The Project Gutenberg EBook of Turandot, Prinzessin von China
by Johann Christoph Friedrich von Schiller Schiller

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Title: Turandot, Prinzessin von China

Author: Johann Christoph Friedrich von Schiller Schiller

Release Date: September, 2004  [EBook #6505]
[This file was first posted on December 24, 2002]
[Most recently updated March 29, 2004]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, TURANDOT, PRINZESSIN VON CHINA ***





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Turandot, Prinzessin von China.

Friedrich Schiller.

Ein tragikomisches Mrchen nach Gozzi.


Personen:

Altoum, fabelhafter Kaiser von China.
Turandot, seine Tochter.
Adelma, eine tartarische Prinzessin, ihre Sklavin.
Zelima, eine andere Sklavin der Turandot.
Skirina, Mutter der Zelima.
Barak, ihr Gatte, ehmals Hofmeister des
Kalaf, Prinzen von Astrachan.
Timur, vertriebener Knig von Astrachan.
Ismael, Begleiter des Prinzen von Samarcand.
Tartaglia, Minister.
Pantalon, Kanzler.
Truffaldin, Aufseher der Verschnittenen.
Brigella, Hauptmann der Wache.
Doctoren des Divans.
Sklaven und Sklavinnen des Serails.




Erster Aufzug.

Vorstadt von Peckin.

Prospekt eines Stadtthors.  Eiserne Stbe ragen ber demselben
hervor, worauf mehrere geschorne, mit trkischen Schpfen
versehene Kpfe als Masken und so, da sie als eine Zierrath
erscheinen knnen, symmetrisch aufgepflanzt sind.



Erster Auftritt.

Prinz Kalaf, in tartarischem Geschmack, etwas phantastisch
gekleidet, tritt aus einem Hause.  Gleich darauf Barak, aus
der Stadt kommend.


Kalaf.
Habt Dank, ihr Gtter!  Auch zu Peckin sollt' ich
Eine gute Seele finden!

Barak (in persischer Tracht, tritt auf, erblickt ihn und fhrt
erstaunt zurck).
Seh' ich recht?
Prinz Kalaf!  Wie?  Er lebt noch!

Kalaf (ernennt ihn).  Barak!

Barak (auf ihn zueilend).  Herr!

Kalaf.  Dich find' ich hier?

Barak.  Euch seh' ich lebend wieder!
Und hier zu Peckin!

Kalaf.  Schweig!  Verrath mich nicht!
Beim groen Lama, sprich!  Wie bist du hier?

Barak.  Durch ein Geschick der Gtter, mu ich glauben,
Da es mich hier mit Euch zusammenfhrt.
An jenem Tag des Unglcks, als ich sah,
Da unsre Vlker flohen, der Tyrann
Von Tefflis unaufhaltsam in das Reich
Eindrang, floh ich nach Astrachan zurck,
Bedeckt mit schweren Wunden.  Hier vernahm ich,
Da Ihr und Knig Timur, Euer Vater,
Im Treffen umgekommen.  Meinen Schmerz
Erzhl' ich nicht; verloren gab ich Alles,
Und sinnlos eilt' ich zum Palaste nun,
Elmazen, Eure knigliche Mutter,
Zu retten; doch ich suchte sie vergebens!
Schon zog der Sieger ein zu Astrachan,
Und in Verzweiflung eilt' ich aus den Thoren.
Von Land zu Lande irrt' ich flchtig nun
Drei Jahre lang umher, ein Obdach suchend,
Bis ich zuletzt nach Peckin mich gefunden.
Hier unterm Namen Hassan glckte mir's,
Durch treue Dienste einer Wittwe Gunst
Mir zu erwerben, und sie ward mein Weib.
Sie kennt mich nicht; ein Perser bin ich ihr.
Hier leb' ich nun, obwohl gering und arm
Nach meinem vor'gen Loos, doch berreich
In diesem Augenblicke, da ich Euch,
Den Prinzen Kalaf, meines Knigs Sohn,
Den ich erzogen, den ich Jahre lang
Fr todt beweint, im Leben wieder sehe!
--Wie aber lebend?  Wie in Peckin hier?

Kalaf.  Nenne mich nicht.  Nach jener unglcksel'gen Schlacht
Bei Astrachan, die uns das Reich gekostet,
Eilt' ich mit meinem Vater zum Palast;
Schnell rafften wir das Kostbarste zusammen,
Was sich an Edelsteinen fand, und flohn.
In Bauerntracht verhllt, durchkreuzten wir,
Der Knig und Elmaze, meine Mutter,
Die Wsten und das felsigte Gebirg.
Gott, was erlitten wir nicht da!  Am Fu
Des Kaukasus raubt' eine wilde Horde
Von Malandrinen uns die Schtze; nur
Das nackte Leben blieb uns zum Gewinn.
Wir muten kmpfen mit des Hungers Qualen
Und jedes Elends mannigfacher Noth.
Den Vater trug ich bald und bald die Mutter
Auf meinen Schultern, eine theure Last.
Kaum wehrt' ich seiner wthenden Verzweiflung,
Da er den Dolch nicht auf sein Leben zuckte;
Die Mutter hielt ich kaum, da sie, von Gram
Erschpft, nicht niedersank!  So kamen wir
Nach Jaik endlich, der Tartarenstadt,
Und hier, an der Moscheen Thor, mut' ich
Ein Bettler flehen um die magre Kost,
Der theuren Eltern Leben zu erhalten.
--Ein neues Unglck!  Unser grimm'ger Feind,
Der Khan von Tefflis, voll Tyrannenfurcht,
Mitrauend dem Gercht von unserm Tode,
Er lie durch alle Lnder uns verfolgen.
Vorausgeeilt schon war uns sein Befehl,
Der alle kleinen Knige seiner Herrschaft
Aufbot, uns nachzusphn.  Nur schnelle Flucht
Entzog uns seiner Sprer Wachsamkeit--
Ach, wo verbrg' sich ein gefallner Knig!

Barak.  O, nichts mehr!  Eure Worte spalten mir
Das Herz!  Ein groer Frst in solchem Elend!
Doch sagt!  Lebt mein Gebieter noch, und lebt
Elmaze, meine Knigin?

Kalaf.  Sie leben.
Und wisse, Barak, in der Noth allein
Bewhret sich der Adel groer Seelen.
--Wir kamen in der Karazanen Land;
Dort, in den Grten Knig Keicobads,
Mut' ich zu Knechtes Diensten mich bequemen,
Dem bittern Hungertode zu entfliehn.
Mich sah Adelma dort, des Knigs Tochter,
Mein Anblick rhrte sie, es schien ihr Herz
Von zrtlichern Gefhlen, als des Mitleids,
Sich fr den fremden Grtner zu bewegen.
Scharf sieht die Liebe, nimmer glaubte sie
Mich zu dem Loos, wo sie mich fand, geboren.
--Doch wei ich nicht, welch bsen Sternes Macht
Der Karazanen Knig Keicobad
Verblendete, den mcht'gen Altoum,
Den Grokhan der Chinesen, zu bekriegen.
Das Volk erzhlte Seltsames davon.
Was ich berichten kann, ist dies: Besiegt
Ward Keicobad, sein ganzer Stamm vertilgt;
Adelma selbst mit sieben andern Tchtern
Des Knigs ward ertrnkt in einem Strome.
--Wir aber flohen in ein andres Land;
So kamen wir nach langem Irren endlich
Zu Berlas an--Was bleibt mir noch zu sagen?
Vier Jahre lang schafft' ich den Eltern Brod,
Da ich um drft'ges Taglohn Lasten trug.

Barak.  Nicht weiter, Prinz.  Vergessen wir das Elend,
Da ich Euch jetzt in kriegerischem Schmuck
Und Heldenstaat erblicke.  Sagt.  wie endlich
Das Glck Euch gnstig ward?

Kalaf.  Mir gnstig!  Hre!
Dem Khan von Berlas war ein edler Sperber
Entwischt, den er in hohem Werthe hielt.
Ich fand den Sperber, berbracht' ihn selbst
Dem Knig--Dieser fragt nach meinem Namen;
Ich gebe mich fr einen Elenden,
Der seine Eltern nhrt mit Lastentragen.
Drauf lie der Khan den Vater und die Mutter
Im Hospital versorgen.  (Er hlt inne.)  Barak!  Dort,
Im Aufenthalt des allerhchsten Elends,
Dort ist dein Knig--deine Knigin.
Auch dort nicht sicher, dort noch in Gefahr,
Erkannt zu werden und getdtet!

Barak.  Gott!

Kalaf.  Mir lie der Kaiser diese Brse reichen,
Ein schnes Pferd und dieses Ritterkleid.
Den greisen Eltern sag' ich Lebewohl;
Ich gehe, rief ich, mein Geschick zu ndern,
Wo nicht, dies traur'ge Leben zu verlieren!
Was thaten sie nicht, mich zurckzuhalten
Und, da ich standhaft blieb, mich zu begleiten!
Verht' es Gott, da sie, von Angst geqult,
Nicht wirklich meinen Spuren nachgefolgt!
Hier bin ich nun, zu Peckin, unerkannt,
Viel hundert Meilen weit von meiner Heimath.
Entschlossen komm' ich her, dem groen Khan
Vom Lande China als Soldat zu dienen,
Ob mir vielleicht die Sterne gnstig sind,
Durch tapfre That mein Schicksal zu verbessern.
--Ich wei nicht, welche Festlichkeit die Stadt
Mit Fremden fllt, da kein Karvanserai
Mich aufnahm--Dort in jener schlechten Htte
Gab eine Frau aus gutem Herzen mir
Herberge.

Barak.  Prinz, das ist mein Weib.

Kalaf.  Dein Weib?
Preise dein Glck, da es ein fhlend Herz
Zur Gattin dir gegeben!  (Er reicht ihm die Hand.)
 Jetzt leb' wohl.
Ich geh' zur Stadt.  Mich treibt's, die Festlichkeit
Zu sehn, die so viel Menschen dort versammelt.
Dann zeig' ich mich dem groen Khan und bitt'
Ihn um die Gunst, in seinem Heer zu dienen.

(Er will fort.  Barak hlt ihn zurck.)

Barak.  Bleibt, Prinz!  Wo wollt Ihr hin?  Mgt Ihr das Aug'
An einem grausenvollen Schauspiel weiden?
O, wisset, edler Prinz--Ihr kamt hieher
Auf einen Schauplatz unerhrter Thaten.

Kalaf.  Wie so?  Was meinst du?

Barak.  Wie?  Ihr wit es nicht,
Da Turandot, des Kaisers einz'ge Tochter,
Das ganze Reich in Leid versenkt und Thrnen?

Kalaf.  Ja, schon vorlngst im Karazanenland
Hrt' ich dergleichen--und die Rede ging,
Es sei der Prinz des Knigs Keicobad
Auf eine seltsam jammervolle Art
Zu Peckin umgekommen--Eben dies
Hab' jenes Kriegesfeuer angeflammt,
Das mit dem Falle seines Reichs geendigt.
Doch Manches glaubt und schwatzt ein dummer Pbel,
Worber der Verstnd'ge lacht--Darum
Sag' an, wie sich's verhlt mit dieser Sache?

Barak.  Des Grokhans einz'ge Tochter, Turandot,
Durch ihren Geist berhmt und ihre Schnheit,
Die keines Malers Pinsel noch erreicht,
Wie viele Bildnisse von ihr auch in der Welt
Herumgehn, hegt so bermth'gen Sinn,
So groen Abscheu vor der Ehe Banden,
Da sich die grten Knige umsonst
Um ihre Hand bemht--

Kalaf.  Das alte Mrchen
Vernahm ich schon am Hofe Keicobads
Und lachte drob--Doch fahre weiter fort

Barak.  Es ist kein Mrchen.  Oft schon wollte sie
Der Khan, als einz'ge Erbin seines Reichs,
Mit Shnen groer Knige vermhlen.
Stets widersetzte sich die stolze Tochter,
Und, ach!  zu blind ist seine Vaterliebe,
Als da er Zwang zu brauchen sich erkhnte.
Viel schwere Kriege schon erregte sie
Dem Vater, und obgleich noch immer Sieger
In jedem Kampf, so ist er doch ein Greis
Und unbeerbt wankt er dem Grabe zu.
Drum sprach er einsmals ernst und wohlbedchtlich
Zu ihr die strengen Worte: Strrig Kind!
Entschliee dich einmal, dich zu vermhlen,
Wo nicht, so sinn' ein ander Mittel aus,
Dem Reich die ew'gen Kriege zu ersparen;
Denn ich bin alt; zu viele Kn'ge schon
Hab' ich zu Feinden, die dein Stolz verschmhte.
Drum nenne mir ein Mittel, wie ich mich
Der wiederholten Werbungen erwehre,
Und leb' hernach und stirb, wie dir's gefllt--
Erschttert ward von diesem ernsten Wort
Die Stolze, rang umsonst, sich loszuwinden;
Die Kunst der Thrnen und der Bitten Macht
Erschpfte sie, den Vater zu bewegen;
Doch unerbittlich blieb der Khan--Zuletzt
Verlangt sie von dem unglcksel'gen Vater,
Verlangt--Hrt, was die Furie verlangte!

Kalaf.  Ich hab's gehrt.  Das abgeschmackte Mrchen
Hab' ich schon oft belacht--Hr', ob ich's wei!
Sie fordert' ein Edict von ihrem Vater,
Da jedem Prinzen kniglichen Stamms
Vergnnt sein soll, um ihre Hand zu werben.
Doch dieses sollte die Bedingung sein:
Im ffentlichen Divan, vor dem Kaiser
Und seinen Rthen allen, wollte sie
Drei Rthsel ihm vorlegen.  Lste sie
Der Freier auf, so mg' er ihre Hand
Und mit derselben Kron' und Reich empfangen.
Lst er sie nicht, so soll der Kaiser sich
Durch einen heil'gen Schwur auf seine Gtter
Verpflichten, den Unglcklichen enthaupten
Zu lassen.--Sprich, ist's nicht so?  Nun vollende
Dein Mrchen, wenn du's kannst vor langer Weile.

Barak.  Mein Mrchen?  Wollte Gott!  Der Kaiser zwar
Emprt' sich erst dagegen; doch die Schlange
Verstand es, bald mit Schmeichelbitten, bald
Mit list'ger Redekunst das furchtbare
Gesetz dem schwachen Alten zu entlocken.
Was ist's denn auch?  sprach sie mit arger List;
Kein Prinz der Erde wird so thricht sein,
In solchem blut'gen Spiel sein Haupt zu wagen!
Der Freier Schwarm zieht sich geschreckt zurck,
Ich werd' in Frieden leben.  Wagt es dennoch
Ein Rasender, so ist's auf seine eigne
Gefahr, und meinen Vater trifft kein Tadel,
Wenn er ein heiliges Gesetz vollzieht!--
Beschworen ward das unnatrliche
Gesetz und kund gemacht in allen Landen.

(Da Kalaf den Kopf schttelt.)

--Ich wnschte, da ich Mrchen nur erzhlte
Und sagen drfte.  Alles war ein Traum!

Kalaf.  Weil du's erzhlst, so glaub' ich das Gesetz.
Doch sicher war kein Prinz wahnsinnig gnug,
Sein Haupt daran zu setzen.

Barak (zeigt nach dem Stadtthor).  Sehet, Prinz!
Die Kpfe alle, die dort auf den Thoren
Zu sehen sind, gehrten Prinzen an,
Die toll genug das Abenteuer wagten
Und klglich ihren Untergang drin fanden,
Weil sie die Rthsel dieser Sphinx zu lsen
Nicht fhig waren.

Kalaf.  Grausenvoller Anblick!
Und lebt ein solcher Thor, der seinen Kopf
Wagt, um ein Ungeheuer zu besitzen!

Barak.  Nein!  Sagt das nicht.  Wer nur ihr Konterfei
Erblickt, das man sich zeigt in allen Lndern,
Fhlt sich bewegt von solcher Zaubermacht,
Da er sich blind dem Tod entgegen strzt,
Das gttergleiche Urbild zu besitzen.

Kalaf.  Irgend ein Geck.

Barak.  Nein, wahrlich!  Auch der Klgste.
Heut ist der Zulauf hier, weil man den Prinzen
Von Samarcanda, den verstndigsten,
Den je die Welt gesehn, enthaupten wird.
Der Khan beseufzt die frchterliche Pflicht;
Doch ungerhrt frohlockt die stolze Schne.

(Man hrt in der Ferne den Schall von gedmpften Trommeln.)

Hrt!  Hrt Ihr!  Dieser dumpfe Trommelklang
Verkndet, da der Todesstreich geschieht;
Ihn nicht zu sehen, wich ich aus der Stadt.

Kalaf.  Barak, du sagst mir unerhrte Dinge.
Was?  Konnte die Natur ein weibliches
Geschpf wie diese Turandot erzeugen,
So ganz an Liebe leer und Menschlichkeit?

Barak.  Mein Weib hat eine Tochter, die im Harem
Als Sklavin dient und uns Unglaubliches
Von ihrer schnen Knigin berichtet.
Ein Tiger ist sie, diese Turandot,
Doch gegen Mnner nur, die um sie werben.
Sonst ist sie gtig gegen alle Welt;
Stolz ist das einz'ge Laster, das sie schndet.

Kalaf.  Zur Hlle, in den tiefsten Schlund hinab
Mit diesen Ungeheuern der Natur,
Die kalt und herzlos nur sich selber lieben!
Wr' ich ihr Vater, Flammen sollten sie
Verzehren.

Barak.  Hier kommt Ismael, der Freund
Des Prinzen, der sein Leben jetzt verloren.
Er kommt voll Thrnen--Ismael!



Zweiter Auftritt.

Ismael zu den Vorigen.


Ismael (reicht dem Barak die Hand, heftig weinend).  Er hat
Gelebt--Der Streich des Todes ist gefallen.
Ach!  Warum fiel er nicht auf dieses Haupt!

Barak.  Barmherz'ger Himmel!--Doch warum liet Ihr
Geschehn, da er im Divan der Gefahr
Sich blogestellt?

Ismael.  Mein Unglck braucht noch Vorwurf.
Gewarnt hab' ich, beschworen und gefleht,
Wie es mein Herz, wie's meine Pflicht mich lehrte.
Umsonst!  Des Freundes Stimme wurde nicht
Gehrt; die Macht der Gtter ri ihn fort.

Barak.  Beruhigt Euch!

Ismael.  Beruhigen?  Niemals, niemals!
Ich hab' ihn sterben sehen.  Sein Gefhrte
War ich in seinem letzten Augenblick,
Und seine Abschiedsworte gruben sich
Wie spitz'ge Dolche mir ins tiefste Herz.
"Weine nicht!" sprach er.  "Gern und freudig sterb' ich,
"Da ich die Liebste nicht besitzen kann.
"Mag es mein theurer Vater mir vergeben,
"Da ich ohn' Abschied von ihm ging.  Ach, nie
"Htt' er die Todesreise mir gestattet!
"Zeig' ihm dies Bildni!

(Er zieht ein kleines Portrait an einem Band aus dem Busen.)

"Wenn er diese Schnheit
"Erblickt, wird er den Sohn entschuldigen."
Und an die Lippen drckt' er jetzt, lautschluchzend,
Mit heft'gen Kssen dies verhate Bild,
Als knnt' er, sterbend selbst, nicht davon scheiden;
Drauf kniet' er nieder, und--mit einem Streich--
Noch zittert mir das Mark in den Gebeinen--
Sah ich Blut spritzen, sah den Rumpf hinfallen
Und hoch in Henkers Hand das theure Haupt;
Entsetzt und trostlos ri ich mich von dannen.

(Wirft das Bild in heftigem Unwillen auf den Boden.)

Verhates, ewig fluchenswerthes Bild!
Liege du hier, zertreten in dem Staub!
Knnt' ich sie selbst, die Tigerherzige,
Mit diesem Futritt so wie dich zermalmen!
Da ich dich meinem Knig berbrchte!
Nein, mich soll Samarcand nicht wieder sehn.
In eine Wste will ich fliehn und dort,
Wo mich kein menschlich Ohr vernimmt, auf ewig
Um meinen vielgeliebten Prinzen weinen.  (Geht ab.)



Dritter Auftritt.

Kalaf und Barak.


Barak (nach einer Pause).
Prinz Kalaf, habt Ihr's nun gehrt?

Kalaf.  Ich stehe
Ganz voll Verwirrung, Schrecken und Erstaunen.
Wie aber mag dies unbeseelte Bild,
Das Werk des Malers, solchen Zauber wirken?

(Er will das Bildni von der Erde nehmen.)

Barak (eilt auf ihn zu und hlt ihn zurck).
Was macht Ihr!--Groe Gtter!

Kalaf (lchelnd).  Nun!  Ein Bildni
Nehm' ich vom Boden auf.  Ich will sie doch
Betrachten, diese mrderische Schnheit.

(Greift nach dem Bildni und hebt es von der Erde auf.)

Barak (ihn haltend).  Euch wre besser, der Medusa Haupt
Als diese tdtliche Gestalt zu sehn.
Weg!  Weg damit!  Ich kann es nicht gestatten.

Kalaf.  Du bist nicht klug.  Wenn du so schwach dich fhlst,
Ich bin es nicht.  Des Weibes Reiz hat nie
Mein Aug gerhrt, auch nur auf Augenblicke,
Viel weniger mein Herz besiegt.  Und was
Lebend'ge Schnheit nie bei mir vermocht,
Das sollten todte Pinselstriche wirken?
Unntze Sorgfalt, Barak--Mir liegt Andres
Am Herzen, als der Liebe Narrenspiel.  (Will das Bildni anschauen.)

Barak.  Dennoch, mein Prinz--Ich warn' Euch--Thut es nicht!

Kalaf (ungeduldig).  Zum Henker, Einfalt!  Du beleidigst mich.

(Stt ihn zurck, sieht das Bild an und gerth in Erstaunen.
Nach einer Pause.)

Was seh' ich!

Barak (ringt verzweifelnd die Hnde).
 Weh' mir!  Welches Unglck!

Kalaf (fat ihn lebhaft bei der Hand).  Barak!

(Will reden, sieht aber wieder auf das Bild und betrachtet
es mit Entzcken.)

