The Project Gutenberg EBook of Die Piccolomini, by Friedrich Schiller

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Title: Die Piccolomini

Author: Friedrich Schiller

Release Date: September, 2004  [EBook #6525]
[This file was first posted on December 25, 2002]
[Most recently updated March 29, 2004]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, DIE PICCOLOMINI ***





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Die Piccolomini

Friedrich Schiller

In Fnf Aufzgen

Personen

Wallenstein, Herzog zu Friedland, kaiserlicher Generalissimus
im Dreiigjhrigen Kriege
Octavio Piccolomini, Generalleutnant
Max Piccolomini, sein Sohn, Oberst bei einem Krassierregiment
Graf Terzky, Wallensteins Schwager,Chef mehrerer Regimenter
Illo Feldmarschall, Wallensteins Vertrauter
Isolani, General der Kroaten
Buttler, Chef eines Dragonerregiments
Tiefenbach, Chef eines Dragonerregiments
Don Maradas, General unter Wallenstein
Gtz, General unter Wallenstein
Colalto, General unter Wallenstein
Rittmeister Neumann, Terzkys Adjutant
Kriegsrat von Questenberg vom Kaiser gesendet
Baptista Seni, Astrolog
Herzogin von Friedland, Wallensteins Gemahlin
Thekla, Prinzessin von Friedland, ihre Tochter
Grfin Terzky, der Herzogin Schwester
Ein Kornet
Kellermeister des Grafen Terzky
Ein Kornet
Friedlndische Pagen und Bediente und Hoboisten
Mehrere Obersten und Generale




Erster Aufzug

Ein alter gotischer Saal auf dem Rathause zu Pilsen, mit Fahnen
und anderm Kriegsgerte dekoriert.



Erster Auftritt

Illo mit Buttler, und Isolani.


Illo.
     Spt kommt Ihr--Doch Ihr kommt!  Der weite Weg,
     Graf Isolan, entschuldigt Euer Sumen.

Isolani.
     Wir kommen auch mit leeren Hnden nicht!
     Es ward uns angesagt bei Donauwerth,
     Ein schwedischer Transport sei unterwegs
     Mit Proviant, an die sechshundert Wagen.-
     Den griffen die Kroaten mir noch auf,
     Wir bringen ihn.

Illo.
     Er kommt uns grad zupa,
     Die stattliche Versammlung hier zu speisen.

Buttler.
     Es ist schon lebhaft hier, ich seh's.

Isolani.
     Ja, ja,
     Die Kirchen selber liegen voll Soldaten,
(sich umschauend)
     Auch auf dem Rathaus, seh ich, habt ichr euch
     Schon ziemlich eingerichtet--Nun!  nun!  der Soldat
     Behilft und schickt sich, wie er kann!

Illo.
     Von dreiig Regimentern haben sich
     Die Obersten zusammen schon gefunden,
     Colalto, Gtz, Maradas, Hinnersam,
     Auch Sohn und Vater Piccolomini--
     Ihr werdet manchen alten Freund begren.
     Nur Gallas fehlt uns noch und Altringer.

Buttler.
     Auf Gallas wartet nicht.

Illo.  (stutzt)
     Wieso?  Wit Ihr--

Isolani.  (unterbricht ihn)
     Max Piccolomini hier?  Oh!  fhrt mich zu ihm.
     Ich seh ihn noch--es sind jetzt zehen Jahr--
     Als wir bei Dessau mit dem Mansfeld schlugen,
     Den Rappen sprengen von der Brcke herab
     Und zu dem Vater, der in Nten war,
     Sich durch der Elbe reiend Wasser schlagen.
     Da sprot' ihm kaum der erste Flaum ums Kinn,
     Jetzt, hr ich, soll der Kriegsheld fertig sein.

Illo.
     Ihr sollt ihn heut noch sehn.  Er fhrt aus Krnten
     Die Frstin Friedland her und die Prinzessin,
     Sie treffen diesen Vormittag noch ein.

Buttler.
     Auch Frau und Tochter ruft der Frst hieher?
     Er ruft hier viel zusammen.

Isolani.
     Desto besser.
     Erwartet' ich doch schon von nichts als Mrschen
     Und Batterien zu hren und Attacken;
     Und siehe da!  der Herzog sorgt dafr,
     Da auch was Holdes uns das Aug' ergtze.

Illo.

(der nachdenkend gestanden, zu Buttlern, den er ein wenig auf
     die Seite fhrt)

Wie wit Ihr, da Graf Gallas auen bleibt?

Buttler.  (mit Bedeutung)
     Weil er auch mich gesucht zurckzuhalten.

Illo.  (warm)
     Und Ihr seid fest geblieben?

(Drckt ihm die Hand.)

Wackrer Buttler!

Buttler.
     Nach der Verbindlichkeit, die mir der Frst
     Noch krzlich aufgelegt--

Illo.
     Ja, Generalmajor!  Ich gratuliere!

Isolani.
     Zum Regiment, nicht wahr, das ihm der Frst
     Geschenkt?  Und noch dazu dasselbe, hr ich,
     Wo er vom Reiter hat heraufgedient?
     Nun, das ist wahr!  dem ganzen Korps gereicht's
     Zum Sporn, zum Beispiel, macht einmal ein alter
     Verdienter Kriegsmann seinen Weg.

Buttler.
     Ich bin verlegen,
     Ob ich den Glckwunsch schon empfangen darf,
     --Noch fehlt vom Kaiser die Besttigung.

Isolani.
     Greif zu!  greif zu!  Die Hand, die ihn dahin
     Gestellt, ist stark genug, Ihn zu erhalten,
     Trotz Kaisern und Ministern.

