The Project Gutenberg EBook of Angela Borgia, by Conrad Ferdinand Meyer

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Title: Angela Borgia

Author: Conrad Ferdinand Meyer

Release Date: September, 2004  [EBook #6421]
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[This file was first posted on December 8, 2002]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, ANGELA BORGIA ***




This etext was produced by Michalina Makowska and Michael Pullen








Angela Borgia

Conrad Ferdinand Meyer



Erstes Kapitel


Als die Angetraute des Erben von Ferrara, welche die Tochter des
Papstes und Donna Lukrezia genannt war, von ihrem Gatten, Don Alfonso
von Este, im Triumph nach ihrer neuen Residenz geholt wurde, ritt sie,
whrend er den glnzenden Zug anfhrte, in der Mitte desselben auf
einem schneeweien Zelter unter einem purpurnen Thronhimmel, den ihr
die Professoren der Universitt zu Hupten hielten.

Die wrdigen Mnner schritten feierlich je vier an einer Seite des
Baldachins, neben welchen andere acht gingen, um sie an den
vergoldeten Stangen abzulsen und ihrerseits des Dienstes und der
Ehre teilhaftig zu werden.  Hin und wieder erhob der eine und der
andere den sinnenden Blick auf die zartgefrbte, lichte Erscheinung
im wehenden Goldhaar.  Der Professor der Naturgeschichte erforschte
und bedachte die seltene Farbe ihrer hellen Augen und fand sie
unbestimmbar, whrend der Professor der Moralwissenschaften, ein
Greis mit unbestechlichen Falten, sich ernstlich fragte, ob auf dem
unheimlichen, mit Schlangen gefllten Hintergrunde einer solchen
Vergangenheit ein so frohes und sorgenloses Geschpf eine menschliche
Mglichkeit wre, oder ob Donna Lukrezia nicht eher ein unbekannten
Gesetzen gehorchendes, dmonisches Zwitterding sei.  Der dritte, ein
Mathematiker und Astrolog, hielt die Frstin fr ein natrliches Weib,
das nur, durch malose Verhltnisse und den Einflu seltsamer
Konstellationen aus der Bahn getrieben, unter vernderten Sternen und
in neuer Umgebung den Lauf gewhnlicher Weiblichkeit einhalten werde.

Der vierte, ein Jngling mit krausem Haar und khnen Zgen, verzehrte
die ganze schwebende Gestalt vom Nacken bis zur Ferse mit der Flamme
seines Blickes.  Das war Herkules Strozzi, Professor der Rechte, und
trotz seiner Jugend zugleich der oberste Richter in Ferrara.  Wre es
nicht seine Frstin gewesen, er htte sie als florentinischer
Republikaner vor sein Tribunal geschleppt, aber gerade dieser
strahlende rechtlose Triumph ber Gesetz und Sitte nach so
schmhlichen Taten und Leiden ri ihn zu bewunderndem Erstaunen hin.

Unangefochten von diesem Gedankengefolge, aber es leicht erratend,
klar und klug, wie sie war, verbreitete die junge Triumphatorin Licht
und Glck ber den Festzug mit ihrem Lcheln.  Doch auch sie hing
unter ihrer lieblichen Maske ernsten Betrachtungen nach, denn sie
erwog die Entscheidung dieser sie nach Ferrara fhrenden Stunde,
welche die Brcke zwischen ihr und ihrer grlichen Vergangenheit
zerstrte.  Diese wrde noch hinter ihr drohen und die Furienhaare
schtteln, aber durfte nicht nach ihr greifen, wenn sie selbst sich
nicht schaudernd umwandte und zurcksah, und solche Kraft traute sie
sich zu.

Eine zarte Pflanze, aufwachsend in einem Treibhause der Snde, eine
feine Gestalt in den schamlosen Slen des Vatikans, den ersten Gatten
durch Meineid abschttelnd, einen anderen von ihrer Brust weg in das
Schwert des furchtbaren und geliebteren Bruders treibend, hatte
Lukrezia Mhe gehabt, in den Kreuzgngen der Klster, wohin sie sich
mitunter nach der Sitte zu mechanischer Bue zurckzog, die
einfachsten sittlichen Begriffe wie die Laute einer fremden Sprache
sich anzulernen; denn sie waren, ihrer Seele fremd.  Hchstens
geschah es, da ihr einmal ein Bue predigender Mnch, den dann der
Heilige Vater zur Strafe in den Tiber werfen lie, eine pltzliche
Rte in die Wangen oder einen Schauder ins Gebein jagte.  Mit der von
ihrem unglaublichen Vater ererbten Verjngungsgabe erhob sie sich
jeden Morgen als eine Neue vom Lager, wie nach einem Bade vlligen
Vergessens.  Dergestalt verwand sie ohne Mhe, was eine gerechte
Seele mit den schwersten Buen zu shnen fr unmglich erachtet, was
sie zur Selbstvernichtung getrieben htte.  Und wenn sie nach einer
unerhrten Tat verfolgende Stimmen und Tritte der Geisterwelt hinter
sich vernahm, so verschlo sie die Ohren und gewann den Geistern den
Vorsprung ab auf ihren jungen Fen.

Nur ihr Verstand, und der war gro, berzeugte sie durch die
Vergleichung der rmischen Dinge mit den Begriffen der ganzen brigen,
der lebenden und der vergangenen Welt, oder durch ein irgendwo
gehrtes mnnliches Urteil, oder durch das von ihr wahrgenommene
Erschrecken eines Unschuldigen bei ihrem Anblick--ihr Verstand
allein berfhrte sie nach und nach von der nicht empfundenen
Verdammnis ihres Daseins, aber allmhlich so grndlich und
unwidersprechlich, da sie mit, Sehnsucht, und jeden Tag sehnlicher,
ein neues zu beginnen und Rom wie einen bsen Traum hinter sich zu
lassen verlangte.

Ihr Begehren, dessen Heftigkeit sie verbarg, erfllte ihr dritter
Gemahl, der Erbe von Ferrara..  Beim Anblick dieser ruhigen,
geschlossenen Miene hatte sie sich gesagt: Jetzt ist es erreicht.
Mit diesem bin ich gerettet.  Sicherlich kennt er meine Vergangenheit
und tuscht sich darber, so reizend ich bin, keinen Augenblick.  Es
kostet ihn berwindung, mit mir den Ring zu wechseln bei dem Geschrei,
in dem ich stehe, und bei seiner brgerlichen Ehrsamkeit; wenn er
sich nun aber entschlossen hat, mich zum Weibe zu nehmen zur
Wohlfahrt seines Staates und um mit vollen Hnden aus dem Schatze des
heiligen Petrus zu schpfen--aus welchem Grunde es sei, so wird der
Mann, wie er ist, einen mutigen Strich durch meine Vergangenheit
ziehen und mir dieselbe niemals vorhalten, fall' ich nicht in neue
Schuld... davor aber werde ich mich wahren.  Und er wird meine Gaben
kennenlernen, meine Regentenkunst bewundern--Donna Lukrezia hatte
schon Frstentmer und whrend der Abwesenheit des Vaters selbst die
apostolische Kirche verwaltet--, meine unverwirrbare Geistesgegenwart,
meine Billigkeit, meine Leutseligkeit... Niemals werde ich ihm den
Schatten eines Anlasses geben, Treue oder Gehorsam seines Weibes zu
beargwhnen... wenn nicht, auer wenn--eine Furche senkte sich
zwischen die frhlichen Brauen, und sie schauderte--auer wenn der
Vater befiehlt; aber der sitzt in Rom--oder der Bruder ruft; aber
der liegt in seinem spanischen Kerker.

Sie lchelte das Volk an, um die Schmach ihrer Abhngigkeit tief zu
verstecken, kraft deren sie mit Vater und Bruder zu einer hllischen
Figur verbunden war.  Dann nahm sie ihre ganze Kraft zusammen, und
mit einem krftigen Ruck entschlug sie sich der Sache.

In diesem Augenblicke hielt der Zug vor einem Kastell, von dessen
ausdrucksvoller Mauerkrone ein Seiltnzer herabschwebte.  Sie sah das
Kunststck an und sagte sich: "Du gleitest und strzest nicht, und
ich ebensowenig."

Es war ein Amor, der unten vom Seile sprang, vor ihr das Knie bog und
ihr einen Myrtenkranz bot mit den huldigenden Worten: "Der keuschen
Lukrezia!" Unter dem Jubel der Menge krnte sie sich und ergab sich
ganz der Lust des Augenblickes.

Jetzt fuhren Blitze aus der Brstung des runden Turmes, der sich
donnernd in Rauch hllte.  Don Alfonso war ein leidenschaftlicher
Liebhaber von Geschtz--ganz Kanone--und konnte sich zur Zeit und
zur Unzeit des Pulverknalls nicht ersttigen.  Dem Zelter Donna
Lukrezias dagegen zerri der gewaltsame Ton das feine Ohr.  Er stieg,
und die Frstin glitt sanft aus dem Sattel in die Arme der
Professoren, whrend dicht hinter ihr ein herrliches Mdchen mit
krausem Haar und leuchtenden Augen ihren erschreckten Rappen ohne
Zagen bndigte und beruhigte.

Neben ihr klemmte ein hagerer Kavalier mit eisernen Schenkeln die
Seiten seines Pferdes.  Diese hhnische Larve gehrte Don Ferrante,
der bei der Vermhlung in Rom Don Alfonso, seinen Bruder, vertreten
hatte, und den die Ferraresen kurzweg den Menschenfeind hieen.  Er
hatte es sich zur Aufgabe gemacht, seiner heutigen Reisegefhrtin
Ferrara und das Frstenhaus, dem er selbst angehrte, auf seine Weise
zu beleuchten und auf jede zu verleiden.

Die sichere Reiterin aber war Angela Borgia, eine nahe Verwandte der
Frstin und ihr Frulein, das sie nach Ferrara begleitete und hinter
der Berckenden bescheiden die Bhne der Welt betrat.

Und dieses Theater entfaltete sich heute in ungewhnlicher Pracht:
strahlender Himmel, glnzende Trachten, ffentlicher Jubel, der
festliche Verkehr der Begnstigten und Glcklichen dieser Erde,
berauschende Musik, stolzierende Rosse, reizende Frauen, verliebte
Jnglinge, schmeichelnde Huldigungen, klopfende Pulse, die Welt, wie
sie sich schmckt und lchelnd im Spiegel besieht, alle diese Lust
und Flle lag vor ihr ausgebreitet und wurde ihr vergllt durch den
spottenden Teufel an ihrer Seite.

"Seht, junge Herrin", so hhnte er jetzt, "wie anmutig Donna Lukrezia
fllt und wie sie von den Tugenden und Wissenschaften", er wies auf
die Professoren, "feierlich wieder zu Rosse gehoben wird.  Ich halte
es mit dem Gaukler und preise ihre Keuschheit.  Nur stand sie in der
Familie vereinzelt und litt unter dem Zwange des Vaters und Bruders.
Darum ergriff sie die Hand Don Alfonsos, um hier", er zeigte die
nahen Trme und Kuppeln Ferraras, "einen passenderen Umgang zu finden;
aber Donna Lukrezia irrt.  Ohne uns mit Seiner Heiligkeit oder dem
erlauchten Don Cesare messen zu wollen, sind wir Shne des Herzogs
und er selbst doch in unserer Art ein ruchloses Geschlecht, natrlich
jeder von uns nach seinen Krften und nach seinem Mae, soweit es fr
Laien tunlich ist.

Ihr erstaunt, da ich hier im Zuge des Herzogs so ungebunden rede!
Aber seht, Frulein, es ist meine Charaktermaske, ffentlich zu
schmhen und zu lstern, die mir der Herzog, mein Vater, erlaubt und
zugesteht, insofern ich mich enthalte, mich insgeheim gegen ihn zu
verschwren, eine Untugend, die von alters her im Blute der Familie
versteckt ist.

Und wisset, tapferes Mdchen, damit habet Ihr mich gleich fr Euch
gewonnen, da Ihr nicht fade seid, sondern, wie ich, der Wahrheit
Zeugnis gebt, ohne Menschenfurcht--wenn es sein mu, auf offenem
Markte.  Die anderen, die da hinter uns", er wies verchtlich auf die
folgenden Paare des Hofstaates, "was sind sie?  Geputztes Gesindel,
Schelme und Dirnen!  Heuchler und Bbinnen!  Nicht wert, da sie die
Sonne bescheint--mit Ausnahme selbstverstndlich der hundert
Maultiere, die den Brautschatz Donna Lukrezias tragen.  Das sind
redliche und verdiente Geschpfe.  Aber Mhe hat es uns gekostet,
mich und den Bruder Kardinal, diesen Brautschatz dem Heiligen Vater
und der Kirche unter den Krallen hervorzuziehen!  Doch ich sagte:
Entweder--oder! wie mich der Herzog, mein Vater, beauftragt hatte.
Leichter gelang es uns, die Heiligkeit mit dem von unserem Vater
Herkules der Braut zugestandenen Wittum hinter das Licht zu fhren."
Don Ferrante kicherte.  "Wir schwatzten nmlich dem Heiligen Vater
unsere berhmten flavianischen Gter auf, die zwar von unserem
ferraresischen Fiskus verwaltet, aber ihm von dem Grafen Contrario
gerichtlich bestritten werden.  Ihr wit, von dem liebenswrdigen
Grafen Contrario, dem zhesten Widersprecher und Rechthaber in ganz
Italien!  Und das war es eigentlich, was den Herzog Herkules, unsern
sparsamen Vater, an dieser Heirat am meisten erfreut hat.  So wurde
alles nach Gerechtigkeit geordnet!  Und mit welcher Wollust schrieb
ich nach der Vermhlung die Depesche fr den harrenden Kurier:
Mitgift zugestanden.  Heiligkeit berlistet.  Donna Lukrezia getraut
und gar nicht unheimlich.  Das wollte sagen: diesmal trgt sie kein
weies Plverchen in der Tasche.  Und wirklich, ich glaube, Bruder
Alfonso darf heute abend ohne Gefhrde sein Haupt mit diesem
Goldhaar", er wies mit dem Spitzbart unter den Thronhimmel, "auf
dasselbe Kissen legen."

Diese Anspielung auf die Giftmischereien der Borgia prete dem
Mdchen eine Trne aus, die sie zornig von der langen Wimper
schttelte.  "Eure Zunge meuchelt, Don Ferrante!" sagte sie.

Angela Borgia stammte aus einer Seitenlinie des berhmten spanischen
Geschlechtes und wurde, nachdem sie, wie viele Kinder ihrer Zeit,
frhe auf tragische Weise beide Eltern verloren hatte, mit anderm
weiblichen Edelblut in einem Kloster des Kirchenstaates eher
aufgenhrt als erzogen.  Als beschtzte Verwandte des Papstes
erfreute sie sich der Bevorzugung der Nonnen und der Fhrerschaft
unter den Gespielinnen.

Es bestand damals eine seltsame, von den grellsten Widersprchen
gepeitschte Welt, die selbst einem italienischen Mdchen, das sonst
alles, was Wirklichkeit besitzt, unbefangen angreift und durchlebt,
ernstlich bange machen und Kopf und Herz verwirren konnte.  Der
jungen Angela wurde in Bild und Predigt eine sittliche Schnheit und
Vollkommenheit vorgehalten, deren irdischer Vertreter, der Greis, auf
welchem, wie der gleichzeitige Sultan sich ausdrckt, das Christentum
beruhte, milde gesagt, ein entsetzlicher Taugenichts war, ber dessen
Ruchlosigkeiten die Schwestern weinten und die Schlimmsten ihrer
Gespielinnen insgeheim sich lustig machten.

Angela aber erschrak und brachte es nicht ber sich, das Leben als
einen Widerspruch zu verspotten.

Sie begann nun, sich schwere Buen und Geielungen aufzuerlegen
zugunsten ihres Verwandten, des Heiligen Vaters, und ihrer Base
Lukrezia, von welcher im Kloster gleichfalls mit geheimen
Seitenblicken des Abscheues geredet wurde.  Von diesen Peinigungen
brachten sie die verstndigen Schwestern indessen bald zurck, indem
sie ihr vorhielten, alle ihre Anstrengungen wren einem solchen Unma
der Snde gegenber gnzlich unzureichend und vergeblich.

Dafr entwickelte sich in Angela gegen die herrschende
Nichtswrdigkeit ein Bedrfnis verzweifelter Gegenwehr und, mit einem
zarten Flaum auf den Wangen und dem Feuer ihrer Augen, eine gewisse
ritterliche Tapferkeit, nicht nach dem duldenden Vorbilde ihrer
weiblichen Heiligen, sondern mehr nach dem khnen Beispiel der
geharnischten Jungfrauen, die in der damaligen Dichtung
umherschweiften, jener untadeligen Prinzessinnen, die sich der
Schwchen ihres Geschlechtes schmten und welche zu handeln und sich
zu verteidigen wuten, ohne dabei die Grazien zu beleidigen.

So erwuchs Angela kraft einer edeln Natur zu einem widerstandsfhigen
und selbstbewuten Mdchen, zu dem, was das Jahrhundert in lobendem
Sinne eine Virago nannte.

Nun begab es sich an einem Sommertage, da aus dem Dunkel des
Eichwaldes, der den Fu des das Kloster tragenden apenninischen
Felsens umnachtete, auf weiem Zelter eine helle Waldfee mit ihren
Gespielen, oder vielleicht Gttin Diana mit ihrem Jagdgefolge, oder
gar die erlauchte Donna Lukrezia mit ihren Frauen emporstieg und an
die Pforte klopfte.

Wirklich, es war diese.  Sie wurde von der btissin empfangen, der
sie die Hand kte und von welcher sie gesegnet wurde.  Dann lie sie
sich die Nonnen und die Klosterzglinge vorstellen und richtete an
jede holdselig das ihr nach Rang und Stand gebhrende Wort mit einer
wohllautenden Stimme, die noch lange nachklang, nachdem sie
gesprochen hatte.  Zuletzt nahm sie Angela beiseite, und, Hand in
Hand mit ihr durch einen Lorbeergang des Gartens auf und nieder
wandelnd, sagte sie ihr frhlich, da sie die Verlobte des Thronerben
von Este sei, und da sie Angela als ihre Verwandte und ihr
Hoffrulein nach Ferrara mitnehmen werde.  "Base", lchelte sie, "ich
will dein Glck machen.  Du gefllst mir, und ich behalte dich, bis
ich dich vermhle."


Ebenso vetterlich wohlwollend begrte sie im Vatikan, den sie mit
geheimem Grauen betrat, Lukrezias furchtbarer Bruder, ein Jngling
von vornehmer Erscheinung und grnschillerndem Blick.  Unbefangen mit
der Base tndelnd, sagte er: "Ich werde euch beide nicht nach Ferrara
begleiten, die Geschfte verbieten es; doch mchte ich euch Don
Giulio empfehlen, den ihr dort finden werdet, einen jngern Bruder
Don Alfonsos.  Er ist ein bescheidener, aber hochbegabter Jngling,
nur da er den Sinnen noch zu viel einrumt.  Er wre es aber wert,
und ich mchte es ihm gnnen, da er sich durch eine edle Frau
fesseln liee."

Und jetzt ritt Angela hinter Madonna Lukrezia, und wiederholte
Kanonenschlge verkndigten die Nhe des Tores.

Don Ferrante mute sich beeilen, wenn er noch vor dem Betreten der
Stadt die Brder in der Meinung seiner jungen Begleiterin vllig
entwurzeln wollte; er ging aber rstig ans Werk.

"Mich wundert", sagte er, "wie Donna Lukrezia, der die ffentliche
Stimme oder doch die Einbildungskraft der Mnner etwas
Auerordentliches und Geflgeltes verleiht, mit meinem Bruder, ihrem
knftigen Eheherrn, dem gewhnlichsten aller Sterblichen, der von
frh bis spt an Essen und Ofen Geschtz giet, wird haushalten
knnen!  Venus neben dem ruigen Vulkan.  Doch es mag gehen, so gut
es dort ging.  Sie wird seine herrlichen Fayencemalereien bewundern
und ihn damit glcklich machen.  Aber sie hte sich", fuhr er fort,
und seine hhnende Stimme wurde drohend, "sie hte sich!  Don Alfonso
ist der Rachschtigste unter uns, nur da er seine Stunde abwartet
und seine Rache das Recht heit.  Doch nein, ich tue dem Bruder
Kardinal unrecht.  Seine Rache ist die grausamste, da er der grere
Geist ist und als der uns allen Unentbehrliche keinen Prtor zu
frchten hat.  Er ist der Diplomat unseres Hauses; die Fden unserer
Politik laufen alle durch seine gelenken Finger, und er kennt unsere
schlimmsten Geheimnisse.  Frchtet diesen Geier, junges Mdchen!"

Ebendieser Kardinal Ippolito, der Staatsmann, die hagere Gestalt im
Purpur, die gleichfalls zur Freite nach Rom gekommen und jetzt noch
dort war, um mit dem Papste die bergabe der Lndermitgift zu regeln,
hatte sich viel und herablassend mit Angela beschftigt, sie
ermutigend, Ferrara mit ihrer Gegenwart zu verschnern.

Eine bange Angst bemchtigte sich Angelas.  Sonne, Staub und Lrm,
die vergiftenden Reden Don Ferrantes, das vor ihr aufsteigende hagere
Bild des Kardinals!  Ein Gefhl der Verlorenheit und Hilflosigkeit
brachte das krftige Mdchen einer Ohnmacht nahe--es entfuhr ihr ein
leiser Schrei.

Da wandte sich die vor ihr schwebende Donna Lukrezia rasch nach ihr
um, ein bleicher Blitz scho aus ihren blulichen Augen, und sie rief:
"Womit ngstigt er dich, Angela?  Wisset, Don Ferrante, und prget
Euch ein: wer Angela zu nahe tritt, der tritt mir zu nahe.  Und
Lukrezia Borgia wollet Ihr nicht zur Gegnerin haben!"

Das wollte Don Ferrante von ferne nicht.  Er lchelte liebenswrdig.
"Keine Rede davon, erlauchte Frau!  Ich tue mein mgliches, Donna
Angela angenehm zu unterhalten und unserm Hause ihre Gunst zu
erwerben."

"Was beschreib' ich Euch noch Schnes, junge Herrin?" fuhr er fort,
nachdem sich die Frstin wieder abgewendet hatte.  "Die
unvergleichlichen und verbrecherischen Augen meines Bruders Don
Giulio!  Ihr kennet ihn?" fragte er, da er eine Bewegung auf ihrem
Gesichte sah.  "Wohl nur seinem Rufe nach!  Denn der ist gro.
\XDCber ein kurzes aber wird er persnlich vor Euch stehen, wenn Ihr
seinen Kerker ffnet, Donna Lukrezia und Ihr."

"Seinen Kerker ffnen?" fragte sie erstaunt.

"Gewi!  Und den aller Missetter", erklrte ihr Don Ferrante lustig.
"Donna Lukrezia wird durch ihr Erscheinen die Verbrecher unschuldig
machen.  Solches ist in Ferrara Herkommen bei jeder frstlichen
Vermhlung und durchaus keine Allegorie.  Es sind wirkliche
Verbrecher, und sie werden auch tatschlich freigelassen, so da wir
whrend der Feste wohl daran tun werden, unsern Schmuck festzuhalten
und nachts nicht ohne Fackeln und Bewaffnete auszugehen."

"Was hat denn Don Giulio verbrochen?" fragte sie.

"Oh, nichts!  Er hat mit seinen Augen ein Weib bezaubert und ihrem
Manne den Degen durch die Brust gerannt."

"Schmachvoll!"

"Er ist ein ungezogener Knabe!  In den Weingarten des Lebens
eingebrochen, reit er, statt sich ordentlich eine Traube zu pflcken,
deren, so viele er mit beiden Hnden erreichen kann, vom Gelnder,
zerquetscht vor Gier die sen Beeren und besudelt sich mit dem roten
Safte Brust und Antlitz."

Und mit diesem frevlen Jngling hatte sie Don Cesares Gedanke
zusammengestellt!

Wieder donnerten die Stcke.  Beim Schalle der Zimbeln und Pauken
ging es durch das Tor.  Die Professoren beschleunigten den Schritt,
und bald langte Lukrezias Triumphzug vor dem Schlosse an, unter
dessen schwerem Bau die Kerker lagen.

Der herantretende alte Herzog hob die Frstin vom Pferde und schritt
mit den Neuvermhlten und Angela die Stufen hinunter nach der tiefen
Pforte.  Dort stand der Kerkermeister und berreichte Donna Lukrezia
auf einem Sammetkissen einen gewaltigen verrosteten Schlssel.  Sie
ergriff ihn, und die Tr, kaum von ihm berhrt, drehte sich in den
Angeln und sprang wie durch Zauber weit auf.  Jetzt brach die Schar
der Gefangenen hervor, Lukrezia zu Fen strzend und ihr die Hnde
kssend.  Alle hatten sie sich zuvor gereinigt, und ihre
leidenschaftliche Dankgebrde ermangelte nicht des Anstandes.  Doch
gab es unter ihnen erbarmungswrdige Jammergestalten und
abschreckende Verbrechermienen.

Zuletzt, nachdem der Kerker sich seines ekeln Inhalts entleert hatte,
stieg noch ein Jngling von edelster Bildung mit gekreuzten Armen die
dunkeln Stufen empor.  Ans Tageslicht tretend, erhob er die Hnde,
als ob er die Sonne begre; dann beschirmte er mit ihnen die Augen,
als blende ihn der scharfe Strahl oder die Schnheit der oben
stehenden beiden Frauen.  Ein Knie vor Donna Lukrezia beugend,
bedankte er sich bei ihr mit den Worten: "Erlauchte Frau und
Schwgerin, ich begre in Euch die Barmherzigkeit, die jedes
weibliche Herz bewohnt, und die frstliche Gnade, vor welcher die
Fesseln fallen."

Mit diesen und noch schneren Reden huldigte er der neuvermhlten
Frstin, dann richteten sich seine Augen, die wirklich in ihrer
tiefen Blue unter dem edeln Zuge der dunkeln Brauen von seltenem
Zauber waren, auf die jngere Borgia, und er erstaunte aufrichtig
ber die strenge Haltung des kaum erwachsenen Mdchens.

"Doch, rettende Frstin", fuhr er fort, "wen bringt Ihr in Euerm
Gefolge?  Ist es die Gttin der Gerechtigkeit, besnftigt durch die
Gttin der Huld?"

Angela war schon von der Reise und durch die Bosheiten Don Ferrantes
aufgeregt; jetzt emprte sie das Gaukelspiel der Begnadigung des
Snders durch die Snderin und der Flitter der Phrase.  Wie sie nun
gar in den Born dieser wunderbaren Augen blickte, wurde sie von Zorn
und Jammer aufs tiefste erschttert.  Ihre innerste, starke Natur
berwltigte sie, und jede Verschleierung abwerfend, trat ihr Wesen
unverhllt hervor.  Ihre redlichen Augen richteten sich auf die
seinigen, und es bewegte sich etwas Undeutliches auf ihren
ausdrucksvollen Lippen.

"Was meint die Herrin?" fragte Don Giulio.

Da brach es hervor.  Angela sprach deutlich vor den hundert und
hundert Zeugen, und ihre Stimme klang ber den Platz: "Schade,
jammerschade um Euch, Don Giulio!  Frchtet Gottes Gericht!"--Ein
groes Schweigen entstand.

Und noch einmal erscholl die Stimme des Mdchens ber Don Giulio:

"Schade um Euch!"  Seltsam!  Die Ferraresen teilten vollstndig
Angelas Gefhl und Urteil ber das verwerfliche und gefhrliche
Treiben des Frstensohnes, das Bedauern seiner Entwertung und ihr
Leid um ihn, den sie liebten um seiner Schnheit und Anmut willen.

Rings erhob sich ein Gemurmel und Echo: "Schade!  Sie hat recht!  Es
ist wahr!  Schade um ihn!"

Donna Lukrezia aber ergriff die Hand Angelas, wie die ltere
Schwester die einer jngeren, welche sich etwas Unziemliches hat
zuschulden kommen lassen.

"Wie kannst du dich so vergessen?" sagte sie und fhrte die Bewegte
hinweg, die vor Scham und Aufregung in ein krampfhaftes Schluchzen
ausbrach, worber auch der bisher gelassen gebliebene Don Giulio die
Haltung verlor.



Zweites Kapitel


Da, wo der weite Park von Belriguardo in die ferraresische Ebene ohne
Grenzmauer verluft, saen auf einer letzten verlorenen Bank im
Schatten einer immergrnen Eiche zwei, die, aus Haltung und Miene zu
schlieen, voneinander Abschied nahmen.

Bald legte der junge, in die schwarze Tracht von Venedig gekleidete
Mann die Hand beteuernd auf das Herz, bald betrachtete er die still
in sich versunkene Gestalt Lukrezias, wie um sie sich auf ewig
einzuprgen.

"So gehet Ihr denn, Bembo", sagte sie, "und ich halte Euch nicht, da
Ihr damit erfllet, um was ich Euch bat, ohne es auszusprechen.  Ihr
geht, und wie lange wird es dauern, bis Ihr mich vergesset!"

"Donna Lukrezia", erwiderte der Venezianer bewegt, "wie lange ich
Euer gedenken und Euch lieben werde, wahrlich, das ist mir verborgen,
denn ich kenne nicht meine Todesstunde."

Er sagte es mit so trauriger Zrtlichkeit in der Stimme, da die
Herzogin gerhrt erwiderte: "Um mein Andenken in Euch zu erhalten,
sollt Ihr etwas von mir mit Euch nehmen, mein Freund", und sie winkte
eine schlanke, dunkle Mdchengestalt heran, die am Waldsaum auf und
nieder schritt, wohl um die Herrin vor sich selber zu hten, oder um
das Nahen eines unwillkommenen Zeugen zu verraten.

"Setze dich neben mich, Angela", sagte sie, "und schneide mir eine
Locke vom Haupt!" Sie ffnete ihr Gurttschchen, zog daraus ein
kleines, scharfes Messer mit goldenem Griff hervor und bot es Angela,
die, den Befehl ausfhrend, ihr vom berflusse eine flutende Locke
raubte.

Die Frstin suchte nach einer Hlle, um den Ringel hineinzulegen,
fand aber nichts als in derselben Gurttasche eine in Gold und
gepretes Leder gebundene Ausgabe der sieben Bupsalmen, ein
beliebtes Handbchlein der damaligen Hofwelt.  Unbefangen legte sie
ihre Locke hinein und reichte Bembo das Liebespfand.  Dieser drckte
es an die Brust, dann an den Mund und dankte fr den sen Kern in
der herben Schale mit einer seelenvollen Miene, durch welche sich ein
ganz leises, ironisches Lcheln schlich.

"Schreibt mir", sagte sie dann, "durch sichere Gelegenheit, jedesmal,
wenn Ihr ahnet, da mir Gefahr droht und ich Eures Rates bedarf.
Bleibet um mich, auch in der Ferne!  Ich wei, Ihr verlasset mich
nicht, nachdem Ihr mir geholfen habt, den Bau meines neuen Glckes in
Ferrara aufzurichten."

"Es war eine Freude", erwiderte Bembo, "Eure klugen Hnde bauen zu
sehen.  Euer Werk ist untadelig und schwer zu erschttern.  Ich frage
mich noch mit schmerzlichem Zweifel: Fordert Eure Sicherheit von mir
das Opfer, da ich Ferrara meide und mich Eurer Gegenwart beraube,
die wie eine goldige Luft das ganze Dasein erhellt und verklrt?"

"Das habe ich vom Vater", sagte sie harmlos.

Der feine Venezianer zog die Brauen zusammen.

"Die Bande Eures Blutes und der Dmon Eures Hauses sind Eure Gefahr",
seufzte er.  "Und darum verlasse ich Euch ungern.  Dennoch ist es
besser, ich gehe.  Eure Sicherheit, Madonna, ruht auf dem Vertrauen,
das Don Alfonso Euch schenkt.  Unsere geistige Liebe wrde er kaum
beargwhnen, sachlich, wie er ist; und doch ist es besser... wer
liebt, der opfert sich."

"Es ist besser", besttigte sie leise.

"Erlaubt mir nun zum Abschied, geliebte Frau, ein freies und
schtzendes Wort!" bat er.  "Die Verhltnisse liegen vor Euch im
Licht Eures scharfen Verstandes, aber dieser helle Tag reicht nur bis
an den Schattenkreis, wo Eure Liebe zu Vater und Bruder beginnt."

Hier entfrbte sich Lukrezia, und ihr bleiches Auge erstarrte zu
einem Medusenblick.

"Zrnet nicht, Madonna", rief Bembo.  "Wei ich doch, wie Ihr als
unschuldiges Kind in diese schwere Verstrickung gerietet!  Reden mu
ich zu Euerm Heil.  Erinnert Euch: Jahre waren vergangen seit Euerm
Einzug, Euer Gemahl war regierender Herzog geworden, Ihr hattet
Wurzeln geschlagen in Ferrara und die Liebe des Volkes gewonnen; da
starb Euch der Vater.  Ihr aber ergabet Euch maloser Trauer und
unendlichen Trnen, bis ich kam und Euch ins Ohr flsterte: Ihr
beleidigt mit Euern Trnenergssen Don Alfonso und vergesset die
unleidlichen Dinge, denen er Euch entri."

Lukrezia hrte ihm aufmerksam zu, und ihr Verstand mute ihm gegen
ihr leidenschaftliches Gefhl recht geben.

"Wenn dergestalt Euer Urteil ber den weiland Heiligen Vater ein
verblendetes ist, so entsteht jetzt, da er dahingefahren, fr Euch
daraus kein Unheil mehr.  Ein anderes aber ist es mit Csar, Euerm
furchtbaren Bruder: er lebt und besitzt noch seine Drachenkraft.  Er
ist ein Jngling und wird sicherlich heute oder morgen seine Fesseln
durchfeilt haben und wieder aus dem Orkus steigen, um ganz Italien zu
verwirren.  Diese schwarze Klippe bedroht Euere Barke; mge sie nicht
daran scheitern!  Das Wiederkommen Csars ist Eure Schicksalsstunde.
Und Ihr werdet--" er besann sich, ob er ihr die bittere Arznei
erspare, fuhr aber mit entschlossener Liebe fort: "wehe Euch, Ihr
werdet folgen, wenn Euch Don Csar ruft.  Ihr werdet dem Teufel
gehorchen, wie sie erzhlen, da Euer Vater auf dem Sterbebette sagte:
'Du rufst, ich komme'."

Lukrezia bekreuzigte sich.

"Teure Herrin!" Bembo machte eine Bewegung, ihr zu Fen zu fallen,
hielt sich aber zurck, da die wandelnde Angela sich gerade nach
ihnen umwandte.

"Ich beschwre dich, Lukrezia", flsterte er, sich zu ihr beugend,
"sobald diese gefhrlichen Stunden kommen und du fhlst, da du die
Herrschaft ber dich verlierst, so wirf dich vor dem Herzog nieder
und bekenne, da du sein Verbot bertreten willst, denn sicherlich
wird er seinen Untertanen bei Todesstrafe verbieten, mit Csar zu
zetteln, dessen Erscheinung Italien wie ein Erdbeben erschttern
wrde... Doch ich beschwre Euch vergeblich, Madonna!  Denn ich wei,
Ihr werdet die Zgel verlieren, Ihr werdet des Herzogs Verbot unter
die Fe treten."

"Werde ich?" fragte Lukrezia, wie abwesend.  Doch erschien ihr
glaublich, da sie es tun werde, denn sie kannte ihre Bande.

"Herrin", schluchzte der Venezianer, "wann immer ich erfahre, Csar
sei aus dem Kerker gebrochen, ich eile auf Windesflgeln nach Ferrara
und umklammere Euch, da Ihr ihm nicht in die Arme strzet--doch
kme ich zu spt, so gedenket meines Rates, sobald Ihr Euch wieder
besitzt und besinnet.  Schtzet und berget Euch vor der Strafe des
Herzogs an seinem Herzen.  Und habt Ihr menschliche Werkzeuge
angewandt, um Euch mit dem Bruder zu verbinden, opfert sie
unbedenklich und gebet sie der Rache des Herzogs preis.--Der Herzog
liebt Euch..."

