schrieb wieder. Ja,
das sind kostbare Gewchse, sagte Vally, schau sie dir an! Die
meisten, leider, verwelken, bevor sie zum Blhen kommen; die mittlere
aber, die groe, wird sicherlich aufgehen, das ist genug. Sie wird uns
alles geben, was wir brauchen, Kleider und Schuhe, Brot und Wein.
Kleider, Schuhe, Brot und Wein, wiederholte das Shnchen in singendem
Ton, stand auf und begann wieder zu gieen. Ich betrachtete die Pflanze;
es war eigentlich nur eine groe blagrne Knospe von unregelmiger
Form, die aus einem behaarten fleischroten Stengel hervorwuchs. Sah man
sie lnger an, so konnte man in der Tat finden, sie gleiche einem
unentfalteten grnen Figrchen mit winzigen gelben Kronenzacken. Und auf
einmal war auch mir zumute wie den beiden, so verarmt und so voll
rtselhafter Hoffnung. Zugleich aber fiel mir ein, da ich ja Brot und
Wein bei mir trug, echten Tokaier, in Arad gekauft, und frisches weies
Brot aus Esztelnek. Rasch packte ich aus, rckte das Tischchen zum Bett,
und wir aen und tranken, enthielten uns aber jeder Liebkosung, ja jedes
innigen Wortes, als htten wir ein tiefes Wissen, da wir nur Traumwesen
waren und uns durch Berhrung oder durch ein berma gezeigten Gefhls
zerstren konnten. Vallys Wangen rteten sich, ihre Augen glnzten; der
Kleine wurde sehr frhlich: Ich will der Blume Wein zu trinken geben,
damit sie schneller wchst! sagte er, schttete ein wenig auf die hohle
Hand und lie es auf die Knospe tropfen; diese wuchs gewaltig, auch
prgte sich die Figur deutlicher aus -- pltzlich, mit feinem Klingen,
zuckte ein Licht, ein schmaler Strahl, purpurgolden, zwischen Blttern
hervor, der Knabe, entzckt und erschrocken, trat einen Schritt zurck
-- die Zeit ist da! rief Vally und erhob sich aus den Kissen, ich aber
hrte mich mit rauher Stimme angeredet und erwachte. Jemand hatte das
Zelt geffnet, ich sah den rtlich dmmernden Himmel, darber hart
funkelnd einen Stern, am Boden aber einen gebckten knienden Mann in,
sterreichischer Uniform, der mir eifrig und respektvoll mit mhsamem
Deutsch etwas zu erklren suchte. Raab, der herzutrat, sagte, es sei ein
bosnischer Sanittsfeldwebel, der Fhrer der eben eingetroffenen
Verwundetentrger, der Mann lasse sichs nicht nehmen, er wolle deren
Ankunft unverzglich melden und um Befehle bitten. Ich behalte eine
Gruppe fr besondere Flle bei mir; die anderen bekommen Rast und
Speise, dann beginnen sie ihren schweren Dienst. Es sind stmmige Mnner
in reifem Alter; smtliche haben den sicheren federnden Gang, der dem
Getragenen viele Schmerzen erspart. Auch das Eselchen ist schon da, ein
rabenschwarzes mit weien Ringen um die Augen, am ganzen Leibe noch
dampfend von seiner frommen Mhsal. Alle sammeln sich darum, jeder
streichelt es, jeder will sein Brot mit ihm teilen, und wie Vlker alter
Zeit sind wir nahe daran, das Unschuldig-Vernunftlose als das hchste
Gttliche zu verehren.

Drunten halten sie noch Ruhe. Manchmal, wie Gasperlen aus einem Sumpf,
brodelt eine Schiemaschine. Die Verwundeten warten geduldig. Leichte
Gifte lsen den Schmerz, und das groe Feuer heizt weithin die Luft; sie
flimmert wie flieendes Glas. Die Bosnier haben sich rings herumgesetzt;
sie singen langtnige Lieder, in denen der Trochus berwiegt. Ein
starker Wind zerrt an den blauen Wurzeln der Flammen und wirft Funken
und Fetzen brennenden Wacholders auf die Toten.




                                                 12. November, mittags


Die Klte nimmt zu. Sprlich wirbeln Flocken, man wei nicht recht,
woher; nur wenige lockere Wolken stehen ber uns. Unruhiger Morgen. Der
Feind hat Geschtze herangeholt; man rechnet mit einem Gegenangriff.
sterreichische Truppen ziehen ber den Berg, lagern zuweilen. Ich sah,
etwas abseits im Walde, einen polnischen Offizier, einen
bleichgesichtigen jungen Mann, wie er einen lteren Bosniaken, der
Befehle nicht zu verstehen schien, mit geballter Faust immer wieder auf
Kopf und Schultern schlug. Solche Szenen sollen sich seit kurzem in der
verbndeten Armee ab und zu ereignet haben. Gar zu scheckig ist ja
dieses Heer, und eine Farbe hat die andere; ja es kommt vor, da der
Fhrer die Sprache seiner Leute weder spricht noch versteht und sich fr
zu vornehm hlt, sie zu lernen. Hier brigens war das Emprende des
Vorgangs bis ins Lcherliche bertrieben und fast aufgehoben, und zwar
durch das Benehmen des Mihandelten. Die gebhrend ehrerbietige Haltung
nicht eine Sekunde lang verlassend, ertrug er die Beleidigung mit der
nachsichtigen berlegenheit eines Riesen, der sich Pffe und Knffe
eines betrunkenen Gnomen gefallen lt. Spaverstehen lag breit auf dem
ehrlich-pfiffigen Bauerngesicht; kaum unterschied man, wer da schlug und
wer geschlagen wurde. Wre der junge Offizier nicht von aller
Wachsamkeit des Geistes verlassen gewesen, er htte das Unmgliche,
Unwirkliche seines Tuns entdecken mssen. Der Anblick war unertrglich:
man mute sich abwenden oder auf Heilung sinnen. Da nahte mir ein
mutwilliger Geist; im Nu war der groe silbergraue Umhang aus dem Sack
gezogen und angetan; ich nahm eine Zigarette in die Hand, ging zu dem
Tobenden und bat unbefangen um Feuer. Und schn entfaltete der
unstatthafte Kragen seine Magie: der Leutnant lie die Hnde sinken,
versicherte mich seines gehorsamsten Respekts und bediente mich mit
seinem silbernen Benzinbchschen, das durchaus nicht brennen wollte,
geduldig und artig, bedeutete auch dabei mit Augenwink dem Bosnier, da
er sich entferne. Dieser ging davon, aufrecht, ungedemtigt; seinen
Schultern merkte man an, da es ihn innerlich vor Lachen schttelte.
Jenem aber, sei es zur Ehre gesagt, da er seine Hflichkeit um keinen
Grad zurckschraubte, als er nach und nach die Hohlheit meiner
prchtigen Hlle erkannte. Die lange Dauer des Kriegs und die traurige
Verfassung seiner Nerven beklagend, ging er mit mir noch eine Strecke in
den Wald hinein und stellte mir in seinem nahen Unterstand einen Becher
Tee in Aussicht, als in der Tiefe pltzlich ungeheurer Lrm losbrach,
der uns beiden schnelle Rckkehr zu unseren Dienststellen befahl. Beim
Stab erfuhr ich, ein Angriff der Rumnen sei im Gang; man hatte sich
aber vorgesehen und erwartete ruhig die weiteren Meldungen. Nach einer
Viertelstunde waren die Gegner zurckgeschlagen, einige gefangen. Das
Gercht vom Einsatz russischer Krfte hat sich nicht besttigt.




                                                                Abends


Gefangene, 1 Offizier und 21 Mann, wurden auf der freien Flche bei den
Grbern zum Abmarsch aufgestellt. Man sieht es diesen Rumnen an, da
sie gegen uns Deutsche kein gutes Gewissen haben; der Offizier, ein
Unterleutnant, senkte beim Salutieren sehr den Kopf, als der Oberst in
seiner gottvterlichen Breite an ihm vorberging. Ein Jude von etwa
Dreiig, untersetzt, vollbrtig, macht sich durch Deutschsprechen
bemerkbar. Wir alle, sagte er, sind verwundert gewesen, hier auf
Deutsche zu stoen. Wir hassen die Ungarn, ja; aber wir bewundern die
Deutschen. Sie sind das wichtigste Volk der Welt, man lernt von ihnen,
und sie haben uns nichts Bses getan. Der Mann sprach in einem erregten
und wohlmeinenden Ton; vielleicht hatte er Furcht, vielleicht war er
lngere Zeit in Deutschland gewesen. Niemand gibt ihm Antwort. Wo er
hinredet, stt er auf Schweigen; nicht einmal die naheliegende Frage,
welche die Franzosen den Unsrigen gern entgegenwerfen, wenn sie in ihre
Hand fallen: Warum habt ihr uns Krieg erklrt? richtet man an ihn.
Endlich verstummt er.




                                                          13. November


Nachts hatte man von den umliegenden Bergen herber Wolfsgeheul
vernommen; die Maultierfhrer deuten es auf nahen Schneesturm. In unsere
Stellung rckten wieder Bosnier; wir verlieen um acht Uhr, bei
bedecktem Himmel, den Kishavas, nachdem die Quartiermacher schon in der
Dmmerung nach Lemhny vorausgegangen waren. Beim Hinuntersteigen mute
ich der irren alten Frau gedenken, doch schlug der Stab einen anderen
Pfad ein, und spter erfuhr ich, da jener Steig, als beschwerlicher
Umweg, von den Truppen gemieden wird. Es mochte zehn Uhr sein, als uns
zum erstenmal die Ebene mit ckerbraun und Huserblau erschien, um
gleich wieder zu verschwinden, bis pltzlich, im tiefen Winkel zweier
blaudunkler Hnge, das Campanilchen von Esztelnek aufschimmerte. Alle
erkannten es und jubelten ihm zu; wie ohne Tornister, mit lautem Gesang,
eilten die Kolonnen. Aber in raschester Fahrt, mit schrillen Signalen,
holten uns sterreichische Generalstabsoffiziere ein, winkten den Oberst
heran und breiteten Karten vor ihm aus. Ein mchtiges Halt ertnte,
Ordonnanzen muten ihre Rder besteigen, um die vorausmarschierenden
Kompagnien zum Stehen zu bringen. Der Gesang brach ab; mitrauisch im
beginnenden Regen wartete die Mannschaft. Nach wenigen Minuten erfolgt
Befehl zur Umkehr; es geht unter berflieenden Regenwolken in das
Gebirg zurck. Der Oberst berichtet uns, da wichtige Hhen
verlorengegangen seien, darunter der wichtige Grenzberg Runcul mare, der
unverzglich wiedererobert werden msse. In Oitz sahen wir den Grafen
Tisza, der in bequemer Pelzjoppe, eine graue Mtze in der Hand zwischen
Offizieren stand und ein Szeklerregiment an sich vorbeiparadieren lie.
Die Kompagnien wurden in ungeheuren Holzbaracken untergebracht.

Vom Oberst entlassen, suchte ich ohne Verzug den Major und meldete, da
ich den Dienst beim Bataillon wieder bernehme. Er sa allein in einem
armseligen Quartier auf zerbrochenem Stuhl und studierte Karten. Der
feuchte, finstere Abhang des Kishavas hat sein Leiden wieder aufgestrt;
er fragte gleich, ob ich noch etliche Pulver habe. Zum Glck war ein
kleiner Vorrat geblieben; auch von Vallys trefflicher Schokolade fand
sich im Brotbeutel ein letztes Tfelchen. Dieses verzehrend, saen wir
eine halbe Stunde in der windigen Stube beisammen, ohne viel zu reden.
Vom Lazarett will er auch jetzt nichts wissen, und ihm vorzuhalten, da
er mit seinen fnfzig Jahren ohne Vorwurf zu Hause sitzen knnte, statt
hier in einem unbersehbaren Krieg immer neue winterliche Berge zu
erstrmen, hinter denen doch nur neue Feinde stehen werden, wre kaum
angebracht. Im stillen ertappte ich mich auf einer rechten Freude,
wieder bei ihm zu sein; so ist wohl einem Raucher zumute, der sein
scharfes aber wrziges Kraut nach lngerer Entbehrung wieder anzndet.

Die Soldaten haben unterdessen Mnchener Bier erhalten, und da sie
hren, da wir vorerst nur in Bereitschaft liegen sollen, ja vielleicht
gar nicht ernsthaft eingesetzt werden, sind sie, wie Kinder, gleich
wieder guter Dinge. Niemand will schlafen; Lrm und Singsang dauern bis
Mitternacht.




                                                          14. November


Um sieben Uhr weiter bei Regen und Nebel. Drei Leute muten, als
Flecktyphusverdchtige, in Oitz zurckbleiben. Die Laus, die
Einimpferin der Seuche, vor kurzem nur lcherlich und ekelhaft, zeigt
sich allmhlich als teuflischer unabwehrbarer Feind. Seit Monaten qult
sie den Leib; oft ist es, als ob sich die Haut an tausend einzelnen
Pnktchen entznde, sie zersetzt Gedanken und Trume, jetzt versucht sie
zu tten. Am Kishavas war mir aufgefallen, da die Stelle meines Hemdes,
ber welcher die Zweige der Frau von Szentllek stecken, fast lusefrei
geblieben ist. Ich schlo daraus, da die therischen le gewisser
Pflanzen dem Ungeziefer noch verhater sein mten, als das Naphthalin,
das uns ohnehin immer sprlicher zugewiesen wird, und raufte wilde Minze
ab, die dort noch vielfach in fetten blulich-grnen Stauden wchst.
Zweimal am Tage zerrieb ich mir Bltter und Stengel an der Haut, habe
mir auch einen guten Vorrat mitgenommen. Anfangs verschrften sich
Jucken und Brennen; die Nachwirkung aber ist vorderhand wohlttig.

Um ein Uhr ganz nahes Geknall; Kugeln zischten ber uns. Wir machten
halt an einem frheren Zollgebude, wo schon ein Verbandplatz unseres
Regiments errichtet ist. Das dritte Bataillon steht mit Rumnen im
Gefecht. Verwundete liegen in allen Rumen, viele drauen im Regen auf
Gras und Spreu. Ein Priester, leuchtend-bleichen Gesichts, wandelt
zwischen Sterbenden, flstert ihnen vertraulich zu, netzt sie mit
geweihtem l, fragt nach ihren letzten Vermchtnissen und Wnschen, dazu
nach den Adressen ihrer Angehrigen; dies alles schreibt er sorglich in
ein dunkelgrn gebundenes Buch.

Ich lie mich zu Dr. Fellerer, dem neuen Regimentsarzt, fhren, von dem
ich Starrkrampf-Serum zu erhalten hoffte. In einem Saal neben dem
Hausflur bemhte er sich um gefhrlich Verletzte; mein Eintreten
bemerkte er nicht. Jetzt ihn zu stren war nahezu frevelhaft; aber mein
Zweck hielt mich fest, und auch als Zuschauer blieb ich gerne; denn nie
hatte ich einen schwierigen Dienst mit solcher Leichtigkeit, Sicherheit,
Freiwilligkeit vollbringen gesehen. Diesen Arzt scheint nichts zu
drngen und zu hetzen, und ob er blutende Schlagadern unterbindet oder
zerbrochene Glieder in Schienen schmiegt, seinen Hnden legt sich alles
wie von selber zurecht. Das innig-nchterne Handeln, zu dem auch wir
hinstreben, hier geschah es inmitten ungeheurer Zerstrungen still und
klar.

Endlich traf mich sein Blick, und nun erhielt ich Serum zugeteilt,
soviel ich wnschte, hatte nur etwas Morphium dagegen zu liefern.

Sechs Leute, Deutsche und Rumnen, liegen abgesondert auf Stroh. Es sind
Bauchschsse, fr die noch keine geeigneten Trger zur Stelle sind; sie
bekommen alle zehn Minuten heie Kompressen aufgelegt, und Fellerer
bittet mich, dieses Verfahren gleichfalls anzuwenden. Er hat fters
davon Heilungen gesehen.

Wir hatten erwartet, sogleich eingesetzt zu werden; aber man bedarf
unser noch nicht.

Unter einem Regen, der fallend gefror und halb in Tropfen, halb in
Eisperlen auftraf, stiegen wir in eine Schlucht hinab und schlugen
zwischen sehr alten, mit Islandflechte verkleideten Fichten die Zelte
auf. Ein hoher Berg deckt uns vor dem Feind; es ist gestattet, Feuer
anzuznden, aber das nasse Holz will nicht brennen. Auch der Hunger
begann zu nagen. Das Brot ist diesmal schlecht gebacken, halb noch Teig,
halb verschimmelt. Immerhin htte man gern das leidlich Ebare
ausgeschnitten, wenn sich etwas Marmelade dazu gefunden htte; aber
diese ist ausgeblieben. Da gedachte ich der groen Blechbchse, welche
die gute Frau Margarete von Schalding, erkenntlich fr lngst verjhrte
Hilfe gegen schleichende Krankheit, mir gesandt hatte, als wir noch in
Libermont lagen. Den Inhalt kannte ich nicht; schwerlich war er in
unsrer Lage unwillkommen. Rehm grub sie vom Grunde des Rucksacks herauf
und schnitt behutsam den Deckel los; mit goldbraunflssigem Bienenhonig
war sie bis zum Rande gefllt. Und nun scheint sich das Wunder der
Vermehrung zu erneuern: die Bewohner dreier Zelte sind schon erquickt
und noch immer das Gef bis ber die Hlfte voll.




                                                      Abends sechs Uhr


Noch einmal ist mir die Rolle des Helfers zugefallen. Als gar kein Feuer
zustande kommen wollte, fiel mit Reginas wchserne Reliquie ein, die
sich in einem Seitenfach der Verbandtasche befinden mute. Mein Zelt
steht etwas abseits von den andern hinter einem Stamm; niemand gab
gerade auf mich acht. Im Nu war das Kstchen zu Spnen zerschnitzt und
angezndet, sodann die wchserne Hand daraufgelegt. Das Rot schmolz ab,
der weie Kern kam zum Vorschein, und bald schlug mit Geprassel das
wachsbetropfte harzreiche Holz zu Flammen auf. Jubelnd begrten die
Genossen mein unverhofftes Opferfeuer, aus allen Zelten kamen sie, um
Glut zu holen, und Reginchen selber mte sich daran freuen, wie nun die
ganze Schlucht von Brnden lodert und sprht.




                                                     16. November 1916
                                      Hallesul, am Fu des Runcul mare


Um halb zwei Uhr wurden wir geweckt, die Zelte abgebrochen, alles rasch
zusammengepackt; fast schlaftrunken brachen wir auf. Eine Strecke
leuchteten uns herabgebrannte Lagerfeuer nach, dann tappten wir in
Waldfinsternis aufwrts. Jeder sucht irgendeine Helligkeit an der Figur
des Vorausgehenden; mich fhrte der schwache Glanz eines Zinnbechers an
einem Grtel. Schnee fiel durch Nebel; es wurde dabei lichter: der Mond
mute ber uns stehen. Immer schneller vollzog sich die Bewegung, bald
an Abgrnden, bald ber Stege, bald um Felsen herum, stundenlang. Die
Soldaten trugen das leichteste Sturmgepck; die Tornister sind in Oitz
aufbewahrt.