Illo.
     Wenn wir alle
     So gar bedenklich sein wollten!
     Der Kaiser gibt uns nichts--vom Herzog
     Kommt alles, was wir hoffen, was wir haben.

Isolani.  (zu Illo)
     Herr Bruder!  Hab ich's schon erzhlt?  Der Frst
     Will meine Kreditoren kontenieren.
     Will selber mein Kaiser sein knftighin,
     Zu einem ordentlichen Mann mich machen.
     Und das ist nun das dritte Mal, bedenk' Er!
     Da mich der Kniglichgesinnte vom
     Verderben rettet und zu Ehren bringt.

Illo.
     Knnt' er nur immer, wie er gerne wollte!
     Er schenkte Land und Leut an die Soldaten.
     Doch wie verkrzen sie in Wien ihm nicht den Arm,
     Beschneiden, wo sie knnen, ihm die Flgel!--
     Da!  diese neuen, saubern Forderungen,
     Die dieser Questenberger bringt!

Buttler.
     Ich habe mir
     Von diesen kaiserlichen Forderungen auch
     Erzhlen lassen--doch ich hoffe,
     Der Herzog wird in keinem Stcke weichen.

Illo.
     Von seinem Recht gewilich nicht, wenn nur nicht
     --Vom Platze!

Buttler.  (betroffen)
     Wit Ihr etwas?  Ihr erschreckt mich.

Isolani.  (zugleich)
     Wir wren alle ruiniert!

Illo.
     Brecht ab!
     Ich sehe unsern Mann dort eben kommen
     Mit Gen'ralleutnant Piccolomini.

Buttler.  (den Kopf bedenklich schttelnd)
     Ich frchte,
     Wir gehn nicht von hier, wie wir kamen.



Zweiter Auftritt

Vorige.  Octavio Piccolomini.  Questenberg.


Octavio.  (noch in der Entfernung)
     Wie?  Noch der Gste mehr?  Gestehn Sie, Freund!
     Es brauchte diesen trnenvollen Krieg,
     So vieler Helden ruhmgekrnter Hupter
     In eines Lagers Umkreis zu versammeln.

Questenberg.
     In kein Friedlndisch Heereslager komme,
     Wer von dem Kriege Bses denken will.
     Beinah vergessen htt' ich seine Plagen,
     Da mir der Ordnung hoher Geist erschienen,
     Durch die er, weltzerstrend, selbst besteht,
     Das Groe mir erschienen, das er bildet.

Octavio.
     Und siehe da!  ein tapfres Paar, das wrdig
     Den Heldenreihen schliet: Graf Isolan
     Und Obrist Buttler.--Nun, da haben wir
     Vor Augen gleich das ganze Kriegeshandwerk.

(Buttlern und Isolani prsentierend.)

Es ist die Strke, Freund, und Schnelligkeit.

Questenberg.  (zu Octavio)
     Und zwischen beiden der erfahrne Rat.

Octavio.  (zu Questenbergen an jene vorstellend).
     Den Kammerherrn und Kriegsrat Questenberg,
     Den berbringer kaiserlicher Befehle,
     Der Soldaten groen Gnner und Patron
     Verehren wir in diesem wrdigen Gaste.

(Allgemeines Stillschweigen.)

Illo.  (nhert sich Questenbergen)
     Es ist das erste Mal nicht, Herr Minister,
     Da Sie im Lager uns die Ehr' erweisen.

Questenberg.
     Schon einmal sah ich mich vor diesen Fahnen.

Illo.
     Und wissen Sie, wo das gewesen ist?
     Zu Znaym war's, in Mhren, wo Sie sich
     Von Kaisers wegen eingestellt, den Herzog
     Um bernahm' des Regiments zu flehen.

Questenberg.
     Zu flehn, Herr General?  So weit ging weder
     Mein Auftrag, da ich wte, noch mein Eifer.

Illo.
     Nun!  Ihn zu zwingen, wenn Sie wollen.  Ich
     Erinnre mich's recht gut--Graf Tilly war
     Am Lech aufs Haupt geschlagen--offen stand
     Das Bayerland dem Feind--nichts hielt ihn auf,
     Bis in das Herz von streich vorzudringen.
     Damals erschienen Sie und Werdenberg
     Vor unserm Herrn, mit Bitten in ihn strmend
     Und mit der kaiserlichen Ungnad' drohend,
     Wenn sich der Frst des Jammers nicht erbarme.

Isolani.  (tritt dazu)
     Ja, ja!  's ist zu begreifen, Herr Minister,
     Warum Sie sich bei Ihrem heut'gen Auftrag
     An jenen alten just nicht gern erinnern.

Questenberg.
     Wie sollt' ich nicht!  Ist zwischen beiden doch
     Kein Widerspruch!  Damalen galt es, Bhmen
     Aus Feindes Hand zu reien, heute soll ich's
     Befrein von seinen Freunden und Beschtzern.

Illo.
     Ein schnes Amt!  Nachdem wir dieses Bhmen,
     Mit unserm Blut, dem Sachsen abgefochten,
     Will man zum Dank uns aus dem Lande werfen.

Questenberg.
     Wenn es nicht blo ein Elend mit dem andern
     Vertauscht soll haben, mu das arme Land
     Von Freund und Feindes Geiel gleich befreit sein.

Illo.
     Ei was!  Es war ein gutes Jahr, der Bauer kann
     Schon wieder geben.

Questenberg.
     Ja, wenn Sie von Herden
     Und Weidepltzen reden, Herr Feldmarschall--

Isolani.
     Der Krieg ernhrt den Krieg.  Gehn Bauern drauf,
     Ei, so gewinnt der Kaiser mehr Soldaten.

Questenberg.
     Und wird um so viel Untertanen rmer!