Barak (fr sich).  Seid Zeugen, Gtter--Ich, ich bin nicht schuld,
Ich hab' es nicht verhindern knnen.

Kalaf.  Barak!
--In diesen holden Augen, dieser sen
Gestalt, in diesen sanften Zgen kann
Das harte Herz, wovon du sprichst, nicht wohnen!

Barak.  Unglcklicher, was hr' ich?  Schner noch
Unendlichmal, als dieses Bildni zeigt,
Ist Turandot, sie selbst!  Nie hat die Kunst
Des Pinsels ihren ganzen Reiz erreicht;
Doch ihres Herzens Stolz und Grausamkeit
Kann keine Sprache, keine Zunge nennen.
O, werft es von Euch, dies unselige,
Verwnschte Bildni!  Euer Auge sauge
Kein tdtlich Gift aus dieser Mordgestalt!

Kalaf.  Hinweg!  Vergebens suchst du mich zu schrecken!
--Himmlische Anmuth!  Warme, glhende Lippen!
Augen der Liebesgttin!  Welcher Himmel,
Die Flle dieser Reize zu besitzen!

(Er steht in den Anblick des Bildes verloren, pltzlich wendet er
sich zu Barak und ergreift seine Hand.)

Barak!  Verrath mich nicht--Jetzt oder nie!
Dies ist der Augenblick, mein Glck zu wagen.
Wozu dies Leben sparen, das ich hasse?
--Ich mu auf einen Zug die schnste Frau
Der Erde und ein Kaiserthum mit ihr
Gewinnen oder dies verhate Leben
Auf einen Zug verlieren--Schnstes Werk!
Pfand meines Glcks und meine se Hoffnung!
Ein neues Opfer ist fr dich bereit
Und drngt sich wagend zu der furchtbarn Probe.
Sei gtig gegen mich--Doch, Barak, sprich!
Ich werde doch im Divan, eh' ich sterbe,
Das Urbild selbst von diesen Reizen sehn?

(Indem sieht man die frchterliche Larve eines Nachrichters
sich ber dem Stadtthor erheben und einen neuen Kopf ber
demselben aufpflanzen.--Der vorige Schall verstimmter Trommeln
begleitet diese Handlung.)

Barak.  Ach, sehet, sehet, theurer Prinz, und schaudert!
Dies ist das Haupt des unglcksel'gen Jnglings--
Wie es Euch anstarrt!  Und dieselben Hnde,
Die es dort aufgepflanzt, erwarten Euch.
O, kehret um!  Kehrt um!  Nicht mglich ist's,
Die Rthsel dieser Lwin aufzulsen.
Ich seh' im Geist schon Euer theures Haupt,
Ein Warnungszeichen allen Jnglingen,
In dieser furchtbarn Reihe sich erheben.

Kalaf (hat das aufgesteckte Haupt mit Nachdenken und Rhrung
betrachtet).
Verlorner Jngling!  Welche dunkle Macht
Reit mich geheimnivoll, unwiderstehlich
Hinauf in deine tdtliche Gesellschaft?

(Er bleibt nachsinnend stehen; dann wendet er sich zu Barak.)

--Wozu die Thrnen, Barak?  Hast du mich
Nicht einmal schon fr todt beweint?  Komm, komm!
Entdecke keiner Seele, wer ich bin.
Vielleicht--wer wei, ob nicht der Himmel, satt,
Mich zu verfolgen, mein Beginnen segnet
Und meinen armen Eltern Trost verleiht.
Wo nicht--Was hat ein Elender zu wagen?
Fr deine Liebe will ich dankbar sein,
Wenn ich die Rthsel lse--Lebe wohl!

(Er will gehen, Barak hlt ihn zurck, unterdessen kommt Skirina,
Baraks Weib, aus dem Hause.)

Barak.  Nein, nimmermehr!  Komm mir zu Hilfe, Frau!
La ihn nicht weg--Er geht, er ist verloren,
Der theure Fremdling geht, er will es wagen,
Die Rthsel dieser Furie zu lsen.



Vierter Auftritt.

Skirina zu den Vorigen.


Skirina (tritt ihm in den Weg).
O weh!  Was hr' ich?  Seid Ihr nicht mein Gast?
Was treibt den zarten Jngling in den Tod?

Kalaf.  Hier, gute Mutter!  Dieses Gtterbild
Ruft mich zu meinem Schicksal.  (Zeigt ihr das Bildnis.)

Skirina.  Wehe mir!
Wie kam das hll'sche Bild in seine Hand?

Barak.  Durch bloen Zufall.

Kalaf (tritt zwischen Beide).  Hassan!  Gute Frau!
Zum Dank fr Eure Gastfreundschaft behaltet
Mein Pferd!  Auch diese Brse nehmet hin!
Sie ist mein ganzer Reichthum--Ich--ich brauche
Fortan nichts weiter--denn ich komm' entweder
Reich wie ein Kaiser oder--nie zurck!
--Wollt Ihr, so opfert einen Theil davon
Den ew'gen Gttern, theilt den Armen aus,
Damit sie Glck auf mich herab erflehen;
Lebt wohl--Ich mu in mein Verhngni gehen!  (Er eilt in die Stadt.)



Fnfter Auftritt.

Barak und Skirina.


Barak (will ihm folgen)
Mein Herr!  Mein armer Herr!  Umsonst!  Er geht!
Er hrt mich nicht!

Skirina (neugierig).  Dein Herr?  Du kennst ihn also?
O, sprich, wer ist der edelherz'ge Fremdling,
Der sich dem Tode weiht?

Barak.  La diese Neugier!
Er ist geboren mit so hohem Geist,
Da ich nicht ganz an dem Erfolg verzweifle.
--Komm, Skirina.  All dieses Gold la uns
Und Alles, was wir Eigenes besitzen,
Dem Fohi opfern und den Armen spenden!
Gebete sollen sie fr ihn gen Himmel senden
Und sollen wund sich knien an den Altren,
Bis die erweichten Gtter sie erhren!

(Sie gehen nach ihrem Hause.)




Zweiter Aufzug.

Groer Saal des Divans, mit zwei Pforten, davon die eine zu den
Zimmern des Kaisers, die andere ins Serail der Prinzessin Turandot
fhrt.



Erster Auftritt.

Truffaldin, als Anfhrer der Verschnittenen, steht gravittisch
in der Mitte der Scene und befiehlt seinen Schwarzen, welche
beschftigt sind, den Saal in Ordnung zu bringen.  Bald darauf
Brigella.


Truffaldin.  Frisch an das Werk!  Rhrt euch!  Gleich wird der Divan
Beisammen sein.--Die Teppiche gelegt,
Die Throne aufgerichtet!  Hier zur Rechten
Kommt kaiserliche Majestt, links meine
Scharmante Hoheit, die Prinze, zu sitzen!

Brigella (kommt und sieht sich verwundernd um).
Mein!  Sagt mir, Truffaldin, was gibt's denn Neues,
Da man den Divan schmckt in solcher Eile?

Truffaldin (ohne auf ihn zu hren--zu den Schwarzen).
Acht Sessel dorthin fr die Herrn Doktoren!
Sie haben hier zwar nicht viel zu dotieren;
Doch mssen sie, weil's was Gelehrtes gibt,
Mit ihren langen Brten figurieren.

Brigella.  So redet doch!  Warum, wozu das alles?

Truffaldin.  Warum?  Wozu?  Weil sich die Majestt
Und meine schne Knigin, mit sammt
Den acht Doktoren und den Excellenzen,
Sogleich im Divan hier versammeln werden.
's hat sich ein neuer, frischer Prinz gemeldet,
Den's juckt, um einen Kopf sich zu verkrzen.

Brigella.  Was?  Nicht drei Stunden sind's, da man den letzten
Hat abgethan--

Truffaldin.  Ja, Gott sei Dank!  Es geht
Von statten!  die Geschfte gehen gut.

Brigella.  Und dabei knnt Ihr scherzen, roher Kerl!
Euch freut wohl das barbarische Gemetzel?

Truffaldin.  Warum soll mich's nicht freuen?  Setzt's doch immer
Fr meinen Schnabel was, wenn so ein Neuer
Die groe Reise macht--denn jedesmal,
Da meine Hoheit an der Hochzeitklippe
Vorbeischifft, gibt's im Harem Hochzeitkuchen.
Das ist einmal der Brauch, wir thun's nicht anders:
So viele Kpfe, so viel Feiertage!

Brigella.  Das sind mir heillos niedertrchtige
Gesinnungen, so schwarz, wie Eure Larve.
Man sieht's Euch an, da Ihr ein Halbmann seid,
Ein schmutziger Eunuch!--Ein Mensch, ich meine
Einer, der ganz ist, hat ein menschlich Herz
Im Leib und fhlt Erbarmen.

Truffaldin.  Was!  Erbarmen!
Es heit kein Mensch die Prinzen ihren Hals
Nach Peckin tragen, Niemand ruft sie her.
Sind sie freiwillig solche Tollhausnarren,
Mgen sie's haben!  Auf dem Stadtthor steht's
Mit blut'gen Kpfen leserlich geschrieben,
Was hier zu holen ist--Wir nehmen Keinem
Den Kopf, der einen mitgebracht.  Der hat
Ihn schon verloren, lngst, der ihn hier setzt!

Brigella.  Ein saubrer Einfall, den galanten Prinzen,
Die ihr die Ehr' anthun und um sie werben,
Drei Rthsel aufzugeben und, wenn's einer
Nicht auf der Stelle trifft, ihn abzuschlachten!

Truffaldin.  Mit nichten, Freund!  Das ist ein prchtiger,
Exzellenter Einfall!--Werben kann ein Jeder;
Es ist nichts leichter, als aufs Freien reisen.
Man lebt auf fremde Kosten, thut sich gtlich,
Legt sich dem knft'gen Schwher in das Haus,
Und mancher jngre Sohn und Krippenreiter,
Der alle seine Staaten mit sich fhrt
Im Mantelsack, lebt blo vom Krbeholen.
Es war nicht anders hier, als wie ein groes
Wirthshaus von Prinzen und von Abenteurern,
Die um die reiche Kaisertochter freiten;
Denn auch der Schlechtste dnkt sich gut genug,
Die Hnde nach der Schnsten auszustrecken.
Es war wie eine Freikomdie,
Wo Alles kommt, bis meine Knigin
Auf den scharmanten Einfall kam, das Haus
In vier und zwanzig Stunden rein zu machen.
--Eine andre htte ihre Liebeswerber
Auf blutig schwere Abenteuer aus-
Gesendet, sich mit Riesen 'rum zu schlagen,
Dem Schach zu Babel, wenn er Tafel hlt,
Drei Backenzhne hflich auszuziehen,
Das tanzende Wasser und den singenden Baum
Zu holen und den Vogel, welcher redet--
Nichts von dem allem!  Rthsel haben ihr
Beliebt!  Drei zierlich wohlgesetzte Fragen!
Man kann dabei bequem und suberlich
In warmer Stube sitzen, und kein Schuh
Wird na!  Der Degen kommt nicht aus der Scheide,
Der Witz, der Scharfsinn aber mu heraus.
--Brigella, die versteht's!  Die hat's gefunden,
Wie man die Narren sich vom Leibe hlt!

Brigella.  's kann Einer ein rechtschaffner Kavalier
Und Ehmann sein und doch die spitz'gen Dinger,
Die Rthsel, just nicht handzuhaben wissen.

Truffaldin.  Da siehst du, Kamerad, wie gut und ehrlich
Es die Prinze mit ihrem Freier meint,
Da sie die Rthsel vor der Hochzeit aufgibt.
Nachher war's noch viel schlimmer.  Lst er sie
Jetzt nicht, ei nun, so kommt er schnell und kurz
Mit einem frischen Gnadenhieb davon.
Doch, wer die stachelichten Rthsel nicht
Auflst, die seine Frau ihm in der Eh'
Aufgibt, der ist verlesen und verloren!

Brigella.  Ihr seid ein Narr, mit Euch ist nicht zu reden.
--So mgen's denn meintwegen Rthsel sein,
Wenn sie einmal die Wuth hat, ihren Witz
Zu zeigen--Aber mu sie denn die Prinzen
Just kpfen lassen, die nicht sinnreich gnug
Fr ihre Rthsel sind--Das ist ja ganz
Barbarisch, rasend toll und unvernnftig.
Wo hat man je gehrt, da man den Leuten
Den Hals abschneidet, weil sie schwer begreifen?

Truffaldin.  Und wie, du Schafskopf, will sie sich der Narren
Erwehren, die sich klug zu sein bednken,
Wenn weiter nichts dabei zu wagen ist,
Als einmal sich im Divan zu beschimpfen?
Auf die Gefahr hin, sich zu prostituieren
Mit heiler Haut, luft Jeder auf dem Eis.
Wer frchtet sich vor Rthseln?  Rthsel sind's
Gerad, was man frs Leben gern mag hren.
Das hie' den Kder statt des Popanz's brauchen.
Und wre man auch wegen der Prinzessin
Und ihres vielen Gelds daheim geblieben,
So wrde man der Rthsel wegen kommen.
Denn Jedem ist sein Scharfsinn und sein Witz
Am Ende lieber, als die schnste Frau!

Brigella.  Was aber kommt bei diesem ganzen Spiel
Heraus, als da sie sitzen bleibt?  Kein Mann,
Der seine Ruh liebt und bei Sinnen ist,
Wird so ein spitz'ges Nadelkissen nehmen.

Truffaldin.  Das groe Unglck, keinen Mann zu kriegen!

(Man hrt einen Marsch in der Ferne.)

Brigella.  Der Kaiser kommt.

Truffaldin.  Marsch ihr in eure Kche!
Ich gehe, meine Hoheit herzuholen.  (Gehen ab zu verschiedenen Seiten.)



Zweiter Auftritt.

Ein Zug von Soldaten und Spielleuten.  Darauf acht Doctoren,
pedantisch herausstaffiert; alsdann Pantalon und Tartaglia,
beide in Charaktermasken.  Zuletzt der Grokhan Altoum in
chinesischem Geschmack mit einiger bertreibung gekleidet.
Pantalon und Tartaglia stellen sich dem kaiserlichen Thron
gegenber, die acht Doctoren in den Hintergrund, das brige
Gefolge auf die Seite, wo der kaiserliche Thron ist.  Beim
Eintritt des Kaisers werfen sich alle mit ihren Stirnen auf
die Erde und verharren in dieser Stellung bis er den Thron
bestiegen hat.  Die Doktoren nehmen auf ihren Sthlen Platz.
Auf einen Wink, den Pantalon gibt, schweigt der Marsch.


Altoum.  Wann, treue Diener, wird mein Jammer enden?
Kaum ist der edle Prinz von Samarcand
Begraben, unsre Thrnen flieen noch,
Und schon ein neues Todesopfer naht,
Mein blutend Herz von neuem zu verwunden.
Grausame Tochter!  Mir zur Qual geboren!
Was hilft's, da ich den Augenblick verfluche,
Da ich auf das barbarische Gesetz
Dem furchtbaren Fohi den Schwur gethan.
Nicht brechen darf ich meinen Schwur, nicht rhren
Lt sich die Tochter, nicht zu schrecken sind
Die Freier!  Nirgends Rath in meinem Unglck!

Pantalon.  Rath, Majestt?  Hat sich da was zu rathen!
Bei mir zu Hause, in der Christen Land,
In meiner lieben Vaterstadt Venedig,
Schwrt man auf solche Mordgesetze nicht,
Man wei nichts von so nrrischen Mandaten.
Da hat man gar kein Beispiel und Exempel,
Da sich die Herrn in Bilderchen vergafft
Und ihren Hals gewagt fr ihre Mdchen.
Kein Frauensmensch bei uns geboren wird,
Wie Dame Kieselstein, die alle Mnner
Verschworen htte--Gott soll uns bewahren!
Das fiel uns auch im Traum nicht ein.  Als ich
Daheim noch war, in meinen jungen Jahren,
Eh mich die Ehrensache, wie Ihr wit,
Von Hause trieb und meine guten Sterne
An meines Kaisers Hof hieher gefhrt,
Wo ich als Kanzler mich jetzt wohl befinde,
Da wut' ich nichts von China, als es sei
Ein trefflichs Pulver gegen's kalte Fieber.
Und jetzt erstaun' ich ber alle Maen,
Da ich so curise Bruche hier
Vorfinde, so curjose Schwre und Gesetze
Und so curjose Fraun und Herrn.
Erzhlt' ich in Europa diese Sachen,
Sie wrden mir unter die Nase lachen.

Altoum.  Tartaglia, habt Ihr den neuen Wagehals
Besucht?

Tartaglia.  Ja, Majestt.  Er hat den Flgel
Des Kaiserschlosses inn', den man gewhnlich
Den fremden Prinzen anzuweisen pflegt.
Ich bin entzckt von seiner angenehmen
Gestalt und seinen prinzlichen Manieren.
's ist Jammerschade um das junge Blut,
Da man es auf die Schlachtbank fhren soll.
's Herz bricht mir!  Ein so angenehmes Prinzchen!
Ich bin verliebt in ihn.  Wei Gott!  Ich sah
In meinem Leben keinen hbschern Buben!

Altoum.  Unseliges Gesetz!  Verhater Schwur!
--Die Opfer sind dem Fohi doch gebracht,
Da er dem Unglckseligen sein Licht
Verleihe, diese Rthsel zu ergrnden!
Ach, nimmer geb' ich dieser Hoffnung Raum!

Pantalon.  An Opfern, Majestt, ward nichts gespart.
Dreihundert fette Ochsen haben wir
Dem Tien dargebracht, dreihundert Pferde
Der Sonne und dem Mond dreihundert Schweine.

Altoum.  So ruft ihn denn vor unser Angesicht!
 (Ein Theil des Gefolges entfernt sich.)
--Man such' ihm seinen Vorsatz auszureden.
Und ihr, gelehrte Lichter meines Divans,
Kommt mir zu Hilfe--nehmt das Wort fr mich,
Lat' s nicht an Grnden fehlen, wenn mir selbst
Der Schmerz die Zunge bindet.

Pantalon.  Majestt!
Wir werden unsern alten Witz nicht sparen,
Den wir in langen Jahren eingebracht.
Was hilft's?  Wir predigen und sprechen uns
Die Lungen heiser, und er lt sich eben
Den Hals abstechen, wie ein wlsches Huhn.

Tartaglia.  Mit Eurer Gunst, Herr Kanzler Pantalon!
Ich habe Scharfsinn und Verstand bei ihm
Bemerkt, wer wei!--Ich will nicht ganz verzagen.

Pantalon.  Die Rthsel dieser Schlange sollt' er lsen?
Nein, nimmermehr!



Dritter Auftritt.

Die Vorigen.  Kalaf, von einer Wache begleitet.  Er kniet vor
dem Kaiser nieder, die Hand auf der Stirn.


Altoum (nachdem er ihn eine Zeit lang betrachtet).
Steh auf, unkluger Jngling!

(Kalaf steht auf und stellt sich mit edelm Anstand in die
Mitte des Divans.)

--Die reizende Gestalt!  Der edle Anstand!
Wie mir's ans Herz greift!--Sprich, Unglcklicher!
Wer bist du?  Welches Land gab dir das Leben?

Kalaf (schweigt einen Augenblick verlegen, dann mit einer
edeln Verbeugung).  Monarch, vergnne, da ich meinen Namen
Verschweige.

Altoum.  Wie?  Mit welcher Stirn darfst du,
Ein unbekannter Fremdling, namenlos,
Um unsre kaiserliche Tochter werben?

Kalaf.  Ich bin von kniglichem Blut, ein Prinz, geboren.
Verhngt der Himmel meinen Tod, so soll
Mein Name, mein Geschlecht, mein Vaterland
Kund werden, eh' ich sterbe, da die Welt
Erfahre, nicht unwrdig hab' ich mich
Des Bundes angemat mit deiner Tochter.
Fr jetzt geruhe meines Kaisers Gnade
Mich unerkannt zu lassen.

Altoum.  Welcher Adel
In seinen Worten!  Wie beklag' ich ihn!
--Doch wie, wenn du die Rthsel nun gelst,
Und nicht von wrd'ger Herkunft--

Kalaf.  Das Gesetz,
Monarch, ist nur fr Knige geschrieben.
Verleihe mir der Himmel, da ich siege,
Und dann, wenn ich unkniglichen Stamms
Erfunden werde, soll mein fallend Haupt
Die Schuld der khnen Anmaung bezahlen,
Und unbeerdigt liege mein Gebein,
Der Krhen Beute und der wilden Thiere.
Schon eine Seele lebt in dieser Stadt,
Die meinen Stand und Namen kann bezeugen.
Fr jetzt geruhe meines Kaisers Gnade
Mich unerkannt zu lassen.

Altoum.  Wohl!  Es sei!
Dem Adel deiner Mienen, deiner Worte,
Holdsel'ger Jngling, kann ich Glauben nicht,
Gewhrung nicht versagen--Mgst auch du
Geneigt sein, einem Kaiser zu willfahren,
Der hoch von seinem Thron herab dich fleht!
Entweiche, o entweiche der Gefahr,
Der du verblendet willst entgegen strzen,
Steh ab und fordre meines Reiches Hlfte!
So mchtig spricht's fr dich in meiner Brust,
Da ich dir gleichen Theil an meinem Thron
Auch ohne meiner Tochter Hand verspreche.
O, zwinge du mich nicht, Tyrann zu sein!
Schon schwer genug drckt mich der Vlker Fluch,
Das Blut der Prinzen, die ich hingeopfert;
Drum, wenn das eigne Unglck dich nicht rhrt,
La meines dich erbarmen!  Spare mir
Den Jammer, deine Leiche zu beweinen,
Die Tochter zu verfluchen und mich selbst,
Der die Verderbliche gezeugt, die Plage
Der Welt, die bittre Quelle meiner Thrnen!