Als wir in das bewaldete Tlchen gelangten, das Hallesul heit, erhob
sich durch den Dunst eine mchtige Bergform; im Nu sprte jeder: wir
sind da. Hier war eine andere Aufgabe gestellt als vor dem Hgelchen
Lespdii: ein steiler, vom Feinde stark besetzter Grenzberg, der, nahe
dem wichtigsten Pa, das Land Siebenbrgen bedrohte, war zu erstrmen.
In einer halben Stunde mute es geschehen sein, oder es geschah
niemals. Auf Kanonenhilfe war verzichtet; indianerhaft, in weit
auseinandergezogenen Gruppen sollten zwei Kompagnien anschleichen, um
gewaltsamsten Angriffs von Mann zu Mann den Gegner in Entsetzen und
Flucht oder in den Tod zu jagen. Nahe dem Punkt, wo die Zge unter
Leitung des Majors zu gesondertem Vorgehen verteilt wurden, blieben wir
rzte mit dem Adjutanten zurck und erwarteten weitere Befehle. Wir
sahen uns um, wo vielleicht ein Verbandplatz zu errichten wre; aber da
fand sich weder Unterstand noch flieendes Wasser. Schon zeigt die
phosphoreszierende Uhr die Zeit fast berschritten, ein vager Gedanke
regt sich, es knnte noch in letzter Sekunde die Aktion widerrufen
worden sein oder gar bereits eine Friedensbotschaft drauen die finstere
Welt umfliegen, -- da rast das deutsche Kampfgeschrei, ein Augenblick
tiefer Stille folgt, und nun setzt ein Feuer ein, wie wir es in solcher
Verdichtung nie gehrt haben. Deutlich unterscheiden wir die hellen,
gezielten Salven der Unsrigen von den dumpfen vereinzelten Schssen der
Aufgescheuchten. Ohne Befehl abzuwarten, verlieen wir den Wald, und nun
war wie mit einem Ruck Morgen geworden. Entgegen stand uns ein kahler,
zerklfteter Kegel, von dem dnne Dunstschwaden ins Blaue wehten. Als
erste Gestalten erblickten wir gefangene Rumnen, die behutsam deutsche
Schwerverwundete zu Tal trugen, und unversehens fanden wir uns unter
Leidenden und Sterbenden gezwungen, den ungeschtzten Platz, wo wir uns
eben befanden, zum Verbandplatz zu machen. Schon hatte eine Granate
zwischen uns eingeschlagen und zwei Verwundete gettet, da kam der
Hauptmann einer ungarischen Reservekompagnie des Weges und verriet uns
die Nhe eines leidlich eingerichteten Sanittsunterstandes, auf einem
Felsen im Walde. Wir lieen pfadweisende Tfelchen an Bume nageln und
brachten die Verwundeten in den fast leeren Raum, dem eine schmale
rztezelle mit Pritschen und einem Tischchen angefgt ist. Zwei sehr
junge ungarische Sanittsfhnriche geschmeidig-zart, rotseidene Genfer
Kreuze auf schneeweien Armbinden, begrten uns, boten sich als
Gehilfen an und begannen die Arbeit mit einer Gebtheit, die wir ihren
feinen Knabenhnden kaum zugetraut htten. In hundert Formen wogte
Leiden heran, und sehr ungelegen kam ein Bote des Majors, der um neun
Uhr mich und den Kollegen R. zur Befehlsstelle berief. Wir bereilten
uns nicht und begannen den Aufstieg erst nach zehn Uhr.

Es ist ein Berg der Blindnis und des Todes, den wir langsam erklimmen.
Vom stlichen Hang herber, wo der Kampf noch nicht abgeschlossen ist,
schallen durch Gewehrgeknatter wilde Schreie; hben aber in unserem
Bereich beginnt eben der Feind, den Eroberern das Eroberte zu verleiden.
Wie Hornisse zerstechen Granaten das Gefelse, Fleisch reiend aus
Lebendigen und Toten. Bald rufen uns deutsche Verwundete an, bald
rumnische, die nun das Eisen ihrer Brder zum zweiten Male verstmmelt
hat. Manche leiden regungslos; viele krmmen sich wie Schlangen. Mitten
aber durch tdliche Zone sahen wir deutsche Leichtverletzte nach unten
steigen, einige bleich, verstrt, andere voll bermut, mit bunten
Grteln, Westen, Ordenszeichen toter Gegner wie zum Karneval aufgeputzt.
Einer hat aus der rumnischen Stellung ein Grammophon mitgenommen; nun
kommt ihm der Einfall, es aufzuziehen und auf einen Stein zu stellen,
der Page aus dem Figaro beginnt zu singen, und wie die Stimme eines
Irren klingt Mozarts Lied in zerrtteter Welt. An einer Granitplatte,
nahe der Kommandostelle, lehnte der Befehltrger Glavina, noch atmend,
aber schon ganz mit der einsichtigen Miene der Toten. Man sah kein Blut.
Schmerz und Schauder zurckscheuchend, suchten wir die Wunde und fanden
endlich einen feinen, in den Nacken eingedrungenen Splitter. Bald stand
die Atmung still. Einige dichtbeschriebene Meldezettel, die ihm aus der
Tasche gefallen sein muten, nahm ich mit, um sie dem Adjutanten zu
geben, merkte aber auf dem Wege, da sie nichts Dienstliches enthielten;
nun verwahre ich sie vorderhand bei mir. Dem Major sagten wir, da die
bestellten bosnischen Verwundetentrger noch nicht eingetroffen seien;
er versprach, die Division anzurufen, und sandte uns bald in den
Hallesul zurck.

Indessen hatte sich das Wetter verfinstert; es fing zu schneien an. Ein
flieender weier Vorhang nahm den Geschtzen das Ziel; eines nach dem
andern verstummte, fast ungefhrdet gingen wir hinab. Ein Rumne,
zwischen zwei Birkenstmmen hingestreckt, lag mir im Wege; ich hielt ihn
fr tot und wollte ber ihn wegsteigen, vernahm aber ein chzen und
fhlte mich mit schwacher, doch sprbarer Gewalt am Mantel gefat.
Zurcktretend sah ich das Leichengesicht eines kaum Dreiigjhrigen, die
Lider fast geschlossen, die Mundwinkel uerst schmerzlich verzogen. Die
Finger hielten noch immer den Zipfel meines Mantels fest. Durch einen
grauen Umhang, der seine Brust bedeckte, dampfte es leicht; R. schlug
zurck, unter aufgesprengten Rippen lagen die Brustorgane frei, das Herz
zuckte schlaff. Mehrere silberne und kupferne Heiligenmedaillen, die er
an schwarzem Band um den Hals getragen hatte, waren tief ins Fleisch
hineingetrieben, einige stark verbogen. Wir deckten wieder zu. Der Mann
ffnete halb die Augen, bewegte die Lippen. Um nur etwas zu tun, fllte
ich die Morphiumspritze, und wirklich schien er etwas dergleichen
gewnscht zu haben: er lie den Mantel los und bemhte sich, mir den Arm
zurechtzulegen. Schwer erklrbares Verhalten eines fast schon
Gestorbenen! Aber vielleicht gibt es einen unendlich scharfen, unendlich
peinlichen Schmerz, den der wach Sterbende um jeden Preis los haben
will, weil er ihn brennend im Leben festhlt, ihn am freien klaren
Scheiden hindert, wer wei es? Nach der Einspritzung legte er fast
bequem seinen Kopf an der Birke zurecht und schlo die Augen, in deren
tiefe Hhlen sogleich groe Schneeflocken fielen. Wir gingen eilig
weiter; es war fast ein Uhr, als wir im Hallesul ankamen.

Der Schneefall dauert an. Die Geschtze ruhen. Immer aber streifen oben
Gewehrkugeln durch die Baumkronen; die Luft ist voll Harzgeruch des
tausendfach verletzten Waldes. Vergeblich warten wir auf die bosnischen
Trger. Sie mssen sich verirrt haben. Im Unterstand ist kaum noch Raum
fr Madjaren und Deutsche; die schwerverwundeten Rumnen liegen drauen
zwischen den Fichten im Schnee. Einen ihrer Sanittsunteroffiziere,
einen jungen Juden, haben wir bei ihnen gelassen. Er hat ihnen ein Feuer
angezndet, das kmmerlich brennt und unter Schneeflocken zischt. Einige
halten die Hnde darber. Ein anderer lchelt immer und bekreuzigt sich
von Zeit zu Zeit.

Im Unterstand verdunstet immer dichter das Blut. Mit klebrig-tierischem
Gestank reizt und verdstert es die Nerven; man luft immer wieder ins
Freie. Der rote Saft, an den das Leben mit Lust, Qual, Wut,
Barmherzigkeit, Wahnsinn und Weisheit gebunden ist, warum erregt er,
sobald er verschttet wird, unleidlichen Ekel?




                                                                Abends


Wirklich sind die Bosniaken ausgeblieben, vielleicht von einer anderen
Truppe weggefangen. Unsere gefhrlichst Verwundeten nach Oitz zu
tragen, haben sich mehrere Leichtverletzte erboten; bis Mitternacht
werden sie dort ankommen. Nun konnten die Bleibenden besser gelagert,
auch fnf Rumnen in den Unterstand aufgenommen werden. Von den brigen
starben noch drei; die anderen drngten sich dicht um ihr Feuer, wobei
sich einige die Stiefel verbrannten. Es sind lauter junge Leute,
glattgefllige Vollgesichter, -- wie mager, wie geprgt, wie
grblerisch-versonnen, wie kriegsgealtert sehen dagegen die jungen
deutschen Soldaten aus! Der jdische Unteroffizier, des Deutschen
kundig, fragte mich im Namen aller, wann sie wohl in ein Lazarett
befrdert wrden, worauf ich nach der Wahrheit erklrte, da das nchste
Lazarett mehr als zwanzig Stunden entfernt sei, auch da die bestellten
Sanittssoldaten uns verfehlt htten und schwerlich vor morgen
eintreffen wrden. Sichtlich ungern bersetzte der Dolmetsch die
schlimme Auskunft, und in der Tat war die Verzweiflung, die nun auf
allen Gesichtern erschien, so frchterlich, da ich mich zu einer
Torheit verleiten lie, indem ich, wie man Kinder durch leichtfertige
Verheiungen zu beschwichtigen sucht, ihnen aufs Geratewohl sagte, sie
sollten sich nur noch ein Weilchen behelfen und gedulden, ob nun die
Trger kmen oder nicht, in jedem Fall wrde ich sie alle noch vor
Dunkelheit unter Dach bringen und ihnen reichlich zu essen geben lassen.
Wort um Wort bersetzte der Jude; ermutigt horchten sie auf. Kaum aber
war das Versprechen gegeben, da fiel es mir in seiner ganzen
Unsinnigkeit auf das Herz. Wir haben kaum Unterkunft fr die Unsrigen,
dazu so krgliche Nahrung, da immer die Lebenden sich gierig auf die
Brote der Gefallenen strzen, auch fehlt mir jede Befehlsgewalt, -- wie
hatte ich dies alles vergessen knnen? Gefreiter W. meinte, die Kerle
verdienten nicht so viel Federlesens, auch unsere Kameraden lgen auf
dem Berg in Eis und Schnee, Krieg sei Krieg, die Rumnen htten ihn vom
Zaun gebrochen, sie sollten ihn nur spren. Darauf war im Augenblick
nichts zu erwidern; ich erneuerte mir indessen die Hoffnung, da die
Bosniaken doch noch kommen Wrden, und ging, da im Unterstand gerade
nichts zu tun war, ein wenig den Berg hinauf, anfangs dicht hinter der
Linie, wo Posten, bekleidet mit weien Schneehemden und -mtzen, wie
Priester, die eine stille Messe zelebrieren, hinter ihren Brustwehren
standen. Befehlbringer kamen und gingen; mit singendem Ton strichen
Kugeln. Hher gelangend, sah ich durch das Gestber einen huschenden
rtlichen Schein; dieser konnte nicht mehr unserm Bereich angehren, da
schrg ber die nchste Hhe schon die feindliche Stellung luft.
Gestalten traten in den Glanz, nahmen eine Bahre auf und trugen sie
davon, da verlosch die Erscheinung. Ich stieg weiter und kam an einen
hohen Baum, durch dessen Astwerk ein weigrauer Vogel flatterte, fast
amselgro, vielleicht ein Schneefink, der erste Vogel, der mir in diesen
stummen Wldern zu Gesicht gekommen ist. Schnee fiel noch immer; in
Millionen Stckchen schien der Weltraum herzusinken, man sprte die
saugenden und belebenden Wellen des Nichts.

Als ich in den Hallesul zurckkehrte, wurde mir eine berraschung. Ich
sphte nach meinen Rumnen; keiner war da. Nur die Toten, schon
zugeschneit, lagen bei den verrauchenden Kohlen. So sind die Trger doch
gekommen, dachte ich und wollte weitergehen, traf aber den ungarischen
Kompagniefhrer, der uns am Morgen den Verbandplatz gezeigt hat; er
schien mich erwartet zu haben. Und nun erfuhr ich, was in kleiner wie
groer Menschenwelt hie und da einmal vorkommen mag, da irgendeiner
halten mu, was ein anderer leichtfertig versprochen hat. Mit knappen
Worten entschuldigte sich der Hauptmann, weil er die deutschen
Kompetenzen ein wenig verletzt und in meiner Abwesenheit die Gefangenen
an einen anderen Ort habe schaffen lassen, seine Leute htten mich
berall vergeblich gesucht. Durch das runde Fensterchen seines nahen
Unterstandes habe er den ganzen Tag wie vor einer Zauberlaterne die
Gruppe der Verwundeten und Sterbenden mit ihrem armseligen Feuer vor
Augen gehabt, allmhlich sei es seinen etwas anflligen Nerven zu viel
geworden. Abseits in einer Schlucht stehe eine leere Reisightte, dort
befinden sich die Leute jetzt, er habe ihnen auch warmes Essen
geschickt. Ich erwiderte etwas Verbindliches; er wollte nichts hren.
Ihr armen Deutschen, sagte er lachend, habt ja selber nichts mehr zu
brechen und zu beien, whrend wir Ungarn vorderhand noch im berflusse
schwimmen. Damit fhrte er mich durch Gestrpp und Schneewehen in die
Schlucht hinein. In der Htte bei Kerzenschein lagen die Verwundeten auf
Tannenzweigen. Sie aen Fleisch aus Blechbchsen und tranken aus ihren
Feldbechern heien Tee. Der Unteroffizier stand auf, erstattete dem
Offizier in deutscher Sprache eine Meldung, wandte sich sodann zu mir
und sprach im Namen aller fr Unterkunft und Speisung seinen Dank aus.
Befremdet sah mich der Ungar an. Ich suchte den einen ber seinen Irrtum
aufzuklren und bekannte dem andern mein unbesonnenes Versprechen; beide
lchelten hflich, doch scheint mich keiner so recht verstanden zu
haben.

Als wir wieder ins Freie traten, hatten Deutsche und Rumnen schon
begonnen, durch Aufsenden unzhliger Leuchtkugeln einander zu warnen und
zu bewachen; grellrot und grn flackerte der ganze Hallesul bis zu den
Bergen hinauf, und wie Konfetti fiel durch die farbenwechselnde
Beglnzung der Schnee. Selten wird ein Schu abgegeben; zuweilen, durch
das Raketenzischen, hrt man wieder, wie am Kishavasberg, aus groer
Entfernung Wlfe heulen.




                                                          17. November


Bei Tagesgrauen Gewehrfeuer, das bald verstummte. Nach Sonnenaufgang
ffnete sich der trbe Himmel; man sah hinter durchsichtigem
Wolkenhutchen den abnehmenden Mond als embryonenhafte Goldgestalt. Die
Krankentrger sind eingetroffen, und nach und nach werden alle
Verwundeten fortgetragen. Pirkl mu hierbleiben; er ist fast ohne Puls
und wrde vermutlich als Leiche nach Ojtz kommen. Sein Bruder hat auf
eine Stunde Erlaubnis erhalten, ihn zu besuchen. Da er sich nicht mehr
mit ihm verstndigen kann, so benutzt er die Frist, um dem noch Lebenden
ein Grab zu graben und ein Kreuz zu schnitzen, auf dem er sehr
sorgfltig mit blauem Stifte den Namen des Gefallenen verzeichnet.

Um neun Uhr erscheinen unter Fhrung eines fahnentragenden Rabbiners
dreizehn Rumnen mit Gewehren und Munition, erbitten Gehr bei dem
ungarischen Hauptmann und ergeben sich ihm in aller Form. Der Aufzug war
ein bichen bhnenmig, wofr Ungarn wie Rumnen gewi mehr Sinn haben
als wir. Der Tag vergeht ruhig. Die Klte hat nachgelassen; Fhnwind
leckt Eis und Schnee von den schwarzen Felsen. Oft geht man durch eine
Welle sehr warmer Luft, als ob fen in der Nhe stnden. Blasse Sonne,
breit zerflieend, steht in lschpapierweiem Dunst. Am Abend ziehen die
ungarischen Sanittsfhnriche lange Flaschen aus ihren gerumigen
Tragkrben, dazu feine geschliffene Glser und erquicken sich und uns
mit heiem Wein.




