The Project Gutenberg EBook of Nachtstuecke, by E.T.A. Hoffmann

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Title: Nachtstuecke

Author: E.T.A. Hoffmann

Release Date: August, 2004  [EBook #6341]
[Yes, we are more than one year ahead of schedule]
[This file was first posted on November 28, 2002]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: Latin1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, NACHTSTUECKE ***




This text has been derived from HTML files at "Projekt Gutenberg - DE"
(http://www.gutenberg2000.de/etahoff/nachtst.htm), prepared by
Gerd Bouillon (gerd.bouillon@t-online.de), (reuter@abc.de), and
Gunter Hille (hille@abc.de).




Nachtstcke



Erzhlungen von E.T.A. Hoffmann



Erster Teil
    Der Sandmann
    Ignaz Denner
    Die Jesuitenkirche in G.
    Das Sanctus

Zweiter Teil
    Das de Haus
    Das Majorat
    Das Gelbde
    Das steinerne Herz



Erster Teil



Der Sandmann

Nathanael an Lothar

Gewi seid Ihr alle voll Unruhe, da ich so lange - lange nicht
geschrieben. Mutter zrnt wohl, und Clara mag glauben, ich lebe hier
in Saus und Braus und vergesse mein holdes Engelsbild, so tief mir
in Herz und Sinn eingeprgt, ganz und gar. - Dem ist aber nicht so;
tglich und stndlich gedenke ich Eurer aller und in sen Trumen
geht meines holden Clrchens freundliche Gestalt vorber und lchelt
mich mit ihren hellen Augen so anmutig an, wie sie wohl pflegte,
wenn ich zu Euch hineintrat. - Ach wie vermochte ich denn Euch zu
schreiben, in der zerrissenen Stimmung des Geistes, die mir bisher
alle Gedanken verstrte! - Etwas Entsetzliches ist in mein Leben
getreten! - Dunkle Ahnungen eines grlichen mir drohenden
Geschicks breiten sich wie schwarze Wolkenschatten ber mich aus,
undurchdringlich jedem freundlichen Sonnenstrahl. - Nun soll ich Dir
sagen, was mir widerfuhr. Ich mu es, das sehe ich ein, aber nur es
denkend, lacht es wie toll aus mir heraus. - Ach mein herzlieber
Lothar! wie fange ich es denn an, Dich nur einigermaen empfinden zu
lassen, da das, was mir vor einigen Tagen geschah, denn wirklich mein
Leben so feindlich zerstren konnte! Wrst Du nur hier, so knntest Du
selbst schauen; aber jetzt hltst Du mich gewi fr einen aberwitzigen
Geisterseher. - Kurz und gut, das Entsetzliche, was mir geschah,
dessen tdlichen Eindruck zu vermeiden ich mich vergebens bemhe,
besteht in nichts anderm, als da vor einigen Tagen, nmlich am 30.
Oktober mittags um 12 Uhr, ein Wetterglashndler in meine Stube trat
und mir seine Ware anbot. Ich kaufte nichts und drohte, ihn die Treppe
herabzuwerfen, worauf er aber von selbst fortging.

Du ahnest, da nur ganz eigne, tief in mein Leben eingreifende
Beziehungen diesem Vorfall Bedeutung geben knnen, ja, da wohl die
Person jenes unglckseligen Krmers gar feindlich auf mich wirken mu.
So ist es in der Tat. Mit aller Kraft fasse ich mich zusammen, um
ruhig und geduldig Dir aus meiner frhern Jugendzeit so viel zu
erzhlen, da Deinem regen Sinn alles klar und deutlich in leuchtenden
Bildern aufgehen wird. Indem ich anfangen will, hre ich Dich lachen
und Clara sagen: Das sind ja rechte Kindereien! - Lacht, ich bitte
Euch, lacht mich recht herzlich aus! - ich bitt Euch sehr! - Aber Gott
im Himmel! die Haare struben sich mir und es ist, als flehe ich Euch
an, mich auszulachen, in wahnsinniger Verzweiflung, wie Franz Moor den
Daniel. - Nun fort zur Sache!

Auer dem Mittagsessen sahen wir, ich und mein Geschwister, tagber
den Vater wenig. Er mochte mit seinem Dienst viel beschftigt sein.
Nach dem Abendessen, das alter Sitte gem schon um sieben Uhr
aufgetragen wurde, gingen wir alle, die Mutter mit uns, in des Vaters
Arbeitszimmer und setzten uns um einen runden Tisch. Der Vater rauchte
Tabak und trank ein groes Glas Bier dazu. Oft erzhlte er uns viele
wunderbare Geschichten und geriet darber so in Eifer, da ihm die
Pfeife immer ausging, die ich, ihm brennend Papier hinhaltend, wieder
anznden mute, welches mir denn ein Hauptspa war. Oft gab er
uns aber Bilderbcher in die Hnde, sa stumm und starr in seinem
Lehnstuhl und blies starke Dampfwolken von sich, da wir alle wie im
Nebel schwammen. An solchen Abenden war die Mutter sehr traurig und
kaum schlug die Uhr neun, so sprach sie: Nun Kinder! - zu Bette! zu
Bette! der Sandmann kommt, ich merk es schon. Wirklich hrte ich dann
jedesmal etwas schweren langsamen Tritts die Treppe heraufpoltern;
das mute der Sandmann sein. Einmal war mir jenes dumpfe Treten
und Poltern besonders graulich; ich frug die Mutter, indem sie uns
fortfhrte: Ei Mama! wer ist denn der bse Sandmann, der uns immer
von Papa forttreibt? - wie sieht er denn aus? - Es gibt keinen
Sandmann, mein liebes Kind, erwiderte die Mutter: wenn ich sage,
der Sandmann kommt, so will das nur heien, ihr seid schlfrig
und knnt die Augen nicht offen behalten, als htte man euch Sand
hineingestreut. - Der Mutter Antwort befriedigte mich nicht, ja in
meinem kindischen Gemt entfaltete sich deutlich der Gedanke, da
die Mutter den Sandmann nur verleugne, damit wir uns vor ihm nicht
frchten sollten, ich hrte ihn ja immer die Treppe heraufkommen. Voll
Neugierde, Nheres von diesem Sandmann und seiner Beziehung auf uns
Kinder zu erfahren, frug ich endlich die alte Frau, die meine jngste
Schwester wartete: was denn das fr ein Mann sei, der Sandmann? Ei
Thanelchen, erwiderte diese, weit du das noch nicht? Das ist ein
bser Mann, der kommt zu den Kindern, wenn sie nicht zu Bett gehen
wollen und wirft ihnen Hndevoll Sand in die Augen, da sie blutig zum
Kopf herausspringen, die wirft er dann in den Sack und trgt sie in
den Halbmond zur Atzung fr seine Kinderchen; die sitzen dort im
Nest und haben krumme Schnbel, wie die Eulen, damit picken sie der
unartigen Menschenkindlein Augen auf. - Grlich malte sich nun im
Innern mir das Bild des grausamen Sandmanns aus; sowie es abends die
Treppe heraufpolterte, zitterte ich vor Angst und Entsetzen. Nichts
als den unter Trnen hergestotterten Ruf. Der Sandmann! der Sandmann!
 konnte die Mutter aus mir herausbringen. Ich lief darauf in
das Schlafzimmer, und wohl die ganze Nacht ber qulte mich die
frchterliche Erscheinung des Sandmanns. - Schon alt genug war
ich geworden, um einzusehen, da das mit dem Sandmann und seinem
Kindernest im Halbmonde, so wie es mir die Wartefrau erzhlt hatte,
wohl nicht ganz seine Richtigkeit haben knne; indessen blieb mir der
Sandmann ein frchterliches Gespenst, und Grauen - Entsetzen ergriff
mich, wenn ich ihn nicht allein die Treppe heraufkommen, sondern auch
meines Vaters Stubentr heftig aufreien und hineintreten hrte.
Manchmal blieb er lange weg, dann kam er fter hintereinander.
Jahrelang dauerte das, und nicht gewhnen konnte ich mich an den
unheimlichen Spuk, nicht bleicher wurde in mir das Bild des grausigen
Sandmanns. Sein Umgang mit dem Vater fing an meine Fantasie immer mehr
und mehr zu beschftigen: den Vater darum zu befragen hielt mich eine
unberwindliche Scheu zurck, aber selbst - selbst das Geheimnis zu
erforschen, den fabelhaften Sandmann zu sehen, dazu keimte mit den
Jahren immer mehr die Lust in mir empor. Der Sandmann hatte mich auf
die Bahn des Wunderbaren, Abenteuerlichen gebracht, das so schon
leicht im kindlichen Gemt sich einnistet. Nichts war mir lieber, als
schauerliche Geschichten von Kobolten, Hexen, Dumlingen usw. zu hren
oder zu lesen; aber obenan stand immer der Sandmann, den ich in den
seltsamsten, abscheulichsten Gestalten berall auf Tische, Schrnke
und Wnde mit Kreide, Kohle, hinzeichnete. Als ich zehn Jahre alt
geworden, wies mich die Mutter aus der Kinderstube in ein Kmmerchen,
das auf dem Korridor unfern von meines Vaters Zimmer lag. Noch immer
muten wir uns, wenn auf den Schlag neun Uhr sich jener Unbekannte im
Hause hren lie, schnell entfernen. In meinem Kmmerchen vernahm ich,
wie er bei dem Vater hineintrat und bald darauf war es mir dann, als
verbreite sich im Hause ein feiner seltsam riechender Dampf. Immer
hher mit der Neugierde wuchs der Mut, auf irgend eine Weise des
Sandmanns Bekanntschaft zu machen. Oft schlich ich schnell aus dem
Kmmerchen auf den Korridor, wenn die Mutter vorbergegangen, aber
nichts konnte ich erlauschen, denn immer war der Sandmann schon zur
Tre hinein, wenn ich den Platz erreicht hatte, wo er mir sichtbar
werden mute. Endlich von unwiderstehlichem Drange getrieben, beschlo
ich, im Zimmer des Vaters selbst mich zu verbergen und den Sandmann zu
erwarten.

An des Vaters Schweigen, an der Mutter Traurigkeit merkte ich eines
Abends, da der Sandmann kommen werde; ich schtzte daher groe
Mdigkeit vor, verlie schon vor neun Uhr das Zimmer und verbarg mich
dicht neben der Tre in einen Schlupfwinkel. Die Haustr knarrte,
durch den Flur ging es, langsamen, schweren, drhnenden Schrittes nach
der Treppe. Die Mutter eilte mit dem Geschwister mir vorber. Leise -
leise ffnete ich des Vaters Stubentr. Er sa, wie gewhnlich, stumm
und starr den Rcken der Tre zugekehrt, er bemerkte mich nicht,
schnell war ich hinein und hinter der Gardine, die einem gleich neben
der Tre stehenden offnen Schrank, worin meines Vaters Kleider hingen,
vorgezogen war. - Nher - immer nher drhnten die Tritte - es hustete
und scharrte und brummte seltsam drauen. Das Herz bebte mir vor Angst
und Erwartung. - Dicht, dicht vor der Tre ein scharfer Tritt - ein
heftiger Schlag auf die Klinke, die Tr springt rasselnd auf! - Mit
Gewalt mich ermannend gucke ich behutsam hervor. Der Sandmann steht
mitten in der Stube vor meinem Vater, der helle Schein der Lichter
brennt ihm ins Gesicht! - Der Sandmann, der frchterliche Sandmann ist
der alte Advokat Coppelius, der manchmal bei uns zu Mittage it!

Aber die grlichste Gestalt htte mir nicht tieferes Entsetzen
erregen knnen, als eben dieser Coppelius. - Denke Dir einen groen
breitschultrigen Mann mit einem unfrmlich dicken Kopf, erdgelbem
Gesicht, buschigten grauen Augenbrauen, unter denen ein Paar grnliche
Katzenaugen stechend hervorfunkeln, groer, starker ber die Oberlippe
gezogener Nase. Das schiefe Maul verzieht sich oft zum hmischen
Lachen; dann werden auf den Backen ein paar dunkelrote Flecke sichtbar
und ein seltsam zischender Ton fhrt durch die zusammengekniffenen
Zhne. Coppelius erschien immer in einem altmodisch zugeschnittenen
aschgrauen Rocke, eben solcher Weste und gleichen Beinkleidern, aber
dazu schwarze Strmpfe und Schuhe mit kleinen Steinschnallen. Die
kleine Percke reichte kaum bis ber den Kopfwirbel heraus, die
Kleblocken standen hoch ber den groen roten Ohren und ein breiter
verschlossener Haarbeutel starrte von dem Nacken weg, so da man die
silberne Schnalle sah, die die gefltelte Halsbinde schlo. Die ganze
Figur war berhaupt widrig und abscheulich; aber vor allem waren uns
Kindern seine groen knotigten, haarigten Fuste zuwider, so da wir,
was er damit berhrte, nicht mehr mochten. Das hatte er bemerkt und
nun war es seine Freude, irgend ein Stckchen Kuchen, oder eine se
Frucht, die uns die gute Mutter heimlich auf den Teller gelegt, unter
diesem, oder jenem Vorwande zu berhren, da wir, helle Trnen in
den Augen, die Nscherei, der wir uns erfreuen sollten, nicht mehr
genieen mochten vor Ekel und Abscheu. Ebenso machte er es, wenn uns
an Feiertagen der Vater ein klein Glschen sen Weins eingeschenkt
hatte. Dann fuhr er schnell mit der Faust herber, oder brachte wohl
gar das Glas an die blauen Lippen und lachte recht teuflisch, wenn wir
unsern rger nur leise schluchzend uern durften. Er pflegte uns nur
immer die kleinen Bestien zu nennen; wir durften, war er zugegen,
keinen Laut von uns geben und verwnschten den hlichen, feindlichen
Mann, der uns recht mit Bedacht und Absicht auch die kleinste Freude
verdarb. Die Mutter schien ebenso, wie wir, den widerwrtigen
Coppelius zu hassen; denn so wie er sich zeigte, war ihr Frohsinn, ihr
heiteres unbefangenes Wesen umgewandelt in traurigen, dstern Ernst.
Der Vater betrug sich gegen ihn, als sei er ein hheres Wesen, dessen
Unarten man dulden und das man auf jede Weise bei guter Laune erhalten
msse. Er durfte nur leise andeuten und Lieblingsgerichte wurden
gekocht und seltene Weine kredenzt.

Als ich nun diesen Coppelius sah, ging es grausig und entsetzlich in
meiner Seele auf, da ja niemand anders, als er, der Sandmann sein
knne, aber der Sandmann war mir nicht mehr jener Popanz aus dem
Ammenmrchen, der dem Eulennest im Halbmonde Kinderaugen zur Atzung
holt - nein! - ein hlicher gespenstischer Unhold, der berall, wo er
einschreitet, Jammer - Not - zeitliches, ewiges Verderben bringt.

Ich war fest gezaubert. Auf die Gefahr entdeckt, und, wie ich deutlich
dachte, hart gestraft zu werden, blieb ich stehen, den Kopf lauschend
durch die Gardine hervorgestreckt. Mein Vater empfing den Coppelius
feierlich. Auf! - zum Werk, rief dieser mit heiserer, schnurrender
Stimme und warf den Rock ab. Der Vater zog still und finster seinen
Schlafrock aus und beide kleideten sich in lange schwarze Kittel.
Wo sie die hernahmen, hatte ich bersehen. Der Vater ffnete die
Flgeltr eines Wandschranks; aber ich sah, da das, was ich solange
dafr gehalten, kein Wandschrank, sondern vielmehr eine schwarze
Hhlung war, in der ein kleiner Herd stand. Coppelius trat hinzu und
eine blaue Flamme knisterte auf dem Herde empor. Allerlei seltsames
Gerte stand umher. Ach Gott! - wie sich nun mein alter Vater
zum Feuer herabbckte, da sah er ganz anders aus. Ein grlicher
krampfhafter Schmerz schien seine sanften ehrlichen Zge zum hlichen
widerwrtigen Teufelsbilde verzogen zu haben. Er sah dem Coppelius
hnlich. Dieser schwang die glutrote Zange und holte damit
hellblinkende Massen aus dem dicken Qualm, die er dann emsig hmmerte.
Mir war es als wrden Menschengesichter ringsumher sichtbar, aber
ohne Augen - scheuliche, tiefe schwarze Hhlen statt ihrer. Augen
her, Augen her! rief Coppelius mit dumpfer drhnender Stimme. Ich
kreischte auf von wildem Entsetzen gewaltig erfat und strzte aus
meinem Versteck heraus auf den Boden. Da ergriff mich Coppelius,
kleine Bestie! - kleine Bestie! meckerte er zhnfletschend! -
ri mich auf und warf mich auf den Herd, da die Flamme mein Haar
zu sengen begann: Nun haben wir Augen - Augen - ein schn Paar
Kinderaugen. So flsterte Coppelius, und griff mit den Fusten
glutrote Krner aus der Flamme, die er mir in die Augen streuen
wollte. Da hob mein Vater flehend die Hnde empor und rief. Meister!
Meister! la meinem Nathanael die Augen - la sie ihm! Coppelius
lachte gellend auf und rief. Mag denn der Junge die Augen behalten
und sein Pensum flennen in der Welt; aber nun wollen wir doch den
Mechanismus der Hnde und der Fe recht observieren. Und damit fate
er mich gewaltig, da die Gelenke knackten, und schrob mir die Hnde
ab und die Fe und setzte sie bald hier, bald dort wieder ein. 's
steht doch berall nicht recht! 's gut so wie es war! - Der Alte hat's
verstanden! So zischte und lispelte Coppelius; aber alles um mich
her wurde schwarz und finster, ein jher Krampf durchzuckte Nerv und
Gebein - ich fhlte nichts mehr. Ein sanfter warmer Hauch glitt ber
mein Gesicht, ich erwachte wie aus dem Todesschlaf, die Mutter hatte
sich ber mich hingebeugt. Ist der Sandmann noch da? stammelte
ich. Nein, mein liebes Kind, der ist lange, lange fort, der tut dir
keinen Schaden! - So sprach die Mutter und kte und herzte den
wiedergewonnenen Liebling.

Was soll ich Dich ermden, mein herzlieber Lothar! was soll ich so
weitlufig einzelnes hererzhlen, da noch so vieles zu sagen brig
bleibt? Genug! - ich war bei der Lauscherei entdeckt, und von
Coppelius gemihandelt worden. Angst und Schrecken hatten mir ein
hitziges Fieber zugezogen, an dem ich mehrere Wochen krank lag.
Ist der Sandmann noch da? - Das war mein erstes gesundes Wort
und das Zeichen meiner Genesung, meiner Rettung. - Nur noch den
schrecklichsten Moment meiner Jugendjahre darf ich Dir erzhlen; dann
wirst Du berzeugt sein, da es nicht meiner Augen Bldigkeit ist,
wenn mir nun alles farblos erscheint, sondern, da ein dunkles
Verhngnis wirklich einen trben Wolkenschleier ber mein Leben
gehngt hat, den ich vielleicht nur sterbend zerreie.

Coppelius lie sich nicht mehr sehen, es hie, er habe die Stadt
verlassen.

Ein Jahr mochte vergangen sein, als wir der alten unvernderten Sitte
gem abends an dem runden Tische saen. Der Vater war sehr heiter und
erzhlte viel Ergtzliches von den Reisen, die er in seiner Jugend
gemacht. Da hrten wir, als es neune schlug, pltzlich die Haustr in
den Angeln knarren und langsame eisenschwere Schritte drhnten durch
den Hausflur die Treppe herauf. Das ist Coppelius, sagte meine
Mutter erblassend. Ja! - es ist Coppelius, wiederholte der Vater
mit matter gebrochener Stimme. Die Trnen strzten der Mutter aus den
Augen. Aber Vater, Vater! rief sie, mu es denn so sein? - Zum
letzten Male! erwiderte dieser, zum letzten Male kommt er zu mir,
ich verspreche es dir. Geh nur, geh mit den Kindern! - Geht - geht zu
Bette! Gute Nacht!

Mir war es, als sei ich in schweren kalten Stein eingepret - mein
Atem stockte! - Die Mutter ergriff mich beim Arm als ich unbeweglich
stehen blieb: Komm Nathanael, komme nur! Ich lie mich fortfhren,
ich trat in meine Kammer. Sei ruhig, sei ruhig, lege dich ins
Bette! - schlafe - schlafe, rief mir die Mutter nach; aber von
unbeschreiblicher innerer Angst und Unruhe geqult, konnte ich kein
Auge zutun. Der verhate abscheuliche Coppelius stand vor mir mit
funkelnden Augen und lachte mich hmisch an, vergebens trachtete ich
sein Bild los zu werden. Es mochte wohl schon Mitternacht sein, als
ein entsetzlicher Schlag geschah, wie wenn ein Geschtz losgefeuert
wrde. Das ganze Haus erdrhnte, es rasselte und rauschte bei meiner
Tre vorber, die Haustre wurde klirrend zugeworfen. Das ist
Coppelius! rief ich entsetzt und sprang aus dem Bette. Da kreischte
es auf in schneidendem trostlosen Jammer, fort strzte ich nach des
Vaters Zimmer, die Tre stand offen, erstickender Dampf quoll mir
entgegen, das Dienstmdchen schrie: Ach, der Herr! - der Herr! -
Vor dem dampfenden Herde auf dem Boden lag mein Vater tot mit schwarz
verbranntem grlich verzerrtem Gesicht, um ihn herum heulten
und winselten die Schwestern - die Mutter ohnmchtig daneben! -
Coppelius, verruchter Satan, du hast den Vater erschlagen! - So
schrie ich auf, mir vergingen die Sinne. Als man zwei Tage darauf
meinen Vater in den Sarg legte, waren seine Gesichtszge wieder mild
und sanft geworden, wie sie im Leben waren. Trstend ging es in meiner
Seele auf, da sein Bund mit dem teuflischen Coppelius ihn nicht ins
ewige Verderben gestrzt haben knne.

Die Explosion hatte die Nachbarn geweckt, der Vorfall wurde ruchtbar
und kam vor die Obrigkeit, welche den Coppelius zur Verantwortung
vorfordern wollte. Der war aber spurlos vom Orte verschwunden.

Wenn ich Dir nun sage, mein herzlieber Freund! da jener
Wetterglashndler eben der verruchte Coppelius war, so wirst Du mir es
nicht verargen, da ich die feindliche Erscheinung als schweres Unheil
bringend deute. Er war anders gekleidet, aber Coppelius' Figur und
Gesichtszge sind zu tief in mein Innerstes eingeprgt, als da hier
ein Irrtum mglich sein sollte. Zudem hat Coppelius nicht einmal
seinen Namen gendert. Er gibt sich hier, wie ich hre, fr einen
piemontesischen Mechanikus aus, und nennt sich Giuseppe Coppola.

Ich bin entschlossen es mit ihm aufzunehmen und des Vaters Tod zu
rchen, mag es denn nun gehen wie es will.

Der Mutter erzhle nichts von dem Erscheinen des grlichen Unholds
- Gre meine liebe holde Clara, ich schreibe ihr in ruhigerer
Gemtsstimmung. Lebe wohl etc. etc.


Clara an Nathanael

Wahr ist es, da Du recht lange mir nicht geschrieben hast, aber
dennoch glaube ich, da Du mich in Sinn und Gedanken trgst. Denn
meiner gedachtest Du wohl recht lebhaft, als Du Deinen letzten Brief
an Bruder Lothar absenden wolltest und die Aufschrift, statt an ihn an
mich richtetest. Freudig erbrach ich den Brief und wurde den Irrtum
erst bei den Worten inne: Ach mein herzlieber Lothar! - Nun htte
ich nicht weiter lesen, sondern den Brief dem Bruder geben sollen.
Aber, hast Du mir auch sonst manchmal in kindischer Neckerei
vorgeworfen, ich htte solch ruhiges, weiblich besonnenes Gemt, da
ich wie jene Frau, drohe das Haus den Einsturz, noch vor schneller
Flucht ganz geschwinde einen falschen Kniff in der Fenstergardine
glattstreichen wrde, so darf ich doch wohl kaum versichern, da
Deines Briefes Anfang mich tief erschtterte. Ich konnte kaum atmen,
es flimmerte mir vor den Augen. - Ach, mein herzgeliebter Nathanael!
was konnte so Entsetzliches in Dein Leben getreten sein! Trennung von
Dir, Dich niemals wiedersehen, der Gedanke durchfuhr meine Brust wie
ein glhender Dolchstich. - Ich las und las! - Deine Schilderung des
widerwrtigen Coppelius ist grlich. Erst jetzt vernahm ich, wie Dein
guter alter Vater solch entsetzlichen, gewaltsamen Todes starb. Bruder
Lothar, dem ich sein Eigentum zustellte, suchte mich zu beruhigen,
aber es gelang ihm schlecht. Der fatale Wetterglashndler Giuseppe
Coppola verfolgte mich auf Schritt und Tritt und beinahe schme ich
mich, es zu gestehen, da er selbst meinen gesunden, sonst so ruhigen
Schlaf in allerlei wunderlichen Traumgebilden zerstren konnte. Doch
bald, schon den andern Tag, hatte sich alles anders in mir gestaltet.
Sei mir nur nicht bse, mein Inniggeliebter, wenn Lothar Dir etwa
sagen mchte, da ich trotz Deiner seltsamen Ahnung, Coppelius werde
Dir etwas Bses antun, ganz heitern unbefangenen Sinnes bin, wie
immer.

Geradeheraus will ich es Dir nur gestehen, da, wie ich meine, alles
Entsetzliche und Schreckliche, wovon Du sprichst, nur in Deinem
Innern vorging, die wahre wirkliche Auenwelt aber daran wohl wenig
teilhatte. Widerwrtig genug mag der alte Coppelius gewesen sein, aber
da er Kinder hate, das brachte in Euch Kindern wahren Abscheu gegen
ihn hervor.

Natrlich verknpfte sich nun in Deinem kindischen Gemt der
schreckliche Sandmann aus dem Ammenmrchen mit dem alten Coppelius,
der Dir, glaubtest Du auch nicht an den Sandmann, ein gespenstischer,
Kindern vorzglich gefhrlicher, Unhold blieb. Das unheimliche Treiben
mit Deinem Vater zur Nachtzeit war wohl nichts anders, als da beide
insgeheim alchymistische Versuche machten, womit die Mutter nicht
zufrieden sein konnte, da gewi viel Geld unntz verschleudert und
obendrein, wie es immer mit solchen Laboranten der Fall sein soll,
des Vaters Gemt ganz von dem trgerischen Drange nach hoher Weisheit
erfllt, der Familie abwendig gemacht wurde. Der Vater hat wohl gewi
durch eigne Unvorsichtigkeit seinen Tod herbeigefhrt, und Coppelius
ist nicht schuld daran: Glaubst Du, da ich den erfahrnen Nachbar
Apotheker gestern frug, ob wohl bei chemischen Versuchen eine
solche augenblicklich ttende Explosion mglich sei? Der sagte: Ei
allerdings und beschrieb mir nach seiner Art gar weitlufig und
umstndlich, wie das zugehen knne, und nannte dabei so viel sonderbar
klingende Namen, die ich gar nicht zu behalten vermochte. - Nun wirst
Du wohl unwillig werden ber Deine Clara, Du wirst sagen: In dies
kalte Gemt dringt kein Strahl des Geheimnisvollen, das den Menschen
oft mit unsichtbaren Armen umfat; sie erschaut nur die bunte
Oberflche der Welt und freut sich, wie das kindische Kind ber die
goldgleiende Frucht, in deren Innern tdliches Gift verborgen.

Ach mein herzgeliebter Nathanael! glaubst Du denn nicht, da auch in
heitern - unbefangenen - sorglosen Gemtern die Ahnung wohnen knne
von einer dunklen Macht, die feindlich uns in unserm eignen Selbst zu
verderben strebt? - Aber verzeih es mir, wenn ich einfltig Mdchen
mich unterfange, auf irgend eine Weise Dir anzudeuten, was ich
eigentlich von solchem Kampfe im Innern glaube. - Ich finde wohl gar
am Ende nicht die rechten Worte und Du lachst mich aus, nicht, weil
ich was Dummes meine, sondern weil ich mich so ungeschickt anstelle,
es zu sagen.

Gibt es eine dunkle Macht, die so recht feindlich und verrterisch
einen Faden in unser Inneres legt, woran sie uns dann festpackt und
fortzieht auf einem gefahrvollen verderblichen Wege, den wir sonst
nicht betreten haben wrden - gibt es eine solche Macht, so mu sie in
uns sich, wie wir selbst gestalten, ja unser Selbst werden; denn nur
_so_ glauben wir an sie und rumen ihr den Platz ein, dessen sie bedarf,
um jenes geheime Werk zu vollbringen. Haben wir festen, durch das
heitre Leben gestrkten, Sinn genug, um fremdes feindliches Einwirken
als solches stets zu erkennen und den Weg, in den uns Neigung und
Beruf geschoben, ruhigen Schrittes zu verfolgen, so geht wohl
jene unheimliche Macht unter in dem vergeblichen Ringen nach der
Gestaltung, die unser eignes Spiegelbild sein sollte. Es ist auch
gewi, fgt Lothar hinzu, da die dunkle psychische Macht, haben wir
uns durch uns selbst ihr hingegeben, oft fremde Gestalten, die die
Auenwelt uns in den Weg wirft, in unser Inneres hineinzieht, so,
da wir selbst nur den Geist entznden, der, wie wir in wunderlicher
Tuschung glauben, aus jener Gestalt spricht. Es ist das Phantom
unseres eigenen Ichs, dessen innige Verwandtschaft und dessen tiefe
Einwirkung auf unser Gemt uns in die Hlle wirft, oder in den Himmel
verzckt. - Du merkst, mein herzlieber Nathanael! da wir, ich und
Bruder Lothar uns recht ber die Materie von dunklen Mchten und
Gewalten ausgesprochen haben, die mir nun, nachdem ich nicht ohne Mhe
das Hauptschlichste aufgeschrieben, ordentlich tiefsinnig vorkommt.
Lothars letzte Worte verstehe ich nicht ganz, ich ahne nur, was er
meint, und doch ist es mir, als sei alles sehr wahr. Ich bitte Dich,
schlage Dir den hlichen Advokaten Coppelius und den Wetterglasmann
Giuseppe Coppola ganz aus dem Sinn. Sei berzeugt, da diese fremden
Gestalten nichts ber Dich vermgen; nur der Glaube an ihre feindliche
Gewalt kann sie Dir in der Tat feindlich machen. Sprche nicht aus
jeder Zeile Deines Briefes die tiefste Aufregung Deines Gemts,
schmerzte mich nicht Dein Zustand recht in innerster Seele,
wahrhaftig, ich knnte ber den Advokaten Sandmann und den
Wetterglashndler Coppelius scherzen. Sei heiter - heiter! - Ich habe
mir vorgenommen, bei Dir zu erscheinen, wie Dein Schutzgeist, und den
hlichen Coppola, sollte er es sich etwa beikommen lassen, Dir im
Traum beschwerlich zu fallen, mit lautem Lachen fortzubannen. Ganz und
gar nicht frchte ich mich vor ihm und vor seinen garstigen Fusten,
er soll mir weder als Advokat eine Nscherei, noch als Sandmann die
Augen verderben.

Ewig, mein herzinnigstgeliebter Nathanael etc. etc. etc.


Nathanael an Lothar

Sehr unlieb ist es mir, da Clara neulich den Brief an Dich aus,
freilich durch meine Zerstreutheit veranlagtem, Irrtum erbrach und
las. Sie hat mir einen sehr tiefsinnigen philosophischen Brief
geschrieben, worin sie ausfhrlich beweiset, da Coppelius und Coppola
nur in meinem Innern existieren und Phantome meines Ichs sind, die
augenblicklich zerstuben, wenn ich sie als solche erkenne. In der
Tat, man sollte gar nicht glauben, da der Geist, der aus solch hellen
holdlchelnden Kindesaugen, oft wie ein lieblicher ser Traum,
hervorleuchtet, so gar verstndig, so magistermig distinguieren
knne. Sie beruft sich auf Dich. Ihr habt ber mich gesprochen. Du
liesest ihr wohl logische Kollegia, damit sie alles fein sichten und
sondern lerne. - La das bleiben! - brigens ist es wohl gewi, da
der Wetterglashndler Giuseppe Coppola keinesweges der alte Advokat
Coppelius ist. Ich hre bei dem erst neuerdings angekommenen Professor
der Physik, der, wie jener berhmte Naturforscher, Spalanzani heit
und italienischer Abkunft ist, Kollegia. Der kennt den Coppola schon
seit vielen Jahren und berdem hrt man es auch seiner Aussprache an,
da er wirklich Piemonteser ist. Coppelius war ein Deutscher, aber wie
mich dnkt, kein ehrlicher. Ganz beruhigt bin ich nicht. Haltet Ihr,
Du und Clara, mich immerhin fr einen dstern Trumer, aber nicht los
kann ich den Eindruck werden, den Coppelius' verfluchtes Gesicht auf
mich macht. Ich bin froh, da er fort ist aus der Stadt, wie mir
Spalanzani sagt. Dieser Professor ist ein wunderlicher Kauz. Ein
kleiner rundlicher Mann, das Gesicht mit starken Backenknochen, feiner
Nase, aufgeworfenen Lippen, kleinen stechenden Augen. Doch besser, als
in jeder Beschreibung, siehst Du ihn, wenn Du den Cagliostro, wie er
von Chodowiecki in irgend einem Berlinischen Taschenkalender steht,
anschauest. - So sieht Spalanzani aus. - Neulich steige ich die Treppe
herauf und nehme wahr, da die sonst einer Glastre dicht vorgezogene
Gardine zur Seite einen kleinen Spalt lt. Selbst wei ich nicht, wie
ich dazu kam, neugierig durchzublicken. Ein hohes, sehr schlank im
reinsten Ebenma gewachsenes, herrlich gekleidetes Frauenzimmer sa
im Zimmer vor einem kleinen Tisch, auf den sie beide rme, die Hnde
zusammengefaltet, gelegt hatte. Sie sa der Tre gegenber, so, da
ich ihr engelschnes Gesicht ganz erblickte. Sie schien mich nicht zu
bemerken, und berhaupt hatten ihre Augen etwas Starres, beinahe mcht
ich sagen, keine Sehkraft, es war mir so, als schliefe sie mit offnen
Augen. Mir wurde ganz unheimlich und deshalb schlich ich leise fort
ins Auditorium, das daneben gelegen. Nachher erfuhr ich, da die
Gestalt, die ich gesehen, Spalanzanis Tochter, Olimpia war, die er
sonderbarer und schlechter Weise einsperrt, so, da durchaus kein
Mensch in ihre Nhe kommen darf. - Am Ende hat es eine Bewandtnis mit
ihr, sie ist vielleicht bldsinnig oder sonst. - Weshalb schreibe
ich Dir aber das alles? Besser und ausfhrlicher htte ich Dir das
mndlich erzhlen knnen. Wisse nmlich, da ich ber vierzehn Tage
bei Euch bin. Ich mu mein ses liebes Engelsbild, meine Clara,
wiedersehen. Weggehaucht wird dann die Verstimmung sein, die sich
(ich mu das gestehen) nach dem fatalen verstndigen Briefe meiner
bemeistern wollte. Deshalb schreibe ich auch heute nicht an sie.

Tausend Gre etc. etc. etc.


Seltsamer und wunderlicher kann nichts erfunden werden, als dasjenige
ist, was sich mit meinem armen Freunde, dem jungen Studenten
Nathanael, zugetragen, und was ich dir, gnstiger Leser! zu erzhlen
unternommen. Hast du, Geneigtester! wohl jemals etwas erlebt, das
deine Brust, Sinn und Gedanken ganz und gar erfllte, alles andere
daraus verdrngend? Es grte und kochte in dir, zur siedenden Glut
entzndet sprang das Blut durch die Adern und frbte hher deine
Wangen. Dein Blick war so seltsam als wolle er Gestalten, keinem
andern Auge sichtbar, im leeren Raum erfassen und die Rede zerflo in
dunkle Seufzer. Da frugen dich die Freunde: Wie ist Ihnen, Verehrter?
- Was haben Sie, Teurer? Und nun wolltest du das innere Gebilde mit
allen glhenden Farben und Schatten und Lichtern aussprechen und
mhtest dich ab, Worte zu finden, um nur anzufangen. Aber es war dir,
als mtest du nun gleich im ersten Wort alles Wunderbare, Herrliche,
Entsetzliche, Lustige, Grauenhafte, das sich zugetragen, recht
zusammengreifen, so da es, wie ein elektrischer Schlag, alle treffe.
Doch jedes Wort, alles was Rede vermag, schien dir farblos und frostig
und tot. Du suchst und suchst, und stotterst und stammelst, und die
nchternen Fragen der Freunde schlagen, wie eisige Windeshauche,
hinein in deine innere Glut, bis sie verlschen will. Hattest du aber,
wie ein kecker Maler, erst mit einigen verwegenen Strichen, den Umri
deines innern Bildes hingeworfen, so trugst du mit leichter Mhe
immer glhender und glhender die Farben auf und das lebendige Gewhl
mannigfacher Gestalten ri die Freunde fort und sie sahen, wie du,
sich selbst mitten im Bilde, das aus deinem Gemt hervorgegangen! -
Mich hat, wie ich es dir, geneigter Leser! gestehen mu, eigentlich
niemand nach der Geschichte des jungen Nathanael gefragt; du weit ja
aber wohl, da ich zu dem wunderlichen Geschlechte der Autoren gehre,
denen, tragen sie etwas so in sich, wie ich es vorhin beschrieben, so
zumute wird, als frage jeder, der in ihre Nhe kommt und nebenher auch
wohl noch die ganze Welt: Was ist es denn? Erzhlen Sie Liebster? -
So trieb es mich denn gar gewaltig, von Nathanaels verhngnisvollem
Leben zu dir zu sprechen. Das Wunderbare, Seltsame davon erfllte
meine ganze Seele, aber eben deshalb und weil ich dich, o mein Leser!
gleich geneigt machen mute, Wunderliches zu ertragen, welches nichts
Geringes ist, qulte ich mich ab, Nathanaels Geschichte, bedeutend
- originell, ergreifend, anzufangen: Es war einmal - der schnste
Anfang jeder Erzhlung, zu nchtern! - In der kleinen Provinzialstadt
S. lebte - etwas besser, wenigstens ausholend zum Klimax. - Oder
gleich medias in res: >Scher er sich zum Teufel<, rief, Wut
und Entsetzen im wilden Blick, der Student Nathanael, als der
Wetterglashndler Giuseppe Coppola - Das hatte ich in der Tat schon
aufgeschrieben, als ich in dem wilden Blick des Studenten Nathanael
etwas Possierliches zu verspren glaubte; die Geschichte ist aber gar
nicht spahaft. Mir kam keine Rede in den Sinn, die nur im mindesten
etwas von dem Farbenglanz des innern Bildes abzuspiegeln schien.
Ich beschlo gar nicht anzufangen. Nimm, geneigter Leser! die drei
Briefe, welche Freund Lothar mir gtigst mitteilte, fr den Umri
des Gebildes, in das ich nun erzhlend immer mehr und mehr Farbe
hineinzutragen mich bemhen werde. Vielleicht gelingt es mir, manche
Gestalt, wie ein guter Portrtmaler, so aufzufassen, da du es hnlich
findest, ohne das Original zu kennen, ja da es dir ist, als httest
du die Person recht oft schon mit leibhaftigen Augen gesehen.
Vielleicht wirst du, o mein Leser! dann glauben, da nichts
wunderlicher und toller sei, als das wirkliche Leben und da dieses
der Dichter doch nur, wie in eines matt geschliffnen Spiegels dunklem
Widerschein, auffassen knne.

Damit klarer werde, was gleich anfangs zu wissen ntig, ist jenen
Briefen noch hinzuzufgen, da bald darauf, als Nathanaels Vater
gestorben, Clara und Lothar, Kinder eines weitluftigen Verwandten,
der ebenfalls gestorben und sie verwaist nachgelassen, von Nathanaels
Mutter ins Haus genommen wurden. Clara und Nathanael faten eine
heftige Zuneigung zueinander, wogegen kein Mensch auf Erden etwas
einzuwenden hatte; sie waren daher Verlobte, als Nathanael den Ort
verlie um seine Studien in G. - fortzusetzen. Da ist er nun in seinem
letzten Brief und hrt Kollegia bei dem berhmten Professor Physices,
Spalanzani.

Nun knnte ich getrost in der Erzhlung fortfahren; aber in dem
Augenblick steht Claras Bild so lebendig mir vor Augen, da ich nicht
wegschauen kann, so wie es immer geschah, wenn sie mich holdlchelnd
anblickte. - Fr schn konnte Clara keinesweges gelten; das meinten
alle, die sich von Amtswegen auf Schnheit verstehen. Doch lobten die
Architekten die reinen Verhltnisse ihres Wuchses, die Maler fanden
Nacken, Schultern und Brust beinahe zu keusch geformt, verliebten
sich dagegen smtlich in das wunderbare Magdalenenhaar und faselten
berhaupt viel von Battonischem Kolorit. Einer von ihnen, ein
wirklicher Fantast, verglich aber hchstseltsamer Weise Claras Augen
mit einem See von Ruisdael, in dem sich des wolkenlosen Himmels reines
Azur, Wald- und Blumenflur, der reichen Landschaft ganzes buntes,
heitres Leben spiegelt. Dichter und Meister gingen aber weiter und
sprachen: Was See - was Spiegel! - Knnen wir denn das Mdchen
anschauen, ohne da uns aus ihrem Blick wunderbare himmlische Gesnge
und Klnge entgegenstrahlen, die in unser Innerstes dringen, da da
alles wach und rege wird? Singen wir selbst dann nichts wahrhaft
Gescheutes, so ist berhaupt nicht viel an uns und das lesen wir denn
auch deutlich in dem um Claras Lippen schwebenden feinen Lcheln, wenn
wir uns unterfangen, ihr etwas vorzuquinkelieren, das so tun will als
sei es Gesang, unerachtet nur einzelne Tne verworren durcheinander
springen. Es war dem so. Clara hatte die lebenskrftige Fantasie des
heitern unbefangenen, kindischen Kindes, ein tiefes weiblich zartes
Gemt, einen gar hellen scharf sichtenden Verstand. Die Nebler und
Schwebler hatten bei ihr bses Spiel; denn ohne zu viel zu reden, was
berhaupt in Claras schweigsamer Natur nicht lag, sagte ihnen der
helle Blick, und jenes feine ironische Lcheln: Lieben Freunde! wie
mget ihr mir denn zumuten, da ich eure verflieende Schattengebilde
fr wahre Gestalten ansehen soll, mit Leben und Regung? - Clara
wurde deshalb von vielen kalt, gefhllos, prosaisch gescholten; aber
andere, die das Leben in klarer Tiefe aufgefat, liebten ungemein das
gemtvolle, verstndige, kindliche Mdchen, doch keiner so sehr, als
Nathanael, der sich in Wissenschaft und Kunst krftig und heiter
bewegte. Clara hing an dem Geliebten mit ganzer Seele; die ersten
Wolkenschatten zogen durch ihr Leben, als er sich von ihr trennte.
Mit welchem Entzcken flog sie in seine Arme, als er nun, wie er im
letzten Briefe an Lothar es verheien, wirklich in seiner Vaterstadt
ins Zimmer der Mutter eintrat. Es geschah so wie Nathanael geglaubt;
denn in dem Augenblick, als er Clara wiedersah, dachte er weder an
den Advokaten Coppelius, noch an Claras verstndigen Brief, jede
Verstimmung war verschwunden.

Recht hatte aber Nathanael doch, als er seinem Freunde Lothar schrieb,
da des widerwrtigen Wetterglashndlers Coppola Gestalt recht
feindlich in sein Leben getreten sei. Alle fhlten das, da Nathanael
gleich in den ersten Tagen in seinem ganzen Wesen durchaus verndert
sich zeigte. Er versank in dstre Trumereien, und trieb es bald so
seltsam, wie man es niemals von ihm gewohnt gewesen. Alles, das ganze
Leben war ihm Traum und Ahnung geworden; immer sprach er davon, wie
jeder Mensch, sich frei whnend, nur dunklen Mchten zum grausamen
Spiel diene, vergeblich lehne man sich dagegen auf, demtig msse man
sich dem fgen, was das Schicksal verhngt habe. Er ging so weit,
zu behaupten, da es tricht sei, wenn man glaube, in Kunst und
Wissenschaft nach selbstttiger Willkr zu schaffen; denn die
Begeisterung, in der man nur zu schaffen fhig sei, komme nicht aus
dem eignen Innern, sondern sei das Einwirken irgend eines auer uns
selbst liegenden hheren Prinzips.

Der verstndigen Clara war diese mystische Schwrmerei im hchsten
Grade zuwider, doch schien es vergebens, sich auf Widerlegung
einzulassen. Nur dann, wenn Nathanael bewies, da Coppelius das bse
Prinzip sei, was ihn in dem Augenblick erfat habe, als er hinter dem
Vorhange lauschte, und da dieser widerwrtige _Dmon_ auf entsetzliche
Weise ihr Liebesglck stren werde, da wurde Clara sehr ernst und
sprach: Ja Nathanael! du hast recht, Coppelius ist ein bses
feindliches Prinzip, er kann Entsetzliches wirken, wie eine teuflische
Macht, die sichtbarlich in das Leben trat, aber nur dann, wenn du ihn
nicht aus Sinn und Gedanken verbannst. Solange du an ihn glaubst, _ist_
er auch und wirkt, nur dein Glaube ist seine Macht. - Nathanael, ganz
erzrnt, da Clara die Existenz des _Dmons_ nur in seinem eignen Innern
statuiere, wollte dann hervorrcken mit der ganzen mystischen Lehre
von Teufeln und grausen Mchten, Clara brach aber verdrlich ab,
indem sie irgend etwas Gleichgltiges dazwischen schob, zu Nathanaels
nicht geringem rger. _Der_ dachte, kalten unempfnglichen Gemtern
verschlieen sich solche tiefe Geheimnisse, ohne sich deutlich bewut
zu sein, da er Clara eben zu solchen untergeordneten Naturen zhle,
weshalb er nicht ablie mit Versuchen, sie in jene Geheimnisse
einzuweihen. Am frhen Morgen, wenn Clara das Frhstck bereiten half,
stand er bei ihr und las ihr aus allerlei mystischen Bchern vor, da
Clara bat: Aber lieber Nathanael, wenn ich _dich_ nun das bse Prinzip
schelten wollte, das feindlich auf meinen Kaffee wirkt? - Denn, wenn
ich, wie du es willst, alles stehen und liegen lassen und dir, indem
du liesest, in die Augen schauen soll, so luft mir der Kaffee ins
Feuer und ihr bekommt alle kein Frhstck! - Nathanael klappte das
Buch heftig zu und rannte voll Unmut fort in sein Zimmer. Sonst hatte
er eine besondere Strke in anmutigen, lebendigen Erzhlungen, die er
aufschrieb, und die Clara mit dem innigsten Vergngen anhrte, jetzt
waren seine Dichtungen dster, unverstndlich, gestaltlos, so da,
wenn Clara schonend es auch nicht sagte, er doch wohl fhlte, wie
wenig sie davon angesprochen wurde. Nichts war fr Clara ttender,
als das Langweilige; in Blick und Rede sprach sich dann ihre nicht zu
besiegende geistige Schlfrigkeit aus. Nathanaels Dichtungen waren in
der Tat sehr langweilig. Sein Verdru ber Claras kaltes prosaisches
Gemt stieg hher, Clara konnte ihren Unmut ber Nathanaels dunkle,
dstere, langweilige Mystik nicht berwinden, und so entfernten beide
im Innern sich immer mehr voneinander, ohne es selbst zu bemerken.
Die Gestalt des hlichen Coppelius war, wie Nathanael selbst es sich
gestehen mute, in seiner Fantasie erbleicht und es kostete ihm oft
Mhe, ihn in seinen Dichtungen, wo er als grauser Schicksalspopanz
auftrat, recht lebendig zu kolorieren. Es kam ihm endlich ein, jene
dstre Ahnung, da Coppelius sein Liebesglck stren werde, zum
Gegenstande eines Gedichts zu machen. Er stellte sich und Clara dar,
in treuer Liebe verbunden, aber dann und wann war es, als griffe eine
schwarze Faust in ihr Leben und risse irgend eine Freude heraus,
die ihnen aufgegangen. Endlich, als sie schon am Traualtar stehen,
erscheint der entsetzliche Coppelius und berhrt Claras holde Augen;
die springen in Nathanaels Brust wie blutige Funken sengend und
brennend, Coppelius fat ihn und wirft ihn in einen flammenden
Feuerkreis, der sich dreht mit der Schnelligkeit des Sturmes und ihn
sausend und brausend fortreit. Es ist ein Tosen, als wenn der Orkan
grimmig hineinpeitscht in die schumenden Meereswellen, die sich wie
schwarze, weihauptige Riesen emporbumen in wtendem Kampfe. Aber
durch dies wilde Tosen hrt er Claras Stimme: Kannst du mich denn
nicht erschauen? Coppelius hat dich getuscht, das waren ja nicht
meine Augen, die so in deiner Brust brannten, das waren ja glhende
Tropfen deines eignen Herzbluts - ich habe ja meine Augen, sieh mich
doch nur an! - Nathanael denkt: Das ist Clara, und ich bin ihr eigen
ewiglich. - Da ist es, als fat der Gedanke gewaltig in den Feuerkreis
hinein, da er stehen bleibt, und im schwarzen Abgrund verrauscht
dumpf das Getse. Nathanael blickt in Claras Augen; aber es ist der
Tod, der mit Claras Augen ihn freundlich anschaut.

Whrend Nathanael dies dichtete, war er sehr ruhig und besonnen, er
feilte und besserte an jeder Zeile und da er sich dem metrischen
Zwange unterworfen, ruhte er nicht, bis alles rein und wohlklingend
sich fgte. Als er jedoch nun endlich fertig worden, und das Gedicht
fr sich laut las, da fate ihn Grausen und wildes Entsetzen und er
schrie auf. Wessen grauenvolle Stimme ist das? - Bald schien ihm
jedoch das Ganze wieder nur eine sehr gelungene Dichtung, und es war
ihm, als msse Claras kaltes Gemt dadurch entzndet werden, wiewohl
er nicht deutlich dachte, wozu denn Clara entzndet, und wozu es denn
nun eigentlich fhren solle, sie mit den grauenvollen Bildern zu
ngstigen, die ein entsetzliches, ihre Liebe zerstrendes Geschick
weissagten. Sie, Nathanael und Clara, saen in der Mutter kleinem
Garten, Clara war sehr heiter, weil Nathanael sie seit drei Tagen,
in denen er an jener Dichtung schrieb, nicht mit seinen Trumen und
Ahnungen geplagt hatte. Auch Nathanael sprach lebhaft und froh von
lustigen Dingen wie sonst, so, da Clara sagte: Nun erst habe ich
dich ganz wieder, siehst du es wohl, wie wir den hlichen Coppelius
vertrieben haben? Da fiel dem Nathanael erst ein, da er ja die
Dichtung in der Tasche trage, die er habe vorlesen wollen. Er zog
auch sogleich die Bltter hervor und fing an zu lesen: Clara, etwas
Langweiliges wie gewhnlich vermutend und sich darein ergebend, fing
an, ruhig zu stricken. Aber so wie immer schwrzer und schwrzer das
dstre Gewlk aufstieg, lie sie den Strickstrumpf sinken und blickte
starr dem Nathanael ins Auge. _Den_ ri seine Dichtung unaufhaltsam
fort, hochrot frbte seine Wangen die innere Glut, Trnen quollen ihm
aus den Augen. - Endlich hatte er geschlossen, er sthnte in tiefer
Ermattung - er fate Claras Hand und seufzte wie aufgelst in
trostlosem Jammer: Ach! - Clara - Clara! - Clara drckte ihn
sanft an ihren Busen und sagte leise, aber sehr langsam und ernst:
Nathanael - mein herzlieber Nathanael! - wirf das tolle - unsinnige -
wahnsinnige Mrchen ins Feuer. Da sprang Nathanael entrstet auf und
rief, Clara von sich stoend: Du lebloses, verdammtes Automat! Er
rannte fort, bittre Trnen vergo die tief verletzte Clara: Ach er
hat mich niemals geliebt, denn er versteht mich nicht, schluchzte
sie laut. - Lothar trat in die Laube; Clara mute ihm erzhlen was
vorgefallen; er liebte seine Schwester mit ganzer Seele, jedes Wort
ihrer Anklage fiel wie ein Funke in sein Inneres, so, da der Unmut,
den er wider den trumerischen Nathanael lange im Herzen getragen,
sich entzndete zum wilden Zorn. Er lief zu Nathanael, er warf ihm das
unsinnige Betragen gegen die geliebte Schwester in harten Worten vor,
die der aufbrausende Nathanael ebenso erwiderte. Ein fantastischer,
wahnsinniger Geck wurde mit einem miserablen, gemeinen Alltagsmenschen
erwidert. Der Zweikampf war unvermeidlich. Sie beschlossen, sich am
folgenden Morgen hinter dem Garten nach dortiger akademischer Sitte
mit scharfgeschliffenen Storapieren zu schlagen. Stumm und finster
schlichen sie umher, Clara hatte den heftigen Streit gehrt und
gesehen, da der Fechtmeister in der Dmmerung die Rapiere brachte.
Sie ahnte was geschehen sollte. Auf dem Kampfplatz angekommen hatten
Lothar und Nathanael soeben dsterschweigend die Rcke abgeworfen,
blutdrstige Kampflust im brennenden Auge wollten sie gegeneinander
ausfallen, als Clara durch die Gartentr herbeistrzte. Schluchzend
rief sie laut: Ihr wilden entsetzlichen Menschen! - stot mich nur
gleich nieder, ehe ihr euch anfallt; denn wie soll ich denn lnger
leben auf der Welt, wenn der Geliebte den Bruder, oder wenn der Bruder
den Geliebten ermordet hat! - Lothar lie die Waffe sinken und
sah schweigend zur Erde nieder, aber in Nathanaels Innern ging in
herzzerreiender Wehmut alle Liebe wieder auf, wie er sie jemals
in der herrlichen Jugendzeit schnsten Tagen fr die holde Clara
empfunden. Das Mordgewehr entfiel seiner Hand, er strzte zu Claras
Fen. Kannst du mir denn jemals verzeihen, du meine einzige, meine
herzgeliebte Clara! - Kannst du mir verzeihen, mein herzlieber Bruder
Lothar! - Lothar wurde gerhrt von des Freundes tiefem Schmerz;
unter tausend Trnen umarmten sich die drei vershnten Menschen und
schwuren, nicht voneinander zu lassen in steter Liebe und Treue.

Dem Nathanael war es zumute, als sei eine schwere Last, die ihn
zu Boden gedrckt, von ihm abgewlzt, ja als habe er, Widerstand
leistend der finstern Macht, die ihn befangen, sein ganzes Sein, dem
Vernichtung drohte, gerettet. Noch drei selige Tage verlebte er bei
den Lieben, dann kehrte er zurck nach G., wo er noch ein Jahr zu
bleiben, dann aber auf immer nach seiner Vaterstadt zurckzukehren
gedachte.

Der Mutter war alles, was sich auf Coppelius bezog, verschwiegen
worden; denn man wute, da sie nicht ohne Entsetzen an ihn denken
konnte, weil sie, wie Nathanael, ihm den Tod ihres Mannes schuld gab.


Wie erstaunte Nathanael, als er in seine Wohnung wollte und sah, da
das ganze Haus niedergebrannt war, so da aus dem Schutthaufen nur
die nackten Feuermauern hervorragten. Unerachtet das Feuer in dem
Laboratorium des Apothekers, der im untern Stocke wohnte, ausgebrochen
war, das Haus daher von unten herauf gebrannt hatte, so war es doch
den khnen, rstigen Freunden gelungen, noch zu rechter Zeit in
Nathanaels im obern Stock gelegenes Zimmer zu dringen, und Bcher,
Manuskripte, Instrumente zu retten. Alles hatten sie unversehrt in
ein anderes Haus getragen, und dort ein Zimmer in Beschlag genommen,
welches Nathanael nun sogleich bezog. Nicht sonderlich achtete
er darauf, da er dem Professor Spalanzani gegenber wohnte, und
ebensowenig schien es ihm etwas Besonderes, als er bemerkte, da er
aus seinem Fenster gerade hinein in das Zimmer blickte, wo oft Olimpia
einsam sa, so, da er ihre Figur deutlich erkennen konnte, wiewohl
die Zge des Gesichts undeutlich und verworren blieben. Wohl fiel es
ihm endlich auf, da Olimpia oft stundenlang in derselben Stellung,
wie er sie einst durch die Glastre entdeckte, ohne irgend eine
Beschftigung an einem kleinen Tische sa und da sie offenbar
unverwandten Blickes nach ihm herberschaute; er mute sich auch
selbst gestehen, da er nie einen schneren Wuchs gesehen; indessen,
Clara im Herzen, blieb ihm die steife, starre Olimpia hchst
gleichgltig und nur zuweilen sah er flchtig ber sein Kompendium
herber nach der schnen Bildsule, das war alles. - Eben schrieb
er an Clara, als es leise an die Tre klopfte; sie ffnete sich auf
seinen Zuruf und Coppolas widerwrtiges Gesicht sah hinein. Nathanael
fhlte sich im Innersten erbeben; eingedenk dessen, was ihm Spalanzani
ber den Landsmann Coppola gesagt und was er auch rcksichts des
Sandmanns Coppelius der Geliebten so heilig versprochen, schmte er
sich aber selbst seiner kindischen Gespensterfurcht, nahm sich mit
aller Gewalt zusammen und sprach so sanft und gelassen, als mglich:
Ich kaufe kein Wetterglas, mein lieber Freund! gehen Sie nur! Da
trat aber Coppola vollends in die Stube und sprach mit heiserem Ton,
indem sich das weite Maul zum hlichen Lachen verzog und die kleinen
Augen unter den grauen langen Wimpern stechend hervorfunkelten: Ei,
nix Wetterglas, nix Wetterglas! - hab auch skne Oke - skne Oke! -
Entsetzt rief Nathanael: Toller Mensch, wie kannst du Augen haben?
- Augen - Augen? - Aber in dem Augenblick hatte Coppola seine
Wetterglser beiseite gesetzt, griff in die weiten Rocktaschen und
holte Lorgnetten und Brillen heraus, die er auf den Tisch legte. - Nu
- Nu - Brill - Brill auf der Nas su setze, das sein meine Oke - skne
Oke! - Und damit holte er immer mehr und mehr Brillen heraus, so, da
es auf dem ganzen Tisch seltsam zu flimmern und zu funkeln begann.
Tausend Augen blickten und zuckten krampfhaft und starrten auf zum
Nathanael; aber er konnte nicht wegschauen von dem Tisch, und immer
mehr Brillen legte Coppola hin, und immer wilder und wilder sprangen
flammende Blicke durcheinander und schossen ihre blutrote Strahlen in
Nathanaels Brust. bermannt von tollem Entsetzen schrie er auf.- Halt
ein! halt ein, frchterlicher Mensch! - Er hatte Coppola, der eben
in die Tasche griff, um noch mehr Brillen herauszubringen, unerachtet
schon der ganze Tisch berdeckt war, beim Arm festgepackt. Coppola
machte sich mit heiserem widrigen Lachen sanft los und mit den Worten:
Ah! - nix fr Sie - aber hier skne Glas - hatte er alle Brillen
zusammengerafft, eingesteckt und aus der Seitentasche des Rocks eine
Menge groer und kleiner Perspektive hervorgeholt. Sowie die Brillen
fort waren, wurde Nathanael ganz ruhig und an Clara denkend sah
er wohl ein, da der entsetzliche Spuk nur aus seinem Innern
hervorgegangen, sowie da Coppola ein hchst ehrlicher Mechanikus
und Optikus, keineswegs aber Coppelii verfluchter Doppeltgnger und
Revenant sein knne. Zudem hatten alle Glser, die Coppola nun auf
den Tisch gelegt, gar nichts Besonderes, am wenigsten so etwas
Gespenstisches wie die Brillen und, um alles wieder gutzumachen,
beschlo Nathanael dem Coppola jetzt wirklich etwas abzukaufen. Er
ergriff ein kleines sehr sauber gearbeitetes Taschenperspektiv und
sah, um es zu prfen, durch das Fenster. Noch im Leben war ihm kein
Glas vorgekommen, das die Gegenstnde so rein, scharf und deutlich
dicht vor die Augen rckte. Unwillkrlich sah er hinein in Spalanzanis
Zimmer; Olimpia sa, wie gewhnlich, vor dem kleinen Tisch, die Arme
darauf gelegt, die Hnde gefaltet. - Nun erschaute Nathanael erst
Olimpias wunderschn geformtes Gesicht. Nur die Augen schienen ihm gar
seltsam starr und tot. Doch wie er immer schrfer und schrfer durch
das Glas hinschaute, war es, als gingen in Olimpias Augen feuchte
Mondesstrahlen auf. Es schien, als wenn nun erst die Sehkraft
entzndet wrde; immer lebendiger und lebendiger flammten die Blicke.
Nathanael lag wie festgezaubert im Fenster, immer fort und fort die
himmlisch-schne Olimpia betrachtend. Ein Ruspern und Scharren weckte
ihn, wie aus tiefem Traum. Coppola stand hinter ihm: Tre Zechini -
drei Dukat - Nathanael hatte den Optikus rein vergessen, rasch zahlte
er das Verlangte. Nick so? - skne Glas - skne Glas! frug Coppola
mit seiner widerwrtigen heisern Stimme und dem hmischen Lcheln. Ja
ja, ja! erwiderte Nathanael verdrielich. Adieu, lieber Freund! -
Coppola verlie nicht ohne viele seltsame Seitenblicke auf Nathanael,
das Zimmer. Er hrte ihn auf der Treppe laut lachen. Nun ja, meinte
Nathanael, er lacht mich aus, weil ich ihm das kleine Perspektiv
gewi viel zu teuer bezahlt habe - zu teuer bezahlt! - Indem er
diese Worte leise sprach, war es, als halle ein tiefer Todesseufzer
grauenvoll durch das Zimmer, Nathanaels Atem stockte vor innerer
Angst. - Er hatte ja aber selbst so aufgeseufzt, das merkte er wohl.
Clara, sprach er zu sich selber, hat wohl recht, da sie mich fr
einen abgeschmackten Geisterseher hlt; aber nrrisch ist es doch -
ach wohl mehr, als nrrisch, da mich der dumme Gedanke, ich htte das
Glas dem Coppola zu teuer bezahlt, noch jetzt so sonderbar ngstigt;
den Grund davon sehe ich gar nicht ein. - Jetzt setzte er sich
hin, um den Brief an Clara zu enden, aber ein Blick durchs Fenster
berzeugte ihn, da Olimpia noch dase und im Augenblick, wie von
unwiderstehlicher Gewalt getrieben, sprang er auf, ergriff Coppolas
Perspektiv und konnte nicht los von Olimpias verfhrerischem Anblick,
bis ihn Freund und Bruder Siegmund abrief ins Kollegium bei dem
Professor Spalanzani. Die Gardine vor dem verhngnisvollen Zimmer war
dicht zugezogen, er konnte Olimpia ebensowenig hier, als die beiden
folgenden Tage hindurch in ihrem Zimmer, entdecken, unerachtet er
kaum das Fenster verlie und fortwhrend durch Coppolas Perspektiv
hinberschaute. Am dritten Tage wurden sogar die Fenster verhngt.
Ganz verzweifelt und getrieben von Sehnsucht und glhendem Verlangen
lief er hinaus vors Tor. Olimpias Gestalt schwebte vor ihm her in
den Lften und trat aus dem Gebsch, und guckte ihn an mit groen
strahlenden Augen, aus dem hellen Bach. Claras Bild war ganz aus
seinem Innern gewichen, er dachte nichts, als Olimpia und klagte ganz
laut und weinerlich: Ach du mein hoher herrlicher Liebesstern, bist
du mir denn nur aufgegangen, um gleich wieder zu verschwinden, und
mich zu lassen in finstrer hoffnungsloser Nacht?

Als er zurckkehren wollte in seine Wohnung, wurde er in Spalanzanis
Hause ein geruschvolles Treiben gewahr. Die Tren standen offen,
man trug allerlei Gerte hinein, die Fenster des ersten Stocks
waren ausgehoben, geschftige Mgde kehrten und stubten mit groen
Haarbesen hin- und herfahrend, inwendig klopften und hmmerten
Tischler und Tapezierer. Nathanael blieb in vollem Erstaunen auf der
Strae stehen; da trat Siegmund lachend zu ihm und sprach: Nun, was
sagst du zu unserem alten Spalanzani? Nathanael versicherte, da er
gar nichts sagen knne, da er durchaus nichts vom Professor wisse,
vielmehr mit groer Verwunderung wahrnehme, wie in dem stillen dstern
Hause ein tolles Treiben und Wirtschaften losgegangen; da erfuhr er
denn von Siegmund, da Spalanzani morgen ein groes Fest geben wolle,
Konzert und Ball, und da die halbe Universitt eingeladen sei.
Allgemein verbreite man, da Spalanzani seine Tochter Olimpia, die
er so lange jedem menschlichen Auge recht ngstlich entzogen, zum
erstenmal erscheinen lassen werde.

Nathanael fand eine Einladungskarte und ging mit hochklopfendem Herzen
zur bestimmten Stunde, als schon die Wagen rollten und die Lichter in
den geschmckten Slen schimmerten, zum Professor. Die Gesellschaft
war zahlreich und glnzend. Olimpia erschien sehr reich und
geschmackvoll gekleidet. Man mute ihr schngeformtes Gesicht,
ihren Wuchs bewundern. Der etwas seltsam eingebogene Rcken, die
wespenartige Dnne des Leibes schien von zu starkem Einschnren
bewirkt zu sein. In Schritt und Stellung hatte sie etwas Abgemessenes
und Steifes, das manchem unangenehm auffiel; man schrieb es dem Zwange
zu, den ihr die Gesellschaft auflegte. Das Konzert begann. Olimpia
spielte den Flgel mit groer Fertigkeit und trug ebenso eine
Bravour-Arie mit heller, beinahe schneidender Glasglockenstimme vor.
Nathanael war ganz entzckt; er stand in der hintersten Reihe und
konnte im blendenden Kerzenlicht Olimpias Zge nicht ganz erkennen.
Ganz unvermerkt nahm er deshalb Coppolas Glas hervor und schaute hin
nach der schnen Olimpia. Ach! - da wurde er gewahr, wie sie voll
Sehnsucht nach ihm herbersah, wie jeder Ton erst deutlich aufging in
dem Liebesblick, der zndend sein Inneres durchdrang. Die knstlichen
Rouladen schienen dem Nathanael das Himmelsjauchzen des in Liebe
verklrten Gemts, und als nun endlich nach der Kadenz der lange
Trillo recht schmetternd durch den Saal gellte, konnte er wie von
glhenden rmen pltzlich erfat sich nicht mehr halten, er mute vor
Schmerz und Entzcken laut aufschreien: Olimpia! - Alle sahen sich
um nach ihm, manche lachten. Der Domorganist schnitt aber noch ein
finstreres Gesicht, als vorher und sagte blo: Nun nun! - Das
Konzert war zu Ende, der Ball fing an. Mit ihr zu tanzen! - mit ihr!
das war nun dem Nathanael das Ziel aller Wnsche, alles Strebens;
aber wie sich erheben zu dem Mut, sie, die Knigin des Festes,
aufzufordern? Doch! - er selbst wute nicht wie es geschah, da er,
als schon der Tanz angefangen, dicht neben Olimpia stand, die noch
nicht aufgefordert worden, und da er, kaum vermgend einige Worte zu
stammeln, ihre Hand ergriff. Eiskalt war Olimpias Hand, er fhlte sich
durchbebt von grausigem Todesfrost, er starrte Olimpia ins Auge, das
strahlte ihm voll Liebe und Sehnsucht entgegen und in dem Augenblick
war es auch, als fingen an in der kalten Hand Pulse zu schlagen und
des Lebensblutes Strme zu glhen. Und auch in Nathanaels Innerm
glhte hher auf die Liebeslust, er umschlang die schne Olimpia und
durchflog mit ihr die Reihen. - Er glaubte sonst recht taktmig
getanzt zu haben, aber an der ganz eignen rhythmischen Festigkeit,
womit Olimpia tanzte und die ihn oft ordentlich aus der Haltung
brachte, merkte er bald, wie sehr ihm der Takt gemangelt. Er wollte
jedoch mit keinem andern Frauenzimmer mehr tanzen und htte jeden, der
sich Olimpia nherte, um sie aufzufordern, nur gleich ermorden mgen.
Doch nur zweimal geschah dies, zu seinem Erstaunen blieb darauf
Olimpia bei jedem Tanze sitzen und er ermangelte nicht, immer wieder
sie aufzuziehen. Htte Nathanael auer der schnen Olimpia noch etwas
andres zu sehen vermocht, so wre allerlei fataler Zank und Streit
unvermeidlich gewesen; denn offenbar ging das halbleise, mhsam
unterdrckte Gelchter, was sich in diesem und jenem Winkel unter den
jungen Leuten erhob, auf die schne Olimpia, die sie mit ganz kuriosen
Blicken verfolgten, man konnte gar nicht wissen, warum? Durch den Tanz
und durch den reichlich genossenen Wein erhitzt, hatte Nathanael alle
ihm sonst eigne Scheu abgelegt. Er sa neben Olimpia, ihre Hand in
der seinigen und sprach hochentflammt und begeistert von seiner Liebe
in Worten, die keiner verstand, weder er, noch Olimpia. Doch diese
vielleicht; denn sie sah ihm unverrckt ins Auge und seufzte einmal
bers andere: Ach - Ach - Ach! - worauf denn Nathanael also sprach:
O du herrliche, himmlische Frau! - du Strahl aus dem verheienen
Jenseits der Liebe - du tiefes Gemt, in dem sich mein ganzes Sein
spiegelt und noch mehr dergleichen, aber Olimpia seufzte blo immer
wieder: Ach, Ach! - Der Professor Spalanzani ging einigemal bei den
Glcklichen vorber und lchelte sie ganz seltsam zufrieden an. Dem
Nathanael schien es, unerachtet er sich in einer ganz andern Welt
befand, mit einemmal, als wrd es hienieden beim Professor Spalanzani
merklich finster; er schaute um sich und wurde zu seinem nicht
geringen Schreck gewahr, da eben die zwei letzten Lichter in dem
leeren Saal herniederbrennen und ausgehen wollten. Lngst hatten Musik
und Tanz aufgehrt. Trennung, Trennung, schrie er ganz wild und
verzweifelt, er kte Olimpias Hand, er neigte sich zu ihrem Munde,
eiskalte Lippen begegneten seinen glhenden! - So wie, als er Olimpias
kalte Hand berhrte, fhlte er sich von innerem Grausen erfat, die
Legende von der toten Braut ging ihm pltzlich durch den Sinn; aber
fest hatte ihn Olimpia an sich gedrckt, und in dem Ku schienen die
Lippen zum Leben zu erwarmen. - Der Professor Spalanzani schritt
langsam durch den leeren Saal, seine Schritte klangen hohl wieder
und seine Figur, von flackernden Schlagschatten umspielt, hatte ein
grauliches gespenstisches Ansehen. Liebst du mich - liebst du mich
Olimpia? - Nur dies Wort! - Liebst du mich? So flsterte Nathanael,
aber Olimpia seufzte, indem sie aufstand, nur: Ach - Ach! - Ja
du mein holder, herrlicher Liebesstern, sprach Nathanael, bist
mir aufgegangen und wirst leuchten, wirst verklren mein Inneres
immerdar! - Ach, ach! replizierte Olimpia fortschreitend.
Nathanael folgte ihr, sie standen vor dem Professor. Sie haben sich
auerordentlich lebhaft mit meiner Tochter unterhalten, sprach dieser
lchelnd: Nun, nun, lieber Herr Nathanael, finden Sie Geschmack
daran, mit dem blden Mdchen zu konvergieren, so sollen mir Ihre
Besuche willkommen sein. - Einen ganzen hellen strahlenden Himmel
in der Brust schied Nathanael von dannen. Spalanzanis Fest war der
Gegenstand des Gesprchs in den folgenden Tagen. Unerachtet der
Professor alles getan hatte, recht splendid zu erscheinen, so wuten
doch die lustigen Kpfe von allerlei Unschicklichem und Sonderbarem
zu erzhlen, das sich begeben, und vorzglich fiel man ber die
todstarre, stumme Olimpia her, der man, ihres schnen uern
unerachtet, totalen Stumpfsinn andichten und darin die Ursache finden
wollte, warum Spalanzani sie so lange verborgen gehalten. Nathanael
vernahm das nicht ohne innern Grimm, indessen schwieg er; denn, dachte
er, wrde es wohl verlohnen, diesen Burschen zu beweisen, da eben ihr
eigner Stumpfsinn es ist, der sie Olimpias tiefes herrliches Gemt zu
erkennen hindert? Tu mir den Gefallen, Bruder, sprach eines Tages
Siegmund, tu mir den Gefallen und sage, wie es dir gescheuten Kerl
mglich war, dich in das Wachsgesicht, in die Holzpuppe da drben zu
vergaffen? Nathanael wollte zornig auffahren, doch schnell besann
er sich und erwiderte: Sage _du_ mir Siegmund, wie deinem, sonst
alles Schne klar auffassenden Blick, deinem regen Sinn, Olimpias
himmlischer Liebreiz entgehen konnte? Doch eben deshalb habe ich, Dank
sei es dem Geschick, dich nicht zum Nebenbuhler; denn sonst mte
einer von uns blutend fallen. Siegmund merkte wohl, wie es mit dem
Freunde stand, lenkte geschickt ein, und fgte, nachdem er geuert,
da in der Liebe niemals ber den Gegenstand zu richten sei, hinzu:
Wunderlich ist es doch, da viele von uns ber Olimpia ziemlich
gleich urteilen. Sie ist uns - nimm es nicht bel, Bruder! - auf
seltsame Weise starr und seelenlos erschienen. Ihr Wuchs ist
regelmig, so wie ihr Gesicht, das ist wahr! - Sie knnte fr schn
gelten, wenn ihr Blick nicht so ganz ohne Lebensstrahl, ich mchte
sagen, ohne Sehkraft wre. Ihr Schritt ist sonderbar abgemessen, jede
Bewegung scheint durch den Gang eines aufgezogenen Rderwerks bedingt.
Ihr Spiel, ihr Singen hat den unangenehm richtigen geistlosen Takt der
singenden Maschine und ebenso ist ihr Tanz. Uns ist diese Olimpia ganz
unheimlich geworden, wir mochten nichts mit ihr zu schaffen haben,
es war uns als tue sie nur so wie ein lebendiges Wesen und doch habe
es mit ihr eine eigne Bewandtnis. - Nathanael gab sich dem bittern
Gefhl, das ihn bei diesen Worten Siegmunds ergreifen wollte, durchaus
nicht hin, er wurde Herr seines Unmuts und sagte blo sehr ernst:
Wohl mag euch, ihr kalten prosaischen Menschen, Olimpia unheimlich
sein. Nur dem poetischen Gemt entfaltet sich das gleich organisierte!
- Nur _mir_ ging ihr Liebesblick auf und durchstrahlte Sinn und
Gedanken, nur in Olimpias Liebe finde ich mein Selbst wieder. Euch mag
es nicht recht sein, da sie nicht in platter Konversation faselt, wie
die andern flachen Gemter. Sie spricht wenig Worte, das ist wahr;
aber diese wenigen Worte erscheinen als echte Hieroglyphe der innern
Welt voll Liebe und hoher Erkenntnis des geistigen Lebens in der
Anschauung des ewigen Jenseits. Doch fr alles das habt ihr keinen
Sinn und alles sind verlorne Worte. - Behte dich Gott, Herr
Bruder, sagte Siegmund sehr sanft, beinahe wehmtig, aber mir
scheint es, du seist auf bsem Wege. Auf mich kannst du rechnen, wenn
alles - Nein, ich mag nichts weiter sagen! - Dem Nathanael war es
pltzlich, als meine der kalte prosaische Siegmund es sehr treu mit
ihm, er schttelte daher die ihm dargebotene Hand recht herzlich.

Nathanael hatte rein vergessen, da es eine Clara in der Welt gebe,
die er sonst geliebt; - die Mutter - Lothar - alle waren aus seinem
Gedchtnis entschwunden, er lebte nur fr Olimpia, bei der er tglich
stundenlang sa und von seiner Liebe, von zum Leben erglhter
Sympathie, von psychischer Wahlverwandtschaft fantasierte, welches
alles Olimpia mit groer Andacht anhrte. Aus dem tiefsten Grunde des
Schreibpults holte Nathanael alles hervor, was er jemals geschrieben.
Gedichte, Fantasien, Visionen, Romane, Erzhlungen, das wurde tglich
vermehrt mit allerlei ins Blaue fliegenden Sonetten, Stanzen,
Kanzonen, und das alles las er der Olimpia stundenlang hintereinander
vor, ohne zu ermden. Aber auch noch nie hatte er eine solche
herrliche Zuhrerin gehabt. Sie stickte und strickte nicht, sie sah
nicht durchs Fenster, sie ftterte keinen Vogel, sie spielte mit
keinem Schohndchen, mit keiner Lieblingskatze, sie drehte keine
Papierschnitzchen, oder sonst etwas in der Hand, sie durfte kein
Ghnen durch einen leisen erzwungenen Husten bezwingen - kurz! -
stundenlang sah sie mit starrem Blick unverwandt dem Geliebten ins
Auge, ohne sich zu rcken und zu bewegen und immer glhender, immer
lebendiger wurde dieser Blick. Nur wenn Nathanael endlich aufstand und
ihr die Hand, auch wohl den Mund kte, sagte sie: Ach, Ach! - dann
aber: Gute Nacht, mein Lieber! - O du herrliches, du tiefes Gemt,
rief Nathanael auf seiner Stube: nur von dir, von dir allein werd ich
ganz verstanden. Er erbebte vor innerm Entzcken, wenn er bedachte,
welch wunderbarer Zusammenklang sich in seinem und Olimpias Gemt
tglich mehr offenbare; denn es schien ihm, als habe Olimpia ber
seine Werke, ber seine Dichtergabe berhaupt recht tief aus seinem
Innern gesprochen, ja als habe die Stimme aus seinem Innern selbst
herausgetnt. Das mute denn wohl auch sein; denn mehr Worte als
vorhin erwhnt, sprach Olimpia niemals. Erinnerte sich aber auch
Nathanael in hellen nchternen Augenblicken, z.B. morgens gleich
nach dem Erwachen, wirklich an Olimpias gnzliche Passivitt und
Wortkargheit, so sprach er doch: Was sind Worte - Worte! - Der Blick
ihres himmlischen Auges sagt mehr als jede Sprache hienieden. Vermag
denn berhaupt ein Kind des Himmels sich einzuschichten in den engen
Kreis, den ein klgliches irdisches Bedrfnis gezogen? - Professor
Spalanzani schien hocherfreut ber das Verhltnis seiner Tochter
mit Nathanael; er gab diesem allerlei unzweideutige Zeichen seines
Wohlwollens und als es Nathanael endlich wagte von ferne auf eine
Verbindung mit Olimpia anzuspielen, lchelte dieser mit dem ganzen
Gesicht und meinte: er werde seiner Tochter vllig freie Wahl lassen.
- Ermutigt durch diese Worte, brennendes Verlangen im Herzen, beschlo
Nathanael, gleich am folgenden Tage Olimpia anzusehen, da sie das
unumwunden in deutlichen Worten ausspreche, was lngst ihr holder
Liebesblick ihm gesagt, da sie sein eigen immerdar sein wolle. Er
suchte nach dem Ringe, den ihm beim Abschiede die Mutter geschenkt, um
ihn Olimpia als Symbol seiner Hingebung, seines mit ihr aufkeimenden,
blhenden Lebens darzureichen. Claras, Lothars Briefe fielen ihm
dabei in die Hnde; gleichgltig warf er sie beiseite, fand den Ring,
steckte ihn ein und rannte herber zu Olimpia. Schon auf der Treppe,
auf dem Flur, vernahm er ein wunderliches Getse; es schien aus
Spalanzanis Studierzimmer herauszuschallen. - Ein Stampfen - ein
Klirren - ein Stoen - Schlagen gegen die Tr, dazwischen Flche und
Verwnschungen. La los - la los - Infamer - Verruchter! - Darum Leib
und Leben daran gesetzt? - ha ha ha ha! - so haben wir nicht gewettet
- ich, ich hab die Augen gemacht - ich das Rderwerk - dummer Teufel
mit deinem Rderwerk - verfluchter Hund von einfltigem Uhrmacher -
fort mit dir - Satan - halt - Peipendreher - teuflische Bestie! - halt
- fort - la los! - Es waren Spalanzanis und des grlichen Coppelius
Stimmen, die so durcheinander schwirrten und tobten. Hinein strzte
Nathanael von namenloser Angst ergriffen. Der Professor hatte eine
weibliche Figur bei den Schultern gepackt, der Italiener Coppola bei
den Fen, die zerrten und zogen sie hin und her, streitend in voller
Wut um den Besitz. Voll tiefen Entsetzens prallte Nathanael zurck,
als er die Figur fr Olimpia erkannte; aufflammend in wildem Zorn
wollte er den Wtenden die Geliebte entreien, aber in dem Augenblick
wand Coppola sich mit Riesenkraft drehend die Figur dem Professor aus
den Hnden und versetzte ihm mit der Figur selbst einen frchterlichen
Schlag, da er rcklings ber den Tisch, auf dem Phiolen, Retorten,
Flaschen, glserne Zylinder standen, taumelte und hinstrzte; alles
Gert klirrte in tausend Scherben zusammen. Nun warf Coppola die Figur
ber die Schulter und rannte mit frchterlich gellendem Gelchter
rasch fort die Treppe herab, so da die hlich herunterhngenden Fe
der Figur auf den Stufen hlzern klapperten und drhnten. - Erstarrt
stand Nathanael - nur zu deutlich hatte er gesehen, Olimpias
toderbleichtes Wachsgesicht hatte keine Augen, statt ihrer schwarze
Hhlen; sie war eine leblose Puppe. Spalanzani wlzte sich auf der
Erde, Glasscherben hatten ihm Kopf, Brust und Arm zerschnitten, wie
aus Springquellen strmte das Blut empor. Aber er raffte seine Krfte
zusammen. - Ihm nach - ihm nach, was zauderst du? - Coppelius -
Coppelius, mein bestes Automat hat er mir geraubt - Zwanzig Jahre
daran gearbeitet - Leib und Leben daran gesetzt - das Rderwerk
- Sprache - Gang - mein - die Augen - die Augen dir gestohlen. -
Verdammter - Verfluchter - ihm nach - hol mir Olimpia - da hast du die
Augen! - Nun sah Nathanael, wie ein Paar blutige Augen auf dem Boden
liegend ihn anstarrten, die ergriff Spalanzani mit der unverletzten
Hand und warf sie nach ihm, da sie seine Brust trafen. - Da packte
ihn der Wahnsinn mit glhenden Krallen und fuhr in sein Inneres
hinein Sinn und Gedanken zerreiend. Hui - hui - hui! - _Feuerkreis_ -
_Feuerkreis_! dreh dich _Feuerkreis_ - lustig - lustig! - Holzpppchen hui
schn Holzpppchen dreh dich - damit warf er sich auf den Professor
und drckte ihm die Kehle zu. Er htte ihn erwrgt, aber das Getse
hatte viele Menschen herbeigelockt, die drangen ein, rissen den
wtenden Nathanael auf und retteten so den Professor, der gleich
verbunden wurde. Siegmund, so stark er war, vermochte nicht den
Rasenden zu bndigen; der schrie mit frchterlicher Stimme immerfort:
Holzpppchen dreh dich und schlug um sich mit geballten Fusten.
Endlich gelang es der vereinten Kraft mehrerer, ihn zu berwltigen,
indem sie ihn zu Boden warfen und banden. Seine Worte gingen unter
in entsetzlichem tierischen Gebrll. So in grlicher Raserei tobend
wurde er nach dem Tollhause gebracht.

Ehe ich, gnstiger Leser! dir zu erzhlen fortfahre, was sich weiter
mit dem unglcklichen Nathanael zugetragen, kann ich dir, solltest du
einigen Anteil an dem geschickten Mechanikus und Automat-Fabrikanten
Spalanzani nehmen, versichern, da er von seinen Wunden vllig geheilt
wurde. Er mute indes die Universitt verlassen, weil Nathanaels
Geschichte Aufsehen erregt hatte und es allgemein fr gnzlich
unerlaubten Betrug gehalten wurde, vernnftigen Teezirkeln (Olimpia
hatte sie mit Glck besucht) statt der lebendigen Person eine
Holzpuppe einzuschwrzen. Juristen nannten es sogar einen feinen
und um so hrter zu bestrafenden Betrug, als er gegen das Publikum
gerichtet und so schlau angelegt worden, da kein Mensch (ganz kluge
Studenten ausgenommen) es gemerkt habe, unerachtet jetzt alle weise
tun und sich auf allerlei Tatsachen berufen wollten, die ihnen
verdchtig vorgekommen. Diese letzteren brachten aber eigentlich
nichts Gescheutes zutage. Denn konnte z.B. wohl irgend jemanden
verdchtig vorgekommen sein, da nach der Aussage eines eleganten
Teeisten Olimpia gegen alle Sitte fter genieset, als geghnt hatte?
Ersteres, meinte der Elegant, sei das Selbstaufziehen des verborgenen
Triebwerks gewesen, merklich habe es dabei geknarrt usw. Der Professor
der Poesie und Beredsamkeit nahm eine Prise, klappte die Dose zu,
rusperte sich und sprach feierlich: Hochzuverehrende Herren und
Damen! merken Sie denn nicht, wo der Hase im Pfeffer liegt? Das Ganze
ist eine Allegorie - eine fortgefhrte Metapher! - Sie verstehen mich!
- Sapienti sat! Aber viele hochzuverehrende Herren beruhigten sich
nicht dabei; die Geschichte mit dem Automat hatte tief in ihrer Seele
Wurzel gefat und es schlich sich in der Tat abscheuliches Mitrauen
gegen menschliche Figuren ein. Um nun ganz berzeugt zu werden, da
man keine Holzpuppe liebe, wurde von mehrern Liebhabern verlangt, da
die Geliebte etwas taktlos singe und tanze, da sie beim Vorlesen
sticke, stricke, mit dem Mpschen spiele usw. vor allen Dingen aber,
da sie nicht blo hre, sondern auch manchmal in der Art spreche,
da dies Sprechen wirklich ein Denken und Empfinden voraussetze. Das
Liebesbndnis vieler wurde fester und dabei anmutiger, andere dagegen
gingen leise auseinander. Man kann wahrhaftig nicht dafr stehen,
sagte dieser und jener. In den Tees wurde unglaublich geghnt und
niemals genieset, um jedem Verdacht zu begegnen. - Spalanzani mute,
wie gesagt, fort, um der Kriminaluntersuchung wegen [des] der
menschlichen Gesellschaft betrglicherweise eingeschobenen Automats zu
entgehen. Coppola war auch verschwunden.

Nathanael erwachte wie aus schwerem, frchterlichem Traum, er schlug
die Augen auf und fhlte wie ein unbeschreibliches Wonnegefhl mit
sanfter himmlischer Wrme ihn durchstrmte. Er lag in seinem Zimmer in
des Vaters Hause auf dem Bette, Clara hatte sich ber ihn hingebeugt
und unfern standen die Mutter und Lothar. Endlich, endlich, o mein
herzlieber Nathanael - nun bist du genesen von schwerer Krankheit -
nun bist du wieder mein! - So sprach Clara recht aus tiefer Seele und
fate den Nathanael in ihre Arme. Aber dem quollen vor lauter Wehmut
und Entzcken die hellen glhenden Trnen aus den Augen und er sthnte
tief auf. Meine - meine Clara! - Siegmund, der getreulich ausgeharrt
bei dem Freunde in groer Not, trat herein. Nathanael reichte ihm die
Hand: Du treuer Bruder hast mich doch nicht verlassen. - Jede Spur
des Wahnsinns war verschwunden, bald erkrftigte sich Nathanael in der
sorglichen Pflege der Mutter, der Geliebten, der Freunde. Das Glck
war unterdessen in das Haus eingekehrt; denn ein alter karger Oheim,
von dem niemand etwas gehofft, war gestorben und hatte der Mutter
nebst einem nicht unbedeutenden Vermgen ein Gtchen in einer
angenehmen Gegend unfern der Stadt hinterlassen. Dort wollten sie
hinziehen, die Mutter, Nathanael mit seiner Clara, die er nun zu
heiraten gedachte, und Lothar. Nathanael war milder, kindlicher
geworden, als er je gewesen und erkannte nun erst recht Claras
himmlisch reines, herrliches Gemt. Niemand erinnerte ihn auch nur
durch den leisesten Anklang an die Vergangenheit. Nur, als Siegmund
von ihm schied, sprach Nathanael: Bei Gott Bruder! ich war auf
schlimmen Wege, aber zu rechter Zeit leitete mich ein Engel auf den
lichten Pfad! - Ach es war ja Clara! - Siegmund lie ihn nicht weiter
reden, aus Besorgnis, tief verletzende Erinnerungen mchten ihm
zu hell und flammend aufgehen. - Es war an der Zeit, da die
vier glcklichen Menschen nach dem Gtchen ziehen wollten. Zur
Mittagsstunde gingen sie durch die Straen der Stadt. Sie hatten
manches eingekauft, der hohe Ratsturm warf seinen Riesenschatten ber
den Markt. Ei! sagte Clara: steigen wir doch noch einmal herauf und
schauen in das ferne Gebirge hinein! Gesagt, getan! Beide, Nathanael
und Clara, stiegen herauf, die Mutter ging mit der Dienstmagd nach
Hause, und Lothar, nicht geneigt, die vielen Stufen zu erklettern,
wollte unten warten. Da standen die beiden Liebenden Arm in Arm auf
der hchsten Galerie des Turmes und schauten hinein in die duftigen
Waldungen, hinter denen das blaue Gebirge, wie eine Riesenstadt, sich
erhob.

Sieh doch den sonderbaren kleinen grauen Busch, der ordentlich
auf uns los zu schreiten scheint, frug Clara. - Nathanael fate
mechanisch nach der Seitentasche; er fand Coppolas Perspektiv,
er schaute seitwrts - Clara stand vor dem Glase! - Da zuckte es
krampfhaft in seinen Pulsen und Adern - totenbleich starrte er Clara
an, aber bald glhten und sprhten Feuerstrme durch die rollenden
Augen, grlich brllte er auf, wie ein gehetztes Tier; dann sprang
er hoch in die Lfte und grausig dazwischen lachend schrie er in
schneidendem Ton: Holzpppchen dreh dich - Holzpppchen dreh
dich - und mit gewaltiger Kraft fate er Clara und wollte sie
herabschleudern, aber Clara krallte sich in verzweifelnder Todesangst
fest an das Gelnder. Lothar hrte den Rasenden toben, er hrte Claras
Angstgeschrei, grliche Ahnung durchflog ihn, er rannte herauf,
die Tr der zweiten Treppe war verschlossen - strker hallte Claras
Jammergeschrei. Unsinnig vor Wut und Angst stie er gegen die Tr, die
endlich aufsprang - Matter und matter wurden nun Claras Laute: Hlfe
- rettet - rettet - so erstarb die Stimme in den Lften. Sie ist
hin - ermordet von dem Rasenden, so schrie Lothar. Auch die Tr zur
Galerie war zugeschlagen. - Die Verzweiflung gab ihm Riesenkraft, er
sprengte die Tr aus den Angeln. Gott im Himmel - Clara schwebte von
dem rasenden Nathanael erfat ber der Galerie in den Lften - nur mit
einer Hand hatte sie noch die Eisenstbe umklammert. Rasch wie der
Blitz erfate Lothar die Schwester, zog sie hinein, und schlug im
demselben Augenblick mit geballter Faust dem Wtenden ins Gesicht, da
er zurckprallte und die Todesbeute fallen lie.

Lothar rannte herab, die ohnmchtige Schwester in den Armen. - Sie war
gerettet. - Nun raste Nathanael herum auf der Galerie und sprang hoch
in die Lfte und schrie _Feuerkreis_ dreh dich - _Feuerkreis_ dreh dich
- Die Menschen liefen auf das wilde Geschrei zusammen; unter ihnen
ragte riesengro der Advokat Coppelius hervor, der eben in die Stadt
gekommen und gerades Weges nach dem Markt geschritten war. Man wollte
herauf, um sich des Rasenden zu bemchtigen, da lachte Coppelius
sprechend: Ha ha - wartet nur, der kommt schon herunter von selbst,
und schaute wie die brigen hinauf. Nathanael blieb pltzlich wie
erstarrt stehen, er bckte sich herab, wurde den Coppelius gewahr und
mit dem gellenden Schrei: Ha! Skne Oke - Skne Oke, sprang er ber
das Gelnder.

Als Nathanael mit zerschmettertem Kopf auf dem, Steinpflaster lag, war
Coppelius im Gewhl verschwunden.

Nach mehreren Jahren will man in einer entfernten Gegend Clara gesehen
haben, wie sie mit einem freundlichen Mann, Hand in Hand vor der Tre
eines schnen Landhauses sa und vor ihr zwei muntre Knaben spielten.
Es wre daraus zu schlieen, da Clara das ruhige husliche Glck noch
fand, das ihrem heitern lebenslustigen Sinn zusagte und das ihr der im
Innern zerrissene Nathanael niemals htte gewhren knnen.



Ignaz Denner

Vor alter lngst verfloner Zeit lebte in einem wilden einsamen Forst
des Fuldaischen Gebiets ein wackrer Jgersmann, Andres mit Namen. Er
war sonst Leibjger des Herrn Grafen Aloys von Vach gewesen, den er
auf weiten Reisen durch das schne Welschland begleitet, und einmal,
als sie auf den unsichern Wegen in dem Knigreich Neapel von
Straenrubern angefallen wurden, durch seine Klugheit und Tapferkeit
aus groer Lebensgefahr gerettet hatte. In dem Wirtshause zu Neapel,
wo sie eingekehrt waren, befand sich ein armes, bildschnes Mdchen,
die von dem Hauswirt, der sie als eine Waise aufgenommen, gar hart
behandelt und zu den niedrigsten Arbeiten in Hof und Kche gebraucht
wurde. Andres suchte sie, so gut er sich ihr verstndlich machen
konnte, mit trostreichen Worten aufzurichten, und das Mdchen fate
solche Liebe zu ihm, da sie sich nicht mehr von ihm trennen, sondern
mitziehen wollte nach dem kalten Deutschland. Der Graf von Vach,
gerhrt von Andres' Bitten und Giorginas Trnen, erlaubte, da sie
sich zu dem geliebten Andres auf den Kutschbock setzen, und so die
beschwerliche Reise machen durfte. Schon ehe sie ber die Grenzen von
Italien hinausgekommen, lie sich Andres mit seiner Giorgina trauen
und als sie dann nun endlich zurckgekehrt waren auf die Gter des
Grafen von Vach, glaubte dieser den treuen Diener recht zu belohnen,
da er ihn zu seinem Revierjger ernannte. Mit seiner Giorgina und
einem alten Knecht zog er in den einsamen rauhen Wald, den er
schtzen sollte wider die Freijger und Holzdiebe. Statt des geholten
Wohlstandes, den ihm der Graf von Vach verheien, fhrte er aber ein
beschwerliches, mhseliges, drftiges Leben und geriet bald in Kummer
und Elend. Der kleine Lohn an barem Geld, den er von dem Grafen
erhielt, reichte kaum hin, sich und seine Giorgina zu kleiden; die
geringen Geflle, die ihm bei Holzverkufen zukamen, waren selten
und ungewi und den Garten, auf dessen Bebauung und Benutzung er
angewiesen, verwsteten oft die Wlfe und die wilden Schweine, er
mochte mit seinem Knecht auf der Hut sein, wie er wollte, so da
bisweilen in einer Nacht die letzte Hoffnung des Lebensunterhalts
vereitelt ward. Dabei war sein Leben stets bedroht von den Holzdieben
und Freischtzen. Jeder Lockung widerstand er als ein wackrer frommer
Mann, der lieber darben, als ungerechtes Gut an sich bringen wollte
und verwaltete sein Amt getreulich und tapfer, deshalb stellten sie
ihm nach auf gefhrliche Weise, und nur seine treuen Doggen schtzten
ihn vor nchtlichem berfall des Raubgesindels. Giorgina, des Klimas
und der Lebensweise in dem wilden Forst ganz ungewohnt, welkte
zusehends hin. Ihre brunliche Gesichtsfarbe verwandelte sich in
fahles Gelb, ihre lebhaften blitzenden Augen wurden dster, und ihr
voller, ppiger Wuchs magerte mit jedem Tage mehr ab. Oft erwachte sie
in mondheller Nacht. Schsse krachten in der Ferne durch den Wald, die
Doggen heulten, leise erhob sich der Mann vom Lager und schlich mit
dem Knecht murmelnd hinaus in den Forst. Dann betete sie inbrnstig
zu Gott und zu den Heiligen, da sie und ihr treuer Mann errettet
werden mchten aus dieser schrecklichen Einde und aus der steten
Todesgefahr. Die Geburt eines Knaben warf Giorgina endlich auf das
Krankenlager, und immer schwcher und schwcher werdend, sah sie ihr
Ende vor Augen. Dumpf in sich hinbrtend, schlich der unglckliche
Andres umher; alles Glck war mit der Krankheit seines Weibes von ihm
gewichen. Wie neckendes, gespenstisches Wesen guckte das Wild aus den
Bschen; sowie er sein Gewehr abdrckte, war es verstoben in der Luft.
Er konnte kein Tier mehr treffen und nur sein Knecht, ein gebter
Schtze, beschaffte das Wild, welches er dem Grafen von Vach zu
liefern gehalten war. Einst sa er an Giorginas Bette, den starren
Blick auf das geliebte Weib gerichtet, die ermattet zum Tode kaum mehr
atmete. In dumpfem, lautlosem Schmerz hatte er ihre Hand gefat und
hrte nicht das chzen des Knaben, der nahrungslos verschmachten
wollte. Der Knecht ging schon am frhen Morgen nach Fulda, um fr das
letzte Ersparnis einige Erquickung fr die Kranke herbeizuschaffen.
Kein menschliches trstendes Wesen war weit und breit zu finden, nur
der Sturm heulte in schneidenden Tnen des entsetzlichen Jammers durch
die schwarzen Tannen und die Doggen winselten, wie in trostloser
Klage, um den unglcklichen Herrn. Da hrte Andres auf einmal es vor
dem Hause daherschreiten, wie menschliche Futritte. Er glaubte,
es wre der zurckkehrende Knecht, unerachtet er ihn nicht so frh
erwarten konnte, aber die Hunde sprangen heraus und bellten heftig. Es
mute ein Fremder sein. Andres ging selbst vor die Tr: da trat ihm
ein langer, hagerer Mann entgegen, in grauem Mantel, die Reisemtze
tief ins Gesicht gedrckt. Ei, sagte der Fremde: wie bin ich doch
hier im Walde so irre gegangen! Der Sturm tobt von den Bergen herab,
wir bekommen ein schrecklich Wetter. Mchtet Ihr nicht erlauben,
lieber Herr! da ich in Euer Haus eintreten und mich von dem
beschwerlichen Wege erholen und erquicken drfte zur weitern Reise? -
Ach Herr, erwiderte der betrbte Andres, Ihr kommt in ein Haus der
Not und des Elends und auer dem Stuhl, auf dem Ihr ausruhen knnt,
vermag ich kaum Euch irgend eine Erquickung anzubieten; meinem armen
kranken Weibe mangelt es selbst daran, und mein Knecht, den ich
nach Fulda geschickt, wird erst am spten Abend etwas zur Labung
herbeibringen. Unter diesen Worten waren sie in die Stube getreten.
Der Fremde legte seine Reisemtze und seinen Mantel ab, unter dem er
ein Felleisen und ein Kistchen trug. Er zog auch ein Stilett und ein
paar Terzerole hervor, die er auf den Tisch legte. Andres war an
Giorginas Bett getreten, sie lag in bewutlosem Zustande. Der
Fremde trat ebenfalls hinzu, schaute die Kranke lange mit scharfen,
bedchtigen Blicken an und ergriff ihre Hand, den Puls sorglich
erforschend. Als nun Andres voll Verzweiflung ausrief: Ach Gott, nun
stirbt sie wohl! da sagte der Fremde: Mit nichten, lieber Freund!
seid ganz ruhig. Euerm Weibe fehlt nichts als krftige, gute Nahrung,
und vor der Hand wird ihr ein Mittel, das zugleich reizt und strkt,
die besten Dienste tun. Ich bin zwar kein Arzt, sondern vielmehr ein
Kaufmann, allein doch in der Arzneiwissenschaft nicht unerfahren, und
besitze aus uralter Zeit her manches Arcanum, welches ich mit mir
fhre und auch wohl verkaufe. Damit ffnete der Fremde sein Kistchen,
holte eine Phiole heraus, trpfelte von dem ganz dunkelroten Liquor
etwas auf Zucker und gab es der Kranken. Dann holte er aus dem
Felleisen eine kleine geschliffene Flasche kstlichen Rheinweins und
flte der Kranken ein paar Lffel voll ein. Den Knaben, befahl er,
nur dicht an der Mutter Brust gelehnt ins Bette zu legen und beide der
Ruhe zu berlassen. Dem Andres war es zumute, als sei ein Heiliger
herabgestiegen in die Einde, ihm Trost und Hlfe zu bringen. Anfangs
hatte ihn der stechende, falsche Blick des Fremden abgeschreckt, jetzt
wurde er durch die sorgliche Teilnahme, durch die augenscheinliche
Hlfe, die er der armen Giorgina leistete, zu ihm hingezogen. Er
erzhlte dem Fremden unverhohlen, wie er eben durch die Gnade, die ihm
sein Herr, der Graf von Vach, angedeihen lassen wollen, in Not und
Elend geraten sei und wie er wohl Zeit seines Lebens nicht aus
drckender Armut und Drftigkeit kommen werde. Der Fremde trstete
ihn dagegen und meinte, wie oft ein unverhofftes Glck dem
Hoffnungslosesten alle Gter des Lebens bringe, und da man wohl etwas
wagen msse, das Glck selbst sich dienstbar zu machen. Ach lieber
Herr! erwiderte Andres, ich vertraue Gott und der Frsprache der
Heiligen, zu denen wir, ich und mein treues Weib, jeden Tag mit
Inbrunst beten. Was soll ich denn tun, um mir Geld und Gut zu
verschaffen? Ist es mir nach Gottes Weisheit nicht beschieden, so wre
es ja sndlich, darnach zu trachten; soll ich aber noch in dieser Welt
zu Gtern gelangen, welches ich meines armen Weibes halber wnsche,
die ihr schnes Vaterland verlassen, um mir in diese wilde Einde
zu folgen, so kommt es wohl, ohne da ich Leib und Leben wage um
schndes, weltliches Gut. Der Fremde lchelte bei diesen Reden des
frommen Andres auf ganz seltsame Weise und war im Begriff, etwas zu
erwidern, als Giorgina mit einem tiefen Seufzer aus dem Schlaf, in den
sie versunken, erwachte. Sie fhlte sich wunderbarlich gestrkt; auch
der Knabe lchelte hold und lieblich an ihrer Brust. Andres war auer
sich vor Freude, er weinte, er betete, er jubelte durch das Haus.
Der Knecht war indessen zurckgekommen und bereitete, so gut er es
vermochte, von den mitgebrachten Lebensmitteln das Mahl, an dem nun
der Fremde teilnehmen sollte. Der Fremde kochte selbst eine Kraftsuppe
fr Giorgina, und man sah, da er allerlei Gewrz und andere
Ingredienzien hineinwarf, die er bei sich getragen. Es war spter
Abend worden, der Fremde mute daher bei dem Andres bernachten,
und er bat, da man ihm in derselben Stube, wo Andres und Giorgina
schliefen, ein Strohlager bereiten mge. Das geschah. Andres, den die
Besorgnis um Giorgina nicht schlafen lie, bemerkte, wie der Fremde
beinahe bei jedem strkeren Atemzuge Giorginas auffuhr, wie er
stndlich aufstand, leise sich ihrem Bette nherte, ihren Puls
erforschte und ihr Arznei eintrpfelte.