"Ich glaube, da er mich liebt", sagte Lukrezia, sich wieder
erhellend.

"Seid dessen gewi", beteuerte der Venezianer.  "Jngst an der Tafel
nannte er den Namen Csars--nicht unabsichtlich--und sprach von
einem dunkeln Gerchte seiner Entweichung.  Dabei beobachtete er Euch
scharf... Ihr bliebet ruhig, nur Eure Hand zitterte, die den Becher
hielt, daraus Ihr schlrftet.  Er betrachtete Euch lange, doch
wohlwollend und wie mit der gerechten Erwgung, was Eurer Natur gem
und welcher Widerstand Euch mglich sei.  Gewi, er wird Euch halten
und retten, wenn Euch nicht das Verhngnis gewaltig fortreit."

Die Herzogin, die wieder vllig heiter war, sagte jetzt mit
wunderbarem Leichtsinn: "Ich werde Eure Sorge beherzigen.  Aber,
Freund, nun genug von mir!  Spendet mir lieber einen Rat fr jene
dort--", sie blickte nach der wandelnden Angela, "die mir in weit
nherer Gefahr zu schweben scheint.  Seht hin!"

Ein schreiender Raubvogel erhob sich aus dem Walde und kreiste ber
den Wiesen.  Zugleich rauschte es im Gebsch, und ein hagerer, in
Purpur gekleideter Mann trat auf Angela zu, wandte sich aber, Bembo
neben der Herzogin entdeckend, grend an diese.

"Ihr findet uns, Eminenz", sagte die Herzogin unbefangen, "wie sich
mein liebenswrdiger venezianischer Besuch, den ich schwer missen
werde, von mir verabschiedet."

"Ihr verlat uns, Bembo?" sagte der Kardinal leutselig.  "Das sollte
mir leid tun.  Wohin gehet Ihr?"

"Nach Urbino, Eminenz."

"Um wieder zu uns zurckzukehren?... Denn uns gehret Ihr an, und
wir knnen Euch nicht entbehren, ebensowenig als eine andere, die man
auch von uns fortsenden will."

Die Frstin zog das neben ihr stehende Mdchen zu sich auf die Bank
nieder und behielt seine Hand in der ihrigen, als nhme sie von
Angela Besitz.

"Wir bilden hier einen festgeflochtenen, farbigen Kranz", fuhr er
fort, "aus dem es unrecht wre, eine Blume zu entfernen, geschweige
die seste Knospe wegzureien!"

Lukrezia erhob ihre Augen gro gegen den Kardinal, berlegend, ob
jetzt, da Bembo noch als Zeuge hier stehe, nicht der Augenblick
gekommen sei, ein lngst im Finstern schleichendes bel an die Helle
zu ziehen und durch das darauf fallende Tageslicht zu vernichten.

Geistesgegenwrtig, wie sie war, besann sie sich nicht lange.

"Kardinal", sagte sie, "wenn Ihr unter der andern uns bald
Verlassenden diese hier versteht, so wisset, ich trachte danach, da
sie von uns scheide.  Ihr Alter ruft der Vermhlung, und hier wei
ich fr sie keinen Gemahl, whrend Graf Contrario, den Ihr kennt und
der sie heimzufhren begehrt, alle Eigenschaften besitzt, die ich als
die Schtzerin Angelas von ihrem Manne fordern darf.  So ist mein
Wille; doch werde ich gern noch Eure Meinung darber in Betracht
ziehen."

Bembo wollte sich bescheiden entfernen, wurde aber durch einen Blick
Lukrezias festgehalten.  Sie kannte das Unberechenbare in der Natur
des Kardinals und scheute seine berraschungen.

Dieser schien die Herausforderung in den Worten der Frstin nicht zu
fhlen; er whlte, whrend der Venezianer sich neben den Frauen auf
eine Rasenbschung niederlie, gelassen ihnen gegenber einen
bequemen Platz im Dunkel einer Kastanie, deren Stamm sich nahe dem
Boden teilte, mit den ppigen sten den Rasen bedeckend, und begann,
indem er mit dem schaukelnden Fue nach einer flchtigen Eidechse
stie, mit ruhigen Worten:

"Wie ich den Grafen Contrario kenne, taugt er nimmermehr fr eine
Borgia, denn er ist ein armer Mensch, zusammengesetzt aus peinlichen
Tugenden und ewigem Widerspruch, ein Berg rechthaberischer Grundstze,
der die Maus einer knickerischen Rechenkunst gebiert, gnzlich
unfhig, eine Frau um ihrer selbst willen mit Gre und Verschwendung
zu lieben!  Ich behaupte, seiner Werbung um dieses Schne, dieses
Liebe hier liegt ein grobes Rechenexempel zugrunde.  Hier auf diese
Tafel will ich es niederschreiben!"

Er zog ein Tfelchen hervor, schrieb mit dem Stift und las zugleich:

  "Graf Ettore Contrario freit um die hochherzige Angela Borgia, weil
  er mit dem Fiskus in Ferrara einen von seinem Vater geerbten Proze
  ber bedeutende, auf ferraresischem Boden gelegene Lndereien fhrt,
  den er aller Wahrscheinlichkeit nach bei den zustndigen
  ferraresischen Gerichten verlieren wrde ohne den Schutz eines
  hchsten Einflusses, wie der, zum Beispiel, unserer erlauchten
  Frstin, fr deren einziges Lcheln der verliebte Grorichter
  Herkules Strozzi Ehre und Seele verkauft.  Unsre Herzogin aber und
  ihr Sklave Herkules wren zu bestechen, wenn der vollkommene Graf die
  Hand dieser Unschuld begehrt, welche Donna Lukrezia aus Ferrara
  entfernen will, weil das junge Mdchen aufs zrtlichste und rasendste
  von dem Kardinal Ippolito geliebt wird, whrend sie selbst, als
  echtes Weib, unwissend und hoffnungslos fr den grten Taugenichts
  der Erde entflammt ist.

  Ohne innern Kampf wird der mig tapfere Graf sich nicht entschlieen,
  zwischen diese lodernden Feuer zu greifen.  Aber es ist mglich, da
  seine Habsucht strker ist als seine Feigheit.  Beurteilt Ihr ihn
  anders, Herzogin?"

Lukrezia wunderte sich ber dies freche Bekenntnis und diese
verwegene Blolegung der Tatsachen, die ihrer eigenen Wertung der
Dinge und Personen nicht allzu fern lag, welche aber nicht gelten
durfte, weil sie es nicht wollte.

Ehe sie indessen antworten konnte, ergriff Ippolito, der sich nach
einer von Angela aus leichten Grashalmen zusammengefgten Kette
gebckt hatte, die eben ihren zitternden Hnden entglitten war,
wiederum das Wort:

"Wie diese Ringe verkettet sich Absicht mit Absicht, um Euch zu
kuppeln, Angela Borgia; aber wie ich Euch kenne und liebe, werdet Ihr
diese Kette zerreien, wie ich dieses nichtige Geflecht!  Denn",
flsterte er hei, "Angela liee sich eher von einem Dmon in die
Hlle ziehen, wenn er sie liebte, als da sie sich dazu darbte, die
Summe eines Rechenexempels zu werden!--So rede ich, wie redet Ihr,
Schwgerin?"

Er wandte sich mit einem Antlitz, das drohte und trauerte, gegen
Lukrezia.

Sie antwortete fest: "Ich aber vermhle diese mit dem Grafen
Contrario.  Berechnend ist er--zugestanden--, wie es das Leben
erfordert, doch nicht unadelig.  Diese aber wird er behten, besser
als ich es vermchte.  Und was wollt denn Ihr mit Angela, Kardinal?--
Euer Weib kann sie nicht werden, solange Ihr den Purpur tragt, und
den werdet Ihr nicht verschleudern wollen einem Mdchen zuliebe!"

"Wer wei, Frstin!" entgegnete er wegwerfend.  "Euer Bruder
vertauschte ihn gegen ein Herzogtum, und ich achte diese fr ein
neidenswerteres Gut!  Auch ist mir minder darum bange, da sie sich
Eurem Gnstling, dem Contrario, zuwende, sie wird es nicht ber sich
bringen--sie versuche es nur, es wird nicht gehen!  Selbst nicht, um
sich vor mir zu retten!... Denn sie gibt mir innerlich recht und
findet sein Bildnis getroffen!  Das Dreihellergesicht ist ihr ein
Ekel.  Dieser tugendsame Graf also kmmert mich nicht.  Eine andere
Marter peinigt mich und dreht sich Tag und Nacht mit mir, wie das Rad
des Ixion.--Hre mich, Mdchen!"

Angela hielt seinen fieberscharfen Blick mit erstaunten, aber mutigen
Augen aus.

"Weigerst du dich meiner Liebe, so verbiete ich dir auch die jenes
andern, bei seinem und deinem Leben!--Wie du wild errtest!... Ich
hasse den, welchen du in deinem Herzen verbirgst!  Reie ihn heraus!...
er beschmutzt den edlen Schrein... ich kann es nicht ertragen!...
Erinnere dich, wer du bist, und wende dich mit Verachtung von dem,
der dich in den Armen der Coramba, oder wie sonst die Dirne seines
heutigen Tages heit, beschimpft und vergit!--Gehorche, oder es
wchst Unheil!"

Mitten in dieser erhitzten Szene betrat ein Page den verlorenen
Schattenplatz und bat die Herrschaften, in den Park zurckzukehren.
Der versammelte Hof harre der Herzogin, und der Herzog wnsche, in
seinem Kabinette den venezianischen Herrn zu beurlauben, dann aber
die Eminenz zu sprechen.  Den Grorichter habe er eben zu seiner
Hoheit gerufen und Don Giulio auf spter bescheiden mssen.



Drittes Kapitel


Im Schatten der herrlichsten Bume wandelte die kleine Gesellschaft,
die Frauen voran, der Kardinal mit Bembo harmlos plaudernd, gegen die
Mine des Parkes, wo sie den in gerader Linie dem Schlosse zulaufenden
Zypressengang betraten.  Dieses, ein schlichtes Gebude von nur
migen Verhltnissen, erhob sich auf dem Grunde eines schwlen,
bleiernen Julihimmels.  Eben wurde ein neuer, befestigter
Seitenpavillon angebaut, von dem die hlzernen Gerste der Maurer
noch nicht entfernt worden waren.

Zu der hellen, kleinen Fassade stieg eine breite Doppeltreppe empor,
und der in den Parkanlagen sich ergehende Hofstaat erblickte oben auf
der Rampe den unermdlichen Herzog, wie er, seinen migen Hof auf
sich warten lassend, den Neubau besichtigte und, von den Werkleuten
zurckgehalten, mit ihnen eifrig die Arbeit besprach.

Im Schatten der Hauptallee wandelte langsam die Herzogin, welche
jetzt auf den Arm des Kardinals sich sttzte, den rechts und links
vom Wege gesammelten Hof begrend und nach sich ziehend.

Vor die beiden trat ein wohlgebildeter, mittelgroer Mann und bemhte
sich mehr noch um den Kardinal, dem er besonders ergeben schien, als
um die Herzogin, so gtig sie ihm zunickte.

"Man sieht, Messer Ludovico, da Ihr aus dem Strahlenkreise der Musen
kommt, so licht ist Euer Antlitz!" sagte sie.

"Diesmal ist es eher der geistreiche Umgang meines morgenlndischen
Freundes, der mich erheitert", versetzte Ariost, "und, wie immer,
Eure beseligende Gegenwart."

Er stellte seinen Begleiter, der, ein feinerzogener Mann, die Arme
auf orientalische Weise ber der Brust kreuzend, sich ernst verneigte,
der Herzogin vor.

Der persische Teppichhndler Ben Emin war in Ferrara die Mode des
Tages.  In Venedig vorbergehend niedergelassen, wo er in der
Merceria die herrlichste Ware auslegte, hatte er einen Flug nach
Ferrara getan, um dem prachtliebenden Hofe seine kostbaren Gewirke zu
verkaufen, und in Wahrheit nicht minder, um Ariosto kennenzulernen,
aus dessen Heldengedicht--die ersten Gesnge hatten vor kurzem die
Presse verlassen--er sein hheres Italienisch erlernte und berhaupt
den mannigfaltigsten Genu schpfte; denn Ben Emin war ein Kenner,
wute seine groen persischen Dichter auswendig und liebte besonders
die Moral im Prachtgeschmeide der Dichtung.

"Es ist eine ganz eigentmliche Lust, Erlauchteste", begann Ariost,
"mit einem gebildeten Manne aus einer fremden Nation umzugehen, die
Verschiedenheiten von Gebrauch und Sitte zu belcheln und sich an dem
lieben, allgemeinen Menschenantlitz zu erfreuen, das aus den grten
Unterschieden immer wieder sieghaft hervorbricht.  Doch immerhin gro
und wunderbar sind diese.  So, zum Beispiel", scherzte er, "scheint
es ein berall verbreiteter Zug zu sein, da der Mann schenkt, wo er
das Weib bewundert.  Nicht so mein Perser!  Ben Emin denkt anders.
Er ist zwar der grte Verehrer unserer Ferraresinnen und verfolgt
die raschen Bewegungen ihrer schlanken, seine Ware prfenden Finger
mit aufmerksamen und leuchtenden Augen; aber meinet Ihr, da er der
ihn am schnsten Anlchelnden ein 'Behaltet, Sonne!' oder 'Nehmet,
mein Stern!' zuflstere?  Nein!  Vielmehr nennt er unglaubliche
Preise, so da sich der seste Mund zum Schmollen verzieht.  So
grausam ist Ben Emin!"

Die Neckerei erregte die Heiterkeit der Hflinge; Ben Emin aber, der
unter seiner Mtze von schwarzem Lammfell mit klugen Augen blickte,
wendete sich wrdevoll an die Herzogin:

"Wunder Italiens!  Vollkommenste der Frauen!" sprach er in gutem
Italienisch, "ich erwhle dich zur Richterin.  Da ich Ferrara
erreichte, warf ich mich dir zu Fen, meinen schnsten Teppich vor
dir ausbreitend und dich anflehend, ihn als dein Eigentum zu betreten.
Du hattest die Gnade, meinen Wunsch zu erfllen.  Wre es nun nicht
eine Verkennung und Beleidigung deiner Einzigkeit, wre es nicht
eigentlicher Hochverrat, wenn ich mit undankbarem Herzen nach und
neben dir andere und Geringere beschenken wrde?  Nicht davon zu
reden, da, was einer Frstin gegenber gerechte Huldigung ist, die
Tugend einer niedriger Gebornen in Verruf bringen knnte.  Solches
aber sei ferne von Ben Emin!"

Die Hofleute beglckwnschten den Perser zu seiner Rede und gestanden
sich heimlich, da der schlaue Kaufmann Ben Emin in Ferrara nicht der
Gefoppte sei.

Da die Schwle des Hochsommertages wuchs und sich in den dichten
Zypressenhecken verfing, suchte die Herzogin mit Ariost und dem
Perser das groe Boskett in der Tiefe des Parkes auf, wo ein Ring
hoher Ulmen seine Kronen wiegte und zu einer luftigen Wlbung
zusammenschlo.  Hier stand in der Mitte auf einem verwitterten
Marmor ein eherner Kupido, der sich mit zerrissenen Flgeln und
verschtteten Pfeilen in Fesseln wand.  Dieses Bild sagte in der
wunderbar freien Sprache des Jahrhunderts, da fr die verheiratete
Lukrezia die Zeit der Leidenschaft vorber sei, und hier in der Runde
auf den Steinbnken pflegte die Gemahlin Herzog Alfonsos im Sommer
Hof zu halten.


Whrenddessen haschte in der verlassenen Hauptallee ein Jngling
einen anderen, der ihm in das Gebsch zu entschlpfen suchte.  Beides
waren Jugendgestalten voller Kraft und Anmut, von vollkommenem Wuchs
und geschmeidigen Gliedern--zwei Knige des Lebens.

"Halt' ich dich endlich, Julius!" rief der eine und legte seinem
Gefangenen den Arm um den Nacken.  "Ich denke, wir sind beide zum
Herzog befohlen und wandeln nun diese kurze Lebensstrecke zusammen!"
Er wies auf den grnen Gang mit dem Schlo am Ende.

"Sie ist lang, Herkules", seufzte Don Giulio, "und gewhrt dir Raum
zu einer rednerischen Leistung; doch ich leide mein Schicksal."

"Mein Freund", begann Strozzi, "ich werde nicht predigen, teils weil
ich von der Eitelkeit solcher Zusprche im allgemeinen und ihrer
Vergeblichkeit dir gegenber insbesondere berzeugt, teils weil ich
zum Herzog gerufen bin, ich frchte, um mit ihm das jngste rgernis
zu betrachten, das du in deinem Pratello gegeben hast, wovon ihm der
umstndliche Bericht des Polizeihauptmanns Zoppo vorliegt: Tumult,
Blasphemie, Entfhrung, Blut, Gewalttat, mehrere Tote!"

"Oh, so stand es nicht im Programm.  Es war ein klassisches
Bacchusfest beabsichtigt.  Du httest nur die Coramba mit ihren
wilden Reizen als Ariadne sehen sollen!  Trage ich vielleicht die
Schuld, da die Krnung der Ariadne durch den Miverstand meiner
Bauern in den Raub der Sabinerinnen und in zentaurischen Mord und
Totschlag ausartete?"

"Kein Wort mehr davon, Giulio!  Dein ruchloser Leichtsinn knnte das
treuste, das angeborne Wohlwollen erschpfen, und ich htte mich
lngst mit Ekel von dir abgewendet, so lieb du mir bist, du schnes
Laster, httest du nur die Hlfte deiner Taten gefrevelt; aber das
Ganze bersteigt derart die Schranke, da ich dich als eine
Sondergestalt betrachte, welche jeden menschlichen Mastab verspottet.
Deshalb bin ich entschlossen, statt dich von neuem in Fesseln legen
zu lassen, beim Herzoge deine Verbannung aus Ferrara von wenigstens
einem Jahre zu beantragen.  Das verknde ich dir.  Du magst in den
venezianischen Kriegsdienst zurckkehren, den du nie httest
verlassen sollen."

"Ob ich nach Venedig zurckgehe", versetzte Don Giulio, "wer lebt,
der erfhrt's!" Und es wetterleuchtete ber seine junge Stirn.  "Doch
ich bitte dich, mache mich Menschlichen nicht zum Unmenschen!  Ich
bin kein sittliches Ungeheuer--nicht einmal deine Donna Lukrezia ist
es, deren farblose Augen dich bannen, da du ihr sinnlos zustreben
mut!  Die deine Einteilungen und Fcher zerstrt und deine Gttin
Gerechtigkeit strzt und berwindet!  Auch sie ist nicht der Dmon,
vor dem du erbebst."

"Da ich die Gesetzlose lieben mu, ist Schicksal", sagte der Richter
mit einem peinvollen Lcheln.  "Doch da ich ihr zulieb' das Gesetz
vergessen, das heilige Recht verletzen sollte, erscheint mir
unmglich!" Und er seufzte, schmerzlich fhlend, da er nicht minder
als sein genuschtiger Freund an einem giftigen Schlangenbisse
dahinsieche.

"Ich sage dir ja", trstete Don Giulio, ungeduldig bewegt von dem
Schmerzensausdruck, "du bertreibst dir das Weib ins Groe.  Das Weib,
das dich entsetzt und bestrickt, ist nicht jene Lukrezia, die dort
unten lustwandelt.  Du erstaunst, und deine Augen befragen mich!  Nun
ja, ich nehme sie natrlicher.  Wo sie herstammt und wie sie aufwuchs,
das wissen wir.  Es scheint dir wunderbar, Prtor, da sie die
Frevel ihrer Vergangenheit verwindet ohne Gericht und Shne.  Siehst
du nicht, da es nur der Rettungsgrtel ihres vom Vater ererbten
Leichtsinnes ist, der sie oben hlt?  Und da sie nun ber der
tdlichen Tiefe hell und sorglos dem Porte der Tugend zukmpft,
hltst du fr dmonische Gre.  Ich sage dir: mit Ausnahme der Anmut,
die sie fllt bis in die Fingerspitzen, ist sie ein gewhnliches,
rasch bedachtes Weib!  Ein ganz gewhnliches Weib!  Glaube mir, ein
menschliches Weib!" endete der Jngling mit einem bermtigen
Gelchter.

Sie waren am Fue des Schlosses angelangt und betraten das Freie, wo
sich unter einem bleiernen Himmel in stumpfer Helle der
Neptunusbrunnen erhob.  Dieser stand, an das Fundament des
Mittelbaues gelehnt, in dem Halbrund, das die beiden zur
Schloterrasse ansteigenden Freitreppen bildeten, und rauschte und
pltscherte in der Schwle, genhrt von den Wasserstrahlen, welche
das Gesinde des Meergottes aus Urnen und Muscheln in die Riesenschale
herabgo.

Der Richter wollte die nchste Treppe hinaufeilen, denn er wute sich
vom Herzog erwartet.  Da wandte sich Don Giulio, dessen Arm ihn
umfat hielt, rasch wieder gegen den dunkeln Park zurck und zog den
widerstrebenden Freund mit sich.

Er hatte noch nicht ausgeredet.

Seltsam verschlangen sich auf dem hellen Kiesgrund zu ihren Fen
zwei ringende, kurze Schatten.  Strozzi sah den grotesken Kampf und
lachte: "Siehe, wie du mich zwingst!"

"Mein Bruder also schickt mich nach Venedig", sagte der Este, whrend
sie noch einmal den endlosen Baumgang betraten, "derselbe Bruder, der
mich unlngst aus politischen Grnden von Venedig zurckberief!"

"Httest du die Geringschtzung in dem Lcheln seiner Mundwinkel
gesehen, als er die Meldung deines augenblicklichen Gehorsams empfing!
Ich stand daneben.  Er hatte dich Papst Julius zu Gefallen
zurckrufen mssen; aber es war nur zum Schein: er erwartete, du
wrdest ihn verstehn und ihm nicht gehorchen."

Eine zornige Macht leuchtete jetzt aus den sanften Augen Don Giulios.
Noch war er nicht so verweichlicht, da es ihn nicht emprt htte,
sich miachtet zu sehen; doch verbarg er seinen Unwillen unter einem
Lcheln.

"Zu klug fr mich!  Und dann, du weit, ich bin kein Feldherr, nicht
einmal ein Soldat", sagte er.  "Ich liebe Blutvergieen nicht..."

"Und vergieest so viel, da es dir von den Hnden trufelt und deine
Fustapfen fllt!"

"Nur wenn ein Lstiger mein Vergngen strt!" erwiderte der Este
frevelmtig.  "Aber was du sagst, Herkules!  Ihr schickt mich wieder
nach Venedig!  Halb bin ich es zufrieden, halb schmerzt es mich--
halb bin ich hier gebunden, halb streb' ich fort--mir selbst ein
Rtsel!..."

"Das die dunkellockige Angela lst!  Du suchst und fliehst sie!"

"Keineswegs", sagte Don Giulio, "sie ist mir gleichgltig.  Aber seit
jenem Einzug vor zwei Jahren--du warst ja dabei und nahmst dich
prchtig aus als ernsthafter Trger einer goldenen Baldachinstange,
da hast du es selbst gehrt, wie sie mich vor allem Volke bedroht und
gerichtet hat... seit jenem Tage bin ich nicht mehr derselbe!  Meine
Sinne taumeln, und wie ein Rasender suche, wechsle ich Mund und
Becher und habe nur einen Wunsch, da jene, die sich feindselig und
kalt von mir abwendet, mir noch einmal ihr hellflammendes Antlitz
zukehre und mich noch einmal bedrohe--noch strker als das erstemal...
Doch ich rede Unsinn.  Sendet mich nach Venedig!"

Er schpfte Atem.  "Auch ist es gut fr ihn und mich", fuhr er fort,
"wenn ich dem Bruder Kardinal eine Weile aus den Augen komme.  Er
liebte mich einst, und jetzt beginnt er mich zu hassen auf eine
unmenschliche Weise.  Urteile selbst!  Neulich hlt er mich fest und
raunt mir mit drohender Stimme ins Ohr: 'Julius, ich verbiete dir das
Antlitz Angelas!  Ich verbiete dir ihre Augen!  Ich verbiete dir
ihren Atem!  Bei deinem Leben!'"

"Ich wei", antwortete der Richter, "der Ungerechte liebt die rmste
wtend.  Und sndig wie die Welt und allmchtig, wie er auf diesem
Ferrara heienden sndigsten Fleck derselben ist, wre sie dem Geier
schon lngst ohne Erbarmen zum Raube gefallen sein, wenn nicht..."

"Und du schneidest nicht dazwischen, Grorichter?  Du Liebhaber
und Diener der Gerechtigkeit?  Rette das Mdchen!  Damit wollte
ich dich betrauen, mein Herkules, bevor ich nach Venedig gehe.
Ich kann es nicht, denn ich wrde ihr Unglck bringen..." er
schwieg und trumte--"wie sie mir!  Bei jener Herausforderung des
Kardinals--du weit, ich bin ein Genieender, aber kein
Feigling!--wallte mein Blut, und ich htte ihm sein wahnsinniges
Verbot ins Angesicht zurckgeschleudert, htte es sich um eine
meiner Schnen gehandelt--aber ich berlegte mir", er deckte die
Augen sinnend mit der Hand, "da ich das Mdchen nicht liebe, und
da ich bei der Art meines Bruders schweres Unheil auf sie
herabzge, wenn ich mich schtzend neben sie stellte.  Und sie
wrde es nicht dulden--sie will es nicht.  Sie verachtet mich, sie
richtet mich--und ruft Unheil auf mich herab:--Oh, schade!"--Dann
fuhr er im Zorne der Erinnerung fort: "Der Kardinal mag sein Netz
ber sie werfen, obwohl ich es grausam und abscheulich finde,
abscheulich und hassenswert, wie diese ganze Welt, wenn ich nicht
trunken bin oder einen Frauenmund ksse."

"Beruhige dich", sagte der Grorichter ernst, "es wird ihr nichts
geschehen, davon bin ich berzeugt; keine Falte des Gewandes darf ihr
verschoben werden, denn sie wird beschtzt--von Lukrezia Borgia."

"Gut so!  Ich berlasse sie dieser Heiligen", spottete der Este; "ich
aber will mich in einen Myrtenschatten an eine frische Quelle setzen
und darin meinen Wein khlen... Wenn nicht der andere Bruder,
Ferrante, durch die Bsche bricht, sich neben mir ins Gras wirft und
mir mit seinen Verschwrungen und hochverrterischen Einflsterungen
das Ohr vergiftet, wo ich dann die Wahl habe, ob ich ihn fr einen
Narren oder Bsewicht oder fr beides halten soll.  Neulich lud er
mich brderlich ein, den Herzog, wie er sich ausdrckte, aus der
Mitte zu schaffen; doch sei berzeugt, htte ich nur halbwegs
hingehorcht, der Arge wre zur selben Stunde an mir zum Verrter
geworden.  Auf diese Fhrte aber folge ich ihm nicht, sondern
schliee ihm den Mund, denn ich verehre den Herzog und hasse die
Felonie.  Aber sage mir, Strozzi, hltst du Don Ferrante eines bsen
Streiches fr fhig um der Krone willen?"

"Es sind Tcken ohne Folge und Frucht", antwortete der Richter, "wenn
nicht ungewhnliche Lagen oder unerwartete Erschtterungen die
Drachensaat verhngnisvoll zeitigen."

"Macht das unter euch aus, ihr Raubtiere", lachte der leichtherzige
Julius, "und wenn ich aus Venedig zurckkehre, will ich sehen, welche
Leichen auf der Hofbhne von Ferrara herumliegen.  Lebe wohl, Anbeter
der Gerechtigkeit, und eile dich!  Der Herzog wartet."

Er umarmte den Freund und lie ihn dann mit solchem Ungestm fahren,
da jener taumelte.  Strozzi suchte mit schnellen Schritten die Villa,
und Julius schlenderte ihm gelassen nach.


Da er den Neptunusbrunnen erreichte, badete er sich, der Khle
bedrftig, das Antlitz und lie den aus der Steinbrust eines
Meerweibes springenden Wasserstrahl gegen seine durch die vertobte
Nacht entkrftete Stirn fahren.  Da, whrend er sich das Haupt mit
seinem Tuche trocknete, wurde er eines mden Strolches gewahr, der
unbeweglich auf einer Steinbank im schmalen Schatten des Mauerrunds
lagerte und, den Kopf auf den Ellbogen gesttzt, ihn unter dem Filz
hervor mit unverwandten Augen beobachtete.  Jetzt sprang er rasch auf
die Fe und verneigte sich mit der Begrung: "Ich verehre Euch, Don
Giulio!"

"Bleib!" bedeutete ihn der leutselige Este, "aber rcke!  Es ist Raum
fr zwei.  Ich habe Lust zu schlummern; du bewachst mich!"

Der Bravo zeigte lchelnd die weien Zhne und lftete den Dolch, der
ihm am Gurt hing, ein wenig in der Scheide.

"Du bist von den Leuten des Kardinals?" sagte Don Giulio.  "Wie
heiest du?"--Der Kardinal war als der Besitzer und Ernhrer einer
stattlichen Bande bekannt.

"Ich nenne mich Kratzkralle", antwortete der andere untertnig.

"Aber dein christlicher Name?"

"Vergessen.  Er war auch ein bichen stinkend geworden."

"Den neuen hat dir wohl dein Kardinal gegeben?  Und wie nennen sich
die andern vom Gesinde?"

"Sie heien, mit Erlaubnis Eurer Herrlichkeit, Dornbart,
Zhnefletscher, Drachenblut, Eberzahn, Grimmrot und Firlefanz.  Mit
mir unser sieben--wohlgezhlt.  Wir sind die sieben Todsnden des
Kardinals, wie uns das Volk von Ferrara nennt."

"Nun kenne ich auch eure Marschordnung", sagte Don Giulio, auf den
fratzenhaften Teufelsmarsch in der Danteschen Hlle anspielend, wo
der Kardinal als ein Verehrer des gttlichen Dichters die Namen
seiner Bande gefunden hatte.

Er brach in ein helles Gelchter aus.  Don Giulio konnte noch recht
kindlich lachen.  Dann aber reckte er die Arme: "Wie ich mde bin!"

Er warf sich auf die Bank nieder, ohne die Berhrung des anderen zu
scheuen, suchte seine Lage und war entschlummert.

Der Bandit betrachtete ihn und murmelte liebevoll: "O du schne
Jugend!"


Zuerst versank der Mde in eine traumlose Tiefe, Vergessen schlrfend
in langen, durstigen Zgen; dann ffnete sich langsam sein inneres
Auge, und daran vorber eilte, aufdmmernd, eine flchtige Jagd, ein
hastiges Gedrnge bacchischer Erscheinungen, rasende Krper,
rcklings geworfene Hupter, geschwungene Zimbeln, Pauke und
Evoeschrei.  Horch!  In weiter Ferne, aus anderer Richtung, zuerst
kaum hrbar, dann schwer anschwellend, drhnende Posaunen!

Unbekannte Angst befiel ihn.  Da stand er pltzlich in einer ernsten
Versammlung, in einem Kreise von Richtern verschiedener Vlker und
Zeiten.  In der Mitte sa, grau und streng, wie aus Stein gehauen,
Carolus Magnus, sein groes Richtschwert auf die Knie gelegt; zu
seiner Rechten stand der Prophet Samuel, den geisterhaften Mantel
ber der Brust mit gekreuzten Armen zusammenhaltend; zu seiner Linken
der Rmer Brutus, der strenge Vater, inmitten seiner Liktoren, von
denen seltsamerweise der Richter Herkules, Giulios Freund, eben
gefesselt wurde.  Der Trumende erstaunte, da ihrer beider
ferraresische Snden eines so hohen Gerichtes wrdig erfunden seien.
Jetzt ertnte die mchtige Stimme Kaiser Karls, ohne da er die
Lippen bewegte: "Julius Este, das von der Jungfrau dir verkndigte
Gericht ist da.  Sie ist es selbst." Wieder drhnte die Posaune, und
alles strzte zusammen.

Nach einem raschen Durchgang durch einige dunkle Vorstellungen ruhte
Don Giulio im Grase, zu der freundlich ber ihn geneigten Angela
emporblickend.

"Du Tor", sagte sie, wie in einem Gesprche fortfahrend, "darf auch
ein Mdchen zu einem Jngling sagen: ich liebe dich?  Sie mu ihr
Inneres verlarven und verkleidet Wunsch und Gestndnis in Zorn und
Drohung.  Auch, wie knnte sich irgendein reines Weib mit einiger
Ruhe und Sicherheit dir zu eigen geben?  Und dennoch: Gerade deine
viele Snde, die ich strafen mu, ist es, die mich an dich kettet.
Die Schuld liegt in deinen zauberischen Augen, mit denen du frevelst.
Reie sie aus und wirf sie von dir!"

Don Giulio wunderte sich im Traume, wie frech und vertraut die stolze
Angela zu ihm rede; er lauschte bange, was da noch kommen werde, und
als sie schwieg, wuchs seine Angst von Augenblick zu Augenblick.  Er
wollte sich aufschnellen, war aber von unsichtbaren Banden an den
Boden gefesselt und auerstande, die kleinste Bewegung zu machen.

"Du willst nicht?" begann jetzt die Traum-Angela wieder; "aber es ist
einmal nicht anders." Damit tauchte sie den Finger in eine Schale,
die sie in der Linken hielt, und trufelte dem rmsten, der sich
umsonst zu winden und das Haupt abzuwenden suchte, einen Tropfen
roter Flssigkeit zuerst in das eine und dann in das andere Auge.
Ihn durchzuckte ein entsetzlicher Schmerz, und tiefe Finsternis,
dunkler als die schwrzeste sternlose Nacht, umfing ihn.

Don Giulio heulte vor Unglck und erwachte in den Armen des Banditen,
der ihn mit unverhohlenem Grauen betrachtete.

"Schlimm getrumt, Herrlichkeit!" sagte Kratzkralle.

"Entsetzlich!  Mir war, ich werde geblendet."

"Ich sah die Sache vorgehen auf Eurem erlauchten Angesicht", meinte
der Bandit.  "Meine Verehrungen, Herrlichkeit!  Doch nun beurlaubt
mich."

Er verbeugte sich, blieb aber stehen, wie durch eine gewisse
Zrtlichkeit zurckgehalten, und begann mit bedenklicher Miene und
gedmpfter Stimme: "Wenn die junge Herrlichkeit einem armen Manne
Glauben schenken will, so verzieht sie sich sachte von hier in dieser
gegenwrtigen Stunde noch, sucht ein Klsterlein auf--Sant Andrea in
den Stauden liegt nahe, der Heilige ist gut und die dortige
Brderschaft diskret--, gibt jedem Bettler, dem sie auf dem Wege
begegnet, ein Goldstck, tut in Sant Andrea ein gewichtiges Gelbde,
verschliet sich in eine Zelle und zieht sich das Bettuch ber die
lieben bedrohten Augen.  Die heilige Jungfrau bewahre sie Euch!"
schlo er mit Inbrunst.

"Bist du traumglubig?" scherzte Don Giulio, der schnell seine
Sicherheit wiedergewonnen hatte.

"Ich wei, was ich wei", versetzte der Bandit.  "Mir hat einst
getrumt, ebenso eindrcklich wie Euch heute, ich ersteche meinen
Schwager.  Erwacht, tat ich das Mgliche von frommen Dingen; aber es
mute nur sein."

Er grte tief und war weg. Offenbar hatte er es eilig, aus der Nhe
eines Menschen wegzukommen, der nach seiner festen berzeugung einem
dunkeln Schicksal verfallen war.



Viertes Kapitel


Don Giulio erstieg langsam die Treppen und suchte, den Blick aufwrts
wendend, sehnschtig das se Blau, welches er im Traume fr immer
verloren hatte.  Aber er suchte vergebens; denn der Himmel war von
den trben Dmpfen der Julihitze gnzlich verdstert.