                                                          18. November


Kein Wunder, da man viel schlft und viel trumt in dem
Winterwaldzwielicht. Wehrt man sich dagegen, so wird es nur schlimmer.
In Frankreich, vor dem Urlaub, als ich noch an ein sehr nahes Ende des
Krieges glaubte, war aller Traum nur Trumerei; locker und sinnlos fand
ich mich unter Frauen und Freunde verspielt, kein Traum wute etwas vom
andern. Seit aber von Frieden und Heimkehr nicht mehr die Rede ist,
scheint nicht nur die Leuchtkraft aller Gesichte zu wachsen; es ist
auch, als versteckten sie vor mir ein geheimes Ziel, dem sie mich auf
Umwegen zufhren wollen. Zuweilen werden sie durch ein ueres Ereignis
von ihrer breiten Entwicklung abgedrngt und grob skizzenhaft beendet.
Heute morgen schlug eine Granate vor dem Unterstand ein und weckte mich
aus einem Traum, der seltsam deutlich blieb, weil er, wie ein jh
aufgedeckter Maulwurf, keine Zeit mehr fand, sich zu verschlpfen. Ich
war nachts einmal aufgewacht und hatte bemerkt, da der Unterstand von
Musen bewohnt ist. Sie huschten ber das Tischchen, knabberten am Brot
und streiften einige Male so kunstreich an den geschliffenen Glsern der
Ungarn hin, da es eine gar liebliche Folge heller Klnge gab. Dadurch
war das Widerliche des Getiers auf einmal aufgehoben, etwas geisterlich
Koboldisches lag in der Luft, und vor einem ganzen Theater lustigster
Musemetamorphosen schlief ich ein. Immer mehr entfrbten sich dabei die
Tiere; schlielich waren sie alle glnzend wei und liefen auf einer
grnen Flche hin und her. Als ich sie aber nher betrachten wollte,
stand ich am Billardtisch eines dunstigen Kaffeehauses, wo ein
unsichtbares Orchester fernher dudelte, und statt der Muse sah ich
weie Kugeln auf dem grnen Tuche laufen. Einziger Spieler am Billard
war jener Rumne, dem wir auf dem Berge das Morphium eingespritzt haben.
Mit wiegendem Tnzerschritt umkreiste er den Tisch und hielt mit leisen
deutenden Bewegungen seines Stabes die weien Blle in Lauf, ohne sie zu
berhren. Diese wurden immer glnzender; wie Kreisel summend, mit
sphrischer Sicherheit rollten sie hin und her auf dem grnen Stoff;
keiner strte den andern, und wenn sie von einem Rande zurckschnellten,
verstrkten sie Geschwindigkeit und Licht. Eigentlich glichen sie
einander genau; doch dnkte mich bald einer besonders herrlich, ja, ich
fhlte mein ganzes Schicksal an ihn gebunden, -- wenn er stillstand oder
mit einem anderen zusammenstie, mute grenzenloses Unheil geschehen. In
einiger Entfernung ging Regina als Scheuermdchen von Tisch zu Tisch,
las Zigarrenstummel und zerbrochene Glser auf und warf sie in einen
Kehrichteimer, den sie mhsam daherschleppte. Pltzlich stand sie bei
mir und flsterte: Weit du's schon? Eben bin ich deinem Schatten
begegnet. Dann trat sie an das Billard, ergriff gelassen meine
wunderbare Kugel, warf sie zu dem brigen Kehricht und setzte den Deckel
auf den Eimer. Der Rumne, der nun auf einmal Glavina glich, spielte
weiter; seine Augenhhlen waren voll Schnee, er schien nichts zu
vermissen. Ich aber hob die Hand und schlug Regina auf die Stirne, da
schlief sie stehend mit unbeschreiblich seligem Lcheln ein. Der Ball
jedoch gab im Eimer keine Ruhe; man hrte ihn mit immer hherem Tone
weiter kreiseln und mitunter pfeifen, wie Muse pfeifen. Dabei wurde der
Boden unruhig; ich hatte Mhe, mich aufrechtzuhalten. Alles schwankte;
Regina, die schlaferstarrte, noch immer lchelnd, neigte sich wie eine
Bildsule, bermenschlich gro, zu mir herber, wie um mich zu
erschlagen. Und das war die Sekunde, wo drauen mit heulendem Knall das
Gescho zersprang! Ich stand im Nu auf den Beinen. Ein langhallender
Schrei erscholl, der pltzlich abbrach, als htte er die Stimmbnder des
Schreienden zerrissen. Raab, Rehm und einige Verwundete rannten zur Tr;
andere, schutzsuchend, drngten von auen herein. Neben dem Trichter lag
ein ungarischer Soldat, bereits tot. Sonst ist niemand verletzt. Die
Granate mu ein Irrgnger gewesen sein; keine weitere ist nachgefolgt.

                   *       *       *       *       *

Infanterist Pirkl, nachdem er nun zwei Tage lang ohne Bewutsein
im Verbandraum gelegen, bekam heute, nach der zehnten
Digipuratum-Einspritzung, einen krftigen Puls, begann auch wieder tief
zu atmen. Vllig zu sich gekommen trank er einen halben Feldkessel Tee
und a Konservenfleisch. In seinem eignen Kote liegend, fhlte er sich
hchst unbehaglich, stand alsbald auf und ging ins Freie, sich zu
reinigen, wobei er pltzlich das Kreuz zu sehen bekam, das sein Bruder
fr ihn geschnitzt hat. Aufmerksam las er darauf seinen Namen, sah dann
ins offene Grab hinein und rieb sich lange die Augen. Auf einmal fing er
so herzlich zu lachen an, da der Verband, der locker geworden war, wie
eine Haube hinten hinabfiel. Dabei schnippte er mit den Fingern, wie
einer, der einem Mordsspa auf die Spur gekommen ist, und setzte lachend
seinen Weg fort. Ohne Durchleuchtung mit Rntgenstrahlen ist seine
Verwundung kaum erklrbar. Die Kugel ist augenscheinlich gar nicht in
den Schdel selbst eingedrungen, sondern hat nur die Halswirbelsule,
dicht unter dem kleinen Hirn, verletzt.




                                                          20. November


Der trbe Tag vergeht ohne grere Gefechte. Regen hat alle Toten aus
dem Schnee hervorgewaschen; einer nach dem andern wird nun begraben.
Viele Leute melden sich krank; eine trockene, schmerzhafte
Augenentzndung befllt uns fast alle. Manche fiebern, und wieder sind
einigen die Zehen erfroren. Dazu fallen immer wieder Unvorsichtige den
feindlichen Scharfschtzen zum Opfer, die sich auf Bumen versteckt
halten. Halbe Tage lauern sie voll Tiergeduld, ob keiner der Unsrigen
sich einmal vergit und seine Deckung verlt, ein katziges Kriegfhren,
zu dem gewi kein Soldat der Erde weniger taugt als der deutsche. Wer
noch leidlich gesund ist, sieht brigens nicht ohne Genugtuung die
sogenannte Gefechtsstrke dem Minimum entgegensinken, das Ablsung
bedeutet, und nachsichtig schweigt sogar der Major, wenn ich mich beim
berweisen in die Lazarette ziemlich liberal verhalte. Leutnant Leverenz
behauptet freilich, da ich rger als der Feind den Bestand an Gewehren
vermindere, gibt aber zu, da auch dem Tchtigsten hier nicht mehr als
drei Tage und Nchte zugemutet werden knnen. Es gibt keine Unterstnde
auf dem Berg; hinter Steinen und Bumen liegt der Soldat im nassen
Schnee, er darf kein Feuer anznden und, solang es hell ist, den Kopf
nicht erheben. Die grte Pein aber ist fr uns alle der Durst, der mit
ungeheurem Ekel vor dem Trinken verbunden ist. Im Schmelzwasser, das von
den blutberstrudelten Hngen heruntersickert, ist beginnende Verwesung
so reichlich gelst, da wir es nicht einmal zum Teekochen, noch weniger
zum Trinken gebrauchen mgen.




                                        Kzdi-Alms, 22. November 1916


Gestern am Abend von preuischer Landwehr abgelst, stiegen wir durch
feuchtes Gestber nach Ojtz hinab, wobei uns mehrmals im Dunkel der Weg
abhanden kam. Ob es mglich sei, da der Kopf sekundenlang schlft,
whrend sich die Beine regelrecht weiterbewegen, entscheide ich nicht,
wei nur, da mir einmal auf diesem Nachtmarsch eine blaue Schale mit
goldenen Zeichen dicht vor den Augen erschien, worauf ich wie aufwachend
emporfuhr und mich deutlich erquickt fhlte. Nach Mitternacht erreichten
wir die Baracken. Frh nach acht Uhr, bei aufgehelltem Wetter, zogen wir
weiter, nachdem die Leute ihre Tornister zurckerhalten hatten; die
Tornister der Toten wurden auf einem groen Wagen nachgefahren. Das
Bataillon ist klein geworden; auf der Landstrae fiel dies recht in die
Augen. Eine Strecke vor Kzdi-Alms sahen wir den Oberst mit
Regimentsstab und vollzhliger Musikkapelle stehen; sie warteten auf
uns. Als wir in gute Hrnhe gekommen waren, flog ein heller
Trommelwirbel auf, dem leichte Melodien folgten, dann schmetterte sich
ein Marsch aus >Carmen< gewaltig aus. Unsere schmutzgraue Schar, die so
gebeugt und mde dahinschwankte, als wre sie besiegt, begann sich zu
straffen; allmhlich begriff sie die Ehrung, die der alte Oberst ihr
erweisen lie. Nach >Carmen< folgte das Lied vom guten Kameraden, und
nun endete die Musik nicht mehr, bis unsere Spitze das Dorf erreichte,
dessen Kinder, von den Klngen gelockt, uns mit entzckten Gesichtern
entgegenliefen.

Der Tag vergeht ruhig, doch meldeten sich mehrere Leute wegen
Brustbeklemmungen in das Revier. Beim Untersuchen zeigt sich ein
hufiges Ausbleiben der Herzschlge. In das Lazarett will keiner; jeder
hofft auf Ruhewochen und gibt sich mit Baldriantropfen zufrieden. Als
Raab den Sanittswagen aufsperren wollte, fehlte der Schlssel, und kein
Schlosser lt sich im Drfchen auftreiben. Fr den Augenblick freilich
gengen die Vorrte, die wir noch in den Verbandtaschen haben. Dehm und
Raab sind sich fast bse geworden, weil einer dem andern den
Schlsselverlust vorwirft.

Die Quartiere werden gelobt. Ich habe eine groe Stube, deren Boden mit
feinem Sande bestreut ist; ein Drudenkreuz, mit Werkzeug behangen, ist
an der Wand befestigt, das breite Bett mit rotgefrbten Fellen
berbreitet. Das Schnste ist ein groer Apfelgarten hinter dem Hause.
Von hohen dichten Weidengeflechten umgeben, liegt er wie in einem Korb.
In einer Ecke blht noch ein hoher Sonnenblumensptling. Der
schwarzgelbe Teller hat sich weit vorgestlpt und am Rande nach unten
umgebogen, so gewaltig war im Sommer der Wille der Blume, dem
Sonnenstand berallhin zu folgen. Jetzt ist stellenweise der blhende
Samt leichenfarb gefleckt oder ausgefallen, die graue Samenmosaik
entblt. Als ich eben vorbeiging, flog ein grauer Vogel ab, einen Kern
im Schnabel, und entschwirrte in die Dmmerung.




                                        Kzdi-Alms, 25. November 1916


Fr die nchsten zwei Tage scheinen wir noch sicher vor Alarmierung. Man
richtet sich ein; viele packen Bcher und gute Uniformen aus, mancher
stellt eine Photographie auf den Tisch. Mein Quartier ist voll Unruhe;
alle Nachbarn gehen ein und aus, ein altes Weib war eben hier und
bettelte um Schnaps. Heute mittag wurde ich Zeuge einer Szene, die, fr
sich betrachtet, vielleicht nichts bedeutet, und doch ist mir, als ginge
sie mich und manchen andern an. Vor Wochen sind im Hause viele Katzen
zur Welt gekommen, die nun lstig werden, zumal es an Milch fr sie
fehlt. Ein etwa fnfzehnjhriger Bursche, der hier bedienstet ist,
scheint Auftrag erhalten zu haben, die berzhligen Tiere zu beseitigen.
In der Stube schreibend, sah ich, wie er sie ber den Hof trug, und,
bevor ich seine Absicht erkannte, eines nach dem andern unglaublich
geschwind an die Scheunenwand schmetterte, vor der sie liegen blieben;
dann kehrte er pfeifend, die Arme schlenkernd, wie es seine Art ist, in
die Kche zurck, wo gerade das Essen aufgetragen wurde, setzte sich zu
den andern und a gemtlich. Eines aber der hingerichteten Ktzchen, ein
blaugraues, wei von Gesicht, Brust und Beinen, mit einem silberhellen
Flckchen im Nacken, von den anderen durchaus verschieden, war nur
betubt worden und erholte sich nach und nach. Taumelig versuchte es
kleine Schritte, blieb stehen, wischte sich mit dem Pftchen einige Male
ber die Ohren, als ob es dadurch schneller zur Besinnung kme, und,
schlich sodann ber den Hof in das Haus zurck. Nun erst bemerkte ich,
da es am Kinn blutete, sonst schien es unversehrt. Zgernd kam es zur
Kchentr herein und blickte sich um. Als es die schmausenden Leute sah,
bemhte es sich, auf die Bank zu springen, was ihm, nach etlichen
Anstzen, auch gelang; dann sa es eine Weile still. Endlich schmiegte
es sich, zutraulich bittend, an den Ellenbogen seines behaglich kauenden
Mrders. Ich konnte ihn von meinem verborgenen Tischchen aus beobachten,
kein Zug ging mir verloren. Als er das Tier gewahrte, a er zuerst noch
ein Weilchen weiter; auf einmal wars, als kmpfe er mit einer belkeit,
er bekam eine Art Schlucken und legte den Lffel weg. Sobald die andern
fortgegangen waren, berhrte er das Ktzchen vorsichtig, wie wenn er
sich vor ihm frchtete oder seine leibhaftige Gegenwart bezweifelte.
Schlielich stellte ers mit aller Behutsamkeit, deren er wohl fhig ist,
als wrs eine Porzellanfigur, auf den Tisch und brckelte ihm seine
stehengelassenen Fleisch- und Brotreste hin. Es fra ein wenig davon,
und das freute ihn sichtlich. Als die Hausfrau hereinkam, redete er sehr
eindringlich auf sie los; ich vernahm fters das Wort Matschka, dabei
deutete er immer wieder auf die Katze. Die Frau sah das Tier schweigend
an und entfernte sich wieder. Der Bursche geht seither wieder auf dem
Hofe seiner Arbeit nach. Die totgebliebenen hat er so vorsichtig wie das
lebendige aufgenommen und weggetragen. Er kommt mir in seinem Wesen
einigermaen verndert vor, wacheres Gesicht, festerer Gang, auch hab
ich ihn seither nicht pfeifen gehrt.

Morgen kommt der sterreichische Thronfolger und hlt bei Lemhny eine
Truppenbesichtigung ab. Ich erklre mich als erholungsbedrftig und
bitte, in Kzdi-Alms bleiben zu drfen. Es wird sehr windig und kalt.




                                                          28. November


Das blaugraue Ktzchen ist heute verendet, und weil mir eine freie
Stunde gegnnt ist, will ich mir die kurze Geschichte seines Leidens
aufzeichnen; gehrt sie doch auch zu meinem Tag. Frh weckte mich
gestern leises Wimmern und Murren. In der groen Stube, mit ganz
verschaudertem Gesicht, kauerte der junge Ungar am Boden und schob dem
Tier bald ein Wasser-, bald ein Milchnpfchen zu. Es hatte nachts Blut,
morgens Galle gespien. Die Milch beachtete es gar nicht; auf das Wasser
blickte es unverwandt. Als ich mich nherte, hob es langsam den Kopf wie
ein mder, trauriger Mensch. Das Gesicht war viel kleiner geworden, das
goldumrandete Bernsteingelb der Augen getrbt, die Nase sehr hei. Es
hatte gewi Fieber und brennenden Durst. Bald weinend, bald brummend
nherte es nun seine Schnauze dem Wasser, zitterte aber bei jeder
Berhrung mit einem zornigen Laut zurck; es war zu sehen, da ihm der
Trinkversuch Schmerz bereitete. Aber immer wieder trieb es rasende
Begierde dem Wasser zu. Pltzlich tauchte es eine Vorderpfote ein, dann
die andere; schlielich wollte es ganz in den Topf hineinsteigen, der
aber viel zu klein war. Man fllte eine groe Schssel; da legte es sich
hinein mit seinem ganzen inneren Brand und blieb eine Weile ruhig.

Indessen war die Buerin eingetreten; Kinder und Nachbarinnen kamen, ein
Kreis von Neugier und Erbarmen zog sich um das arme Tier und seine Qual.
Noch vorgestern hatte man es achtlos fortgeworfen; jetzt aber dachte
niemand daran, es durch schnelle Ttung zu erlsen; jeder fand nur, da
es ein reizendes Ktzchen sei, und wute einen Rat, ein Mittelchen, um
es zu heilen. Als wre es durch sein Leiden in gttliche Nhe gerckt,
hatte man fast Ehrfurcht vor ihm, besonders die Kinder. Und wirklich war
etwas Bewundernswertes in der Haltung der kleinen Katze, etwas kaum
Beschreibliches, das sie ber ihren Zustand erhhte, eine Art Stolz, ein
Bewutsein ihrer eingebornen wilden Anmut, welche der Tod wohl nach und
nach abtragen oder zertreten, aber keineswegs beugen konnte. Wie es, vom
eigenen Elend wegblickend, sich bemhte, seinem Wesen treu zu bleiben,
wie es, schon von der Vernichtung geschttelt, seine Wrde behielt und
die feine Neigung des Kpfchens nicht aufgab, dies war es, was alle
sicherlich viel strker ergriff, als das Leiden selbst. Etwas Geistiges
ist hier verbrgt, und die alten gypter haben wohl gewut, warum sie
dieses Tier heilig hielten und seine Mrder bestraften.

Bald hatten brigens die Leutchen von Kzdi-Alms all ihren guten Rat
erschpft und sahen schlielich voll Erwartung auf mich. Dehm, der
gerade dazu kam, riet zu Morphium, ich gab Atropin dazu. Wir lieen das
Ktzchen aus dem Bade heben und spritzten ihm eine winzige Menge der
Lsung in den Schenkel, worber ein kleines Mdchen laut aufschrie.
Matschka jedoch zuckte bei dem Einstich nicht einmal, so ganz war sie
von der Pein ihrer Eingeweide erfllt. Nach drei Minuten ging sie auf
ein Fleckchen Sonnenschein zu, das auf der Diele leuchtete, streckte
sich behaglich aus, legte den Kopf auf die Vorderpfoten und schlief ein,
zuweilen im Traum leise knurrend. So fanden wir sie noch spt, als
lngst keine Sonne mehr schien, da begann wieder das vergebliche Wandern
zum Wasser. Wir wiederholten die Einspritzung in dreifacher Strke.
Daraufhin wurde sie zunchst sehr munter, fast ausgelassen und machte
sonderbar schelmische Gebrden, als verndere ein beginnender Wahnsinn
ihre Natur, doch blieb sie immer schn im Einklang ihrer Bewegungen.
Pltzlich sprang sie zu mir herauf und umschnupperte mein Gesicht. Ich
hob sie weg zu meinen Fen hinunter; sie lie es brummend geschehen und
schlief auf einmal ein. Um zwei Uhr erwacht, beleuchtete ich sie mit der
Taschenlampe; sie schlief unter leichten Zuckungen. Den Schweif hatte
sie bequem um sich herumgelegt, der Kopf ruhte auf meinem linken Fu.
Die Lage war lstig, und ich wollte den Fu wegziehen, da erhob sie aber
ein sehr rgerliches Geknurr und tat gar, als wolle sie mich in die
Zehen beien. So fate ich mich denn in Hflichkeit, die wir einem
sterbenden Wesen wohl schuldig sind, und rhrte mich nicht weiter. Durch
das kleine Tier zur Ruhe gezwungen, bemerkte ich brigens bald eine
Vernderung an mir, eine seltsame innere Stille und Gesammeltheit, wie
sie, glaub ich, die Mnche als Einkehr bezeichnen. Der Krper empfand
sich leichter, das Denken geschah freier und sicherer als sonst.
Lebhafte Vorstellungen vom Wesen gewisser Krankheiten drngten sich als
erstes auf; ich wute pltzlich, da man sie weit einfacher behandeln
knnte als bisher. Dabei blieb mir immer bewut, da es Matschka war,
der ich den gesteigerten Zustand verdankte, und nie vielleicht bin ich
mehr davon berzeugt gewesen, da wir nicht nur von Menschen, Geistern
und Sternen, sondern oft auch von Tieren, Pflanzen, ja sogar von
unbelebten Stoffen unmerklich zu uns selber gefhrt werden, worauf am
Ende doch alles hinausgeht, was wir Gnade nennen. Und nun flog mir
geschwind und klar alles durch den Kopf, was ich jemals ber Katzen
Gutes gehrt und gelesen, zuletzt auch die rhrende Mythe von jener
sintflutartigen berschwemmung, welche die Mutter so oft erzhlt hatte.
Ein Knblein schwamm in seiner Wiege mitten auf dem unendlichen
windbewegten Gewsser. Bei ihm befand sich eine Katze, und jedesmal,
wenn die Wiege umzukippen drohte, sprang das behende Tier auf die andere
Seite, um das Gleichgewicht herzustellen, bis endlich das kleine Boot in
der Krone einer hohen Eiche hngen blieb. Die Flut verlief sich, man
holte die Wiege herunter und fand Kind und Katze lebend und unversehrt.
Da man des Knbleins Eltern nicht kannte, so nannte man es Dold, was
soviel heit als Wipfel, und es wurde der Stammvater eines groen
berhmten Geschlechts.