Kalaf.  Beruhige dich, Sire!  Der Himmel wei,
Wie ich im tiefsten Herzen dich beklage.
Nicht, wahrlich, von so mildgesinntem Vater
Hat Turandot Unmenschlichkeit geerbt.
Du hast nicht Schuld, es wre denn Verbrechen,
Sein Kind zu lieben und das Gtterbild,
Das uns bezaubert und uns selbst entrckt,
Der Welt geschenkt zu haben--Deine Gromuth
Spar' einem Glcklicheren auf.  Ich bin
Nicht wrdig, Sire, dein Reich mit dir zu theilen.
Entweder ist's der Gtter Schlu und Rath,
Durch den Besitz der himmlischen Prinzessin
Mich zu beglcken--oder enden soll
Dies Leben, ohne sie mir eine Last!
Tod oder Turandot!  Es gibt kein Drittes.

Pantalon.  Ei, sagt mir, liebe Hoheit!  Habt Ihr Euch
Die Kpfe berm Stadtthor wohl besehn?
Mehr sag' ich nicht.  Was, Herr, in aller Welt
Treibt Euch, aus fernen Landen herzukommen
Und Euch frisch weg, wie Ihr vom Pferd gestiegen,
Mir nichts, dir nichts, wie einen Ziegenbock
Abthun zu lassen?  Dame Turandot,
Das seid gewi, dreht Euch drei Rthselchen,
Daran die sieben Weisen Griechenlands,
Mit sammt den siebenzig Dolmetschern sich
Die Ngel Jahre lang umsonst zerkauten.
Wir selbst, so alte Practici und grau
Geworden ber Bchern, haben Noth,
Das Tiefe dieser Rthsel zu ergrnden.
Es sind nicht Rthsel aus dem Kinderfreund,
Nicht solches Zeug, wie das:
  "Wer's sieht, fr den ist's nicht bestellt,
  "Wer's braucht, der zahlt dafr kein Geld,
  "Wer's macht, der will's nicht selbst ausfllen,
  "Wer's bewohnt, der thut es nicht mit Willen,"
Nein, es sind Rthsel von dem neusten Schnitt,
Und sind verfluchte Nsse aufzuknacken.
Und wenn die Antwort nicht zum guten Glck
Auf dem Papier, das man den Herrn Doktoren
Versiegelt bergibt, geschrieben stnde,
Sie mchten's auch mit allem ihrem Witz
In einem Sculum nicht ausstudieren.
Darum, Herr Milchbart, zieht in Frieden heim!
Ihr jammert mich, seid ein so junges Blut,
Und Schade wr's um Eure schnen Haare.
Beharrt Ihr aber drauf, so steht ein Rettich
Des Grtners fester, Herr, als Euer Kopf.

Kalaf.  Ihr sprecht verlorne Worte, guter Alter.
Tod oder Turandot!

Tartaglia (stotternd).  Tu--Turandot!
Zum Henker, welcher Steifsinn und Verblendung!
Hier spielt man nicht um wlsche Nsse, Herr,
Noch um Kastanien--'s ist um den Kopf
Zu thun--den Kopf--bedenkt das wohl!  Ich will
Sonst keinen Grund anfhren als den einen;
Er ist nicht klein--den Kopf!  Es gilt den Kopf.
Die Majestt hchstselbst, auf ihrem Thron,
Lt sich herab, Euch vterlich zu warnen
Und abzurathen--Dreihundert Pferde sind
Der Sonne dargebracht, dreihundert Ochsen
Dem hchsten Himmelsgott, dreihundert Khe
Den Sternen und dem Mond dreihundert Schweine.
Und Ihr seid strrig gnug und undankbar,
Das kaiserliche Herz so zu betrben?
Wr' berall auch keine andre Dame
Mehr in der Welt, als diese Turandot,
Blieb's immer doch ein loser Streich von Euch,
Nehmt mir's nicht bel, junger Herr.  Es ist,
Wei Gott!  die pure Liebe und Erbarmni,
Die mich so frei lt von der Leber sprechen.
Den Kopf verlieren!  Wit Ihr, was das heit?
Es ist nicht mglich--

Kalaf.  So in Wind zu reden!
Ihr habt in Wind gesprochen, alter Meister!
Tod oder Turandot!

Altoum.  Nun denn, so hab' es!
Verderbe dich, und mich strz' in Verzweiflung!  (Zu der Wache)
Man geh' und rufe meine Tochter her.  (Wache geht hinaus.)
Sie kann sich heut am zweiten Opfer weiden.

Kalaf (gegen die Thre gewendet, in heftiger Bewegung).
Sie kommt!  Ich soll sie sehen!  Ew'ge Mchte,
Das ist der groe Augenblick!  O, strket
Mein Herz, da mich der Anblick nicht verwirre,
Des Geistes Helle nicht mit Nacht umgebe!
Ich frchte keine als der Schnheit Macht.
Ihr Gtter, gebt, da ich mir selbst nicht fehle!
Ihr seht es, meine Seele wankt; Erwartung
Durchzittert mein Gebein und schnrt das Herz
Mir in der Brust zusammen.--Weise Richter
Des Divans!  Richter ber meine Tage!
O, zeiht mich nicht strafbaren bermuths,
Da ich das Schicksal zu versuchen wage!
Bedauert mich!  Beweint den Unglcksvollen!
Ich habe hier kein Whlen und kein Wollen!
Unwiderstehlich zwingend reit es mich
Von hinnen, es ist mchtiger, als ich.



Vierter Auftritt.

Man hrt einen Marsch.


Truffaldin tritt auf, den Sbel an der Schulter, die Schwarzen
hinter ihm, darauf mehrere Sklavinnen, die zu den Trommeln
accompagnieren.  Nach diesen Adelma und Zelima, jene in tartarischem
Anzug, beide verschleiert.  Zelina trgt einen Schssel mit
versiegelten Papieren.  Truffaldin und seine Schwarzen werfen
sich im Vorbeiziehen vor dem Kaiser mit der Stirn auf die Erde
und stehen sogleich wieder auf; die Sklavinnen knieen nieder mit
der Hand auf der Stirn.  Zuletzt erscheint Turandot verschleiert,
in reicher chinesischer Kleidung.  majesttisch und stolz.  Die
Rthe und Doctoren werfen sich vor ihr mit dem Angesicht auf die
Erde.  Altoum steht auf; die Prinzessin macht ihm, die Hand auf der
Stirn, eine abgemessene Verbeugung, steigt dann auf ihren Thron und
setzt sich.  Zelima und Adelma nehmen zu ihren beiden Seiten Platz,
und die letztere den Zuschauern am nchsten.  Truffaldin nimmt der
Zelima die Schlssel ab und vertheilt unter lcherlichen Ceremonien
die Zettel unter die acht Doctoren.  Darauf entfernt er sich mit
denselben Verbeugungen, wie am Anfang, und der Marsch hrt auf.

Turandot (nach einer langen Pause).
Wer ist's, der sich aufs Neu vermessen schmeichelt,
Nach so viel klglich warnender Erfahrung,
In meine tiefen Rthsel einzudringen!
Der, seines eignen Lebens Feind, die Zahl
Der Todesopfer zu vermehren kommt!
Altoum (zeigt auf Kalaf.  der erstaunt in der Mitte des Divans steht).
Der ist es, Tochter--wrdig wohl ist er's,
Da du freiwillig zum Gemahl ihn whlest,
Ohn' ihn der furchtbarn Probe auszusetzen
Und neue Trauer diesem Land, dem Herzen
Des Vaters neue Stacheln zu bereiten.

Turandot (nachdem sie ihn eine Zeit lang betrachtet, leise zur Zelima).
O Himmel!  Wie geschieht mir, Zelima!

Zelima.  Was ist dir, Knigin?

Turandot.  Noch Keiner trat
Im Divan auf, der dieses Herz zu rhren
Verstanden htte.  Dieser wei die Kunst.

Zelima.  Drei leichte Rthsel denn, und Stolz--fahr hin!

Turandot.  Was sagst du?  Wie, Verwegne?  Meine Ehre?

Adelma (hat whrend dieser Rede den Prinzen mit hchstem
Erstaunen betrachtet, fr sich).
Tuscht mich ein Traum?  Was seh' ich, groe Gtter!
Er ist's, der schne Jngling ist's, den ich
Am Hofe meines Vaters Keicobad
Als niedern Knecht gesehn!--Er war ein Prinz!
Ein Knigssohn!  Wohl sagte mir's mein Herz;
O, meine Ahnung hat mich nicht betrogen!

Turandot.  Prinz, noch ist's Zeit.  Gebt das verwegene
Beginnen auf!  Gebt's auf!  Weicht aus dem Divan!
Der Himmel wei, da jene Zungen lgen,
Die mich der Hrte zeihn und Grausamkeit.
--Ich bin nicht grausam.  Frei nur will ich leben;
Blo keines Andern will ich sein; dies Recht,
Das auch dem allerniedrigsten der Menschen
Im Leib der Mutter anerschaffen ist,
Will ich behaupten, eines Kaisers Tochter.
Ich sehe durch ganz Asien das Weib
Erniedrigt und zum Sklavenjoch verdammt,
Und rchen will ich mein beleidigtes Geschlecht
An diesem stolzen Mnnervolke, dem
Kein andrer Vorzug vor dem zrtern Weibe
Als rohe Strke ward.  Zur Waffe gab
Natur mir den erfindenden Verstand
Und Scharfsinn, meine Freiheit zu beschtzen.
--Ich will nun einmal von dem Mann nichts wissen,
Ich hass' ihn, ich verachte seinen Stolz
Und bermuth--Nach allem Kstlichen
Streckt er begehrlich seine Hnde aus;
Was seinem Sinn gefllt, will er besitzen.
Hat die Natur mit Reizen mich geschmckt,
Mit Geist begabt--warum ist's denn das Loos
Des Edeln in der Welt, da es allein
Des Jgers wilde Jagd nur reizt, wenn das Gemeine
In seinem Unwerth ruhig sich verbirgt?
Mu denn die Schnheit eine Beute sein
Fr Einen?  Sie ist frei, so wie die Sonne,
Die allbeglckend herrliche, am Himmel,
Der Quell des Lichts, die Freude aller Augen,
Doch Keines Sklavin und Leibeigenthum.

Kalaf.  So hoher Sinn, so seltner Geistesadel
In dieser gttlichen Gestalt!  Wer darf
Den Jngling schelten, der sein Leben
Fr solchen Kampfpreis freudig setzt!--Wagt doch
Der Kaufmann um geringe Gter Schiff
Und Mannschaft an ein wildes Element;
Es jagt der Held dem Schattenbild des Ruhms
Durchs blut'ge Feld des Todes nach--Und nur
Die Schnheit wr' gefahrlos zu erwerben,
Die aller Gter erstes, hchstes ist?
Ich also zeih' Euch keiner Grausamkeit;
Doch nennt auch Ihr den Jngling nicht verwegen
Und hat ihn nicht, weil er mit glhnder Seele
Nach dem Unschtzbaren zu streben wagt!
Ihr selber habt ihm seinen Preis gesetzt,
Womit es zu erkaufen ist--die Schranken
Sind offen fr den Wrdigen--Ich bin
Ein Prinz, ich hab' ein Leben dran zu wagen.
Kein Leben zwar des Glcks; doch ist's mein Alles,
Und htt' ich's tausendmal, ich gb' es hin.

Zelima (leise zu Turandot).
Hrt Ihr, Prinzessin?  Um der Gtter willen!
Drei leichte Rthsel!  Er verdient's.

Adelma.  Wie edel!  Welche Liebenswrdigkeit!
O, da er mein sein knnte!  Htt' ich damals
Gewut, da er ein Prinz geboren sei,
Als ich der sen Freiheit mich noch freute!
--O, welche Liebe flammt in meiner Brust,
Seitdem ich ihn mir ebenbrtig wei!
--Muth, Muth, mein Herz!  Ich mu ihn noch besitzen.

(Zu Turandot.)
Prinzessin!  Ihr verwirret Euch!  Ihr schweigt!
Bedenket Euren Ruhm!  Es gilt die Ehre!

Turandot.  Und er allein riss' mich zum Mitleid hin?
Nein.  Turandot, du mut dich selbst besiegen.
--Verwegener, wohlan!  Macht Euch bereit!

Altoum.  Prinz, Ihr beharrt noch?

Kalaf.  Sire!  ich wiederhol' es:
Tod oder Turandot!  (Pantalon und Tartaglia geberden sich ungeduldig.)

Altoum.  So lese man
Das blutige Mandat.  Er hr's und zittre!

(Tartaglia nimmt das Gesetzbuch aus dem Busen, kt es, legt es
sich auf die Brust, hernach auf die Stirn, dann berreicht er's
dem Pantalon.)

Pantalon (empfngt das Gesetzbuch, nachdem er sich mit der Stirn
auf die Erde geworfen, steht auf und liest dann mit lauter Stimme.)
"Es kann sich jeder Prinz um Turandot bewerben,
"Doch erst drei Rthsel legt die Knigin ihm vor.
"Lst er sie nicht, mu er vom Beile sterben,
"Und schaugetragen wird sein Haupt auf Peckins Thor.
"Lst er die Rthsel auf hat er die Braut gewonnen.
"So lautet das Gesetz.  Wir schwren's bei der Sonnen."

(Nach geendigter Vorlesung kt er das Buch, legt es sich auf
die Brust und Stirn und berreicht es dem Tartaglia, der sich
mit der Stirn auf die Erde wirft, es empfngt und dem Altoum
prsentiert.)

Altoum (hebt die rechte Hand empor und legt sie auf das Buch).
O Blutgesetz!  du meine Qual und Pein!
Ich schwr's bei Fohis Haupt, du sollst vollzogen sein.

(Tartaglia steckt das Buch wieder in den Busen, es herrscht eine
lange Stille.)

Turandot (in declamatorischem Ton, aufstehend).
 Der Baum, auf dem die Kinder
 Der Sterblichen verblhn,
 Steinalt, nichts desto minder
 Stets wieder jung und grn;
 Er kehrt auf einer Seite
 Die Bltter zu dem Licht;
 Doch kohlschwarz ist die zweite
 Und sieht die Sonne nicht.

 Er setzet neue Ringe,
 So oft er blhet, an.
 Das Alter aller Dinge
 Zeigt er den Menschen an.
 In seine grne Rinden
 Drckt sich ein Name leicht,
 Der nicht mehr ist zu finden,
 Wenn sie verdorrt und bleicht.
 So sprich, kannst du's ergrnden,
 Was diesem Baume gleicht?  (Sie setzt sich wieder).

Kalaf (nachdem er eine Zeitlang nachdenkend in die Hhe gesehen,
verbeug sich gegen die Prinzessin).
Zu glcklich, Knigin, ist Euer Sklav,
Wenn keine dunklern Rthsel auf ihn warten.
Dieser alte Baum, der immer sich erneut,
Auf dem die Menschen wachsen und verblhen,
Und dessen Bltter auf der einen Seite
Die Sonne suchen, auf der andern fliehen,
In dessen Rinde sich so mancher Name schreibt,
Der nur, so lang sie grn ist, bleibt.
--Er ist--das Jahr mit seinen Tagen und Nchten.

Pantalon (freudig).
Tartaglia!  Getroffen!

Tartaglia.  Auf ein Haar!

Doctoren (erbrechen ihre Zettel).
Optime!  Optime!  Optime!  das Jahr, das
Jahr, das Jahr!  Es ist das Jahr.  (Musik fllt ein.)

Altoum (freudig).  Der Gtter Gnade sei mit dir, mein Sohn,
Und helfe dir auch durch die andern Rthsel!

Zelima (bei Seite).
O Himmel, schtz' ihn!

Adelma (gegen die Zuschauer).  Himmel, schtz' ihn nicht!
La nicht geschehn, da ihn die Grausame
Gewinne, und die Liebende verliere!

Turandot (entrstet, fr sich).
Er sollte siegen?  Mir den Ruhm entreien?
Nein, bei den Gttern!  (Zu Kalaf.)  Selbstzufriedner Thor!
Frohlocke nicht zu frh!  Merk' auf und lse!

(Steht wieder auf und fhrt in declamatorischem Tone fort.)

Kennst du das Bild auf zartem Grunde?
Es gibt sich selber Licht und Glanz.
Ein andres ist's zu jeder Stunde,
Und immer ist es frisch und ganz.
Im engsten Raum ist's ausgefhrt,
Der kleinste Rahmen fat es ein;
Doch alle Gre, die dich rhret,
kennst du durch dieses Bild allein.

Und kannst du den Krystall mir nennen?
Ihm gleicht an Werth kein Edelstein;
Er leuchtet, ohne je zu brennen,
Das ganze Weltall saugt er ein.
Der Himmel selbst ist abgemalet
In seinem wundervollen Ring;
Und doch ist, was er von sich strahlet,
Oft schner, als was er empfing.

Kalaf (nach einem kurzen Nachdenken, sich gegen die
Prinzessin verbeugend).
Zrnt nicht, erhabne Schne, da ich mich
Erdreiste, Eure Rthsel aufzulsen.
--Dies zarte Bild, das, in den kleinsten Rahmen
Gefat, das Unermeliche uns zeigt,
Und der Krystall, in dem dies Bild sich malt
Und der noch Schnres von sich strahlt--
Er ist das Aug, in das die Welt sich drckt,
Dein Auge ist's, wenn es mir Liebe blickt.

Pantalon (springt freudig auf).
Tartaglia!  Mein' Seel!  Ins schwarze Fleck
Geschossen.

Tartaglia.  Mitten hinein, so wahr ich lebe!

Doctoren (haben die Zettel erffnet).
Optime!  Optime!  Optime!  Das Auge, das Auge,
Es ist das Auge.  (Musik fllt ein.)

Altoum.  Welch unverhofftes Glck!  Ihr gt'gen Gtter!
O, lat ihn auch das letzte Ziel noch treffen!

Zelima (bei Seite).  O, wre dies das letzte!

Adelma (gegen die Zuschauer).
Weh mir.  Er siegt!  Er ist fr mich verloren!  (Zu Turandot.)
Prinzessin, Euer Ruhm ist hin!  Knnt Ihr's
Ertragen?  Eure vor'gen Siege alle
Verschlingt ein einz'ger Augenblick.

Turandot (steht auf in heftigem Zorn).  Eh soll
Die Welt zu Grunde gehn!  Verwegner, wisse!
Ich hasse dich nur desto mehr, je mehr
Du hoffst mich zu besiegen, zu besitzen.
Erwarte nicht das letzte Rthsel!  Flieh!
Weich aus dem Divan!  Rette deine Seele!

Kalaf.  Nur Euer Ha ist's, angebetete
Prinzessin, was mich schreckt und ngstiget.
Dies unglcksel'ge Haupt sinkt in den Staub,
Wenn es nicht werth war.  Euer Herz zu rhren.

Altoum.  Steh ab, geliebter Sohn!  Versuche nicht
Die Gtter, die dir zweimal gnstig waren.
Jetzt kannst du dein gerettet Leben noch,
Gekrnt mit Ehre, aus dem Divan tragen.
Nichts helfen dir zwei Siege, wenn der dritte
Dir, der entscheidende, milingt--Je nher
Dem Gipfel, desto schwerer ist der Fall.
--Und du--la es genug sein, meine Tochter,
Steh ab, ihm neue Rthsel vorzulegen.
Er hat geleistet, was kein andrer Prinz
Vor ihm.  Gib ihm die Hand, er ist sie werth,
Und endige die Proben.

(Zelima macht flehende, Adelma drohende Geberden gegen Turandot.)

Turandot.  Ihm die Hand?
Die Proben ihm erlassen?  Nein, drei Rthsel
Sagt das Gesetz.  Es habe seinen Lauf.

Kalaf.  Es habe seinen Lauf.  Mein Schicksal liegt
In Gtterhand.  Tod oder Turandot!

Turandot.  Tod also!  Tod!  Hrst du's?

(Sie steht auf und fhrt auf die vorige Art zu declamieren fort.)

Wie heit das Ding, das Wen'ge schtzen,
Doch ziert's des grten Kaisers Hand;
Es ist gemacht, um zu verletzen,
Am nchsten ist's dem Schwert verwandt.
Kein Blut vergiet's und macht doch tausend Wunden,
Niemand beraubt's und macht doch reich,
Es hat den Erdkreis berwunden,
Es macht das Leben sanft und gleich.
Die grten Reiche hat's gegrndet,
Die ltsten Stdte hat's erbaut;
Doch niemals hat es Krieg entzndet,
Und Heil dem Volk, das ihm vertraut.
Fremdling, kannst du das Ding nicht rathen,
So weich aus diesen blhenden Staaten!

(Mit den letzten Worten reit sie sich ihren Schleier ab.)

Sieh her und bleibe deiner Sinne Meister!
Stirb oder nenne mir das Ding!

Kalaf (auer sich, hlt die Hand vor die Augen).
O Himmelsglanz!  O Schnheit, die mich blendet!

Altoum.  Gott, er verwirrt sich, er ist auer sich.
Fa dich, mein Sohn!  O, sammle deine Sinne!

Zelima (fr sich).
Mir bebt das Herz.

Adelma (gegen die Zuschauer).  Mein bist du, theurer Fremdling!
Ich rette dich, die Liebe wird mich's lehren.

Pantalon (zu Kalaf).
Um Gotteswillen, nicht den Kopf verloren!
Nehmt Euch zusammen!  Herz gefat, mein Prinz!
O weh, o weh!  Ich frcht', er ist geliefert.

Tartaglia (gravittisch fr sich).
Lie' es die Wrde zu, wir gingen selbst zur Kche
Nach einem Essigglas.

Turandot (hat den Prinzen, der noch immer auer Fassung
da steht, unverwandt betrachtet).
Unglcklicher!
Du wolltest dein Verderben.  Hab' es nun!

Kalaf (hat sich gefat und verbeugt sich mit einem ruhigen
Lcheln gegen Turandot).
Nur Eure Schnheit, himmlische Prinzessin,
Die mich auf einmal berraschend, blendend
Umleuchtete, hat mir auf Augenblicke
Den Sinn geraubt.  Ich bin nicht berwunden.
Dies Ding von Eisen, das nur Wen'ge schtzen,
Das Chinas Kaiser selbst in seiner Hand
Zu Ehren bringt am ersten Tag des Jahrs,
Dies Werkzeug, das, unschuld'ger als das Schwert,
Dem frommen Flei den Erdkreis unterworfen--
Wer trte aus den den, wsten Steppen
Der Tartarei, wo nur der Jger schwrmt,
Der Hirte weidet, in dies blhende Land
Und she rings die Saatgefilde grnen
Und hundert volkbelebte Stdte steigen,
Von friedlichen Gesetzen still beglckt,
Und ehrte nicht das kstliche Gerthe,
Das allen diesen Segen schuf--den Pflug?