Als er den Fu auf die oberste Stufe setzte, kam ihm aus der Halle
des Hauses mit ungewissen Schritten der Oberrichter entgegen, bleich
wie ein Toter und mit so unglcklich blickenden Augen, da Don Giulio
vom innigsten Mitleid ergriffen wurde und, den Arm um die Schulter
des Freundes schlagend, ihn an das Terrassengelnder zog und mit ihm
auf das Brunnenbecken und in das rauschende Spiel seiner Wasser
niederblickte.

"Was geschah denn?" flsterte er ihm ins Ohr.  "Was ist dir begegnet?"

Strozzi erwiderte mit schmerzlich verzogenem Munde: "Nichts.  Du
verreisest fr zwei Jahre nach Venedig.  Deine Sache ist beigelegt
und kommt nicht vor Gericht.  Deine Orgie in Pratello bleibt
ungestraft.  Wiederum und noch einmal eine unverurteilte blutige Tat!
Auch der Herzog beklagt es und seufzt ber euch, seine Brder."

"Auch ber den Kardinal?"

"ber euch alle.  Den Kardinal nannte er einen Eigenmchtigen, einen
Gesetzlosen, einen dem Staate Ferrara unentbehrlichen Frevler, und
befahl mir, seine Bande, wenn er sie nicht, wie er fest zugesagt,
heute noch ablhne und auflse, mit Galgen und Rad zu verfolgen--
unnachsichtlich!  Dabei erhitzte er sich", berichtete Strozzi weiter,
"und sprach eifrig von dem Staate Ferrara, wie er ihn sich denke, als
ein Staatswesen von unbedingter Gerechtigkeit, durchaus ohne Ansehen
der Person, ohne Begnstigung, ohne Bestechung.

'Eine Justiz, wie sie Eure Republik besitzt', sagte er, sich zur
Seite wendend, und ich erblickte in einer Fensternische den
Venezianer, der gekommen war, vom Herzog Urlaub zu nehmen, und
bescheiden in einem Buche bltterte, um meine Audienz nicht zu stren.
Der Angeredete lchelte hflich.

'Vergebung, Bembo!' fuhr der Herzog fort.  'Ich wei, Euer Reisezug
wartet, denn Ihr wollt die Nachtkhle benutzen zu Eurem Romritt, um
der Julisonne auszuweichen.  Verzeiht meinem Schreiber, da der
Langsame und Gewissenhafte Euch auf das Memorial warten lt, das Ihr
mir die Gunst erweisen wollt fr mich in die Hnde des Heiligen
Vaters zu legen.  Ein furchtbarer Mensch, dieser Julius.  Er liebt
mich nicht; empfehlt mich ihm.  Und was werdet Ihr dem Schrecklichen
sagen'--der Herzog lchelte--'wenn er Euch fragen wird, was Euch
bewog, Ferrara zu verlassen?  Er wei, da ich von Mnnern, wie Ihr,
nicht gerne verlassen werde.  So gut als ich, schtzt er Euch als
einen Bedeutenden und Zukunftsvollen, den zu verkennen eine Schmach
der Unbildung wre, und der jedem italienischen Hofe zur Zierde
gereicht.  Nun, Bembo, saget mir, was werdet Ihr der Heiligkeit
antworten?'

'Die Wahrheit, Herzog', erwiderte der Venezianer mit seiner
einschmeichelnden Stimme.  'Heiligkeit, werde ich sagen, ich verlasse
Ferrara, weil ich den Herzog verehre, und frchte, die Herzogin zu
lieben.  Kein Sterblicher wird ihres tglichen Umgangs genieen, ohne
von ihrem geheimnisvollen Wesen und von ihrer klaren Anmut gefesselt
zu werden.  Wo ist da die Grenze zwischen Bewunderung und
Leidenschaft?  Wo liegt das richtende Schwert, das die Krper und die
Seelen trennt?  Es ttet, ohne zu blitzen!  Lieber aber verendete ich
in tausend Qualen, als da ich die hohe Frau durch eine auflodernde
Flamme verletzte, oder an meinem edlen Gastfreunde, auch nur im
Fiebertraume, Raub verbte.  So werde ich zum Heiligen Vater reden...'"

"Khn und auch klug gesprochen", unterbrach hier Don Giulio den
Erzhlenden, indem er zum Spiel nach einem Wasserbogen haschte,
dessen fallenden Regen ein Hauch des Sdwindes ihm zutrieb.

Der Richter aber fuhr fort: "Don Alfonso schien durch das Bekenntnis
seines Gastes befriedigt und mit dessen Abreise einverstanden.  'Ich
knnte Euch solche freimtige Rede an den Heiligen Vater nicht
verargen', sagte er, 'sie htte nichts Unziemliches, sondern ehrt uns
alle.  Schreibt uns zuweilen, Bembo! ' Dann aber wurde er drohend und
wies auf mich.  'Dieser Mensch', sagte er, 'krankt an dem gleichen
bel, ohne weise zu sein, wie Ihr, und ein Heilmittel zu suchen.
Redet zu ihm und gebet ihm Rat.'

Da erhob ich zornig das Haupt und versetzte: 'Solches, Herzog,
gestehe ich nicht ein mit dem Munde; meine Gedanken aber anerkennen
keinen Richter.  Wenn solches wre, ich wte mir Rat, so gut wie
Bembo.  Lat mich ziehen, Herzog!  Die Luft von Ferrara erstickt mich.
Ich bin noch zu jung mit meinen zwanzig Jahren, die heilige Waage
der Themis zu halten; ich bin ein noch unfertiges Metall, eine
flssige Lava.  Noch kmpfen um mich verschiedene Gesetze und
Anbetungen!  Gebt mir Urlaub!  Ich will die Hochschule von Paris
besuchen, wohin ich schon lange trachte, und ich werde einst Euch und
dem Staate Ferrara reifer und brauchbarer zurckkehren, als ein Mann
des Rechts, den nichts mehr besticht und blendet.'

Der Herzog entgegnete mir ernst: 'Keine Rede davon, da Ihr Euer kaum
angetretenes Amt verlasset.  Unter meinen Augen begannet Ihr eine
Reform unseres Gerichtswesens, und ich ertrage es nicht, da in
Ferrara eine unternommene ffentliche Arbeit leichtsinnig
unterbrochen und versptet werde.  Wohin wrde uns solche
Gewissenlosigkeit fhren?--Was aber die Sklaverei betrifft, in der
Ihr schmachtet, so leugnet Ihr sie mit dem Munde, aber mit Blicken
und Gebrden legt Ihr sie auf eine rgerliche 'Weise an den Tag.
Darum bitte ich unsern scheidenden Freund', er ergriff den Venezianer
bei der Hand, 'Euch ber Euern gefhrlichen innern Zwist aufzuklren.
Er ist Euch glaubwrdig; denn, wie Dante im wilden Walde, ist er
angstvoll den reienden Bestien entronnen.  Seid sein Fhrer, Bembo.
Redet in meiner Gegenwart ohne Zwang und Schleier.  Es besteht kein
Geheimnis unter uns, wir kennen unsere Gesichter und Masken.'--So
qulte uns der grausame Pedant, und wir knirschten unter der Marter!"

"In der Tat, ein genialer Gedanke des Ehemannes, in seiner Gegenwart
den einen Anbeter seiner Frau durch den andern abkanzeln zu lassen!"
lachte Don Giulio.  "Das gleicht dem Bruder!  Ich sehe, wie du in
verhaltenem Ingrimm die Augen rollst, und wie der schlangengewandte
Venezianer seine zerrissene Seele zu einem schmerzlichen rhetorischen
Meisterstcke stimmt.  Was sagte er denn?"

"Zuerst zog er die feinen Brauen zusammen und schwieg eine Weile.
Dann trat er zu mir und ergriff mitleidig meine Hand.  'Herkules',
begann er, 'die Zeit drngt; meine Rosse stampfen vor dem Tore, und
mein Geist ist schon unterwegs.  Mge diese meine letzte Minute
Frucht tragen mit der Hilfe Gottes!  Ich habe keine Zeit, meine Worte
zu wgen; und da die Hoheit selbst es ausgesprochen hat, da hier
kein Geheimnis walte, so enthlle ich schonungslos das Antlitz der
Dinge.  Dein Leiden ist ein wundersamer Fall.  Nicht wie mich armen
Snder besiegt dich die bergewalt des weiblichen Reizes.  Du bist
weit gefhrlicher krank; denn dein bel entspringt auf dem Gebiete
deines stolzen und eigenwilligen Geistes.  Dein strenger Rechtssinn
verdammt das, was dein Auge beglckt und das Feuer deines Herzens
entzndet.  Das ist dein Widerspruch und dein Irrsal.  Der Richter
wird entflammt fr die von ihm Gerichtete.  Besieh dir doch ihr
Schicksal!  Ein kindliches Weib, in unselige Abhngigkeiten
hineingewachsen, schuldig schuldlos, wie die liebliche
Frauenschwachheit ist, flieht, von innerer Klarheit erhellt, mit
zitternden Fen aus dem Banne des Bsen und ergreift die ihr
gebotene Hand eines seltenen, ja einzigen Mannes, der dein Frst ist,
o Strozzi! und ein weiser Erforscher der Menschennatur.  Er erkennt
die edle Anlage Lukrezias und zieht sie in gttlicher Weise mit sich
empor.  Nun werden ihre Schritte tglich sicherer, und immer greres
Wohlgefallen gewinnt sie an der Tugend und an ihren belohnten Kmpfen.
Da kommst du, Unseliger, siehst die Emporgehobene in den Armen
ihres Schutzengels, verurteilst sie zu den Hllenkreisen und strzest
dich auf sie, um dein Urteil selbst auszufhren.  Wehe dir, du bist
ihr verfallen!  Du umklammerst ihre Knie; sie aber wird sich von dir
lsen, und du strzest allein in die Tiefe!  Armer Ixion, du
umschlingst statt der Gttin die Wolke, und da dein Frevel vllig
unausfhrbar und unmglich ist, das allein entschuldigt ihn.  Frage
dein Herz, Strozzi!' und der Venezianer drckte mir in Trnen die
Hand. 'Fhlst du nicht, wie rhrend und geschmackvoll die neue
Lukrezia ist, die in ihrer stillen und bedachten Weise das schlichte
Gute tut und ohne prunkende Bue sich mit den allgemeinen Trstungen
der Kirche begngt?  Wenn du die einfache Anmut dieser Erscheinung
betrachtest, beschleicht dich nicht der Zweifel, ob die Verleumdung,
das Laster unserer Zeit--denn wir alle verleumden und werden
verleumdet--, sich nicht an diesem erlauchten Weibe mehr als an
andern vergangen und das menschlich natrliche Bild einer Dulderin
ins Dmonische verzerrt habe?...'"

Das laute Gelchter seines Freundes unterbrach ihn.  "Das ist stark!"
rief Don Giulio.  "O Jahrhundert unverschmter Wahrheit und
grndlicher Lge!"

Da zuckte er leicht zusammen, denn ein leiser Finger berhrte seinen
freien Nacken.  Kurz wandte er sich um und blickte in das abgezehrte
und feindliche Gesicht des Kardinals, dessen langsames Emporsteigen
das Springen der Wasser bertnt und verborgen hatte.

"Ich glaube, der Herzog erwartet uns beide", sagte Ippolito, ber das
Wort seines jungen Bruders, das er noch auf gefangen hatte,
unwillkrlich lchelnd.  "Folget mir ohne Verzug!" Und er verschwand
in der Villa.

"Ich verlasse dich, Herkules!" sagte der Este.  "Nur eines mu ich
noch wissen: Woher deine tdliche Blsse, die mich erschreckte, da
ich dir hier entgegentrat?"

"So hre denn das Ende des Auftritts und das Meuchelwort des Herzogs!
Zuerst sagte er ruhig und finster: 'Euer Bildnis der Herzogin, Bembo,
ist treffend und nicht geschmeichelt.' Er fixierte uns beide.  Mit
meiner Miene schien er nicht zufrieden.  Es erhob sich etwas Heies
in ihm, und er wandte sich drohend gegen mich.  'Ich frage mich,
Strozzi', sagte er, 'ob Eure Leidenschaft nicht gelegentlich Euern
Gehorsam gegen den Frsten und das Gesetz zu Euerm Unheil ins Wanken
bringen knnte!  Nicht zwar auf Euerm eigensten Boden in Rechtsfragen,
da halte ich Euch fr unbestechlich und unterordne mich Eurem Urteil.
So bin ich zum Beispiel berzeugt, da Ihr in dem Erbstreite meines
Fiskus mit dem Grafen Contrario das Recht finden werdet.  Auch wird
Euch hier die Herzogin trotz ihrer Begnstigung des Grafen nie
irreleiten; aber es gibt einen Fall und eine Stunde, die sie ihres
klaren Sinnes berauben werden.  Ihr verderblicher Bruder wird Italien
wiederum betreten und uns verwirren.  Ich werde meinen Untertanen
jede Verknpfung mit ihm verbieten.  Doch meine erste Untertanin, die
Herzogin, wird nicht gehorchen; denn sie kann es nicht, es steht
nicht in ihrer Macht.  Mit den hrtesten Strafen werde ich verhten,
da sie kein Werkzeug finde, und doch wird sie eines finden... Euch
wird sie ergreifen, Herkules Strozzi.  Damit ist Euer Haupt verwirkt.
Ich werde Euch richten.  Nicht ffentlich, denn es ist eine
Familiensache und eine Staatssache, die beide das Geheimnis fordern.
Man wird Euch tot auf der Strae finden.'--Hier erblate Bembo, und
du sagst, da auch ich bla geblieben bin.--Unbeirrt und gemessen
jedoch fuhr der Herzog fort: 'Bembo, Ihr seid vor Gott und Menschen
mein Zeuge, da dieser nicht ungerichtet stirbt!  Du aber, Herkules
Strozzi, siehe zu, wie du der Herzogin und mir entrinnest!' Jetzt
brachte ein furchtsamer Schreiber die Rolle fr den Papst, und wir
waren entlassen.  Ich begleitete den Venezianer zu seinen Dienern und
Pferden.  Den Fu schon im Steigbgel, flsterte er mir zu: 'Hte dich
vor dir selber, Herkules!'"

Don Giulio schauderte.  Strozzi berhrte flchtig seine Lippen und
sagte: "Nun reise auch du schnell und glcklich!"

"Diesen Abend noch!"

"Nein, sobald du aus dem Schlosse trittst!" sprach der Richter und
stieg die Treppe hinunter, whrend der andere seinem Bruder, dem
Kardinal, nacheilte.



Fnftes Kapitel


Diesen fand er mit dem Herzog in einer schmalen, hohen Kammer, die
ein einziges groes Fenster erhellte.  Es war ein geheiligter Raum,
den zu betreten dem Hofe untersagt war.  Die Wnde waren mit Plnen
und Karten bekleidet, und in der Mitte auf dem breiten Schreibtische,
an dem der Herzog, die Stirn in die Hand gelegt, sich niedergelassen
hatte, ruhte ein Globus.

Sowie sich die Brder vor ihm gegenberstanden, blitzten sie, durch
den bloen Anblick ihrer Gesichter gereizt, sich feindselig an, und
whrend der Herzog mit einem Zuge der Besorgnis zuhrte,
berschttete der Kardinal Don Giulio mit zornigen Worten.

"Ich verlange", rief er, "da Eure Hoheit diesem Nichtswrdigen den
Hof verbiete; ich will, da er Ferrara meide ewiglich und uns nicht
lnger das rgernis seiner Nichtigkeit und Straflosigkeit gebe.  Er
beschmt und entehrt unser Geschlecht!  Stoe ihn aus, Bruder!"

Unter so unerhrter Beleidigung zuckte Don Giulio zusammen.  Er
bumte sich unter dieser Geielung; es war, als ob sich seine Zge
vergrerten und ein edleres Urbild durchschiene, das sich emprt
erhebe gegen solche Erniedrigung.

"Kardinal", sagte er, "was ich sndigte, habe ich mir gesndigt.  Und
ich wei nicht, ob ein frei Genieender nicht schuldlos ist neben
einem Staatsmanne, der, wie ein Giftmischer, das Bse berechnend und
wissenschaftlich zu seinen Zwecken braucht und verarbeitet."

"Diese Gedankenlosigkeit ist gerade, was ich dir vorwerfe, du
trauriger Gegenstand!" versetzte der Kardinal, "und da du ohne jede
geistige Freude dem gemeinsten Genusse frnst.  Und darum, weil ich
wei, was du, Verworfener, Liebe nennst, verbiete ich dir Donna
Angela!  Berhre sie nicht mit dem leisesten Atem, mit dem
flchtigsten Gedanken, denn--pfui deine Gedanken!"

Mit Trnen erwiderte Don Giulio: "Warum stest du mich in den
Schlamm, da ich darin ersticke, whrend du mich frher emporheben
wolltest?  Warum hassest du mich so wild, der du einst den Knaben
vterlich geliebt hast?"

"Das will ich dir sagen, Julius.  Als ich, der zehn Jahre ltere,
dich als Kind neben mir sah, freute ich mich deines offenen Antlitzes
und deines hellen Geistes.  Herzgewinnend, schn, aufmerksam und
begabt, schienest du mir ein unter gnstigen Sternen geborener Este,
uns geschenkt zum Gedeihen unseres Hauses und Staates, ein Labsal,
eine Sttze fr Tausende, und es war mein stolzes Bemhen in einer
Zeit des Zerfalles, wo die Persnlichkeit alles ist, die deinige zu
entwickeln.  Jetzt, nach deinem kindlichen Aufglnzen, standest du,
ein Jngling, am Scheidewege; da wandtest du dich ab von den Zielen
der Ehre und Arbeit und verlorest dich vllig in Spiel und Lust.  Dir
gelang, deinen ganzen reichen Hort nutzlos und schdlich zu vergeuden.
Nicht der Staat, nicht die Wissenschaft, nicht einmal der die
Jugend entflammende Kriegsdienst vermochte dich zu gewinnen.  Du
ttetest deine Tage mit groen und kleinen Freveln... ein kleinlicher
und niedriger Geist.  Du hast Raub begangen an deinem Hause, und da
du ihm, Wechselbalg, keine Ehre mehr machen kannst, sondern es mit
lauter Schande bedeckst, she ich dich wahrlich lieber tot als
lebendig.  Hast du dich doch selbst von uns losgesagt, als du dein
Pratello, an das du grenzenlose Summen verschwendet hast, nicht mit
unserem erlauchten Wappen, sondern mit leeren und sinnlosen Larven
verziertest, wie du selbst eine bist."

"Bruder", erwiderte niedergeschlagen Don Giulio, den sein Gewissen
strafte, "hre auf, mich zu zertreten, weil ich meine Lebensfreiheit
gebraucht habe.  Es sind genug Este da, die dem Staate dienen!
Glaube mir, die Tugendlehre steht deinem Geiergesicht bel an!--ber
eines aber, Ippolito d'Este, beruhige dich gnzlich",--und Don
Giulio ermannte sich, einen Boden erreichend, wo er sich schuldlos
fhlte--"ber meinen Stand zu Donna Angela!  Ich schwre dir", er
suchte nach einer gltigen Beteuerung, "so wahr unser Frst und
Bruder hier lebt!  Angela Borgia, die der Grund ist deines grausamen
Hasses gegen mich, gehrt nicht zu mir, sie geht mich nichts an, sie
ist mir feind!  Ich biege ihr aus, so schlank ich kann.  Wuchs und
Gebrde dieser Virago sind nicht mein Stil.  Auch kann sie mich nicht
lieben, denn sie denkt ber mich wie du.  Und mit Recht, denn ich
wei nichts davon, da ich mich gendert htte, seit sie mich vor
allem Volke bejammert hat!"

Weit entfernt, da dieses Gestndnis den Kardinal beruhigt htte,
blies es vielmehr anfachend in die Flamme seiner Eifersucht.  Er
traute den Worten Don Giulios, denn er wute, da dieser trotz seiner
bertretungen eine innerlich unverflschte und wahrhafte Natur
geblieben war, und er sagte sich, da dieser Wunderquell, in dessen
Tiefe man durch seine leuchtenden Augen hinunterblicken konnte, fr
die wahrheitsdurstige Angela eine geheime Anziehungskraft haben mute,
ohne welche sie nicht hingerissen worden wre, den aus dem Kerker
Steigenden auf offenem Markte zu mihandeln und zu beklagen.  Seine
Eifersucht wurde zur Wut, als Don Giulio unschuldig fortfuhr:

"Nein, Bruder, ich rede nicht aus Neigung!" Er legte beteuernd die
Hand aufs Herz.  "Bei Bacchus!  Das Mdchen ist mir so gleichgltig
wie Gttin Diana!  Nur hat man sein Erbarmen mit jedem weiblichen
Geschpfe--was soll aus ihr werden bei deiner rasenden Liebe zu ihr?
Heiraten kannst du sie nicht--du bist ein Priester!  Gewinnen noch
weniger, denn sie ist keusch und tapfer!  Was bleibt?  Was bereitest
du ihr?  Du wirst sie tten!"

Seine Stimme hatte einen so warmen, mitleidigen Klang, da der
Kardinal darber in Raserei geriet.

"Wer sagt dir, Bube", wtete er, "da ich sie tten werde!  Was
hindert mich, dies hier", er packte mit beiden Fusten den Purpur
ber seiner Brust, "in Fetzen zu reien und Angela als mein Weib an
das Herz zu drcken?  Ich bin jung genug dazu, und ich speie auf das
kirchliche Gaukelspiel!..."

"Gelassen, Bruder!" mischte sich endlich der Herzog in den Zweikampf.
"Das tust du nicht.  Da du ein Weib bis zur Raserei liebst, darf
dir begegnen.  Es ist eine menschliche Plage--eine Krankheit--ein
Unglck!  Eine versptete Verweltlichung aber zum Behufe einer Heirat
wre ein rgernis--ein Spott!  Und du darfst dich nicht verhhnen
lassen, du Stolzer!  Was Donna Angela betrifft, die ein wertvolles
Mdchen ist, so wird die Herzogin sich damit beschftigen, sie
standesgem zu versorgen, wozu sie als Verwandte verpflichtet ist.
Und du, Kardinal, wirst Donna Angela unter dieser Obhut in Ruhe
lassen, aus Ehrerbietung fr Donna Lukrezia, die du scheust und
achtest."

"Die ich scheue und achte!" wiederholte der Kardinal gedankenabwesend.
"Und mit wem wird Donna Lukrezia sie vermhlen? erkhne ich mich zu
fragen."

"Das berlassen wir ihrer Klugheit", sagte der Herzog.  "Ich fr
meinen Teil denke, es wre nicht unweislich gehandelt, sie dem Grafen
Contrario zu geben."

Nun war es seltsam, wie bei der Nennung dieses in Italien Reichtum
und Ehrbarkeit bedeutenden Namens beide feindlichen Brder in ein
eintrchtiges und einstimmiges Hohngelchter ausbrachen.

Dann aber wandte sich der Kardinal mit erneuter Wut gegen seinen
Mitlacher.

"Es sei!" schrie er.  "Donna Lukrezia verfge!  Sie wird etwas
anderes finden, oder Donna Angela sich selbst besser beraten.  Wenn
nur dieser Auswurf der Este", er deutete auf den jungen Bruder, "aus
dem Spiele bleibt!" Und so ttende Blicke scho er gegen ihn, da
dieser erbleichte.

Jetzt schwindelte Ippolito auf dem Gipfel seines Hasses; er fhlte,
da er die Besinnung verliere und einer Ohnmacht nahe sei.  Sich an
die Stuhllehne des Herzogs klammernd, keuchte er in abgebrochenen
Worten:

"Wenn dir dein Leben lieb ist, Bruder, so entweiche aus meinem
Gesichtskreis!  Verla Ferrara!  Noch zu dieser Stunde!... Jetzt
gleich!... Geh!..." Don Giulio betrachtete den Kardinal mit
erschrockenen Augen.  Ihm schien, da ihn dieser unwillkrlich und
aufrichtig warne vor den mrderischen Ausbrchen seines Hasses, und
er beschlo, ihm zu gehorchen.

"So tue ich, Kardinal!" sagte er und wollte sich entfernen.  Doch der
Herzog gebot anders.

"Keine bereilung!" hielt er ihn zurck.  "Nichts Auffallendes!
Nichts, was Mutmaungen und Gerede verursachen knnte!  Begebt Euch
jetzt in den Kreis der Herzogin.  Unterhaltet sie und lasset
gelegentlich einflieen, Eure Lust am Kriegswesen sei wieder erwacht,
und da jetzt die Euerm Dienste in Venedig entgegenstehenden
Staatsgrnde weggefallen wren, so kehrtet Ihr dahin zurck.  Ich
htte Euch Urlaub gegeben, wenn auch ungern."

Don Giulio verneigte sich gehorsam.

Da lie sich drauen eine scharfe Stimme vernehmen, und alle drei
wendeten sich gegen den Eingang der Kammer.  Es war Don Ferrante, der
Einla begehrte und in meckernden Tnen zu rezitieren begann, denn
neben andern Torheiten huldigte er auch der, zuweilen in Versen zu
reden:

     "Holdsel'ger Anblick, selten, aber wahr:
     Drei Brder schlieen liebend sich zusammen,
     Die von verschiednen schnen Mttern zwar,
     Doch von demselben edeln Vater stammen!
     Sie wrgen sich, und sie ersticken gar
     Sich in Umarmungen und Liebesflammen.
     So gro ist ihr Verlangen und Entzcken,
     Sich gegenseitig an die Brust zu drcken!
     Der vierte kommt, den dreien anzusagen,
     Da im Boskett, wo Amor liegt in Banden,
     Wo die Gelehrten unsrer Frstin tagen,
     Ein philosophischer Disput entstanden.
     Es handelt sich um nadelspitze Fragen,
     Und eine Lsung ist noch nicht vorhanden.
     Erlauchte Prinzen, lat Euch nicht verdrieen,
     Auch Eures Witzes Bolzen abzuschieen.

     Komm, Brderchen!  Die Knigin von Ferrara gebietet."

Er fate Don Giulio unter dem Arme und lud den Herzog und den
Kardinal mit einer gezierten Handbewegung zum Vortritte ein.



Sechstes Kapitel


Whrend die ernsten Gestalten des Herzogs und des Kardinals zusammen
durch den langen Mittelgang des Gehlzes schritten, stellte sich das
darin lustwandelnde Hofgesinde rechts und links zu ehrerbietiger
Begrung auf, wenn es sich nicht in anstndiger Flucht auf
Nebenpfaden, die zu irgendeiner geheimen Lsterbank fhrten, ins
Dickicht verlor.

Wer von ihnen htte begreifen knnen, da der Mann im Purpur mit dem
bedeutenden Kopfe und den durchgearbeiteten Zgen, wie sie groe
politische Geschfte ausprgen, gleich einem Verdammten leidend, in
den Banden eines von ihm sich abwendenden jungen Mdchens lag.
hnliches sagte sich der Herzog, und der Kardinal erriet dieses
schweigende Urteil.

"Keine Sorge, Bruder", begann er beschwichtigend, "wegen meiner und
des Mdchens!  Ich berwinde... eines von beiden: mich oder sie!  Nur
Don Giulio mu aus der Mitte geworfen werden.  Und du schaffst mir
ihn weg, den mit den vorwurfsvollen Augen!"

Der Herzog blickte den noch immer vor Leidenschaft Zitternden
verwundert an.  Dann warf er einen Blick rckwrts nach den ihm
folgenden Brdern und sah Don Ferrante, der den Gehaten fast
gewaltsam vom Wege in das Gebsch zog.

"Sieh dich um", sagte er zum Kardinal.  "Dort schleppt der
Verschwrer Ferrante den unschuldigen Giulio in ein Versteck, um ihn
in eines seiner nrrischen Komplotte gegen uns einzuweihen.  Zu
solchem Verrat aber, das mut du mir zugestehen, gibt sich der
leichtherzige Knabe nicht her."

"Je nach Umstnden!" zischte der Kardinal.  Dann raffte er sich
selbst und die Falten seines Purpurs zusammen, denn sie nherten sich
dem Kreise der Herzogin.

Die Hitze des Julitages hatte sich gegen Abend unter dem dichten
Laubdache verfangen.  Es war unertrglich dumpf, und wo der Horizont
zwischen den Stmmen sichtbar wurde, regten unaufhrlich die
lautlosen Blitze ihre Feuerschwingen.

In dem dmmernden Boskette des gefesselten Kupido erhob sich beim
Eintritte der beiden die Gesellschaft von den niedrigen Steinsitzen;
nur die Herzogin, zu deren Fen Angela sich barg, blieb auf ihrer
Bank ruhen, dem Herzog neben sich Raum gebend.

Der Perser Emin aber stand an den ehernen Kupido gelehnt, den Kreis
mit orientalischen Mrchen, wie es dem Herzoge schien, unterhaltend,
whrend Ariosto hinter seinen Schultern ihn anfeuerte und auch wohl
mit dem richtigen italienischen Ausdruck untersttzte.

"Wovon war die Rede, Madonna?" fragte der Herzog.

"Herr, davon", erwiderte sie, "wie es mglich sei, da gewisse
Lichtgestalten, die in ihrer Glorie schtzend ber uns stehen, auch
in fremde Lnder und auf andersglubige Vlker ihre Strahlen werfen,
wenngleich wie im Spiegel eines dunkeln Gewssers gebrochen.  Davon
hat uns Ben Emin eben ein schnes persisches Beispiel erzhlt."

"Ich errate", sagte Don Alfonso, den die Frage anzuziehen schien.
"Solche Besitznahme unserer Helden durch die morgenlndische Sage
kommt vor.  Wenn ich nur an Kaiser Karl und seine Paladine denke.
Diese freilich haben unsere Dichter--und nicht am unschuldigsten
jener dort, der seine lustigen Augen hinter Kupido verbirgt--schon
so abenteuerlich verkleidet, da den Persern wenig mehr zu tun brig
bleibt."

"Auf falscher Fhrte, Herzog!" lchelte Donna Lukrezia.

"So sind es denn die groen Staufen", riet der Herzog weiter, "der
Rotbart und sein Enkel, der unglubige Friedrich, welche beide
freilich den Morgenlndern ihre natrlichen Angesichter gezeigt haben,
und die sie nach dem Leben abbilden konnten."

"Immer weiter weg!" schttelte Lukrezia das leichte Haupt.  "Doch,
ich frchte, selber habe ich Euch irregefhrt, indem ich einen ganz
Unvergleichlichen und Unerreichbaren in die Menschheit einreihte und
das Heiligste selbst in unser weltliches Gesprch verflocht.  Weder
Karl den Groen und seine Paladine, noch die Staufen nannte Ben Emin,
sondern unsern Herrn Christus selbst.  Verzeiht meiner Unvorsicht!
Es ist ferne von mir, die Kirche zu entweihen, in deren Kreis ich
durch Geburt und Schicksal gebannt bin und von der allein ich mein
Heil verhoffe.  Die Barmherzigkeit des Himmels, die sich in
Menschengestalt des abscheulichsten Elends erbarmt, das ist auch der
Inhalt der persischen Erzhlung, die mich verfhrte.  Doch ich werde
unklar.  Hret und urteilet selbst.

Ben Emin berichtet:

Eines Tages trat der Heiland mit seinen Jngern aus dem Tore einer
Stadt.  An der Landstrae lag in der Sonne ein toter Hund, dem die
Jnger mit Ekel und Schmhungen auswichen.  Der Heiland aber blieb
bei dem Aase stehen, und das einzige, was daran rein geblieben war,
hervorhebend, sprach er:--O sehet, wie blendend wei seine Zhne
sind!'"

Die Hofleute, welche eine Erzhlung im Geschmacke des Boccaccio
vorgezogen htten, fanden diese persische Legende befremdend, ja
unanstndig; der Herzog aber schwieg.

Donna Lukrezia, die von dem Gegenstande nicht loskommen konnte,
redete in bewegter Stimmung weiter:

"Und ist es nicht seltsam, mein Herzog!  Wie auf einer kostbaren
Tapete, gewoben nach der Zeichnung eines unserer heiligen Maler, wird
auf der Rckseite, ich meine in der heidnischen berlieferung, zwar
nicht das volle Bild des Weltheilandes, aber doch die Purpurfarbe
seiner Barmherzigkeit sichtbar!  Die heidnische Sage besttigt den
Heiland als den, welchen die Kirche verehrt und darstellt, als einen
gttlichen Brunnen der Barmherzigkeit.  Selbst an dem ekelsten
Gegenstande findet die Gte noch eine Schnheit."

Und schwere Trnen strzten ber ihre Wangen.

Die Hofleute waren erstaunt, ihre Herrin also reden zu hren.  Es war
offenbar, da sie an sich selbst dachte und unter der Gewalt eines
pltzlich ber sie kommenden unberwindlichen Wahrheitsbedrfnisses
ohne Hehl und Scham unter einem durchsichtigen Schleier ihren
Ursprung aus der Kirche und ihre entsetzliche rmische Snde zeigte.
Der Mund des einen verzog sich in der Dmmerung zum Spott, whrend
die Stirne des andern sann und grbelte.  "Es ist schwl, und sie
fhlt das Gewitter"--dachten sie.

Die Blsse der Herzogin schimmerte wie Marmor durch das Halbdunkel.
Alfonso sprach kein Wort, aber er betrachtete sein Weib ohne Groll,
mit Liebe und Teilnahme.  Der Teppichhndler Emin aber freute sich
des Gleichnisses von der Tapete.

In dem entstandenen Schweigen wurde die bange Schwle noch fhlbarer.
Man hrte in der Ferne unheimliche Unkenrufe und das Schreien eines
Kuzleins, nach welchem der Kardinal, der an der Unterhaltung keinen
Anteil genommen, aufmerksam und gergert hinhorchte.

Da trat unversehens Don Ferrante aus den Bumen und lie seine
mitnige Stimme vernehmen.

"Hier wird erbaulich gesprochen", hhnte er, "wohl von der Eminenz!
Ich lese es im Dunkel auf den kasteiten Mienen.  Schade, da ich zu
spt komme!  Ich kann immer etwas Moral brauchen, und noch mehr
Bruder Julius, den ich mitbrachte, der mir aber unterwegs in den
Pfirsichspalieren hngen blieb.  Es steckt dort eine Pica, die
Tochter des neuen Grtners, der er jetzt Pfirsiche fr die
herzogliche Abendtafel pflcken hilft mit den blichen Griffen und
Bissen und ehrbaren Spielen und Wortspielen, welche seit Adams Zeiten
das Ergtzen unserer edeln Menschheit sind."

Diese mehr bittere als lose Rede schlug wie ein Blitz in einen
Pulverturm.

Donna Angela, die bisher ihr Angesicht an den Knien der Herzogin
verborgen hatte, fuhr wie eine vom Pfeil getroffene Lwin in die Hhe
und wollte, durch die Bsche brechend, davoneilen, da der nchste
Augenblick den Unwrdigen in ihre Gegenwart bringen konnte; doch die
dunkle Figur des Kardinals verwehrte ihr die Flucht.  Er stellte sich
vor sie, und es schwirrte von seinen Lippen:

"Der Nazarener fand an dem ekeln Aase noch etwas Schnes, an dem
Hunde Don Giulio htte er es nicht gefunden!"

Da nderte sich pltzlich die Haltung des aufgebrachten Mdchens.
Die Brandmarkung des ausschweifenden Jnglings, zu der--
wunderbarerweise--nur sie ein Recht zu haben glaubte, kochte in ihr
als Zorn und Widerspruch.  Sie schttelte ihr stolzes Haupt und
bewegte die Lippen.

"Es wre denn, Ihr allein, Donna Angela, wtet ein Lob auf ihn!"
beleidigte er sie.

Da sprach die Trotzige mit erhobener Stimme: "Don Giulio hat
wundervolle Augen!  Die mu ihm der Neid, die msset Ihr, Kardinal,
ihm lassen!"

"Mu ich?  Mu ich wirklich?" rief Ippolito bebend und trat in die
Nacht der Bume zurck.  Er verlie das Boskett und erschien wieder
nach wenigen Minuten und einer entsetzlichen Tat.  Was war geschehen?