Von solchen Erinnerungen aus lief das Denken weiter durch manches
Gebiet, um endlich in das nchste, nchternste, fr den Augenblick
erwnschteste heimzukehren. Mit einem Male wute ich nmlich genau, da
in einer der groen Ledertaschen, zwischen Verbandpckchen und
Instrumenten, der Schlssel zum Sanittswagen liegen msse; vermutlich
hab ich ihn selber dorthin verrumt. Dieser Sorge ledig, nickte ich fast
wider Willen ein und schlief, bis mich Rehm, Tee bringend, weckte.
Sogleich lie ich den Schlssel suchen; wirklich fand er sich an der
gedachten Stelle. Matschka aber erwachte nicht mehr. Whrend ich
aufstand, setzte ihr Atem aus, dann kam ein schnelles hartes Gesthn,
endlich noch ein tiefer, fast behaglicher Atemzug.

Eben bringt eine Ordonnanz den Alarmbefehl. Die Truppenbesichtigung bei
Lemhny ist abgebrochen worden. Wir packen ein. Welch Glck, da der
Schlssel gefunden ist! Die schnen Uniformen werden abgestreift, die
Bilder verschwinden von den Tischen. Der junge Ungar kniet vor der toten
Katze und streichelt sie weinend. Schn ist es immer anzuschauen, wenn
den rohen Menschen das Ewige anfllt, -- ehren wir jede Erleuchtung,
jeden verwandelnden Schrecken! -- ich mchte dafr einstehen, da der
Knabe nie wieder seine Hand gegen die Kreatur erheben wird, -- gebe Gott
jedem sein Tier und seine Snde, die ihn erwecken! Es mu aber noch
andere Erleuchtungen geben, wo aus noch viel reinerem Schrecken eine Tat
aufsteigt wie ein Stern.

Der Himmel hngt voll Schneewolken. Frost ist eingetreten, Reif liegt
auf der alten Sonnenblume. Die Samenkerne sind nun festgefroren, der
Abendvogel wird Mhe haben, sie herauszupicken. Der Osten drhnt von
Geschtzen. Es ist vier Uhr. Wir marschieren gegen Kzdi-Vsrhely ab.




                                        Kzplak, 29. November, abends


Auf 29 Automobilen wurde nachts das Regiment ber den Gyimespa nach dem
Hidegsgtal herbergebracht. Es sind offene plumpe Lastwagen, die Rder
bereits wie drinnen im Land ohne Gummireifen; immer gefhrlicher
schwankte der unsrige auf dem holprigen Boden, und pltzlich fuhren wir
schrg in einen Straengraben, gerade noch, ohne zu strzen. Umsonst war
jeder Versuch, das Gefhrt wieder heraufzuziehen. Von den Wagen, die,
glcklicher gelenkt, in groen Abstnden nachfuhren, berholten uns
fnf; jeden riefen wir um Beistand an, jeden vergeblich. In dumpfer Wut
harrte die Besatzung; nur da und dort lachte einer, als bte das
Ungemach des Augenblicks vor dem groen Schicksal einen Schlupf. War
Hilfe hier nicht erbittlich, so war sie vielleicht erzwingbar; ich riet
den Leuten, sich in ganzer Straenbreite aufzustellen und dem nchsten
Wagen eine drohende Haltung zu zeigen. Das hchst verfngliche Mittel
wirkte: der Fhrer, als er die entschlossene Gruppe bemerkte, stoppte
sofort. Nun ward in Minuten unser Fahrzeug dem andern angekettet und auf
die Strae gezerrt.

So fuhren wir weiter, mit frierenden Augen, durch die sternenlose Nacht,
immer nur auf den grellen Lichtkegel blickend, den wir vor uns
herjagten. Ich sa vorne beim Lenker, einem sehr jungen Polen, dessen
ungebte und ngstliche Hand uns noch fters dicht an Abgrnde brachte.
Mahnungen und Einreden konnten da wenig frommen; gewi war es das beste,
ihn gewhren zu lassen und ihm heimlich alle guten Krfte zuzubeten. Als
die Pahhe erreicht war, graute der Morgen. Ein vereisender Wind pfiff
aus Nordosten; die Wolken standen hoch. de Landschaft erschien, greises
Gebirge, stark abgetragen, die kahlen Hnge voll kleiner Buckel und
grauer Steinwrfel, dazwischen Htten, die den Steinen glichen, in der
Tiefe ein halbverkiester Flu mit angelagerten Husern. Beim
Hellerwerden erkannte man auf Tal- und Bergstraen unbersehbare, gegen
Osten marschierende Kolonnen. Dster, schicksalshaft anzuschauen ist
solch ein Dahinziehen Tausender, die wie auf Speichen des nmlichen
Rades einer unsichtbaren glhenden Achse zustreben. Gbe es doch ein
gro vorleuchtendes Zeichen, das allen ihre Mhsal s macht! Aber ihr
Bestes ist verwahrt in einem Traum der Menschheit, den sie vielleicht
nie erfahren, und nur manchmal mag es einen gemahnen, da er einem
unbekannten Herrn der Zukunft dient.

Um acht Uhr morgens erreichten wir das Dorf Kzplak, dessen Gebude
sehr weit auseinander liegen. Ein groes gelbes Haus, nah bei der
Kirche, wurde mir als Stabsquartier bezeichnet. Es besteht aus zwei
kleinen Zimmern und einem gerumigen Saal, den ein brchiger Ofen mit
Rauch erfllt. Der Assistenzarzt lag schlafend in Mantel und Stiefeln am
Boden; das abgemagerte verstaubte Gesicht glich vor bermiger Ermdung
dem eines Toten. In einer Ecke, gebeugt ber Karten, saen flsternd
Major und Adjutant; gegenber sprach ein rotbrtiger sterreichischer
Hauptmann unter vielen Verbeugungen in ein Telephon hinein. Ich sprte
zwischen drben und hben eine Verstimmung ziehen, die mir spter
erklrt wurde. Der sterreicher, zugleich Munitionsoffizier und
Ortskommandant, hatte unserem Major vorgestellt, es gebe kein
unbesetztes Haus mehr in ganz Kzplak, und ihn hflich eingeladen, sein
eigenes bequemes Quartier mit ihm und seinen Offizieren zu teilen,
worauf unser Gebieter ihn gleichwohl bndig ersuchte, das Gebude zu
rumen. Dies Ansinnen wurde zurckgewiesen, und der Major brach die
Unterhaltung mit einigen allgemeinen Ausfllen gegen die sterreichische
Armee ab. Der Rotbart zog sich weltmnnisch-gelassen zurck, nicht ohne
zu bemerken, er habe zwar bereits angeordnet, da in seiner Kche fr
die deutschen Herren mit gekocht werde, msse dies aber, auf soviel
Unfreundlichkeit hin, leider zurcknehmen und sich auf den bloen
Dienstverkehr beschrnken.

Ich legte mich neben den Assistenzarzt und schlief bis elf Uhr. Dann
ging ich nach kurzem Dienst zum Hidegsg hinab. Wird einem doch, als
habe man teil an allen Gtern und Geistern der Lnder, sobald man ein
Ufer betritt. Einwohner kamen des Weges, zuerst alte Mnner, dann junge
Frauen und Mdchen. Diese sind ein stattlicher Schlag mit leichtem,
freiem, brstestolzem Gang, gesunde Rundgesichter, vom Geist der Rasse
schn beherrscht, so da immer eins das andere besttigt. Man denkt
zuerst an Italien; aber es ist noch etwas anderes darin, etwas tierhaft
Geschmeidiges, dazu etwas Verschlossenes, nach innen Horchendes, wilder
alter Adel, der nach Asien weist. Die unechten stdtischen Kostme, die
wir noch gestern sahen, sind verschwunden; die Weiber scheinen hier nur
am Leibe zu tragen, was sie selber hergestellt haben, statt des Rockes
ein dunkles buntgestreiftes Tuch, das einfach bereinandergeschlagen
wird, so da man beim Gehen die Beine sieht, die in engen, weiwollenen
Hosen stecken, um die Brust Pelzwesten, das Fell einwrts, das weie,
kunstreich bestickte Leder nach auen gewendet, schwarzes Kopftuch,
spitze Schnabelschuhe. Wenn Truppen vorbeimarschieren, bleibt keine
stehen, um zu gaffen, wie sonstwo Landleute tun; man sprt eine Gegend
beginnen, wo die Menschen hart und sich selber genug sind, und wo sich
Schicksale schnell und klar erfllen.

Das Ufer sieht seltsam aus. Vor wenigen Tagen mu es noch berschwemmt
gewesen sein; dann kam pltzlich die Klte, eine dnne Eisdecke bildete
sich, unter der aber das Wasser bald wieder sank. Nun haftet noch das
Eis als brchiger Glasring an Stamm und Strunk, als Brcke, mit
Glckchen behangen, berbaut es den Spiegel oder umschliet als
muschelhaft geschweifte reifbefranste Schale die groen schwarzen
Ufersteine.

Mittags, whrend wir Deutschen, feindselig abgesondert, bei bitterem
Kaffee sehr hartes Brot und berdrssiges Bchsenfleisch aen, erklang
im gleichen Saal an der Tafel der Verbndeten der Wein, und
sterreichische Ordonnanzen, die Blicke mit vorgeschriebener Starrheit
auf uns gerichtet, schleppten schne Braten und Pfannkuchen von der
Kche herein an uns vorber. Wir jngeren, Geringeren verschmerzten aber
die entgehenden Gensse um so leichter, als unserm sonst so migen
Befehlshaber gerade diesmal Entsagung unertrglich wurde. Allen Stolz
vergessend, suchte er unsern Koch zu bereden, da er sich mit den
sterreichischen Kchensoldaten anfreunde und wenigstens etliche Kuchen
fr uns erschmeichle. Der aber schnitt jede Hoffnung ab: Die
sterreicher verkehren nicht mit uns, sagte er.

Am Nachmittag war von Osten her scharfes Geschtzfeuer zu hren. Der
Adjutant blieb an das Telephon gebunden. Gegen fnf Uhr wurde
Marschbereitschaft befohlen, um sechs Uhr der Befehl wieder aufgehoben.




                                    Hosszuhavas-Rakottys, 1. Dezember


Die Nacht zum letzten November blieb ruhig. Um zwlf Uhr mittags wurden
wir alarmiert, und sogleich folgte der Aufbruch. Es verlautete, Russen
und Rumnen htten die ungarische Linie durchstoen, den Berg
Mihlyszlls erstrmt. Unserm Bataillon falle die Aufgabe zu, den Feind
aufzuhalten, den Berg zurckzunehmen. Man suchte auf der Karte den
Mihlyszlls und war verwundert, sich in solcher Nhe des Gegners zu
befinden. Die Feldkchen, die bereits geheizt hatten, kochten whrend
des Marsches weiter. Auf dem Ufergerll wurde das Essen eingenommen,
dann ging es eilig den Flu entlang. Anfangs hatten uns Frauen und
Kinder von Kzplak neugierig begleitet; bald blieben sie mit
zweifelnden Gebrden stehen. Ein verirrtes rabenschwarzes Schweinchen
lief arglos eine Weile zwischen unseren Leuten mit, schon stritten sich
zwei Gruppen der 8. Kompagnie um den sicheren Fang; aber ein kleiner
Junge kam nachgelaufen und jagte es mit hellen Jubelrufen ins Dorf
zurck.

Der Tag war kurz und dster. Nebel wuchs wie Schimmel um die niedrigen
Fichten, mit welchen die Hgel sprlich besetzt sind. Gruppen von
Flchtlingen mit Haustieren und Fahrzeugen begegneten uns in der
Dmmerung, zuletzt ein kleiner Leiterwagen, von schn gehrnten
silbergrauen Stieren gezogen. Fhrerin des Gespanns war eine groe Frau
mit schwarzem Kopftuch, langem braunem Mantel und einem Stab in der
Hand. Ein Kind, sein Pppchen an sich gepret, sa oben auf wirr
zusammengeraffter Habe; ein alter Mann und ein junges Mdchen schoben
nach und lasen auf, was etwa herabfiel. Ein Knabe, kaum zehn Jahre alt,
mit wunderbar entrcktem, unbegreiflich heiterem Gesichtchen, lief neben
dem Wagen her und summte wie aus tiefer Geborgenheit eine Weise. Unter
dem linken Arm trug er ein schwarz eingerahmtes Bild, mit der Rechten
langte er von Zeit zu Zeit Maiskrner aus der Tasche und gab sie einem
Stierklbchen zu fressen, das, am Wagen angebunden, mithpfte. Diese
Gestalten wurden mir im Geiste sogleich statuarisch, besonders die
mtterliche Fhrerin, und ich verstand, was Glavina meinte, als er
schrieb, es sei etwas Heiliges um den Fremdling, der nur einmal an uns
vorbergehe, nicht befleckt von gleichgltiger Erfahrung. Die Haltung
stolz, frei, das Antlitz reife, gebietende Jugend, die starken Brauen
schmerzlich zusammengezogen, blickte sie geradeaus, ohne uns zu
beachten, als wre sie das wahre ganze Leben, wir aber abgefallen und
verirrt.

Es wurde Nacht; wie Asche fiel der Nebel, endlos entzog sich das Tal.
Streckenweise wateten wir im Wasser, das mit Gurgeln unsere lcherigen
Stiefel fllte. Einmal ri die 6. Kompagnie ab und verirrte sich in ein
Seitental: mit schreienden Boten und Lichtsignalen wurde nach einer
halben Stunde die Verbindung wiederhergestellt. Unendliche Mdigkeit
zermrbt die Seelen. Mancher brllt Wut und Verzweiflung geradehinaus:
Gebt uns wenigstens ganze Stiefel, wenn ihr Krieg fhren wollt! murrt
eine Stimme. Ein Narr, wer noch mitluft! Ich bleibe zurck! kreischt
eine andere. Die Offiziere aber kmmern sich nicht um aufrhrerische
Rufe. Sie haben selber zu dulden genug. Auch wissen sie, da die
Schreier ja doch mitkommen werden. Wer ohne gltiges Zeugnis die Truppe
verlt, vermindert wohl Mhe und Gefahr, aber neue und schimpfliche
Leiden beginnen fr ihn. Im fernen Dunkel flammt es zweimal blulich,
man hrt Abschsse, dann heult es an, und scharf nacheinander stoen
Granaten in den Kies. Ein Mann bricht zusammen. Leutnant S. ist
verwundet. Wir verbinden ihn, so gut es im Dunkeln geht. Vermutlich
hatten unsere Signale die Geschosse hergelenkt. Ein strenges Verbot,
Licht anzuznden, wird ausgegeben. Mit dem Aufbegehren ist es zu Ende.
Vom Feinde selber in die Zucht gescheucht, beginnen die Leute ruhig zu
plaudern; eine gefate, aufgerumte Stimmung nimmt berhand.

Um zwlf Uhr gelangten wir auf trockenen, ebenen Boden. Der Adjutant,
der mit dem Major eine Strecke vorausgeritten war, kam uns entgegen. Von
einem Nachtgefecht, erklrte er, sei nicht mehr die Rede, die Gegner
htten den Berg zur Hlfte wieder aufgegeben und sich in der Nhe
festgegraben, wir stnden in dem Dorfe Hosszuhavas und bekmen
Quartiere, freilich Alarmquartiere, niemand drfe die Stiefel ausziehen.

Mit Offizieren und vielen Mannschaften fand ich Unterkunft in einem
Bauernhause, das von seinen Eigentmern verlassen war. Auf dem Tische
stand bei Brot und pfeln ein schrg abgeschabter Salzkegel, daneben,
mit l gefllt, eine Lampe, die wir anzndeten. Ein Stapel Brennholz lag
hinter dem Ofen; unter einer Bank, in Kfigen, waren Hhner
untergebracht. Auf diese strzten sich im Nu die halbverhungerten
Soldaten, um sie einem Kochkundigen zu berliefern. Die Stube war voll
Zeichen bereilter Flucht. In dem gewaltigen Webstuhl steckte noch ein
Stck Leinwand. Schrank und Lade standen halb offen. Einiges war
herausgerissen und wieder hineingeworfen worden; darunter aber, in
schimmernder Ordnung, lagen ganze Schichten fein und rauh gewebter
Tcher und gestickter Hemden. Bunte Decken verkleideten die Wnde;
darber hingen Heiligenbilder mit getrockneten Struen, daneben ein
Teller mit dem goldgemalten Namen Julesa.

Da ich die herrlich durchstickten Linnen so sehr bewunderte, vermuteten
mehrere Leute, ich wolle sie besitzen, und redeten mir zu, ich solle
doch unbedenklich etwas besonders Hbsches zum Andenken mitnehmen.
Vielleicht gelstete manchen selbst nach solchem Schatz, und htte ich,
als einer der lteren, mir ein Stck angeeignet, wrs am Ende die Losung
zum allgemeinen Raub geworden. Eigentlich stachen mir die reizenden
Muster sehr in die Augen, auch stellte ich mir Vallys und Wilhelms
Entzcken vor, falls ich mit solchen Mitbringseln in die verarmende
Heimat kme, mute berdies den Kameraden recht geben, die da sagten,
verloren sei doch einmal alles, in wenigen Stunden wrden wir vor- oder
zurckgeben und das Verschonte andern deutschen Truppen oder dem Feind
berlassen. Auf einmal standen mir die Flchtlinge vor dem Blick, die
uns begegnet waren; der Gedanke, da gerade dieses Haus ihr verlassenes
Eigentum sein knnte, gewann eine seltsame Macht, und nun erst erma ich
die Gre ihres Unglcks. Gesichthaft nahe trat die knigliche Fhrerin;
um Wirklichkeit unbekmmert sprach ich sie als Hausherrin an und schlo
mit ihr einen Bund. Sie aber schien einfach zu sagen: Was willst du? Die
Winternchte des Wachens und Webens, kennst du sie? Hemden liegen hier
fr Grovter, Vter, Mtter und Kinder, -- auch unsere Leichenhemden,
bedenk es wohl! Mchtest du deine Frau oder dein Kind darein hllen? Die
Deutschen, sagt man, sind ein hartes, verwegenes, den andern oft schwer
begreifliches, im Grund aber ein frommes Volk, -- seht doch, wie alles
offen vor euch daliegt! Nichts haben wir vor euch versteckt, nichts
verhehlt, eurer Gromut alles anvertraut. Nehmt, was not ist, um Durst
und Hunger zu stillen, aber an den Geweben der Mtter geht vorber!

Pltzlich zuckten wir alle zusammen; das Heulen und Weinen kam wieder
durch die Luft, es war, als flge feiner Flaum ber die Wimpern, und in
grter Nhe fiel der Schlag. Das Haus schien sich in seinem Grunde zu
lockern, Geschirr und Fensterglas klirrten herab, die Lampe erlosch. Ein
schlimmes Versumnis kam in diesem Augenblick jedem zum Bewutsein.
Keinem war eingefallen, die Fenster zu verhngen, und so hatte die
weithin leuchtende Lampe den Feind gereizt. Im Finstern harrten wir auf
den zweiten Schu, er blieb aus. Nun wurden sorgfltig alle Fenster von
auen mit Zelttchern berspannt und erst nachher wieder Licht gemacht.
Der Koch war gelassen bei den Hhnern stehengeblieben, deren Bratenduft
allmhlich die Luft wrzte; ich aber hatte in aller Stille die lockenden
Laden hineingeschoben, fand es auch fr gut, sie mit Unnahbarkeit zu
umgeben, indem ich die groen ledernen Verbandtaschen davor, aufbauen
lie und meinen Mantel darberlegte.