Pantalon.  O, sei gebenedeit!  La dich umhalsen!
Ich halte mich nicht mehr vor Freud' und Jubel.

Tartaglia.  Gott segne Eure Majestt!  Es ist
Vorbei, und aller Jammer hat ein Ende.

Doctoren (haben die Zettel geffnet).
Der Pflug, der Pflug!  Es ist der Pflug!

(Alle Instrumente fallen ein mit groem Gerusch.  Turandot
ist auf ihrem Thron in Ohnmacht gesunken.)

Zelima (Um Turandot beschftigt).
Blickt auf, Prinzessin!  Fasset Euch!  Der Sieg
Ist sein; der schne Prinz hat berwunden.

Adelma (an die Zuschauer).
Der Sieg ist sein!  Er ist fr mich verloren.
--Nein, nicht verloren!  Hoffe noch, mein Herz!

(Altoum ist voll Freude, bedient von Pantalon und Tartaglia,
vom Throne gestiegen.  Die Doctoren erheben sich alle von ihren
Sitzen und ziehen sich nach dem Hintergrund.  Alle Thren werden
geffnet.  Man erblickt Volk.  Alles dies geschieht, whrend die
Musik fortdauert.)

Altoum (zu Turandot).
Nun hrst du auf, mein Alter zu betrben,
Grausames Kind!  Genug ist dem Gesetz
Geschehen, alles Unglck hat ein Ende.
--Kommt an mein Herz.  geliebter Prinz, mit Freuden
Begr' ich Euch als Eidam!

Turandot (ist wieder zu sich gekommen und strzt in sinnloser
Wuth von ihrem Throne, zwischen beide sich werfend).
 Haltet ein!
Er hoffe nicht, mein Ehgemahl zu werden!
Die Probe war zu leicht.  Er mu aufs neu'
Im Divan mir drei andre Rthsel lsen.
Man berraschte mich.  Mir ward nicht Zeit
Vergnnt, mich zu bereiten, wie ich sollte.

Altoum.  Grausame Tochter, deine Frist ist um!
Nicht hoffe mehr, uns listig zu beschwatzen.
Erfllt ist die Bedingung des Gesetzes,
Mein ganzer Divan soll den Ausspruch thun.

Pantalon.  Mit Eurer Gunst, Prinzessin Kieselherz!
Es braucht nicht neue Rthsel zuzuspitzen
Und neue Kpfe abzuhacken--Da!
Hier steht der Mann!  Der hat's errathen!  Kurz:
Das Gesetz hat seine Endschaft, und das Essen
Steht auf dem Tisch--Was sagt der Herr Collega?

Tartaglia.  Das Gesetz ist aus, ganz aus, und damit Punctum.
Was sagen Ihre Wrden, die Doctoren?

Doctoren.  Das Gesetz ist aus.  Das Kpfen hat ein Ende.
Auf Leid folgt Freud.  Man gebe sich die Hnde.

Altoum.  So trete man den Zug zum Tempel an.
Der Fremde nenne sich, und auf der Stelle
Vollziehe man die Trauung--

Turandot (wirft sich ihm in den Weg).  Aufschub, Vater!
Um aller Gtter willen!

Altoum.  Keinen Aufschub!
Ich bin entschlossen.  Undankbares Kind!
Schon allzulang zu meiner Schmach und Pein
Willfahr' ich deinem grausamen Begehren.
Dein Urtheil ist gesprochen; mit dem Blut
Von zehen Todesopfern ist's geschrieben,
Die ich um deinetwillen morden lie.
Mein Wort hab' ich gelst, nun lse du
Das Deine, oder, bei dem furchtbarn Haupt
Des Fohi sei's geschworen--

Turandot (wirft sich zu seinen Fen).  O mein Vater!
Nur einen neuen Tag vergnnt mir--

Altoum.  Nichts!
Ich will nichts weiter hren.  Fort zum Tempel!

Turandot (auer sich).
So werde mir der Tempel denn zum Grab!
Ich kann und will nicht seine Gattin sein,
Ich kann es nicht.  Eh tausend Tode sterben,
Als diesem stolzen Mann mich unterwerfen,
Der bloe Name schon, schon der Gedanke,
Ihm unterthan zu sein, vernichtet mich.

Kalaf.  Grausame, Unerbittliche, steht auf!
Wer knnte Euren Thrnen widerstehn?  (Zu Altoum.)
Lat Euch erbitten, Sire!  Ich flehe selbst
Darum.  Gnnt Ihr den Aufschub, den sie fordert.
Wie knnt' ich glcklich sein, wenn sie mich hat!
Zu zrtlich lieb' ich sie--Ich kann's nicht tragen,
Ihr Leiden, ihren Schmerz zu sehn--Fhllose!
Wenn dich des treusten Herzens treue Liebe
Nicht rhren kann, wohlan, so triumphiere!
Ich werde nie dein Gatte sein mit Zwang.
O, shest du in dies zerrine Herz,
Gewi, du fhltest Mitleid--Dich gelstet
Nach meinem Blut?  Es sei darum.  Verstattet,
Die Probe zu erneuern, Sire--Willkommen
Ist mir der Tod.  Ich wnsche nicht zu leben.

Altoum.
Nichts, nichts!  Es ist beschlossen.  Fort zum Tempel!
Kein anderer Versuch--Unkluger Jngling!

Turandot (fhrt rasend auf).
Zum Tempel denn!  Doch am Altar wird Eure Tochter
Zu sterben wissen.

(Sie zieht einen Dolch und will gehen.)

Kalaf.  Sterben!  Groe Gtter!
Nein, eh' es dahin kommt--Hrt mich, mein Kaiser!
Gnn' Eure Gnade mir die einz'ge Gunst.
--Zum zweitenmal will ich ihr im Divan,
Ich--ihr ein Rthsel aufzulsen geben.
Und dieses ist: We Stamms und Namens ist
Der Prinz, der, um das Leben zu erhalten,
Gezwungen ward, als niedrer Knecht zu dienen
Und Lasten um geringen Lohn zu tragen;
Der endlich auf dem Gipfel seiner Hoffnung
Noch unglcksel'ger ist, als je zuvor?
--Grausame Seele!  Morgen frh im Divan
Nennt mir des Vaters Namen und des Prinzen.
Vermgt Ihr's nicht--so lat mein Leiden enden
Und schenkt mir diese theure Hand!  Nennt Ihr
Die Namen mir, so mag mein Haupt zum Opfer fallen.

Turandot.  Ich bin's zufrieden, Prinz!  Auf die Bedingung
Bin ich die Eurige.

Zelima (fr sich).  Ich soll von Neuem zittern!

Adelma (seitwrts).
Ich darf von Neuem hoffen!

Altoum.  Ich bin's nicht
Zufrieden.  Nichts gestatt' ich.  Das Gesetz
Will ich vollzogen wissen.

Kalaf (fllt ihm zu Fen).  Mcht'ger Kaiser!
Wenn Bitten dich bewegen--wenn du mein,
Wenn du der Tochter Leben liebst, so duld' es!
Bewahren mich die Gtter vor der Schuld,
Da sich ihr Geist nicht sttige.  Er weide
Mit Wollust sich an meinem Blut--Sie lse
Im Divan, wenn sie Scharfsinn hat, mein Rthsel!

Turandot (fr sich).
Er spottet meiner noch, wagt's, mir zu trotzen!

Altoum (zu Kalaf).
Unsinniger!  Ihr wit nicht, was Ihr fordert,
Wit nicht, welch einen Geist sie in sich hat,
Das Tiefste auch versteht sie zu ergrnden.
--Sei's denn!  Die neue Probe sei verstattet!
Sie sei des Bandes mit Euch los, kann sie
Im Divan morgen uns die Namen nennen.
Doch eines neuen Mordes Trauerspiel
Gestatt' ich nicht--Errth sie, was sie soll,
So zieht in Frieden Euren Weg--Genug
Des Blutes ist geflossen.  Folgt mir, Prinz!
--Unkluger Jngling!  Was habt Ihr gethan?

(Der Marsch wird wieder gehrt.  Altoum geht gravittisch mit dem
Prinzen, Pantalon.  Tartaglia, den Doctoren und der Leibwache
durch die Pforte ab, durch die er gekommen.  Turandot, Adelma,
Zelima, Sklavinnen und Truffaldin mit den Verschnittenen entfernen
sich durch die andere Pforte, ihren ersten Marsch wiederholend.)




Dritter Aufzug.

Ein Zimmer im Serail.



Erster Auftritt.

Adelma allein.


Jetzt oder nie entspring' ich diesen Banden.
Fnf Jahre trag' ich schon den glhnden Ha
In meiner Brust verschlossen, heuchle Freundschaft
Und Treue fr die Grausame, die mir
Den Bruder raubte, die mein ganz Geschlecht
Vertilgte, mich zu diesem Sklavenloos
Herunterstie--In diesen Adern rinnt,
Wie in den ihren, knigliches Blut;
Ich achte mich, wie sie, zum Thron geboren.
Und dienen soll ich ihr, mein Knie ihr beugen,
Die meines ganzen Hauses Mrderin,
Die meines Falles blut'ge Ursach ist.
Nicht lnger duld' ich den verhaten Zwang,
Erschpft ist mir die Kraft, ich unterliege
Der lang getragnen Brde der Verstellung.
Der Augenblick ist da, mich zu befrein,
Die Liebe soll den Rettungsweg mir bahnen.
All' meine Knste biet' ich auf--Entweder
Entdeck' ich sein Geheimni oder schreck' ihn
Durch List aus diesen Mauern weg--Verhate!
Du sollst ihn nicht besitzen!  Diesen Dienst
Will ich aus falschem Herzen dir noch leisten.
Mir selber dien' ich, se Rache b' ich,
Dein Herz zerrei' ich, da ich deinem Stolz
Verrthrisch diene--ich durchschaute dich!
Du liebst ihn, aber darfst es nicht gestehn.
Du mut ihn von dir stoen und verwerfen,
Wider dich selber mut du thricht wthen,
Den lcherlichen Ruhm dir zu bewahren;
Doch ewig bleibt der Pfeil in deiner Brust,
Ich kenn' ihn; nie vernarben seine Wunden.
--Dein Frieden ist vorbei!  Du hast empfunden!

(Turandot erscheint im Hintergrund, auf Zelima gelehnt,
welche beschftigt ist, sie zu beruhigen.)

Sie kommt, sie ist's!  Verzehrt von Scham und Wuth
Und von des Stolzes und der Liebe Streit!
Wie lab' ich mich an ihrer Seele Pein!
--Sie nhert sich--La hren, was sie spricht!



Zweiter Auftritt.

Turandot im Gesprch mit Zelima.  Adelma, anfangs ungesehen.


Turandot.  Hilf, rath mir, Zelima.  Ich kann's nicht tragen,
Mich vor dem ganzen Divan berwunden
Zu geben!--Der Gedanke tdtet mich.

Zelima.  Ist's mglich, Knigin?  Ein so edler Prinz
So liebeathmend und so liebenswerth,
Kann nichts als Ha und Abscheu--

Turandot.  Abscheu!  Ha!  (Sie besinnt sich)
--Ich hass' ihn, ja.  Abscheulich ist er mir!
Er hat im Divan meinen Ruhm vernichtet.
In allen Landen wird man meine Schande
Erfahren, meiner Niederlage spotten.
O, rette mich--In aller Frhe, will
Mein Vater, soll der Divan sich versammeln,
Und ls' ich nicht die aufgegebne Frage,
So soll in gleichem Augenblick das Band
Geflochten sein--"We Stamms und Namen ist
"Der Prinz, der, um sein Leben zu erhalten,
"Gezwungen ward, als niedrer Knecht zu dienen
"Und Lasten um geringen Preis zu tragen;
"Der endlich auf dem Gipfel seiner Hoffnung
"Noch unglcksel'ger ist, als je zuvor?"--
--Da dieser Prinz er selbst ist, seh' ich leicht.
Wie aber seinen Namen und Geschlecht
Entdecken, da ihn Niemand kennt, der Kaiser
Ihm selbst verstattet, unerkannt zu bleiben?
Gengstigt, wie ich war, geschreckt, gedrngt,
Ging ich die Wette unbedachtsam ein.
Ich wollte Frist gewinnen--Aber wo
Die Mglichkeit, es zu errathen?  Sprich!
Wo eine Spur, die zu ihm leiten knnte?

Zelima.  Es gibt hier kluge Frauen, Knigin,
Die aus dem Thee- und Kaffeesatz wahrsagen--

Turandot.  Du spottest meiner!  Dahin kam's mit mir!

Zelima.  Wozu auch berall der fremden Knste?
--O, seht ihn vor Euch stehn, den schnen Prinzen!
Wie rhrend seine Klage war!  Wie zrtlich
Er aus zerrinem Herzen zu Euch flehte!
Wie edelmthig er, sein selbst vergessen,
Zu Eures Vaters Fen fr Euch bat,
Fr Euch, die kein Erbarmen mit ihm trug,
Zum zweitenmal sein kaum gerettet Leben
Darbot, um Eure Wnsche zu vergngen!

Turandot (weggewendet).  Still, still davon!

Zelima.  Ihr kehrt Euch von mir ab!
Ihr seid gerhrt!  Ja, ja!  Verbergt es nicht!
Und eine Thrne glnzt in Eurem Auge--
O, schmt Euch nicht der zarten Menschlichkeit!
Nie sah ich Euer Angesicht so schn.
O, macht ein Ende!  Kommt--

(Adelma ist im Begriff hervorzutreten.)

Turandot.  Nichts mehr von ihm!
Er ist ein Mann.  Ich hass' ihn, mu ihn hassen.
Ich wei, da alle Mnner treulos sind,
Nichts lieben knnen als sich selbst; hinweg-
Geworfen ist an dies verrterische Geschlecht
Die schne Neigung und die schne Treue.
Geschmeid'ge Sklaven, wenn sie um uns werben,
Sind sie Tyrannen, gleich, wo sie besitzen.
Das blinde Wollen, den gereizten Stolz,
Das eigensinnig heftige Begehren,
Das nennen sie ihr Lieben und Verehren.
Das reit sie blind zu unerhrter That,
Das treibt sie selber auf den Todespfad;
Das Weib allein kennt wahre Liebestreue.
--Nicht weiter, sag' ich dir.  Gewinnt er morgen,
Ist mir der Tod nicht schrecklicher, als er.
Mich sah' die Welt, die mir gehssig ist,
Zu dem gemeinen Loos herabgewrdigt
An eines Mannes und Gebieters Hand!
Nein, nein!  So tief soll Turandot nicht sinken!
--Ich seine Braut!  Eh' in das offne Grab
Mich strzen, als in eines Mannes Arme!

(Adelma hat sich wieder zurckgezogen.)

Zelima.  Wohl mag's Euch kosten, Knigin, ich glaub' es,
Von Eurer stolzen Hh' herabzusteigen,
Auf der die Welt Euch staunend hat gesehn.
Was ist der eitle Ruhm, wenn Liebe spricht?
Gesteht es, Eure Stunde ist gekommen!
Weg mit dem Stolze!  Weicht der strkeren
Gewalt--Ihr hat ihn nicht, knnt ihn nicht hassen,
Warum dem eignen Herzen widerstreben?
Ergebt Euch dem geliebten Mann, und mag
Alsdann die Welt die Glckliche verhhnen!

Adelma (ist horchend nach und nach nher gekommen und
tritt jetzt hervor).
Wer von geringem Stand geboren ist,
Dem steht es an, wie Zelima zu denken.
Ein knigliches Herz fhlt kniglich.
--Vergib mir!  Zelima!  Dir ist es nicht gegeben,
An einer Frstin Platz dich zu versetzen,
Die sich so hoch wie unsre Knigin
Gestellt und jetzt, vor aller Menschen Augen,
Im Divan so herunter steigen soll,
Von einem schlechten Fremdling berwunden.
Mit meinen Augen sah ich den Triumph,
Den stolzen Hohn in aller Mnner Blicken,
Als er die Rtsel unsrer Knigin,
Als wren's Kinderfragen, spielend lste,
Der berlegnen Einsicht stolz bewut.
O, in die Erde htt' ich sinken mgen
Vor Scham und Wuth--Ich liebe meine schne
Gebieterin; ihr Ruhm liegt mir am Herzen.
--Sie, die dem ganzen Volk der Mnner Hohn
Gesprochen, dieses Mannes Frau!

Turandot.  Erbittre mich
Nicht mehr!

Zelima.  Das groe Unglck, Frau zu werden!

Adelma.  Schweig.  Zelima!  Man will von dir nicht wissen,
Wodurch ein edles Herz beleidigt wird.
Ich kann nicht schmeicheln.  Grausam wr' es, hier
Zu schonen und die Wahrheit zu verhehlen.
Ist es schon hart genug, da wir den Mann,
Den bermthigen, zum Herrn uns geben,
So liegt doch Trost darin, da wir uns selbst
Mit freier Wahl und Gunst an ihn verschenken,
Und seine Gromuth fesselt seinen Stolz.
Doch welches Loos trifft unsre Knigin,
Wie hat sie selbst sich ihr Geschick verschlimmert!
Nicht ihrer freien Gunst und Zrtlichkeit,
Sich selbst nur, seinem siegenden Verstand
Wird sie der Stolze zu verdanken haben;
Als seine Beute fhrt er sie davon--
Wird er sie achten, Gromuth an ihr ben,
Die keine gegen ihn bewies, auf Tod
Und Leben ihn um sie zu kmpfen zwang,
Ihm nur als Preis des Sieges heimgefallen?
Wird er bescheiden seines Rechtes brauchen,
Das er nur seinem Recht verdankt?

Turandot (in der heftigsten Bewegung).  Adelma, wisse!
Find' ich die Namen nicht, mitten im Tempel
Durchsto' ich diese Brust mit einem Dolch.

Adelma.  Fat Muth, Gebieterin.  Verzweifelt nicht!
Kunst oder List mu uns das Rthsel lsen.

Zelima.  Gut.  Wenn Adelma mehr versteht, als ich,
Und Euch so zugethan ist, wie sie sagt,
So helfe sie und schaffe Rath.

Turandot.  Adelma!
Geliebte Freundin!  Hilf mir, schaffe Rath!
Ich kenn' ihn nicht, wei nicht, woher er kommt;
Wie kann ich sein Geschlecht und Namen wissen?

Adelma (nachsinnend).
La sehn--Ich hab' es--hrte man ihn nicht
Im Divan sagen, hier in dieser Stadt,
In Peckin, lebe Jemand, der ihn kenne?
Man mu nachspren, mu die ganze Stadt
Umkehren, weder Gold noch Schtze sparen--

Turandot.  Nimm Gold und Edelsteine, spare nichts.
Kein Schatz ist mir zu gro, nur, da ich's wisse!

Zelima.  An wen uns damit wenden?  Wo uns Raths
Erholen?--Und, gesetzt, wir fnden wirklich
Auf diesem Wege seinen Stand und Namen,
Wird es verborgen bleiben, da Bestechung,
Nicht ihre Kunst das Rthsel uns verrathen?

Adelma.  Wird Zelima wohl der Verrther sein?

Zelima.  Das geht zu weit--Spart Euer Gold, Prinzessin!
Ich schwieg, ich hoffte Euer Herz zu rhren,
Euch zu bewegen, diesen wrdigsten
Von allen Prinzen, den Ihr selbst nicht hasset,
Freiwillig zu belohnen--Doch Ihr wollt es!
So siege meine Pflicht und mein Gehorsam!
--Wit also!  Meine Mutter Skirina
War eben bei mir, war entzckt, zu hren,
Da dieser Prinz die Rthsel aufgelst,
Und von dem neuen Wettstreit noch nichts wissend,
Verrieth sie mir in ihrer ersten Freude,
Da dieser Prinz in ihrem Haus geherbergt,
Da Hassan ihn, ihr Gatte, sehr wohl kenne,
Wie seinen Herrn und lieben Freund ihn ehre.
Ich fragte nun nach seinem Stand und Namen;
Doch, dies sei noch ein Rthsel fr sie selbst.
Spricht sie, das Hassan standhaft ihr verberge;
Doch hofft sie noch, es endlich zu ergrnden.
--Verdien' ich es nun noch, so zweifle meine
Gebieterin an meiner Treu' und Liebe!

(Geht ab mit Empfindlichkeit.)

Turandot (ihr nacheilend).
Bleib, Zelima!  Bist du beleidigt?--Bleib!
Vergib der Freundin!

Adelma (hlt sie zurck).  Lassen wir sie ziehen!
Prinzessin, auf die Spur hat Zelima
Geholfen; unsre Sache ist es nun,
Mit Klugheit die Entdeckung zu verfolgen.
Denn Thorheit war's, zu hoffen, da uns Hassan
Gutwillig das Geheimni beichten werde,
Nun er den ganzen Werth desselben kennt.
Verschlagne List, ja, wenn die List nicht hilft,
Gewalt mu das Gestndni ihm entreien;
Drum schnell--Kein Augenblick ist zu verlieren.
Herbei mit diesem Hassan ins Serail,
Eh' er gewarnt sich unserm Arm entzieht.
Kommt!  Wo sind Eure Sklaven?

Turandot (fllt ihr um den Hals).  Wie du willst,
Adelma!  Freundin!  Ich genehm'ge Alles.
Nur da der Fremde nicht den Sieg erhalte!  (Geht ab.)

Adelma.  Jetzt, Liebe, steh mir bei!  Dich ruf' ich an,
Du Mchtige, die Alles kann bezwingen!
La mich entzckt der Sklaverei entspringen;
Der Stolz der Feindin ffne mir die Bahn!
Hilf die Verhate listig mir betrgen,
Den Freund gewinnen und mein Herz vergngen!  (Geht ab.)



Dritter Auftritt.

Vorhalle des Palastes.

Kalaf und Barak kommen im Gesprch.