Er hatte kaum das Dunkel betreten und einen leisen Ruf hren lassen,
so kroch Kratzkralle, der sich durch "Unke" und "Kuzlein", wie der
Kunstausdruck lautete, angemeldet hatte, auf dem Bauche, wie eine
Schlange, aus dem Dickicht, und ihm gegenber auf der andern Seite
des Pfades wurden in derselben Haltung Firlefanz und Drachenbrut
sichtbar.  Es waren die drei Schlimmsten seiner verabschiedeten Bande,
die vor ihm aufstiegen.

"Was wollt ihr von mir, Schurken?" fuhr er sie an.

Die Mtzen mit den Hnden vor die Brust drckend, wisperten die drei:

"Gold, Gold, Gold, Eminenz!  Wir haben Euch lnger gedient als die
andern und erwarten mehr von Euch!  Euer Schatzmeister aber hat uns
alle gleich bedacht."

Da berwltigte den Kardinal sein bser Dmon.  Er zog einen schweren
Beutel hervor.  "Euer!" lockte er, "wenn ihr Don Giulio..."

Firlefanz macht die Gebrde des Erstechens: "Abgemacht, Eminenz!"
"Nicht so!  Sondern..." das Wort zauderte in seinem Munde, "ihn
blenden."

Zuerst wollten ihn seine Banditen nicht verstehen.

"Kennt ihr ihn?" fragte er.

"Er ist mein Freund!" versetzte Kratzkralle mit Stolz.

"In wenigen Minuten geht er hier vorbei.  Horcht!... Ich vernehme
schon seine Schritte!" In der Tat wurde ein fernes Schreiten auf dem
knirschenden Kiese der Allee hrbar.

Da warf sich Kratzkralle dem Kardinal zu Fen und sthnte mit dem
tiefsten Selbstbedauern:

"Ich Verdammter!  Wr' ich nicht geboren!  Herrlichkeit, befehlt mir,
ihn zu erstechen!  Nacken oder Herz!  Nur nicht die lieben schnen
Augen!... Das tu ich nicht!" sagte er dann entschlossen.

Da stie ihn Firlefanz beiseite.  "So la uns zweie machen, Kapaun!
Desto besser, wenn wir nicht mit dir teilen mssen!"

Das wollte nun Kratzkralle auch nicht.  Der Kardinal lie seinen
Beutel fallen und ging auf dem Pfade, den er gekommen war, nach dem
Boskette, ohne zurckzulauschen.

Hier aber war nicht nur der eherne Amor gefesselt, sondern alle
Geister der Unterhaltung lagen in Banden.  Man sa, in der Schwle
schwer atmend, zusammen und konnte bei der sinkenden Nacht kaum mehr
die Zge des Nachbars unterscheiden.  Eine bleierne Mdigkeit und
zugleich die beklemmende Angst einer Erwartung lhmte die Glieder,
wenn auch nur das Warten auf die Flammen und Donner eines
Gewittersturmes, dessen Fittiche zur Stunde noch gebunden waren.

Da pltzlich zitterte durch die Luft ein Geschrei.  Solche
Schreckens--und Schmerzenstne, da alle Herzen bebten und alle Pulse
stockten!

"So brllt der Stier des Phalaris!" rief der entsetzte Ariost.  "Wo
bleibt Don Giulio!" Er strzte fort.

Da kam er mit ihm zurck, der sich, der Unglckliche, an ihn
anklammerte und von ihm vorwrts schleifen lie.

"Bruder!  Herzog!" rief der vor Schmerz Sinnlose, "wo bist du?  Hilf
mir, rche! strafe!"

"Fasse dich, rmster Bruder!  Was geschah?  Was tat man dir?" sprach
ihm der Herzog zu, whrend ihn alle umringten.

"Der Kardinal lie mich meuchlings berfallen!  Er hat mir die Augen
ausgerissen!"

Man schrie: "Bringt Fackeln!  Holt rzte!" whrend Don Giulio, den
ihn aufhaltenden Ariost mit sich reiend, vorwrts strebte und die
Arme nach dem Kardinal ausstreckte, der neben dem Herzog stand und
dessen Gegenwart er fhlte.  Seine ungewisse Hand fuhr in die Falten
des Purpurs, in den er, auf das Knie strzend, sich verwickelte und
das blutige Haupt begrub.

Er hielt sich an dem Leibe des Kardinals fest und schluchzte:

"Oh, oh, warum raubst du mir das Licht?  Was nimmst du mir das all und
einzige weg, das ich war... ein in der Sonne Atmender!... Du, der du
alles bist und hast!  Dem ich nichts nahm und nichts neidete!...  Ich
winde mich vor dir wie ein blinder Wurm!  Bruder, zertritt mich!  Tte
mich ganz!..."

Der Kardinal erschrak.  Er zog krampfhaft seinen Purpur an sich, und
seine Stimme klang unnatrlich, als er ausrief: "Nicht ich!... Das
Weib verfhrte mich!... Sie lobte deine Augen!..."

Dieses Wort drang nicht mehr in das Ohr des vor Schmerz ohnmchtig
werdenden Blinden, aber vernichtend in das Herz der entsetzten Angela.

Es kam Hilfe, Dienerschaft mit Fackeln und Snften.  Die verwirrte
Gesellschaft verlor sich ohne Abschied in ngstlichen Gruppen und auf
verschiedenen Wegen.

Das dunkle Boskett war verlassen.

Jetzt rtete ein Blitz den gefesselten Amor, Windste sausten durch
den Wald und beugten die Wipfel der Bume.  Bald war der Himmel
lauter Lohe und die Luft voller Donnergetse.  Dann strzten die
finstern Wolken auf die Erde, und schwere Regen wuschen und
berschwemmten den mit Blut und Snde befleckten Garten.



Siebentes Kapitel


Geraume Zeit war verflossen seit der Missetat des Kardinals, und der
erste Frevel verlangte andere zu erzeugen.  Die Saat war ausgestreut
und keimte.

In Pratello, wohin man Don Giulio an jenem Abende noch, mitten durch
das Gewitter, in einer von Pferden getragenen Snfte zurckgebracht
hatte, brtete der Unglckliche in seiner Finsternis oder lie sich
durch die Gnge seiner neuangelegten Grten fhren, die heiesten
Sonnenstrahlen auffangend, um wenigstens das Licht zu empfinden, das
er nicht mehr sehen sollte.

Besucht wurde er nicht vom Hofe, denn er galt fr in Ungnade gefallen,
da der Herzog nicht daran zu denken schien, die Tat des Kardinals
vor Gericht zu ziehen, nicht einmal daran, durch eine ernsthafte
Verurteilung des grausamen und unerklrlichen Verbrechens sich davon
zu trennen und persnlich loszusagen.  Die drei Banditen freilich
wurden, kurze Zeit nach der Tat, in Neapel, wohin sie mit ihrem Solde
geflohen, wohl von ihren frheren Kameraden umgebracht und ihre Kpfe
an die Gerichte von Ferrara gesendet, die einen Preis auf die
Einlieferung der lebendigen oder toten Verbrecher ausgesetzt hatten.

Der eigentliche Tter, Ippolito d'Este, kam mit einer so leichten
Strafe davon, da es schlimmer erschien, als wenn man die Schuld an
ihm nicht gesehen noch gesucht htte, und da es einer Verhhnung des
von ihm mehr als Getteten glich.  Der Herzog begngte sich damit,
den Kardinal fr wenige Wochen aus seinem Angesichte zu verbannen.
Nicht einmal das Gebiet von Ferrara war ihm verboten worden.

Aber er htte es auch nicht verlassen knnen, denn er lag schwerkrank
darnieder in der stillsten und verborgensten Kammer seines
Stadtpalastes--so antwortete wenigstens seine Dienerschaft auf die
vorsichtigen Fragen der Ferraresen.  Ob es so sei, oder ob der Kluge
sich nur sterbend stelle, um die gegen ihn emprte ffentliche Stimme
zu besnftigen, darber waren die Meinungen verschieden.

Von dem Gerchte der Erkrankung des Kardinals erfuhr der Blinde von
Pratello nichts; denn die zwei einzigen sehr ungleichartigen
Ferraresen, die ihn besuchten, Don Ferrante und Ludwig Ariost,
hteten sich aus verschiedenen Grnden und Interessen, ihn davon zu
unterhalten.

Der Dichter, welcher nach Pratello kam, um nach seiner Art den
Blinden zu trsten und seine Seele zu erfreuen, war ein Hfling des
Kardinals und setzte Wert auf das Wohlwollen dieses gefrchteten
Beschtzers.  Er hielt sich ohne Falsch in der Schwebe zwischen
Schlchter und Opfer; er bedauerte seinen Freund, ohne seinen Gnner
zu verabscheuen, dessen Namen er in Pratello nie ber die Lippen lie,
um ihn nicht von Don Giulio verfluchen zu hren, um nicht das Gemt
des Blinden im Grunde aufzuwhlen und auf lange Tage zu verfinstern.

Don Ferrante dagegen kam in andrer Absicht.  Er weidete sich am
Schmerze des Bruders, weil er Plne darauf baute.  Er vergiftete
seine Wunde, weil er sie nicht heilen lassen wollte.  Sie sollte
immer heftiger brennen, damit der Groll des von Natur nicht
Rachschtigen gegen die lteren Brder, den schuldigen und den
gleichgltigen, immer tiefer glhe.  Er nahm sich darum in acht, dem
armen Herzen mitzuteilen, da der Kardinal auch nicht heil und
ungestraft geblieben, sondern heimgesucht sei von schwerer Krankheit,
und damit gar sein Mitleid zu erregen.  Der Blinde sollte ihm
ntzlicher werden, als ihm der Sehende je gewesen war.

Don Giulio hatte in Pratello verschiedene Stufen des Elendes
berschritten.  Nach den ersten, langen, im Dunkel versthnten Tagen
und Nchten, sobald die Fieber des Krpers und der Seele nachgelassen
hatten, suchte er nach seiner genubedrftigen Natur die Berhrung
der sanften Lfte und den Geruch der Blumen.  Er vergrub sich in die
khlsten Bltter, unter die duftigsten Zweige seines Gartens.

Zu dieser Zeit fing Ariost an, den Freund zu besuchen, vor dessen
unheilbarem Elend ihm anfangs unberwindlich gegraut hatte.  Er
wandelte mit ihm durch die Laubgnge von Pratello und legte sich
neben ihn auf den weichen Rasen.  Er war dafr besorgt, da die
Schaffnerin Krbe voll saftigster Frchte und Schalen edeln Weines
bringe, und lie den Blinden genieen und schlrfen.

Er klagte mit ihm das Verhngnis als etwas Unpersnliches an.  Er
lobte die Migung des Empfindens wie im Glck also im Unglck und
meinte, es hnge alles von der Farbenbrechung der Seele ab; Glck
knne schmerzen, und Unglck--als Tragdie betrachtet--lasse sich
genieen.  Ja, er behauptete, auch der Sinnlichste besitze eine
geheime stoische Ader, und ber den Geschicken zu stehen, gewhre
eine gttliche Genugtuung.

Eines Tages zog er auch beschriebene Rollen aus der Tasche und begann
mit wohllautender Stimme, Strophe nach Strophe, die schlanken
Gestalten und die herrlichen Entfaltungen seines Heldengedichtes in
Don Giulios Ohr tnen zu lassen, bis sich nach und nach das Dunkel
heller frbte und in der entzckten Seele des Blinden eine Sonne
aufging.

Im Anfange beachtete er wohl, solche Gesnge zu whlen, deren
Grundstimmung ein heroischer Ernst oder Ergebung im Leiden war.
Trennungen, Aufopferungen, Erniedrigungen und hnliches passives
Heldentum!

Da rhrte es oft den Dichter, wie tief Don Giulio den schmerzvollen
Wahnsinn Rolands mitempfand, trotz der schalkhaften und grotesken
Darstellung, mit welcher der Dichter seiner Frohnatur gem den
Schmerz wieder aufhob.  Das ins Komische bertriebene der
Leidenschaft, die von Roland, wie ungeheure Ausrufungspunkte, in die
Luft geschleuderten Felsstcke strten das Mitgefhl des Blinden
nicht.

Endlich aber, da Meister Ludwig den Freund mit seinen zweiundzwanzig
Jahren so schlank und schn neben sich ins Gras gestreckt sah, die
rasch geheilten zwei Wunden im unter dem Haupte ruhenden Arme
verborgen, stachelte ihn die Freude an dem von ihm eben neu
Geschauten und Geschaffenen, einen Gesang vorzutragen, der nichts als
Farbe, Lust und Leichtsinn war und in dem das trunkene Leben ber
flatterndem Haar die lauten Becken schlug.

Da dies zum ersten Male geschah, legte der Este die feine Hand auf
die des Dichters und das Manuskript zugleich.  "Etwas anderes, Ludwig!"
sagte er, "das ist nichts fr einen Blinden!"

Da weinte der Poet innerlich ber diese Abwendung von der Freude,
obwohl er sie hchst erklrlich und wrdig fand.  Auch kam sie ihm
nicht ganz unerwartet, denn er hatte unlngst einem kleinen Auftritte
beigewohnt, der ihm einen Blick in die Seele des Blinden gewhrte.

Coramba, die frhere Hausgeliebte des Este, hatte sich, nach der
zugreifenden Art solcher Wesen, bei dem Verbinden der durchstochenen
Augen aufs lblichste bettigt und ihren erblindeten Herrn gepflegt
und gefhrt, bis er sich selbst zu helfen wute.  Im Freien aber
hatte er das aufdringliche Geleit nie geduldet, schon weil ihn die
unterdrckten Mitleidsrufe seiner Untergebenen: "Da kommt der arme
Herr mit seiner Kreatur!" oder: "Sie htet ihn wie eine Mutter!", die
sein geschrftes Ohr vernommen hatte, grndlich verdrossen.

Eines Tages nun erkhnte sich die Coramba, den Blinden in Gegenwart
des Ariost zu umfangen und wie ein Kind zu herzen.  Der Este aber
schob sie gemach und khl auf die Seite und sprach: "Gehe, Coramba,
gehe auf immer!  Du bist nichts fr einen Blinden!  Gehe, und nimm
meinen Dank mit."

Sie gab ihm recht und ging noch an demselben Tag, nachdem sie sich,
ohne da er es ihr wehrte, die Taschen mit seinem Golde gefllt hatte,
ein wrmeres Klima aufzusuchen.

Auf seinem weiten Besitztum lebten und arbeiteten fr ihn Hunderte
von lndlichen Familien, fleiige, gengsame Leute, deren bewundernde
Anhnglichkeit das wilde und ppige Treiben des jungen Gebieters
nicht hatte zerstren knnen.  Jetzt in seinem einsamen Unglck
traten seinen Gedanken diese treuen und harmlosen Nachbarn tglich
nher.  Er fing an, wenn er ihnen auf seinen lichtlosen Gngen
begegnete, ihre Stimmen zu unterscheiden, sich von ihrer Lage zu
unterrichten und an ihrer Sorge teilzunehmen.  Ihr einfaches, echtes
Mitleid tat seiner kranken Seele wohl, und er sprach von ihnen zu
Ariost wie von Brdern und Schwestern.

Solchen und hnlichen uerungen des Blinden entnahm der Poet, da
der Este sich in einer andern Lebensabteilung, unter einer andern
Menschenklasse einzurichten begann, als die war, welcher er bisher
angehrt hatte, in derjenigen der Unglcklichen und Leidenden, der
Benachteiligten und Enterbten, in einem Lebenskreise, der offenbar
unter andern Bedingungen stand und andern Gesetzen folgte als die
Vollsinnigen und zum Genusse Berechtigten.

Auch erriet Meister Ludwig, da der Este diese seine Herabwrdigung
und Entwertung nicht immer dem Hasse der Menschen oder dem blinden
Verhngnisse, sondern, in gewissen Augenblicken wenigstens, einer
eigenen Verschuldung zuschrieb.  So mute es in der Tat sein.  Diese
mute teil daran haben.  Wenn in des Dichters sonst so hellen Bildern
mitunter die Nemesis waltete--wie bisweilen ja auch in der
wirklichen Welt, laut dem Sprichworte, die Strafe der Missetat auf
dem Fue folgt--, dann versank Don Giulio in Nachdenken, und Ariost
vernahm wohl einen erstickten Seufzer.

Bei solchen Wahrnehmungen aber htete er sich, auf ein Gefhl, das er
an sich selbst nicht kannte und das ein flchtiges sein konnte,
unzart zu drcken, teils weil er jedes fremde Eingreifen in einen
Seelenvorgang als Gewalttat verabscheute, teils auch, weil er sich,
leicht beschwingt, wie er war, und immer auf die sonnige Oberflche
der Dinge zurckstrebend, am wenigsten dazu berufen fhlte.

Denn der Quell echter Reue, das wute er, sprudelt in heiligen Tiefen,
und nur in der einsamen Stille seines gttlichen Ursprungs waschen
sich schuldige Hnde und Seelen rein.

Ihm aber schauderte vor dem Verharren in solcher gestaltlosen Tiefe.
Alles, was er dachte und fhlte, was ihn erschreckte und ergriff,
verwandelte sich durch das bildende Vermgen seines Geistes in Krper
und Schauspiel und verlor dadurch die Hrte und Kraft der Wirkung auf
seine Seele.

Meister Ludwig trug auf der Tafel seiner offenen Stirn das sittliche
Gebot geschrieben, doch allerlei lustiges und luftiges Gesindel
tanzte ber die helle Wlbung und hauste in den dahinterliegenden
gerumigen Kammern, ohne da der Dichter selbst seine Mieter alle
recht gekannt htte.

Auf Don Giulio aber wirkte er wohlttig, und wenn er von ihm schied
und der Este ihn begleitete, gingen sie Hand in Hand durch den
Platanengang von Pratello, ohne da der Blinde den Schauenden
beneidete, oder dieser jenen bemitleidete, als zwei gute Brder; denn
die Liebe hatte fr den Augenblick jeden Unterschied zwischen ihnen
aufgehoben.

Mehr Besuche aber noch als von Ariost erhielt Don Giulio von seinem
Bruder Don Ferrante.  So mischte sich ein dunkles stygisches Gewsser
in den hellen Einflu des Dichters und verwstete Don Giulios Seele
in einer Tiefe, wohin Ariost nicht gelangen konnte.

Don Ferrante war ein wunderlicher Zwitter, gemengt aus geistiger
Armut und unerschpflichem Erfindungstriebe.  Seine Jugend war unter
dem Drucke bestndiger Furcht verkrppelt.  Als Kind schon Zeuge
unzhliger Intrigen und Komplotte in Ferrara selbst und ngstlicher
Zuhrer, so oft noch grausamere Dinge von den anderen italienischen
Hfen seiner Zeit berichtet wurden, fhlte er sich von jeher von
Schrecknissen umgeben, denen seine unehrliche und machtlose Natur
keinen andern Widerstand entgegensetzen konnte als den der
wechselnden Maske und der seltsamsten Erfindungen.  Er verleumdete,
um der Verleumdung die Spitze zu bieten; er zettelte kleine
Verschwrungen an, um keiner Familienintrige zum Opfer zu fallen.
Alles aus geheimer Furcht und ohne Ernst und Folge, auer da er
dabei immer unwahrer und verschrobener wurde.

An jenem Abend aber, da derjenige seiner Brder, gegen den er am
wenigsten Mitrauen hegte, auf schauerliche Art in der Mitte des
Hofstaates berfallen und der Augen beraubt wurde, geschah ein Ri in
seinem schwachen Geiste, und von nun an stand es ihm fest, da er
selbst, als der gefhrlichere der beiden, wie er meinte, einer noch
schrecklicheren Vernichtung entgegengehe.

Die krankhafte Angst, die ihm keinen harmlosen Moment mehr gnnte,
ihm den Schlaf raubte und ihn jede Speise, jeden Becher beargwohnen
lie, steigerte seine Furcht vor seinen zwei regierenden Brdern zum
verzweiflungsvollen Ha, und er entschlo sich, sie zu entthronen und
zu tten.

Dazu aber bedurfte er seines geblendeten Bruders.

Don Ferrante hatte nmlich die Wahrnehmung gemacht, da die rechtlose
und gerichtlose Blendung Don Giulios gewaltig auf das ffentliche
Gefhl gewirkt hatte, nicht zu reden von dem schndlichen, die
Einbildungskraft aufregenden Vorgange selbst.  Ferrara, auf welchem
ein Joch der Knechtschaft und der Befehl unbedingten Schweigens in
Staats--und Hofsachen hrter als sonst irgendwo in Italien lastete,
Ferrara sogar, wo sich freilich dieses Unerhrte zugetragen hatte,
geriet in Grung.  Es mute ein besonderes Verbot erlassen werden,
sich um Don Giulio zu kmmern, nach ihm sich zu erkundigen, oder gar
sich Pratello zu nhern und seine Gebsche zu umschleichen.

Natrlich geschah es, da das Bild des Geblendeten in den Gedanken
und Gesprchen der Ferraresen sich veredelte und aus dem zgellosen
Jngling, dessen gefhrliche Buhlschaften und leichtsinniges
Blutvergieen sie frher verwnscht hatten, ein bejammernswertes
Opfer, ein edler Mrtyrer wurde.

Dies bemerkte Don Ferrante wohl, und da er auch eine starke
schauspielerische Ader hatte, sann er sich eine wirkungsvolle Szene
aus, welche den Umsturz von Ferrara mit Sicherheit herbeifhren wrde.

Don Giulio, zu Ro auf einem weien, von zwei Dienern in Trauer
begleiteten Zelter, mit starrenden, leeren Augenhhlen und einer
Leidensmiene; er selbst daneben, durch die Hinweisung auf die Untat
und ihre Straflosigkeit das ffentliche Mitleid aufstachelnd.

Einige Einverstandene zu werben, erschien ihm als eine geringe
Schwierigkeit, denn das herkmmliche Material eines Aufruhrs in einer
kleinen italienischen Tyrannenherrschaft mangelte auch in Ferrara
nicht.  \XDCber das Weitere war sich Don Ferrante nicht klar geworden;
aber ein schneller berfall und die Ermordung des Herzogs und des
Kardinals erschienen ihm unerllich.

Mit diesen Ausgeburten seiner Angst und Bosheit verfolgte er tglich
den armen Blinden.  Dieser aber strubte sich gegen die Ermordung der
Frsten aus Menschlichkeit und verwarf mit einer edeln Emprung,
deren er, solange er nur geno und schwelgte, niemals fhig gewesen
wre, die ihm angesonnene Rolle eines Mitleid erregenden Schauspiels.
Er schmte sich, auf den Mrkten von Ferrara sich selber
auszustellen als das Bnkelsngerbild seiner tragischen Geschichte.

Und doch blieb sein Herz dem bengstigenden Einflusse des Bruders
nicht verschlossen.  Was er in seinen hellen Tagen mit einem
verchtlichen Lcheln als trichte Hirngespinste zur Seite geschoben
hatte, das gewann in einer durch die Blindheit verdunkelten
Gefhlswelt Wahrscheinlichkeit und Inhalt.  Konnte nicht der
unglckliche Bruder in gewissen Grenzen recht haben und ihm wirklich
Schlimmes angetan worden sein?  Hatte er nicht eine verstoene
Kindheit verlebt?  War es nicht mglich, da ihm noch heute nach dem
Leben getrachtet wurde?  War Don Giulio doch selbst, den die
Hofintrigen immer angeekelt hatten, einem unbegreiflichen Attentat
zum Opfer gefallen!

So war er nicht ferne davon, dem Bruder beizustimmen, wenn dieser die
gepriesene Gerechtigkeit des Herzogs einen Abgrund der Ungerechtigkeit
nannte, nicht besser als die teuflische Bosheit des Kardinals, und den
Hof von Ferrara ein Geflecht sich erwrgender oder miteinander
buhlender Schlangen, einen eklen Knuel, den es ein Verdienst wre zu
zerhauen und zu zertreten.

Der arme Don Giulio war nicht imstande, seine eigene entsetzliche
Erfahrung anders zu erklren als durch die allgemeine Verderbnis, und
gab allmhlich und unbewut dem Bruder, welchem er sein Mitleid nicht
versagen konnte, gewonnenes Spiel.

Er war von dem Wahn und den Verschwrungsgedanken Don Ferrantes mehr
umsponnen, als er selbst es wute, und ein neues Erlebnis gab den
Ausschlag.


Unter dem durchsichtigen Himmel eines Herbsttages ritt auf einem der
von der Polizei verbotenen Waldwege, die nach Pratello fhrten, eine
Amazone, schlank von Wuchs und untadelig im Sattel, welche, wie aus
einem Rittergedicht entsprungen, auf Abenteuer fuhr.  Wie sie aber
nher kam, trug ihr Antlitz den Ausdruck so tiefen und unheilbaren
Leides, da sie eher mit einem ewigen Schmerz das Kloster zu suchen
schien.

Nun erreichte sie eine den Niederblick auf das Schlo gewhrende
Lichtung, glitt vom Pferde und schlang unter den letzten Bumen die
Zgel ihres offenbar dem herzoglichen Marstall zugehrigen Rappen um
eine junge Ulme.

Dann schritt sie vor und war wiederum eine andre.  In den feurigen,
von flatterndem Kraushaar beschatteten Augen wohnte Wahrheit und auf
dem weichen Munde neben einem kindlichen Zuge der Trotz der Liebe, ja
eine gefhrliche Entschlossenheit.

Von der Hhe des Waldrandes, an dem sie stand, erblickte sie den
ganzen ruhigen Reiz der Landschaft von Pratello.

Das nur mit den notwendigsten Verteidigungswerken umgebene Schlo lag
in einer unendlichen grnen Wiese, durch welche ein breiter
spiegelklarer Flu zog, wo kleine Fischerboote ihre Segel blhten.
Gondeln lagen an dem vorragenden Halbrund der bequemen Landungstreppe,
die unter den Sulengang des inneren Hofes und zum Hauptgebude
fhrte.  Statt der von der kriegerischen Zeit geforderten
Festungsgrben hielt der Flu die schne Wohnsttte mit ihren
Umfassungsmauern und Rundtrmen beschtzend in den Armen.

Von der Schnheit Pratellos ergriffen, suchte die Fahrende eine etwas
tiefer im Wiesengrunde gelegene dichte Baumgruppe zu erreichen, in
deren schwarzen Schatten eine breite Steinbank stand.  In dieser
Verborgenheit lie sie sich nieder, denn sie scheute sich, Pratello
zu betreten, und lie die Stunden vorbergehen, bald das Schlo
aufmerksam betrachtend, bald in ihre Gedanken versunken.

Schon stand die Sonne auf der Mittagshhe.  Da sah sie, wie an der
Landungstreppe von einem alten Fhrmann eine Gondel gelst wurde, an
deren Steuer er sich wartend setzte.

Nun trat ein schlanker Jngling in schwarzer Tracht aus dem Schlosse,
dessen Gesicht ein breitkrmpiger Hut beschattete, ehrerbietig
beobachtet von einem Huflein ihm folgender Diener, und durchkreuzte
den von Weinlaub umrankten Sulengang.  Auf der Landungstreppe bot
ihm der Fhrmann die Hand zum Tritte in die Gondel, die er behend,
aber behutsam bestieg. Dann bergab ihm der Alte die Ruder, und
whrend sie der Jngling zu schwingen begann, lenkte der andere das
kleine Fahrzeug mit dem Steuer.

Als sie am jenseitigen Wiesenbord anstieen, war es der Fhrmann, der
ans Ufer sprang und dem Jngling beide Arme entgegenstreckte, den
Aussteigenden eher bewahrend als ihn berhrend.  Dieser wandte sich
ohne viel Besinnen in gerader oder beinahe gerader Richtung ber die
sanft ansteigenden Wiesen nach der Bank unter den Steineichen.

Die Lauscherin blieb nach einem leichten Zusammenschrecken und
Auffahren sitzen; sie erriet den Blinden, der sich eine tgliche
Anstrengung und bung daraus machte, die Sehenden nachzuahmen, um
diese und, soviel als mglich, sich selber zu tuschen, wobei ihm
seine jugendliche Biegsamkeit, sein Ortssinn, sein scharfes Gehr und
die Beflissenheit seines ihm jedes Hindernis sorgfltig aus dem Wege
rumenden Gesindes zu Hilfe kam.

Whrend zwei teilnahmvolle Augen von der Steinbank aus den sich
nhernden Gang des Blinden beobachteten, strauchelte der rmste ber
einen im Grase liegenden Gegenstand, den die Sphende nicht
unterscheiden konnte.  Er strzte auf das Knie, schnellte sich aber,
mit der vorgestreckten Linken kaum den Boden berhrend, leicht und
geschmeidig wieder empor, ohne nur die Gerte zu verlieren, die er in
der Rechten trug.  Mit dieser prfte er nun, sie leicht in der Hand
fhrend, den brigen Weg, einen kleinen Verdru auf dem blassen, vom
Hute verschatteten Angesicht verwindend.

Die Hnde ber den Knien gefaltet, das Haupt lauschend vorgeneigt,
verfolgte sie jede seiner Bewegungen.

Er kam und setzte sich auf die bemooste Bank neben sie, von deren
Dasein er keine Ahnung hatte.

Was murmelte er?  Was tnte nur halblaut, nur halbverstndlich
ununterbrochen von seinen Lippen?

Erhob er Klage gegen das Schicksal?  Beleidigte oder verneinte er die
Gottheit?  Beschuldigte er seine Brder?  Oder sie, die ohne sein
Wissen neben ihm sa?  Beweinte er seine Verirrungen?

Nichts von alledem.  Die Mittagsruhe, die Stunde des Pan trumte auf
seinen Zgen.  Don Giulio trieb ein seltsames Geistesspiel, das sie
erst nach und nach aus seinen abgebrochenen Worten und geflsterten
Verszeilen erriet und zusammensetzte.

Nach der Zeichnung der Danteschen Hlle, wie sie jedem italienischen
Geiste innewohnt, beschftigte er sich damit, nicht zwar den
trichterfrmigen Hllenabgrund zu bevlkern, sondern einen Krater des
Unglcks zu graben, dessen Stufen er auch nicht mit Verdammten und
Unseligen des geisterhaften Jenseits, sondern mit den Elenden, den
Leidenden, den Verzweifelnden dieses irdischen Lebens fllte--immer
eine Stufe unseliger als die andere, wobei er ohne Bedenken in die
unterste, dunkelste Kluft die Blinden versetzte.

Mit grausamem Genusse malte er, vor sich hin singend, diesen Ort aus.
Wie sich Blinde Blinden als Fhrer anboten und mit ihnen in den
Abgrund strzten!  Blinde Jnglinge rochen Rosenduft, aber wenn sie
die Hnde zum Pflcken ausstreckten, stolperten sie ber Totengerippe.

Er sang die Terzinen reimlos, oder wie sie der Zufall reimte.  Nun
dachte er offenbar an seinen Bruder Ferrante, den er in einer hher
gelegenen Kluft unter den fruchtlos Ehrgeizigen erblickte:

     "Du willst, o Bruder, nach der Krone greifen!
     Doch reckst du in die Hhe dich vergebens!
     Doch wehren die Dmonen dir den Reifen!

     Oh harte Qual des bodenlosen Schwebens!--
     Ich aber bin ein Knig... und entthront...
     In Wahrheit war ich Knig dieses Lebens!

     Ich hatte Gtteraugen, war gewohnt
     Zu herrschen--was sie sahen, war mein eigen.
     Doch weh, der Mrder hat mich nicht verschont...

     Ich bin geblendet! Elend ohnegleichen!"

"Don Giulio", sagte dicht neben ihm eine weiche Stimme, "es gibt
einen noch tieferen Abgrund des Elends--es gibt Unseligere als du
bist!  Das sind die, welche die Wonne ihres Lebens unbedacht und
ungewollt selber auf ewig vernichten!"

Und er hrte gewaltsam schluchzen und sprte einen warmen Hauch und
einen Schauer von Trnen, die auf seine Hnde fielen.

Trumte oder wachte er?  Er streckte bebend seine Hnde aus und
ergriff zwei andere, die in den seinigen zitterten.

"Wer bist du?" sagte er.  "Wer darf sich noch unglcklicher nennen
als der verstoene Blinde?"

Und die Stimme: "Ich bin Angela Borgia, die deine Augen ber alles
liebte und sie zerstrte, dadurch, da sie einem Bsen ihre Schnheit
lobte."

Er lie ihre Hnde fahren und sprang erbleichend auf, wie wenn er
fliehen wollte, stie sich aber an der Ecke der Steinbank und
schwankte.

Mit einem Strome von Trnen strzte sie vor ihm nieder und umschlang
und sttzte seine Knie:

"Es ist unmglich, da du mir verzeihest!... Oh, knnte ich dir
meine eigenen Augen geben, ich risse sie mir aus dem Haupte!... Aber,
was ich dir nahm, kann ich nie dir ersetzen!... Wo ist meine Shne?
Wie soll ich ben?"

"Arme Angela", sagte er sanft, indem er sich von ihr zu lsen suchte,
"geschehen ist geschehen!  Deine Schuld verstehe ich nicht--aber ich
sehe, da auch du in das Tal des Unglcks verstoen bist.  Zweimal
wehe ber ihn, der uns beide gemordet hat!... Dich und mich!...
Shnen kannst du nicht!  Meine Augen kannst du nicht neu schaffen!
La mich allein!  Gehe und vergi!"

Dann wandte er sich und ging.  Nicht einmal zu sttzen wagte sie ihn,
kaum mit den Augen zu begleiten.

Er schien ruhig, aber seine Schritte schwankten.  Der Alte bei der
Barke sah es, eilte ihm besorgt entgegen, setzte ihn ber und
geleitete ihn mit den andern Dienern wie ein krankes Kind in sein
Schlo.

Dort warf er sich im khlen Saale auf sein Lager und brach in wilde
Trnen aus.

So war es denn Wahrheit, was er fr eine schauerliche Verzierung und
phantastische Lge Don Ferrantes gehalten, sooft ihm der Bruder die
Ereignisse jenes Abends im Boskette des gefesselten Amors erzhlte!...

Der Kardinal hatte das Lob Angelas an ihm gercht!

Aber wo war die Schuld, die das Mdchen erdrckte?

Mit teuflischer Bosheit hatte er ihr das verderbliche Wort aus dem
Munde gezwungen, und htte sie feige geschwiegen und ihn beschimpfen
lassen, der Arge htte bald eine andre Gelegenheit gefunden, die
sprde Klte des Mdchens an ihm, dem vllig Unbeteiligten, den der
Zurckgewiesene bevorzugt glaubte, satanisch zu rchen.

Und auch sie hatte der Ruchlose tdlich getroffen!

Ein rasender Zorn gegen den Schuldigen und nicht minder gegen den die
Missetat ungestraft lassenden kaltherzigen Frsten bemchtigte sich
Don Giulios, kochte in seiner Brust und brauste durch seine Adern.

Er lechzte nach dem Untergange beider!  Er sprang vom Lager auf, ri
ein Blatt aus seinem Taschenbuch und schrieb an Don Ferrante mit
zornigen, migestalteten, durcheinanderspringenden Buchstaben, er
stelle zum Morde des Herzogs und des Kardinals sich an seine Seite.

Der berittene Bote war von dannen geeilt, bevor Don Giulios Blut sich
beruhigte und er erwgen konnte, was er getan.

In der nchsten Frhe erschien in Pratello der Oberrichter Strozzi
mit bewaffnetem Gefolge und verhaftete den Este.

"Ei, schn!  Dein erster Besuch, mein Freund, nach meinem Unglck!"
rief ihm der Blinde bei seinem Eintritt hhnisch entgegen.

"Es war mir vom Herzog untersagt", versetzte dieser in richterlichem
Tone.

"Vom Herzog untersagt?... Hat dir der Herzog nicht auch untersagt,
Schatz, mit seinem Weibe tglich und stndlich im Geiste, wie du tust,
die Ehe zu brechen?... Aber dein Gericht erwartet dich, du
getnchte Wand!"

Mit diesen Worten streckte Don Giulio die Hnde den ihn fesselnden
Schergen entgegen.



Achtes Kapitel


Wenige Tage nach der Verhaftung Don Giulios, welcher die von Don
Ferrante vorangegangen war, wurden beide Brder vor ein vom Herzog
ausgewhltes Gericht gestellt.  Er schied aus dem zwlf Glieder
zhlenden hchsten Gerichtshof die sechs jngeren aus, so da ein
Tribunal von Silberbrten brigblieb unter dem Vorsitze eines
Jnglings; denn da der rechtskundige Rmerkopf des Herkules Strozzi
die Verhandlungen leitete, verstand sich von selbst.