                                                           2. Dezember


Das Schicksal geht gelinde mit mir um. Ich habe als Verbandplatz
ein leeres Gendarmeriewachthaus mit weitem Blick ber die
Hidegsglandschaft, ungefhr in der Mitte zwischen Bataillonsstab und
Front. Whrend die Kompagnien in die Stellung stiegen, konnte ich den
ganz versumten Nachtschlaf ein wenig ersetzen. Nach zwei Stunden
erwachte ich in einem Zustande, der in hnlicher Form gewi vielen
bekannt ist, nur achtet nicht jeder auf dergleichen. Ich empfand mich
als einen ovalen, durchaus leeren Raum, etwa drei Sekunden lang, dann
fing ich an, mit unbndiger Gewalt von der linken Seite her ein
unsichtbares Fluidum in mich hereinzusaugen, womit zugleich alle
mglichen Bilder, Gedanken und Worte einstrmten, Bekanntes und
Unbekanntes. Pltzlich war ich angefllt wie ein Luftballon, da wurde
ich erst vollends wach. Dabei hatte ich ein Empfinden, als wre Glavina
in dem Fluidum aufgelst gewesen.

Schnee fiel bis zum Abend; nun folgt Klarheit und Frost. Die Russen
sitzen ruhig in ihren Stellungen. Den Gipfel halten sie fest; den
westlichen Hang haben sie aufgegeben. Unten im Tale luft ihre Linie
dicht vor Hosszuhavas. Auf unserer Seite werden viele Geschtze
eingebaut.




                                                           3. Dezember


Ich richte mich ein, so gut es geht, am Abhang des Berges, whrend oben
schon um den Gipfel gekmpft wird. An einer Hauptstrae, nahe der Front,
liegt eine preuische Sanittskompagnie; die fngt fast alle Verwundeten
ein und leitet sie weiter. So hab ich ziemlich freie Zeit, bleibe viel
fr mich, schreibe Briefe und lese zuweilen in Glavinas Blttern. Die
Schrift ist undeutlich, zum Teil durch Nsse verwischt; so viel hab ich
aber herausgebracht, da es sich zwar nur um einzelne Stze handelt, da
aber sichtlich ein Ganzes, vielleicht ein Gedicht, geplant war. Wren es
blo feine, kluge, wohlgesetzte Worte, so wollte ich mir nicht viel Mhe
geben; aber oft klingt es wie Rufe eines Wahnsinnigen und umschwebt wie
Bienen das Herz, man mchte sich davon entfernen und mu doch immer
wieder hinhorchen.

Durch die Fenster des Verbandplatzes berblickt man das ausgeweitete,
reif- und schneeglnzende Tal, ber das die Siedelungen verstreut sind
wie Raupen ber ein Kohlblatt. Auch das blaue Haus, in dem die
Leinwandschtze ruhen, ist sichtbar. Es hat sich gefgt, da unsere
Telephonisten dort einquartiert wurden, gute, besinnliche Leute, die
noch den Hausgeist ehren. Abends gehe ich hinunter, frage nach der
eingelaufenen Post, berzeuge mich, da alles unverndert ist, und kehre
zur Hhe zurck. Wie gut wei ich, da es im gemeinen Sinne gar nichts
bedeutet, ob unter tausend geschdigten Wohnungen eine einzelne
unversehrt bleibt! Aber solcher halbertrumter Schutzsttten bedarf der
Geist; sie sind ihm Horst und Beute zugleich, darum bewacht er sie. Wei
er denn selbst, fr wen er wacht? Vielleicht fr einen, der schon in der
Wiege liegt, einen, der alle schrecklichen Schreie der Wut und der
Schmerzen umstimmen wird in Lieder und Hymnen ... Es ist ein kalter Tag.
Die Sonne glnzt wei und klein ber uns, die Luft ist blinkend von
schwebenden Kristallen, an den Bumen haftet Reif wie Stahlsplitter an
Magneten.




                                                           4. Dezember


Lat uns den Hgel bauen am Berge Kishavas, ein Mal den Getteten auf
der bereiften Felsen- und Wacholderflur!

Gleich nach dem Aufstehen wollte ich Glavinas Aufzeichnungen entziffern;
aber da trafen unvermutet ganze Zge Verwundeter ein, deutsche und
russische. Die Russen sollten ber den Mihlyszlls geworfen werden;
aber die 6. Kompagnie verirrte sich im Nebel und kam um eine Stunde zu
spt, so da der Angriff nur zur Hlfte gelang und der Gipfel dem Gegner
verblieb. Die Russen sind durchwegs junge, krftige Gestalten, blond,
blauugig, seltsam kindhaft in ihrem Gebaren. Zutraulich reden sie ohne
Pausen auf uns ein, als wren wir lngst Bekannte; sie scheinen
vorauszusetzen, da wir sie verstehen. Laut weinend zeigen sie einander
ihre Wunden, und whrend die Unsrigen ihre Schmerzen stumm verbeien,
schreien sie die ihrigen geradehinaus. brigens sind wenig
Schwerverwundete darunter. Den Verkehr mit dem Feldlazarett vermitteln
heute groe Leiterwagen; es geht rasch und sicher, schon leert sich der
Verbandraum. Der Angriff wird bermorgen wiederholt. Man baut immer mehr
Geschtze ein.

Es war nach drei Uhr, da brachte der Unteroffizier Dehm den
Infanteristen Kristl; er soll im Gefecht ungemeinen Mut bewiesen,
hernach aber pltzlich den Verstand verloren haben. Einige glaubten, er
verstelle sich nur, um endlich dem Kriegsdienst zu entkommen; aber man
braucht nicht Arzt zu sein, um hier die Echtheit der Verstrung zu
erkennen. Unendliche Angst verzerrt das eckige, bleiche Gesicht; bald
sucht er dem Unteroffizier zu entkommen, bald klammert er sich an seinen
Arm. Bei meinem Anruf nimmt er, schlfrig lchelnd, Haltung an, wird
aber gleich wieder uerst erregt; pltzlich fllt er auf die Knie und
bittet mit gefalteten Hnden, ich mge ihn doch nicht den Russen
ausliefern, er sei schon unglcklich genug. Dabei reit er sich
Waffenrock und Hemd auf, zieht den Brustbeutel heraus und entnimmt ihm
drei Goldstcke, die will er mir schenken, wenn ich ihn nicht zum Feind
hinberjage. Ja, traurig, traurig sei er zugerichtet, einer habe ihn in
die linke Seite gestochen, es blute noch immer. Er reit das Hemd noch
weiter auf und deutet auf eine vermeintliche Wunde. Sein Vater besitze
brigens noch viele Goldstcke, daheim unter dem Hollerbaum seien sie
vergraben, er selber habe dabei mitgeholfen, leider, das sei schlecht
von ihm gewesen, htte er die Finger davongelassen und das Gold in die
Reichsbank getragen, so wre alles anders gekommen, und wir htten einen
noblen Frieden. Unverwandt hlt er die drei Zwanzigmarkstcke auf
hingestreckter Hand in die Sonne, damit ich sehe, wie sie funkeln.
Pltzlich erheitert er sich, zieht seine Uhr, steckt sie, ohne sie
angesehen zu haben, samt den Goldstcken wieder ein, sagt, es sei
hchste Zeit, er msse Posten stehen, will auf und davon und beginnt zu
toben, da man ihn zurckhalten will.

Der Zustand des Menschen bringt Verlegenheit. Weder ein Wagen ist mehr
verfgbar noch eine Begleitung; auch mchte man den Fall nicht gerade
der nchsten besten Hand berantworten. Meine Sachen durchkramend, fand
ich schlielich ein paar Ampullen mit gelstem Scopolamin. Kristl wehrte
sich kaum gegen die Einspritzung. Die sonst so wenig haltbare
Zusammensetzung wirkte sofort; vor zwlf Stunden wird er nicht
aufwachen. Vielleicht ist es genug, um die Enden des zerrissenen Geistes
wieder aneinander zu heilen.

Vor dem Essen ging ich, da nur noch Leichtverwundete gekommen
sind, zum Ufer. Das Eis ist hier vielfach zu klaren Figuren
durcheinandergeschossen; weie Nadeln, Bltter, Hellebarden, winzige
gotische Gestaltungen, oft nur begonnen, manchmal fein ausgefhrt,
stecken berall zwischen den Steinen. Zuhchst am reinen Himmel sprieen
Rispen, an denen blumenrtliches Gefieder wchst, und man merkt es
diesen Wlkchen an, da auch sie aus Eiskristallen bestehen.




                                                           5. Dezember


Ich verbrachte den Vormittag bei den Pionieren im Walde, wo sie einen
halb zugewachsenen Weg fr die Verwundeten der nchsten Tage aushauen
mssen, da scholl ber Hosszuhavas her Geschrei und Schieen.
Zurckgekehrt erfuhr ich, da links von unserm Abschnitt Russen die
sterreichische Linie durchbrochen haben, dadurch soll unsere Stellung
gefhrdet und wertlos geworden sein. Um den Gipfel ist noch Ruhe. Eine
Ordonnanz berbringt Befehl zur Marschbereitschaft; Verletzte und Kranke
sind ohne Verzug nach Palanka zu schicken. Was fang ich mit Kristl an?
Er schlft noch immer. Ihn jetzt wegzuschaffen ist unmglich; auch warnt
mich etwas davor. Das Getse kommt nher. Rehm sieht mich immer an; er
errt meine Sorge. Endlich kann er nicht mehr schweigen. An der Somme,
meint er, habe die Lage zuweilen schrecklicher ausgesehen und sei
dennoch wiederhergestellt worden; drunten im Dorf, noch uneingesetzt,
lgen zwei Reservekompagnien unseres Regiments, da knne nichts fehlen.
Ich lasse ihn Tee bereiten und buchstabiere ein wenig in Glavinas
Zetteln. Die Schrift ist kaum lesbar; aber ich bin einem Rhythmus auf
der Spur. In diesem schwingend finde ich Sinn genug; schon hab ich mir
manches vereignet und verinnigt, und wo auch nur ein Wort hingeworfen
oder eine Strophe schwach angeschlagen ist, erklingt wie von selber die
Folge:

Wer aber heimkehrt, halte Bereitschaft! Jeden mit anderer Stimme ruft
Gott. Ein wacher Wandel ist euer, ein langer Werktag, selten ein Fest,
selten ein feiernd Lied. Schlummert wachsam wie die Gemse schlft!

                   *       *       *       *       *

Es ist drei Uhr. Das Feuer hat zugenommen, doch berwiegt im Augenblick
das russische nicht. Ich ging wieder zu Kristl, schttelte ihn an der
Schulter und rief ihn beim Namen. Umsonst. Er schlft zu tief.

Die strengen, bindenden Worte fallen aus Kindes Gedchtnis. Raben
tragen die goldnen Bcher aus dem Heiligtum.

Opfer, was frommen sie noch dem, der den Ruf berhrte? Der Dom strzt
ein ber Altar und Beter, und abgesprengt, noch klingend vom
Pilgerbittgesang, ins Meer hinaus, verbrennend, schwimmt die Brcke.

Der Geist wird stehn vor seinem eigenen Hause und nicht heim finden
...

                   *       *       *       *       *

Einhalb vier Uhr. Der Lrm nimmt noch immer zu. Die Schau durchs Fenster
blendet. An einigen Erhebungen des Gelndes treffen so viele
Schneeleuchten zusammen, da das Auge kein Wei mehr ertrgt und es als
grnlich empfindet. -- Jetzt haben, in weiten Abstnden, unsere
bereitgestellten Zge den Plan betreten. Der Gegner bemerkt sie.
Geschosse platzen ber den blinkenden Helmen, eine neue Art von
Schrapnellen, welche zweifarbige Wlkchen ausstoen: es ist, als ob aus
unsichtbaren Eiern Vgel schlpften mit einem roten und einem schwarzen
Flgel. Die Soldaten eilen, sie laufen fast. Pltzlich fahren, kaum
gedeckt, preuische Kanonen am Dorfrand auf und feuern ohne Pause,
Schlag auf Schlag. Von dem Luftdruck zerspringt uns im Verbandraum ein
Fenster.

                   *       *       *       *       *

Wie soll auferstehn, was nie begraben ward? Geht um in zwlften
Stunden! Lest auf aus taubem Schutte das oft zerbrochne Menschenbild!
Mauert es heimlich ein unter die neuen Gebude!

                   *       *       *       *       *

Einhalb fnf Uhr. Heftigen Schrittes tritt ein der Major, mit ihm der
Adjutant. Hinterher kommen verwundete Deutsche und Russen. Unverwundet
ist nur ein junger Russe mit grnlichbraunem Gesicht und berhellen
Sperberaugen. Er soll vernommen werden; aber niemand spricht Russisch.
Aus verbndeten Truppenteilen, die in der Nhe liegen, werden Leute
zusammengeholt, ein Bosnier, ein Pole und ein Ukrainer, der wohl
Russisch, nicht aber Deutsch versteht. Durch vier Sprachen gehen Frage
und Antwort hin und her. Der junge Bursche, scharf befragt ber Stellung
und Strke seines Regiments, spielt auf kindlichste Weise den
Einfltigen, sagt lauter unmgliche Dinge. Der Major lt ihm zwei
Fasttage androhen, falls er nicht vernnftig antworte. Er zuckt zusammen
wie gepeitscht, senkt den Kopf, spricht keine Silbe mehr. Braver Kerl,
brummt der Alte und bedrngt ihn nicht lnger. Pltzlich sucht der Russe
in seinen Taschen herum, schttelt verzweiflungsvoll den Kopf, redet
heiser auf den Ukrainer ein. Spannung entsteht, Aufschlsse werden
erwartet, der Adjutant berspitzt seinen Bleistift. Aber ein Dolmetsch
nach dem andern lacht. Was wir erfahren ist nur, da der Gefangene im
Gefecht seinen Tabak verloren hat; flehentlich lt er um etliche
Zigaretten bitten. Der Bosniak erfllt seinen Wunsch, der Russe zndet
an und setzt sich, da sich niemand weiter um ihn kmmert, auf einen
nahen Stuhl, wo ihm Kopf und Arme sogleich niedersinken. Die Zigarette
entfllt seiner Hand; er schnarcht.

Ordonnanzen kommen. Der Angriff ist abgeschlagen. Der Feind hat alles
gewonnene Gelnde wieder verloren. Die Ebene wird leer. Ein Rabenzug
fliegt niedrig ber das Tal. Der junge Russe wird unsanft zum Abmarsch
geweckt. Der Major befiehlt mich fr morgen zum Mittagessen nach
Hosszuhavas.

Es war schon ganz finster, als ich mich im Nebenraum nach Kristl umsah.
Er hatte sich aufgerichtet.

Sind Russen da?

Ja, Gefangene. Sind schon abgefhrt.

Ach so, Gefangene, wiederholt er mitrauisch.

Aber der General Brussilow ist doch vorbeigefahren auf einem feurigen
Wagen?

Ein kleiner ungarischer Schlitten mit zwei brennenden Laternchen war vor
einer Minute am Fenster vorbeigekommen. Das mu der feurige Wagen
gewesen sein. Ich bewies es ihm umstndlich, und er schien es nicht zu
verwerfen. Erklrte ihm auch, da er morgen nach Palanka gehen und von
dort aus in die Heimat fahren drfe. Er zeigte keine Freude. Dahinten
sind lauter fremde Leute, sagte er.

Sehr bestimmt kndigte ich ihm schlielich an, er werde jetzt gleich
wieder einschlafen, morgen frh aber, sobald ich ihn krftig anhauche,
wieder erwachen, ohne Furcht aufstehen, Tee trinken, Weibrot mit
Marmelade essen und guter Dinge sein. Er versuchte eine stramme Haltung
und sagte: Zu Befehl. Es bedurfte nur einiger streichender Bewegungen
ber sein Gesicht, um ihn wieder einzuschlfern.

Bevor ich mich niederlege, noch einmal zu Glavina:

Auf Rinden und Gesteinen wie Wandrer alter Zeit hinterlat ihr einander
Zeichen, sogar in Sand und Schnee, und fllt euch der Tod an am Wege,
vergehend lockt ihr noch mit Speise und sanfter Beschwrung wilde Vgel
vom Himmel, schreibt auf weien Fittich purpurne Liebesrunen.




                                                  6. Dezember, mittags


Die Aktion begann im Morgengrauen und ging auf wie eine Gleichung; seit
neun Uhr steht kein Russe mehr auf dem Mihlyszlls; sie sind bis zum
Monte Ardelle zurckgegangen. Die Aufgabe ist gelst; vor zehn Uhr sind
bereits ungarische Offiziere eingetroffen, um die Stellung kennen zu
lernen, die morgen ihr Bataillon von uns bernehmen soll.

Kristl ward um elf Uhr wachgehaucht, stand sofort auf, a mit groem
Hunger. Nun wir ihm aber erffnen, da er, mit einem rztlichen Bericht
versehen, nach Palanka gehen drfe, um von dort aus nach Bayern zu
kommen, will sich sein Gesicht gleich wieder ins Strrische verziehen,
doch nimmt er sich zusammen und bittet schlielich mit berlegten und
herzlichen Worten, ich solle ihn doch hier lassen. Fast knnte man
glauben, sein Gedchtnis fr die Heimat sei abgeschwcht; jede
Vernderung scheint er zu frchten und an unseren paar Gesichtern zu
hngen, als wren sie die Welt. Aber was tu ich mit einem so
zerspringlichen Wesen in dieser schwelenden Luft? Und der Major und
Leverenz, was werden sie dazu sagen? Voreilig uert Raab, wir wrden ja
nun doch in Ruhe kommen; falls Kristl vom Sanittsdienst etwas verstehe,
knne er wohl noch etliche Tage bleiben und im Revier ein wenig helfen.
Ich bin als Krankentrger ausgebildet, fllt Kristl eifrig ein;
Verbnde mache ich die allerschnsten, auch Arm- und Beinschienen. Ich
versprach, mir die Sache zu berlegen und mit Kommandeur und
Kompagniefhrer zu besprechen. Vorderhand bleibt er als Revierkranker in
Beobachtung und meldet sich zweimal am Tage bei mir. Er geht sogleich
mit Raab, sucht sich ntzlich zu machen, putzt Flaschen und Instrumente,
wickelt Mullbinden auf.