Als der Morgen angebrochen, war Giorgina wieder zusehends besser
geworden. Andres dankte dem Fremden, den er seinen Schutzengel nannte,
aus der Flle seines Herzens. Auch Giorgina uerte, wie ihn wohl, auf
ihr inbrnstiges Gebet, Gott selbst gesendet habe zu ihrer Rettung.
Dem Fremden schienen diese lebhaften Ausbrche des Danks in gewisser
Art beschwerlich zu fallen; er war sichtlich verlegen und uerte ein
Mal ber das andere, wie er ja ein Unmensch sein msse, wenn er nicht
der Kranken mit seiner Kenntnis und den Arzneimitteln, die er bei sich
fhre, habe beistehen sollen. brigens sei nicht Andres, sondern er
zum Dank verpflichtet, da man ihn, der Not unerachtet, die im Hause
herrsche, so gastlich aufgenommen, und er wolle auch keineswegs diese
Pflicht unerfllt lassen. Er zog einen wohlgefllten Beutel hervor
und nahm einige Goldstcke heraus, die er dem Andres hinreichte. Ei
Herr, sagte Andres, wie und wofr sollte ich denn so vieles Geld von
Euch annehmen? Euch in meinem Hause zu beherbergen, da Ihr Euch in dem
wilden weitlufigen Forst verirrt hattet, das war ja Christenpflicht,
und dnkte Euch das irgend eines Dankes wert, so habt Ihr mich ja
berreich, ja mehr, als ich es nur mit Worten sagen mag, dadurch
belohnt, da Ihr als ein weiser kunsterfahrner Mann mein liebes Weib
vom augenscheinlichen Tode rettetet. Ach Herr! was Ihr an mir getan,
werde ich Euch ewiglich nicht vergessen, und Gott mge es mir
verleihen, da ich die edle Tat Euch mit meinem Leben und Blut lohnen
knne. Bei diesen Worten des wackern Andres fuhr es wie ein rascher
funkelnder Blitz aus den Augen des Fremden. Ihr mt, braver Mann,
sprach er, durchaus das Geld annehmen. Ihr seid das schon Euerm Weibe
schuldig, der Ihr damit bessere Nahrungsmittel und Pflege verschaffen
knnt; denn dieser bedarf sie nunmehro, um nicht wieder in ihren
vorigen Zustand zurckzufallen, und Euerm Knaben Nahrung geben zu
knnen. - Ach Herr, erwiderte Andres, verzeiht es, aber eine
innere Stimme sagt mir, da ich Euer unverdientes Geld nicht nehmen
darf. Diese innere Stimme, der ich, wie der hhern Eingebung meines
Schutzheiligen, immer vertraut, hat mich bisher sicher durch das Leben
gefhrt und mich beschtzt vor allen Gefahren des Leibes und der
Seele. Wollt Ihr gromtig handeln und an mir Armen ein briges tun,
so lat mir ein Flschlein von Eurer wundervollen Arznei zurck, damit
durch ihre Kraft mein Weib ganz genese. Giorgina richtete sich im
Bette auf, und der schmerzvolle wehmtige Blick, den sie auf Andres
warf, schien ihn anzusehen, diesmal nicht so strenge auf sein inneres
Widerstreben zu achten, sondern die Gabe des mildttigen Mannes
anzunehmen. Der Fremde bemerkte das und sprach: Nun wenn Ihr denn
durchaus mein Geld nicht annehmen wollt, so schenke ich es Euerm
lieben Weibe, die meinen guten Willen, Euch aus der bittern Not zu
retten, nicht verschmhen wird. Damit griff er noch einmal in den
Beutel, und sich der Giorgina nhernd, gab er ihr wohl noch einmal so
viel Geld, als er vorhin dem Andres angeboten hatte. Giorgina sah das
schne funkelnde Gold mit vor Freude leuchtenden Augen, sie konnte
kein Wort des Danks herausbringen, die hellen Trnen schossen ihr die
Wangen herab. Der Fremde wandte sich schnell von ihr weg, und sprach
zu Andres: Seht, lieber Mann! Ihr knnet meine Gabe getrost annehmen,
da ich nur etwas von groem berflu Euch mitteile. Gestehen will ich
Euch, da ich das nicht bin, was ich scheine. Nach meiner schlichten
Kleidung, und da ich wie ein drftiger wandernder Krmer zu Fu reise,
glaubt Ihr gewi, da ich arm bin und mich nur kmmerlich von kleinem
Verdienst auf Messen und Jahrmrkten nhre: ich mu Euch jedoch sagen,
da ich durch glcklichen Handel mit den trefflichsten Kleinodien, den
ich seit vielen Jahren treibe, ein sehr reicher Mann geworden, und nur
die einfache Lebensweise aus alter Gewohnheit beibehalten habe. In
diesem kleinen Felleisen und dem Kistchen bewahre ich Juwelen und
kstliche, zum Teil noch im grauen Altertum geschnittene Steine,
welche viele, viele Tausende wert sind. Ich habe diesmal in Frankfurt
sehr glckliche Geschfte gemacht, so da das wohl noch lange nicht
der hundertste Teil des Gewinns sein mag, was ich Euerm lieben Weibe
schenkte. berdem gebe ich Euch das Geld keineswegs umsonst, sondern
verlange von Euch dafr allerlei Geflligkeiten. Ich wollte, wie
gewhnlich, von Frankfurt nach Kassel gehen und kam von Schlchtern
aus vom richtigen Wege ab. Indessen habe ich gefunden, da der Weg
durch diesen Forst, den sonst die Reisenden scheuen, gerade fr einen
Fugnger recht anmutig ist, weshalb ich denn knftig auf gleicher
Reise immer diese Strae einschlagen und bei Euch einsprechen will.
Ihr werdet daher mich jhrlich zweimal bei Euch eintreffen sehen;
nmlich zu Ostern, wenn ich von Frankfurt nach Kassel wandere, und
im spten Herbst, wenn ich von der Leipziger Michaelismesse nach
Frankfurt und von dort nach der Schweiz und wohl auch nach Welschland
gehe. Dann sollt Ihr mich fr gute Bezahlung - einen - zwei auch wohl
drei Tage bei Euch beherbergen und das ist die erste Geflligkeit, um
die ich Euch ersuche.

Ferner bitte ich Euch, dieses kleine Kistchen, worin Waren sind, die
ich in Kassel nicht brauche, und das mir beim Wandern hinderlich ist,
zu behalten, bis ich knftigen Herbst wieder bei Euch einspreche.
Nicht verhehlen will ich, da die Waren viele Tausende wert sind, aber
ich mag Euch deshalb doch kaum grere Sorglichkeit empfehlen, da ich
nach der Treue und Frmmigkeit, die Ihr an den Tag legt, Euch zutraue,
da Ihr auch das Geringste, was ich Euch zurckliee, sorgfltig
aufbewahren wrdet; zumal werdet Ihr das bei Sachen von solch groem
Werte, als die sind, welche in dem Kistchen verschlossen, sicherlich
tun. Seht, das ist der zweite Dienst, den ich von Euch fordere.
Das Dritte, was ich verlange, wird Euch wohl am schwersten fallen,
unerachtet es mir jetzt am ntigsten tut. Ihr sollt Euer liebes Weib
nur auf diesen Tag verlassen und mich aus dem Forst bis auf die Strae
nach Hirschfeld geleiten, wo ich bei Bekannten einsprechen und dann
meine Reise nach Kassel fortsetzen will. Denn auer dem, da ich des
Weges im Forst nicht recht kundig bin und mich daher zum zweitenmal
verirren knnte, ohne von einem so wackern Mann, wie Ihr es seid,
aufgenommen zu werden, ist es auch in der Gegend nicht recht geheuer.
Euch als einem Jgersmann aus der Gegend wird man nichts anhaben, aber
ich, als einsamer Wanderer, knnte wohl gefhrdet werden. Man sprach
in Frankfurt davon, da eine Ruberbande, die sonst die Gegend von
Schaffhausen unsicher machte und sich bis nach Straburg herauf
ausdehnte, nunmehr sich ins Fuldaische geworfen haben soll, da die von
Leipzig nach Frankfurt reisenden Kaufleute ihnen reicheren Gewinst
versprachen, als sie dort finden konnten. Wie leicht wr es mglich,
da sie mich schon von Frankfurt aus als reichen Juwelenhndler
kennten. Hab ich also ja durch die Rettung Eures Weibes Dank verdient,
so knnt Ihr mich dadurch reichlich lohnen, da Ihr aus diesem Forste
mich auf Weg und Steg leitet. Andres war mit Freuden bereit, alles zu
erfllen, was man von ihm verlangte, und machte sich gleich, wie es
der Fremde wnschte, zur Wanderung fertig, indem er seine Jgeruniform
anzog, seine Doppelbchse und seinen tchtigen Hirschfnger
umschnallte und dem Knecht befahl, zwei von den Doggen anzukuppeln.
Der Fremde hatte unterdessen das Kistchen geffnet und die
prchtigsten Geschmeide, Halsketten - Ohrringe - Spangen
herausgenommen, die er auf Giorginas Bette ausbreitete, so da sie
ihre Verwunderung und Freude gar nicht bergen konnte. Als nun aber der
Fremde sie aufforderte, doch eine der schnsten Halsketten umzuhngen,
die reichen Spangen auf ihre wunderschn geformten rme zu streifen,
und ihr dann einen kleinen Taschenspiegel vorhielt, worin sie sich
nach Herzenslust beschauen konnte, so da sie in kindischer Lust
aufjauchzte, da sagte Andres zu dem Fremden: Ach lieber Herr! wie
mget Ihr doch in meinem armen Weibe solche Lsternheit erregen, da
sie sich mit Dingen putzt, die ihr nimmermehr zukommen, und auch gar
nicht anstehen. Nehmt mir es nicht bel, Herr! aber die einfache rote
Korallenschnur, die meine Giorgina um den Hals gehngt hatte, als ich
sie zum erstenmal in Neapel sah, ist mir tausendmal lieber, als das
funkelnde blitzende Geschmeide, das mir recht eitel und trgerisch
vorkommt. - Ihr seid auch gar zu strenge, erwiderte der Fremde
hhnisch lchelnd, da Ihr Euerm Weibe nicht einmal in ihrer
Krankheit die unschuldige Freude lassen wollt, sich mit meinen schnen
Geschmeiden herauszuputzen, die keineswegs trgerisch, sondern
wahrhaft echt sind. Wit Ihr denn nicht, da eben den Weibern solche
Dinge rechte Freude verursachen? Und was Ihr da sagt, da solcher
Prunk Eurer Giorgina nicht zukomme, so mu ich das Gegenteil
behaupten. Euer Weib ist hbsch genug, sich so herauszuputzen und Ihr
wit ja nicht, ob sie nicht einmal auch noch reich genug sein wird,
dergleichen Schmuck selbst zu besitzen und zu tragen. Andres sprach
mit sehr ernstem nachdrcklichen Ton: Ich bitte Euch, Herr! fhrt
nicht solche geheimnisvolle verfngliche Reden! Wollt Ihr denn mein
armes Weib betren, da sie von eitlem Gelst nach solchem weltlichen
Prunk und Staat nur drckender unsere Armut fhle und um alle
Lebensruhe, um alle Heiterkeit gebracht werde? Packt nur Eure schne
Sachen ein, lieber Herr! ich will sie Euch treulich bewahren, bis
Ihr zurckkommt. Aber sagt mir nun, wenn, wie es der Himmel verhten
mge! Euch unterdessen ein Unglck zustoen sollte, so da Ihr nicht
mehr zurckkehrtet in mein Haus, wohin soll ich dann das Kistchen
abliefern, und wie lange soll ich auf Euch warten, ehe ich die Juwelen
_dem_ einhndige, den Ihr mir nennen werdet, so wie ich Euch jetzt
um Euern Namen bitte? - Ich heie, erwiderte der Fremde, Ignaz
Denner, und bin, wie Ihr schon wisset, Kauf- und Handelsmann. Ich habe
weder Weib, noch Kinder, und meine Verwandte wohnen im Walliser Lande.
_Die_ kann ich aber keineswegs lieben und achten, da sie sich, als ich
noch arm und bedrftig war, um mich gar nicht gekmmert haben. Sollte
ich in drei Jahren mich nicht sehen lassen, so behaltet das Kistchen
ruhig an Euch und, da ich wohl wei, da beide, Ihr und Giorgina, Euch
struben werdet, das reiche Vermchtnis von mir anzunehmen, so schenke
ich in jenem Fall das Kstchen mit Kleinodien Euerm Knaben, dem ich,
wenn Ihr ihn firmeln lat, den Namen Ignatius beizugeben bitte.
Andres wute in der Tat nicht, was er aus der seltenen Freigebigkeit
und Gromut des fremden Mannes machen sollte. Er stand ganz verstummt
vor ihm, indes Giorgina ihm fr seinen guten Willen dankte und
versicherte, zu Gott und den Heiligen fleiig beten zu wollen, da sie
ihn auf seinen weiten beschwerlichen Reisen beschtzen und ihn stets
glcklich in ihr Haus zurckfhren mchten. Der Fremde lchelte, so
wie es seine Art war, auf seltsame Weise und meinte, da wohl das
Gebet einer schnen Frau mehr Kraft haben mge, als das seinige. Das
Beten wolle er daher ihr berlassen und brigens seinem krftigen
abgehrteten Krper und seinen guten Waffen vertrauen.

Dem frommen Andres mifiel diese uerung des Fremden hchlich;
indessen verschwieg er das, was er darauf zu erwidern schon im Begriff
stand, und trieb vielmehr den Fremden an, jetzt die Wanderung durch
den Forst zu beginnen, da er sonst erst in spter Nacht in sein Haus
zurckkehren und seine Giorgina in Furcht und Angst setzen wrde.

Der Fremde sagte beim Abschied noch Giorginen: da er ausdrcklich ihr
erlaube, sich, wenn es ihr Vergngen mache, mit seinen Geschmeiden zu
schmcken, da es ihr ja ohnedies in diesem einsamen wilden Forst an
jeder Belustigung mangle. Giorgina errtete vor innerm Vergngen,
da sie freilich die ihrer Nation eigne Lust an glnzendem Staat und
vorzglich an kostbaren Steinen nicht unterdrcken konnte. - Nun
schritten Denner und Andres rasch vorwrts durch den finstern den
Wald. In dem dicksten Gebsch schnupperten die Doggen umher und
klafften, den Herrn mit klugen beredten Augen anschauend. Hier ist
es nicht geheuer, sprach Andres, spannte den Hahn seiner Bchse und
schritt mit den Hunden bedchtig vor dem fremden Kaufmann her. Oft
war es ihm, als rausche es in den Bumen und bald erblickte er
in der Ferne finstre Gestalten, die gleich wieder in dem Gebsch
verschwanden. Er wollte seine Doggen loskuppeln. Tut das nicht,
lieber Mann! rief Denner, denn ich kann Euch versichern, da wir
nicht das mindeste zu frchten haben. Kaum hatte er diese Worte
gesprochen, als nur wenige Schritte von ihnen ein groer schwarzer
Kerl mit struppigen Haaren und groem Knebelbart, eine Bchse in der
Hand, aus dem Gebsch heraustrat. Andres machte sich schufertig;
schiet nicht, schiet nicht! rief Denner; der schwarze Kerl nickte
ihm freundlich zu und verlor sich in den Bumen. Endlich waren sie aus
dem Walde heraus, auf der lebhaften Landstrae. Nun danke ich Euch
herzlich fr Euer Geleite, sprach Denner; kehrt nur jetzt in Eure
Wohnung zurck; sollten Euch wieder solche Gestalten aufstoen, wie
wir sie gesehen, so zieht ruhig Eure Strae fort, ohne Euch darum zu
kmmern. Tut, als wenn Ihr gar nichts bemerktet, behaltet Eure Doggen
am Strick, Ihr werdet ohne alle Gefahr Eure Wohnung erreichen. Andres
wute nicht, was er von dem allen und von dem wunderlichen Kaufmann
denken sollte, der, wie ein Geisterbeschwrer, den Feind zu bannen und
von sich abzuhalten schien. Er konnte nicht begreifen, warum er denn
erst sich habe durch den Wald geleiten lassen. Getrost schritt Andres
durch den Forst zurck, es stie ihm durchaus nichts Verdchtiges auf
und er kam wohlbehalten in sein Haus, wo ihm seine Giorgina, die sich
munter und krftig aus dem Bette gemacht, voll Freude in die Arme
fiel.

Durch die Freigebigkeit des fremden Kaufmanns bekam die kleine
Haushaltung des Andres eine ganz andere Gestalt. Kaum war nmlich
Giorgina ganz genesen, als er mit ihr nach Fulda ging und auer
den ntigsten Bedrfnissen noch manches Stck einkaufte, das ihrer
huslichen Einrichtung abging und wodurch diese das Ansehen eines
gewissen Wohlstandes erhielt. Dazu kam, da seit dem Besuch des
Fremden die Freijger und Holzdiebe aus der Gegend gebannt schienen,
und Andres seinem Posten ruhig vorstehen konnte. Auch sein Jagdglck
war wiedergekehrt, so da er, wie sonst, beinahe niemals einen
Fehlschu tat. Der Fremde stellte sich zu Michaelis wieder ein und
blieb drei Tage. Der hartnckigen Weigerung der Wirtsleute unerachtet
war er doch wieder so freigebig, wie das erstemal. Er versicherte, es
sei nun einmal seine Absicht, sie in Wohlstand zu versetzen, und so
sich selbst das Absteigequartier im Walde freundlicher und angenehmer
zu machen.

Nun konnte die bildhbsche Giorgina sich besser kleiden; sie gestand
dem Andres, da sie der Fremde mit einer zierlich gearbeiteten goldnen
Nadel, wie sie die Mdchen und Weiber in mancher Gegend Italiens
durch das in Zpfen zusammengeflochtene aufgewirbelte Haar zu stecken
pflegen, beschenkt habe. Andres zog ein finstres Gesicht, aber in
dem Augenblick war Giorgina zur Tr herausgesprungen und nicht lange
dauerte es, so kehrte sie zurck ganz so gekleidet und geschmckt, wie
Andres sie in Neapel gesehen hatte. Die schne goldne Nadel prangte
in dem schwarzen Haar, in das sie mit malerischem Sinn bunte Blumen
geflochten, und Andres mute sich nun selbst gestehen, da der Fremde
sein Geschenk recht sinnig gewhlt hatte, um seine Giorgina wahrhaft
zu erfreuen.

Andres uerte dies unverhohlen und Giorgina meinte, da der Fremde
wohl ihr Schutzengel sei, der sie aus der tiefsten Drftigkeit zum
Wohlstande erhebe, und da sie gar nicht begreife, wie Andres so
wortkarg, so verschlossen gegen den Fremden und berhaupt so traurig,
so in sich gekehrt, bleiben knne. Ach, liebes Herzensweib! sprach
Andres, die innere Stimme, welche mir damals so laut sagte, da ich
durchaus nichts von dem Fremden annehmen drfe, die schweigt bis jetzt
keineswegs. Ich werde oft von innern Vorwrfen gemartert; es ist mir,
als ob mit dem Gelde des Fremden unrechtes Gut in mein Haus gekommen
sei und deshalb kann mich nichts recht freuen, was dafr angeschafft
wurde. Ich kann mich jetzt wohl fter mit einer krftigen Speise, mit
einem Glase Wein erlaben; glaube mir aber, liebe Giorgina! war einmal
ein guter Holzverkauf vorgefallen und hatte mir der liebe Gott ein
paar ehrlich verdiente Groschen mehr beschert, als gewhnlich, dann
schmeckte mir ein Glas geringen Weins viel besser, als jetzt der
gute Wein, den der Fremde uns mitbringt. Ich kann mich mit diesem
sonderbaren Kaufmann durchaus nicht befreunden, ja es ist mir in
seiner Gegenwart oft ganz unheimlich zumute. Hast du wohl bemerkt,
liebe Giorgina! da er niemanden fest anzuschauen vermag? Und dabei
blitzt es zuweilen aus seinen tiefliegenden kleinen Augen so sonderbar
heraus, und dann kann er bei unsern schlichten Reden oft so - bbisch
mcht ich sagen, lachen, da es mich eiskalt berluft. - Ach, mchten
nur nicht meine innern Gedanken wahr werden, aber oft ist es mir, als
liege allerlei schwarzes Unheil im Hintergrunde, das nun der Fremde
mit einemmal hervorrufen werde, nachdem er uns in seinen knstlichen
Schlingen gefangen.

Giorgina suchte ihrem Mann die schwarzen Vorstellungen auszureden,
indem sie versicherte, wie sie oft in ihrem Vaterlande und vorzglich
bei ihren Pflegeeltern im Wirtshause, Personen kennen gelernt,
deren ueres noch viel widriger gewesen sei, unerachtet es am Ende
grundgute Menschen waren. Andres schien getrstet, im Innern beschlo
er aber auf der Hut zu sein.

Der Fremde sprach bei Andres wieder ein, als sein Knabe, ein
wunderschnes Kind, ganz der Mutter Ebenbild, gerade neun Monate alt
geworden. Es war Giorginas Namenstag; sie hatte den Kleinen fremdartig
und sonderbar herausgeputzt, sich selbst in ihre liebe neapolitanische
Tracht geworfen und ein besseres Mahl, als gewhnlich, bereitet, wozu
der Fremde eine Flasche kstlichen Weins aus dem Felleisen hergab.
Als sie nun frhlich bei Tische saen und der kleine Knabe mit solch
wunderbar verstndigen Augen umherblickte, hub der Fremde an: Euer
Kind verspricht in der Tat mit seinem besondern Wesen schon jetzt
recht viel und es ist schade, da ihr nicht imstande sein werdet, es
gehrig zu erziehen. Ich htte euch wohl einen Vorschlag zu tun, ihr
werdet ihn aber verwerfen wollen, unerachtet ihr bedenken mchtet, da
er nur euer Glck, euern Wohlstand bezweckt. Ihr wit, da ich reich
und ohne Kinder bin, ich fhle eine ganz besondere Liebe und Zuneigung
zu euerm Knaben - Gebt mir ihn! - Ich bringe ihn nach Straburg, wo er
von einer Freundin von mir, einer alten ehrbaren Frau, auf das beste
erzogen werden und mir sowie euch groe Freude machen soll. Ihr werdet
mit euerm Kinde einer groen Last frei; doch mt ihr euern Entschlu
schnell fassen, da ich gentigt bin, noch heute abend abzureisen. Auf
meinen Armen trage ich das Kind bis in das nchste Dorf; dort nehme
ich dann ein Fuhrwerk. Bei diesen Worten des Fremden ri Giorgina
das Kind, das er auf seinen Knien geschaukelt hatte, hastig fort und
drckte es an ihren Busen, indem ihr die Trnen in die Augen traten.
Seht, lieber Herr! sprach Andres, wie meine Frau Euch auf Euern
Vorschlag antwortet, und ebenso bin auch ich gesinnt. Eure Absicht mag
recht gut sein; aber wie mget Ihr doch uns das Liebste rauben wollen,
das wir auf Erden besitzen? wie mget Ihr doch das eine Last nennen,
was unser Leben aufheitern wrde, wren wir auch noch in der tiefsten
Drftigkeit, aus der uns Eure Gte gerissen? Seht, lieber Herr! Ihr
sagtet selbst, da Ihr ohne Frau und ohne Kinder wret; Euch ist daher
wohl die Seligkeit fremd, die gleichsam aus der Glorie des offnen
Himmelreichs herabstrmt auf Mann und Weib bei der Geburt eines
Kindes. Es ist ja die reinste Liebe und Himmelswonne selbst, von der
die Eltern erfllt werden, wenn sie ihr Kind schauen, das stumm und
still an der Mutter Brust liegend, doch mit gar beredten Zungen von
ihrer Liebe, von ihrem hchsten Lebensglck spricht. - Nein, lieber
Herr! so gro auch die Wohltaten sind, die Ihr uns erzeigt habt, so
wiegen sie doch lange nicht das auf, was uns unser Kind wert ist;
denn wo gbe es Schtze der Welt, die diesem Besitz gleichzustellen?
Scheltet uns daher nicht undankbar, lieber Herr! da wir Euch Euer
Ansinnen so ganz und gar abschlagen. Wret Ihr selbst Vater, so
bedrfte es weiter gar keiner Entschuldigung fr uns. - Nun, nun,
erwiderte der Fremde, indem er finster seitwrts blickte, ich glaubte
Euch wohlzutun, indem ich Euern Sohn reich und glcklich machte. Seid
ihr nicht damit zufrieden, so ist davon weiter nicht die Rede. -
Giorgina kte und herzte den Knaben, als sei er aus groer Gefahr
errettet, und ihr wiedergegeben worden. Der Fremde strebte sichtlich
wieder unbefangen und heiter zu scheinen; man merkte es indessen doch
nur zu deutlich, wie sehr ihn die Weigerung seiner Wirtsleute, ihm
den Knaben zu geben, verdrossen hatte. Statt, wie er gesagt, noch
denselben Abend fortzureisen, blieb er wieder drei Tage, in welchen er
jedoch nicht so, wie sonst bei Giorgina verweilte, sondern mit Andres
auf die Jagd zog und sich bei dieser Gelegenheit viel von dem Grafen
Aloys von Vach erzhlen lie. Als in der Folge Ignaz Denner wieder bei
seinem Freunde Andres einsprach, dachte er nicht mehr an seinen Plan,
den Knaben mit sich zu nehmen. Er war nach seiner Art freundlich wie
vorher, und fuhr fort, Giorgina reichlich zu beschenken, die er noch
berdem wiederholt aufforderte, so oft sie Lust habe sich mit den
Juwelen aus dem Kistchen, das er Andres in Verwahrung gegeben, zu
schmcken, welches sie auch wohl dann und wann heimlich tat. Oft
wollte Denner, wie sonst, mit dem Knaben spielen; dieser strubte sich
aber und weinte, durchaus mochte er nicht mehr zu dem Fremden gehen,
als wisse er etwas von dem feindlichen Anschlag, ihn seinen Eltern
zu entfhren. - Zwei Jahre hindurch hatte der Fremde nun auf seinen
Wanderungen den Andres besucht, und Zeit und Gewohnheit hatten die
Scheu, das Mitrauen wider Denner endlich berwunden, so da Andres
seinen Wohlstand ruhig und heiter geno. Im Herbst des dritten Jahres,
als die Zeit, in der Denner gewhnlich einzusprechen pflegte, schon
vorber war, pochte es in einer strmischen Nacht hart an Andres' Tr,
und mehrere rauhe Stimmen riefen seinen Namen. Erschrocken sprang er
aus dem Bette; als er aber zum Fenster herausfrug, wer ihn in finstrer
Nacht so stre und wie er gleich seine Doggen loslassen werde, um
solche ungebetene Gste wegzuhetzen, da sagte einer, er mge nur
aufmachen, ein Freund sei da, und Andres erkannte Denners Stimme. Als
er nun mit dem Licht in der Hand die Haustr ffnete, trat ihm Denner
allein entgegen. Andres uerte, wie es ihm vorgekommen, als ob
mehrere Stimmen seinen Namen gerufen htten; Denner meinte dagegen,
da den Andres das Heulen des Windes getuscht haben msse. Als sie
in die Stube traten, erstaunte Andres nicht wenig, als er den Denner
nher betrachtete und seinen ganz vernderten Anzug gewahr wurde.
Statt der grauen schlichten Kleidung und des Mantels trug er ein
dunkelrotes Wams und einen breiten ledernen Gurt, in dem ein Stilett
und vier Pistolen staken; auerdem war er noch mit einem Sbel
bewaffnet, selbst das Gesicht schien verndert, indem auf der sonst
glatten Stirn nun buschichte Augenbrauen lagen und ein starker
schwarzer Bart sich ber Lippe und Wangen zog. Andres! sprach
Denner, indem er ihn mit seinen funkelnden Augen anblitzte, Andres!
als ich vor beinahe drei Jahren dein Weib vom Tode errettet hatte, da
wnschtest du, da Gott es dir verleihen mge, mir die dir erzeigte
Wohltat mit deinem Blut und Leben lohnen zu knnen. Dein Wunsch ist
erfllt; denn es ist nunmehr der Augenblick gekommen, in dem du mir
deine Dankbarkeit, deine Treue beweisen kannst. Kleide dich an; nimm
deine Bchse und komme mit mir, nur wenige Schritte von deiner Wohnung
sollst du das brige erfahren. Andres wute nicht, was er von Denners
Zumutung halten sollte; der Worte, die er ihm vorhielt, indessen wohl
eingedenk, versicherte er, wie er bereit sei, alles nur mgliche fr
ihn zu unternehmen, sobald es nicht der Rechtschaffenheit, Tugend
und Religion zuwiderlaufe. Darber kannst du ganz ruhig sein, rief
Denner, indem er ihm lchelnd auf die Schulter klopfte; und da er
bemerkte, da Giorgina aufgesprungen war, und vor Angst zitternd und
bebend ihren Mann umklammerte, nahm er sie bei den Armen und sprach,
sie sanft zurckziehend: Lat Euern Mann nur immer mit mir ziehen,
in wenigen Stunden ist er wieder gesund bei Euch, und bringt Euch
vielleicht was Schnes mit. Hab ich es denn jemals bse mit euch
gemeint? Habe ich selbst dann, wenn ihr mich verkanntet, nicht immer
euch Gutes erzeigt? Wahrhaftig, ihr seid recht besondere mitrauische
Leute. Andres zauderte noch immer sich anzukleiden, da wandte Denner
sich zu ihm und sprach mit zornigem Blick: Ich hoffe du wirst deine
Zusage halten, denn es gilt nunmehr, das zu beweisen mit der Tat, was
du gesprochen! Schnell war nun Andres angekleidet, und indem er mit
Denner zur Tre herausschritt, sprach er noch einmal: Alles, lieber
Herr! will ich fr Euch tun, doch etwas Unrechtes werdet Ihr wohl von
mir nicht fordern, da ich auch das Kleinste, was wider mein Gewissen
liefe, nicht vollbringen wrde. Denner antwortete nichts, sondern
schritt rasch vorwrts. Sie waren durch das Dickicht gedrungen bis auf
einen ziemlich gerumigen Rasenplatz; da pfiff Denner dreimal, da der
Ton ringsumher aus den schaurigen Klften widerhallte und berall in
den Bschen flackerten Windlichter auf und es rauschte und klirrte in
den dunklen Gngen, bis sich schwarze grliche Gestalten gespenstisch
hervordrngten und den Denner im Kreise umringten. Einer aus dem
Kreise trat hervor und sprach auf Andres hindeutend: Das ist ja wohl
unser neuer Geselle, nicht wahr Hauptmann? - Ja, antwortete Denner,
ich hab ihn aus dem Bette geholt, er soll sein Probestck machen, es
kann nun gleich vorwrts gehen. Andres erwachte bei diesen Worten wie
aus dumpfer Betubung, kalter Schwei stand ihm auf der Stirne; aber
er ermannte sich und rief heftig: Was, du schndlicher Betrger,
fr einen Kaufmann gabst du dich aus, und treibst ein hllisches
verruchtes Gewerbe, und bist ein verworfener Ruber? Nimmermehr will
ich dein Geselle sein und teilnehmen an deinen Schandtaten, zu denen
du mich, wie der Satan selbst, auf knstliche hmische Weise verlocken
wolltest? - La mich gleich fort, du frevelicher Bsewicht, und rume
mit deiner Rotte dies Gebiet, sonst verrate ich deine Schlupfwinkel
der Obrigkeit, und du bekommst den Lohn fr deine Schandtaten; denn
nun wei ich es wohl, da du selbst der schwarze Ignaz bist, der mit
seiner Bande an der Grenze gehauset und geraubt, und gemordet hat. -
Gleich lasse mich fort, ich will dich nie mehr schauen. Denner lachte
laut auf. Was, du feiger Bube? sprach er: du unterstehst dich, mir
zu trotzen, dich meinem Willen, meinem Machtwort entziehen zu wollen?
Bist du nicht lngst schon unser Geselle? lebst du nicht schon seit
beinahe drei Jahren von unserm Gelde? schmckt sich dein Weib nicht
mit unserm Raube? Nun stehst du unter uns und willst nicht arbeiten
dafr was du genossen? Folgst du uns nun nicht, zeigst du dich nicht
gleich als unsern rstigen Kumpan, so lasse ich dich gebunden in
unsere Hhle werfen und meine Gesellen ziehen nach deiner Wohnung,
znden sie an und ermorden dein Weib und deinen Knaben. Doch ich werde
wohl diese Maregel, die nur eine Folge deiner Halsstarrigkeit sein
wrde, nicht ergreifen drfen. Nun! - whle! - es ist Zeit, wir mssen
fort! - Andres sah nun wohl ein, da die mindeste Weigerung seiner
geliebten Giorgina und dem Knaben das Leben kosten wrde; den
verrterischen bbischen Denner im Innern zur Hlle verfluchend,
beschlo er daher, in seinen Willen sich scheinbar zu fgen, rein
von Diebstahl und Mord zu bleiben und das tiefere Eindringen in die
Schlupfwinkel der Bande nur dazu zu benutzen, bei der ersten gnstigen
Gelegenheit ihre Aufhebung und Einziehung zu bewirken. Nach diesem im
stillen gefaten Entschlu erklrte er dem Denner, wie trotz seines
innern Widerstrebens doch die Dankbarkeit fr Giorginas Rettung
ihn verpflichte, etwas zu wagen, und er wolle daher die Expedition
mitmachen, wobei er nur bitte, ihn als einen Neuling, soviel mglich
mit dem ttigen Anteil daran zu verschonen. Denner lobte seinen
Entschlu, indem er hinzufgte, wie er keineswegs verlange, da er
frmlich zur Bande bertreten solle, vielmehr msse er Revierjger
bleiben; denn so wre er ihm und der Bande schon jetzt von groem
Nutzen gewesen, was denn auch knftig der Fall sein wrde.

Es war auf nichts Geringeres abgesehen, als die Wohnung eines reichen
Pachters, die von dem Dorfe abgelegen, unfern dem Walde, stand, zu
berfallen und auszuplndern. Man wute, da der Pachter auer dem
vielen Gelde und den Kostbarkeiten, die er besa, eben jetzt fr
verkauftes Getreide eine sehr bedeutende Summe eingenommen hatte, die
er bei sich bewahrte und um so mehr versprachen sich die Ruber einen
reichen Fang. Die Windlichter wurden ausgelscht und still zogen die
Ruber durch die engen Schleichwege, bis sie dicht an dem Gebude
standen, welches einige von der Bande umringten. Andere dagegen
stiegen ber die Mauer, und sprengten von innen das Hoftor; einige
wurden auf Wache ausgestellt, und unter diesen befand sich Andres.
Bald hrte er, wie die Ruber die Tren erbrachen und ins Haus
strmten, er vernahm ihr Fluchen, ihr Geschrei, das Geheul der
Gemihandelten. Es fiel ein Schu; der Pachter, ein beherzter Mann,
mochte sich zur Wehre setzen - dann wurde es stiller - aufgesprengte
Schlsser klirrten, Ruber schleppten Kisten zum Hoftor heraus. Einer
von des Pachters Leuten mute in der Finsternis entwischt und ins Dorf
gerannt sein; denn auf einmal tnte die Sturmglocke durch die Nacht,
und bald darauf strmten Haufen mit hellauflodernden Lichtern die
Strae herauf nach der Pachterwohnung. Nun fiel Schu auf Schu, die
Ruber sammelten sich im Hofe und streckten alles nieder, was sich der
Mauer nherte. Sie hatten ihre Windfackeln angezndet. Andres, der auf
einer Anhhe stand, konnte alles bersehen. Mit Entsetzen erblickte er
unter den Bauern, Jger in der Liverei seines Herrn, des Grafen von
Vach! - Was sollte er tun? - Sich zu ihnen zu begeben, war unmglich,
nur die schnellste Flucht konnte ihn retten; aber wie festgezaubert
stand er da hinstarrend in den Pachterhof, wo das Gefecht immer
mrderischer wurde; denn durch eine kleine Pforte an der andern Seite
waren die Vachschen Jger gedrungen und mit den Rubern handgemein
geworden. Die Ruber muten zurck, sie drngten sich fechtend
durch das Tor nach der Gegend hin, wo Andres stand. Er sah Dennern,
der unaufhrlich lud und scho und niemals fehlte. Ein junger
reichgekleideten Mann, von Vachschen Jgern umgeben, schien den
Anfhrer zu machen; auf ihn legte Denner an, aber noch ehe er
abdrckte, strzte er von einer Kugel getroffen mit einem dumpfen
Schrei nieder. Die Ruber flohen - schon strzten die Vachschen Jger
herbei, da sprang, wie von unwiderstehlicher Macht getrieben, Andres
herbei und rettete Dennern, den er, stark wie er war, auf die
Schultern warf und schnell forteilte. Ohne verfolgt zu werden,
erreichte er glcklich den Wald. Nur einzelne Schsse fielen hin und
wieder und bald wurde es ganz still; ein Zeichen, da es den Rubern,
die nicht verwundet auf dem Platze liegen geblieben, geglckt war, in
den Wald zu entkommen und da es den Jgern und Bauern nicht ratsam
schien, in das Dickicht einzubrechen. Setze mich nur nieder, Andres!
 sprach Denner, ich bin in den Fu verwundet und verdammt, da ich
umstrzte, denn, unerachtet mich die Wunde sehr schmerzt, glaub ich
doch nicht einmal, da sie bedeutend ist. Andres tat es, Denner holte
eine kleine Phiole aus der Tasche und als er sie ffnete, strahlte
ein helles Licht heraus, bei dem Andres die Wunde genau untersuchen
konnte: Denner hatte recht; nur ein starker Streifschu hatte den
rechten Fu getroffen, der stark blutete. Andres verband die Wunde mit
seinem Schnupftuch, Denner lie seine Pfeife ertnen, aus der Ferne
wurde geantwortet und nun bat er den Andres, ihn sachte den schmalen
Waldweg heraufzufhren, denn bald wrden sie an Ort und Stelle sein.
Wirklich dauerte es auch nicht lange, so sahen sie den Schein von
Windlichtern durch das dunkle Gebsch brechen und hatten jenen
Rasenplatz erreicht, von dem sie ausgegangen und wo sie die
briggebliebenen Ruber bereits versammelt fanden. Alle jauchzten vor
Freude auf, als Denner unter sie trat und rhmten den Andres, der,
tief in sich gekehrt, kein Wort vorzubringen vermochte. Es fand sich,
da ber die Hlfte der Bande tot, oder hart verwundet auf dem Platze
liegen geblieben war; indessen hatten einige von den Rubern, die dazu
bestimmt waren, den Raub in Sicherheit zu bringen, mitten im Gefecht
wirklich mehrere Kisten mit kostbarem Gert, sowie eine ansehnliche
Summe Geld, fortzuschaffen gewut, so da, unerachtet das Unternehmen
schlimm ausgegangen, doch die Beute ansehnlich blieb. Als nun das
Ntige besprochen, wandte sich Denner, den man unterdessen ordentlich
verbunden hatte, und der kaum irgend einen Schmerz mehr zu fhlen
schien, zu Andres und sprach: Ich habe dein Weib vom Tode errettet,
du hast mich in dieser Nacht der Gefangenschaft entzogen und mich
folglich auch von dem mir gewissen Tode befreit, wir sind quitt!
du kannst in deine Wohnung zurckkehren. In den nchsten Tagen,
vielleicht schon morgen, verlassen wir die Gegend; du magst daher
ganz ruhig darber sein, da wir dir hnliches, so wie heute, zumuten
werden. Du bist ja so ein gottesfrchtiger Narr und uns nicht
brauchbar. Es ist indessen billig, da du teil am heutigen Raube
nehmest und berdem fr meine Rettung belohnt werdest. Nimm daher
diesen Beutel mit Gold und behalte mich in gutem Andenken; denn bers
Jahr hoffe ich bei dir einzusprechen. - Gott der Herr soll mich
behten, erwiderte Andres heftig, da ich auch nur einen Pfennig von
Eurem schndlichen Raube nehmen sollte. Habt Ihr mich doch nur durch
die abscheulichsten Drohungen gezwungen mitzugehen, welches ich
ewiglich bereuen werde. Wohl mag es Snde gewesen sein, da ich dich,
du schndlicher Bsewicht! der gerechten Strafe entzogen habe; aber
Gott im Himmel mag es mir nach seiner Langmut verzeihen. Es war, als
flehe in dem Augenblick meine Giorgina um dein Leben, da du das ihrige
errettet, und ich konnte nicht anders, als da ich dich mit Gefahr
meines Lebens und meiner Ehre, ja das Wohl und Weh meines Weibes und
meines Kindes aufs Spiel setzend, der Gefahr entri. Denn sprich, was
wre aus mir, wenn man mich verwundet, ja was wre aus meinem armen
Weibe, meinem Knaben geworden, wenn man mich erschlagen unter deiner
verruchten Mrderbande gefunden htte? - Aber sei berzeugt, da, wenn
du die Gegend nicht verlssest, wenn nur ein einziger hier geschehener
Raub, oder Mord mir kund wird, ich augenblicklich nach Fulda gehe und
der Obrigkeit deine Schlupfwinkel verrate. - Die Ruber wollten ber
den Andres herfallen, um ihn fr seine Reden zu zchtigen; Denner
verbot es ihnen jedoch, indem er sagte: Lat doch den albernen Kerl
schwatzen, was tut das uns? - Andres, fuhr Denner fort, du bist in
meiner Gewalt, so wie dein Weib und dein Knabe. Du sowohl, als diese,
sollen aber ungefhrdet bleiben, wenn du mir versprichst, dich ruhig
in deiner Wohnung zu halten und ber deine Mitwissenschaft von dem
Vorfall dieser Nacht gnzlich zu schweigen. Das letzte rate ich dir
um so mehr, als meine Rache dich furchtbar treffen und berdem die
Obrigkeit dir selbst wohl deine Hlfe bei der Tat, sowie, da du schon
lange von meinem Reichtum genossest, nicht so hingehen lassen wrde.
Dagegen verspreche ich dir noch einmal, da ich die Gegend gnzlich
rumen will und wenigstens von mir und meiner Bande hier kein
Unternehmen mehr ausgefhrt werden soll. Nachdem Andres notgedrungen
diese Bedingungen des Ruberhauptmanns eingegangen war und feierlich
versprochen hatte zu schweigen, wurde er von zwei Rubern durch
wildverwachsne Fusteige auf den breiten Waldweg gefhrt und es war
lngst heller Morgen worden, als er in sein Haus trat und die vor
Sorge und Angst totenbleiche Giorgina umarmte. Er sagte ihr nur im
allgemeinen, da sich ihm Denner als der verruchteste Bsewicht
offenbart, und er daher alle Gemeinschaft mit ihm abgebrochen habe;
nie solle er mehr seine Schwelle betreten. Aber das Juwelenkstchen?
unterbrach ihn Giorgina. Da fiel es dem Andres wie eine schwere Last
aufs Herz. An die Kleinodien, die Denner bei ihm zurckgelassen, hatte
er nicht gedacht, und unerklrlich schien es ihm, da Dennern auch
nicht ein Wort darber entfallen war. Er ging mit sich zu Rate, was er
wohl mit diesem Kstchen anfangen solle. Zwar dachte er daran, es nach
Fulda zu bringen und der Obrigkeit zu bergeben; wie sollte er aber
den Besitz desselben beschnigen, ohne sich wenigstens dringender
Gefahr auszusetzen, das dem Denner einmal gegebene Wort zu brechen? Er
beschlo endlich, diesen Schatz getreulich zu bewahren, bis der Zufall
ihm Gelegenheit darbieten wrde, es Dennern wieder zuzustellen, oder
besser noch, es, ohne sein Wort zu brechen, an die Obrigkeit zu
bringen.

Der berfall der Pachterwohnung hatte nicht geringen Schreck in der
ganzen Gegend verursacht; denn es war das khnste Wagestck, das die
Ruber seit Jahren unternommen und ein sichrer Beweis, da die Bande,
welche sich erst durch gemeine Diebereien, dann durch das Anhalten
und Berauben einzelner Reisenden kund tat, [sich] bedeutend verstrkt
haben mute. Nur dem Zufall, da der Neffe des Grafen von Vach, von
mehreren Leuten seines Oheims begleitet, eben in dem Dorfe, das unfern
der Pachterwohnung lag, bernachtete und auf den ersten Lrm den
Bauern, die gegen die Ruber auszogen, zu Hlfe eilte, hatte der
Pachter die Rettung seines Lebens und des grten Teils seiner
Barschaft zu verdanken. Drei von den Rubern, die auf dem Platz
geblieben waren, lebten noch den andern Tag und gaben Hoffnung, von
ihren Wunden zu genesen. Man hatte sie sorgfltig verbunden und in das
Dorfgefngnis gesperrt; als man indessen am frhen Morgen des dritten
Tages sie abfhren wollte, fand man sie durch viele Stiche ermordet,
ohne da man htte erraten knnen, wie das zugegangen. Jede Hoffnung
der Gerichte, von den Gefangenen nheren Aufschlu ber die Bande zu
erhalten, war daher vereitelt. Andres schauderte im Innern, als er das
alles erzhlen hrte, als er vernahm, wie mehrere Bauern und Jger des
Grafen von Vach zum Teil gettet, zum Teil schwer verwundet worden. -
Starke Patrouillen von Fuldaischen Reitern durchstreiften den Wald,
und sprachen fters bei ihm ein; jeden Augenblick mute Andres
befrchten, da man Dennern selbst, oder wenigstens einen von der
Bande einbringen, und dieser ihn dann als Genosse jener khnen
Freveltat erkennen und angeben werde. Zum erstenmal in seinem Leben
fhlte er die folternde Qual des bsen Gewissens, und doch hatte
ihn nur die Liebe zu seinem Weibe, zu dem Knaben, gezwungen, dem
frevelichen Ansinnen Denners nachzugeben.

Alle Nachforschungen blieben fruchtlos, es war unmglich den Rubern
auf die Spur zu kommen, und Andres berzeugte sich bald, da Denner
Wort gehalten und die Gegend mit seiner Bande verlassen hatte. Das
Geld, welches er noch von Denners Geschenken brig behalten, sowie die
goldene Nadel, legte er zu den Kleinodien in das Kistchen; denn er
wollte nicht noch mehr Snde auf sich laden und von geraubtem Gelde
sich gtlich tun. So kam es denn, da Andres bald wieder in die vorige
Drftigkeit und Armut geriet; aber immer mehr erheiterte sich sein
Inneres, je lngere Zeit verstrich, ohne da irgend etwas sein ruhiges
Leben verstrt htte. Nach zwei Jahren gebar ihm sein Weib noch einen
Knaben, ohne jedoch, wie das erstemal, zu erkranken, wiewohl sie sich
herzlich nach jener bessern Kost und Pflege sehnte, die ihr damals so
wohl getan. Andres sa einst in der Abenddmmerung traulich mit seinem
Weibe zusammen, die den jngstgebornen Knaben an der Brust hatte,
whrend der ltere sich mit dem groen Hunde herumbalgte, der, als
Liebling seines Herrn, wohl in der Stube sein durfte. Da kam der
Knecht hinein und sagte, wie ein Mensch, der ihm ganz verdchtig
vorkomme, schon seit beinahe einer Stunde um das Haus herumschleiche.
Andres war im Begriff mit seiner Bchse hinauszugehen, als er vor dem
Hause seinen Namen rufen hrte. Er ffnete das Fenster und erkannte
auf den ersten Blick den verhaten Ignaz Denner, der sich wieder in
den grauen Kaufmannshabit geworfen hatte, und ein Felleisen unter dem
Arme trug. Andres, rief Denner, du mut mir diese Nacht Herberge
geben in deinem Hause, morgen ziehe ich weiter. - Was? Du
unverschmter verruchter Bsewicht? rief Andres in vollem Zorn, du
wagst es dich wieder hier sehen zu lassen? Habe ich dir nicht treulich
Wort gehalten, nur damit du dein Versprechen erfllen und auf immer
diese Gegend verlassen solltest? Du darfst nicht mehr meine Schwelle
betreten - entferne dich schnell, oder ich schiee dich mrderischen
Buben nieder! - Doch warte, ich will dir dein Gold, dein Geschmeide,
womit du Satan mein Weib verblenden wolltest, hinabwerfen; dann magst
du schnell forteilen. Ich lasse dir drei Tage Zeit, spre ich aber
dann nur auf irgend eine Weise deine und deiner Bande Gegenwart, so
eile ich schnell nach Fulda und entdecke alles, was ich wei, der
Obrigkeit. Magst du nun deine Drohungen gegen mich und mein Weib
erfllen wollen, ich verlasse mich auf den Beistand Gottes, und werde
dich Bsewicht mit meinem guten Gewehr zu treffen wissen. Nun holte
Andres schnell das Kstchen herbei, um es hinabzuwerfen; als er aber
ans Fenster trat, war Denner verschwunden, und unerachtet die Doggen
die ganze Gegend rings ums Haus durchspren muten, war es doch nicht
mglich ihn aufzufinden. Andres sah nun wohl ein, wie er, Denners
Bosheit ausgesetzt, nun in groer Gefahr schwebe; er war daher
allnchtlich auf seiner Hut, indessen blieb alles ruhig und Andres
berzeugte sich, da Denner nur allein den Wald durchstrichen hatte.
Um indessen seinen ngstlichen Zustand zu enden, ja um sein Gewissen
zu beruhigen, das ihn mit Vorwrfen qulte, beschlo er nun
nicht lnger zu schweigen, sondern dem Rat in Fulda sein ganzes
unverschuldetes Verhltnis mit Denner zu berichten und zugleich das
Kistchen mit den Kleinodien abzuliefern. Andres wute wohl, da er
ohne Strafe nicht abkommen wrde, jedoch verlie er sich auf sein
reuiges Bekenntnis eines Fehltritts, zu dem ihn der verruchte Ignaz
Denner, wie der Satan selbst, verlockt und gezwungen, sowie auf die
Frsprache seines Herrn, des Grafen von Vach, der dem treuen Diener
ein gnstiges Zeugnis nicht versagen konnte. Er hatte mit seinem
Knechte mehrmals den Wald durchstreift und nie war ihm etwas
Verdchtiges aufgestoen; fr sein Weib war daher jetzt keine Gefahr
vorhanden und er wollte nun ungesumt nach Fulda gehen, um seinen
Vorsatz auszufahren. An dem Morgen, als er sich zur Reise bereit
gemacht, kam ein Bote von dem Grafen von Vach, der ihn augenblicklich
auf das Schlo seines Herrn mitgehen hie. Statt nach Fulda wanderte
er also fort mit dem Boten nach dem Schlo, nicht ohne Bangigkeit,
was wohl dieser ganz ungewhnliche Ruf seines Herrn zu bedeuten haben
werde. Als er in dem Schlo angekommen, mute er gleich in das Zimmer
des Grafen treten. Freue dich, Andres, rief dieser ihm entgegen,
dich hat ein ganz unerwartetes Glck getroffen. Erinnerst du
dich wohl noch unsers alten mrrischen Hauswirts in Neapel, des
Pflegevaters deiner Giorgina? Der ist gestorben; aber auf dem
Sterbebette hatte ihn noch das Gewissen gerhrt wegen der
abscheulichen Behandlung des armen verwaisten Kindes, und deshalb hat
er ihr zweitausend Dukaten vermacht, die bereits in Wechselbriefen in
Frankfurt angekommen sind und die du bei meinem Bankier heben kannst.
Willst du dich gleich nach Frankfurt aufmachen, so lasse ich dir auf
der Stelle das ntige Zertifikat ausfertigen, damit dir das Geld ohne
Anstand ausgezahlt werde. Den Andres machte die Freude sprachlos, und
der Graf von Vach ergtzte sich nicht wenig an dem Entzcken seines
treuen Dieners. Andres beschlo, als er sich gefat hatte, seinem
Weibe eine unvermutete Freude zu bereiten; er nahm daher seines Herrn
gndiges Anerbieten an, und machte sich, nachdem er die Urkunde zu
seiner Legitimation erhalten, auf den Weg nach Frankfurt.

Seinem Weibe lie er sagen, wie ihn der Graf mit wichtigen Auftrgen
verschickt habe, und er daher einige Tage ausbleiben werde. - Als er
in Frankfurt angekommen, wies ihn der Bankier des Grafen, bei dem er
sich meldete, an einen andern Kaufmann, der mit der Auszahlung des
Legats beauftragt sein sollte. Andres fand ihn endlich und erhielt die
ansehnliche Summe wirklich ausgezahlt. Immer nur an Giorgina denkend,
immer darnach trachtend, ihre Freude recht vollkommen zu machen,
kaufte er fr sie allerlei schne Sachen und auch eine goldene Nadel,
der ganz gleich, welche ihr Denner geschenkt hatte, und da er nun
das schwere Felleisen nicht wohl als Fugnger fortbringen konnte,
verschaffte er sich ein Pferd. So trat er nun, nachdem er sechs Tage
abwesend gewesen, wohlgemut seine Rckreise an. Bald hatte er den
Forst und seine Wohnung erreicht. Er fand das Haus fest verschlossen.
Laut rief er den Knecht, seine Giorgina, niemand antwortete: die Hunde
winselten im Hause eingesperrt. Da ahnete er groes Unglck und schlug
heftig an die Tr und schrie laut: Giorgina! - Giorgina! - Nun
rauschte es am Bodenfenster, Giorgina schaute heraus und rief.- Ach
Gott! - Ach Gott! Andres, bist du es? Gepriesen sei die Macht des
Himmels, da du nur wieder da bist. Als Andres nun durch die
geffnete Tr eintrat, fiel ihm sein Weib totenbleich und laut heulend
in die Arme. Regungslos stand er da; endlich fate er sein Weib, die
mit erschlafften Gliedern zu Boden sinken wollte, und trug sie in die
Stube. Aber wie mit eisigen Krallen packte ihn das Entsetzen bei dem
grlichen Anblick. Die ganze Stube voller Blutflecke an dem Boden,
an den Wnden, sein jngster Knabe mit zerschnittener Brust tot auf
seinem Bettchen! - Wo ist George, wo ist George? schrie Andres
endlich auf in wilder Verzweiflung, aber in dem Augenblick hrte er,
wie der Knabe die Treppe herabtrippelte und nach dem Vater rief. -
Zerbrochene Glser, Flaschen, Teller lagen umher. Der groe schwere
Tisch, sonst an der Wand stehend, war in die Mitte des Zimmers
gerckt, eine sonderbar geformte Kohlpfanne, mehrere Phiolen und eine
Schssel mit geronnenem Blut standen auf demselben. Andres nahm sein
armes Knblein aus dem Bette. Giorgina verstand ihn, sie holte Tcher
herbei, in die sie den Leichnam wickelten und im Garten begruben.
Andres schnitt ein kleines Kreuz aus Eichenholz und setzte es auf den
Grabhgel. Kein Wort, kein Laut entfloh den Lippen der unglcklichen
Eltern. In dumpfem dsterem Schweigen hatten sie die Arbeit vollendet
und saen nun vor dem Hause in der Abenddmmerung, den starren Blick
in die Ferne gerichtet. Erst den andern Tag konnte Giorgina den
Verlauf dessen, was sich in Andres' Abwesenheit zugetragen, erzhlen.
Am vierten Tage, nachdem Andres sein Haus verlassen, hatte der Knecht
zur Mittagszeit wieder allerlei verdchtige Gestalten durch den Wald
wanken gesehen, und Giorgina deshalb des Mannes Rckkehr herzlich
gewnscht. Mitten in der Nacht wurde sie durch lautes Toben und
Schreien dicht vor dem Hause aus dem Schlafe geweckt, der Knecht
strzte herein und verkndete voller Schreck, da das ganze Haus von
Rubern umringt und an eine Gegenwehr gar nicht zu denken sei. Die
Doggen wteten, aber bald schien es, als wrden sie beschwichtigt und
man rief laut: Andres! - Andres! - Der Knecht fate sich ein Herz,
ffnete ein Fenster und rief herab, da der Revierjger Andres nicht
zu Hause sei. Nun, es tut nichts, antwortete eine Stimme von unten
herauf, ffne nur die Tr, denn wir mssen bei euch einkehren, Andres
wird bald nachfolgen. Was blieb dem Knecht brig, als die Tr zu
ffnen; da strmte der helle Haufe der Ruber herein und begrte
Giorgina als die Frau ihres Kameraden, dem der Hauptmann Freiheit und
Leben zu danken habe. Sie verlangten, da Giorgina ihnen ein tchtiges
Essen bereiten mge, weil sie nachts ein schweres Stck Arbeit
vollbracht, das aber herrlich gelungen sei. Zitternd und bebend machte
Giorgina in der Kche ein groes Feuer an und bereitete das Mahl, wozu
sie Wildpret, Wein und allerlei andere Ingredienzien von einem der
Ruber empfing, der der Kchen- und Kellermeister der Bande zu
sein schien. Der Knecht mute den Tisch decken und das Geschirr
herbeibringen. Er nahm den Augenblick wahr und schlich sich fort
zu seiner Frau in die Kche. Ach wit Ihr wohl, fing er voller
Entsetzen an, was fr eine Tat die Ruber in dieser Nacht verbt
haben? Nach langer Abwesenheit und nach langer Vorbereitung haben sie
vor etlichen Stunden das Schlo des Herrn Grafen von Vach berfallen,
und nach tapferer Gegenwehr mehrere seiner Leute und ihn selbst
gettet, das Schlo aber angezndet. Giorgina schrie unaufhrlich:
Ach mein Mann, wenn mein Mann nur auf dem Schlosse gewesen wre -
Ach, der arme Herr! - Die Ruber tobten und sangen unterdessen in
der Stube und lieen sich den Wein wohl schmecken, bis ihnen das
Mahl aufgetragen wurde. Der Morgen fing schon an zu dmmern als der
verhate Denner erschien; nun wurden die Kisten und Felleisen, die sie
auf ihren Packpferden mitgebracht hatten, geffnet. Giorgina hrte,
wie sie vieles Geld zhlten und wie die Silbergeschirre klirrten; es
schien alles verzeichnet zu werden. Endlich als es schon Lichter Tag
geworden, brachen die Ruber auf, nur Denner blieb zurck. Er nahm
eine freundliche leutselige Miene an, und sprach zu Giorgina: Ihr
seid wohl recht erschreckt worden, liebe Frau; denn Euer Mann scheint
Euch nicht gesagt zu haben, da er schon seit geraumer Zeit unser
Kamerad geworden. Es tut mir in der Tat leid, da er nicht zu Hause
gekommen ist; er mu einen andern Weg eingeschlagen und uns verfehlt
haben. Er war mit uns auf dem Schlosse des Bsewichts, des Grafen von
Vach, der uns vor zwei Jahren auf alle nur mgliche Weise verfolgt hat
und an dem in voriger Nacht wir Rache nahmen. - Er fiel, kmpfend, von
Eures Mannes Hand. Beruhigt Euch nur, liebe Frau, und sagt dem Andres,
da er mich nun so bald nicht wieder sehen wrde, da die Bande sich
auf einige Zeit trennt. Heute abend verlasse ich Euch. - Ihr habt
lauter hbsche Kinder, liebe Frau! Das ist ja wieder ein herrlicher
Knabe. Mit diesen Worten nahm er den Kleinen von Giorginas Arm und
wute mit ihm so freundlich zu spielen, da das Kind lachte und
jauchzte und gern bei ihm blieb, bis er es wieder der Mutter
zurckgab. Schon war es Abend geworden, als Denner zu Giorgina sagte:
Ihr merkt wohl, da ich, unerachtet ich kein Weib und keine Kinder
habe, welches mir manchmal recht nahe geht, doch gar zu gern mit
kleinen Kindern spiele und tndle. Gebt mir doch Euern Kleinen auf die
wenigen Augenblicke, die ich noch bei Euch zubringe. Nicht wahr? der
Kleine ist jetzt gerade neun Wochen alt. Giorgina bejahte das und
gab, jedoch nicht ohne inneres Widerstreben, den kleinen Knaben
Dennern hin, der sich mit ihm vor die Haustr setzte und Giorgina
bat, ihm nun das Abendessen zu bereiten, weil er in einer Stunde fort
mte. Kaum war Giorgina in die Kche getreten, als sie sah, wie
Denner mit dem Kinde auf dem Arm in die Stube ging. Bald darauf
verbreitete sich ein seltsam riechender Dampf durch das Haus, der aus
der Stube zu quirlen schien. Giorgina wurde von unbeschreiblicher
Angst ergriffen; sie lief schnell nach der Stube und fand die Tr von
innen verriegelt. Es war ihr, als hre sie das Kind leise wimmern.
Rette, rette mein Kind aus den Klauen des Bsewichts! so schrie sie,
eine grliche Tat ahnend, dem Knecht entgegen, der eben in das Haus
trat. Dieser ergriff schnell die Axt und sprengte die Tr. Dicker
stinkender Dampf schlug ihnen entgegen. Mit einem Sprunge war Giorgina
im Zimmer; der Knabe lag nackt ber einer Schssel, in die sein Blut
trpfelte. Sie sah nur noch, wie der Knecht mit der Axt ausholte, um
den Denner zu treffen, wie dieser dem Schlage auswich, den Knecht
unterlief und mit ihm rang. Es war ihr, als hre sie jetzt mehrere
Stimmen dicht vor den Fenstern, bewutlos sank sie zu Boden. Als
sie wieder erwachte, war es finstre Nacht worden, aber ganz betubt
vermochte sie nicht die erstarrten Glieder zu regen. Endlich wurde es
Tag und nun sah sie mit Entsetzen, wie das Blut im Zimmer schwamm.
Stcke von Denners Kleidern lagen berall umher - ein ausgerissener
Schopf von des Knechts Haaren - die Axt blutig daneben - der Knabe vom
Tische herabgeschleudert mit zerschnittener Brust. Aufs neue wurde
Giorgina ohnmchtig, sie glaubte zu sterben, aber sie erwachte wie
aus dem Todesschlummer, als es schon Mittag geworden. Sie raffte sich
mhsam auf, sie rief laut den Georg, aber als niemand antwortete,
glaubte sie, auch Georg sei ermordet. Die Verzweiflung gab ihr Krfte,
sie floh aus dem Zimmer in den Hof und schrie laut: Georg! - Georg!
Da antwortete es mit matter klglicher Stimme vom Bodenfenster herab:
Mutter, ach liebe Mutter, bist du denn da? Komm herauf zu mir! mich
hungert sehr! - Schnell sprang jetzt Giorgina hinauf und fand den
Kleinen, der vor Angst bei dem Lrm im Hause in die Bodenkammer
gekrochen war und nicht gewagt hatte herauszukommen. Mit Entzcken
drckte Giorgina den Kleinen an die Brust. Sie verschlo das Haus und
wartete nun von Stunde zu Stunde in der Bodenkammer auf Andres, den
sie auch verloren glaubte. Der Knabe hatte von oben herab gesehen, wie
mehrere Mnner ins Haus gingen und mit Dennern einen toten Menschen
heraustrugen. - Endlich bemerkte auch Giorgina das Geld und die
schnen Sachen, die Andres mitgebracht hatte. Ach, so ist es doch
wahr? schrie sie entsetzt auf, so bist du doch - Andres lie sie
nicht ausreden, sondern erzhlte ausfhrlich, welches Glck sie
betroffen und wie er in Frankfurt gewesen sei, wo er sich ihre
Erbschaft habe auszahlen lassen. Der Neffe des ermordeten Grafen von
Vach war nun Besitzer der Gter worden; bei diesem wollte sich Andres
melden, getreulich alles Geschehene erzhlen, Denners Schlupfwinkel
entdecken und bitten, ihn seines Dienstes zu entlassen, der ihm so
viel Not und Gefahr bringe. Giorgina durfte mit dem Knaben im Hause
nicht zurckbleiben. Andres beschlo daher, seine besten leicht
fortzuschaffenden Sachen auf einen kleinen Leiterwagen zu packen, das
Pferd vorzuspannen und so mit seinem Weibe und Kinde eine Gegend auf
immer zu verlassen, die ihm nur die schrecklichsten Erinnerungen
erregen und berdem niemals Ruhe und Sicherheit gewhren konnte.
Der dritte Tag war zur Abreise bestimmt, und eben packten sie einen
Kasten, als ein starkes Pferdegetrappel immer nher und nher kam.
Andres erkannte den Vachschen Frster, der bei dem Schlosse wohnte;
hinter ihm ritt ein Kommando Fuldaischer Dragoner. Nun da finden wir
ja den Bsewicht gerade bei der Arbeit, seinen Raub in Sicherheit zu
bringen, rief der Kommissarius des Gerichts, der mitgekommen. Andres
erstarrte vor Staunen und Schreck. Giorgina war halb ohnmchtig. Sie
fielen ber ihn her, banden ihn und sein Weib mit Stricken und warfen
sie auf den Leiterwagen, der schon vor dem Hause stand. Giorgina
jammerte laut um den Knaben und flehte um Gottes willen, da man
ihn ihr mitgeben mge. Damit du deine Brut auch noch ins hllische
Verderben bringen kannst? sprach der Kommissarius und ri den Knaben
mit Gewalt aus Giorginas Armen. Schon sollte es fortgehen, da trat der
alte Frster, ein rauher aber biederer Mann, noch einmal an den Wagen
und sagte: Andres, Andres, wie hast du dich denn von dem Satan
verlocken lassen, solche Freveltaten zu begehen? Immer warst du ja
sonst so fromm und ehrlich! - Ach lieber Herr! schrie Andres auf
im hchsten Jammer, so wahr Gott im Himmel lebt, so wie ich dereinst
selig zu sterben hoffe, ich bin unschuldig. Ihr habt mich ja gekannt
von frher Jugend her; wie sollte ich, der ich niemals Unrechtes
getan, solch ein abscheulicher Bsewicht geworden sein? - denn ich
wei wohl, da Ihr mich fr einen verruchten Ruber und Teilnehmer
an der Freveltat haltet, die auf dem Schlosse meines geliebten
unglcklichen Herrn verbt worden ist. Aber ich bin unschuldig bei
meinem Leben und meiner Seligkeit! - Nun, sagte der alte Frster,
wenn du unschuldig bist, so wird das an den Tag kommen, mag auch noch
so viel wider dich sprechen. Deines Knaben und des Besitztums, was du
zurcklssest, will ich mich getreulich annehmen, so da, wenn deine
und deines Weibes Unschuld erwiesen, du den Jungen frisch und munter
und deine Sachen unversehrt wiederfinden sollst. Das Geld nahm
der Kommissarius des Gerichts in Beschlag. Unterweges frug Andres
Giorginen, wo sie denn das Kstchen verwahrt habe; sie gestand, wie
es ihr jetzt leid tue, da sie es dem Denner berliefert, da es jetzt
der Obrigkeit htte bergeben werden knnen. In Fulda trennte man den
Andres von seinem Weibe und warf ihn in ein tiefes finstres Gefngnis.
Nach einigen Tagen wurde er zum Verhr gefhrt. Man beschuldigte ihn
der Teilnahme an dem im Vachschen Schlosse verbten Raubmorde und
ermahnte ihn die Wahrheit zu gestehen, da schon alles wider ihn so gut
als ausgemittelt sei. Andres erzhlte nun getreulich alles, was sich
mit ihm zugetragen, von dem ersten Eintritt des abscheulichen Denners
in sein Haus bis zu dem Augenblick seiner Verhaftung. Er klagte sich
selbst voll Reue des einzigen Vergehens an, da er, um Weib und Kind
zu retten, bei der Plnderung des Pachters zugegen war, und den Denner
von der Gefangennehmung befreite, und beteuerte seine gnzliche
Unschuld rcksichts des letzten von der Dennerschen Bande verbten
Raubmordes, da er zu ebenderselben Zeit in Frankfurt gewesen sei.
Jetzt ffneten sich die Tren des Gerichtssaals und der abscheuliche
Denner wurde hereingefhrt. Als er den Andres erblickte, lachte er
auf in teuflischem Hohn und sprach: Nun, Kamerad, hast du dich
auch erwischen lassen? Hat dir deines Weibes Gebet denn nicht
herausgeholfen? Die Richter forderten Dennern auf, sein Bekenntnis
rcksichts des Andres zu wiederholen und er sagte aus, da eben der
Vachsche Revierjger Andres, der jetzt vor ihm stehe, schon seit fnf
Jahren mit ihm verbunden und das Jgerhaus sein bester und sicherster
Schlupfwinkel gewesen sei. Andres habe immer den ihm gebhrenden
Anteil vom Raube erhalten, wiewohl er nur zweimal ttig bei den
Rubereien mitgewirkt. Einmal nmlich bei der Beraubung des Pachters,
wo er ihn, den Denner, aus der dringendsten Gefahr errettet, und dann
bei dem Unternehmen gegen den Grafen Aloys von Vach, der eben durch
einen glcklichen Schu des Andres gettet worden sei. - Andres geriet
in Wut, als er diese schndliche Lge hrte. Was? schrie er, du
verruchter teuflischer Bsewicht, du wagst es, mich der Ermordung
meines lieben armen Herrn anzuklagen, die du selbst verbt? - Ja!
ich wei es, nur du selbst bist solcher Tat fhig; aber deine Rache
verfolgt mich, weil ich aller Gemeinschaft mit dir entsagt habe,
weil ich drohte, dich als einen verruchten Ruber und Mrder
niederzuschieen, so wie du meine Schwelle betreten wrdest. Darum
hast du mit deiner Bande mein Haus berfallen, als ich abwesend war;
darum hast du mein armes unschuldiges Kind und meinen braven Knecht
ermordet! - Aber du wirst der schrecklichen Strafe des gerechten
Gottes nicht entgehen, sollte ich auch deiner Bosheit unterliegen.
Nun wiederholte Andres sein voriges Bekenntnis unter den heiligsten
Beteurungen der Wahrheit; aber Denner lachte hhnisch und meinte,
warum er denn aus allzugroer Furcht vor dem Tode noch erst das
Gericht zu belgen sich unterfange, und da es sich schlecht mit der
Frmmigkeit, von der er so viel Aufhebens mache, vereinbare, da
er Gott und die Heiligen zur Bekrftigung seiner falschen Aussagen
anrufe. Die Richter wuten in der Tat nicht, was sie von dem Andres,
dessen Miene und Sprache die Wahrheit seiner Aussage zu besttigen
schien, sowie von Denners kalter Festigkeit denken sollten. - Nun
wurde Giorgina vorgefhrt, die in namenlosem Jammer laut weinend auf
den Mann zustrzte. Sie wute nur Unzusammenhngendes zu erzhlen,
und unerachtet sie den Denner des entsetzlichen Mordes ihres
Knaben anklagte, schien Denner doch keineswegs entrstet, sondern
behauptete, wie er schon frher getan, da Giorgina nie etwas von den
Unternehmungen ihres Mannes gewut habe, sondern ganz unschuldig sei.
Andres wurde in sein Gefngnis zurckgefhrt.

Einige Tage nachher sagte ihm der ziemlich gutmtige Gefangenwrter,
da sein Weib, da sowohl Denner, als die brigen Ruber fortwhrend
ihre Unschuld behauptet, sonst auch nichts wider sie ausgemittelt
worden, der Haft entlassen sei. Der junge Graf von Vach, ein
edelmtiger Herr, der sogar an seiner, des Andres, Schuld zu zweifeln
scheinen habe Kaution gestellt, und der alte Frster Giorginen in
einem schnen Wagen abgeholt. Vergebens habe Giorgina gebeten, ihren
Mann sehen zu drfen; das sei ihr vom Gericht gnzlich abgeschlagen
worden. Den armen Andres trstete diese Nachricht nicht wenig, da
mehr, als sein Unglck ihm seines Weibes elender Zustand im Gefngnis
zu Herzen ging. Sein Proze verschlimmerte sich indessen von Tage zu
Tage. Es war erwiesen, da eben, wie Denner es angegeben, seit fnf
Jahren Andres in einen gewissen Wohlstand geriet, dessen Quelle nur
die Teilnahme an den Rubereien sein konnte. Ferner gestand Andres
selbst seine Abwesenheit von Hause whrend der auf dem Vachschen
Schlosse verbten Tat, und seine Angabe wegen seiner Erbschaft und
seines Aufenthalts in Frankfurt blieb verdchtig, weil er den Namen
des Kaufmanns, von dem er das Geld ausgezahlt erhalten haben wollte,
durchaus nicht anzugeben wute. Der Bankier des Grafen von Vach, sowie
der Hauswirt in Frankfurt, bei dem Andres eingekehrt war, versicherten
einstimmig, wie sie sich des beschriebenen Revierjgers gar nicht
erinnern knnten; der Gerichtshalter des Grafen von Vach, der das
Zertifikat fr den Andres ausgefertigt hatte, war gestorben, und
niemand von den Vachschen Dienern wute etwas von der Erbschaft, da
der Graf nichts davon geuert, Andres aber auch davon geschwiegen,
weil er, aus Frankfurt zurckkehrend, sein Weib mit dem Gelde
berraschen wollte. So blieb alles, was Andres vorbrachte, um
nachzuweisen, da er zur Zeit des Raubes in Frankfurt gewesen und das
Geld ehrlich erworben sei, unausgemittelt. Denner blieb dagegen bei
seiner frhern Behauptung und ihm stimmten smtliche Ruber, die
eingefangen worden, in allem bei. Alles dieses htte aber die Richter
noch nicht so von der Schuld des unglcklichen Andres berzeugt, als
die Aussage von zwei Vachschen Jgern, die bei dem Schein der Flammen
ganz genau den Andres erkannt und gesehen haben wollten, wie von
ihm der Graf niedergestreckt wurde. Nun war Andres in den Augen des
Gerichts ein verstockter heuchlerischer Bsewicht und gesttzt auf
das Resultat aller jener Aussagen und Beweise wurde ihm die Tortur
zuerkannt, um seinen starren Sinn zu beugen, und ihn zum Gestndnis zu
bringen. Schon ber ein Jahr schmachtete Andres im Kerker, der Gram
hatte seine Krfte aufgezehrt, und sein sonst robuster starker Krper
war schwach und ohnmchtig geworden. Der schreckliche Tag, an dem
die Pein ihm das Gestndnis einer Tat, welche er niemals begangen,
abdringen sollte, kam heran. Man fhrte ihn in die Folterkammer, wo
die entsetzlichen mit sinnreicher Grausamkeit erfundenen Instrumente
lagen, und die Henkersknechte sich bereiteten, den Unglcklichen zu
martern. Nochmals wurde Andres ermahnt, die Tat, deren er so dringend
verdchtig, ja deren er durch das Zeugnis jener Jger berfhrt
worden, zu gestehen. Er beteuerte wiederum seine Unschuld, und
wiederholte alle Umstnde seiner Bekanntschaft mit Dennern in
denselben Worten, wie er es im ersten Verhr getan. Da ergriffen ihn
die Knechte, banden ihn mit Stricken und marterten ihn, indem sie
seine Glieder ausrenkten und Stacheln einbohrten in das gedehnte
Fleisch. Andres vermochte nicht die Qual zu ertragen: vom Schmerz
gewaltsam zerrissen, den Tod wnschend, gestand er alles was man
wollte, und wurde ohnmchtig in den Kerker zurckgeschleppt. Man
strkte ihn, wie es nach erlittener Tortur gewhnlich, mit Wein und er
fiel in einen zwischen Wachen und Schlafen hinbrtenden Zustand. Da
war es ihm als lsten sich die Steine aus der Mauer, und als fielen
sie krachend herab auf den Boden des Kerkers. Ein blutroter Schimmer
drang durch und in ihm trat eine Gestalt hinein, die, unerachtet sie
Denners Zge hatte, ihm doch nicht Denner zu sein schien. Glhender
funkelten die Augen, schwrzer starrte das struppige Haar auf der
Stirn empor und tiefer senkten sich die finstern Augenbrauen in die
dicke Muskel herab, die ber der krummgebogenen Habichtsnase lag. Auf
grlich seltsame Weise war das Gesicht verschrumpft und verzerrt, und
die Kleidung fremd und abenteuerlich, wie er Dennern niemals gesehen.
Ein feuerroter mit Gold stark verbrmter weiter Mantel hing in
bauschichten Falten der Gestalt ber die Schultern, ein breiter
niedergekrempter spanischer Hut mit herabhngender roter Feder sa
schief auf dem Kopfe, ein langer Stodegen hing an der Seite, und
unter dem linken Arm trug die Gestalt ein kleines Kistchen. So
schritt der gespenstische Unhold auf Andres zu in hohlem dumpfen Tone
sprechend: Nun, Kamerad, wie hat dir die Folter geschmeckt? Du hast
das alles blo deinem Eigensinn zu verdanken; httest du dich als zur
Bande gehrig bekannt, so wrst du nun schon gerettet. Versprichst du
aber, dich mir und meiner Leitung ganz zu ergeben, und gewinnst du
es ber dich, von diesen Tropfen zu trinken, die aus deines Kindes
Herzblut gekocht sind, so bist du augenblicklich aller Qual entledigt.
Du fhlst dich gesund und krftig, und fr deine weitere Rettung will
ich dann sorgen. - Andres konnte vor Schreck, Angst und Ermattung
nicht sprechen; er sah, wie seines Kindes Blut in der Phiole, die ihm
die Gestalt hinhielt, in roten Flmmchen spielte; inbrnstig betete er
zu Gott und den Heiligen, da sie ihn retten mchten aus den Klauen
des Satans, der ihn verfolge und um die ewige Seligkeit bringen wolle,
die er zu erlangen hoffe, sollte er auch eines schimpflichen Todes
sterben. Nun lachte die Gestalt, da es im Kerker widergellte, und
verschwand im dicken Dampf. Andres erwachte endlich aus dumpfer
Betubung, er vermochte sich aufzurichten vom Lager; aber wie ward
ihm, als er sah, da das Stroh, was unter seinem Haupte gelegen, sich
strker und strker zu rhren begann und endlich weggeschoben wurde.
Er gewahrte, da ein Stein aus dem Fuboden von unten herausgedrngt
worden und hrte mehrmals seinen Namen leise rufen. Er erkannte
Denners Stimme und sprach: Was willst du von mir? La mich ruhen, ich
habe mit dir nichts zu schaffen!- Andres, sprach Denner, ich bin
durch mehrere Gewlbe gedrungen, um dich zu retten; denn, wenn du auf
den Richtplatz kommst, von dem ich errettet wurde, bist du verloren.
Blo um deines Weibes willen, die mir mehr angehrt, als du wohl
denken magst, helfe ich dir. Du bist ein mutloser Feigling. Was
hat dir nun dein erbrmliches Leugnen gefruchtet? Blo, da du vom
Vachschen Schlo nicht zu rechter Zeit nach Hause zurckkehrtest und
ich mich zu lange bei deinem Weibe aufhielt, ist schuld, da man mich
auffing! Da! nimm die Feile und die Sge, befreie dich in knftiger
Nacht von den Ketten und durchsage das Schlo der Kerkertre;
schleiche durch den Gang! Die uere Tr linker Hand wird offen stehn,
und drauen wirst du einen von uns finden, der dich weiter geleitet.
Halte dich gut! Andres nahm die Sge und die Feile, die ihm Denner
hineinreichte und hob dann den Stein wieder in die ffnung. Er war
entschlossen, _das_ zu tun, wozu ihn die innere Stimme des Gewissens
aufforderte. - Als es Tag geworden und der Gefangenwrter hineintrat,
da sagte er, wie er sehnlich wnsche vor den Richter gefhrt zu
werden, indem er Wichtiges zu entdecken habe. Noch an demselben
Vormittage wurde sein Verlangen erfllt, weil man nicht anders
glaubte, als da Andres neue, bisher noch unbekannt gebliebene,
Freveltaten der Bande gestehen werde. Andres berreichte den Richtern
die von Dennern erhaltenen Instrumente, und erzhlte den Vorgang der
Nacht. Unerachtet ich gewi und wahrhaftig unschuldig leide, so
soll mich doch Gott behten, da ich darnach trachten sollte, meine
Freiheit auf unerlaubte Weise zu erlangen; denn das wrde mich ja dem
verruchten Denner, der mich in Schande und Tod gestrzt hat, in die
Hnde liefern und ich dann erst durch mein sndliches freveliches
Unternehmen die Strafe verdienen, die ich jetzt unschuldig leiden
werde. So beschlo Andres seinen Vortrag. Die Richter schienen
erstaunt und von Mitleid fr den Unglcklichen durchdrungen, wiewohl
sie durch die mannigfachen Tatsachen, die wider ihn sprachen, zu sehr
von seiner Schuld berzeugt waren, um sein jetziges Benehmen nicht
auch fr zweifelhaft zu halten. Die Aufrichtigkeit des Andres und
vorzglich der Umstand, da nach jener Anzeige der von Denner
beabsichtigten Flucht, in der Stadt und zwar in der nchsten Umgebung
des Gefngnisses wirklich noch einige von der Bande ertappt und
aufgegriffen wurden, hatte jedoch den wohlttigen Einflu auf ihn,
da er aus dem unterirdischen Kerker, in den er gesperrt gewesen,
herausgenommen wurde, und eine lichte Gefngnisstube neben der Wohnung
des Gefangenwrters erhielt. Da brachte er seine Zeit mit Gedanken an
sein treues Weib, an seinen Knaben, und mit gottseligen Betrachtungen
hin, und bald fhlte er sich ermutigt, das Leben auch auf schmerzliche
Weise, wie eine Brde, abzuwerfen. Nicht genug konnte sich der
Gefangenwrter ber den frommen Verbrecher wundern und er mute
notgedrungen beinahe an seine Unschuld glauben.

Endlich, nachdem beinahe noch ein Jahr verflossen, war der schwierige
verwickelte Proze wider Denner und seine Mitschuldigen geschlossen.
Es hatte sich gefunden, da die Bande bis an die Grenze von Italien
ausgebreitet war und schon seit geraumer Zeit berall raubte und
mordete. Denner sollte gehngt, und dann sein Krper verbrannt werden.
Auch dem unglcklichen Andres war der Strang zuerkannt; seiner Reue
halber, und da er durch das Bekenntnis der ihm von Denner geratenen
Flucht die Entdeckung des Anschlags der Bande, durchzubrechen,
veranlat hatte, durfte jedoch sein Krper herabgenommen, und auf der
Gerichtssttte verscharrt werden.

Der Morgen, an dem Denner und Andres hingerichtet werden sollten, war
angebrochen; da ging die Tr des Gefngnisses auf, und der junge Graf
von Vach trat hinein zum Andres, der auf den Knien lag und still
betete. Andres, sprach der Graf, du mut sterben. Erleichtere dein
Gewissen noch durch ein offnes Gestndnis! Sage mir, hast du deinen
Herrn gettet? Bist du wirklich der Mrder meines Oheims? - Da
strzten dem Andres die Trnen aus den Augen, und er wiederholte
nochmals alles, was er vor Gericht ausgesagt, ehe ihm die unleidliche
Qual der Tortur eine Lge ausprete. Er rief Gott und die Heiligen an,
die Wahrheit seiner Aussage und seine gnzliche Unschuld an dem Tode
des geliebten Herrn zu bekrftigen.

So ist hier, fuhr der Graf von Vach fort, ein unerklrliches
Geheimnis im Spiele. Ich selbst, Andres, war von deiner Unschuld
berzeugt, unerachtet vieles wider dich sprach; denn ich wute ja, da
du von Jugend auf der treuste Diener meines Oheims gewesen bist, und
ihn selbst einmal in Neapel mit Gefahr deines Lebens aus Ruberhnden
gerettet hast. Allein nur noch gestern haben mir die beiden alten
Jger meines Oheims Franz und Nikolaus geschworen, da sie dich
leibhaftig unter den Rubern gesehen und genau bemerkt htten, wie
du selbst meinen Oheim niederstrecktest. Andres wurde von den
peinlichsten, schrecklichsten Gefhlen durchbohrt; es war ihm, als
wenn der Satan selbst seine Gestalt angenommen habe, um ihn zu
verderben; denn auch Denner hatte ja sogar im Kerker davon gesprochen,
da er den Andres wirklich gesehen, und so schien selbst die falsche
Beschuldigung vor Gericht auf innerer wahrer berzeugung zu beruhen.
Andres sagte dies alles unverhohlen, indem er hinzusetzte, da er sich
der Schickung des Himmels ergebe, nach welcher er den schmhlichen
Tod eines Verbrechers sterben solle, da aber, sei es auch lange Zeit
nachher, seine Unschuld gewi an den Tag kommen werde. Der Graf von
Vach schien tief erschttert; er konnte kaum noch dem Andres sagen,
da, nach seinem Wunsche, der Tag der Hinrichtung seinem unglcklichen
Weibe verschwiegen geblieben sei, und da sie sich nebst dem Knaben
bei dem alten Frster aufhalte. Die Rathausglocke erklang dumpf und
schauerlich in abgemessenen Pulsen. Andres wurde angekleidet und der
Zug ging mit den gewhnlichen Feierlichkeiten unter dem Zustrmen
unzhligen Volks nach der Richtsttte. Andres betete laut und rhrte
durch sein frommes Betragen alle, die ihn sahen. Denner hatte die
Miene des trotzigen verstockten Bsewichts. Er schaute munter und
krftig um sich, und lachte oft den armen Andres tckisch und
schadenfroh an. Andres sollte zuerst hingerichtet werden; er bestieg
gefat mit dem Henker die Leiter, da kreischte ein Weib auf und sank
ohnmchtig einem alten Mann in die Arme. Andres blickte hin, es war
Giorgina; laut erflehte er vom Himmel Fassung und Strke. Dort,
dort, sehe ich dich wieder, mein armes unglckliches Weib, ich sterbe
unschuldig! rief er, indem er den Blick sehnsuchtsvoll zum Himmel
erhob. Der Richter rief dem Henker zu, er mge sich frdern, denn es
entstand ein Murren unter dem Volke und es flogen Steine nach Dennern,
der ebenfalls schon die Leiter bestiegen hatte und die Zuschauer
verhhnte ob ihres Mitleids mit dem frommen Andres. Der Henker legte
dem Andres den Strick um den Hals, da scholl es aus der Ferne her:
Halt - halt - um Christus willen halt! - Der Mann ist unschuldig!
- ihr richtet einen Unschuldigen hin! - Halt - halt! schrieen
tausend Stimmen und kaum vermochte die Wache zu steuern dem Volk, das
hinzudrang und den Andres von der Leiter herabreien wollte. Nher
sprengte nun der Mann zu Pferde, der erst gerufen hatte, und Andres
erkannte auf den ersten Blick in dem Fremden den Kaufmann, der ihm in
Frankfurt Giorginas Erbschaft ausgezahlt hatte. Seine Brust wollte
zerspringen vor Freude und Seligkeit, kaum konnte er sich aufrecht
erhalten als er von der Leiter herabgestiegen. Der Kaufmann sagte dem
Richter, da zu derselben Zeit, als der Raubmord im Vachschen Schlosse
verbt worden, Andres in Frankfurt, also viele Meilen davon entfernt,
gewesen sei, und da er dies vor Gericht auf die unzweifelhafteste
Weise durch Urkunden und Zeugen dartun wolle. Da rief der Richter:
Die Hinrichtung des Andres kann keineswegs geschehen; denn dieser
hchstwichtige Umstand beweiset, wenn er ausgemittelt wird, die
vllige Unschuld des Angeklagten. Man fhre ihn sogleich nach dem
Gefngnisse zurck. Denner hatte alles von der Leiter herab ruhig
angesehen; als aber der Richter diese Worte gesprochen, da rollten
seine glhenden Augen, er knirschte mit den Zhnen, er heulte in
wilder Verzweiflung, da es grlich, wie der namenlose Jammer des
wtenden Wahnsinns, durch die Lfte hallte: Satan, Satan! du hast
mich betrogen - weh mir! weh mir! es ist aus - aus - alles verloren!
Man brachte ihn von der Leiter herab, er fiel zu Boden und rchelte
dumpf: Ich will alles bekennen - ich will alles bekennen! Auch _seine_
Hinrichtung wurde verschoben und er ins Gefngnis zurckgefhrt, wo
ihm jedes Entspringen unmglich gemacht worden. Der Ha seiner Wchter
war die beste Schutzwehr gegen die Schlauheit seiner Verbndeten.
- Wenige Augenblicke nachher, als Andres bei dem Gefangenenwrter
angekommen, lag Giorgina in seinen Armen. Ach Andres, Andres, rief
sie, nun habe ich dich ganz wieder, da ich wei, da du unschuldig
bist; denn auch ich habe an deiner Redlichkeit, an deiner Frmmigkeit
gezweifelt! - Unerachtet man Giorginen den Tag der Hinrichtung
verschwiegen, war sie doch von unbeschreiblicher Angst, von seltsamer
Ahnung getrieben, nach Fulda geeilt, und gerade auf die Richtsttte
gekommen, als ihr Mann die verhngnisvolle Leiter bestieg, die ihn
zum Tode fhren sollte. Der Kaufmann war die ganze lange Zeit der
Untersuchung ber auf Reisen in Frankreich und Italien gewesen, und
jetzt ber Wien und Prag zurckgekehrt. Der Zufall, oder vielmehr
eine besondere Schickung des Himmels, wollte, da er gerade in dem
entscheidendsten Augenblick auf dem Richtplatze ankam, und den armen
Andres von dem schmhlichen Tode des Verbrechers rettete. Im Gasthofe
erfuhr er die ganze Geschichte des Andres und es fiel ihm gleich
schwer aufs Herz, da Andres wohl derselbe Revierjger sein knne,
der vor zwei Jahren eine Erbschaft, die seinem Weibe von Neapel aus
zugefallen, erhob. Schnell eilte er fort und berzeugte sich, als er
nur Andres sah, sogleich von der Wahrheit seiner Vermutung. Durch
die eifrigen Bemhungen des wackern Kaufmanns und des jungen Grafen
von Vach wurde Andres' Aufenthalt in Frankfurt bis auf die Stunde
ausgemittelt, dadurch aber seine vllige Unschuld an dem Raubmorde
dargetan. Denner selbst gestand nun die Richtigkeit der Angabe des
Andres ber das Verhltnis mit ihm und meinte nur, der Satan msse ihn
geblendet haben; denn in der Tat htte er geglaubt, Andres fechte auf
dem Vachschen Schlo an seiner Seite. Fr die erzwungene Teilnahme
an der Ausplnderung des Pachterhofes, sowie fr die gesetzwidrige
Rettung Denners, hatte, nach dem Ausspruch der Richter, Andres genug
gebt durch das lange harte Gefngnis und durch die ausgestandene
Marter und Todesangst; er wurde daher durch Urtel und Recht von jeder
weiteren Strafe freigesprochen und eilte mit seiner Giorgina auf das
Vachsche Schlo, wo ihm der edle wohlttige Graf im Nebengebude eine
Wohnung einrumte, von ihm nur die geringen Jagddienste fordernd,
die des Grafen persnliche Liebhaberei notwendig machte. Auch die
Gerichtskosten bezahlte der Graf, so da Andres und Giorgina in dem
ungekrnkten Besitz ihres Vermgens blieben.

Der Proze wider den verruchten Ignaz Denner nahm jetzt eine ganz
andere Wendung. Die Begebenheit auf der Gerichtssttte schien ihn ganz
umgewandelt zu haben. Sein hhnender teuflischer Stolz war gebeugt,
und aus seinem zerknirschten Innern brachen Gestndnisse hervor, die
den Richtern das Haar strubten. Denner klagte sich selbst mit allen
Zeichen tiefer Reue des Bndnisses mit dem Satan an, das er von seiner
frhen Jugendzeit unterhalten, und so wurde vorzglich hierauf die
fernere Untersuchung mit dem Zutritt dazu verordneter Geistlichkeit
gerichtet. ber seine frheren Lebensverhltnisse erzhlte Denner
so viel Sonderbares, da man es fr das Erzeugnis wahnsinniger
berspannung htte halten mssen, wenn nicht durch die Erkundigungen,
die man in Neapel, seinem angeblichen Geburtsort, einziehen lie,
alles besttigt worden wre. Ein Auszug aus den von dem geistlichen
Gericht in Neapel verhandelten Akten ergab ber Denners Herkunft
folgende merkwrdige Umstnde.