Das strengste Geheimnis war in dem Hochverratsprozesse vom Gesetze
geboten und vom Herzog noch besonders eingeschrft.  Aber es wurde,
wie die meisten Geheimnisse, nur unvollstndig bewahrt.  Es ist
anzunehmen, da das eine und andre der beschneiten Hupter gegenber
der qulenden Neugierde einer Frau, der eigenen oder einer andern,
nicht vollkommen widerstandsfest blieb.

So geschah es, da sich ber den Proze sowohl als ber das Leben der
Brder im Kerker eine Legende mit ziemlich deutlichen Zgen bildete,
und diese erzhlte: die Verschwrung sei aus sehr verschiedenen
Elementen herausgewachsen.  Neben einigen beleidigten oder sich
vernachlssigt glaubenden vornehmen Geschlechtern, den Boschetti von
San Cesario zum Beispiel, habe daran mancherlei abgehauster und auf
alle mglichen Ausknfte und Einknfte erpichter Hofadel teilgenommen.
Auch unbezahlt gebliebene Knstler, ein Maler, ein Bildhauer, ein
stimmlos gewordener Hofsnger, vor allem aber der durch das Spiel
zugrunde gerichtete Hauptmann der Schlowache und ein gewisser
zweideutiger Kmmerer des Herzogs, der, halb in Ungnade gefallen,
noch im Amte stehengeblieben war.  Diesen hatte Don Ferrante mit
einer hohen Summe gekauft, und dieser verriet die Verschwrung, als
ihm, dem Zunchststehenden, die gefhrliche Rolle zugewiesen wurde,
den Herzog Alfonso auf einem Maskenballe zu erdolchen.  Er warf sich
ihm reuig zu Fen und bekannte.  Der Herzog geriet ber das Komplott
in flammenden Zorn, und der sonst seiner Mchtige verga sich so weit,
da er dem Menschen mit einem Stocke, den er in der Hand fhrte--
der Auftritt fand in einem Garten statt--, das Haupt blutig schlug.
Dann besann er sich, begnadigte ihn und betraute den Verrter mit der
Rolle des Spions unter den Verschworenen.  Im Palaste Ferrantes
glckte es dem Kmmerer, der einwilligenden Zeilen des Blinden
habhaft zu werden, die Don Ferrante den Verschworenen triumphierend
mitteilte.  So geriet das entscheidende Beweisstck, Don Giulios
unfrmliche zornige Schriftzge, in die Hnde des Herzogs, und dieser
wies es dem Gerichte zu.  Mit den Schuldigen von geringerem Range
wurde kurzer Proze gemacht.  Albertino Boschetti und der Hauptmann
der Schlowache wurden nach erlittener Folter enthauptet, die drei
Knstler aufs Rad geflochten.

Mehr Umstnde machte man mit den Brdern des Herzogs.  Sie wurden
eingehend und in hflichen Formen verhrt, ob auch ihre Schuld von
Anfang an durch das unselige Schriftstck erwiesen war.

Don Giulio war vor Gericht einfach in seinen Worten, mig im
Ausdruck seiner Gefhle und von niedergeschlagener Haltung.  Er
verklagte weder sich noch andre, sondern nannte seine Geschichte ein
Verhngnis, ohne damit seine Schuld mindern zu wollen.  Er habe,
sagte er, sich den Ha des Kardinals zugezogen durch seine
unabhngige Art und seinen wilden Wandel, nicht aber durch
Beleidigung der brderlichen Person.  Er rumte ein, da ihm der
Kardinal ber seinen Mangel an Ehrgeiz Vorwrfe gemacht, ihn
wiederholt seiner Antipathie versichert und ihn davor gewarnt habe.

Dessen erinnere er sich jetzt.

Damals aber habe die an ihm verbte Tat ihn schlimmer als Mord, eine
unmenschliche Ungerechtigkeit, eine hllische Grausamkeit gedeucht.
Am tiefsten habe ihn getroffen, da sie vom Herzog ungeahndet
geblieben sei.  Die Gleichgltigkeit des regierenden Bruders habe
sein Herz gebrochen, und er habe nur noch an Rache gedacht.  Jetzt
aber sei ihm lieber, da diese milungen sei, als da neues Blut an
seinen Hnden klebte, zumal das vergossene Blut seiner Brder, seines
Frsten!

Don Ferrante dagegen, erzhlten sich die Ferraresen, habe zwar
ebensowenig geleugnet, aber nach seiner zynischen Art nicht nur das
Gericht, sondern auch die Hoheit des Herzogs und den Kardinal mit
Schimpf und Hohn berschttet.  Jenen habe er einen engen Hirnkasten,
diesen einen Philosophen des Verbrechens genannt.  Dann habe er an
das Gericht das Ansinnen gestellt, ihm aus seinen konfiszierten
Schtzen Purpur und Gold zu einem kostbaren Hofnarrenkleide mit einer
Schellenkappe auszuliefern und durch den Hofschneider dieses tolle
Gewand fr ihn anfertigen zu lassen.  Denn es sei, so begrndete er
seine Bitte, der Narr, welcher von jeher in ihm gekauert, in die
Tagesklarheit herausgebrochen, und diese seine intime Persnlichkeit
wnsche den Sprung ins Nichts in gebhrendem Gewande und mit
Schellengelute zu vollziehen.

Dies Gesuch wurde ihm aus Rcksicht auf den Herzog verweigert.

Ganz andre Bitten habe Don Giulio gestellt.  Dieser habe sich im
Kerker so schlicht benommen wie vor Gericht.  Zuerst habe er wie ein
Kind geweint, bis der Quell der Trnen vllig versiegt war.  Dann,
nachdem er lange Tage seinen Bruder ertragen, dessen gottlose
Lsterungen und grelle Possen ihn bis zur Qual angriffen und
ermdeten, habe er um ein eigenes Gela gebeten und um die
Gesellschaft seines Beichtigers, des Paters Mamette von Pratello.
Das sei ihm gewhrt worden.  Nun lasse er sich von dem Franziskaner,
der seit Jahren, aber frher vergeblich, an seinem Gewissen gerttelt,
auf ein christliches Ende vorbereiten, das er eher ersehne als
frchte, da, wie er sage, das einzige Licht, das ihm in seine Nacht
heruntergestreckt werden knne, das ewige sei.

Und er tat wohl daran, sich auf den Tod gefat zu halten.

Die Richter hatten nach dem in Ferrara gltigen rmischen Recht,
welches das Majesttsverbrechen mit dem Tode bestraft, einstimmig das
Urteil gesprochen zu Block und Beil in Ansehung des hohen Ursprungs
der Schuldigen.  Aber der Herzog zgerte noch, es vollziehen zu
lassen.  Er zgerte, doch niemand in Ferrara, der ihn kannte,
zweifelte daran, da der Aufschub der Hinrichtung nur eine
Anstandsfrist von einigen Wochen sei.

Dieses Hangen und Harren verursachte Don Giulio schlimme Tage und
schlaflose Nchte.  So wendete er sich wiederum an das Gericht mit
dem Bekenntnis, die Geister des Dunkels mibrauchten seine Blindheit,
um seine Seele zu zerrtten, und mit der Bitte, ihm, um die langen
Stunden zu tuschen, eine Handarbeit zu erlauben, wie sie ein armer
Blinder betreiben knne, ein Gewebe oder Geflecht oder etwas
hnliches.  Da beauftragte das Gericht den Kerkermeister, von
Pratello ein paar Wellen Stroh bringen zu lassen, wie man es zum
Flechten von feinen Matten verwendet.

Nun zogen eines Tages vor den ergtzten und gerhrten Augen der
Ferraresen ein Dutzend Bauern von Pratello in ihrem Festgewand, die
Schulter mit Garben des feinsten und glnzendsten Strohes beladen,
ernsthaft durch die Straen Ferraras nach den Kerkern im Schlosse, wo
ihre Gaben zwar in Empfang genommen, sie selbst aber zurckgewiesen
wurden mit einziger Ausnahme des Findelkindes Strappovero.  Diesen
Jungen nmlich behielt der Kerkermeister, damit er Don Giulio
flechten lehre.  So hatte der Blinde wieder Gesellschaft, eine
harmlosere als anfangs, mit der man ihn oft kindlich lachen hrte.
Aber nur fr kurze Zeit.

Sobald er die leichte Kunst ergriffen hatte, schlo der Kerkermeister
den von Giulio reichbelohnten Jungen aus dem Gefngnis.  Dieser aber
sperrte sich dagegen wie ein Verzweifelnder und klammerte sich an die
Gitterstbe, ein jmmerliches Geschrei erhebend, so da er einen
kleinen Auflauf des Mitleids verursachte in dem stillen und
wohlgehteten Ferrara.

Es war unglaublich, wie die Leute von Pratello ihren geblendeten
Herrn zu lieben begannen!  Sei es, da sie seine vergangenen
bertretungen fr reichlich geshnt hielten, sei es, da fr sie auf
dem dunklen Hintergrunde seines Unglcks das Grundbild seines warmen
und ehrlichen Gemts fesselnd und blendend hervortrat.

Allen diesen aufregenden Ereignissen war die Hauptperson am Hofe des
Herzogs, der grte Schuldige aber in den Augen des Volkes,
vollstndig ferngeblieben; denn es war Wahrheit, der mchtige
Kardinal rang im Dmmer eines Krankenzimmers mit seinem Gewissen und
dem Tode.

An jenem Unglcksabende in Belriguardo, da Don Giulio das blutende
Haupt in den Purpur des Kardinals vergrub, die erschrockenen Gste
auseinanderstoben und der erste Windsto durch die Wipfel fuhr, hatte
Ippolito nach seinen Dienern und seinen Pferden gerufen, sich auf
seinen Leibhengst geworfen und war, Belriguardo verlassend, wo er
sich fr lngere Zeit eingerichtet hatte, unter den sich kreuzenden
Blitzen des Gewitters, ohne sich nach dem Gefolge und den strzenden
Pferden umzusehen, nach Ferrara geflohen.  Dort in seinem
Stadtpalaste, im Fackelschein der Halle, fiel sein Blick auf seinen
von den verwsteten Augen des Bruders befleckten Purpur, den die
Gewitterstrme nicht hatten rein waschen knnen, und ein Schauder
schttelte sein Gebein!

Er aber raffte seine Geister zusammen und verschlo sich in seine
Kammer.  Er verfiel in bleiernen Schlaf, der gegen Morgen in
unheimliche Fiebergefhle berging.  Dennoch verlie er das Lager und
begann wie sonst seine Tagesgeschfte.  Er erzwang es, sie zu
verstehen und zu beherrschen wie zu andern Zeiten.  So trieb er es
eine Weile.  Kein Verhaftbefehl erschien, ebensowenig der Herzog
selber.  Tglich wuchs seine Ungewiheit und seine Unruhe.  Ihn
ekelte vor jeder Speise, ihm graute vor den Kissen seines Lagers;
denn seine Nchte wurden immer schauerlicher, und seine Trume jagten
auf immer wilderen Rossen.

Es kam eine Sonne, die ihn nicht mehr zu vollem Bewutsein aufweckte.
Er fuhr ein in einen dunkeln Schacht, der sich mit flackernden, sich
drngenden Visionen bevlkerte.

Da schritt ein feierlicher Zug.  Je zwei und zwei!  Mnner und Weiber!
Das sind die vielen, vielen Opfer seines unerbittlichen und
unersttlichen ferraresischen Ehrgeizes mit den minder zahlreichen
seiner seltenen, aber rasenden persnlichen Begierden.

Da gehen ermordete Boten, verschwundene Gefangene, erdrosselte Zeugen
und jetzt nebeneinander zwei schne, traurige Frauen, die blonde mit
triefenden Haaren, geschwollenem Hals und auf dem Rcken gefesselten
Armen, die dunkle mit einer blutenden Herzwunde.

Aber whrend diese alle je zu zweien schritten, wandelte allein in
der Mitte des grlichen Zuges ein Riese mit blutigen, leeren
Augenhhlen.  Da pltzlich ergo sich eine blendende Helle, ein
stechend blauer Himmel breitete sich aus, in dessen Mitte eine
ungeheure Waage schwankte.  Sie schwankte lange.  Da wuchsen, immer
deutlicher werdend, aus dem Himmel zwei groe Augen hervor und lieen
rote Trnen in die eine Waagschale fallen, deren Becken mit
metallenem Klang in die Tiefe strzte, die andere Schale wie einen
Federball hoch in die Lfte schleudernd.

Endlich verschwand ihm alles in Angst und Nacht.

Eines Morgens, nach Monaten, erwachte er mit bis auf das letzte Mark
verzehrten Krften, aber trotz seiner Todesschwche mit vllig klaren
Sinnen.

Da sah er neben sich seinen Bruder den Herzog sitzen, der ihn mit
besorgten Blicken behtete.

"Wo bin ich?  Was geschah mit mir?" hauchte der Kranke.

Der Herzog erwiderte vorsichtig, die Sommerhitze und vielleicht die
Sumpfluft in Belriguardo habe, wie die paduanischen rzte behaupten,
dem Kardinal ein verderbliches Fieber zugezogen.  Gleichzeitig
entdeckte der Kranke mit seinen wieder schrfer werdenden Augen in
einer Fensternische zwei sich zusammen beratende wrdige Mnner im
dunklen Professorentalar, von denen er sich erinnerte, da sie unter
seine Traumgestalten getreten waren.

"Eminenz ist gerettet!" sagte jetzt der eine, und der andre nickte
zustimmend mit dem Haupte.

"Ich danke den gelehrten Herrschaften fr ihren Beistand", flsterte
Ippolito mit versagender Stimme, "und ersuche sie, mich eine kurze
Weile mit der Hoheit des Herzogs allein zu lassen."

"Einen Moment!" erinnerte der eine der Paduaner und erhob warnend den
Finger.  Beide verlieen die Kammer.

"Was war es in Belriguardo?  Ist es wahr, habe ich den Bruder
geblendet?"

Der Herzog bejahte betrbt.

"Lebt er?"

Wiederum bejahte der Herzog.  "Sieht er schrecklich aus?"

"Ich habe ihn nicht mehr gesehen.  Zuerst, weil ich nur an dich
dachte, und dann, weil er mit Ferrante sich gegen uns verschwor, da
er sich rchen wollte."

"Und du entdecktest das ohne mich?"

"Man verriet sie.  Sie liegen beide im Turme zum Tode verurteilt."

Jetzt wurde leise die Tapete gehoben, und eine rztliche Stimme bat
mit Ehrfurcht um Beendigung des ersten Gesprches.

Der Herzog kte die herabhangende Hand des Bruders mit Zrtlichkeit;
denn nicht nur liebte er den Bruder, die Rettung Ippolitos gab ihm
auch den unentbehrlichen Ratgeber zurck.

"Es ist ein kalter Novembertag", sagte er, sich erhebend.  "Ich gebe
Befehl, Feuer in deinem Kamine anzufachen."

So geschah es.

Der Kardinal starrte in die steigende Glut.

"Lodert auf, ihr Flammen und Peinen!" seufzte er und sank in
Schlummer zurck.

Der Kranke erholte sich langsam, oder eigentlich, er erholte sich
nicht, denn seine Kraft war gebrochen.

Tglich wurde er von Don Alfonso besucht und erhielt nun auch von den
rzten die Erlaubnis, die an ihn einlaufenden Briefe zu ffnen.

Einen derselben hielt er einmal sinnend in der Hand, da der Herzog
eintrat.  Das Schreiben kam von dem Sforza in Mailand, Ludovico Moro,
und hatte einen merkwrdigen Inhalt, den Ippolito dem Bruder nicht
vorenthielt.

Der Frst bot dem lngst ihm befreundeten Kardinal sein Mailand zum
Asyl an.  Er redete zu ihm mit Bedauern, aber ohne Vorwurf von dem
blutigen Vorgange in Belriguardo, welcher ihm, nach seinem
Dafrhalten, ein lngeres Bleiben in Ferrara und an der Spitze der
dortigen Staatsgeschfte unmglich mache; denn es habe sich
wunderbarerweise in einer Zeit, die der Gewalttaten nicht entraten
knne, ein unverstndlicher Zorn ber die Blendung Don Giulios an den
italienischen Hfen erhoben.  Dagegen gebe es nun keine Waffe, und er
erwarte ihn bei sich auf seinem Kastell in Mailand.  Er wisse, da
Ippolito die Hoheit des Herzogs seines Bruders und die Politik
Ferraras durch seine Gegenwart nicht schdigen wolle, und auch in
Mailand wren genug politische Verstrickungen, deren Lsung einer
geschickten Hand, wie die seinige sei, bedrfe.

"Der alte Fuchs hat recht", sagte der Kranke ruhig.  "Du wirst dich,
Bruder, ohne mich behelfen mssen!"

Der Herzog erschrak.  "Davon hoffe ich dich abzubringen", antwortete
er.  "Wie sollt' ich dich entbehren!... Oder ersetzen?"

"Durch deine Herzogin", lchelte der Kardinal.

Zu wiederholten Malen kam er mit dem Herzog auf die Unmglichkeit
zurck, da er im ferraresischen Staatsdienste bleibe.

"Ich wundere mich selbst darber", sagte er, "doch sehe ich aus
meinen Briefen, da ganz Italien annimmt, ich werde nach der Blendung
Giulios nicht mehr bei dir, dem gerechtesten Frsten Italiens, mich
halten knnen, sondern freiwillig die Verbannung suchen, um es deiner
Gerechtigkeit zu ersparen, mich zu bestrafen oder ungestraft zu
lassen.

Sterben wie ich mich fhle, gehorche ich der ffentlichen Stimme.

Aber so lange will ich noch leben und bleiben, bis wir den Dmon
wieder gefesselt oder vernichtet haben, der in Krze Italien
verstren wird.  Alle meine Schreiben sind voll von Don Cesare.  Aus
Neapel, aus Rom, aus Frankreich wird mir berichtet, Csar rttle an
den Gittern seines Kerkers und habe sie zerbrochen.  Ich wei aus
Erfahrung, da ein Gercht, das die Geister durch die Luft tragen und
nicht mde werden auszustreuen, sich endlich verwirklicht.

In dieser Gefahr werde ich noch neben dir stehen, dann gehe ich."

Endlich kam der Tag, da der Kranke sich erhob und Lust uerte, am
Arme eines Dieners seine Schritte zu versuchen.  Dieser fhrte ihn in
einen groen anstoenden Saal, dessen kalte Fliesen man aus Vorsorge
fr den Kardinal mit feinen Strohteppichen belegt hatte.

Whrend er, auf den Diener gesttzt, Fu vor Fu setzte, haftete sein
Blick auf der langen Strohmatte, ber die er wandelte und deren
reinliche und geschmackvolle Arbeit ihm auffiel.

"Wo wurde das gekauft?... Wer hat das geflochten?" fragte er.  Und
der Diener antwortete verlegen:

"Beim Kerkermeister.  Prinz Julius liebt solche Arbeit."

Da war es dem Kardinal, als sehe er feine knigliche Hnde webend
ber die Matten huschen.  Zu seiner Rechten und Linken, vor ihm,
neben ihm, aller Enden webten und regten sich zu Hunderten die weien,
fleiigen Geisterhnde.

Ihn schwindelte, und er fiel dem begleitenden Diener in die Arme.



Neuntes Kapitel


Es gab in dem ltesten und untersten Stockwerk des herzoglichen
Stadtschlosses, das ein schweres, an mehrere Bauarten und
Jahrhunderte erinnerndes Gebude war, einen niedrigen Saal, der auf
einen inneren Hof blickte, ein wenig bentztes, einsames Gela, das
man die rmische Kammer nannte.  Denn die Bsten der sieben rmischen
Knige standen auf ehernen Sulen lngs den Wnden.  Sie sahen roh
und abenteuerlich aus, hatten aber einen andern als knstlerischen
Wert, da sie, aus dem reinsten Silber gegossen, einen betrchtlichen
Hausschatz ausmachten.

Sie blinkten seltsam in dem frhen Halbdunkel, denn es war heute der
krzeste Tag des Jahres, und den Hof verschleierte ein frhes
Schneegestber.

Den selten geffneten Saal machte ein im mchtigen Kamin flackernder
Holzsto auf ein paar Stunden wohnlich.  Offenbar wurde ein
feierlicher Akt vorbereitet, denn ein Tisch mit Schreibzeug war dem
breiten dreiteiligen Fensterbogen gegenber in die Mitte des Raumes
gestellt und zwei mit Wappen gekrnte Lehnsthle waren zugerckt.

Gerade ber dem Tische im mittleren Felde der mit Malerei
geschmckten Tfeldecke ragte ber einem scheuenden Zweigespann die
verbrecherische rmische Tullia und zerquetschte unter den Rdern
ihrer Biga die Leiche des eigenen gemordeten Vaters.  Aus dem
nchsten Bilde aber streckte der von seinem Bruder Romulus erstochene
Remus einen kolossalen Fu heraus.

Unter dieser Tullia und ber sie pflegten Lukrezia und Angela, wenn
sie im Sommer die Khle dieses Saales suchten, in scherzhaften Streit
zu geraten.

Angela drohte dann in ihrer kindlichen Weise zu der blutigen Rmerin
empor und klagte sie ihrer unnatrlichen Verbrechen an:

"Bse!  Warum mute man dich im Gedchtnis behalten?  Warum wissen
wir von dir, du Unhold!  Du bist kein Weib, Mrderin des Gatten und
der Schwester... Mrderin des Vaters... Verfhrerin des Schwagers!...
Widernatrliche!  Zauberin!  Teufelin!..."

Dann lchelte Lukrezia, dem eifrigen Mdchen die heie Wange
streichelnd.

"So ging es nicht zu", flsterte sie ihr ins Ohr; "die berhmte
Rmerin verlor sich in einer Dmmerstunde an einen Mann, sein
sndiger Geist fuhr in sie, und sie wurde sein willenloses Werkzeug.
So war es, glaube mir.  Ich wei es."


Leer und still war heute die rmische Kammer, nur vom Hofe her tnte
seit dem Mittag ein gedmpftes Hmmern und ein in unterdrckten
Lauten gefhrtes Gesprch.

Jetzt wird behutsam auf das verrostete Schlo der Eichentr gedrckt.
Sie ffnet sich knarrend, und auf den Zehen tritt Angela ein mit
ernsten Augen, in Trauer gekleidet, um das Kraushaar einen schwarzen
Schleier geschlungen.

Sie eilt ans Fenster, ffnet es und sieht im Hofe das die beiden Este
erwartende Schafott sich erbauen.

Drei Holzstufen, ein rohes Gerst, das man jetzt mit dunkelrotem Tuch
bedeckt, der schon oben stehende Block mit schwarzem Samt berkleidet
und, alles leicht umhllend, ein dnnes Schneegestber!  Wollte es
die Brder in den ewigen Winter einladen?

Sie starrte auf die Gerichtssttte nieder, da weckte sie ein leiser,
dringender Ruf dicht unter ihrem Fenster.

"Prinzessin, nehmt Euch des armen Don Giulio an!  Bittet fr!
Verlangt Gnade!"  Noch ein flehender Blick unter einem breiten
Arbeiterhute hervor begegnete ihren suchenden Augen, dann verlor sich
der Mitleidige schleunigst unter die andern Zimmerleute.

Jetzt wurde von Dienern eine zweite, der nach dem Innern des Palastes
fhrenden gegenberliegende Tr geffnet und eine richterliche
Gestalt in flieender Toga eingefhrt.

Es war der Grorichter Herkules Strozzi, der etwas unmutig schien,
Donna Angela zu erblicken statt des herzoglichen Paares, das er in
der rmischen Kammer zu finden erwartet hatte.

Da das Mdchen in seiner Rechten eine mit Siegeln versehene Rolle sah,
rief es entsetzt:

"Das Todesurteil!  Ist es unwiderruflich?"

Der Richter antwortete gemessen: "Es ist noch nicht unterschrieben,
doch zweifle ich nicht, da die Gerechtigkeit Don Alfonsos es
besttigen wird."

"Gerechtigkeit!  Menschliche, nicht gttliche!" sprach Angela.  "Habt
ihr vergessen, ihr Richter, auf wem die erste Schuld liegt?  Vergaet
ihr die Quelle der Verschwrung, den Greuel des Kardinals?..."

"Das ist ein andrer Rechtsfall", erwiderte Strozzi, den die Aufregung
des Mdchens verstimmte, "und hat mit unsrer heutigen Sache nichts zu
schaffen!"

"O ihr Lgner und Heuchler!" rief sie aus, "wenn jemand gerichtet
werden soll, wahrlich, so bin ich schuldiger als Don Giulio!"

Der Richter schttelte ungeduldig das Haupt.

"Und die Herzogin!  Vertritt sie nicht die Gnade?" fuhr sie fort.
"Sie, auf die ich immer noch gezhlt habe und die so groe Macht ber
den Herzog ausbt?"

"Nicht in diesen prinzipiellen Rechtsfragen.  Hier ist der Herzog
unerschtterlich.  Er ist berzeugt, wie von seinem Dasein, da die
Unverletzlichkeit der regierenden Person die Grundbedingung des neuen
Frstentums ist, wie es jetzt in Italien berall entsteht", sagte
Strozzi.  "Mit der Begnadigung Don Ferrantes und Don Giulios wrde er,
glaubt der Herzog, den Untergang seiner Herrschaft besiegeln.  Donna
Lukrezia ist viel zu klug und hat sich von jeher gehtet, an eine
persnliche berzeugung des Herzogs zu rhren."

"Und Ihr?" reizte sie ihn, "Strozzi, teilet denn Ihr zuungunsten
Eures blinden Freundes die frstlichen berzeugungen des Herzogs?"

"Ich vertrete das Recht in seiner Strenge!" versetzte der Richter
stolz.

Da wurde die breite, ins Innere des Palastes gehende Tr
auseinandergeworfen, und es erschien der Herzog mit der Herzogin.

Whrend sich Angela in die bergende Fensternische zurckzog, nahmen
die Hoheiten nebeneinander auf den Sesseln Platz, und ihnen gegenber
stand am Tische der Oberrichter und entfaltete seine Rolle.

"Das Urteil ist mir zwar bekannt", begann Don Alfonso, "und ich habe
es Punkt um Punkt erwogen.  Aber um den Formen zu gengen, Strozzi,
leset es uns, bevor ich unterzeichne, noch einmal langsam!"

Dieser, den die Gegenwart der Herzogin berauschte, trug, nicht ohne
sich mitunter rgerlich zu mireden, zum Verdru des jedesmal den
Irrtum verbessernden Herzogs, das Erkenntnis feierlich vor.

Unterdessen ertnte von ferne aus dem Gefngnisturme das
Totenglcklein, und Angela erblickte durch das Fenster den
Hinrichtungszug und sah, wie die beiden Este mit einem
Franziskanermnch und den Scharfrichtern das Blutgerst betraten.

"Gebt, Oberrichter, damit ich unterzeichne", sagte Don Alfonso und
tunkte die Feder ein.

Da verlie Angela ihr Versteck und warf sich dem Herzog, seine die
Feder fhrende Hand mit ihren beiden festhaltend, zu Fen!

"Nein, Don Alfonso!  Nicht Euern Bruder, sondern mich lasset bluten!...
Ich bin die Schuldige!  Bis heute schwieg ich, weil ich immer noch
auf Euer und auf Lukrezias Erbarmen hoffte!  Jetzt aber sei's gesagt!
Zweimal war ich Don Giulios Verderben!  Das erste, da ich mit meinem
Lobe seiner Augen seinen Bruder, den Teufel, reizte--das zweite, da
ich Eurem Gebote zuwider in seinem Pratello den Geblendeten aufsuchte
und, mein Leid auf seines hufend, ihn zur Verzweiflung trieb!..."

Der Herzog ma die seine Knie umfassende Borgia mit erstauntem,
mibilligendem Blicke, doch ehe er ihr antworten konnte, wurde die
Tr wieder geffnet und es erschien, allen unerwartet und von niemand
geladen, der kranke Kardinal.

Verzehrt bis zur Entkrperung, leicht gebckt, mit durchdringenden
Augen unter der kahl und hoch gewordenen Stirn, schien er lauter
Geist zu sein, grausam und allwissend.

Seine Diener rckten ihm einen Stuhl an den Herd, und er setzte sich
neben die Flamme, whrend die Herrlichkeiten sich ihm zuwandten.

"Ich bin zum Hochgericht gekommen, obgleich mich niemand rief", sagte
er mit leiser Stimme...

"Doch ich habe eine Bitte an dich, Bruder!..."

Schon aber hatte sich die verzweifelte Angela von den Knien erhoben,
stand vor dem Feuer und unterbrach ihn...

"Trittst du immer der Gnade in den Weg, Widersacher!  Beruhige dich,
du wirst Blut trinken!  Hier ist keine Gnade... Hier ist die Hlle!...
Um dich, mit dir, in dir war die Hlle von Anfang an!  Ist es doch
ein Wort des Heilands, das dich zum Greuel trieb!  Das uns beide in
die Verdammnis wirft!

Die Purpurfarbe des gttlichen Erbarmens dringt durch bis in das
persische Mrchen, sagte diese hier",--sie ergriff Lukrezias Hand--
"aus deinem Purpur aber, Kardinal, bricht Ha und Blut hervor, sobald
man den heiligsten der Namen nur nennt!..."

"Schweige, trichtes Mdchen!" bebte es von den Lippen des Kardinals.
"Ich knnte dich erwrgen!  Ich bin deiner--ohne Gewhrung--
bersatt.  Du bist mir ein Abscheu!... Du hast mir die Augen meines
Bruders verhat gemacht, die Himmelsaugen, die mich frher voll
Vertrauen anschauten!"

"Krank, und immer noch grausam, Ippolito?" sagte die Herzogin und zog
Angela in ihre Arme.  "Hat diese nicht recht, wenn sie sagt, da die
Fabel Ben Emins etwas an alledem verschuldet hat?"

Der Kardinal wandte sich langsam gegen seine Schwgerin, und seine
Augen brannten.

"Was wei man von dem Nazarener?" sagte er.  "Was man von seinen
Reden und Taten erzhlt, ist unglaublich und unwichtig.  Ich kenne
ihn nicht.  Wird ein Gott gekreuzigt?... Ich wei nur von dem durch
die Kirche in den Himmel erhhten Knig, von dem durch die Theologie
geschaffenen zweiten Gotte der Dreifaltigkeit.  Sein der Himmel!
Unser die Erde!  Unser ist hier die Gewalt und das Reich!  Und es ist
Herrscherpflicht, das Schdliche und Unntze, das uns widersteht, zu
vernichten.

Doch wir philosophieren hier, und drauen erwarten zwei den Tod...

Mit einem Worte, Bruder, sie drfen nicht sterben!... Du gibst sie
mir!  Schtte kein Blut mehr ber mein Haupt... Es verwirrt und
erstickt mich.--Sehen darfst du die Frstenmrder nicht mehr!
Verbirg sie im Kerker, aber la sie leben um meinetwillen!"

Der Herzog sann mit geneigtem Haupte, dann sagte er: "Ich tue es
ungern, es schdigt mein Frstenrecht.  Aber ich will es lieber, als
da dich zwei abgeschlagene Hupter ngstigen und zwei Tote in die
Gruft nachziehen.

Ich tue es dir um des vielen willen, was du fr Ferrara getan hast.

Man ffne den Balkon!  Wir treten hinaus, und Ihr, Grorichter, leset
das Urteil mit dem Zusatze der blichen Begnadigungsformel."

Sie erhoben sich; der Kardinal aber blieb an der heruntergebrannten
Glut sitzen.  Er lie sich eine Decke ber die Knie legen, lehnte
sich in seinem Stuhle zurck und schlo die Augen.  Er wnschte nicht,
als Zeuge der ihm gewhrten Begnadigung gesehen zu werden.

Diener brachten Mntel, Kopfbedeckungen und berwrfe, um die ins
Freie tretenden Herrschaften vor der Winterklte zu schtzen.

Whrend Lukrezia sich in die Kapuze eines blendend weien, aus der
feinsten flmischen Wolle verfertigten Nonnenmantels hllte und Donna
Angela ihr dabei behilflich war, nherte sich ein Page mit
unschuldigem Gesicht, bog rasch, wie ein Chorknabe vor dem Altar, das
Knie vor der Herzogin und berreichte ihr in einer silbernen Schale
zwei verschiedene Briefe, ein umfngliches Schreiben und ein leicht
zu verbergendes Briefchen.

Lukrezia lie einen schnellen Blick auf ihre berschriften fallen.
Es war die schnflieende Handschrift Bembos und auf dem kleinen
Briefchen--Lukrezia erschrak zu Tode--das feine Frauenschriftchen
Csar Borgias.

Sie lie beides in ihren weiten weien rmel gleiten, und da Angela
sie mit ngstlicher Frage anblickte, legte sie, Schweigen fordernd,
den Finger an den Mund.

Die Frauen traten auf den Balkon hinaus und erblickten in dem engen
Hofe auf dem Schafott ganz nahe unter sich die beiden Brder.

Das Schneegestber hatte aufgehrt, und ein lichter Abendhimmel
blickte von hoch oben zwischen Mauern und Trmen herab.

Das wimmernde Glcklein schwieg, und Herkules Strozzi, der zwischen
dem mit beiden Hnden auf den eisernen Korb des Balkons sich
sttzenden Herzog und Lukrezia stand, begann das Urteil mit vlliger
Gedankenlosigkeit vorzulesen.  Denn das wunderbare Weib an seiner
Seite zitterte unerklrlich unter der weien Wolle, und ihre blassen
und doch feurigen Augen schauten gro und geisterhaft unter der
Kapuze hervor.

Er empfand jene seltsame Angst, welche die Begleiterin der hchsten
Leidenschaft ist.

Whrend er die Begnadigungsformel verlas, welche die Todesstrafe in
ewigen Kerker verwandelt, und die also beginnt:

"Die Hoheit, aus der Flle ihrer Macht und zugleich aus dem Born
ihrer Gnade schpfend..." erhoben die Begnadigten ihre Hupter und
schickten sich an, dem Herzog zu danken.

Don Ferrante hatte sich mit verndertem Entschlusse wrdig in
schwarzen Sammet gekleidet, und seine Zge, frei von den Zuckungen
und Verzerrungen, die sie zu entstellen pflegten, waren ernst und
gelassen.

"Ich danke dir, Bruder Herzog", begann er, "aber ich nehme deine
Gnade nicht an.  Ich habe mein Leben stets verabscheut; warum, wei
ich nicht.  Und da ich es nicht liebte, habe ich es mibraucht und
mich und andere verachtet.  \XDCberall, wohin ich darin zurckblicke,
sehe ich nichts als trichte Larven, Hohlheit, Neid und Nichtigkeit...
nirgends eine reinliche Stapfe, wo Erinnerung den Fu hinsetzen
knnte, ohne ihn zu beschmutzen!  Ich frchte mich vor dem Leben, das
du mir schenkst!  Und ich sehne mich, meines Ichs und seiner Angst
ledig zu sein.--Lebet wohl, Brder!"

Er zog eine kleine, mit flssigem Gift gefllte Phiole, die er sich
mit Gold fr alle Flle erkauft hatte, aus dem Busen und zerdrckte
sie zwischen den Zhnen, bevor ihn jemand daran hindern konnte.  Er
strzte rcklings nieder und begann schmerzlich zu rcheln.

Whrend der erschrockene Pater Mamette sich ber den schon Entseelten
beugte, brachten die Scharfrichter einen der bereitgehaltenen Srge,
der Mnch bettete den Toten hinein, und sie trugen ihn weg.

Der Blinde war ganz allein auf dem Blutgerste stehengeblieben und
weinte, denn er hatte gehrt und erraten, was vorging.