Kalaf.  Wenn aber Niemand lebt in dieser Stadt,
Der Kundschaft von mir hat, als du allein,
Du treue Seele--Wenn mein vterliches Reich
Viel hundert Meilen weit von hier entlegen
Und schon acht Jahre lang verloren ist.
--Indessen, weit du, lebten wir verborgen,
Und das Gercht verbreitet unsern Tod--
Ach, Barak!  Wer in Unglck fllt, verliert
Sich leicht aus der Erinnerung der Menschen!

Barak.  Nein, es war unbedacht gehandelt, Prinz.
Vergebt mir.  Der Unglckliche mu auch
Unmglichs frchten.  Gegen ihn erheben
Die stummen Steine selber sich als Zeugen;
Die Wand hat Ohren, Mauern sind Verrther.
Ich kann, ich kann mich nicht zufrieden geben.
Das Glck begnstigt Euch, das schnste Weib
Gewinnt Ihr wider Hoffen und Erwarten,
Gewinnt mit ihr ein groes Knigreich,
Und Eure weib'sche Zrtlichkeit raubt Euch
Auf einmal Alles wieder!

Kalaf.  Httest du
Ihr Leiden, ihren wilden Schmerz gesehn!

Barak.  Auf Eurer Eltern Schmerz, die Ihr zu Berlas
Trostlos verlassen, httet Ihr, und nicht
Auf eines Weibes Thrnen achten sollen!

Kalaf.  Schilt meine Liebe nicht!  Ich wollt' ihr gerne
Gefllig sein.--Vielleicht, da meine Gromuth
Sie rhrt, da Dankbarkeit in ihrem Herzen--

Barak.  Im Herzen dieser Schlange Dankbarkeit?
Das hoffet nie.

Kalaf.  Entgehn kann sie mir nicht.
Wie fnde sie mein Rthsel aus?  Du, Barak,
Nicht wahr?  Du hast mich nicht verrathen?  Nicht?
Vielleicht, da du im Stillen deinem Weibe
Vertraut hast, wer ich sei?

Barak.  Ich?  Keine Silbe.
Barak wei Euren Winken zu gehorchen;
Doch wei ich nicht, welch schwarze Ahnung mir
Den Sinn umnachtet und das Herz beklemmt!



Vierter Auftritt.

Die Vorigen.  Pantalon.  Tartaglia und Brigella mit Soldaten.


Pantalon.  Sieh, sieh!  Da ist er ja!  Potz Element,
Wo steckt Ihr, Prinz?  Was habt Ihr hier zu schaffen?
 (Den Barak mit den Augen musternd.)
Und wer ist dieser Mann, mit dem Ihr schwatzt?

Barak (fr sich).  Weh' uns!  Was wird das?

Tartaglia.  Sprecht!  Wer ist der Mann?

Kalaf.  Ich kenn' ihn nicht.  Ich fand ihn hier nur so
Von ohngefhr, und weil ich mig war,
Fragt' ich ihn um die Stadt und ihre Bruche.

Tartaglia.  Haltet zu Gnaden, Prinz!  Ihr seid zu grad
Fr diese falsche Welt; das gute Herz
Rennt mit dem Kopf davon--Heut frh im Divan!
Wie Teufel kamt Ihr zu dem Narrenstreich,
Den Vogel wieder aus der Hand zu lassen!

Pantalon.  Lat' s gut sein.  Was geschehn ist, ist geschehn.
Ihr wit nicht, lieber junger Prinz, wie tief Ihr
Im Wasser steht, wie Euch von allen Seiten
Betrug umlauert und Verrtherstricke
Umgeben--Lassen wir Euch aus den Augen,
So richtet man Euch ab, wie einen Staar.  (Zu Barak)
Herr Nachbar Naseweis, steckt Eure Nase
Wo anders hin--Beliebt es Eurer Hoheit
Ins Haus herein zu gehn--He da, Soldaten!
Nehmt ihn in eure Mitte!--Ihr, Brigella,
Wit Eure Pflicht--Bewachet seine Thr
Bis morgen frhe zu des Divans Stunde.
Kein Mensch darf zu ihm ein!  So will's der Kaiser.

(Zu Kalaf.)

Merkt Ihr?  Er ist verliebt in Euch und frchtet,
Es mchte noch ein Unheil zwischen kommen.
Seid Ihr bis morgen nicht sein Schwiegersohn,
So, frcht' ich, tragen wir den alten Herrn
Zu Grabe--Nichts fr ungut, Prinz!  Doch das
Von heute Morgen war--mit Eurer Gunst--
Ein Narrenstreich!--Ums Himmelswillen!  Gebt Euch
Nicht blo, lat Euch den Namen nicht entlocken!

(Ihm ins Ohr zutraulich.)

Doch wollt Ihr ihn dem alten Pantalon
Ganz sachtchen, sachtchen in die Ohren wispern,
So wird er sich gar schn dafr bedanken.
Bekommt er diese Recompens?

Kalaf.  Wie, Alter?
Gehorcht Ihr so dem Kaiser, Euerm Herrn?

Pantalon.  Bravo!  Scharmant!--Nun marsch!  Voran, Brigella!
Habt Ihr's gehrt?  Was steht Ihr hier und gaffet?

Brigella.  Beliebet nur das Plaudern einzustellen,
So werd' ich thun, was meines Amtes ist.

Tartaglia.  Pat ja wohl auf!  Der Kopf steht drauf, Brigella.

Brigella.  Ich habe meinen Kopf so lieb, als Ihr
Den Euren, Herr!  's braucht der Ermahnung nicht.

Tartaglia.  Es juckt und brennt mich nach dem Namen--Uh!
Geruhtet Ihr, ihn mir zu sagen, Hoheit,
Recht wie ein Kleinod wollt' ich ihn bei mir
Vergraben und bewahren--Ja, das wollt' ich!

Kalaf.  Umsonst versucht Ihr mich.  Am nchsten Morgen
Erfahrt Ihr ihn.  erfhrt ihn alle Welt.

Tartaglia.  Bravo!  Bravissimo!  Hol' mich der Teufel!

Pantalon.  Nun, Gott befohlen, Prinz!  (Zu Barak)
Und Ihr, Herr Schlingel!
Ihr thtet besser, Eurer Arbeit nach
Zu gehn, als im Palast hier aufzupassen,
Versteht Ihr mich?  (Geht ab.)

Tartaglia (sieht ihn scheel an).  Ja wohl!  Ja wohl!  Ihr habt mir
So ein gewisses Ansehn--eine Miene,
Die mir nicht auerordentlich gefllt.
Ich rath' Euch Gutes, geht!  (Folgt dem Pantalon.)

Brigella (zu Kalaf).  Erlaubt mir, Prinz,
Da ich Dem, der befehlen kann, gehorche.
Lat's Euch gefallen, in dies Haus zu gehn.

Kalaf.  Das will ich gerne.  (Zu Barak leise.)
Freund, auf Wiedersehn!
Zu besserer Gelegenheit!  Leb wohl!

Barak.  Herr, ich bin Euer Sklav!

Brigella.  Nur fort!  Nur fort!
Und macht den Ceremonien ein Ende!

(Kalaf folgt den Soldaten, die ihn in ihre Mitte nehmen, Timur
tritt von der entgegengesetzten Seite auf, bemerkt ihn und macht
Geberden des Schreckens und Erstaunens.)

Barak (ihm nachsehend).
Der Himmel steh' dir bei, treuherz'ge Unschuld!
Was mich betrifft, ich hte meine Zunge.



Fnfter Auftritt.

Timur, ein Greis in drftiger Kleidung.  Barak.


Timur (entsetzt, fr sich).
Weh mir!  Mein Sohn!  Soldaten fhren ihn
Gefangen fort!  Sie fhren ihn zum Tode!
Gewi, gewi, da der Tyrann von Tefflis,
Der Ruber meines Reichs, ihn bis nach Peckin
Verfolgen lie und seine Rache sttigt!
Doch mit ihm will ich sterben!  (Eilt ihm nach und ruft laut.)
 Kalaf!  Kalaf!

Barak (tritt ihm in den Weg und hlt ihm das Schwert auf die Brust).
Halt ein, Unglcklicher!  Du bist des Todes!

(Pause.  Beide sehen einander erstaunt an.  Unterdessen hat sich
Kalaf mit den Soldaten entfernt.)

Wer bist du, Alter?  Woher kommst du?  Sprich!
Da du den Namen dieses Jnglings weit?

Timur.  Was seh' ich?  Gott!  Du, Barak?  Du in Peckin?
Du sein Verrther?  Ein Rebell?  Und zckst
Das Schwert auf deinen Knig?

Barak (lt erstaunt das Schwert sinken).  Groe Gtter!
Ist's mglich?--Timur?

Timur.  Ja, Verrther!
Ich bin es, dein unglcklicher Monarch,
Von aller Welt, nun auch von dir verrathen!
Was zgerst du?  Nimm dieses Leben hin!
Verhat ist mir's, da ich die treusten Diener
Um schnden Vortheils willen undankbar
Und meinen Sohn dem Tod geopfert sehe!

Barak.  Herr!--Herr!  O Gott!  Das ist mein Frst, mein Knig!
Er ist's!  Nur allzuwohl erkenn' ich ihn.  (Fllt ihm zu Fen.)
In diesem Staub!  In dieser Niedrigkeit!
Ihr Gtter, mu mein Auge dies erleben!
--Verzeiht, Gebieter, meiner blinden Wuth!
Die Liebe ist's zu Eurem Sohn, die Angst,
Die treue Sorge, die mich hingerissen.
So lieb Euch Eures Sohnes Heil, so komme
Der Name Kalaf nie aus Eurem Munde!
--Ich nenne mich hier Hassan.  nicht mehr Barak--
--Ach, weh mir!  Wenn uns Jemand hier behorchte!--
Sagt, ob Elmaze, meine Knigin,
Sich auch mit Euch in dieser Stadt befindet?

Timur.  Still, Barak--still!  O, sprich mir nicht von ihr!
In unserm traur'gen Aufenthalt zu Berlas
Verzehrte sie der Gram um unsern Sohn,
--Sie starb in diesen lebensmden Armen.

Barak.  O die Bejammernswrdige!

Timur.  Ich floh!
Ich konnt' es, einsam, dort nicht mehr ertragen.
Des Sohnes Spuren folgend, frag' ich mich
Von Land zu Land, von einer Stadt zur andern.
Und jetzt, da mich nach langem Irren endlich
Der Gtter Hand hieher geleitet, ist
Mein erster Anblick der gefangne Sohn,
Den man zum Tode fhrt.

Barak.  Kommt, kommt, mein Knig!
Befrchtet nichts fr Euren Sohn!  Vielleicht
Da ihn, eh noch der nchste Tag verlaufen,
Das hchste Glck belohnt und Euch mit ihm!
Nur, da sein Name nicht, noch auch der Eure
Von Euern Lippen komme--Merkt Euch das!
Ich nenne mich hier Hassan, nicht mehr Barak.

Timur.  Was fr Geheimnisse--Erklr' mir doch!

Barak.  Kommt!  Hier ist nicht der Ort, davon zu reden!
Folgt mir nach meiner Wohnung--Doch, was seh' ich?

(Skirina tritt aus dem Palast.)

Mein Weib aus dem Serail!  O wehe mir!
Wir sind entdeckt!  (Zu Skirina heftig.)  Was hast du hier zu suchen?
Unglckliche!  Wo kommst du her?



Sechster Auftritt.

Skirina zu den Vorigen.


Skirina.  Nun!  Nun!
Aus dem Serail komm' ich, von meiner Tochter.
Die Freude trieb mich hin, da unser Gast,
Der fremde Prinz, den Sieg davon getragen.
Die Neugier auch--Nun ja--Ich wollte sehn,
Wie dieser mnnerscheuen Unholdin
Der Brautstand lt--und freute mich darber
Mit meiner Tochter Zelima.

Barak.  Dacht' ich's doch!
Weib!  Weib!  Du weit nicht Alles, und geschwtzig
Wie eine Elster lufst du ins Serail;
Ich suchte dich, es dir zu untersagen.
Umsonst!  Zu spt!  Des Weibes Unverstand
Rennt immer vor des Mannes weisem Rath
Voraus--Was ist nicht alles dort getratscht,
Geplaudert worden!  Nur heraus!  Mir ist,
Ich hre dich in deiner albernen
Entzckung sagen: Dieser Unbekannte
Ist unser Gast; er wohnt bei uns; mein Mann
Kennt ihn und hlt ihn hoch in Ehren--Sprich,
Hast du's gesagt?

Skirina.  Und wenn ich nun?  Was wr's?

Barak.  Nein, nein, gesteh es nur!  Hast du's gesagt?

Skirina.  Ich hab's gesagt.  Warum sollt' ich's verbergen?
Sie wollten auch den Namen von mir wissen,
Und--da ich's nur gestehe, ich versprach's.

Barak.  Weh mir!  Wir sind verloren!--Rasende!--

(Zu Timur sich wendend.)

Wir mssen fort!  Wir mssen fliehn!

Timur.  So sag' mir doch, was fr Geheimnisse--

Barak.  Fort!  Fort aus Peckin!  Keine Zeit verloren!

(Truffaldin zeigt sich im Hintergrund mit seinen Schwarzen.)

--Weh uns!  Es ist zu spt.  Sie kommen schon!
Sie suchen mich, die Schwarzen, die Verschnittnen
Der frchterlichen Turandot--Sinnlose!
In welchen Jammer strzt uns deine Zunge!

(Truffaldin hat ihn bemerkt und bedeutet den Verschnittenen
durch Geberden, da sie sich seiner bemchtigen sollen.)

Ich kann nicht mehr entfliehen--Fliehe du,
Verbirg dich, rette dich und diesen Alten!

Timur.  So sag' mir doch!

Barak.  Fort!  Keine Widerrede!
Ich bin entdeckt!--Verschlossen wie das Grab
Sei Euer Mund!  Nie komme Euer Name,
Nie, nie der seine ber Eure Lippen!
--Und du, Unglckliche, wenn du das bel,
Das deine Zunge ber uns gebracht,
Gut machen willst, verbirg dich, nicht in deiner,
In einer fremden Wohnung!  Halte diesen
Verborgen, bis der nchste Tag zur Hlfte
Verstrichen ist--

Skirina.  Willst du mir denn nicht sagen?

Timur.  Willst du nicht mit uns fliehn?

Barak.  Thut, was ich sage!
Werde mit mir, was will, wenn Ihr Euch rettet.

Skirina.  Sprich, Hassan!  Worin hab' ich denn gefehlt?

Timur.  Erklr' mir diese Rthsel.

Barak (heftig).  Welche Marter!
Um aller Gtter willen, fort, und fragt
Nicht weiter!  Sie umringen uns; es ist
Zu spt, und alle Flucht ist jetzt vergebens.
--Die Namen, alter Mann, die Namen nur
Verschweigt, und Alles kann noch glcklich enden!



Siebenter Auftritt.

Vorige.  Truffaldin mit den Verschnittenen.


Truffaldin (ist nach und nach nher gekommen, hat die Ausgnge
besetzt und tritt nun hervor, mit bertriebenen Geberden dem
Barak den Degen auf die Brust haltend).
Halt an und steht!  Nicht von der Stelle!  Nicht
Gemuckst!  Der ist des Todes, der sich rhrt.

Skirina.  O wehe mir!

Barak.  Ich wei, Ihr sucht den Hassan.
Hier bin ich, fhrt mich fort.

Truffaldin.  Bst!  Keinen Lrmen!
's ist gut gemeint.  Es soll Euch eine ganz
Absonderliche Gnad' und Ehr' geschehn.

Barak.  Ja, ins Serail wollt Ihr mich fhren, kommt!

Truffaldin.  Gemach!  Gemach!  Ei, seht doch, welche Gunst
Euch widerfhrt!  Ins Harem!  ins Serail
Der Knigin--Ihr glckliche Person!
's kommt keine Fliege ins Serail, sie wird
Erst wohl besichtigt und beschaut, ob sie
Ein Mnnchen oder Weib, und ist's ein Mnnchen,
Wird's ohne Gnad' gekreuzigt und gepfhlt.
--Wer ist der Alte da?

Barak.  Ein armer Bettler,
Den ich nicht kenne--Kommt und lat uns gehn.

Truffaldin (betrachtet den Timur mit lcherlicher Genauigkeit).
Gemach!  Gemach!  Ein armer Bettler!  Ei!
--Wir haben uns gromthig vorgesetzt,
Auch dieses armen Bettlers Glck zu machen.
 (Bemerkt und betrachtet die Skirina.)
--Wer ist die Weibsperson?

Barak.  Was zgerst du?
Ich wei, da deine Knigin mich erwartet.
La diesen Greis!  Das Weibsbild kenn' ich nicht,
Hab's nie gesehn und wei nicht, wer sie ist.

Truffaldin (zornig).  Du kennst sie nicht?  Du hast sie nie gesehn?
Verdammte Lge!  Was!  Kenn' ich sie nicht
Als deine Frau und als die Mutter nicht
Der Sklavin Zelima?  Hab' ich sie nicht
Zu hundert Malen im Serail gesehn,
Wenn sie der Tochter weie Wsche brachte?

(Mit komischer Gravitt zu den Verschnittenen.)

Merkt, Sklaven, den Befehl.  den ich euch gebe!
Die drei Personen hier nehmt in Verwahrung,
Bewacht sie wohl, hrt ihr, lat sie mit keiner
Lebend'gen Seele reden, und bei Nacht,
Sobald es still ist, fhrt sie ins Serail!

Timur.  O Gott!  Was wird aus mir!

Skirina.  Ich fass' es nicht.

Barak (zu Timur).  Was aus dir werden soll, und was aus mir?
Ich werde Alles leiden.  Leid' auch du!
Vergi nicht, was ich dir empfahl--und, was
Dir auch begegne, hte deine Zunge!
--Jetzt hast du, thricht Weib, was du gewollt.

Skirina.  Gott steh uns bei!

Truffaldin (zu den Schwarzen).  Ergreift sie!  Fort mit ihnen!

(Gehen ab.)




Vierter Aufzug.

Vorhof mit Sulen.  In der Mitte eine Tafel mit einem mchtig
groen Becken, voll von Goldstcken.



Erster Auftritt.

Turandot.  Zelima.  Skirina.  Timur.  Barak.

(Barak und Timur stehen, jeder an einer Sule, einander gegenber,
die Verschnittenen um sie herum, alle mit entblten Sbeln und
Dolchen.  Zelima und Skirina stehen weinend auf der einen, Turandot
drohend und streng auf der andern Seite.)


Turandot.  Noch ist es Zeit.  Noch lass' ich mich herab,
Zu bitten--Dieser aufgehufte Berg
Von Gold ist euer, wenn ihr mir in Gutem
Des Unbekannten Stand und Namen nennt.
Besteht ihr aber drauf, ihn zu verschweigen,
So sollen diese Dolche, die ihr hier
Auf euch gezckt seht, euer Herz durchbohren!
He da, ihr Sklaven!  Machet euch bereit.

(Die Verschnittenen halten ihnen ihre Dolche auf die Brust.)

Barak (zu Skirina).  Nun, heillos Weib, nun siehst du, Skirina,
Wohin uns deine Plauderhaftigkeit gefhrt.
--Prinzessin, sttigt Eure Wuth!  Ich biete
Den Martern Trotz, die Ihr ersinnen knnt,
Ich bin bereit, den herbsten Tod zu leiden.
--Herbei, ihr Schwarzen!  Auf, ihr Marterknechte.
Tyrannische Werkzeuge der Tyrannin,
Zerfleischt mich, tdtet mich, ich will es dulden.
--Sie hat ganz Recht, ich kenne diesen Prinzen
Und seinen Vater, Beider Namen wei ich;
Doch keine Marter pret sie von mir aus,
Kein Gold verfhrt mich; weniger als Staub,
Als schlechte Erde acht' ich diese Schtze!
Du, meine Gattin, jammre nicht um mich!
Fr Diesen Alten spare deine Thrnen,
Fr ihn erweiche dieses Felsenherz,
Da der Unschuldige gerettet werde!
Sein ganz Verbrechen ist, mein Freund zu sein.

Skirina (flehend zu Turandot).
O Knigin, Erbarmen!

Timur.  Niemand kmmre sich
Um einen schwachen Alten, den die Gtter
Im Zorn verfolgen, dem der Tod Erlsung,
Das Leben eine Marter ist.  Ich will
Dich retten, Freund, und sterben.  Wisse denn,
Du Grausame--

Barak (unterbricht ihn).  Um aller Gtter willen, schweigt!
Der Name komme nicht aus Eurem Munde!

Turandot (neugierig).
Du weit ihn also, Greis?

Timur.  Ob ich ihn wei?
Unmenschliche!--Freund, sag' mir das Geheimni,
Warum darf ich die Namen nicht entdecken?

Barak.  Ihr tdtet ihn und uns, wenn Ihr sie nennt.

Turandot.  Er will dich schrecken, Alter, frchte nichts!
Herbei, ihr Sklaven, zchtigt den Verwegnen!

(Die Verschnittenen umgeben den Barak.)

Skirina.  Ihr Gtter, helft!  Mein Mann!  Mein Mann!

Timur (tritt dazwischen).  Halt!  Haltet!
Was soll ich thun!  Ihr Gtter, welche Marter!
--Prinzessin, schwrt mir's zu bei Eurem Haupt,
Bei Euren Gttern schwrt mir, da sein Leben
Und dieses Fremdlings Leben ungefhrdet
Sein soll--Mein eignes acht' ich nichts und will
Es freudig Eurer Wuth zum Opfer geben--
Schwrt mir das zu, und Ihr sollt Alles wissen.

Turandot.  Bei meinem Haupt, zum furchtbarn Fohi schwr' ich,
Da weder seinem Leben, noch des Prinzen,
Noch irgend eines hier Gefhrde droht--

Barak (unterbricht sie).
Halt, Lgnerin--Nicht weiter--Glaubt ihr nicht!
Verrtherei lauscht hinter diesem Schwur.
--Schwrt, Turandot, schwrt, da der Unbekannte
Euer Gatte werden soll, im Augenblick,
Da wir die Namen Euch entdeckt, wie recht
Und billig ist; Ihr wit es, Undankbare!
Schwrt, wenn Ihr knnt und drft, da er, verschmht
Von Euch, nicht in Verzweiflung sterben wird
Durch seine eigne Hand--Und schwrt uns zu,
Da, wenn wir Euch die Namen nun entdeckt,
Fr unser Leben nichts zu frchten sei,
Noch, da ein ew'ger Kerker uns lebendig
Begraben und der Welt verbergen soll--
Dies schwrt uns, und der Erste bin ich selbst,
Der Euch die beiden Namen nennt!