Isolani.
     Pah!  Seine Untertanen sind wir alle!

Questenberg.
     Mit Unterschied, Herr Graf!  Die einen fllen
     Mit ntzlicher Geschftigkeit den Beutel,
     Und andre wissen nur ihn brav zu leeren.
     Der Degen hat den Kaiser arm gemacht;
     Der Pflug ist's, der ihn wieder strken mu.

Buttler.
     Der Kaiser wr' nicht arm, wenn nicht so viel
     --Blutigel saugten an dem Mark des Landes.

Isolani.
     So arg kann's auch nicht sein.  Ich sehe ja,

(indem er sich vor ihm hinstellt und seinen Anzug mustert)

Es ist noch lang nicht alles Gold gemnzt.

Questenberg.
     Gottlob!  Noch etwas weniges hat man
     Geflchtet--vor den Fingern der Kroaten.

Illo.
     Da!  der Slawata und der Martinitz,
     Auf die der Kaiser, allen guten Bhmen
     Zum rgernisse, Gnadengaben huft--
     Die sich vom Raube der vertriebnen Brger msten--
     Die von der allgemeinen Fulnis wachsen,
     Allein im ffentlichen Unglck ernten--
     Mit kniglichem Prunk dem Schmerz des Landes
     Hohnsprechen--die und ihresgleichen lat
     Den Krieg bezahlen, den verderblichen,
     Den sie allein doch angezndet haben.

Buttler.
     Und diese Ladenschmarutzer, die die Fe
     Bestndig unterm Tisch des Kaisers haben,
     Nach allen Benefizen hungrig schnappen,
     Die wollen dem Soldaten, der vorm Feind liegt,
     Das Brot vorschneiden und die Rechnung streichen.

Isolani.
     Mein Lebtag denk ich dran, wie ich nach Wien
     Vor sieben Jahren kam, um die Remonte
     Fr unsre Regimenter zu betreiben,
     Wie sie von einer Antecamera
     Zur andern mich herumgeschleppt, mich unter
     Den Schranzen stehen lassen, stundenlang,
     Als wr' ich da, ums Gnadenbrot zu betteln.
     Zuletzt--da schickten sie mir einen Kapuziner,
     Ich dacht', es wr' um meiner Snden willen!
     Nein doch, das war der Mann, mit dem
     Ich um die Reiterpferde sollte handeln.
     Ich mut' auch abziehn unverrichteter Ding'.
     Der Frst nachher verschaffte mir in drei Tagen,
     Was ich zu Wien in dreiig nicht erlangte.

Questenberg.
     Ja, ja!  Der Posten fand sich in der Rechnung,
     Ich wei, wir haben noch daran zu zahlen.

Illo.
     Es ist der Krieg ein roh, gewaltsam Handwerk.
     Man kommt nicht aus mit sanften Mitteln, alles
     Lt sich nicht schonen.  Wollte man's erpassen,
     Bis sie zu Wien aus vierundzwanzig beln
     Das kleinste ausgewhlt, man pate lange!
     --Frisch mitten durchgegriffen, das ist besser!
     Rei' dann, was mag!--Die Menschen, in der Regel,
     Verstehen sich aufs Flicken und aufs Stckeln
     Und finden sich in ein verhates Mssen
     Weit besser als in eine bittre Wahl.

Questenberg.
     Ja, das ist wahr!  Die Wahl spart uns der Frst.

Illo.
     Der Frst trgt Vatersorge fr die Truppen,
     Wir sehen, wie's der Kaiser mit uns meint.

Questenberg.
     Fr jeden Stand hat er ein gleiches Herz
     Und kann den einen nicht dem andern opfern.

Isolani.
     Drum stt er uns zum Raubtier in die Wste,
     Um seine teuren Schafe zu behten.

Questenberg.  (mit Hohn)
     Herr Graf!  Dies Gleichnis machen Sie--nicht ich.

Illo.
     Doch wren wir, wofr der Hof uns nimmmt,
     Gefhrlich war's, die Freiheit uns zu geben.

Questenberg.  (mit Ernst)
     Genommen ist die Freiheit, nicht gegeben,
     Drum tut es not, den Zaum ihr anzulegen.

Illo.
     Ein wildes Pferd erwarte man zu finden.

Questenberg.
     Ein berer Reiter wird's besnftigen.

Illo.
     Es trgt den einen nur, der es gezhmt.

Questenberg.
     Ist es gezhmt, so folgt es einem Kinde.

Illo.
     Das Kind, ich wei, hat man ihm schon gefunden.

Questenberg.
     Sie kmmre nur die Pflicht und nicht der Name.

Buttler. (der sich bisher mit Piccolomini seitwrts gehalten, doch mit
     sichtbarem Anteil an dem Gesprch, tritt nher)

Herr Prsident!  Dem Kaiser steht in Deutschland
     Ein stattlich Kriegsvolk da, es kantonieren
     In diesem Knigreich wohl dreiigtausend ,
     Wohl sechzehntausend Mann in Schlesien;
     Zehn Regimenter stehn am Weserstrom,
     Am Rhein und Main; in Schwaben bieten sechs,
     In Bayern zwlf den Schwedischen die Spitze.
     Nicht zu gedenken der Besatzungen,
     Die an der Grenz' die festen Pltze schirmen.
     All dieses Volk gehorcht Friedlndischen
     Hauptleuten.  Die's befehligen, sind alle
     In eine Schul' gegangen, eine Milch
     Hat sie ernhrt, ein Herz belebt sie alle.
     Fremdlinge stehn sie da auf diesem Boden,
     Der Dienst allein ist ihnen Haus und Heimat.
     Sie treibt der Eifer nicht frs Vaterland,
     Denn Tausende, wie mich, gebar die Fremde.
     Nicht fr den Kaiser, wohl die Hlfte kam
     Aus fremdem Dienst feldflchtig uns herber,
     Gleichgltig, unterm Doppeladler fechtend
     Wie unterm Lwen und den Lilien.
     Doch alle fhrt an gleich gewalt'gem Zgel
     Ein einziger, durch gleiche Lieb' und Furcht
     Zu einem Volke sie zusammenbindend.
     Und wie des Blitzes Funke sicher, schnell,
     Geleitet an der Wetterstange, luft,
     Herrscht sein Befehl vom letzten fernen Posten,
     Der an die Dnen branden hrt den Belt,
     Der in der Etsch fruchtbare Tler sieht,
     Bis zu der Wache, die ihr Schilderhaus
     Hat aufgerichtet an der Kaiserburg.