Vor langen Jahren lebte in Neapel ein alter wunderlicher Doktor,
Trabacchio mit Namen, den man seiner geheimnisvollen stets glcklichen
Kuren wegen insgemein den Wunderdoktor zu nennen pflegte. Es schien,
als wenn das Alter nichts ber ihn vermge; denn er schritt rasch
und jugendlich daher, unerachtet mehrere Eingeborne ihm nachrechnen
konnten, da er an die achtzig Jahre alt sein mte. Sein Gesicht war
auf eine seltsame grausige Weise verzerrt und verschrumpft, und seinen
Blick konnte man kaum ohne innern Schauer ertragen, wiewohl er oft
den Kranken wohl tat, so da man sagte, blo durch den scharf auf den
Kranken gehefteten Blick heile er oftmals schwere hartnckige bel.
ber seinen schwarzen Anzug warf er gewhnlich einen weiten roten
Mantel mit goldnen Tressen und Troddeln, unter dessen bauschichten
Falten der lange Stodegen hervorragte. So lief er mit einer Kiste
seiner Arzneien, die er selbst bereitete, durch die Straen von Neapel
zu seinen Kranken, und jeder wich ihm scheu aus. Nur in der hchsten
Not wandte man sich an ihn, aber niemals schlug er es aus einen
Kranken zu besuchen, hatte er dabei auch nicht sonderlichen Gewinn zu
hoffen. Mehrere Weiber starben ihm schnell; immer waren sie ausnehmend
schn und insgemein Landdirnen gewesen. Er sperrte sie ein und
erlaubte ihnen, nur unter Begleitung einer alten ekelhaft hlichen
Frau die Messe zu hren. Diese Alte war unbestechlich; jeder noch so
listig angelegte Versuch junger Lstlinge, den schnen Frauen des
Doktor Trabacchio nher zu kommen, blieb fruchtlos. Unerachtet Doktor
Trabacchio von Reichen sich gut bezahlen lie, so stand doch seine
Einnahme mit dem Reichtum an Geld und Kleinodien, den er in seinem
Hause aufgehuft hatte und den er niemanden verhehlte, in keinem
Verhltnis. Dabei war er zu Zeiten freigebig bis zur Verschwendung,
und hatte die Gewohnheit jedesmal, wenn ihm eine Frau gestorben, ein
Gastmahl zu geben, dessen Aufwand wohl doppelt soviel betrug, als
die reichste Einnahme, die ihm seine Praxis ein ganzes Jahr hindurch
verschaffte. Mit seiner letzten Frau hatte er einen Sohn erzeugt, den
er ebenso einsperrte, wie seine Weiber; niemand bekam ihn zu sehen.
Nur bei dem Gastmahl, das er nach dem Tode dieser Frau gab, sa der
kleine dreijhrige Knabe an seiner Seite, und alle Gste waren ber
die Schnheit und die Klugheit des Kindes [verwundert], das man,
verriet sein krperliches Ansehen nicht sein Alter, seinem Benehmen
nach wenigstens fr zwlfjhrig htte halten knnen. Eben bei diesem
Gastmahl uerte der Doktor Trabacchio, da, da nunmehr sein Wunsch,
einen Sohn zu haben, erreicht sei, er nicht mehr heiraten werde. Sein
bermiger Reichtum, aber noch mehr sein geheimnisvolles Wesen, seine
wunderbaren Kuren, die bis ins Unglaubliche gingen, da blo einigen
von ihm bereiteten und eingeflten Tropfen, ja oft blo seiner
Betastung, seinem Blick, die hartnckigsten Krankheiten wichen, gaben
endlich Anla zu allerlei seltsamen Gerchten, die sich in Neapel
verbreiteten. Man hielt den Doktor Trabacchio fr einen Alchymisten,
fr einen Teufelsbeschwrer, ja man gab ihm endlich schuld, da er
mit dem Satan im Bndnis stehe. Die letzte Sage entstand aus einer
seltsamen Begebenheit, die sich mit einigen Edelleuten in Neapel
zutrug. Diese kehrten einst spt in der Nacht von einem Gastmahl
zurck und gerieten, da sie im Weinrausch den Weg verfehlt, in eine
einsame verdchtige Gegend. Da rauschte und raschelte es vor ihnen und
sie wurden mit Entsetzen gewahr, da ein groer leuchtendroter Hahn,
ein zackicht Hirschgeweihe auf dem Kopfe tragend, mit ausgebreiteten
Flgeln. daherschritt, und sie mit menschlichen funkelnden Augen
anstarrte. Sie drngten sich in eine Ecke, der Hahn schritt vorber,
und ihm folgte eine groe Figur im glnzenden goldverbrmten Mantel.
Sowie die Gestalten vorber waren, sagte einer von den Edelleuten
leise: Das war der Wunderdoktor Trabacchio. Alle, nchtern geworden
durch den entsetzlichen Spuk, ermutigten sich und folgten dem
angeblichen Doktor mit dem Hahn, dessen Leuchten den genommenen
Weg zeigte. Sie sahen, wie die Gestalten wirklich auf das Haus des
Doktors, das auf einem fernen leeren den Platze stand, zuschritten.
Vor dem Hause angekommen, rauschte der Hahn in die Hhe, und schlug
mit den Flgeln an das groe Fenster ber dem Balkon, das sich
klirrend ffnete; die Stimme eines alten Weibes meckerte: Kommt -
kommt nach Haus - kommt nach Haus - warm ist das Bett, und Liebchen
wartet lange schon - lange schon! Da war es, als stiege der Doktor
auf einer unsichtbaren Leiter empor, und rausche nach dem Hahn durch
das Fenster, welches zugeschlagen wurde, da es die einsame Strae
entlang klirrte und drhnte. Alles war im schwarzen Dunkel der Nacht
verschwunden und die Edelleute standen stumm und starr vor Grausen
und Entsetzen. Dieser Spuk, die berzeugung der Edelleute, da die
Gestalt, der der teuflische Hahn vorleuchtete, niemand anders, als der
verrufene Doktor Trabacchio gewesen, war fr das geistliche Gericht,
dem alles zu Ohren kam, genug, dem satanischen Wundermann sorglich in
aller Stille nachzuspren. Man brachte in der Tat heraus, da in den
Zimmern des Doktors sich oft ein roter Hahn befand, mit dem er auf
wunderliche Weise zu sprechen und zu disputieren schien, als sprchen
Gelehrte ber zweifelhafte Gegenstnde ihres Wissens. Das geistliche
Gericht war im Begriff den Doktor Trabacchio einzuziehen als
einen verruchten Hexenmeister; aber das weltliche Gericht kam dem
geistlichen zuvor und lie den Doktor durch die Sbirren aufheben und
ins Gefngnis schleppen, da er eben von dem Besuch eines Kranken
heimkehrte. Die Alte war schon frher aus dem Hause geholt worden,
den Knaben hatte man nicht finden knnen. Die Tren der Zimmer wurden
verschlossen und versiegelt, Wachen rings um das Haus gestellt. -
Folgendes war der Grund dieses gerichtlichen Verfahrens. Seit einiger
Zeit starben mehrere angesehene Personen in Neapel und in der
umliegenden Gegend und zwar nach der rzte einstimmigem Urteil an
Gift. Dies hatte viele Untersuchungen veranlat, die fruchtlos
blieben, bis endlich ein junger Mann in Neapel, ein bekannter Lstling
und Verschwender, dessen Oheim vergiftet worden, die grliche Tat
mit dem Zusatz eingestand, da er das Gift von dem alten Weibe, der
Haushlterin Trabacchios, gekauft habe. Man sprte der Alten nach, und
ertappte sie, als sie eben ein festverschlossenes kleines Kistchen
forttragen wollte, in dem man kleine Phiolen fand, die mit dem Namen
von allerlei Arzneimitteln versehen waren, unerachtet sie flssiges
Gift enthielten. Die Alte wollte nichts eingestehen; als man ihr
indessen mit der Tortur drohte, da bekannte sie, da der Doktor
Trabacchio schon seit vielen Jahren jenes knstliche Gift, das unter
dem Namen Aqua Toffana bekannt sei, bereite, und da der geheime
Verkauf dieses Gifts, der durch sie bewirkt worden, bestndig seine
reichste Erwerbsquelle gewesen. Ferner sei es nur zu gewi, da er mit
dem Satan im Bndnis stehe, der in verschiedenen Gestalten bei ihm
einkehre. Jedes seiner Weiber habe ihm ein Kind geboren, ohne da
es jemand auer dem Hause geahnet. Das Kind habe er denn allemal,
nachdem es neun Wochen, oder neun Monate alt worden, unter besonderen
Zurstungen und Feierlichkeiten auf unmenschliche Weise geschlachtet,
indem er ihm die Brust aufgeschnitten und das Herz herausgenommen.
Jedesmal sei der Satan bei dieser Operation, bald in dieser, bald in
jener Gestalt, meistens aber als Fledermaus mit menschlicher Larve,
erschienen, und habe mit breiten Flgeln das Kohlfeuer angefacht, bei
dem Trabacchio aus des Kindes Herzblut kstliche Tropfen bereitet,
die jeder Siechheit krftig widerstnden. Die Weiber htte Trabacchio
bald nachher auf diese, oder jene heimliche Weise gettet, so da
der schrfste Blick des Arztes wohl nie auch die kleinste Spur der
Ermordung habe auffinden knnen. Nur Trabacchios letztes Weib, die
ihm einen Sohn geboren, der noch lebe, sei des natrlichen Todes
gestorben.

Der Doktor Trabacchio gestand alles unverhohlen ein und schien eine
Freude daran zu finden, das Gericht mit den schauerlichen Erzhlungen
seiner Untaten und vorzglich der nhern Umstnde seines entsetzlichen
Bndnisses mit dem Satan in Verwirrung zu setzen, Die Geistlichen,
welche dem Gericht beiwohnten, gaben sich alle nur ersinnliche Mhe,
den Doktor zur Reue und zur Erkenntnis seiner Snden zu bringen; aber
es blieb vergebens, da Trabacchio sie nur verhhnte und verlachte.
Beide, die Alte und Trabacchio, wurden zum Scheiterhaufen verurteilt.
- Man hatte unterdessen das Haus des Doktors untersucht und alle seine
Reichtmer hervorgeholt, die, nach Abzug der Gerichtskosten, an die
Hospitler verteilt werden sollten. In Trabacchios Bibliothek fand
man nicht ein einziges verdchtiges Buch und noch viel weniger gab es
Gertschaften, die auf die satanische Kunst, die der Doktor getrieben,
htten hindeuten sollen. Nur ein verschlossenes Gewlbe, dessen viele
durch die Mauer herausragende Rhren das Laboratorium verrieten,
widerstand, als man es ffnen wollte, aller Kunst und aller Gewalt.
Ja, wenn Schlosser und Maurer unter der Aufsicht des Gerichts sich
eifrig bemhten, endlich durchzubrechen, so da wohl der Zweck
erreicht worden wre, da kreischten im Innern des Gewlbes
entsetzliche Stimmen, es rauschte auf und nieder, wie mit eiskalten
Flgeln schlug es an die Gesichter der Arbeiter und ein schneidender
Zugwind pfiff in gellenden grlichen Tnen durch den Gang, so da von
Grausen und Entsetzen ergriffen alle flohen, und am Ende niemand mehr
sich an die Tr des Gewlbes wagen wollte, aus Furcht wahnsinnig zu
werden vor Angst und Schrecken. Den Geistlichen, die sich der Tr
nahten, ging es nicht besser und es blieb nichts brig, als die
Ankunft eines alten Dominikaners aus Palermo zu erwarten, dessen
Standhaftigkeit und Frmmigkeit bisher alle Knste des Satans weichen
muten. Als dieser Mnch sich nun in Neapel befand, war er bereit den
teuflischen Spuk in Trabacchios Gewlbe zu bekmpfen, und verfgte
sich hin, ausgerstet mit Kreuz und Weihwasser, begleitet von mehreren
Geistlichen und Gerichtspersonen, die aber weit von der Tr entfernt
blieben. Der alte Dominikaner ging betend auf die Tr los; aber da
erhob sich heftiger das Rauschen und Brausen, und die entsetzlichen
Stimmen verworfener Geister lachten gellend heraus. Der Geistliche
lie sich jedoch nicht irre machen; er betete krftiger das Kruzifix
emporhaltend und die Tr mit Weihwasser besprengend. Man gebe mir ein
Brecheisen! rief er laut; zitternd reichte es ihm ein Maurerbursche
hin, aber kaum setzte es der alte Mnch an die Tre, als sie mit
furchtbar erschtterndem Knall aufsprang. Blaue Flammen leckten
berall an den Wnden des Gewlbes herauf und eine betubende
erstickende Hitze strmte aus dem Innern. Demunerachtet wollte der
Dominikaner hineintreten; da strzte der Boden des Gewlbes ein, da
das ganze Haus erdrhnte und Flammen prasselten aus dem Abgrunde
hervor, die wtend um sich griffen und alles rings umher erfaten.
Schnell mute der Dominikaner mit seiner Begleitung fliehen, um nicht
zu verbrennen, oder verschttet zu werden. Kaum waren sie auf der
Strae, als das ganze Haus des Doktor Trabacchio in Flammen stand. Das
Volk lief zusammen und jauchzte und jubelte, als es des verruchten
Hexenmeisters Wohnung brennen sah, ohne auch nur das mindeste zur
Rettung zu tun. Schon war das Dach eingestrzt, das inwendige Holzwerk
flammte zu den Wnden heraus und nur die starken Balken des obern
Stocks widerstanden noch der Gewalt des Feuers. Aber vor Entsetzen
schrie das Volk auf, als es Trabacchios zwlfjhrigen Sohn mit
einem Kistchen unter dem Arm einen dieser glimmenden Balken entlang
schreiten sah. Nur einen Moment dauerte diese Erscheinung, sie
verschwand pltzlich in den hochaufschlagenden Flammen. - Der
Doktor Trabacchio schien sich herzinniglich zu freuen, als er diese
Begebenheit erfuhr und ging mit verwegener Frechheit zum Tode. Als man
ihn an den Pfahl band, lachte er hell auf und sagte zu dem Henker, der
ihn mordlustig recht fest anschnrte: Sieh dich vor, Geselle, da
diese Stricke nicht an deinen Fusten brennen. Dem Mnch, der sich
ihm zuletzt noch nahen wollte, rief er mit frchterlicher Stimme zu:
Fort! - zurck von mir! Glaubst du denn, da ich so dumm sein werde,
euch zu Gefallen einen schmerzlichen Tod zu leiden? - noch ist
meine Stunde nicht gekommen. - Nun fing das angezndete Holz an zu
prasseln; kaum erreichte aber die Flamme den Trabacchio, als es hell
aufloderte, wie Strohfeuer und von einer fernen Anhhe ein gellendes
Hohngelchter sich hren lie. Alles schaute hin und Grausen ergriff
das Volk, als [es] den Doktor Trabacchio leibhaftig in dem schwarzen
Kleide, dem goldverbrmten Mantel, den Stodegen an der Seite, den
niedergekrempten spanischen Hut mit der roten Feder auf dem Kopfe, das
Kistchen unter dem Arm, ganz wie er sonst durch die Straen von Neapel
zu laufen pflegte, erblickte. Reiter, Sbirren, hundert andere aus
dem Volk strzten hin nach dem Hgel, aber Trabacchio war und blieb
verschwunden. Die Alte gab ihren Geist auf unter den entsetzlichsten
Qualen, unter den grlichsten Verwnschungen ihres verruchten Herrn,
mit dem sie unzhlige Verbrechen geteilt.

Der sogenannte Ignaz Denner war nun kein anderer, als eben der Sohn
des Doktors, der sich damals durch die hllischen Knste seines Vaters
mit einem Kistchen der seltensten und geheimnisvollsten Kostbarkeiten
aus den Flammen rettete. Schon seit der frhesten Jugend unterrichtete
ihn der Vater in den geheimen Wissenschaften und seine Seele war dem
Teufel verschrieben, noch ehe er sein volles Bewutsein erlangt. Als
man den Doktor Trabacchio ins Gefngnis warf, blieb der Knabe in dem
geheimnisvollen verschlossenen Gewlbe unter den verworfenen Geistern,
die des Vaters hllischer Zauber hineingebannt; da aber endlich dieser
Zauber der Macht des Dominikaners weichen mute, lie der Knabe die
verborgenen mechanischen Krfte wirken, und Flammen entzndeten sich,
die in wenigen Minuten das ganze Haus in Brand steckten, whrend der
Knabe selbst unversehrt durch das Feuer fort zum Tore hinaus in den
Wald eilte, den ihm der Vater bezeichnet hatte. Nicht lange dauerte
es, so erschien auch Doktor Trabacchio, und floh schnell mit dem
Sohne, bis sie wohl an drei Tagereisen von Neapel in die Ruinen
eines alten rmischen Gebudes kamen, wo der Eingang zu einer weiten
gerumigen Hhle versteckt lag. Hier wurde der Doktor Trabacchio
von einer zahlreichen Ruberbande, mit der er lngst in Verbindung
gestanden, und der er durch seine geheime Wissenschaft die
wesentlichsten Dienste geleistet, mit lautem Jubel empfangen. Die
Ruber wollten ihn mit nichts Geringerem lohnen, als mit der Krnung
zum Ruberknige, wodurch er sich zum Oberhaupt aller Banden, die in
Italien und dem sdlichen Deutschland verbreitet waren, aufgeschwungen
htte. Der Doktor Trabacchio erklrte, diese Wrde nicht annehmen
zu knnen, da er der besondern Konstellation wegen, die ber ihn
walte, nunmehr ein ganz unstetes Leben fhren msse, und von keinem
Verhltnis gebunden werden knne; doch werde er noch immer den Rubern
mit seiner Kunst und Wissenschaft beistehn, und sich dann und wann
sehen lassen. Da beschlossen die Ruber, den zwlfjhrigen Trabacchio
zum Ruberknige zu whlen und damit war der Doktor hchlich
zufrieden, so da der Knabe von Stund an unter den Rubern blieb,
und, als er funfzehn Jahr alt worden, schon als wirkliches Oberhaupt
mit ihnen auszog. Sein ganzes Leben war von nun an ein Gewebe von
Greueltaten und Teufelsknsten, in welche ihn der Vater, der sich
oftmals blicken lie und zuweilen wochenlang einsam mit seinem Sohne
in der Hhle blieb, immer mehr einweihte. Die krftigen Maregeln
des Knigs von Neapel gegen die Ruberbanden, die immer kecker und
verwegener wurden, noch mehr aber die entstandenen Zwistigkeiten der
Ruber hoben endlich das gefhrliche Bndnis unter _einem_ Oberhaupte
auf und den Trabacchio selbst, der sich durch seinen Stolz und durch
seine Grausamkeit verhat gemacht hatte, konnten seine vom Vater
erlernte Teufelsknste nicht vor den Dolchen seiner Untergebenen
schtzen. Er floh nach der Schweiz, gab sich den Namen Ignaz Denner,
und besuchte als reisender Kaufmann die Messen und Jahrmrkte in
Deutschland, bis sich aus den zerstreuten Gliedern jener groen
Bande eine kleinere bildete, die den vormaligen Ruberknig zu ihrem
Oberhaupt whlte. Trabacchio versicherte, wie sein Vater noch zur
Stunde lebe, ihn noch im Gefngnis besucht, und Rettung von der
Gerichtssttte versprochen habe. Nur dadurch, da, wie er nun wohl
einsehe, gttliche Schickung den Andres vom Tode errettet, sei die
Macht seines Vaters entkrftet worden, und er wolle nun als reuiger
Snder allen Teufelsknsten abschwren und geduldig die gerechte
Todesstrafe erleiden.

Andres, der alles dieses aus dem Munde des Grafen von Vach erfuhr,
zweifelte keinen Augenblick, da es wohl eben Trabacchios Bande
gewesen, die ehemals im Neapolitanischen seinen Herrn anfiel, so wie
er berzeugt war, da der alte Doktor Trabacchio selbst im Gefngnis
ihm wie der leibhaftige Satan erschien und verlocken wollte zum
bsen Beginnen. Nun sah er erst recht ein, in welch groer Gefahr er
geschwebt hatte seit der Zeit, als Trabacchio in sein Haus getreten;
wiewohl er noch immer nicht begreifen konnte, warum es denn der
Verruchte so ganz und gar auf ihn und sein Weib gemnzt hatte, da der
Vorteil, den er aus seinem Aufenthalt in dem Jgerhause zog, nicht so
bedeutend sein konnte.

Andres befand sich nach den entsetzlichen Strmen nun in ruhiger
glcklicher Lage, allein zu erschtternd hatten jene Strme getobt,
um nicht in seinem ganzen Leben dumpf nachzuhallen. Auer dem, da
Andres, sonst ein starker krftiger Mann, durch den Gram, durch
das lange Gefngnis, ja durch den unsglichen Schmerz der Tortur
krperlich zugrunde gerichtet, siech und krank daherschwankte und kaum
noch die Jagd treiben konnte, so welkte auch Giorgina, deren sdliche
Natur von dem Grame, von der Angst, von dem Entsetzen wie von
brennender Glut aufgezehrt wurde, zusehends hin. Keine Hlfe war
fr sie mehr vorhanden, sie starb wenige Monate nach ihres Mannes
Rckkehr. Andres wollte verzweifeln und nur der wunderschne kluge
Knabe, der Mutter getreues Ebenbild, vermochte ihn zu trsten. Um
dieses willen tat er alles, sein Leben zu erhalten, und sich soviel
als mglich zu krftigen, so da er nach Verlauf von beinahe zwei
Jahren wohl an Gesundheit zugenommen und manchen lustigen Jgergang in
den Forst unternehmen konnte. - Der Proze wider den Trabacchio hatte
endlich sein Ende erreicht und er war, so wie vor alter Zeit sein
Vater, zum Tode durchs Feuer verdammt worden, den er in weniger Zeit
erleiden sollte.

Andres kam eines Tages, als die Abenddmmerung schon eingebrochen, mit
seinem Knaben aus dem Forst zurck; schon war er dem Schlosse nahe,
als er ein klgliches Gewimmer vernahm, das aus dem ihm nahen
ausgetrockneten Feldgraben zu kommen schien. Er eilte nher und
erblickte einen Menschen, der in elende schmutzige Lumpen gehllt, im
Graben lag und unter groen Schmerzen den Geist aufgeben zu wollen
schien. Andres warf Flinte und Bchsensack ab, und zog mit Mhe
den Unglcklichen heraus; aber als er nun dem Menschen ins Gesicht
blickte, erkannte er mit Entsetzen den Trabacchio. Zurckschaudernd
lie er von ihm ab; aber da wimmerte Trabacchio dumpf. Andres,
Andres, bist du es? um der Barmherzigkeit Gottes willen, der ich meine
Seele empfohlen, habe Mitleid mit mir! Wenn du mich rettest, rettest
du eine Seele von ewiger Verdammnis; denn bald ereilt mich ja der Tod,
und noch nicht vollendet ist meine Bue! - Verdammter Heuchler,
schrie Andres auf; Mrder meines Kindes, meines Weibes, hat dich
nicht der Satan wieder hergefhrt, damit du mich vielleicht noch
verderbest? Ich habe mit dir nichts zu schaffen. Stirb und vermodere
wie ein Aas, Verruchter! Andres wollte ihn zurckstoen in den
Graben; da heulte Trabacchio in wildem Jammer: Andres! du rettest den
Vater deines Weibes, deiner Giorgina, die fr mich betet am Throne des
Hchsten! Andres schauderte zusammen; mit Giorginas Namen fhlte er
sich von schmerzlicher Wehmut ergriffen. Mitleid mit dem Mrder seiner
Ruhe, seines Glcks, durchdrang ihn, er fate den Trabacchio, lud
ihn mit Mhe auf und trug ihn nach seiner Wohnung, wo er ihn mit
strkenden Mitteln erquickte. Bald erwachte Trabacchio aus der
Ohnmacht, in die er versunken.

In der Nacht vor der Hinrichtung ergriff den Trabacchio die
entsetzlichste Todesangst; er war berzeugt, da ihn nichts mehr
von der namenlosen Marter des Feuertodes retten wrde. Da fate
und rttelte er in wahnsinniger Verzweiflung die Eisenstbe des
Gitterfensters und zerbrckelt blieben sie in seinen Hnden. Ein
Strahl der Hoffnung fiel in seine Seele. Man hatte ihn in einen Turm
dicht neben dem trocknen Stadtgraben gesperrt; er schaute in die Tiefe
und der Entschlu sich hinabzustrzen, und so sich zu retten, oder zu
sterben, war auf der Stelle gefat. Der Ketten hatte er sich bald mit
geringer Anstrengung entledigt. Als er sich hinauswarf, vergingen ihm
die Sinne, er erwachte, als die Sonne hell strahlte. Da sah er, wie er
zwischen Strauchwerk in hohes Gras gefallen, aber an allen Gliedern
verstaucht und verrenkt, vermochte er sich nicht zu regen und zu
rhren. Schmeifliegen und anderes Ungeziefer setzten sich auf seinen
halbnackten Krper und stachen und leckten sein Blut, ohne da er sie
abwehren konnte. So brachte er einen martervollen Tag hin. Erst des
Nachts gelang es ihm weiter zu kriechen und er war glcklich genug,
an eine Stelle zu kommen, wo sich etwas Regenwasser gesammelt hatte,
welches er begierig einschlrfte. Er fhlte sich gestrkt und
vermochte mhsam hinanzuklimmen und sich fortzuschleichen, bis er den
Forst erreichte, der unfern von Fulda anhob und sich beinahe bis an
das Vachsche Schlo erstreckte. So war er bis in die Gegend gekommen,
wo ihn Andres mit dem Tode ringend fand. Die entsetzliche Anstrengung
der letzten Kraft hatte ihn ganz erschpft und wenige Minuten spter
htte ihn Andres sicherlich tot gefunden. Ohne daran zu denken, was
knftig mit dem Trabacchio, der der Obrigkeit entflohen, werden
sollte, brachte ihn Andres in ein einsames Zimmer und pflegte ihn auf
alle nur mgliche Weise, aber so behutsam ging er dabei zu Werke, da
niemand die Anwesenheit des Fremden ahnte; denn selbst der Knabe,
gewohnt dem Vater blindlings zu gehorchen, verschwieg getreulich
das Geheimnis. Andres frug nun den Trabacchio, ob er denn gewi und
wahrhaftig Giorginas Vater sei. Allerdings bin ich das, erwiderte
Trabacchio. In der Gegend von Neapel entfhrte ich einst ein
bildschnes Mdchen, die mir eine Tochter gebar. Nun weit du schon,
Andres, da eines der grten Kunststcke meines Vaters die Bereitung
jenes kstlichen wundersamen Liquors war, wozu das Hauptingredienz
das Herzblut von Kindern ist, die neun Wochen, neun Monate, oder neun
Jahre alt und von den Eltern dem Laboranten freiwillig anvertraut sein
mssen. Je nher die Kinder mit dem Laboranten in Beziehung stehen,
desto wirkungsvoller entsteht aus ihrem Herzblut Lebenskraft, stete
Verjngung, ja selbst die Bereitung des knstlichen Goldes. Deshalb
schlachtete mein Vater seine Kinder und ich war froh, das Tchterlein,
das mir mein Weib geboren, auf solche verruchte Weise hheren Zwecken
opfern zu knnen. Noch kann ich nicht begreifen, auf welche Weise mein
Weib die bse Absicht ahnte; aber sie war vor Ablauf der neunten Woche
verschwunden und erst nach mehrern Jahren erfuhr ich, da sie in
Neapel gestorben sei und ihre Tochter Giorgina bei einem grmlichen
geizhalsigen Gastwirt erzogen wrde. Ebenso wurde mir ihre
Verheiratung mit dir und dein Aufenthalt bekannt. Nun kannst du dir
erklren, Andres, warum ich deinem Weibe gewogen war und warum ich,
ganz erfllt von meinen verruchten Teufelsknsten, deinen Kindern so
nachstellte. - Aber dir, Andres, dir allein und deiner wunderbaren
Rettung durch Gottes Allmacht verdanke ich meine tiefe Reue, meine
innere Zerknirschung. brigens ist das Kistchen mit Kleinodien, das
ich deinem Weibe gab, dasjenige, welches ich auf des Vaters Gehei
aus den Flammen rettete, du kannst es getrost aufbewahren fr deinen
Knaben. - Das Kistchen, fiel Andres ein, hat Euch ja Giorgina
wiedergegeben an jenem schrecklichen Tag, da Ihr den grlichen Mord
verbtet?

Allerdings, erwiderte Trabacchio; allein ohne da es Giorgina
wute, kam es wieder in Euern Besitz. Seht nur nach in der groen
schwarzen Truhe, die in Euerm Hausflur steht, da werdet Ihr das
Kistchen auf dem Boden finden. Andres suchte in der Truhe und fand
das Kistchen wirklich ganz in dem Zustande wieder, wie er es damals
zum erstenmal von Trabacchio in Verwahrung erhalten.

Andres fhlte in sich unheimlichen Unmut, ja er konnte sich des
Wunsches nicht erwehren, da Trabacchio tot gewesen sein mge, als er
ihn im Graben fand. Freilich schien Trabacchios Reue und Bue wahrhaft
zu sein; denn ohne seine Klause zu verlassen, brachte er seine Zeit
nur damit hin, in andchtigen Bchern zu lesen und seine einzige
Ergtzlichkeit war die Unterhaltung mit dem kleinen Georg, den er ber
alles zu lieben schien. Andres beschlo indessen doch auf seiner Hut
zu sein und erffnete bei erster Gelegenheit das ganze Geheimnis dem
Grafen von Vach, der ber das seltene Spiel des Schicksals nicht
wenig verwundert war. So vergingen einige Monate, der Sptherbst
war eingetreten und Andres mehr auf der Jagd, als sonst. Der Kleine
blieb gewhnlich bei dem Grovater und einem alten Jger, der um das
Geheimnis wute. Eines Abends war Andres von der Jagd zurckgekehrt,
als der alte Jger hineintrat und nach seiner treuherzigen Weise
anfing: Herr, Ihr habt einen bsen Kumpan im Hause. Zu dem kommt
der Gottseibeiuns! durchs Fenster und geht wieder ab in Rauch und
Dampf. Dem Andres wurde es bei dieser Rede zumut, als htt ihn ein
Blitzstrahl getroffen. Er wute nur zu genau, was das zu bedeuten
hatte; als ihm der alte Jger weiter erzhlte, wie er schon mehrere
Tage hintereinander in spter Abenddmmerung in Trabacchios Zimmer
seltsame Stimmen gehrt, die wie im Zank durcheinander geplappert, und
heute zum zweitenmal habe es ihm, indem er Trabacchios Tre schnell
geffnet, geschienen, als rausche eine Gestalt im roten goldverbrmten
Mantel zum Fenster hinaus. In vollem Zorn eilte Andres herauf zum
Trabacchio, hielt ihm vor, was sein Jger ausgesagt und kndigte ihm
an, da er sich's gefallen lassen msse, ins Schlogefngnis gesperrt
zu werden, wenn er nicht allen bsen Tritten entsage. Trabacchio blieb
ruhig, und erwiderte im wehmtigen Ton: Ach, lieber Andres! nur
zu wahr ist es, da mein Vater, dessen Stndlein noch immer nicht
gekommen, mich auf unerhrte Weise peinigt und qult. Er will, da ich
mich ihm wieder zuwende, und der Frmmigkeit, dem Heil meiner Seele
entsage, allein ich bin standhaft geblieben, und glaube nicht, da er
wiederkehren wird, da er gesehen, da er nicht mehr ber mich Macht
hat. Bleibe ruhig, lieber Sohn Andres! und la mich bei dir als ein
frommer Christ vershnt mit Gott sterben! In der Tat schien auch
die feindliche Gestalt auszubleiben, indessen war es, als wrden
Trabacchios Augen wieder glhender, er lchelte zuweilen so seltsam
hhnisch, wie sonst. Whrend der Betstunde, die Andres jeden Abend mit
ihm zu halten pflegte, schien er oft krampfhaft zu erzittern; zuweilen
strich eine seltsam pfeifende Zugluft durch das Zimmer, welche die
Bltter der Gebetbcher raschelnd umschlug, ja die Bcher selbst dem
Andres aus den Hnden warf. Gottloser Trabacchio, verruchter Satan!
_Du_ bist es, der hier hllischen Spuk treibt! Was willst du von mir?
hebe dich weg, denn du hast keine Macht ber mich! - hebe dich weg!
- So rief Andres mit starker Stimme! Da lachte es hhnisch durch das
Zimmer hin, und schlug wie mit schwarzen Fittigen an das Fenster. Und
doch war es nur der Regen, der an das Fenster geschlagen, und der
Herbstwind, der durch das Zimmer geheult, wie Trabacchio meinte, als
das Unwesen wieder einmal recht arg war und Georg vor Angst weinte.

Nein, rief Andres: Euer gottloser Vater knnte hier nicht so
herumspuken, wenn Ihr aller und jeder Gemeinschaft mit ihm entsagt
httet. Ihr mt fort von mir. Eure Wohnung ist Euch lngst bereitet.
Ihr mt fort ins Schlogefngnis; dort mget Ihr Euern Spuk treiben
wie Ihr wollt. Trabacchio weinte heftig, er bat um aller Heiligen
willen ihn im Hause zu dulden und Georg, ohne zu begreifen, was das
alles wohl bedeute, stimmte in seine Bitten ein. So bleibt denn noch
morgen hier, sagte Andres, ich will sehen, wie es mit der Betstunde
gehen wird, wenn ich heimkomme von der Jagd. Am andern Tage gab es
herrliches Herbstwetter, und Andres versprach sich eine reiche Beute.
Als er von dem Anstand zurckkehrte, war es ganz finster geworden. Er
fhlte sich im innersten Gemt besonders bewegt; seine merkwrdigen
Schicksale, Giorginas Bild, sein ermordeter Knabe traten ihm so
lebendig vor Augen, da er tief in sich gekehrt, immer langsamer und
langsamer den Jgern nachschlenderte, bis er sich endlich unversehends
auf einem Nebenwege allein im Forst befand. Im Begriff zurckzukehren
in den breiten Waldweg, wurde er ein blendendes Licht gewahr, welches
durch das dickste Gebsch flackerte. Da ergriff ihn eine wunderbare
verworrene Ahnung groer Greueltat, die verbt werde; er drang durch
das Dickicht, er war dem Feuer nahe, da stand des alten Trabacchio
Gestalt im goldverbrmten Mantel, den Stodegen an der Seite, den
niedergekrempten Hut mit roter Feder auf dem Kopfe, das Arzneikistchen
unterm Arm. Mit glhenden Augen blickte die Gestalt in das Feuer,
das wie in rot und blau flammenden Schlangen unter einer Retorte
hervorloderte. Vor dem Feuer lag Georg nackt ausgebreitet auf einer
Art Rost und der verruchte Sohn des satanischen Doktors hatte hoch
das funkelnde Messer erhoben zum Todessto. Andres schrie auf vor
Entsetzen; aber sowie der Mrder sich umblickte, sauste schon die
Kugel aus Andres' Bchse und Trabacchio strzte mit zerschmettertem
Gehirn ber das Feuer hin, das im Augenblick erlosch. Die Gestalt des
Doktors war verschwunden. Andres sprang hinzu, stie den Leichnam
beiseite, band den armen Georg los und trug ihn schnell fort bis
ins Haus. Dem Knaben fehlte nichts; nur die Todesangst hatte ihn
ohnmchtig gemacht. Den Andres trieb es heraus in den Wald, er
wollte sich von Trabacchios Tode berzeugen und den Leichnam gleich
verscharren; er weckte daher den alten Jger, der in tiefen,
wahrscheinlich von Trabacchio bewirkten Schlaf gesunken, und beide
gingen mit Laterne, Hacke und Spaten an die nicht weit entlegene
Stelle. Da lag der blutige Trabacchio; aber sowie Andres sich nherte,
richtete er sich mit halbem Leibe auf, starrte ihn grlich an und
rchelte dumpf. Mrder! Mrder des Vaters deines Weibes, aber meine
Teufel sollen dich qulen! - Fahre zur Hlle, du satanischer
Bsewicht, schrie Andres, der dem Entsetzen, das ihn bermannen
wollte, widerstand; fahre hin zur Hlle, du, der du den Tod
hundertfltig verdient hast, dem ich den Tod gab, weil er versuchten
Mord an meinem Kinde, an dem Kinde seiner Tochter verben wollte!
Du hast nur Bue und Frmmigkeit geheuchelt um schndlichen Verrats
willen, aber nun bereitet der Satan manche Qual deiner Seele, die du
ihm verkauft. Da sank Trabacchio heulend zurck und immer dumpfer und
dumpfer wimmernd gab er seinen Geist auf. Nun gruben die beiden Mnner
ein tiefes Loch, in das sie Trabacchios Krper warfen. Sein Blut
komme nicht ber mich! sprach Andres, aber ich konnte nicht
anders, ich war dazu ausersehen von Gott, meinen Georg zu retten und
hundertfltige Frevel zu rchen. Doch will ich fr seine Seele beten
und ein kleines Kreuz auf sein Grab stellen. Als andern Tages Andres
dieses Vorhaben ausfahren wollte, fand er die Erde aufgewhlt, der
Leichnam war verschwunden. Ob das nun von wilden Tieren, oder wie
sonst bewirkt, blieb in Zweifel. Andres ging mit seinem Knaben und dem
alten Jger zum Grafen von Vach, und berichtete treulich die ganze
Begebenheit. Der Graf von Vach billigte die Tat des Andres, der zur
Rettung seines Sohnes einen Ruber und Mrder niedergestreckt hatte
und lie den ganzen Verlauf der Sache niederschreiben und im Archiv
des Schlosses aufbewahren.

Die schreckliche Begebenheit hatte den Andres tief im Innersten
erschttert, und wohl mochte er sich deshalb, wenn die Nacht
eingebrochen, schlaflos auf dem Lager wlzen. Aber wenn er so zwischen
Wachen und Trumen hinbrtete, da hrte er es im Zimmer knistern und
rauschen, und ein roter Schein fuhr hindurch und verschwand wieder.
Sowie er anfing zu horchen und zu schauen, da murmelte es dumpf. Nun
bist du Meister - du hast den Schatz - du hast den Schatz - gebeut
ber die Kraft, sie ist dein! - Dem Andres war es, als wolle ein
unbekanntes Gefhl ganz eigner Wohlbehaglichkeit und Lebenslust in
ihm aufgehen; aber sowie die Morgenrte durch die Fenster brach, da
ermannte sich Andres und betete, wie er es zu tun gewohnt, krftig und
inbrnstig zu dem Herrn, der seine Seele erleuchtete. Ich wei was
nun noch meines Amts und Berufs ist, um den Versucher zu bannen und
die Snde abzuwenden von meinem Hause! - So sprach Andres, nahm
Trabacchios Kistchen und warf es, ohne es zu ffnen, in eine tiefe
Bergschlucht. Nun geno Andres eines ruhigen heitern Alters, das keine
feindliche Macht zu zerstren vermochte.



Die Jesuiterkirche in G.

In eine elende Postchaise gepackt, die die Motten, wie die Ratten
Prosperos Fahrzeug, aus Instinkt verlassen hatten, hielt ich endlich,
nach halsbrechender Fahrt, halbgerdert, vor dem Wirtshause auf dem
Markte in G. Alles Unglck, das mir selbst begegnen knnen, war auf
meinen Wagen gefallen, der zerbrochen bei dem Postmeister der letzten
Station lag. Vier magere abgetriebene Pferde schleppten nach mehrern
Stunden endlich mit Hlfe mehrerer Bauern und meines Bedienten das
baufllige Reisehaus herbei; die Sachverstndigen kamen, schttelten
die Kpfe und meinten, da eine Hauptreparatur ntig sei, die zwei,
auch wohl drei Tage dauern knne. Der Ort schien mir freundlich,
die Gegend anmutig und doch erschrak ich nicht wenig ber den mir
gedrohten Aufenthalt. Warst du, gnstiger Leser! jemals gentigt, in
einer kleinen Stadt, wo du niemanden - niemanden kanntest, wo du jedem
fremd bliebst, drei Tage zu verweilen, und hat nicht irgend ein tiefer
Schmerz den Drang nach gemtlicher Mitteilung in dir weggezehrt, so
wirst du mein Unbehagen mit mir fhlen. In dem Wort geht ja erst der
Geist des Lebens auf in allem um uns her; aber die Kleinstdter sind
wie ein in sich selbst verbtes, abgeschlossenes Orchester eingespielt
und eingesungen, nur ihre eignen Stcke gehen rein und richtig, jeder
Ton des Fremden dissoniert ihren Ohren und bringt sie augenblicklich
zum Schweigen. - Recht milaunig schritt ich in meinem Zimmer auf
und ab; da fiel mir pltzlich ein, da ein Freund in der Heimat, der
ehemals ein paar Jahre hindurch in G. gewesen, oft von einem gelehrten
geistreichen Manne sprach, mit dem er damals viel umgegangen. Auch des
Namens erinnerte ich mich: es war der Professor im Jesuiter-Kollegio
Aloysius Walther. Ich beschlo hinzugehen und meines Freundes
Bekanntschaft fr mich selbst zu nutzen. Man sagte mir im Kollegio,
da Professor Walther zwar eben lese, aber in kurzer Zeit endigen
werde, und stellte mir frei, ob ich wiederkommen, oder in den
ueren Slen verweilen wolle. Ich whlte das letzte. berall sind
die Klster, die Kollegien, die Kirchen der Jesuiten in jenem
italienischen Stil gebaut, der auf antike Form und Manier gesttzt,
die Anmut und Pracht dem heiligen Ernst, der religisen Wrde
vorzieht. So waren auch hier die hohen, luftigen, hellen Sle mit
reicher Architektur geschmckt, und sonderbar genug stachen gegen
Heiligenbilder, die hie und da an den Wnden zwischen ionischen Sulen
hingen, die Superporten ab, welche durchgehends Genientnze, oder gar
Frchte und Leckerbissen der Kche darstellten. - Der Professor trat
ein, ich erinnerte ihn an meinen Freund, und nahm auf die Zeit meines
gezwungenen Aufenthalts seine Gastlichkeit in Anspruch. Ganz, wie ihn
mein Freund beschrieben, fand ich den Professor; hellgesprchig -
weltgewandt - kurz, ganz in der Manier des hheren Geistlichen, der
wissenschaftlich ausgebildet, oft genug ber das Brevier hinweg in das
Leben geschaut hat, um genau zu wissen, wie es darin hergeht. Als ich
sein Zimmer auch mit moderner Eleganz eingerichtet fand, kam ich auf
meine vorigen Bemerkungen in den Slen zurck, die ich gegen den
Professor laut werden lie. Es ist wahr, erwiderte er, wir haben
jenen dstern Ernst, jene sonderbare Majestt des niederschmetternden
Tyrannen, die im gotischen Bau unsere Brust beklemmt, ja wohl ein
unheimliches Grauen erregt, aus unseren Gebuden verbannt, und es ist
wohl verdienstlich, unsern Werken die regsame Heiterkeit der Alten
anzueignen. - Sollte aber, erwiderte ich, nicht eben jene heilige
Wrde, jene hohe zum Himmel strebende Majestt des gotischen Baues
recht von dem wahren Geist des Christentums erzeugt sein, der,
bersinnlich, dem sinnlichen, nur in dem Kreis des Irdischen
bleibenden Geiste der antiken Welt geradezu widerstrebt? - Der
Professor lchelte. Ei, sprach er, das hhere Reich soll man
erkennen in dieser Welt und diese Erkenntnis darf geweckt werden
durch heitere Symbole, wie sie das Leben, ja der aus jenem Reich ins
irdische Leben herabgekommene Geist, darbietet. Unsere Heimat ist wohl
dort droben; aber solange wir hier hausen, ist unser Reich auch von
dieser Welt. Jawohl, dachte ich: in allem was ihr tatet, bewieset
ihr, da euer Reich von dieser Welt, ja nur allein von dieser Welt
ist. Ich sagte aber das, was ich dachte, keinesweges dem Professor
Aloysius Walther, welcher also fortfuhr: Was Sie von der Pracht
unserer Gebude hier am Orte sagen, mchte sich wohl nur auf die
Annehmlichkeit der Form beziehen. Hier, wo der Marmor unerschwinglich
ist, wo groe Meister der Malerkunst nicht arbeiten mgen, hat man
sich, der neuern Tendenz gem, mit Surrogaten behelfen mssen. Wir
tun viel, wenn wir uns zum polierten Gips versteigen, mehrenteils
schafft nur der Maler die verschiedenen Marmorarten, wie es eben
jetzt in unserer Kirche geschieht, die, Dank sei es der Freigebigkeit
unserer Patronen, neu dekoriert wird. Ich uerte den Wunsch, die
Kirche zu sehen; der Professor fhrte mich hinab, und als ich in den
korinthischen Sulengang, der das Schiff der Kirche formte, eintrat,
fhlte ich wohl den nur zu freundlichen Eindruck der zierlichen
Verhltnisse. Dem Hochaltare links war ein hohes Gerste errichtet,
auf dem ein Mann stand, der die Wnde in Giallo antik bermalte. Nun
wie geht es, Berthold? rief der Professor hinauf Der Maler wandte
sich nach uns um, aber gleich fuhr er wieder fort zu arbeiten, indem
er mit dumpfer beinahe unvernehmbarer Stimme sprach: Viel Plage -
krummes verworrenes Zeug - kein Lineal zu brauchen - Tiere - Affen -
Menschengesichter - Menschengesichter - o ich elender Tor! Das letzte
rief er laut mit einer Stimme, die nur der tiefste im Innersten
whlende Schmerz erzeugt; ich fhlte mich auf die seltsamste Weise
angeregt, jene Worte und der Ausdruck des Gesichts, der Blick, womit
er zuvor den Professor anschaute, brachten mir das ganze zerrissene
Leben eines unglcklichen Knstlers vor Augen. Der Mann mochte kaum
ber vierzig Jahre alt sein; seine Gestalt, war sie auch durch
den unfrmlichen schmutzigen Maleranzug entstellt, hatte was
unbeschreiblich Edles, und der tiefe Gram konnte nur das Gesicht
entfrben, das Feuer, was in den schwarzen Augen strahlte, aber nicht
auslschen. Ich frug den Professor, was es mit dem Maler wohl fr eine
Bewandtnis htte. Es ist ein fremder Knstler, erwiderte er, der
sich gerade zu der Zeit hier einfand, als die Reparatur der Kirche
beschlossen worden. Er unternahm die Arbeit, die wir ihm antrugen,
mit Freuden, und in der Tat war seine Ankunft ein Glcksfall fr uns;
denn weder hier, noch in der Gegend weit umher htten wir einen Maler
auftreiben knnen, der fr alles, dessen es hier zu malen bedarf, so
tchtig gewesen wre. brigens ist es der gutmtigste Mensch von der
Welt, den wir alle recht lieben, und so kommt es denn, da er in
unserm Kollegio gut aufgenommen wurde. Auer dem ansehnlichen Honorar,
das er fr seine Arbeit erhlt, verkstigen wir ihn; dies ist aber fr
uns ein sehr geringer Aufwand, denn er ist beinahe zu mig, welches
freilich seinem krnklichen Krper zusagen mag.

Aber, fiel ich ein, er schien heute so mrrisch - so aufgeregt.
- Das hat seine besondere Ursache, erwiderte der Professor, doch
lassen Sie uns einige schne Gemlde der Seiten-Altre anschauen,
die vor einiger Zeit ein glcklicher Zufall uns verschaffte. Nur
ein einziges Original, ein Dominichino, ist dabei, die anderen
sind von unbekannten Meistern der italienischen Schule, aber, sind
Sie vorurteilsfrei, so werden Sie gestehen mssen, da jedes den
berhmtesten Namen tragen drfte. Ich fand es ganz so, wie der
Professor gesagt hatte. Es war seltsam, da das einzige Original
gerade zu den schwchern Stcken gehrte, war es nicht wirklich das
schwchste, und da dagegen die Schnheit mancher Gemlde ohne Namen
mich unwiderstehlich hinri. ber das Gemlde eines Altars war eine
Decke herabgelassen; ich frug nach der Ursache. Dies Bild, sprach
der Professor, ist das schnste was wir besitzen, es ist das Werk
eines jungen Knstlers der neueren Zeit - gewi sein letztes, denn
sein Flug ist gehemmt. - Wir muten in diesen Tagen das Gemlde aus
gewissen Grnden verhngen lassen, doch bin ich vielleicht morgen,
oder bermorgen imstande, es Ihnen zu zeigen. - Ich wollte weiter
fragen, indessen schritt der Professor rasch durch den Gang fort, und
das war genug, um seine Unlust zu zeigen, mir weiter zu antworten.
Wir gingen in das Kollegium zurck, und gern nahm ich des Professors
Einladung an, der mit mir nachmittags einen nahgelegenen Lustort
besuchen wollte. Spt kehrten wir heim, ein Gewitter war aufgestiegen,
und kaum langte ich in meiner Wohnung an, als der Regen herabstrmte.
Es mochte wohl schon Mitternacht sein, da klrte sich der Himmel
auf, und nur noch entfernt murmelte der Donner. Durch die geffneten
Fenster wehte die laue, mit Wohlgerchen geschwngerte, Luft in das
dumpfe Zimmer, ich konnte der Versuchung nicht widerstehen, unerachtet
ich mde genug war, noch einen Gang zu machen; es glckte mir, den
mrrischen Hausknecht, der schon seit zwei Stunden schnarchen mochte,
zu erwecken, und ihn zu bedeuten, da es kein Wahnsinn sei, noch um
Mitternacht spazieren zu gehen, bald befand ich mich auf der Strae.
Als ich bei der Jesuiterkirche vorberging, fiel mir das blendende
Licht auf, das durch ein Fenster strahlte. Die kleine Seitenpforte war
nur angelehnt, ich trat hinein und wurde gewahr, da vor einer hohen
Blende eine Wachsfackel brannte. Nher gekommen bemerkte ich, da vor
der Blende ein Netz von Bindfaden ausgespannt war, hinter dem eine
dunkle Gestalt eine Leiter hinauf und hinunter sprang, und in die
Blende etwas hineinzuzeichnen schien. Es war Berthold, der den
Schatten des Netzes mit schwarzer Farbe genau berzog. Neben der
Leiter auf einer hohen Staffelei stand die Zeichnung eines Altars. Ich
erstaunte ber den sinnreichen Einfall. Bist du, gnstiger Leser, mit
der edlen Malerkunst was weniges vertraut, so wirst du ohne weitere
Erklrung sogleich wissen, was es mit dem Netz, dessen Schattenstriche
Berthold in die Blende hineinzeichnete, fr eine Bewandtnis hat.
Berthold sollte in die Blende einen hervorspringenden Altar malen.
Um die kleine Zeichnung richtig in das Groe zu bertragen, mute er
beides, den Entwurf und die Flche, worauf der Entwurf ausgefhrt
werden sollte, dem gewhnlichen Verfahren gem mit einem Netz
berziehn. Nun war es aber keine Flche, sondern eine halbrunde
Blende, worauf gemalt werden sollte; die Gleichung der Quadrate,
die die krummen Linien des Netzes auf der Hhlung bildeten, mit den
geraden des Entwurfs und die Berichtigung der architektonischen
Verhltnisse, die sich herausspringend darstellen sollten, war daher
nicht anders zu finden, als auf jene einfache geniale Weise. Wohl
htete ich mich vor die Fackel zu treten und mich so durch meinen
Schlagschatten zu verraten, aber nahe genug zur Seite stand ich,
um den Maler genau zu beobachten. Er schien mir ganz ein anderer,
vielleicht war es nur Wirkung des Fackelscheins, aber sein Gesicht
war gertet, seine Augen blitzten wie vor innerm Wohlbehagen, und
als er seine Linien fertig gezeichnet, stellte er sich mit in die
Seite gestemmten Hnden vor die Blende hin, und pfiff, die Arbeit
beschauend, ein muntres Liedchen. Nun wandte er sich um und ri das
ausgespannte Netz herunter. Da fiel ihm meine Gestalt ins Auge, he
da! he da! rief er laut: seid Ihr es Christian? - Ich trat auf ihn
zu, erklrte ihm was mich in die Kirche gelockt, und, den sinnreichen
Einfall mit dem Schattennetz hochpreisend, gab ich mich als Kenner und
Ausber der edlen Malerkunst zu erkennen. Ohne mir darauf weiter zu
antworten, sprach Berthold: Christian ist auch weiter nichts, als ein
Faulenzer; treu wollte er aushalten bei mir die ganze Nacht hindurch,
und nun liegt er gewi irgendwo auf dem Ohr! - Mein Werk mu
vorrcken, denn morgen malt sich's vielleicht hier in der Blende
teufelmig schlecht - und allein kann ich doch jetzt nichts machen.
Ich erbot mich ihm behilflich zu sein. Er lachte laut auf, fate mich
bei beiden Schultern und rief.- Das ist ein exzellenter Spa; was
wird Christian sagen, wenn er morgen merkt, da er ein Esel ist, und
ich seiner gar nicht bedurft habe? Nun so kommt, fremder Geselle und
Bruder, helft mir erst fein bauen. Er zndete einige Kerzen an, wir
liefen durch die Kirche, schleppten Bcke und Bretter herbei und bald
stand ein hohes Gerst in der Blende.

Nun frisch zugereicht, rief Berthold, indem er heraufstieg. Ich
erstaunte ber die Schnelligkeit, mit der Berthold die Zeichnung ins
Groe bertrug; keck zog er seine Linien, niemals gefehlt, immer
richtig und rein. An dergleichen Dinge, in frherer Zeit gewhnt, half
ich dem Maler treulich, indem ich, bald oben, bald unter ihm stehend,
die langen Lineale in die angedeuteten Punkte einsetzte und festhielt,
die Kohlen spitz schliff und ihm zureichte usw. Ihr seid ja gar ein
wackerer Gehlfe, rief Berthold ganz frhlich, und Ihr, erwiderte
ich, in der Tat einer der gebtesten Architektur-Maler, die es geben
mag; habt Ihr denn bei Eurer fertigen kecken Faust nie andere Malerei
getrieben als diese? - Verzeiht meine Frage. - Was meint ihr denn
eigentlich? sprach Berthold, Nun, erwiderte ich, ich meine, da
Ihr zu etwas Besserem taugt, als Kirchenwnde mit Marmorsulen zu
bemalen. Architektur-Malerei bleibt doch immer etwas Untergeordnetes;
der Historien-Maler, der Landschafter steht unbedingt hher. Geist und
Fantasie, nicht in die engen Schranken geometrischer Linien gebannt,
erheben sich in freiem Fluge. Selbst das einzige Fantastische Eurer
Malerei, die sinnetuschende Perspektive, hngt von genauer Berechnung
ab, und so ist die Wirkung das Erzeugnis, nicht des genialen
Gedankens, sondern nur mathematischer Spekulation. Der Maler hatte,
whrend ich dies sprach, den Pinsel abgesetzt und den Kopf in die Hand
gesttzt. Unbekannter Freund, fing er jetzt mit dumpfer feierlicher
Stimme an: Unbekannter Freund, du frevelst, wenn du die verschiedenen
Zweige der Kunst in Rangordnung stellen willst, wie die Vasallen eines
stolzen Knigs. Und noch grerer Frevel ist es, wenn du nur die
Verwegenen achtest, welche taub fr das Klirren der Sklavenkette,
fhllos fr den Druck des Irdischen, sich frei, ja selbst sich Gott
whnen und schaffen und herrschen wollen ber Licht und Leben. -
Kennst du die Fabel von dem Prometheus, der Schpfer sein wollte, und
das Feuer vom Himmel stahl, um seine toten Figuren zu beleben? - Es
gelang ihm, lebendig schritten die Gestalten daher, und aus ihren
Augen strahlte jenes himmlische Feuer, das in ihrem Innern brannte;
aber rettungslos wurde der Frevler, der sich angemat Gttliches zu
fahen, verdammt zu ewiger frchterlicher Qual. Die Brust, die das
Gttliche geahnt, in der die Sehnsucht nach dem berirdischen
aufgegangen, zerfleischte der Geier, den die Rache geboren und der
sich nun nhrte von dem eignen Innern des Vermessenen. Der das
Himmlische gewollt, fhlte ewig den irdischen Schmerz. - Der Maler
stand in sich versunken da. Aber, rief ich: Aber Berthold, wie
beziehen Sie das alles auf Ihre Kunst? Ich glaube nicht, da irgend
jemand es fr vermessenen Frevel halten kann, Menschen zu bilden, sei
es durch Malerei, oder Plastik. Wie in bitterm Hohn lachte Berthold
auf. Ha ha - Kinderspiel ist kein Frevel! - Kinderspiel ist's wie
sie's machen, die Leute, die getrost ihre Pinsel in die Farbentpfe
stecken und eine Leinwand beschmieren, mit der wahrhaftigen Begier,
Menschen darzustellen; aber es kommt so heraus, als habe, wie es in
jenem Trauerspiele steht, irgend ein Handlanger der Natur versucht
Menschen zu bilden, und es sei ihm milungen. - Das sind keine
freveliche Snder, das sind nur arme unschuldige Narren! Aber Herr! -
wenn man nach dem Hchsten strebt - nicht Fleischeslust, wie Tizian
- nein das Hchste der gttlichen Natur, der Prometheusfunken im
Menschen - Herr! - es ist eine Klippe - ein schmaler Strich, auf dem
man steht - der Abgrund ist offen! - ber ihm schwebt der khne Segler
und ein teuflischer Trug lt ihn unten - unten _das_ erblicken, was er
oben ber den Sternen erschauen wollte! - Tief seufzte der Maler auf,
er fuhr mit der Hand ber die Stirn, und blickte dann in die Hhe.
Aber was schwatze ich mit Euch, Geselle, da drunten fr tolles Zeug,
und male nicht weiter? - Schaut her Geselle, das nenne ich treu und
ehrlich gezeichnet. Wie herrlich ist die Regel! - alle Linien einen
sich zum bestimmten Zweck, zu bestimmter deutlich gedachter Wirkung.
Nur das Gemessene ist rein menschlich; was drber geht, vom bel. Das
bermenschliche mu Gott, oder Teufel sein; sollten beide nicht in der
Mathematik von Menschen bertroffen werden? Sollt es nicht denkbar
sein, da Gott uns ausdrcklich erschaffen htte, um das, was nach
gemessenen erkennbaren Regeln darzustellen ist, kurz, das rein
Kommensurable, zu besorgen fr seinen Hausbedarf, so wie wir
unsrerseits wieder Sgemhlen und Spinnmaschinen bauen, als
mechanische Werkmeister unseres Bedarfs. Professor Walther behauptete
neulich, da gewisse Tiere blo erschaffen wren, um von andern
gefressen zu werden, und das kme doch am Ende zu unserm Nutzen
heraus, so wie z.B. die Katzen den angebornen Instinkt htten, Muse
zu fressen, damit diese uns nicht den Zucker, der zum Frhstck bereit
lge, wegknappern sollten. Am Ende hat der Professor recht - Tiere
und wir selbst sind gut eingerichtete Maschinen, um gewisse Stoffe zu
verarbeiten, und zu verknoten fr den Tisch des unbekannten Knigs.
- Nun frisch - frisch, Geselle - reiche mir die Tpfe! - Alle Tne
hab ich gestern beim lieben Sonnenlicht abgestimmt, damit mich der
Fackelschein nicht trge, sie stehn numeriert im Winkel. Reich mir
Numero eins, mein Junge! - Grau in Grau! - Und was wre das trockne
mhselige Leben, wenn der Herr des Himmels uns nicht so manches bunte
Spielzeug in die Hnde gegeben htte! - Wer artig ist, trachtet nicht,
wie der neugierige Bube, den Kasten zu zerbrechen, in dem es orgelt,
wenn er die uere Schraube dreht. - Man sagt, es ist ganz natrlich,
da es drinnen klingt; denn ich drehe ja die Schraube! - Indem ich
dies Geblk richtig aus dem Augenpunkt aufgezeichnet, wei ich
bestimmt, da es sich dem Beschauer plastisch darstellt - Numero
zwei heraufgereicht, Junge! - Nun male ich es aus in den regelrecht
abgestimmten Farben - es erscheint vier Ellen zurcktretend. Das wei
ich alles gewi; oh! man ist erstaunlich klug - wie kommt es, da die
Gegenstnde in der Ferne sich verkleinern? Die einzige dumme Frage
eines Chinesen knnte selbst den Professor Eytelwein in Verlegenheit
setzen; doch knnte er sich mit dem orgelnden Kasten helfen und
sprechen, er habe manchmal an der Schraube gedreht, und immer dieselbe
Wirkung erfahren - Violett Numero eins, Junge! - ein anderes Lineal
- dicken ausgewaschenen Pinsel! Ach, was ist all unser Ringen und
Streben nach dem Hheren anders, als das unbeholfene bewutlose
Hantieren des Suglings, der die Amme verletzt, die ihn wohlttig
nhrt! - Violett Numero zwei - frisch Junge! - das Ideal ist ein
schnder lgnerischer Traum vom grenden Blute erzeugt. - Die Tpfe
weg, Junge - ich steige herab. - Der Teufel narrt uns mit Puppen,
denen er Engelsfittige angeleimt. - Nicht mglich ist es mir, alles
das wrtlich zu wiederholen, was Berthold sprach, indem er rasch
fortmalte, und mich ganz wie seinen Handlanger brauchte. In der
angegebenen Manier fuhr er fort, die Beschrnktheit alles irdischen
Beginnens auf das bitterste zu verhhnen; ach er schaute in die
Tiefe eines auf den Tod verwundeten Gemts, dessen Klage sich nur in
schneidender Ironie erhebt. Der Morgen dmmerte, der Schein der Fackel
verblate vor den hereinbrechenden Sonnenstrahlen. Berthold malte
eifrig fort, aber er wurde stiller und stiller und nur einzelne Laute
- zuletzt nur Seufzer, entflohen der gepreten Brust. Er hatte den
ganzen Altar mit gehriger Farbenabstufung angelegt, und schon jetzt,
ohne weiter ausgefhrt zu sein, sprang das Gemlde wunderbar hervor.
In der Tat herrlich - ganz herrlich, rief ich voll Bewunderung aus.
Meinen Sie, sprach Berthold mit matter Stimme: Meinen Sie, da
etwas daraus werden wird? - Ich gab mir wenigstens alle Mhe richtig
zu zeichnen; aber nun kann ich nicht mehr. - Keinen Pinselstrich
weiter, lieber Berthold! sprach ich: es ist beinahe unglaublich,
wie Sie mit einem solchen Werk in wenigen Stunden so weit vorrcken
konnten; aber Sie greifen sich zu sehr an, und verschwenden
Ihre Kraft. - Und doch, erwiderte Berthold, sind das meine
glcklichsten Stunden. - Vielleicht schwatzte ich zu viel, aber es
sind ja nur Worte, in die sich der das Innere zerreiende Schmerz
auflst. - Sie scheinen sich sehr unglcklich zu fhlen, mein armer
Freund, sprach ich: irgend ein furchtbares Ereignis trat feindlich
zerstrend in Ihr Leben! - Der Maler trug langsam seine Gertschaften
in die Kapelle, lschte die Fackel aus, kam dann auf mich zu, fate
meine Hand und sprach mit gebrochener Stimme: Knnten Sie einen
Augenblick Ihres Lebens ruhigen, heitern Geistes sein, wenn Sie sich
eines grlichen, nie zu shnenden Verbrechens bewut wren? -
Erstarrt blieb ich stehen. Die hellen Sonnenstrahlen fielen in
des Malers leichenblasses zerstrtes Gesicht, und er war beinahe
gespenstisch anzusehen, als er fortwankte durch die kleine Pforte in
das Innere des Kollegiums.

Kaum erwarten konnte ich am folgenden Tage die Stunde, die mir
Professor Walther zum Wiedersehen bestimmt hatte. Ich erzhlte ihm
den ganzen Auftritt der vorigen Nacht, der mich nicht wenig aufgeregt
hatte; ich schilderte mit den lebendigsten Farben des Malers
wunderliches Benehmen, und verschwieg kein Wort, das er gesprochen,
selbst das nicht, was ihn selbst betroffen. Je mehr ich aber auf des
Professors Teilnahme hoffte, desto gleichgltiger schien er mir, ja er
lchelte selbst ber mich auf eine hchst widrige Weise, als ich nicht
nachlie, von Berthold zu reden und in ihn zu dringen, mir ja alles,
was er von dem Unglcklichen wte, zu sagen. Es ist ein wunderlicher
Mensch, dieser Maler, fing der Professor an: sanft - gutmtig -
arbeitsam - nchtern, wie ich Ihnen schon frher sagte, aber schwachen
Verstandes; denn sonst htte er sich nicht durch irgend ein Ereignis
im Leben, sei es selbst ein Verbrechen, das er beging, herabstimmen
lassen vom herrlichen Historienmaler zum drftigen Wandpinsler.
 Der Ausdruck Wandpinsler rgerte mich so wie des Professors
Gleichgltigkeit berhaupt. Ich suchte ihm darzutun, da noch jetzt
Berthold ein hchst achtungswerten Knstler, und der hchsten regsamen
Teilnahme wert sei. Nun, fing der Professor endlich an: wenn Sie
einmal unser Berthold in solch hohem Grade interessiert, so sollen
Sie alles, was ich von ihm wei, und das ist nicht wenig, ganz genau
erfahren. Zur Einleitung dessen, lassen Sie uns gleich in die Kirche
gehen! Da Berthold die ganze Nacht hindurch mit Anstrengung gearbeitet
hat, wird er heute vormittags rasten. Wenn wir ihn in der Kirche
fnden, wre mein Zweck verfehlt. Wir gingen nach der Kirche, der
Professor lie das Tuch von dem verhngten Gemlde herunternehmen und
in zauberischem Glanze ging vor mir ein Gemlde auf, wie ich es nie
gesehen. Die Komposition war wie Raffaels Stil, einfach und himmlisch
erhaben! - Maria und Elisabeth in einem schnen Garten auf einem
Rasen sitzend, vor ihnen die Kinder Johannes und Christus mit Blumen
spielend, im Hintergrunde seitwrts eine betende mnnliche Figur! -
Marias holdes himmlisches Gesicht, die Hoheit und Frmmigkeit ihrer
ganzen Figur erfllten mich mit Staunen und tiefer Bewunderung. Sie
war schn, schner als je ein Weib auf Erden, aber so wie Raffaels
Maria in der Dresdner Galerie verkndete ihr Blick die hhere Macht
der Gottes-Mutter. Ach! mute vor diesen wunderbaren, von tiefem
Schatten umflossenen Augen nicht in des Menschen Brust die
ewigdrstende Sehnsucht aufgehen? Sprachen die weichen halbgeffneten
Lippen nicht trstend, wie in holden Engels-Melodien, von der
unendlichen Seligkeit des Himmels? - Nieder mich zu werfen in den
Staub vor ihr, der Himmels-Knigin, trieb mich ein unbeschreibliches
Gefhl - keines Wortes mchtig konnte ich den Blick nicht abwenden
von dem Bilde ohnegleichen. Nur Maria und die Kinder waren ganz
ausgefhrt, an der Figur Elisabeths schien die letzte Hand zu fehlen,
und der betende Mann war noch nicht bermalt. Nher getreten erkannte
ich in dem Gesicht dieses Mannes Bertholds Zge. Ich ahnte, was mir
der Professor gleich darauf sagte: Dieses Bild, sprach er, ist
Bertholds letzte Arbeit, das wir vor mehreren Jahren aus N. in
Oberschlesien, wo es von einem unserer Kollegen in einer Versteigerung
gekauft wurde, erhielten. Unerachtet es nicht vollendet ist, lieen
wir es doch statt des elenden Altarblatts, das sonst hier stand,
einfgen. Als Berthold angekommen war und dies Gemlde erblickte,
schrie er laut auf und strzte bewutlos zu Boden. Nachher vermied
er sorgfltig, es anzublicken und vertraute mir, da es seine
letzte Arbeit in diesem Fache sei. Ich hoffte ihn nach und nach zur
Vollendung des Bildes zu berreden, aber mit Entsetzen und Abscheu
wies er jeden Antrag der Art zurck. Um ihn nur einigermaen heiter
und krftig zu erhalten, mute ich das Bild verhngen lassen, solange
er in der Kirche arbeitet. Fiel es ihm nur von ungefhr ins Auge, so
lief er wie von unwiderstehlicher Macht getrieben hin, warf sich laut
schluchzend nieder, bekam seinen Paroxysmus, und war auf mehrere Tage
unbrauchbar. - Armer - armer unglcklicher Mann! rief ich aus,
welch eine Teufelsfaust griff so grimmig zerstrend in dein
Leben.-Oh! sprach der Professor: die Hand samt dem Arm ist ihm an
den Leib gewachsen - ja ja! - er selbst war gewi sein eigner Dmon -
sein Luzifer, der in sein Leben mit der Hllenfackel hineinleuchtete.
Wenigstens geht das aus seinem Leben sehr deutlich hervor. Ich bat
den Professor, mir doch nur jetzt gleich alles zu sagen, was er ber
des unglcklichen Malers Leben wte. Das wrde viel zu weitlufig
sein, und viel zu viel Atem kosten, erwiderte der Professor.
Verderben wir uns den heitern Tag nicht mit dem trben Zeuge! Lassen
Sie uns frhstcken, und dann nach der Mhle gehen, wo uns ein tchtig
zubereitetes Mittagsmahl erwartet. Ich hrte nicht auf, in den
Professor zu dringen, und nach vielem Hin- und Herreden kam es endlich
heraus, da gleich nach der Ankunft Bertholds sich ein Jngling, der
auf dem Kollegio studierte, mit voller Liebe an ihn anschlo, da
diesem Berthold nach und nach die Begebenheiten seines Lebens
vertraute, die der junge Mann sorglich aufschrieb und dem Professor
Walther das Manuskript bergab. Es war, sprach der Professor: solch
ein Enthusiast, wie Sie, mein Herr, mit Ihrer Erlaubnis! Aber das
Aufschreiben der wunderlichen Begebenheiten des Malers diente ihm in
der Tat zur trefflichen Stilbung. Mit vieler Mhe erhielt ich von
dem Professor das Versprechen, da er mir abends nach geendeter
Lustpartie das Manuskript anvertrauen wolle. Sei es, da es die
gespannte Neugierde war, oder war der Professor wirklich selbst daran
schuld, kurz, niemals hab ich mehr Langeweile empfunden, als _den_ Tag.
Schon die Eisklte des Professors rcksichts Bertholds war mir fatal;
aber seine Gesprche, die er mit den Kollegen, die an dem Mahl
teilnahmen, fhrte, berzeugten mich, da, trotz aller Gelehrsamkeit,
aller Weltgewandtheit, sein Sinn frs Hhere gnzlich verschlossen,
und er der krasseste Materialist war, den es geben konnte. Das System
von dem Fressen und Gefressenwerden, wie es Berthold anfhrte,
hatte er wirklich adoptiert. Alles geistige Streben, Erfindungs-,
Schpfungskraft leitete er aus gewissen Konjunkturen der Eingeweide
und des Magens her, und dabei kramte er noch mehr nrrische abnorme
Einflle aus. Er behauptete z.B. sehr ernsthaft, da jeder Gedanke
durch die Begattung zweier Fserchen im menschlichen Gehirne erzeugt
wrde. Ich begriff, auf welche Weise der Professor mit solchen tollen
Dingen den armen Berthold, der in verzweifelter Ironie alle gnstige
Einwirkung des Hheren anfocht, qulen, und in die noch blutenden
Wunden spitze Dolche einsetzen mute. Endlich am Abend gab mir der
Professor ein paar beschriebene Bogen mit den Worten: Hier, lieber
Enthusiast, ist das Studenten-Machwerk. Es ist nicht bel geschrieben,
aber hchst sonderbar und wider alle Regel rckt der Herr Verfasser,
ohne es weiter anzudeuten, Reden des Malers wrtlich in der ersten
Person ein. brigens mache ich Ihnen mit dem Aufsatz, ber den ich
von Amtswegen verfgen kann, ein Geschenk, da ich wei, da Sie kein
Schriftsteller sind. Der Verfasser der Fantasiestcke in Callots
Manier htte es eben nach seiner tollen Manier arg zugeschnitten und
gleich drucken lassen, welches ich nicht von Ihnen zu erwarten habe.

Der Professor Aloysius Walther wute nicht, da er wirklich
den reisenden Enthusiasten vor sich hatte, wiewohl er es htte
merken knnen, und so gebe ich dir, mein gnstiger Leser! des
Jesuiten-Studenten kurze Erzhlung von dem Maler Berthold. Die Weise,
wie er sich mir zeigte, wird dadurch ganz erklrt, und du, o mein
Leser! wirst dann auch gewahren, wie des Schicksals wunderliches Spiel
uns oft zu verderblichem Irrtum treibt.


Lat euern Sohn nur getrost nach Italien reisen! Schon jetzt ist
er ein wackrer Knstler, und es fehlt ihm hier in D. keinesweges an
Gelegenheit, nach den trefflichsten Originalen jeder Art zu studieren,
aber dennoch darf er nicht hier bleiben. Das freie Knstlerleben mu
ihm in dem heitern Kunstlande aufgehen, sein Studium wird dort sich
erst lebendig gestalten, und den eignen Gedanken erzeugen. Das
Kopieren allein hilft ihm nun nichts mehr. Mehr Sonne mu die
aufsprieende Pflanze erhalten, um zu gedeihen und Blt und Frucht zu
tragen. Euer Sohn hat ein reines wahrhaftiges Knstlergemt, darum
seid um alles brige unbesorgt! So sprach der alte Maler Stephan
Birkner zu Bertholds Eltern. _Die_ rafften alles zusammen was ihr
drftiger Haushalt entbehren konnte, und statteten den Jngling aus
zur langen Reise. So ward Bertholds heiester Wunsch, nach Italien zu
gehen, erfllt.

Als mir Birkner den Entschlu meiner Eltern verkndete, sprang ich
hoch auf vor Freude und Entzcken. - Wie im Traum ging ich umher die
Tage hindurch, bis zu meiner Abreise. Es war mir nicht mglich, auf
der Galerie einen Pinsel anzusetzen. Der Inspektor, alle Knstler, die
in Italien gewesen, muten mir erzhlen von dem Lande, wo die Kunst
gedeiht. Endlich war Tag und Stunde gekommen. Schmerzlich war der
Abschied von den Eltern, die von dstrer Ahnung geqult, da sie mich
nicht wiedersehen wrden, mich nicht lassen wollten. Selbst der Vater,
sonst ein entschlossener fester Mann, hatte Mhe, Fassung zu erringen.
>Italien - Italien wirst du sehen<, riefen die Kunstbrder, da loderte
von tiefer Wehmut nur strker entzndet das Verlangen auf und rasch
schritt ich fort - vor der Eltern Hause schien mir die Bahn des
Knstlers zu beginnen.

Berthold, in jedem Fache der Malerei vorbereitet, hatte sich doch
vorzglich der Landschaftsmalerei ergeben, die er mit Liebe und Eifer
trieb. In Rom glaubte er reiche Nahrung fr diesen Zweig der Kunst
zu finden; es war dem nicht so. Gerade in dem Kreis der Knstler
und Kunstfreunde, in dem er sich bewegte, wurde ihm unaufhrlich
vorgeredet, da der Historienmaler allein auf der hchsten Spitze
stehe, und ihm alles brige untergeordnet sei. Man riet ihm, wolle
er ein bedeutender Knstler werden, doch nur gleich von seinem Fach
abzugehen und sich dem Hheren zuzuwenden, und, dies, verbunden mit
dem nie sonst gefehlten Eindruck, den Raffaels mchtige Fresko-Gemlde
im Vatikan auf ihn machten, bestimmte ihn wirklich, die Landschaft
zu verlassen. Er zeichnete nach jenen Raffaels, er kopierte kleine
lgemlde anderer berhmter Meister; alles fiel bei seiner tchtigen
Praktik recht wohl und schicklich aus, aber nur zu sehr fhlte er, da
das Lob der Knstler und Kenner ihn nur trsten, aufmuntern sollte. Er
sah es ja selbst, da seinen Zeichnungen, seinen Kopien alles Leben
des Originals fehle. Raffaels, Correggios himmlische Gedanken
begeisterten (so glaubte er) zum eignen Schaffen, aber sowie er sie
in der Fantasie festhalten wollte, verschwammen sie wie im Nebel, und
alles, was er auswendig zeichnete, hatte, wie jedes nur undeutlich,
verworren Gedachte, kein Regen, keine Bedeutung. ber dieses
vergebliche Ringen und Streben schlich trber Unmut in seine Seele,
und oft entrann er den Freunden, um in der Gegend von Rom Baumgruppen
- einzelne landschaftliche Partien heimlich zu zeichnen und zu
malen. Aber auch dies geriet nicht mehr wie sonst, und zum erstenmal
zweifelte er an seinem wahren Knstlerberuf. Die schnsten Hoffnungen
schienen untergehn zu wollen. Ach mein hochverehrter Freund und
Lehrer, schrieb Berthold an Birkner, Du hast mir Groes zugetraut,
aber - hier, wo es erst recht licht werden sollte in meiner Seele, bin
ich inne worden, da das, was Du wahrhaftes Knstlergenie nanntest,
nur etwa Talent - uere Fertigkeit der Hand war. Sage meinen Eltern,
da ich bald zurckkehren wrde, um irgend ein Handwerk zu erlernen,
das mich knftig ernhre usw. Birkner schrieb zurck: Oh, knnte ich
doch bei Dir sein, mein Sohn! um Dich aufzurichten in Deinem Unmut.
Aber glaube mir, Deine Zweifel sind es gerade, die fr Dich, fr
Deinen Knstlerberuf sprechen. Der, welcher in stetem unwandelbaren
Vertrauen auf seine Kraft immer fortzuschreiten gedenkt, ist ein
blder Tor, der sich selbst tuscht; denn ihm fehlt ja der eigentliche
Impuls zum Streben, der nur in dem Gedanken der Mangelhaftigkeit ruht.
Harre aus! - Bald wirst Du Dich erkrftigen, und dann ruhig, nicht
durch das Urteil, durch den Rat der Freunde, die Dich zu verstehen
vielleicht gar nicht imstande, gezgelt, _den_ Weg fortwandeln, den Dir
Deines Ichs eigne Natur vorgeschrieben. Ob Du Landschafter bleiben,
ob Du Historienmaler werden willst, wirst Du dann selbst entscheiden
knnen, und an keine feindliche Absonderung der Zweige eines Stammes
denken.

Es begab sich, da gerade zu der Zeit, als Berthold diesen trstenden
Brief von seinem alten Lehrer und Freunde erhielt, sich Philipp
Hackerts Ruhm in Rom verbreitet hatte. Einige von ihm dort
aufgestellte Stcke von wunderbarer Anmut und Klarheit bewhrten des
Knstlers Ruf und selbst die Historienmaler gestanden, es lge auch
in dieser reinen Nachahmung der Natur viel Groes und Vortreffliches.
Berthold schpfte Atem - er hrte nicht mehr seine Lieblingskunst
verhhnen, er sah einen Mann, der sie trieb, hochgestellt und verehrt;
wie ein Funke fiel es in seine Seele, da er nach Neapel wandern und
unter Hackert studieren msse. Ganz jubilierend schrieb er an Birkner
und an seine Eltern, da er nun nach hartem Kampf den rechten Weg
gefunden habe, und bald in seinem Fach ein tchtiger Knstler zu
werden hoffe. Freundlich nahm der ehrliche deutsche Hackert den
deutschen Schler auf, und bald strebte dieser dem Lehrer in regem
Schwunge nach. Berthold erlangte groe Fertigkeit, die verschiedenen
Baum- und Gestrucharten der Natur getreu darzustellen; auch
leistete er nicht Geringes in dem Dunstigen und Duftigen, wie es auf
Hackertschen Gemlden zu finden. Das erwarb ihm vieles Lob, aber auf
ganz eigene Weise schien es ihm bisweilen, als wenn seinen, ja selbst
den Landschaften des Lehrers etwas fehle, das er nicht zu nennen
wute, und das ihm doch in Gemlden Claude Lorrains, ja selbst in
Salvator Rosas rauhen Wsteneien entgegentrat. Es erhoben sich
allerlei Zweifel gegen den Lehrer in ihm, und er wurde vorzglich ganz
unmutig, wenn Hackert mit angestrengter Mhe totes Wild malte, das
ihm der Knig zugeschickt. Doch berwand er bald dergleichen, wie er
glaubte, freveliche Gedanken und fuhrt fort, mit frommer Hingebung
und deutschem Flei nach seines Lehrers Muster zu arbeiten, so da er
in kurzer Zeit es ihm beinahe gleichtat. So kam es denn, da er auf
Hackerts ausdrcklichen Anla eine groe Landschaft, die er treu nach
der Natur gemalt hatte, zu einer Ausstellung, die mehrenteils aus
Hackertschen Landschaften und Stilleben bestand, hergeben mute. Alle
Knstler und Kenner bewunderten des Jnglings treue saubre Arbeit und
priesen ihn laut. Nur ein ltlicher, sonderbar gekleideter Mann sagte
selbst zu Hackerts Gemlden kein Wort, sondern lchelte nur bedeutsam,
wenn die Lobeserhebungen der Menge recht ausgelassen und toll
daherbrausten. Berthold bemerkte deutlich, wie der Fremde, als er
vor seiner Landschaft stand, mit einer Miene des tiefsten Bedauerns
den Kopf schttelte und dann sich entfernen wollte. Berthold etwas
aufgeblht durch das allgemeine Lob, das ihm zuteil geworden, konnte
sich des innern rgers ber den Fremden nicht erwehren. Er trat auf
ihn zu und frug, indem er die Worte schrfer betonte, als gerade
ntig. Ihr scheint mit dem Bilde nicht zufrieden, mein Herr,
unerachtet es doch wackre Knstler und Kenner nicht ganz bel finden
wollen? Sagt mir geflligst, woran es liegt, damit ich die Fehler nach
Euerm gtigen Rat abndere und bessere. Mit scharfem Blicke schaute
der Fremde Berthold an, und sprach sehr ernst: Jngling, aus dir
htte viel werden knnen. Berthold erschrak bis ins Innerste vor des
Mannes Blick und seinen Worten; er hatte nicht den Mut, etwas weiter
zu sagen, oder ihm zu folgen, als er langsam zum Saale hinausschritt.
Hackert trat bald darauf selbst hinein, und Berthold eilte, ihm den
Vorfall mit dem wunderlichen Mann zu erzhlen. Ach! rief Hackert
lachend: La dir das ja nicht zu Herzen gehen! Das war ja unser
brummige Alte, dem nichts recht ist, der alles tadelt; ich begegnete
ihm auf dem Vorsaal. Er ist auf Malta von griechischen Eltern geboren,
ein reicher wunderlicher Kauz, gar kein bler Maler; aber alles was er
macht, hat ein fantastisches Ansehen, welches wohl daher rhrt, weil
er ber jede Darstellung durch die Kunst ganz tolle absurde Meinungen
und sich ein knstlerisches System gebaut hat, das den Teufel nichts
taugt. Ich wei recht gut, da er gar nichts auf mich hlt, welches
ich ihm gern verzeihe, da er mir wohlerworbnen Ruhm nicht streitig
machen wird. Dem Berthold war es zwar, als habe der Malteser irgend
einen wunden Fleck seines Innersten schmerzhaft berhrt, aber so wie
der wohlttige Wundarzt, um zu forschen und zu heilen; indessen schlug
er sich das bald aus dem Sinn und arbeitete frhlich fort, wie zuvor.

Das groe, wohlgelungene, allgemein bewunderte Bild hatte ihm Mut
gemacht, das Gegenstck zu beginnen. Einen der schnsten Punkte in
Neapels reicher Umgebung whlte Hackert selbst aus, und so wie jenes
Bild den Sonnenuntergang darstellte, sollte diese Landschaft im
Sonnenaufgang gehalten werden. Berthold bekam viel fremde Bume, viele
Weinberge, vorzglich aber viel Nebel und Duft zu malen.

Auf der Platte eines groen Steins, eben in jenem von Hackert
gewhlten Punkte, sa Berthold eines Tages, den Entwurf des groen
Bildes nach der Natur vollendend. Wohl getroffen in der Tat! sprach
es neben ihm. Berthold blickte auf, der Malteser sah in sein Blatt
hinein, und fgte mit sarkastischem Lcheln hinzu: Nur eins habt Ihr
vergessen, lieber junger Freund! Schaut doch dort herber nach der
grn berankten Mauer des fernen Weinbergs! Die Tre steht halb
offen; das mt Ihr ja anbringen mit gehrigem Schlagschatten - die
halbgeffnete Tre macht erstaunliche Wirkung! - Ihr spottet,
erwiderte Berthold, ohne Ursache, mein Herr! Solche Zuflligkeiten
sind keinesweges so verchtlich wie Ihr glaubt und deshalb mag sie
mein Meister wohl anbringen. Erinnert Euch doch nur des aufgehngten
weien Tuchs in der Landschaft eines alten niederlndischen Malers,
das nicht fehlen darf, ohne die Wirkung zu verderben. Aber Ihr scheint
berhaupt kein Freund der Landschaftsmalerei, der ich mich nun einmal
ganz ergeben habe mit Leib und Seele, und darum bitt ich Euch, lat
mich ruhig fortarbeiten. - Du bist in groem Irrtum befangen,
Jngling, sprach der Malteser. Noch einmal sage ich, aus dir htte
viel werden knnen; denn sichtlich zeugen deine Werke das rastlose
Bestreben nach dem Hheren, aber nimmer wirst du dein Ziel erreichen,
denn der Weg, den du eingeschlagen, fhrt nicht dahin. Merk wohl auf,
was ich dir sagen werde! Vielleicht glckt es mir, die Flamme in
deinem Innern, die du, Unverstndiger! zu berbauen trachtest,
anzumachen, da sie hell auflodert und dich erleuchtet; dann wirst du
den wahren Geist, der in dir lebt, zu erschauen vermgen. Hltst du
mich denn fr so tricht, da ich die Landschaft dem historischen
Gemlde unterordne, da ich nicht das gleiche Ziel, nach dem beide,
Landschafter und Historienmaler, streben sollen, erkenne? - Auffassung
der Natur in der tiefsten Bedeutung des hhern Sinns, der alle Wesen
zum hheren Leben entzndet, das ist der heilige Zweck aller Kunst.
Kann denn das bloe genaue Abschreiben der Natur jemals dahin
fhren? - Wie rmlich, wie steif und gezwungen sieht die nachgemalte
Handschrift in einer fremden Sprache aus, die der Abschreiber nicht
verstand und daher den Sinn der Zge, die er mhsam abschnrkelte,
nicht zu deuten wute. So sind die Landschaften deines Meisters
korrekte Abschriften eines in ihm fremder Sprache geschriebenen
Originals. - Der Geweihte vernimmt die Stimme der Natur, die in
wunderbaren Lauten aus Baum, Gebsch, Blume, Berg und Gewsser von
unerforschlichem Geheimnis spricht, die in seiner Brust sich zu
frommer Ahnung gestalten; dann kommt, wie der Geist Gottes selbst, die
Gabe ber ihn, diese Ahnung sichtlich in seine Werke zu bertragen.
Ist dir, Jngling! denn bei dem Beschauen der Landschaften alter
Meister nicht ganz wunderbarlich zumute geworden? Gewi hast du nicht
daran gedacht, da die Bltter des Lindenbaums, da die Pinien, die
Platanen der Natur getreuer, da der Hintergrund duftiger, das Wasser
klarer sein knnte; aber der Geist, der aus dem Ganzen wehte, hob dich
empor in ein hheres Reich, dessen Abglanz du zu schauen whntest.
- Daher studiere die Natur zwar auch im Mechanischen fleiig und
sorgfltig, damit du die Praktik des Darstellens erlangen mgest, aber
halte die Praktik nicht fr die Kunst selbst. Bist du eingedrungen in
den tiefern Sinn der Natur, so werden selbst in deinem Innern ihre
Bilder in hoher glnzender Pracht aufgehen. - Der Malteser schwieg;
als aber Berthold tief ergriffen, gebckten Hauptes, keines Wortes
mchtig dastand, verlie ihn der Malteser mit den Worten: Ich habe
dich durchaus nicht verwirren wollen in deinem Beruf; aber ich wei,
da ein hoher Geist in dir schlummert: ich rief ihn an mit starken
Worten, damit er erwache und frisch und frei seine Fittige rege. Lebe
wohl!

Dem Berthold war es so, als habe der Malteser nur dem, was in seiner
Seele grte und brauste, Worte gegeben; die innere Stimme brach
hervor. - Nein! Alles dieses Streben - dieses Mhen ist das
ungewisse, trgerische Umhertappen des Blinden, weg - weg mit allem,
was mich geblendet bis jetzt! - Er war nicht imstande auch nur einen
Strich weiter an dem Bilde zu zeichnen. Er verlie seinen Meister,
und streifte voll wilder Unruhe umher und flehte laut, da die hhere
Erkenntnis, von der der Malteser gesprochen, ihm aufgehen mge.

Nur in sen Trumen war ich glcklich - selig. Da wurde alles wahr,
was der Malteser gesprochen. Ich lag von zauberischen Dften umspielt
im grnen Gebsch, und die Stimme der Natur ging vernehmbar im
melodisch klingenden Wehen durch den dunklen Wald. - >Horch - horch
auf - Geweihter! Vernimm die Urtne der Schpfung, die sich gestalten
zu Wesen deinem Sinn empfnglich.< - Und indem ich die Akkorde
deutlicher und deutlicher erklingen hrte, war es, als sei ein neuer
Sinn in mir erwacht, der mit wunderbarer Klarheit das erfate, was mir
unerforschlich geschienen. - Wie in seltsamen Hieroglyphen zeichnete
ich das mir aufgeschlossene Geheimnis mit Flammenzgen in die Lfte;
aber die Hieroglyphen-Schrift war eine wunderherrliche Landschaft, auf
der Baum, Gebsch, Blume, Berg und Gewsser, wie in lautem wonnigem
Klingen sich regten und bewegten.

Doch eben nur im Traume kam solche Seligkeit ber den armen Berthold,
dessen Kraft gebrochen, und der im Innersten verwirrter war, als in
Rom, da er Historienmaler werden wollte. Schritt er durch den dunklen
Wald, so berfiel ihn ein unheimliches Grauen; trat er heraus, und
schaute in die fernen Berge, so griff es wie mit eiskalten Krallen
in seine Brust - sein Atem stockte - er wollte vergehen vor innerer
Angst. Die ganze Natur, ihm sonst freundlich lchelnd, ward ihm zum
bedrohlichen Ungeheuer, und ihre Stimme, die sonst in des Abendwindes
Suseln, in dem Pltschern des Baches, in dem Rauschen des Gebsches
mit sem Wort ihn begrt, verkndete ihm nun Untergang und
Verderben. Endlich wurde er, je mehr ihn jene holden Trume trsteten,
desto ruhiger, doch mied er es im Freien allein zu sein, und so kam
es, da er sich zu ein paar muntern deutschen Malern gesellte, und mit
ihnen hufig Ausflge nach den schnsten Gegenden Neapels machte.

Einer von ihnen, wir wollen ihn Florentin nennen, hatte es in dem
Augenblick nicht sowohl auf tiefes Studium seiner Kunst, als auf
heitern Lebensgenu abgesehen, seine Mappe zeugte davon. - Gruppen
tanzender Bauernmdchen - Prozessionen lndliche Feste - alles das
wute Florentin, so wie es ihm aufstie, mit sichrer leichter Hand
schnell aufs Blatt zu werfen. Jede Zeichnung, war sie auch kaum mehr
als Skizze, hatte Leben und Bewegung. Dabei war Florentins Sinn
keinesweges fr das Hhere verschlossen; im Gegenteil drang er mehr,
als je ein moderner Maler, tief ein in den frommen Sinn der Gemlde
alter Meister. In sein Malerbuch hatte er die Fresko-Gemlde einer
alten Klosterkirche in Rom, ehe die Mauern eingerissen wurden, in
bloen Umrissen hineingezeichnet. Sie stellten das Martyrium der
heiligen Katharina dar. Man konnte nichts Herrlicheres, reiner
Aufgefates sehen, als jene Umrisse, die auf Berthold einen ganz
eignen Eindruck machten. Er sah Blitze leuchten durch die finstre de,
die ihn umfangene und es kam dahin, da er fr Florentins heiteren
Sinn empfnglich wurde, und da dieser zwar den Reiz der Natur, in ihr
aber bestndig mehr das menschliche Prinzip mit reger Lebendigkeit
auffate, eben dieses Prinzip fr den Sttzpunkt erkannte, an den er
sich halten msse, um nicht gestaltlos im leeren Raum zu verschwimmen.
Whrend Florentin irgend eine Gruppe, der er begegnete, schnell
zeichnete, hatte Berthold des Freundes Malerbuch aufgeschlagen, und
versuchte Katharinas wunderholde Gestalt nachzubilden, welches ihm
endlich so ziemlich glckte, wiewohl er, so wie in Rom vergebens
darnach strebte, seine Figuren dem Original gleich zu beleben. Er
klagte dies dem, wie er glaubte, an wahrer Knstlergenialitt ihm weit
berlegenen Florentin, und erzhlte zugleich, wie der Malteser zu
ihm ber die Kunst gesprochen. Ei, lieber Bruder Berthold! sprach
Florentin: der Malteser hat in der Tat recht, und ich stelle die
wahre Landschaft den tief bedeutsamen heiligen Historien, wie sie die
alten Maler darstellen, vllig gleich. Ja, ich halte sogar dafr, da
man erst durch das Darstellen der uns nher liegenden organischen
Natur sich strken msse, um Licht zu finden in ihrem nchtlichen
Reich. Ich rate dir Berthold, da du dich gewhnst Figuren zu
zeichnen, und in ihnen deine Gedanken zu ordnen; vielleicht wird
es dann heller um dich werden. Berthold tat so wie ihm der Freund
geboten, und es war ihm, als zgen die finstern Wolkenschatten, die
sich ber sein Leben gelegt, vorber.

Ich mhte mich, das, was nur wie dunkle Ahnung tief in meinem Innern
lag, wie in jenem Traum hieroglyphisch darzustellen, aber die Zge
dieser Hieroglyphenschrift waren menschliche Figuren, die sich in
wunderlicher Verschlingung um einen Lichtpunkt bewegten. - Dieser
Lichtpunkt sollte die herrlichste Gestalt sein, die je eines Bildners
Fantasie aufgegangen; aber vergebens strebte ich, wenn sie im Traume
von Himmelsstrahlen umflossen mir erschien, ihre Zge zu erfassen.
Jeder Versuch, sie darzustellen, milang auf schmhliche Weise, und
ich verging in heier Sehnsucht. - Florentin bemerkte den bis zur
Krankheit aufgeregten Zustand des Freundes, er trstete ihn, so gut er
es vermochte. Oft sagte er ihm, da dies eben die Zeit des Durchbruchs
zur Erleuchtung sei; aber wie ein Trumer schlich Berthold einher,
und alle seine Versuche blieben nur ohnmchtige Anstrengungen des
kraftlosen Kindes.

Unfern Neapel lag die Villa eines Herzogs, die, weil sie die schnste
Aussicht nach dem Vesuv und ins Meer hinein gewhrte, den fremden
Knstlern, vorzglich den Landschaftern gastlich geffnet war.
Berthold hatte hier fters gearbeitet, fter noch in einer Grotte
des Parks zur guten Zeit sich dem Spiel seiner fantastischen Trume
hingegeben. Hier in dieser Grotte sa er eines Tages, von glhender
Sehnsucht, die seine Brust zerri, gemartert, und weinte heie Trnen,
da der Stern des Himmels seine dunkle Bahn erleuchten mge; da
rauschte es im Gebsch, und die Gestalt eines hochherrlichen Weibes
stand vor der Grotte.

Die vollen Sonnenstrahlen fielen in das Engelsgesicht. - Sie schaute
mich an mit unbeschreiblichen Blick. - Die heilige Katharina - nein,
mehr als sie - mein Ideal, mein Ideal war es! Wahnsinnig vor Entzcken
strzte ich nieder, da verschwebte die Gestalt freundlich lchelnd! -
Erhrt war mein heiestes Gebet!

Florentin trat in die Grotte, er erstaunte ber Berthold, der mit
verklrtem Blick ihn an sein Herz drckte. - Trnen strzten ihm aus
den Augen - Freund - Freund! stammelte er: ich bin glcklich -
selig - sie ist gefunden - gefunden! Rasch schritt er fort, in seine
Werkstatt - er spannte die Leinwand auf, er fing an zu malen. Wie von
gttlicher Kraft beseelt, zauberte er mit der vollen Glut des Lebens
das berirdische Weib, wie es ihm erschienen, hervor. - Sein Innerstes
war von diesem Augenblicke ganz umgewendet. Statt des Trbsinns, der
an seinem Herzmark gezehrt hatte, erhob ihn Frohsinn und Heiterkeit.
Er studierte mit Flei und Anstrengung die Meisterwerke der alten
Maler. Mehrere Kopien gelangen ihm vortrefflich, und nun fing er an
selbst Gemlde zu schaffen, die alle Kenner in Erstaunen setzten. An
Landschaften war nicht mehr zu denken, und Hackert bekannte selbst,
da der Jngling nun erst seinen eigentlichen Beruf gefunden habe.
So kam es, da er mehrere groe Werke, Altarbltter fr Kirchen, zu
malen bekam. Er whlte mehrenteils heitere Gegenstnde christlicher
Legenden, aber berall strahlte die wunderherrliche Gestalt seines
Ideals hervor. Man fand, da Gesicht und Gestalt der Prinzessin
Angiola T... zum Sprechen hnlich sei, man uerte dies dem jungen
Maler selbst, und Schlaukpfe gaben spttisch zu verstehen, der
deutsche Maler sei von dem Feuerblick der wunderschnen Donna tief ins
Herz getroffen. Berthold war hoch erzrnt ber das alberne Gewsch der
Leute, die das Himmlische in das Gemeinirdische herabziehen wollten.
Glaubt ihr denn, sprach er, da solch ein Wesen wandeln knne
hier auf Erden? In einer wunderbaren Vision wurde mir das Hchste
erschlossen; es war der Moment der Knstlerweihe. - Berthold lebte
nun froh und glcklich, bis nach Bonapartes Siegen in Italien sich die
franzsische Armee dem Knigreich Neapel nahte, und die alle ruhigen
glcklichen Verhltnisse furchtbar zerstrende Revolution ausbrach.
Der Knig hatte mit der Knigin Neapel verlassen, die Citta war
angeordnet. Der General-Vikar schlo mit dem franzsischen General
einen schmachvollen Waffenstillstand, und bald kamen die franzsischen
Kommissarien, um die Summe, die gezahlt werden sollte, in Empfang zu
nehmen. Der General-Vikar entfloh, um der Wut des Volks, das sich von
ihm, von der Citta, von allen, die ihm Schutz gewhren konnten gegen
den andringenden Feind, verlassen glaubte, zu entgehen. Da waren alle
Bande der Gesellschaft gelst; in wilder Anarchie verhhnte der Pbel
Ordnung und Gesetz, und unter dem Geschrei: Viva la santa fede
rannten seine wahnsinnigen Horden durch die Straen, die Huser der
Groen, von welchen sie sich an den Feind verkauft whnten, plndernd
und in Brand steckend. Vergebens waren die Bemhungen Moliternos und
Rocca Romanas, Gnstlinge des Volks und zu Anfhrern gewhlt, die
Rasenden zu bndigen. Die Herzoge della Torre und Clemens Filomarino
waren ermordet, aber noch war des wtenden Pbels Blutdurst nicht
gestillt. - Berthold hatte sich aus einem brennenden Hause nur halb
angekleidet gerettet, er stie auf einen Haufen des Volks, der mit
angezndeten Fackeln und blinkenden Messern nach dem Palast des
Herzogs von T. eilte. Ihn fr ihresgleichen haltend, drngten sie ihn
mit sich fort - viva la santa fede brllten die Wahnsinnigen, und in
wenigen Minuten waren der Herzog - die Bediensteten, alles was sich
widersetzte, ermordet, und der Palast loderte hoch in Flammen auf.
- Berthold war immer fort und fort in den Palast hineingedrngt. -
Dicker Rauch wallte durch die langen Gnge. - Er lief schnell durch
die aufgesprengten Zimmer, aufs neue in Gefahr, in den Flammen
umzukommen - vergebens den Ausgang suchend. - Ein schneidendes
Angstgeschrei schallt ihm entgegen - er strzt durch den Saal. - Ein
Weib ringt mit einem Lazzarone, der es mit starker Faust erfat hat,
und im Begriff ist ihm das Messer in die Brust zu stoen. - Es ist
die Prinzessin - es ist Bertholds Ideal! - Bewutlos vor Entsetzen,
springt Berthold hinzu - den Lazzarone bei der Gurgel packen - ihn
zu Boden werfen, ihm sein eignes Messer in die Kehle stoen - die
Prinzessin in die Arme nehmen - mit ihr fliehen durch die flammenden
Sle - die Treppen hinab - fort fort, durch das dickste Volksgewhl
- alles das ist die Tat eines Moments! - Keiner hielt den fliehenden
Berthold auf, mit dem blutigen Messer in der Hand, vom Dampfe schwarz
gefrbt, in zerrissenen Kleidern sah das Volk in ihm den Mrder und
Plnderer, und gnnte ihm seine Beute. In einem den Winkel der Stadt
unter einem alten Gemuer, in das er, wie aus Instinkt, sich vor
der Gefahr zu verbergen gelaufen, sank er ohnmchtig nieder. Als er
erwachte, kniete die Prinzessin neben ihm, und wusch seine Stirne mit
kaltem Wasser. O Dank! lispelte sie mit wunderlieblicher Stimme;
Dank den Heiligen, da du erwacht bist, du mein Rettet, mein alles!
- Berthold richtete sich auf, er whnte zu trumen, er blickte mit
starren Augen die Prinzessin an -ja sie war es selbst - die herrliche
Himmelsgestalt, die den Gtterfunken in seiner Brust entzndet. -
Ist es mglich - ist es wahr - lebe ich denn? rief er aus. Ja, du
lebst, sprach die Prinzessin - du lebst fr mich; was du nicht zu
hoffen wagtest, geschah wie durch ein Wunder. Oh, ich kenne dich
wohl, du bist der deutsche Maler Berthold, du liebtest mich ja, und
verherrlichtest mich in deinen schnsten Gemlden. - Konnte ich denn
dein sein? - Aber nun bin ich es immerdar und ewig. - La uns fliehen,
o la uns fliehen! - Ein sonderbares Gefhl, wie wenn jhlinger
Schmerz se Trume zerstrt, durchzuckte Berthold bei diesen
Worten der Prinzessin. Doch als das holde Weib ihn mit den vollen
schneeweien Armen umfing, als er sie ungestm an seinen Busen
drckte, da durchbebten ihn se nie gekannte Schauer und im Wahnsinn
des Entzckens hchster Erdenlust rief er aus: Oh, kein Trugbild des
Traumes - nein! es ist mein Weib, das ich umfange, es nie zu lassen -
das meine glhende drstende Sehnsucht stillt!