                                                                Abends


Whrend des Mittagessens tritt, ohne anzuklopfen, ein junger Mann in
ungarischer Tracht herein, lchelt freundlich nach allen Seiten, geht,
ohne den buntumschnrten braunen Filzhut abzunehmen, um uns herum, redet
kein Wort, betrachtet die Wnde, betastet zrtlich Schrank, Bild,
Spiegel und Fensterglas, dann sieht er mit groer Innigkeit auf uns, man
merkt ihm an, da er unendlich viel zu sagen htte. Der Major, erzrnt
ber die Strung, springt auf und bedeutet ihm, sich zu entfernen. Der
Bursche, ohne jedes Zeichen des Unmuts oder der Verwunderung, tritt
nher, streift den rmel hinauf und zeigt schweigend eine lange, tief
eingezogene noch frischrote Narbe. Endlich, indessen der Major
weiterschilt, geht er sehr langsam hinaus, nicht ohne uns unter der Tr
noch einmal zuzulcheln. Kaum ist er drauen, scheint unsern Gebieter
sein Zorn zu reuen, und schnell bediene ich mich der gemilderten
Stimmung, um mein Anliegen vorzutragen, sage, da Kristl als Infanterist
nicht mehr tauge, da er in die Heimat gesandt oder probeweise anderswie
verwendet werden msse. Wie wre er verwendbar? -- Als
Krankentrger. -- Ist er als solcher ausgebildet? -- Ja. Die
Versetzung wird gutgeheien und gleich durch Ferngesprch mit Leverenz
geregelt, der bei guter Laune ist, Kristl einen Weihnachtsurlaub zudenkt
und das Eiserne Kreuz fr ihn bereitgelegt hat.




                                     Blvnyos-Patak, 7. Dezember 1916


Mittags abgelst brachen wir auf nach dem Blvnyostal, das nahe bei
Gymesbkk zum Trotusul herabfllt. Auf Gebirgswegen zogen die
Kompagnien; wir drei, Major, Adjutant und ich, ritten den zugefrorenen
Hidegsg entlang, zuweilen ber ihn weg. Vom starken Glanz eines
zertrmmerten Eisblocks geblendet, scheuten die drei Gule auf einmal
und wollten in hohen Sprngen davon, beruhigten sich aber bald. In
scharfem Trab ging es weiter, oft im Galopp, wozu die Pferde nicht viel
Ansporn brauchten; sie fhlen sich bei sachter Gangart auf dem Eise
nicht sicher und freuen sich, die Hufe mit aller Kraft einzuschlagen.
Wir holten einen Verwundeten ein, der durch gelockerten Verband
nachblutete; bei ihm verhielt ich mich und ritt alsdann allein weiter.
Der Himmel streifte sich, es roch nach Schnee. Schon traten die Huser
von Gymesbkk hervor, da sah ich einen lndlichen Zug mit vielen
hochbepackten Wagen auf dem anderen Ufer entgegenkommen. Das erste
Gespann mutete mich bekannt an; ich lenkte hinber und erkannte wirklich
die schnen silbergrauen Stiere, daneben die groe Frau, die jetzt als
Fhrerin vieler Familien erschien. Als letzte mochte sie geflohen sein;
als erste kehrte sie zurck. Das Kind, in Decken gewickelt, mit Pelzen
bedeckt, schlief auf dem Wagen, die Tochter schob nach, der Greis, mit
bereiftem Bart, schleppte sich hinterdrein. Abseits, dicht am Ufer, ging
der Knabe, dick behandschuht, das Bild unterm Arme, man sah unter
zersprungenem Glas ein segnendes Jesuskind mit rotem Kleidchen auf
Silbergrund. Ich rief einen madjarischen Gru, -- Isten hozta gab die
Mutter mit klarer Stimme zurck und nherte sich, wie um etwas zu
fragen. Ich mute ueres und inneres Ohr scharf anspannen, um sie zu
verstehen. Vor allem wnschte sie zu wissen, ob Huser in Hosszuhavas
zerstrt worden seien, und war sichtlich froh, als ich dies verneinte.
Dann fragte sie, was fr Gegner wir gehabt htten. Als ich sagte
Russen, lchelte sie und meinte, dann htten sie kaum zu fliehen
brauchen, die Russen tten kleinen Bauersleuten nichts zuleide, auch
htten sie mehr Ehrfurcht vor den Frauen als die Rumnen. Als ich
weiterreiten wollte, zog sie ein Sckchen vom Wagen und reichte mir
daraus eine Handvoll gedrrter Birnen. Ich hatte nichts bei mir, um
diese fromme Gebrde zu erwidern, als einen frischen Kommilaib; aber
gerade damit schien ich Freude zu erwecken, und nun erst fiel mir auf,
da sie alle sehr bla und elend aussahen, gewi hatten sie Mangel
gelitten. Der Knabe wurde gerufen; behutsam lehnte er die Jesustafel an
einen Stein und sprang vergngt heran, um sein Stck zu erhalten. Beim
Eingang in das Tlchen wartete Rehm. Hier sah ich noch einmal zurck:
die Karawane berquerte gerade den Hidegsg, hell blinkte der
Silbergrund des Bildes in der Abendsonne. Um halb fnf Uhr erreichten
wir das Quartier. Es ist wieder eine Bauernstube mit niedrigen,
teppichverhangenen Wnden. Wir sind jetzt elf Kilometer hinter der
Front; die Einwohner gehen wie im Frieden ihrem Tagewerk nach.




                                                           9. Dezember


Seit ich mein Gepck immer so klein und nah beisammenhalte, bin ich
stets zum Aufbruch bereit und kann mir in den Minuten, wo ich mich sonst
in der Sorge, nicht fertig zu werden, abhetzte, das eben Erlebte ein
wenig zu erklren suchen. Der Vormittag verging mit Lesen und Schreiben;
auf drei Uhr war die Gesundheitsprfung angesetzt, fr welche sich der
groe Stadel bei der Krankenstube gut eignete. Der Klte wegen trieb ich
zur Eile. Niemand zeigte sich einer Ansteckung verdchtig; das Geschft
verlief ohne Aufenthalt, doch gab es zum Schlu eine seltsame Strung.
Whrend an der hellsten Stelle der Scheune die letzte Reihe vllig
entkleideter Soldaten an mir vorberzog, kam unversehens, halb
schwankend, halb tanzend, die junge Frau des Hauses herein, in der
linken Hand einen Krug schwingend, die Rechte wie zum Greifen
ausgestreckt, und ging geradenweges auf die nackten Mnner zu, wobei sie
unverstndliche Worte, rumnisch mit ungarisch vermischt, vor sich hin
sang. Wie wir gehrt haben, ist sie die kinderlose Witwe eines in
Ruland Gefallenen und verwaltet nun mit Hilfe eines alten Knechtes und
einiger Mgde ihr Anwesen so gut es geht. Ob sie in ihrem Kummer
berhaupt der Trunksucht verfallen ist, wissen wir nicht; jedenfalls hat
sie gestern, als uns Freiwein gewhrt wurde, mehreren Leuten einen Teil
ihres Maes gegen Milch und Eier abgetauscht und, wie es scheint, einen
ansehnlichen Vorrat zusammengebracht. In ihrem Rausche mu sie,
vielleicht vom Stall aus, unsere ungewhnliche Parade erspht haben, und
es lie ihr keine Ruhe, bis sie eingedrungen war. Eigentlich htte ich
sie ohne Verzug hinausweisen sollen; aber die Erscheinung war voll
bannender Kraft, nie vorher hatte ich Besessenheit so vollkommen
gesehen, man konnte sich nicht abwenden, und alle Bedenken schwiegen.
Das Gesicht ist von der halb madjarischen, halb romanischen Schnheit,
die einem hierzulande oft begegnet; bei nchternen Sinnen mag es ein
sehr anmutiges, eher schchternes Wesen sein. Jetzt aber drckten ihre
Zge zugleich Erstarrung und Entfesselung aus; kein Lachen oder Lcheln
hatte Raum in diesem Antlitz, vor Lebensgier erschien es totenhaft.
Augenscheinlich ist auch, da sie sich, trotz dem Werktag, mit ihrem
Sonntagsstaat angetan hat; das Kopftuch ist von feiner schwarzer Seide,
die pergamentgelbe Weste mit Gold- und Farbenstickereien berreich
verziert. Es waren gerade die jngsten Leute des Bataillons, die noch
nackt vor mir dastanden; ihnen nherte sie sich, hob ihnen den Krug
entgegen und trank ihnen zu. Nun merkte ich erst, da ihre Augen fast
ganz geschlossen waren; sie schien durch die Lider zu blicken, als wren
diese von durchsichtigem Stoff. Als sie einem der Jnglinge den Krug
anbieten wollte, reichte sie ihn vorber einem Unsichtbaren, so da ihr
Gehaben ein wenig an jene wahnsinnige Greisin vom Berge Kishavas
erinnerte. Die jungen Leute hatten sich indessen von ihrem Staunen
erholt; sie begannen sich zu schmen und warfen ihre Hemden ber. Nun
war es Zeit, die Szene zu beenden. Dehm und Raab fhrten die Frau
hinaus. Sie lie es geschehen, ging aber dabei rcklings, den Blick
immer ins Innere des Raums gerichtet, singend und mit dem erhobenen Krug
winkend.

Nach beendetem Dienste stie ich im Hof auf den Gefreiten, der den
Abmarschbefehl berbrachte. Ihm folgte ein sehr alter Mann in
rumnischer Tracht, ein dicht verhlltes Kind im Arm, nahm den Hut ab
und fragte, ob ich der Feldgeistliche wre. Der Sugling, sein
Urenkelkind, sei auf den Tod erkrankt und noch ungetauft, kein Priester
weit und breit zu finden, ob ich es nicht bernehmen wolle, ihm das
Sakrament zu spenden. Mir fiel Unteroffizier Stelzer ein; er ist
Kandidat der Theologie und hat bereits die niederen Weihen, -- ihn lie
ich rufen und bergab ihm das Neugeborene, dessen Zustand wenig Hoffnung
lt. Auf der Strae sammelte sich bereits das Bataillon, keine Zeit war
zu verlieren, und so vollzog der knftige Priester die einfache
Handlung, zu der im Notfall eigentlich jeder Christ berechtigt wre,
gleich in der Stube der jungen Buerin, die noch immer nicht aufhrte,
zu trinken und zu jauchzen, bis Dehm sie heftig anfuhr und ihr
unverzglich Wasser zu bringen befahl, was sie einigermaen ernchterte.
Die gelassene hart scheinende Art, wie er auch weiterhin mit dem Weibe
umging, gefiel mir sehr; sie hob ihn ber sein gewhnliches Wesen
hinaus, mir war, als she ich ihn zum erstenmal. Indem er fortfuhr, bse
mit ihr zu tun, legte er ihr schlielich das Kind in die Arme und gebot
ihr, es ber das Becken zu halten und zu schweigen. Der junge Stelzer
waltete begeistert seines Amtes; klar und ohne Hast sprach er sein
lautes Ego te baptizo, whrend auf der Strae drauen die Kompagnien
bereits ihre Tornister aufnahmen. Die schne Bacchantin nahm sich
gewaltig zusammen; eingeschchtert von der Wrde des Vorgangs wandte sie
keinen Blick von dem Kinde, dessen Patin sie nun unversehens geworden
war. Allmhlich war es, als fge sie sich mit heimlicher Lust in ihre
sanfte Demtigung; einmal hrte man sie schluchzen, und pltzlich fielen
Trnen auf den Tufling nieder, der immer schwcher dem Tod
entgegenrchelte.

Ich mu schlieen; das Pferd stampft und blickt wiehernd nach mir um.
Der Himmel wlkt sich tief herab; kleine Flocken wirbeln. Major und
Adjutant sind unruhig und geben keine Antwort, wenn jemand sie nach dem
Ziel des Marsches fragt. Wieder soll ein groer Berg an die Russen
verloren gegangen sein.




                                            Palanka, 10. Dezember 1916


Erwachend glaubte ich durch das dunstige Fenster zwei weie Tauben zu
sehen und stand auf, um mir das Prchen genauer zu betrachten: da waren
es die zwei Ohren eines Maultierschimmels, die sich bewegten. Das
abgemagerte Tier stand eingespannt vor einem Schlitten, den Rcken ganz
verschneit, zuweilen den Boden aufscharrend, um ein Moos oder eine
Wurzel zu finden. Von der Brigade kommt ein Fernruf: der Marsch
unterbleibt! Gern lse ich in Glavinas Blttern, bin aber niemals allein
am Tisch, nun summen die Sprche von selber dahin. Drunten am Trotusul
ist das Ufer stellenweise noch frei von Eis; klarstes Wasser luft ber
Kiesel, die so golden schimmern, da mir Wilhelms Briefchen einfiel; dem
Kleinen zum Gedenken hob ich denn ein paar besonders glnzige heraus,
aber da war alles Leuchten verloschen. Dennoch steckte ich einige in die
Tasche; dem Shnchen wird es nicht schaden, wenn ihm sein Vater statt
Gold Steine bringt, es sind gar hbsche darunter, alabasterweie mit
lila Geder, mattgrne wie Vogeleier getupfte, rtliche und gelbe.
Emporsteigend kam ich durch Fichtenwald. berhngender Fels hlt von
einem kleinen mit Moos und breitblttrigem Efeu bewachsenen Flecken den
Schneefall ab. Dort fand ich auch die Pflanze wieder, die einst dem
Knaben palmenhaft begegnet war; in allen Stufen ihres Wachstums umsumt
sie die grne Insel. Aber liegt es an meinen Augen, die nicht mehr
kindlich sind, oder hat sich wirklich das Gewchs von seiner Grundfigur
entfernt: nur wenige Stauden erinnern hier ein wenig an die Palme, die
meisten sind, indem sie schon unten vom Schaft aus Bltter
hervortrieben, wuchernder Entartung verfallen. So mag es oft gehen, da
der Geist des Lebens einen hohen Gedanken denkt; aber das Geschpf, dem
er auferlegt ist, vermag sich beim Nahen der Entwicklung nicht zu
halten, lstern, sich selbst bertreibend, zerbricht es die Melodie, und
alles zerstiebt. Was liegt aber dem Leben an milliardenfachem Milingen?
Es kann den Dorn zum Blatt, das Blatt zur Rose formen; es hat Zeiten und
Sterne genug, um umzuzeugen und umzugebren, einmal wird es doch
schwingen, wie der Geist es will. Am Heimweg hrte ich in den Baracken
frhlichen Lrm und Gesang, Schnee fllt noch immer; eine stetige weie
unendlich beschwichtigende Bewegung ist der Tag.




                           Kstelek, 13. Dezember 1916, 12 Uhr nachts


Alle schlafen, auch ich schon zur Hlfte; dennoch will ich mir Weg und
Ankunft vergegenwrtigen, morgen ist vielleicht keine Zeit. Frher wute
ich ja nicht, wozu man Aufzeichnungen schreibt; jetzt aber sind sie mir
wie die Brotkrmchen, welche Hnsel und Gretel im Walde ausstreuten, um
gewi wieder nach Hause zu finden. Freilich, als die Kinder dann
wirklich den Heimweg antreten wollten, da hatten die Vgel alles
aufgepickt, -- aber da beginnt ja auch erst das eigentliche Mrchen.

Der Schneefall dauerte noch den ganzen Vormittag. Die Leute hatten
innerhalb der Baracken in groen Blechkesseln Feuer angezndet; einige
wuschen sich, andere lagen rauchend und lesend auf dem halbgrnen
Maisstroh. Jeder sprte nun erst seine ganze Ermdung, jeder lobte das
beharrliche, ruheverbrgende Gestber. Drauen sah ich einen Mann, der
aus bermut Brot in Schnee packte und ber das Barackendach warf. So
besprengt man da und dort in Niederbayern zur Weihnachtszeit
Schneeballen mit geweihtem Wein und schleudert sie ber das Haus, um es
vor Unglck zu bewahren. Aber nach zwlf Uhr schneite es nicht mehr;
Ostwind ffnete den Himmel, und bald hrte man wieder Schsse aus
schwerem Geschtz das Tal durchhallen. Um die zweite Stunde kam der
Marschbefehl. Dem Trotusul entlang zogen wir bald ber ungarisches, bald
ber rumnisches Gebiet. Eine Strecke ging es durch das Gesichtsfeld der
Russen, deren Bergstellungen sich dort nahe heranbiegen. Sie bemerkten
uns, zielten aber schlecht; Granaten schlugen in den Flu und jagten
Wassersulen auf, beschdigt wurde niemand. Ciugesu durcheilten wir ohne
Aufenthalt und stiegen dann durch ein Seitental aufwrts. berall ist
Schnee zu hohen Wehen durcheinander gebaut; blaue Schattenwnde stieen
an Wnde von brennendem Silber. In Cyges warteten wir ber eine Stunde,
niemand wute, worauf. Der Major war vorausgeritten; der Adjutant,
wunderlich verstimmt und verstockt, gab keine Auskunft ber das Ziel der
Bewegung. Einmal, an kahler Gegenwand, springt die Strae schrg nach
oben zurck, und whrend wir als Letzte noch tief unten in Schattenklte
gingen, sahen wir unsere vordersten Gruppen bereits hoch ber uns vor
orangerot beleuchtetem Gestein aufsteigen und dahinter verschwinden.
Diese gehorsam-stetige Prozession grauer Mnner, die aus der scharf
abscheidenden Helle ins Unbekannte wanderte, zog immer wieder den Blick
empor; man freute sich, auch bald auf den hochbeglnzten Steig zu
gelangen und verga darber den beschwerlichen Weg.

Oben, whrend einer kurzen Rast auf weitem Schneefeld, meldete sich ein
Infanterist krank, einer der Neulinge, die erst in Palanka zu uns
gekommen sind. Whrend er sich nhert, mu er von Leuten seines Zuges
harte Worte hren, ja einer macht Miene, ihm den Weg zu vertreten, und
weicht erst auf meinen Anruf zurck. Achtundzwanzig Monate wart ich auf
Urlaub, schreit der alte Lutz; krumm und grau werd ich im Krieg, und
du, papieriger Kerl, willst dich am zweiten Tage drcken! Durchhalten,
Herr Kamerad, durchhalten! hhnt ein anderer. Der junge Mensch, ein
verwhntes Knabengesichtchen unter viel zu groem Stahlhelm, erklrt
fast weinend, er habe sich freiwillig zur Front gemeldet und werde
wiederkommen, sobald er gesund sei, jetzt aber knne er nicht mehr. Man
lacht ihn aus. Sein Atem stt weirauchend in die Klte, und die Augen
glnzen von Fieber; aber dafr haben die andern jetzt keinen Blick. Von
Mdigkeit und ungewisser Zukunft berreizt, hassen sie wie Verdammte
einen jeden, der sich der gemeinsamen Hlle entziehen will. Ich
beschlo, die zudringlichen Schreier einfach zu berhren und die Sache
kurz zu machen, fhlte den Puls, fragte nach bestimmten Symptomen und
wollte eben eins der rotgernderten Tfelchen nehmen, um die ntigsten
Angaben daraufzuschreiben und es dem Kranken an den Mantel zu heften,
damit er seinen Weg ins Lazarett antreten knne, da rennt, mit
ngstlicher Miene, Dehm daher, entschuldigt sich wegen Versptung und
beginnt nun aus der alltglichen Sache eine groe Angelegenheit zu
machen, schiebt die zwei riesigen Ledertaschen auf dem Schnee zusammen,
lt den Mann darauf lagern, befiehlt ihm, Mantel und Rock auszuziehen
und meldet mir gestreng, da Infanterist Lhr zur Untersuchung
bereitliege. Nach und nach fing ich wieder einmal an, Dehms berlegene
Weisheit zu begreifen. Er hat bedacht, wie gar ansteckend die Neigung,
sich krank zu melden, in solchen Fllen werden kann; selber Soldat von
festestem Holz, will er lieber grausam scheinen, als die lngst
gefhrdete Zucht gelockert sehen. Ja, die mitrauischen Spher sollen
erfahren, da es bei uns keine Llichkeit gibt, da wir peinlich wie
Krmer die Schwere der Krankheit abwgen wollen. Achtungsvoll, doch
unerbittlich, leitet er mich in die Rolle des hchst schwierigen
Sanittsoffiziers hinein, -- was bleibt mir brig, als den frierenden
Menschen umstndlich abzuklopfen, abzuhorchen, ihm den Fiebermesser
einfhren zu lassen wie im Spital? Still wird es um uns; im Banne der
klinischen Zeremonien erstirbt jedes widerwrtige Wort. An dem schwach
Darniederliegenden erkennen die andern allmhlich, wie sehr sie selber
doch stark und aufrecht sind, und als der Junge wieder angekleidet,
gegrtet und mit seinem Krankentfelchen behangen ist, stapft er
unbehelligt wie ein Rudiger gegen Palanka davon.