Dann wandte er das Haupt nach der Zinne, wo seine Begnadigung
verkndigt worden war, hinauf zu dem schweigenden Don Alfonso, den er
dort vermutete:

"Herzog, ich bin dankbarer fr das Leben.  Nicht wie Don Ferrante
vergelt ich deine Gabe!  Ich habe den Reichtum meines Daseins wie ein
Unsinniger verschwendet.  Nun ich blind bin und unter die rmsten der
Armen gehre, schtze ich das Almosen und halte es teuer.  Ich bin
von den Reichen zu den Armen gegangen.  Ich bin gestrzt und an der
andern Seite der Kluft emporgeklommen, welche die Genieenden und
Satten der Erde von den Hungrigen und Durstigen trennt.  Die Freude
und ihre Genossen habe ich verlassen--ich gehe zu den Leidensbrdern.
Ja, redlich leiden und dulden will ich, und darum dank ich fr das
neue Leben!"  Da richtete der Herzog fast gtig das Wort an seinen
blinden Bruder:

"Ich habe nicht alles begriffen, was Ihr geredet habt, Don Giulio;
aber ich entnehme daraus, da Ihr leben und Euch bessern wollt.  Das
ist ebenso verstndig als christlich.  So reut es mich nicht, da ich
Euch begnadigt habe." Und er gab das Zeichen, den Este in sein
Gefngnis zurckzufhren, das im Eckturme eines andern Hofes lag.

Er hatte noch nicht geendet, so verlie Donna Angela, die unter einer
leichten schwarzen Halbmaske der Begnadigung beigewohnt hatte, auf
fliegenden Sohlen die rmische Kammer, um, ber Gnge und Stiegen
eilend, ihr abgelegenes Turmgemach zu erreichen.  Unter ihrem Erker
mute der Gefangene vorbeigefhrt werden, und dort pflegte sie
duftende Rosen.  Davon brach sie die schnste und ffnete leise das
Fenster.

Jetzt kam er mit Pater Mamette, der ihn an der Hand fhrte.  Sie warf
ihm die Rose zu.

"Da fliegt eine rote Rose auf Euch nieder", sagte der Franziskaner,
indem er sie geschickt auffing und dem Blinden berreichte.  "Eine
Gte Gottes begleitet Euch ins Gefngnis!"--und als der Blinde nach
der falschen Seite hin sich verbeugte: "Nach rechts, Herrlichkeit!
Die Blume fiel vom Fenster der Prinzessin Angela."

Da winkte Don Giulio mit beiden Armen empor und rief:

"Ich gre dich, geliebtes Unglck!"  Auf dem Balkon des Urteils
hatte whrend der Rede Don Alfonsos Lukrezia mit feinen Fingern den
Brief Don Cesares geffnet und in verborgener Eile gelesen.  Er
lautete ehrgeizig und unheimlich fromm: "Schwester, vernimm, da es
nach so vielen Widerwrtigkeiten Gott unserm Herrn gefallen hat, mich
aus dem Kerker zu ziehen.  Mge diese herrliche Gnade zu seiner
grern Ehre gedeihen!  Ich strebe nach allem und verzweifle an
nichts.  Sende mir einen Mann nach Deiner Wahl, den besten und
begabtesten, den Du finden kannst, der mir in Italien dazu behilflich
sei.  Nimm von ihm, wie Du es kannst, fr mich Besitz.  Du wirst
wagen, denn Du liebst mich.  Schicke mir ihn zu meinem Schwager dem
Herzoge von Navarra.  Ich umarme Dich."

Mit brennenden Wangen, in der Schnheit des Wahnsinns, unfhig, dem
Dmonenruf zu widerstehen, unempfindlich in diesem Moment fr Furcht
und Ehre, bestrickte Lukrezia den Richter, Leib und Seele, mit einem
Blicke der Verfhrung.

Sie hielt ihn auf dem Balkone zurck, whrend der Herzog ins Gemach
trat und sich an den Tisch setzte, der sich inzwischen mit eben
angelangten, alle von Rom oder Neapel kommenden, an ihn und den
Kardinal gerichteten Briefen bedeckt hatte.

Der beim Eintritte der Boten auflebende Ippolito hatte sich erhoben
und gesellte sich seinem Bruder.  Sie entsiegelten die Botschaften
und waren bald in das wichtigste Gesprch versunken; denn alle diese
Papiere handelten nur von einem Gegenstande, der Befreiung des Cesare
Borgia und der Aussicht auf seine baldige Erscheinung in Italien.

Der fernblickende Kardinal war von der Gre der politischen Gefahr
berzeugt und hingenommen, doch entging ihm auch das Nchste nicht,
er ahnte den Zusammenhang.  Sein Auge streifte den jetzt mit der
Herzogin in einer Fensternische sich unterhaltenden Grorichter und
verfolgte die reizenden Biegungen und Wendungen ihres zarten
Schlangenhalses.

Mit dem frevelhaftesten Mut nahm in Gegenwart des Herzogs Lukrezia
Borgia von Herkules Strozzi fr den Bruder Besitz.  Der verwildernde
Strozzi verlangte noch frevelhafter seines Wunsches gewhrt zu sein,
bevor er in so gefhrlicher Sendung das Leben wage.  Da bebte
Lukrezia vor Zorn und Abneigung.

"Geh!" flsterte sie ihm zu, und das Licht ihres Verstandes
durchblitzte ihre Leidenschaft.  "Geh zu Cesare!  Schiebe nicht auf!...
Willst du warten, Tor, bis der Herzog das Kommen meines Bruders
erfhrt und uns allen bei Lebensstrafe verbietet, mit ihm zu
verkehren?... Dann erst ist dein Leben verwirkt.  Eile!... Sieh
hinber... jetzt vernimmt er das Ereignis!  Fort aus den Toren von
Ferrara!"

Strozzi zgerte aus schlimmen Absichten, und schon kam der Rat zu
spt.

Vor dem Herzog stand sein Haushofmeister, dem er den Auftrag gab,
sofort den ganzen Hofstaat und alles Ingesinde des Palastes in die
rmische Kammer zusammenzurufen.

In wenigen Minuten fllte sich diese.  Der Herzog trat in die Mitte
der Versammlung und redete, Lukrezia fest an der Hand haltend:

"Ihr alle!  Eben erhielt ich gewisse Nachricht, da Don Cesare Borgia,
den sie den Herzog der Romagna nannten, aus Spanien entflohen ist
und jeden Augenblick unter uns erscheinen kann.

Dieser Mann ist ein Zerstrer und Verderber Italiens.  Wer von euch
mit ihm sich einlt, auf welche Weise immer es sei, bt dafr mit
dem Leben.  Ohne Unterschied!  Ohne Gnade!

All dieses unbeschadet meiner Hochachtung und eurer Verehrung fr
Donna Lukrezia, eure erlauchte Frstin, der ich traue wie mir selbst,
und der ihr zu gehorchen habt wie mir selbst."

Er drckte ihr die Hand und sie gab ihm einen warmen Dankesblick,
obgleich sie ihn verriet.


Bei dem allgemeinen Aufbruch begleitete der Oberrichter den Kardinal,
der sich, die Treppe hinabsteigend, auf ihn sttzte, bis zu seiner
Snfte, und dieser scherzte:

"Eigentlich ist es kein Wintergesprch... aber sagt mir, Strozzi, wie
stellt Ihr Euch das Gefhl einer Mcke vor, die sich die Flgel an
einer brennenden Kerze versengt?  Meint Ihr, da sie Schmerz fhle?
Ich meine, kaum, sonst wrde sie sich nicht immer von neuem in die
glnzende Flamme strzen!  Ich denke, sie stirbt in Rausch und
Taumel!... Nicht?"



Zehntes Kapitel


Nachdem Lukrezia auf jenem Balkon ber dem Blutgerst der beiden Este,
von dem Triumphschrei und Hilferuf Don Cesares erschreckt und
berwltigt, in pltzlichem Liebesgehorsam gegen ihren Bruder den
Richter Strozzi zu ihrem Mitschuldigen gemacht hatte, fiel sie ein
paar Stunden spter, aus dem Zauber halb erwachend, in Reue und
fhlte sich voll Bitterkeit gegen den feigen Mann, der, statt vor
ihrer Schwche enthaltsam zurckzutreten, das Verhngnis ihrer alten
Knechtschaft mibrauchte, um, der Niedrige, Forderungen zu stellen,
die sie, solange sie ihrer selbst und ihrer vollen Besinnung mchtig
blieb, niemals gewhren konnte.  Ein tdlicher Widerwille gegen den
seiner Leidenschaft blind gehorchenden Richter, der ihr, seiner
Frstin, einen gemeinen Handel antrug, bemchtigte sich ihrer.  Sie
war schuld daran, und sie hate ihn darum.

An jenem Abend entfaltete Lukrezia in der Heimlichkeit ihres
Schlafgemachs ihren zweiten Brief.

Hier meldete ihr der treue Bembo von Rom aus die Wiedererscheinung
Don Cesares in Italien und beschwor sie kniefllig, so schrieb er,
nicht einen Augenblick zu zgern, sondern sich ihrem Gemahl flehend
in die Arme zu werfen und dort durch das Bekenntnis ihrer Schwche
Schutz gegen sich selbst zu suchen.

ber dem Brief war sie todesmde bei brennenden Kerzen in Schlummer
gesunken, aber aus den beginnenden Trumen wieder aufgefahren.  Es
hauchten Geisterwinde und bewegten die Flmmchen der Kerzen.

Sie starrte in eine dunkle Ecke, bis ihre unverwandten Blicke dort
die Erscheinung Csars gestalteten.  Jetzt, jetzt trat er hervor und
schritt auf ihr Lager zu, die Samtmaske, die er immer trug, von den
wohlbekannten, bleichen Zgen hebend.

Da stie Lukrezia durchdringende Schreie aus und weckte damit die in
der Kammer nebenan schlafende Angela, die ihr zu Hilfe eilte und bis
zum Hahnenschrei neben ihr sa.

Im ersten Morgenschimmer las die Herzogin den Brief Bembos zum andern
und zum dritten Male.  Dann erhob sie sich schleunig und lief im
Schlafgewand auf nackten Sohlen ber die kalten Steinplatten der
Schlognge in die Kammer Don Alfonsos.

Sein Lager war leer.  Er war in noch frherer Stunde verreist, eine
Zeile zurcklassend, er eile nach Bologna, um bei der Gefahr dieser
Zeit an der Seite seines Lehnsherrn, mit dem nicht zu scherzen sei,
der Heiligkeit Julius' des Zweiten, in Treue gefunden zu werden.  Er
gebe seiner Gemahlin die Regentschaft und zum Berater den Kardinal
Ippolito.

Hilflos, schutzlos, weinend wie ein Kind, kehrte Lukrezia in ihre
Kammer zurck.

Im hellen Tageslicht wichen die Gespenster, doch die Herzogin, deren
der Bruder sich nach und nach wieder vllig bemchtigte, begann mit
allen Krften ihres Geistes fr ihn zu wirken und jede Stunde ihres
Lebens in seinem Dienste zu verwenden, indem sie sich einbildete, sie
tue aus treuer Schwesterliebe, die das Natrlichste in der Welt sei,
Erlaubtes und Unerlaubtes fr einen groen und unglcklichen Frsten,
ihren geliebten Bruder.

War er nicht noch ein Jngling mit unendlicher Zukunft?  Von seiner
Berechtigung aber, in seinen verlorenen Besitz zurckzukehren und in
Italien die Herrscherrolle zu spielen, kraft seiner Geburt und seiner
seltenen kniglichen Begabung, war sie vllig berzeugt.

Dem Grorichter hatte sie eine Zeile geschrieben, welche die geheime
Botin, ihre Kammerzofe, ihr wieder zurckbringen mute und worin sie
ihm sagte, sie habe gestern in der rmischen Kammer in Freude und
Bestrzung ber den unerwartet befreiten Bruder Worte geredet, auf
die sie sich nicht mehr besinne, und deren sich Strozzi auch nicht
erinnere, warum sie ihn nicht einmal bitte, weil sich das bei einem
Edelmanne von selbst verstehe.


Der Anfang des neuen Jahres war eine Zeit der Angst und Gefahr fr
ganz Italien.  Die Vlker waren aufgeregt.  Die Hfe lauschten in
atemloser Spannung ber die Meeresalpen und die Pyrenen, whrend
Csar anfangs wenig von sich hren lie und sich, wie der Drache
seiner Helmzier, aus seinen eigenen Ringen langsam emporhob.

Welche Mglichkeiten!

Er konnte aus der herrenlosen Romagna als Kondottiere der Venezianer
den Papst verjagen.  Er konnte, als Verwandter des Knigs von
Frankreich, durch irgendeine Wandlung der Dinge, von diesem an die
Spitze eines seiner in Italien liegenden Heere gestellt werden.

Man wute, es war eine Tatsache, da Cesare Borgia in Italien beliebt
war.  Der Instinkt des Volkes und die Begeisterung der Kriegsleute
feierten ihn als den Begnstiger der heimischen Waffen und den
grausamen, aber ntzlichen Vertilger der kleinen Stadttyrannen.  In
der Romagna, ja selbst im Ferraresischen, dem Eigentum der Este,
vergtterte ihn die Volksmasse und krnte sein Andenken, wie einst
das unterste Rom das Andenken Neros bekrnzte, an dessen Untergang es
auch niemals hatte glauben wollen.

Es war ein unheimliches Frhjahr.  In den Staatskanzleien wachten die
Schreiber ber der Feder, und nchtlicherweile flogen auf den
sturmgepeitschten Landstraen die Pferde vermummter Boten.

Die Herzogin erschien bla und angegriffen; denn auch sie legte die
Feder nicht aus der Hand.  Es galt, die befreundeten italienischen
Hfe von den guten Absichten Cesare Borgias zu berzeugen.  Sie
versicherte sowohl mit den heiligsten Beteuerungen als mit den
feinsten und anmutigsten Wendungen, er komme mit edlen, friedlichen
Gedanken und gerechten Absichten.  Und dies tat sie aus eigener
Klugheit noch vor der Ankunft des zweiten Boten ihres Bruders.

Dieser, ein gewisser Federigo, kam mit einem Schreiben an die
Herzogin von Ferrara und in einer Sendung an Papst Julius, den
Eroberer von Bologna.  Der Heilige Vater aber warf den Gesandten
Csars in den Kerker, und Lukrezia gab sich viele vergebliche Mhe,
den Kanzler ihres Bruders, wie sie den Abenteurer betitelte, von der
gestrengen Heiligkeit loszubitten.  Auch den eigenen Gemahl bat sie
dringend, ihr in dieser Sache beizustehen.  Doch Don Alfonso riet dem
Papste im Gegenteil, den zweideutigen Gesandten in der Stille
erdrosseln zu lassen--ebenfalls vergeblich, denn der Bote
entschlpfte.

Dergestalt hatte die Herzogin hundert Anliegen und Geschfte
zugunsten ihres Bruders.  Alle mit der hchsten Klugheit eingeleitet,
gefrdert oder aus Vorsicht geschickt wieder abgebrochen.

Durch wenige Zimmerbreiten von ihr getrennt, bemhte sich in
demselben Schlosse bis tief in die Nacht der leidende Kardinal, ihre
Verbindungen mit Don Cesare aufs genaueste zu berwachen und alle
ihre Plne zu studieren, um sie bis auf einen gewissen Punkt reifen
zu lassen und dann zu vereiteln.

Vor seinem Zurcktritte aus dem ferraresischen Staatsdienst und der
Entlassung seiner ausgesuchten und vorzglich geschulten
polizeilichen Werkzeuge reizte es ihn, sein diplomatisches
Meisterstck zu liefern.

So berblickte er das ganze Gewebe Lukrezias und bewunderte in der
Stille seiner Arbeitsrume den Vorrat schrfsten Verstandes und
unerschpflicher Ausknfte, welchen die Herzogin in einer zum voraus
verlorenen Sache anwendete.  Denn er fing ihre Briefe auf, las sie,
versiegelte sie wieder kunstvoll und schickte sie dann gewissenhaft
an ihre Bestimmung mit sie begleitenden Schreiben entgegengesetzten
Inhalts aus seinem Interessenkreise, welche die Wirkung der ihrigen
vollstndig zerstrten.

Und das tat er, ohne da Lukrezia eine Ahnung davon hatte.  So hatte
es der Herzog angeordnet, der die Gemahlin mehr als je liebte und um
jeden Preis schonen, in keiner Weise blostellen wollte; denn er
wute, da die kluge und reizende Lukrezia bei der Annherung Csars
ihrer selbst nicht mehr mchtig war und, wieder in den Bann ihres
alten Wesens, ihrer frheren Natur gezogen, schuldvoll und schuldlos
sndigte.

Demselben Wohlwollen gegenber dem verfhrerischen Weibe verfiel auch
der Kardinal.  Er bewunderte den schtzenden Zauber des von ihr
ausgehenden Liebreizes und verbndete sich, soweit es in Alfonsos
Interesse mglich war, mit dieser seltsamen Macht, welche Lukrezia
von jung an aus begrabenen Wellen gehoben und wie auf Schwingen ber
zerschmetternde Abgrnde hinweggetragen hatte.

So geno er, die Kluge stndlich tuschend, kein Vergngen der
Bosheit, sondern er glich dem Arzte, der von einer lieben Kranken,
die an Wahnsinn leidet, Gift und ttende Waffen entfernt.

Auch die Regentin, obgleich sie das Gegenspiel des Kardinals
teilweise zu erraten begann, blieb ihm aus Klugheit und unbewuter
Achtung einer verwandten Anlage gleicherweise gewogen.

Sie zog ihn oft zur Tafel, und dann entspann sich bald das
anregendste Gesprch, in welchem eines das andre zu entrtseln und zu
erhaschen suchte, dem feinsten Schachspiele vergleichbar.  Nur da
die Herzogin jeden Vorteil emsig bentzte, whrend der berlegene
Kardinal sie mitunter lchelnd auf einen von ihr begangenen Fehler
aufmerksam machte oder eine von ihm genommene Figur gromtig stehen
lie.

Federigo, Csars Bote, hatte der Herzogin, bevor er nach Bologna zu
der Heiligkeit des Papstes zog und von ihm gefesselt wurde, im
Geheimnis den zweiten Brief des Bruders bergeben.  Es war ein
Schreiben von wenigen dringenden Linien, zwischen denen, nur dem Auge
Lukrezias sichtbar, verruchte Anschlge und teuflische Einflsterungen
liefen.

Nachdem der Verfhrer gemeldet, er habe mit dem Knige von Frankreich
angeknpft, bis jetzt zwar ohne Erfolg, den er abwarten knne, da er
frs erste nach Italien strebe, schrieb Csar: Um dort Fu zu fassen,
bedrfe er durchaus eines Gehilfen, eines ungewhnlichen Mannes von
bedeutenden Eigenschaften und ebenso geflliger als imponierender
Erscheinung.  Er wisse einen, wahrlich wie gemacht, ihm zu dienen,
den Richter Herkules Strozzi.  Er kenne ihn wohl, denn der Vater
ihres Gemahles, weiland Herzog Herkules, habe ihm diesen Strozzi,
einen Jngling von klassischen Zgen und strengem Betragen, als
seinen Geschftstrger in die Romagna gesendet, damals, da er auf dem
Gipfel seiner Macht gestanden, welchen er mit Gottes und des
Schicksals Gunst und der geliebten Schwester Hilfe wieder zu
ersteigen hoffe.

"Teuerste", schlo er, "tue, was Dir mglich ist, das Grte und
uerste, um diesen einzigen, den ich als einen Bruder schtze, fr
mich zu gewinnen."

Lukrezia erbleichte ber dem Briefe.  Aber sie hatte jetzt seit
Wochen wieder mit Cesare in seinen vielen, auch seinen jugendlichen
und liebenswrdigen Gestalten zusammengelebt.  So hatte er sich,
obschon ein Abwesender, wieder mit ihrem ganzen Denken verschmolzen
und ihre Seele mit seinem Frevelsinn verpestet.

Zwar sie widerstrebte krftiger als frher dieser schmachvollen
Sklaverei.  Aber war sie nicht an Csar, als an ihr Schicksal,
geschmiedet, seit er sie vom Sterbelager ihres zweiten, von ihm
gemordeten Gemahles wegri, und sie den Widerstand verga?

Sie gehorchte ihm wiederum.

Sie berief den Richter, hielt aber Angela neben sich und fate sie
bei der Hand, um nicht einen Augenblick mit ihm allein zu sein.

Herkules Strozzi wurde in das enge Oratorium der Herzogin gefhrt,
die ihm schweigend den Brief ihres Bruders bot.

Nachdem er ihn gelesen--nur einmal, denn die tckischen Worte, die
seine Leidenschaft stachelten und ihr schmhliche Dienste zu leisten
schienen, hatten sich ihm schon auf ewig eingebrannt--, schwieg er
und schwelgte in glhenden Trumen.  Er sah Cesare siegreich nach der
Krone Italiens greifen.  Er sah sich selbst als seinen Kanzler an
seiner Seite.  Der Herzog von Ferrara war verschwunden, wohl von
Cesare Borgia ausgelscht und aus der Mitte getan.  Lukrezia wiederum
Braut, jugendlicher und heller als je, stand vor seinen trunkenen
Augen in derselben triumphierenden Lichtgestalt, wie er sie bei ihrem
Einzuge in Ferrara geschaut hatte.

Er sah sie mit den Blicken seiner taumelnden Sinne, denn, die vor ihm
stand, war eine andre.  Zwar lchelte sie auf das Gehei des Bruders,
doch die groen lichten Augen starrten versteinernd, wie die der
Meduse.  Er aber sah sein Verderben nicht.  Heuchlerisch redete er,
der geborene Republikaner, von Csar Borgias Gerechtigkeit, die er
immer bewundert habe.  Die Kleinen und Schwachen habe der Gromtige
geschtzt und gehegt, wie der Blitz Jupiters habe er nur die stolzen
Zinnen getroffen.  Er pries die Tugend der Strke.  Er lobte die
Gewalttat, die durch die Unterdrckung des Rechts in das hhere Recht
zurckfhre.  So erschpfte er das ganze ekle Wrterbuch des
Tyrannenlobs; und er wre ein Abscheulicher gewesen, wenn er geglaubt
htte, was er sagte; aber er redete unberzeugt und leer, whrend er
nur ein Begehr hatte, der vor ihm stehenden Lukrezia irgendeine
Gewhrung, einen Lohn abzulocken oder abzuzwingen.

Zuweilen stammelte er dieses Ziel verfolgende, irre Worte, unheimlich
gemischt mit dem Lobliede der Gewaltherrschaft.  Dann aber sah er
pltzlich auf dem Munde Lukrezias ein Lcheln zucken, bitter wie der
Tod.  Er sah die ernsten und tieftraurigen Augen Angelas unter
richtenden Brauen auf sich geheftet.  Und, mehr als der Prunk der ihn
umgebenden Kruzifixe und heiligen Bilder, erschreckte ihn der stumme
Vorwurf des unschuldigen Mdchens.

Er mute darauf verzichten, das kleinste gewhrende Wort mit sich zu
nehmen.

Da sann er eine Weile mit verschrnkten Armen und unglcklichem
Antlitz.

"Ich gehe zu Don Cesare!" sagte er dann.  "Was schickt Ihr ihm durch
mich, Madonna?"

"Euch selbst!" antwortete Lukrezia.  "So sieht der Bruder, da ich
ihm gehorche."

"Darf ich sagen, da Ihr ihm willig gehorchet?"

Lukrezia antwortete nur mit einem schwachen Lcheln.  Rasch
verschwand er.

Da umschlang das Mdchen die Schultern Lukrezias und fragte sie, Auge
in Auge:

"Was wollte der Mensch mit seinem Lallen immer und immer wieder
sagen?  Was erhlt er zum Lohn?  Was gibst du ihm?--Den Tod?..."

Die Herzogin lchelte wiederum und lie die Fragerin allein.

Diese warf sich auf den Betschemel nieder.  Aber, das Vaterunser
flsternd, konnte sie den Gedanken nicht loswerden:

"Mit einem unberlegten Worte habe ich einen Menschen geblendet und
kann es nie verwinden!  Diese aber lchelt, indem sie einen Menschen
berlegterweise in den sicheren Tod sendet."

Doch hielt sie sich darum nicht fr die Bessere, sondern verschlo
das gemeinsame Elend in ihrer barmherzigen Brust.


Es war an einem Mrztage nach Mitte des Monats, da der Kardinal bei
schon geffneten, mit dem blausten Lenzhimmel gefllten Fenstern bei
der Herzogin speiste.

Da fiel das Gesprch gelegentlich auf den Grorichter Herkules
Strozzi, von dem der Kardinal behauptete, er habe Ferrara heimlich
verlassen.

Darauf uerte die Herzogin, unmerklich erbleichend, ihre
Verwunderung, da ein so gewissenhafter Beamter eine lngere Reise
ohne Urlaub unternommen habe, welchen zu erteilen die Sache der
Regentin sei, wie sie glaube.

Der Kardinal erwiderte, Herkules habe sich bei seinen zwlf Kollegen
beurlaubt, wohl mit dem Gedanken, in Abwesenheit des Herzogs drfte
das gengen.  \XDCbrigens habe er vorgewendet, eine Familiensache der
Strozzi verlange seinen schleunigen Besuch in Florenz.

Die Herzogin und der Kardinal ergingen sich dann in allerlei
Vermutungen ber die wahre Ursache dieser Abreise; da sie aber eine
einleuchtende nicht finden konnten, vereinigten sie sich dahin, die
vorgegebene knnte am Ende die wahre sein.

Beide wuten mit voller Gewiheit, da Herkules Strozzi bei Csar
Borgia war.

Wenn ihre Augen htten den Raum durchdringen knnen, so htten sie
die beiden gesehen, den gefrchteten Herzog und den Richter, vom
Wirbel bis zur Zehe gepanzert, wie sie unter einem glorreichen
Sdhimmel durch blhendes und duftendes Heidekraut an den Krmmungen
eines Absturzes emporkrochen, ber sich die vier steilen Trme einer
gotischen Burg mit Mordgngen und Schiescharten, sie beschleichend,
nebst vielen andern Bewaffneten.

Sie htten gesehen, wie ein Steinregen von den belagerten Zinnen
sprang und manchen Klimmenden in den Abgrund warf.  Gesehen, wie
jetzt ein Block sich von der Burg herabwlzte, in gewaltigen Stzen
von Fels zu Fels sprang, den schrecklichen Sohn des Papstes traf und
ihn zerschmettert in die Tiefe strzte.



Elftes Kapitel


April kam und berschttete Ferrara mit Blten.  Lukrezia lie die
Muler der herzoglichen Stlle bepacken, denn sie wollte nach einem
ihrer Landhuser hinausziehen.

An einem schon die Siesta verlangenden Nachmittage sa sie mit Donna
Angela an dem offenen Fenster lssig vor dem Schachbrett und lauschte
dem Singen ihres im Hofe beschftigten Gesindes und der Treiber.  Es
war ein Liebeslied, welches der ppige Lenz erregte, aber die
Ehrfurcht dmpfte.

Jetzt verstummte dieses vllig, und unter dem Hoftore klirrte der
Hufschlag von Pferden.

"Gste!" sagte Donna Lukrezia, und die Frauen erhoben sich.

Die Diener, welche ihm die Tr ffneten, wegdrngend, trat der Herzog
ein.

"Ich komme von Rom", begann der Staubbedeckte, "und bin scharf
geritten, da ich mich nach Euerm Antlitz sehnte, liebe Frau"--er
ergri und kte ihre Hand--"und bin herzlich froh, wieder bei Euch
zu sein!  Doch bedaure ich, Euch eine Trauerbotschaft zu bringen.
Euer erlauchtester Bruder, der Herzog von Romagna, ist nicht mehr
unter den Lebenden.

Die Nachricht ist sicher.  Sie kam ber Neapel und fand mich in Rom."

Er zog einen Brief aus dem Wams und entfaltete ihn.

"An den Iden des Mrzes, wie einst der rmische Julius Csar, sein
Vorbild und Namenspatron, fiel Don Cesare in einer Schlucht vor dem
spanischen Schlosse Viana, das er im Dienste seines Schwagers, des
Knigs von Navarra, mit groer Tapferkeit berannte.--Also steht hier
geschrieben."

Solches berichtete der Herzog mit diplomatischer Genauigkeit.  Doch
fgte er bei: "Ein frher und ritterlicher Tod!" Dann schlo er mit
Frmmigkeit:

"Requiescat in pace!  Requiem aeternam dona ei, domine!"

Whrend dieser Rede beobachtete er die Herzogin aufmerksam.

Diese war eine Weile versteinert gestanden.  Dann brach sie mit einem
Schrei zusammen und sank in die Knie.  Nicht anders als ein geraubtes
Weib, welches ihr von einem Pfeile durchbohrter Entfhrer pltzlich
fallen lt.

Auch der Herzog, der keine Dmonen kannte, sah sie aus unsichtbaren,
sie umklammert haltenden Armen strzen.  Er hob die Gesunkene an
seine Brust, die sie mit ungezhmten Trnen berstrmte.

"Du mut wissen... la dir's sagen... ich verriet dich... ich
migehorchte dir...", schluchzte sie erstickend.

Der Herzog aber beruhigte sie liebevoll.  "Jetzt, Lukrezia", sagte er,
"erst heute wirst du ganz und vllig die Meinige.  Siehe, bis dahin
besa dich der Geist deines Hauses, der mein Gefhl beleidigt und
mein Urteil herausfordert.  Ich habe mich mit dir vermhlt aus
Staatsgrnden und aus Gehorsam gegen meinen Vater, ohne dich zu
kennen, auer durch das unheimlichste Gercht.  Hchst widerwillig!
Als ich dich aber erblickte, bezaubertest du mich!  Denn welcher
Sterbliche mag dir widerstehen?

Auch erfllte mich dein guter Wille, den ich wohl unterschied, und
dein ernstes Bestreben, dich von den unmglichen Sitten und dem
gesetzlosen Denken deiner Familie zu trennen und den schtzenden
Boden eines rechtlichen Daseins zu betreten, mit Sympathie, ja mit
Ehrerbietung.  Das Blut der Borgia begehrte tglich in dir aufzuleben
und dich zurckzufordern.  Doch, siehe, nun bist du frei geworden.
Die Deinigen alle sind verstummt und bewohnen die Unterwelt, woher
keine Stimme mehr verwirrend zu den Lebenden dringt."

Lukrezia seufzte schwer.  Es war ein tiefer Schmerzenston und
zugleich ein Aufatmen der Erleichterung und Entbrdung.  Und dann kam,
wie das Blut aus einer Wunde sprudelt, ein reuiges Klagen, ein
verzweifeltes Sichgehenlassen, ein nacktes Gestndnis dessen, was sie
von jeher fr Csar gesndigt und von ihm erlitten.

Don Alfonso erfuhr nichts Neues.  Aber Angela, deren Gegenwart
Lukrezia unter der bermacht ihres Gefhles verga oder fr nichts
achtete, wechselte die Farbe und erduldete fr die andere alles
Entsetzen des Frevels und alle Qualen der Schande.

Jetzt umfing Lukrezia, vor dem Herzog niederstrzend, seine Knie,
ergriff seine Hnde und bedeckte sie mit Kssen.  "Ich bin die Maria
Magdalena", schluchzte sie.  "Mein Herr hat mir vergeben, und jetzt
ist kein Teilchen meines Wesens mehr, das nicht sein eigen wre...
Ich habe das Leben verwirkt, dein Gebot bertretend, aber du schenkst
es mir!  Und nun darf es nicht mehr mein, sondern es soll das deinige
werden!...

Herr", sagte sie unversehens mit einer schmeichelnden Gebrde, "ich
habe ein Anliegen an Euch."

Der Herzog glaubte, sie wolle ihm von Strozzi reden und zog die
Brauen zusammen.

"Gestattet mir", bat sie, "da ich von nun an den Bugrtel trage!"

Don Alfonso lchelte.  "Ich erwartete ein anderes Ansinnen", sagte er.

"Und welches?" fragte sie.

"Eure Frsprache, Madonna", erwiderte der Herzog, "fr einen
Schuldigen, der seinen Kopf aufs Spiel gesetzt und ihn verloren hat."

"Wen meint Ihr?" fragte Lukrezia, ehrlich verwundert.

Herkules Strozzi war ihrem Gemte gnzlich entfallen, seit er ihr
durch den Tod des Bruders entbehrlich und gleichgltig geworden war,
und der Herzog empfand die Genugtuung, da der stolze Rmerkopf nicht
im Gedchtnisse seines Weibes, noch weniger aber in ihrem Herzen
hafte, ja, da Strozzi unmglich jemals den geringsten Wert fr
Lukrezia besessen haben konnte.

Das stimmte ihn gndig, so strenge er sonst jeden Ungehorsam zu
ahnden pflegte.  Er betrachtete sein Weib, das er nun als ein
gesichertes Eigentum besa, mit einer Art von Rhrung.  Noch nie
hatte er sie schner gesehen.

Die Goldhaare, die sich whrend ihres leidenschaftlichen
Bekenntnisses gelst hatten, ringelten sich um ihre vollkommenen
Schultern, und die zartblauen Augen brannten feurig.

Er hob eine ihrer blonden Lockenschlangen zum Munde und kte sie mit
Inbrunst.  Dann sagte er, als der Mann der Ordnung, der er war:

"Ruhet vor dem Mahl ein wenig, Herzogin, und rufet Eure Frauen, da
sie Euch zurechtmachen.  Denn, wenn Ihr so seid, werde ich auf das
Licht und die Luft, die Euch umgeben, eiferschtig."

Angela zitterte vor Emprung, da Lukrezia in unglaublicher
Selbstsucht ihren Mitschuldigen verga, und in ihrem innern Jammer
warf sie sich vor, da auch sie ihren unglcklichen Blinden in seinem
Kerker vergesse.  Es war ein ungerechter Vorwurf, den sie sich machte,
denn sie drckte, bildlich gesprochen, ihre Stirn, und deren
Gedanken, ohne Unterla und bis zum Schmerze an die Eisenstbe seines
Kerkerfensters.

Als sie bei Kerzenschein neben der Herzogin am Sptmahl sa,
berwltigte sie dies Jammergefhl, und da sie Lukrezia die Speisen,
welche sie dem Herzog zrtlich vorlegte, kosten und ihm roten
Neapolitaner, zuerst davon schlrfend, kredenzen sah, war es ihr, als
trinke Lukrezia Menschenblut.

"Base", flsterte sie ihr zu, "verget Ihr das verwirkte Haupt?"

Lukrezia erschrak und erinnerte sich.  Des Herzogs Schulter mit den
zarten Fingern berhrend, fragte sie leichthin: "Schenkst du mir den
Strozzi, Alfonso?"

Der Herzog, der eben aus weichem Brot ein kleines Geschtz knetete,
warf es weg, lehnte sich in seinen Stuhl zurck und sann ein wenig.
Dann sprach er: "Herrin, da ich auf Strozzi gerechterweise nicht
eiferschtig sein kann, und seine Anbetung Eurer Person eine Schuld
ist, die er mit allen Mnnern teilt, so bleibt mir nur sein
Ungehorsam gegen mein ausdrckliches Gebot zu bestrafen.--In der
andern Waagschale liegt Euer Frwort, Madonna, und die ungewhnliche
Fachtchtigkeit des Mannes.

In Wahrheit, es widerstrebt mir, ihn aus einer Welt wegzurumen,
welche so viel Geschmei unntzer und nichtiger Menschen ernhrt.

Betrachtet den Fall, meine Kluge.  Es ist unmglich, den Menschen zu
begnadigen, ohne da ich ihn vorher richte.  Richte ich ihn aber, so
kann ich es nicht verantworten, einen so frevelhaften Ungehorsam
meiner ersten Magistratsperson zu verzeihen.  Eines aber kann ich--
ihn vergessen.  Sendet nach ihm, Herzogin, heute noch! sogleich!" Er
rief einen Diener und gab ihm den Befehl.  "Sprecht zu ihm, Lukrezia;
prfet ihn!  Bringet ihn dazu, da er aus Ferrara vor der nchsten
Sonne verschwinde.  Er gehe, wohin es sei--nach Florenz, wenn er
will, da er florentinischen Ursprungs ist.  Sein Wissen brgert ihn
berall ein.  Nicht einmal aus Italien verbanne ich ihn; er tue, als
sei er niemals nach Ferrara zurckgekehrt.