Aus der Stadt zu fliehen war unmglich; denn vor den Toren stand das
franzsische Heer, dem das Volk, war es gleich schlecht bewaffnet
und ohne alle Anfhrung, zwei Tage hindurch den Einzug in die
Stadt streitig machte. Endlich gelang es Berthold mit Angiola von
Schlupfwinkel zu Schlupfwinkel, und dann aus der Stadt zu fliehen.
Angiola, von heier Liebe zu ihrem Retter entbrannt, verschmhte es
in Italien zu bleiben, die Familie sollte sie fr tot halten, und so
Bertholds Besitz ihr gesichert bleiben. Ein diamantnes Halsband und
kostbare Ringe, die sie getragen, waren hinlnglich, in Rom (bis dahin
waren sie langsam fortgepilgert) sich mit allen ntigen Bedrfnissen
zu versehen, und so kamen sie glcklich nach M. im sdlichen
Deutschland, wo Berthold sich niederzulassen, und durch die Kunst
sich zu ernhren gedachte. - War's denn nicht ein nie getrumtes,
nie geahntes Glck, da Angiola, das himmlischschne Weib, das Ideal
seiner wonnigsten Knstlertrume sein werden mte, unerachtet sich
alle Verhltnisse des Lebens, wie eine unbersteigbare Mauer zwischen
ihm und der Geliebten auftrmten? - Berthold konnte in der Tat dies
Glck kaum fassen, und schwelgte in namenlosen Wonnen, bis lauter und
lauter die innere Stimme ihn mahnte, seiner Kunst zu gedenken. In M.
beschlo er seinen Ruf durch ein groes Gemlde zu begrnden, das er
fr die dortige Marienkirche malen wollte. Der einfache Gedanke, Maria
und Elisabeth in einem schnen Garten auf einem Rasen sitzend, die
Kinder Christus und Johannes vor ihnen im Grase spielend, sollte der
ganze Vorwurf des Bildes sein, aber vergebens war alles Ringen nach
einer reinen geistigen Anschauung des Gemldes. So wie in jener
unglcklichen Zeit der Krisis, verschwammen ihm die Gestalten, und
nicht die himmlische Maria, nein, ein irdisches Weib, ach seine
Angiola selbst stand auf greuliche Weise verzerrt, vor seines Geistes
Augen. - Er gedachte Trotz zu bieten der unheimlichen Gewalt, die ihn
zu erfassen schien, er bereitete die Farben, er fing an zu malen; aber
seine Kraft war gebrochen, all sein Bemhen, so wie damals, nur die
ohnmchtige Anstrengung des unverstndigen Kindes. Starr und leblos
blieb was er malte, und selbst Angiola - Angiola, sein Ideal, wurde,
wenn sie ihm sa und er sie malen wollte, auf der Leinwand zum toten
Wachsbilde, das ihn mit glsernen Augen anstierte. Da schlich sich
immer mehr und mehr trber Unmut in seine Seele, der alle Freude des
Lebens wegzehrte. Er wollte - er konnte nicht weiter arbeiten, und so
kam es, da er in Drftigkeit geriet, die ihn desto mehr niederbeugte,
je weniger Angiola auch nur ein Wort der Klage hren lie.

Der immer mehr in mein Innerstes hereinzehrende Gram, erzeugt von
stets getuschter Hoffnung, wenn ich immer vergebens Krfte aufbot,
die nicht mehr mein waren, versetzte mich bald in einen Zustand, der
dem Wahnsinne gleich zu achten war. Mein Weib gebar mir einen Sohn,
das vollendete mein Elend und der lange verhaltene Groll brach aus
in hell aufflammenden Ha. _Sie_, _sie_ allein schuf mein Unglck. Nein -
sie war nicht das Ideal, das mir erschien, nur mir zum rettungslosen
Verderben hatte sie trgerisch jenes Himmelsweibes Gestalt und Gesicht
geborgt. In wilder Verzweiflung fluchte ich ihr und dem unschuldigen
Kinde. - Ich wnschte beider Tod, damit ich erlst werden mge von der
unertrglichen Qual, die wie mit glhenden Messern in mir whlte! -
Gedanken der Hlle stiegen in mir auf. Vergebens las ich in Angiolas
leichenblassem Gesicht, in ihren Trnen mein rasendes freveliches
Beginnen. - >Du hast mich um mein Leben betrogen, verruchtes Weib<,
brllte ich auf, und stie sie mit dem Fue von mir, wenn sie
ohnmchtig niedersank, und meine Knie umfate.

Bertholds grausames wahnsinniges Betragen gegen Weib und Kind erregte
die Aufmerksamkeit der Nachbaren, die es der Obrigkeit anzeigten. Man
wollte ihn verhaften, als aber die Polizeidiener in seine Wohnung
traten, war er samt Frau und Kind spurlos verschwunden. Berthold
erschien bald darauf zu N. in Oberschlesien; er hatte sich seines
Weibes und Kindes entledigt, und fing voll heitern Mutes an, das Bild
zu malen, das er in M. vergebens begonnen hatte. Aber nur die Jungfrau
Maria und die Kinder Christus und Johannes konnte er vollenden,
dann fiel er in eine furchtbare Krankheit, die ihn dem Tode, den
er wnschte, nahe brachte. Um ihn zu pflegen, hatte man alle seine
Gertschaften und auch jenes unvollendete Gemlde verkauft, und er
zog, nachdem er nur einigermaen sich wieder erkrftigt, als ein
siecher elender Bettler von dannen. In der Folge nhrte er sich
drftig durch Wandmalerei, die ihm hie und da bertragen wurde.


Bertholds Geschichte hat etwas Entsetzliches und Grauenvolles,
sprach ich zu dem Professor, ich halte ihn, unerachtet er es nicht
geradezu ausgesprochen, fr den ruchlosen Mrder seines unschuldigen
Weibes und seines Kindes. - Es ist ein wahnsinniger Tor, erwiderte
der Professor, dem ich den Mut zu solcher Tat gar nicht zutraue. ber
diesen Punkt lt er sich niemals deutlich aus, und es ist die Frage,
ob er sich nicht blo einbildet, an dem Tode seiner Frau und seines
Kindes schuld zu sein; er malt eben wieder Marmor, erst in knftiger
Nacht vollendet er den Altar, dann ist er bei guter Laune, und
Sie knnen vielleicht mehr ber jenen kitzlichen Punkt von ihm
herausbekommen. - Ich mu gestehen, da, dachte ich es mir lebhaft,
um Mitternacht mit Berthold allein in der Kirche mich zu befinden,
mir, nachdem ich seine Geschichte gelesen, ein leiser Schauer durch
die Glieder lief. Ich meinte, er knnte mitunter was weniges der
Teufel sein, trotz seiner Gutmtigkeit und seines treuherzigen Wesens,
und wollte mich deshalb lieber gleich mittags im lieben heitern
Sonnenschein mit ihm abfinden.

Ich fand ihn auf dem Gerste mrrisch und in sich gekehrt, Marmoradern
sprenkelnd; zu ihm herausgestiegen, reichte ich ihm stillschweigend
die Tpfe. Erstaunt sah er sich nach mir um, ich bin ja Ihr
Handlanger, sprach ich leise, das zwang ihm ein Lcheln ab. Nun fing
ich an von seinem Leben zu sprechen, so da er merken mute, ich wisse
alles, und er schien zu glauben, er habe mir alles selbst in jener
Nacht erzhlt. Leise - leise kam ich auf die grliche Katastrophe,
dann sprach ich pltzlich: Also in heillosem Wahnsinn mordeten Sie
Weib und Kind? - Da lie er Farbentopf und Pinsel fallen, und rief,
mich mit grlichem Blick anstarrend und beide Hnde hoch erhebend:
Rein sind diese Hnde vom Blute meines Weibes, meines Sohnes! Noch
ein solches Wort, und ich strze mich mit Euch hier vom Gerste herab,
da unsere Schdel zerschellen auf dem steinernen Boden der Kirche!
- Ich befand mich in dem Augenblick wirklich in seltsamer Lage, am
besten schien es mir mit ganz Fremden hineinzufahren. O sehn Sie
doch, lieber Berthold, sprach ich so ruhig und kalt, als es mir
mglich war, wie das hliche Dunkelgelb auf der Wand dort so
verfliet. Er schauete hin, und indem er das Gelb mit dem Pinsel
verstrich, stieg ich leise das Gerst herab, verlie die Kirche und
ging zum Professor, um mich ber meinen bestraften Vorwitz tchtig
auslachen zu lassen.

Mein Wagen war repariert und ich verlie G., nachdem mir der Professor
Aloysius Walther feierlich versprochen, sollte sich etwas Besonderes
mit Berthold ereignen, mir es gleich zu schreiben.

Ein halbes Jahr mochte vergangen sein, als ich wirklich von dem
Professor einen Brief erhielt, in welchem er sehr weitschweifig unser
Beisammensein in G. rhmte. ber Berthold schrieb er mir folgendes:
Bald nach Ihrer Abreise trug sich mit unserm wunderlichen Maler viel
Sonderbares zu. Er wurde pltzlich ganz heiter, und vollendete auf
die herrlichste Weise das groe Altarblatt, welches nun vollends alle
Menschen in Erstaunen setzt. Dann verschwand er, und da er nicht das
mindeste mitgenommen, und man ein paar Tage darauf Hut und Stock
unfern des O - Stromes fand, glauben wir alle, er habe sich freiwillig
den Tod gegeben.



Das Sanctus

Der Doktor schttelte bedenklich den Kopf. - Wie, rief der
Kapellmeister heftig, indem er vom Stuhle aufsprang, wie! so sollte
Bettinas Katarrh wirklich etwas zu bedeuten haben?

- Der Doktor stie ganz leise drei- oder viermal mit seinem spanischen
Rohr auf den Fuboden, nahm die Dose heraus und steckte sie wieder ein
ohne zu schnupfen, richtete den Blick starr empor, als zhle er die
Rosetten an der Decke und hstelte mitnig ohne ein Wort zu reden.
Das brachte den Kapellmeister auer sich, denn er wute schon, solches
Gebrdenspiel des Doktors hie in deutlichen lebendigen Worten nichts
anders, als: Ein bser bser Fall - und ich wei mir nicht zu raten
und zu helfen, und ich steure umher in meinen Versuchen, wie jener
Doktor im Gilblas di Santillana. - Nun, so sag Er es denn nur
geradezu heraus, rief der Kapellmeister erzrnt, sag Er es heraus,
ohne so verdammt wichtig zu tun mit der simplen Heiserkeit, die sich
Bettina zugezogen, weil sie unvorsichtigerweise den Shawl nicht
umwarf, als sie die Kirche verlie - das Leben wird es ihr doch eben
nicht kosten, der Kleinen. - Mit nichten, sprach der Doktor, indem
er nochmals die Dose herausnahm, jetzt aber wirklich schnupfte, mit
nichten, aber hchstwahrscheinlich wird sie in ihrem ganzen Leben
keine Note mehr singen! Da fuhr der Kapellmeister mit beiden Fusten
sich in die Haare, da der Puder weit umherstubte und rannte im
Zimmer auf und ab, und schrie wie besessen: Nicht mehr singen? -
nicht mehr singen? - Bettina nicht mehr singen? - Gestorben all die
herrlichen Kanzonette - die wunderbaren Boleros und Seguidillas, die
wie klingender Blumenhauch von ihren Lippen strmten? - Kein frommes
Agnus, kein trstendes Benedictus von ihr mehr hren? - Oh! oh! - Kein
Miserere, das mich reinbrstete von jedem irdischen Schmutz miserabler
Gedanken - das in mir oft eine ganze reiche Welt makelloser
Kirchenthemas aufgehen lie? - Du lgst Doktor, du lgst! - Der Satan
versucht dich, mich aufs Eis zu fhren. - Der Dom-Organist, der mich
mit schndlichem Neide verfolgt, seitdem ich ein achtstimmiges Qui
tollis ausgearbeitet zum Entzcken der Welt, _der_ hat dich bestochen!
Du sollst mich in schnde Verzweiflung strzen, damit ich meine neue
Messe ins Feuer werfe, aber es gelingt _ihm_ - es gelingt _dir_ nicht! -
Hier - hier trage ich sie bei mir, Bettinas Soli (er schlug auf die
rechte Rocktasche, so da es gewaltig darin klatschte) und gleich
soll herrlicher, als je, die Kleine sie mir mit hocherhabener
Glockenstimme vorsingen. Der Kapellmeister griff nach dem Hute und
wollte fort, der Doktor hielt ihn zurck, indem er sehr sanft und
leise sprach: Ich ehre Ihren werten Enthusiasmus, holdseligster
Freund! aber ich bertreibe nichts und kenne den Dom-Organisten
gar nicht, es ist nun einmal so! Seit der Zeit, da Bettina in
der katholischen Kirche bei dem Amt die Solos im Gloria und Credo
gesungen, ist sie von einer solch seltsamen Heiserkeit oder vielmehr
Stimmlosigkeit befallen, die meiner Kunst trotzt und die mich, wie
gesagt, befrchten lt, da sie nie mehr singen wird. - Gut denn,
rief der Kapellmeister wie in resignierter Verzweiflung, gut denn, so
gib ihr Opium - Opium und so lange Opium bis sie eines sanften Todes
dahinscheidet, denn singt Bettina nicht mehr, so darf sie auch nicht
mehr leben, denn sie lebt nur, wenn sie singt - sie existiert nur im
Gesange - himmlischer Doktor, tu mir den Gefallen, vergifte sie je
eher desto lieber. Ich habe Konnexionen im Kriminal-Kollegio, mit dem
Prsidenten studierte ich in Halle, es war ein groer Hornist, wir
bliesen Bizinien zur Nachtzeit mit einfallenden Chren obligater
Hndelein und Kater! - Sie sollen dir nichts tun des ehrlichen Mords
wegen. - Aber vergifte sie - vergifte sie - Man ist, unterbrach der
Doktor den sprudelnden Kapellmeister, man ist doch schon ziemlich
hoch in Jahren, mu sich das Haar pudern seit geraumer Zeit und doch
noch vorzglich die Musik anlangend vel quasi ein Hasenfu. Man
schreie nicht so, man spreche nicht so verwegen vom sndlichen Mord
und Totschlag, man setze sich ruhig hin dort in jenen bequemen
Lehnstuhl und hre mich gelassen an. Der Kapellmeister rief mit sehr
weinerlicher Stimme: Was werd ich hren? und tat brigens wie ihm
geheien. Es ist, fing der Doktor an, es ist in der Tat in Bettinas
Zustand etwas ganz Sonderbares und Verwunderliches. Sie spricht laut,
mit voller Kraft des Organs, an irgend eines der gewhnlichen Halsbel
ist gar nicht zu denken, sie ist selbst imstande einen musikalischen
Ton anzugeben, aber sowie sie die Stimme zum Gesange erheben will,
lhmt ein unbegreifliches Etwas, das sich durch kein Stechen,
Prickeln, Kitzeln oder sonst als ein affirmatives krankhaftes Prinzip
dartut, ihre Kraft, so da jeder versuchte Ton ohne gepret-unrein,
kurz katarrhalisch zu klingen, matt und farblos dahinschwindet.
Bettina selbst vergleicht ihren Zustand sehr richtig demjenigen im
Traum, wenn man mit dem vollsten Bewutsein der Kraft zum Fliegen doch
vergebens strebt in die Hhe zu steigen. Dieser negative krankhafte
Zustand spottet meiner Kunst und wirkungslos bleiben alle Mittel.
Der Feind, den ich bekmpfen soll, gleicht einem krperlosen Spuk,
gegen den ich vergebens meine Streiche fhre. Darin habt Ihr recht
Kapellmeister, da Bettinas ganze Existenz im Leben durch den
Gesang bedingt ist, denn eben im Gesange kann man sich den kleinen
Paradiesvogel nur denken, deshalb ist sie aber schon durch die
Vorstellung, da ihr Gesang und mit ihm sie selbst untergehe, so
im Innersten aufgeregt, und fast bin ich berzeugt, da eben diese
fortwhrende geistige Agitation ihr belbefinden frdert und meine
Bemhungen vereitelt. Sie ist, wie sie sich selbst ausdrckt, von
Natur sehr apprehensiv, und so glaube ich, nachdem ich monatelang,
wie ein Schiffbrchiger, der nach jedem Splitter hascht, nach diesem,
jenem Mittel gegriffen und darber ganz verzagt worden, da Bettinas
ganze Krankheit mehr psychisch als physisch ist. - Recht Doktor,
rief hier der reisende Enthusiast, der so lange schweigend mit
bereinander geschlagenen rmen im Winkel gesessen, recht Doktor, mit
einemmal habt Ihr den richtigen Punkt getroffen, mein vortrefflicher
Arzt! Bettinas krankhaftes Gefhl ist die physische Rckwirkung
eines psychischen Eindrucks, eben deshalb aber desto schlimmer und
gefhrlicher. _Ich_, _ich_ allein kann euch alles erklren, ihr Herren! -
Was werd ich hren, sprach der Kapellmeister noch weinerlicher als
vorher, der Doktor rckte seinen Stuhl nher heran zum reisenden
Enthusiasten und guckte ihm mit sonderbar lchelnder Miene ins
Gesicht. Der reisende Enthusiast warf aber den Blick in die Hhe
und sprach ohne den Doktor oder den Kapellmeister anzusehen:
Kapellmeister! ich sah einmal einen kleinen buntgefrbten
Schmetterling, der sich zwischen den Saiten Eures Doppelklavichords
eingefangen hatte. Das kleine Ding flatterte lustig auf und nieder und
mit den glnzenden Flgelein um sich schlagend berhrte es bald die
obern bald die untern Saiten, die dann leise leise nur dem schrfsten
gebtesten Ohr vernehmbare Tne und Akkorde hauchten, so da zuletzt
das Tierchen nur in den Schwingungen wie in sanftwogenden Wellen zu
schwimmen oder vielmehr von ihnen getragen zu werden schien. Aber oft
kam es, da eine strker berhrte Saite, wie erzrnt in die Flgel des
frhlichen Schwimmers schlug, so da sie wund geworden den Schmuck
des bunten Bltenstaubs von sich streuten, doch dessen nicht achtend
kreiste der Schmetterling fort und fort im frhlichen Klingen und
Singen bis schrfer und schrfer die Saiten ihn verwundeten, und er
lautlos hinabsank in die ffnung des Resonanzbodens. - Was wollen
wir damit sagen, frug der Kapellmeister, fiat applicatio mein
Bester! sprach der Doktor. Von einer besonderen Anwendung ist
hier nicht die Rede, fuhr der Enthusiast fort, ich wollte, da ich
obbesagten Schmetterling wirklich auf des Kapellmeisters Klavichord
spielen gehrt habe, nur im allgemeinen eine Idee andeuten, die mir
damals einkam, und die alles das, was ich ber Bettinas bel sagen
werde, so ziemlich einleitet. Ihr knnet das Ganze aber auch fr eine
Allegorie ansehen, und es in das Stammbuch irgend einer reisenden
Virtuosin hineinzeichnen. Es schien mir nmlich damals, als habe die
Natur ein tausendchrigtes Klavichord um uns herum gebaut, in dessen
Saiten wir herumhantierten, ihre Tne und Akkorde fr unsere eigne
willkrlich hervorgebrachte haltend und als wrden wir oft zum Tode
wund, ohne zu ahnden, da der unharmonisch berhrte Ton uns die Wunde
schlug. - Sehr dunkel, sprach der Kapellmeister. Oh, rief der
Doktor lachend, o nur Geduld, er wird gleich auf seinem Steckenpferde
sitzen und gestreckten Galopps in die Welt der Ahnungen, Trume,
psychischen Einflsse, Sympathien, Idiosynkrasien usw. hineinreiten,
bis er auf der Station des Magnetismus absitzt und ein Frhstck
nimmt. - Gemach gemach, mein weiser Doktor, sprach der reisende
Enthusiast, schmht nicht auf Dinge, die Ihr, struben mgt Ihr Euch
auch wie Ihr wollt, doch mit Demut anerkennen und hchlich beachten
mt. Habt Ihr es denn nicht selbst eben erst ausgesprochen, da
Bettinas Krankheit von psychischer Anregung herbeigefhrt oder
vielmehr nur ein psychisches bel ist? - Wie kommt, unterbrach
der Doktor den Enthusiasten, wie kommt aber Bettina mit dem
unglckseligen Schmetterling zusammen? - Wenn man, fuhr der
Enthusiast fort, wenn man nun alles haarklein auseinandersieben soll,
und jedes Krnchen beugeln und bekucken, so wird das eine Arbeit, die
selbst langweilig Langeweile verbreitet! - Lat den Schmetterling im
Klavichordkasten des Kapellmeisters ruhen! - brigens, sagt selbst,
Kapellmeister! ist es nicht ein wahres Unglck, da die hochheilige
Musik ein integrierender Teil unserer Konversation geworden ist? Die
herrlichsten Talente werden herabgezogen in das gemeine drftige
Leben! Statt da sonst aus heiliger Ferne wie aus dem wunderbaren
Himmelsreiche selbst, Ton und Gesang auf uns herniederstrahlte, hat
man jetzt alles hbsch bei der Hand und man wei genau, wie viel
Tassen Tee die Sngerin oder wie viel Glser Wein der Bassist trinken
mu, um in die gehrige Tramontane zu kommen. Ich wei wohl, da
es Vereine gibt, die ergriffen von dem wahren Geist der Musik sie
untereinander mit wahrhafter Andacht ben, aber jene miserablen
geschmckten, geschniegelten - doch ich will mich nicht rgern! - Als
ich voriges Jahr hieher kam, war die arme Bettina gerade recht in
der Mode - sie war, wie man sagt, recherchiert, es konnte kaum
Tee getrunken werden ohne Zutat einer spanischen Romanze, einer
italienischen Kanzonetta oder auch wohl eines franzsischen Liedleins:
Souvent l'amour etc. zu dem sich Bettina hergeben mute. Ich frchtete
in der Tat, da das gute Kind mit samt ihrem herrlichen Talent
untergehen wrde in dem Meer von Teewasser, das man ber sie
ausschttete, das geschah nun nicht, aber die Katastrophe trat ein.
- Was fr eine Katastrophe? riefen Doktor und Kapellmeister. Seht
liebe Herren! fuhr der Enthusiast fort, eigentlich ist die arme
Bettina - wie man so sagt, verwnscht oder verhext worden, und so hart
es mir ankommt, es zu bekennen, ich - ich selbst bin der Hexenmeister,
der das bse Werk vollbracht hat, und nun gleich dem Zauberlehrling
den Bann nicht zu lsen vermag. - Possen - Possen, und wir sitzen
hier und lassen uns mit der grten Ruhe von dem ironischen Bsewicht
mystifizieren. So rief der Doktor, indem er aufsprang. Aber zum
Teufel die Katastrophe - die Katastrophe, schrie der Kapellmeister.
Ruhig ihr Herren, sprach der Enthusiast, jetzt kommt eine Tatsache,
die ich verbrgen kann, haltet brigens meine Hexerei fr Scherz,
unerachtet es mir zuweilen recht schwer aufs Herz fllt, da ich ohne
Wissen und Willen einer unbekannten psychischen Kraft zum Medium des
Entwickelns und Einwirkens auf Bettina gedient haben mag. Gleichsam
als Leiter mein ich, so wie in der elektrischen Reihe einer den andern
ohne Selbstttigkeit und eignen Willen prgelt. - Hop hop, rief der
Doktor, seht wie das Steckenpferd gar herrliche Courbetten verfhrt.
- Aber die Geschichte - die Geschichte, schrie der Kapellmeister
dazwischen! Ihr erwhntet, fuhr der Enthusiast fort, Ihr erwhntet
Kapellmeister schon zuvor, da Bettina das letztemal, ehe sie die
Stimme verlor, in der katholischen Kirche sang. Erinnert Euch, da
dies am ersten Osterfeiertage vorigen Jahres geschah. Ihr hattet Euer
schwarzes Ehrenkleid angetan und dirigiertet die herrliche Haydnsche
Messe aus dem D-Moll. In dem Sopran tat sich ein Flor junger anmutig
gekleideter Mdchen auf, die zum Teil sangen, zum Teil auch nicht;
unter ihnen stand Bettina, die mit wunderbar starker voller Stimme
die kleinen Soli vortrug. Ihr wit, da ich mich im Tenor angestellt
hatte, das Sanctus war eingetreten, ich fhlte die Schauer der
tiefsten Andacht mich durchbeben, da rauschte es hinter mir strend,
unwillkrlich drehte ich mich um, und erblickte zu meinem Erstaunen
Bettina, die sich durch die Reihen der Spielenden und Singenden
drngte um den Chor zu verlassen. >Sie wollen fort?< redete ich sie
an. >Es ist die hchste Zeit<, erwiderte sie sehr freundlich, >da ich
mich jetzt nach der ***Kirche begebe, um noch, wie ich versprochen,
dort in einer Kantate mitzusingen, auch mu ich noch vormittag ein
paar Duetts probieren, die ich heute abend in dem Singetee bei ***
vortragen werde, dann ist Souper bei ***. Sie kommen doch hin? es
werden ein paar Chre aus dem Hndelschen Messias und das erste Finale
aus Figaros Hochzeit gemacht.< Whrend dieses Gesprchs erklangen
die vollen Akkorde des Sanctus, und das Weihrauchopfer zog in blauen
Wolken durch das hohe Gewlbe der Kirche. >Wissen Sie denn nicht<,
sprach ich, >da es sndlich ist, da es nicht straflos bleibt, wenn
man whrend des Sanctus die Kirche verlt? - Sie werden so bald nicht
mehr in der Kirche singen!< - Es sollte Scherz sein, aber ich wei
nicht, wie es kam, da mit einemmal meine Worte so feierlich klangen.
Bettina erblate und verlie schweigend die Kirche. Seit diesem Moment
verlor sie die Stimme. - Der Doktor hatte sich whrend der Zeit
wieder gesetzt, und das Kinn auf den Stockknopf gesttzt, er blieb
stumm, aber der Kapellmeister rief: Wunderbar in der Tat, sehr
wunderbar! - Eigentlich, fuhr der Enthusiast fort, eigentlich
kam mir damals bei meinen Worten nichts Bestimmtes in den Sinn und
ebensowenig setzte ich Bettinas Stimmlosigkeit mit dem Vorfall in der
Kirche nur in den mindesten Bezug. Erst jetzt, als ich wieder hieher
kam und von Euch Doktor erfuhr, da Bettina noch immer an der
verdrielichen Krnklichkeit leide, war es mir, als htte ich schon
damals an eine Geschichte gedacht, die ich vor mehreren Jahren in
einem alten Buche las, und die ich Euch, da sie mir anmutig und
rhrend scheint, mitteilen will. - Erzhlen Sie, rief der
Kapellmeister, vielleicht liegt ein guter Stoff zu einer tchtigen
Oper darin. - Knnt Ihr, sprach der Doktor, knnt Ihr,
Kapellmeister, Trume - Ahnungen - magnetische Zustnde in Musik
setzen, so wird Euch geholfen, auf so was wird die Geschichte doch
wieder herauslaufen. Ohne dem Doktor zu antworten rusperte sich der
reisende Enthusiast und fing mit erhabener Stimme an: Unabsehbar
breitete sich das Feldlager Isabellens und Ferdinands von Aragonien
vor den Mauern von Granada aus. - Herr des Himmels und der Erden,
unterbrach der Doktor den Erzhler, das fngt an als wollt es in
neun Tagen und neun Nchten nicht endigen, und ich sitze hier und die
Patienten lamentieren. Ich schere mich den Teufel um Eure maurischen
Geschichten, den Gonzalvo von Cordova habe ich gelesen, und Bettinas
Seguidillas gehrt, aber damit basta, alles was recht ist - Gott
befohlen! Schnell sprang der Doktor zur Tre heraus, aber der
Kapellmeister blieb ruhig sitzen, indem er sprach: Es wird eine
Geschichte aus den Kriegen der Mauren mit den Spaniern, wie ich merke,
so was htt ich lngst gar zu gern komponiert. - Gefechte - Tumult
- Romanzen - Aufzge - Cymbeln - Chorle - Trommeln und Pauken -
ach Pauken! - Da wir nun einmal so zusammen sind, erzhlen Sie,
liebenswrdiger Enthusiast, wer wei, welches Samenkorn die erwnschte
Erzhlung in mein Gemt wirft und was fr Riesenlilien daraus
entsprieen. - Euch wird, erwiderte der Enthusiast, Euch wird nun
Kapellmeister! alles einmal gleich zur Oper und daher kommt es denn
auch, da die vernnftigen Leute, die die Musik behandeln wie einen
starken Schnaps, den man nur dann und wann in kleinen Portionen
geniet zur Magenstrkung, Euch manchmal fr toll halten. Doch
erzhlen will ich Euch, und keck mget Ihr, wandelt Euch die Lust an,
manchmal ein paar Akkorde dazwischen werfen. - Schreiber dieses fhlt
sich gedrungen, ehe er dem Enthusiasten die Erzhlung nachschreibt,
dich gnstigen Leser zu bitten, du mgest ihm der Krze halber
zugute halten, wenn er den dazwischen anschlagenden Akkorden den
Kapellmeister vorzeichnet. Statt also zu schreiben: Hier sprach der
Kapellmeister, heit es blo der Kapellmeister.

Unabsehbar breitete sich das Feldlager Isabellens und Ferdinands von
Aragonien vor den festen Mauern von Granada aus. Vergebens auf Hlfe
hoffend, immer enger und enger eingeschlossen, verzagte der feige
Boabdil und im bittern Hohn vom Volk, das ihn den kleinen Knig
nannte, verspottet, fand er nur in den Opfern blutdrstiger
Grausamkeit augenblicklichen Trost. Aber eben in dem Grade, wie die
Mutlosigkeit und Verzweiflung tglich mehr Volk und Kriegsheer in
Granada erfate, wurde lebendiger Siegeshoffnung und Kampfeslust
im spanischen Lager. Es bedurfte keines Sturms. Ferdinand begngte
sich die Wlle zu beschieen, und die Ausflle der Belagerten
zurckzutreiben. Diese kleinen Gefechte glichen mehr frhlichen
Turnieren als ernsten Kmpfen und selbst der Tod der im Kampfe
Gefallnen konnte die Gemter nur erheben, da sie hochgefeiert im
Geprnge des kirchlichen Kultus wie in der strahlenden Glorie des
Mrtyrtums fr den Glauben erschienen. Gleich nachdem Isabella in das
Lager eingezogen, lie sie in dessen Mitte ein hohes hlzernes Gebude
mit Trmen auffhren, von deren Spitzen die Kreuzesfahne herabwehte.
Das Innere wurde zum Kloster und zur Kirche eingerichtet, und
Benediktiner-Nonnen zogen ein, tglichen Gottesdienst bend. Die
Knigin, von ihrem Gefolge, von ihren Rittern begleitet, [erschien]
jeden Morgen, die Messe zu hren, die ihr Beichtvater las, von dem
Gesange der im Chor versammelten Nonnen untersttzt. Da begab es sich,
da Isabella an einem Morgen eine Stimme vernahm, die mit wunderbarem
Glockenklang die andern Stimmen im Chor bertnte. Der Gesang war
anzuhren wie das siegende Schmettern einer Nachtigall, die, die
Frstin des Hains, dem jauchzenden Volk gebietet. Und doch war die
Aussprache der Worte so fremdartig und selbst die sonderbare ganz
eigentmliche Art des Gesanges tat kund, da eine Sngerin des
kirchlichen Stils noch ungewohnt, vielleicht zum erstenmal das Amt
singen msse. Verwundert schaute Isabella um sich und bemerkte, da
ihr Gefolge von demselben Erstaunen ergriffen worden; doch ahnen mute
sie wohl, da hier ein besonderes Abenteuer im Spiel sein msse, als
ihr der tapfere Heerfhrer Aguillar, der sich eben im Gefolge befand,
ins Auge fiel. Im Betstuhl kniend, die Hnde gefaltet, starrte er zum
Gitter des Chors herauf, glhende inbrnstige Sehnsucht im dstern
Auge. Als die Messe geendet war, begab sich Isabella nach Donna
Marias, der Priorin, Zimmern und frug nach der fremden Sngerin.
Wollet Euch o Knigin, sprach Donna Maria, wollet Euch erinnern,
da vor Mondesfrist Don Aguillar jenes Auenwerk zu berfallen und zu
erobern gedachte, das mit einer herrlichen Terrasse geziert den Mauren
zum Lustort dient. In jeder Nacht schallen die ppigen Gesnge der
Heiden in unser Lager herber wie verlockende Sirenenstimmen und eben
deshalb wollte der tapfere Aguillar das Nest der Snde zerstren.
Schon war das Werk genommen, schon wurden die gefangenen Weiber
whrend des Gefechts abgefhrt, als eine unvermutete Verstrkung ihn
tapferer Wehr unerachtet ntigte, abzulassen und sich zurckzuziehen
in das Lager. Der Feind wagte nicht ihn zu verfolgen und so kam es,
da die Gefangenen und reiche Beute sein blieben. Unter den gefangenen
Weibern befand sich eine, deren trostloses Jammern, deren Verzweiflung
Don Aguillars Aufmerksamkeit erregte. Er nahte sich der Verschleierten
mit freundlichen Worten, aber als htte ihr Schmerz keine andere
Sprache als Gesang, fing sie, nachdem sie auf der Zither, die ihr
an einem goldnen Bande um den Hals hing, einige seltsame Akkorde
gegriffen hatte, eine Romanze an, die in tiefaufseufzenden
herzzerschneidenden Lauten die Trennung von dem Geliebten, von aller
Lebensfreude klagte. Aguillar tief ergriffen von den wunderbaren
Tnen, beschlo das Weib zurckbringen zu lassen nach Granada; sie
strzte vor ihm nieder, indem sie den Schleier zurckschlug. Da rief
Aguillar wie auer sich: >Bist du denn nicht Zulema, das Licht des
Gesanges in Granada?< - Zulema, die der Feldherr bei einer Sendung an
Boabdils Hof gesehen, deren wunderbarer Gesang seitdem tief in seiner
Brust widerhallte, war es wirklich. >Ich gebe dir die Freiheit<, rief
Aguillar, aber da sprach der ehrwrdige Vater Agostino Sanchez, der
das Kreuz in der Hand mitgezogen: >Erinnere dich, Herr! da du, indem
du die Gefangene freilssest, ihr groes Unrecht tust, da sie dem
Gtzendienst entrissen, vielleicht bei uns von der Gnade des Herrn
erleuchtet, in den Scho der Kirche zurckgekehrt wre.< Aguillar
sprach: >Sie mag bei uns bleiben einen Monat hindurch und dann, fhlt
sie sich nicht durchdrungen von dem Geist des Herrn, zurckgebracht
werden nach Granada.< So kam es, o Herrin! da Zulema von uns in
dem Kloster aufgenommen wurde. Anfangs berlie sie sich ganz dem
trostlosesten Schmerz und bald waren es wild und schauerlich tnende,
bald tiefklagende Romanzen, mit denen sie das Kloster erfllte, denn
berall hrte man ihre durchdringende Glockenstimme. Es begab sich,
da wir einst um Mitternacht im Chor der Kirche versammelt waren und
die Hora nach jener wundervollen heiligen Weise absangen, die der hohe
Meister des Gesanges, Ferreras, uns lehrte. Ich bemerkte im Schein
der Lichter Zulema in der offnen Pforte des Chors stehend und mit
ernstem Blick still und andchtig hineinschauend; als wir paarweise
daherziehend den Chor verlieen, kniete Zulema im Gange unfern eines
Marienbildes. Den andern Tag sang sie keine Romanze, sondern blieb
still und in sich gekehrt. Bald versuchte sie auf der tiefgestimmten
Zither die Akkorde jenes Chorals, den wir in der Kirche gesungen, und
dann fing sie an leise leise zu singen, ja selbst die Worte unsers
Gesanges zu versuchen, die sie freilich wunderlich wie mit gebundener
Zunge aussprach. Ich merkte wohl, da der Geist des Herrn mit milder
trstender Stimme im Gesange zu ihr gesprochen, und da sich ihre
Brust ffnen wrde seiner Gnade, daher schickte ich Schwester
Emanuela, die Meisterin des Chors, zu ihr, da sie den glimmenden
Funken anfache, und so geschah es, da im heiligen Gesange der Kirche
der Glaube in ihr entzndet wurde. Noch ist Zulema nicht durch die
heilige Taufe in den Scho der Kirche aufgenommen, aber vergnnt wurde
es ihr unserm Chor sich beizugesellen, und so ihre wunderbare Stimme
zur Glorie der Religion zu erheben. Die Knigin wute nun wohl, was
in Aguillars Innerm vorgegangen, als er auf Agostinos Einrede Zulema
nicht zurcksandte nach Granada, sondern sie im Kloster aufnehmen
lie und um so mehr war sie erfreut ber Zulemas Bekehrung zum wahren
Glauben. Nach wenigen Tagen wurde Zulema getauft und erhielt den Namen
Julia. Die Knigin selbst, der Marquis von Cadix, Heinrich von Gusman,
die Feldherren Mendoza, Villena, waren die Zeugen des heiligen Akts.
Man htte glauben sollen, da Julias Gesang nun noch inniger und
wahrer die Herrlichkeit des Glaubens htte verknden mssen und so
geschah es auch wirklich eine kurze Zeit hindurch, indessen bemerkte
Emanuela bald, da Julia oft auf seltsame Weise von dem Choral abwich,
fremdartige Tne einmischend. Oft hallte urpltzlich der dumpfe
Klang einer tiefgestimmten Zither durch den Chor. Der Ton glich dem
Nachklingen vom Sturm durchrauschter Saiten. Dann wurde Julia unruhig
und es geschah sogar, da sie wie willkrlos in den lateinischen
Hymnus ein mohrisches Wort einwarf. Emanuela warnte die Neubekehrte,
standhaft zu widerstehen dem Feinde, aber leichtsinnig achtete Julia
dessen nicht und zum rgernis der Schwestern sang sie oft, wenn eben
die ernsten heiligen Chorle des alten Ferreras erklungen, tndelnde
mohrische Liebeslieder zur Zither, die sie wieder hochgestimmt hatte.
Sonderbarerweise klangen jetzt die Zithertne, die oft durch den Chor
sausten, auch hoch und recht widrig beinahe wie das gellende Gepfeife
der kleinen mohrischen Flten.

Der Kapellmeister. Flauti piccoli - Oktavfltchen. Aber, mein Bester,
noch bis jetzt nichts, gar nichts fr die Oper - keine Exposition und
das ist immer die Hauptsache, doch mit der tiefen und hohen Stimmung
der Zither, das hat mich angeregt. Glaubt Ihr nicht, da der Teufel
ein Tenorist ist? Er ist falsch wie - der Teufel, und daher macht er
alles im Falsett!

Der Enthusiast. Gott im Himmel! - Ihr werdet von Tage zu Tage
witziger, Kapellmeister! Aber Ihr habt recht, lassen wir dem
teuflischen Prinzip alles berhohe unnatrliche Gepfeife, Gequieke
etc. Doch weiter fort in der Erzhlung, die mir eigentlich blutsauer
wird, weil ich jeden Augenblick Gefahr laufe, ber irgend einen wohl
zu beachtenden Moment wegzuspringen.

Es begab sich, da die Knigin, begleitet von den edlen Feldherren
des Lagers, nach der Kirche der Benedektiner-Nonnen schritt, um
wie gewhnlich die Messe zu hren. Vor der Pforte lag ein elender
zerlumpter Bettler, die Trabanten wollten ihn fortschaffen, doch halb
erhoben ri er sich wieder los und warf sich heulend nieder, so da er
die Knigin berhrte. Ergrimmt sprang Aguillar hervor und wollte den
Elenden mit dem Fue fortstoen. Der richtete sich aber mit halbem
Leibe gegen ihn empor und schrie: Tritt die Schlange - tritt die
Schlange, sie wird dich stechen zum Tode! und dazu griff er in die
Saiten der unter den Lumpen versteckten Zither, da sie im gellenden
widrig pfeifenden Tone zerrissen und alle von unheimlichem Grauen
ergriffen, zurckbebten. Die Trabanten schafften das widrige Gespenst
fort und es hie: der Mensch sei ein gefangener wahnsinniger Mohr,
der aber durch seine tollen Spe und durch sein verwunderliches
Zitherspiel die Soldaten im Lager belustige. Die Knigin trat ein und
das Amt begann. Die Schwestern im Chor intonierten das Sanctus, eben
sollte Julia mit mchtiger Stimme wie sonst eintreten: Pleni sunt
coeli gloria tua, da ging ein gellender Zitherton durch den Chor,
Julia schlug schnell das Blatt zusammen und wollte den Chor verlassen.
Was beginnst du? rief Emanuela. Oh! sagte Julia, hrst du denn
nicht die prchtigen Tne des Meisters? dort bei ihm, mit ihm mu ich
singen! damit eilte Julia nach der Tre, aber Emanuela sprach mit
sehr ernster feierlicher Stimme: Snderin, die du den Dienst des
Herrn entweihst, da du mit dem Munde sein Lob verkndest und im Herzen
weltliche Gedanken trgst, flieh von hinnen, gebrochen ist die Kraft
des Gesanges in dir, verstummt sind die wunderbaren Laute in deiner
Brust die der Geist des Herrn entzndet! - Von Emanuelas Worten wie
vom Blitz getroffen, schwankte Julia fort. Eben wollten die Nonnen zur
Nachtzeit sich versammeln, um die Hora zu singen, als ein dicker Qualm
schnell die ganze Kirche erfllte. Bald darauf drangen die Flammen
zischend und prasselnd durch die Wnde des Nebengebudes und erfaten
das Kloster. Mit Mhe gelang es den Nonnen ihr Leben zu retten,
Trompeten und Hrner schmetterten durch das Lager, aus dem ersten
Schlaf taumelten die Soldaten auf; man sah den Feldherrn Aguillar mit
versengtem Haar, mit halbverbrannten Kleidern aus dem Kloster strzen,
er hatte Julia, die man vermite, vergebens zu retten gesucht, keine
Spur von ihr war zu finden. Fruchtlos blieb der Kampf gegen das Feuer,
das von dem Sturm, der sich erhoben, angefacht, immer mehr um sich
griff: in kurzer Zeit lag Isabellens ganzes reiches herrliches Lager
in Asche. Die Mauren im Vertrauen, da der Christen Unglck ihnen
Sieg bringen wrde, wagten mit einer bedeutenden Macht einen Ausfall,
glnzender war aber fr die Waffen der Spanier nie ein Kampf gewesen,
als eben dieser, und als sie unter dem jauchzenden Schall der
Trompeten sieggekrnt in ihre Verschanzungen zurckzogen, da bestieg
die Knigin Isabella den Thron, den man im Freien errichtet hatte
und verordnete, da an der Stelle des abgebrannten Lagers eine Stadt
gebaut werde! Zeigen sollte dies den Mauren in Granada, da niemals
die Belagerung aufgehoben werden wrde.

Der Kapellmeister. Drfte man sich nur mit geistlichen Dingen auf das
Theater wagen, hat man nicht schon seine Not mit dem lieben Publikum,
wenn man hie und da ein bichen Choral anbringt. Sonst wr die Julia
gar keine ble Partie. Denkt Euch den doppelten Stil, in welchem sie
glnzen kann, erst die Romanzen, dann die Kirchengesnge. Einige
allerliebste spanische und mohrische Lieder hab ich bereits fertig,
auch ist der Sieges-Marsch der Spanier gar nicht bel, so wie ich
das Gebot der Knigin melodramatisch zu behandeln willens bin, wie
indessen das Ganze sich zusammenfgen soll, das wei der Himmel! -
Aber erzhlt weiter, kommen wir wieder auf Julia, die hoffentlich
nicht verbrannt sein wird.

Der Enthusiast. Denkt Euch, liebster Kapellmeister, da jene Stadt,
die die Spanier in einundzwanzig Tagen aufbauten und mit Mauern
umgaben, eben das heute noch stehende Santa F ist. Doch indem ich
das Wort so unmittelbar an Euch richte, falle ich aus dem feierlichen
Ton, der allein sich zu dem feierlichen Stoffe pat. Ich wollte Ihr
spieltet eins von Palestrinas Responsorien, die dort auf dem Pult des
Fortepianos aufgeschlagen liegen.

Der Kapellmeister tat es und hierauf fuhr der reisende Enthusiast
fort:

Die Mauren unterlieen nicht, die Spanier whrend des Aufbaues ihrer
Stadt auf mannigfache Weise zu beunruhigen, die Verzweiflung trieb
sie zur verwegensten Khnheit und so wurden die Gefechte ernster
als jemals. Aguillar hatte einst ein maurisches Geschwader, das
die spanischen Vorwachen berfallen, bis in die Mauern von Granada
zurckgetrieben. Er kehrte mit seinen Reitern zurck, und hielt unfern
den ersten Verschanzungen bei einem Myrtenwldchen, sein Gefolge
fortschickend, um so ernstem Gedanken und wehmtiger Erinnerung sich
mit ganzem Gemt hingeben zu knnen. Julias Bild stand lebendig vor
seines Geistes Augen. Schon whrend des Gefechts hrte er ihre Stimme
bald drohend bald klagend ertnen und auch jetzt war es ihm als
susle ein seltsamer Gesang, halb mohrisches Lied halb christlicher
Kirchengesang, durch die dunklen Myrten. Da rauschte pltzlich
ein mohrischer Ritter im silbernen Schuppenharnisch auf leichtem
arabischen Pferde aus dem Walde hervor und gleich sauste auch der
geworfene Speer dicht bei Aguillars Haupt vorbei. Er wollte mit
gezogenem Schwert auf den Feind losstrzen, als der zweite Speer flog
und seinem Pferde tief in der Brust stecken blieb, da es sich vor Wut
und Schmerz hoch emporbumte und Aguillar sich schnell von der Seite
herabschwingen mute, um schwerem Falle nicht zu erliegen. Der Mohr
war herangesprengt und hieb herab mit der Sichelklinge nach Aguillars
entbltem Haupt. Aber geschickt parierte Aguillar den Todesstreich
und hieb so gewaltig nach, da der Mohr sich nur rettete, indem er
tief vom Pferde niedertauchte. In demselben Augenblick drngte sich
des Mohren Pferd dicht an Aguillar, so da er keinen zweiten Hieb
fhren konnte, der Mohr ri seinen Dolch hervor, aber noch ehe er
zustoen konnte, hatte ihn Aguillar mit Riesenstrke erfat, vom
Pferde heruntergezogen und ringend zu Boden geworfen. Er kniete auf
des Mohren Brust und indem er mit der linken Faust des Mohren rechten
Arm so gewaltig gepackt hatte, da er regungslos blieb, zog er
seinen Dolch. Schon hatte er den Arm erhoben, um des Mohren Kehle zu
durchstoen, als dieser tief aufseufzte: Zulema! - Zur Bildsule
erstarrt vermochte Aguillar nicht die Tat zu vollenden. Unseliger,
rief er, welch einen Namen nanntest du? - Stoe zu, sthnte der
Mohr, stoe zu, du ttest den, der dir Tod und Verderben geschworen
hat. Ja! wisse, verrterischer Christ, wisse, da es Hichem der letzte
des Stammes Alhamar ist, dem du Zulema raubtest! - Wisse, da jener
zerlumpte Bettler, der mit den Gebrden des Wahnsinns in eurem
Lager umherschlich, Hichem war, wisse da es mir gelang, das
dunkle Gefngnis, in dem ihr Verruchte das Licht meiner Gedanken
eingeschlossen, anzuznden, und Zulema zu retten. Zulema -Julia
lebt? rief Aguillar. Da lachte Hichem gellend auf im grausigen Hohn:
Ja sie lebt, aber Euer blutiges dornengekrntes Gtzenbild hat mit
fluchwrdigem Zauber sie befangen und die duftende glhende Blume des
Lebens eingehllt in die Leichentcher der wahnsinnigen Weiber, die
Ihr Brute Eures Gtzen nennt. Wisse, da Ton und Gesang in ihrer
Brust wie angeweht vom giftigen Hauch des Samums erstorben ist. Dahin
ist alle Lust des Lebens mit Zulemas sen Liedern, darum tte mich
- tte mich, da ich nicht Rache zu nehmen vermag an dir, der du mir
schon mehr als mein Leben entrissest. Aguillar lie ab von Hichem und
erhob sich, sein Schwert von dem Boden aufnehmend langsam. Hichem,
sprach er: Zulema, die in heiliger Taufe den Namen Julia empfing,
wurde meine Gefangene im ehrlichen offenen Kampf. Erleuchtet von
der Gnade des Herrn, entsagte sie Mahoms schndem Dienst und was du
verblendeter Mohr bsen Zauber eines Gtzenbildes nennst, war nur die
Versuchung des Bsen, dem sie nicht zu widerstehen vermochte. Nennst
du Zulema deine Geliebte, so sei Julia, die zum Glauben Bekehrte,
die Dame meiner Gedanken, und _sie_ im Herzen, zur Glorie des wahren
Glaubens will ich gegen dich bestehen im wackern Kampf. Nimm deine
Waffen und falle gegen mich aus wie du willst nach deiner Sitte.
Schnell ergriff Hichem Schwert und Tartsche, aber auf Aguillar
losrennend, wankte er laut aufbrllend zurck, warf sich auf das
Pferd, das neben ihm stehen geblieben und sprengte gestreckten Galopps
davon. Aguillar wute nicht was das zu bedeuten haben knnte, aber in
dem Augenblick stand der ehrwrdige Greis Agostino Sanchez hinter ihm
und sprach sanft lchelnd: Frchtet Hichem mich oder den Herrn, der
in mir wohnt und dessen Liebe er verschmht? Aguillar erzhlte alles
was er von Julia vernommen und beide erinnerten sich nun wohl an
die prophetischen Worte Emanuelas, als Julia verlockt von Hichems
Zithertnen alle Andacht im Innern erttend, den Chor whrend des
Sanctus verlie.

Der Kapellmeister. Ich denke an keine Oper mehr, aber das Gefecht
zwischen dem Mohren Hichem im Schuppenharnisch und dem Feldherrn
Aguillar ging mir auf in Musik. - Hol es der Teufel! - wie kann
man nun besser gegeneinander ausfallen lassen als es Mozart im Don
Giovanni getan hat. Ihr wit doch - in der ersten -

Der reisende Enthusiast. Still Kapellmeister! Ich werde nun meiner
schon zu langen Erzhlung den letzten Ruck geben. Noch allerlei kommt
vor, und es ist ntig die Gedanken zusammenzuhalten, um so mehr, da
ich immer dabei an Bettina denke, welches mich nicht wenig verwirrt.
Vorzglich mcht ich gar nicht, da sie jemals etwas von meiner
spanischen Geschichte erfhre und doch ist es mir so, als wenn sie
dort an jener Tre lauschte, welches natrlicherweise pure Einbildung
sein mu. Also weiter.

Immer und immer geschlagen in allen Gefechten, von der
tglich-stndlich zunehmenden Hungersnot gedrckt, sahen sich die
Mauren endlich gentigt, zu kapitulieren und im festlichen Geprnge
unter dem Donner des Geschtzes zogen Ferdinand und Isabella in
Granada ein. Priester hatten die groe Moschee eingeweiht zur
Kathedrale und dorthin ging der Zug, um in andchtiger Messe, im
feierlichen Te deum laudamus dem Herrn der Heerscharen zu danken fr
den glorreichen Sieg ber die Diener Mahoms, des falschen Propheten.
Man kannte die nur mhsam unterdrckte, immer neu aufgeifernde Wut der
Mohren und daher deckten Truppenabteilungen, die durch entferntere
Straen schlagfertig zogen, die durch die Hauptstrae sich bewegende
Prozession. So geschah es, da Aguillar an der Spitze einer Abteilung
Fuvolks eben auf entfernterem Wege sich nach der Kathedrale, wo das
Amt schon begonnen, begeben wollte, als er sich pltzlich durch einen
Pfeilschu an der linken Schulter verwundet fhlte. In demselben
Augenblick strzte ein Haufen Mohren aus einem dunklen Bogengange
hervor, und berfiel die Christen mit verzweifelnder Wut. Hichem an
der Spitze rannte gegen Aguillar an, dieser nur leicht verletzt, kaum
den Schmerz der Wunde fhlend, parierte geschickt den gewaltigen Hieb
und in demselben Augenblick lag auch Hichem mit gespaltenem Kopf zu
seinen Fen. Die Spanier drangen wtend ein auf die verrterischen
Mohren, die bald heulend flohen und sich in ein steinernes Haus
warfen, dessen Tor sie schnell verschlossen. Die Spanier strmten
heran, aber da regnete es Pfeile aus den Fenstern, Aguillar befahl
Feuerbrnde hineinzuwerfen. Schon loderten die Flammen aus dem Dache
hoch auf, als durch den Donner des Geschtzes eine wunderbare Stimme
aus dem brennenden Gebude erklang: Sanctus - Sanctus Dominus deus
Sabaoth. - Julia - Julia! rief Aguillar in trostlosem Schmerz, da
ffneten sich die Pforten, und Julia im Gewande der Benediktiner-Nonne
trat hervor mit starker Stimme singend: Sanctus - Sanctus dominus
deus Sabaoth, hinter ihr zogen die Mohren in gebeugter Stellung die
Hnde auf der Brust zum Kreuz verschrnkt. Erstaunt wichen die Spanier
zurck und durch ihre Reihen zog Julia mit den Mohren nach der
Kathedrale - hineintretend intonierte sie das: Benedictus qui venit
in nomine domini. Unwillkrlich, als komme die Heilige vom Himmel
gesendet, Heiliges zu verknden den Gesegneten des Herrn, beugte das
Volk die Knie. Festen Schrittes, den verklrten Blick gen Himmel
gerichtet, trat Julia vor den Hochaltar zwischen Ferdinand und
Isabellen, das Amt singend und die heiligen Gebruche mit inbrnstiger
Andacht bend. Bei den letzten Lauten des: Dona nobis pacem, sank
Julia entseelt der Knigin in die Arme. Alle Mohren, die ihr gefolgt,
empfingen, zum Glauben bekehrt, selbigen Tages die heilige Taufe.

So hatte der Enthusiast seine Geschichte geendet, als der Doktor mit
vielem Gerusch eintrat, heftig mit dem Stock auf die Erde stie
und zornig schrie: Da sitzen sie noch und erzhlen sich tolle
fantastische Geschichten ohne Rcksicht auf Nachbarschaft und machen
die Leute krnker. - Was ist denn nun wieder geschehen, mein
Wertester, sprach der Kapellmeister ganz erschrocken. Ich wei es
recht gut, fiel der Enthusiast ganz gelassen ein. Nichts mehr und
nichts weniger, als da Bettina uns stark reden gehrt hat, dort
ins Kabinett gegangen ist und alles wei. - Das habt Ihr nun,
sprudelte der Doktor, von Euren verdammten lgenhaften Geschichten,
wahnsinniger Enthusiast, da Ihr reizbare Gemter vergiftet -
ruiniert, mit Eurem tollen Zeuge; aber ich werde Euch das Handwerk
legen. - Herrlicher Doktor! unterbrach der Enthusiast den Zornigen,
ereifert Euch nicht und bedenkt, da Bettinas psychische Krankheit
psychische Mittel erfordert und da vielleicht meine Geschichte -
Still still, fiel der Doktor ganz gelassen ein, ich wei schon,
was Ihr sagen wollt. - Zu einer Oper taugt es nicht, aber sonst
gab es darin einige sonderbar klingende Akkorde. So murmelte der
Kapellmeister, indem er den Hut ergriff und den Freunden folgte.

Als drei Monat darauf der reisende Enthusiast der gesundeten Bettina,
die mit herrlicher Glocken-Stimme Pergoleses Stabat mater (jedoch
nicht in der Kirche, sondern im mig groen Zimmer) gesungen hatte,
voll Freude und andchtigen Entzckens die Hand kte, sprach
sie: Ein Hexenmeister sind Sie gerade nicht, aber zuweilen
etwas widerhaarigter Natur, wie alle Enthusiasten, setzte der
Kapellmeister hinzu.



Zweiter Teil



Das de Haus

Man war darber einig, da die wirklichen Erscheinungen im Leben oft
viel wunderbarer sich gestalten, als alles, was die regste Fantasie
zu erfinden trachte. Ich meine, sprach Lelio, da die Geschichte
davon hinlnglichen Beweis gibt und da eben deshalb die sogenannten
historischen Romane, worin der Verfasser, in seinem migen Gehirn
bei rmlichem Feuer ausgebrtete Kindereien, den Taten der ewigen,
im Universum wartenden Macht beizugesellen sich unterfngt, so
abgeschmackt und widerlich sind. - Es ist, nahm Franz das Wort,
die tiefe Wahrheit der unerforschlichen Geheimnisse, von denen wir
umgeben, welche uns mit einer Gewalt ergreift, an der wir den ber uns
herrschenden, uns selbst bedingenden Geist erkennen. - Ach! fuhr
Lelio fort, die Erkenntnis, von der du sprichst! - Ach das ist ja
eben die entsetzlichste Folge unserer Entartung nach dem Sndenfall,
da diese Erkenntnis uns fehlt! - Viele, unterbrach Franz den
Freund, viele sind berufen und wenige auserwhlt! Glaubst du denn
nicht, da das Erkennen, das beinahe noch schnere Ahnen der Wunder
unseres Lebens manchem verliehen ist, wie ein besonderer Sinn? Um
nur gleich aus der dunklen Region, in die wir uns verlieren knnten,
heraufzuspringen in den heitren Augenblick, werf ich euch das skurrile
Gleichnis hin, da Menschen, denen die Sehergabe [gegeben], das
Wunderbare zu schauen, mir wohl wie die Fledermuse bednken wollen,
an denen der gelehrte Anatom Spalanzani einen vortrefflichen sechsten
Sinn entdeckte, der als schalkhafter Stellvertreter nicht allein
alles, sondern viel mehr ausrichtet, als alle brige Sinne
zusammengenommen. - Ho ho, rief Franz lchelnd, so wren denn die
Fledermuse eigentlich recht die gebornen natrlichen Somnambulen!
Doch in dem heitern Augenblick, dessen du gedachtest, will ich Posto
fassen und bemerken, da jener sechste bewundrungswrdige Sinn vermag
an jeder Erscheinung, sei es Person, Tat oder Begebenheit, sogleich
dasjenige Exzentrische zu schauen, zu dem wir in unserm gewhnlichen
Leben keine Gleichung finden und es daher wunderbar nennen. Was ist
denn aber gewhnliches Leben? - Ach das Drehen in dem engen Kreise,
an den unsere Nase berall stt, und doch will man wohl Courbetten
versuchen im taktmigen Pagang des Alltagsgeschfts. Ich kenne
jemanden, dem jene Sehergabe, von der wir sprechen, ganz vorzglich
eigen scheint. Daher kommt es, da er oft unbekannten Menschen, die
irgend etwas Verwunderliches in Gang, Kleidung, Ton, Blick haben,
tagelang nachluft, da er ber eine Begebenheit, ber eine Tat,
leichthin erzhlt, keiner Beachtung wert und von niemanden beachtet,
tiefsinnig wird, da er antipodische Dinge zusammenstellt und
Beziehungen herausfantasiert, an die niemand denkt. Lelio rief laut:
Halt, halt, das ist ja unser Theodor, der ganz was Besonderes im
Kopfe zu haben scheint, da er mit solch seltsamen Blicken in das
Blaue herausschaut. - In der Tat, fing Theodor an, der so lange
geschwiegen, in der Tat, waren meine Blicke seltsam, solang darin
der Reflex des wahrhaft Seltsamen, das ich im Geiste schaute. Die
Erinnerung eines unlngst erlebten Abenteuers - O erzhle, erzhle,
unterbrachen ihn die Freunde. Erzhlen, fuhr Theodor fort, mcht
ich wohl, doch mu ich zuvrderst dir, lieber Lelio, sagen, da du
die Beispiele, die meine Sehergabe dartun sollten, ziemlich schlecht
whltest. Aus Eberhards Synonymik mut du wissen, da _wunderlich_ alle
uerungen der Erkenntnis und des Begehrens genannt werden, die sich
durch keinen vernnftigen Grund rechtfertigen lassen, _wunderbar_ aber
dasjenige heit, was man fr unmglich, fr unbegreiflich hlt, was
die bekannten Krfte der Natur zu bersteigen, oder wie ich hinzufge,
ihrem gewhnlichen Gange entgegen zu sein scheint. Daraus wirst du
entnehmen, da du vorhin rcksichts meiner angeblichen Sehergabe das
Wunderliche mit dem Wunderbaren verwechseltest. Aber gewi ist es, da
das anscheinend Wunderliche aus dem Wunderbaren sprot, und da wir
nur oft den wunderbaren Stamm nicht sehen, aus dem die wunderlichen
Zweige mit Blttern und Blten hervorsprossen. In dem Abenteuer, das
ich euch mitteilen will, mischt sich beides, das Wunderliche und
Wunderbare, auf, wie mich dnkt, recht schauerliche Weise. Mit diesen
Worten zog Theodor sein Taschenbuch hervor, worin er, wie die Freunde
wuten, allerlei Notizen von seiner Reise her eingetragen hatte,
und erzhlte, dann und wann in dies Buch hineinblickend, folgende
Begebenheit, die der weiteren Mitteilung nicht unwert scheint.

Ihr wit (so fing Theodor an), da ich den ganzen vorigen Sommer
in ***n zubrachte. Die Menge alter Freunde und Bekannten, die ich
vorfand, das freie gemtliche Leben, die mannigfachen Anregungen der
Kunst und der Wissenschaft, das alles hielt mich fest. Nie war ich
heitrer, und meiner alten Neigung, oft allein durch die Straen
zu wandeln, und mich an jedem ausgehngten Kupferstich, an jedem
Anschlagzettel zu ergtzen, oder die mir begegnenden Gestalten zu
betrachten, ja wohl manchem in Gedanken das Horoskop zu stellen, hing
ich hier mit Leidenschaft nach, da nicht allein der Reichtum der
ausgestellten Werke der Kunst und des Luxus, sondern der Anblick der
vielen herrlichen Prachtgebude unwiderstehlich mich dazu antrieb. Die
mit Gebuden jener Art eingeschlossene Allee, welche nach dem ***ger
Tore fhrt, ist der Sammelplatz des hheren, durch Stand oder Reichtum
zum ppigeren Lebensgenu berechtigten Publikums. In dem Erdgescho
der hohen breiten Palste werden meistenteils Waren des Luxus
feilgeboten, indes in den obern Stockwerken Leute der beschriebenen
Klasse hausen. Die vornehmsten Gasthuser liegen in dieser Strae,
die fremden Gesandten wohnen meistens darin, und so knnt ihr denken,
da hier ein besonderes Leben und Regen mehr als in irgend einem
andern Teile der Residenz stattfinden mu, die sich eben auch hier
volkreicher zeigt, als sie es wirklich ist. Das Zudrngen nach diesem
Orte macht es, da mancher sich mit einer kleineren Wohnung, als sein
Bedrfnis eigentlich erfordert, begngt, und so kommt es, da manches
von mehreren Familien bewohnte Haus einem Bienenkorbe gleicht. Schon
oft war ich die Allee durchwandelt, als mir eines Tages pltzlich ein
Haus ins Auge fiel, das auf ganz wunderliche seltsame Weise von allen
brigen abstach. Denkt euch ein niedriges, vier Fenster breites, von
zwei hohen schnen Gebuden eingeklemmtes Haus, dessen Stock ber dem
Erdgescho nur wenig ber die Fenster im Erdgescho des nachbarlichen
Hauses hervorragt, dessen schlecht verwahrtes Dach, dessen zum Teil
mit Papier verklebte Fenster, dessen farblose Mauern von gnzlicher
Verwahrlosung des Eigentmers zeugen. Denkt euch, wie solch ein Haus
zwischen mit geschmackvollem Luxus ausstaffierten Prachtgebuden sich
ausnehmen mu. Ich blieb stehen und bemerkte bei nherer Betrachtung,
da alle Fenster dicht verzogen waren, ja da vor die Fenster des
Erdgeschosses eine Mauer aufgefhrt schien, da die gewhnliche Glocke
an dem Torwege, der, an der Seite angebracht, zugleich zur Haustre
diente, fehlte, und da an dem Torwege selbst nirgends ein Schlo, ein
Drcker zu entdecken war. Ich wurde berzeugt, da dieses Haus ganz
unbewohnt sein msse, da ich niemals, niemals, so oft und zu welcher
Tageszeit ich auch vorbergehen mochte, auch nur die Spur eines
menschlichen Wesens darin wahrnahm. Ein unbewohntes Haus in dieser
Gegend der Stadt! Eine wunderliche Erscheinung und doch findet das
Ding vielleicht darin seinen natrlichen einfachen Grund, da der
Besitzer auf einer lange dauernden Reise begriffen oder auf fernen
Gtern hausend, dies Grundstck weder vermieten noch veruern mag,
um, nach ***n zurckkehrend, augenblicklich seine Wohnung dort
aufschlagen zu knnen. - So dacht ich, und doch wei ich selbst nicht
wie es kam, da bei dem den Hause vorberschreitend ich jedesmal wie
festgebannt stehen bleiben und mich in ganz verwunderliche Gedanken
nicht sowohl vertiefen, als verstricken mute. - Ihr wit es ja alle,
ihr wackern Kumpane meines frhlichen Jugendlebens, ihr wit es ja
alle, wie ich mich von jeher als Geisterseher gebrdete und wie mir
nur einer wunderbaren Welt seltsame Erscheinungen ins Leben treten
wollten, die ihr mit derbem Verstande wegzuleugnen wutet! - Nun!
zieht nur eure schlauen spitzfndigen Gesichter, wie ihr wollt, gern
zugestehen darf ich ja, da ich oft mich selbst recht arg mystifiziert
habe, und da mit dem den Hause sich dasselbe ereignen zu wollen
schien, aber - am Ende kommt die Moral, die euch zu Boden schlgt,
horcht nur auf! - Zur Sache! - Eines Tages und zwar in der Stunde,
wenn der gute Ton gebietet, in der Allee auf und ab zu gehen, stehe
ich, wie gewhnlich, in tiefen Gedanken hinstarrend vor dem den
Hause. Pltzlich bemerke ich, ohne gerade hinzusehen, da jemand neben
mir sich hingestellt und den Blick auf mich gerichtet hatte. Es ist
Graf P., der sich schon in vieler Hinsicht als mir geistesverwandt
kundgetan hat, und sogleich ist mir nichts gewisser, als da auch ihm
das Geheimnisvolle des Hauses aufgegangen war. Um so mehr fiel es mir
auf, da, als ich von dem seltsamen Eindruck sprach, den dies verdete
Gebude hier in der belebtesten Gegend der Residenz auf mich gemacht
hatte, er sehr ironisch lchelte, bald war aber alles erklrt.
Graf P. war viel weiter gegangen als ich, aus manchen Bemerkungen,
Kombinationen etc. hatte er die Bewandtnis herausgefunden, die es mit
dem Hause hatte, und eben diese Bewandtnis lief auf eine solche ganz
seltsame Geschichte heraus, die nur die lebendigste Fantasie des
Dichters ins Leben treten lassen konnte. Es wre wohl recht, da ich
euch die Geschichte des Grafen, die ich noch klar und deutlich im Sinn
habe, mitteilte, doch schon jetzt fhle ich mich durch das, was sich
wirklich mit mir zutrug, so gespannt, da ich unaufhaltsam fortfahren
mu. Wie war aber dem guten Grafen zu Mute, als er mit der Geschichte
fertig, erfuhr, da das verdete Haus nichts anders enthalte, als die
Zuckerbckerei des Konditors, dessen prachtvoll eingerichteter Laden
dicht anstie. Daher waren die Fenster des Erdgeschosses, wo die fen
eingerichtet, vermauert und die zum Aufbewahren des Gebacknen im
obern Stock bestimmten Zimmer mit dicken Vorhngen gegen Sonne und
Ungeziefer verwahrt. Ich erfuhr, als der Graf mir dies mitteilte, so
wie er, die Wirkung des Sturzbades, oder es zupfte wenigstens der
allem Poetischen feindliche Dmon den Strumenden empfindlich und
schmerzhaft bei der Nase. - Unerachtet der prosaischen Aufklrung
mute ich doch noch immer vorbergehend nach dem den Hause
hinschauen, und noch immer gingen im leisen Frsteln, das mir durch
die Glieder bebte, allerlei seltsame Gebilde von dem auf, was
dort verschlossen. Durchaus konnte ich mich nicht an den Gedanken
der Zuckerbckerei, des Marzipans, der Bonbons, der Torten, der
eingemachten Frchte usw. gewhnen. Eine seltsame Ideen-Kombination
lie mir das alles erscheinen wie ses beschwichtigendes Zureden.
Ungefhr: >Erschrecken Sie nicht, Bester! wir alle sind liebe se
Kinderchen, aber der Donner wird gleich ein bichen einschlagen.< Dann
dachte ich wieder: >Bist du nicht ein recht wahnsinniger Tor, da du
das Gewhnlichste in das Wunderbare zu ziehen trachtest, schelten
deine Freunde dich nicht mit Recht einen berspannten Geisterseher?<
- Das Haus blieb, wie es bei der angeblichen Bestimmung auch nicht
anders sein konnte, immer unverndert, und so geschah es, da
mein Blick sich daran gewhnte, und die tollen Gebilde, die sonst
ordentlich aus den Mauern hervorzuschweben schienen, allmhlig
verschwanden. Ein Zufall weckte alles, was eingeschlummert, wieder
auf. - Da, unerachtet ich mich, so gut es gehen wollte, ins
Alltgliche gefgt hatte, ich doch nicht unterlie, das fabelhafte
Haus im Auge zu behalten, das knnt ihr euch bei meiner Sinnesart, die
nun einmal mit frommer ritterlicher Treue am Wunderbaren festhlt,
wohl denken.

So geschah es, da ich eines Tages, als ich wie gewhnlich zur
Mittagsstunde in der Allee lustwandelte meinen Blick auf die
verhngten Fenster des den Hauses richtete. Da bemerkte ich, da die
Gardine an dem letzten Fenster dicht neben dem Konditorladen sich zu
bewegen begann. Eine Hand, ein Arm kam zum Vorschein. Ich ri meinen
Operngucker heraus und gewahrte nun deutlich die blendend weie,
schn geformte Hand eines Frauenzimmers, an deren kleinem Finger ein
Brillant mit ungewhnlichem Feuer funkelte, ein reiches Band blitzte
an dem in ppiger Schnheit gerndeten Arm. Die Hand setzte eine
hohe seltsam geformte Kristallflasche hin auf die Fensterbank und
verschwand hinter dem Vorhange. Erstarrt blieb ich stehen, ein
sonderbar bnglich wonniges Gefhl durchstrmte mit elektrischer Wrme
mein Inneres, unverwandt blickte ich herauf nach dem verhngnisvollen
Fenster, und wohl mag ein sehnsuchtsvoller Seufzer meiner Brust
entflohen sein. Ich wurde endlich wach und fand mich umringt von
vielen Menschen allerlei Standes, die so wie ich mit neugierigen
Gesichtern heraufguckten. Das verdro mich, aber gleich fiel mir ein,
da jedes Hauptstadtvolk jenem gleiche, das zahllos vor dem Hause
versammelt, nicht zu gaffen und sich darber zu verwundern aufhren
konnte, da eine Schlafmtze aus dem sechsten Stock herabgestrzt,
ohne eine Masche zu zerreien. - Ich schlich mich leise fort, und der
prosaische Dmon flsterte mir sehr vernehmlich in die Ohren, da
soeben die reiche, sonntglich geschmckte Konditorsfrau eine geleerte
Flasche feinen Rosenwassers o. s. auf die Fensterbank gestellt. -
Seltner Fall! - mir kam urpltzlich ein sehr gescheuter Gedanke. - Ich
kehrte um und geradezu ein, in den leuchtenden Spiegelladen des dem
den Hause nachbarlichen Konditors. - Mit khlendem Atem den heien
Schaum von der Schokolade wegblasend, fing ich leicht hingeworfen an:
>In der Tat, Sie haben da nebenbei Ihre Anstalt sehr schn erweitert.<
Der Konditor warf noch schnell ein paar bunte Bonbons in die
Viertel-Tte, und diese dem lieblichen Mdchen, das darnach verlangte,
hinreichend, lehnte er sich mit aufgestemmtem Arm weit ber den
Ladentisch herber und schaute mich mit solch lchelnd fragendem Blick
an, als habe er mich gar nicht verstanden. Ich wiederholte, da er
sehr zweckmig in dem benachbarten Hause seine Bckerei angelegt,
wiewohl das dadurch verdete Gebude in der lebendigen Reihe der
brigen dster und traurig absteche. >Ei mein Herr!< fing nun der
Konditor an, >wer hat Ihnen denn gesagt, da das Haus nebenan uns
gehrt? - Leider blieb jeder Versuch es zu akquirieren vergebens, und
am Ende mag es auch gut sein, denn mit dem Hause nebenan hat es eine
eigne Bewandtnis.< - Ihr, meine treuen Freunde, knnt wohl denken,
wie mich des Konditors Antwort spannte, und wie sehr ich ihn bat,
mir mehr von dem Hause zu sagen. >Ja, mein Herr!< sprach er, >recht
Sonderliches wei ich selbst nicht davon, so viel ist aber gewi,
da das Haus der Grfin von S. gehrt, die auf ihren Gtern lebt und
seit vielen Jahren nicht in ***n gewesen ist. Als noch keins der
Prachtgebude existierte, die jetzt unsere Strae zieren, stand dies
Haus, wie man mir erzhlt hat, schon in seiner jetzigen Gestalt da,
und seit der Zeit wurd es nur gerade vor dem gnzlichen Verfall
gesichert. Nur zwei lebendige Wesen hausen darin, ein steinalter
menschenfeindlicher Hausverwalter und ein grmlicher lebenssatter
Hund, der zuweilen auf dem Hinterhofe den Mond anheult. Nach der
allgemeinen Sage soll es in dem den Gebude hlich spuken, und in
der Tat, mein Bruder (der Besitzer des Ladens) und ich, wir beide
haben in der Stille der Nacht, vorzglich zur Weihnachtszeit, wenn uns
unser Geschft hier im Laden wach erhielt, oft seltsame Klagelaute
vernommen, die offenbar sich hier hinter der Mauer im Nebenhause
erhoben. Und dann fing es an so hlich zu scharren und zu rumoren,
da uns beiden ganz graulich zumute wurde. Auch ist es nicht lange
her, da sich zur Nachtzeit ein solch sonderbarer Gesang hren lie,
den ich Ihnen nun gar nicht beschreiben kann. Es war offenbar die
Stimme eines alten Weibes, die wir vernahmen, aber die Tne waren so
gellend klar, und liefen in bunten Kadenzen und langen schneidenden
Trillern so hoch hinauf, wie ich es, unerachtet ich doch in Italien,
Frankreich und Deutschland so viel Sngerinnen gekannt, noch nie
gehrt habe. Mir war so, als wrden franzsische Worte gesungen, doch
konnt ich das nicht genau unterscheiden, und berhaupt das tolle
gespenstige Singen nicht lange anhren, denn mir standen die Haare zu
Berge. Zuweilen, wenn das Gerusch auf der Strae nachlt, hren wir
auch in der hintern Stube tiefe Seufzer, und dann ein dumpfes Lachen,
das aus dem Boden hervor zu drhnen scheint, aber das Ohr an die Wand
gelegt, vernimmt man bald, da es eben auch im Hause nebenan so seufzt
und lacht. - Bemerken Sie< - (er fhrte mich in das hintere Zimmer und
zeigte durchs Fenster), >bemerken Sie jene eiserne Rhre, die aus der
Mauer hervorragt, die raucht zuweilen so stark, selbst im Sommer,
wenn doch gar nicht geheizt wird, da mein Bruder schon oft wegen
Feuersgefahr mit dem alten Hausverwalter gezankt hat, der sich aber
damit entschuldigt, da er sein Essen koche, was der aber essen mag,
das wei der Himmel, denn oft verbreitet sich, eben wenn jene Rhre
recht stark raucht, ein sonderbarer ganz eigentmlicher Geruch.< - Die
Glastre des Ladens knarrte, der Konditor eilte hinein und warf mir,
nach der hineingetretenen Figur hinnickend, einen bedeutenden Blick
zu. - Ich verstand ihn vollkommen. Konnte denn die sonderbare Gestalt
jemand anders sein als der Verwalter des geheimnisvollen Hauses? -
Denkt euch einen kleinen drren Mann mit einem mumienfarbnen Gesichte,
spitzer Nase, zusammengekniffenen Lippen, grn funkelnden Katzenaugen,
stetem wahnsinnigem Lcheln, altmodig mit aufgetrmtem Toupet und
Klebelckchen frisiertem stark gepudertem Haar, groem Haarbeutel,
Postillion d'Amour, kaffeebraunem altem verbleichtem, doch
wohlgeschontem, gebrstetem Kleide, grauen Strmpfen, groen
abgestumpften Schuhen mit Steinschnllchen. Denkt euch, da diese
kleine drre Figur doch, vorzglich was die bergroen Fuste mit
langen starken Fingern betrifft, robust geformt ist, und krftig
nach dem Ladentisch hinschreitet, dann aber stets lchelnd und starr
hinausschauend nach den in Kristallglsern aufbewahrten Sigkeiten
mit ohnmchtiger klagender Stimme herausweint: >Ein paar eingemachte
Pomeranzen - ein paar Makronen - ein paar Zuckerkastanien etc.< Denkt
euch das und urteilt selbst, ob hier Grund war, Seltsames zu ahnen
oder nicht. Der Konditor suchte alles, was der Alte gefordert,
zusammen. >Wiegen Sie, wiegen Sie, verehrter Herr Nachbar<, jammerte
der seltsame Mann, holte chzend und keuchend einen kleinen ledernen
Beutel aus der Tasche, und suchte mhsam Geld hervor. Ich bemerkte,
da das Geld, als er es auf den Ladentisch aufzhlte, aus
verschiedenen alten zum Teil schon ganz aus dem gewhnlichen Kurs
gekommenen Mnzsorten bestand. Er tat dabei sehr klglich und
murmelte: >S - s - s soll nun alles sein - s meinethalben;
der Satan schmiert seiner Braut Honig ums Maul - puren Honig.< Der
Konditor schaute mich lachend an, und sprach dann zu dem Alten: >Sie
scheinen nicht recht wohl zu sein, ja, ja das Alter, das Alter, die
Krfte nehmen ab immer mehr und mehr.< Ohne die Miene zu ndern rief
der Alte mit erhhter Stimme: >Alter? - Alter? - Krfte abnehmen?
Schwach - matt werden! Ho ho - ho ho - ho ho!< Und damit schlug er
die Fuste zusammen, da die Gelenke knackten und sprang, in der Luft
ebenso gewaltig die Fe zusammenklappend, hoch auf, da der ganze
Laden drhnte und alle Glser zitternd erklangen. Aber in dem
Augenblick erhob sich auch ein grliches Geschrei, der Alte hatte den
schwarzen Hund getreten der hinter ihm hergeschlichen dicht an seine
Fe geschmiegt auf dem Boden lag. >Verruchte Bestie! satanischer
Hllenhund<, sthnte leise im vorigen Ton der Alte, ffnete die Tte
und reichte dem Hunde eine groe Makrone hin. Der Hund, der in ein
menschliches Weinen ausgebrochen, war sogleich still, setzte sich auf
die Hinterpfoten und knapperte an der Makrone wie ein Eichhrnchen.
Beide waren zu gleicher Zeit fertig, der Hund mit seiner Makrone, der
Alte mit dem Verschlieen und Einstecken seiner Tte. >Gute Nacht,
verehrter Herr Nachbar<, sprach er jetzt, reichte dem Konditor die
Hand, und drckte die des Konditors so, da er laut aufschrie vor
Schmerz. >Der alte schwchliche Greis wnscht Ihnen eine gute Nacht,
bester Herr Nachbar Konditor<, wiederholte er dann und schritt
zum Laden heraus, hinter ihm der schwarze Hund mit der Zunge die
Makronenreste vom Maule wegleckend. Mich schien der Alte gar nicht
bemerkt zu haben, ich stand da ganz erstarrt vor Erstaunen. >Sehn
Sie<, fing der Konditor an, >sehen Sie, so treibt es der wunderliche
Alte hier zuweilen, wenigstens in vier Wochen zwei-, dreimal, aber
nichts ist aus ihm herauszubringen, als da er ehemals Kammerdiener
des Grafen von S. war, da er jetzt hier das Haus verwaltet, und jeden
Tag (schon seit vielen Jahren) die Grflich S-sche Familie erwartet,
weshalb auch nichts vermietet werden kann. Mein Bruder ging ihm einmal
zu Leibe wegen des wunderlichen Getns zur Nachtzeit, da sprach er
aber sehr gelassen: ,Ja! - die Leute sagen alle, es spuke im Hause,
glauben Sie es aber nicht, es tut nicht wahr sein.`< - Die Stunde war
gekommen, in der der gute Ton gebot, diesen Laden zu besuchen, die Tr
ffnete sich, elegante Welt strmte hinein und ich konnte nicht weiter
fragen.

So viel stand nun fest, da die Nachrichten des Grafen P. ber das
Eigentum und die Benutzung des Hauses falsch waren, da der alte
Verwalter dasselbe seines Leugnens unerachtet nicht allein bewohnte,
und da ganz gewi irgend ein Geheimnis vor der Welt dort verhllt
werden sollte. Mute ich denn nicht die Erzhlung von dem seltsamen,
schauerlichen Gesange mit dem Erscheinen des schnen Arms am Fenster
in Verbindung setzen? Der Arm sa nicht, konnte nicht sitzen an dem
Leibe eines alten verschrumpften Weibes, der Gesang nach des Konditors
Beschreibung nicht aus der Kehle des jungen blhenden Mdchens kommen.
Doch fr das Merkzeichen des Arms entschieden, konnt ich leicht mich
selbst berreden, da vielleicht nur eine akustische Tuschung die
Stimme alt und gellend klingen lassen, und da ebenso vielleicht nur
des, vom Graulichen befangenen, Konditors trgliches Ohr die Tne so
vernommen. - Nun dacht ich an den Rauch, den seltsamen Geruch, an die
wunderlich geformte Kristallflasche, die ich sah, und bald stand das
Bild eines herrlichen, aber in verderblichen Zauberdingen befangenen
Geschpfs mir lebendig vor Augen. Der Alte wurde mir zum fatalen
Hexenmeister, zum verdammten Zauberkerl, der vielleicht ganz
unabhngig von der Grflich S-schen Familie geworden, nun auf seine
eigne Hand in dem verdeten Hause unheilbringendes Wesen trieb. Meine
Fantasie war im Arbeiten und noch in selbiger Nacht nicht sowohl im
Traum, als im Delirieren des Einschlafens, sah ich deutlich die Hand
mit dem funkelnden Diamant am Finger, den Arm mit der glnzenden
Spange. Wie aus dnnen grauen Nebeln trat nach und nach ein holdes
Antlitz mit wehmtig flehenden blauen Himmelsaugen, dann die
ganze wunderherrliche Gestalt eines Mdchens, in voller anmutiger
Jugendblte hervor. Bald bemerkte ich, da das, was ich fr Nebel
hielt, der feine Dampf war, der aus der Kristallflasche, die die
Gestalt in den Hnden hielt, in sich kreiselndem Gewirbel emporstieg.
>O du holdes Zauberbild<, rief ich voll Entzcken, >o du holdes
Zauberbild, tu es mir kund, wo du weilst, was dich gefangen hlt? -
O wie du mich so voll Wehmut und Liebe anblickst! - Ich wei es, die
schwarze Kunst ist es, die dich befangen, du bist die unglckselige
Sklavin des boshaften Teufels, der herumwandelt kaffeebraun und
behaarbeutelt in Zuckerladen und in gewaltigen Sprngen alles
zerschmeien will und Hllenhunde tritt, die er mit Makronen fttert,
nachdem sie den satanischen Murki im Fnfachteltakt abgeheult. - O
ich wei ja alles, du holdes, anmutiges Wesen! - Der Diamant ist der
Reflex innerer Glut! - ach httst du ihn nicht mit deinem Herzblut
getrnkt, wie knnt er so funkeln, so tausendfarbig strahlen in den
allerherrlichsten Liebestnen, die je ein Sterblicher vernommen.
- Aber ich wei es wohl, das Band, was deinen Arm umschlingt, ist
das Glied einer Kette, von der der Kaffeebraune spricht, sie sei
magnetisch - Glaub es nicht Herrliche! - ich sehe ja, wie sie
herabhngt in die, von blauem Feuer glhende Retorte. - Die werf ich
um und du bist befreit! - Wei ich denn nicht alles - wei ich denn
nicht alles, du Liebliche? Aber nun, Jungfrau! - nun ffne den
Rosenmund, o sage< - In dem Augenblick griff eine knotige Faust ber
meine Schulter weg nach der Kristallflasche, die in tausend Stcke
zersplittert in der Luft verstubte. Mit einem leisen Ton dumpfer
Wehklage war die anmutige Gestalt verschwunden in finstrer Nacht. -
Ha! - ich merk es an euerm Lcheln, da ihr schon wieder in mir den
trumerischen Geisterseher findet, aber versichern kann ich euch,
da der ganze Traum, wollt ihr nun einmal nicht abgehen von dieser
Benennung, den vollendeten Charakter der Vision hatte. Doch da ihr
fortfahrt, mich so im prosaischen Unglauben anzulcheln, so will ich
lieber gar nichts mehr davon sagen, sondern nur rasch weitergehen. -
Kaum war der Morgen angebrochen als ich voll Unruhe und Sehnsucht nach
der Allee lief, und mich hinstellte vor das de Haus! - Auer den
innern Vorhngen waren noch dichte Jalousien vorgezogen. Die Strae
war noch vllig menschenleer, ich trat dicht an die Fenster des
Erdgeschosses und horchte und horchte, aber kein Laut lie sich hren,
still blieb es wie im tiefen Grabe. - Der Tag kam herauf, das Gewerbe
rhrte sich, ich mute fort. Was soll ich euch damit ermden, wie ich
viele Tage hindurch das Haus zu jeder Zeit umschlich, ohne auch nur
das mindeste zu entdecken, wie alle Erkundigung, alles Forschen zu
keiner bestimmten Notiz fhrte, und wie endlich das schne Bild meiner
Vision zu verblassen begann. - Endlich, als ich einst am spten Abend
von einem Spaziergange heimkehrend bei dem den Hause herangekommen,
bemerkte ich, da das Tor halb geffnet war; ich schritt heran, der
Kaffeebraune guckte heraus. Mein Entschlu war gefat. >Wohnt nicht
der Geheime Finanzrat Binder hier in diesem Hause?< So frug ich den
Alten, indem ich ihn beinahe zurckdrngend in den, von einer Lampe
matt erleuchteten Vorsaal trat. Der Alte blickte mich an mit seinem
stehenden Lcheln und sprach leise und gezogen: >Nein, _der_ wohnt nicht
hier, hat niemals hier gewohnt, wird niemals hier wohnen, wohnt auch
in der ganzen Allee nicht. - Aber die Leute sagen, es spuke hier in
diesem Hause, jedoch kann ich versichern, da es nicht wahr ist, es
ist ein ruhiges, hbsches Haus, und morgen zieht die gndige Grfin
von S. ein und Gute Nacht, mein lieber Herr!< - Damit manvrierte
mich der Alte zum Hause hinaus, und verschlo hinter mir das Tor. Ich
vernahm, wie er keuchend und hustend mit dem klirrenden Schlsselbunde
ber den Flur wegscharrte und dann Stufen, wie mir vorkam, _herab_stieg.
Ich hatte in der kurzen Zeit so viel bemerkt, da der Flur mit alten
bunten Tapeten behngt, und wie ein Saal mit groen, mit rotem
Damast beschlagenen Lehnsesseln mbliert war, welches denn doch ganz
verwunderlich aussah.

Nun gingen, wie geweckt, durch mein Eindringen in das geheimnisvolle
Haus, die Abenteuer auf! - Denkt euch, denkt euch, sowie ich den
andern Tag in der Mittagsstunde die Allee durchwandere und mein Blick
schon in der Ferne sich unwillkrlich nach dem den Hause richtet,
sehe ich an dem letzten Fenster des obern Stocks etwas schimmern. -
Nher getreten bemerke ich, da die uere Jalousie ganz, der innere
Vorhang halb aufgezogen ist. Der Diamant funkelt mir entgegen. -
O Himmel! gesttzt auf den Arm blickt mich wehmtig flehend jenes
Antlitz meiner Vision an. - War es mglich in der auf- und abwogenden
Masse stehenzubleiben? - In dem Augenblick fiel mir die Bank ins Auge,
die fr die Lustwandler in der Allee in der Richtung des den Hauses,
wiewohl man sich darauf niederlassend dem Hause den Rcken kehrte,
angebracht war. Schnell sprang ich in die Allee, und mich ber
die Lehne der Bank wegbeugend konnt ich nun ungestrt nach dem
verhngnisvollen Fenster schauen. Ja! Sie war es, das anmutige,
holdselige Mdchen, Zug fr Zug! - Nur schien ihr Blick ungewi. Nicht
nach mir, wie es vorhin schien, blickte sie, vielmehr hatten die Augen
etwas Todstarres, und die Tuschung eines lebhaft gemalten Bildes wre
mglich gewesen, htten sich nicht Arm und Hand zuweilen bewegt. Ganz
versunken in den Anblick des verwunderlichen Wesens am Fenster, das
mein Innerstes so seltsam aufregte, hatte ich nicht die qukende
Stimme des italienischen Tabulettkrmers gehrt, der mir vielleicht
schon lange unaufhrlich seine Waren anbot. Er zupfte mich endlich am
Arm; schnell mich umdrehend, wies ich ihn ziemlich hart und zornig ab.
Er lie aber nicht nach mit Bitten und Qulen. Noch gar nichts habe er
heute verdient, nur ein paar Bleifedern, ein Bndelchen Zahnstocher
mge ich ihm abkaufen. Voller Ungeduld, den berlstigen nur geschwind
los zu werden, griff ich in die Tasche nach dem Geldbeutel. Mit den
Worten: >Auch hier hab ich noch schne Sachen!< zog er den untern
Schub seines Kastens heraus, und hielt mir einen kleinen runden
Taschenspiegel, der in dem Schub unter andern Glsern lag, in kleiner
Entfernung seitwrts vor. - Ich erblickte das de Haus hinter mir,
das Fenster und in den schrfsten deutlichsten Zgen die holde
Engelsgestalt meiner Vision. - Schnell kaufte ich den kleinen Spiegel,
der mir es nun mglich machte, in bequemer Stellung, ohne den Nachbarn
aufzufallen, nach dem Fenster hinzuschauen. - Doch, indem ich nun
lnger und lnger das Gesicht im Fenster anblickte, wurd ich von einem
seltsamen, ganz unbeschreiblichen Gefhl, das ich beinahe waches
Trumen nennen mchte, befangen. Mir war es, als lhme eine Art
Starrsucht nicht sowohl mein ganzes Regen und Bewegen als vielmehr
nur meinen Blick, den ich nun niemals mehr wrde abwenden knnen von
dem Spiegel. Mit Beschmung mu ich euch bekennen, da mir jenes
Ammenmrchen einfiel, womit mich in frher Kindheit meine Wartfrau
augenblicklich zu Bette trieb, wenn ich mich etwa gelsten lie,
abends vor dem groen Spiegel in meines Vaters Zimmer stehen zu
bleiben und hinein zu gucken. Sie sagte nmlich, wenn Kinder nachts
in den Spiegel blickten, gucke ein fremdes, garstiges Gesicht heraus,
und der Kinder Augen blieben dann erstarrt stehen. Mir war das ganz
entsetzlich graulich, aber in vollem Grausen konnt ich doch oft nicht
unterlassen, wenigstens nach dem Spiegel hinzublinzeln, weil ich
neugierig war auf das fremde Gesicht. Einmal glaubt ich ein Paar
grliche glhende Augen aus dem Spiegel frchterlich herausfunkeln zu
sehen, ich schrie auf und strzte dann ohnmchtig nieder. In diesem
Zufall brach eine langwierige Krankheit aus, aber noch jetzt ist es
mir, als htten jene Augen mich wirklich angefunkelt. - Kurz, alles
dieses tolle Zeug aus meiner frhen Kindheit fiel mir ein, Eisklte
bebte durch meine Adern - ich wollte den Spiegel von mir schleudern -
ich vermocht es nicht - nun blickten mich die Himmelsaugen der holden
Gestalt an - ja ihr Blick war auf mich gerichtet und strahlte bis ins
Herz hinein. Jenes Grausen, das mich pltzlich ergriffen, lie von
mir ab und gab Raum dem wonnigen Schmerz ser Sehnsucht, die mich
mit elektrischer Wrme durchglht. >Sie haben da einen niedlichen
Spiegel<, sprach eine Stimme neben mir. Ich erwachte aus dem Traum und
war nicht wenig betroffen, als ich neben mir von beiden Seiten mich
zweideutig anlchelnde Gesichter erblickte. Mehrere Personen hatten
auf derselben Bank Platz genommen, und nichts war gewisser, als da
ich ihnen mit dem starren Hineinblicken in den Spiegel und vielleicht
auch mit einigen seltsamen Gesichtern, die ich in meinem exaltiertem
Zustande schnitt, auf meine Kosten ein ergtzliches Schauspiel
gegeben. >Sie haben da einen niedlichen Spiegel<, wiederholte der
Mann, als ich nicht antwortete, mit einem Blick, der jener Frage
noch hinzufgte: >Aber sagen Sie mir, was soll das wahnsinnige
Hineinstarren, erscheinen Ihnen Geister< etc. Der Mann, schon ziemlich
hoch in Jahren, sehr sauber gekleidet, hatte im Ton der Rede, im Blick
etwas ungemein Gutmtiges und Zutrauen Erweckendes. Ich nahm gar
keinen Anstand, ihm geradehin zu sagen, da ich im Spiegel ein
wundervolles Mdchen erblickt, das hinter mir im Fenster des den
Hauses gelegen. - Noch weiter ging ich, ich fragte den Alten, ob er
nicht auch das holde Antlitz gesehen. >Dort drben? - in dem alten
Hause - in dem letzten Fenster?< so fragte mich nun wieder ganz
verwundert der Alte. >Allerdings, allerdings<, sprach ich; da lchelte
der Alte sehr und fing an: >Nun das ist doch eine wunderliche
Tuschung - nun meine alten Augen - Gott ehre mir meine alten Augen.
Ei ei, mein Herr, wohl habe ich mit unbewaffnetem Auge das hbsche
Gesicht dort im Fenster gesehen, aber es war ja ein, wie es mir
schien, recht gut und lebendig in l gemaltes Portrt.< Schnell drehte
ich mich um nach dem Fenster, alles war verschwunden, die Jalousie
heruntergelassen. >Ja!< fuhr der Alte fort, >ja, mein Herr, nun ist's
zu spt, sich davon zu berzeugen, denn eben nahm der Bediente, der
dort, wie ich wei, als Kastellan das Absteigequartier der Grfin
von S. ganz allein bewohnt, das Bild, nachdem er es abgestaubt, vom
Fenster fort und lie die Jalousie herunter.< - >War es denn gewi ein
Bild?< fragte ich nochmals ganz bestrzt. >Trauen Sie meinen Augen<,
erwiderte der Alte. >Da Sie nur den Reflex des Bildes im Spiegel
sahen, vermehrte gewi sehr die optische Tuschung und - wie ich
noch in Ihren Jahren war, htt ich nicht auch das Bild eines schnen
Mdchens, kraft meiner Fantasie, ins Leben gerufen?< - >Aber Hand und
Arm bewegten sich doch<, fiel ich ein. >Ja, ja, sie regten sich, alles
regte sich<, sprach der Alte, lchelnd und sanft mich auf die Schulter
klopfend. Dann stand er auf und verlie mich, hflich sich verbeugend,
mit den Worten: >Nehmen Sie sich doch vor Taschenspiegeln in acht, die
so hlich lgen. - Ganz gehorsamster Diener.< - Ihr knnt denken, wie
mir zu Mute war, als ich mich so als einen trichten, bldsichtigen
Fantasten behandelt sah. Mir kam die berzeugung, da der Alte recht
hatte, und da nur in mir selbst das tolle Gaukelspiel aufgegangen,
das mich mit dem den Hause, zu meiner eignen Beschmung, so garstig
mystifizierte.