Questenberg.
     Was ist der langen Rede kurzer Sinn?

Buttler.
     Da der Respekt, die Neigung, das Vertraun,
     Das uns dem Friedland unterwrfig macht,
     Nicht auf den ersten besten sich verpflanzt,
     Den uns der Hof aus Wien herbersendet.
     Und ist in treuem Angedenken noch,
     Wie das Kommando kam in Friedlands Hnde.
     War's etwa kaiserliche Majestt,
     Die ein gemachtes Heer ihm bergab,
     Den Fhrer nur gesucht zu ihren Truppen?
     --Noch gar nicht war das Heer.  Erschaffen erst
     Mut' es der Friedland, er empfing es nicht,
     Er gab's dem Kaiser!  Von dem Kaiser nicht
     Erhielten wir den Wallenstein zum Feldherrn.
     So ist es nicht, so nicht!  Vom Wallenstein
     Erhielten wir den Kaiser erst zum Herrn,
     Er knpft uns, er allein, an diese Fahnen.

Octavio.  (tritt dazwischen)
     Es ist nur zur Erinnerung, Herr Kriegsrat,
     Da Sie im Lager sind und unter Kriegern.-
     Die Khnheit macht, die Freiheit den Soldaten.-
     Vermcht' er keck zu handeln, drft' er nicht
     Keck reden auch?--Eins geht ins andre drein.-
     Die Khnheit dieses wrd'gen Offiziers,
(auf Buttlern zeigend)
     Die jetzt in ihrem Ziel sich nur vergriff,
     Erhielt, wo nichts als Khnheit retten konnte,
     Bei einem furchtbarn Aufstand der Besatzung
     Dem Kaiser seine Hauptstadt Prag.
(Man hrt von fern eine Kriegsmusik)

Illo.
     Das sind sie!
     Die Wachen salutieren--Dies Signal
     Bedeutet uns, die Frstin sei herein.

Octavio.  (zu Questenberg)
     So ist auch mein Sohn Max zurck.  Er hat sie
     Aus Krnten abgeholt und hergeleitet.

Isolani.  (zu Illo)
     Gehn wir zusammen hin, sie zu begren?

Illo.
     Wohl!  Lat uns gehen.  Oberst Buttler, kommt!

(zum Octavio.)

Erinnert Euch, da wir vor Mittag noch
     Mit diesem Herrn beim Frsten uns begegnen.



Dritter Auftritt

Octavio und Questenberg, die zurckbleiben.


Questenberg.  (mit Zeichen des Erstaunens)
     Was hab ich hren mssen, Gen'ralleutnant!
     Welch zgelloser Trotz!  Was fr Begriffe!
     --Wenn dieser Geist der allgemeine ist--

Octavio.
     Drei Viertel der Armee vernahmen Sie.

Questenberg.
     Weh uns!  Wo dann ein zweites Heer gleich finden,
     Um dieses zu bewachen!--Dieser Illo, frcht ich,
     Denkt noch viel schlimmer, als er spricht.  Auch dieser Buttler
     Kann seine bse Meinung nicht verbergen.

Octavio.
     Empfindlichkeit--gereizter Stolz--nichts weiter!-
     Diesen Buttler geb ich noch nicht auf; ich wei,
     Wie dieser bse Geist zu bannen ist.

Questenberg.  (voll Unruh' auf und ab gehend)
     Nein!  das ist schlimmer, oh!  viel schlimmer, Freund!
     Als wir's in Wien uns hatten trumen lassen.
     Wie sahen's nur mit Hflingsaugen an,
     Die von dem Glanz des Throns geblendet waren;
     Den Feldherrn hatten wir noch nicht gesehn,
     Den allvermgenden, in seinem Lager.
     Hier ist's ganz anders!
     Hier ist kein Kaiser mehr.  Der Frst ist Kaiser!
     Der Gang, den ich an Ihrer Seite jetzt
     Durchs Lager tat, schlgt meine Hoffnung nieder.

Octavio.
     Sie sehn nun selbst, welch ein gefhrlich Amt
     Es ist, das Sie vom Hof mir berbrachten--
     Wie milich die Person, die ich hier spiele.
     Der leiseste Verdacht des Generals,
     Er wrde Freiheit mir und Leben kosten
     Und sein verwegenes Beginnen nur
     Beschleunigen.

Questenberg.
     Wo war die berlegung,
     Als wir dem Rasenden das Schwert vertraut
     Und solche Macht gelegt in solche Hand!
     Zu stark fr dieses schlimmverwahrte Herz
     War die Versuchung!  Htte sie doch selbst
     Dem bessern Mann gefhrlich werden mssen!
     Er wird sich weigern, sag ich Ihnen,
     Der kaiserlichen Ordre zu gehorchen.--
     Er kann's und wird's.--Sein unbestrafter Trotz
     Wird unsre Ohnmacht schimpflich offenbaren.