Wisset, ich begegnete ihm durch einen rgerlichen Zufall an der
Zollstelle des Sdtors, wo ich, einreitend, seine Gestalt aus den
Zollbeamten hervorragen sah, mit denen er sich herumstritt.  Weder
begrte er mich, noch verbarg er sich.  Die Vermessenheit seiner
Haltung hatte etwas Beleidigendes.  Eure Mhe wird umsonst sein,
frchte ich, Madonna.

Der Verlorene wird nicht weichen wollen--so stirbt er.--Schade um
ihn.  Er ist ein vorzglicher Jurist."

Der Herzog erhob sich von der Tafel und verabschiedete sich bei der
Herzogin, die der bung gem sich fr eine Woche zu den Klarissen
zurckzog, um fr das Seelenheil des verblichenen Bruders zu beten.

Dann verabredete er mit ihr noch leise, unter welchen Worten
verborgen sie ihm durch den Haushofmeister das Ergebnis ihrer
Unterredung mit Strozzi melden sollte.

Diese fand in einem kleinen Rundzimmer unter den drei Flmmchen einer
schwebenden Ampel in Gegenwart Angelas statt und war kurz und
strmisch.

Ungestm trat Strozzi auf, mit flammenden Augen und eherner Stirn,
gebrunt von Wind und Sonne des Feldzugs.  Ungeladen rckte er sich
einen Schemel zu Fen der Herzogin.

Diese war vllig ohne Furcht.  Ihr von den reichlich vergossenen
Trnen gebadetes Angesicht war hell und friedlich.

Strozzi tuschte sich keinen Augenblick darber, da er mit dem Tode
Don Cesares fr sie zu einem Schatten, zu einem Nichts geworden war.
Und doch war er gesonnen, durch den Gefallenen ewig mit ihr verbunden,
nicht von ihr zu weichen.

"Erzhle ich Euch", fragte er, "die letzten Augenblicke des Bruders?"

"Nein, Strozzi.  Ich wei, da er nach der Art seines Hauses tapfer
unterging, und wei, da er in Pampelona mit allen christlichen
Gebruchen bestattet wurde--der rmste."

Von jetzt an nannte Lukrezia den Dmon, der ihr Bruder gewesen war,
nicht anders mehr als den rmsten, so wie sie ihr Ungeheuer von Vater
lngst den Guten nannte.

Dann fuhr sie mit einem Seufzer fort: "Der arme Bruder bedarf der
Frbitte!  Und noch heute nacht werde ich mich, um dieser Pflicht zu
gengen, zu den Klarissen zurckziehen, in bereinstimmung mit dem
Ermessen meines erlauchten und geliebten Gemahls."

So sagte sie, und es war ihr Ernst, ohne sich von dem Hohngelchter
in den Augen des Richters ber die Frmmigkeit Lukrezia Borgias und
ihre Liebe zu Don Alfonso im mindesten stren zu lassen.  Eine Pause
entstand.

"Ich habe einen Auftrag meines Gemahls an Euch", sagte die Herzogin.
"Ihr habt Euch schwer gegen ihn vergangen, Strozzi, seinem Befehl
geradezu entgegenhandelnd.  Auch gegen mich, indem Ihr meiner Torheit
gehorchtet, obwohl Ihr sehen mutet, da mich die flehende Forderung
meines Bruders aus den Schranken der Pflicht geschleudert hatte.
Wehe dem Manne, der einer Pflichtlosen traut!

Die Engel haben mich Strzende gerettet, und ich, mit der Gnade
Gottes, mchte Euch retten.

Der Herzog will Euch die zweifache Schuld gegen ihn und mich vergeben,
unter einer einzigen Bedingung, Strozzi! einer leichten Bedingung...
da Ihr Ferrara verlasset noch diese Nacht und nimmermehr
zurckkehret.  Bentzet diese seltene Gunst!  Es ist ganz gegen die
Weise des Herzogs, einen vorzglichen Diener, wie Ihr seid, zu
entlassen und einem andern italienischen Staate zu gnnen!  Denn
nicht einmal Italien sollt Ihr meiden..."

"Du verlierst deine Mhe, Lukrezia", unterbrach sie Strozzi zgellos,
"ich weiche nicht aus Ferrara, noch von dir!  Wir gehren zusammen,
Don Csars Wille hat uns vermhlt!"

Lukrezia lchelte schwach.  Dann flehte sie, den durchsichtigen
Schleier der Scheinheiligkeit, in den sie sich verhllt hatte,
abwerfend, mit bittenden und trauernden Augen:

"Wenn ich dir wert bin, Herkules, so rette dich!  Ich mag und will
dich nicht auf der Seele haben!... Liebst du mich", lispelte sie,
"so fliehe!"

Da emprte sich die stille Angela gegen diese Verfhrung--selbst zum
Guten, zur Rettung.

"Richter", wandte sie sich mit heien Wangen gegen Strozzi, "es ist
schmachvoll, da Ihr zaudert.  Fort aus Ferrara!  Wie?  Ein Mann, den
die Jugend als ihr Vorbild bewundert, ein Lehrer des Rechts, hat
nicht die Kraft, mit dem Bsen zu brechen und den Zauber eines armen
Weibes zu fliehen!--Errtet!..."

"Was trumt diese da von Gut und Bse?" berschumte Strozzi und
sprang in die Hhe.  "Was phantasiert sie von Recht und Unrecht?...
Es gibt kein Recht!... Dieser schne Frevel hier", er blickte auf
Lukrezia, "hat es gettet!

Du aber, Mdchen, schweige!  Was verstehst du von Liebe!  Eine, die
den Liebsten blendet--einkerkern lt--seinen Kerkermeister nicht
besticht--sich nicht in seine Arme schleicht--nicht sein Weib,
seine Magd wird--was wei eine solche von Liebe!

Denn Liebe", flsterte er geheimnisvoll, "lt ihr Ziel nicht!
Nimmermehr!  Nimmerdar!  Morde mich, Lukrezia!  Hier!" und er zeigte
auf sein Herz.

Sie starrte den Richter mit bleichen Augen an, und alle Lieblichkeit
war von ihr gewichen.

In diesem Augenblick ging der Trvorhang auseinander, und auf der
Schwelle stand der hchst wrdevolle Haushofmeister mit dreierlei
Anliegen.

Er meldete die Snfte der Herzogin; dann trug er die Frage vor, ob
sie schon morgen bei den Klarissen den Besuch des Herzogs erwarte.

Sie verneinte, und dieses Nein mochte wohl fr den Herzog bedeuten,
da der Richter seine Gnade von sich stoe.

Zuletzt wendete sich der Haushofmeister noch an diesen und ersuchte
ihn, das Schlo nicht zu verlassen, ohne dem Herzog im Archiv
aufgewartet zu haben.

Strozzi fragte schroff, ob es gleich sein drfe, und der Greis ging
ihm voran, nachdem er das Haupt bejahend gebeugt hatte.

Die Herzogin aber lie sich von Angela stillschweigend an die Snfte
geleiten.  "Ich nehme nicht von dir Abschied", sagte sie.  "Du folgst
mir, lieber heute noch, nach." Sie htte ihr gerne erspart, was
kommen mute, wie sie selber davor auf die Seite wich.


Wenn ihr Dienst sie nicht an die Herzogin fesselte, bewohnte Angela
das einsame Erkerzimmer eines festen Eckturmes, der einen inneren Hof
beherrschte und in dem unteren Teile seiner undurchdringlichen Mauern
das Privatarchiv des Herzogs barg.

Um diesen Zufluchtsort zu erreichen, eilte die bange Angela die
Schlotreppen hinan.  Seitengnge und eine schmale Stiege fhrten sie
in den Turm und durch den kleinen Vorraum, wo die Drehbank des
Herzogs stand.  Hier wunderte sie sich, die schwere Eichentr des
Archivs offen zu sehen, so da die lauten Stimmen Don Alfonsos und
des Grorichters sie verfolgten, whrend sie eine weitere Stiege
erklomm.

Wie erschrak sie, als sie, angelangt, nicht eintreten konnte!  Ihr
Sller, den sie eine Weile nicht bentzt hatte, war verschlossen.
Der Schlssel mochte im Archiv liegen.  Nun mute sie das Weggehen
Strozzis abwarten und duckte sich, wieder die Treppe herabgestiegen,
eine widerwillige Lauscherin, nicht von Neugierde, nur von Angst
gepeinigt, harrend in eine Nische der dicken Mauer.

"Dieser Rechtshandel", plauderte der Herzog bequem, "ist eine
langweilige Sache.  Wir sollten sie endlich zu Schlusse bringen.  Ich
habe die fraglichen Akten grndlich studiert", er schlug mit der Hand
auf einen Sto Pergament, da Angela den Staub einzuatmen glaubte.
"Ihr wit, Richter, ich frchte mich nicht vor Akten, aber diesmal
habe ich meine Mhe und das l meiner Lampe verloren.  Sagt Ihr mir
lieber kurz, wer recht hat, der Graf Contrario als Erbe der Flavier,
oder ich und der Fiskus von Ferrara.

Wie spricht Euer richterliches Gewissen?"

Es erschien Angela, als betonte der Herzog das letzte Wort auf
ironische Weise; aber sie mute sich tuschen, denn Strozzi
antwortete vllig unbeirrt.

"Hoheit", sagte er, "der Witz ist, das Wesentliche vom Unwesentlichen
zu unterscheiden: Das gehrt nicht zur Sache, und das nicht--so
bleibt noch das, und das ist einfach.

Der innerste Kern des vor Alter vergilbten und von Tcke und Kniffen
verdrehten Prozesses ist aber dieser:

Nachdem die Flavier und Contrarier sich jahrhundertelang als Vettern
geqult und vershnt, befeindet und zu Erben eingesetzt hatten,
entschlo sich der letzte kinderlose Flavier, namens Nestor, aus
unbekannten Grnden, seinen bedeutenden Besitz seinem Vetter, dem
Grafen Mario Contrario, dem Vater unsres jetzigen anmutigen Grafen,
testamentarisch zu hinterlassen.

Nun verbietet aber unser ferraresisches Recht, sein Gut einem Fremden
zu vererben, ohne die vorher erlangte Ermchtigung des Herzogs.
Diese Einwilligung Eures Vaters aber, obwohl niedergeschrieben und
von diesem anerkannt, wurde niemals durch seinen Namenszug perfekt
gemacht.  Denn da der letzte Flavier zu Pferde stieg und nach Ferrara
fuhr, um durch sein persnliches Erscheinen jene Unterschrift von
Eurem Vater zu erlangen, sprang der Tod grinsend hinter ihm aufs Ro
und schnitt mit der.  Sense dazwischen.  Er ward auf der Reise vom
Schlage gerhrt.

Wie lag nun die Sache?

Das Testament war formell nichtig, da die Unterschrift des Herzogs
mangelte, und Euer Vater, Herr Herkules, fand sich nicht bewogen, sie
darunterzusetzen.  Er konfiszierte die flavianischen Gter.

Euer Zutun, erhabener Herr, ist nun keine Rechtssache mehr, sondern
eine Sache Eurer Gromut, in die ich mich nicht mische."

"Wisse, Richter", versetzte der Herzog, ohne den achtungslosen Ton
Strozzis zu rgen, langmtig, "da ich nicht viel anders denke, noch
denken darf, als mein Vater Herkules!  Wo es ein rechtlich zulssiges
Mittel gibt, den Staatsschatz zu fllen, darf ich es aus sogenannter
groer Gesinnung nicht verschmhen und dafr meine Kaufleute und
Bauern belasten.

Auf der andern Seite freilich ist mir unlieb, da die Contrarier so
unbestreitbar das innere Recht fr sich haben, als ich das uere."

"Evident!" spottete der Richter.

"Da dnkt mich", fuhr der Herzog gelassen fort, "wre ein Kompromi
am Platze.  Was meinst du, Richter?  Wir steuern mit den
flavianischen Gtern Donna Angela Borgia aus und vermhlen sie mit
dem Erben der Rechtsansprche der Contrarier, dem liebenswrdigen
Grafen Ettore.  Unter uns, ich wnsche das Mdchen weg. Sie bringt
mich und den Staat Ferrara um unsern unvergleichlichen und
unersetzlichen Kardinal Ippolito."

"Ich mag sie auch nicht und wnsche sie in den Mond!  Kuppeln wir sie
mit dem Pedanten!..." scherzte der Richter mit wster Heiterkeit,
nicht anders, als wre er trunken.

"Du mut wissen, mein Herkules", fuhr der Herzog fort, anscheinend
ohne sich an dem rgerlichen Benehmen des Richters zu stoen, "da es
eigentlich Donna Lukrezia ist, welche ihre Base aussteuert.  Die
flavianischen Gter bilden ihr Wittum, aber es ist ein unsicherer
Besitz, da unsre Gerichte noch nicht endgltig gesprochen haben...

Du hast davon gehrt, mein Herkules?"

"Wie sollt ich nicht?" hhnte der Richter, "da ganz Italien davon
widerhallte!  Wer kann vergessen, wie Papst Alexander von Herzog
Herkules berlistet wurde, wie malos das alte Laster sich gebrdete
und welche unnachsprechlichen Worte es ausstie, als es sich geprellt
sah!"

Und Strozzis Lache drhnte unter der niederen Wlbung.

Zugleich hrte Angela durch die Mauerluke, an der sie sa, aus dem
nchtlich stillen Hofe herauf den weichen Tenor wieder, dessen
Kantilene sie bewegt hatte, als sie in der Siestastunde vor der
Ankunft des Herzogs mit Lukrezia am Fenster sa.  Es war dasselbe
Liebeslied... "Ist es ein mit dem Herzog verabredetes Zeichen, da
Strozzis Mrder bereit stehen?" fragte sie sich mit klopfendem Herzen.

Von diesem Moment an schien des Richters herausforderndes Wesen dem
Herzog zuviel zu werden.

"So unterhaltend deine Gesellschaft ist, mein Strozzi", sagte er
freundlich, "ich mu dich nun entlassen.  Du weit, ich bin heute
scharf geritten und, in der Tat, ich fhle mich mde.  Wir kommen
wohl auf unsern Gegenstand zurck.  Glckselige Nacht!"

Und er beurlaubte das Opfer.

Da Strozzi an der im Halbdunkel sitzenden Angela vorberging und sich
hinuntersteigend in die schwacherhellten Schlognge vertiefte, blieb
diese wie versteinert, denn die unheimliche Lustigkeit Strozzis war
ihr ein Vorzeichen seines Untergangs, und die unerschpfliche Geduld
des Herzogs erfllte sie mit Grauen.

Als sie eine Weile spter mit ihrem gefundenen Schlssel neben dem
Herzog stand, der aus dem Archiv getreten war und es abschlo, kehrte
der Richter, wie tastend, wieder zurck.

"Ich wei nicht, wie mir geschieht, Hoheit", stotterte Strozzi,
dessen Lustigkeit verschwunden war, "ich finde den Ausgang nicht und
bitte um eine Fackel."

Der Herzog rief nach einer, die ein Diener dem Richter vortrug,
welcher ihr wankend folgte.

Nun floh Angela in ihre Kammer, die sie in verwirrender Angst fest
verrammelte, mit ihren klopfenden Pulsen den Lebensrest des Richters
zhlend und seinen Todesschrei erwartend.

Da ertnte er--entsetzlich und lang--und drang ihr durch das
innerste Mark.

Mit zitternden Hnden warf sie einen Mantel um, ergriff ihre kleine
Leuchte, glitt die einsamen Stiegen hinunter und strzte aus dem
Palast.  Hilfe zu bringen?... Nein, sie zu suchen bei Lukrezia, im
Kloster!... Sie wute nicht, was sie wollte.

An der Ecke der Burg stie ihre Fuspitze an den Toten.  Sie
leuchtete ihm ins Antlitz, konnte aber die bleichen, verzerrten Zge
nicht lange betrachten.

Sie kniete nieder, machte ber ihm das Zeichen des Kreuzes und
verhllte ihm das grause Haupt barmherzig mit seinem Mantel.

Dann floh sie weiter zu den Klarissen, deren Haus, nur zwei kurze
Gchen entfernt, auf dem Boden der alten Stadtumwallung stand.

In der Mitte des zweiten hrte sie Schritte hinter sich, wandte sich
um und sah einen ihren fliegenden Gang verfolgenden Schatten.  Sie
meinte, der Tote habe sich erhoben, und verdoppelte ihre Eile.  Doch
ihre schnellen Fe wurden durch ein andres Nachtgesicht aufgehalten.

Dicht vor dem Kloster nmlich sprang ein fester Turm mit seiner
gewaltigen Rundung vor, den das Gchen umkreiste, und der mit dem
Kloster aufs seltsamste baulich verwachsen und durch den ppigsten
Efeu verwoben war.

Seine ewig verschlossene, hohe, schmale Pforte war wunderbarerweise
geffnet, und davor hielt ein Reitergedrng.  In der Mitte sa auf
einem Schimmel ein schlanker Jngling mit einer Binde ber den Augen.

Angela erblickte Don Giulio, von dem sie doch wute, da ihn der
Herzog nach Fenestrella, auf eine Insel in den Pomndungen, hatte
bringen lassen.

Lebte dieser Don Giulio?  War er ein Traum?

Nachdem die, einer hinter dem andern, Einreitenden das Gchen
gerumt hatten, klopfte Angela an das Klostertor und wurde von der
Pfrtnerin, der raschen Schwester Consolazione, ohne Verzug in den
Klosterfrieden eingelassen.

"Ihr seid erwartet", sagte sie.  "Aber wie?  Ihr kommt zu Fu und
allein?  Wie Euer Herz pocht, Erlauchte!  Wahrlich, wie einem
gengstigten Vogel..."

"Fhrt mich zur Herzogin!" unterbrach die Borgia.

Da ihr Schwester Consolazione sachte die noch erhellte Zelle ffnete,
lag Lukrezia im sanften Licht einer Ampel schon entkleidet auf dem
reinlichen Lager in weiem Nachtgewand, fest entschlummert, ruhig
atmend wie Ebbe und Flut, mit einem Kinderlcheln auf dem
halbgeffneten Munde, whrend Natur leise verjngend ber ihrem
Lieblinge waltete.  Als Angela aus dem Schlosse floh, hatte sie der
Wunsch getrieben, sich schluchzend an die Brust der Freundin zu
werfen und ihren Geblendeten neben den Getteten Lukrezias zu legen.

Nun betrachtete sie die schne Schlummernde aufmerksam, verlor den
Mut, sie zu wecken, und seufzte:

"Wie bin ich eine andre!"



Letztes Kapitel


Nach soviel Trauer waren fnf Jahre ber Ferrara gegangen, ohne da
die tragische Muse von neuem das Herrscherhaus besucht htte.  Ja,
das Leben wollte sich zur Idylle gestalten, immerhin die Unruhe eines
kurzen Krieges ausgenommen, der aber rasch ber den ferraresischen
Boden dahinfuhr.

Der Mrder des Grorichters Herkules Strozzi war, ungeachtet
vielfacher polizeilicher Nachforschungen und der augenscheinlichen
Bemhungen des Herzogs selber, unentdeckt geblieben.

Der Oberrichter wurde mit der grten Feierlichkeit bestattet, und
der Herzog lie es sich nicht nehmen, als erster der Trauernden vor
dem gerhrten Volke dem mit Lorbeer berschtteten Sarge
nachzuschreiten.

Auch die junge Witwe, denn der Anbeter Lukrezias hatte in
standesmiger Ehe gelebt, besuchte Don Alfonso mit frstlicher
Teilnahme und trachtete ihren wilden Schmerz mit weiser Rede zu
dmpfen.  Die blhende Barbara Torelli aber war untrstlich und
redete mit heftiger Gebrde bald davon, ihren Gemahl an seinem Mrder
zu rchen, wenn sie ihn finde, bald verlangte sie, sich in ein
Kloster zu begraben; in beiden Fllen aber gelobte sie dem toten
Gatten ewige Treue.

Wenn nun der Herzog nichts ber sie vermochte, so war es Ludwig
Ariost vorbehalten, diese leidtragende Barbara aufzurichten.  Er war
ein Freund Strozzis gewesen und hatte schon dessen Mutter, eine
stattliche Frau, herzlich verehrt.  Jetzt bemhte er sich um die
Witwe seines verblichenen Freundes und suchte sie mit dem Leben zu
vershnen.  Diese freundliche Aufgabe lste er in Jahresfrist so
vollkommen, da Barbara Torelli sich erbitten lie, dem Dichter in
sein neuerbautes Heim zu folgen und an seiner Seite jenes einfache
Haus zu bewohnen, dessen Bescheidenheit Ariosto in einem
weltbekannten Distichon gepriesen hat.

Gleichgeblieben war sich auch das Gefngnis Don Giulios in dem
"vergessenen" Turm, welcher von dem frhern engeren Mauerkreis als
ein unzerstrbares Wahrzeichen alter Wehrkraft stehengeblieben war
und spter von dem wachsenden Klosterhof der Klarissen eingeschlossen
wurde.

Dieser fast unzugngliche Turm war selten bewohnt.  Fensterlos nach
dem Gchen, und auf der Seite des Nonnengartens von verwilderten
Brombeerstauden und kletternden Schlingpflanzen bis zu seiner halben
Hhe berwuchert, war er in das unbeachtete Weben der Natur
zurckgekehrt.

Nur selten wurde er fr ungefhrliche Staatsgefangene bentzt, deren
Andenken sich verlor und deren Dasein in dem "vergessenen" Turm
vergessen werden sollte.

Lange hatte sich die Oberin der Klarissen dagegen gestrubt, in den
auf ihrem Gebiete stehenden Turm eine hohe Person mit unerbaulicher
Legende, wie Don Giulio, eintun zu lassen.  Sie kannte die Schwchen
des leeren Nonnenherzens: Neugier, Mitleid, Lust an Heimlichkeiten,
und frchtete deshalb den gefhrlichen Nachbar.

Auch war ihr der wahre Grund der Entfernung des blinden Este aus
Fenestrella nicht unbekannt geblieben.

Zwar wurde ihr gesagt, die vor der Mndung des Po im Meere liegende
kleine Festung sei in diesem Zeitlaufe gefhrdet und werde sowohl von
der Flotte des heiligen Markus als von den Schiffen St. Petri bedroht:
aber sie hatte noch eine ganz andre Geschichte in Erfahrung gebracht.
Die junge Frau des Gefangenwrters, sagte man ihr, habe sich in den
hbschen Prinzen trotz seiner Blindheit sterblich verliebt und ihren
Mann bewogen, Don Giulio in einem Boot nach Venedig zu entfhren.
Darber habe sie der Schlovogt, ein Hauptmann aus der strengen
Schule des weiland Don Cesare, berrascht und die Schuldigen, Mann
und Weib, in das Meer versenkt.

In ein ebenso tiefes Stillschweigen wurde jetzt das Dasein Don
Giulios im "vergessenen" Turme begraben.

Der Herzog hatte bei den schwersten Strafen sowohl dem Reisegefolge
als dem neuen Kerkermeister seines Bruders verboten, die Gegenwart
des Gefangenen zu verraten oder auch nur seinen Namen zu nennen.  Und
da die btissin und der Beichtiger des Klosters, welcher auch der
Don Giulios war, schwiegen wie das Grab, darum war der Herzog
unbesorgt.

Auch Angela schwieg von ihrer traumhaften Begegnung mit dem Blinden
an der Turmpforte, als von etwas, das ihrem Herzen allein gehrte.

So wurde es mglich, da die kluge Donna Lukrezia von der Rckkehr
Don Giulios nach Ferrara nichts erfuhr, auch durch den Herzog nicht,
dem die Herberge des blinden Bruders eine stete Sorge war.  Ihn in
den Kerkern seiner Stadtburg, gleichsam unter seinen Fen, zu
verwahren und ber dem Haupte des Geblendeten ein heiteres Dasein zu
fhren, das brachte er doch nicht ber sich.  Legte er ihn aber in
eine Landfestung, so war er gewi, Don Giulios Leiden, seine Gte und
die ihn umwebende Sage werde ihn bald so beliebt machen, da ein
Befreier nicht lange ausbleiben knne.

Der "vergessene" Turm neben den Klarissen war seine letzte Auskunft
gewesen.

Htte Lukrezia ihn ber das Verbleiben Don Giulios befragt, sie wrde
die Wahrheit erfahren haben; aber sie htete sich wohl, die wunden
Punkte in der Seele ihres Gemahls, den Verlust Ippolitos und den
Kerker des Blinden, unntig zu berhren.

So fuhr sie fort, ohne zu ahnen, wer in ihrer Nhe wohne, sich
jhrlich wenigstens in der Adventszeit auf einige Tage zu den
Klarissen zurckzuziehen, wohin sie Donna Angela jedesmal begleitete.
Ja, diese suchte sie dort, so lange als mglich, zurckzuhalten,
denn die Zusprche des Beichtigers der Klarissen, Pater Mamette,
hatten den Sturm ihrer warmen Seele auf immer beruhigt, wie auch
Donna Lukrezia viel von der einfachen Seelsorge des Franziskaners
hielt.

Der Herzog irrte nicht, wenn er glaubte, da das Wohl Don Giulios
viele Seelen beschftigte.  Nicht nur der ferraresische Dichter legte
damals an der bekrnzten Pforte eines der Gesnge seines "Rasenden
Rolands" ein rhrendes Frwort fr den im Kerker schmachtenden
Blinden ein, auch ein Geringerer im Reiche der Geister ergab sich
diesem mit Leib und Seele.

Eines Tages nmlich erschien an dem Tore des "vergessenen" Turmes ein
kleiner drrer Greis, der unter jedem seiner Arme einen gewichtigen
Folianten trug.  Er legte seine Last auf die hohe Steinschwelle
nieder und begann mit einem dicken Kiesel, den er aufraffte, an die
stumme Pforte zu pochen.

Vergeblich!  Denn diese ffnete sich nicht, und inwendig rhrte sich
nichts Lebendiges.  Der Alte setzte seine Bemhungen so beharrlich
fort, da er nicht bemerkte, wie eine kleine Schar herzoglicher
Sldner in den Halbkreis des einsamen Gchens einlenkte, bis er von
ihnen umringt und ergriffen war.

Jammernd bat er um Schonung fr seine Bcher, die sie mit ihren
Spieen untersuchen wollten, und deckte seinen Schatz mit dem Leibe.
Zu seinem Heil erschien in diesem Augenblicke der Herzog hoch zu Ro,
der mit einem kleinen Gefolge von Sachkundigen einen Pulverturm auf
seine Feuerfestigkeit hin untersucht hatte und jetzt auf dem
krzesten Wege in seine Stadtburg zurckkehrte.

Der Greis warf sich vor ihm nieder:

"Erhabener Herr, den ich erzogen habe", rief er, "befreie mich mit
meinen Freunden Plutarch und Seneca aus den Hnden deiner Krieger!"

"Was hast du hier zu schaffen, Magister?" fragte der Herzog streng
und zog die Brauen zusammen.

"Ich fhle mich berufen, einen erblindeten Zgling zu besuchen und
seine Nacht mit der Weisheit der Alten zu erhellen!"

"Woher weit du, da der Blinde hier sitzt?" fuhr ihn der Herzog an.

"Von Liebe zu dem abtrnnigen Sohne der Wissenschaft erfllt, und
nachdem ich erfahren, da er in Unglck und Dunkel gestrzt sei,
verfolgte ich seine Spur bis nach Fenestrella.  Dort sagten sie mir,
da er nach einer unverschuldeten Tragdie weggefhrt worden sei, und
das Gercht berichte, er sei in deine Nhe und unter deine
persnliche Hut zurckgekehrt.  Hier in Ferrara pochte ich, von
meinem sokratischen Dmon gefhrt, an die Tr jedes Turmes, und
dieser 'vergessene' ist der letzte, den ich finde."

Ein geheimes Lcheln stahl sich in die Augen des Herzogs, und der
Gedanke durchblitzte ihn, seinem unglcklichen Bruder die
Gesellschaft ihres gemeinsamen, wie er wohl wute, vollkommen
harmlosen alten Lehrers zu gnnen.  Er sagte:

"Wenn hier wirklich ein blinder Schler von dir wohnt, Mirabili, so
magst du ihn meinetwegen allwchentlich einmal besuchen und mit ihm
deine unterbrochenen Lektionen fortsetzen."

Auf seinen Wink stie ein Leibwchter mit dem Holze seiner Lanze
unter dem Rufe: "Auf!  Im Namen des Herzogs!" so nachdrcklich gegen
die verschlossene Tr, da innen die Schlssel augenblicklich
rasselten und die Riegel zurckgingen.

Der Herzog lie den erstaunten Kerkermeister an sein Pferd treten und
befahl ihm leise und streng:

"Einmal wchentlich ffne dem Alten diese Pforte zu Einla und Ausla.
Niemals am Tage, sondern vor Morgengrauen oder nach dem Ave Maria."

Von Don Giulio mit Dank und Rhrung empfangen, enthielt sich Mirabili,
das zerstrte Angesicht, dessen Schnheit in frherer Zeit ihn
beglckt hatte, lange zu prfen.  Ohne Zgern machte er sich ans Werk,
den Gefangenen in die Herrlichkeiten der stoischen Schule
einzufhren und ihm die Triumphe der Selbstberwindung zu zeigen.

Wenn er ihm dann nach langer Sitzung die hohen Vorbilder pries, die
ihn begeisterten, einen Zeno, einen Epiktet und vor allen den Kaiser
mit dem Philosophenbart, den gttlichen Marc Aurel, sagte wohl der
Blinde, der indessen an seinem Strohgeflecht gesessen hatte, traurig
und mde:

"Ach, Mirabili, ich kenne diese vornehmen Herren nicht, und es will
mir nicht gelingen, mich mit ihnen auf den Thron der Tugend zu setzen."

Einen krftigeren Trost reichte dem Blinden der Sohn des heiligen
Franziskus, Pater Mamette.  Auch er, wie der alte Mirabili, obwohl
ein noch grnender, feuriger Mann, gehrte zu Don Giulios
Jugenderinnerungen.

Aus einer Bauernfamilie Pratellos gebrtig, wurde er als ein
verwaistes, ganz junges Blut von seinen lteren Brdern, die nicht
gesonnen waren, ihr Erbe mit ihm zu teilen, ins nahe Kloster
geliefert, wo das unschuldige Kind unbeachtet, aber von den Mnchen
wohlgelitten, aufwuchs.  Dem Kleinen geriet, wie dem verkauften
Joseph, alles zum besten, und sein von freudigen Augen beleuchtetes
Angesicht war das Wohlgefallen und der Trost aller, die ihn kannten.

Als Don Giulio zum Jngling erwuchs und sein prchtiges Pratello
baute, war Mamette im Laufe guter und bser Tage zum Manne geworden
und ein fertiger Franziskaner.

Don Giulio sah ihn eines Tages unter seinen Bauleuten, als er einem
verunglckten Maurer beistand, ihn in seine Arme nahm und den
Sterbenden mit mehr als mtterlicher Liebe in den Himmel hob.

Damit fiel er dem Este auf und berhrte die wohllautendste Saite
seiner Seele.  Weil aber der Leichtfertige nach der Hofsitte einen
Beichtvater haben sollte und man ihn lngst beschuldigte, dieses
Herkommen zu vernachlssigen, so entschlo er sich kurz und whlte
Pater Mamette.

Auer zu den kirchlich gebruchlichen Zeiten hatte er ihn brigens
nie rufen lassen, auch nach seinem Sturze ins Elend nicht.  Erst da
er das Todesurteil erwartete, lie er ihn zu sich in den Kerker
kommen und sich dann von ihm auf das Schafott begleiten.

Nach seiner Rckkehr aus Fenestrella wurde nun Pater Mamette der
beste Freund seiner Gefangenschaft, und der von allen Seiten Gerufene
und Begehrte zhlte die Stunden nicht, die er zur Trstung des
Unglcklichen im "vergessenen Turme" zubrachte.

Da geschah es oft, da der Pater den Blinden bei beiden Hnden
ergriff und ihm sagte: "Ihr kennt noch nicht den unerschpflichen
Born des Glcks: es ist das Geheimnis der Armut.  Mein heiliger
Franziskus, der mit ihr aufs innigste vermhlt war, offenbarte es mir
einst zur Rettung aus den Abgrnden der Seele.

Erst wenn Ihr nichts mehr zu eigen habt, knnt Ihr die Liebe Gottes
empfangen.  Und wenn Ihr empfanget, knnt Ihr geben.  Das ist meine
Pforte zum Glck und zur Freiheit!  Tretet mit mir ein!  Werdet arm
und rmer, damit Ihr empfangen und geben knnt, wie ein Brunnen, der
Schale um Schale berflieend fllt."

Don Giulio fand anfangs, da es fr ihn, einen Beraubten und aus dem
Lichte Gestoenen, schwer sei, noch rmer zu werden; er verstand
nicht, da er sich auch des Reichtums seiner selbstschtigen
Schmerzen entschlagen msse--immerhin drang das Geheimnis des
heiligen Franziskus in eine Tiefe seiner liebedurstigen Seele, die
weder Ariost noch Mirabili, weder der Dichter noch der Philosoph,
hatten erreichen knnen.

So vergingen drei der Kerkerjahre, aber auch Jugendfrische und
Gesundheit des Blinden verging.  Er welkte.  Die dumpfe Luft des
Sommers und die Feuchtigkeit des Winters, die Klosterspeise, die ihm
geboten wurde und die er, anders gewhnt, oft unberhrt lie, die
Entbehrung heftiger Leibesbungen, wilder Ritte, des Ballspiels, der
Fechtkunst, und, mehr als alles das, die Aussichtslosigkeit der
Befreiung erschlaffte und lhmte ihn; denn er wute--das Wort des
Herzogs stand fest--, da er bei dessen Leben den Kerker nicht
verlassen werde.

Er selbst ergab sich in sein Los, aber dem alten Mirabili schnitt es
in die Seele.  Der zerfallende Greis konnte nicht sterben, ohne
seinen Liebling befreit zu haben.

So entschlo er sich, ohne das Wissen und die nicht zu erhaltende
Einwilligung Don Giulios, etwas Wirksames, zur Entscheidung Fhrendes
zu unternehmen.  Nach vielem Denken und einigen schlummerlosen
Nchten brachte er das wichtige Werk zustande.  Es war ein im
reinsten Latein verfates Schreiben, denn die italienische
Schriftsprache war ihm nicht gelufig, noch erschien sie ihm zu
seinem groen Zwecke erhaben genug.  Nachdem Mirabili alle berhmten
Gefangenen des Altertums, besonders alle unschuldig von Tyrannen in
grausamen Kerkern gehaltenen, erwhnt hatte, ging er auf Don Giulio
ber, den Liebenswrdigsten und Unschuldigsten von allen, und
beschwor den Herzog bei dem Gerichte der Unterwelt und der Nachwelt,
seinen leiblichen Bruder zu befreien, indem er persnlich seine
Ketten lse und sich auf ffentlichem Markt vor dem Volke mit ihm
vershne.

Kurz, es war ein herzlich ungeschickter und unheilvoller Brief,
welcher den Herzog aufbringen mute und leider dieses ungewollte Ziel
nicht verfehlte.

Schlimmer noch!  Der Herzog wurde mitrauisch.  Er sah hinter dem
Anschlage des Alten den des gefangenen Bruders, was freilich ein
groer Irrtum war.

Er lie Don Giulio seine herzogliche Ungnade und die
Unwiderruflichkeit seines Kerkers wissen und strzte diesen, dem
damals auf einer andern Seite ein ser Stern der Hoffnung
aufgegangen war, in tieferes Elend und auf das Krankenlager.

Gleichgeblieben, wie der Kerker Don Giulios, war sich auch der Stand
der flavianischen Gter, die der Fiskus zu genieen fortfuhr, da die
Gerichte ber deren endgltigen Besitz noch nicht gesprochen hatten.
Gleichgeblieben war sich die mhselige Werbung des Grafen Contrario
um Donna Angela.