Ganz voller Unmut und Verdru lief ich nach Hause, fest entschlossen,
mich ganz loszusagen von jedem Gedanken an die Mysterien des den
Hauses, und wenigstens einige Tage hindurch die Allee zu vermeiden.
Dies hielt ich treulich, und kam noch hinzu, da mich den Tag ber
dringend gewordene Geschfte am Schreibtisch, an den Abenden aber
geistreiche frhliche Freunde in ihrem Kreise festhielten, so mut es
wohl geschehen, da ich beinahe gar nicht mehr an jene Geheimnisse
dachte. Nur begab es sich in dieser Zeit, da ich zuweilen aus dem
Schlaf auffuhr, wie pltzlich durch uere Berhrung geweckt, und dann
war es mir doch deutlich, da nur der Gedanke an das geheimnisvolle
Wesen, das ich in meiner Vision und in dem Fenster des den Hauses
erblickt, mich geweckt hatte. Ja selbst whrend der Arbeit, whrend
der lebhaftesten Unterhaltung mit meinen Freunden, durchfuhr mich oft
pltzlich, ohne weitern Anla, jener Gedanke, wie ein elektrischer
Blitz. Doch waren dies nur schnell vorbergehende Momente. Den kleinen
Taschenspiegel, der mir so tuschend das anmutige Bildnis reflektiert,
hatte ich zum prosaischen Hausbedarf bestimmt. Ich pflegte mir vor
demselben die Halsbinde festzuknpfen. So geschah es, da er mir, als
ich einst dies wichtige Geschft abtun wollte, blind schien, und ich
ihn nach bekannter Methode anhauchte, um ihn dann hell zu polieren. -
Alle meine Pulse stockten, mein innerstes bebte vor wonnigem Grauen!
- ja so mu ich das Gefhl nennen, das mich bermannte, als ich sowie
mein Hauch den Spiegel berlief, im blulichen Nebel das holde Antlitz
sah, das mich mit jenem wehmtigem, das Herz durchbohrendem Blick
anschaute! - Ihr lacht? - Ihr seid mit mir fertig, ihr haltet mich fr
einen unheilbaren Trumer, aber sprecht, denkt was ihr wollt, genug,
die Holde blickte mich an aus dem Spiegel, aber sowie der Hauch
zerrann, verschwand das Gesicht in dem Funkeln des Spiegels. - Ich
will euch nicht ermden, ich will euch nicht herzhlen alle Momente,
die sich, einer aus dem andern, entwickelten. Nur so viel will ich
sagen, da ich unaufhrlich die Versuche mit dem Spiegel erneuerte,
da es mir oft gelang, das geliebte Bild durch meinen Hauch
hervorzurufen, da aber manchmal die angestrengtesten Bemhungen ohne
Erfolg blieben. Dann rannte ich wie wahnsinnig auf und ab vor dem den
Hause und starrte in die Fenster, aber kein menschliches Wesen wollte
sich zeigen. - Ich lebte nur in dem Gedanken an _sie_, alles brige
war abgestorben fr mich, ich vernachlssigte meine Freunde,
meine Studien. - Dieser Zustand, wollte er in mildern Schmerz, in
trumerische Sehnsucht bergehen, ja schien es, als wolle das Bild
an Leben und Kraft verlieren, wurde oft bis zur hchsten Spitze
gesteigert, durch Momente, an die ich noch jetzt mit tiefem Entsetzen
denke. - Da ich von einem _Seelen_zustande rede, der mich htte ins
Verderben strzen knnen, so ist fr euch, ihr Unglubigen, da nichts
zu belcheln und zu besptteln, hrt und fhlt mit mir, was ich
ausgestanden. - Wie gesagt, oft, wenn jenes Bild ganz verblat war,
ergriff mich ein krperliches belbefinden, die Gestalt trat, wie
sonst niemals, mit einer Lebendigkeit, mit einem Glanz hervor, da ich
sie zu erfassen whnte. Aber dann kam es mir auf greuliche Weise vor,
ich sei selbst die Gestalt, und von den Nebeln des Spiegels umhllt
und umschlossen. Ein empfindlicher Brustschmerz, und dann gnzliche
Apathie endigte den peinlichen Zustand, der immer eine, das innerste
Mark wegzehrende Erschpfung hinterlie. In diesen Momenten milang
jeder Versuch mit dem Spiegel, hatte ich mich aber erkrftigt, und
trat dann das Bild wieder lebendig aus dem Spiegel hervor, so mag
ich nicht leugnen, da sich damit ein besonderer, mir sonst fremder
physischer Reiz verband. - Diese ewige Spannung wirkte gar verderblich
auf mich ein, bla wie der Tod und zerstrt im ganzen Wesen schwankte
ich umher, meine Freunde hielten mich fr krank, und ihre ewigen
Mahnungen brachten mich endlich dahin, ber meinen Zustand, so wie ich
es nur vermochte, ernstlich nachzusinnen. War es Absicht oder Zufall,
da einer der Freunde, welcher Arzneikunde studierte, bei einem Besuch
Reils Buch ber Geisteszerrttungen zurcklie. Ich fing an zu lesen,
das Werk zog mich unwiderstehlich an, aber wie ward mir, als ich in
allem, was ber fixen Wahnsinn gesagt wird, mich selbst wiederfand! -
Das tiefe Entsetzen, das ich, mich selbst auf dem Wege zum Tollhause
erblickend, empfand, brachte mich zur Besinnung und zum festen
Entschlu, den ich rasch ausfhrte. Ich steckte meinen Taschenspiegel
ein und eilte schnell zu dem Doktor K., berhmt durch seine Behandlung
und Heilung der Wahnsinnigen, durch sein tieferes Eingehen in das
psychische Prinzip, welches oft sogar krperliche Krankheiten
hervorzubringen und wieder zu heilen vermag. Ich erzhlte ihm alles,
ich verschwieg ihm nicht den kleinsten Umstand und beschwor ihn mich
zu retten, von dem ungeheuern Schicksal, von dem bedroht ich mich
glaubte. Er hrte mich sehr ruhig an, doch bemerkte ich wohl in seinem
Blick tiefes Erstaunen. >Noch<, fing er an, >noch ist die Gefahr
keinesweges so nahe als Sie glauben und ich kann mit Gewiheit
behaupten, da ich sie ganz abzuwenden vermag. Da Sie auf unerhrte
Weise psychisch angegriffen sind, leidet gar keinen Zweifel, aber die
vllige klare Erkenntnis dieses Angriffs irgend eines bsen Prinzips
gibt Ihnen selbst die Waffen in die Hand, sich dagegen zu wehren.
Lassen Sie mir Ihren Taschenspiegel, zwingen Sie sich zu irgend einer
Arbeit, die Ihre Geisteskrfte in Anspruch nimmt, meiden Sie die
Allee, arbeiten Sie von der Frhe an, solange Sie es nur auszuhalten
vermgen, dann aber, nach einem tchtigen Spaziergange, fort in die
Gesellschaft Ihrer Freunde, die Sie so lange vermit. Essen Sie
nahrhafte Speisen, trinken Sie starken krftigen Wein. Sie sehen, da
ich blo die fixe Idee, das heit, die Erscheinung des Sie betrenden
Antlitzes im Fenster des den Hauses und im Spiegel vertilgen, Ihren
Geist auf andere Dinge leiten und Ihren Krper strken will. Stehen
Sie selbst meiner Absicht redlich bei.< - Es wurde mir schwer, mich
von dem Spiegel zu trennen, der Arzt, der ihn schon genommen, schien
es zu bemerken, er hauchte ihn an und frug, indem er mir ihn vorhielt:
>Sehen Sie etwas?< - >Nicht das mindeste<, erwiderte ich, wie es sich
auch in der Tat verhielt. >Hauchen Sie den Spiegel an<, sprach dann
der Arzt, indem er mir den Spiegel in die Hand gab. Ich tat es, das
Wunderbild trat deutlicher als je hervor. >Da ist sie<, rief ich laut.
Der Arzt schaute hinein und sprach dann: >Ich sehe nicht das mindeste,
aber nicht verhehlen mag ich Ihnen, da ich in dem Augenblick, als ich
in Ihren Spiegel sahe, einen unheimlichen Schauer fhlte, der aber
gleich vorberging. Sie bemerken, da ich ganz aufrichtig bin, und
eben deshalb wohl Ihr ganzes Zutrauen verdiene. Wiederholen Sie doch
den Versuch.< Ich tat es, der Arzt umfate mich, ich fhlte seine Hand
auf dem Rckenwirbel. - Die Gestalt kam wieder, der Arzt, mit mir
in den Spiegel schauend erblate, dann nahm er mir den Spiegel aus
der Hand, schauete nochmals hinein, verschlo ihn in dem Pult, und
kehrte erst, als er einige Sekunden hindurch die Hand vor der Stirn
schweigend dagestanden, zu mir zurck. >Befolgen Sie<, fing er an,
>befolgen Sie genau meine Vorschriften. Ich darf Ihnen bekennen, da
jene Momente, in denen Sie auer sich selbst gesetzt Ihr eignes Ich in
physischem Schmerz fhlten, mir noch sehr geheimnisvoll sind, aber ich
hoffe Ihnen recht bald mehr darber sagen zu knnen.<

Mit festem, unabnderlichem Willen, so schwer es mir auch ankam, lebte
ich zur Stunde den Vorschriften des Arztes gem, und sosehr ich
auch bald den wohlttigen Einflu anderer Geistesanstrengung und der
brigen verordneten Dit versprte, so blieb ich doch nicht frei von
jenen furchtbaren Anfllen, die mittags um zwlf Uhr, viel strker
aber nachts um zwlf Uhr sich einzustellen pflegten. Selbst in
munterer Gesellschaft bei Wein und Gesang war es oft, als durchfhren
pltzlich mein Inneres spitzige glhende Dolche, und alle Macht
des Geistes reichte dann nicht hin zum Widerstande, ich mute
mich entfernen und durfte erst wiederkehren, wenn ich aus dem
ohnmachthnlichen Zustande erwacht. - Es begab sich, da ich mich
einst bei einer Abendgesellschaft befand, in der ber psychische
Einflsse und Wirkungen, ber das dunkle unbekannte Gebiet des
Magnetismus gesprochen wurde. Man kam vorzglich auf die Mglichkeit
der Einwirkung eines entfernten psychischen Prinzips, sie wurde aus
vielen Beispielen bewiesen, und vorzglich fhrte ein junger, dem
Magnetismus ergebener, Arzt an, da er, wie mehrere andere, oder
vielmehr wie _alle_ krftige Magnetiseurs, es vermge, aus der Ferne
blo durch den festfixierten Gedanken und Willen auf seine Somnambulen
zu wirken. Alles was Kluge, Schubert, Bartels u.m. darber gesagt
haben, kam nach und nach zum Vorschein. >Das Wichtigste<, fing endlich
einer der Anwesenden, ein als scharfsinniger Beobachter bekannter
Mediziner, an, >das Wichtigste von allem bleibt mir immer, da
der Magnetismus manches Geheimnis, das wir als gemeine schlichte
Lebenserfahrung nun eben fr kein Geheimnis erkennen wollen, zu
erschlieen scheint. Nur mssen wir freilich behutsam zu Werke gehn.
- Wie kommt es denn, da ohne allen uern oder innern uns bekannten
Anla, ja unsere Ideenkette zerreiend, irgend eine Person, oder wohl
gar das treue Bild irgend einer Begebenheit so lebendig, so sich
unsers ganzen Ichs bemeisternd [uns] in den Sinn kommt, da wir selbst
darber erstaunen. Am merkwrdigsten ist es, da wir oft im Traume
auffahren. Das ganze Traumbild ist in den schwarzen Abgrund versunken,
und im neuen, von jenem Bilde ganz unabhngigen Traum tritt uns mit
voller Kraft des Lebens ein Bild entgegen, das uns in ferne Gegenden
versetzt und pltzlich scheinbar uns ganz fremd gewordene Personen, an
die wir seit Jahren nicht mehr dachten, uns entgegenfhrt. Ja, noch
mehr! oft schauen wir auf eben die Weise ganz fremde unbekannte
Personen, die wir vielleicht Jahre nachher erst kennen lernen. Das
bekannte: ,Mein Gott, der Mann, die Frau, kommt mir so zum Erstaunen
bekannt vor, ich dcht, ich htt ihn, sie, schon irgendwo gesehen`,
ist vielleicht, da dies oft schlechterdings unmglich, die dunkle
Erinnerung an ein solches Traumbild. Wie wenn dies pltzliche
Hineinspringen fremder Bilder in unsere Ideenreihe, die uns gleich
mit besonderer Kraft zu ergreifen pflegen, eben durch ein fremdes
psychisches Prinzip veranlat wrde? Wie wenn es dem fremden Geiste
unter gewissen Umstnden mglich wre, den magnetischen Rapport
auch ohne Vorbereitung so herbeizufhren, da wir uns willenlos ihm
fgen mten?< - >So kmen wir<, fiel ein anderer lachend ein, >mit
einem gar nicht zu groen Schritt auf die Lehre von Verhexungen,
Zauberbildern, Spiegeln und andern unsinnigen aberglubischen
Fantastereien lngst verjhrter alberner Zeit.< - >Ei<, unterbrach der
Mediziner den Unglubigen, >keine Zeit kann verjhren und noch viel
weniger hat es jemals eine alberne Zeit gegeben, wenn wir nicht etwa
jede Zeit, in der Menschen zu denken sich unterfangen mgen, mithin
auch die unsrige, fr albern erkennen wollen. - Es ist ein eignes
Ding, etwas geradezu wegleugnen zu wollen, was oft sogar durch streng
juristisch gefhrten Beweis festgestellt ist, und so wenig ich der
Meinung bin, da in dem dunklen geheimnisvollen Reiche, welches
unseres Geistes Heimat ist, auch nur ein einziges, unserm bldem Auge
recht hell leuchtendes Lmpchen brennt, so ist doch so viel gewi, da
uns die Natur das Talent und die Neigung der Maulwrfe nicht versagt
hat. Wir suchen, verblindet wie wir sind, uns weiterzuarbeiten auf
finstern Wegen. Aber so wie der Blinde auf Erden an dem flsternden
Rauschen der Bume, an dem Murmeln und Pltschern des Wassers, die
Nhe des Waldes, der ihn in seinen khlenden Schatten aufnimmt, des
Baches, der den Durstenden labt, erkennt, und so das Ziel seiner
Sehnsucht erreicht, so ahnen wir an dem tnenden Flgelschlag
unbekannter, uns mit Geisteratem berhrender Wesen, da der Pilgergang
uns zur Quelle des Lichts fhrt, vor dem unsere Augen sich auftun!<
- Ich konnte mich nicht lnger halten, >Sie statuieren also<, wandte
ich mich zu dem Mediziner, >die Einwirkung eines fremden geistigen
Prinzips, dem man sich willenlos fgen mu?< - >Ich halte<, erwiderte
der Mediziner, >ich halte, um nicht zu weit zu gehen, diese Einwirkung
nicht allein fr mglich, sondern auch andern, durch den magnetischen
Zustand deutlicher gewordenen Operationen des psychischen Prinzips
fr ganz homogen.< - >So knnt es auch<, fuhr ich fort, >dmonischen
Krften verstattet sein, feindlich verderbend auf uns zu wirken?<
- >Schnde Kunststcke gefallner Geister<, erwiderte der Mediziner
lchelnd. - >Nein, denen wollen wir nicht erliegen. Und berhaupt
bitt ich, meine Andeutungen fr nichts anders zu nehmen, als eben nur
fr Andeutungen, denen ich noch hinzufge, da ich keinesweges an
_unbedingte_ Herrschaft eines geistigen Prinzips ber das andere
glauben, sondern vielmehr annehmen will, da entweder irgend eine
Abhngigkeit, Schwche des innern Willens, oder eine Wechselwirkung
stattfinden mu, die jener Herrschaft Raum gibt.< - >Nun erst<, fing
ein ltlicher Mann an, der so lange geschwiegen und nur aufmerksam
zugehrt, >nun erst kann ich mich mit Ihren seltsamen Gedanken ber
Geheimnisse, die uns verschlossen bleiben sollen, einigermaen
befreunden. Gibt es geheimnisvolle ttige Krfte, die mit bedrohlichen
Angriffen auf uns zutreten, so kann uns dagegen nur irgend eine
Abnormitt im geistigen Organism Kraft und Mut zum sieghaften
Widerstande rauben. Mit einem Wort, nur geistige Krankheit - die Snde
macht uns untertan dem dmonischen Prinzip. Merkwrdig ist es, da von
den ltesten Zeiten her die den Menschen im Innersten verstrendste
Gemtsbewegung es war, an der sich dmonische Krfte bten. Ich meine
nichts anders als die Liebesverzauberungen, von denen alle Chroniken
voll sind. In tollen Hexenprozessen kommt immer dergleichen vor, und
selbst in dem Gesetzbuch eines sehr aufgeklrten Staats wird von den
Liebestrnken gehandelt, die insofern auch rein psychisch zu wirken
bestimmt sind, als sie nicht Liebeslust im allgemeinen erwecken,
sondern unwiderstehlich an eine bestimmte Person bannen sollen. Ich
werde in diesen Gesprchen an eine tragische Begebenheit erinnert, die
sich in meinem eignen Hause vor weniger Zeit zutrug. Als Bonaparte
unser Land mit seinen Truppen berschwemmt hatte, wurde ein Obrister
von der italienischen Nobelgarde bei mir einquartiert. Er war einer
von den wenigen Offizieren der sogenannten Groen Armee, die sich
durch ein stilles bescheidnes edles Betragen auszeichneten. Sein
todbleiches Gesicht, seine dstern Augen zeugten von Krankheit oder
tiefer Schwermut. Nur wenige Tage war er bei mir, als sich auch der
besondere Zufall kund tat, von dem er behaftet. Eben befand ich mich
auf seinem Zimmer, als er pltzlich mit tiefen Seufzern die Hand auf
die Brust, oder vielmehr auf die Stelle des Magens legte, als empfinde
er tdliche Schmerzen. Er konnte bald nicht mehr sprechen, er war
gentigt sich in den Sofa zu werfen, dann aber verloren pltzlich
seine Augen die Sehkraft und er erstarrte zur bewutlosen Bildsule.
Mit einem Ruck wie aus dem Traume auffahrend, erwachte er endlich,
aber vor Mattigkeit konnte er mehrere Zeit hindurch sich nicht regen
und bewegen. Mein Arzt, den ich ihm sandte, behandelte ihn, nachdem
andere Mittel fruchtlos geblieben, magnetisch, und dies schien zu
wirken; wiewohl der Arzt bald davon ablassen mute, da er selbst
beim Magnetisieren des Kranken von einem unertrglichen Gefhl des
belseins ergriffen wurde. Er hatte brigens des Obristen Zutrauen
gewonnen, und dieser sagte ihm, da in jenen Momenten sich ihm das
Bild eines Frauenzimmers nahe, die er in Pisa gekannt; dann wrde
es ihm als wenn ihre glhenden Blicke in sein Inneres fhren,
und er fhle die unertrglichsten Schmerzen, bis er in vllige
Bewutlosigkeit versinke. Aus diesem Zustande bleibe ihm ein
dumpfer Kopfschmerz, und eine Abspannung, als habe er geschwelgt im
Liebesgenu, zurck. Nie lie er sich ber die nheren Verhltnisse
aus, in denen er vielleicht mit jenem Frauenzimmer stand. Die Truppen
sollten aufbrechen, gepackt stand der Wagen des Obristen vor der Tre,
er frhstckte, aber in dem Augenblicke, als er ein Glas Madera zum
Munde fuhren wollte, strzte er mit einem dumpfen Schrei vom Stuhle
herab. Er war tot. Die rzte fanden ihn vom Nervenschlag getroffen.
Einige Wochen nachher wurde ein an den Obristen adressierter Brief
bei mir abgegeben. Ich hatte gar kein Bedenken ihn zu ffnen, um
vielleicht ein Nheres von den Verwandten des Obristen zu erfahren,
und ihnen Nachricht von seinem pltzlichen Tode geben zu knnen. Der
Brief kam von Pisa und enthielt ohne Unterschrift die wenigen Worte:
,Unglckseliger! Heute, am 7. - um zwlf Uhr Mittag sank Antonia, dein
trgerisches Abbild mit liebenden Armen umschlingend, tot nieder!` -
Ich sah den Kalender nach, in dem ich des Obristen Tod angemerkt hatte
und fand, da Antonias Todesstunde auch die seinige gewesen.< - Ich
hrte nicht mehr, was der Mann noch seiner Geschichte hinzusetzte;
denn in dem Entsetzen, das mich ergriffen, als ich in des
italienischen Obristen Zustand den meinigen erkannte, ging mit
wtendem Schmerz eine solche wahnsinnige Sehnsucht nach dem
unbekannten Bilde auf, da ich davon berwltigt aufspringen und
hineilen mute nach dem verhngnisvollen Hause. Es war mir in der
Ferne, als sh ich Lichter blitzen, durch die festverschlossenen
Jalousien, aber der Schein verschwand, als ich nher kam. Rasend vor
drstendem Liebesverlangen strzte ich auf die Tr; sie wich meinem
Druck, ich stand auf dem matt erleuchteten Hausflur, von einer
dumpfen, schwlen Luft umfangene Das Herz pochte mir vor seltsamer
Angst und Ungeduld, da ging ein langer, schneidender, aus weiblicher
Kehle strmender Ton durch das Haus, und ich wei selbst nicht,
wie es geschah, da ich mich pltzlich in einem mit vielen Kerzen
hellerleuchteten Saale befand, der in altertmlicher Pracht mit
vergoldeten Mbeln und seltsamen japanischen Gefen verziert war.
Starkduftendes Rucherwerk wallte in blauen Nebelwolken auf mich zu.
>Willkommen - willkommen, ser Brutigam - die Stunde ist da, die
Hochzeit nah!< - So rief laut und lauter die Stimme eines Weibes,
und ebensowenig, als ich wei, wie ich pltzlich in den Saal kam,
ebensowenig vermag ich zu sagen, wie es sich begab, da pltzlich
aus dem Nebel eine hohe jugendliche Gestalt in reichen Kleidern
hervorleuchtete. Mit dem wiederholten gellenden Ruf: >Willkommen ser
Brutigam<, trat sie mit ausgebreiteten Armen mir entgegen - und ein
gelbes, von Alter und Wahnsinn grlich verzerrtes Antlitz starrte
mir in die Augen. Von tiefem Entsetzen durchbebt wankte ich zurck;
wie durch den glhenden, durchbohrenden Blick der Klapperschlange
festgezaubert, konnte ich mein Auge nicht abwenden von dem greulichen
alten Weibe, konnte ich keinen Schritt weiter mich bewegen. Sie trat
nher auf mich zu, da war es mir, als sei das scheuliche Gesicht
nur eine Maske von dnnem Flor, durch den die Zge jenes holden
Spiegelbildes durchblickten. Schon fhlt ich mich von den Hnden des
Weibes berhrt, als sie laut aufkreischend vor mir zu Boden sank und
hinter mir eine Stimme rief. >Hu hu! - treibt schon wieder der Teufel
sein Bocksspiel mit Ew. Gnaden, zu Bette, zu Bette, meine Gndigste,
sonst setzt es Hiebe, gewaltige Hiebe!< - Ich wandte mich rasch um
und erblickte den alten Hausverwalter im bloen Hemde, eine tchtige
Peitsche ber dem Haupte schwingend. Er wollte losschlagen auf die
Alte, die sich heulend am Boden krmmte. Ich fiel ihm in den Arm, aber
mich von sich schleudernd rief er: >Donnerwetter, Herr, der alte Satan
htte Sie ermordet, kam ich nicht dazwischen - fort, fort, fort.< -
Ich strzte zum Saal heraus, vergebens sucht ich in dicker Finsternis
die Tr des Hauses. Nun hrt ich die zischenden Hiebe der Peitsche und
das Jammergeschrei der Alten. Laut wollte ich um Hlfe rufen, als der
Boden unter meinen Fen schwand, ich fiel eine Treppe herab und traf
auf eine Tr so hart, da sie aufsprang und ich der Lnge nach in ein
kleines Zimmer strzte. An dem Bette, das jemand soeben verlassen
zu haben schien, an dem kaffeebraunen, ber einen Stuhl gehngten
Rocke mute ich augenblicklich die Wohnung des alten Hausverwalters
erkennen. Wenige Augenblicke nachher polterte es die Treppe herab,
der Hausverwalter strzte herein und hin zu meinen Fen. >Um aller
Seligkeit willen<, flehte er mit aufgehobenen Hnden, >um aller
Seligkeit willen, wer Sie auch sein mgen, wie der alte gndige
Hexensatan Sie auch hierher gelockt haben mag, verschweigen Sie, was
hier geschehen, sonst komme ich um Amt und Brot! - Die wahnsinnige
Exzellenz ist abgestraft und liegt gebunden im Bette. O schlafen Sie
doch, geehrtester Herr! recht sanft und s. - Ja ja, das tun Sie
doch fein - eine schne warme Juliusnacht, zwar kein Mondschein, aber
beglckter Sternenschimmer. - Nun ruhige, glckliche Nacht.< - Unter
diesen Reden war der Alte aufgesprungen, hatte ein Licht genommen,
mich herausgebracht aus dem Souterrain, mich zur Tre hinausgeschoben,
und diese fest verschlossen. Ganz verstrt eilt ich nach Hause, und
ihr knnt wohl denken, da ich, zu tief von dem grauenvollen Geheimnis
ergriffen, auch nicht den mindesten nur wahrscheinlichen Zusammenhang
der Sache mir in den ersten Tagen denken konnte. Nur so viel war
gewi, da, hielt mich so lange ein bser Zauber gefangen, dieser
jetzt in der Tat von mir abgelassen hatte. Alle schmerzliche Sehnsucht
nach dem Zauberbilde in dem Spiegel war gewichen, und bald gemahnte
mich jener Auftritt im den Gebude wie das unvermutete Hineingeraten
in ein Tollhaus. Da der Hausverwalter zum tyrannischen Wchter einer
wahnsinnigen Frau von vornehmer Geburt, deren Zustand vielleicht der
Welt verborgen bleiben sollte, bestimmt worden, daran war nicht zu
zweifeln, wie aber der Spiegel - das tolle Zauberwesen berhaupt -
doch weiter - weiter!

Spter begab es sich, da ich in zahlreicher Gesellschaft den Grafen
P. fand, der mich in eine Ecke zog und lachend sprach: >Wissen Sie
wohl, da sich die Geheimnisse unseres den Hauses zu enthllen
anfangen?< Ich horchte hoch auf, aber indem der Graf weiter erzhlen
wollte, ffneten sich die Flgeltren des Esaals, man ging zur
Tafel. Ganz vertieft in Gedanken an die Geheimnisse, die mir der Graf
entwickeln wollte, hatte ich einer jungen Dame den Arm geboten und war
mechanisch der in steifem Zeremoniell sehr langsam daherschreitenden
Reihe gefolgt. Ich fhre meine Dame zu dem offnen Platz, der sich
uns darbietet, schaue sie nun erst recht an und - erblicke mein
Spiegelbild in den getreusten Zgen, so da gar keine Tuschung
mglich ist. Da ich im Innersten erbebte, knnt ihr euch wohl denken,
aber ebenso mu ich euch versichern, da sich auch nicht der leiseste
Anklang jener verderblichen wahnsinnigen Liebeswut in mir regte, die
mich ganz und gar befing, wenn mein Hauch das wunderbare Frauenbild
aus dem Spiegel hervorrief. - Meine Befremdung, noch mehr, mein
Erschrecken mu lesbar gewesen sein in meinem Blick, denn das Mdchen
sah mich ganz verwundert an, so da ich fr ntig hielt, mich so,
wie ich nur konnte, zusammen zu nehmen, und so gelassen als mglich
anzufhren, da eine lebhafte Erinnerung mich gar nicht zweifeln
lasse, sie schon irgendwo gesehen zu haben. Die kurze Abfertigung,
da dies wohl nicht gut der Fall sein knne, da sie gestern erst und
zwar das erstemal in ihrem Leben nach ***n gekommen, machte mich im
eigentlichsten Sinn des Worts etwas verblfft. Ich verstummte. Nur der
Engelsblick, den die holdseligen Augen des Mdchens mir zuwarfen, half
mir wieder auf. Ihr wit, wie man bei derlei Gelegenheit die geistigen
Fhlhrner ausstrecken und leise, leise tasten mu, bis man die Stelle
findet, wo der angegebene Ton widerklingt. So macht ich es und fand
bald, da ich ein zartes, holdes, aber in irgend einem psychischen
berreiz verkrnkeltes Wesen neben mir hatte. Bei irgend einer heitern
Wendung des Geprchs, vorzglich wenn ich zur Wrze wie scharfen
Cayenne-Pfeffer irgend ein keckes bizarres Wort hineinstreute,
lchelte sie zwar, aber seltsam schmerzlich, wie zu hart berhrt. >Sie
sind nicht heiter, meine Gndige, vielleicht der Besuch heute morgen.<
- So redete ein nicht weit entfernt sitzender Offizier meine Dame an,
aber in dem Augenblick fate ihn sein Nachbar schnell beim Arm und
sagte ihm etwas ins Ohr, whrend eine Frau an der andern Seite des
Tisches Glut auf den Wangen und im Blick laut der herrlichen Oper
erwhnte, deren Darstellung sie in Paris gesehen und mit der heutigen
vergleichen werde. - Meiner Nachbarin strzten die Trnen aus den
Augen: >Bin ich nicht ein albernes Kind<, wandte sie sich zu mir.
Schon erst hatte sie ber Migrne geklagt. >Die gewhnliche Folge des
nervsen Kopfschmerzes<, erwiderte ich daher mit unbefangenem Ton,
>wofr nichts besser hilft, als der muntre kecke Geist, der in dem
Schaum dieses Dichtergetrnks sprudelt.< Mit diesen Worten schenkte
ich Champagner, den sie erst abgelehnt, in ihr Glas ein, und indem
sie davon nippte, dankte ihr Blick meiner Deutung der Trnen, die sie
nicht zu bergen vermochte. Es schien heller geworden in ihrem Innern
und alles wre gut gegangen, wenn ich nicht zuletzt unversehends
hart an das vor mir stehende englische Glas gestoen, so da es in
gellender schneidender Hhe ertnte. Da erbleichte meine Nachbarin bis
zum Tode, und auch mich ergriff ein pltzliches Grauen, weil der Ton
mir die Stimme der wahnsinnigen Alten im den Hause schien. - Whrend
da man Kaffee nahm, fand ich Gelegenheit, mich dem Grafen P. zu
nhern; er merkte gut, warum. >Wissen Sie wohl, da ihre Nachbarin die
Grfin Edwine von S. war? - Wissen Sie wohl, da in dem den Hause
die Schwester ihrer Mutter, schon seit Jahren unheilbar wahnsinnig,
eingesperrt gehalten wird? - Heute morgen waren beide, Mutter und
Tochter, bei der Unglcklichen. Der alte Hausverwalter, der einzige,
der den gewaltsamen Ausbrchen des Wahnsinns der Grfin zu steuern
wute, und dem daher die Aufsicht ber sie bertragen wurde, liegt
todkrank, und man sagt, da die Schwester endlich dem Doktor K. das
Geheimnis anvertraut, und da dieser noch die letzten Mittel versuchen
wird, die Kranke, wo nicht herzustellen, doch von der entsetzlichen
Tobsucht, in die sie zuweilen ausbrechen soll, zu retten. Mehr wei
ich vorderhand nicht.< - Andere traten hinzu, das Gesprch brach
ab. - Doktor K. war nun gerade derjenige, an den ich mich meines
rtselhaften Zustandes halber, gewandt, und ihr mget euch wohl
vorstellen, da ich, sobald es sein konnte, zu ihm eilte, und alles,
was mir seit der Zeit widerfahren, getreulich erzhlte. Ich forderte
ihn auf zu meiner Beruhigung, so viel als er von der wahnsinnigen
Alten wisse, zu sagen, und er nahm keinen Anstand, mir, nachdem ich
ihm strenge Verschwiegenheit gelobt, folgendes anzuvertrauen.

>Angelika, Grfin von Z.< (so fing der Doktor an) >unerachtet in die
Dreiig vorgerckt, stand noch in der vollsten Blte wunderbarer
Schnheit, als der Graf von S., der viel jnger an Jahren, sie hier
in ***n bei Hofe sah, und sich in ihren Reizen so verfing, da er
zur Stunde die eifrigsten Bewerbungen begann und selbst, als zur
Sommerszeit die Grfin auf die Gter ihres Vaters zurckkehrte, ihr
nachreiste, um seine Wnsche, die nach Angelikas Benehmen durchaus
nicht hoffnungslos zu sein schienen, dem alten Grafen zu erffnen.
Kaum war Graf S. aber dort angekommen, kaum sah er Angelikas jngere
Schwester Gabriele, als er wie aus einer Bezauberung erwachte. In
verblhter Farblosigkeit stand Angelika neben Gabrielen, deren
Schnheit und Anmut den Grafen S. unwiderstehlich hinri, und so kam
es, da er, ohne Angelika weiter zu beachten, um Gabrielens Hand warb,
die ihm der alte Graf Z. um so lieber zusagte, als Gabriele gleich
die entschiedenste Neigung fr den Grafen S. zeigte. Angelika uerte
nicht den mindesten Verdru ber die Untreue ihres Liebhabers. ,Er
glaubt mich verlassen zu haben. Der trichte Knabe! er merkt nicht,
da nicht _ich_, da _er_ mein Spielzeug war, das ich wegwarf!` - So
sprach sie in stolzem Hohn, und in der Tat, ihr ganzes Wesen zeigte,
da es wohl Ernst sein mochte mit der Verachtung des Ungetreuen.
brigens sah man, sobald das Bndnis Gabrielens mit dem Grafen von S.
ausgesprochen war, Angelika sehr selten. Sie erschien nicht bei der
Tafel und man sagte, sie schweife einsam im nchsten Walde umher,
den sie lngst zum Ziel ihrer Spaziergnge gewhlt hatte. - Ein
sonderbarer Vorfall strte die einfrmige Ruhe, die im Schlosse
herrschte. Es begab sich, da die Jger des Grafen von Z., untersttzt
von den in groer Anzahl aufgebotenen Bauern, endlich eine
Zigeunerbande eingefangen hatten, der man die Mordbrennereien und
Rubereien, welche seit kurzer Zeit so hufig in der Gegend vorfielen,
schuld gab. An eine lange Kette geschlossen brachte man die Mnner,
gebunden auf einen Wagen gepackt die Weiber und Kinder auf den
Schlohof. Manche trotzige Gestalt, die mit wildem funkelnden
Blick, wie ein gefesselter Tiger, keck umherschaute, schien den
entschlossenen Ruber und Mrder zu bezeichnen, vorzglich fiel aber
ein langes, hageres, entsetzliches Weib, in einen blutroten Shawl vom
Kopf bis zu Fu gewickelt, ins Auge, die aufrecht im Wagen stand,
und mit gebietender Stimme rief. man solle sie herabsteigen lassen,
welches auch geschah. Der Graf von Z. kam auf den Schlohof und befahl
eben, wie man die Bande abgesondert in den festen Schlogefngnissen
verteilen solle, als mit fliegenden Haaren, Entsetzen und Angst in
bleichem Gesicht, Grfin Angelika aus der Tr hinausstrzte, und auf
die Kniee geworfen mit schneidender Stimme rief. ,Diese Leute los -
diese Leute los - sie sind unschuldig, unschuldig - Vater: la diese
Leute los! - ein Tropfen Bluts vergossen an einem von diesen und ich
stoe mir dieses Messer in die Brust!` - Damit schwang die Grfin ein
spiegelblankes Messer in den Lften und sank ohnmchtig nieder. ,Ei
mein schnes Pppchen, mein trautes Goldkind, das wut ich ja wohl,
da du es nicht leiden wrdest!` - So meckerte die rote Alte. Dann
kauerte sie nieder neben der Grfin und bedeckte Gesicht und Busen mit
ekelhaften Kssen, indem sie fortwhrend murmelte: ,Blanke Tochter,
blanke Tochter wach auf, wach auf, der Brutigam kommt - hei hei
blanker Brutigam kommt.` Damit nahm die Alte eine Phiole hervor,
in der ein kleiner Goldfisch in silberhellem Spiritus auf und ab zu
gaukeln schien. Diese Phiole hielt die Alte der Grfin an das Herz,
augenblicklich erwachte sie, aber kaum erblickte sie das Zigeunerweib,
als sie aufsprang, das Weib heftig und brnstig umarmte und dann mit
ihr davoneilte in das Schlo hinein. Der Graf von Z. - Gabriele, ihr
Brutigam, die unterdessen erschienen, schauten ganz erstarrt und von
seltsamen Grauen ergriffen, das alles an. Die Zigeuner blieben ganz
gleichgltig und ruhig, sie wurden nun abgelst von der Kette, und
einzeln gefesselt in die Schlogefngnisse geworfen. Am andern Morgen
lie der Graf von Z. die Gemeinde versammeln, die Zigeuner wurden
vorgefhrt, der Graf erklrte laut, da sie ganz unschuldig wren an
allen Rubereien, die in der Gegend verbt, und da er ihnen freien
Durchzug durch sein Gebiet verstatte, worauf sie entfesselt und zum
Erstaunen aller mit Pssen wohl versehen entlassen wurden. Das rote
Weib wurde vermit. Man wollte wissen, da der Zigeunerhauptmann,
kenntlich an den goldnen Ketten um den Hals und dem roten Federbusch
an dem spanisch niedergekrempten Hut, nachts auf dem Zimmer des Grafen
gewesen. Einige Zeit nachher ward es unbezweifelt dargetan, da die
Zigeuner an dem Rauben und Morden in dem Gebiet umher in der Tat auch
nicht den mindesten Anteil hatten. - Gabrieles Hochzeit rckte heran,
mit Erstaunen bemerkte sie eines Tages, da mehrere Rstwagen mit
Meublen, Kleidungsstcken, Wsche, kurz, mit einer ganz vollstndigen
Hauseinrichtung bepackt wurden und abfuhren. Andern Morgens erfuhr
sie, da Angelika begleitet von dem Kammerdiener des Grafen S. und
einer vermummten Frau, die der alten roten Zigeunerin hnlich gesehen,
nachts abgereiset sei. Graf Z. lste das Rtsel, indem er erklrte,
da er sich aus gewissen Ursachen gentiget gesehen, den freilich
seltsamen Wnschen Angelikas nachzugeben, und ihr nicht allein das in
***n belegne Haus in der Allee als Eigentum zu schenken, sondern auch
zu erlauben, da sie dort einen eignen, ganz unabhngigen Haushalt
fhre, wobei sie sich bedungen, da keiner aus der Familie, ihn selbst
nicht ausgenommen, ohne ihre ausdrckliche Erlaubnis das Haus betreten
solle. Der Graf von S. fgte hinzu, da auf Angelikas dringenden
Wunsch er seinen Kammerdiener ihr berlassen mssen, der mitgereiset
sei nach ***n. Die Hochzeit wurde vollzogen, Graf S. ging mit seiner
Gemahlin nach D. und ein Jahr verging ihnen in ungetrbter Heiterkeit.
Dann fing aber der Graf an auf ganz eigne Weise zu krnkeln. Es war,
als wenn ihm ein geheimer Schmerz alle Lebenslust, alle Lebenskraft
raube, und vergebens waren alle Bemhungen seiner Gemahlin, das
Geheimnis ihm zu entreien, das sein Innerstes verderblich zu
verstren schien. - Als endlich tiefe Ohnmachten seinen Zustand
lebensgefhrlich machten, gab er den rzten nach und ging angeblich
nach Pisa. - Gabriele konnte nicht mitreisen, da sie ihrer Niederkunft
entgegensah, die indessen erst nach mehrern Wochen erfolgte. - Hier<,
sprach der Arzt, >werden die Mitteilungen der Grfin Gabriele von S.
so rhapsodisch, da nur ein tieferer Blick den nheren Zusammenhang
auffassen kann. - Genug - ihr Kind, ein Mdgen, verschwindet auf
unbegreifliche Weise aus der Wiege, alle Nachforschungen bleiben
vergebens - ihre Trostlosigkeit geht bis zur Verzweiflung, als zur
selbigen Zeit Graf von Z. ihr die entsetzliche Nachricht schreibt, da
er den Schwiegersohn, den er auf dem Wege nach Pisa glaubte, in ***n
und zwar in Angelikas Hause, vom Nervenschlage zum Tode getroffen,
gefunden; da Angelika in furchtbaren Wahnsinn geraten sei und da er
solchen Jammer wohl nicht lange tragen werde. - Sowie Gabriele von
S. nur einige Krfte gewonnen, eilt sie auf die Gter des Vaters;
in schlafloser Nacht das Bild des verlornen Gatten, des verlornen
Kindes vor Augen, glaubt sie ein leises Wimmern vor der Tre des
Schlafzimmers zu vernehmen; ermutigt, zndet sie die Kerzen des
Armleuchters bei der Nachtlampe an und tritt heraus. - Heiliger Gott!
niedergekauert zur Erde, in den roten Shawl gewickelt, starrt das
Zigeunerweib mit stierem, leblosem Blick ihr in die Augen - in den
Armen hlt sie ein kleines Kind, das so ngstlich wimmert, das Herz
schlgt der Grfin hoch auf in der Brust! - es ist ihr Kind! - es ist
die verlorne Tochter! - Sie reit das Kind der Zigeunerin aus den
Armen, aber in diesem Augenblick kugelt diese um, wie eine leblose
Puppe. Auf das Angstgeschrei der Grfin wird alles wach, man eilt
hinzu, man findet das Weib tot auf der Erde, kein Belebungsmittel
wirkt und der Graf lt sie einscharren. - Was bleibt brig, als nach
***n zur wahnsinnigen Angelika zu eilen, und vielleicht dort das
Geheimnis mit dem Kinde zu erforschen. Alles hat sich verndert.
Angelikas wilde Raserei hat alle weibliche Dienstboten entfernt, nur
der Kammerdiener ist geblieben. Angelika ist ruhig und vernnftig
geworden. Als der Graf die Geschichte von Gabrielens Kinde erzhlt,
schlgt sie die Hnde zusammen, und ruft mit lautem Lachen: ,Ist's
Pppgen angekommen? richtig angekommen? - eingescharrt, eingescharrt?
Ojemine, wie prchtig sich der Goldfasan schttelt! wit ihr nichts
vom grnen Lwen mit den blauen Glutaugen?` - Mit Entsetzen bemerkt
der Graf die Rckkehr des Wahnsinns, indem pltzlich Angelikas Gesicht
die Zge des Zigeunerweibes anzunehmen scheint, und beschliet,
die Arme mitzunehmen auf die Gter, welches der alte Kammerdiener
widerrt. In der Tat bricht auch der Wahnsinn Angelikas in Wut
und Raserei aus, sobald man Anstalten macht, sie aus dem Hause zu
entfernen. - In einem lichten Zwischenraum beschwrt Angelika mit
heien Trnen den Vater, sie in dem Hause sterben zu lassen, und
tiefgerhrt bewilligt er dies, wiewohl er das Gestndnis, das
dabei ihren Lippen entflieht, nur fr das Erzeugnis des aufs neue
ausbrechenden Wahnsinns hlt. Sie bekennt, da Graf S. in ihre Arme
zurckgekehrt, und da das Kind, welches die Zigeunerin ins Haus des
Grafen von Z. brachte, die Frucht dieses Bndnisses sei. - In der
Residenz glaubt man, da der Graf von Z. die Unglckliche mitgenommen
hat auf die Gter, indessen sie hier tiefverborgen und der Aufsicht
des Kammerdieners bergeben in dem verdeten Hause bleibt. - Graf von
Z. ist gestorben vor einiger Zeit, und Grfin Gabriele von S. kam mit
Edmonden her, um Familienangelegenheiten zu berichtigen. Sie durfte es
sich nicht versagen, die unglckliche Schwester zu sehen. Bei diesem
Besuch mu sich Wunderliches ereignet haben, doch hat mir die Grfin
nichts darber vertraut, sondern nur im allgemeinen gesagt, da es nun
ntig geworden, dem alten Kammerdiener die Unglckliche zu entreien.
Einmal habe er, wie es herausgekommen, durch harte grausame
Mihandlungen den Ausbrchen des Wahnsinns zu steuern gesucht, dann
aber, durch Angelikas Vorspieglung, da sie Gold zu machen verstehe,
sich verleiten lassen, mit ihr allerlei sonderbare Operationen
vorzunehmen und ihr alles Ntige dazu herbeizuschaffen. - Es wrde
wohl< (so schlo der Arzt seine Erzhlung) >ganz berflssig sein,
_Sie_, gerade _Sie_ auf den tiefern Zusammenhang aller dieser seltsamen
Dinge aufmerksam zu machen. Es ist mir gewi, da _Sie_ die Katastrophe
herbeigefhrt haben, die der Alten Genesung oder baldigen Tod bringen
wird. brigens mag ich jetzt nicht verhehlen, da ich mich nicht wenig
entsetzte, als ich, nachdem ich mich mit Ihnen in magnetischen Rapport
gesetzt, ebenfalls das Bild im Spiegel sah. Da dies Bild Edmonde war,
wissen wir nun beide.<

Ebenso, wie der Arzt glaubte, fr mich nichts hinzufgen zu drfen,
ebenso halte ich es fr ganz unntz, mich nun noch darber etwa zu
verbreiten, in welchem geheimen Verhltnis Angelika, Edmonde, ich und
der alte Kammerdiener standen, und wie mystische Wechselwirkungen ein
dmonisches Spiel trieben. Nur so viel sage ich noch, da mich nach
diesen Begebenheiten ein drckendes, unheimliches Gefhl aus der
Residenz trieb, welches erst nach einiger Zeit mich pltzlich verlie.
Ich glaube, da die Alte in dem Augenblick, als ein ganz besonderes
Wohlsein mein Innerstes durchstrmte, gestorben ist. So endete
Theodor seine Erzhlung. Noch manches sprachen die Freunde ber
Theodors Abenteuer und gaben ihm recht, da sich darin das Wunderliche
mit dem Wunderbaren auf seltsame greuliche Weise mische. - Als sie
schieden, nahm Franz Theodors Hand und sprach, sie leise schttelnd,
mit beinahe wehmtigem Lcheln: Gute Nacht, du Spalanzanische
Fledermaus!



Das Majorat

Dem Gestade der Ostsee unfern liegt das Stammschlo der Freiherrlich
von R..schen Familie, R..sitten genannt. Die Gegend ist rauh und de,
kaum entspriet hin und wieder ein Grashalm dem bodenlosen Triebsande,
und statt des Gartens, wie er sonst das Herrenhaus zu zieren pflegt,
schliet sich an die nackten Mauern nach der Landseite hin ein
drftiger Fhrenwald, dessen ewige, dstre Trauer den bunten Schmuck
des Frhlings verschmht, und in dem statt des frhlichen Jauchzens
der zu neuer Lust erwachten Vgelein nur das schaurige Gekrchze
der Raben, das schwirrende Kreischen der sturmverkndenden Mwen
widerhallt. Eine Viertelstunde davon ndert sich pltzlich die Natur.
Wie durch einen Zauberschlag ist man in blhende Felder, ppige cker
und Wiesen versetzt. Man erblickt das groe, reiche Dorf mit dem
gerumigen Wohnhause des Wirtschaftsinspektors. An der Spitze eines
freundlichen Erlenbusches sind die Fundamente eines groen Schlosses
sichtbar, das einer der vormaligen Besitzer aufzubauen im Sinne hatte.
Die Nachfolger, auf ihren Gtern in Kurland hausend, lieen den Bau
liegen, und auch der Freiherr Roderich von R., der wiederum seinen
Wohnsitz auf dem Stammgute nahm, mochte nicht weiter bauen, da seinem
finstern, menschenscheuen Wesen der Aufenthalt in dem alten, einsam
liegenden Schlosse zusagte.

Er lie das verfallene Gebude, so gut es gehen wollte, herstellen und
sperrte sich darin ein mit einem grmlichen Hausverwalter und geringer
Dienerschaft. Nur selten sah man ihn im Dorfe, dagegen ging und ritt
er oft am Meeresstrande hin und her, und man wollte aus der Ferne
bemerkt haben, wie er in die Wellen hineinsprach und dem Brausen und
Zischen der Brandung zuhorchte, als vernehme er die antwortende Stimme
des Meergeistes.

Auf der hchsten Spitze des Wartturms hatte er ein Kabinett einrichten
und mit Fernrhren - mit einem vollstndigen astronomischen
Apparat versehen lassen; da beobachtete er Tages, nach dem Meer
hinausschauend, die Schiffe, die oft gleich weibeschwingten
Meervgeln am fernen Horizont vorberflogen. Sternenhelle Nchte
brachte er hin mit astronomischer oder, wie man wissen wollte, mit
astrologischer Arbeit, worin ihm der alte Hausverwalter beistand.
berhaupt ging zu seinen Lebzeiten die Sage, da er geheimer
Wissenschaft, der sogenannten schwarzen Kunst, ergeben sei, und da
eine verfehlte Operation, durch die ein hohes Frstenhaus auf das
empfindlichste gekrnkt wurde, ihn aus Kurland vertrieben habe. Die
leiseste Erinnerung an seinen dortigen Aufenthalt erfllte ihn mit
Entsetzen, aber alles sein Leben Verstrende, was ihm dort geschehen,
schrieb er lediglich der Schuld der Vorfahren zu, die die Ahnenburg
bslich verlieen.

Um fr die Zukunft wenigstens das Haupt der Familie an das Stammhaus
zu fesseln, bestimmte er es zu einem Majoratsbesitztum. Der
Landesherr besttigte die Stiftung um so lieber, als dadurch eine an
ritterlicher Tugend reiche Familie, deren Zweige schon in das Ausland
herberrankten, fr das Vaterland gewonnen werden sollte. Weder
Roderichs Sohn, Hubert, noch der jetzige Majoratsherr, wie sein
Grovater Roderich geheien, mochte indessen in dem Stammschlosse
hausen, beide blieben in Kurland. Man mute glauben, da sie, heitrer
und lebenslustiger gesinnt als der dstre Ahnherr, die schaurige de
des Aufenthaltes scheuten.

Freiherr Roderich hatte zwei alten, unverheirateten Schwestern seines
Vaters, die, mager ausgestattet, in Drftigkeit lebten, Wohnung und
Unterhalt auf dem Gute gestattet. Diese saen mit einer bejahrten
Dienerin in den kleinen warmen Zimmern des Nebenflgels, und auer
ihnen und dem Koch, der im Erdgescho ein groes Gemach neben
der Kche inne hatte, wankte in den hohen Zimmern und Slen des
Hauptgebudes nur noch ein abgelebter Jger umher, der zugleich die
Dienste des Kastellans versah. Die brige Dienerschaft wohnte im Dorfe
bei dem Wirtschaftsinspektor.

Nur in spter Herbstzeit, wenn der erste Schnee zu fallen begann, und
die Wolfs-, die Schweinsjagden aufgingen, wurde das de, verlassene
Schlo lebendig. Dann kam Freiherr Roderich mit seiner Gemahlin,
begleitet von Verwandten, Freunden und zahlreichem Jagdgefolge,
herber aus Kurland. Der benachbarte Adel, ja selbst jagdlustige
Freunde aus der naheliegenden Stadt fanden sich ein, kaum vermochten
Hauptgebude und Nebenflgel die zustrmenden Gste zu fassen, in
allen fen und Kaminen knisterten reichlich zugeschrte Feuer, vom
grauen Morgen bis in die Nacht hinein schnurrten die Bratenwender,
Trepp' auf, Trepp' ab liefen hundert lustige Leute, Herren und Diener,
dort erklangen angestoene Pokale und frhliche Jgerlieder, hier die
Tritte der nach gellender Musik Tanzenden, berall lautes Jauchzen und
Gelchter, und so glich vier bis sechs Wochen hindurch das Schlo mehr
einer prchtigen, an vielbefahrner Landstrae liegenden Herberge, als
der Wohnung des Gutsherrn.

Freiherr Roderich widmete diese Zeit, so gut es sich nur tun lie,
ernstem Geschfte, indem er, zurckgezogen aus dem Strudel der Gste,
die Pflichten des Majoratsherrn erfllte. Nicht allein, da er sich
vollstndige Rechnung der Einknfte legen lie, so hrte er auch jeden
Vorschlag irgendeiner Verbesserung, sowie die kleinste Beschwerde
seiner Untertanen an und suchte alles zu ordnen, jedem Unrechten oder
Unbilligen zu steuern, wie er es nur vermochte. In diesen Geschften
stand ihm der alte Advokat V., von Vater auf Sohn vererbter
Geschftstrger des R..schen Hauses und Justitiarius der in P.
liegenden Gter, redlich bei, und V. pflegte daher schon acht Tage vor
der bestimmten Ankunft des Freiherrn nach dem Majoratsgute abzureisen.

Im Jahre 179- war die Zeit gekommen, da der alte V. nach R..sitten
reisen sollte. So lebenskrftig der Greis von siebzig Jahren sich auch
fhlte, mute er doch glauben, da eine hlfreiche Hand im Geschft
ihm wohltun werde. Wie im Scherz sagte er daher eines Tages zu mir:

Vetter! (so nannte er mich, seinen Groneffen, da ich seine Vornamen
erhielt) Vetter! ich dchte, du lieest dir einmal etwas Seewind um
die Ohren sausen und kmst mit mir nach R..sitten. Auerdem, da du
mir wacker beistehen kannst in meinem manchmal bsen Geschft, so
magst du dich auch einmal im wilden Jgerleben versuchen und zusehen,
wie, nachdem du einen Morgen ein zierliches Protokoll geschrieben,
du den andern solch trotzigem Tier, als da ist ein langbehaarter,
greulicher Wolf oder ein zahnfletschender Eber, ins funkelnde Auge
zu schauen oder gar es mit einem tchtigen Bchsenschu zu erlegen
verstehest.

Nicht so viel Seltsames von der lustigen Jagdzeit in R..sitten htte
ich schon hren, nicht so mit ganzer Seele dem herrlichen alten
Groonkel anhngen mssen, um nicht hocherfreut zu sein, da er mich
diesmal mitnehmen wolle. Schon ziemlich gebt in derlei Geschften,
wie er sie vorhatte, versprach ich mit tapferm Flei ihm alle Mhe und
Sorge abzunehmen.

Andern Tags saen wir, in tchtige Pelze eingehllt, im Wagen
und fuhren durch dickes, den einbrechenden Winter verkndendes
Schneegestber nach R..sitten.

Unterwegs erzhlte mir der Alte manches Wunderliche von dem Freiherrn
Roderich, der das Majorat stiftete und ihn, seines Jnglingsalters
ungeachtet, zu seinem Justitiarius und Testamentsvollstrecker
ernannte. Er sprach von dem rauhen, wilden Wesen, das der alte Herr
gehabt und das sich auf die ganze Familie zu vererben schiene, da
selbst der jetzige Majoratsherr, den er als sanftmtigen, beinahe
weichlichen Jngling gekannt, von Jahr zu Jahr mehr davon ergriffen
werde.

Er schrieb mir vor, wie ich mich keck und unbefangen betragen mte,
um in des Freiherrn Augen was wert zu sein, und kam endlich auf die
Wohnung im Schlosse, die er ein fr allemal gewhlt, da sie warm,
bequem und so abgelegen sei, da wir uns, wenn und wie wir wollten,
dem tollen Getse der jubilierenden Gesellschaft entziehen knnten. In
zwei kleinen, mit warmen Tapeten behangenen Zimmern, dicht neben dem
groen Gerichtssaal im Seitenflgel, dem gegenber, wo die alten
Fruleins wohnten, da wre ihm jedesmal seine Residenz bereitet.
Endlich nach schneller, aber beschwerlicher Fahrt kamen wir in tiefer
Nacht nach R..sitten.

Wir fuhren durch das Dorf, es war gerade Sonntag, im Kruge Tanzmusik
und frhlicher Jubel, des Wirtschaftsinspektors Haus von unten bis
oben erleuchtet, drinnen auch Musik und Gesang; desto schauerlicher
wurde die de, in die wir nun hineinfuhren. Der Seewind heulte in
schneidenden Jammertnen herber und, als habe er sie aus tiefem
Zauberschlaf geweckt, sthnten die dstern Fhren ihm nach in dumpfer
Klage. Die nackten schwarzen Mauern des Schlosses stiegen empor aus
dem Schneegrunde, wir hielten an dem verschlossenen Tor. Aber da half
kein Rufen, kein Peitschengeknalle, kein Hmmern und Pochen, es war,
als sei alles ausgestorben, in keinem Fenster ein Licht sichtbar.

Der Alte lie seine starke drhnende Stimme erschallen: Franz -
Franz! Wo steckt Ihr denn? Zum Teufel, rhrt Euch! - Wir erfrieren
hier am Tor! Der Schnee schmeit einem ja das Gesicht blutrnstig
- rhrt Euch, zum Teufel. Da fing ein Hofhund zu winseln an, ein
wandelndes Licht wurde im Erdgeschosse sichtbar, Schlssel klapperten,
und bald knarrten die gewichtigen Torflgel auf.

Ei, schn willkommen, schn willkommen, Herr Justitiarius, ei, in dem
unsaubern Wetter! So rief der alte Franz, indem er die Laterne hoch
in die Hnde hob, so da das volle Licht auf sein verschrumpftes, zum
freundlichen Lachen sonderbar verzogenes Gesicht fiel. Der Wagen fuhr
in den Hof, wir stiegen aus, und nun gewahrte ich erst ganz des alten
Bedienten seltsame, in eine altmodische, weite, mit vielen Schnren
wunderlich ausstaffierte Jgerlivrei gehllte Gestalt.

ber die breite weie Stirn legten sich nur ein paar graue Lckchen,
der untere Teil des Gesichts hatte die robuste Jgerfarbe, und
unerachtet die verzogenen Muskeln das Gesicht zu einer beinahe
abenteuerlichen Maske formten, shnte doch die etwas dmmliche
Gutmtigkeit, die aus den Augen leuchtete und um den Mund spielte,
alles wieder aus.

Nun, alter Franz, fing der Groonkel an, indem er sich im Vorsaal
den Schnee vom Pelze abklopfte, nun, alter Franz, ist alles bereitet,
sind die Tapeten in meinen Stuben abgestaubt, sind die Betten
hineingetragen, ist gestern und heute tchtig geheizt worden? Nein,
erwiderte Franz sehr gelassen, nein, mein wertester Herr Justitiarius,
das ist alles nicht geschehen.

Herr Gott, fuhr der Groonkel auf, ich habe ja zeitig genug
geschrieben, ich komme ja stets nach dem richtigen Datum, das ist
ja eine Tlpelei, nun kann ich in eiskalten Zimmern hausen. Ja,
wertester Herr Justitiarius, sprach Franz weiter, indem er sehr
sorglich mit der Lichtschere von dem Docht einen glimmenden Ruber
abschnippte und ihn mit dem Fue austrat, ja, sehn Sie, das alles,
vorzglich das Heizen, htte nicht viel geholfen, denn der Wind und
der Schnee, die hausen gar zu sehr hinein durch die zerbrochenen
Fensterscheiben, und da Was, fiel der Groonkel ihm in die Rede,
den Pelz weit auseinanderschlagend und beide Arme in die Seiten
stemmend, was, die Fenster sind zerbrochen, und Ihr, des Hauses
Kastellan, habt nichts machen lassen?

Ja, wertester Herr Justitiarius, fuhr der Alte ruhig und gelassen
fort, man kann nur nicht recht hinzu wegen des vielen Schutts und der
vielen Mauersteine, die in den Zimmern herumliegen. Wo zum Tausend
Himmel Sapperment kommen Schutt und Steine in meine Zimmer? schrie
der Groonkel. Zum bestndigen frhlichen Wohlsein, mein junger
Herr! rief der Alte, sich hflich bckend, da ich eben nieste,
setzte aber gleich hinzu: Es sind die Steine und der Kalk von der
Mittelwand, die von der groen Erschtterung einfiel.

Habt Ihr ein Erdbeben gehabt? platzte der Groonkel zornig heraus.
Das nicht, wertester Herr Justitiarius, erwiderte der Alte, mit
dem ganzen Gesicht lchelnd, aber vor drei Tagen ist die schwere,
getfelte Decke des Gerichtssaals mit gewaltigem Krachen eingestrzt.
So soll doch das - Der Groonkel wollte, heftig und aufbrausend,
wie er war, einen schweren Fluch ausstoen; aber indem er mit der
Rechten in die Hhe fuhr und mit der Linken die Fuchsmtze von der
Stirn rckte, hielt er pltzlich inne, wandte sich nach mir um und
sprach laut auflachend: Wahrhaftig, Vetter! wir mssen das Maul
halten, wir drfen nicht weiter fragen; sonst erfahren wir noch
rgeres Unheil, oder das ganze Schlo strzt uns ber den Kpfen
zusammen.

Aber, fuhr er fort, sich nach dem Alten umdrehend, aber, Franz,
konntet Ihr denn nicht so gescheit sein, mir ein anderes Zimmer
reinigen und heizen zu lassen? Konntet Ihr nicht irgendeinen Saal im
Hauptgebude schnell einrichten zum Gerichtstage? Dieses ist auch
bereits alles geschehen, sprach der Alte, indem er freundlich nach
der Treppe wies und sofort hinaufzusteigen begann. Nun seht mir
doch den wunderlichen Kauz, rief der Onkel, indem wir dem Alten
nachschritten.

Es ging fort durch lange hochgewlbte Korridore, Franzens flackerndes
Licht warf einen wunderlichen Schein in die dicke Finsternis.
Sulen, Kapitler und bunte Bogen zeigten sich oft wie in den Lften
schwebend, riesengro schritten unsere Schatten neben uns her, und die
seltsamen Gebilde an den Wnden, ber die sie wegschlpften, schienen
zu zittern und zu schwanken, und ihre Stimmen wisperten in den
drhnenden Nachhall unserer Tritte hinein: Weckt uns nicht, weckt uns
nicht, uns tolles Zaubervolk, das hier in den alten Steinen schlft!

Endlich ffnete Franz, nachdem wir eine Reihe kalter, finstrer
Gemcher durchgangen, einen Saal, in dem ein hellaufloderndes
Kaminfeuer uns mit seinem lustigen Knistern wie mit heimatlichem Gru
empfing. Mir wurde gleich, sowie ich eintrat, ganz wohl zumute, doch
der Groonkel blieb mitten im Saal stehen, schaute ringsumher und
sprach mit sehr ernstem, beinahe feierlichem Ton: Also hier, dies
soll der Gerichtssaal sein? - Franz, in die Hhe leuchtend, so da
an der breiten dunklen Wand ein heller Fleck, wie eine Tre gro,
ins Auge fiel, sprach dumpf und schmerzhaft: Hier ist ja wohl schon
Gericht gehalten worden!

Was kommt Euch ein, Alter? rief der Onkel, indem er den Pelz schnell
abwarf und an das Kaminfeuer trat. Es fuhr mir nur so heraus, sprach
Franz, zndete die Lichter an und ffnete das Nebenzimmer, welches zu
unsrer Aufnahme ganz heimlich bereitet war.

Nicht lange dauerte es, so stand ein gedeckter Tisch vor dem Kamin,
der Alte trug wohlzubereitete Schsseln auf, denen, wie es uns beiden,
dem Groonkel und mir, recht behaglich war, eine tchtige Schale nach
echt nordischer Art gebrauten Punsches folgte. Ermdet von der Reise,
suchte der Groonkel, sowie er gegessen, das Bette; das Neue, Seltsame
des Aufenthalts, ja selbst der Punsch, hatte aber meine Lebensgeister
zu sehr aufgeregt, um an Schlaf zu denken. Franz rumte den Tisch
ab, schrte das Kaminfeuer zu und verlie mich mit freundlichen
Bcklingen.

Nun sa ich allein in dem hohen, weiten Rittersaal. Das Schneegestber
hatte zu schlackern, der Sturm zu sausen aufgehrt, heitrer Himmel
war's geworden, und der helle Vollmond strahlte durch die breiten
Bogenfenster, alle finstre Ecken des wunderlichen Baues, wohin der
dstere Schein meiner Kerzen und des Kaminfeuers nicht dringen konnte,
magisch erleuchtend.

So wie man es wohl noch in alten Schlssern antrifft, waren auf
seltsame altertmliche Weise Wnde und Decke des Saals verziert,
diese mit schwerem Getfel, jene mit fantastischer Bilderei und
buntgemaltem, vergoldetem Schnitzwerk. Aus den groen Gemlden,
mehrenteils das wilde Gewhl blutiger Bren- und Wolfsjagden
darstellend, sprangen in Holz geschnitzte Tier- und Menschenkpfe
hervor, den gemalten Leibern angesetzt, so da, zumal bei der
flackernden, schimmernden Beleuchtung des Feuers und des Mondes, das
Ganze in greulicher Wahrheit lebte.

Zwischen diesen Gemlden waren lebensgroe Bilder, in Jgertracht
dahinschreitende Ritter, wahrscheinlich der jagdlustigen Ahnherren,
eingefgt. Alles, Malerei und Schnitzwerk, trug die dunkle Farbe
langverjhrter Zeit; um so mehr fiel der helle kahle Fleck an
derselben Wand, durch die zwei Tren in Nebengemcher fhrten, auf;
bald erkannte ich, da dort auch eine Tr gewesen sein mte, die
spter zugemauert worden, und da eben dies neue, nicht einmal der
brigen Wand gleich gemalte oder mit Schnitzwerk verzierte Gemuer auf
jene Art absteche. -

Wer wei es nicht, wie ein ungewhnlicher, abenteuerlicher Aufenthalt
mit geheimnisvoller Macht den Geist zu erfassen vermag, selbst
die trgste Fantasie wird wach in dem von wunderlichen Felsen
umschlossenen Tal in den dstern Mauern einer Kirche o. s., und will
sonst nie Erfahrnes ahnen.

Setze ich nun noch hinzu, da ich zwanzig Jahr alt war und mehrere
Glser starken Punsch getrunken hatte, so wird man es glauben, da
mir in meinem Rittersaal seltsamer zumute wurde als jemals. Man denke
sich die Stille der Nacht, in der das dumpfe Brausen des Meers, das
seltsame Pfeifen des Nachtwindes wie die Tne eines mchtigen, von
Geistern gerhrten Orgelwerks erklangen - die vorberfliegenden
Wolken, die oft, hell und glnzend, wie vorbeistreifende Riesen durch
die klirrenden Bogenfenster zu gucken schienen - in der Tat, ich mut'
es in dem leisen Schauer fhlen, der mich durchbebte, da ein fremdes
Reich nun sichtbar und vernehmbar aufgehen knne.

Doch dies Gefhl glich dem Frsteln, das man bei einer lebhaft
dargestellten Gespenstergeschichte empfindet und das man so gern
hat. Dabei fiel mir ein, da in keiner gnstigeren Stimmung das
Buch zu lesen sei, das ich so wie damals jeder, der nur irgend
dem Romantischen ergeben, in der Tasche trug. Es war Schillers
Geisterseher. Ich las und las und erhitzte meine Fantasie immer mehr
und mehr.

Ich kam zu der mit dem mchtigsten Zauber ergreifenden Erzhlung von
dem Hochzeitsfest bei dem Grafen von V.- Gerade wie Jeronimos blutige
Gestalt eintritt, springt mit einem gewaltigen Schlage die Tr auf,
die in den Vorsaal fhrt. - Entsetzt fahre ich in die Hhe, das Buch
fllt mir aus den Hnden. Aber in demselben Augenblick ist alles
still, und ich schme mich ber mein kindliches Erschrecken.

Mag es sein, da durch die durchstrmende Zugluft oder auf andere
Weise die Tr aufgesprengt wurde. - Es ist nichts - meine berreizte
Fantasie bildet jede natrliche Erscheinung gespenstisch! - So
beschwichtigt, nehme ich das Buch von der Erde auf und werfe
mich wieder in den Lehnstuhl - da geht es leise und langsam mit
abgemessenen Tritten quer ber den Saal hin, und dazwischen seufzt und
chzt es, und in diesem Seufzen, diesem chzen liegt der Ausdruck des
tiefsten menschlichen Leidens, des trostlosesten Jammers - Ha! das ist
irgendein eingesperrtes krankes Tier im untern Stock. Man kennt ja die
akustische Tuschung der Nacht, die alles entfernt Tnende in die Nhe
rckt - wer wird sich nur durch so etwas Grauen erregen lassen. - So
beschwichtige ich mich aufs neue, aber nun kratzt es, indem lautere,
tiefere Seufzer, wie in der entsetzlichen Angst der Todesnot
ausgestoen, sich hren lassen, an jenem neuen Gemuer.

Ja, es ist ein armes eingesperrtes Tier - ich werde jetzt laut rufen,
ich werde mit dem Fu tchtig auf den Boden stampfen, gleich wird
alles schweigen oder das Tier unten sich deutlicher in seinen
natrlichen Tnen hren lassen!- So denke ich, aber das Blut gerinnt
in meinen Adern - kalter Schwei steht auf der Stirne, erstarrt bleib'
ich im Lehnstuhle sitzen, nicht vermgend aufzustehen, viel weniger
noch zu rufen.

Das abscheuliche Kratzen hrt endlich auf - die Tritte lassen sich
aufs neue vernehmen - es ist, als wenn Leben und Regung in mir
erwachte, ich springe auf und trete zwei Schritte vor, aber da
streicht eine eiskalte Zugluft durch den Saal, und in demselben
Augenblick wirft der Mond sein helles Licht auf das Bildnis eines sehr
ernsten, beinahe schauerlich anzusehenden Mannes, und als susle seine
warnende Stimme durch das strkere Brausen der Meereswellen, durch
das gellendere Pfeifen des Nachtwindes, hre ich deutlich: - Nicht
weiter - nicht weiter, sonst bist du verfallen dem entsetzlichen Graus
der Geisterwelt!

Nun fllt die Tr zu mit demselben starken Schlage wie zuvor, ich
hre die Tritte deutlich auf dem Vorsaal - es geht die Treppe hinab
- die Haupttr des Schlosses ffnet sich rasselnd und wird wieder
verschlossen. Dann ist es, als wrde ein Pferd aus dem Stalle gezogen
und nach einer Weile wieder in den Stall zurckgefhrt dann ist alles
still! In demselben Augenblick vernahm ich, wie der alte Groonkel im
Nebengemach ngstlich seufzte und sthnte, dies gab mir alle Besinnung
wieder, ich ergriff die Leuchter und eilte hinein. Der Alte schien mit
einem bsen, schweren Traume zu kmpfen.

Erwachen Sie - erwachen Sie, rief ich laut, indem ich ihn sanft bei
der Hand fate und den hellen Kerzenschein auf sein Gesicht fallen
lie. Der Alte fuhr auf mit einem dumpfen Ruf, dann schaute er mich
mit freundlichen Augen an und sprach: Das hast du gut gemacht,
Vetter, da du mich wecktest. Ei, ich hatte einen sehr hlichen
Traum, und daran ist blo hier das Gemach und der Saal schuld, denn
ich mute dabei an die vergangene Zeit und an manches Verwunderliche
denken, was hier sich begab. Aber nun wollen wir recht tchtig
ausschlafen!

Damit hllte sich der Alte in die Decke und schien sofort
einzuschlafen. Als ich die Kerzen ausgelscht und mich auch ins Bette
gelegt hatte, vernahm ich, da der Alte leise betete.

Am andern Morgen ging die Arbeit los, der Wirtschaftsinspektor kam
mit den Rechnungen, und Leute meldeten sich, die irgendeinen Streit
geschlichtet, irgendeine Angelegenheit geordnet haben wollten. Mittags
ging der Groonkel mit mir herber in den Seitenflgel, um den beiden
alten Baronessen in aller Form aufzuwarten. Franz meldete uns,
wir muten einige Augenblicke warten und wurden dann durch ein
sechzigjhriges gebeugtes, in bunte Seide gekleidetes Mtterchen,
die sich das Kammerfrulein der gndigen Herrschaft nannte, in das
Heiligtum gefhrt.

Da empfingen uns die alten, nach lngst verjhrter Mode abenteuerlich
geputzten Damen mit komischem Zeremoniell, und vorzglich war ich ein
Gegenstand ihrer Verwunderung, als der Groonkel mich mit vieler Laune
als einen jungen, ihm beisteheenden Justizmann vorstellte. In ihren
Mienen lag es, da sie bei meiner Jugend das Wohl der R..sittenschen
Untertanen gefhrdet glaubten.

Der ganze Auftritt bei den alten Damen hatte berhaupt viel
Lcherliches, die Schauer der vergangenen Nacht frstelten aber noch
in meinem Innern, ich fhlte mich wie von einer unbekannten Macht
berhrt, oder es war mir vielmehr, als habe ich schon an den Kreis
gestreift, den zu berschreiten und rettungslos unterzugehen es nur
noch eines Schritts bedrfte, als knne nur das Aufbieten aller mir
inwohnenden Kraft mich gegen das Entsetzen schtzen, das nur dem
unheilbaren Wahnsinn zu weichen pflegt. So kam es, da selbst die
alten Baronessen in ihren seltsamen hochaufgetrmten Frisuren,
in ihren wunderlichen stoffnen, mit bunten Blumen und Bndern
ausstaffierten Kleidern mir statt lcherlich, ganz graulich und
gespenstisch erschienen.

In den alten gelbverschrumpften Gesichtern, in den blinzenden Augen
wollt' ich es lesen, in dem schlechten Franzsisch, das halb durch
die eingekniffenen blauen Lippen, halb durch die spitzen Nasen
herausschnarrte, wollt' ich es hren, wie sich die Alten mit den
unheimlichen, im Schlosse herumspukenden Wesen wenigstens auf guten
Fu gesetzt htten und auch wohl selbst Verstrendes und Entsetzliches
zu treiben vermochten.

Der Groonkel, zu allem Lustigen aufgelegt, verstrickte mit seiner
Ironie die Alten in ein solches tolles Gewsche, da ich in anderer
Stimmung nicht gewut htte, wie das ausgelassenste Gelchter in mich
hineinschlucken, aber wie gesagt, die Baronessen samt ihrem Geplapper
waren und blieben gespenstisch, und der Alte, der mir eine besondere
Lust bereiten wollte, blickte mich ein Mal bers andere ganz
verwundert an.

Sowie wir nach Tische in unserm Zimmer allein waren, brach er los:
Aber, Vetter, sag' mir um des Himmels willen, was ist dir? - Du
lachst nicht, du sprichst nicht, du issest nicht, du trinkst nicht?
Bist du krank? oder fehlt es sonst woran?

Ich nahm jetzt gar keinen Anstand, ihm alles Grauliche, Entsetzliche,
was ich in voriger Nacht berstanden, ganz ausfhrlich zu erzhlen.
Nichts verschwieg ich, vorzglich auch nicht, da ich viel Punsch
getrunken und in Schillers Geisterseher gelesen. Bekennen mu
ich dies, setzte ich hinzu, denn so wird es glaublich, da meine
berreizte arbeitende Fantasie all die Erscheinungen schuf, die nur
innerhalb den Wnden meines Gehirns existierten.

Ich glaubte, da nun der Groonkel mir derb zusetzen wrde mit
krnichten Spen ber meine Geisterseherei, statt dessen wurde er
sehr ernsthaft, starrte in den Boden hinein, warf dann den Kopf
schnell in die Hhe und sprach, mich mit dem brennenden Blick seiner
Augen anschauend: Ich kenne dein Buch nicht, Vetter! aber weder
seinem, noch dem Geist des Punsches hast du jenen Geisterspuk zu
verdanken. Wisse, da ich dasselbe, was dir widerfuhr, trumte. Ich
sa, so wie du (so kam es mir vor), im Lehnstuhl bei dem Kamin, aber
was sich dir nur in Tnen kundgetan, das sah ich, mit dem innern Auge
es deutlich erfassend.

Ja! ich erblickte den greulichen Unhold, wie er hereintrat, wie
er kraftlos an die vermauerte Tr schlich, wie er in trostloser
Verzweiflung an der Wand kratzte, da das Blut unter den zerrissenen
Ngeln herausquoll, wie er dann hinabstieg, das Pferd aus dem Stalle
zog und in den Stall zurckbrachte. Hast du es gehrt, wie der Hahn
im fernen Gehfte des Dorfes krhte? Da wecktest du mich, und ich
widerstand bald dem bsen Spuk des entsetzlichen Menchen, der noch
vermag, das heitre Leben grauenhaft zu verstren.

Der Alte hielt inne, aber ich mochte nicht fragen, wohlbedenkend, da
er mir alles aufklren werde, wenn er es geraten finden sollte. Nach
einer Weile, in der er, tief in sich gekehrt, dagesessen, fuhr der
Alte fort: Vetter, hast du Mut genug, jetzt nachdem du weit, wie
sich alles begibt, den Spuk noch einmal zu bestehen? und zwar mit mir
zusammen?

Es war natrlich, da ich erklrte, wie ich mich jetzt dazu ganz
entkrftigt fhle. So wollen wir, sprach der Alte weiter, in
knftiger Nacht zusammen wachen. Eine innere Stimme sagt mir, da
meiner geistigen Gewalt nicht sowohl, als meinem Mute, der sich auf
festes Vertrauen grndet, der bse Spuk weichen mu, und da es kein
freveliches Beginnen, sondern ein frommes, tapferes Werk ist, wenn ich
Leib und Leben daran wage, den bsen Unhold zu bannen, der hier die
Shne aus der Stammburg der Ahnherrn treibt. -

Doch! von keiner Wagnis ist ja die Rede, denn in solch festem
redlichen Sinn, in solch frommen Vertrauen, wie es in mir lebt, ist
und bleibt man ein siegreicher Held. - Aber sollt' es dennoch Gottes
Wille sein, da die bse Macht mich anzutasten vermag, so sollst du,
Vetter, es verknden, da ich im redlichen christlichen Kampf mit dem
Hllengeist, der hier sein verstrendes Wesen treibt, unterlag! - Du!
- halt dich ferne! dir wird dann nichts geschehen!

Unter mancherlei zerstreuenden Geschften war der Abend herangekommen.
Franz hatte, wie gestern, das Abendessen abgerumt und uns Punsch
gebracht, der Vollmond schien hell durch die glnzenden Wolken, die
Meereswellen brausten, und der Nachtwind heulte und schttelte die
klirrenden Scheiben der Bogenfenster. Wir zwangen uns, im Innern
aufgeregt, zu gleichgltigen Gesprchen. Der Alte hatte seine
Schlaguhr auf den Tisch gelegt. Sie schlug zwlfe. Da sprang mit
entsetzlichem Krachen die Tr auf, und wie gestern schwebten leise und
langsam Tritte quer durch den Saal, und das chzen und Seufzen lie
sich vernehmen.

Der Alte war verblat, aber seine Augen erstrahlten in ungewhnlichem
Feuer, er erhob sich vom Lehnstuhl, und indem er in seiner groen
Gestalt, hochaufgerichtet, den linken Arm in die Seite gestemmt, den
rechten weit vorstreckend nach der Mitte des Saals, dastand, war er
anzusehen, wie ein gebietender Held.

Doch immer strker und vernehmlicher wurde das Seufzen und chzen, und
nun fing es an abscheulicher als gestern an der Wand hin und her zu
kratzen. Da schritt der Alte vorwrts, gerade auf die zugemauerte Tr
los, mit festen Tritten, da der Fuboden erdrhnte. Dicht vor der
Stelle, wo es toller und toller kratzte, stand er still und sprach mit
starkem, feierlichem Ton, wie ich ihn nie gehrt:

Daniel, Daniel! was machst du hier zu dieser Stunde! Da kreischte es
auf grauenvoll und entsetzlich, und ein dumpfer Schlag geschah, wie
wenn eine Last zu Boden strzte. Suche Gnade und Erbarmen vor dem
Thron des Hchsten, dort ist dein Platz! Fort mit dir aus dem Leben,
dem du niemals mehr angehren kannst!

So rief der Alte noch gewaltiger als vorher, es war, als ginge ein
leises Gewimmer durch die Lfte und ersterbe im Sausen des Sturms, der
sich zu erheben begann. Da schritt der Alte nach der Tr und warf sie
zu, da es laut durch den den Vorsaal widerhallte.

In seiner Sprache, in seinen Gebrden lag etwas bermenschliches, das
mich mit tiefem Schauer erfllte. Als er sich in den Lehnstuhl setzte,
war sein Blick wie verklrt, er faltete seine Hnde, er betete im
Innern. So mochten einige Minuten vergangen sein, da frug er mit der
milden, tief in das Herz dringenden Stimme, die er so sehr in seiner
Macht hatte: Nun, Vetter? Von Schauer - Entsetzen - Angst - heiliger
Ehrfurcht und Liebe durchbebt, strzte ich auf die Kniee und benetzte
die mir dargebotene Hand mit heien Trnen. Der Alte schlo mich in
seine Arme, und indem er mich innig an sein Herz drckte, sprach er
sehr weich: Nun wollen wir auch recht sanft schlafen, lieber Vetter!

Es geschah auch so, und als sich in der folgenden Nacht durchaus
nichts Unheimliches verspren lie, gewannen wir die alte Heiterkeit
wieder, zum Nachteil der alten Baronessen, die, blieben sie auch in
der Tat ein wenig gespenstisch, mit ihrem abenteuerlichen Wesen, doch
nur ergtzlichen Spuk trieben, den der Alte auf possierliche Weise
anzuregen wute.

Endlich, nach mehreren Tagen, traf der Baron ein mit seiner Gemahlin
und zahlreichem Jagdgefolge, die geladenen Gste sammelten sich, und
nun ging in dem pltzlich lebendig gewordenen Schlosse das laute wilde
Treiben los, wie es vorhin beschrieben.

Als der Baron gleich nach seiner Ankunft in unsern Saal trat, schien
er ber unsern vernderten Aufenthalt auf seltsame Weise befremdet,
er warf einen dstern Blick auf die zugemauerte Tr, und schnell
sich abwendend, fuhr er mit der Hand ber die Stirn, als wolle er
irgendeine bse Erinnerung verscheuchen. Der Groonkel sprach von der
Verwstung des Gerichtssaals und der anstoenden Gemcher, der Baron
tadelte es, da Franz uns nicht besser einlogiert habe, und forderte
den Alten recht gemtlich auf, doch nur zu gebieten, wenn ihm irgend
etwas in dem neuen Gemach, das doch viel schlechter sei, als das, was
er sonst bewohnt, an seiner Bequemlichkeit abginge.

berhaupt war das Betragen des Barons gegen den alten Groonkel
nicht allein herzlich, sondern ihm mischte sich eine gewisse
kindliche Ehrfurcht bei, als stehe der Baron mit dem Alten in
verwandtschaftlichem Respektsverhltnis. Dies war aber auch das
einzige, was mich mit dem rauhen, gebieterischen Wesen des Barons,
das er immer mehr und mehr entwickelte, einigermaen zu vershnen
vermochte. Mich schien er wenig oder gar nicht zu beachten, er sah in
mir den gewhnlichen Schreiber.

Gleich das erstemal, als ich eine Verhandlung aufgenommen, wollte er
etwas in der Fassung unrichtig finden, das Blut wallte mir auf, und
ich war im Begriff, irgend etwas Schneidendes zu erwidern, als der
Groonkel, das Wort nehmend, versicherte, da ich denn nun einmal
alles recht nach seinem Sinne mache, und da dieser doch nur hier in
gerichtlicher Verhandlung walten knne.

Als wir allein waren, beschwerte ich mich bitter ber den Baron,
der mir immer mehr im Grunde der Seele zuwider werde. Glaube
mir, Vetter! erwiderte der Alte, da der Baron trotz seines
unfreundlichen Wesens der vortrefflichste, gutmtigste Mensch von der
Welt ist. Dieses Wesen hat er auch, wie ich dir schon sagte, erst seit
der Zeit angenommen, als er Majoratsherr wurde, vorher war er ein
sanfter, bescheidener Jngling. berhaupt ist es denn doch aber nicht
mit ihm so arg, wie du es machst, und ich mchte wohl wissen, warum er
dir so gar sehr zuwider ist.

Indem der Alte die letzten Worte sprach, lchelte er recht hhnisch,
und das Blut stieg mir siedend hei ins Gesicht. Mute mir nun nicht
mein Innres recht klar werden, mute ich es nicht deutlich fhlen, da
jenes wunderliche Hassen aufkeimte aus dem Lieben, oder vielmehr aus
dem Verlieben in ein Wesen, das mir das holdeste, hochherrlichste zu
sein schien, was jemals auf Erden gewandelt?

Dieses Wesen war niemand als die Baronesse selbst. Schon gleich als
sie angekommen und in einem russischen Zobelpelz, der knapp anschlo
an den zierlich gebauten Leib, das Haupt in reiche Schleier gewickelt,
durch die Gemcher schritt, wirkte ihre Erscheinung auf mich wie ein
mchtiger unwiderstehlicher Zauber. Ja, selbst der Umstand, da die
alten Tanten in verwunderlicheren Kleidern und Fontangen, als ich
sie noch gesehen, an beiden Seiten neben ihr her trippelten und ihre
franzsischen Bewillkommnungen herschnatterten, whrend sie, die
Baronin, mit unbeschreiblich milden Blicken um sich her schaute und
bald diesem, bald jenem freundlich zunickte, bald in dem rein tnenden
kurlndischen Dialekt einige deutsche Worte dazwischen fltete, schon
dieses gab ein wunderbar fremdartiges Bild, und unwillkrlich reihte
die Fantasie dies Bild an jenen unheimlichen Spuk, und die Baronesse
wurde der Engel des Lichts, dem sich die bsen gespenstischen Mchte
beugen.

Die wunderherrliche Frau tritt lebhaft vor meines Geistes Augen. Sie
mochte wohl damals kaum neunzehn Jahre zhlen, ihr Gesicht, ebenso
zart wie ihr Wuchs, trug den Ausdruck der hchsten Engelsgte,
vorzglich lag aber in dem Blick der dunklen Augen ein
unbeschreiblicher Zauber, wie feuchter Mondesstrahl ging darin eine
schwermtige Sehnsucht auf; so wie in ihrem holdseligen Lcheln ein
ganzer Himmel voll Wonne und Entzcken. Oft schien sie ganz in sich
selbst verloren, und dann gingen dstre Wolkenschatten ber ihr holdes
Antlitz.

Man htte glauben sollen, irgendein verstrender Schmerz msse sie
befangen, mir schien es aber, da wohl die dstere Ahnung einer
trben, unglcksschwangeren Zukunft es sei, von der sie in solchen
Augenblicken erfat werde, und auch damit setzte ich auf seltsame
Weise, die ich mir weiter gar nicht zu erklren wute, den Spuk im
Schlosse in Verbindung.

Den andern Morgen, nachdem der Baron angekommen, versammelte sich die
Gesellschaft zum Frhstck, der Alte stellte mich der Baronesse vor,
und wie es in solcher Stimmung, wie die meinige war, zu geschehen
pflegt, ich nahm mich unbeschreiblich albern, indem ich auf die
einfachen Fragen der holden Frau, wie es mir auf dem Schlosse gefalle
u.s., mich in die wunderlichsten sinnlosesten Reden verfing, so da
die alten Tanten meine Verlegenheit wohl lediglich dem profunden
Respekt vor der Herrin zuschrieben, sich meiner huldreich annehmen
zu mssen glaubten und mich in franzsischer Sprache als einen ganz
artigen und geschickten jungen Menschen, als einen garcon tres joli
anpriesen.

Das rgerte mich, und pltzlich mich ganz beherrschend, fuhr mir ein
Witzwort heraus in besserem Franzsisch, als die Alten es sprachen,
worauf sie mich mit groen Augen anguckten und die langen spitzen
Nasen reichlich mit Tabak bedienten.

An dem ernsteren Blick der Baronesse, mit dem sie sich von mir ab zu
einer anderen Dame wandte, merkte ich, da mein Witzwort hart an eine
Narrheit streifte, das rgerte mich noch mehr, und ich verwnschte die
Alten in den Abgrund der Hlle.

Die Zeit des schferischen Schmachtens, des Liebesunglcks in
kindischer Selbstbetrung hatte in mir der alte Groonkel lngst
wegironiert, und wohl merkt' ich, da die Baronin tiefer und mchtiger
als noch bis jetzt eine Frau mich in meinem innersten Gemt gefat
hatte. Ich sah, ich hrte nur sie, aber bewut war ich mir deutlich
und bestimmt, da es abgeschmackt, ja wahnsinnig sein wrde,
irgendeine Liebelei zu wagen, wiewohl ich auch die Unmglichkeit
einsah, wie ein verliebter Knabe von weitem zu staunen und anzubeten,
dessen ich mich selbst htte schmen mssen.

Der herrlichen Frau nherzutreten, ohne ihr nur mein inneres Gefhl
ahnen zu lassen, das se Gift ihrer Blicke, ihrer Worte einsaugen und
dann fern von ihr, sie lange, vielleicht immerdar im Herzen tragen,
das wollte und konnte ich. Diese romantische, ja wohl ritterliche
Liebe, wie sie mir aufging in schlafloser Nacht, spannte mich
dermaen, da ich kindisch genug war, mich selbst auf pathetische
Weise zu haranguieren und zuletzt sehr klglich zu seufzen:
Seraphine, ach Seraphine! so da der Alte erwachte und mir zurief:
Vetter! Vetter! ich glaube, du fantasierst mit lauter Stimme! Tu's
bei Tage, wenn's mglich ist, aber zur Nachtzeit la mich schlafen!

Ich war nicht wenig besorgt, da der Alte, der schon mein aufgeregtes
Wesen bei der Ankunft der Baronin wohl bemerkt, den Namen gehrt haben
und mich mit einem sarkastischen Spott berschtten werde, er sagte
am andern Morgen aber nichts weiter, als bei dem Hineingehen in
den Gerichtssaal: Gott gebe jedem gehrigen Menschenverstand und
Sorglichkeit, ihn in gutem Verschlu zu halten. Es ist schlimm, mir
nichts, dir nichts sich in einen Hasenfu umzusetzen. Hierauf nahm er
Platz an dem groen Tisch und sprach: Schreibe fein deutlich, lieber
Vetter! damit ich's ohne Ansto zu lesen vermag.

Die Hochachtung, ja die kindliche Ehrfurcht, die der Baron meinem
alten Groonkel erzeigte, sprach sich in allem aus. So mute er auch
bei Tische den ihm von vielen beneideten Platz neben der Baronesse
einnehmen, mich warf der Zufall bald hier-, bald dorthin, doch
pflegten gewhnlich ein paar Offiziere aus der nahen Hauptstadt mich
in Beschlag zu nehmen, um sich ber alles Neue und Lustige, was dort
geschehen, recht auszusprechen und dabei wacker zu trinken.

So kam es, da ich mehrere Tage hindurch ganz fern von der Baronesse,
am untern Ende des Tisches sa, bis mich endlich ein Zufall in ihre
Nhe brachte. Als der versammelten Gesellschaft der Esaal geffnet
wurde, hatte mich gerade die Gesellschafterin der Baronin, ein nicht
mehr ganz junges Frulein, aber sonst nicht hlich und nicht ohne
Geist, in ein Gesprch verwickelt, das ihr zu behagen schien. Der
Sitte gem mute ich ihr den Arm geben, und nicht wenig erfreut war
ich, als sie der Baronin ganz nahe Platz nahm, die ihr freundlich
zunickte.

Man kann denken, da nun alle Worte, die ich sprach, nicht mehr der
Nachbarin allein, sondern hauptschlich der Baronin galten. Mag es
sein, da meine innere Spannung allem, was ich sprach, einen besondern
Schwung gab, genug, das Frulein wurde aufmerksamer und aufmerksamer,
ja zuletzt unwiderstehlich hineingezogen in die bunte Welt stets
wechselnder Bilder, die ich ihr aufgehen lie.

Sie war, wie gesagt, nicht ohne Geist, und so geschah es bald, da
unser Gesprch, ganz unabhngig von den vielen Worten der Gste, die
hin und her streiften, auf seine eigene Hand lebte und dorthin, wohin
ich es haben wollte, einige Blitze sandte. Wohl merkt' ich nmlich,
da das Frulein der Baronin bedeutende Blicke zuwarf, und da diese
sich mhte uns zu hren. Vorzglich war dies der Fall, als ich, da
das Gesprch sich auf Musik gewandt, mit voller Begeisterung von
der herrlichen, heiligen Kunst sprach und zuletzt nicht verhehlte,
da ich, trockner, langweiliger Juristerei, der ich mich ergeben,
unerachtet, den Flgel mit ziemlicher Fertigkeit spiele, singe und
auch wohl schon manches Lied gesetzt habe.

Man war in den andern Saal getreten, um Kaffee und Likre zu nehmen,
da stand ich unversehens, selbst wute ich nicht wie, vor der Baronin,
die mit dem Frulein gesprochen. Sie redete mich sogleich an, indem
sie, doch freundlicher und in dem Ton, wie man mit einem Bekannten
spricht, jene Fragen, wie mir der Aufenthalt im Schlosse zusage u.s.,
wiederholte. Ich versicherte, da in den ersten Tagen die schauerliche
de der Umgebung, ja selbst das altertmliche Schlo mich seltsam
gestimmt habe, da aber eben in dieser Stimmung viel Herrliches
aufgegangen und da ich nur wnsche, der wilden Jagden, an die ich
nicht gewhnt, berhoben zu sein.

Die Baronin lchelte, indem sie sprach: Wohl kann ich's mir denken,
da Ihnen das wste Treiben in unsern Fhrenwldern nicht eben
behaglich sein kann. Sie sind Musiker, und tuscht mich nicht alles,
gewi auch Dichter! Mit Leidenschaft liebe ich beide Knste! - ich
spiele selbst etwas die Harfe, das mu ich nun in R..sitten entbehren,
denn mein Mann mag es nicht, da ich das Instrument mitnehme, dessen
sanftes Getn schlecht sich schicken wrde zu dem wilden Halloh, zu
dem gellenden Hrnergetse der Jagd, das sich hier nur hren lassen
soll! - O mein Gott! wie wrde mich hier Musik erfreun!

Ich versicherte, da ich meine ganze Kunst aufbieten werde, ihren
Wunsch zu erfllen, da es doch im Schlosse unbezweifelt ein
Instrument, sei es auch nur ein alter Flgel, geben werde. Da lachte
aber Frulein Adelheid (der Baronin Gesellschafterin) hell auf und
frug, ob ich denn nicht wisse, da seit Menschengedenken im Schlosse
keine andern Instrumente gehrt worden, als krchzende Trompeten, im
Jubel lamentierende Hrner der Jger und heisere Geigen, verstimmte
Bsse, meckernde Hoboen herumziehender Musikanten.

Die Baronin hielt den Wunsch, Musik und zwar mich zu hren, fest, und
beide, sie und Adelheid, erschpften sich in Vorschlgen, wie ein
leidliches Fortepiano herbeigeschafft werden knne. In dem Augenblick
schritt der alte Franz durch den Saal. Da haben wir den, der fr
alles guten Rat wei, der alles herbeischafft, selbst das Unerhrte
und Ungesehene!

Mit diesen Worten rief ihn Frulein Adelheid heran, und indem sie
ihm begreiflich machte, worauf es ankomme, horchte die Baronin mit
gefalteten Hnden, mit vorwrts gebeugtem Haupt, dem Alten mit mildem
Lcheln ins Auge blickend, zu. Gar anmutig war sie anzusehen, wie ein
holdes, liebliches Kind, das ein ersehntes Spielzeug nur gar zu gern
schon in Hnden htte. Franz, nachdem er in seiner weitlufigen Manier
mehrere Ursachen hergezhlt hatte, warum es denn schier unmglich sei,
in der Geschwindigkeit solch ein rares Instrument herbeizuschaffen,
strich sich endlich mit behaglichem Schmunzeln den Bart und sprach:
Aber die Frau Wirtschaftsinspektorin drben im Dorfe schlgt ganz
ungemein geschickt das Clavizimbel, oder wie sie es jetzt nennen mit
dem auslndischen Namen, und singt dazu so fein und lamentabel, da
einem die Augen rot werden wie von Zwiebeln und man hpfen mchte mit
beiden Beinen.

Und besitzt ein Fortepiano! fiel Frulein Adelheid ihm in die
Rede. Ei, freilich, fuhr der Alte fort, direkt aus Dresden ist es
gekommen - ein - O das ist herrlich, unterbrach ihn die Baronin
ein schnes Instrument, sprach der Alte weiter, aber ein wenig
schwchlich, denn als der Organist neulich das Lied: >In allen meinen
Taten< darauf spielen wollte, schlug er alles in Grund und Boden, so
da-

O mein Gott, riefen beide, die Baronin und Frulein Adelheid, so
da߫, fuhr der Alte fort, es mit schweren Kosten nach R - geschafft
und dort repariert werden mute. Ist es denn nun wieder hier? frug
Frulein Adelheid ungeduldig. Ei freilich, gndiges Frulein! und die
Frau Wirtschaftsinspektorin wird es sich zur Ehre rechnen.

In diesem Augenblick streifte der Baron vorber, er sah sich wie
befremdet nach unserer Gruppe um und flsterte spttisch lchelnd der
Baronin zu: Mu Franz wieder guten Rat erteilen? Die Baronin schlug
errtend die Augen nieder, und der alte Franz stand, erschrocken
abbrechend, den Kopf gerade gerichtet, die herabhngenden Arme dicht
an den Leib gedrckt, in soldatischer Stellung da.

Die alten Tanten schwammen in ihren stoffnen Kleidern auf uns zu
und entfhrten die Baronin. Ihr folgte Frulein Adelheid. Ich war
wie bezaubert stehen geblieben. Entzcken, da ich nun ihr, der
Angebeteten, die mein ganzes Wesen beherrschte, mich nahen werde,
kmpfte mit dsterm Mimut und rger ber den Baron, der mir als ein
rauher Despot erschien. War er dies nicht, durfte dann wohl der alte
eisgraue Diener so sklavisch sich benehmen?

Hrst du, siehst du endlich? rief der Groonkel, mir auf die
Schulter klopfend; wir gingen hinauf in unser Gemach. Drnge dich
nicht so an die Baronin, sprach er, als wir angekommen, wozu soll
das, berla es den jungen Gecken, die gern den Hof machen, und an
denen es ja nicht mangelt. - Ich erzhlte, wie alles gekommen, und
forderte ihn auf mir nun zu sagen, ob ich seinen Vorwurf verdiene, er
erwiderte aber darauf nichts als: Hm hm - zog den Schlafrock an,
setzte sich mit angezndeter Pfeife in den Lehnstuhl und sprach
von den Ereignissen der gestrigen Jagd, mich foppend ber meine
Fehlschsse.

Im Schlo war es still geworden, Herren und Damen beschftigten sich
in ihren Zimmern mit dem Putz fr die Nacht. Jene Musikanten mit den
heisern Geigen, mit den verstimmten Bssen und den meckernden Hoboen,
von denen Frulein Adelheid gesprochen, waren nmlich angekommen, und
es sollte fr die Nacht nichts Geringeres geben, als einen Ball in
bestmglicher Form.

Der Alte, den ruhigen Schlaf solch faselndem Treiben vorziehend, blieb
in seinem Gemach, ich hingegen hatte mich eben zum Ball gekleidet,
als es leise an unsere Tr klopfte und Franz hineintrat, der mir mit
behaglichem Lcheln verkndete, da soeben das Clavizimbel von der
Frau Wirtschaftsinspektorin in einem Schlitten angekommen und zur
gndigen Frau Baronin getragen worden sei. Frulein Adelheid liee
mich einladen, nur gleich herberzukommen.

Man kann denken, wie mir alle Pulse schlugen, mit welchem innern sen
Erbeben ich das Zimmer ffnete, in dem ich sie fand. Frulein Adelheid
kam mir freudig entgegen. Die Baronin, schon zum Ball vllig geputzt,
sa ganz nachdenklich vor dem geheimnisvollen Kasten, in dem die Tne
schlummern sollten, die zu wecken ich berufen.