Octavio.
     Und glauben Sie, da er Gemahlin, Tochter
     Umsonst hieher ins Lager kommen lie,
     Gerade jetzt, da wir zum Krieg uns rsten?
     Da er die letzte Pfnder seine Treu'
     Aus Kaisers Landen fhrt, das deutet uns
     Auf einen nahen Ausbruch der Emprung.

Questenberg.
     Weh uns!  und wie dem Ungewitter stehn,
     Das drohend uns umzieht von allen Enden?
     Der Reichsfeind an den Grenzen, Meister schon
     Vom Donaustrom, stets weiter um sich greifend--
     Im innern Land des Aufruhrs Feuerglocke--
     Der Bauer in Waffen--alle Stnde schwrig--
     Und die Armee, von der wir Hilf' erwarten,
     Verfhrt, verwildert, aller Zucht entwohnt--
     Vom Staat, von ihrem Kaiser losgerissen,
     Vom Schwindelnden die schwindelnde gefhrt,
     Ein furchtbar Werkzeug, dem verwegensten
     Der Menschen blind gehorchend hingegeben--

Octavio.
     Verzagen wir auch nicht zu frh, mein Freund!
     Stets ist die Sprache kecker als die Tat,
     Und mancher, der in blindem Eifer jetzt
     Zu jedem uersten entschlossen scheint,
     Findet unerwartet in der Brust ein Herz,
     Spricht man des Frevels wahren Namen aus.
     Zudem--ganz unverteidigt sind wir nicht.
     Graf Altringer und Gallas, wissen Sie ,
     Erhalten in der Pflicht ihr kleines Heer--
     Verstrken es noch tglich.--berraschen
     Kann er uns nicht, Sie wissen, da ich ihn
     Mit meinen Horchern rings umgeben habe;
     Vom kleinsten Schritt erhalt ich Wissenschaft
     Sogleich--Ja, mir entdeckt's sein eigner Mund.

Questenberg.
     Ganz unbegreiflich ist's, da er den Feind nicht merkt
     An seiner Seite.

Octavio.
     Denken Sie nicht etwa,
     Da ich durch Lgenknste, gleisnerische
     Geflligkeit in seine Gunst mich stahl,
     Durch Heuchelworte sein Vertrauen nhre.
     Befiehlt mir gleich die Klugheit und die Pflicht,
     Die ich dem Reich, dem Kaiser schuldig bin,
     Da ich mein wahres Herz vor ihm verberge,
     Ein falsches hab ich niemals ihm geheuchelt!

Questenberg.
     Es ist des Himmels sichtbarliche Fgung.

Octavio.
     Ich wei nicht, was es ist-was ihn an mich
     Und meinen Sohn so mchtig zieht und kettet.
     Wir waren immer Freunde, Waffenbrder;
     Gewohnheit, gleichgeteilte Abenteuer
     Verbanden uns schon frhe-doch ich wei
     Den Tag zu nennen, wo mit einemmal
     Sein Herz mir aufging, sein Vertrauen wuchs.
     Es war der Morgen vor der Ltzner Schlacht--
     Mich trieb ein bser Traum, ihn aufzusuchen,
     Ein ander Pferd zur Schlacht ihm anzubieten.
     Fern von den Zelten, unter einem Baum
     Fand ich ihn eingeschlafen.  Als ich ihn
     Erweckte, mein Bedenken ihm erzhlte,
     Sah er mich lange staunend an; drauf fiel er
     Mir um den Hals und zeigte eine Rhrung,
     Wie jener kleine Dienst sie gar nicht wert war.
     Seit jenem Tag verfolgt mich sein Vertrauen
     In gleichem Ma, als ihn das meine flieht.

Questenberg.
     Sie ziehen Ihren Sohn doch ins Geheimnis?

Octavio.
     Nein!

Questenberg.
     Wie?  auch warnen wollen Sie ihn nicht,
     In welcher schlimmen Hand er sich befinde?

Octavio.
     Ich mu ihn seiner Unschuld anvertrauen.
     Verstellung ist der offnen Seele fremd,
     Unwissenheit allein kann ihm die Geistesfreiheit
     Bewahren, die den Herzog sicher macht.

Questenberg.  (besorglich)
     Mein wrd'ger Freund!  Ich hab die beste Meinung
     Vom Oberst Piccolomini--doch--wenn--
     Bedenken Sie--

Octavio.
     Ich mu es darauf wagen--Still!  Da kommt er.



Vierter Auftritt

Max Piccolomini.  Octavio Piccolomini.  Questenberg.


Max.
     Da ist er ja gleich selbst.  Willkommen, Vater!
(Er umarmt ihn.  Wie er sich umwendet, bermerkt er Questenbergen
     und tritt kalt zurck.)
     Beschftigt, wie ich seh?  Ich will ihn nicht stren.

Octavio.
     Wie, Max?  Sieh diesen Gast doch nher an.
     Aufmerksamkeit verdient ein alter Freund;
     Ehrfurcht gebhrt dem Boten deines Kaisers.

Max.  (trocken)
     Von Questenberg!  Willkommen, wenn was Gutes
     Ins Hauptquartier Sie herfhrt.

Questenberg.  (hat seine Hand gefat)
     Ziehen Sie
     Die Hand nicht weg, Graf Piccolomini,
     Ich fasse sie nicht blo von meinetwegen,
     Und nichts Gemeines will ich damit sagen.
(Beider Hnde fassend.)
     Octavio--Max Piccolomini!
     Heilbringend, vorbedeutungsvolle Namen!
     Nie wird das Glck von sterreich sich wenden,
     Solang zwei solche Sterne, segenreich
     Und schtzend, leuchten ber seinen Heeren.