Timur.  Was fr Geheimnisse sind dies!  Ihr Gtter,
Nehmt diese Qual und Herzensangst von mir!

Turandot.  Ich bin der Worte md--Ergreift sie, Sklaven!
Durchbohret sie!

Skirina.  O Knigin!  Erbarmen!

(Die Verschnittenen sind im Begriff, zu gehorchen, aber Skirina
und Zelima werfen sich dazwischen.)

Barak.  Nun siehst du, Greis, das Herz der Tigerin!

Timur (niedergeworfen).
Mein Sohn!  Dir weih' ich freudig dieses Leben.
Die Mutter ging voran, ihr folg' ich nach.

Turandot (betroffen, wehrt den Sklaven).
Sein Sohn!  Was hr' ich!  Haltet!--Du ein Prinz?
Ein Knig?  Du des Unbekannten Vater?

Timur.  Ja, Grausame!  Ich bin ein Knig--bin
Ein Vater, den der Jammer niederdrckt!

Barak.  O Knig!  Was habt Ihr gethan!

Skirina.  Ein Knig!
In solchem Elend!

Zelima.  Allgerechte Gtter!

Turandot (in tiefes Sinnen verloren, nicht ohne Rhrung).
Ein Knig und in solcher Schmach!--Sein Vater!
Des unglcksel'gen Jnglings, den ich mich
Zu hassen zwinge und nicht hassen kann!
--O der Bejammernswrdige--Wie wird mir!
Das Herz im tiefsten Busen wendet sich!
Sein Vater!--Und er selbst--Sagt' er nicht so?
Genthiget, als niedrer Knecht zu dienen
Und Lasten um geringen Sold zu tragen!
O Menschlichkeit!  O Schicksal!

Barak.  Turandot,
Dies ist ein Knig!  Scheuet Euch und schaudert
Zurck, die heil'gen Glieder zu verletzen!
Wenn solches Jammers Gre Euch nicht rhrt,
Euch nicht das Mitleid, nicht die Menschlichkeit
Entwaffnen kann, lat Euch die Scham besiegen.
Ehrt Eures eignen greisen Vaters Haupt
In diesem Greis--O, schndet Euch nicht selbst
Durch eine That, die Euer Blut entehrte!
Genug da Ihr die Jnglinge gemordet,
Schonet das Alter, das ohnmchtige,
Das auch die Gtter zum Erbarmen zwingt!

Zelima (wirft sich zu ihren Fen).
Ihr seid bewegt, Ihr knnt nicht widerstehn.
O, gebt dem Mitleid und der Gnade Raum,
Lat Euch die Gre dieses Jammers rhren!



Zweiter Auftritt.

Adelma zu den Vorigen.


Turandot (ihr entgegen).
Kommst du, Adelma?  Hilf mir!  O, schaff' Rath!
Ich bin entwaffnet--Ich bin auer mir!
Dies ist sein Vater, ein Monarch und Knig!

Adelma.  Ich hrte Alles.  Fort mit diesen Beiden,
Schafft dieses Gold hinweg, der Kaiser naht!

Turandot.  Mein Vater?  Wie?

Adelma.  Ist auf dem Weg hieher.  (Zu den Schwarzen)
Fort, eh wir berfallen werden!  Sklaven,
Fhrt diese Beiden in die untersten
Gewlbe des Serails, dort haltet sie
Verborgen bis auf weitere Befehle!  (Zu Turandot)
Es ist umsonst.  Wir mssen der Gewalt
Entsagen.  Nichts kann retten, als die List.
--Ich habe einen Anschlag--Skirina,
Ihr bleibt zurck.  Auch Zelima soll bleiben.

Barak (zu Timur).  Weh uns, mein Frst!  Die Gtter mgen wissen,
Welch neues Schreckni ansgebrtet wird!
--Weib!  Tochter!  Seid getreu, o, haltet fest,
Lat euch von diesen Schlangen nicht verfhren!

Turandot (zu den Schwarzen).
Ihr wisset den Befehl.  Fort, fort mit ihnen
In des Serails verborgenste Gewlbe!

Timur.  Fall' Eure ganze Rache auf mein Haupt!
Nur ihm, nur meinem Sohn erzeiget Mitleid!

Barak.  Mitleid in dieser Furie!  Verrathen
Ist Euer Sohn, und uns, ich seh' es klar,
Wird ew'ge Nacht dem Aug der Welt verbergen.
Man fhrt uns aus dem Angesicht der Menschen,
Wohin kein Lichtstrahl und kein Auge dringt,
Und unser Schmerz kein fhlend Ohr erreicht!  (Zur Prinzessin.)
Die Welt kannst du, der Menschen Auge blenden,
Doch zittre vor der Gtter Rachgericht!
Magst du im Schlund der Erde sie verstecken,
La tausend Todtengrfte sie bedecken,
Sie bringen deine belthat ans Licht.

(Er folgt mit Timur den Verschnittenen, welche zugleich die
Tafel und das Becken mit den Goldstcken hinwegtragen.)



Dritter Auftritt.

Turandot.  Adelma.  Zelima und Skirina.


Turandot (zu Adelma).  Auf dich verlass' ich mich, du einz'ge Freundin!
O, sage, sprich, wie du mich retten willst.

Adelma.  Die Wachen, die auf Altoums Befehl
Des Prinzen Zimmer hten, sind gewonnen.
Man kann zu ihm hineingehn, mit ihm sprechen--
Und was ist dann nicht mglich, wenn wir klug
Die Furcht, die berredung spielen lassen.
Denn arglos ist sein Herz und gibt sich leicht
Der Schmeichelstimme des Verrthers hin.
Wenn Skirina, wenn Zelima mir nur
Behilflich sind und ihre Rolle spielen,
So zweifelt nicht, mein Anschlag soll gelingen.

Turandot (zu Skirina).  So lieb dir Hassans Leben, Skirina!
Er ist in meiner Macht, ich kann ihn tdten.

Skirina.  Was Ihr befehlt, ich bin bereit zu Allem,
Wenn ich nur meines Hassans Leben rette.

Turandot (zu Zelima).  So werth dir meine Gunst ist, Zelima.--

Zelima.  Auf meinen Eifer zhlt und meine Treue!

Adelma.  So kommt.  Kein Augenblick ist zu verlieren (Sie gehen ab.)

Turandot.  Geht, geht!  Thut, was sie sagt.



Vierter Auftritt.

Turandot allein.


Was sinnt Adelma?
Wird sie mich retten?  Gtter, steht ihr bei!
Kann ich mich noch mit diesem Siege krnen,
We Name wird dann grer sein, als meiner?
Wer wird es wagen, sich in Geisteskraft
Mit Turandot zu messen?--Welche Lust,
Im Divan, vor der wartenden Versammlung,
Die Namen ihm ins Angesicht zu werfen
Und ihn beschmt von meinem Thron zu weisen!
--Und doch ist mir's, als wrd' es mich betrben!
Mir ist, als sh' ich ihn, verzweiflungsvoll,
Zu meinen Fen seinen Geist verhauchen,
Und dieser Anblick dringt mir in das Herz.
--Wie, Turandot?  Wo ist der edle Stolz
Der groen Seele?  Hat's ihn auch gekrnkt,
Im Divan ber dich zu triumphieren?
Was wird dein Antheil sein, wenn er auch hier
Den Sieg dir abgewinnt?--Recht hat Adelma!
Zu weit ist es gekommen!  Umkehr ist
Nicht mglich!--Du mut siegen oder fallen!
Besiegt von einem, ist besiegt von allen!



Fnfter Auftritt.

Turandot.  Altoum.  Pantalon und Tartaglia folgen ihm in einiger
Entfernung nach.


Altoum (in einem Briefe lesend und in tiefen Gedanken, fr sich).
So mute dieser blutige Tyrann
Von Tefflis enden!  Kalaf, Timurs Sohn,
Aus seiner Vter Reich vertrieben, flchtig
Von Land zu Lande schweifend, mu hieher
Nach Peckin kommen und durch seltsame
Verkettung der Geschicke glcklich werden!
So fhrt das Schicksal an verborgnem Band
Den Menschen auf geheimnivollen Pfaden!
Doch ber ihm wacht eine Gtterhand,
Und wunderbar entwirret sich der Faden.

Pantalon (leise zu Tartaglia).
Rappelt's der Majestt?  Was kmmt sie an,
Da sie in Versen mit sich selber spricht?

Tartaglia (leise zu Pantalon).
Still, still!  Es ist ein Bote angelangt
Aus fernen Landen--Was er brachte, mag
Der Teufel wissen!

Altoum (steckt den Brief in den Busen und wendet sich zu
seiner Tochter).
Turandot!  Die Stunden
Entfliehen, die Entscheidung rckt heran,
Und schlaflos irrst du im Serail umher,
Zerqulst dich, das Unmgliche zu wissen.
--Vergebens qulst du dich.  Es ist umsonst,
Ich aber hab' es ohne Mh' erfahren.
--Sieh diesen Brief.  Hier stehen beide Namen
Und Alles, was sie kenntlich macht.  So eben
Bringt ihn ein Bote mir aus fernen Landen.
Ich halt' ihn wohl verschlossen und bewacht,
Bis dieser nchste Tag vorber ist.
Der unbekannte Prinz ist wirklich Knig
Und eines Knigs Sohn--Es ist unmglich,
Da du errathest, wer sie beide seien.
Ihr Reich liegt allzufern von hier, der Name
Ist kaum zu Peckin ausgesprochen worden.
--Doch sieh, weil ich's als Vater mit dir meine,
Komm' ich in spter Nacht noch her--Kann es
Dir Freude machen, dich zum zweitenmal
Im Divan dem Gelchter blozustellen,
Dem Hohn des Pbels, der mit Ungeduld
Drauf wartet, deinen Stolz gebeugt zu sehn?
Denn abgesinnt, du weit's, ist dir das Volk,
Kaum werd' ich seiner Wuth gebieten knnen,
Wenn du im Divan nun verstummen mut.
--Sieh liebes Kind, dies fhrte mich hieher.

(Zu Pantalon und Tartaglia.)

Lat uns allein!  (Jene entfernen sich ungern und zaudernd.)



Sechster Auftritt.

Turandot und Altoum.


Altoum (nachdem jene weg sind, nhert sich ihr und fat sie
vertraulich bei der Hand).
Ich komme, deine Ehre
Zu retten.

Turandot.  Meine Ehre, Sire?  Spart Euch
Die Mh!  Nicht Rettung brauch' ich meiner Ehre--
Ich werde mir im Divan morgen selbst
Zu helfen wissen.

Altoum.  Ach, du schmeichelst dir
Mit eitler Hoffnung.  Glaube mir's, mein Kind,
Unmglich ist's, zu wissen, was du hoffst.
Ich les' in deinen Angen, deinen wild
Verwirrten Zgen deine Qual und Angst.
Ich bin dein Vater; sieh, ich hab' dich lieb.
--Wir sind allein--Sei offen gegen mich!
Bekenn' es frei--weit du die beiden Namen?

Turandot.  Ob ich sie wei, wird man im Divan hren.

Altoum.  Nein, Kind, du weit sie nicht, kannst sie nicht wissen.
Wenn du sie weit, so sag' mir's im Vertrauen.
Ich lasse dann den Unglcksel'gen wissen,
Da er verrathen ist, und lass' ihn still
Aus meinen Staaten ziehn.  So meidest du
Den Ha des Volks--und mit dem Sieg zugleich
Trgst du den Ruhm der Gromuth noch davon,
Da du dem berwundenen die Schmach
Der ffentlichen Niederlage spartest.
--Um dieses Einz'ge bitt' ich dich, mein Kind!
Wirst du's dem Vater, der dich liebt, versagen?

Turandot.  Ich wei die Namen oder wei sie nicht,
Genug!  Hat er im Divan meiner nicht
Geschont, brauch' ich auch seiner nicht zu schonen.
Gerechtigkeit geschehe!  ffentlich,
Wenn ich sie wei, soll man die Namen hren.

Altoum (will ungeduldig werden, zwingt sich aber und fhrt mit
Migung und Milde fort).
Durft' er dich schonen?  Galt es nicht sein Leben?
Galt es nicht, was ihm mehr war, deine Hand?
Dich zu gewinnen und sich selbst zu retten,
Mut' er den Sieg im Divan dir entreien.
--Nur einen Augenblick leg' deinen Zorn
Bei Seite, Kind--Gib Raum der berlegung!
Sieh, dieses Haupt setz' ich zum Pfand, du weit
Die Namen nicht--Ich aber wei sie--hier (auf den Brief zeigend)
Stehn sie geschrieben, und ich sag' sie dir.
--Der Divan soll sich in der Frh' versammeln,
Der Unbekannte ffentlich erscheinen;
Mit seinem Namen redest du ihn an;
Er soll beschmt, vom Blitz getroffen, stehen,
Verzweifelnd jammern und vor Schmerz vergehen;
Vollkommen sei sein Fall und dein Triumph.
Doch nun, wenn du so tief ihn hast gebeugt
Erheb' ihn wieder!  Frei, aus eigner Wahl
Reich' ihm die Hand und endige sein Leiden.
--Komm, meine Tochter, schwre mir, da du
Das thun willst, und sogleich--wir sind allein--
Sollst du die Namen wissen.  Das Geheimni,
Ich schwre dir, soll mit uns beiden sterben.
So lst der Knote sich erfreulich auf;
Du krnest dich mit neuem Siegesruhm,
Vershnest dir durch schne Edelthat
Die Herzen meines Volks, gewinnst dir selbst
Den Wrdigsten der Erde zum Gemahl,
Erfreuest, trstest nach so langem Gram
In seinem hohen Alter deinen Vater.

Turandot (ist whrend dieser Rede in eine immer zunehmende
Bewegung gerathen).
Ach, wie viel arge List gebraucht mein Vater!
--Was soll ich thun?  Mich auf Adelmas Wort
Verlassen und dem ungewissen Glck
Vertraun?  Soll ich vom Vater mir die Namen
Entdecken lassen und den Nacken beugen
In das verhate Joch?--Furchtbare Wahl!

(Sie steht unentschlossen in heftigem Kampf mit sich selbst.)

Herunter, stolzes Herz!  Bequeme dich!
Dem Vater nachzugeben ist nicht Schande!

(Indem sie einige Schritte gegen Altoum macht, steht sie
pltzlich wieder still.)

Doch wenn Adelma--sie versprach so khn,
So zuversichtlich--wenn sie's nun erforschte,
Und bereilt htt' ich den Schwur gethan?

Altoum.  Was sinnest du und schwankest, meine Tochter,
In zweifelnden Gedanken hin und her?
Soll etwa diese Angst mich berreden,
Da du des Sieges dich versichert haltest?
O Kind, gib deines Vaters Bitte nach--

Turandot.  Es sei!  Ich wag es drauf.  Ich will Adelma
Erwarten--So gar dringend ist mein Vater?
Ein sichres Zeichen, da es mglich ist,
Ich knne, was er frchtet, durch mich selbst
Erfahren--Er versteht sich mit dem Prinzen!
Nicht anders!  Von ihm selbst hat er die Namen;
Es ist ein abgeredet Spiel; ich bin
Verrathen, und man spottet meiner!

Altoum.  Nun?
Was zauderst du?  Hr auf, dich selbst zu qulen,
Entschliee dich!

Turandot.  Ich bin entschlossen--Morgen
In aller Frh' versammle sich der Divan.

Altoum.  Du bist entschlossen, es aufs uerste,
Auf ffentliche Schande hin zu wagen?

Turandot.  Entschlossen, Sire, die Probe zu bestehen.

Altoum (in heftigem Zorn).
Unsinnige!  Verstockte!  Blindes Herz!
Noch blinder als die Albernste des Pbels!
Ich bin gewi, wie meines eignen Haupts,
Da du dich ffentlich beschimpfst, da dir's
Unmglich ist, das Rthsel aufzulsen.
Wohlan!  Der Divan soll versammelt werden,
Und in der Nhe gleich sei der Altar!
Der Priester halte sich bereit, im Augenblick,
Da du verstummst, beim lauten Hohngelchter
Des Volks die Trauung zu vollziehn.  Du hast
Den Vater nicht gehrt, da er dich flehte.
Leb' oder stirb!  Er wird dich auch nicht hren!  (Er geht ab.)

Turandot.  Adelma!  Freundin!  Retterin!  Wo bist du?
Verlassen bin ich von der ganzen Welt.
Mein Vater hat im Zorn mich aufgegeben,
Von dir allein erwart' ich Heil und Leben.  (Entfernt sich von der
andere Seite.)



Siebenter Auftritt.

Die Scene verwandelt sich in ein prchtiges Gemach mit mehreren
Ausgngen.  Im Hintergrund steht ein orientalisches Ruhebett fr
Kalaf.  Es ist finstere Nacht.

Kalaf.  Brigella mit einer Fackel.

(Kalaf geht in tiefen Gedanken auf und ab, Brigella betrachtet
ihn mit Kopfschtteln.)


Brigella.  's hat eben Drei geschlagen, Prinz, und Ihr
Seid nun genau dreihundert sechzigmal
In diesem Zimmer auf und ab spaziert.
Verzeiht!  Mir liegt der Schlaf in allen Gliedern,
Und wenn Ihr selbst ein wenig ruhen wolltet,
Es knnt' nicht schaden.

Kalaf.  Du hast Recht, Brigella.
Mein sorgenvoller Geist treibt mich umher;
Doch du magst gehen und dich schlafen legen.

Brigella (geht, kommt aber gleich wieder zurck).
Ein Wort zur Nachricht, Hoheit--Wenn Euch hier
Von ohngefhr so was erscheinen sollte--
Macht Eure Sache gut--Ihr seid gewarnt!

Kalaf.  Erscheinungen?  Wie so?  An diesem Ort?
 (Mustert mit unruhigen Blicke das Zimmer.)

Brigella.  Du lieber Himmel!  Uns ist zwar verboten
Bei Lebensstrafe, Niemand einzulassen.
Doch--arme Diener!  Herr, Ihr wit ja wohl!
Der Kaiser ist der Kaiser, die Prinze
Ist, so zu sagen, Kaiserin--und was
Die in den Kopf sich setzt, das mu geschehn!
's wird Einem sauer, Hoheit, zwischen zwei
Dachtraufen trocknen Kleides durchzukommen.
--Versteht mich wohl.  Man mchte seine Pflicht
Gern ehrlich thun--Doch man erbrigte
Auch gern etwas fr seine alten Tage.
Herr, unsereins ist halter bel dran!

Kalaf.  Wie?  Sollte man mir gar ans Leben wollen?
Brigella, rede!

Brigella.  Gott soll mich bewahren!
Allein bedenkt die Neugier, die man hat,
Zu wissen, wer Ihr seid.  Es knnte sich
Zum Beispiel fgen, da--durchs Schlsselloch--
Ein Geist--ein Unhold--eine Hexe kme,
Euch zu versuchen--Gnug!  Ihr seid gewarnt!
Versteht mich--Arme Diener, arme Schelme!

Kalaf (lchelnd).  Sei auer Sorgen.  Ich verstehe dich
Und werde mich in Acht zu nehmen wissen.

Brigella.  Thut das, und somit Gott befohlen, Herr.
Ums Himmels willen, bringt mich nicht ins Unglck!

(Gegen die Zuschauer.)

Es kann geschehen, da man einen Beutel
Mit Golde ausschlgt--mglich ist's!  Was mich betrifft,
Ich that mein Bestes, und ich konnt' es nicht.  (Er geht ab.)

Kalaf.  Er hat mir Argwohn in mein Herz gepflanzt.
Wer knnte mich hier berfallen wollen?
Und la die Teufel aus der Hlle selbst
Ankommen, dieses Herz wird standhaft bleiben.  (Er tritt ans Fenster.)
Der Tag ist nicht mehr weit, ich werde nun
Nicht lange mehr auf dieser Folter liegen.
Inde versuch' ich es, ob ich vielleicht
Den Schlaf auf diese Augen locken kann.

(Indem er sich auf das Ruhebette niederlassen will, ffnet sich
eine von den Thren.)



Achter Auftritt.

Kalaf.  Skirina in mnnlicher Kleidung und mit einer Maske vor
dem Gesicht.


Skirina (furchtsam sich nhernd).
Mein lieber Herr--Herr--O, wie zittert mir
Das Herz!

Kalaf (auffahrend).  Wer bist du, und was suchst du hier?

Skirina (nimmt die Maske vom Gesicht).
Kennt Ihr mich nicht?  Ich bin ja Skirina,
Des armen Hassans Weib und Eure Wirthin.
Verkleidet hab' ich durch die Wachen mich
Herein gestohlen--Ach!  was hab' ich Euch
Nicht alles zu erzhlen--Doch die Angst
Erstickt mich, und die Kniee zittern mir;
Ich kann vor Thrnen nicht zu Worte kommen.

Kalaf.  Sprecht, gute Frau.  Was habt Ihr mir zu sagen?

Skirina (sich immer schchtern umsehend).
Mein armer Mann hlt sich versteckt.  Es ward
Der Turandot gesagt, da er Euch kenne.
Nun wird ihm nachgesprt an allen Orten,
Ihn ins Serail zu schleppen und ihm dort
Gewaltsam Euren Namen abzupressen.
Wird er entdeckt, so ist's um ihn geschehn;
Denn eher will er unter Martern sterben,
Als Euch verrathen.

Kalaf.  Treuer, wackrer Diener!
--Ach, die Unmenschliche!

Skirina.  Ihr habt noch mehr
Von mir zu hren--Euer Vater ist
In meinem Haus.

Kalaf.  Was sagst du?  Groe Gtter!

Skirina.  Von Eurer Mutter zum trostlosen Wittwer
Gemacht--

Kalaf.  O meine Mutter!