Gleichgeblieben, nein, gestiegen war ihre Abneigung gegen diesen
unstrflichen Freier, dem sie, aufs uerste getrieben,
verzweiflungsvoll erklrte: sie liebe die Gerechten und Tugendhaften
gar nicht--mehr schon die ringenden Bsen--am meisten aber die
Barmherzigen, wenn sie die Snder mit starken Armen emporziehen; ber
welche unerhrte Rede Graf Contrario sich mit Recht entsetzte.

Auch der Herzog hatte zuzeiten an der Grndlichkeit des Wissens und
an der kritischen Ader des Grafen kein Vergngen mehr, besonders wenn
dieser mit Kennermiene das nach neuen Erfindungen gegossene Geschtz
seines Gastfreundes prfend umwandelte und jeden einzelnen Teil des
Stckes einer eingehenden und vernichtenden Kritik unterwarf.

Dann prete der Herzog den strengen Mund zusammen und lie den Grafen
allein.  Nur der Wunsch, Donna Angela, dieses Hindernis der Rckkehr
des Kardinals, zu verheiraten und damit wegzurumen, verlieh ihm die
Geduld, den unermdlichen Tadler zu ertragen, solange es sein mute.

Selbst im Bereiche Lukrezias bestrebte sich der Graf unliebenswrdig
zu werden; doch alle diese Versuche wurden an ihrer anmutigen
Geschicklichkeit zunichte, wie sich eine streitschtige Brandung. an
einem sanften Ufer verliert.

Da ihm Lukrezia ihr Wittum, die flavianischen Gter, als mgliche
Mitgift ihrer jungen Base vorspiegelte, berkam ihn aus
Widerspruchsgeist ein groer rger, das, was in seinen Augen der
rechtmige Besitz war, einem Weibe danken zu mssen, und er erhob
sich gegen dieses Ansinnen mit mnnlicher Wrde.

Lukrezia aber, die diese Entrstung nicht fr seinen Ernst hielt,
antwortete lchelnd:

"Und wenn wir beide, die wir uns darum streiten, die flavianischen
Gter in zwei Hlften schnitten und friedlich unter uns teilten, den
Richtern zum Verdru?... Ich sage es nicht versuchungsweise, wie
einst Knig Salomo, um Euer Herz zu prfen, Ettore!  Ist doch die
Erde kein lebendes Kind mit einem unteilbaren Blut und Leben in den
Adern, sondern bestimmt, in Stcke zerrissen, verteilt oder geraubt
zu werden!"

Der Graf htte sogleich zugegriffen, wre er sich selbst ber seine
Gefhle fr Donna Angela klar gewesen.  Am liebsten htte er die
flavianischen Gter ohne sie besessen.  Er hatte das edle Mdchen von
Anfang an als ein eigenwilliges und unerzogenes Geschpf betrachtet--
doch, o Wunder, seit einiger Zeit geschah etwas mit Angela.  Ihre
Hrte und Herbigkeit verschwand wie die einer schwellenden Frucht,
die an der Sonne reift, und welche andre Sonne konnte sie gezeitigt
haben als die Sonne der Liebe?  Welcher Sterbliche aber konnte dieses
stolze Herz besitzen, wenn nicht Graf Contrario?

Im Streite seiner Gedanken erbat er sich ein Jahr Bedenkzeit.

Whrend Angela, immer stiller werdend, am Hofe von Ferrara in der
demtigenden Gewiheit lebte, da der Herzog ihr Dasein als ein bel
empfand, dessen er sich gern entledigt htte, trat Donna Lukrezia auf
die Hhe ihres Glcks.

Sie hatte Don Alfonso zwei wohlgebildete und begabte Knaben gegeben,
und er war ihr dafr, sie tglich hher haltend, von Herzen dankbar.

Fast ebensosehr liebte er die wunderbare Klugheit, mit welcher sie in
der denkbar schwierigsten Lage, whrend des venezianischen Krieges,
da der Herzog im Lager und die Fortdauer des Staates Ferrara bedroht
war, ohne den Beistand des genialen Kardinals die Regentschaft fhrte.

Nicht da dieser fr das Schicksal Ferraras gleichgltig geworden
wre.  Er riet und wirkte von Mailand her mit brderlicher Gesinnung
zugunsten des Herzogs, soweit seine Macht reichte.  Seine
Krperkrfte aber verzehrten sich darber, und er litt an hufigen
Rckfllen seines verderblichen Fiebers.

Donna Lukrezia lenkte indessen auch ohne ihn das Staatsruder nicht
nur mit weitester Umsicht, sondern im entscheidenden Augenblick auch
mit mnnlicher Entschlossenheit.  So war es kein Wunder, da Ferrara
und sein Herzog Lukrezia Borgia fast vergtterten.

Aber die khle, besonnene Frstin fhrte mit Bescheidenheit ihren
Triumphwagen und hrte den hinter ihr stehenden lsternden Sklaven
wohl, der, nach dem Gebrauche des rmischen Triumphes, ihr jegliche
Schmach ihrer Vergangenheit ins Ohr raunte und nichts verga, was sie
beschmen konnte.

Da sie nun ihren Ruf vor der Welt gereinigt und wiederhergestellt
hatte, war sie auch darauf bedacht, sich den Himmel zu vershnen.  Um
so mehr gehorchte sie diesem Antrieb, da sie ihre Kinder mit
Schmerzen gebar und oft von einer Ahnung frhen Todes beschlichen
wurde.

Sie unternahm auch dieses Werk auf eine ganz sachliche Weise.
Gleichwie ihr Vater in ungeheuerlicher 'Naivitt nie an den Dogmen
und Wundern einer Kirche gezweifelt hatte, deren Haupt und Schande er
war, hatte sich auch Lukrezia in einer geistig heidnischen Welt
niemals von den kirchlichen Formen und Vorstellungen entfernt.

Verstndig wie sie war, tuschte sie sich nicht ber die Summe und
Schwere ihrer Snden und dachte bescheiden von ihren Verdiensten, den
frommen bungen und Almosen, die sie zwar tglich zu vermehren
trachtete, die aber gegenber der Art und Gre ihrer Schuld vor
ihren klugen und scharfen Augen tglich wieder zerrannen.  Sie war
eine Danaide, die unermdlich Wasser in ein rinnendes Gef schpfte.
Nur der Verdammnis zu entgehen hoffte sie und mit Hilfe der
kirchlichen Rettungsmittel einen untersten Raum des Fegefeuers zu
gewinnen.  Einmal dort, so berredete sich die Kluge in
liebenswrdiger Torheit, wrde es ihr durch die Vermittelung der
Heiligen gelingen, eine hhere Stufe zu erreichen.

Pater Mamette, den die Herzogin, sooft sie bei den Klarissen wohnte,
als einen Sachkundigen in den Angelegenheiten ihrer Seele zu Rate zog,
war in der gttlichen Mathematik erfahren, nach welcher die Groen
klein sind und die Armen alles besitzen, und sah wohl, da sie zu den
Reichen gehrte, die schwerlich ins Himmelreich kommen.  Ihr Ursprung
schon, im Schoe der Kirche, mute ihm ein Herzeleid sein.  Doch
nicht hierin, noch in ihrer schauerlichen Jugend, sah er den
Felsblock, der ihr die niedrige Pforte der gttlichen Armut verschlo.
Wohl aber in ihrer Schlangenklugheit, mit der sie sich selbstttig
durch alle Spalten emporwand.

Doch erkannte er dankbar den Segen, den ihre geschmeidige
Lebensweisheit und Staatskunst dem ferraresischen Hause und Staate
brachte, und im brigen getrstete er sich mitleidig damit, da bei
Gott kein Ding unmglich sei.

Und wenn sie ihm klagte, sie knne Gott nicht lieben, sagte er ihr,
der Anfang der Werbung gebhre dem Manne, und sie msse in Geduld und
Almosen ausharren, bis Gottes Liebe um sie freie.

Im vertrauten Umgange mit dem Franziskaner lie es sich die Herzogin
nicht entgehen, ihn auch ber Angelas Herz zu beraten.  Sie klagte
ber der jungen Base eigenartiges und gegen die Kirche unbotmiges
Gewissen, das ihr einrede, sie sei der Ursprung und die Verkettung
einer Menge von Unheil, das durch keine kirchliche Bue zu shnen sei.
Diese hochmtige Trauer ber eine eingebildete oder willkrlich
vergrerte Schuld sei das Hindernis einer glnzenden Versorgung, die
sie fr das Mdchen im Auge habe.  Es sei die Pflicht Pater Mamettes,
dieses bertriebene Gewissen zur Bescheidenheit zurckzufhren und
ihr den Verstand des Lebens beizubringen.

Des Paters dunkle Augen lachten, als er erwiderte:

"Es ist wahr, Erlaucht, das Gewissen Eurer Base ist vorlaut und
aufrichtig, wie der erste Schlag der Morgenglocke, der zur Messe ruft.
Doch in einem irrt Ihr, sie scheut die kirchliche Bue nicht... ich
habe ihr die richtige auferlegt."

Und er beurlaubte sich, der Herzogin den Segen erteilend.

Lukrezia ergriff in klsterlicher Demut die Hand des Franziskaners,
um sie zu kssen, streifte dann aber, nachdem sie flchtig zwischen
der Hand und dem rmel gezaudert, mit dem zarten Munde die eigenen
Finger.

Im fnften Lenz der Gefangenschaft Don Giulios suchte die Herzogin zu
ungewhnlicher Zeit die Klosterstille.  Sie hatte ein totes Kind
geboren und zog sich zu den Klarissen zurck, um zu trauern ber das
verlorene und zu danken fr ihr eigenes, gerettetes Leben.

Doch nach einer Reihe stiller Tage wurde ihr Aufenthalt unversehens
gestrt und abgekrzt.

Die Ereignisse bewegten sich um den "vergessenen" Turm, der bisher in
seiner Bltterwildnis von ihr unbeachtet geblieben war.

Eines Tages fehlte die alte btissin im Refektorium bei der
Hauptmahlzeit, an welcher die Herzogin mit Angela aus besonderer Gte
teilzunehmen pflegte.  Sie lag krank.  Infolge eines pltzlichen
Schreckens war ihr die Gicht aus den geschwollenen Fen in die Brust
gestiegen, und sie atmete mhsam.  Die Schwestern aber waren verstrt
wie eine Schar hirtenloser Schafe.

In der Verwirrung vergaen sie sogar die Klosterregel des Schweigens
und erzhlten sich wispernd die unglaublichsten Geschichten, die im
Frhlicht dieses Tages sich im "vergessenen Turme" ereignet und die
hochwrdige Mutter dem Tode nahegebracht haben sollten.  Der
verlarvte Prinz, der dort seit Jahren sein Wesen treibe, sei in der
vergangenen Nacht entfhrt, andre sagten--erdrosselt worden.

Eines sei sicher, der alte Mirabili, der allein in das Verlies sich
habe einschleichen knnen, sei vor Sonnenaufgang mit schweren Ketten
beladen und mit sterbendem Angesicht am Klostertore vorbergefhrt
worden.  Schwester Consolazione habe mit eigenen Augen gesehen, wie
der jammernde Greis, mit Eisen belastet, sich kaum habe
weiterschleppen knnen.  Er habe unter unverstndlichen Hilferufen
die gefesselten Hnde nach ihr ausgestreckt.  Sie htte blutige
Trnen darber weinen mgen.

"Wer ist dieser Vermummte, das Gespenst des 'vergessenen Turmes'?"
wandte sich die Herzogin an Angela, indem sie sich mit ihr aus der
verwirrten Nonnenschar des Refektoriums in ihre Zelle zurckzog.
"Mirabili?  Ist das nicht der Name des alten Lehrers meines Herrn und
der Prinzen, seiner Brder?... Sollte Don Giulio..."

Eine schnelle Entdeckung erhellte und beschmte ihren Geist.  "Taucht
der Verschollene wieder auf?  Und hier?  Und sie sagen, da er schon
lange da ist!  Wie konnte mir das entgehen und so lange verborgen
bleiben!"  Ohne sich weiter um die tief errtete Angela zu kmmern,
schlo sie sich in ihre Zelle ein und schrieb an den Herzog.

Sie meldete ihm, der Friede des Klosters sei durch eine Verhaftung
gestrt worden.  Ein rtselhaftes Begegnis, dessen Erklrung allein
seine Hoheit ihr geben knne, mache eine Zwiesprache zwischen ihr und
ihrem Gemahl wnschbar und beendige ihren Aufenthalt bei den
Klarissen.  Er mge sie morgen in der ersten Abendstunde
zurckerwarten.

Lukrezia verlie an jenem Abend ihre Zelle nicht mehr.  Sie
erkundigte sich durch eine Zofe nach dem Befinden der btissin und
erfuhr, Donna Angela besuche eben die Kranke, der es besser gehe.
Pater Mamette sei angekommen und das Kloster in seine Ruhe
zurckgekehrt.

Lukrezia wollte die Klarissen nicht verlassen, ohne den Wolf zu
kennen, der die fromme Herde in Aufruhr gebracht hatte.

So beschied sie auf eine Frhstunde des nchsten Tages statt der
kranken btissin Pater Mamette, dessen Ankunft ihr gelegen kam, auf
ihre Zelle.

Sie wollte ihn ber seine geheime Mitwissenschaft an diesen Dingen,
die sie vermutete und die sie ihm verdachte, zur Rede stellen und,
wenn es ntig wre, ihn mit den verfnglichsten Fragen martern.

Die Lenznacht war schwl und mit dem Dufte unzhliger Blten beladen.

Die Herzogin fand keine Ruhe, sie erhob sich und setzte sich an das
geffnete Fenster.

Der die weiten Gastzellen enthaltende Anbau bildete eine Seite des
vergrerten Klosterhofes und war durch dessen sdlichen, mit dem
ppigen Laube der Feigen und Limonen dichtgefllten Winkel von dem
"vergessenen" Turme getrennt.  \XDCber dem Bltterdache trat die
schwere, durch Verfall und berwucherung formlos gewordene Masse des
gewaltigen Rundbaues in den Hof hinein.  Lukrezia erinnerte sich,
frher zur Nachtzeit eines der kleinen zwei oder drei kaum sichtbaren,
auf ungleicher Hhe in die Mauer gebrochenen Fensterchen schwach
erhellt gesehen zu haben.  Heute war das Innere des Turmes dunkel.
Von auen aber war er berglnzt von den hohen Sternbildern und an
seinem Fue umschwrmt und umtanzt vom Funkenspiele zahlloser
Leuchtkfer.

Stundenlang belauschte die Schlaflose die Stille der Nacht und das
Rauschen des Hofbrunnens.

Da war es, als knickten die Zweige und rauschten leichte Tritte auf
dem Rasen.  Es wurde wieder still.  Jetzt prludierte leise eine
Laute.  Und jetzt vernahm Lukrezias Ohr aus der Tiefe des Turmes und
einer mnnlichen Brust einen sanft beginnenden und in Sehnsucht
anschwellenden Gesang:

     "Ich glaube, da im Maienduft der reine
     Gestirnte Himmel glnzt, ich kann's nicht schauen!
     Ein einz'ger Stern darf meinen Himmel zieren...
     Und, wehe, meinen Stern mu ich verlieren,
     Dich, treues Weib, die Liebende, die Meine!
     Mein Leben kehrt zurck in stummes Grauen!
        Der Freund war mein Verderben,
        Ich mu vergehn und sterben,
     Mignstig schickt der Bruder mich von dannen,
     In de, fremde Kerker mich zu bannen."

Lukrezia war nicht im Zweifel, da sie Don Giulios markige Stimme
hrte; bevor sie aber die Bedeutung dieser in Wohllaut klagenden
Worte erfassen konnte, antwortete eine andre Nachtigall aus den
Feigenbumen empor.

Auch diese weiche Altstimme war ihr wohlbekannt.  Angela sang:

     "Getrost! An diesem Tag, der schon im Osten
     Den Himmel bleicht, geb ich Lukrezien Kunde
     Von unsrer Treu', zerreiend feige Schleier,
     Und wir begehen unsre Hochzeitsfeier,
     Gemeinsam frder Lieb' und Leid zu kosten,
     Und wr' es auch in eines Kerkers Grunde!
        Willkommen, junge Klarheit!
        Willkommen, Tag der Wahrheit!
     Von Haft zu Haft bis in das Reich der Schatten
     Begleit ich den geliebtesten der Gatten."

Nach einer groen berraschung und einer Aufwallung von rger, die
ebensosehr ihrer eigenen jahrelangen Unaufmerksamkeit als dem
Geschehenen galt, empfand die Herzogin, lebensklug, wie sie war, jene
Beruhigung, die in der vollendeten Tatsache liegt.  Denn, wie sie die
Base kannte, war es fr sie Gewiheit, da der Zwiegesang am
"vergessenen" Turme ein entschlossenes Opfer Angelas und eine
vorangegangene Trauung bedeutete, und sie ahnte auch mit Sicherheit,
welcher Priester diesen unwiderruflichen Akt vollzogen habe.

"Der gottlose Franziskaner", schalt sie ganz im Ernste, indem sie
sich auf ihr Lager zurckzog, wo sie, ihr leichtes Haupt auf das
Kissen legend und ihre Gedanken abwerfend, entschlummerte.

Sie schlief in den hellen Morgen hinein, und als sie erwachte,
erblickte sie Angela, die mit bittenden Augen an ihrem Lager kniete.

Sie aber schlo ihre Lider noch einmal, legte das blonde Haupt auf
das Polster zurck und sprach abwehrend:

"Verschone mich mit deiner Bitte, die ich ungesagt kenne... Du
willst mich wieder bei den Klarissen zurckhalten, weil du der
geistlichen bungen nicht satt wirst, du Fromme!  Diesmal kann es
nicht sein... ich erwarte die Verfgung des Herzogs.  Und liegt dort
nicht schon ein Schreiben Don Alfonsos?  Du hast es mir whrend
meines Schlummers gebracht?  Gib es mir gleich!"

Sie lste das Siegel und berflog die Botschaft mit raschem Blicke.
Ihr Gemahl hatte geschrieben:

  "Geliebte Herzogin!

  Beruhigt Euch ber den Vorfall im Kloster.  Es handelt sich einfach
  um eine Torheit des altersschwachen Mirabili.  Er verkehrte mit dem
  Blinden, der, wie Ihr vielleicht nicht wutet, seit einigen Jahren
  den 'vergessenen' Turm bewohnte, ihn aber heute verlt.  Der Alte
  hatte sich in den Gedanken verbohrt, den Blinden, dem die
  Verfhrungskunst geblieben ist, in Freiheit zu setzen.  Nachdem er
  vor zwei Jahren schon ein wunderliches und unehrerbietiges Schreiben
  an mich gerichtet, hat er vor kurzem, Torheit auf Torheit hufend,
  mit einer erbrmlichen Summe den Torwart zu bestechen versucht und
  nach einem Abdruck in Wachs einen Schlssel des Turmes bei meinem
  Hofschlosser bestellt.  Wenige Stunden spter lag Bestechungssumme
  und Wachsabdruck auf meinem Tische.  Ferne sei von mir, ber meinen
  weiland Lehrer, der bei grnen Krften mich zu meinem Heile und mit
  gutem Erfolg gezchtigt hat, strenges Gericht zu halten!  Er sitzt
  nun bei meinen Benediktinern in Modena, die ihn mit ihren
  Manuskripten in ihrem festen Hause aufbewahren.

  Es ist gut, da Ihr heute kommet.  Graf Contrario wird mir von Stunde
  zu Stunde unleidlicher.  Nicht genug, da er in meiner armen
  Fayencemalerei ein falsches Kunstprinzip erkennt, ist er mir gestern
  hinter meine Drehbank geraten und hat mir mit seinen eigensinnigen
  Fingern eine Hauptschraube verkrmmt.  Kommet, bevor er mir alles
  verdirbt, und bringet das Mdchen mit, da wir sie heute noch
  zusammengeben und beide, nebst den flavianischen Gtern, endgltig
  loswerden.

       Inzwischen Euer gndiger und
             Euch herzlich liebender Gemahl."

Lukrezia las diese Zeilen zwischen Lcheln und Besorgnis.  "Groe",
sagte sie--so pflegte sie die hher gewachsene Angela scherzend zu
nennen--, "reiche mir das Morgengewand und mache mich fertig, da wir
mit lauterm Antlitz und geordneten Gedanken dein Bestes erwgen, denn,
wisse, von deiner Zukunft handelt dieser Brief.  Der Herzog wnscht
dich noch heute mit Graf Contrario zu vermhlen."

Als Angela zusammenschrak, lchelte die Herzogin: "Frauenschicksal!...
Bist du denn ein Heiligtum, da du eine redliche Werbung als
Beleidigung empfindest, nicht anders, als schnde dein Freier einen
geweihten, oder betrete wenigstens einen fremden, verbotenen Boden?

Ich habe dich aus Rom nach Ferrara mitgenommen, um dir in dieser
gewaltttigen Zeit durch eine ehrenvolle Heirat eine feste und hohe
Stellung zu geben, und der Graf, den wir fr dich erwhlt haben,
bietet dir, bei einigen unangenehmen Eigenschaften, alle diese
bedeutenden Vorteile.  Dazu ist er ein vollkommener Edelmann."

"Edelmann?" spottete Angela, "und er wrde mich heimfhren ohne
Liebe?  Als Anhngsel der flavianischen Gter?"

"Was forderst du denn?" antwortete Lukrezia erbittert: "Willst du es
anders haben, als wir alle?  Was ist Mnnerliebe?  Reiz, List, Begier,
Gewalttat, Ha, Ekel!... Ich habe nie einen Mann geliebt!" So
bekannte Lukrezia Borgia.

Angela schwieg. Sie wute es anders und besser.  Dann sagte sie
einfach: "Aber die Liebe, die aus Reue und Mitleid stammt?"

"Das ist die himmlische", meinte Lukrezia, "ganz nach dem Katechismus!"

"Himmlisch oder irdisch!" bekannte Angela, "aus dieser Liebe bin ich
das Weib Don Giulios geworden."

Die Herzogin stellte sich erstaunter und erzrnter, als sie war:

"So konntest du dich gegen mich und den Herzog vergehen, du Arge!  Du
strzest dich in die Schmach und das Dunkel, statt, wie es jedem
edeln Weibe geziemt und angeboren ist, hoch und hher zu streben und
durch verborgene Klugheit das Leben zu beherrschen!  Du aber,
Niedrige, suchst den Kerker eines Blinden und Verurteilten."

"Wie ich mich so erniedrigen konnte, will ich dir erzhlen, Lukrezia",
sagte Angela stolz und demtig.

"Am Abend, da Strozzi ermordet wurde, und ich zu dir ins Kloster floh,
sah ich, wie Don Giulio in den 'vergessenen' Turm gebracht wurde,
und schon damals hafteten meine Blicke an den erbarmungslosen Mauern
und trugen mich meine Fe unter das im Grn verborgene Gitterfenster.
Schon damals htte ich gerne zu ihm geredet, aber die Stimme
versagte mir.

Im Herbste dann, zur Adventszeit, erreichte sie ihn.  Der Nordwind
hatte einen Haufen welken Laubes ergriffen, wirbelte es empor und
jagte es durch das Kerkerfenster zu dem Este hinein, so da die
morschen BItter ihn raschelnd berschtteten und, wenn er danach
tastete, in seinen Hnden zerbrechen muten.  Da erschien es mir
unendlich grausam, da die Natur dem Elenden ihren Tod ber das Haupt
streute.  Ich erhob meine Stimme und rief:

'Don Giulio, Euer Unglck ist da!  Es folgt Euch in Liebe.'

Er aber erkannte meine Stimme und antwortete: 'Sei mir willkommen!...'
Damals und spter, sooft ich mich ihm nhern konnte, erklrte er mir
sein Inneres folgendermaen:

'Als du mich einst in Pratello aufstrtest' sagte ich dir, du
knntest Vergangenes nicht ndern und meine Augen nicht
wiederschaffen; aber jetzt sind mir geistige aufgegangen.  Ich sehe'
--er lchelte--'ich sehe mit ihnen, da, wenn mich dein zuflliges
Wort geblendet hat, es zu meinem Heile geschah; zwar auf eine
schmerzliche und gewaltsame Weise, wie eine Mutter ihr schreiendes
Kind einem Ruber aus den Armen reit!  Denn ich wre in dumpfer Lust
zugrunde gegangen, whrend ich jetzt mit hellen Sinnen lebe, wenn
auch als ein Verminderter, da mir das edle Augenlicht genommen ist
und ich beschrnkt bin auf ein dunkles Tagewerk.  Nur sehne ich mich
freilich nach der Waldluft und dem Erdgeruch meines Pratello und auch
nach den Hunderten, die es bebauen und denen ich gerne ein guter und
gerechter Vater wre.'"

Und Angela begann mit berschwenglichen Worten Don Giulios neues
Wesen zu preisen und auch, ihr Glck... Doch das Unaussprechliche
lie sich nicht sagen, und sie schlo damit, Lukrezia zu umhalsen und
bis zum Ersticken zu kssen.

Whrend sich diese der Umarmung zu entziehen suchte, trat Pater
Mamette mit schuldlosem und hellem Angesicht ein.

Die Herzogin aber wandte sich entrstet gegen ihn.

"Ruchloser Mnch!" redete sie ihn an, "wie durftest du es wagen,
deinen Herzog mit so frechem Eingriff in seine vormundschaftliche
Macht ber diese hier zu beleidigen?"

"Ihr meint, erlauchte Frau, damit, da ich Don Giulio d'Este mit
Donna Angela Borgia getraut habe?" sagte er bescheiden.  "Ich tat es
im Dienst einer hheren Gewalt als der des Herzogs.  Es handelte sich
um das Leben Don Giulios und um den Frieden dieses Herzens"--er
blickte auf Donna Angela.

"Im Grunde des 'vergessenen' Turmes liegt eine enge Kapelle, die zum
Dienste der Gefangenen bestimmt ist und durch ein hochgelegenes,
schmales, mit schweren Eisenstben vergittertes Fenster kaum erhellt
wird.

Dorthin fhre ich allsonntglich Don Giulio und lese fr ihn die
Messe.  Da erhob ich einmal vor Jahren whrend der heiligen Gebruche
den Blick zum Fenster, wo sich etwas, wie die Schwinge eines Vogels,
geregt hatte.  Zwischen dem grnen Blattwerk sah ich braunes
Kraushaar und zwei andchtig leuchtende Augen.  Es konnte ein Engel
sein, welcher der heiligen Messe beiwohnte... er strte mich nicht.

Als ich dann den Kerker verlie, begegnete mir in der Klosterkirche
Donna Angela, deren Beichte ich hren sollte.

Ich erschrak bei ihrem Anblick; denn ihre Stirne trug in tiefen
blutroten Striemen das 'Zeichen des Kreuzes.  Was konnte es anders
sein als der Eindruck des Fenstergitters der Turmkapelle?  Ich erriet,
da die Jugendliche, das verschlungene Gest der Feigenbume
bentzend, im Laubdunkel verborgen, die Stirn auf die harten
Eisenstbe gesttzt hatte, um in die Kapelle hinunterzublicken.

In ihrer Beichte quoll ihr Elend empor.  Tiefer und blutiger, als es
auf ihrer Stirne stand, hatte sich das Gefngnis Don Giulios in ihr
Herz eingeschnitten.  Die ganze Schuld an der Blendung des Este und
nicht minder die Schuld seines Hochverrats lag auf ihrem Gewissen.
Sie war die Ursache seines Kerkers.

Sehnschtig verlangte sie nach einer Shne, die unmglich war, und
nach einer Bue, welche die Hhe ihrer Schuld niemals erreichen
konnte.  Seine Augen konnte sie nicht neu schaffen, und ihr Verlangen,
wenigstens, mit ihm verurteilt, sein Kerkerdunkel zu teilen, konnte
ihr die irdische Gerechtigkeit nicht gewhren.  Aus diesem Inhalt
ihres Herzens erkannte ich ihre groe Liebe zu Don Giulio: Denn Liebe
schlgt gering an, was sie gibt, hoch, was sie verschuldet, und
bedarf einer groen Vergebung.

Was aber das Recht nicht verleihen kann, das gewhrt die
Barmherzigkeit der Kirche.  So mute und durfte ich unwrdiger
Priester durch das Sakrament der Ehe die beiden in eine Schuld und in
eine Bue vermhlen.

Das Staatsgesetz bertraten sie bei der Trauung in keiner Weise.  Der
Gefangene verlie den Turm nicht, er stand in der Kapelle, und Donna
Angela sttzte wieder ihre Stirne an das Gitterkreuz, durch welches
die von mir gesegneten Ringe gewechselt wurden..."

"Solche Ehe ist verwerflich und ungltig", behauptete die Herzogin
emprt.

"So blieb es", fuhr der Franziskaner ruhig fort, "bis Don Giulio nach
dem unglcklichen Briefe Mirabilis von einem verderblichen Fieber
aufs Lager gestreckt wurde.  Wie war es mglich, die Eines Gewordenen
im Sterben zu trennen!... Er genas unter Donna Angelas Pflege.  Die
Ehe blieb verborgen, da Angela damals lnger als sonst und allein bei
den Klarissen blieb, whrend Eure Erlaucht zur Zeit des
venezianischen Krieges in Abwesenheit des Herzogs vom Morgen bis zum
Abend dem Wohle des Staates lebte.  Die Stunde der Entdeckung stellte
ich, wie unser ganzes Los, in Gottes Hand."

"Das Eurige knnte leicht ein schlimmes werden, ehrwrdiger Vater,
wenn ich mich nicht herablasse, bei Don Alfonso fr Euch einzutreten
und frzusprechen!" sagte Donna Lukrezia mit einem Zuge der
Verachtung um den feinen Mund.

"Tut, was Ihr drft!" erwiderte der Franziskaner und beurlaubte sich.

Als am Abend in der Dmmerung die Snfte der scheidenden Herzogin,
aus dem Kreise der Nonnen fortgehoben, ins Freie trat, erschien vor
dem Tore des "vergessenen" Turmes der Pater noch einmal.  Mit
erbleichtem Angesicht hielt er die Trger auf und flsterte der
Herzogin zu:

"Der Gefangene ist verschwunden.  Ich wei, da der Hauptmann der
herzoglichen Leibwache verlarvt bei ihm erschien und ihn unter einer
dunkeln Maske weggefhrt hat.  Tretet fr ihn ein, Madonna, wie Ihr
es mir verhieet!"

Als die beiden Frauen den erleuchteten Festsaal der Burg betraten,
fanden sie dort Don Alfonso, der, die Herzogin erwartend, auf und
nieder schritt und sich zuweilen mit einem Blick und einem Rat an der
Schachpartie beteiligte, welche ein grauer Hfling mit langer
ehrwrdiger Nase gegen den Grafen Contrario spielte.

"Schach und matt!" krhte der Graf triumphierend und trat, whrend
sein Gegenpart vernichtet auf das verlorene Spiel starrte, den Frauen
ritterlich entgegen.

Aber schon hatte der Herzog Donna Lukrezia zu einem entfernten
Ruhesitz gefhrt und begann, nachdem er sie kurz begrt hatte, ihr
ein Schreiben mitzuteilen.  Es kam aus Mailand.  Der Kardinal
Ippolito hatte es mit zitternder Hand geschrieben, und es lautete:

"Geliebtester Bruder, ich bereite mich zum Sterben.  Ein inneres
Geschwr ttet mich.  Ich leide unertrglich.  Mich qult der Gedanke:
Vielleicht knnte ich leichter scheiden, wenn Don Giulio, mit dem
ich mich oft beschftige, seinen Kerker verliee.

Erweise mir diesen letzten Dienst und lebe wohl."


"Du begreifst", sagte der Herzog, "da ich sofort willfahrte.  Aber
wohin nun mit dem Blinden?  Gib mir deinen Rat, Lukrezia, was ich mit
ihm anfange.  Er wird sogleich hier erscheinen.  Ich habe Befehl
gegeben, mir ihn vorzufhren."

"Das Schicksal hat sich seiner angenommen", sagte sie.  "Erstaune!
Seit zwei Jahren ist er vermhlt.  Zur Schande meiner Klugheit sei es
eingestanden, mit meiner aus der Art geschlagenen Base, die im
Schatten unseres Klsterchens den 'vergessenen' Turm besuchte.
Strafe gehrt ihr.  Wir grenzen die beiden im Gebiete von Pratello
ein und geben ihm Angela zur Hterin."

Ein wunderliches Gemisch von Entrstung und Befriedigung erschien auf
den Zgen des Herzogs.  "Doch was fangen wir mit diesem an?" sagte er
hhnend und deutete auf die Mitte des Saals, wo der Graf in lngerer
und sorgfltig begrndeter Rede um die Hand der verstummten Angela
warb.

Jetzt aber ffnete sich die Tr, und der Blinde erschien auf der
Schwelle.

"Vergebt, Herr--da ist mein Gemahl!" rief Angela selig und eilte zu
ihm.

Don Giulio trat ein mit einer leichten Binde ber den Augen, aber mit
sicheren mnnlichen Schritten, von Angela unmerklich an der Hand
gefhrt.

Er erreichte den Herzog, bog das Knie, fate seine Hand und sprach:

"Bruder, ich habe mich schwer an dir vergangen, da ich dir..."
vielleicht wollte er sagen "nach dem Leben stand"--aber der Bruder
lie den Bruder nicht ausreden, sondern hob ihn zu seinem Munde empor,
und die Mnner kten sich und berschwemmten sich mit Trnen.

Der Herzog fate sich bald.

"Mein Wort bleibt!" sagte er.  "Du bist mein Gefangener im Umkreis
deines weiten Pratello, und diese setze ich dir zur Hterin."

"Er wird Euer Gebot nicht bertreten", sagte Angela.  "Weder dort
noch anderswo; denn seinen dunkeln Kerker kann er niemals verlassen.
Er trgt ihn berall mit sich."

"Nicht wahr, Bruder", bat Don Giulio, "du ttest mir meinen alten
Mirabili nicht?"

"Was denkst du von mir, Julius?  Ich sollte einen Mann tten, der uns
die stoische Weisheit gelehrt hat!... Er sitzt wie im Paradiese bei
unsern gelehrten Benediktinern in Modena!"

Graf Contrario hatte Mhe, an das zu glauben, was er vor sich sah.
Er empfand nur den dunkeln Trieb, dem leidensvollen Paare etwas
Unangenehmes zu sagen.  So warf er noch zwei Steine, die sich aber in
Rosen verwandelten.

Er wandte sich zuerst an den Blinden.

"Ich wnsche Glck, Prinz!" sagte er.  "Aber erlaubt mir den Mut
meiner Meinung.  Ich denke, ein wahrer Edelmann, ein ganz vollendeter
Edelmann htte sich wohl gefragt, ob es zart gehandelt sei, wenn ein
Blinder eine Sehende an sich fesselt und sie mit verliebten Armen
selbstschtig in sein Grab niederzieht.  Blieb Euch das verborgen
oder von Euch unerwogen?"

"Graf!" antwortete Don Giulio glcklich, "sie nahm mir die Augen und
gibt mir dafr die ihrigen.  Sie gibt gern, und ich nehme gern.  Sie
ist selig im Geben und ich im Nehmen."

Angela aber jubelte im berma der Liebe: "Deine schnen blauen Augen
werden wieder erstrahlen, mein Geliebter:... Du schicktest mich
einst fort aus Pratello, weil ich sie nicht neu schaffen knne.
Deine Augen werden heller und jnger leuchten als zuvor... aus dem
Angesichte deiner Kinder, wenn sie mir Gott gibt!"

Sie erschrak ber ihre Khnheit und wurde Glut.

Darauf warf der Graf seinen zweiten Stein.  "Madonna", tadelte er,
"es gibt Dinge, die eine gebildete Dame kaum zu denken wagt,
geschweige, da sie solche ausspricht!"

Angela antwortete mit festlichen Augen--schade, da der Blinde nicht
hineinblicken konnte!--: "Was wollet Ihr, Graf?  Ich bin eine Borgia
und bleibe eine Borgia, da msset Ihr mir schon etwas zugute halten."

Es entstand eine Pause.  Graf Contrario aber wandte sich mit edelm
Entschlusse an die Herzogin.  "Erlauchte Frau", sagte er, "ich
willige in die von Euch vorgeschlagene Teilung der flavianischen
Gter."







*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, ANGELA BORGIA ***

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