Max.
     Sie fallen aus der Rolle, Herr Minister,
     Nicht Lobens wegen sind Sie hier, ich wei,
     Sie sind geschickt, zu tadeln und zu schelten--
     Ich will voraus nichts haben vor den andern.

Octavio.  (zu Max)
     Er kommt vom Hofe, wo man mit dem Herzog
     Nicht ganz so wohl zufrieden ist als hier.

Max.
     Was gibt's aufs neu denn an ihm auszustellen?
     Da er fr sich allein beschliet, was er
     Allein versteht?  Wohl!  daran tut er recht,
     Und wird's dabei auch sein Verbleiben haben.-
     Er ist nun einmal nicht gemacht, nach andern
     Geschmeidig sich zu fgen und zu wenden,
     Es geht ihm wider die Natur, er kann's nicht.
     Geworden ist ihm eine Herrscherseele,
     Und ist gestellt auf einen Herrscherplatz.
     Wohl uns, da es so ist!  Es knnen sich
     Nur wenige regieren, den Verstand
     Verstndig brauchen--Wohl dem Ganzen, findet
     Sich einmal einer, der ein Mittelpunkt
     Fr viele Tausend wird, ein Halt;--sich hinstellt
     Wie eine feste Sul', an die man sich
     Mit Lust mag schlieen und mit Zuversicht.
     So einer ist der Wallenstein, und taugte
     Dem Hof ein andrer besser--der Armee
     Frommt nur ein solcher.

Questenberg.
     Der Arme!  Jawohl!

Max.
     Und eine Lust ist's, wie er alles weckt
     Und strkt und neu belebt um sich herum,
     Wie jede Kraft sich ausspricht, jede Gabe
     Gleich deutlicher sich wird in seiner Nhe!
     Jedwedem zieht er seine Kraft hervor,
     Die eigentmliche, und zieht sie gro,
     Lt jeden ganz das bleiben, was er ist,
     Er wacht nur drber, da er's immer sei
     Am rechten Ort; so wei er aller Menschen
     Vermgen zu dem seinigen zu machen.

Questenberg.
     Wer spricht ihm ab, da er die Menschen kenne,
     Sie zu gebrauche wisse!  berm Herrscher
     Vergit er nur den Diener ganz und gar,
     Als wr' mit seiner Wrd' er schon geboren.

Max.
     Ist er's denn nicht?  Mit jeder Kraft dazu
     Ist er's, und mit der Kraft noch obendrein,
     Buchstblich zu vollstrecken die Natur,
     Dem Herrschtalent den Herrschplatz zu erobern.

Questenberg.
     So kommt's zuletzt auf seine Gromut an,
     Wieviel wir berall noch gelten sollen!

Max.
     Der seltne Mann will seltenes Vertrauen.
     Gebt ihm den Raum, das Ziel wird er sich setzen.

Questenberg.
     Die Proben geben's.

Max.
     Ja!  so sind sie!  Schreckt
     Sie alles gleich, was eine Tiefe hat;
     Ist ihnen nirgends wohl, als wo's recht flach ist.

Octavio.  (zu Questenberg)
     Ergeben Sie sich nur in gutem, Freund!
     Mit dem da werden Sie nicht fertig.

Max.
     Da rufen sie den Geist an in der Not,
     Und grauet ihnen gleich, wenn er sich zeigt.
     Das Ungemeine soll, das Hchste selbst
     Geschehn wie das Alltgliche.  Im Feld,
     Da dringt die Gegenwart--Persnliches
     Mu herrschen, eignes Auge sehn.  Es braucht
     Der Feldherr jedes Groe der Natur,
     So gnne man ihm auch, in ihren groen
     Verhltnissen zu leben.  Das Orakel
     In seinem Innern, das lebendige--
     Nicht tote Bcher, alte Ordnungen,
     Nicht modrigte Papiere soll er fragen.

Octavio.
     Mein Sohn!  La uns die alten, engen Ordnungen
     Gering nicht achten!  Kstlich unschtzbare
     Gewichte sind's, die der bedrngte Mensch
     An seiner Drnger raschen Willen band;
     Denn immer war die Willkr frchterlich--
     Der Weg der Ordnung, ging' er auch durch Krmmmen,
     Er ist kein Umweg.  Grad aus geht des Blitzes,
     Geht des Kanonballs frchterlicher Pfad--
     Schnell, auf dem nchsten Wege, langt er an,
     Macht sich zermalmend Platz, um zu zermalmen.
     Mein Sohn!  Die Strae, die der Mensch befhrt,
     Worauf der Segen wandelt, diese folgt
     Der Flsse Lauf, der Tler freien Krmmen,
     Umgeht das Weizenfeld, den Rebenhgel,
     Des Eigentums gemene Grenzen ehrend--
     So fhrt sie spter, sicher doch zum Ziel.

Questenberg.
     Oh!  hren Sie den Vater--hren Sie
     Ihn, der ein Held ist und ein Mensch zugleich.

Octavio.
     Das Kind des Lagers spricht aus dir, mein Sohn.
     Ein fnfzehnjhr'ger Krieg hat dich erzogen,
     --Du hast den Frieden nie gesehn!  Es gibt
     Noch hhern Wert, mein Sohn, als kriegerischen;
     Im Kriege selber ist das Letzte nicht der Krieg.
     Die groen, schnellen Taten der Gewalt,
     Des Augenblicks erstaunenswerte Wunder,
     Die sind es nicht, die das Beglckende,
     Das ruhig, mchtig Dauernde erzeugen.
     In Hast und Eile bauet der Soldat
     Von Leinwand seine leichte Stadt, da wird
     Ein augenblicklich Brausen und Bewegen,
     Der Markt belebt sich, Straen, Flsse sind
     Bedeckt mit Fracht, es rhrt sich das Gewerbe.
     Doch eines Morgens pltzlich siehet man
     Die Zelte fallen, weiter rckt die Horde,
     Und ausgestorben, wie ein Kirchhof, bleibt
     Der Acker, das zerstampfte Saatfeld liegen,
     Und um des Jahres Ernte ist's getan.