Skirina.  Hrt mich weiter!
Er wei, da man Euch hier bewacht; er zittert
Fr Euer Leben; er ist auer sich;
Er will verzweifelnd vor den Kaiser dringen,
Sich ihm entdecken, kost' es, was es wolle;
Mit meinem Sohne, ruft er, will ich sterben!
Vergebens such' ich ihn zurck zu halten,
Sein Ohr ist taub, er hrt nur seinen Schmerz;
Nur das Versprechen, das ich ihm gethan,
Ein trstend Schreiben ihm von Eurer Hand
Mit Eures Namens Unterschrift zu bringen,
Das ihm Versichrung gibt von Eurem Leben,
Hielt ihn vom uersten zurck!  So hab' ich mich
Hieher gewagt und in Gefahr gesetzt,
Dem kummervollen Greise Trost zu bringen.

Kalaf.  Mein Vater hier in Peckin!  Meine Mutter
Im Grab!--Du hintergehst mich, Skirina!

Skirina.  Mich strafe Fohi, wenn ich Euch das lge!

Kalaf.  Bejammernswerther Vater!  Arme Mutter!

Skirina (dringend).  Kein Augenblick ist zu verlieren!  Kommt!
Bedenkt Euch nicht; schreibt diese wen'gen Worte.
Fehlt Euch das Nthige, ich bracht' es mit.

(Sie zieht eine Schreibtafel hervor.)

Genug, wenn dieser kummervolle Greis
Zwei Zeilen nur von Eurer Hand erhlt,
Da Ihr noch lebt und da Ihr Gutes hofft.
Sonst treibt ihn die Verzweiflung an den Hof,
Er nennt sich dort, und Alles ist verloren.

Kalaf.  Ja, gib mir diese Tafel!

(Er ist im Begriff zu schreiben, hlt aber pltzlich inne und
sieht sie forschend an.)
Skirina!
Hast du nicht eine Tochter im Serail?
--Ja, ja, ganz recht.  Sie dient Sklavin dort
Der Turandot; dein Mann hat mir's gesagt.

Skirina.  Nun ja!  Wie kommt Ihr darauf?

Kalaf.  Skirina!
Geh nur zurck und sage meinem Vater
Von meinetwegen, da er ohne Furcht
Geheimen Zutritt bei dem Kaiser fordre
Und ihm entdecke, was sein Herz ihn heit.
Ich bin's zufrieden.

Skirina (betroffen).  Ihr verweigert mir
Den Brief?  Ein Wort von Eurer Hand gengt.

Kalaf.  Nein, Skirina, ich schreibe nicht.  Erst morgen
Erfhrt man, wer ich bin--Ich wundre mich,
Da Hassans Weib mich zu verrathen sucht.

Skirina.  Ich Euch verrathen!  Guter Gott!  (Fr sich.)
Adelma mag denn selbst ihr Spiel vollenden.  (Zu Kalaf.)
Wohl, Prinz!  Wie's Euch beliebt!  Ich geh' nach Hause,
Ich richte Eure Botschaft aus; doch glaubt' ich nicht,
Nach so viel bernommener Gefahr
Und Mhe Euren Argwohn zu verdienen.  (Im Abgehen.)
Adelma wacht, und Dieser schlummert nicht.  (Entfernt sich.)

Kalaf.  Erscheinungen!--Du sagtest recht, Brigella!
Doch, da mein Vater hier in Peckin sei
Und meine Mutter todt, hat dieses Weib
Mit einem heil'gen Eide mir bekrftigt!
Kommt doch das Unglck nie allein!  Ach, nur
Zu glaubhaft ist der Mund, der Bses meldet!

(Die entgegengesetzte Thre ffnet sich.)

Noch ein Gespenst!  La sehen, was es will!



Neunter Auftritt.

Kalaf.  Zelima.


Zelima.  Prinz, ich bin eine Sklavin der Prinzessin
Und bringe gute Botschaft.

Kalaf.  Gb's der Himmel!
Wohl wr' es Zeit, da auch das Gute kme!
Ich hoffe nichts, ich schmeichle mir mit nichts;
Zu fhllos ist das Herz der Turandot.

Zelima.  Wohl wahr, ich leugn' es nicht--und dennoch, Prinz,
Gelang es Euch, dies stolze Herz zu rhren.
Euch ganz allein; Ihr seid der Erste--Zwar
Sie selbst besteht darauf, da sie Euch hasse;
Doch ich bin ganz gewi, da sie Euch liebt.
Die Erde thu' sich auf und reie mich
In ihren Schlund hinab, wenn ich das lge!

Kalaf.  Gut, gut, ich glaube dir.  Die Botschaft ist
Nicht schlimm.  Hast du noch Mehreres zu sagen?

Zelima (nhertretend).  Ich mu Euch im Vertrauen sagen, Prinz,
Der Stolz, der Ehrgeiz treibt sie zur Verzweiflung.
Sie sieht nun ein, da sie Unmgliches
Sich aufgebrdet, und vergeht vor Scham,
Da sie im Divan nach so vielen Siegen
Vor aller Welt zu Schanden werden soll.
Der Abgrund ffne sich und schlinge mich
Hinab, wenn ich mit Lgen Euch berichte!

Kalaf.  Ruf nicht so groes Unglck auf dich her!
Ich glaube dir.  Geh, sage der Prinzessin,
Leicht sei es ihr, in diesem Streit zu siegen;
Mehr als durch ihren glnzenden Verstand
Wird sich ihr Ruhm erheben, wenn ihr Herz
Empfinden lernt, wenn sie der Welt beweist,
Sie knne Mitleid fhlen, knne sich
Entschlieen, einen Liebenden zu trsten
Und einen greisen Vater zu erfreun.
Ist dies etwa die gute Botschaft, sprich,
Die ich zu hren habe?

Zelima.  Nein, mein Prinz!
Wir geben uns so leichten Kaufes nicht;
Man mu Geduld mit unsrer Schwachheit haben.
--Hrt an!

Kalaf.  Ich hre.

Zelima.  Die Prinzessin schickt mich.
--Sie bittet Euch um einen Dienst--Lat sie
Die Namen wissen, und im brigen
Vertraut Euch khnlich ihrer Gromuth an.
Sie will nur ihre Eigenliebe retten,
Nur ihre Ehre vor dem Divan lsen.
Voll Gte steigt sie dann von ihrem Thron
Und reicht freiwillig Euch die schne Rechte.
--Entschliet Euch, Prinz.  Ihr waget nichts dabei.
Gewinnt mit Gte dieses stolze Herz,
So wird nicht Zwang, so wird die Liebe sie,
Die zrtlichste, in Eure Arme fhren.

Kalaf (sieht ihr scharf ins Gesicht, mit einem bittern Lcheln).
Hier, Sklavin, hast du den gewohnten Schlu
Der Rede weggelassen.

Zelima.  Welchen Schlu?

Kalaf.  Die Erde ffne sich und schlinge mich
Hinab, wenn ich Unwahres Euch berichte.

Zelima.  So glaubt Ihr, Prinz, da ich Euch Lgen sage?

Kalaf.  Ich glaub' es fast--und glaub' es so gewi,
Da ich in dein Begehren nimmermehr
Kann willigen.  Kehr' um zu der Prinzessin!
Sag' ihr, mein einz'ger Ehrgeiz sei ihr Herz,
Und meiner glhnden Liebe mge sie
Verzeihn, da ich die Bitte mu versagen.

Zelima.  Bedachtet Ihr, was dieser Eigensinn
Euch kosten kann?

Kalaf.  Mag er mein Leben kosten!

Zelima.  Es bleibt dabei, er wird's Euch kosten, Prinz!
--Beharrt Ihr drauf, mir nichts zu offenbaren?

Kalaf.  Nichts!

Zelima.  Lebet wohl!  (Im Abgehen.)  Die Mhe konnt' ich sparen!

Kalaf (allein).  Geht, wesenlose Larven!  Meinen Sinn
Macht Ihr nicht wankend.  Andre Sorgen sind's,
Die mir das Herz beklemmen--Skirinas
Bericht ist's, was mich ngstiget--Mein Vater
In Peckin!  Meine Mutter todt!  Muth, Muth, mein Herz!
In wenig Stunden ist das Loos geworfen.
Knnt' ich den kurzen Zwischenraum im Arm
Des Schlafs vertrumen!  Der gequlte Geist
Sucht Ruhe, und mich ducht, ich fhle schon
Den Gott die sanften Flgel um mich breiten.

(Er legt sich auf das Ruhebette und schlft ein.)



Zehnter Auftritt.

Adelma tritt auf, das Gesicht verschleiert, eine Wachskerze in
der Hand.  Kalaf schlafend.


Adelma.  Nicht Alles soll milingen--Hab' ich gleich
Vergebens alle Knste des Betrugs
Verschwendet, ihm die Namen zu entlocken,
So werd' ich doch nicht eben so umsonst
Versuchen, ihn aus Peckin wegzufhren
Und mit dem schnen Raube zu entfliehn.
--O heierflehter Augenblick!  Jetzt, Liebe!
Die mir bis jetzt den khnen Muth verliehn,
So manche Schranke mir schon berstiegen,
Dein Feuer la auf meinen Lippen glhn!
Hilf mir in diesem schwersten Kampfe siegen!

(Sie betrachtet den Schlafenden.)

Der Liebste schlft.  Sei ruhig, pochend Herz,
Erzittre nicht!  Nicht gern, ihr holden Augen,
Scheuch' ich den goldnen Schlummer von euch weg;
Doch schon ergraut der Tag, ich darf nicht sumen.

(Sie nhert sich ihm und berhrt ihn sanft.)

Prinz, wachet auf!

Kalaf (erwachend).  Wer stret meinen Schlummer?
Ein neues Trugbild?  Nachtgespenst, verschwinde!
Wird mir kein Augenblick der Ruh vergnnt?

Adelma.  Warum so heftig, Prinz?  Was frchtet Ihr?
Nicht eine Feindin ist's, die vor Euch steht;
Nicht Euern Namen will ich Euch entlocken.

Kalaf.  Ist dies dein Zweck, so spare deine Mh.
Ich sag' es dir voraus, du wirst mich nicht betrgen.

Adelma.  Betrgen?  Ich?  Verdien' ich den Verdacht?
Sagt an!  War hier nicht Skirina bei Euch,
Mit einem Brief Euch listig zu versuchen?

Kalaf.  Wohl war sie hier.

Adelma.  Doch hat sie nichts erlangt?

Kalaf.  Da ich ein solcher Thor gewesen wre!

Adelma.  Gott sei's gedankt!--War eine Sklavin hier,
Mit trglicher Vorspieglung Euch zu blenden?

Kalaf.  Solch eine Sklavin war in Wahrheit hier,
Doch zog sie leer ab--wie auch du wirst gehn.

Adelma.  Der Argwohn schmerzt, doch leicht verzeih' ich ihn.
Lernt mich erst kennen!  Setzt Euch!  Hrt mich an,
Und dann verdammt mich als Betrgerin!  (Sie setzt sich, er folgt.)

Kalaf.  So redet denn und sagt, was ich Euch soll.

Adelma.  Erst seht mich nher an--Beschaut mich wohl!
Wer denkt Ihr, da ich sei?

Kalaf.  Dies hohe Wesen,
Der edle Anstand zwingt mir Ehrfurcht ab.
Das Kleid bezeichnet eine niedre Sklavin,
Die ich, wo ich nicht irre, schon im Divan
Gesehen und ihr Los beklagt.

Adelma.  Auch ich
Hab' Euch--die Gtter wissen es, wie innig--
Bejammert, Prinz!  Es sind fnf Jahre nun,
Da ich, noch selber eine Gnstlingin
Des Glcks, in niederm Sklavenstand Euch sah.
Schon damals sagte mir's mein Herz, da Euch
Geburt zu einem bessern Loos berufen.
Ich wei, da ich gethan, was ich gekonnt,
Euch ein unwrdig Schicksal zu erleichtern.
Wei, da mein Aug sich Euch verstndlich machte,
Soweit es einer Knigstochter ziemte.  (Sie entschleiert sich.)
Seht her, mein Prinz, und sagt mir!  Dies Gesicht,
Habt Ihr es nie gesehn in Eurem Leben?

Kalaf.  Adelma!  Ew'ge Gtter!  Seh' ich recht?

Adelma.  Ihr sehet in unwrd'gen Sklavenbanden
Die Tochter Keicobads, des Kniges
Der Karazanen, einst zum Thron bestimmt,
Jetzt zu der Knechtschaft Schmach herabgestoen.

Kalaf.  Die Welt hat Euch fr todt beweint.  In welcher
Gestalt, weh mir, mu ich Euch wieder finden!
Euch hier als eine Sklavin des Serails,
Die Knigin, die edle Frstentochter!

Adelma.  Und als die Sklavin dieser Turandot,
Der grausamen Ursache meines Falles!
Vernehmt mein ganzes Unglck, Prinz!  Mir lebte
Ein Bruder, ein geliebter, theurer Jngling,
Den diese stolze Turandot, wie Euch,
Bezauberte--Er wagte sich im Divan.

(Sie hlt inne, von Schluchzen und Thrnen unterbrochen.)

Unter den Huptern, die man auf dem Thore
Zu Peckin sieht--entsetzensvoller Anblick!--
Erblicktet Ihr auch das geliebte Haupt
Des theuren Bruders, den ich noch beweine.

Kalaf.  Unglckliche!  So log die Sage nicht!
So ist sie wahr, die klgliche Geschichte,
Die ich fr eine Fabel nur gehalten!

Adelma.  Mein Vater Keicobad, ein khner Mann,
Nur seinem Schmerz gehorchend, berzog
Die Staaten Altoums mit Heeresmacht,
Des Sohnes Mord zu rchen--Ach, das Glck
War ihm nicht gnstig!  Mnnlich fechtend fiel er
Mit allen seinen Shnen in der Schlacht.
Ich selbst, mit meiner Mutter, meinen Schwestern,
Ward auf Befehl des wthenden Veziers,
Der unsern Stamm verfolgte, in den Strom
Geworfen.  Jene kamen um; nur mich
Errettete die Menschlichkeit des Kaisers,
Der in dem Augenblick ans Ufer kam.
Er schalt die Gruelthat und lie im Strom
Nach meinem jammervollen Leben fischen.
Schon halb entseelt werd' ich zum Strand gezogen;
Man ruft ins Leben mich zurck; ich werde
Der Turandot als Sklavin bergeben,
Zu glcklich noch, das Leben als Geschenk
Von eines Feindes Gromuth zu empfangen.
O, lebt in Eurem Busen menschliches Gefhl,
So lat mein Schicksal Euch zu Herzen gehn!
Denkt, was ich leide!  Denkt, wie es ins Herz
Mir schneidet, sie, die meinen ganzen Stamm
Vertilgt, als eine Sklavin zu bedienen.

Kalaf.  Mich jammert Euer Unglck.  Ja, Prinzessin,
Aufricht'ge Thrnen zoll' ich Eurem Leiden--
Doch Euer grausam Loos, nicht Turandot
Klagt an--Eu'r Bruder fiel durch eigne Schuld,
Euer Vater strzte sich und sein Geschlecht
Durch bereilten Rathschlu ins Verderben.
Sagt, was kann ich, selbst ein Unglcklicher,
Ein Ball der Schicksalsmchte, fr Euch thun?
Ersteig' ich morgen meiner Wnsche Gipfel,
So sollt Ihr frei und glcklich sein--Doch jetzt
Kann Euer Unglck nichts als meins vermehren.

Adelma.  Der Unbekannten konntet Ihr mitrauen;
Ihr kennt mich nun--Der Frstin werdet Ihr,
Der Knigstochter, glauben, was sie Euch
Ans Mitleid sagen mu und lieber noch
Aus Zrtlichkeit, aus Liebe sagen mchte.
--O, mchte dies befangne Herz mir trauen,
Wenn ich jetzt wider die Geliebte zeuge!

Kalaf.  Adelma, sprecht, was habt Ihr mir zu sagen?

Adelma.  Wit also, Prinz--Doch nein, Ihr werdet glauben
Ich sei gekommen, Euch zu tuschen, werdet
Mit jenen feilen Seelen mich verwechseln,
Die fr das Sklavenjoch geboren sind.

Kalaf.  Qult mich nicht lnger!  Ich beschwr' Euch, sprecht!
Was ist's?  Was habt Ihr mir von ihr zu sagen,
Die meines Lebens einz'ge Gttin ist?

Adelma (bei Seite).  Gib Himmel, da ich jetzt ihn berrede!

(Zu Kalaf sich wendend.)

Prinz, diese Turandot, die schndliche,
Herzlose, falsche, hat Befehl gegeben,
Euch heut am frhen Morgen zu ermorden.
--Dies ist die Liebe Eurer Lebensgttin!

Kalaf.  Mich zu ermorden?

Adelma.  Ja, Euch zu ermorden!
Beim ersten Schritt aus diesem Zimmer tauchen
Sich zwanzig Degenspitzen Euch ins Herz,
So hat es die Unmenschliche befohlen.

Kalaf (steht schnell auf und geht gegen die Thre).
Ich will die Wache unterrichten.

Adelma (hlt ihn zurck).  Bleibt!
Wo wollt Ihr hin?  Ihr hofft noch, Euch zu retten?
Unglcklicher, Ihr wit nicht, wo Ihr seid,
Da Euch des Mordes Netze rings umgeben!
Dieselben Wachen, die der Kaiser Euch
Zu Htern Eures Lebens gab, sie sind--
Gedingt von seiner Tochter, Euch zu tdten.

Kalaf (auer sich, laut und heftig mit dem Ausdruck des
innigsten Leides).
O Timur!  Timur!  Unglcksel'ger Vater!
So mu dein Kalaf endigen!  Du mut
Nach Peckin kommen, auf sein Grab zu weinen!
Das ist der Trost, den dir dein Sohn versprach!
--Furchtbares Schicksal!

(Er verhllt sein Gesicht, ganz seinem Schmerz hingegeben.)

Adelma (fr sich, mit frohem Erstaunen).  Kalaf!  Timurs Sohn!
Glcksel'ger Fund!--Fall' es nun, wie es wolle!
Entgeh' er meinen Schlingen auch, ich trage
Mit diesen Namen sein Geschick in Hnden.

Kalaf.  So bin ich mitten unter den Soldaten,
Die man zum Schutz mir an die Seite gab,
Verrathen!  Ach, wohl sagte mir's vorhin
Der feilen Sklaven einer, da Bestechung
Und Furcht des Mchtigen das schwache Band
Der Treue lsen--Leben, fahre hin!
Vergeblich ist's, dem grausamen Gestirn,
Das uns verfolgt, zu widerstehn--Du sollst
Den Willen haben, Grausame--dein Aug
An meinem Blute weiden!  Ses Leben,
Fahr hin!  Nicht zu entfliehen ist dem Schicksal.

Adelma (mit Feuer).  Prinz, zum Entfliehen zeig' ich Euch die Wege,
Nicht m'ge Thrnen blo hab' ich fr Euch.
Gewacht hab' ich inde, gesorgt, gehandelt,
Kein Gold gespart, die Hter zu bestechen.
Der Weg ist offen.  Folgt mir!  Euch vom Tode,
Mich aus den Banden zu befreien, komm' ich.
Die Pferde warten, die Gefhrten sind
Bereit.  Lat uns aus diesen Mauern fliehen,
Worauf der Fluch der Gtter liegt.  Der Khan
Von Berlas ist mein Freund, ist mir durch Bande
Des Bluts verknpft und heilige Vertrge.
Er wird uns schtzen, seine Staaten ffnen,
Uns Waffen leihen, meiner Vter Reich
Zurck zu nehmen, da ich mit Euch theile,
Wenn Ihr der Liebe Opfer nicht verschmht.
Verschmht Ihr's aber und verachtet mich,
So ist die Tartarei noch reich genug
An Frstentchtern, dieser Turandot
An Schnheit gleich und zrtlicher als sie.
Aus ihnen whlt Euch eine wrdige
Gemahlin aus!  Ich--will mein Herz besiegen,
Nur rettet, rettet dieses theure Leben!

(Sie spricht das Folgende mit immer steigender Lebhaftigkeit, indem
sie ihn bei der Hand ergreift und mit sich fortzureien sucht.)

O, kommt!  Die Zeit entflieht, indem wir sprechen.
Die Hhne krhn, schon regt sich's im Palast,
Todbringend steigt der Morgen schon herauf.
Fort, eh der Rettung Pforten sich verschlieen!

Kalaf.  Gromthige Adelma!  Einz'ge Freundin!
Wie schmerzt es mich, da ich nach Berlas Euch
Nicht folgen, nicht der Freiheit s Geschenk,
Nicht Euer vterliches Reich zurck
Euch geben kann--Was wrde Altoum
Zu dieser heimlichen Entweichung sagen?
Macht' ich nicht schndlichen Verraths mich schuldig,
Wenn ich, des Gastrechts heilige Gebruche
Verletzend, aus dem innersten Serail
Die werthgehaltne Sklavin ihm entfhrte?
--Mein Herz ist nicht mehr mein, Adelma.  Selbst
Der Tod, den jene Stolze mir bereitet,
Wird mir willkommen sein von ihrer Hand.
--Flieht ohne mich, flieht, und geleiten Euch
Die Gtter!  Ich erwarte hier mein Schicksal.
Noch trstlich ist's, fr Turandot zu sterben,
Wenn ich nicht leben kann fr sie--Lebt wohl!

Adelma.  Sinnloser!  Ihr beharrt?  Ihr seid entschlossen?

Kalaf.  Zu bleiben und den Mordstreich zu erwarten.

Adelma.  Ha, Undankbarer!  Nicht die Liebe ist's,
Die Euch zurckhlt--Ihr verachtet mich!
Ihr whlt den Tod, um nur nicht mir zu folgen!
Verschmhet meine Hand, verachtet mich;
Nur flieht, nur rettet, rettet Euer Leben!

Kalaf.  Verschwendet Eure Worte nicht vergebens;
Ich bleibe und erwarte mein Geschick.

Adelma.  So bleibet denn!  Auch ich will Sklavin bleiben,
Ohn' Euch verschmh' ich auch der Freiheit Glck.
La sehn, wer von uns beiden, wenn es gilt,
Dem Tode khner trotzt!  (Von ihm wegtretend.)
Wr' ich die Erste,
Die durch Bestndigkeit ans Ziel gelangte?  (Fr sich.  Mit Accent.)
Kalaf!  Sohn Timurs!  (Verneigt sich spottend.)
Unbekannter Prinz!
Lebt wohl!  (Geht ab.)