Vor fnf Uhr hielten wir an einem hohen steilen Hang; man sah in das Tal
eines halbvereisten Flusses hinab. Zwischen Husern brannten Lagerfeuer,
in deren Schein sterreichische Soldaten ruhig hin und her gingen. Wir
standen und schauten. Von Osten scholl Kampflrm; ein breiter Gipfel
erschien von Leuchtraketen und Einschlgen vulkanisch, doch nur eine
Minute lang, dann reihte sich der Berg unscheinbar grau zu vielen
andern. Rings aber schuf der letzte Sonnenrand ein seltsames Licht.
Hellgrn lagen die Schatten auf rtlichem Schnee, ein Birkenbumchen war
mit reinstem Smaragd hingezeichnet, und wer vor sich hinsah, erblickte
sich selber als grne Gestalt. Niemand hatte Lust zu reden; man hrte
Stckchen gefrorenen Schnees klingend hinunterhpfen wie leichtes
Metall. Auf einmal wehte es klter, da war auch schon das untergngliche
Licht vom Wei der Landschaft abgelaufen wie von Porzellan. Der
Adjutant, auf der Karte suchend, erluterte, wir stnden ber dem
Sulta-Tal, und die Huser gehrten zu dem ungarischen Grenzdorf
Sstelek, von hier aus htten wir noch sechs Kilometer nach Kstelek
zurckzulegen.

Da sich kein Fuweg fand, stiegen und rutschten wir hinunter wie es
ging. An den Feuern vorbei, deren Glut unsere Wangen streifte, zogen wir
auf der Strae weiter, von jetzt ab die Front im Rcken. Nach manchen
Aufenthalten erreichten wir Kstelek um elf Uhr. Der abnehmende Mond
stand schon hoch, zwei ruhig leuchtende Planeten dicht ber ihm. Mit dem
Adjutanten, dem Assistenzarzt, dem Ordonnanzoffizier und einigen
Telephonisten bin ich in der groen Stube eines Huschens untergebracht,
das abgesondert auf einem Hgel steht. Von einem qualmenden Lmpchen war
der Raum halb hell. Ein schnes Weib erhob sich, als wir eintraten,
vllig angekleidet, mit zwei ganz verschlafenen Mdchen von einem
breiten, mit Heu gefllten Bettgestell. Sie sah uns an, gefat, wachsam.
Endlich, mit stolz-gastfreundlicher Geste, gab sie zu verstehen, da sie
uns das Lager abtreten und auf Stroh neben dem Ofen schlafen wollten, in
allen brigen Rumen des Hauses sei es fr die Kinder zu kalt. Wir
lehnten dies ab und lieen merken, da wir fr uns bleiben und ihre Ruhe
so wenig als mglich stren wollten.

Whrend wir uns zu Tische setzten, kehrten sich die drei zur Wand und
sprachen halblaut ein Gebet, manchmal sich verneigend oder sich
bekreuzigend, wobei das kleine Schwesterchen sich jedesmal mit aller
Faustkraft in die Magengrube schlug. Ich beugte mich vor, um das
Kruzifix oder Heiligenbild zu sehen, dem sie solche Verehrung erwiesen;
aber da war nur ein Haken, darunter ein heller viereckiger Fleck mit
schwarzem Saum an der leeren Wand. Hier also hatte das Bild gehangen,
gewi viele Jahre; nun ist es verschwunden, vielleicht von Soldaten als
Brennholz verwendet, wer wei es, dem Blick der Frommen aber sichtbar
alle Zeit. Glavinas Traum fiel mir ein, wie er als Kind ber Gebirge
ging und auf einem leeren Blatt beseligende Dinge las, unbekmmert um
Gewitter und Rufe der Toten.

Die Mdchen schliefen bald wieder; die Frau sa noch eine Zeit am Bette,
das Kinn in der Hand. Ihr schmales bleiches Gesicht ist durch allen
Kummer hindurch von wunderbarer Bestndigkeit und Klarheit. Sie mu
Bses erlitten haben und erwartet auch von uns nichts Gutes. Mir kam nun
erst die schreckliche Kahlheit des Zimmers zum Bewutsein. Nicht nur das
eine Heiligenbild fehlt, auch andere Tafeln sowie Kreuz und Uhr sind
blo durch Staub und Spinnenweben angedeutet.

Der Adjutant wurde jetzt gesprchiger; er verriet uns, da die Russen
weit vorgedrungen seien und den Gymespa gefhrdeten, wir mten uns auf
unruhige Tage gefat machen. brigens sei die Lage nicht klar, er
wenigstens wisse keineswegs genau, welche Berge vom Gegner besetzt
seien.




                                      13. Dezember, sieben Uhr morgens


Immer weniger gern ruf ich mir Trume zurck; der aber war so klar, so
voll Hindeutung. Wir lagen wieder in Frankreich, in dem traurigen
verdeten Gebiet bei Margny-aux-cerises in Bereitschaft. Starker Wind
wehte; Granaten wechselten eintnig ber uns. Furcht lag auf mir. Mein
Leib hatte nahezu vllig sein Gewicht verloren; ich fhlte mich wie eine
Flaumfeder leicht und mute gewrtigen, da der zunehmende Wind mich
alsbald emporheben und zu den Franzosen hinbertragen werde. Da
schmiegte sich etwas an meinen Ellenbogen, und siehe, es war Matschka,
das graue Ktzchen, das ich in Kzdi-Alms hatte sterben sehen. Gro und
hbsch war es geworden, das weie Flckchen im Nacken glnzte wie ein
Licht. Wie geht es dir? sagte ich und wollte es streicheln; da sprang
es mit weitem Satz in einen der wassergefllten Granattrichter,
verschwand und tauchte nach einer Weile wieder auf, eine schimmernde,
mit roten Zeichen bemalte Granate im Maul, die es herantrug und in
demtiger Haltung vor mich hinlegte. Wie froh war ich! Die Granate ist
schwer, sagte ich mir, -- wenn ich sie in der Hand halte, kann mich der
strkste Wind nicht mehr mitnehmen. Als ich sie aber ergriff, war es
kein Gescho mehr, sondern ein zappelnder, goldgrauer Fisch mit
rtlichen Punkten. Der mu gebraten werden! rief eine wohlbekannte
Stimme hinter mir. Ich sah mich um, da stand Vally vor einem Herdfeuer,
neben ihr Wilhelm, und auch dieser schrie: Der mu gebraten werden!
Sonderbar lchelnd nahm Vally den Fisch und bergab ihn dem Shnchen,
das ihn zum Herde trug. Dann legte sie sich zu mir nieder; wir umarmten
uns und drngten uns innig aneinander, wobei mir ein wenig auffiel, da
sie wohl Vally war, zugleich aber auch Regina, dann wieder die Ungarin,
die hier in der fremden Stube schlief. Aber wie liebte ich die drei
Frauen in der _einen_ Gestalt! Wie waren sie wirklich _ein_ Wesen,
mchtig seiend eine in der andern! Freilich, irgendwo in der Tiefe, wo
der Traum selber zu trumen schien, war etwas Dunkles, ein stiller
Einwand, der uns nicht ganz zur Freude kommen lie; aber auch das ging
vorber. Sie versteht kein Deutsch, ich kein Madjarisch, fuhr es mir
durch den Sinn, und dieser Gedanke gab mir unendliche Freiheit; selig
fhlte ich meine Schwere in mich zurckkehren. Dabei lste sich eine
blaue, aus innen leuchtende Wolke von uns ab, stieg empor und entfernte
sich bis zum Horizont hinaus. Wir standen auf und betrachteten
aufmerksam dieses Gewlk, an dessen Rande sich lange Reihen winziger
blinkender Wesen, Insekten hnlich, entwickelten. Sie nherten sich und
wurden dabei gro und kriegerisch. Am Ende waren es wirkliche Soldaten
mit silberblauen Stahlhelmen, von rotgeflgelten Generalen gefhrt; in
schrger glnzender Flucht zogen sie zahllos ber uns hin und durch uns
hindurch wie durch Rauch. Auf einmal stand Wilhelm neben mir, zur Reise
gegrtet, einen Stab in der rechten Hand, in der linken einen Teller mit
dem Fisch. Ich stand auf, gab dem Knaben zu essen und a dann selber.
Kaum hatte ich einen Bissen hinuntergeschluckt, da begann ich zu
begreifen, da es doch eigentlich drei verschiedene Frauen gewesen
waren, die ich umarmt hatte, und das bekmmerte mich sehr. Wilhelm aber
lie mir keine Zeit zu grbeln, -- Vater, es ist Zeit! rief er und
stie ungeduldig den Stab auf den Boden. Wir gingen einer Ferne
entgegen, die ganz in Flammen stand, da machte ich die Augen auf und sah
in ein helles Ofenfeuer hinein. Die junge Frau setzte gerade einen
groen Kessel auf die zischende Platte.

                   *       *       *       *       *

Alle sind nun aufgestanden; blo die zwei Mdchen schlafen noch. Der
Adjutant wnschte guten Morgen und fragte, ob es mich nicht sehr ermde,
immer so viel in mein Heftchen zu kritzeln; er zerbreche sich den Kopf
darber, was ich denn so Merkwrdiges zu verzeichnen habe, im Grunde sei
der ganze Feldzug doch ein grlich langweiliges Einerlei. brigens mge
ich doch vorsichtig sein und keinerlei militrische Tatsachen erwhnen,
wir kmen in ein schwieriges, unbersichtliches Gelnde, da seien die
grten berraschungen denkbar, und falls ich das Unglck htte, in
Gefangenschaft zu geraten, knnte wohl Schaden entstehen. Es gelang mir,
ihn zu beruhigen. -- Die junge Frau hantiert noch immer am Herde. Von
allen Gesichtern, die mir bisher in diesem Grenzgebiet begegneten, hat
sie das feinste, klarste, entschiedenste; nichts Verschwommenes, nichts
Liegengebliebenes findet sich darin; es verhlt sich zu vielen anderen
wie die Ausfhrung zu den Skizzen. Meine Mdigkeit von gestern ist
verflogen, die ziemlich wunden Sohlen beinah geheilt. Gewi ist es die
gesunde Urnhe des Weibes, die den Schlaf so erquickend gemacht hat. Die
Winterluft schmeckt, als wre ein suerliches Mineral darin aufgelst.
Die Sonne saugt am blulich morschen Mond. Im Osten schimmert himmelgelb
das Eis der Sulta. Auf einmal beginnen die Kanonen zu schlagen, da
werden die Kinder wach.




                                         Sulta-Tal, elf Uhr vormittags


Um acht Uhr waren wir abgerckt und in kaum einer Stunde nach Sstelek
zurckgelangt. In den Hfen sah man die Bewohner arbeiten; Knaben bauten
einen Schneemann. Staunendes Gedrnge war um ein sterreichisches
Brigadequartier; hier hing, an den Hintertatzen aufgeknebelt, eine
riesige tote Brin zwischen ihren zwei Jungen von der Altane herab, und
eben erhoben zwei Husaren lange Messer, um die Tiere aufzuschneiden.
Soldaten und Volk, darunter viele Weiber mit mohnroten Kopftchern,
sammelten sich um das ungewhnliche Geschft, und niemand verlor einen
Blick an unseren eiligen alltglichen Zug.

Bis neun Uhr ging es weiter durch unversehrte Landschaft unter waldigen
Hgeln hin, aus denen graue Holzhtten preuischer Pioniere wie Klausen
von Einsiedlern hervorsahen; es war, als gingen wir mitten in ein altes
Bild hinein und wrden ein Teil davon. Der Luft war etwas Fhn
beigemischt; abgleitender Schnee hing locker wie Tuch von starken sten.
Das Tal ist voller Vgel; wir sahen Raben, die immer sonderbare
Seitensprnge machten, als ob ihnen jemand auf die Zehen trte;
Dompfaffen, die Brust wie blutend, berflatterten die Strae. Auf einmal
bog sich das Tal, der Wald verschwand zuweilen, und bald, im verengten
Flubett, verkndete sich wieder der Krieg. Zerbrochene Rder und
Lafetten standen aus dem Eis, daneben Geschtzrohre mit verkrmmten und
zerrissenen Mulern. Ein Vogelschwarm, Blaumeisen, Kleiber und
Emmerlinge, stob aus Fichtendickicht auf; darin, fast schneefrei, lag
ein vollkommenes Pferdegeripp, noch alle vier Eisen an den Hufen, das
Ganze wohl mehr vom Frost als von den mrben Kapseln der Gelenke
zusammengehalten, von Muskel oder Sehne nichts verblieben, etwas Haut am
Schdel das einzige, was den spitzen Schnbeln der zierlichen Vgel noch
abzupicken bleibt. Fast htten wir daneben einen schn gesuberten und
gebleichten Totenkopf bersehen, auf dem noch verwegen die Rumnenmtze
sitzt; was etwa sonst noch von dem Manne brig ist, liegt im Schnee
verborgen. Etliche behaupteten, von links her Gefechtslrm zu hren,
auch mir kam es so vor, andere bestritten es. Mancher hielt es fr
bedenklich, in der engen, blickverstellenden Schlucht vorzurcken, da
doch niemand genau die Lage kenne. Neue Berge hatten sich erhoben,
zunchst ein breiter, schwarz bewaldeter, der das Tal stlich absperrt.
Er heit Vadas; die Russen sollen sich vorgestern auf seinem Gipfel
verschanzt haben. Einmal teilt sich die Strae, um gleich wieder
zusammenzulaufen; in der Gabelung steht eine Dampfbrettersge mit
ausgedehnten Seitengebuden. Massen deutscher und sterreichischer
Munition sind hier aufgestapelt, und mit gutem Fug rgte der Major, da
dieser Vorrat, in dem ein einziges Feindgescho unermeliche Wirkungen
auslsen knnte, noch nicht gerumt werden sei. Woher aber htte man in
den zwei Tagen Fuhrwerke, Gule und Leute genug nehmen sollen, um alles
zurckzuschaffen? So blieb auch uns nichts brig, als tadelnd
vorbeizuziehen und alles zu lassen wie es ist. Nach einer halben Stunde
hatten wir die bretterne Htte erreicht, in der ich jetzt mit meinen
Leuten hause. Sie ist als Verbandraum recht leidlich eingerichtet.
Stabsarzt S., den ich ablste, erzhlte sehr berzeugend seine
Erlebnisse von den letzten Tagen. Einige Zge seines Bataillons hatten
gerade das Drfchen Sulta besetzt, das hinter dem Vadas liegt, als die
Russen, die man auf der Flucht glaubte, zurckkehrten und mitten im
Schneegestber mit hchstem Ungestm angriffen. Ein deutscher Zugfhrer
fiel; seine meisten Leute wurden gefangen oder gettet. Der Arzt konnte
sein Quartierhaus gerade noch durch die Stalltr verlassen, als bereits
ein tscherkessischer Offizier vorne den Hof betreten hatte: Zeiglas,
Verbandtasche und ein unersetzbar schner Pelzmantel muten
zurckbleiben. Am folgenden Morgen brachten pflzische Truppen den
feindlichen Marsch zum Stocken; aber der Vadasgipfel ist verloren.
brigens bezeichnet S. die beiden hier im Tlchen verbrachten Tage als
reine Erholung; kein Schu ist bis jetzt hereingefallen. Freilich,
meinte er lachend, knne diese verwunderliche russische Friedsamkeit
auch von dem schwierigen und ganz verschneiten Gelnde kommen, das die
Befrderung der Geschtze sehr verlangsame. Unser Major meinte, mit
seinen Fernrohren berblicke der Gegner das Tal bis in die letzten
Winkel, er werde nicht lange dulden, da wir uns hier herumtummeln. Der
Assistenzarzt, entschied er, geht auf alle Flle bis zum Fue des
Vadas mit. Wir bauen dort einen Unterstand ein; es kann keine besser
geschtzte Stelle geben. Bleiben Sie lieber hier, so will ich Ihnen
nicht entgegen sein. Ich hatte mir indessen schon die Verteilung des
Raums zurechtgedacht und fand allerlei Grnde fr mein Bleiben, merkte
aber, da mich der Alte ungern zurcklie.




                                                       Abends neun Uhr


Es ist ruhig; weder Kranke noch Verwundete kommen, selten fllt auf dem
Berg ein Infanterieschu. Ich verfate mit Raab den flligen Rapport,
begann auch noch Briefe zu schreiben, aber der Schlaf wird bermchtig.
Die Htte ist voll Tabaksqualm; das Paraffinflmmchen leuchtet schlecht
und schneidet mir bse Gesichter. Alle haben sich schon hingelegt; nur
Kristl schnitzt noch Schienen. Er tut immer still und willig, nur
manchmal etwas ngstlich, seinen Dienst.




                                         Freitag, 15. Dezember morgens


Im Traum sah ich eine schwarze Wolke, die sich um den Vadasgipfel legte,
und ging nach dem Erwachen gleich hinaus, um zu sehen, ob sich der erste
Traum im neuen Haus erflle. Die Luft ist aber noch durchsichtiger als
gestern; der Frost, mit glsernen Pranken, tritt weit in das flieende
Wasser hinein. Verwundete sind gekommen mit schlimmem Bericht;
unverhohlen freuen sie sich ihrer durchschossenen Hnde und Arme. Die
Tscherkessen haben den ganzen Gipfelwald mit Stacheldraht umflochten;
unangreifbar sitzen sie hoch ber der deutschen Stellung, die sie
durchaus berschauen. Die Unsrigen mssen bei Tage wieder geduckt hinter
Felsbrocken liegen; der gestrige Nachmittag kostete fnf Leuten das
Leben. Im Tlchen ist es noch still. Ich habe mir Wein eingeschenkt und
krame wieder einmal in Glavinas Zetteln. Leider sind mehrere verloren
gegangen, und ich mu wieder manches aus dem Gedchtnis hervorspinnen,
wobei wie von selber viel Eigenes dareinfliet. Was tuts! Gengen vom
Kalium permanganicum doch zwei, drei Krnchen, um ganze Krge Wassers
rot zu frben.




                                                               Elf Uhr


Major und Stabsarzt haben doch recht vermutet: die Russen beginnen
leichte und mittlere Kaliber auf die Strae zu werfen, schon sind ihnen
einige Fugnger zum Opfer gefallen. Viel gelacht wurde vorhin ber
einen jungen Fuverletzten vom Vadas, der hartnckig erklrte, nicht
laufen zu knnen und sich darauf versteifte, da er nach Sstelek
getragen oder gefahren werden msse, beim ersten Granateinschlag aber
wie ein Wiesel davonlief. Rehm und Raab glauben, unser Httchen werde
bis in einer Stunde nicht mehr stehen. Meldung an den Major; Anfrage, ob
wir nunmehr den Verbandplatz zum Vadas vorverlegen sollen. Rehm erbietet
sich, das Blatt zu befrdern, bedingt sich nur aus, da er allein gehen
drfe. Auf einen einzelnen Mann, meint er, werde Artillerie schwerlich
schieen. Ich gebe ihm den Rest des Weines mit und lasse zusammenpacken.