Max.
     Oh!  la den Kaiser Friede machen, Vater!
     Den blut'gen Lorbeer geb ich hin mit Freuden
     Frs erste Veilchen, das der Mrz uns bringt,
     Das duftige Pfand der neuverjngten Erde.

Octavio.
     Wie wird dir?  Was bewegt dich so auf einmal?

Max.
     Ich hab den Frieden nie gesehn?--Ich hab ihn
     Gesehen, alter Vater , eben komm ich--
     Jetzt eben davon her--er fhrte mich
     Der Weg durch Lnder, wo der Krieg nicht
     hingekommen--oh!  das Leben, Vater,
     Hat Reize, die wir nie gekannt.--Wir haben
     Des schnen Lebens de Kste nur
     Wie ein umirrend Rubervolk befahren,
     Das, in sein dumpfig-enges Schiff gepret,
     Im wsten Meer mit wsten Sitten haust,
     Vom groen Land nichts als die Buchten kennt,
     Wo es die Diebeslandung wagen darf.
     Was in den innern Tlern Kstliches
     Das Land verbirgt, oh!  davon--davon ist
     Auf unsrer wilden Fahrt uns nichts erschienen.

Ocatvio.  (wird aufmerksam)
     Und htt' es diese Reise dir gezeigt?

Max.
     Es war die erste Mue meines Lebens.
     Sag mir, was ist der Arbeit Ziel und Preis,
     Der peinlichen, die mir die Jugend stahl,
     Das Herz mir de lie und unerquickt
     Den Geist, den keine Bildung noch geschmcket?
     Denn dieses Lagers lrmendes Gewhl,
     Der Pferde Wiehern, der Trompete Schmettern,
     Des Dienstes immer gleichgestellte Uhr,
     Die Waffenbung, das Kommandowort--
     Dem Herzen gibt es nichts, dem lechzenden.
     Die Seele fehlt dem nichtigen Geschft--
     Es gibt ein andres Glck und andre Freuden.

Octavio.
     Viel lerntest du auf diesem kurzen Weg, mein Sohn!

Max.
     O schner Tag!  wenn endlich der Soldat
     Ins Leben heimkehrt, in die Menschlichkeit,
     Zum frohen Zug die Fahnen sich entfalten,
     Und heimwrts schlgt der sanfte Friedensmarsch.
     Wenn alle Hte sich und Helme schmcken
     Mit grnen Maien, dem letzten Raub der Felder!
     Der Stdte Tore gehen auf, von selbst,
     Nicht die Petarde braucht sie mehr zu sprengen;
     Von Menschen sind die Wlle rings erfllt,
     Von friedlichen, die in die Lfte gren--
     Hell klingt von allen Trmen das Gelut,
     Des blut'gen Tages frohe Vesper schlagend.
     Aus Drfern und aus Stdten wimmelnd strmt
     Ein jauchzend Volk, mit liebend emsiger
     Zudringlichkeit des Heeres Fortzug hindernd--
     Da schttelt, froh des noch erlebten Tags,
     Dem heimgekehrten Sohn der Greis die Hnde.
     Ein Fremdling tritt er in sein Eigentum,
     Das lngstverlane, ein; mit breiten sten
     Deckt ihn der Baum bei seiner Wiederkehr,
     Der sich zur Gerte bog, als er gegangen,
     Und schamhaft tritt als Jungfrau ihm entgegen,
     Die er einst an der Amme Brust verlie.
     Oh!  glcklich, wem dann auch sich eine Tr,
     Sich zarte Arme sanft umschlingend ffnen--

Questenberg.  (gerhrt)
     Oh!  da Sie von so ferner, ferner Zeit,
     Und nicht von morgen, nicht von heute sprechen!

Max.  (mit Heftigkeit sich zu ihm wendend)
     Wer sonst ist schuld daran als ihr in Wien?--
     Ich will's nur frei gestehen, Questenberg!
     Als ich vorhin Sie stehen sah, es prete
     Der Unmut mir das Innerste zusammen--
     Ihr seid es, die den Frieden hinder, ihr!
     Der Krieger ist's, der ihn erzwingen mu.
     Dem Frsten macht ihr's Leben sauer, macht
     Ihm alle Schritte schwer, ihr schwrzt ihn an--
     Warum?  Weil an Europas groem Besten
     Ihm mehr liegt als an ein paar Hufen Landes,
     Die streich mehr hat oder weniger--
     Ihr macht ihn zum Emprer und, Gott wei!
     Zu was noch mehr, weil er die Sachsen schont,
     Beim Feind Vertrauen zu erwecken sucht,
     Das doch der einz'ge Weg zum Frieden ist;
     Denn hrt der Krieg im Kriege nicht schon auf,
     Woher soll Friede kommen?--Geht nur, geht!
     Wie ich das Gute liebe, ha ich euch--
     Und hier gelob ich's an, verspritzen will ich
     Fr ihn, fr diesen Wallenstein, mein Blut,
     Das letzte meines Herzens, tropfenweis, eh' da
     Ihr ber seinen Fall frohlocken sollt!
(Er geht ab.)



Fnfter Auftritt

Questenberg.  Octavio Piccolomini.