Kalaf (allein).  Wird diese Schreckensnacht nicht enden?
Wer hat auf solcher Folter je gezittert?
Und endet sie, welch neues grres Schreckni
Bereitet mir der Tag!  Aus welchen Hnden!
Hat meine edelmthig treue Liebe
Solches um dich verdient, tyrannisch Herz!
--Wohlan!  Den Himmel frbt das Morgenroth,
Die Sonne steigt herauf, und allen Wesen
Bringt sie das Leben, mir bringt sie den Tod!
Geduld, mein Herz, dein Schicksal wird sich lsen!



Eilfter Auftritt.

Brigella.  Kalaf.


Brigella.  Der Divan wird versammelt, Herr.  Die Stunde
Ist da.  Macht Euch bereit!

Kalaf (mit ihn mit wilden, scheuen Blicken).  Bist du das Werkzeug?
Wo hast du deinen Dolch versteckt?  Mach's kurz!
Vollziehe die Befehle, die du hast!
Du raubst mir nichts, worauf ich Werth noch legte.

Brigella.  Was fr Befehle, Herr?  Ich habe keinen
Befehl, als Euch zum Divan zu begleiten,
Wo Alles schon versammelt ist.

Kalaf (nach einigem Nachsinnen, resigniert).  La uns denn gehn!
Ich wei, da ich den Divan lebend nicht
Erreichen werde--Sieh, ob ich dem Tod
Beherzt entgegen treten kann.

Brigella (sieht ihn erstaunt an).
Was Teufel schwatzt er da von Tod und Sterben?
Verwnschtes Weibervolk!  Sie haben ihn
In dieser ganzen Nacht nicht schlafen lassen;
Nun ist er gar im Kopf verrckt!

Kalaf (wirft das Schwert auf den Boden).  Da liegt
Mein Schwert.  Ich will mich nicht zur Wehre setzen.
Die Grausame erfahre wenigstens,
Da ich die unbeschtzte Brust von selbst
Dem Streich des Todes dargeboten habe!

(Er geht ab und wird, sowie er hinaustritt, von kriegerischem
Spiel empfangen.)




Fnfter Aufzug.

Die Scene ist die vom zweiten Aufzug.

Im Hintergrunde des Divans steht ein Altar mit einer chinesischen
Gottheit und zwei Priestern, welche nach Aufziehung eines Vorhangs
sichtbar werden.--Bei Erffnung des Akts sitzt Altoum auf seinem
Throne.  Pantalon und Tartaglia stehen zu seinen beiden Seiten; die
acht Doktoren an ihrem Platze, die Wache unter dem Gewehre.



Erster Auftritt.

Altoum.  Pantalon.  Tartaglia.  Doctoren.  Wache.  Gleich darauf Kalaf.


Kalaf (tritt mit einer strmischen Bewegung in den Saal, voll
Argwohn hinter sich schauend.  In der Mitte der Scene verbeugt
er sich gegen den Kaiser, dann fr sich).
Wie?  Ich bin lebend hier--Mit jedem Schritt
Erwartet' ich die zwanzig Schwerter in der Brust
Zu fhlen, und, von Niemand angefallen,
Hab' ich den ganzen Weg znrckgelegt?
So htte mir Adelma falsche Botschaft
Verkndet--oder Turandot entdeckte
Die Namen, und mein Unglck ist gewi!

Altoum.  Mein Sohn!  ich sehe deinen Blick umwlkt,
Dich qulen Furcht und Zweifel--Frchte nichts mehr!
Bald werd' ich deine Stirn erheitert sehn,
In wenig Stunden endet deine Prfung.
--Geheimnisse von freudenreichem Inhalt
Hab' ich fr dich--Noch will ich sie im Busen
Verschlieen, theurer Jngling, bis dein Herz,
Der Freude offen, sie vernehmen kann.
--Doch merke dir: Nie kommt das Glck allein;
Es folgt ihm stets, mit reicher Gaben Flle
Beladen, die Begleitung nach--Du bist
Mein Sohn, mein Eidam!  Turandot ist dein!
Dreimal hat sie in dieser Nacht zu mir
Gesendet, mich beschworen und gefleht,
Sie von der furchtbarn Probe loszusprechen.
Daraus erkenne, ob du Ursach hast,
Sie mit getrostem Herzen zu erwarten.

Pantalon (zuversichtlich).
Das knnt Ihr, Hoheit!  Auf mein Wort!  Was das
Betrifft, damit hat's seine Richtigkeit.
Nehmt meinen Glckwunsch an!  Heut ist die Hochzeit.
Zweimal ward ich in dieser Nacht zu ihr
Geholt; sie hatt' es gar zu eilig; kaum
Lie sie mir Zeit, den Fu in die Pantoffel
Zu stecken; ungefrhstckt ging ich hin;
Es war so grimmig kalt, da mir der Bart
Noch zittert--Aufschub sollt' ich ihr verschaffen,
Rath schaffen sollt' ich--bei der Majestt
Frsprach einlegen--Ja, was sollt' ich nicht!
's war mir ein rechtes Gaudium und Labsal,
Ich leugn' es nicht, sie desperat zu sehn.

Tartaglia.  Ich ward um sechs Uhr zu ihr hin beschieden;
Der Tag brach eben an; sie hatte nicht
Geschlafen und sah aus wie eine Eule.
Wohl eine halbe Stunde bat sie mich,
Gab mir die schnsten Worte, doch umsonst!
Ich glaube gar, ich hab' ihr bittre Dinge
Gesagt vor Ungeduld und grimm'ger Klte.

Altoum.  Seht, wie sie bis zum letzten Augenblick
Noch zaudert!  Doch sie sperret sich umsonst.
Gemessene Befehle sind gegeben,
Da sie durchaus im Divan mu erscheinen,
Und ist's mit Gte nicht, so ist's mit Zwang.
Sie selbst hat mich durch ihren Eigensinn
Berechtigt, diese Strenge zu gebrauchen.
Erfahre sie die Schande nun, die ich
Umsonst ihr sparen wollte--Freue dich,
Mein Sohn!  Nun ist's an dir, zu triumphiren!

Kalaf.  Ich dank' Euch, Sire.  Mich freuen kann ich nicht.
Zu schmerzlich leid' ich selbst, da der Geliebten
Um meinetwillen Zwang geschehen soll.
Viel lieber wollt' ich--Ach, ich knnte nicht!
Was wre Leben ohne sie?--Vielleicht
Gelingt es endlich meiner zrtlichen
Bewerbung, ihren Abscheu zu besiegen,
Ihn einst vielleicht in Liebe zu verwandeln.
Mein ganzes Wollen soll ihr Sklave sein,
Und all mein hchstes Wnschen ihre Liebe.
Wer eine Gunst bei mir erlangen will,
Wird keines andern Frsprachs nthig haben,
Als eines Winks aus ihrem schnen Aug.
Kein Nein aus meinem Munde soll sie krnken,
Solang die Parze meinen Faden spinnt;
Soweit die Welle meines Lebens rinnt,
Soll sie mein einzig Trumen sein und Denken!

Altoum.  Auf denn!  Man zgre lnger nicht!  Der Divan
Werde zum Tempel!  Man erhebe den Altar!
Der Priester halte sich bereit!  Sie soll
Bei ihrem Eintritt gleich ihr Schicksal lesen
Und soll erfahren, da ich wollen kann,
Was ich ihr schwur.

(Der hintere Vorhang wird aufgezogen; man erblickt den chinesischen
Gtzen, den Altar und die Priester, Alles mit Kerzen beleuchtet.)

 Man ffne alle Pforten.
Das ganze Volk soll freien Eingang haben!
Zeit ist's, da dieses undankbare Kind
Den tausendfachen Kummer uns bezahle,
Den sie auf unser greises Haupt gehuft.

(Man hrt einen lugubren Marsch mit gedmpften Trommeln.  Bald
darauf zeigt sich Truffaldin mit Verschnittenen; hinter ihnen
die Sklavinnen, darauf Turandot, alle in schwarzen Flren, die
Frauen in schwarzen Schleiern.)

Pantalon.  Sie kommt!  Sie kommt!  Still!  Welche Klagmusik!
Welch trauriges Geprng!  Ein Hochzeitmarsch,
Der vllig einem Leichenzuge gleicht!

(Der Aufzug erfolgt ganz auf dieselbe Weise und mit denselben
Ceremonien wie im zweiten Akt.)



Zweiter Auftritt.

Vorige.  Turandot.  Adelma.  Zelima.  Ihre Sklavinnen und Verschnittenen.


Turandot (nachdem sie ihren Thron bestiegen, und eine allgemeine
Stille erfolgt, zu Kalaf.)
Dies Traurgeprnge, unbekannter Prinz,
Und dieser Schmerz, den mein Gefolge zeigt,
Ich wei, ist Eurem Auge se Weide.
Ich sehe den Altar geschmckt, den Priester
Zu meiner Trauung schon bereit, ich lese
Den Hohn in jedem Blick und mchte weinen.
Was Kunst und tiefe Wissenschaft nur immer
Vermochten, hab' ich angewandt, den Sieg
Euch zu entreien, diesem Augenblick,
Der meinen Ruhm vernichtet, zu entziehen;
Doch endlich mu ich meinem Schicksal weichen.

Kalaf.  O, lse Turandot in meinem Herzen,
Wie ihre Trauer meine Freude dmpft,
Gewi, es wrde ihren Zorn entwaffnen.
War's ein Vergehn, nach solchem Gut zu streben,
Ein Frevel wr's, es zaghaft aufzugeben!

Altoum.  Prinz, der Herablassung ist sie nicht werth.
An ihr ist's jetzo, sich herabzugeben!
Kann sie's mit edelm Anstand nicht, mag sie
Sich darein finden.  wie sie kann--Man schreite
Zum Werk!  Der Instrumente froher Schar
Verknde laut--

Turandot.  Gemach!  Damit ist's noch zu frh!

(Aufstehend und zu Kalaf sich wendend.)

Vollkommner konnte mein Triumph nicht sein,
Als dein getuschtes Herz in se Hoffnung
Erst einzuwiegen und mit einemmal
Nun in den Abgrund nieder dich zu schlendern.

(Langsam und mit erhobner Stimme.)

Hr', Kalaf, Timurs Sohn, verla den Divan!
Die beiden Namen hat mein Geist gefunden,
Such' eine andre Braut--Weh dir und Allen,
Die sich im Kampf mit Turandot versuchen!

Kalaf.  O, ich Unglcklicher!

Altoum.  Ist's mglich?  Gtter!

Pantalon.  Heil'ge Katharina!  (Zu Tartaglia.)
Geht heim!  Lat Euch den Bart auszwicken, Doctor!

Tartaglia.  Allerhchster Tien!  Mein Verstand steht still!

Kalaf.  Alles verloren!  Alle Hoffnung todt!
--Wer steht mir bei?  Ach, mir kann Niemand helfen!
Ich bin mein eigner Mrder; meine Liebe
Verlier' ich, weil ich allzusehr geliebt!
--Warum hab' ich die Rthsel gestern nicht
Mit Flei verfehlt, so lge dieses Haupt
Jetzt ruhig in dem ew'gen Schlaf des Todes,
Und meine bange Seele htte Luft.
Warum, zu gt'ger Kaiser, mutet Ihr
Das Blutgesetz zu meinem Vortheil mildern,
Da ich mit meinem Haupt dafr bezahlte,
Wenn sie mein Rthsel aufgelst--So wre
Ihr Sieg vollkommen und ihr Herz befriedigt!

(Ein unwilliges Gemurmel entsteht im Hintergrund.)

Altoum.  Kalaf!  Mein Alter unterliegt dem Schmerz;
Der unversehne Blitzstrahl schlgt mich nieder.

Turandot (bei Seite zu Zelima).
Sein tiefer Jammer rhrt mich, Zelima!
Ich wei mein Herz nicht mehr vor ihm zu schtzen.

Zelima (leise zu Turandot).
O, so ergebt Euch einmal!  Macht ein Ende!
Ihr seht, Ihr hrt, das Volk wird ungeduldig!

Adelma (fr sich).  An diesem Augenblick hngt Tod und Leben!

Kalaf.  Und braucht's denn des Gesetzes Schwert, ein Leben
Zu endigen, das lnger mir zu tragen
Unmglich ist?  (Er tritt an den Thron der Turandot.)
Ja, Unvershnliche!
Sieh hier den Kalaf, den du kennst--den du
Als einen namenlosen Fremdling hatest,
Den du jetzt kennst und fortfhrst zu verschmhn!
Verlohnte sich's, ein Dasein zu verlngern,
Das so ganz werthlos ist vor deinen Augen?
Du sollst befriedigt werden, Grausame.
Nicht lnger soll mein Anblick diese Sonne
Beleidigen--Zu deinen Fen--

(Er zieht einen Dolch und will sich durchstechen.  In demselben
Augenblick macht Adelma eine Bewegung, ihn zurck zu halten,
und Turandot strzt von ihrem Thron.)

Turandot (ihm in den Arm fallend, mit dem Ausdruck des Schreckens
und der Liebe).
Kalaf!

(Beide sehen einander mit unverwandten Blicken an und bleiben
eine Zeit lang unbeweglich in dieser Stellung.)

Altoum.  Was seh' ich!

Kalaf (nach einer Pause).  Du?  Du hinderst meinen Tod?
Ist das dein Mitleid, da ich leben soll,
Ein Leben ohne Hoffnung, ohne Liebe?
Meiner Verzweiflung denkst du zu gebieten?
--Hier endet deine Macht.  Du kannst mich tdten;
Doch mich zum Leben zwingen kannst du nicht.
La mich, und wenn noch Mitleid in dir glimmt,
So zeig' es meinem jammervollen Vater.
Er ist zu Peckin, er bedarf des Trostes;
Denn auch des Alters letzte Sttze noch,
Den theuren einz'gen Sohn raubt ihm das Schicksal.

(Er will sich tdten.)

Turandot (wirft sich ihm in die Arme).
Lebt, Kalaf!  Leben sollt Ihr--und fr mich!
Ich bin besiegt.  Ich will mein Herz nicht mehr
Verbergen--Eile, Zelima, den beiden
Verlassenen, du kennst sie, Trost zu bringen,
Freiheit und Freude zu verknden--Eile!

Zelima.  Ach, und wie gerne!

Adelma (fr sich).  Es ist Zeit, zu sterben.
Die Hoffnung ist verloren.

Kalaf.  Trum' ich, Gtter?

Turandot.  Ich will mich keines Ruhms anmaen, Prinz,
Der mir nicht zukommt.  Wisset denn, es wisse
Es alle Welt.  Nicht meiner Wissenschaft,
Dem Zufall, Eurer eignen bereilung
Verdank' ich das Geheimni Eures Namens.
Ihr selbst, Ihr lieet gegen meine Sklavin
Adelma beide Namen Euch entschlpfen.
Durch sie bin ich dazu gelangt--Ihr also habt
Gesiegt, nicht ich, und Euer ist der Preis.
--Doch nicht blo, um Gerechtigkeit zu ben
Und dem Gesetz genug zu thun--Nein, Prinz!
Um meinem eignen Herzen zu gehorchen,
Schenk' ich mich Euch--Ach, es war Euer, gleich
Im ersten Augenblick, da ich Euch sah!

Adelma.  O nie gefhlte Marter!

Kalaf (der diese ganze Zeit ber wie ein Trumender gestanden,
scheint jetzt erst zu sich selbst zu kommen und schliet die
Prinzessin mit Entzckung in seine Arme).
Ihr die Meine?
O, tdte mich nicht, berma der Wonne!

Altoum.  Die Gtter segnen dich, geliebte Tochter,
Da du mein Alter endlich willst erfreun.
Verziehen sei dir jedes vor'ge Leid,
Der Augenblick heilt jede Herzenswunde.

Pantalon.  Hochzeit!  Hochzeit!  Macht Platz, ihr Herrn Doctoren!

Tartaglia.  Platz!  Platz!  Der Bund sei alsogleich beschworen!

Adelma.  Ja, lebe, Grausamer, und lebe glcklich
Mit ihr, die meine Seele hat!  (Zu Turandot.)
Ja, wisse,
Da ich dich nie geliebt, da ich dich hasse
Und nur aus Ha gehandelt, wie ich that.
Die Namen sagt' ich dir, um den Geliebten
Aus deinem Arm zu reien und mit ihm,
Der meine Liebe war, eh du ihn sahst,
In glcklichere Lnder mich zu flchten.
Noch diese Nacht, da ich zu deinem Dienst
Geschftig schien, versucht' ich alle Listen--
Selbst die Verleumdung spart' ich nicht--zur Flucht
Mit mir ihn zu bereden; doch umsonst!
In seinem Schmerz entschlpften ihm die Namen,
Und ich verrieth sie dir; du solltest siegen,
Verbannt von deinem Angesicht sollt' er
In meinen Arm sich werfen--Eitle Hoffnung!
Zu innig liebt' er dich und whlte lieber,
Durch dich zu sterben, als fr mich zu leben!
Verloren hab' ich alle meine Mhen;
Nur eins steht noch in meiner Macht.  Ich stamme
Wie du von kniglichem Blut und mu errthen,
Da ich so langte Sklavenfesseln trug.
In dir mu ich die blut'ge Feindin hassen.
Du hast mir Vater, Mutter, Brder, Schwestern,
Mir Alles, was mir theuer war, geraubt,
Und nun auch den Geliebten raubst du mir.
So nimm auch noch die Letzte meines Stammes,
Mich selbst zum Raube hin--Ich will nicht leben!

(Sie hebt den Dolch, welchen Turandot dem Kalaf entrissen,
von der Erde auf.)
Verzweiflung zckte diesen Dolch; er hat
Das Herz gefunden, das er spalten soll.  (Sie will sich erstechen).

Kalaf (fllt ihr in den Arm).
Fat Euch, Adelma!

Adelma.  La mich, Undankbarer!
In ihrem Arm dich sehen?  Nimmermehr!

Kalaf.  Ihr sollt nicht sterben.  Eurem glcklichen
Verrathe dank' ich's, da dies schne Herz,
Dem Zwange feind, mich edelmthig frei
Beglcken konnte--Gtiger Monarch,
Wenn meine heien Bitten was vermgen,
So habe sie die Freiheit zum Geschenk,
Und unsere Glckes erstes Unterpfand
Sei eine Glckliche!

Turandot.  Auch ich, mein Vater,
Vereinige mein Bitten mit dem seinen.
Zu hassenswerth, ich fhl' es, mu ich ihr
Erscheinen; mir verzeihen kann sie nie
Und knnte nie an mein Verzeihen glauben.
Sie werde frei, und ist ein grer Glck
Fr sie noch brig, so gewhrt es ihr.
Wir haben viele Thrnen flieen machen
Und mssen eilen, Freude zu verbreiten.

Pantalon.  Ums Himmelwillen, Sire, schreibt ihr den Laufpa,
So schnell Ihr knnt, und gebt ihr, wenn sie's fordert,
Ein ganzes Knigreich noch auf den Weg.
Mir ist ganz weh und bang, da unsre Freude
In Rauch aufgeht solang ein wthend Weib
Sich unter einem Dach mit Euch befindet.

Altoum (zu Turandot).
An solchem Freudentag, den du mir schenkst,
Soll meine Milde keine Grenzen kennen.
Nicht blo die Freiheit schenk' ich ihr.  Sie nehme
Die vterlichen Staaten auch zurck
Und theile sie mit einem wrd'gen Gatten,
Der klug sei und den Mchtigen nicht reize.

Adelma.  Sire--Knigin--ich bin beschmt, verwirrt,
So groe Huld und Milde drckt mich nieder.
Die Zeit vielleicht, die alle Wunden heilt,
Wird meinen Kummer lindern--Jetzt vergnnt mir
Zu schweigen und von eurem Angesicht
Zu gehn--Denn nur der Thrnen bin ich fhig,
Die unaufhaltsam diesem Aug entstrmen.

(Sie geht ab mit verhlltem Gesicht, noch einen glhenden
Blick auf Kalaf werfend, ehe sie scheidet.)



Letzter Auftritt.

Die Vorigen, ohne Adelma.  Gegen das Ende Timur, Barak,
Skirina und Zelima.


Kalaf.  Mein Vater, o, wo find' ich dich, wo bist du,
Da ich die Flle meines Glcks in deinen Busen
Ausgiee?

Turandot (verlegen und beschmt).
Kalaf, Euer edler Vater ist
Bei mir, ist hier--In diesem Augenblicke
Fhlt er sein Glck--Verlangt nicht mehr zu wissen,
Nicht ein Gestndni, das mich schamroth macht,
Vor allen diesen Zeugen zu vernehmen.

Altoum.  Timur bei dir?  Wo ist er?--Freue dich,
Mein Sohn.  Dies Kaiserreich hast du gewonnen;
Auch dein verlornes Reich ist wieder dein.
Ermordet ist der grausame Tyrann,
Der dich beraubte!  Deines Volkes Stimme
Ruft dich zurck auf deiner Vter Thron,
Den dir ein treuer Diener aufbewahrt.
Durch alle Lnder hat dich seine Botschaft
Gesucht, und selbst zu mir ist sie gedrungen.
--Dies Blatt enthlt das Ende deines Unglcks.

(berreicht ihm einen Brief.)

Kalaf (wirft einen Blick hinein und steht eine Zeit lang in
sprachloser Rhrung).
Gtter des Himmels!  Mein Entzcken ist
Droben bei euch, die Lippe ist versiegelt.

(In diesem Augenblick ffnet sich der Saal.  Timur und Barak
treten herein, von Zelima und ihrer Mutter begleitet.  Wie Kalaf
seinen Vater erblickt, eilt er ihm mit ausgebreiteten Armen
entgegen.  Barak sinkt zu Kalafs Fen, indem sich Zelima und
ihre Mutter vor der Turandot niederwerfen, welche sie gtig
aufhebt.  Altoum, Pantalon und Tartaglia stehen gerhrt.  Unter
diesen Bewegungen fllt der Vorhang.)






*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, TURANDOT, PRINZESSIN VON CHINA ***

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