Sie stand auf, so in vollem Glanz der Schnheit strahlend, da ich,
keines Wortes mchtig, sie anstarrte. Nun Theodor, (nach der
gemtlichen Sitte des Nordens, die man im tieferen Sden wiederfindet,
nannte sie jeden bei seinem Vornamen) nun, Theodor, sprach sie
freundlich, das Instrument ist gekommen, gebe der Himmel, da es
Ihrer Kunst nicht ganz unwrdig sein mge.

Sowie ich den Deckel ffnete, rauschten mir eine Menge gesprungener
Saiten entgegen, und sowie ich einen Akkord griff, klang es, da alle
Saiten, die noch ganz geblieben, durchaus verstimmt waren, widrig
und abscheulich. Der Organist ist wieder mit seinen zarten Hndchen
drber her gewesen, rief Frulein Adelheid lachend, aber die Baronin
sprach ganz mimutig: Das ist denn doch ein rechtes Unglck! ach,
ich soll denn hier nun einmal keine Freude haben! Ich suchte in dem
Behlter des Instruments und fand glcklicherweise einige Rollen
Saiten, aber durchaus keinen Stimmhammer! - Neue Klagen! - jeder
Schlssel, dessen Bart in die Wirbel passe, knne gebraucht werden,
erklrte ich; da liefen beide, die Baronin und Frulein Adelheid,
freudig hin und wieder, und nicht lange dauerte es, so lag ein ganzes
Magazin blanker Schlsselchen vor mir auf dem Resonanzboden.

Nun machte ich mich emsig drber her - Frulein Adelheid, die Baronin
selbst mhte sich mir beizu stehen, diesen - jenen Wirbel probierend
- Da zieht einer den trgen Schlssel an, es geht, es geht! riefen
sie freudig - Da rauscht die Saite, die sich schier bis zur Reinheit
herangechzt, gesprungen auf, und erschrocken fahren sie zurck!
Die Baronin hantiert mit den kleinen zarten Hndchen in den sprden
Drahtsaiten, sie reicht mir die Nummern, die ich verlange, und hlt
sorgsam die Rolle, die ich abwickle, pltzlich schnurrt eine auf, so
da die Baronin ein ungeduldiges Ach! ausstt - Frulein Adelheid
lacht laut auf, ich verfolge den verwirrten Knuel bis in die Ecke des
Zimmers, und wir alle suchen aus ihm noch eine gerade unzerknickte
Saite herauszuziehen, die dann aufgezogen zu unserm Leidwesen wieder
springt - aber endlich - endlich sind gute Rollen gefunden, die Saiten
fangen an zu stehen, und aus dem mitnigen Summen gehen allmhlich
klare, reine Akkorde hervor!

Ach, es glckt, es glckt - das lnstrument stimmt sich! ruft die
Baronin, indem sie mich mit holdem Lcheln anblickt! - Wie schnell
vertrieb dies gemeinschaftliche Mhen alles Fremde, Nchterne,
das die Konvenienz hinstellt, wie ging unter uns eine heimische
Vertraulichkeit auf, die, ein elektrischer Hauch mich durchglhend,
die verzagte Beklommenheit, welche wie Eis auf meiner Brust lag,
schnell wegzehrte.

Jener seltsame Pathos, wie ihn solche Verliebtheit, wie die meinige,
wohl erzeugt, hatte mich ganz verlassen und so kam es, da, als nun
endlich das Pianoforte leidlich gestimmt war, ich, statt, wie ich
gewollt, meine innern Gefhle in Fantasien recht laut werden zu
lassen, in jene se liebliche Kanzonetten verfiel, wie sie aus dem
Sden zu uns herbergeklungen.

Whrend dieser Senza di te - dieser Sentimi idol mio, dieser
Almen se non poss'io und hundert morir mi sento's und Addio's
und Oh dio's wurden leuchtender und leuchtender Seraphinens Blicke.
Sie hatte sich dicht neben mir an das Instrument gesetzt, ich fhlte
ihren Atem an meiner Wange spielen; indem sie ihren Arm hinter mir
auf die Stuhllehne sttzte, fiel ein weies Band, das sich von dem
zierlichen Ballkleide losgenestelt, ber meine Schulter und flatterte,
von meinen Tnen, von Seraphinens leisen Seufzern berhrt, hin und
her wie ein getreuer Liebesbote! Es war zu verwundern, da ich den
Verstand behielt!

Als ich, mich auf irgendein neues Lied besinnend, in den Akkorden
herumfuhr, sprang Frulein Adelheid, die in einer Ecke des Zimmers
gesessen, herbei, kniete vor der Baronin hin und bat, ihre beiden
Hnde erfassend und an die Brust drckend: O liebe Baronin
Seraphinchen, nun mut du auch singen! Die Baronin erwiderte: Wo
denkst du aber auch hin, Adelheid! - wie mag ich mich denn vor unserm
Virtuosen da mit meiner elenden Singerei hren lassen!

Es war lieblich anzuschauen, wie sie, gleich einem frommverschmten
Kinde, die Augen niederschlagend und hocherrtend mit der Lust und mit
der Scheu kmpfte.

Man kann denken, wie ich sie anflehte, und, als sie kleine
kurlndische Volkslieder erwhnte, nicht nachlie, bis sie, mit der
linken Hand herberlangend, einige Tne auf dem Instrument versuchte,
wie zur Einleitung. Ich wollte ihr Platz machen am Instrument, sie
lie es aber nicht zu, indem sie versicherte, da sie nicht eines
einzigen Akkordes mchtig sei, und da ebendeshalb ihr Gesang ohne
Begleitung sehr mager und unsicher klingen werde.

Nun fing sie mit zarter, glockenreiner, tief aus dem Herzen tnender
Stimme ein Lied an, dessen einfache Melodie ganz den Charakter jener
Volkslieder trug, die so klar aus dem Innern herausleuchten, da wir
in dem hellen Schein, der uns umfliet, unsere hhere poetische Natur
erkennen mssen.

Ein geheimnisvoller Zauber liegt in den unbedeutenden Worten des
Textes, der zur Hieroglyphe des Unaussprechlichen wird, von dem unsere
Brust erfllt. Wer denkt nicht an jene spanische Kanzonetta, deren
Inhalt den Worten nach nicht viel mehr ist, als: Mit meinem Mdchen
schifft' ich auf dem Meer, da wurd' es strmisch, und mein Mdchen
wankte furchtsam hin und her. Nein! nicht schiff' ich wieder mit
meinem Mdchen auf dem Meer! So sagte der Baronin Liedlein nichts
weiter: Jngst tanzt' ich mit meinem Schatz auf der Hochzeit, da
fiel mir eine Blume aus dem Haar, die hob er auf und gab sie mir und
sprach: >Wann, mein Mdchen, gehn wir wieder zur Hochzeit?<

Als ich bei der zweiten Strophe dies Liedchen in harpeggierenden
Akkorden begleitete, als ich in der Begeisterung, die mich erfat,
die Melodien der folgenden Lieder gleich von den Lippen der Baronin
wegstahl, da erschien ich ihr und der Frulein Adelheid wie der grte
Meister der Tonkunst, sie berhuften mich mit Lobsprchen. Die
angezndeten Lichter des Ballsaals im Seitenflgel brannten hinein in
das Gemach der Baronin, und ein mitniges Geschrei von Trompeten und
Hrnern verkndete, da es Zeit sei, sich zum Ball zu versammeln.

Ach, nun mu ich fort, rief die Baronin, ich sprang auf vom
Instrument. Sie haben mir eine herrliche Stunde bereitet - es waren
die heitersten Momente, die ich jemals hier in R..sitten verlebte.

Mit diesen Worten reichte mir die Baronin die Hand; als ich sie im
Rausch des hchsten Entzckens an die Lippen drckte, fhlte ich ihre
Finger heftig pulsierend an meiner Hand anschlagen! Ich wei nicht,
wie ich in des Groonkels Zimmer, wie ich dann in den Ballsaal kam. -
Jener Gaskogner frchtete die Schlacht, weil jede Wunde ihm tdlich
werden msse, da er ganz Herz sei! - Ihm mochte ich, ihm mag jeder in
meiner Stimmung gleichen! Jede Berhrung wird tdlich. Der Baronin
Hand, die pulsierenden Finger hatten mich getroffen wie vergiftete
Pfeile, mein Blut brannte in den Adern!

Ohne mich gerade auszufragen, hatte der Alte am andern Morgen doch
bald die Geschichte des mit der Baronin verlebten Abends heraus, und
ich war nicht wenig betreten, als er, der mit lachendem Munde und
heitrem Tone gesprochen, pltzlich sehr ernst wurde und anfing: Ich
bitte dich, Vetter, widerstehe der Narrheit, die dich mit aller Macht
ergriffen! Wisse, da dein Beginnen, so harmlos wie es scheint, die
entsetzlichsten Folgen haben kann, du stehst in achtlosem Wahnsinn
auf dnner Eisdecke, die bricht unter dir, ehe du dich es versiehst,
und du plumpst hinein. Ich werde mich hten, dich am Rockscho
festzuhalten, denn ich wei, du rappelst dich selbst wieder heraus
und sprichst, zum Tode erkrankt: >Das bichen Schnupfen bekam ich
im Traume<; aber ein bses Fieber wird zehren an deinem Lebensmark,
und Jahre werden hingehen, ehe du dich ermannst. Hol' der Teufel
deine Musik, wenn du damit nichts Besseres anzufangen weit, als
empfindelnde Weiber hinauszutrompeten aus friedlicher Ruhe.

Aber, unterbrach ich den Alten, kommt es mir denn in den Sinn, mich
bei der Baronin einzuliebeln? Affe! rief der Alte, wt' ich das,
so wrfe ich dich hier durchs Fenster!

Der Baron unterbrach das peinliche Gesprch, und das beginnende
Geschft ri mich auf aus der Liebestrumerei, in der ich nur
Seraphinen sah und dachte. In der Gesellschaft sprach die Baronin nur
dann und wann mit mir einige freundliche Worte, aber beinahe kein
Abend verging, da nicht heimliche Botschaft kam von Frulein
Adelheid, die mich hinrief zu Seraphinen. Bald geschah es, da
mannigfache Gesprche mit der Musik wechselten. Frulein Adelheid, die
beinahe nicht jung genug war, um so naiv und drollig zu sei, sprang
mit allerlei lustigem und etwas konfusem Zeuge dazwischen, wenn ich
und Seraphine uns zu vertiefen begannen in sentimentale Ahnungen und
Trumereien. Aus mancher Andeutung mut' ich bald erfahren, da der
Baronin wirklich irgend etwas Verstrendes im Sinn liege, wie ich
es gleich, als ich sie zum ersten Male sah, in ihrem Blick zu lesen
glaubte, und die feindliche Wirkung des Hausgespenstes ging mir ganz
klar auf. Irgend etwas Entsetzliches war oder sollte geschehen. Wie
oft drngte es mich, Seraphinen zu erzhlen, wie mich der unsichtbare
Feind berhrt, und wie ihn der Alte, gewi fr immer, gebannt habe,
aber eine mir selbst unerklrliche Scheu fesselte mir die Zunge in dem
Augenblick, als ich reden wollte.

Eines Tages fehlte die Baronin bei der Mittagstafel; es hie, sie
krnkle und knne das Zimmer nicht verlassen. Teilnehmend frug man
den Baron, ob das bel von Bedeutung sei. Er lchelte auf fatale
Art, recht wie bitter hhnend, und sprach: Nichts als ein leichter
Katarrh, den ihr die rauhe Seeluft zugeweht, die nun einmal hier kein
ses Stimmchen duldet und keine andern Tne leidet, als das derbe
Halloh der Jagd. - Bei diesen Worten warf der Baron mir, der ihm
schrgber sa, einen stechenden Blick zu.

Nicht zu dem Nachbar, zu mir hatte er gesprochen. Frulein Adelheid,
die neben mir sa, wurde blutrot; vor sich hin auf den Teller starrend
und mit der Gabel darauf herumkritzelnd, lispelte sie: Und noch heute
siehst du Seraphinen, und noch heute werden deine sen Liederchen
beruhigend sich an das kranke Herz legen. Auch Adelheid sprach diese
Worte fr mich, aber in dem Augenblick war es mir, als stehe ich mit
der Baronin in unlauterm verbotenem Liebesverhltnis, das nur mit dem
Entsetzlichen, mit einem Verbrechen, endigen knne.

Die Warnungen des Alten fielen mir schwer aufs Herz. - Was sollte ich
beginnen! Sie nicht mehr sehen? - Das war, solange ich im Schlosse
blieb, unmglich, und durfte ich auch das Schlo verlassen und nach K.
zurckgehen, ich vermochte es nicht. Ach! nur zu sehr fhlt' ich, da
ich nicht stark genug war, mich selbst aufzurtteln aus dem Traum,
der mich mit fantastischem Liebesglck neckte. Adelheid erschien mir
beinahe als gemeine Kupplerin, ich wollte sie deshalb verachten und
doch, mich wieder besinnend, mute ich mich meiner Albernheit schmen.

Was geschah in jenen seligen Abendstunden, das nur im mindesten ein
nheres Verhltnis mit Seraphinen, als Sitte und Anstand es erlaubten,
herbeifhren konnte? Wie durfte es mir einfallen, da die Baronin
irgend etwas fr mich fhlen sollte, und doch war ich von der Gefahr
meiner Lage berzeugt!

Die Tafel wurde zeitiger aufgehoben, weil es noch auf Wlfe gehen
sollte, die sich in dem Fhrenwalde, ganz nahe dem Schlosse, hatten
blicken lassen. Die Jagd war mir recht in meiner aufgeregten Stimmung,
ich erklrte dem Alten, mitziehn zu wollen, er lchelte mich zufrieden
an, sprechend: Das ist brav, da du auch einmal dich herausmachst,
ich bleibe heim, du kannst meine Bchse nehmen, und schnalle auch
meinen Hirschfnger um, im Fall der Not ist das eine gute sichre
Waffe, wenn man nur gleichmtig bleibt.

Der Teil des Waldes, in dem die Wlfe lagern muten, wurde von den
Jgern umstellt. Es war schneidend kalt, der Wind heulte durch die
Fhren und trieb mir die hellen Schneeflocken ins Gesicht, da ich,
als nun vollends die Dmmerung einbrach, kaum sechs Schritte vor mir
hinschauen konnte. Ganz erstarrt verlie ich den mir angewiesenen
Platz und suchte Schutz tiefer im Walde. Da lehnte ich an einem Baum,
die Bchse unterm Arm. Ich verga die Jagd, meine Gedanken trugen mich
fort zu Seraphinen ins heimische Zimmer. Ganz entfernt fielen Schsse,
in demselben Moment rauschte es im Rhricht, und nicht zehn Schritte
von mir erblickte ich einen starken Wolf, der vorberrennen wollte.

Ich legte an, drckte ab, - ich hatte gefehlt, das Tier sprang mit
glhenden Augen auf mich zu, ich war verloren, hatte ich nicht
Besonnenheit genug, das Jagdmesser herauszureien, das ich dem Tier,
als es mich packen wollte, tief in die Gurgel stie, so da das Blut
mir ber Hand und Arm spritzte. Einer von den Jgern des Barons, der
mir unfern gestanden, kam nun mit vollem Geschrei herangelaufen, und
auf seinen wiederholten Jagdruf sammelten sich alle um uns.

Der Baron eilte auf mich zu: Um des Himmels willen. Sie bluten? - Sie
bluten - Sie sind verwundet? Ich versicherte das Gegenteil; da fiel
der Baron ber den Jger her, der mir der nchste gestanden, und
berhufte ihn mit Vorwrfen, da er nicht nachgeschossen, als ich
gefehlt, und unerachtet dieser versicherte, da das gar nicht mglich
gewesen, weil in derselben Sekunde der Wolf auf mich zugestrzt, so
da jeder Schu mich htte treffen knnen, so blieb doch der Baron
dabei, da er mich, als einen minder erfahrnen Jger, in besondere
Obhut htte nehmen sollen.

Unterdessen hatten die Jger das Tier aufgehoben, es war das grte
der Art, das sich seit langer Zeit hatte sehen lassen, und man
bewunderte allgemein meinen Mut und meine Entschlossenheit, unerachtet
mir mein Benehmen sehr natrlich schien, und ich in der Tat an die
Lebensgefahr, in der ich schwebte, gar nicht gedacht hatte.

Vorzglich bewies sich der Baron teilnehmend, er konnte gar nicht
aufhren zu fragen, ob ich, sei ich auch nicht von der Bestie
verwundet, doch nichts von den Folgen des Schrecks frchte. Es ging
zurck nach dem Schlosse, der Baron fate mich, wie einen Freund,
unter den Arm, die Bchse mute ein Jger tragen. Er sprach noch
immer von meiner heroischen Tat, so da ich am Ende selbst an meinen
Heroismus glaubte, alle Befangenheit verlor und mich selbst dem
Baron gegenber als ein Mann von Mut und seltener Entschlossenheit
festgestellt fhlte.

Der Schulknabe hatte sein Examen glcklich bestanden, war kein
Schulknabe mehr, und alle demtige ngstlichkeit des Schulknaben
war von ihm gewichen. Erworben schien mir jetzt das Recht, mich
um Seraphinens Gunst zu mhen. Man wei ja, welcher albernen
Zusammenstellungen die Fantasie eines verliebten Jnglings fhig ist.

Im Schlosse, am Kamin bei dem rauchenden Punschnapf, blieb ich der
Held des Tages; nur der Baron selbst hatte auer mir noch einen
tchtigen Wolf erlegt, die brigen muten sich begngen, ihre
Fehlschsse dem Wetter - der Dunkelheit zuzuschreiben und greuliche
Geschichten von sonst auf der Jagd erlebtem Glck und berstandener
Gefahr zu erzhlen.

Von dem Alten glaubte ich nun gar sehr gelobt und bewundert zu werden;
mit diesem Anspruch erzhlte ich ihm mein Abenteuer ziemlich breit und
verga nicht, das wilde, blutdrstige Ansehn der wilden Bestie mit
recht grellen Farben auszumalen. Der Alte lachte mir aber ins Gesicht
und sprach: Gott ist mchtig in den Schwachen!

Als ich des Trinkens, der Gesellschaft berdrssig, durch den Korridor
nach dem Gerichtssaal schlich, sah ich vor mir eine Gestalt, mit dem
Licht in der Hand, hineinschlpfen. In den Saal tretend, erkannte ich
Frulein Adelheid. Mu man nicht umherirren wie ein Gespenst, wie ein
Nachtwandler, um Sie, mein tapferer Wolfsjger, aufzufinden! - So
lispelte sie mir zu, indem sie mich bei der Hand ergriff.

Die Worte: Nachtwandler - Gespenst, fielen mir, hier an diesem Orte
ausgesprochen, schwer aufs Herz; augenblicklich brachten sie mir die
gespenstischen Erscheinungen jener beiden graulichen Nchte in Sinn
und Gedanken, wie damals heulte der Seewind in tiefen Orgeltnen
herber, es knatterte und pfiff schauerlich durch die Bogenfenster,
und der Mond warf sein bleiches Licht gerade auf die geheimnisvolle
Wand, an der sich das Kratzen vernehmen lie. Ich glaubte Blutflecke
daran zu erkennen.

Frulein Adelheid mute, mich noch immer bei der Hand haltend, die
Eisklte fhlen, die mich durchschauerte. Was ist Ihnen, was ist
Ihnen, sprach sie leise, Sie erstarren ja ganz? - Nun, ich will
Sie ins Leben rufen. Wissen Sie wohl, da die Baronin es gar nicht
erwarten kann, Sie zu sehen? Eher glaubt sie nicht, da der bse Wolf
Sie wirklich nicht zerrissen hat. Sie ngstigt sich unglaublich! Ei,
ei, mein Freund, was haben Sie mit Seraphinchen angefangen! Noch
niemals habe ich sie so gesehen. - Hu! - wie jetzt der Puls anfngt zu
prickeln! - wie der tote Herr so pltzlich erwacht ist! Nein, kommen
Sie - fein leise - wir mssen zur kleinen Baronin!

Ich lie mich schweigend fortziehen; die Art, wie Adelheid von der
Baronin sprach, schien mir unwrdig, und vorzglich die Andeutung des
Verstndnisses zwischen uns gemein. Als ich mit Adelheid eintrat,
kam Seraphine mir mit einem leisen Ach! drei - vier Schritte rasch
entgegen, dann blieb sie, wie sich besinnend, mitten im Zimmer stehen,
ich wagte, ihre Hand zu ergreifen und sie an meine Lippen zu drcken.

Die Baronin lie ihre Hand in der meinigen ruhen, indem sie sprach:
Aber mein Gott, ist es denn Ihres Berufs, es mit Wlfen aufzunehmen?
Wissen Sie denn nicht, da Orpheus', Amphions fabelhafte Zeit
lngst vorber ist, und da die wilden Tiere allen Respekt vor den
vortrefflichsten Sngern ganz verloren haben?

Diese anmutige Wendung, mit der die Baronin ihrer lebhaften Teilnahme
sogleich alle Mideutung abschnitt, brachte mich augenblicklich in
richtigen Ton und Takt. Ich wei selbst nicht, wie es kam, da ich
nicht, wie gewhnlich, mich an das Instrument setzte, sondern neben
der Baronin auf dem Kanapee Platz nahm.

Mit dem Wort: Und wie kamen Sie denn in Gefahr? erwies sich unser
Einverstndnis, da es heute nicht auf Musik, sondern auf Gesprch
abgesehen sei. Nachdem ich meine Abenteuer im Walde erzhlt und der
lebhaften Teilnahme des Barons erwhnt, mit der leisen Andeutung, da
ich ihn deren nicht fr fhig gehalten, fing die Baronin mit sehr
weicher, beinahe wehmtiger Stimme an: O, wie mu Ihnen der Baron so
strmisch, so rauh vorkommen, aber glauben Sie mir, nur whrend des
Aufenthalts in diesen finstern unheimlichen Mauern, nur whrend des
wilden Jagens in den den Fhrenwldern ndert er sein ganzes Wesen,
wenigstens sein ueres Betragen. Was ihn vorzglich so ganz und gar
verstimmt, ist der Gedanke, der ihn bestndig verfolgt, da hier
irgend etwas Entsetzliches geschehen werde: daher hat ihn Ihr
Abenteuer, das zum Glck ohne ble Folgen blieb, gewi tief
erschttert.

Nicht den geringsten seiner Diener will er der mindesten Gefahr
ausgesetzt wissen, viel weniger einen lieben neugewonnenen Freund,
und ich wei gewi, da Gottlieb, dem er schuld gibt, Sie im Stiche
gelassen zu haben, wo nicht mit Gefngnis bestraft werden, doch die
beschmende Jgerstrafe dulden wird, ohne Gewehr, mit einem Knittel in
der Hand, sich dem Jagdgefolge anschlieen zu mssen.

Schon, da solche Jagden, wie hier, nie ohne Gefahr sind, und da der
Baron, immer Unglck befrchtend, doch in der Freude und Lust daran
selbst den bsen Dmon neckt, bringt etwas Zerrissenes in sein Leben,
das feindlich selbst auf mich wirken mu. Man erzhlt viel Seltsames
von dem Ahnherrn, der das Majorat stiftete, und ich wei es wohl, da
ein dsteres Familiengeheimnis, das in diesen Mauern verschlossen, wie
ein entsetzlicher Spuk die Besitzer wegtreibt und es ihnen nur mglich
macht, eine kurze Zeit hindurch im lauten wilden Gewhl auszudauern.

Aber ich! wie einsam mu ich mich in diesem Gewhl befinden, und wie
mu mich das Unheimliche, das aus allen Wnden weht, im Innersten
aufregen! Sie, mein lieber Freund, haben mir die ersten heitern
Augenblicke, die ich hier verlebte, durch Ihre Kunst verschafft! - wie
kann ich Ihnen denn herzlich genug dafr danken! - Ich kte die mir
dargebotenen Hand, indem ich erklrte, da auch ich gleich am ersten
Tage oder vielmehr in der ersten Nacht das Unheimliche des Aufenthalts
bis zum tiefsten Entsetzen gefhlt habe.

Die Baronin blickte mir starr ins Gesicht, als ich jenes Unheimliche
der Bauart des ganzen Schlosses, vorzglich den Verzierungen im
Gerichtssaal, dem sausenden Seewinde u.s.w. zuschrieb. Es kann sein,
da Ton und Ausdruck darauf hindeuteten, da ich noch etwas anderes
meine, genug, als ich schwieg, rief die Baronin heftig: Nein, nein -
es ist Ihnen irgend etwas Entsetzliches geschehen in jenem Saal, den
ich nie ohne Schauer betrete! - ich beschwre Sie - sagen Sie mir
alles!-

Zur Totenblsse war Seraphinens Gesicht verbleicht, ich sah wohl
ein, da es nun geratener sei, da ich alles, was mir widerfahren,
getreulich zu erzhlen, als Seraphinens aufgeregter Fantasie es zu
berlassen, vielleicht einen Spuk, der in mir unbekannter Beziehung,
noch schrecklicher sein konnte als der erlebte, sich auszubilden. Sie
hrte mich an, und immer mehr und mehr stieg ihre Beklommenheit und
Angst. Als ich des Kratzens an der Wand erwhnte, schrie sie auf:
Das ist entsetzlich - ja, ja in dieser Mauer ist jenes frchterliche
Geheimnis verborgen!

Als ich dann weiter erzhlte, wie der Alte mit geistiger Gewalt und
bermacht den Spuk gebannt, seufzte sie tief, als wrde sie frei von
einer schweren Last, die ihre Brust gedrckt. Sich zurcklehnend,
hielt sie beide Hnde vors Gesicht. Erst jetzt bemerkte ich, da
Adelheid uns verlassen.

Lngst hatte ich geendet, und da Seraphine noch immer schwieg,
stand ich leise auf, ging an das Instrument und mhte mich, in
anschwellenden Akkorden trstende Geister heraufzurufen, die
Seraphinen dem finstern Reiche, das sich ihr in meiner Erzhlung
erschlossen, entfhren sollten. Bald intonierte ich so zart, als ich
es vermochte, eine jener heiligen Kanzonen des Abbate Steffani.

In den wehmutsvollen Klngen des: Ooi, perch piangete - erwachte
Seraphine aus dstern Trumen und horchte mild lchelnd, glnzende
Perlen in den Augen, mir zu. - Wie geschah es denn, da ich vor ihr
hinkniete, da sie sich zu mir herabbeugte, da ich sie mit meinen
Armen umschlang, da ein langer glhender Ku auf meinen Lippen
brannte? - Wie geschah es denn, da ich nicht die Besinnung verlor,
da ich es fhlte, wie sie sanft mich an sich drckte, da ich sie aus
meinen Armen lie und, schnell mich emporrichtend, an das Instrument
trat?

Von mir abgewendet, ging die Baronin einige Schritte nach dem Fenster
hin, dann kehrte sie um und trat mit einem beinahe stolzen Anstande,
der ihr sonst gar nicht eigen, auf mich zu. Mir fest ins Auge
blickend, sprach sie: Ihr Onkel ist der wrdigste Greis, den
ich kenne, er ist der Schutzengel unserer Familie - mge er mich
einschlieen in sein frommes Gebet!

Ich war keines Wortes mchtig, verderbliches Gift, das ich in jenem
Kusse eingezogen, grte und flammte in allen Pulsen, in allen Nerven!
- Frulein Adelheid trat herein - die Wut des innern Kampfes strmte
aus in heien Trnen, die ich nicht zurckzudrngen vermochte!
Adelheid blickte mich verwundert und zweifelhaft lchelnd an - ich
htte sie ermorden knnen. Die Baronin reichte mir die Hand und sprach
mit unbeschreiblicher Milde: Leben Sie wohl, mein lieber Freund! -
Leben Sie recht wohl, denken Sie daran, da vielleicht niemand besser
als ich Ihre Musik verstand. - Ach! diese Tne werden lange - lange in
meinem Innern wiederklingen.

Ich zwang mir einige unzusammenhngende alberne Worte ab und lief nach
unserm Gemach. Der Alte hatte sich schon zur Ruhe begeben. Ich blieb
im Saal, ich strzte auf die Knie, ich weinte laut - ich rief den
Namen der Geliebten, kurz, ich berlie mich den Torheiten des
verliebten Wahnsinns trotz einem, und nur der laute Zuruf des ber
mein Toben aufgewachten Alten: Vetter, ich glaube du bist verrckt
geworden oder balgst dich aufs neue mit einem Wolf? - Schier dich zu
Bette, wenn es dir sonst gefllig ist- nur dieser Zuruf trieb mich
hinein ins Gemach, wo ich mich mit dem festen Vorsatz niederlegte, nur
von Seraphinen zu trumen.

Es mochte schon nach Mitternacht sein, als ich, noch nicht
eingeschlafen, entfernte Stimmen, ein Hin- und Herlaufen und das
ffnen und Zuschlagen von Tren zu vernehmen glaubte. Ich horchte auf,
da hrte ich Tritte auf dem Korridor sich nahen, die Tr des Saals
wurde geffnet, und bald klopfte es an unser Gemach.

Wer ist da? rief ich laut; da sprach es drauen: Herr Justitiarius
- Herr Justitiarius, wachen Sie auf - wachen Sie auf! Ich erkannte
Franzens Stimme, und indem ich frug: Brennt es im Schlosse? wurde
der Alte wach und rief: Wo brennt es? wo ist schon wieder verdammter
Teufelsspuk los? Ach, stehen Sie auf, Herr Justitiarius, sprach
Franz, stehen Sie auf, der Herr Baron verlangt nach Ihnen! Was will
der Baron von mir, frug der Alte weiter, was will er von mir zur
Nachtzeit? wei er nicht, da das Justitiariat mit dem Justitiarius zu
Bette geht und ebensogut schlft, als er?

Ach, rief nun Franz ngstlich, lieber Herr Justitiarius, stehen Sie
doch nur auf - die gndige Frau Baronin liegt im Sterben! Mit einem
Schrei des Entsetzens fuhr ich auf. ffne Franzen die Tr, rief mir
der Alte zu; besinnungslos wankte ich im Zimmer herum, ohne Tr und
Schlo zu finden. Der Alte mute mir beistehen, Franz trat bleich mit
verstrtem Gesicht herein und zndete die Lichter an.

Als wir uns kaum in die Kleider geworfen, hrten wir schon den Baron
im Saal rufen: Kann ich Sie sprechen, lieber V? Warum hast du dich
angezogen, Vetter, der Baron hat nur nach mir verlangt? frug der
Alte, im Begriff herauszutreten. Ich mu hinab - ich mu sie sehen
und dann sterben, sprach ich dumpf und wie vernichtet vom trostlosen
Schmerz.

Ja so! da hast du recht, Vetter! Dies sprechend, warf mir der Alte
die Tr vor der Nase zu, da die Angeln klirrten, und verschlo sie
von drauen. Im ersten Augenblick, ber diesen Zwang emprt, wollt'
ich die Tr einrennen, aber mich schnell besinnend, da dieses nur die
verderblichen Folgen einer ungezgelten Raserei haben knne, beschlo
ich, die Rckkehr des Alten abzuwarten, dann aber, koste es, was es
wolle, seiner Aufsicht zu entschlpfen.

Ich hrte den Alten heftig mit dem Baron reden, ich hrte mehrmals
meinen Namen nennen, ohne weiteres verstehen zu knnen. Mit jeder
Sekunde wurde mir meine Lage tdlicher. Endlich vernahm ich, wie dem
Baron eine Botschaft gebracht wurde, und wie er schnell davonrannte.
Der Alte trat wieder in das Zimmer Sie ist tot mit diesem Schrei
strzte ich dem Alten entgegen Und du bist nrrisch! fiel er
gelassen ein, fate mich und drckte mich in einen Stuhl. lch mu
hinab, schrie ich, Ich mu hinab, sie sehen, und sollt' es mir das
Leben kosten!

Tue das, lieber Vetter, sprach der Alte, indem er die Tr verschlo,
den Schlssel abzog und in die Tasche steckte. Nun flammte ich auf in
toller Wut, ich griff nach der geladenen Bchse und schrie: Hier vor
Ihren Augen jage ich mir die Kugel durch den Kopf, wenn Sie nicht
sogleich mir die Tr ffnen. Da trat der Alte dicht vor mir hin
und sprach, indem er mich mit durchbohrendem Blick ins Auge fate:
Glaubst du, Knabe, da du mich mit deiner armseligen Drohung
erschrecken kannst? - Glaubst du, da mir dein Leben was wert ist,
wenn du vermagst, es in kindischer Albernheit wie ein abgenutztes
Spielzeug wegzuwerfen? Was hast du mit dem Weibe des Barons zu
schaffen? - wer gibt dir das Recht, dich wie ein berlstiger Geck da
hinzudrngen, wo du nicht hingehrst, und wo man dich auch gar nicht
mag? Willst du den liebenden Schfer machen in ernster Todesstunde?

Ich sank vernichtet in den Lehnstuhl - Nach einer Weile fuhr der
Alte mit milderer Stimme fort: Und damit du es nur weit, mit der
angeblichen Todesgefahr der Baronin ist es wahrscheinlich ganz und gar
nichts - Frulein Adelheid ist denn nun gleich auer sich ber alles,
wenn ihr ein Regentropfen auf die Nase fllt, so schreit sie: >Welch
ein schreckliches Unwetter!< Zum Unglck ist der Feuerlrm bis zu den
alten Tanten gedrungen, die sind unter unziemlichem Weinen mit einem
ganzen Arsenal von strkenden Tropfen - Lebenselixieren, und was wei
ich sonst, angerckt - Eine starke Anwandlung von Ohnmacht.

Der Alte hielt inne, er mochte bemerken, wie ich im Innern kmpfte. Er
ging einigemal die Stube auf und ab, stellte sich wieder vor mir hin,
lachte recht herzlich und sprach: Vetter, Vetter! was treibst du fr
nrrisches Zeug? Nun! es ist einmal nicht anders, der Satan treibt
hier seinen Spuk auf mancherlei Weise, du bist ihm ganz lustig in die
Krallen gelaufen, und er macht jetzt sein Tnzchen mit dir.

Er ging wieder einige Schritte auf und ab, dann sprach er weiter: Mit
dem Schlaf ist's nun einmal vorbei, und da dcht' ich, man rauchte
eine Pfeife und brchte so noch die paar Stndchen Nacht und
Finsternis hin! - Mit diesen Worten nahm der Alte eine tnerne Pfeife
vom Wandschrank herab und stopfte sie, ein Liedchen brummend, langsam
und sorgfltig. Dann suchte er unter vielen Papieren, bis er ein Blatt
herausri, es zum Fidibus zusammenknetete und ansteckte.

Die dicken Rauchwolken von sich blasend, sprach er zwischen den
Zhnen: Nun, Vetter, wie war es mit dem Wolf? Ich wei nicht, wie
dies ruhige Treiben des Alten seltsam auf mich wirkte. - Es war, als
sei ich gar nicht mehr in R..sitten - die Baronin weit weit von mir
entfernt, so da ich sie nur mit den geflgelten Gedanken erreichen
knne! - Die letzte Frage des Alten verdro mich. Aber, fiel ich
ein, finden Sie mein Jagdabenteuer so lustig, so zum Besptteln
geeignet?

Mitnichten, erwiderte der Alte, mitnichten, Herr Vetter, aber du
glaubst nicht, welch komisches Gesicht solch ein Kiekindiewelt wie
du schneidet, und wie er sich berhaupt so possierlich dabei macht,
wenn der liebe Gott ihn einmal wrdigt, was Besonderes ihm passieren
zu lassen. Ich hatte einen akademischen Freund, der ein stiller,
besonnener, mit sich einiger Mensch war. Der Zufall verwickelte ihn,
der nie Anla zu dergleichen gab, in eine Ehrensache, und er, den die
mehresten Burschen fr einen Schwchling, fr einen Pinsel hielten,
benahm sich dabei mit solchem ernstem entschlossenem Mute, da alle
ihn hchlich bewunderten.

Aber seit der Zeit war er auch umgewandelt. Aus dem fleiigen
besonnenen Jnglinge wurde ein prahlhafter, unausstehlicher Raufbold.
Er kommerschierte und jubelte und schlug, dummer Kinderei halber,
sich so lange, bis ihn der Senior einer Landsmannschaft, die er auf
pbelhafte Weise beleidigt, im Duell niederstie.

Ich erzhle dir das nur so, Vetter, du magst dir dabei denken, was du
willst! Um nun wieder auf die Baronin und ihre Krankheit zu kommen-
Es lieen sich in dem Augenblick leise Tritte auf dem Saal hren, und
mir war es, als ginge ein schauerliches chzen durch die Lfte! Sie
ist hin! - der Gedanke durchfuhr mich wie ein ttender Blitz!

Der Alte stand rasch auf und rief laut: Franz Franz! Ja, lieber
Herr Justitiarius, antwortete es drauen. Franz, fuhr der Alte
fort, schre ein wenig das Feuer im Kamin zusammen, und ist es
tunlich, so magst du fr uns ein paar Tassen guten Tee bereiten! - Es
ist verteufelt kalt, wandte sich der Alte zu mir, und da wollen wir
uns lieber drauen am Kamine was erzhlen. Der Alte schlo die Tr
auf, ich folgte ihm mechanisch.

Wie geht's unten?, frug der Alte. Ach, erwiderte Franz, es hatte
gar nicht viel zu bedeuten, die gndige Frau Baronin sind wieder ganz
munter und schieben das bichen Ohnmacht auf einen bsen Traum! Ich
wollte aufjauchzen vor Freude und Entzcken, ein sehr ernster Blick
des Alten wies mich zur Ruhe. Ja, sprach der Alte, im Grunde
genommen wr's doch besser, wir legten uns noch ein paar Stndchen
aufs Ohr - La es nur gut sein mit dem Tee, Franz!

Wie Sie befehlen, Herr Justitiarius, erwiderte Franz und verlie den
Saal mit dem Wunsch einer geruhsamen Nacht, unerachtet schon die Hhne
krhten. Hre, Vetter, sprach der Alte, indem er die Pfeife im
Kamin ausklopfte, hre, Vetter, gut ist's doch, da dir kein Malheur
passiert ist mit Wlfen und geladenen Bchsen! Ich verstand jetzt
alles und schmte mich, da ich dem Alten Anla gab, mich zu behandeln
wie ein ungezogenes Kind.

Sei so gut, sprach der Alte am andern Morgen, sei so gut, lieber
Vetter, steige herab und erkundige dich, wie es mit der Baronin steht.
Du kannst nur immer nach Frulein Adelheid fragen, die wird dich denn
wohl mit einem tchtigen Bulletin versehen. - Man kann denken, wie
ich hinabeilte. Doch in dem Augenblick, als ich leise an das Vorgemach
der Baronin pochen wollte, trat mir der Baron rasch aus demselben
entgegen.

Er blieb verwundert stehen und ma mich mit finsterm, durchbohrenden
Blick. Was wollen Sie hier! fuhr es ihm heraus. Unerachtet mir das
Herz im Innersten schlug, nahm ich mich zusammen und erwiderte mit
festem Ton: Mich im Auftrage des Onkels nach dem Befinden der
gndigen Frau erkundigen. O es war ja gar nichts - ihr gewhnlicher
Nervenzufall. Sie schlft sanft, und ich wei, da sie wohl und munter
bei der Tafel erscheinen wird! Sagen Sie das - Sagen Sie das Dies
sprach der Baron mit einer gewissen leidenschaftlichen Heftigkeit, die
mir anzudeuten schien, da er um die Baronin besorgter sei, als er es
wolle merken lassen.

Ich wandte mich, um zurckzukehren, da ergriff der Baron pltzlich
meinen Arm und rief mit flammendem Blick: Ich habe mit Ihnen zu
sprechen, junger Mann! Sah ich nicht den schwerbeleidigten Gatten vor
mir, und mut' ich nicht einen Auftritt befrchten, der vielleicht
schmachvoll fr mich enden konnte? Ich war unbewaffnet, doch im Moment
besann ich mich auf mein knstliches Jagdmesser, das mir der Alte erst
in R..sitten geschenkt und das ich noch in der Tasche trug.

Nun folgte ich dem mich rasch fortziehenden Baron mit dem Entschlu,
keines Leben zu schonen, wenn ich Gefahr laufen sollte, unwrdig
behandelt zu werden. Wir waren in des Barons Zimmer eingetreten,
dessen Tr er hinter sich abschlo. Nun schritt er mit
bereinandergeschlagenen Armen heftig auf und ab, dann blieb er vor
mir stehen und wiederholte: Ich habe mit Ihnen zu sprechen, junger
Mann!

Der verwegenste Mut war mir gekommen, und ich wiederholte mit erhhtem
Ton: Ich hoffe, da es Worte sein werden, die ich ungeahndet hren
darf! Der Baron schaute mich verwundert an, als verstehe er mich
nicht. Dann blickte er finster zur Erde, schlug die Arme ber den
Riicken und fing wieder an im Zimmer auf und ab zu rennen. Er nahm die
Bchse herab und stie den Ladestock hinein, als wolle er versuchen,
ob sie geladen sei oder nicht!

Das Blut stieg mir in den Adern, ich fate nach dem Messer und schritt
dicht auf den Baron zu, um es ihm unmglich zu machen, auf mich
anzulegen. Ein schnes Gewehr, sprach der Baron, die Bchse wieder
in den Winkel stellend. Ich trat einige Schritte zurck und der Baron
an mich heran; krftiger auf meine Schulter schlagend, als gerade
ntig, sprach er dann: Ich mu Ihnen aufgeregt und verstrt
vorkommen, Theodor, ich bin es auch wirklich von der in tausend
ngsten durchwachten Nacht.

Der Nervenzufall meiner Frau war durchaus nicht gefhrlich, das sehe
ich jetzt ein, aber hier - hier in diesem Schlo, in das ein finstrer
Geist gebannt ist, frcht' ich das Entsetzliche, und dann ist es auch
das erstemal, da sie hier erkrankte. Sie - Sie allein sind schuld
daran!

Wie das mglich sein knne, davon htte ich keine Ahnung, erwiderte
ich gelassen. Oh, fuhr der Baron fort, o wre der verdammte
Unglckskasten der Inspektorin auf blankem Eise zerbrochen in tausend
Stcke, o wren Sie doch nein! - nein! Es sollte, es mute so sein,
und ich allein bin schuld an allem. An mir lag es, in dem Augenblick,
als Sie anfingen in dem Gemach meiner Frau Musik zu machen, Sie von
der ganzen Lage der Sache, von der Gemtsstimmung meiner Frau zu
unterrichten.

Ich machte Miene zu sprechen Lassen Sie mich reden, rief der Baron,
ich mu im voraus Ihnen alles voreilige Urteil abschneiden. Sie
werden mich fr einen rauhen, der Kunst abholden Mann halten. Ich bin
das keineswegs, aber eine auf tiefe berzeugung gebaute Rcksicht
ntigt mich, hier womglich solcher Musik, die jedes Gemt und auch
gewi das meinige ergreift, den Eingang zu versagen. Erfahren Sie,
da meine Frau an einer Erregbarkeit krnkelt, die am Ende alle
Lebensfreude wegzehren mu.

In diesen wunderlichen Mauern kommt sie gar nicht heraus aus dem
erhhten, berreizten Zustande, der sonst nur momentan einzutreten
pflegt, und zwar oft als Vorbote einer ernsten Krankheit. Sie fragen
mit Recht, warum ich der zarten Frau diesen schauerlichen Aufenthalt,
dieses wilde verwirrte Jgerleben nicht erspare? Aber nennen Sie
es immerhin Schwche, genug, mir ist es nicht mglich, sie allein
zurckzulassen. In tausend ngsten und nicht fhig Ernstes zu
unternehmen wrde ich sein, denn ich wei es, die entsetzlichsten
Bilder von allerlei verstrendem Ungemach, das ihr widerfahren,
verlieen mich nicht im Walde, nicht im Gerichtssaal.

Dann aber glaube ich, da dem schwchlichen Weibe gerade diese
Wirtschaft hier wie ein erkrftigendes Stahlbad anschlagen mu.
Wahrhaftig, der Seewind, der nach seiner Art tchtig durch die Fhren
saust, das dumpfe Gebelle der Doggen, der keck und munter schmetternde
Hrnerklang mu hier siegen ber die verweichelnden, schmachtelnden
Pinseleien am Klavier, das so kein Mann spielen sollte, aber Sie haben
es darauf angelegt, meine Frau methodisch zu Tode zu qulen!

Der Baron sagte dies mit verstrkter Stimme und wildfunkelnden Augen -
das Blut stieg mir in den Kopf, ich machte eine heftige Bewegung mit
der Hand gegen den Baron, ich wollte sprechen, er lie mich nicht zu
Worte kommen Ich wei, was Sie sagen wollen, fing er an, ich wei
es und wiederhole es, da Sie auf dem Wege waren, meine Frau zu tten,
und da ich Ihnen dies auch nicht im mindesten zurechnen kann, wiewohl
Sie begreifen, da ich dem Dinge Einhalt tun mu. - Kurz! - Sie
exaltieren meine Frau durch Spiel und Gesang, und als sie in dem
bodenlosen Meere trumerischer Visionen und Ahnungen, die Ihre Musik
wie ein bser Zauber heraufbeschworen hat, ohne Halt und Steuer
umherschwimmt, drcken Sie sie hinunter in die Tiefe mit der Erzhlung
eines unheimlichen Spuks, der Sie oben im Gerichtssaal geneckt haben
soll.

Ihr Groonkel hat mir alles erzhlt, aber ich bitte Sie, wiederholen
Sie mir alles, was Sie sahen oder nicht sahen - hrten - fhlten
- ahnten. Ich nahm mich zusammen und erzhlte ruhig, wie es sich
damit begeben, von Anfang bis zu Ende. Der Baron warf nur dann und
wann einzelne Worte, die sein Erstaunen ausdrckten, dazwischen.
Als ich darauf kam, wie der Alte sich mit frommem Mut dem Spuk
entgegengestellt und ihn gebannt habe mit krftigen Worten, schlug
er die Hnde zusammen, hob sie gefaltet zum Himmel empor und rief
begeistert: Ja, er ist der Schutzgeist der Familie! ruhen soll in der
Gruft der Ahnen seine sterbliche Hlle!

Ich hatte geendet. Daniel, Daniel! was machst du hier zu
dieser Stunde! murmelte der Baron in sich hinein, indem er mit
bereinandergeschlagenen Armen im Zimmer auf- und abschritt. Weiter
war es also nichts, Herr Baron? frug ich laut, indem ich Miene machte
mich zu entfernen. Der Baron fuhr auf wie aus einem Traum, fate
freundlich mich bei der Hand und sprach: Ja lieber Freund, meine
Frau, der Sie so arg mitgespielt haben, ohne es zu wollen, die mssen
Sie wieder herstellen, - Sie allein knnen das.

Ich fhlte mich errtend, und stand ich dem Spiegel gegenber, so
erblickte ich gewi in demselben ein sehr albernes verdutztes Gesicht.
Der Baron schien sich an meiner Verlegenheit zu weiden, er blickte mir
unverwandt ins Auge mit einem recht fatalen ironischen Lcheln. Wie
in aller Welt sollte ich es anfangen, stotterte ich endlich mhsam
heraus.

Nun, nun, unterbrach mich der Baron, Sie haben es mit keiner
gefhrlichen Patientin zu tun. Ich nehme jetzt ausdrcklich Ihre
Kunst in Anspruch. Die Baronin ist nun einmal hereingezogen in den
Zauberkreis Ihrer Musik, und sie pltzlich herauszureien, wrde
tricht und grausam sein. Setzen Sie die Musik fort. Sie werden zur
Abendstunde in den Zimmern meiner Frau jedesmal willkommen sein. Aber
gehen Sie nach und nach ber zu krftigerer Musik, verbinden Sie
geschickt das Heitere mit dem Ernsten und dann, vor allen Dingen,
wiederholen Sie die Erzhlung von dem unheimlichen Spuk recht oft. Die
Baronin gewhnt sich daran, sie vergit, da der Spuk hier in diesen
Mauern hauset, und die Geschichte wirkt nicht strker auf sie, als
jedes andere Zaubermrchen, das in irgendeinem Roman, in irgendeinem
Gespensterbuch ihr aufgetischt worden. Das tun sie, lieber Freund.

Mit diesen Worten entlie mich der Baron. Ich ging - Ich war
vernichtet in meinem eignen Innern, herabgesunken zum bedeutungslosen,
trichten Kinde! Ich Wahnsinniger, der ich glaubte, Eifersucht knne
sich in seiner Brust regen; er selbst schickt mich zu Seraphinen, er
selbst sieht in mir nur das willenlose Mittel, das er braucht und
wegwirft, wie es ihm beliebt! Vor wenigen Minuten frchtete ich den
Baron, es lag in mir tief im Hintergrunde verborgen das Bewutsein
der Schuld, aber diese Schuld lie mich das hhere, herrliche Leben
deutlich fhlen, dem ich zugereift; nun war alles versunken in
schwarze Nacht, und ich sah nur den albernen Knaben, der in kindischer
Verkehrtheit die papierne Krone, die er sich auf den heien Kopf
stlpte, fr echtes Gold gehalten.

Ich eilte zum Alten, der schon auf mich wartete. Nun Vetter, wo
bleibst du denn, wo bleibst du denn? rief er mir entgegen. lch habe
mit dem Baron gesprochen, warf ich schnell und leise hin, ohne den
Alten anschauen zu knnen. Tausend Sapperlot! sprach der Alte wie
verwundert, Tausend Sapperlot, dacht ich's doch gleich! - der Baron
hat dich gewi herausgefordert, Vetter? - Das schallende Gelchter,
das der Alte gleich hinterher aufschlug, bewies mir, da er auch
dieses Mal, wie immer, ganz und gar mich durchschaute.

Ich bi die Zhne zusammen ich mochte kein Wort erwidern, denn wohl
wut' ich, da es dessen nur bedurfte, um sogleich von den tausend
Neckereien berschttet zu werden, die schon auf des Alten Lippen
schwebten.

Die Baronin kam zur Tafel im zierlichen Morgenkleide, das, blendend
wei, frisch gefallenen Schnee besiegte. Sie sah matt aus und
abgespannt, doch als sie nun, leise und melodisch sprechend, die
dunklen Augen erhob, da blitzte ses, sehnschtiges Verlangen aus
dsterer Glut, und ein flchtiges Rot berflog das lilienblasse
Antlitz. Sie war schner als jemals. Wer ermit die Torheiten eines
Jnglings mit zu heiem Blut im Kopf und Herzen!

Den bittern Groll, den der Baron in mir aufgeregt, trug ich ber auf
die Baronin. Alles erschien mir wie eine heillose Mystifikation, und
nun wollt' ich beweisen, da ich gar sehr bei vollem Verstande sei und
ber die Maen scharfsichtig. - Wie ein schmollendes Kind vermied ich
die Baronin und entschlpfte der mich verfolgenden Adelheid, so da
ich, wie ich gewollt, ganz am Ende der Tafel zwischen den beiden
Offizieren meinen Platz fand, mit denen ich wacker zu zechen begann.
Beim Nachtisch stieen wir fleiig die Glser zusammen, und, wie es in
solcher Stimmung zu geschehen pflegt, ich war ungewhnlich laut und
lustig.

Ein Bedienter hielt mir einen Teller hin, auf dem einige Bonbons
lagen, mit den Worten: Von Frulein Adelheid. Ich nahm, und bemerkte
bald, da auf einem der Bonbons mit Silberstift gekritzelt stand: Und
Seraphine?- Das Blut wallte mir auf in den Adern. Ich schaute hin
nach Adelheid, die sah mich an mit beraus schlauer, verschmitzter
Miene, nahm das Glas und nickte mir zu mit leisem Kopfnicken.

Beinahe willkrlos murmelte ich still: Seraphine, nahm mein Glas und
leerte es mit einem Zuge. Mein Blick flog hin zu ihr, ich gewahrte,
da sie auch in dem Augenblick getrunken hatte und ihr Glas eben
hinsetzte - ihre Augen trafen die meinen, und ein schadenfroher Teufel
raunte es mir in die Ohren: Unseliger! - Sie liebt dich doch!
Einer der Gste stand auf und brachte, nordischer Sitte gem, die
Gesundheit der Frau vom Hause aus. Die Glser erklangen im lauten
Jubel - Entzcken und Verzweiflung spalteten mir das Herz - die Glut
des Weins flammte in mir auf, alles drehte sich in Kreisen, es war,
als mte ich vor aller Augen hinstrzen zu ihren Fen und mein Leben
aushauchen!

Was ist Ihnen, lieber Freund? Diese Frage meines Nachbars gab mir
die Besinnung wieder, aber Seraphine war verschwunden. - Die Tafel
wurde aufgehoben. Ich wollte fort, Adelheid hielt mich fest, sie
sprach allerlei, ich hrte, ich verstand kein Wort - sie fate mich
bei beiden Hnden und rief mir laut lachend etwas in die Ohren. - Wie
von der Starrsucht gelhmt, blieb ich stumm und regungslos. Ich wei
nur, da ich endlich mechanisch ein Glas Likr aus Adelheids Hand nahm
und es austrank, da ich mich einsam in einem Fenster wiederfand, da
ich dann hinausstrzte aus dem Saal, die Treppe hinab, und hinauslief
in den Wald.

In dichten Flocken fiel der Schnee herab, die Fhren seufzten, vom
Sturm bewegt; wie ein Wahnsinniger sprang ich umher in weiten Kreisen,
und lachte und schrie wild auf: Schaut zu, schaut zu! - Heisa! der
Teufel macht sein Tnzchen mit dem Knaben, der zu speisen gedachte
total verbotene Frchte.

Wer wei, wie mein tolles Spiel geendet, wenn ich nicht meinen Namen
laut in den Wald hineinrufen gehrt. Das Wetter hatte nachgelassen,
der Mond schien hell durch die zerrissenen Wolken, ich hrte Doggen
anschlagen und gewahrte eine finstere Gestalt, die sich mir nherte.
Es war der alte Jger. Ei, ei, lieber Herr Theodor! fing er an, wie
haben Sie sich denn verirrt in dem bsen Schneegestber, der Herr
Justitiarius warten auf Sie mit vieler Ungeduld!

Schweigend folgte ich dem Alten. Ich fand den Groonkel im
Gerichtssaal arbeitend. Das hast du gut gemacht, rief er mir
entgegen, das hast du sehr gut gemacht, da du ein wenig ins Freie
gingst, um dich gehrig abzukhlen. Trinke doch nicht so viel Wein, du
bist noch viel zu jung dazu, das taugt nicht. Ich brachte kein Wort
hervor, schweigend setzte ich mich hin an den Schreibtisch.

Aber sage mir nur, lieber Vetter, was wollte denn eigentlich der
Baron von dir? - Ich erzhlte alles und schlo damit, da ich
mich nicht hergeben wollte zu der zweifelhaften Kur, die der Baron
vorgeschlagen. Wrde auch gar nicht angehen, fiel der Alte mir in
die Rede, denn wir reisen morgen in aller Frhe fort, lieber Vetter!
Es geschah so, ich sah Seraphinen nicht wieder!

Kaum angekommen in K., klagte der alte Groonkel, da er mehr als
jemals sich von der beschwerlichen Fahrt angegriffen fhle. Sein
mrrisches Schweigen, nur unterbrochen von heftigen Ausbrchen der
belsten Laune, verkndete die Rckkehr seiner podagristischen
Zuflle. Eines Tages wurd' ich schnell hingerufen, ich fand den Alten,
vom Schlage getroffen, sprachlos auf dem Lager, einen zerknitterten
Brief in der krampfhaft geschlossenen Hand.

Ich erkannte die Schriftzge des Wirtschaftsinspektors aus R..sitten,
doch, von dem tiefsten Schmerz durchdrungen, wagte ich es nicht, den
Brief dem Alten zu entreien, ich zweifelte nicht an seinem baldigen
Tod. Doch, noch ehe der Arzt kam, schlugen die Lebenspulse wieder, die
wunderbar krftige Natur des siebzigjhrigen Greises widerstand dem
tdlichen Anfall, noch desselben Tages erklrte ihn der Arzt auer
Gefahr. Der Winter war hartnckiger als jemals, ihm folgte ein rauher,
dsterer Frhling, und so kam es, da nicht jener Zufall sowohl, als
das Podagra, von dem bsen Klima wohl gehegt, den Alten fr lange Zeit
auf das Krankenlager warf.

In dieser Zeit beschlo er, sich von jedem Geschft ganz
zurckzuziehen. Er trat seine Justitiariate an andere ab, und so
war mir jede Hoffnung verschwunden, jemals wieder nach R..sitten zu
kommen. Nur meine Pflege litt der Alte, nur von mir verlangte er
unterhalten, aufgeheitert zu werden. Aber wenn auch in schmerzlosen
Stunden seiner Heiterkeit wiedergekehrt war, wenn es an derben Spen
nicht fehlte, wenn es selbst zu Jagdgeschichten kam, und ich jeden
Augenblick vermutete, meine Heldentat, wie ich den greulichen Wolf
mit dem Jagdmesser erlegt, wrde herhalten mssen - niemals - niemals
erwhnte er unseres Aufenthalts in R..sitten, und wer mag nicht
einsehen, da ich aus natrlicher Scheu mich wohl htete, ihn geradezu
darauf zu bringen.

Meine bittre Sorge, meine stete Mhe um den Alten hatte Seraphinens
Bild in den Hintergrund gestellt. Sowie des Alten Krankheit nachlie,
gedachte ich lebhafter wieder jenes Moments im Zimmer der Baronin,
der mir wie ein leuchtender, auf ewig fr mich untergegangener Stern
erschien. Ein Ereignis rief allen empfundenen Schmerz hervor, indem es
mich zugleich, wie eine Erscheinung aus der Geisterweit, mit eiskalten
Schauern durchbebte!

Als ich nmlich eines Abends die Brieftasche, die ich in R..sitten
getragen, ffne, fllt mir aus den aufgebltterten Papieren eine
dunkle, mit einem weien Bande umschlungene Locke entgegen, die ich
augenblicklich fr Seraphinens Haar erkenne! Aber als ich das Band
nher betrachte, sehe ich deutlich die Spur eines Blutstropfens!
Vielleicht wute Adelheid in jenen Augcnblicken des bewutlosen
Wahnsinns, der mich am letzten Tage ergriffen, mir dies Andenken
geschickt zuzustellen, aber warum der Blutstropfe, der mich
Entsetzliches ahnen lie und jenes beinahe zu schfermige Pfand zur
schauervollen Mahnung an eine Leidenschaft, die teures Herzblut kosten
konnte, hinaufsteigerte?

Das war jenes weie Band, das mich, zum erstenmal Seraphinen nahe, wie
im leichten losen Spiel umflatterte, und dem nun die dunkle Macht das
Wahrzeichen der Verletzung zum Tode gegeben. Nicht spielen soll der
Knabe mit der Waffe, deren Gefhrlichkeit er nicht ermit!

Endlich hatten die Frhlingsstrme zu toben aufgehrt, der Sommer
behauptete sein Recht, und war erst die Klte unertrglich, so wurd'
es nun, als der Julius begonnen, die Hitze. Der Alte erkrftigte sich
zusehends und zog, wie er sonst zu tun pflegte, in einen Garten der
Vorstadt. An einem stillen lauen Abende saen wir in der duftenden
Jasminlaube, der Alte war ungewhnlich heiter und dabei nicht,
wie sonst, voll sarkastischer Ironie, sondern mild, beinahe weich
gestimmt.

Vetter, fing er an, ich wei nicht, wie mir heute ist, ein ganz
besonderes Wohlsein, wie ich es seit vielen Jahren nicht gefhlt,
durchdringt mich mit gleichsam elektrischer Wrme. Ich glaube, das
verkndet mir einen baldigen Tod. Ich mhte mich, ihn von dem dstern
Gedanken abzubringen. La es gut sein, Vetter, sprach er, lange
bleibe ich nicht mehr hier unten, und da will ich dir noch eine Schuld
abtragen! Denkst du noch an die Herbstzeit in R..sitten? - Wie ein
Blitz durchfuhr mich diese Frage des Alten, noch ehe ich zu antworten
vermochte, fuhr er weiter fort: Der Himmel wollte es, da du dort
auf ganz eigne Weise eintratst und wider deinen Willen eingeflochten
wurdest in die tiefsten Geheimnisse des Hauses. Jetzt ist es an der
Zeit, da Du alles erfahren mut.

Oft genug, Vetter, haben wir ber Dinge gesprochen, die du mehr
ahntest als verstandest. Die Natur stellt den Zyklus des menschlichen
Lebens in dem Wechsel der Jahreszeiten symbolisch dar, das sagen sie
alle, aber ich meine das auf andere Weise als alle. Die Frhlingsnebel
fallen, die Dnste des Sommers verdampfen, und erst des Herbstes
reiner ther zeigt deutlich die ferne Landschaft, bis das Hienieden
versinkt in die Nacht des Winters.

Ich meine, da im Hellsehen des Alters sich deutlicher das Walten der
unerforschlichen Macht zeigt. Es sind Blicke vergnnt in das gelobte
Land, zu dem die Pilgerfahrt beginnt mit dem zeitlichen Tode.

Wie wird mir in diesem Augenblick so klar das dunkle Verhngnis
jenes Hauses, dem ich durch festere Bande, als Verwandtschaft sie zu
schlingen vermag, verknpft wurde. Wie liegt alles so erschlossen vor
meines Geistes Augen! - doch, wie ich nun alles so gestaltet vor mir
sehe, das Eigentliche, das kann ich nicht mit Worten sagen, keines
Menschen Zunge ist dessen fhig. Hre, mein Sohn, das, was ich dir nur
wie eine merkwrdige Geschichte, die sich wohl zutragen konnte, zu
erzhlen vermag. Bewahre tief in deiner Seele die Erkenntnis, da die
geheimnisvollen Beziehungen, in die du dich vielleicht nicht unberufen
wagtest, dich verderben konnten! - doch das ist nun vorber!

Die Ceschichte des R..schen Majorats, die der Alte jetzt erzhlte,
trage ich so treu im Gedchtnis, da ich sie beinahe mit seinen Worten
(er sprach von sich selbst in der dritten Person) zu wiederholen
vermag.

In einer strmischen Herbstnacht des Jahres 1760 weckte ein
entsetzlicher Schlag, als falle das ganze weitluftige Schlo in
tausend Trmmer zusammen, das Hausgesinde in R..sitten aus tiefem
Schlafe. Im Nu war alles auf den Beinen, Lichter wurden angezndet,
Schrecken und Angst im leichenblassen Gesicht, keuchte der
Hausverwalter mit den Schlsseln herbei, aber nicht gering war jedes
Erstaunen, als man in tiefer Totenstille, in der das pfeifende
Gerassel der mhsam geffneten Schlsser, jeder Futritt recht
schauerlich widerhallte, durch unversehrte Gnge, Sle, Zimmer fort
und fort wandelte.

Nirgends die mindeste Spur irgendeiner Verwstung. Eine finstere
Ahnung erfate den alten Hausverwalter. Er schritt hinauf in den
groen Rittersaal, in dessen Seitenkabinett der Freiherr Roderich v.
R. zu ruhen pflegte, wenn er astronomische Beobachtungen angestellt.
Eine zwischen der Tr dieses und eines andern Kabinetts angebrachte
Pforte fhrte durch einen engen Gang unmittelbar in den astronomischen
Turm.

Aber sowie Daniel (so war der Hausverwalter geheien) diese Pforte
ffnete, warf ihm der Sturm, abscheulich heulend und sausend, Schutt
und zerbrckelte Mauersteine entgegen, so da er von Entsetzen weit
zurckprallte und, indem er den Leuchter, dessen Kerzen prasselnd
verlschten, an die Erde fallen lie, laut aufschrie: O Herr des
Himmels! der Baron ist jmmerlich zerschmettert!

In dem Augenlick lieen sich Klagelaute vernehmen, die aus dem
Schlafkabinett des Freiherrn kamen. Daniel fand die brigen Diener um
den Leichnam ihres Herrn versammelt. Vollkommen und reicher gekleidet
als jemals, ruhigen Ernst im unentstellten Gesichte, fanden sie ihn
sitzend in dem groen, reich verzierten Lehnstuhle, als ruhe er aus
von gewichtiger Arbeit.

Es war aber der Tod, in dem er ausruhte. Als es Tag geworden,
gewahrte man, da die Krone des Turms in sich eingestrzt. Die groen
Quadersteine hatten Decke und Fuboden des astronomischen Zimmers
eingeschlagen, nebst den nun voranstrzenden mchtigen Balken mit
gedoppelter Kraft des Falles das untere Gewlbe durchbrochen und einen
Teil der Schlomauer und des engen Ganges mit fortgerissen. Nicht
einen Schritt durch die Pforte des Saals durfte man tun, ohne Gefahr,
wenigstens achtzig Fu hinabzustrzen in tiefe Gruft.

Der alte Freiherr hatte seinen Tod bis auf die Stunde vorausgesehen
und seine Shne davon benachrichtigt. So geschah es, da gleich
folgenden Tages Wolfgang Freiherr von R., ltester Sohn des
Verstorbenen, mithin Majoratsherr, eintraf. Auf die Ahnung des alten
Vaters wohl bauend, hatte er, sowie er den verhngnisvollen Brief
erhalten, sogleich Wien, wo er auf der Reise sich gerade befand,
verlassen und war, so schnell es nur gehen wollte, nach R..sitten
geeilt.

Der Hausverwalter hatte den groen Saal schwarz ausschlagen und
den alten Freiherrn in den Kleidern, wie man ihn gefunden, auf ein
prchtiges Paradebette, das hohe silberne Leuchter mit brennenden
Kerzen umgaben, legen lassen. Schweigend schritt Wolfgang die Treppe
herauf, in den Saal hinein und dicht hinan an die Leiche des Vaters.
Da blieb er mit ber die Brust verschrnkten Armen stehen und schaute
starr und dster mit zusammengezogenen Augenbrauen dem Vater ins
bleiche Antlitz. Er glich einer Bildsule, keine Trne kam in seine
Augen. Endlich, mit einer beinahe krampfhaften Bewegung, den rechten
Arm hin nach der Leiche zuckend, murmelte er dumpf:

Zwangen dich die Gestirne, den Sohn, den du liebtest, elend zu
machen? - Die Hnde zurckgeworfen, einen kleinen Schritt hinter sich
getreten, warf nun der Baron den Blick in die Hhe und sprach mit
gesenkter, beinahe weicher Stimme: Armer, betrter Greis! Das
Fastnachtsspiel mit seinen lppischen Tuschungen ist nun vorber! Nun
magst du erkennen, da das krglich zugemessene Besitztum hienieden
nichts gemein hat mit dem jenseits ber den Sternen - Welcher Wille,
welche Kraft reicht hinaus ber das Grab?

Wieder schwieg der Baron einige Sekunden - dann rief er heftig:
Nein, nicht ein Quentlein meines Erdenglcks, das du zu vernichten
trachtetest, soll mir dein Starrsinn rauben, und damit ri er ein
zusammengelegtes Papier aus der Tasche und hielt es zwischen zwei
Fingern hoch empor an eine dicht bei der Leiche stehende brennende
Kerze. Das Papier, von der Kerze ergriffen, flackerte hoch auf, und
als der Widerschein der Flamme auf dem Gesicht des Leichnams hin und
her zuckte und spielte, war es, als rhrten sich die Muskeln und der
Alte sprche tonlose Worte, so da der entfernt stehenden Dienerschaft
tiefes Grauen und Entsetzen ankam.

Der Baron vollendete sein Geschft mit Ruhe, indem er das letzte
Stckchen Papier, das er flammend zu Boden fallen lassen, mit dem Fue
sorglich austrat. Dann warf er noch einen dstern Blick auf den Vater
und eilte mit schnellen Schritten zum Saal hinaus.

Andern Tages machte Daniel den Freiherrn mit der neuerlich geschehenen
Verwstung des Turms bekannt und schilderte mit vielen Worten, wie
sich berhaupt alles in der Todesnacht des alten seligen Herrn
zugetragen, indem er damit endete, da es wohl geraten sein wrde,
sogleich den Turm herstellen zu lassen, da, strze noch mehr zusammen,
das ganze Schlo in Gefahr stehe, wo nicht zertrmmert, doch hart
beschdigt zu werden.

Den Turm herstellen? fuhr der Freiherr den alten Diener, funkelnden
Zorn in den Augen, an, den Turm herstellen? Nimmermehr! - Merkst du
denn nicht, fuhr er dann gelassener fort, merkst du denn nicht,
Alter, da der Turm nicht so, ohne weitern Anla, einstrzen konnte?
Wie, wenn mein Vater selbst die Vernichtung des Orts, wo er seine
unheimliche Sterndeuterei trieb, gewnscht, wie, wenn er selbst
gewisse Vorrichtungen getroffen htte, die es ihm mglich machten,
die Krone des Turms, wenn er wollte, einstrzen und so das Innere des
Turms zerschmettern zu lassen? Doch dem sei, wie ihm wolle, und mag
auch das Schlo zusammenstrzen, mir ist es recht. Glaubt ihr denn,
da ich in dem abenteuerlichen Eulenneste hier hausen werde? - Nein!
jener kluge Ahnherr, der in dem schnen Talgrunde die Fundamente zu
einem neuen Schlo legen lie, der hat mir vorgearbeitet, dem will ich
folgen.

Und so werden, sprach Daniel kleinlaut, dann auch wohl die
alten treuen Diener den Wanderstab zur Hand nehmen mssen. Da
ich, erwiderte der Freiherr, mich nicht von unbehlflichen
schlotterbeinichten Greisen bedienen lassen werde, versteht sich von
selbst, aber verstoen werde ich keinen. Arbeitslos soll euch das
Gnadenbrot gut genug schmecken.

Mich, rief der Alte voller Schmerz, mich, den Hausverwalter, so
auer Aktivitt - Da wandte der Freiherr, der, dem Alten den Rcken
gekehrt, im Begriff stand, den Saal zu verlassen, sich pltzlich um,
blutrot im ganzen Gesichte vor Zorn, die geballte Faust vorgestreckt,
schritt er auf den Alten zu und schrie mit frchterlicher Stimme:

Dich, du alter heuchlerischer Schurke, der du mit dem alten Vater das
unheimliche Wesen triebst dort oben, der du dich wie ein Vampir an
sein Herz legtest, der vielleicht des Alten Wahnsinn verbrecherisch
ntzte, um in ihm die hllischen Entschlsse zu erzeugen, die mich an
den Rand des Abgrunds brachten dich sollte ich hinausstoen wie einen
rudigen Hund!

Der Alte war vor Schreck ber diese entsetzlichen Reden dicht neben
dem Freiherrn auf beide Knie gesunken, und so mochte es geschehen,
da dieser, indem er vielleicht unwillkrlich, wie denn im Zorn oft
der Krper dem Gedanken mechanisch folgt und das Gedachte mimisch
ausfhrt, bei den letzten Worten den rechten Fu vorschleuderte, den
Alten so hart an der Brust traf, da er mit einem dumpfen Schrei
umstrzte. Er raffte sich mhsam in die Hhe, und indem er einen
sonderbaren Laut, gleich dem heulenden Gewimmer eines auf den Tod
wunden Tieres, ausstie, durchbohrte er den Freiherrn mit einem Blick,
in dem Wut und Verzweiflung glhten. Den Beutel mit Geld, den ihm
der Freiherr im Davonschreiten zugeworfen, lie er unberhrt auf dem
Fuboden liegen.

Unterdessen hatten sich die in der Gegend befindlichen nchsten
Verwandten des Hauses eingefunden, mit vielem Prunk wurde der alte
Freiherr in der Familiengruft, die in der Kirche von R..sitten
befindlich, beigesetzt, und nun, da die geladenen Gste sich wieder
entfernt, schien der neue Majoratsherr, von der dstern Stimmung
verlassen, sich des erworbenen Besitztums recht zu erfreuen. Mit V.,
dem Justitiarius des alten Freiherrn, dem er gleich, nachdem er ihn
nur gesprochen, sein volles Vertrauen schenkte und ihn in seinem Amt
besttigte, hielt er genaue Rechnung ber die Einknfte des Majorats
und berlegte, wieviel davon verwandt werden knne zu Verbesserungen
und zum Aufbau eines neuen Schlosses.

V. meinte, da der alte Freiherr unmglich seine jhrlichen Einknfte
aufgezehrt haben knne, und da, da sich unter den Briefschaften nur
ein paar unbedeutende Kapitalien in Bankoscheinen befanden, und die
in einem eisernen Kasten befindliche bare Summe tausend Taler nur um
weniges berstiege, gewi irgendwo noch Geld verborgen sein msse. Wer
anders konnte davon unterrichtet sein, als Daniel, der, strrisch und
eigensinnig, wie er war, vielleicht nur darauf wartete, da man ihn
darum befrage.

Der Baron war nicht wenig besorgt, da Daniel, den er schwer
beleidigt, nun nicht sowohl aus Eigennutz, denn was konnte ihm, dem
kinderlosen Greise, der im Stammschlosse R..sitten sein Leben zu enden
wnschte, die grte Summe Geldes helfen, als vielmehr, um Rache zu
nehmen fr den erlittenen Schimpf, irgendwo versteckte Schtze lieber
vermodern lassen, als ihm entdecken werde. Er erzhlte V. den ganzen
Vorfall mit Daniel umstndlich und schlo damit, da nach mehreren
Nachrichten, die ihm zugekommen, Daniel allein es gewesen sei, der
in dem alten Freiherrn einen unerklrlichen Abscheu, seine Shne in
R..sitten wiederzusehen, zu nhren gewut habe. Der Justitiarius
erklrte diese Nachrichten durchaus fr falsch, da kein menschliches
Wesen auf der Welt imstande gewesen sei, des alten Freiherrn
Entschlsse nur einigermaen zu lenken, viel weniger zu bestimmen, und
bernahm es brigens, dem Daniel das Geheimnis wegen irgend in einem
verborgenen Winkel aufbewahrten Geldes zu entlocken.

Es bedurfte dessen gar nicht, denn kaum fing der Justitiarius an:
Aber wie kommt es denn, Daniel, da der alte Herr so wenig bares Geld
hinterlassen? so erwiderte Daniel mit widrigem Lcheln: Meinen Sie
die paar Taler, Herr Justitiarius, die Sie in dem kleinen Kstchen
fanden? das brige liegt ja im Gewlbe neben dem Schlafkabinett des
alten gndigen Herrn! Aber das Beste, fuhr er dann fort, indem sein
Lcheln sich zum abscheulichen Grinsen verzog und blutrotes Feuer
in seinen Augen funkelte, aber das Beste, viele tausend Goldstcke
liegen da unten im Schutt vergraben!

Der Justitiarius rief sogleich den Freiherrn herbei, man begab sich
in das Schlafkabinett, in einer Ecke desselben rckte Daniel an dem
Getfel der Wand, und ein Schlo wurde sichtbar. Indem der Freiherr
das Schlo mit gierigen Blicken anstarrte, dann aber Anstalt machte,
die Schlssel, welche an dem groen Bunde hingen, den er mit vielem
Geklapper mhsam aus der Tasche gezerrt, an dem glnzenden Schlosse zu
versuchen, stand Daniel da, hoch aufgerichtet und wie mit hmischem
Stolz herabblickend auf den Freiherrn, der sich niedergebckt hatte,
um das Schlo besser in Augenschein zu nehmen.

Den Tod im Antlitz, mit bebender Stimme, sprach er dann: Bin ich ein
Hund, hochgndiger Freiherr! - so bewahr' ich auch in mir des Hundes
Treue. Damit reichte er dem Baron einen blanken sthlernen Schlssel
hin, den ihm dieser mit hastiger Begier aus der Hand ri und die Tr
mit leichter Mhe ffnete. Man trat in ein kleines, niedriges Gewlbe,
in welchem eine groe eiserne Truhe mit geffnetem Deckel stand. Auf
den vielen Geldscken lag ein Zettel. Der alte Freiherr hatte mit
seinen wohlbekannten groen altvterischen Schriftzgen darauf
geschrieben:

Einmal hundert und fnfzigtausend Reichstaler in alten Friedrichsdor
erspartes Geld von den Einknften des Majoratsgutes R..sitten, und
ist diese Summe bestimmt zum Bau des Schlosses. Es soll ferner der
Majoratsherr, der mir folgt, im Besitztum von diesem Gelde auf
dem hchsten Hgel, stlich gelegen dem alten Schloturm, den er
eingestrzt finden wird, einen hohen Leuchtturm zum Besten der
Seefahrer auffhren und allnchtlich feuern lassen.

                     R..sitten in der Michaelisnacht des Jahres 1760.

                                             Roderich Freiherr von R.

Erst als der Freiherr die Beutel, einen nach dem andern, gehoben und
wieder in den Kasten fallen lassen, sich ergtzend an dem klirrenden
Klingen des Goldes, wandte er sich rasch zu dem alten Hausverwalter,
dankte ihm fr die bewiesene Treue und versicherte, da nur
verleumderische Kltschereien schuld daran wren, da er ihm anfangs
bel begegnet. Nicht allein im Schlosse, sondern in vollem Dienst als
Hausverwalter, mit verdoppeltem Gehalt, solle er bleiben.

Ich bin dir volle Entschdigung schuldig, willst du Gold, so nimm dir
einen von jenen Beuteln!- So schlo der Freiherr seine Rede, indem er
mit niedergeschlagenen Augen, vor dem Alten stehend, mit der Hand nach
dem Kasten hinzeigte, an den er nun aber noch einmal hintrat und die
Beutel musterte. Dem Hausverwalter trat pltzlich glhende Rte ins
Gesicht, und er stie einen entsetzlichen, dem heulenden Gewimmer
eines auf den Tod wunden Tiers hnlichen Laut aus, wie ihn der
Freiherr dem Jutistitiarius beschrieben. Dieser erbebte, denn was der
Alte nun zwischen den Zhnen murmelte, klang wie: Blut fr Gold! Der
Freiherr, vertieft in den Anblick des Schatzes, hatte von allem nicht
das mindeste bemerkt; Daniel, den es wie im krampfigen Fieberfrost
durch alle Glieder geschttelt, nahte sich mit gebeugtem Haupt in
demtiger Stellung dem Freiherrn, kte ihm die Hand und sprach mit
weinerlicher Stimme, indem er mit dem Taschentuch sich ber die Augen
fuhr, als ob er Trnen wegwische:

Ach, mein lieber gndiger Herr, was soll ich armer, kinderloser
Greis mit dem Golde? - aber das doppelte Gehalt, das nehme ich an mit
Freuden und will mein Amt verwalten rstig und unverdrossen!

Der Freiherr, der nicht sonderlich auf die Worte des Alten geachtet,
lie nun den schweren Deckel der Truhe zufallen, da das ganze Gewlbe
krachte und drhnte, und sprach dann, indem er die Truhe verschlo
und die Schlssel sorgfltig auszog, schnell hingeworfen: Schon gut,
schon gut Alter! Aber du hast noch, fuhr er fort, nachdem sie schon
in den Saal getreten waren, aber du hast noch von vielen Goldstcken
gesprochen, die unten im zerstrten Turm liegen sollen Der Alte trat
schweigend an die Pforte und schlo sie mit Mhe auf. Aber sowie er
die Flgel aufri, trieb der Sturm dickes Schneegestber in den Saal;
aufgescheucht flatterte ein Rabe kreischend und krchzend umher,
schlug mit schwarzen Schwingen gegen die Fenster und strzte sich, als
er die offene Pforte wiedergewonnen, in den Abgrund.

Der Freiherr trat hinaus in den Korridor, bebte aber zurck, als er
kaum einen Blick in die Tiefe geworfen. Abscheulicher Anblick -
Schwindel, stotterte er und sank wie ohnmchtig dem Justitiarius in
die Arme. Er raffte sich jedoch gleich wieder zusammen und frug, den
Alten mit scharfen Blicken erfassend: Und da unten? -

Der Alte hatte indessen die Pforte wieder verschlossen, er drckte nun
noch mit ganzer Leibeskraft dagegen, so da er keuchte und chzte, um
nur die groen Schlssel aus den ganz verrosteten Schlssern loswinden
zu knnen. Dies endlich zustande gebracht, wandte er sich um nach
dem Baron und sprach, die groen Schlssel in der Hand hin und her
schiebend, mit seltsamen Lcheln: Ja, da unten liegen tausend und
tausend - alle schnen Instrumente des seligen Herrn - Teleskope,
Quadranten - Globen - Nachtspiegel alles liegt zertrmmert im Schutt
zwischen den Steinen und Balken!

Aber, bares Geld, bares Geld, fiel der Freiherr ein, du hast von
Goldstcken gesprochen, Alter?

Ich meine nur, erwiderte der Alte, Sachen, welche viele tausend
Goldstcke gekostet.

Mehr war aus dem Alten nicht herauszubringen. Der Baron zeigte sich
hoch erfreut, nun, mit einemmal, zu allen Mitteln gelangt zu sein,
deren er bedurfte, seinen Lieblingsplan ausfhren, nmlich ein neues
prchtiges Schlo aufbauen zu knnen. Zwar meinte der Justitiarius,
da nach dem Willen des Verstorbenen nur von der Reparatur, von dem
vlligen Ausbau des alten Schlosses, die Rede sein knne, und da in
der Tat jeder neue Bau schwerlich die ehrwrdige Gre, den ernsten
einfachen Charakter des alten Stammhauses erreichen werde, der
Freiherr blieb aber bei seinem Vorsatz und meinte, da in solchen
Verfgungen, die nicht durch die Stiftungsurkunde sanktioniert worden,
der tote Wille des Dahingeschiedenen weichen msse.

Er gab dabei zu verstehen, da es seine Pflicht sei, den Aufenthalt
in R..sitten so zu verschnern, als es nur Klima, Boden und Umgebung
zulasse, da er gedenke, in kurzer Zeit als sein innig geliebtes Weib
ein Wesen heimzufhren, die in jeder Hinsicht der grten Opfer wrdig
sei.

Die geheimnisvolle Art, wie der Freiherr sich ber das vielleicht
schon insgeheim geschlossene Bndnis uerte, schnitt dem Justitiarius
jede weitere Frage ab, indessen fand er sich durch die Entscheidung
des Freiherrn insofern beruhigt, als er wirklich in seinem Streben
nach Reichtum mehr die Begier, eine geliebte Person das schnere
Vaterland, dem sie entsagen mute, ganz vergessen zu lassen, als
eigentlichen Geiz finden wollte.

Fr geizig, wenigstens fr unausstehlich habschtig mute er sonst
den Baron halten, der, im Golde whlend, die alten Friedrichsdor
beugelnd, sich nicht enthalten konnte, mrrisch aufzufahren: Der
alte Halunke hat uns gewi den reichsten Schatz verschwiegen, aber
knftigen Frhling la ich den Turm ausrumen unter meinen Augen.

Baumeister kamen, mit denen der Freiherr weitlufig berlegte, wie mit
dem Bau am zweckmigsten zu verfahren sei. Er verwarf Zeichnung auf
Zeichnung, keine Architektur war ihm reich, groartig genug. Nun
fing er an, selbst zu zeichnen, und, aufgeheitert durch diese
Beschftigungen, die ihm bestndig das sonnenhelle Bild der
glcklichsten Zukunft vor Augen stellten, erfate ihn eine frohe
Laune, die oft an Ausgelassenheit anstreifte, und die er allen
mitzuteilen wute.

Seine Freigebigkeit, die Opulenz seiner Bewirtung widerlegte
wenigstens jeden Verdacht des Geizes. Auch Daniel schien nun ganz
jenen Tort, der ihm geschehen, vergessen zu haben. Er betrug sich
still sind demtig gegen den Freiherrn, der ihn, des Schatzes in der
Tiefe halber, oft mit mitrauischen Blicken verfolgte. Was aber allen
wunderbar vorkam, war, da der Alte sich zu verjngen schien von Tage
zu Tage. Es mochte sein, da ihn der Schmerz um den alten Herrn tief
gebeugt hatte, und er nun den Verlust zu verschmerzen begann, wohl
aber auch, da er nun nicht, wie sonst, kalte Nchte schlaflos auf
dem Turm zubringen und bessere Kost, guten Wein, wie es ihm gefiel,
genieen durfte, genug, aus dem Greise schien ein rstiger Mann werden
zu wollen mit roten Wangen und wohlgenhrtem Krper, der krftig
auftrat und mit lauter Stimme mitlachte, wo es einen Spa gab.

Das lustige Leben in R..sitten wurde durch die Ankunft eines Mannes
unterbrochen, von dem man htte denken sollen, er gehre nun gerade
hin. Wolfgangs jngerer Bruder, Hubert, war dieser Mann, bei dessen
Anblick Wolfgang, im Antlitz den bleichen Tod, laut aufschrie:
Unglcklicher, was willst du hier! Hubert strzte dem Bruder in die
Arme, dieser fate ihn aber und zog ihn mit sich fort und hinauf in
ein entferntes Zimmer, wo er sich mit ihm einschlo. Mehrere Stunden
blieben beide zusammen, bis endlich Hubert herabkam mit verstrtem
Wesen und nach seinen Pferden rief.

Der Justitiarius trat ihm in den Weg, er wollte vorber, V., von der
Ahnung ergriffen, da vielleicht gerade hier ein tdlicher Bruderzwist
enden knnte, bat ihn, wenigstens ein paar Stunden zu verweilen, und
in dem Augenblick kam auch der Freiherr herab, laut rufend: Bleibe
hier, Hubert! Du wirst dich besinnen! - Huberts Blicke heiterten sich
auf, er gewann Fassung, und indem er den reichen Leibpelz, den er,
schnell abgezogen, hinter sich dem Bedienten zuwarf, nahm er V.s Hand
und sprach, mit ihm in die Zimmer schreitend, mit einem verhhnenden
Lcheln: Der Majoratsherr will mich doch also hier leiden.

V. meinte, da gewi sich jetzt das unglckliche Miverstndnis lsen
werde, welches nur bei getrenntem Leben habe gedeihen knnen. Hubert
nahm die sthlerne Zange, die beim Kamin stand, zur Hand, und indem
er damit ein astiges, dampfendes Stck Holz auseinander klopfte und
das Feuer besser aufschrte, sprach er zu V.: Sie merken, Herr
Justitiarius, da ich ein gutmtiger Mensch bin und geschickt
zu allerlei huslichen Diensten. Aber Wolfgang ist voll der
wunderlichsten Vorurteile und - ein kleiner Geizhals.

V. fand es nicht geraten, weiter in das Verhltnis der Brder
einzudringen, zumal Wolfgangs Gesicht, sein Benehmen, sein Ton den
durch Leidenschaften jeder Art im Innersten zerrissenen Menschen ganz
deutlich zeigte.

Um des Freiherrn Entschlsse in irgendeiner das Majorat betreffenden
Angelegenheit zu vernehmen, ging V. noch am spten Abend hinauf
in sein Gemach. Er fand ihn, wie er, die Arme ber den Rcken
zusammengeschrnkt, ganz verstrt mit groen Schritten das Zimmer ma.
Er blieb stehen, als er endlich den Justitiarius erblickte, fate
seine beiden Hnde, und dster ihm ins Auge schauend, sprach er mit
gebrochener Stimme: Mein Bruder ist gekommen! Ich wei߫, fuhr er
fort, als V. kaum den Mund zur Frage geffnet, ich wei, was Sie
sagen wollen. Ach, Sie wissen nichts. Sie wissen nicht, da mein
unglcklicher Bruder - ja unglcklich nur will ich ihn nennen - da er
wie ein bser Geist mir berall in den Weg tritt und meinen Frieden
strt. An ihm liegt es nicht, da ich nicht unaussprechlich elend
wurde, er tat das Seinige dazu, doch der Himmel wollt' es nicht.

Seit der Zeit, da die Stiftung des Majorats bekannt wurde, verfolgt
er mich mit tdlichem Ha. Er beneidet mich um das Besitztum, das
in seinen Hnden wie Spreu verflogen wre. Er ist der wahnsinnigste
Verschwender, den es gibt. Seine Schuldenlast bersteigt bei weitem
die Hlfte des freien Vermgens in Kurland, die ihm zufllt, und nun,
verfolgt von Glubigern die ihn qulen, eilt er her und bettelt um
Geld.

Und Sie, der Bruder, verweigern wollte ihm V. in die Rede fallen,
doch der Freiherr rief, indem er V.s Hnde fahren lie und einen
starken Schritt zurcktrat, laut und heftig: Halten Sie ein! ja!
ich verweigere! Von den Einknften des Majorats kann und werde ich
keinen Taler verschenken! Aber hren Sie, welchen Vorschlag ich dem
Unsinnigen vor wenigen Stunden vergebens machte, und dann richten Sie
ber mein Pflichtgefhl.

Das freie Vermgen in Kurland ist, wie Sie wissen, bedeutend, auf die
mir zufallende Hlfte wollt' ich verzichten, aber zugunsten seiner
Familie. Hubert ist verheiratet in Kurland an ein schnes armes
Frulein. Sie hat ihm Kinder erzeugt und darbt mit ihnen. Die Gter
sollten administriert, aus den Revenen ihm die ntigen Gelder zum
Unterhalt angewiesen, die Glubiger vermge Abkommens befriedigt
werden. Aber was gilt ihm ein ruhiges, sorgenfreies Leben, was gilt
ihm Frau und Kind! Geld, bares Geld in groen Summen will er haben,
damit er in verruchtem Leichtsinn es verprassen knne!

Welcher Dmon hat ihm das Geheimnis mit den einhundert und
funfzigtausend Talern verraten, davon verlangt er die Hlfte nach
seiner wahnsinnigen Weise, behauptend, dies Geld sei, getrennt vom
Majorat, als freies Vermgen zu achten. Ich mu und werde ihm dies
verweigern, aber mir ahnt es, mein Verderben brtet er aus im Innern!

So sehr V. sich auch bemhte, dem Freiherrn den Verdacht wider seinen
Bruder auszureden, wobei er sich freilich, uneingeweiht in die nheren
Verhltnisse, mit ganz allgemeinen moralischen, ziemlich flachen
Grnden behelfen mute, so gelang ihm dies doch ganz und gar nicht.
Der Freiherr gab ihm den Auftrag, mit dem feindseligen geldgierigen
Hubert zu unterhandeln.

V. tat dies mit so viel Vorsicht, als ihm nur mglich war, und freute
sich nicht wenig, als Hubert endlich erklrte: Mag es dann sein, ich
nehme die Vorschlge des Majoratsherrn an, doch unter der Bedingung,
da er mir jetzt, da ich auf dem Punkt stehe, durch die Hrte meiner
Glubiger Ehre und guten Namen auf immer zu verlieren, tausend
Friedrichsdor bar vorschiee und erlaube, da ich knftig, wenigstens
einige Zeit hindurch, meinen Wohnsitz in dem schnen R..sitten bei dem
gtigen Bruder nehme. Nimmermehr! schrie der Freiherr auf, als ihm
V. diese Vorschlge des Bruders hinterbrachte, nimmermehr werde ich's
zugeben, da Hubert auch nur eine Minute in meinem Hause verweile,
sobald ich mein Weib hergebracht! - Gehen Sie, mein teurer Freund,
sagen Sie dem Friedenstrer, da er zweitausend Friedrichsdor haben
soll, nicht als Vorschu, nein als Geschenk, nur fort - fort!

V. wute nun mit einemmal, da der Freiherr sich ohne Wissen des
Vaters schon verheiratet hatte, und da in dieser Heirat auch der
Grund des Bruderzwistes liegen mute. Hubert hrte stolz und gelassen
den Justitiarius an und sprach, nachdem er geendet, dumpf und dster:
Ich werde mich besinnen, vor der Hand aber noch einige Tage hier
bleiben!

V. bemhte sich, dem Unzufriedenen darzutun, da der Freiherr doch
in der Tat alles tue, ihn durch die Abtretung des freien Vermgens,
soviel als mglich, zu entschdigen, und da er ber ihn sich durchaus
nicht zu beklagen habe, wenn er gleich bekennen msse, da jede
Stiftung, die den Erstgeborenen so vorwiegend begnstige und die
andern Kinder in den Hintergrund stelle, etwas Gehssiges habe.

Hubert ri, wie einer, der Luft machen will der beklemmten Brust, die
Weste von oben bis unten auf; die eine Hand in die offne Busenkrause
begraben, die andere in die Seite gestemmt, drehte er sich mit einer
raschen Tnzerbewegung auf einem Fue um und rief mit schneidender
Stimme: Pah! - das Gehssige wird geboren vom Ha߫ dann schlug er ein
gellendes Gelchter auf und sprach: Wie gndig doch der Majoratsherr
dem armen Bettler seine Goldstcke zuzuwerfen gedenkt. V. sah nun
wohl ein, da von vlliger Ausshnung der Brder gar nicht die Rede
sein knne.

Hubert richtete sich in den Zimmern, die ihm in den Seitenflgeln des
Schlosses angewiesen worden, zu des Freiherrn Verdru auf recht langes
Bleiben ein. Man merkte, da er oft und lange mit dem Hausverwalter
sprach, ja, da dieser sogar zuweilen mit ihm auf die Wolfsjagd zog.
Sonst lie er sich wenig sehen und mied es ganz, mit dem Bruder allein
zusammen zu kommen, welches diesem eben ganz recht war.

V. fhlte das Drckende dieses Verhltnisses, ja er mute sich es
selbst gestehen, da die ganz besondere unheimliche Manier Huberts
in allem, was er sprach und tat, alle Lust recht geflissentlich
zerstrend, eingriff. Jener Schreck des Freiherrn, als er den Bruder
eintreten sah, war ihm nun ganz erklrlich.

V. sa allein in der Gerichtsstube unter den Akten, als Hubert
eintrat, ernster, gelassener als sonst, und mit beinahe wehmtiger
Stimme sprach: Ich nehme auch die letzten Vorschlge des Bruders
an, bewirken Sie, da ich die zweitausend Friedrichsdor noch heute
erhalte, in der Nacht will ich fort zu Pferde - ganz allein Mit dem
Geld? frug V. Sie haben recht, erwiderte Hubert, ich wei, was Sie
sagen wollen - die Last! Stellen sie es in Wechsel auf Isak Lazarus
in K.! - Noch in dieser Nacht will ich hin nach K. Es treibt mich von
hier fort, der Alte hat seine bsen Geister hier hineingehext!

Sprechen Sie von Ihrem Vater, Herr Baron? frug V. sehr ernst.
Huberts Lippen bebten, er hielt sich an dem Stuhl fest, um nicht
umzusinken, dann aber, sich pltzlich ermannend, rief er: Also noch
heute, Herr Justitiarius, und wankte, nicht ohne Anstrengung, zur Tr
hinaus. Er sieht jetzt ein, da keine Tuschungen mehr mglich sind,
da er nichts vermag gegen meinen festen Willen, sprach der Freiherr,
indem er den Wechsel auf Isak Lazarus in K. ausstellte. Eine Last
wurde seiner Brust entnommen durch die Abreise des feindlichen
Bruders, lange war er nicht so froh gewesen als bei der Abendtafel.
Hubert hatte sich entschuldigen lassen, alle vermiten ihn recht gern.

V. wohnte in einem etwas abgelegenen Zimmer, dessen Fenster nach dem
Schlohofe herausgingen. In der Nacht fuhr er pltzlich auf aus dem
Schlafe, und es war ihm, als habe ein fernes, klgliches Wimmern ihn
aus dem Schlafe geweckt. Mochte er aber auch horchen, wie er wollte,
es blieb alles totenstill, und so mute er jenen Ton, der ihm in die
Ohren geklungen, fr die Tuschung eines Traums halten. Ein ganz
besonderes Gefhl von Grauen und Angst bemchtigte sich seiner aber so
ganz und gar, da er nicht im Bette bleiben konnte. Er stand auf und
trat ans Fenster. Nicht lange dauerte es, so wurde das Schlotor
geffnet, und eine Gestalt mit einer brennenden Kerze in der Hand trat
heraus und schritt ber den Schlohof. V. erkannte in der Gestalt
den alten Daniel und sah, wie er die Stalltr ffnete, in den Stall
hineinging und bald darauf ein gesatteltes Pferd herausbrachte.

Nun trat aus der Finsternis eine zweite Gestalt hervor, wohl
eingehllt in einen Pelz, eine Fuchsmtze auf dem Kopf. V. erkannte
Hubert, der mit Daniel einige Minuten hindurch heftig sprach, dann
aber sich zurckzog. Daniel fhrte das Pferd wieder in den Stall,
verschlo diesen und ebenso die Tr des Schlosses, nachdem er ber den
Hof, wie er gekommen, zurckgekehrt. Hubert hatte wegreisen wollen und
sich in dem Augenblick eines andern besonnen, das war nun klar. Ebenso
aber auch, da Hubert gewi mit dem alten Hausverwalter in irgendeinem
gefhrlichen Bndnisse stand. V. konnte kaum den Morgen erwarten, um
den Freiherrn von den Ereignissen der Nacht zu unterrichten. Es galt
nun wirklich, sich gegen Anschlge des bsartigen Hubert zu waffnen,
die sich, wie V. jetzt berzeugt war, schon gestern in seinem
verstrten Wesen kundgetan.

Andern Morgens zur Stunde, wenn der Freiherr aufzustehen pflegte,
vernahm V. ein Hin- und Herrennen, Trauf-, Trzuschlagen, ein
verwirrtes Durcheinander und Schreien. Er trat hinaus und stie
berall auf Bediente, die, ohne auf ihn zu achten, mit leichenblassen
Gesichtern ihm vorbei - treppauf - treppab - hinaus - hinein durch die
Zimmer rannten.

Endlich erfuhr er, da der Freiherr vermit und schon stundenlang
vergebens gesucht werde. In Gegenwart des Jgers hatte er sich ins
Bette gelegt, er mute dann aufgestanden sein und sich im Schlafrock
und Pantoffeln, mit dem Armleuchter in der Hand, entfernt haben,
denn eben diese Stcke wurden vermit. V. lief, von dsterer Ahnung
getrieben, in den verhngnisvollen Saal, dessen Seitenkabinett gleich
dem Vater Wolfgang zu seinem Schlafgemach gewhlt hatte.

Die Pforte zum Turm stand weit offen, tief entsetzt schrie V. laut
auf: Dort in der Tiefe liegt er zerschmettert! - Es war dem so.
Schnee war gefallen, so da man von oben herab nur den zwischen
den Steinen hervorragenden starren Arm des Unglcklichen deutlich
wahrnehmen konnte. Viele Stunden gingen hin, ehe es den Arbeitern
gelang, mit Lebensgefahr auf zusammengebundenen Leitern herabzusteigen
und dann den Leichnam an Stricken heraufzuziehen. Im Krampf der
Todesangst hatte der Baron den silbernen Armleuchter festgepackt, die
Hand, die ihn noch festhielt, war der einzige unversehrte Teil des
ganzen Krpers, der sonst durch das Anprallen an die spitzen Steine
auf das grlichste zerschellt worden.

Alle Furien der Verzweiflung im Antlitz, strzte Hubert herbei, als
die Leiche eben hinaufgeborgen und in dem Saal, gerade an der Stelle
auf einen breiten Tisch gelegt worden, wo vor wenigen Wochen der alte
Roderich lag. Niedergeschmettert von dem grlichen Anblick, heulte
er: Bruder - o mein armer Bruder nein, das hab' ich nicht erfleht
von den Teufeln, die ber mir waren! - V. erbebte vor dieser
verfnglichen Rede, es war ihm so, als msse er zufahren auf Hubert,
als den Mrder seines Bruders. Hubert lag von Sinnen auf dem Fuboden,
man brachte ihn ins Bette, und er erholte sich, nachdem er strkende
Mittel gebraucht, ziemlich bald.