                                                             Zwlf Uhr


Wir liegen hinter einem Felsenvorsprung der Schluchtwand; ich glaube,
der Platz ist gut gewhlt, eigentlich kommt weit und breit kein anderer
in Betracht. Die Russen mchten uns gerne herausschieen und sparen
keine Munition; Raab, als alter Artillerist, wei uns aber zu
berzeugen, da es nicht gelingen kann, sie mgen zielen wie sie wollen.
Ich htte bei einem Haar den Augenblick verpat. Raab wird nicht mde zu
schildern, wie sehr eindringlich er mir vorgestellt habe, da es an der
Zeit sei, den Platz aufzugeben, ich habe ihm, sagt er, auch beigestimmt,
ihnen vorauszugehen befohlen und unverzglich zu folgen versprochen,
dann aber mu mich wohl Glavinas dunkle Rede lnger festgehalten haben,
als mir bewut war. Drauen fuhr eine Granate nieder, die blind im Boden
stecken blieb. Das Gebudchen schwankte krachend; Staub und Schutt
fielen auf das Papier. Ich sah mich um und war allein, hrte aber
fernher meine Leute nach mir rufen. Sie konnten sich brigens des
Lachens nicht erwehren, als ich, in der linken Hand meine Bltter, in
der rechten das halbvolle Weinglas, durch die Sulta zu ihnen
hinberstieg. Bald kamen weitere Schlge, und wie ein Kartenhaus flog
die Bretterbude auseinander.




                                                              Zwei Uhr


Rehm ist heil zurckgekehrt. Der Major befiehlt, in der nchsten
Feuerpause den Verbandplatz nach Sstelek zu verlegen. Dort, meint er,
knnten wir mehr ntzen als anderswo, Beschftigung werde nicht lange
fehlen. Rehm sagt, er habe sich mit einer Herzlichkeit, die man bisher
an ihm nie wahrgenommen, nach mir und meinen Leuten erkundigt und sich
ber unsere Erhaltung sichtlich gefreut, im brigen leider sehr gealtert
und bekmmert ausgesehen. Auch Leutnant H. sendet Gre; von seiner
Stellung aus hat er die Talbeschieung verfolgt, freilich nur mit einem
einfachen Fernglas, und uns alle tot oder verwundet geglaubt. Noch ist
kein Gefecht im Gang, die Lage aber unertrglich; falls der Tscherkesse
nicht angreift, mu er angegriffen werden. Nchste Nacht sollen schwere
Minenwerfer hinaufgeschafft werden, um den Gipfelsitz zu zerstren. Bei
uns ist es ruhiger geworden; selten fllt noch ein Gescho. Verzeichnen
mu ich ein Gercht, als habe der deutsche Kaiser den Feinden Frieden
angeboten. Wir bereiten uns zum Gang nach Sstelek.




                                                              Drei Uhr


In knftigen Kriegen, zu Wasser, zu Land und in der Luft, werden sich
gewi absonderliche Lagen genug ergeben. Ob aber eine wie die unsrige
schon dagewesen ist? Seit halb drei Uhr hatten die Russen ihr Schieen
eingestellt; bei tiefer Stille waren wir, in gehrigen Abstnden,
zurckmarschiert und etwa fnfhundert Schritt bis an das groe Sgewerk
herangelangt, als eine der preuischen Batterien, die nahe vor Sstelek
stehen, zu schieen begann. Sie mu dem Gegner etwas Arges angetan
haben; denn auf dem Fue, Schlag um Schlag, erfolgte malose
Gegenwirkung, und bald konnten wir uns nicht mehr darber tuschen, da
auch unser kleiner Zug aufs Korn genommen wurde. Ich erwog die Umkehr,
doch schien sie fast bedenklicher als der Weitermarsch, und so liefen
wir denn fort, auf das Gebude zu. Viele Geschosse schon waren uns
nachgerasselt, das letzte gerade noch fehlend, da kam eines, dem gleich
nach dem Abschu anzuhren war, da es auf uns zuhielt. Funken flogen
auf, und whrend ich mir mit beiden Hnden den Hinterkopf zu schtzen
suchte, war ich niedergeworfen und von Erdkltzen halb eingegraben, dann
trat Stille ein. Glieder und Gelenke prfend, erkannte ich mich als
unverwundet, stand auf und sah nach den brigen. Rehm, behangen mit Erde
und Eis, die Wangen leicht blutend, richtete sich eben empor und
lchelte mich etwas betreten an; die andern standen seitlich, wie
Statuen an die Felsen gestellt, und starrten auf den tiefen schwarzen
Trichter, der nun in ganzer Breite die Strae unterbricht. Ernstlich
verwundet war niemand. Jetzt schien sich die russische Wut von uns
abzuwenden, und froh des glimpflichen Ausgangs wollten wir unsern Weg
fortsetzen, da geschah etwas Neues. Eine Granate fuhr mitten in die Sge
hinein, die wir nahezu erreicht hatten; eine Explosion erfolgte, dann
eine zweite, dann fnf, dann unzhlbare, und berall aus Dchern und
Wnden zwngten sich die Flammen. Wren wir in diesem Augenblick mit
aller Kraft weitergerannt, wir wren gewi noch durchgekommen und sen
vielleicht beim Brenschmaus in Sstelek. Aber ohnedies noch leicht
betubt, sahen wir uns nur mit schauderndem Vergngen das Ereignis an
und versumten die gnstige Minute. Die Gegner ihrerseits begriffen
schnell, was sie angerichtet hatten; bermtigen Knaben gleich, schossen
sie wie rasend in den Brand hinein, und noch immer, in schrecklich
langsamer Steigerung, entladen sich unaufhrlich die massenhaft
aufgeschichteten Patronen, Handgranaten, Schrapnelle, Granaten und
Minen. Wir brauchen uns nicht an die Wnde der Schlucht zu schmiegen;
die starken Luftwellen pressen uns an. In uns und um uns ist ein Summen
und Beben, als wrden Luft, Gestein und wir selber gleichmig
elektrisiert. Die Sprengstcke fliegen weit. Dem Gefreiten Junker hat
ein Splitterchen die Ohrspeicheldrse durchschlagen; das Blut spritzt in
langem dnnem Strahl in den Schnee, ist aber leicht zu stillen. Mir ist
die linke Hand geritzt; es blutet wenig. An der Sge selbst, besonders
nach der offenen Seite hin, mag es dichte Streuungen geben. So hat uns
der Feind gewissermaen eine Festung in den Weg gesetzt, an der wir
nicht vorbeigelangen knnen. Immer noch zrnt er gewaltig; unsere
fernversteckten Batterien fahren fort, ihn zu reizen, er findet sie
nicht und rcht sich an den paar Leuten, die er sieht. Der kleine
Lttich, vielleicht von einer Art Platzangst erfat, kam auf den
Einfall, aus der Schlucht herauszuklettern und das offene Gelnde zu
erkunden; er ist mit zerschmetterter Schulter zurckgekehrt. Die
schlecht verwaltete Festung drben fhrt fort, zu verschwenden; bald
wird sie sich ausgegeben haben. Schliet man die Augen, so hat man das
Gesicht einer frchterlichen, auf kleinsten Raum zusammengeballten
Schlacht, von der nichts bleiben wird als Asche und Gebein. Wie langsam
rckt die Sonne! Aber auch durch bse Stunden luft der Zeiger. Um fnf
Uhr mu es dunkeln. Um sieben Uhr knnen wir in Sstelek sein.




                                                                4 Uhr


Die Sonne verlt schon die unteren Felsen. Man friert nicht; der Brand
wirkt herber, Schnee tropft vom Gestein. Auch die rings
aufgeschichteten Bretter stehen in Flammen. Die Entladungen dauern an.
Oben am Gipfel ist man noch wachsam. Rehm glaubte nicht mehr an die
Gefahr, ging versuchsweise eine Strecke der Front entgegen, erhielt
Feuer, kehrte zurck, unverwundet. ber uns ist starre Klarheit; das
Fhnige hat sich wieder aus der Luft verloren. Auf naher Birke wippt ein
winziger grauer weibauchiger Vogel; Schnee naschend von jedem Zweige,
hpft er unermdlich auf und ab. Keiner der Genossen ist niedergedrckt.
Ja, die geprete Stunde, wo Tod und Leben dicht beisammen sind, es ist,
als festige und lutere sie den Grundstoff der Naturen, und wie eine
schlechte Bleiglocke, getaucht in reinen Sauerstoff, auf einmal klingt
wie eine silberne, so beginnt jeder in seinem eigensten Wesen zu tnen.
Mancher erzhlt von seiner Kindheit, und fast jeder will einen anderen
beschenken. Von Kristl befrchtete ich sehr einen Rckfall in die
Verstrung; aber er ist ganz gelassen. Den Lttich hat er aufs beste
verbunden, dann aus Brot einen drolligen kleinen Bren geknetet und ihm
eine von seinen Goldmnzen ins Maul gesteckt. Wie eine Weihgabe stellt
er das Figrchen in einer Felsennische auf, die will er mit Hlzern und
Kieseln zubauen, einmal werde schon jemand das Brlein finden, und es
solle ihm gehren samt dem Goldstck, auch wenns ein Ruki wre.
Lttich, unter Morphium gehalten, schlft. Mir aber vertreiben die
Sprche des Toten die Zeit. Um einigen berblick zu bekommen, las ich
sie einmal alle nacheinander herunter, zuerst leise fr mich, bis ich
merkte, da die Kameraden zuhorchten, dann sagte ich ihnen, da es ein
Gedicht sei, das man bei dem gefallenen Glavina gefunden habe, und
wiederholte mit lauter Stimme:

Lat uns den Hgel bauen am Berge Kishavas, ein Mal den Getteten auf
der bereiften Felsen- und Wacholderflur!

Dem Gesetze treu, ohne Klage, unbemerkt, bluten sie hin auf den fremden
Steinen, wo kein Eichbaum grnt.

Wie das endet, wer schaut? Finster brten Vlker. Habet acht, o Freunde!
Seht ihr einen Sterbenden, demtig bittet ihn, da er heilsam sterbe,
keine Flche denke! Bald ist alles Vorspiel nur. Alle gehn wir morschen
Weg. Tote Hnde, bedeckt sie mit Wacholderzweigen blulich dster!

Wer aber heimkehrt, halte Bereitschaft! Jeden mit anderer Stimme ruft
Gott. Ein grader Wandel ist euer, ein langer Werktag, selten ein Fest,
selten ein feiernd Lied. Schlummert wachsam wie die Gemse schlft!

Denkt grauer Wahrsagung! Feindseliger Schein traf die Lnder. Kaum atmet
noch der Glhende, der vom Pol her den Fluch-Engeln wehrt.

Unsern Schlaf berschleicht ein stummer Mut-Ermder, Vogel von Antlitz,
doch nicht beschwingt, unzeugerisch, ob auch elektrische Krfte
verstrmend. Wollstig alle beugt er, selbst unbeugbar.

Die strengen bindenden Worte fallen aus Kindes Gedchtnis. Raben tragen
die goldnen Bcher aus dem Heiligtum.

Opfer, was frommen sie noch dem, der den Ruf berhrte? Der Dom strzt
ein ber Altar und Beter, und abgesprengt, noch klingend vom
Pilger-Bittgesang, ins Meer hinaus, verbrennend, schwimmt die Brcke.

Der Geist wird stehn vor der Tr seines eigenen Hauses und nicht heim
finden. Gras wchst auf der Schwelle des Meisters und Herrn. Dessen
Seele ist Eis geworden, klares, rundes, gediegenes Eis, und alle Lust
wund und wirr wie der Fisch unterm Eise sich freut.

Der du heimkehrst, halte Bereitschaft! Wirf ab die kleinen Trume!
Stifte klares Vergessen! Segne dich ein in ein eigenes Gebot, und bevor
du umschritten dreimal das heilige Feuer, schlafe nicht bei deiner
Braut!

Selig, wer Flgel regt mitten in Zeiten-Gruft! Heil schpft er aus
Unheil. O, und wenn Welt vergeht und neue erst unkenntlich grt, immer
dann schwebt eine tiefe blaue Stunde voll Freiheit und voll Hellgesicht,
wo Rhythmus-Woge Geister hebt, bis die ganz neues Ufer schaun und nun
erst recht sich freun des Flugs!

Sonne, die groe Seele, wei nichts von Auf- und Untergang, und brennt
sie nicht in uns? Geschieht nicht stndlich fern und nah beherzte
Liebestat? Das Innig-Ewige, wehts ber Meere nicht von Stirn zu Stirn
als wie ein Hauch? Und sinds die zarten Hauche nicht, aus denen
Gott-Sturm wchst?

Kommet, Boten der Gnade! Wohnet nicht lnger auf Bergen, besucht von
toten Sehern, bei Adlern wolkenfeucht! Erscheinen herztrunken, wo bei
verloschnen Herden Geschwister glhend harren! Wecket, weckt uns den
Ruf!

Wie soll auferstehn, was nie begraben ward? Geht um in zwlften Stunden!
Lest auf aus taubem Schutte das oft zerbrochne Menschenbild! Mauert es
heimlich ein unter die neuen Gebude! Ihr kndet keine neue Lehre; schon
viel ist uns gelehrt. Auf schwebender Grenze von Licht und Urnacht naht
ihr euch singend. Wen ihr gret, der ndert sein Leben. Euer
himmlisches Lied geht ber in jedes Gewissen.

Ihr wandelt harte Kette in leichten Zauberzgel. Der Gefesselte lenkt
seinen Feler, und beide erkennen die Freiheit.

Und wer, an Erbschaft gebunden, verwurzelt in Unterwelt, mit Milch und
Korn sparsam genhrt, sich als ein Bleibender wandelt, suchet am Sonntag
ihn heim! Saget auch ihm Gefahr und Herrlichkeit unsers Lebens! Dann mag
er dem Erdreich getrost vielfltige Frucht abgewinnen! Nur was ihm
zukommt, behlt er. Fromm wirft er den ersten Schnitt in die Sule des
ewigen Brandes, die Nahrung der Geister zu mehren.

Auf Rinden und Gesteinen wie Wandrer alter Zeit hinterlasset ihr Zeichen
einander, sogar in Sand und Schnee, und fllt euch der Tod an am Wege,
vergehend lockt ihr noch mit Speise und sanfter Beschwrung wilde Vgel
vom Himmel, schreibt auf weien Fittich pupurne Liebesrunen.

Wir aber bauen ein Grabmal am Berge Kishavas, ein Mal unsern Toten auf
der bereiften Felsen- und Wacholderflur!

Noch wintern Rumniens Gipfel, am Himmel aber ist Frhling. Die Haut der
Birke wird brunlich und blttert ab, darunter schimmert silbern schon
die neue. Wir wirbeln hin wie Laub in fremde Felder, -- was quillt aus
unserm Tod?

Glauben, sternhaft gesammelt, lat ihn glhn mit bestndigem Licht!
Vielleicht nach Monden und Jahren trifft es den reinen Kristall der
gttlich erstarrten Seele. Die zwar bleibt Eis, die schmilzt nicht mehr;
aber wie eine Linse, unwissend, biegt sie vielfarbige Strahlen zu fernem
Brennpunkt hinber, da schlgt neue Flamme aus uraltem Boden.

Vermorscht sind schon die Leichen am Berge Kishavas, verrostet unsre
Schwerter, vergessen unser Kranz, da freuen Menschen sich wieder
unschuldig des Brotes und Weines, die uns verbittert sind. Aus wildem
Ahnendrang ist lockere Krume bereitet, die Seele frei zu nie gewagtem
Opfer. Aus erschttertem Blut steigen khne Beginner, und die Satzungen
sind Gesang.




                                                        Elf Uhr abends


Das Ganze war mit Schweigen angehrt worden. Endlich uerte Raab, er
habe nur Weniges recht verstanden, doch gefalle es ihm, er sei ganz
frhlich davon geworden. Die anderen schauten zu dem niederbrennenden
Gebude hinber und sagten nichts. Leider geschah noch etwas hchst
Unerwartetes. Der kleine Lttich erhob sich auf einmal und ging stark
taumelnd auf die Sge zu. Einer schrie Halt, ein anderer lief ihm nach;
er aber, vielleicht im Fieber, vielleicht in Morphiumbenommenheit,
schwankte weiter und fiel pltzlich, weich einbrechend, zusammen. Wir
holten ihn heran, er war tot. Ein schmaler Eisensplitter stak in der
linken Schlfe. Um dreiviertel fnf Uhr feuerten die Russen noch einmal
aus allen Rohren, doch nur eine halbe Minute lang. Um fnf Uhr, wie auf
Befehl, hrten die Explosionen im Sgewerk auf. Dmmerung und Nacht
bezogen das Tal. Kristl fertigte fr Lttich ein Kreuz und schrieb Namen
und Datum darauf. Uhr und Erkennungsmarke wurden abgenommen und
verwahrt, hierauf begruben wir ihn. Der Boden ist bis tief hinab
gefroren, wir brauchten ber zwei Stunden. Schnee und Sterne gaben
schwaches Licht. Um zehn Uhr erreichten wir Sstelek.


                        Gedruckt bei Fr. Richter
                               in Leipzig


                               Hans Carossa:

   Doktor Brgers Ende. Letzte Bltter eines Tagebuchs. _Zweite
   Auflage. In Pappband M 3.50, in Halbleder M 6.--_

   Gedichte. _Dritte, vernderte Auflage. In Pappb. M 4.--_

   Eine Kindheit. _In Pappband M 4.--_

   Hier ist dies Lied einer Jugend: Ein Arzthaus in einem
   oberbayrischen Dorf ist die unruhevolle Umgebung, in der ein Ich,
   eine Menschenseele sich bildet. Die klare Epik groer deutscher
   Erzhlerart formt Szene um Szene, Bild um Bild in mnnlich
   aufrichtiger Realistik: aber aus dieser Wirklichkeit steigt bald der
   Duft der Liebe, blhende Lebensfroheit, ernste Gottestiefe. Diese
   Kindheit wird bald zu den klassischen Bchern deutscher
   Offenbarung gehren.

                                        Leipziger Neueste Nachrichten.

   Das Buch ist so ohne Anfang und ohne Ende, wie das Leben ohne Anfang
   und ohne Ende ist, und hinter den alltglichen Vorgngen lebt ein
   Raunen und Wehen von dem tiefen Geheimnis, wie der Saft in der
   Pflanze steigt, wie das Blut in den Adern kreist, wie die Erde um
   die Sonne schwingt und wie alles untereinander zuinnerst verbunden
   ist. Ein Buch, das oft zum Aufblicken und Augenschlieen und
   Nach-Denken, Nach-Fhlen zwingt, ein beseeltes Buch ist es, das von
   innen heraus ganz eigen leuchtet.

                                                  Frankfurter Zeitung.

                          INSEL-VERLAG ZU LEIPZIG


                     Anmerkungen zur Transkription

Offensichtliche Fehler wurden stillschweigend korrigiert.





End of the Project Gutenberg EBook of Rumnisches Tagebuch, by Hans Carossa

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