Sehr bleich, dstern Gram im halb erloschnen Auge, trat er dann bei V.
ins Zimmer und sprach, indem er, vor Mattigkeit nicht fhig zu stehen,
sich langsam in einen Lehnstuhl niederlie: Ich habe meines Bruders
Tod gewnscht, weil der Vater ihm den besten Teil des Erbes zugewandt
durch eine trichte Stiftung - jetzt hat er seinen Tod gefunden
auf schreckliche Weise - ich bin Majoratsherr, aber mein Herz ist
zermalmt, ich kann, ich werde niemals glcklich sein. Ich besttige
Sie im Amte, Sie erhalten die ausgedehntesten Vollmachten rcksichts
der Verwaltung des Majorats, auf dem ich nicht zu hausen vermag!
Hubert verlie das Zimmer und war in ein paar Stunden schon auf dem
Wege nach K.

Es schien, da der unglckliche Wolfgang in der Nacht aufgestanden
war und sich vielleicht in das andere Kabinett, wo eine Bibliothek
aufgestellt, begeben wollen. In der Schlaftrunkenheit verfehlte er
die Tr, ffnete statt derselben die Pforte, schritt vor und strzte
hinab. Diese Erklrung enthielt indessen immer viel Erzwungenes.
Konnte der Baron nicht schlafen, wollte er sich noch ein Buch aus der
Bibliothek holen, um zu lesen, so schlo dieses alle Schlaftrunkenheit
aus, aber nur so war es mglich, die Tr des Kabinetts zu verfehlen
und statt dieser die Pforte zu ffnen. berdem war diese fest
verschlossen und mute erst mit vieler Mhe aufgeschlossen werden.
Ach, fing endlich, als V. diese Unwahrscheinlichkeit vor
versammelter Dienerschaft entwickelte, des Freiherrn Jger, Franz
geheien, an, ach, lieber Herr Justitiarius, so hat es wohl sich
nicht zugetragen! - Wie denn anders? fuhr ihn V. an.

Franz, ein ehrlicher treuer Kerl, der seinem Herrn htte ins Grab
folgen mgen, wollte aber nicht vor den andern mit der Sprache heraus,
sondern behielt sich vor, das, was er davon zu sagen wisse, dem
Justistiarius allein zu vertrauen. V. erfuhr nun, da der Freiherr zu
Franz sehr oft von den vielen Schtzen sprach, die da unten in dem
Schutt begraben lgen, und da er oft, wie vom bsen Geist getrieben,
zur Nachtzeit noch die Pforte, zu der den Schlssel ihm Daniel hatte
geben mssen, ffnete und mit Sehnsucht hinabschaute in die Tiefe nach
den vermeintlichen Reichtmern. Gewi war es nun wohl so, da in jener
verhngnisvollen Nacht der Freiherr, nachdem ihn der Jger schon
verlassen, noch einen Gang nach dem Turm gemacht und ihn dort ein
pltzlicher Schwindel erfat und herabgestrzt hatte.

Daniel, der von dem entsetzlichen Tode des Freiherrn auch sehr
erschttert schien, meinte, da es gut sein wrde, die gefhrliche
Pforte fest vermauern zu lassen, welches denn auch gleich geschah.
Freiherr Hubert von R., jetziger Majoratsbesitzer, ging, ohne sich
wieder in R..sitten sehen zu lassen, nach Kurland zurck. V. erhielt
alle Vollmachten, die zur unumschrnkten Verwaltung des Majorats ntig
waren.

Der Bau des neuen Schlosses unterblieb, wogegen, so viel mglich, das
alte Gebude in guten Stand gesetzt wurde. Schon waren mehrere Jahre
verflossen, als Hubert zum erstenmal zur spten Herbstzeit sich in
R..sitten einfand, und nachdem er mehrere Tage mit V., in seinem
Zimmer eingeschlossen, zugebracht, wieder nach Kurland zurckging. Bei
seiner Durchreise durch K. hatte er bei der dortigen Landesregierung
sein Testament niedergelegt.

Whrend seines Aufenthaltes in R..sitten sprach der Freiherr, der in
seinem tiefsten Wesen ganz gendert schien, viel von Ahnungen eines
nahen Todes. Diese gingen wirklich in Erfllung, denn er starb schon
das Jahr darauf. Sein Sohn, wie er Hubert geheien, kam schnell
herber von Kurland, um das reiche Majorat in Besitz zu nehmen. Ihm
folgten Mutter und Schwester.

Der Jngling schien alle bsen Eigenschaften der Vorfahren in sich zu
vereinen, er bewies sich als stolz, hochfahrend, ungestm, habschtig
gleich in den ersten Augenblicken seines Aufenthalts in R..sitten. Er
wollte auf der Stelle vieles ndern lassen, welches ihm nicht bequem,
nicht gehrig schien, den Koch warf er zum Hause hinaus, den Kutscher
versuchte er zu prgeln welches aber nicht gelang, da der baumstarke
Kerl die Frechheit hatte, es nicht leiden zu wollen; kurz, er war im
besten Zuge, die Rolle des strengen Majoratsherrn zu beginnen, als V.
ihm mit Ernst und Festigkeit entgegentrat, sehr bestimmt versichernd,
kein Stuhl solle hier gerckt werden, keine Katze das Haus verlassen,
wenn es ihr noch sonst darin gefalle, vor Erffnung des Testaments.
Sie unterstehen sich hier, dem Majoratsherrn fing der Baron an. V.
lie den vor Wut schumenden Jngling jedoch nicht ausreden, sondern
sprach, indem er ihn mit durchbohrenden Blicken ma:

Keine bereilung, Herr Baron! Durchaus drfen Sie hier nicht regieren
wollen vor Erffnung des Testaments; jetzt bin ich, ich allein hier
Herr und werde Gewalt mit Gewalt zu vertreiben wissen. Erinnern Sie
sich, da ich kraft meiner Vollmacht als Vollzieher des vterlichen
Testaments, kraft der getroffenen Verfgungen des Gerichts berechtigt
bin, Ihnen den Aufenthalt hier in R..sitten zu versagen, und ich rate
Ihnen, um das Unangenehme zu verhten, sich ruhig nach K. zu begeben.

Der Ernst des Gerichtshalters, der entschiedene Ton, mit dem er
sprach, gab seinen Worten gehrigen Nachdruck, und so kam es, da der
junge Baron, der mit gar zu spitzigen Hrnern anlaufen wollte wider
den festen Bau, die Schwche seiner Waffen fhlte und fr gut
fand, im Rckzuge seine Beschmung mit einem hhnischen Gelchter
auszugleichen.

Drei Monate waren verflossen und der Tag gekommen, an dem nach dem
Willen des Verstorbenen das Testament in K., wo es niedergelegt
worden, erffnet werden sollte. Auer den Gerichtspersonen, dem
Baron und V. befand sich noch ein junger Mensch von edlem Ansehn
in dem Gerichtssaal, den V. mitgebracht, und den man, da ihm ein
eingeknpftes Aktenstck aus dem Busen hervorragte, fr V.s Schreiber
hielt. Der Baron sah ihn, wie er es beinahe mit allen brigen machte,
ber die Achsel an und verlangte strmisch, da man die langweilige
berflssige Zeremonie nur schnell und ohne viele Worte und
Schreiberei abmachen solle. Er begreife nicht, wie es berhaupt in
dieser Erbangelegenheit, wenigstens hinsichts des Majorats, auf ein
Testament ankommen knne, und werde, insofern hier irgend etwas
verfgt sein solle, es lediglich von seinem Willen abhngen, das zu
beachten oder nicht.

Hand und Siegel des verstorbenen Vaters erkannte der Baron an, nachdem
er einen flchtigen mrrischen Blick darauf geworfen, dann, indem der
Gerichtsschreiber sich zum lauten Ablesen des Testaments anschickte,
schaute er gleichgltig nach dem Fenster hin, den rechten Arm
nachlssig ber die Stuhllehne geworfen, den linken Arm gelehnt
auf den Gerichtstisch, und auf dessen grner Decke mit den Fingern
trommelnd.

Nach einem kurzen Eingange erklrte der verstorbene Freiherr Hubert v.
R., da er das Majorat niemals als wirklicher Majoratsherr besessen,
sondern dasselbe nur namens des einzigen Sohnes des verstorbenen
Freiherrn Wolfgang von R., nach seinem Grovater Roderich geheien,
verwaltet habe; dieser sei derjenige, dem nach der Familiensukzession
durch seines Vaters Tod das Majorat zugefallen. Die genauesten
Rechnungen ber Einnahme und Ausgabe, ber den vorzufindenden Bestand
u.s.w. wrde man in seinem Nachla finden. Wolfgang von R., so
erzhlte Hubert in dem Testament, lernte auf seinen Reisen in Genf
das Frulein Julie von St. Val kennen und fate eine solche heftige
Neigung zu ihr, da er sich nie mehr von ihr zu trennen beschlo. Sie
war sehr arm, und ihre Familie, unerachtet von gutem Adel, gehrte
eben nicht zu den glnzendsten.

Schon deshalb durfte er auf die Einwilligung des alten Roderich,
dessen ganzes Streben dahin ging, das Majoratshaus auf alle nur
mgliche Weise zu erheben, nicht hoffen. Er wagte es dennoch,
von Paris aus dem Vater seine Neigung zu entdecken; was aber
vorauszusehen, geschah wirklich, indem der Alte bestimmt erklrte, da
er schon selbst die Braut fr den Majoratsherrn erkoren und von einer
andern niemals die Rede sein knne.

Wolfgang, statt, wie er sollte, nach England hinberzuschiffen, kehrte
unter dem Namen Born nach Genf zurck und vermhlte sich mit Julien,
die ihm nach Verlauf eines Jahres den Sohn gebar, der mit dem Tode
Wolfgangs Majoratsherr wurde. Darber, da Hubert, von der ganzen
Sache unterrichtet, so lange schwieg und sich selbst als Majoratsherr
gerierte, waren verschiedene Ursachen angefhrt, die sich auf frhere
Verabredungen mit Wolfgang bezogen, indessen unzureichend und aus der
Luft gegriffen schienen.

Wie vom Donner gerhrt, starrte der Baron den Gerichtsschreiber an,
der mit eintniger schnarrender Stimme alles Unheil verkndete. Als er
geendet, stand V. auf, nahm den jungen Menschen, den er mitgebracht,
bei der Hand und sprach, indem er sich gegen die Anwesenden verbeugte:
Hier, meine Herren, habe ich die Ehre, Ihnen den Freiherrn Roderich
von R., Majoratsherrn von R..sitten, vorzustellen! Baron Hubert
blickte den Jngling, der, wie vom Himmel gefallen, ihn um das reiche
Majorat, um die Hlfte des freien Vermgens in Kurland brachte,
verhaltenen Grimm im glhenden Auge, an, drohte dann mit geballter
Faust und rannte, ohne ein Wort hervorbringen zu knnen, zum
Gerichtssaal hinaus.

Von den Gerichtspersonen dazu aufgefordert, holte jetzt Baron Roderich
die Urkunden hervor, die ihn als die Person, fr die er sich ausgab,
legitimieren sollten. Er berreichte den beglaubigten Auszug aus den
Registern der Kirche, wo sein Vater sich trauen lassen, worin bezeugt
wurde, da an dem und dem Tage der Kaufmann Wolfgang Born, gebrtig
aus K., mit dem Frulein Julie von St. Val in Gegenwart der genannten
Personen durch priesterliche Einsegnung getraut worden. Ebenso hatte
er seinen Taufschein (er war in Genf als von dem Kaufmann Born mit
seiner Gemahlin Julie, geb. v. St. Val, in gltiger Ehe erzeugtes Kind
getauft worden), verschiedene Briefe seines Vaters an seine schon
lngst verstorbene Mutter, die aber alle nur mit W. unterzeichnet
waren.

V. sah alle diese Papiere mit finsterm Gesichte durch und sprach,
ziemlich bekmmert, als er sie wieder zusammenschlug: Nun, Gott wird
helfen!

Schon andern Tages reichte der Freiherr Hubert von R. durch
einen Advokaten, den er zu seinem Rechtsfreunde erkoren, bei der
Landesregierung in K. eine Vorstellung ein, worin er auf nichts
weniger antrug, als sofort die bergabe des Majorats R..sitten an
ihn zu veranlassen. Es verstehe sich von selbst, sagte der Advokat,
da weder testamentarisch, noch auf irgendeine andere Weise,
der verstorbene Freiherr Hubert von R. habe ber das Majorat
verfgen knnen. Jenes Testament sei also nichts anders, als die
aufgeschriebene und gerichtlich bergebene Aussage, nach welcher der
Freiherr Wolfgang von R. das Majorat an einen Sohn vererbt haben
solle, der noch lebe, die keine hhere Beweiskraft, als jede andere
irgendeines Zeugen haben und also unmglich die Legitimation des
angeblichen Freiherrn Roderich von R. bewirken knne.

Vielmehr sei es die Sache dieses Prtendenten, sein vorgebliches
Erbrecht, dem hiermit ausdrcklich widersprochen werde, im Wege des
Prozesses darzutun und das Majorat, welches jetzt nach dem Recht
der Sukzession dem Baron Hubert von R. zugefallen, zu vindizieren.
Durch den Tod des Vaters sei der Besitz unmittelbar auf den Sohn
bergegangen; es habe keiner Erklrung ber den Erbschaftsantritt
bedurft, da der Majoratsfolge nicht entsagt werden knne, mithin
drfte der jetzige Majoratsherr in dem Besitze nicht durch ganz
illiquide Ansprche turbiert werden.

Was der Verstorbene fr Grund gehabt habe, einen andern Majoratsherrn
aufzustellen, sei ganz gleichgltig, nur werde bemerkt, da er selbst,
wie aus den nachgelassenen Papieren erforderlichen Falls nachgewiesen
werden knne, eine Liebschaft in der Schweiz gehabt habe, und so sei
vielleicht der angebliche Bruderssohn der eigne, in einer verbotenen
Liebe erzeugte, dem er in einem Anfall von Reue das reiche Majorat
zuwenden wollen.

So sehr auch die Wahrscheinlichkeit fr die im Testament behaupteten
Umstnde sprach, so sehr auch die Richter hauptschlich die letzte
Wendung, in der der Sohn sich nicht scheute, den Verstorbenen eines
Verbrechens anzuklagen, emprte, so blieb doch die Ansicht der Sache,
wie sie aufgestellt worden, die richtige, und nur den rastlosen
Bemhungen V.s, der bestimmten Versicherung, da der die Legitimation
des Freiherrn Roderich von R. bewirkende Beweis in kurzer Zeit auf das
bndigste gefhrt werden solle, konnte es gelingen, da die bergabe
des Majorats noch ausgesetzt und die Fortdauer der Administration bis
nach entschiedener Sache verfgt wurde.

V.sah nur zu gut ein, wie schwer es ihm werden wrde, sein
Versprechen zu halten. Er hatte alle Briefschaften des alten Roderich
durchstbert, ohne die Spur eines Briefes oder sonst eines Aufsatzes
zu finden, der Bezug auf jenes Verhltnis Wolfgangs mit dem Frulein
von St. Val gehabt htte. Gedankenvoll sa er in R..sitten in dem
Schlafkabinett des alten Roderich, das er ganz durchsucht, und
arbeitete an einem Aufsatze fr den Notar in Genf, der ihm als ein
scharfsinniger ttiger Mann empfohlen worden, und der ihm einige
Notizen schaffen sollte, die die Sache des jungen Freiherrn ins klare
bringen konnten.

Es war Mitternacht worden, der Vollmond schien heil hinein in den
anstoenden Saal, dessen Tr offen stand. Da war es, als schritte
jemand langsam und schwer die Treppe herauf und klirre und klappere
mit Schlsseln. V. wurde aufmerksam, er stand auf, ging in den Saal
und vernahm nun deutlich, da jemand sich durch den Flur der Tre des
Saals nahte. Bald darauf wurde diese geffnet, und ein Mensch mit
leichenblassem entstellten Antlitz, in Nachtkleidern, in der einen
Hand den Armleuchter mit brennenden Kerzen, in der andern den groen
Schlsselbund, trat langsam hinein.

V. erkannte augenblicklich den Hausverwalter und war im Begriff,
ihm zuzurufen, was er so spt in der Nacht wolle, als ihn in dem
ganzen Wesen des Alten, in dem zum Tode erstarrten Antlitz etwas
Unheimliches, Gespenstisches mit Eisklte anhauchte. Er erkannte, da
er einen Nachtwandler vor sich habe. Der Alte ging mit gemessenen
Schritten quer durch den Saal, gerade los auf die vermauerte Tr, die
ehemals zum Turm fhrte. Dicht vor derselben blieb er stehen und stie
aus tiefer Brust einen heulenden Laut aus, der so entsetzlich in dem
ganzen Saale widerhallte, da V. erbebte vor Grauen.

Dann, den Armleuchter auf den Fuboden gestellt, den Schlsselbund an
den Grtel gehngt, fing Daniel an, mit beiden Hnden an der Mauer zu
kratzen, da bald das Blut unter den Ngeln hervorquoll, und dabei
sthnte er und chzte, wie gepeinigt von einer namenlosen Todesqual.
Nun legte er das Ohr an die Mauer, als wolle er irgend etwas
erlauschen, dann winkte er mit der Hand, wie jemanden beschwichtigend,
bckte sich, den Armleuchter wieder vom Boden aufhebend, und schlich
mit leisen gemessenen Schritten nach der Tre zurck.

V. folgte ihm behutsam mit dem Leuchter in der Hand. Es ging die
Treppe herab, der Alte schlo die groe Haupttr des Schlosses auf, V.
schlpfte geschickt hindurch; nun begab er sich nach dem Stall, und
nachdem er zu V.s tiefem Erstaunen den Armleuchter so geschickt
hingestellt hatte, da das ganze Gebude genugsam erhellt wurde ohne
irgendeine Gefahr, holte er Sattel und Zeug herbei und rstete mit
groer Sorglichkeit, den Gurt fest-, die Steigbgel hinaufschnallend,
ein Pferd aus, das er losgebunden von der Krippe.

Nachdem er noch ein Bschel Haare ber den Stirnriemen weg durch die
Hand gezogen, nahm er, mit der Zunge schnalzend und mit der einen Hand
ihm den Hals klopfend, das Pferd beim Zgel und fhrte es heraus.
Drauen im Hofe blieb er einige Sekunden stehen in der Stellung, als
erhalte er Befehle, die er kopfnickend auszufhren versprach. Dann
fhrte er das Pferd zurck in den Stall, sattelte es wieder ab und
band es an die Krippe. Nun nahm er den Armleuchter, verschlo den
Stall, kehrte in das Schlo zurck und verschwand endlich in sein
Zimmer, das er sorgfltig verriegelte.

V. fhlte sich von diesem Auftritt im Innerstein ergriffen, die
Ahnung einer entsetzlichen Tat erhob sich vor ihm wie ein schwarzes
hllisches Gespenst, das ihn nicht mehr verlie. Ganz erfllt von
der bedrohlichen Lage seines Schtzlings, glaubte er wenigstens das,
was er gesehen, ntzen zu mssen zu seinem Besten. Andern Tages, es
wollte schon die Dmmerung einbrechen, kam Daniel in sein Zimmer, um
irgendeine sich auf den Hausstand beziehende Anweisung einzuholen.

Da fate ihn V. bei beiden Armen und fing an, indem er ihn zutraulich
auf den Sessel niederdrckte: Hre, alter Freund Daniel! lange habe
ich dich fragen wollen, was hltst du denn von dem verworrenen Kram,
den uns Huberts sonderbares Testament ber den Hals gebracht hat?
Glaubst du denn wohl, da der junge Mensch wirklich Wolfgangs in
rechtsgltiger Ehe erzeugter Sohn ist? Der Alte, sich ber die Lehne
des Stuhls wegbeugend und V.s starr auf ihn gerichteten Blicken
ausweichend, rief mrrisch: Pah! er kann es sein; er kann es auch
nicht sein. Was schiert's mich, mag nun hier Herr werden, wer da
will.

Aber ich meine, fuhr V. fort, indem er dem Alten nher rckte und
die Hand auf seine Schulter legte, aber ich meine, da du des alten
Freiherrn ganzes Vertrauen hattest, so verschwieg er dir gewi nicht
die Verhltnisse seiner Shne. Er erzhlte dir von dem Bndnis, das
Wolfgang wider seinen Willen geschlossen? - Ich kann mich auf
dergleichen gar nicht besinnen, erwiderte der Alte, indem er auf
eingezogene Art laut ghnte. Du bist schlfrig, Alter, sprach V.,
hast du vielleicht eine unruhige Nacht gehabt? - Da ich nicht
wte, entgegnete der Alte frostig, aber ich will nun gehen und das
Abendessen bestellen.

Hiermit erhob er sich schwerfllig vom Stuhl, indem er sich den
gekrmmten Rcken rieb und abermals und zwar noch lauter ghnte als
zuvor. Bleibe doch noch, Alter, rief V., indem er ihn bei der Hand
ergriff und zum Sitzen ntigen wollte, der Alte blieb aber vor dem
Arbeitstisch stehen, auf den er sich mit beiden Hnden stemmte, den
Leib bergebogen nach V. hin, und mrrisch fragend: Nun was soll's
denn, was schiert mich das Testament, was schiert mich der Streit um
das Majorat Davon, fiel ihm V. in die Rede, wollen wir auch gar
nicht mehr sprechen: von ganz etwas anderm, lieber Daniel! - Du bist
mrrisch, du ghnst, das alles zeugt von besonderer Abspannung, und
nun mcht' ich beinahe glauben, da du es wirklich gewesen bist in
dieser Nacht. Was bin ich gewesen in dieser Nacht, frug der Alte,
in seiner Stellung verharrend. Als ich sprach V. weiter, gestern
mitternacht dort oben in dem Kabinett des alten Herrn neben dem groen
Saal sa, kamst du zur Tre herein, ganz starr und bleich, schrittest
auf die zugemauerte Tr los, kratztest mit beiden Hnden an der Mauer
und sthntest, als wenn du groe Qualen empfndest. Bist du denn ein
Nachtwandler, Daniel?

Der Alte sank zurck in den Stuhl, den ihm V. schnell unterschob. Er
gab keinen Laut von sich, die tiefe Dmmerung lie sein Gesicht nicht
erkennen, V. bemerkte nur, da er kurz Atem holte und mit den Zhnen
klapperte.

Ja, fuhr V. nach kurzem Schweigen fort, Ja, es ist ein eignes Ding
mit den Nachtwandlern. Andern Tages wissen sie von diesem sonderbaren
Zustande, von allem, was sie wie in vollem Wachen begonnen haben,
nicht das allermindeste. - Daniel blieb still. hnliches, sprach V.
weiter, wie gestern mit dir, habe ich schon erlebt. Ich hatte einen
Freund, der stellte so wie du, trat der Vollmond ein, regelmig
nchtliche Wanderungen an. Ja, manchmal setzte er sich hin und schrieb
Briefe. Am merkwrdigsten war es aber, da, fing ich an, ihm ganz
leise ins Ohr zu flstern, es mir bald gelang ihn zum Sprechen zu
bringen. Er antwortete gehrig auf alle Fragen, und selbst das, was er
im Wachen sorglich verschwiegen haben wrde, flo nun unwillkrlich,
als knne er der Kraft nicht widerstehen, die auf ihn einwirkte, von
seinen Lippen. - Der Teufel! ich glaube, verschwiege ein Mondschtiger
irgendeine begangene Untat noch so lange, man knnte sie ihm abfragen
in dem seltsamen Zustande. - Wohl dem, der ein reines Gewissen hat,
wie wir beide, guter Daniel, wir knnen schon immer Nachtwandler sein,
uns wird man kein Verbrechen abfragen.

Aber hre, Daniel, gewi willst du herauf in den astronomischen Turm,
wenn du so abscheulich an der zugemauerten Tre kratzest? - Du willst
gewi laborieren wie der alte Roderich? Nun, das werd' ich dir
nchstens abfragen! Der Alte hatte, whrend V. dieses sprach, immer
strker und strker gezittert, jetzt flog sein ganzer Krper, von
heillosem Krampf hin- und hergeworfen, und er brach aus in ein
gellendes, unverstndiges Geplapper. V. schellte die Diener herauf.
Man brachte Lichter, der Alte lie nicht nach, wie ein willkrlos
bewegtes Automat hob man ihn auf und brachte ihn ins Bette. Nachdem
beinahe eine Stunde dieser heillose Zustand gedauert, verfiel er in
tiefer Ohnmacht hnlichen Schlaf. Als er erwachte, verlangte er Wein
zu trinken, und als man ihm diesen gereicht, trieb er den Diener, der
bei ihm wachen wollte, fort und verschlo sich, wie gewhnlich, in
sein Zimmer.

V. hatte wirklich beschlossen, den Versuch anzustellen, in dem
Augenblick, als er davon gegen Daniel sprach, wiewohl er sich selbst
gestehen mute, einmal, da Daniel, vielleicht erst jetzt von seiner
Mondsucht unterrichtet, alles anwenden werde, ihm zu entgehen, dann
aber, da Gestndnisse, in diesem Zustande abgelegt, eben nicht
geeignet sein wrden, darauf weiter fortzubauen. Demunerachtet begab
er sich gegen Mitternacht in den Saal, hoffend, da Daniel, wie es
in dieser Krankheit geschieht, gezwungen werden wrde, willkrlos zu
handeln.

Um Mitternacht erhob sich ein groer Lrm auf dem Hofe. V. hrte
deutlich ein Fenster einschlagen, er eilte berab, und als er die Gnge
durchschritt, wallte ihm ein stinkender Dampf entgegen, der, wie
er bald gewahrte, aus dem geffneten Zimmer des Hausverwalters
herausquoll. Diesen brachte man eben todstarr herausgetragen, um ihn
in einem andern Zimmer ins Bette zu legen. Um Mitternacht wurde ein
Knecht, so erzhlten die Diener, durch ein seltsames dumpfes Pochen
geweckt, er glaubte, dem Alten sei etwas zugestoen, und schickte sich
an aufzustehen, um ihm zu Hlfe zu kommen, als der Wchter auf dem
Hofe laut rief: Feuer, Feuer! in der Stube des Herrn Verwalters
brennt's lichterloh!

Auf dies Geschrei waren gleich mehrere Diener bei der Hand, aber alles
Mhen, die Tr des Zimmers einzubrechen, blieb umsonst. Nun eilten
sie heraus auf den Hof, aber der entschlossene Wchter hatte schon
das Fenster des niedrigen, im Erdgeschosse befindlichen Zimmers
eingeschlagen die brennenden Gardinen herabgerissen, worauf ein paar
hineingegossene Eimer Wasser den Brand augenblicklich lschten. Den
Hausverwalter fand man mitten im Zimmer auf der Erde liegend in tiefer
Ohnmacht. Er hielt noch fest den Armleuchter in der Hand, dessen
brennende Kerzen die Gardinen erfat und so das Feuer veranlat
hatten. Brennende herabfallende Lappen hatten dem Alten die
Augenbrauen und ein gut Teil Kopfhaare weggesengt. Bemerkte der
Wchter nicht das Feuer, so htte der Alte hlflos verbrennen mssen.
Zu nicht geringer Verwunderung fanden die Diener, da die Tr des
Zimmers von innen durch zwei ganz neu angeschrobene Riegel, die noch
den Abend vorher nicht dagewesen, verwahrt war.

V. sah ein, da der Alte sich hatte das Hinausschreiten aus dem Zimmer
unmglich machen wollen, widerstehen konnt er dem blinden Triebe
nicht. Der Alte verfiel in eine ernste Krankheit; er sprach nicht, er
nahm nur wenig Nahrung zu sich und starrte, wie festgeklammert von
einem entsetzlichen Gedanken, mit Blicken, in denen sich der Tod
malte, vor sich hin. V. glaubte, da der Alte von dem Lager nicht
erstehen werde.

Alles, was sich fr seinen Schtzling tun lie, hatte V. getan, er
mute ruhig den Erfolg abwarten und wollte deshalb nach K. zurck. Die
Abreise war fr den folgenden Morgen bestimmt. V. packte spt abends
seine Skripturen zusammen, da fiel ihm ein kleines Paket in die
Hnde, welches ihm der Freiherr Hubert von R. versiegelt und mit der
Aufschrift: Nach Erffnung meines Testaments zu lesen zugestellt und
das er unbegreiflicherweise noch nicht beobachtet hatte. Er war im
Begriff dieses Paket zu entsiegeln, als die Tr aufging und mit leisen
gespenstischen Schritten Daniel hereintrat. Er legte eine schwarze
Mappe, die er unter dem Arm trug, auf den Schreibtisch, dann mit einem
tiefen Todesseufzer auf beide Knie sinkend, V.s Hnde mit den seinen
krampfhaft fassend, sprach er hohl und dumpf, wie aus tiefem Grabe:
Auf dem Schafott strb' ich nicht gern! der dort oben richtet! -
dann richtete er sich unter angstvollem Keuchen mhsam auf und verlie
das Zimmer, wie er gekommen.

V. brachte die ganze Nacht hin, alles das zu lesen, was die schwarze
Mappe und Huberts Paket enthielt. Beides hing genau zusammen und
bestimmte von selbst die weitern Maregeln, die nun zu ergreifen.
Sowie V. in K. angekommen, begab er sich zum Freiherrn Hubert von
R., der ihn mit rauhem Stolz empfing. Die merkwrdige Folge einer
Unterredung, welche mittags anfing und bis spt in die Nacht hinein
ununterbrochen fortdauerte, war aber, da der Freiherr andern Tages
vor Gericht erklrte, da er den Prtendenten des Majorats dem
Testamente seines Vaters gem fr den in rechtsgltiger Ehe von dem
ltesten Sohn des Freiherrn Roderich von R., Wolfgang von R., mit dem
Frulein Julie von St. Val erzeugten Sohn, mithin fr den rechtgltig
legitimierten Majoratserben anerkenne. Als er von dem Gerichtssaal
herabstieg, stand sein Wagen mit Postpferden vor der Tre, er reiste
schnell ab und lie Mutter und Schwester zurck. Sie wrden ihn
vielleicht nie wiedersehen, hatte er ihnen mit andern rtselhaften
uerungen geschrieben.

Roderichs Erstaunen ber diese Wendung, die die Sache nahm, war nicht
gering, er drang in V. ihm doch nur zu erklren, wie dies Wunder habe
bewirkt werden knnen, welche geheimnisvolle Macht im Spiele sei. V.
vertrstete ihn indessen auf knftige Zeiten, und zwar, wenn er Besitz
genommen haben wrde von dem Majorat. Die bergabe des Majorats
konnte nmlich deshalb nicht geschehen, weil nun die Gerichte, nicht
befriedigt durch jene Erklrung Huberts, auerdem die vollstndige
Legitimation Roderichs verlangten. V. bot dem Freiherrn die Wohnung in
R..sitten an und setzte hinzu, da Huberts Mutter und Schwester, durch
seine schnelle Abreise in augenblickliche Verlegenheit gesetzt, den
stillen Aufenthalt auf dem Stammgute der geruschvollen teuren Stadt
vorziehen wrden.

Das Entzcken, womit Roderich den Gedanken ergriff, mit der Baronin
und ihrer Tochter wenigstens eine Zeitlang unter einem Dache zu
wohnen, bewies, welchen tiefen Eindruck Seraphine, das holde, anmutige
Kind, auf ihn gemacht hatte. In der Tat wute der Freiherr seinen
Aufenthalt in R..sitten so gut zu benutzen, da er, wenige Wocben
waren vergangen, Seraphinens innige Liebe und der Mutter beifllig
Wort zur Verbindung mit ihr gewonnen hatte.

Dem V. war das alles zu schnell, da bis jetzt Roderichs Legitimation
als Majoratsherr von R..sitten noch immer zweifelhaft geblieben.
Briefe aus Kurland unterbrachen das Idyllenleben auf dem Schlosse.
Hubert hatte sich gar nicht auf den Gtern sehen lassen, sondern war
unmittelbar nach Petersburg gegangen, dort in Militrdienste getreten
und stand jetzt auf dem Felde gegen die Perser, mit denen Ruland
gerade im Kriege begriffen. Dies machte die schnelle Abreise der
Baronin mit ihrer Tochter nach den Gtern, wo Unordnung und Verwirrung
herrschte, ntig.

Roderich, der sich schon als den aufgenommenen Sohn betrachtete,
unterlie nicht die Geliebte zu begleiten, und so wurde, da V.
ebenfalls nach K. zurckkehrte, das Schlo einsam, wie vorher. Des
Hausverwalters bse Krankheit wurde schlimmer und schlimmer, so da
er nicht mehr daraus zu erstehen glaubte, sein Amt wurde einem alten
Jger, Wolfgangs treuem Diener, Franz geheien, bertragen. Endlich
nach langem Harren erhielt V. die gnstigsten Nachrichten aus der
Schweiz. Der Pfarrer, der Wolfgangs Trauung vollzogen, war lngst
gestorben, indessen fand sich in dem Kirchenbuche von seiner Hand
notiert, da derjenige, den er unter dem Namen Born mit dem Frulein
Julie St. Val ehelich verbunden, sich bei ihm als Freiherr Wolfgang
von R., ltesten Sohn des Freiherrn Roderich von R. auf R..sitten,
vollstndig legitimiert habe.

Auerdem wurden noch zwei Trauzeugen, ein Kaufmann in Genf und ein
alter franzsischer Kapitn, der nach Lyon gezogen, ausgemittelt,
denen Wolfgang ebenfalls sich entdeckt hatte, und ihre eidlichen
Aussagen bekrftigten den Vermerk des Pfarrers im Kirchenbuche.
Mit den in rechtlicher Form ausgefertigten Verhandlungen in der
Hand, fuhrte nun V. den vollstndigen Nachweis der Rechte seines
Machtgebers, und nichts stand der bergabe des Majorats im Wege, die
im knftigen Herbst erfolgen sollte. Hubert war gleich in der ersten
Schlacht, der er beiwohnte, geblieben, ihn hatte das Schicksal seines
jngern Bruders, der ein Jahr vor seines Vaters Tode ebenfalls im
Felde blieb, getroffen; so fielen die Gter in Kurland der Baronesse
Seraphine von R. zu und wurden eine schne Mitgift fr den
berglcklichen Roderich.

Der November war angebrochen, als die Baronin, Roderich mit seiner
Braut in R..sitten anlangte. Die bergabe des Majorats erfolgte und
dann Roderichs Verbindung mit Seraphinen. Manche Woche verging im
Taumel der Lust, bis endlich die bersttigten Gste nach und nach das
Schlo verlieen zur groen Zufriedenheit V.s, der von R..sitten nicht
scheiden wollte, ohne den jungen Majoratsherrn auf das genaueste
einzuweihen in alle Verhltnisse des neuen Besitztums.

Mit der strengsten Genauigkeit hatte Roderichs Oheim die Rechnungen
ber Einnahme und Ausgabe gefhrt, so da, da Roderich nur eine
geringe Summe jhrlich zu seinem Unterhalt bekam, durch die
berschsse der Einnahme jenes bares Kapital, das man in des alten
Freiherrn Nachla vorfand, einen bedeutenden Zuschu erhielt. Nur in
den ersten drei Jahren hatte Hubert die Einknfte des Majorats in
seinen Nutzen verwandt, darber aber ein Schuldinstrument ausgestellt
und es auf den ihm zustehenden Anteil der Gter in Kurland versichern
lassen.

V. hatte seit der Zeit, als ihm Daniel als Nachtwandler erschien, das
Schlafgemach des alten Roderich zu seinem Wohnzimmer gewhlt, um desto
sicherer das erlauschen zu knnen, was ihm Daniel nachher freiwillig
offenbarte. So kam es, da dies Gemach und der anstoende groe Saal
der Ort blieb, wo der Freiherr mit V. im Geschft zusammenkam. Da
saen nun beide beim hellodernden Kaminfeuer an dem groen Tische, V.
mit der Feder in der Hand, die Summen notierend und den Reichtum des
Majoratsherrn berechnend, dieser mit aufgestemmtem Arm hineinblinzelnd
in die aufgeschlagenen Rechnungsbcher, in die gewichtigen Dokumente.

Keiner vernahm das dumpfe Brausen der See, das Angstgeschrei der
Mwen, die, das Unwetter verkndend, im Hin- und Herflattern an
die Fensterscheiben schlugen, keiner achtete des Sturms, der, um
Mitternacht heraufgekommen, in wildem Tosen das Schlo durchsauste, so
da alle Unkenstimmen in den Kaminen, in den engen Gngen erwachten
und widerlich durcheinander pfiffen und heulten. Als endlich nach
einem Windsto, vor dem der ganze Bau erdrhnte, pltzlich der ganze
Saal im dstern Feuer des Vollmonds stand, rief V.: Ein bses
Wetter!

Der Freiherr, ganz vertieft in die Aussicht des Reichtums, der ihm
zugefallen, erwiderte gleichgltig, indem er mit zufriedenem Lcheln
ein Blatt des Einnahmebuchs umschlug: In der Tat, sehr strmisch.
Aber wie fuhr er, von der eisigen Faust des Schreckens berhrt, in die
Hhe, als die Tr des Saals aufsprang und eine bleiche, gespenstische
Gestalt sichtbar wurde, die, den Tod im Antlitz, hineinschritt.
Daniel, den V. so wie jedermann in tiefer Krankheit ohnmchtig
daliegend, nicht fr fhig hielt ein Glied zu rhren, war es, der,
abermals von der Mondsucht befallen, seine nchtliche Wanderung
begonnen.

Lautlos starrte der Freiherr den Alten an, als dieser nun aber unter
angstvollen Seufzern der Todesqual an der Wand kratzte, da fate
den Freiherrn tiefes Entsetzen. Bleich im Gesicht wie der Tod, mit
emporgestrubtem Haar sprang er auf, schritt in bedrohlicher Stellung
zu auf den Alten und rief mit starker Stimme, da der Saal drhnte:
Daniel! Daniel! was machst du hier zu dieser Stunde! Da stie der
Alte jenes grauenvolle heulende Gewimmer aus, gleich dem Todeslaut des
getroffenen Tiers, wie damals, als ihm Wolfgang Gold fr seine Treue
bot, und sank zusammen.

V. rief die Bedienten herbei, man hob den Alten auf, alle Versuche,
ihn zu beleben, blieben vergebens. Da schrie der Freiherr wie auer
sich: Herr Gott! - Herr Gott! habe ich denn nicht gehrt, da
Nachtwandler auf der Stelle des Todes sein knnen, wenn man sie beim
Namen ruft? Ich! - Ich Unglckseligster - ich habe den armen Greis
erschlagen! - Zeit meines Lebens habe ich keine ruhige Stunde mehr!

V., als die Bedienten den Leichnam fortgetragen und der Saal leer
geworden, nahm den immerfort sich anklagenden Freiherrn bei der Hand,
fhrte ihn in tiefem Schweigen vor die zugemaurte Tr und sprach:
Der hier tot zu Ihren Fen niedersank, Freiherr Roderich, war der
verruchte Mrder Ihres Vaters! Als sh' er Geister der Hlle, starrte
der Freiherr den V. an. Dieser fuhr fort: Es ist nun wohl an der
Zeit, Ihnen das grliche Geheimnis zu enthllen, das auf diesem
Unhold lastete und ihn, den Fluchbeladenen, in den Stunden des Schlafs
umhertrieb. Die ewige Macht lie den Sohn Rache nehmen an dem Mrder
des Vaters. Die Worte, die Sie dem entsetzlichen Nachtwandler in
die Ohren donnerten, waren die letzten, die Ihr unglcklicher Vater
sprach!

Bebend, unfhig, ein Wort zu sprechen, hatte der Freiherr neben V.,
der sich vor den Kamin setzte, Platz genommen. V. fing mit dem Inhalt
des Aufsatzes an, den Hubert fr V. zurckgelassen und den er erst
nach Erffnung des Testaments entsiegeln sollte. Hubert klagte sich
mit Ausdrcken, die von der tiefsten Reue zeigten, des unvershnlichen
Hasses an, der in ihm gegen den ltern Bruder Wurzel fate von dem
Augenblick, als der alte Roderich das Majorat gestiftet hatte. Jede
Waffe war ihm entrissen, denn wr' es ihm auch gelungen auf hmische
Weise, den Sohn mit dem Vater zu entzweien, so blieb dies ohne
Wirkung, da Roderich selbst nicht ermchtigt war, dem ltesten Sohn
die Rechte der Erstgeburt zu entreien, und es, wandte sich auch sein
Herz und Sinn ganz ab von ihm, doch nach seinen Grundstzen nimmermehr
getan htte.

Erst als Wolfgang in Genf das Liebesverhltnis mit Julien von St.
Val begonnen, glaubte Hubert den Bruder verderben zu knnen. Da fing
die Zeit an, in der er im Einverstndnisse mit Daniel auf bbische
Weise den Alten zu Entschlssen ntigen wollte, die den Sohn zur
Verzweiflung bringen muten.

Er wute, da nur die Verbindung mit einer der ltesten Familien des
Vaterlandes nach dem Sinn des alten Roderich den Glanz des Majorats
auf ewige Zeiten begrnden konnte. Der Alte hatte diese Verbindung
in den Gestirnen gelesen, und jedes freveliche Zerstren der
Konstellation konnte nur Verderben bringen ber die Stiftung.
Wolfgangs Verbindung mit Julien erschien in dieser Art dem Alten ein
verbrecherisches Attentat, wider Beschlsse der Macht gerichtet, die
ihm beigestanden im irdischen Beginnen, und jeder Anschlag, Julien,
die wie ein dmonisches Prinzip sich ihm entgegengeworfen, zu
verderben, gerechtfertigt.

Hubert kannte des Bruders an Wahnsinn streifende Liebe zu Julien, ihr
Verlust mte ihn elend machen, vielleicht tten, und um so lieber
wurde er ttiger Helfershelfer bei den Plnen des Alten, als er selbst
strfliche Neigung zu Julien gefat und sie fr sich zu gewinnen
hoffte. Eine besondere Schickung des Himmels wollt' es, da die
giftigsten Anschlge an Wolfgangs Entschlossenheit scheiterten, ja
da es ihm gelang, den Bruder zu tuschen. Fr Hubert blieb Wolfgangs
wirklich vollzogene Ehe sowie die Geburt eines Sohnes ein Geheimnis.

Mit der Vorahnung des nahen Todes kam dem alten Roderich zugleich der
Gedanke, da Wolfgang jene ihm feindliche Julie geheiratet habe, in
dem Briefe, der dem Sohn befahl, am bestimmten Tage nach R..sitten zu
kommen, um das Majorat anzutreten, fluchte er ihm, wenn er nicht jene
Verbindung zerreien werde. Diesen Brief verbrannte Wolfgang bei der
Leiche des Vaters.

An Hubert schrieb der Alte, da Wolfgang Julien geheiratet habe, er
werde aber diese Verbindung zerreien. Hubert hielt dies fr die
Einbildung des trumerischen Vaters, erschrak aber nicht wenig, als
Wolfgang in R..sitten selbst mit vieler Freimtigkeit die Ahnung des
Alten nicht allein besttigte, sondern auch hinzufgte, da Julie ihm
einen Sohn geboren, und da er nun in kurzer Zeit Julien, die ihn bis
jetzt fr den Kaufmann Born aus M. gehalten, mit der Nachricht seines
Standes und seines reichen Besitztums hoch erfreuen werde. Selbst
wolle er hin nach Genf, um das geliebte Weib zu holen.

Noch ehe er diesen Entschlu ausfhren konnte, ereilte ihn der Tod.
Hubert verschwieg sorglich, was ihm von dem Dasein eines in der Ehe
mit Julien erzeugten Sohnes bekannt, und ri so das Majorat an sich,
das diesem gebhrte. Doch nur wenige Jahre waren vergangen, als ihn
tiefe Reue ergriff. Das Schicksal mahnte ihn an seine Schuld auf
frchterliche Weise durch den Ha, der zwischen seinen beiden Shnen
mehr und mehr emporkeimte. Du bist ein armer drftiger Schlucker,
sagte der lteste, ein zwlfjhriger Knabe, zu dem jngsten, aber ich
werde, wenn der Vater stirbt, Majoratsherr von R..sitten, und da mut
du demtig sein und mir die Hand kssen, wenn ich dir Geld geben soll
zum neuen Rock. - Der jngste, in volle Wut geraten ber des Bruders
hhnenden Stolz, warf das Messer, das er gerade in der Hand hatte,
nach ihm hin und traf ihn beinahe zum Tode.

Hubert, groes Unglck frchtend, schickte den jngsten fort nach
Petersburg, wo er spter als Offizier unter Suwarow wider die
Franzosen focht und blieb. Vor der Welt das Geheimnis seines
unredlichen betrgerischen Besitzes kundzutun, davon hielt ihn die
Scham, die Schande, die ber ihn gekommen, zurck, aber entziehen
wollte er dem rechtmigen Besitzer keinen Groschen mehr. Er zog
Erkundigungen ein in Genf und erfuhr, da die Frau Born, trostlos ber
das unbegreifliche Verschwinden ihres Mannes gestorben, da aber der
junge Roderich Born von einem wackern Mann, der ihn aufgenommen,
erzogen werde. Da kndigte sich Hubert unter fremdem Namen als
Verwandter des auf der See umgekommenen Kaufmann Born an und schickte
Summen ein, die hinreichten, den jungen Majoratsherrn sorglich und
anstndig zu erziehn.

Wie er die berschsse der Einknfte des Majorats sorgfltig sammelte;
wie er dann testamentarisch verfgte, ist bekannt. ber den Tod seines
Bruders sprach Hubert in sonderbaren rtselhaften Ausdrcken, die
so viel erraten lieen, da es damit eine geheimnisvolle Bewandtnis
haben mute, und da Hubert wenigstens mittelbar teilnahm an einer
grlichen Tat. Der Inhalt der schwarzen Mappe klrte alles auf. Der
verrterischen Korrespondenz Huberts mit Daniel lag ein Blatt bei, das
Daniel beschrieben und unterschrieben hatte. V. las ein Gestndnis,
vor dem sein Innerstes erbebte.

Auf Daniels Veranlassung war Hubert nach R..sitten gekommen,
Daniel war es, der ihm von den gefundenen einhundertfnfzigtausend
Reichstalern geschrieben. Man wei, wie Hubert von dem Bruder
aufgenommen wurde, wie er, getuscht in allen seinen Wnschen und
Hoffnungen, fort wollte, wie ihn V. zurckhielt. In Daniels Innerm
kochte blutige Rache, die er zu nehmen hatte an dem jungen Menschen,
der ihn ausstoen wollen wie einen rudigen Hund. Der schrte und
schrte an dem Brande, von dem der verzweifelnde Hubert verzehrt
wurde. Im Fhrenwalde auf der Wolfsjagd, im Sturm und Schneegestber
wurden sie einig ber Wolfgangs Verderben. Wegschaffen murmelte
Hubert, indem er seitwrts wegblickte und die Bchse anlegte. Ja,
wegschaffen, grinste Daniel, aber nicht so, nicht so.

Nun verma er sich hoch und teuer, er werde den Freiherrn ermorden,
und kein Hahn solle darnach krhen. Hubert, als er endlich Geld
erhalten, tat der Anschlag leid, er wollte fort, um jeder weitern
Versuchung zu widerstehen. Daniel selbst sattelte in der Nacht
das Pferd und fhrte es aus dem Stalle, als aber der Baron sich
aufschwingen wollte, sprach Daniel mit schneidender Stimme: Ich
dchte, Freiherr Hubert, du bliebst auf dem Majorat, das dir in
diesem Augenblick zugefallen, denn der stolze Majoratsherr liegt
zerschmettert in der Gruft des Turms!

Daniel hatte beobachtet, da, von Golddurst geplagt, Wolfgang oft in
der Nacht aufstand, vor die Tr trat, die sonst zum Turme fhrte, und
mit sehnschtigen Blicken hinabschaute in die Tiefe, die nach Daniels
Versicherung noch bedeutende Schtze bergen sollte. Darauf gefat,
stand in jener verhngnisvollen Nacht Daniel vor der Tre des Saals.
Sowie er den Freiherrn die zum Turm fhrende Tr ffnen hrte, trat er
hinein und dem Freiherrn nach, der dicht an dem Abgrunde stand. Der
Freiherr drehte sich um und rief, als er den verruchten Diener, dem
der Mord schon aus den Augen blitzte, gewahrte, entsetzt: Daniel,
Daniel, was machst du hier zu dieser Stunde!

Aber da kreischte Daniel wild auf: Hinab mit dir, du rudiger Hund
und schleuderte mit einem krftigen Fusto den Unglcklichen hinunter
in die Tiefe! - Ganz erschttert von der grlichen Untat, fand der
Freiherr keine Ruhe auf dem Schlosse, wo sein Vater ermordet. Er ging
auf seine Gter nach Kurland und kam nur jedes Jahr zur Herbstzeit
nach R..sitten. Franz, der alte Franz, behauptete, da Daniel, dessen
Verbrechen er ahnde, noch oft zur Zeit des Vollmonds spuke, und
beschrieb den Spuk gerade so, wie ihn V. spter erfuhr und bannte. Die
Entdeckung dieser Umstnde, welche das Andenken des Vaters schndeten,
trieben auch den jungen Freiherrn Hubert fort in die Welt.

So hatte der Groonkel alles erzhlt, nun nahm er meine Hand und
sprach, indem ihm volle Trnen in die Augen traten, mit sehr weicher
Stimme: - Vetter - Vetter auch sie die holde Frau, hat das bse
Verhngnis, die unheimhche Macht, die dort auf dem Stammschlosse
hauset, ereilt! Zwei Tage nachdem wir R..sitten verlassen,
veranstaltete der Freiherr zum Beschlu eine Schlittenfahrt. Er selbst
fhrt seine Gemahlin, doch, als es talabwrts geht, reien die Pferde,
pltzlich auf unbegreifliche Weise scheu geworden, aus in vollem
wtenden Schnauben und Toben. >Der Alte - der alte ist hinter uns
her<, schreit die Baronin auf mit schneidender Stimme! In dem
Augenblick wird sie durch den Sto, der den Schatten umwirft, weit
fortgeschleudert. - Man findet sie leblos - sie ist hin! Der Freiherr
kann sich nimmer trsten, seine Ruhe ist die eines Sterbenden! Nimmer
kommen wir wieder nach R..sitten, Vetter!

Der alte Groonkel schwieg, ich schied von ihm mit zerrissenem Herzen,
und nur die alles beschwichtigende Zeit konnte den tiefen Schmerz
lindern, in dem ich vergehen zu mssen glaubte.

Jahre waren vergangen. V. ruhte lngst im Grabe, ich hatte mein
Vaterland verlassen. Da trieb mich der Sturm des Krieges, der
verwstend ber ganz Deutschland hinbrauste, in den Norden hinein,
fort nach Petersburg. Auf der Rckreise, nicht mehr weit von K., fuhr
ich in einer finstern Sommernacht dem Gestade der Ostsee entlang, als
ich vor mir am Himmel einen groen funkelnden Stern erblickte. Nher
gekommen, gewahrte ich wohl an der roten flackernden Flamme, da das,
was ich fr einen Stern gehalten, ein starkes Feuer sein msse, ohne
zu begreifen, wie es so hoch in den Lften schweben knne.

Schwager! was ist das fr ein Feuer dort vor uns? frug ich den
Postillon. Ei, erwiderte dieser, ei, das ist kein Feuer, das ist
der Leuchtturm von R..sitten. R..sitten! sowie der Postillon den
Namen nannte, sprang in hellem Leben das Bild jener verhngnisvollen
Herbsttage hervor, die ich dort erlebte. Ich sah den Baron -
Seraphinen, aber auch die alten wunderlichen Tanten, mich selbst
mit blankem Milchgesicht, schn frisiert und gepudert, in zartes
Himmelblau gekleidet ja mich, den Verliebten, der wie ein Ofen seufzt,
mit Jammerlied auf seiner Liebsten Braue!

In der tiefen Wehmut, die mich durchbebte, flackerten wie bunte
Lichterchen V.s derbe Spe auf, die mir nun ergtzlicher waren als
damals. So von Schmerz und wunderbarer Lust bewegt, stieg ich am
frhen Morgen in R..sitten aus dem Wagen, der vor der Postexpedition
hielt. Ich erkannte das Haus des konomieinspektors, ich frug nach
ihm. Mit Verlaub, sprach der Postschreiber, indem er die Pfeife aus
dem Munde nahm und an der Nachtmtze rckte, mit Verlaub, hier ist
kein konomieinspektor, es ist ein knigliches Amt, und der Herr
Amtsrat belieben noch zu schlafen.

Auf weiteres Fragen erfuhr ich, da schon vor sechzehn Jahren
der Freiherr Roderich von R., der letzte Majoratsbesitzer, ohne
Deszendenten gestorben und das Majorat der Stiftungsurkunde gem dem
Staate anheimgefallen sei. Ich ging hinauf nach dem Schlosse, es lag
in Ruinen zusammengestrzt. Man hatte einen groen Teil der Steine zu
dem Leuchtturm benutzt, so versicherte ein alter Bauer, der aus dem
Fhrenwalde kam und mit dem ich mich ins Gesprch einlie. Der wute
auch von dem Spuk zu erzhlen, wie er auf dem Schlosse gehaust
haben sollte, und versicherte, da noch jetzt sich oft, zumal beim
Vollmonde, grauenvolle Klagelaute in dem Gestein hren lieen.

Armer, alter, kurzsichtiger Roderich! Welche bse Macht beschworst du
herauf, die den Stamm, den du mit fester Wurzel fr die Ewigkeit zu
pflanzen gedachtest, im ersten Aufkeimen zum Tode vergiftete.



Das Gelbde

Am Michaelistage, eben als bei den Karmelitern die Abendhora
eingelutet wurde, fuhr ein mit vier Postpferden bespannter
stattlicher Reisewagen, donnernd und rasselnd durch die Gassen des
kleinen polnischen Grenzstdtchens L., und hielt endlich still vor der
Haustr des alten teutschen Brgermeisters. Neugierig steckten die
Kinder die Kpfe zum Fenster heraus, aber die Hausfrau stand auf von
ihrem Sitze und rief, indem sie ganz unmutig ihr Nhzeug auf den Tisch
warf, dem Alten, der aus dem Nebenzimmer schnell eintrat, entgegen:
Schon wieder Fremde, die unser stilles Haus fr eine Gastwirtschaft
halten, das kommt aber von dem Wahrzeichen her. Warum hast du auch die
steinerne Taube ber der Tr aufs neue vergolden lassen? Der Alte
lchelte schlau und bedeutsam ohne etwas zu erwidern; im Augenblick
hatte er den Schlafrock abgeworfen, das Ehrenkleid, das vom Kirchgange
her noch wohlgebrstet ber der Stuhllehne hing, angezogen, und ehe
die ganz erstaunte Frau den Mund zur Frage ffnen konnte, stand er
schon, sein Samtmtzchen unterm Arm, so da sein silberweies Haupt
in der Dmmerung hell aufschimmerte, vor dem Kutschenschlage, den
indessen ein Diener geffnet. Eine ltliche Frau im grauen Reisemantel
stieg aus dem Wagen, ihr folgte eine hohe jugendliche Gestalt mit
dicht verhlltem Antlitz die auf des Brgermeisters Arm gesttzt, in
das Haus hinein mehr wankte als schritt, und kaum ins Zimmer getreten,
wie halb entseelt in den Lehnstuhl sank, den die Hausfrau auf des
Alten Wink schnell herangerckt. Die ltere Frau sprach leise und sehr
wehmtig zu dem Brgermeister: Das arme Kind! - ich mu wohl noch
einige Augenblicke bei ihr verweilen, damit machte sie Anstalt ihren
Reisemantel herunterzuziehen, worin ihr des Brgermeisters ltere
Tochter beistand, so da bald ihr Nonnengewand, sowie ein auf der
Brust funkelndes Kreuz sichtbar wurde, welches sie als btissin eines
Zisterzienser Nonnenklosters darstellte. Die verhllte Dame hatte
unterdessen nur durch ein leises, kaum vernehmbares chzen kund getan,
da sie noch lebe und endlich die Hausfrau um ein Glas Wasser gebeten.
Die brachte aber allerlei strkende Tropfen und Essenzen herbei, und
pries ihre Wunderkraft, indem sie die Dame bat, doch nur die dicken,
schweren Schleier, die ihr alles freie Atmen verhindern mten,
abzulegen. Mit der Hand jede Annherung der Hausfrau abwehrend, mit
allen Zeichen des Abscheues den Kopf zurckbeugend, verwarf aber die
Kranke den Vorschlag, und selbst, als sie endlich es sich gefallen
lie, den Duft einer starken Lebensessenz einzuziehen, als sie etwas
von dem verlangten Wasser, in das die besorgte Hausfrau einige Tropfen
eines bewhrten Elixiers hineingetan, geno, tat sie alles dies unter
den Schleiern, ohne sie nur im mindesten zu lpfen. Ihr habt doch,
mein lieber, alter Herr! wandte sich die btissin zum Brgermeister,
Ihr habt doch alles so bereitet, wie es gewnscht worden?
- Jawohl, erwiderte der Alte, jawohl! ich hoffe, mein
durchlauchtigster Frst soll mit mir zufrieden sein, so wie die Dame,
fr die ich alles zu tun bereit bin, was nur in meinen Krften steht.
- So lat mich, fuhr die btissin fort, mit meinem armen Kinde noch
einige Augenblicke allein. Die Familie mute das Zimmer verlassen.
Man hrte, wie die btissin eifrig und salbungsvoll der Dame zusprach,
und wie diese endlich auch zu reden begann mit einem Ton, der tief bis
ins Herz drang. Ohne gerade zu horchen, blieb denn doch die Hausfrau
an der Tre des Zimmers stehen, indessen wurde italienisch gesprochen,
und selbst dies machte fr sie den ganzen Auftritt geheimnisvoller und
vermehrte die Beklommenheit, welche ihr den Mund verschlo. Frau und
Tochter trieb der Alte fort, um fr Wein und andere Erfrischungen zu
sorgen, er selbst ging in das Zimmer zurck. Getrsteter, gefater
schien die verschleierte Dame, welche mit gebeugtem Haupt und
gefalteten Hnden vor der btissin stand. Diese verschmhte es nicht,
etwas von den Erfrischungen anzunehmen, die ihr die Hausfrau darbot,
dann rief sie: Nun ist es Zeit! Die verschleierte Dame sank nieder
auf die Knie, die btissin legte die Hnde auf ihr Haupt und sprach
leise Gebete. Als diese geendet, schlo sie, indem hufige Trnen ihr
ber die Wangen rollten, die Verschleierte in die Arme und drckte sie
heftig wie im berma des Schmerzes an die Brust, dann gab sie gefat
und wrdevoll der Familie die Benediktion und eilte, vom Alten
geleitet, rasch in den Wagen, vor dem die frisch angelegten Postpferde
laut wieherten. In vollem Juchzen und Blasen jug der Postillion durch
die Gassen zum Tore hinaus. Als nun die Hausfrau gewahrte, da die
verschleierte Dame, fr die man ein paar schwere Koffer vom Wagen
abgepackt und hineingetragen, dablieb, wohl gar auf lange Zeit
eingezogen sei, konnte sie sich gar nicht lassen vor peinlicher
Neugier und Sorge. Sie trat hinaus auf den Hausflur und dem Alten, der
eben in das Zimmer wollte, in den Weg. Um Christus willen, flsterte
sie leise und ngstlich, um Christus willen, welch einen Gast bringst
du mir ins Haus, denn du weit doch ja von allem und hast es mir nur
verschwiegen. - Alles, was ich wei, sollst du auch erfahren,
erwiderte der Alte ganz ruhig. Ach, ach! fuhr die Frau noch
ngstlicher fort, du weit aber vielleicht nicht alles; wrst du nur
jetzt im Zimmer gewesen. Sowie die Frau btissin abgefahren, mochte es
der Dame doch wohl zu beklommen werden in ihren dicken Schleiern. Sie
nahm den groen schwarzen Kreppflor, der ihr bis an die Knie reichte,
herab, und da sah ich - Nun was sahst du denn, fiel der Alte der
Frau, die zitternd sich umschaute, als erblicke sie Gespenster, in die
Rede. Nein, sprach die Frau weiter, die Gesichtszge konnte ich
unter den dnnen Schleiern gar nicht deutlich erkennen, aber wohl die
Totenfarbe, ach die greuliche Totenfarbe. Aber nun Alter, nun merk
auf: deutlich, nur zu deutlich, ganz sonnenklar liegt's am Tage,
da die Dame guter Hoffnung ist. In wenigen Wochen kommt sie ins
Kindbett. - Das wei ich ja, Frau, sprach der Alte ganz mrrisch,
und damit du nur nicht umkommen mgest vor Neugier und Unruhe, will
ich dir mit zwei Worten alles erklren. Wisse also, da Frst Z.,
unser hoher Gnner, mir vor einigen Wochen schrieb, die btissin des
Zisterzienserklosters in O. werde mir eine Dame bringen, die ich bei
mir in meinem Hause aufnehmen solle, in aller Stille, jedes Aufsehen
sorglich vermeidend. Die Dame, welche nicht anders genannt sein
wolle, als schlechtweg Clestine, werde bei mir ihre nahe Entbindung
abwarten, und dann nebst dem Kinde, das sie geboren, wieder
abgeholt werden. Fge ich nun noch hinzu, da der Frst mir mit den
eindringlichsten Worten die sorgsamste Pflege der Dame empfohlen und
fr die ersten Auslagen und Bemhungen einen tchtigen Beutel mit
Dukaten, den du in meiner Kommode finden und beugeln kannst,
beigefgt hat, so werden wohl alle Bedenken aufhren. - So mssen
wir, sprach die Hausfrau, vielleicht arger Snde, wie sie die
Vornehmen treiben, die Hand bieten. Noch ehe der Alte darauf etwas
erwidern konnte, trat die Tochter zum Zimmer heraus, und rief ihn zur
Dame, welche sich nach Ruhe sehne und in das fr sie bestimmte Gemach
gefhrt zu werden wnsche. Der Alte hatte die beiden Zimmerchen des
obern Stocks so gut ausschmcken lassen, als er es nur vermochte,
und war nicht wenig betreten, als Clestine frug, ob er auer diesen
Gemchern nicht noch eins, dessen Fenster hintenheraus gingen,
besitze. Er verneinte das und fgte nur, um ganz gewissenhaft zu sein,
hinzu, da zwar noch ein einziges Gemach mit einem Fenster nach dem
Garten heraus, vorhanden, dies drfte aber gar kein Zimmer, sondern
nur eine schlechte Kammer genannt werden; kaum so gerumig, um ein
Bette, einen Tisch und einen Stuhl hineinzustellen, ganz einer elenden
Klosterzelle gleich. Clestine verlangte augenblicklich, diese Kammer
zu sehen, und erklrte, kaum hineingekommen, da eben dieses Gemach
ihren Wnschen und Bedrfnissen angemessen sei, da sie nur in diesem
und keinem andern wohnen, und es nur dann, wenn ihr Zustand durchaus
greren Raum und eine Krankenwrterin erfordern solle, mit einem
grern vertauschen werde. Verglich der Alte schon jetzt dieses enge
Gemach mit einer Klosterzelle, so war es andern Tages ganz dazu
geworden. Clestine hatte ein Marienbild an die Wand geheftet und auf
den alten hlzernen Tisch, der unter dem Bilde stand, ein Kruzifix
hingestellt. Das Bette bestand in einem Strohsack und einer wollenen
Decke, und auer einem hlzernen Schemmel und noch einem kleinen
Tisch, litt Clestine kein anderes Gert. Die Hausfrau, ausgeshnt
mit der Fremden durch den tiefen zehrenden Schmerz, der sich in
ihrem ganzen Wesen offenbarte, glaubte nach gewhnlicher Weise sie
aufheitern, unterhalten zu mssen, die Fremde bat aber mit den
rhrendsten Worten, eine Einsamkeit nicht zu verstren, in der allein
mit ganz der Jungfrau und den Heiligen zugewandtem Sinn sie Trstung
finde. Jedes Tages, sowie der Morgen graute, begab sich Clestine zu
den Karmelitern, um die Frhmesse zu hren; den brigen Tag schien sie
unausgesetzt Andachtsbungen gewidmet zu haben, denn so oft es auch
ntig wurde sie in ihrem Zimmer aufzusuchen, fand man sie entweder
betend oder in frommen Bchern lesend. Sie verschmhte andere Speise
als Gemse, anderes Getrnk als Wasser, und nur die dringendsten
Vorstellungen des Alten, da ihr Zustand, das Wesen, das in ihr
lebe, bessere Kost fordere, konnte sie endlich vermgen, zuweilen
Fleischbrhe und etwas Wein zu genieen. Dieses strenge klsterliche
Leben, hielt es auch jeder im Hause fr die Bue begangener Snde,
erweckte doch zu gleicher Zeit inniges Mitleiden und tiefe Ehrfurcht,
wozu denn auch der Adel ihrer Gestalt, die siegende Anmut jeder ihrer
Bewegungen nicht wenig beitrug. Was aber diesen Gefhlen fr die
fremde Heilige etwas Schauerliches beimischte, war der Umstand, da
sie die Schleier durchaus nicht ablegte, so da keiner ihr Gesicht zu
erschauen vermochte. Niemand kam in ihre Nhe, als der Alte und der
weibliche Teil seiner Familie, und diese, niemals aus dem Stdtchen
gekommen, konnten unmglich durch das Wiedererkennen eines Gesichts,
das sie vorher nicht gesehen, dem Geheimnis auf die Spur kommen. Wozu
also die Verhllung? - Die geschftige Fantasie der Weiber erfand bald
ein greuliches Mrchen. Ein frchterliches Abzeichen (so lautete die
Fabel), die Spur der Teufelskralle, hatte das Gesicht der Fremden
grlich verzerrt, und darum die dicken Schleier. Der Alte hatte Mhe
dem Gewsche zu steuern und zu verhindern, da wenigstens _vor_ der Tre
seines Hauses nicht Abenteuerliches von der Fremden geschwatzt wurde,
deren Aufenthalt in des Brgermeisters Hause freilich in der Stadt
bekannt geworden. Ihre Gnge nach dem Karmeliterkloster blieben auch
nicht unbemerkt, und bald nannte man sie des Brgermeisters schwarze
Frau, womit freilich sich von selbst die Idee einer spukhaften
Erscheinung verband. Der Zufall wollte, da eines Tages, als die
Tochter der Fremden die Speisen in das Zimmer brachte, der Luftstrom
den Schleier erfate und aufhob; mit Blitzesschnelle wandte sich die
Fremde, so da sie sich in demselben Moment dem Blick des Mdchens
entzog. Diese kam aber erblat und an allen Gliedern zitternd herab.
Keine Verzerrung, aber so wie die Mutter ein totenbleiches, hatte
sie ein marmorweies Antlitz erschaut, aus dessen tiefen Augenhhlen
es seltsam hervorblitzte. Der Alte schob mit Recht vieles auf des
Mdchens Einbildung, aber auch ihm war es, im Grunde genommen, so
zumute wie allen; er wnschte das verstrende Wesen, trotz aller
Frmmigkeit, die es bewies, fort aus seinem Hause. Bald darauf weckte
in einer Nacht der Alte die Hausfrau und sagte ihr, da er schon seit
einigen Minuten ein leises Wimmern und chzen, ein Klopfen vernehme,
das von Clestinens Zimmer zu kommen scheine. Die Frau, von der Ahnung
ergriffen, was das sein knne, eilte hinauf. Sie fand Clestinen,
angezogen und in ihre Schleier gewickelt, auf dem Bette halb
ohnmchtig liegen und berzeugte sich bald, da die Niederkunft nahe
sei. Schnell traf man die lngst vorbereiteten Anstalten, und in
weniger Zeit war ein gesundes holdes Knblein geboren. Dies Ereignis,
hatte man es auch lngst vorausgesehen, trat doch wie unerwartet ein,
und vernichtete in seinen Folgen das drckende unheimliche Verhltnis
mit der Fremden, welches auf der Familie schwer gelastet hatte. Der
Knabe schien, wie ein sehnender Mittler, Clestinen dem Menschlichen
wieder nher zu bringen. Ihr Zustand litt keine strenge asketische
bungen, und indem ihre Hlflosigkeit ihr die Menschen, welche sie mit
liebender Sorgfalt pflegten, aufntigte, gewhnte sie sich mehr und
mehr an ihren Umgang. Die Hausfrau dagegen, die nun die Kranke warten,
ihr selbst die nahrhafte Suppe kochen und darreichen konnte, verga in
dieser huslichen Sorge alles Bse, was ihr sonst ber die rtselhafte
Fremde in den Sinn gekommen. Sie dachte nicht mehr daran, da ihr
ehrbares Haus vielleicht zum Schlupfwinkel der Schande dienen sollte.
Der Alte jubelte ganz verjngt und htschelte den Knaben, als sei ihm
ein Enkelkind geboren, und er, wie alle brige, hatten sich daran
gewhnt, da Clestine verschleiert blieb, ja selbst whrend der
Entbindung. Die Wehmutter hatte ihr schwren mssen, da, trete ja
ein Zustand der Bewutlosigkeit ein, doch die Schleier nicht gelpft
werden sollten, auer von ihr, der Wehmutter selbst, im Fall der
Todesgefahr. Es war gewi, da die Alte Clestinen unverschleiert
gesehen, sie sagte aber darber nichts, als: Die arme junge Dame
mu sich ja wohl so verhllen - Nach einigen Tagen erschien der
Karmelitermnch, der den Knaben getauft hatte. Seine Unterredung mit
Clestinen, niemand durfte zugegen sein, dauerte lnger als zwei
Stunden. Man hrte ihn eifrig sprechen und beten. Als er fortgegangen,
fand man Clestinen im Lehnstuhl sitzend, auf dem Schoe den Knaben,
um dessen kleine Schultern ein Skapulier gelegt war, und der ein
Agnusdei auf der Brust trug. Wochen und Monate vergingen, ohne da,
wie der Brgermeister geglaubt hatte, und wie es ihm auch vom Frsten
Z. gesagt worden, Clestine mit dem Kinde abgeholt wurde. Sie htte
ganz eintreten knnen in den friedlichen Kreis der Familie, wren die
fatalen Schleier nicht gewesen, die immer den letzten Schritt zur
freundlichen Annhrung hemmten. Der Alte nahm es sich heraus, dies
der Fremden selbst freimtig zu uern, doch als sie mit dumpfem
feierlichen Ton erwiderte: Nur im Tode fallen diese Schleier,
schwieg er davon und wnschte aufs neue, da der Wagen mit der
btissin erscheinen mge.

Der Frhling war herangekommen, von einem Spaziergange kehrte die
Familie des Brgermeisters heim, Blumenstrue in den Hnden tragend,
deren schnste der frommen Clestine bestimmt waren. Eben als sie
ins Haus treten wollten, sprengte ein Reiter heran, eifrig nach
dem Brgermeister fragend. Der Alte sprach, er sei selbst der
Brgermeister und stehe vor seinem Hause. Da sprang der Reiter herab
vom Pferde, das er festband an den Pfosten und strzte mit dem
gellenden Ruf. Sie ist hier, sie ist hier, ins Haus und die Treppe
herauf. Man hrte eine Tr einschlagen und Clestinens Angstgeschrei.
Der Alte, von Entsetzen erfat, eilte nach. Der Reiter - wie nun
sichtlich, war ein Offizier von der franzsischen Jgergarde mit
vielen Orden geschmckt, hatte den Knaben aus der Wiege gerissen und
in den linken, mit dem Mantel umschlungenen Arm genommen; den rechten
hatte Clestine erfat, alle Kraft aufbietend, den Ruber des Kindes
zurckzuhalten. Im Ringen ri der Offizier den Schleier herab ein
todstarres marmorweies Antlitz, von schwarzen Locken umschattet,
blickte ihn an, glhende Strahlen aus den tiefen Augenhhlen
schieend, whrend schneidende Jammertne aus den halbgeffneten
unbewegten Lippen quollen. Der Alte nahm wahr, da Clestine eine
weie, dicht anschlieende Maske trug. Entsetzliches Weib! willst du,
da auch mich deine Raserei ergreife? schrie der Offizier, indem er
sich mit Gewalt losri, so da Clestine zu Boden strzte. Nun umfate
sie aber seine Knie, indem sie mit dem Ausdruck des unsglichsten
Schmerzes, mit einem Ton, der das Herz durchschnitt, flehte: La mir
das Kind! - o la mir das Kind! - nicht um die ewige Seligkeit sollst
du mich bringen. - Um Christus - um der heiligen Jungfrau willen - la
mir das Kind - la mir das Kind. - Und bei diesen Jammertnen regte
sich keine Muskel, regten sich nicht die Lippen des Totenantlitzes, so
da dem Alten, der Hausfrau - allen, die ihm gefolgt, vor Grauen das
Blut in den Adern stockte! Nein, schrie der Offizier wie in heller
Verzweiflung, nein, unmenschliches, unerbittliches Weib, das Herz
konntest du aus dieser Brust reien, aber verderben sollst du nicht im
heillosen Wahnsinn das Wesen, das sich trstend an die blutende Wunde
legt! - Fester drckte der Offizier das Kind an sich, so da es laut
zu weinen begann - da brach Clestine aus in ein dumpfes Heulen:
Rache - des Himmels Rache ber dich - du Mrder! - La ab! -
la ab - fort mit dir, du Hllenspuk! kreischte der Offizier, und
schleuderte mit einer konvulsivischen Bewegung des Fues Clestinen
weit von sich, und wollte zur Tre heraus. Der Alte trat ihm in den
Weg, er ri aber schnell ein Terzerol hervor, rief, die Mndung gegen
den Alten gekehrt: Die Kugel durch den Kopf dem, der dem Vater sein
Kind zu entreien gedenkt, strzte die Treppe herab, schwang sich
aufs Pferd ohne das Kind zu lassen, und sprengte in vollem Galopp
davon. - Die Hausfrau voll Herzensangst, wie es nun um Clestinen
stehen, und was nun mit ihr anzufangen sein wrde, berwand ihr Grauen
vor der entsetzlichen Totenmaske, und eilte herauf ihr beizustehen.
Wie erstaunte sie, als sie Clestinen mitten im Zimmer gleich einer
Statue mit herabhngenden Armen lautlos stehend fand. Sie redete sie
an, keine Antwort. Nicht vermgend den Anblick der Maske zu tragen,
hing sie ihr die Schleier um, die auf dem Boden lagen, kein Regen und
Bewegen. Clestine war in einen automathnlichen Zustand gesunken,
der die Hausfrau mit neuer Angst und Pein erfllte, so da sie ganz
inbrnstig zu Gott flehte, sie nur von dieser unheimlichen Fremden zu
befreien. Ihre Bitte wurde zur Stelle erhrt, denn eben hielt derselbe
Wagen, der Clestinen gebracht, vor der Tre. Die btissin kam, mit
ihr Frst Z. des alten Brgermeisters hoher Gnner. Als der erfahren,
was sich soeben zugetragen, sprach er sehr mild und ruhig: So kamen
wir zu spt, und mssen uns wohl in Gottes Fgung schicken. Man
brachte Clestinen herab, die sich starr und lautlos, ohne Zeichen
eignen Willens und eigner Willkr, fortfhren und in den Wagen setzen
lie, der schnell fortrollte. Dem Alten, der ganzen Familie war so
zumute, als erwachten sie nun erst aus einem bsen spukhaften Traum,
der sie sehr gengstet.

Bald darauf, als sich dies in dem Hause des Brgermeisters von
L. begeben, wurde in dem Zisterzienser Nonnenkloster zu O. eine
Logenschwester mit ungewhnlicher Feierlichkeit begraben und ein
dumpfes Gercht ging, da diese Logenschwester die Grfin Hermenegilda
von C. gewesen, von der man glaubte, sie sei mit ihres Vaters
Schwester, der Frstin von Z., nach Italien gegangen. Zur selbigen
Zeit erschien Graf Nepomuk von C., Hermenegildas Vater, in Warschau
und trat, sich nur ein kleines Gtchen in der Ukraine vorbehaltend,
seine smtlichen brigen betrchtlichen Besitzungen den beiden Shnen
des Frsten Z., seinen Neffen, vermge eines gerichtlichen Akts ohne
Einschrnkung ab. Man fragte nach der Ausstattung seiner Tochter,
da hob er den dstern trnenschweren Blick gen Himmel und sagte mit
dumpfer Stimme: Sie ist ausgestattet! - Er nahm gar keinen Anstand,
nicht allein jenes Gercht von Hermenegildas Tode im Kloster zu O. zu
besttigen, sondern auch das besondere Verhngnis zu offenbaren, das
ber Hermenegilda gewaltet und sie einer duldenden Mrtyrin gleich
frhzeitig in das Grab gezogen. Manche Patrioten, gebeugt, aber nicht
zerknickt durch den Fall des Vaterlandes, gedachten den Grafen aufs
neue in geheime Verbindungen zu ziehen, die die Herstellung des
polnischen Staats bezweckten, aber nicht mehr den feurigen, fr
Freiheit und Vaterland beseelten Mann, der sonst zu jeder gewagten
Unternehmung mit unerschtterlichem Mute die Hand bot, fanden sie,
sondern einen ohnmchtigen, von wildem Schmerz zerrissenen Greis,
der allen Welthndeln entfremdet im Begriff stand, sich in tiefer
Einsamkeit zu vergraben. Sonst, zu jener Zeit, als nach der ersten
Teilung Polens die Insurrektion vorbereitet wurde, war des Grafen
Nepomuk von C. Stammgut der geheime Sammelplatz der Patrioten. Dort
entzndeten sich die Gemter bei feierlichen Mahlen zum Kampf fr
das gefallene Vaterland. Dort erschien wie ein Engelsbild vom Himmel
gesendet zur heiligen Weihe Hermenegilda in dem Kreise der jungen
Helden. Wie es den Frauen ihrer Nation eigen, nahm sie teil an allen,
selbst an politischen Verhandlungen und uerte, die Lage der Dinge
wohl beachtend und erwgend, in einem Alter von noch nicht siebzehn
Jahren, oft manchmal allen brigen entgegen, eine Meinung, die von dem
auerordentlichsten Scharfsinn, von der klarsten Umsicht zeigte und
die mehrenteils den Ausschlag gab. Nchst ihr war niemanden das
Talent des schnellen berblicks, des Auffassens und scharfgerndeten
Darstellens der Lage der Dinge mehr eigen, als dem Grafen Stanislaus
von R., einem feurigen, hochbegabten Jnglinge von zwanzig Jahren.
So geschah es, da Hermenegilda und Stanislaus oft allein in raschen
Diskussionen die zur Sprache gebrachten Gegenstnde verhandelten,
Vorschlge prften - annahmen - verwarfen, andere aufstellten, und da
die Resultate des Zweigesprchs zwischen dem Mdchen und dem Jnglinge
oft selbst von den alten staatsklugen Mnnern, die zu Rate saen, als
das Klgste und Beste, was zu beginnen, anerkannt werden muten. Was
war natrlicher, als an die Verbindung dieser beiden zu denken, in
deren wunderbaren Talenten das Heil des Vaterlandes emporzukeimen
schien. Auerdem war aber auch die nhere Verzweigung beider Familien
schon deshalb in dem Augenblick politisch wichtig, weil man sie von
verschiedenem Interesse beseelt glaubte, wie der Fall bei manchen
andern Familien in Polen zutraf. Hermenegilda, ganz durchdrungen von
diesen Ansichten, nahm den ihr bestimmten Gatten als ein Geschenk des
Vaterlandes auf, und so wurden mit ihrer feierlichen Verlobung die
patriotischen Zusammenknfte auf dem Gute des Vaters beschlossen. Es
ist bekannt, da die Polen unterlagen, da mit Kosziuskos Fall eine
zu sehr auf Selbstvertrauen und falsch vorausgesetzte Rittertreue
basierte Unternehmung scheiterte. Graf Stanislaus, dem seine frhere
militrische Laufbahn, seine Jugend und Kraft eine Stelle im
Heer anwies, hatte mit Lwenmut gefochten. Mit Not schmhlicher
Gefangenschaft entgangen, auf den Tod verwundet, kam er zurck. Nur
Hermenegilda fesselte ihn noch ans Leben, in ihren Armen glaubte er
Trost, verlorne Hoffnung wiederzufinden. Sowie er nur leidlich von
seinen Wunden genesen, eilte er auf die Gter des Grafen Nepomuk, um
dort aufs neue, aufs schmerzlichste verwundet zu werden. Hermenegilda
empfing ihn mit beinahe hhnender Verachtung. Seh ich den Helden,
der in den Tod gehen wollte fr das Vaterland? - So rief sie ihm
entgegen; es war, als wenn sie in trichtem Wahnsinn den Brutigam
fr einen jener Paladine der fabelhaften Ritterzeit gehalten, dessen
Schwert allein Armeen vernichten konnte. Was halfen alle Beteuerungen,
da keine menschliche Kraft zu widerstehen vermochte dem brausenden,
alles verschlingenden Strom, der sich ber das Vaterland hinwlzte,
was half alles Flehen der inbrnstigen Liebe, Hermenegilda, als
knne sich ihr todkaltes Herz nur im wilden Treiben der Welthndel
entznden, blieb bei dem Entschlu, ihre Hand nur dann dem Grafen
Stanislaus geben zu wollen, wenn die Fremden aus dem Vaterlande
vertrieben sein wrden. Der Graf sah zu spt ein, da Hermenegilda ihn
nie liebte, so wie er sich berzeugen mute, da die Bedingnis, die
Hermenegilda aufstellte, vielleicht niemals, wenigstens erst in
geraumer Zeit erfllt werden konnte. Mit dem Schwur der Treue bis in
den Tod verlie er die Geliebte und nahm franzsische Dienste, die ihn
in den Krieg nach Italien fhrten. - Man sagt den polnischen Frauen
nach, da ein eignes launisches Wesen sie auszeichne. Tiefes Gefhl,
sich hingebender Leichtsinn, stoische Selbstverleugnung, glhende
Leidenschaft, todstarre Klte, alles das, wie es bunt gemischt in
ihrem Gemte liegt, erzeugt das wunderliche unstete Treiben auf
der Oberflche, das dem _Spiel_ gleicht der in stetem Wechsel
fortpltschernden Wellen des im tiefsten Grunde bewegten Bachs. -
Gleichgltig sah Hermenegilda den Brutigam scheiden, aber kaum waren
einige Tage vergangen, als sie sich von solch unaussprechlicher
Sehnsucht befangen fhlte, wie sie nur die glhendste Liebe erzeugen
kann. Der Sturm des Krieges war verrauscht, die Amnestie wurde
proklamiert, man entlie die polnischen Offiziere aus der
Gefangenschaft. So geschah es, da mehrere von Stanislaus'
Waffenbrdern sich nach und nach auf des Grafen Gute einfanden. Mit
tiefem Schmerz gedachte man jener unglcklichen Tage, aber auch mit
hoher Begeisterung des Lwenmuts, womit alle, aber keiner mehr als
Stanislaus gefochten. Er hatte die zurckweichenden Bataillone, da, wo
schon alles verloren schien, aufs neue ins Feuer gefhrt, es war ihm
geglckt, die feindlichen Reihen mit seiner Reuterei zu durchbrechen.
Das Schicksal des Tages wankte, da traf ihn eine Kugel und mit dem
Ausruf: Vaterland - Hermenegilda! strzte er in Blut gebadet vom
Pferde herab. Jedes Wort dieser Erzhlung war ein Dolchstich, der tief
in Hermenegildas Herz fuhr. Nein! ich wut es nicht, da ich ihn
unaussprechlich liebte seit dem ersten Augenblick, als ich ihn sah!
- Welch ein hllisches Blendwerk konnte mich rmste verfhren, da
ich zu leben gedachte ohne ihn, der mein einziges Leben ist! - Ich
habe ihn in den Tod geschickt - er kehrt nicht wieder! - So brach
Hermenegilda aus in strmische Klagen, die allen in die Seele drangen.
Schlaflos, von steter Unruhe gefoltert, durchirrte sie zur Nachtzeit
den Park, und, als vermge der Nachtwind ihre Worte hinzutragen zu
dem fernen Geliebten, rief sie in die Lfte hinein: Stanislaus -
Stanislaus - kehre zurck - ich bin es - Hermenegilda ist es, die dich
ruft - hrst du mich denn nicht - kehre zurck, sonst mu ich vergehen
in banger Sehnsucht, in trostloser Verzweiflung!

Hermenegildas berreizter Zustand schien bergehen zu wollen in
wirklichen hellen Wahnsinn, der sie zu tausend Torheiten trieb. Graf
Nepomuk, voll Kummer und Angst um das geliebte Kind, glaubte, da
rztliche Hlfe hier vielleicht wirksam sein knnte, und es gelang ihm
in der Tat, einen Arzt zu finden, der es sich gefallen lie einige
Zeit auf dem Gute zu bleiben und sich der Leidenden anzunehmen. So
richtig berechnet seine mehr psychische als physische Kurmethode aber
auch sein mochte, so wenig sich ihre Wirkung auch ganz ableugnen lie,
so blieb es doch zweifelhaft, ob von wirklichem Genesen jemals die
Rede wrde sein knnen, da nach langer Stille sich ganz unerwartet
wieder die seltsamsten Paroxismen einstellten. Ein eignes Abenteuer
gab der Sache eine andere Wendung. Hermenegilda hatte eben den kleinen
Ulanen, ein Pppchen, das sie sonst wie den Geliebten ans Herz
gedrckt, dem sie die sesten Namen gegeben, unwillig ins Feuer
geworfen, weil er durchaus nicht singen wollte: Podrosz twoia nam
niemila, milsza przyiaszn w Kraiwbyla etc. Im Begriff, von dieser
Expedition in ihr Zimmer zurckzukehren, befand sie sich auf dem
Vorsaal, als es klingend und klirrend hinter ihr her schritt. Sie
schaute um sich, erblickte einen Offizier in voller Uniform der
franzsischen Jgergarde, der den linken Arm in der Binde trug, und
strzte mit dem lauten Ruf.- Stanislaus, mein Stanislaus! ihm
ohnmchtig in die Arme. Der Offizier, eingewurzelt im Boden vor
Erstaunen und berraschung, hatte nicht wenig Mhe Hermenegilda, die,
gro und ppig gebaut, eben keine geringe Last war, mit einem Arm,
dessen er nur mchtig, aufrecht zu erhalten. Er drckte sie fest
und fester an sich, und indem er Hermenegildas Herz an seiner
Brust schlagen fhlte, mute er sich gestehen, da dies eins der
entzckendsten Abenteuer sei, das er je erlebt. Sekunde auf Sekunde
verging, der Offizier ganz entzndet vom Liebesfeuer, das in tausend
elektrischen Funken der holden Gestalt, die er in seinen Armen hielt,
entstrmte, drckte glhende Ksse auf die sen Lippen. So fand ihn
Graf Nepomuk, der aus seinen Zimmern trat. Auch er rief aufjauchzend
vor Freude: Graf Stanislaus! - In dem Augenblick erwachte
Hermenegilda, und umschlang ihn inbrnstig, indem sie ganz auer sich
von neuem rief. Stanislaus! - mein Geliebter! mein Gatte! - Der
Offizier im ganzen Gesicht glhend, zitternd - auer aller Fassung,
trat einen Schritt zurck, indem er sich sanft Hermenegildas
strmischer Umarmung entzog. Es ist der seste Augenblick meines
Lebens - aber nicht schwelgen will ich in der Seligkeit, die mir nur
ein Irrtum bereitet - ich bin ja nicht Stanislaus - ach ich bin es
ja nicht. - So sprach der Offizier stotternd und zagend; entsetzt
prallte Hermenegilda zurck, und als sie sich, den Offizier schrfer
ins Auge fassend, berzeugt, da die freilich ganz wunderbare
hnlichkeit des Offiziers mit dem Geliebten sie getuscht, eilte sie
fort laut jammernd und klagend. Graf Nepomuk konnte, da der Offizier
sich nun als den jngern Vetter des Grafen Stanislaus, als den Grafen
Xaver von R. kund tat, es kaum fr mglich halten, da der Knabe in
so kurzer Zeit zum krftigen Jnglinge herangewachsen. Freilich kam
hinzu, da die Strapazen des Kriegs dem Gesicht, der ganzen Haltung,
einen mnnlichern Charakter gaben, als es sonst der Fall gewesen sein
wrde. Graf Xaver hatte nmlich mit seinem ltern Vetter Stanislaus
zugleich das Vaterland verlassen, wie er, franzsische Kriegsdienste
genommen und in Italien gefochten. Damals kaum achtzehn Jahre alt,
zeichnete er sich doch bald, als besonnener und lwenkhner Kriegsheld
auf solche Weise aus, da ihn der Feldherr zu seinem Adjutanten erhob,
und jetzt war er, ein zwanzigjhriger Jngling, schon zum Obristen
heraufgestiegen. Erhaltene Wunden, ntigten ihn einige Zeit
auszuruhen. Er kehrte in das Vaterland zurck, und Auftrge von
Stanislaus an die Geliebte fhrten ihn auf den Landsitz des Grafen
Nepomuk, wo er empfangen wurde, als sei er der Geliebte selbst. Graf
Nepomuk und der Arzt, beide gaben sich alle nur ersinnliche Mhe,
Hermenegilda, die ganz vernichtet von Scham und bitterm Schmerz, ihr
Zimmer nicht verlassen wollte, solange Xaver im Hause, zu beruhigen,
aber umsonst. Xaver war auer sich, da er Hermenegilda nicht
wiedersehen sollte. Er schrieb ihr, da er unverschuldet eine fr ihn
unglckliche hnlichkeit zu hart be. Aber nicht ihn allein, sondern
den Geliebten Stanislaus selbst trfe das von jenem verhngnisvollen
Moment erzeugte Migeschick, da ihm, dem berbringer ser
Liebesbotschaft, jetzt alle Gelegenheit geraubt worden, ihr selbst,
wie er gesollt, den Brief, den er von Stanislaus bei sich trage,
einzuhndigen, und noch alles von Mund zu Mund hinzuzufgen, was
Stanislaus in der Hast des Augenblicks nicht mehr schreiben konnte.
Hermenegildas Kammerfrau, die Xaver in sein Interesse gezogen,
bernahm die Bestellung zur gnstigen Stunde, und was dem Vater, dem
Arzt nicht gelungen, bewirkte Xaver durch sein Schreiben. Hermenegilda
entschlo sich ihn zu sehen. In tiefem Schweigen, mit niedergesenktem
Blick empfing sie ihn in ihrem Gemach. Xaver nahte sich mit leisem
schwankenden Schritt, er nahm Platz vor dem Sofa, auf dem sie sa,
aber indem er sich herabbeugte von dem Stuhl, kniete er mehr vor
Hermenegilda, als da er sa, und so flehte er in den rhrendsten
Ausdrcken, mit einem Ton, als habe er sich des unverzeihlichsten
Verbrechens anzuklagen, nicht auf sein Haupt mge sie die Schuld des
Irrtums laden, der ihn die Seligkeit des geliebten Freundes empfinden
lassen. Nicht ihn, nein Stanislaus selbst habe sie in der Wonne des
Wiedersehens umarmt. Er bergab den Brief, und fing an von Stanislaus
zu erzhlen, wie er mit echt ritterlicher Treue selbst im blutigen
Kampf seiner Dame gedenke, wie nur sein Herz glhe fr Freiheit
und Vaterland usw. Xaver erzhlte mit lebendigem Feuer, er ri
Hermenegilden hin, die alle Scheu bald berwunden, den zauberischen
Blick ihrer Himmelsaugen unverwandt auf ihn richtete, so da er, ein
neuer, von Turandots Blick getroffener, Kalaf, durchbebt von ser
Wonne, nur mhsam die Erzhlung fortspann. Ohne es selbst zu wissen,
bedrngt von dem innern Kampf gegen die Leidenschaft, die in hellen
Flammen auflodern wollte, verlor er sich in die weitluftige
Beschreibung einzelner Gefechte. Er sprach von Kavallerieangriffen -
gesprengten Massen - eroberten Batterien. - Ungeduldig unterbrach ihn
Hermenegilda, indem sie rief. Oh, weg mit diesen blutigen Szenen
eines Schauspiels der Hlle - sage - sage mir nur, da er mich liebt,
da Stanislaus mich liebt! - Da ergriff Xaver, ganz ermutigt,
Hermenegildas Hand, die er heftig an seine Brust drckte. Hre
ihn selbst, deinen Stanislaus! so rief er, und nun strmten die
Beteurungen der glhendsten Liebe, wie sie nur dem Wahnsinn der
verzehrendsten Leidenschaft eigen, von seinen Lippen. Er war zu
Hermenegildas Fen gesunken, sie hatte ihn mit beiden Armen
umschlungen, aber indem er, schnell aufgesprungen, sie an seine Brust
drcken wollte, fhlte er sich heftig zurckgestoen. Hermenegilda
sah ihn mit starrem seltsamen Blick an und sprach mit dumpfer Stimme:
Eitle Puppe, wenn ich dich auch zum Leben erwrme an meiner Brust, so
bist du doch nicht Stanislaus, und kannst es auch nimmer werden! -
Hierauf verlie sie das Zimmer mit leisen langsamen Schritten. Xaver
sah zu spt seine Unbesonnenheit ein. Da er bis zum Wahnsinn in
Hermenegilda, in die Braut des verwandten Freundes verliebt sei,
fhlte er nur zu lebhaft, ebenso aber auch, da er bei jedem Schritt,
den er zugunsten seiner trichten Leidenschaft zu tun gesonnen, sich
wrde treulosen Freundschaftsbruch vorwerfen mssen. Schnell abreisen,
ohne Hermenegilda wiederzusehen, das war der heroische Entschlu, den
er wirklich auf der Stelle so weit ausfhrte, da er zu packen und
seinen Wagen anzuspannen befahl. Graf Nepomuk war hoch verwundert, als
Xaver von ihm Abschied nahm; er bot alles auf ihn festzuhalten, doch
mit einer Festigkeit, mehr von einer Art Krampf, als von wahrer
Geistesstrke erzeugt, blieb Xaver dabei, da besondere Ursachen ihn
forttrieben. Den Sbel umgeschnallt, die Feldmtze in der Hand, stand
er in der Mitte des Zimmers, der Bediente mit dem Mantel auf dem
Vorsaal - unten vor der Tre wieherten ungeduldig die Pferde. - Da
ging die Tr auf, Hermenegilda trat herein, mit unbeschreiblicher
Anmut schritt sie auf den Grafen zu, und sprach hold lchelnd: Sie
wollen fort, lieber Xaver? - und noch so vieles dacht ich von meinem
geliebten Stanislaus zu hren! - Wissen Sie wohl, da mich Ihre
Erzhlungen wunderbar trsten? - Xaver schlug hocherrtend die Augen
nieder, man nahm Platz, Graf Nepomuk versicherte ein Mal ber das
andere, seit vielen Monaten habe er Hermenegilda nicht in dieser
heitern unbefangenen Stimmung gesehen. Auf seinen Wink wurde, da die
Zeit herangekommen, die Abendtafel in demselben Zimmer bereitet. Der
edelste Ungarwein perlte in den Glsern, und volle Glut auf den Wangen
nippte Hermenegilda aus dem gefllten Pokal hochfeiernd das Andenken
des Geliebten, Freiheit und Vaterland. Zur Nacht reise ich fort,
dachte Xaver im Innern, und frug in der Tat, als die Tafel aufgehoben,
den Bedienten, ob der Wagen warte; der, erwiderte der Bediente, sei
lngst, wie Graf Nepomuk befohlen, abgepackt und abgespannt in die
Remise geschoben, die Pferde fren im Stall und Woyciech schnarche
unten auf dem Strohsack. Xaver lie es dabei bewenden. Hermenegildas
unvermutete Erscheinung hatte den Grafen berzeugt, da es nicht
allein mglich, sondern auch rtlich und angenehm sei zu bleiben, und
von dieser berzeugung kam er zu der andern, da es nur darauf ankomme
sich zu besiegen, das heit, Ausbrchen der innern Leidenschaft zu
wehren, die, den geisteskranken Zustand Hermenegildas aufreizend, nur
ihm in jeder Hinsicht verderblich werden knnten. Wie dann nun alles
sich weiter fgen wrde, so beschlo Xaver seine Betrachtung, sollte
selbst Hermenegilda aus ihren Trumen erwacht, die heitere Gegenwart
der dstern Zukunft vorziehen, das liege denn alles in der
Konstellation zusammenwirkender Umstnde und an Treulosigkeit, an
Freundschaftsbruch sei nicht zu denken. Sowie Xaver andern Tages
Hermenegilden wiedersah, gelang es ihm in der Tat, indem er sorglich
auch das Kleinste vermied, was sein zu heies Blut htte in Wallung
setzen knnen, seine Leidenschaft niederzukmpfen. In den Schranken
der strengsten Sitte bleibend, ja selbst ein frostig Zeremoniell
beachtend, gab er nur dem Gesprch die Schwingen jener Galanterie, die
den Weibern mit sem Zucker verderbliches Gift beibringt. Xaver, ein
zwanzigjhriger Jngling, in eigentlichen Liebeshndeln unerfahren,
entfaltete, von dem sichern Takt frs Bse im Innern geleitet,
die Kunst des erfahrenen Meisters. Nur von Stanislaus, von seiner
unaussprechlichen Liebe zur sen Braut, sprach er, aber durch die
volle Glut, die er dann entzndet, wute er geschickt sein eignes Bild
durchschimmern zu lassen, so da Hermenegilda in arger Verwirrung
selbst nicht wute, wie beide Bilder, das des abwesenden Stanislaus
und das des gegenwrtigen Xaver, trennen. Xavers Gesellschaft wurde
bald der aufgeregten Hermenegilda zum Bedrfnis, und so geschah
es, da man sie beinahe bestndig, und oft wie im traulichen
Liebesgesprch zusammen sah. Die Gewohnheit berwand mehr und mehr
Hermenegildas Scheu und in eben dem Grade berschritt Xaver jene
Schranken des frostigen Zeremoniells, in die er sich anfangs mit
klugem Vorbedacht gebannt hatte. Arm in Arm gingen Hermenegilda
und Xaver in dem Park umher, und sorglos lie sie ihre Hand in der
seinigen, wenn er im Zimmer neben ihr sitzend von dem glcklichen
Stanislaus erzhlte. Kam es nicht auf Staatshndel, auf die Sache
des Vaterlandes an, so war Graf Nepomuk eben keines Blickes in die
Tiefe fhig, er begngte sich mit dem, was er auf der Oberflche
wahrzunehmen imstande, sein fr alles brige totes Gemt vermochte die
vorberfliehenden Bilder des Lebens nur dem Spiegel gleich im Moment
zu reflektieren, spurlos schwanden sie dahin. Ohne Hermenegildas
inneres Wesen zu ahnen, hielt er es fr gut, da sie endlich die
Pppchen, die bei ihrem trigten wahnsinnigen Treiben den Geliebten
vorstellen muten, mit einem lebendigen Jngling vertauscht, und
glaubte mit vieler Schlauheit vorauszusehen, da Xaver, der ihm als
Schwiegersohn ebenso lieb, bald ganz in Stanislaus' Stelle treten
werde. Er dachte nicht mehr an den treuen Stanislaus. Xaver glaubte
dieses ebenfalls, da nun, nachdem ein paar Monate vergangen,
Hermenegilda, so sehr ihr ganzes Wesen auch von dem Andenken an
Stanislaus erfllt schien, es sich doch gefallen lie, da Xaver
mehr und mehr sich ihr annherte mit eigner Bewerbung. Eines Morgens
hie es, da Hermenegilda sich in ihre Gemcher mit der Kammerfrau
eingeschlossen habe, und durchaus niemanden sehen wolle. Graf Nepomuk
glaubte nicht anders, als da ein neuer Paroxismus eingetreten sei,
der sich bald legen werde. Er bat den Grafen Xaver, die Gewalt, die er
ber Hermenegilda gewonnen, jetzt zu ihrem Heil zu ben, wie erstaunte
er aber, als Xaver es nicht allein durchaus verweigerte, sich
Hermenegilden auf irgend eine Weise zu nhern, sondern sich auch in
seinem ganzen Wesen auf eigne Art verndert zeigte. Statt wie sonst
beinahe zu keck aufzutreten, war er verschchtert, als habe er
Gespenster gesehen, der Ton seiner Stimme schwankend - der Ausdruck
matt und unzusammenhngend. - Er sprach davon, da er nun durchaus
nach Warschau mte, da er Hermenegilden wohl niemals wiedersehen
werde - da in der letzten Zeit ihr verstrtes Wesen ihm Grauen
und Entsetzen erregt - da er Verzicht geleistet auf alles Glck
der Liebe, da er nun erst in der an Wahnsinn grenzenden Treue
Hermenegildas, die Treulosigkeit, die er an dem Freunde begehen
wollen, zu seiner tiefsten Beschmung fhle, da schleunige Flucht
sein einziges Rettungsmittel sei. Graf Nepomuk begriff alles
nicht, nur schien es ihm endlich klar zu werden, da Hermenegildas
wahnsinnige Schwrmerei den Jngling angesteckt. Er suchte ihm dies
zu beweisen, doch umsonst. Xaver widerstrebte um so heftiger, als
dringender Nepomuk ihm die Notwendigkeit bewies, da er Hermenegilda
von allen Bizarrerien heilen, folglich sie wiedersehen msse.
Schnell war der Streit geendet, als Xaver, wie von unsichtbarer
unwiderstehlicher Gewalt getrieben, hinabrannte, sich in den Wagen
warf und davonfuhr.

Graf Nepomuk, voller Gram und Zorn ber Hermenegildas Betragen,
bekmmerte sich nicht mehr um sie, und so geschah es, da mehrere Tage
vergingen, die sie ungestrt, auf ihrem Zimmer eingeschlossen, von
niemanden als ihrer Kammerfrau gesehen, zubrachte.

In tiefen Gedanken, ganz erfllt von den Heldentaten jenes Mannes, den
die Polen damals anbeteten wie ein falsches Gtzenbild, sa Nepomuk
eines Tages in seinem Zimmer, als die Tr aufging und Hermenegilda
in voller Trauer mit lang herabhngendem Witwenschleier eintrat.
Langsamen feierlichen Schrittes nahte sie sich dem Grafen, lie sich
dann auf die Knie nieder und sprach mit bebender Stimme: O mein Vater
- Graf Stanislaus, mein geliebter Gatte, ist hinber - er fiel als
Held im blutigen Kampf: - vor dir kniet seine bejammernswerte Witwe!
- Graf Nepomuk mute dies um so mehr fr einen neuen Ausbruch der
zerrtteten Gemtsstimmung Hermenegildas halten, als noch Tages zuvor
Nachrichten von dem Wohlbefinden des Grafen Stanislaus eingelaufen
waren. Er hob Hermenegilden sanft auf, indem er sprach: Beruhige dich
liebe Tochter, Stanislaus ist wohl, bald eilt er in deine Arme. -
Da atmete Hermenegilda auf wie im schweren Todesseufzer und sank von
wildem Schmerz zerrissen neben dem Grafen hin in die Polster des
Sofas. Doch nach wenigen Sekunden wieder zu sich selbst gekommen,
sprach sie mit wunderbarer Ruhe und Fassung: La es mich dir sagen,
lieber Vater! wie sich alles begeben, denn du mut es wissen, damit du
in mir die Witwe des Grafen Stanislaus von R. erkennest. - Wisse, da
ich vor sechs Tagen in der Abenddmmerung mich in dem Pavillon an der
Sdseite unseres Parks befand. Alle meine Gedanken, mein ganzes Wesen
dem Geliebten zugewendet, fhlt ich meine Augen sich unwillkrlich
schlieen, nicht in Schlaf, nein, in einen seltsamen Zustand versank
ich, den ich nicht anders nennen kann, als waches Trumen. Aber bald
schwirrte und drhnte es um mich her, ich vernahm ein wildes Getmmel,
es fiel ganz in der Nhe Schu auf Schu. Ich fuhr auf, und war nicht
wenig erstaunt mich in einer Feldhtte zu befinden. Vor mir kniete er
selbst - mein Stanislaus. - Ich umschlang ihn mit meinen Armen, ich
drckte ihn an meine Brust - >Gelobt sei Gott<, rief er, >du lebst, du
bist mein!< - Er sagte mir, ich sei gleich nach der Trauung in tiefe
Ohnmacht gesunken, und ich trigt Ding erinnerte mich jetzt erst, da
ja Pater Cyprianus, den ich in diesem Augenblick erst zur Feldhtte
hinausschreiten sah, uns ja eben in der nahen Kapelle unter dem Donner
des Geschtzes, unter dem wilden Toben der nahen Schlacht getraut
hatte. Der goldne Trauring blinkte an meinem Finger. Die Seligkeit,
mit der ich nun aufs neue den Gatten umarmte, war unbeschreiblich; nie
gefhltes namenloses Entzcken des beglckten Weibes durchbebte mein
Inneres - mir schwanden die Sinne - da wehte es mich an mit eiskaltem
Frost - ich schlug die Augen auf - entsetzlich! mitten im Gewhl der
wilden Schlacht - vor mir die brennende Feldhtte, aus der man mich
wahrscheinlich gerettet! - Stanislaus bedrngt von feindlichen Reitern
- Freunde sprengen heran ihn zu retten - zu spt, von hinten haut
ihn ein Reiter herab vom Pferde. - Aufs neue sank Hermenegilda
berwltigt von dem entsetzlichen Schmerz ohnmchtig zusammen. Nepomuk
eilte nach strkenden Mitteln, doch es bedurfte ihrer nicht, mit
wunderbarer Kraft fate sich Hermenegilda zusammen. Der Wille des
Himmels ist erfllt, sprach sie dumpf und feierlich, nicht zu klagen
ziemt es mir, aber bis zum Tode dem Gatten treu, soll kein irdisches
Bndnis mich von ihm trennen. Um ihn trauern, fr ihn, fr unser Heil
beten, das ist jetzt meine Bestimmung, und nichts soll diese mir
verstren. Graf Nepomuk mute mit vollem Recht glauben, da der
innerlich brtende Wahnsinn Hermenegildas sich durch jene Vision Luft
gemacht habe, und da die ruhige klsterliche Trauer Hermenegildas um
den Gatten kein ausschweifendes beunruhigendes Treiben zulie, so
war dem Grafen Nepomuk dieser Zustand, den die Ankunft des Grafen
Stanislaus schnell enden mute, ganz recht. Lie Nepomuk zuweilen
etwas von Trumereien und Visionen fallen, so lchelte Hermenegilda
schmerzlich, dann drckte sie aber den goldnen Ring, den sie am Finger
trug, an den Mund und benetzte ihn mit heien Trnen. Graf Nepomuk
bemerkte mit Erstaunen, da dieser Ring wirklich ein ganz fremder war,
den er nie bei seiner Tochter gesehen, da es indessen tausend Flle
gab, wie sie dazu gekommen sein konnte, so gab er sich nicht einmal
die Mhe weiter nachzuforschen. Wichtiger war ihm die bse Nachricht,
da Graf Stanislaus in feindliche Gefangenschaft geraten sei.
Hermenegilda fing an auf eigne Weise zu krnkeln, sie klagte oft ber
eine seltsame Empfindung, die sie eben nicht Krankheit nennen knne,
die aber ihr ganzes Wesen auf seltsame Art durchbebe. Um diese Zeit
kam Frst Z. mit seiner Gemahlin. Die Frstin hatte, als Hermenegildas
Mutter frhzeitig starb, ihre Stelle vertreten und schon deshalb wurde
sie von ihr mit kindlicher Hingebung empfangen. Hermenegilda erschlo
der wrdigen Frau ihr ganzes Herz und klagte mit der bittersten
Wehmut, da, unerachtet sie fr die Wahrheit aller Umstnde rcksichts
der wirklich vollzogenen Trauung mit Stanislaus, die berzeugendsten
Beweise habe, man sie doch eine wahnsinnige Trumerin schelte. Die
Frstin, von allem unterrichtet und von Hermenegildas zerrttetem
Gemtszustande berzeugt, htete sich wohl ihr zu widersprechen; sie
begngte sich damit, ihr zu versichern, da die Zeit alles aufklren
werde und da es wohlgetan sei, sich in frommer Demut dem Willen
des Himmels ganz zu ergeben. Aufmerksamer wurde die Frstin,
als Hermenegilda von ihrem krperlichen Zustande sprach und die
sonderbaren Anflle beschrieb, die ihr Inneres zu verstren schienen.
Man sah, wie die Frstin mit der ngstlichsten Sorgfalt ber
Hermenegilda wachte und wie ihre Bekmmernis in dem Grade stieg, als
Hermenegilda sich ganz zu erholen schien. Die todblassen Wangen und
Lippen rteten sich wieder, die Augen verloren das dstre unheimliche
Feuer, der Blick wurde mild und ruhig, die abgemagerten Formen
rundeten sich mehr und mehr, kurz Hermenegilda blhte ganz auf in
voller Jugend und Schnheit. Und doch schien die Frstin sie fr
krnker als jemals zu halten, denn: Wie ist dir, was hast du mein
Kind? - was fhlst du? so frug sie, qulende Besorgnis im Gesicht,
sobald Hermenegilda nur seufzte oder im mindesten erblate. Graf
Nepomuk, der Frst, die Frstin berateten sich, was es denn nun werden
solle mit Hermenegilda und ihrer fixen Idee, Stanislaus' Witwe zu
sein. Ich glaube leider, sprach der Frst, da ihr Wahnsinn
unheilbar bleiben wird, denn sie ist krperlich kerngesund und nhrt
den zerrtteten Zustand ihrer Seele mit voller Kraft. - Ja, fuhr er
fort, als die Frstin schmerzlich vor sich hinblickte, ja sie ist
kerngesund, unerachtet sie zur Ungebhr und zu ihrem offenbaren
Nachteil wie eine Kranke gepflegt, gehtschelt und gengstet wird.
Die Frstin, welche diese Worte trafen, fate den Grafen Nepomuk ins
Auge und sprach rasch und entschieden: Nein! - Hermenegilda ist nicht
krank, aber, lge es nicht im Reich der Unmglichkeit, da sie sich
vergangen haben knnte, so wrde ich berzeugt sein, da sie sich in
guter Hoffnung befinde. Damit stand sie auf und verlie das Zimmer.
Wie vom Blitz getroffen starrten sich Graf Nepomuk und der Frst
an. Dieser, zuerst das Wort aufnehmend, meinte, da seine Frau auch
zuweilen von den sonderbarsten Visionen heimgesucht werde. Graf
Nepomuk sprach aber sehr ernst: Die Frstin hat darin recht, da
ein Vergehen der Art von seiten Hermenegildas durchaus im Reich der
Unmglichkeit liegt, wenn ich dir aber sage, da, als Hermenegilda
gestern vor mir herging, mir es selbst wie ein nrrischer Gedanke
durch den Sinn fuhr: >Nun seht einmal, die junge Witwe ist ja guter
Hoffnung<; da dieser Gedanke offenbar nur durch das Betrachten ihrer
Gestalt erzeugt werden konnte, wenn ich dir das alles sage, so wirst
du es natrlich finden, wie die Worte der Frstin mich mit trber
Besorgnis, ja mit der peinlichsten Angst erfllen. - So mu߫,
erwiderte der Frst, der Arzt oder die weise Frau entscheiden und
entweder das vielleicht voreilige Urteil der Frstin vernichtet oder
unsere Schande besttigst werden. Mehrere Tage schwankten beide von
Entschlu zu Entschlu. Beiden wurden Hermenegildas Formen verdchtig,
die Frstin sollte entscheiden was jetzt zu tun. Sie verwarf die
Einmischung eines vielleicht plauderhaften Arztes und meinte, da
andere Hlfe wohl erst in fnf Monaten ntig sein wrde. Welche
Hlfe? schrie Graf Nepomuk entsetzt. Ja, fuhr die Frstin mit
erhhter Stimme fort, es ist nun gar kein Zweifel mehr, Hermenegilda
ist entweder die verruchteste Heuchlerin, die jemals geboren, oder
es waltet ein unerforschliches Geheimnis - genug, sie ist guter
Hoffnung! Ganz erstarrt vor Schreck fand Graf Nepomuk keine Worte;
endlich sich mhsam ermannend beschwor er die Frstin, koste es was es
wolle, von Hermenegilda selbst zu erforschen, wer der Unglckselige
sei, der die unauslschliche Schmach ber sein Haus gebracht. Noch,
sprach die Frstin, noch ahnet Hermenegilda nicht, da ich um ihren
Zustand wei. Von dem Moment, wenn ich es ihr sagen werde, wie es um
sie steht, verspreche ich mir alles. berrascht wird sie die Larve der
Heuchlerin fallen lassen oder es mu sich sonst ihre Unschuld auf eine
wunderbare Weise offenbaren, unerachtet ich es auch nicht zu trumen
vermag, wie dies sollte geschehen knnen. Noch denselben Abend war
die Frstin mit Hermenegilda, deren mtterliches Ansehn mit jeder
Stunde zuzunehmen schien, allein auf ihrem Zimmer. Da ergriff die
Frstin das arme Kind bei beiden Armen, blickte ihr scharf ins Auge
und sagte mit schneidendem Ton: Liebe, du bist guter Hoffnung! Da
schlug Hermenegilda den wie von himmlischer Wonne verklrten Blick
in die Hhe und rief mit dem Ton des hchsten Entzckens: O Mutter,
Mutter, ich wei es ja! - Lange fhlt ich es, da ich, fiel auch
der teure Gatte unter den mrderischen Streichen der wilden Feinde,
dennoch unaussprechlich glcklich sein sollte. Ja! - jener Moment
meines hchsten irdischen Glcks lebt in mir fort, ich werde ihn ganz
wieder haben den geliebten Gatten in dem teuern Pfande des sen
Bundes. Der Frstin war es, als finge sich alles an um sie zu drehen,
als wollten ihr die Sinne schwinden. Die Wahrheit in Hermenegildas
Ausdruck - ihr Entzcken, ihre wahrhafte Verklrung lie keinen
Gedanken an erheucheltes Wesen, an Trug aufkommen und doch konnte
nur toller Wahnsinn auf ihre Behauptung etwas geben. Von dem letzten
Gedanken ganz erfat, stie die Frstin Hermenegilda von sich, indem
sie heftig rief. Unsinnige! Ein Traum htte dich in den Zustand
versetzt, der Schmach und Schande ber uns alle bringt! - glaubst du,
da du mich mit albernen Mrchen zu hintergehen vermagst? - Besinne
dich - la alle Ereignisse der vorigen Tage dir vorbergehen. Ein
reuiges Bekenntnis kann uns vielleicht vershnen. In Trnen gebadet,
ganz aufgelst von herbem Schmerz sank Hermenegilda vor der Frstin
auf die Knie und jammerte: Mutter, auch du schiltst mich eine
Trumerin, auch du glaubst nicht daran, da die Kirche mich mit
Stanislaus verband, da ich sein Weib bin? - Aber sieh doch nur hier
den Ring an meinem Finger was sage ich! - _Du_, _du_ kennst ja meinen
Zustand, ist denn das nicht genug dich zu berzeugen, da ich nicht
trumte? Die Frstin nahm mit dem tiefsten Erstaunen wahr, da
Hermenegilden der Gedanke eines Vergehens gar nicht einkam, da sie
die Hindeutung darauf gar nicht aufgefat, gar nicht verstanden. Der
Frstin ihre Hnde heftig an die Brust drckend, flehte Hermenegilda
immerfort, sie mge doch nur jetzt, da es ihr Zustand auer Zweifel
setze, an ihren Gatten glauben, und die ganz bestrzte, ganz auer
sich gesetzte Frau wute in der Tat selbst nicht mehr, was sie der
Armen sagen, welchen Weg sie berhaupt einschlagen sollte, dem
Geheimnis, das hier walten mute, auf die Spur zu kommen. Erst nach
mehreren Tagen erklrte die Frstin dem Gemahl und dem Grafen Nepomuk,
da es unmglich sei von Hermenegilda, die sich von dem Gatten
schwanger glaube, mehr herauszubringen, als wovon sie selbst im
Innersten der Seele berzeugt sei. Die Mnner voller Zorn schalten
Hermenegilda eine Heuchlerin und insonderheit schwur Graf Nepomuk,
da, wenn gelinde Mittel sie nicht von dem wahnsinnigen Gedanken, ihm
ein abgeschmacktes Mrchen aufzuheften, zurckbringen wrden, er es
mit strengen Maregeln versuchen werde. Die Frstin meinte dagegen,
da jede Strenge eine zwecklose Grausamkeit sein wrde. berzeugt sei
sie nmlich, wie gesagt, da Hermenegilda keinesweges heuchle, sondern
daran, was sie sage, mit voller Seele glaube. Es gibt, fuhr sie
fort, noch manches Geheimnis in der Welt, das zu begreifen wir
gnzlich auerstande sind. Wie, wenn das lebhafte Zusammenwirken des
Gedankens auch eine physische Wirkung haben knnte, wie wenn eine
geistige Zusammenkunft zwischen Stanislaus und Hermenegilda sie in den
uns unerklrlichen Zustand versetzte? Unerachtet alles Zorns, aller
Bedrngnis des fatalen Augenblicks konnten sich der Frst und Graf
Nepomuk doch des lauten Lachens nicht enthalten, als die Frstin
diesen Gedanken uerte, den die Mnner den sublimsten nannten, der
je das Menschliche therisiert habe. Die Frstin blutrot im ganzen
Gesicht meinte, da den rohen Mnnern der Sinn fr dergleichen
abginge, da sie das ganze Verhltnis, in das ihr armes Kind,
an dessen Unschuld sie unbedingt glaube, geraten, anstig und
abscheulich finde, und da eine Reise, die sie mit ihr zu unternehmen
gedenke, das einzige und beste Mittel sei, sie der Arglist, dem Hohne
ihrer Umgebung zu entziehen. Graf Nepomuk war mit diesem Vorschlage
sehr zufrieden, denn da Hermenegilda selbst gar kein Geheimnis aus
ihrem Zustande machte, so mute sie, sollte ihr Ruf verschont bleiben,
freilich aus dem Kreise der Bekannten entfernt werden.

Dies ausgemacht, fhlten sich alle beruhigt. Graf Nepomuk dachte kaum
mehr an das bengstigende Geheimnis selbst, als er nur die Mglichkeit
sah, es der Welt, deren Hohn ihm das bitterste war, zu verbergen, und
der Frst urteilte sehr richtig, da bei der seltsamen Lage der Dinge,
bei Hermenegildas unerheucheltem Gemtszustande freilich gar nichts
anders zu tun sei, als die Auflsung des wunderbaren Rtsels der Zeit
zu berlassen. Eben wollte man nach geschlossener Beratung auseinander
gehen, als die pltzliche Ankunft des Grafen Xaver von R. ber alle
neue Verlegenheit neue Kmmernis brachte. Erhitzt von dem scharfen
Ritt, ber und ber mit Staub bedeckt, mit der Hast eines von wilder
Leidenschaft Getriebenen strzte er ins Zimmer und rief, ohne Gru,
alle Sitte nicht beachtend, mit starker Stimme: Er ist tot, Graf
Stanislaus! nicht in Gefangenschaft geriet er - nein - er wurde
niedergehauen von den Feinden - hier sind die Beweise! - Damit
steckte er mehrere Briefe, die er schnell hervorgerissen, dem Grafen
Nepomuk in die Hnde. Dieser fing ganz bestrzt an zu lesen. Die
Frstin sah in die Bltter hinein, kaum hatte sie wenige Zeilen
erhascht, als sie mit zum Himmel emporgerichtetem Blick die Hnde
zusammenschlug und schmerzlich ausrief: Hermenegilda! - armes Kind!
- welches unerforschliche Geheimnis! - Sie hatte gefunden, da
Stanislaus' Todestag gerade mit Hermenegildas Angabe zusammentraf, da
sich alles so begeben, wie sie es in dem verhngnisvollen Augenblick
geschaut hatte. Er ist tot, sprach nun Xaver rasch und feurig,
Hermenegilda ist frei, mir, der ich sie liebe wie mein Leben,
steht nichts mehr entgegen, ich bitte um ihre Hand! - Graf Nepomuk
vermochte nicht zu antworten, der Frst nahm das Wort und erklrte,
da gewisse Umstnde es ganz unmglich machten, jetzt auf seinen
Antrag einzugehen, da er in diesem Augenblick nicht einmal
Hermenegilda sehen knne, da es also das beste sei, sich wieder
schnell zu entfernen, wie er gekommen. Xaver entgegnete, da er
Hermenegildas zerrtteten Gemtszustand, von dem wahrscheinlich die
Rede sei, recht gut kenne, da er dies aber um so weniger fr ein
Hindernis halte, als gerade seine Verbindung mit Hermenegilda jenen
Zustand enden wrde. Die Frstin versicherte ihm, da Hermenegilda
ihrem Stanislaus Treue bis in den Tod geschworen, jede andere
Verbindung daher verwerfen wrde, brigens befinde sie sich gar nicht
mehr auf dem Schlosse. Da lachte Xaver laut auf und meinte, nur des
Vaters Einwilligung bedrfe er; Hermenegildas Herz zu rhren, das
solle man nur ihm berlassen. Ganz erzrnt ber des Jnglings
ungestme Zudringlichkeit erklrte Graf Nepomuk, da er in diesem
Augenblick vergebens auf seine Einwilligung hoffe und nur sogleich
das Schlo verlassen mge. Graf Xaver sah ihn starr an, ffnete die
Tr des Vorsaals und rief hinaus, Woyciech solle den Mantelsack
hereinbringen, die Pferde absatteln und in den Stall fhren. Dann kam
er ins Zimmer zurck, warf sich in den Lehnstuhl, der dicht am Fenster
stand, und erklrte ruhig und ernst: ehe er Hermenegilda gesehen und
gesprochen, werde ihn nur offne Gewalt vom Schlosse wegtreiben. Graf
Nepomuk meinte, da er dann auf einen recht langen Aufenthalt rechnen
knne, brigens aber erlauben msse, da er seinerseits das Schlo
verlasse. Alle, Graf Nepomuk, der Frst und seine Gemahlin gingen
hierauf aus dem Zimmer, um so schnell als mglich Hermenegilda
fortzuschaffen. Der Zufall wollte indessen, da sie gerade in dieser
Stunde, ganz wider ihre sonstige Gewohnheit, in den Park gegangen war.
Xaver, durch das Fenster blickend, an dem er sa, gewahrte sie ganz
in der Ferne wandelnd. Er rannte hinunter in den Park und erreichte
endlich Hermenegilda, als sie eben in jenen verhngnisvollen Pavillon
an der Sdseite des Parks trat. Ihr Zustand war nun schon beinahe
jedem Auge sichtlich. O all ihr Mchte des Himmels, rief Xaver, als
er vor Hermenegilda stand, dann strzte er aber zu ihren Fen und
beschwor sie, unter den heiligsten Beteurungen seiner glhendsten
Liebe, ihn zum glcklichsten Gatten aufzunehmen. Hermenegilda, ganz
auer sich vor Schreck und berraschung, sagte ihm: ein bses Geschick
habe ihn hergefhrt, ihre Ruhe zu stren - niemals, niemals wrde
sie, dem geliebten Stanislaus zur Treue bis in den Tod verbunden, die
Gattin eines andern werden. Als nun aber Xaver nicht aufhrte mit
Bitten und Beteurungen, als er endlich in toller Leidenschaft ihr
vorhielt, da sie sich selbst tusche, da sie _ihm_ ja schon die
sesten Liebesaugenblicke geschenkt, als er, aufgesprungen vom Boden,
sie in seine Arme schlieen wollte, da stie sie ihn, den Tod im
Antlitz, mit Abscheu und Verachtung zurck, indem sie rief. Elender,
selbstschtiger Tor, ebensowenig, wie du das se Pfand meines Bundes
mit Stanislaus vernichten kannst, ebensowenig vermagst du mich zum
verbrecherischen Bruch der Treue zu verfhren - fort aus meinen
Augen! Da streckte Xaver die geballte Faust ihr entgegen, lachte laut
auf in wildem Hohn und schrie: Wahnsinnige, brachst du denn nicht
selbst jenen albernen Schwur? - Das Kind, das du unter dem Herzen
trgst, _mein_ Kind ist es, _mich_ umarmtest du hier an dieser Stelle -
_meine_ Buhlschaft warst du und bleibst du, wenn ich dich nicht erhebe
zu meiner Gattin. - Hermenegilda blickte ihn an, die Glut der Hlle
in den Augen, dann kreischte sie auf. Ungeheuer! und sank wie zum
Tode getroffen nieder auf den Boden.

Wie von allen Furien verfolgt, rannte Xaver in das Schlo zurck, er
traf auf die Frstin, die er mit Ungestm bei der Hand ergriff und
hineinzog in die Zimmer. Sie hat mich verworfen mit Abscheu - mich,
den Vater ihres Kindes! - Um aller Heiligen willen! Du? - Xaver! -
mein Gott! - sprich, wie war es mglich? - so rief, von Entsetzen
ergriffen, die Frstin. Mag mich verdammen, fuhr Xaver gefater
fort, mag mich verdammen wer da will, aber glht ihm gleich mir das
Blut in den Adern, gleich mir wird er in solchem Moment sndigen.
In dem Pavillon traf ich Hermenegilda in einem seltsamen Zustande,
den ich nicht zu beschreiben vermag. Sie lag wie festschlafend und
trumend auf dem Kanapee. Kaum war ich eingetreten, als sie sich
erhob, auf mich zukam, mich bei der Hand ergriff und feierlichen
Schritts durch den Pavillon ging. Dann kniete sie nieder, ich tat ein
gleiches, sie betete, und ich bemerkte bald, da sie im Geiste einen
Priester vor uns sah. Sie zog einen Ring vom Finger, den sie dem
Priester darreichte, ich nahm ihn und steckte ihr einen goldnen
Ring an, den ich von meinem Finger zog, dann sank sie mit der
inbrnstigsten Liebe in meine Arme. - Als ich entfloh, lag sie in
tiefem bewutlosen Schlaf. - Entsetzlicher Mensch! - ungeheurer
Frevel! schrie die Frstin ganz auer sich. - Graf Nepomuk und
der Frst traten hinein, in wenigen Worten erfuhren sie Xavers
Bekenntnisse, und wie tief wurde der Frstin zartes Gemt verwundet,
als die Mnner Xavers freveliche Tat sehr verzeihlich und durch
seine Verbindung mit Hermenegilda geshnt fanden. Nein, sprach die
Frstin, nimmer wird Hermenegilda _dem_ die Hand als Gattin reichen,
der es wagte, wie der hmischte Geist der Hlle, den hchsten Moment
ihres Lebens mit dem ungeheuersten Frevel zu vergiften. - Sie wird,
sprach Graf Xaver mit kaltem hhnenden Stolz, sie wird mir die Hand
reichen mssen, um ihre Ehre zu retten - ich bleibe hier und alles
fgt sich. - In diesem Augenblick entstand ein dumpfes Gerusch, man
brachte Hermenegilda, die der Grtner im Pavillon leblos gefunden,
in das Schlo zurck. Man legte sie auf das Sofa; ehe es die Frstin
verhindern konnte, trat Xaver hinan und fate ihre Hand. Da fuhr sie
mit einem entsetzlichen Schrei, nicht menschlicher Ton, nein, dem
schneidenden Jammerlaut eines wilden Tiers hnlich, in die Hhe und
starrte in grlicher Verzuckung den Grafen mit funkensprhenden Augen
an. Der taumelte wie vom ttenden Blitz getroffen zurck und lallte
kaum verstndlich: Pferde! - Auf den Wink der Frstin brachte
man ihn herab. - Wein! - Wein! schrie er, strzte einige Glser
hinunter, warf sich dann erkrftigt aufs Pferd und jug davon. -
Hermenegildas Zustand, der aus dumpfen Wahnsinn in wilde Raserei
bergehen zu wollen schien, nderte auch Nepomuks und des Frsten
Gesinnungen, die nun erst das Entsetzliche, Unshnbare von Xavers Tat
einsahen. Man wollte nach dem Arzt senden, aber die Frstin verwarf
alle rztliche Hlfe, wo nur geistlicher Trost vielleicht wirken
knne. Statt des Arztes erschien also der Karmelitermnch Cyprianus,
Beichtvater des Hauses. Auf wunderbare Weise gelang es ihm,
Hermenegilda aus der Bewutlosigkeit des stieren Wahnsinns zu
erwecken. Noch mehr! - bald wurde sie ruhig und gefat; sie sprach
ganz zusammenhngend mit der Frstin, der sie den Wunsch uerte, nach
ihrer Niederkunft ihr Leben im Zisterzienserkloster zu O. in steter
Reue und Trauer hinzubringen. Ihren Trauerkleidern hatte sie Schleier
hinzugefgt, die ihr Gesicht undurchdringlich verhllten und die
sie niemals lpfte. Pater Cyprianus verlie das Schlo, kam aber
nach einigen Tagen wieder. Unterdessen hatte der Frst Z. an den
Brgermeister zu L. geschrieben, dort sollte Hermenegilda ihre
Niederkunft abwarten und von der btissin des Zisterzienserklosters,
einer Verwandten des Hauses, dahingebracht werden, whrend die Frstin
nach Italien reiste, und angeblich Hermenegilda mitnahm. - Es war
Mitternacht, der Wagen, der Hermenegilda nach dem Kloster bringen
sollte, stand vor der Tre. Von Gram gebeugt erwartete Nepomuk, der
Frst, die Frstin, das unglckliche Kind, um von ihr Abschied zu
nehmen. Da trat sie in Schleier gehllt, an der Hand des Mnchs,
in das von Kerzen hell erleuchtete Zimmer. Cyprianus sprach mit
feierlicher Stimme: Die Laienschwester Clestina sndigte schwer,
als sie sich noch in der Welt befand, denn der Frevel des Teufels
befleckte ihr reines Gemt, doch ein unauflsliches Gelbde bringt ihr
Trost - Ruhe und ewige Seligkeit! - Nie wird die Welt mehr das Antlitz
schauen, dessen Schnheit den Teufel anlockte - schaut her! - so
beginnt und vollendet Clestina ihre Bue! - Damit hob der Mnch
Hermenegildas Schleier auf, und schneidendes Weh durchfuhr alle,
da sie die blasse Totenlarve erblickten, in die Hermenegildas
engelschnes Antlitz auf immer verschlossen! - Sie schied, keines
Wortes mchtig, von dem Vater, der ganz aufgelst von verzehrendem
Schmerz nicht mehr leben zu knnen dachte. Der Frst, sonst ein
gefater Mann, badete sich in Trnen, nur der Frstin gelang es, mit
aller Macht den Schrecken jenes grauenvollen Gelbdes niederkmpfend,
sich aufrecht zu erhalten in milder Fassung.

Wie Graf Xaver Hermenegildas Aufenthalt und sogar den Umstand, da
das geborne Kind der Kirche geweiht sein sollte, erfahren, ist
unerklrlich. Wenig nutzte ihm der Raub des Kindes, denn als er nach
P. gekommen, und es in die Hnde einer vertrauten Frau zur Pflege
geben wollte, war es nicht, wie er glaubte, von der Klte ohnmchtig
geworden, sondern tot. Darauf verschwand Graf Xaver spurlos, und man
glaubte, er habe sich den Tod gegeben. Mehrere Jahre waren vergangen,
als der junge Frst Boleslaw von Z. auf seinen Reisen nach Neapel in
die Nhe des Posilippo kam. Dort in der anmutigsten Gegend liegt ein
Kamaldulenserkloster, zu dem der Frst heraufstieg, um eine Aussicht
zu genieen, die ihm als die reizendste in ganz Neapel geschildert
worden. Eben im Begriff, auf die herausspringende Felsenspitze im
Garten zu treten, die ihm als der schnste Punkt beschrieben, bemerkte
er einen Mnch, der vor ihm auf einem groen Stein Platz genommen
und, ein aufgeschlagenes Gebetbuch auf dem Scho, in die Ferne
hinausschaute. Sein Antlitz, in den Grundzgen noch jugendlich, war
nur durch tiefen Gram entstellt. Dem Frsten kam, als er den Mnch
nher und nher betrachtete, eine dunkle Erinnerung. Er schlich nher
heran und es fiel ihm gleich ins Auge, da das Gebetbuch in polnischer
Sprache abgefat war. Darauf redete er den Mnch polnisch an, dieser
wandte sich voller Schreck um, kaum hatte er aber den Frsten
erblickt, als er sein Gesicht verhllte und schnell, wie vom
bsen Geist getrieben, durch die Gebsche entfloh. Frst Boleslaw
versicherte, als er dem Grafen Nepomuk das Abenteuer erzhlte, dieser
Mnch sei niemand anders gewesen, als der Graf Xaver von R.



Das steinerne Herz

Jedem Reisenden, der bei guter Tageszeit sich dem Stdtchen G. von der
sdlichen Seite bis auf eine halbe Stunde Weges genhert, fllt der
Landstrae rechts ein stattliches Landhaus in die Augen, welches mit
seinen wunderlichen bunten Zinnen aus finsterm Gebsch blickend,
emporsteigt. Dieses Gebsch umkrnzte den weitlufigen Garten,
der sich in weiter Strecke talabwrts hinzieht. Kommst du einmal,
vielgeliebter Leser! des Weges, so scheue weder den kleinen Aufenthalt
deiner Reise, noch das kleine Trinkgeld, das du etwa dem Grtner geben
drftest, sondern steige fein aus dem Wagen, und la dir Haus und
Garten aufschlieen, vorgebend, du httest den verstorbenen Eigentmer
des anmutigen Landsitzes, den Hofrat Reutlinger in G., recht gut
gekannt. Im Grunde genommen kannst du dies alsdann mit gutem Fug tun,
wenn es dir gefallen sollte, alles, was ich dir zu erzhlen eben im
Begriff stehe, bis ans Ende durchzulesen; denn ich hoffe, der Hofrat
Reutlinger soll dir alsdann mit all seinem sonderbaren Tun und Treiben
so vor Augen stehen, als ob du ihn wirklich selbst gekannt httest.
Schon von auen findest du das Landhaus auf altertmliche groteske
Weise mit bunten gemalten Zieraten verschmckt, du klagst mit Recht
ber die Geschmacklosigkeit dieser zum Teil widersinnigen Wandgemlde,
aber bei nherer Betrachtung weht dich ein besonderer wunderbarer
Geist aus diesen bemalten Steinen an und mit einem leisen Schauer, der
dich berluft, trittst du in die weite Vorhalle. Auf den in Felder
abgeteilten, mit weiem Gipsmarmor bekleideten Wnden erblickest
du mit grellen Farben gemalte Arabesken, die in den wunderlichsten
Verschlingungen, Menschen- und Tiergestalten, Blumen, Frchte,
Gesteine, darstellen, und deren Bedeutung du ohne weitere
Verdeutlichung zu ahnen glaubst. Im Saal, der den untern Stock in der
Breite einnimmt und bis ber den zweiten Stock hinaufsteigt, scheint
in vergoldeter Bilderei alles das plastisch ausgefhrt, was erst
durch Gemlde angedeutet wurde. Du wirst im ersten Augenblick vom
verdorbenen Geschmack des Zeitalters Ludwig des Vierzehnten reden,
du wirst weidlich schmlen ber das Barocke, berladene, Grelle,
Geschmacklose dieses Stils, aber bist du nur was weniges meines
Sinnes, fehlt es dir nicht an reger Fantasie, welches ich allemal bei
dir, mein gtiger Leser! voraussetze, so wirst du bald allen in der
Tat gegrndeten Tadel vergessen. Es wird dir so zumute werden, als
sei die regellose Willkr nur das kecke Spiel des Meisters mit
Gestaltungen, ber die er unumschrnkt zu herrschen wute, dann aber,
als verkette sich alles zur bittersten Ironie des irdischen Treibens,
die nur dem tiefen, aber an einer Todeswunde krnkelnden Gemt eigen.
Ich rate dir, geliebter Leser! die kleinen Zimmer des zweiten Stocks,
die wie eine Galerie den Saal umgeben, und aus deren Fenstern man
hinabschaut in den Saal, zu durchwandern. Hier sind die Verzierungen
sehr einfach, aber hin und wieder stest du auf teutsche, arabische
und trkische Inschriften, die sich wunderlich genug ausnehmen. Du
eilst jetzt nach dem Garten, er ist nach altfranzsischer Art mit
langen, breiten, von hohen Taxuswnden umschlossenen Gngen, mit
gerumigen [Bosketts] angelegt, und mit Statuen, mit Fontnen
geschmckt. Ich wei nicht, ob du, geliebter Leser, nicht auch den
ernsten feierlichen Eindruck, den solch ein altfranzsischer Garten
macht, mit mir fhlst, und ob du solch ein Gartenkunstwerk nicht der
albernen Kleinigkeitskrmerei vorziehst, die in unsern sogenannten
englischen Grten mit Brckchen und Fllein, und Tempelchen und
Grttchen getrieben wird. Am Ende des Gartens trittst du in einen
finstern Hain von Trauerweiden, Hngebirken und Weymouthskiefern.
Der Grtner sagt dir, da dies Wldchen, wie man es von der Hhe des
Hauses hinabschauend, deutlich wahrnehmen kann, die Form eines Herzens
hat. Mitten darin ist ein Pavillon von dunklem schlesischen Marmor in
der Form eines Herzens erbaut. Du tritts hinein, der Boden ist mit
weien Marmorplatten ausgelegt, in der Mitte erblickst du ein Herz
in gewhnlicher Gre. Es ist ein dunkelroter in den weien Marmor
eingefugter Stein. Du bckst dich herab, und entdeckest die in den
Stein eingegrabenen Worte: _Es_ruht!_ In diesem Pavillon, bei diesem
dunkelroten steinernen Herzen, das damals jene Inschrift noch nicht
trug, standen am Tage Mari Geburt, das heit am achten September des
Jahres 180- ein groer stattlicher alter Herr und eine alte Dame,
beide sehr reich und schn nach der Mode der sechziger Jahre
gekleidet. Aber, sprach die alte Dame, aber wie kam Ihnen, lieber
Hofrat, denn wieder die bizarre, ich mchte lieber sagen, die
schauervolle Idee, in diesem Pavillon das Grabmal Ihres Herzens, das
unter dem roten Stein ruhen soll, bauen zu lassen? Lassen Sie uns,
erwiderte der alte Herr, lassen Sie uns, liebe Geheime Rtin, von
diesen Dingen schweigen! - Nennen Sie es das krankhafte Spiel eines
wunden Gemts, nennen Sie es wie Sie wollen, aber erfahren Sie, da,
wenn mich mitten unter dem reichen Gut, das das hmische Glck wie ein
Spielzeug dem einfltigen Kinde, das darber die Todeswunden vergit,
mir zuwarf, der bitterste Unmut ergreift, wenn alles erfahrne Leid von
neuem auf mich zutritt, da ich dann hier in diesen Mauern Trost und
Beruhigung finde. Meine Blutstropfen haben den Stein so rot gefrbt,
aber er ist eiskalt, bald liegt er auf meinem Herzen und khlt die
verderbliche Glut, welche darin loderte. Die alte Dame sah mit einem
Blick der tiefsten Wehmut herab zum steinernen Herzen, und indem sie
sich etwas herabbckte, fielen ein paar groe perlenglnzende Trnen
auf den roten Stein. Da fate der alte Herr schnell herber und
ergriff ihre Hand. Seine Augen erblitzten im jugendlichen Feuer; wie
ein fernes mit Blten und Blumen reich geschmcktes herrliches Land im
schimmernden Abendrot lag eine lngst vergangene Zeit voll Liebe und
Seligkeit in seinen glhenden Blicken. Julie! - Julie! und auch _Sie_
konnten dieses arme Herz so auf den Tod verwunden. - So rief der alte
Herr mit von der schmerzlichsten Wehmut halberstickter Stimme. Nicht
mich, erwiderte die alte Dame sehr weich und zrtlich, nicht
mich, klagen Sie an, Maximilian! - War es denn nicht Ihr starrer
unvershnlicher Sinn, Ihr trumerischer Glaube an Ahnungen, an
seltsame, Unheil verkndende Visionen, der Sie forttrieb von mir, und
der mich zuletzt bestimmen mute, dem sanfteren, beugsameren Mann,
der mit Ihnen zugleich sich um mich bewarb, den Vorzug zu geben.
Ach! Maximilian, Sie muten es ja wohl fhlen, wie innig Sie geliebt
wurden, aber Ihre ewige Selbstqual, peinigte sie mich nicht bis zur
Todesermattung? Der alte Herr unterbrach die Dame, indem er ihre Hand
fahren lie: O Sie haben recht, Frau Geheime Rtin, ich mu allein
stehen, kein menschliches Herz darf sich mir anschmiegen, alles was
Freundschaft, was Liebe vermag, prallt wirkungslos ab von diesem
steinernen Herzen. - Wie bitter, fiel die Dame dem alten Herrn in
die Rede, Wie bitter, wie ungerecht gegen sich selbst, und andere
sind Sie, Maximilian! - Wer kennt Sie denn nicht als den freigebigsten
Wohltter der Bedrftigen, als den unwandelbarsten Verfechter des
Rechts, der Billigkeit, aber welches bse Geschick warf jenes
entsetzliche Mitrauen in Ihre Seele, das in einem Wort, in einem
Blick, ja in irgend einem von jeder Willkr unabhngigen Ereignis
Verderben und Unheil ahnet? - Hege ich denn nicht alles, sprach der
alte Herr mit weicherer Stimme und Trnen in den Augen, hege ich denn
nicht alles, was sich mir nhert, mit der vollsten Liebe? Aber diese
Liebe zerreit mir das Herz, statt es zu nhren. - Ha! fuhr er mit
erhhter Stimme fort, dem unerforschlichen Geist der Welten gefiel es
mich mit einer Gabe auszustatten, die, mich dem Tode entreiend, mich
hundertmal ttet! - Gleich dem Ewigen Juden, sehe ich das unsichtbare
Kainszeichen auf der Stirne des gleisnerischen Meuters! - Ich
erkenne die geheimen Warnungen, die oft wie spielende Rtsel der
geheimnisvolle Knig der Welt, den wir Zufall nennen, uns in den Weg
wirft. Eine holde Jungfrau schaut uns mit hellen klaren Isisaugen
an, aber wer ihre Rtsel nicht lst, den ergreift sie mit krftigen
Lwentatzen, und schleudert ihn in den Abgrund. - Noch immer,
sprach die alte Dame, noch immer diese verderblichen Trume. Wo blieb
der schne, artige Knabe, Ihres jngern Bruders Sohn, den Sie vor
einigen Jahren so liebreich aufgenommen, in dem so viel Liebe und
Trost fr Sie aufzukeimen schien? - Den, erwiderte der alte Herr
mit rauher Stimme, den habe ich verstoen, es war ein Bsewicht,
eine Schlange, die ich mir zum Verderben im Busen nhrte. - Ein
Bsewicht! - der Knabe von sechs Jahren? fragte die Dame ganz
bestrzt. Sie wissen, fuhr der alte Herr fort, die Geschichte
meines jngern Bruders; Sie wissen, da er mich mehrmals auf bbische
Weise tuschte, da, alles brderliche Gefhl in seiner Brust
erttend, ihm jede Wohltat, die ich ihm erzeigte, zur Waffe gegen mich
diente. An ihm, an seinem rastlosen Streben lag es nicht, da nicht
meine Ehre, meine brgerliche Existenz verloren ging. Sie wissen, wie
er vor mehreren Jahren, in das tiefste Elend versunken, zu mir kam,
wie er mir nderung seiner verworrenen Lebensweise, wiedererwachte
Liebe heuchelte, wie ich ihn hegte und pflegte, wie er dann seinen
Aufenthalt in meinem Hause nutzte, um gewisse Dokumente - doch genug
davon. Sein Knabe gefiel mir, und diesen behielt ich bei mir, als
der Schndliche, nachdem seine Rnke, die mich in einen meine Ehre
vernichtenden Kriminalproze verwickeln sollten, entdeckt worden,
fliehen mute. Ein warnender Wink des Schicksals befreiete mich von
dem Bsewicht. - Und dieser Wink des Schicksals war gewi einer
Ihrer bsen Trume. So sprach die alte Dame, doch der alte Herr fuhr
fort: Hren Sie, urteilen Sie Julie! - Sie wissen, da meines Bruders
Teufelei mir den hrtesten Sto gab, den ich erlitten - es sei denn,
da - doch still davon. Mag es sein, da ich der Seelenkrankheit, die
mich befallen, den Gedanken zuschreiben mu, mir in diesem Wldchen
eine Grabsttte fr mein Herz bereiten zu lassen. Genug, es geschah!
- Das Wldchen war in Herzform angepflanzt, der Pavillon erbaut, die
Arbeiter beschftigten sich mit der Marmortfelung des Fubodens. Ich
trete hinan, um nach dem Werk zu sehen. Da bemerke ich, da in einiger
Entfernung der Knabe, so wie ich, Max geheien, etwas hin- und
herkugelt unter allerlei tollen Bockssprngen und lautem Gelchter.
Eine finstere Ahnung geht durch meine Seele! - Ich gehe los auf
den Knaben und erstarre, als ich sehe, da es der rote herzfrmig
ausgearbeitete Stein ist, der zum Einlegen in dem Pavillon bereit lag,
den er mit Mhe herausgekugelt hat und mit dem er nun spielt! >Bube!
du spielst mit meinem Herzen, wie dein Vater!< - Mit diesen Worten
stie ich ihn voll Abscheu von mir, als er sich weinend mir nahte. -
Mein Verwalter erhielt die ntigen Befehle ihn fortzuschaffen, ich
habe den Knaben nicht wiedergesehen! - Entsetzlicher Mann! rief die
alte Dame, die aber der alte Herr sich hflich verbeugend, und mit den
Worten: Des Schicksals groe Grundstriche fgen sich nicht dem feinen
Nonpareil der Damen, unter dem Arm fate, und aus dem Pavillon
hinausfhrte durch das Wldchen in den Garten. - Der alte Herr war der
Hofrat Reutlinger, die alte Dame aber die Geheime Rtin Foerd. - - Der
Garten bot das allermerkwrdigste Schauspiel dar, was man nur sehen
konnte. Eine groe Gesellschaft alter Herren, Geheime Rte, Hofrte
u.a. nebst ihren Familien aus den benachbarten Stdtchen hatte sich
versammelt. Alle, selbst die jungen Leute und Mdchen waren ganz
streng nach der Mode des Jahres 1760 gekleidet mit groen Percken,
gesteiften Kleidern, hohen Frisuren, Reifrcken usw., welches denn
um so mehr einen wunderlichen Eindruck machte, als die Anlagen des
Gartens ganz zu jenem Kostm paten. Jeder glaubte sich, wie durch
einen Zauberschlag, in eine lngst verflossene Zeit zurckversetzt.
Der Maskerade lag eine wunderliche Idee Reutlingers zum Grunde. Er
pflegte alle drei Jahre am Tage Mari Geburt auf seinem Landsitz das
Fest der alten Zeit zu feiern, wozu er alles aus dem Stdtchen, was
nur kommen wollte, einlud, jedoch war es unerlliche Bedingung, da
jeder Gast sich in das Kostm des Jahres 1760 werfen mute. Jungen
Leuten, denen es lstig gewesen sein wrde, dergleichen Kleider
herbeizuschaffen, half der Hofrat aus mit seiner eigenen reichen
Garderobe. - Offenbar wollte der Hofrat diese Zeit hindurch (das Fest
dauerte zwei bis drei Tage) in Rckerinnerungen der alten Jugendzeit
recht schwelgen.

In einer Seitenallee begegneten sich Ernst und Willibald. Beide sahen
sich eine Weile schweigend an und brachen dann in ein helles Gelchter
aus. Du kommst mir vor, rief Willibald, wie der im Irrgarten der
Liebe herumtaumelnde Kavalier. Und mich dnkt, erwiderte Ernst,
ich htte dich schon in der asiatischen Banise erblickt. - Aber in
der Tat, fuhr Willibald fort, des alten Hofrats Einfall ist so bel
nicht. Er will nun einmal sich selbst mystifizieren, er will eine Zeit
hervorzaubern, in der er wahrhaft lebte, unerachtet er noch jetzt ein
munterer starker Greis mit unverwstlicher Lebenskraft und herrlicher
Frischheit des Geistes, an Erregbarkeit und fantasiereicher Laune es
manchem vor der Zeit abgestumpften Jnglinge zuvortut. Er darf nicht
dafr sorgen, da jemand in Wort und Gebrde aus dem Kostm falle,
denn dafr steckt jeder eben in den Kleidern die ihm das ganz
unmglich machen. Sieh nur wie jngferlich und zunferlich unsere
jungen Damen in ihren Reifrcken einhertrippeln, wie sie sich des
Fchers zu bedienen wissen. - Wahrhaftig mich selbst ergreift unter
der Percke, die ich auf meinen Titus gestlpt, ein ganz besonderer
Geist altertmlicher Courtoisie, da ich eben das allerliebste Kind,
des Geh. Rates Foerd jngste Tochter, die holde Julie erblicke, so
wei ich gar nicht was mich abhlt, mich ihr in demtiger Stellung zu
nahen und mich also zu applizieren und explizieren: >Allerschnste
Julia! wenn wird mir doch die lngst gewnschte Ruhe durch deine
Gegenliebe gewhrt werden! Es ist ja unmglich, da den Tempel dieser
Schnheit ein steinerner Abgott bewohnen knne. Den Marmor bezwingt
der Regen und der Diamant wird durch schlechtes Blut erweichet; dein
Herz will aber einem Ambosse gleichen, welches sich nur durch Schlge
verhrtet; je mehr nun mein Herze klopfet, je unempfindlicher wirst
du. La mich doch das Ziel deines Blicks sein, schaue doch wie mein
Herz kocht und meine Seele nach der Erquickung lechzet, welche aus
deiner Anmut quillt. Ach! - willst du mich durch Schweigen betrben,
unempfindliche Seele? Die toten Felsen antworten ja den Fragenden
durch ein Echo und du willst mich Trostlosen keiner Antwort wrdigen?
- O Allerschnste< - Ich bitte dich, unterbrach hier Ernst den
Freund, der mit dem wunderlichsten Gebrdenspiel das alles gesprochen,
ich bitte dich, halt ein, du bist nun einmal wieder in deiner tollen
Laune und merkst nicht, wie Julie, erst sich uns freundlich nhernd,
mit einem Mal ganz scheu ausbog. Ohne dich zu verstehen, glaubt sie
gewi so wie alle in gleichem Fall, schonungslos von dir bespttelt zu
sein, und so bewhrst du deinen Ruf als eingefleischten ironischen
Satan und ziehst mich neuen Ankmmling ins Unglck, denn schon
sprechen alle mit zweideutigem Seitenblick und bittersem Lcheln:
>Es ist Willibalds Freund.< - La es gut sein, sprach Willibald,
ich wei es ja, da viele Leute, zumal junge hoffnungsvolle Mdchen
von sechszehn, siebzehn Jahren mir sorglich ausweichen, aber ich kenne
das Ziel, wohin alle Wege fhren, und wei auch, da sie dort mir
begegnend oder vielmehr mich wie im eignen Hause angesiedelt treffend,
recht mit vollem freundlichen Gemt mir die Hand reichen werden.
- Du meinst, sprach Ernst, eine Vershnung, wie im ewgen Leben,
wenn der Drang des Irdischen abgeschttelt. - O ich bitte dich,
unterbrach ihn Willibald, la uns doch gescheut sein und nicht alte,
lngst besprochene Dinge aufs neue und gerade zur ungnstigsten Stunde
aufrhren. Ungnstig fr derlei Gesprche nenne ich nmlich deshalb
eben diese Stunden, weil wir gar nichts Besseres tun knnen, als uns
dem seltsamen Eindruck alles des Wunderlichen, womit uns Reutlingers
Laune, wie in einen Rahmen eingefat hat, hingeben. Siehst du
wohl jenen Baum, dessen ungeheure weie Blten der Wind hin- und
herschttelt? - Cactus grandiflorus kann es nicht sein, denn der blht
nur mitternachts und ich spre auch nicht das Aroma, welches sich bis
hierher verbreiten mte. Wei der Himmel, welchen Wunderbaum der
Hofrat wieder in sein Tusculum verpflanzt hat. - Die Freunde gingen
auf den Wunderbaum los und wunderten sich in der Tat nicht wenig, als
sie einen dicken dunklen Holunderbusch trafen, dessen Blten nichts
anders waren, als hineingehngte weigepuderte Percken, die mit
ihren darangehngten Haarbeuteln und Zpfchen, ein kurioses Spielzeug
des launigten Sdwinds, auf- und niederschaukelten. Lautes Lachen
verkndete was hinter den Bschen verborgen. Eine ganze Gesellschaft
alter gemtlicher lebenskrftiger Herren hatte sich auf einem breiten
von buntem Buschwerk umgebenen Rasenplatz versammelt. Die Rcke
ausgezogen, die lstigen Percken in den Holunder gehngt, schlugen
sie Ballon. Aber niemand bertraf den Hofrat Reutlinger, der den
Ballon bis zu einer unglaublichen Hhe und so geschickt zu treiben
wute, da er jedesmal dem Gegenspieler schlaggerecht niederfiel. In
dem Augenblick lie sich eine abscheuliche Musik von kleinen Pfeifen
und dumpfen Trommeln hren. Die Herren endeten schnell ihr Spiel und
griffen nach ihren Rcken und Percken. Was ist denn das nun wieder?
sprach Ernst. Ich wette, erwiderte Willibald, der trkische
Gesandte zieht ein. - Der trkische Gesandte? frug Ernst ganz
erstaunt. So nenne ich, fuhr Willibald fort, den Baron von Exter,
der sich in G. aufhlt und den du noch viel zu wenig gesehen hast, um
in ihm nicht eins der wunderlichsten Originale zu erkennen, die es
geben mag. Er ist ehemals Gesandter unseres Hofes in Konstantinopel
gewesen und noch immer sonnt er sich in dem Reflex dieser
wahrscheinlich genureichsten Frhlingszeit seines Lebens. Seine
Beschreibung des Palastes, den er in Pera bewohnte, erinnert an
die diamantnen Feen-Palste in Tausendundeiner Nacht, und seine
Lebensweise an den weisen Knig Salomo, dem er auch darin gleichen
will, da er sich wirklich der Herrschaft ber unbekannte Naturkrfte
rhmt. In der Tat hat dieser Baron Exter seiner lgnerischen
Prahlerei, seiner Charlatanerie unerachtet, doch etwas Mystisches, das
mich wenigstens in drolligem Abstich mit seiner uern etwas skurrilen
Erscheinung oft wirklich mystifiziert. Davon, ich meine von seinem
wirklich mystischen Treiben geheimer Wissenschaften, rhrt auch seine
enge Verbindung mit Reutlingern her, der diesem Wesen ganz ergeben ist
mit Leib und Seele. - Beide sind wunderliche Trumer, aber jeder auf
seine Weise, brigens aber entschiedene Mesmerianer. - Unter diesem
Gesprch waren die Freunde bis an des Gartens groes Gattertor
gelangt, durch welches soeben der trkische Gesandte einzog. Ein
kleiner rundlicher Mann mit einem schnen trkischen Pelz und hohem
aus farbigten Shawls aufgewickeltem Turban angetan. Aus Gewohnheit
hatte er sich aber nicht von der eng anschlieenden Zopfpercke
mit kleinen Lckchen, aus Bedrfnis nicht von den filznen
Podagristenstiefeln trennen knnen, wodurch freilich das trkische
Kostm schwer verletzt wurde. Seine Begleiter, die das abscheuliche
musikalische Gerusch machten und in denen Willibald trotz der
Vermummung Exters Koch und anderes Hausgesinde erkannte, waren zu
Mohren angerut und trugen spitze gemalte Papiermtzen, den Sanbenitos
nicht unhnlich, welches drollig genug aussah. Den trkischen
Gesandten fhrte am Arm ein alter Offizier, nach seiner Tracht von
irgend einem Schlachtfelde des Siebenjhrigen Krieges erwacht und
erstanden. Es war der General Rixendorf, Kommandant von G., der dem
Hofrat zu Gefallen samt seinen Offizieren sich in das alte Kostm
geworfen hatte. Salama milek! sprach der Hofrat den Baron Exter
umarmend, der sofort den Turban abnahm, und ihn wieder auf die
Percke stlpte, nachdem er sich den Schwei von der Stirne mit einem
ostindischen Tuch weggetrocknet. In dem Augenblick bewegte sich auch
in den Zweigen eines Sptkirschenbaums der goldstrahlende Fleck, den
Ernst schon lange betrachtet hatte, ohne entrtseln zu knnen, was da
oben sitze. Es war blo der Geheime Kommerzienrat Harscher in einem
goldstoffnen Ehrenkleide, ebensolchen Beinkleidern und silberstoffner
mit blauen Rosenboukets bestreuter Weste, der nun sich aus den
Blttern des Kirschbaums entwickelte, und fr sein Alter behende
genug auf der angelehnten Leiter herabstieg und mit ganz feiner etwas
qukender Stimme singend oder vielmehr kreischend: Ah! che vedo -
o dio che sento! dem trkischen Gesandten in die Arme eilte. Der
Kommerzienrat hatte seine Jugendzeit in Italien zugebracht, war ein
groer Musikus und wollte noch immer mittelst eines lang gebten
Falsetts singen wie Farinelli. Ich wei߫, sprach Willibald, da
Harscher sich die Taschen mit Sptkirschen vollgestopft hat, die er,
irgend ein Madrigal s lamentierend, den Damen prsentieren wird. Da
er aber wie Friedrich der Zweite den Spaniol ohne Dose in der Tasche
ausgeschttet trgt, wird er mit seiner Galanterie nur widerwilliges
Ablehnen und finstre Gesichter einernten. - berall war nun der
trkische Gesandte sowie der Held des Siebenjhrigen Krieges mit
Freude und Jubel empfangen worden. Letzterer wurde von Julchen Foerd
mit kindlicher Demut begrt, tief beugte sie sich vor dem alten Herrn
und wollte ihm die Hand kssen, da sprang aber der trkische Gesandte
wild dazwischen, rief. Narrheiten, tolles Zeug! umarmte Julchen mit
Heftigkeit, wobei er dem Kommerzienrat Harscher sehr hart auf die Fe
trat, der aber vor Schmerz nur ein ganz klein wenig miaute und rannte
dann mit Julien, die er unter den Arm gefat, davon. - Man sah, da er
sehr eifrig mit den Hnden focht, den Turban auf- und abstlpte usw.
Was hat der Alte mit dem Mdchen vor? sprach Ernst. In der Tat,
erwiderte Willibald, es scheint Wichtiges, denn, ist Exter gleich
des Mdchens Pate und ganz vernarrt in sie, so pflegt er doch nicht
sogleich aus der Gesellschaft mit ihr davonzulaufen. - In dem
Augenblick blieb der trkische Gesandte stehen, streckte den rechten
Arm weit von sich und rief mit starker Stimme, da es im ganzen Garten
widerhallte: Apporte! - Willibald brach in ein lautes Gelchter aus.
Wahrhaftig, sprach er dann, es ist weiter nichts, als da Exter
Julien zum tausendstenmal die merkwrdige Geschichte vom Seehunde
erzhlt. Ernst wollte diese merkwrdige Geschichte durchaus wissen.
Erfahre denn, sprach Willibald, da Exters Palast dicht am Bosporus
lag, so da Stufen von dem feinsten karrarischen Marmor hinabfhrten
ins Meer. Eines Tages steht Exter auf der Galerie in die
tiefsinnigsten Betrachtungen versunken, aus denen ihn ein
durchdringender gellender Schrei hinausreit. Er schaut hinab und
siehe, ein ungeheurer Seehund ist aus dem Meer hinaufgetaucht und
hat einem armen trkischen Weibe, die auf den Marmorstufen sa, den
Knaben von dem Arm hinabgerissen, mit dem er eben abfhrt in die
Meereswellen. Exter eilt hinab, das Weib fllt ihm trostlos weinend
und heulend zu Fen. Exter besinnt sich nicht lange, er tritt dicht
ans Meer auf die letzte Stufe, streckt den Arm aus und ruft mit
starker Stimme: >Apporte!< - Sogleich steigt der Seehund aus der Tiefe
des Meers, im weiten Maule den Knaben, den er zierlich und geschickt,
wie auch ganz unversehrt dem Magier berreicht und sodann jedem Dank
ausweichend, sich wieder entfernt in das Meer niedertaucht. - Das
ist stark - das ist stark, rief Ernst. Siehst du wohl, fuhr
Willibald fort, siehst du wohl, wie Exter jetzt einen kleinen Ring
vom Finger zieht und ihn Julien zeigt? Keine Tugend bleibt unbelohnt!
- Auer dem, da Exter dem trkischen Weibe den Knaben gerettet hatte,
so beschenkte er sie noch, als er vernahm, da ihr Mann ein armer
Lasttrger, kaum das tgliche Brot zu verdienen vermochte, mit einigen
Juwelen und Goldstcken, freilich nur eine Lumperei, hchstens
zwanzig- bis dreiigtausend Taler an Wert; darauf zog das Weib
einen kleinen Saphir vom Finger und drang ihn Extern auf mit der
Versicherung, es sei ein teures ererbtes Familienstck, das nur durch
Exters Tat gewonnen werden knne. Exter nahm den Ring, der ihm von
geringem Werte schien und erstaunte nicht wenig, als er spter durch
eine kaum sichtbare arabische Inschrift an des Ringes Reif belehrt
wurde, da er des groen Alis Siegelring am Finger trage, mit dem er
jetzt zuweilen Mahomeds Tauben heranlockt und mit ihnen konversiert.
- Das sind ganz erstaunliche Dinge, rief Ernst lachend, doch la
uns sehen, was dort in dem geschlossenen Kreise vorgeht, in dessen
Mitte ein klein Ding, wie ein kartesianisches Teufelchen, auf- und
niedergaukelt und quinkeliert. -

Die Freunde traten auf einen runden Rasenplatz, ringsumher saen
alte und junge Herren und Damen, in der Mitte sprang ein sehr bunt
gekleidetes, kaum vier Fu hohes Dmchen, mit einem etwas zu groen
Apfelkpfchen umher, und schnappte mit den Fingerchen und sang mit
einem ganz kleinen, dnnen Stimmchen: Amenez vos troupeaux bergres!
- Solltest du wohl glauben, sprach Willibald, da dies putzige
Figurchen, die so beraus naiv und scharmant tut, Juliens ltere
Schwester ist? Du merkst, da sie leider zu den Weibern gehrt, die
die Natur mit recht bittrer Ironie mystifiziert, indem sie trotz alles
Strubens zu ewiger Kindheit verdammt, vermge ihrer Figur und ihres
ganzen Wesens im Alter noch mit jener kindischen Naivitt kokettierend
sich und andern herzlich zur Last werden mssen, wobei es denn oft
an gehriger Verhhnung nicht mangelt. - Beiden Freunden wurde das
Dmchen mit ihrer franzsischen Faselei recht fatal, sie schlichen
daher fort wie sie gekommen und schlossen sich lieber an den
trkischen Gesandten an, der sie fortfhrte in den Saal, wo eben, da
die Sonne schon niedersank, alles zu der Musik vorbereitet wurde, die
man heute zu geben im Sinne hatte. Der sterleinische Flgel wurde
geffnet und jedes Pult fr die Knstler an seinen Ort gestellt.
Die Gesellschaft sammelte sich nach und nach, Erfrischungen wurden
herumgereicht in altem reichen Porzellan; dann ergriff Reutlinger
eine Geige und fhrte mit Geschicklichkeit und Kraft eine Sonate von
Corelli aus, wozu ihn der General Rixendorf auf dem Flgel begleitete,
dann bewhrte sich der goldstoffne Harscher als Meister auf
der Theorbe. Hierauf begann die Geheime Rtin Foerd eine groe
italienische Szene von Anfossi mit seltenem Ausdruck. Die Stimme war
alt, tremulierend und ungleich, aber noch wurde alles dieses durch
die ihr eigne Meisterschaft des Gesanges besiegt. In Reutlingers
verklrtem Blick glnzte das Entzcken lngst vergangener Jugend.
Das Adagio war geendet, Rixendorf begann das Allegro, als pltzlich
die Tr des Saals aufgerissen wurde und ein junger wohlgekleideter
Mensch, von hbschem Ansehen, ganz erhitzt und atemlos hinein und zu
Rixendorfs Fen strzte. O Herr General! - Sie haben mich gerettet
- Sie allein - es ist alles gut alles gut! O mein Gott, wie soll ich
Ihnen denn danken. So schrie der junge Mensch wie auer sich, der
General schien verlegen, er hob den jungen Menschen sanft auf und
fhrte ihn mit beschwichtigenden Worten heraus in den Garten. Die
Gesellschaft war von dem Auftritt berrascht worden, jeder hatte
in dem Jngling den Schreiber des Geheimen Rates Foerd erkannt und
schaute diesen mit neugierigen Blicken an. Der nahm aber eine Prise
nach der andern und sprach mit seiner Frau franzsisch, bis er
endlich, da ihm der trkische Gesandte nher auf den Leib rckte,
rund heraus erklrte: Ich wei, Hochzuverehrende! durchaus mir nicht
zu erklren, welcher bse Geist meinen Max hier so pltzlich mit
exaltierten Danksagungen hineingeschleudert hat, werde aber sogleich
die Ehre haben. - Damit schlpfte er zur Tre heraus und Willibald
folgte ihm auf dem Fue. Das dreiblttrige Kleeblatt der Foerdschen
Familie, nmlich die drei Schwestern, Nannette, Clementine und Julie,
uerten sich auf ganz verschiedene Weise. Nannette lie den Fcher
auf- und niederrauschen, sprach von Etourderie und wollte endlich
wieder singen: Amenez vos troupeaux, worauf aber niemand achtete.
Julie war abseits in den Winkel getreten und der Gesellschaft den
Rcken zugewendet, war es, als wolle sie nicht allein ihr glhendes
Gesicht, sondern auch einige Trnen verbergen, die ihr, wie man schon
bemerkt, in die Augen getreten. Freude und Schmerz verwunden mit
gleichem Weh die Brust des armen Menschen, aber frbt der dem
verletzenden Dorn nachquillende Blutstropfe nicht mit hherem Rot die
verbleichende Rose? So sprach mit vielem Pathos die jeanpaulisierende
Clementine, indem sie verstohlen die Hand eines hbschen jungen,
blonden Menschen fate, der gar zu gern sich aus den Rosenbanden,
womit ihn Clementine bedrohlich umstrickt und in denen er etwas zu
spitze Dornen versprt hatte, losgewickelt. Der lchelte aber etwas
fade und sprach nur: O ja, Beste! - Dabei schielte er nach einem
seitwrts stehenden Glase Wein, welches er gern auf Clementinens
sentimentalen Spruch geleert. Das ging aber nicht, da Clementine seine
linke Hand festhielt, er aber mit der Rechten soeben das Besitztum
eines Stcks Kuchen ergriffen. In dem Augenblick trat Willibald zur
Saaltr herein und alles strzte auf ihn zu mit tausend Fragen, wie,
was, warum und woher? Er wollte durchaus nichts wissen, zog aber ein
verschmitzteres Gesicht als jemals. Man lie nicht ab von ihm, weil
man deutlich bemerkt, da er im Garten sich mit dem Geheimen Rat
Foerd zum General Rixendorf und zum Schreiber Max gesellt, und heftig
mitgesprochen hatte. Soll ich denn, fing er endlich an, soll ich
denn in der Tat die wichtigste aller Begebenheiten vor der Zeit
ausplaudern, so mu es mir vergnnt werden, zuvrderst an Sie, meine
hochzuverehrenden Damen und Herren, einige Fragen zu richten. - Man
erlaubte das gern. Ist Ihnen, fuhr Willibald nun pathetisch fort,
ist Ihnen nicht allen der Schreiber des Herrn Geheimen Rat Foerd,
Max geheien, als ein wohlgebildeten, von der Natur reichlich
ausgestatteter Jngling bekannt? - Ja, ja, ja! rief der Chor der
Damen. Ist Ihnen, frug Willibald weiter, ist Ihnen nicht sein
Flei, seine wissenschaftliche Bildung, seine Geschicklichkeit im
Geschft bekannt? - Ja -ja! rief der Chor der Herren, und wieder
Ja, ja, ja! der vereinigte Chor der Herren und Damen, als Willibald
noch frug, ob Max nicht weiter als der aufgeweckteste Kopf, voller
Possen und Schnurren, sowie endlich als solch geschickter Zeichner
bekannt sei, da Rixendorf, der als Dilettant in der Malerei
Ungewhnliches leiste, es nicht verschmht habe, selbst ihm
zweckmigen Unterricht zu erteilen. Es begab sich, erzhlte nun
Willibald, da vor einiger Zeit ein junges Meisterlein von der
ehrsamen Schneiderzunft seine Hochzeit feierte. Es ging dabei hoch
her, Bsse schnurrten, Trompeten schmetterten durch die Gasse. Mit
rechter Wehmut sah des Herrn Geheimen Rats Bedienter, Johann, zu den
erleuchteten Fenstern herauf, das Herz wollte ihm springen, wenn er
unter den Tanzenden Jettchens Tritte zu vernehmen glaubte, die, wie
er wute, auf der Hochzeit war. Als nun aber Jettchen wirklich zum
Fenster herausguckte, da konnte er es nicht lnger aushalten, er lief
nach Hause, warf sich in seinen besten Staat und ging keck herauf in
den Hochzeitsaal. Er wurde wirklich zugelassen, freilich unter der
schmerzlichen Bedingung, da im Tanz jeder Schneider vor ihm den
Vorzug haben sollte, wodurch er freilich auf die Mdchen angewiesen
wurde, mit denen ob ihrer Hlichkeit oder sonstigen Untugenden,
niemand tanzen mochte. Jettchen war auf alle Tnze versagt, aber sowie
sie den Geliebten sah, verga sie alles, was sie versprochen, und der
beherzte Johann stie das dnnleibige Schneiderlein, das ihm Jettchen
abtrotzen wollte, zu Boden, da es ber und ber purzelte. Dies gab
das Signal zum allgemeinen Aufstande. Johann wehrte sich wie ein Lwe,
Rippenste und Ohrfeigen nach allen Seiten austeilend, doch er mute
der Menge seiner Feinde erliegen und wurde auf schmhliche Weise von
Schneidergesellen die Treppe herabgeworfen. Voll Wut und Verzweiflung
wollte er die Fenster einwerfen, er schimpfte und fluchte, da kam Max,
der nach Hause ging, des Weges und befreite den unglcklichen Johann
aus den Hnden der Scharwacht, die eben ber ihn herzufallen im
Begriff stand. Nun klagte Johann sein Unglck und wollte durchaus
nicht abstehen von tumultuarischer Rache, doch gelang es endlich dem
klgern Max, ihn zu beruhigen, wiewohl nur unter dem Versprechen, da
er sich seiner annehmen und die ihm geschehene Unbill so rchen wolle,
da er ganz gewi zufrieden sein werde - Willibald hielt pltzlich
ein. - Nun? - nun? Und weiter? - Eine Schneiderhochzeit - ein
Liebespaar - Prgel - was soll das dann werden? So rief es von
allen Seiten. Erlauben Sie, fuhr Willibald fort, erlauben Sie,
Hochzuverehrende! zu bemerken, da, um mit dem berhmten Weber Zettel
zu reden, in dieser Komdie von Johann und Jettchen Dinge vorkommen,
die nimmermehr gefallen werden. - Es knnte sogar wider den feinsten
Anstand gesndigt werden. - Sie werden's schon einzurichten wissen,
lieber Herr Willibald, sprach die alte Stiftsrtin von Krain, indem
sie ihn auf die Schulter klopfte, ich fr meinen Teil kann einen Puff
vertragen. - Der Schreiber Max, erzhlte Willibald weiter, setzte
sich andern Tages hin, nahm ein groes schnes Blatt Velinpapier,
Bleifeder und Tusche, und zeichnete mit der vollendetsten Wahrheit
einen groen stattlichen Ziegenbock hin. Die Physiognomie dieses
wunderbaren Tiers gab jedem Physiognomen reichlichen Stoff
zum Studium. In dem Blick der geistreichen Augen lag etwas
berschwengliches, wiewohl um das Maul und um den Bart herum einige
Konvulsionen zitternd zu spielen schienen. Das Ganze zeugte von
innerer unaussprechlicher Qual. In der Tat war auch der gute Bock
beschftigt, auf eine sehr natrliche, wiewohl schmerzliche Weise
ganz kleine allerliebste, mit Schere und Bgeleisen bewaffnete
Schneiderlein zur Welt zu befrdern, die in den wunderlichsten Gruppen
ihre Lebensttigkeit bewiesen. Unter dem Bilde stand ein Vers, den ich
leider vergessen, doch irr ich nicht, so hie die erste Zeile: >Ei was
hat der Bock - gegessen.< Ich kann brigens versichern, da dieser
wunderbare Bock - Genug - genug, riefen die Damen, genug von dem
garstigen Tier - von Max, von Max wollen wir hren. - Besagter
Max, nahm Willibald das Wort wieder auf, besagter Max gab das
wohlausgefhrte und vollkommen geratene Tableau dem gekrnkten Johann,
der es so geschickt an die Schneiderherberge anzuheften wute, da
einen ganzen Tag hindurch das mige Volk nicht von dem Bildnis
wegkam. Die Straenjungen schwenkten jubelnd die Mtzen und tanzten
jedem Schneiderlein, das sich sehen lie, hinterher, und sangen und
kreischten gewaltig: >Ei was hat der Bock gegessen.< - >Niemand anders
hat das Blatt gezeichnet, als des Geheimen Rats Max<, sagten die
Maler, >niemand hat die Worte geschrieben, als des Geheimen Rats Max<,
riefen die Schreibmeister, als die ehrsame Schneiderzunft die ntigen
Erkundigungen einzog. Max wurde verklagt und sah, da er nicht wohl
leugnen konnte, einer empfindlichen Gefngnisstrafe entgegen. Da
rannte er voll Verzweiflung zu seinem Gnner, dem General Rixendorf;
bei allen Advokaten war er schon gewesen. Die runzelten die Stirn,
schttelten die Kpfe und sprachen von hartnckigem Ableugnen usw.,
was dem ehrlichen Max nicht wohlgefiel. Der General sprach dagegen:
>Du hast einen dummen Streich gemacht, lieber Sohn! die Advokaten
werden dich nicht retten, aber ich, und blo darum, weil in deinem
Bilde, das ich bereits gesehen, korrekte Zeichnung und verstndige
Anordnung ist. Der Bock, als Hauptfigur, hat Ausdruck und
Haltung, sowie die bereits auf dem Boden liegenden Schneider eine
gute Pyramidalgruppe bilden, die reich ist, ohne das Auge zu
verwirren. Sehr weise hast du den im Schmerz der Quetschung sich
hervorarbeitenden Schneider wieder als Hauptfigur der untern Gruppe
behandelt, in seinem Gesicht liegt laokoontisches Weh! Ebenso rhmlich
ist es, da die fallenden Schneider nicht etwa schweben, sondern
wirklich fallen, wiewohl nicht aus dem Himmel; manche zu gewagte
Verkrzungen sind recht hbsch durch die Bgeleisen maskiert, auch
hast du mit reger Fantasie die Hoffnung neuer Geburten angedeutet.<
- Die Damen fingen an ungeduldig zu murmeln, und der Goldstoffne
lispelte: Aber Maxens Proze, Verehrter? - >Indessen nimm mir's
nicht bel<, sprach der General, (so fuhr Willibald fort) >die Idee
des Bildes ist nicht die deinige, sondern uralt; doch das ist es eben,
was dich rettet.< Mit diesen Worten kramte der General in seinem alten
Schreibschranke, holte einen Tabaksbeutel hervor, auf dem sich Maxens
Gedanke sauber und zwar beinahe ganz nach Maxens Weise ausgefhrt
befand, berlie denselben seinem Liebling zum Gebrauch und nun war
alles gut. - Wie das, wie das? rief alles durcheinander, aber die
Juristen, die sich in der Gesellschaft befanden, lachten laut, und der
Geheime Rat Foerd, der unterdessen auch hineingetreten war, sprach
lchelnd: Er leugnete den animum injuriandi, die Absicht zu
beleidigen, und wurde freigesprochen.- Will soviel heien, fiel
Willibald ihm in die Rede, als da Max sprach: >Ich kann nicht
leugnen, da das Bild von meiner Hand ist; absichtslos und ohne irgend
die von mir so hochverehrte Schneiderzunft krnken zu wollen, kopierte
ich das Blatt nach dem Original, das ich hier mit diesem Tabaksbeutel,
der dem General Rixendorf, meinem Lehrer in der Zeichenkunst, gehrt,
berreiche. Einige Variationen habe ich meiner schaffenden Fantasie zu
danken. Das Bild ist mir aus den Hnden gekommen, ich habe es weder
jemanden sonst gezeigt, noch gar etwa angeheftet. ber diesen Umstand,
in dem allein die Injurie liegt, erwarte ich den Nachweis.< - Diesen
Nachweis ist die ehrsame Schneiderzunft schuldig geblieben und Max
heute freigesprochen worden. Daher sein Dank, seine unmige Freude.
- Man fand allgemein, da doch die halb wahnsinnige Art und Weise,
wie Max seinen Dank geuert, durch die erzhlten Umstnde nicht ganz
motiviert werde, nur die Geheime Rtin Foerd sprach mit bewegter
Stimme: Der Jngling hat ein leicht verwundbares Gemt und ein
zarteres Ehrgefhl, als je ein anderer. Krperliche Strafe erdulden
zu mssen htte ihn elend gemacht, ihn auf immer von G. vertrieben.
- Vielleicht, fiel Willibald ein, liegt hier noch etwas ganz
Besonderes im Hintergrunde. - So ist es, lieber Willibald, sprach
Rixendorf, der hineingetreten war und die Worte der Geheimen Rtin
vernommen hatte, so ist es, und will es Gott, so soll sich bald alles
recht hell und frhlich aufklren. -

Clementine fand die ganze Geschichte sehr unzart, Nannette dachte
gar nichts, aber Julie war sehr heiter geworden. Jetzt ermunterte
Reutlinger die Gesellschaft zum Tanze. Sogleich spielten vier
Theorbisten, untersttzt von ein paar Zinken, Violinen und Bssen,
eine pathetische Sarabande. Die Alten tanzten, die Jungen schauten
zu. Der Goldstoffne zeichnete sich aus durch zierliche und gewagte
Sprnge. Der Abend ging ganz heiter hin, so auch der andere Morgen.
Wie gestern sollte auch heute Konzert und Ball den festlichen
Tag beschlieen. Der General Rixendorf sa schon am Flgel, der
Goldstoffne hatte die Theorbe im Arm, die Geheime Rtin Foerd die
Partie in der Hand. Man wartete nur auf die Rckkehr des Hofrats
Reutlinger. Da hrte man im Garten ngstlich rufen und sah die
Bedienten herausrennen. Bald trugen sie den Hofrat mit geisterbleichem
entstelltem Gesicht herein, der Grtner hatte ihn unweit des
Herzpavillons in tiefer Ohnmacht auf der Erde liegend gefunden. - Mit
einem Schrei des Entsetzens sprang Rixendorf auf vom Flgel. Man eilte
herbei mit spirituosen Mitteln, man fing an, dem Hofrat, der auf einem
Kanapee lag, die Stirne mit Klnischem Wasser zu reiben, der trkische
Gesandte stie aber alle zurck, indem er unaufhrlich rief. Zurck,
zurck, ihr unwissenden ungeschickten Leute! - ihr macht mir den
kerngesunden, muntern Hofrat nur matt und elend! - Damit schleuderte
er seinen Turban ber alle Kpfe weg in den Garten hinein, den Pelz
hinterher. Nun beschrieb er mit der flachen Hand seltsame Kreise um
den Hofrat, die enger und enger werdend, zuletzt beinahe Schlfe und
Herzgrube berhrten. Dann hauchte er den Hofrat an, der sogleich die
Augen aufschlug und mit matter Stimme sprach: Exter! Du hast nicht
gut getan, mich zu wecken! - Die dunkle Macht hat mir den nahen
Tod verkndet, und vielleicht war es mir vergnnt in dieser tiefen
Ohnmacht hineinzuschlummern in den Tod. - Possen, Trumer, rief
Exter, deine Zeit ist noch nicht gekommen. Schau dich nur um, Herr
Bruder, wo du bist, und sei fein munter wie es sich schickt. - Der
Hofrat wurde nun gewahr, da er sich im Saal in voller Gesellschaft
befand. Er erhob sich rstig vom Kanapee, trat in die Mitte des Saals,
und sprach mit anmutigem Lcheln: Ich gab Ihnen ein bses Schauspiel,
Verehrte! aber an mir lag es nicht, da das ungeschickte Volk mich
gerade in den Saal trug. Lassen Sie uns ber das strende Intermezzo
schnell hinweggehen, lassen Sie uns tanzen! - Die Musik begann
sofort, aber als sich alles in der ersten Menuett pathetisch wandte
und drehte, verschwand der Hofrat mit Exter und Rixendorf aus dem
Saal. Als sie in ein entferntes Zimmer gekommen, warf sich Reutlinger
erschpft in einen Lehnsessel, hielt beide Hnde vors Gesicht und
sprach mit von Schmerz gepreter Stimme: Oh, meine Freunde! meine
Freunde! Exter und Rixendorf vermuteten mit Recht, da irgend etwas
Entsetzliches den Hofrat erfat haben msse, und da er sich jetzt
darber erklren werde. Sag's nur heraus, alter Freund, sprach
Rixendorf, sag's nur heraus, dir ist, Gott wei auf welche Weise,
Schlimmes im Garten begegnet. - Aber, fiel Exter ein, ich begreife
gar nicht, wie dem Hofrat heute, und berhaupt in diesen Tagen
Schlimmes begegnen konnte, da eben jetzt sein siderisches Prinzip
reiner und herrlicher sich gestaltet als jemals. - Doch, doch! fing
der Hofrat mit dumpfer Stimme an, Exter! es ist bald aus mit uns, der
kecke Geisterseher klopfte nicht ungestraft an die dunklen Pforten.
Ich wiederhole es dir, da die geheimnisvolle Macht mich hinter den
Schleier schauen lie - der nahe, vielleicht grliche Tod ist mir
verkndet. - So erzhle nur was dir geschah, fiel Rixendorf ihm
ungeduldig in die Rede, ich wette, da alles auf eine wunderliche
Einbildung hinausluft, ihr verderbt euch beide das Leben mit euern
Fantastereien, du und Exter.

So vernehmt es denn, fuhr der Hofrat fort, indem er aufstand von dem
Lehnstuhl, und zwischen beide Freunde trat, so vernehmt es denn, was
mich vor Entsetzen und Graus in tiefe Ohnmacht warf. Ihr hattet euch
schon alle in dem Saal versammelt, als ich, selbst wei ich nicht
wodurch, angetrieben wurde noch einsam einen Gang durch den Garten zu
machen. Unwillkrlich lenkten sich meine Schritte nach dem Wldchen.
Es war mir, als hre ich ein leises, hohles Pochen und eine leise
klagende Stimme. - Die Tne schienen aus dem Pavillon zu kommen - ich
trete nher, die Tr des Pavillons steht offen - ich erblicke - mich
selbst! - mich selbst! - aber so wie ich war vor dreiig Jahren, in
demselben Kleide, das ich trug an jenem verhngnisvollen Tage, als ich
in trostloser Verzweiflung mein elendes Leben enden wollte, als Julie
wie ein Engel des Lichts mir erschien im brutlichen Schmuck - es war
ihr Hochzeitstag - die Gestalt - ich - ich lag auf dem Boden vor dem
Herzen, und darauf klopfend, da es hohl widerhallte, murmelte ich:
>Nie - nie kannst du dich erweichen, du steinernes Herz!< - Regungslos
starrte ich hin, wie der eiskalte Tod rannte es durch meine Adern.
Da trat Julie brutlich geschmckt, in voller Pracht der blhendsten
Jugend, aus den Gebschen hervor, und streckte voll sen Verlangens
die Arme aus nach der Gestalt, nach mir - nach mir dem Jnglinge!
Bewutlos strzte ich zu Boden! Der Hofrat sank halb ohnmchtig
in den Lehnstuhl zurck, aber Rixendorf fate seine beiden Hnde,
rttelte sie, und rief mit starker Stimme: Das sahst du, das sahst
du, Bruder, weiter nichts? - Viktoria la ich schieen aus deinen
japanischen Kanonen! - mit deinem nahen Tode, mit der Erscheinung ist
es nichts, gar nichts! Ich rttle dich auf aus deinen bsen Trumen,
damit du genesen, und noch lange leben mgest auf Erden. - Damit
sprang Rixendorf schneller, als es sein Alter zuzulassen schien, zum
Zimmer heraus. Der Hofrat hatte wohl wenig von Rixendorfs Worten
vernommen, er sa da mit geschlossenen Augen. Exter ging mit groen
Schritten auf und ab, runzelte mimtig die Stirn und sprach: Ich
wette, der Mensch will wieder alles auf gewhnliche Manier erklren,
aber das soll ihm schwer werden, nicht wahr, Hofrtchen? wir verstehen
uns auf Erscheinungen! - Ich wollt nur, ich htte meinen Turban und
meinen Pelz! - Dies wnschend pfiff er sehr stark auf einer kleinen
silbernen Pfeife, die er bestndig bei sich trug, und sogleich brachte
auch ein Mohr aus seinem Gefolge beides, Turban und Pelz. Bald darauf
trat die Geheime Rtin Foerd hinein, ihr folgte der Geheime Rat mit
Julien. Der Hofrat raffte sich auf, und in den Versicherungen, da ihm
wieder ganz wohl geworden, wurde er es wirklich. Er bat, des ganzen
Vorfalls zu vergessen, und eben wollten alle bis auf Exter, der sich
in seiner trkischen Kleidung aufs Sofa gestreckt, und aus einer
bermig langen Pfeife, deren Kopf, auf Rder gestellt, am Boden
hin und her schurrte, Tabak schmauchte und Kaffee trank, in den Saal
zurckkehren, als die Tr aufging, und Rixendorf hastig hereintrat. An
der Hand hielt er einen jungen Menschen in alttatarischer Kleidung.
Es war Max, bei dessen Anblick der Hofrat erstarrte. Sieh hier dein
Ich, dein Traumbild, hub Rixendorf an, es ist mein Werk, da mein
trefflicher Max hier blieb und von deinem Kammerdiener aus deiner
Garderobe Kleider empfing, um gehrig kostmiert erscheinen zu knnen.
Er war es, der im Pavillon an dem Herzen kniete. - Ja, an deinem
steinernen Herzen, du harter unempfindlicher Oheim! kniete der Neffe,
den du unbarmherzig verstieest, einer trumerischen Einbildung
halber! Verging sich der Bruder schwer gegen den Bruder, so hat er es
lngst gebt mit dem Tode im tiefsten Elend - da steht die vaterlose
Waise, dein Neffe - Max, wie du geheien, dir hnlich an Leib und
Seele, wie der Sohn dem Vater - tapfer hielt sich der Knabe, der
Jngling auf den Wellen des brausenden Lebensstroms empor - da - nimm
ihn auf - erweiche dein hartes Herz! - reiche ihm die wohlttige Hand,
da er eine Sttze habe, wenn zu sehr der Sturm auf ihn einbricht. -
In demtiger gebeugter Stellung, heie Trnen in den Augen, hatte sich
der Jngling dem Hofrat genhert. Der stand da geisterbleich, mit
blitzenden Augen, den Kopf stolz in die Hhe geworfen, stumm und
starr, aber sowie der Jngling seine Hand erfassen wollte, wich er,
ihn mit beiden Hnden von sich abwehrend, zwei Schritte zurck, und
rief mit frchterlicher Stimme: Verruchter - willst du mich morden? -
Fort - aus meinen Augen, ja du spielst mit meinem Herzen, mit mir! -
Und auch du Rixendorf verschworen zum lppischen Puppenspiel, das ihr
mir auftischt? - fort - fort aus meinen Augen - _du_ - _du_, der du zu
meinem Untergange geboren - du Sohn des schndlichsten Ver... - Halt
ein, brach Max pltzlich los, indem Zorn und Verzweiflung glhende
Blitze aus seinen Augen schossen, halt ein, unnatrlicher Oheim
- herzloser, unnatrlicher Bruder. Schuld auf Schuld, Schande und
Schmach hast du auf meines armen unglcklichen Vaters Haupt gehuft,
der verderblichen Leichtsinn, aber nie Verbrechen in sich hegen
konnte! - Ich wahnsinniger Tor, da ich glaubte, jemals dein
steinernes Herz rhren, jemals, mit Liebe dich umfangene, meines
Vaters Vergehen shnen zu knnen! - Elend - verlassen von aller Welt,
aber an der Brust eines Sohnes hauchte mein Vater sein mhseliges
Leben aus - >Max! - sei brav! - shne den unvershnlichen Bruder
- werde sein Sohn<, das war das letzte, was er sprach. - Aber du
verwirfst mich, so wie du alles verwirfst, was sich dir naht mit Liebe
und Ergebung, whrend der Teufel selbst dich mit trgerischen Trumen
umgaukelt. - Nun, so stirb denn einsam und verlassen! - Mgen
habschtige Diener auf deinen Tod lauern und sich in die Beute teilen,
wenn du kaum die lebensmden Augen geschlossen - statt der Seufzer,
statt der trostlosen Klagen derer, die dir mit treuer Liebe bis in
den Tod anhngen wollten, magst du sterbend das Hohngelchter, die
frechen Scherze der Unwrdigen hren, die dich pflegten, weil du sie
bezahltest mit schndem Golde! - Niemals, niemals siehst du mich
wieder! -

Der Jngling wollte zur Tre hinausstrzen, da sank Julie laut
schluchzend nieder, schnell sprang Max zurck, fing sie in seinen
Armen auf, und heftig sie an seine Brust drckend, rief er mit dem
herzzerreienden Ton des trostlosesten Jammers: O Julie, Julie, alle
Hoffnung ist verloren! - Der Hofrat hatte dagestanden, zitternd
an allen Gliedern, sprachlos - kein Wort konnte sich entwinden den
bebenden Lippen, doch als er Julien in Maxens Armen sah, schrie er
laut auf, wie ein Wahnsinniger. Er ging mit starkem krftigen Schritt
auf sie los, er ri sie von Maxens Brust hinweg, hob sie hoch in die
Hhe und frug kaum vernehmbar: Liebst du diesen Max, Julie? - Wie
mein Leben, erwiderte Julie voll tiefen Schmerzes, wie mein Leben.
Der Dolch, den Sie in sein Herz stoen, trifft auch das meine! - Da
lie sie der Hofrat langsam herab, und setzte sie behutsam nieder in
einen Lehnstuhl. Dann blieb er stehen, die gefalteten Hnde an die
Stirn gedrckt. - Es war totenstill ringsumher. Kein Laut - keine
Bewegung der Anwesenden! - Dann sank der Hofrat auf beide Knie.
Lebensrte im Gesicht, helle Trnen in den Augen hob er das Haupt
empor, beide Arme hoch ausgestreckt zum Himmel, sprach er leise und
feierlich: Ewig wartende unerforschliche Macht dort oben, das war
dein Wille - mein verworrenes Leben nur der Keim, der im Scho der
Erde ruhend, den frischen Baum emportreibt mit herrlichen Blten und
Frchten? - O Julie, Julie! - o ich armer verblendeter Tor! - Der
Hofrat verhllte sein Gesicht, man vernahm sein Weinen. - So dauerte
es einige Sekunden, dann sprang der Hofrat pltzlich auf, strzte auf
Max, der wie betubt dastand, los, ri ihn an seine Brust, und schrie,
wie auer sich: Du liebst Julien, du bist mein Sohn - nein mehr als
das, du bist _ich_, _ich_ selbst - alles gehrt dir - du bist reich, sehr
reich - du hast ein Landgut - Huser, bares Geld - la mich bei dir
bleiben, du sollst mir das Gnadenbrot geben in meinen alten Tagen -
nicht wahr, du tust das? - Du liebst mich ja! - nicht wahr, du mut
mich ja lieben, du bist ja ich selbst - scheue dich nicht vor meinem
steinernen Herzen, drcke mich nur fest an deine Brust, deine
Lebenspulse erweichen es ja! - Max - Max mein Sohn - mein Freund, mein
Wohltter! - So ging es fort, da allen vor diesen Ausbrchen des
berreizten Gefhls bange wurde. Rixendorf, dem besonnenen Freunde,
gelang es endlich, den Hofrat zu beschwichtigen, der, ruhiger
geworden, nun erst ganz einsah, was er an dem herrlichen Jnglinge
gewonnen, und mit tiefer Rhrung gewahrte, wie auch die Geheime Rtin
Foerd in der Verbindung ihrer Julie mit Reutlingers Neffen das neue
Aufkeimen einer alten verlornen Zeit erblickte. Groes Wohlgefallen
uerte der Geheime Rat, der viel Tabak schnupfte und sich in
wohlgestelltem nationell ausgesprochenem Franzsisch darber
auslie. Zuvrderst sollten nun Juliens Schwestern von dem Ereignis
benachrichtigt werden, die waren aber nirgends aufzufinden. Nannettens
halber hatte man schon in allen groen japanischen Vasen, die in dem
Vestibule herumstanden, nachgesehen, ob sie, zu sehr sich ber den
Rand beugend, vielleicht hineingefallen, aber vergebens, endlich fand
man die Kleine unter einem Rosenbschchen eingeschlafen, wo man sie
nur nicht gleich bemerkt, und ebenso holte man Clementinen in einer
entfernteren Allee ein, wo sie dem entfliehenden blonden Jngling,
dem sie vergebens nachgesetzt, eben mit lauter Stimme nachrief. O
der Mensch sieht es oft spt ein, wie sehr er geliebt wurde, wie
vergelich und undankbar er war und wie gro das verkannte Herz! -
Beide Schwestern waren etwas mimtig ber die Heirat der jngern,
wiewohl viel schneren und reizenderen Schwester, und vorzglich
rmpfte die schmhschtige Nannette das kleine Stlpnschen; Rixendorf
nahm sie aber auf den Arm und meinte, sie knnte wohl einmal einen
viel vornehmeren Mann mit einem noch schneren Gute bekommen. Da
wurde sie vergngt und sang wieder: Amenez vos troupeaux bergres!
Clementine sprach aber sehr ernst und vornehm: In der huslichen
Glckseligkeit sind die windstillen, zwischen vier engen Wnden
vorgetriebnen bequemen Freuden nur der zuflligste Bestandteil: ihr
Nerven- und Lebensgeist sind die lodernden Naphthaquellen der Liebe,
die aus den verwandten Herzen ineinanderspringen. - Die Gesellschaft
im Saal, die schon Kunde bekommen von den wunderlichen aber frhlichen
Ereignissen, erwartete mit Ungeduld das Brautpaar, um mit den
gehrigen Glckwnschen losfahren zu knnen. Der Goldstoffne, der am
Fenster alles angehrt und angeschaut, bemerkte schlau: Nun wei ich,
warum der Ziegenbock dem armen Max so wichtig war. Htte er einmal im
Gefngnis gesteckt, so war durchaus an keine Ausshnung zu denken.
Alles applaudierte dieser Meinung, wozu Willibald die Losung gab.
Schon wollte man fort aus dem Nebenzimmer in den Saal, als der
trkische Gesandte, der so lange auf dem Sofa geblieben, nichts
gesprochen, sondern nur durch Hin- und Herrutschen und durch die
seltsamsten Grimassen seine Teilnahme zu erkennen gegeben hatte, wie
toll aufsprang und zwischen die Brautleute fuhr: Was was, rief er,
nun gleich heiraten, gleich heiraten? - Deine Geschicklichkeit,
deinen Flei in Ehren, Max! aber du bist ein Kiek-in-die-Welt, ohne
Erfahrung, ohne Lebensklugheit, ohne Bildung. Du setzest deine Fe
einwrts und bist grob in deinen Redensarten wie ich vorhin vernommen,
als du deinen Oheim den Hofrat Reutlinger Du nanntest. Fort in die
Welt! nach Konstantinopel! - da lernst du alles was du brauchst frs
Leben - dann kehre wieder und heirate getrost mein liebes holdes Kind,
das schne Julchen. Alle waren ganz erstaunt ber Exters seltsames
Begehren. Der nahm aber den Hofrat auf die Seite; beide stellten sich
gegenber, legten einander die Hnde auf die Achseln und wechselten
einige arabische Worte. Darauf kam Reutlinger zurck, nahm Maxens Hand
und sprach sehr mild und freundlich: Mein lieber guter Sohn, mein
teurer Max, tue mir den Gefallen und reise nach Konstantinopel, es
kann hchstens sechs Monate dauern, dann richte ich hier die Hochzeit
aus! - Aller Protestationen der Braut unerachtet mute Max fort nach
Konstantinopel.


Nun knnte ich, sehr geliebter Leser! wohl fglich meine Erzhlung
schlieen, denn du magst es dir vorstellen, da Max, nachdem er aus
Konstantinopel, wo er die Marmorstufe, wohin der Seehund Extern das
Kind apportiert, nebst vielem andern Merkwrdigen geschaut hatte,
zurckgekehrt war, wirklich Julien heiratete, und verlangst wohl nicht
noch zu wissen, wie die Braut geputzt war und wieviel Kinder das Paar
bis jetzt erzeugt hat. Hinzusetzen will ich nur noch, da am Tage
Mari Geburt des Jahres 18- Max und Julie einander gegenber im
Pavillon bei dem roten Herzen knieten. Hufige Trnen fielen auf den
kalten Stein, denn unter ihm lag das ach! nur zu oft blutende Herz des
wohlttigen Oheims. Nicht um des Lord Horions Grabmal nachzuahmen,
sondern weil er des armen Onkels ganze Lebens- und Leidensgeschichte
darin angedeutet fand, hatte Max mit eignet Hand die Worte in den
Stein gegraben:

        Es ruht!




*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, NACHTSTUECKE ***

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