Questenberg.
     O weh uns!  Steht es so?
(Dringend und ungeduldig.)
     Freund, und wir lassen ihn in diesem Wahn
     Dahingehn, rufen ihn nicht gleich
     Zurck, da wir die Augen auf der Stelle
     Ihm ffnen?

Octavio.  (aus einem tiefen Nachdenken zu sich kommend)
     Mir hat er sie jetzt geffnet,
     Und mehr erblick ich, als mich freut.

Questenberg.
     Was ist es, Freund?

Octavio.
     Fluch ber diese Reise!

Questenberg.
     Wieso!  Was ist es?

Octavio.
     Kommen Sie!  Ich mu
     Sogleich die unglckselige Spur verfolgen,
     Mit meinen Augen sehen--Kommen Sie--

(Will ihn fortfhren.)

Questenberg.
     Was denn?  Wohin?

Octavio.  (pressiert)
     Zu ihr!

Questenberg.
     Zu--

Octavio.  (korrigiert sich)
     Zum Herzog!  Gehn wir.  Oh!  ich frchte alles.
     Ich seh' das Netz geworfen ber ihn,
     Er kommt mir nicht zurck, wie er gegangen.

Questenberg.
     Erklren Sie mir nur--

Octavio.
     Und konnt' ich's nicht
     Vorhersehn?  Nicht die Reise hintertreiben?
     Warum verschwieg ich's ihm?--Sie hatten recht,
     Ich mut' ihn warnen--Jetzo ist's zu spt.

Questenberg.
     Was ist zu spt?  Besinnen Sie sich, Freund,
     Da Sie in lauter Rtseln zu mir reden.

Octavio.  (gefater).
     Wir gehn zum Herzog.  Kommen Sie.  Die Stunde
     Rckt auch heran, die er zur Audienz
     Bestimmt hat.  Kommen Sie!--
     Verwnscht!  dreimal verwnscht sei diese Reise!
(Er fhrt ihn weg.  Der Vorhang fllt.)




Zweiter Aufzug

Saal beim Herzog von Friedland



Erster Auftritt

Bediente setzen Sthle und breiten Futeppiche aus.  Gleich
     darauf Seni, der Astrolog, wie ein italienischer Doktor
     schwarz und etwas phantastisch gekleidet.  Er tritt in die
     Mitte des Saals, ein weies Stbchen in der Hand, womit er
     die Himmelsgegenden bezeichnet.


Bedienter.  (mit einem Rauchfa herumgehend)
     Greift an!  Macht, da ein Ende wird!  Die Wache
     Ruft ins Gewehr.  Sie werden gleich erscheinen.

Zweiter Bedienter.
     Warum denn aber ward die Erkerstube,
     Die rote, abbestellt, die doch so leuchtet?

Erster Bedienter.
     Da frag den Mathematikus.  Der sagt,
     Es sei ein Unglckszimmer.

Zweiter Bedienter.
     Narrenspossen!
     Das heit die Leute scheren.  Saal ist Saal.
     Was kann der Ort viel zu bedeuten haben?

Seni.  (mit Gravitt)
     Mein Sohn!  Nichts in der Welt ist unbedeutend.
     Das Erste aber und Hauptschlichste
     Bei allem ird'schen Ding ist Ort und Stunde.

Dritter Bedienter.
     La dich mit dem nicht ein, Nathanael.
     Mu ihm der Herr doch selbst den Willen tun.

Seni.  (zhlt die Sthle)
     Eilf!  Eine bse Zahl.  Zwlf Sthle setzt,
     Zwlf Zeichen hat der Tierkreis; Fnf und Sieben,
     Die heil'gen Zahlen, liegen in der Zwlfe.

Zweiter Bedienter.
     Was habt Ihr gegen Eilf?  Das lat mich wissen.

Seni.
     Eilf ist die Snde.  Eilfe berschreitet
     Die zehn Gebote.

Zweiter Bedienter.
     So?  Und warum nennt Ihr
     Die Fnfe eine heil'ge Zahl?

Seni.
     Fnf ist
     Des Menschen Seele.  Wie der Mensch aus Gutem
     Und Bsem ist gemischt, so ist die Fnfe
     Die erste Zahl aus Grad' und Ungerade.

Erster Bedienter.
     Der Narr!

Dritter Bedienter.
     Ei, la ihn doch!  Ich hr ihm gerne zu,
     Denn mancherlei doch denkt sich bei den Worten.

Zweiter Bedienter.
     Hinweg!  Sie kommen!  Da!  zur Seitentr hinaus.

(Sie eilen fort.  Seni folgt langsam.)



Zweiter Auftritt

Wallenstein.  Die Herzogin.


Wallenstein.
     Nun, Herzogin?  Sie haben Wien berhrt,
     Sich vorgestellt der Knigin von Ungarn?

Herzogin.
     Der Kaiserin auch.  Bei beiden Majestten
     Sind wir zum Handku zugelassen worden.

Wallenstein.
     Wie nahm man's auf, da ich Gemahlin, Tochter
     Zu dieser Winterszeit ins Feld beschieden?

Herzogin.
     Ich tat nach Ihrer Vorschrift, fhrte an,
     Sie htten ber unser Kind bestimmt
     Und mchten gern dem knftigen Gemahl
     Noch vor dem Feldzug die Verlobte zeigen.

Wallenstein.
     Mutmate man die Wahl, die ich getroffen?

Herzogin.
     Man wnschte wohl, sie mch' auf keinen fremden
     Noch lutherischen Herrn gefallen sein.

Wallenstein.
     Was wnschen Sie , Elisabeth?

Herzogin.
     Ihr Wille, wissen Sie, war stets der meine.

Wallenstein.  (nach einer Pause)
     Nun--Und wie war die Aufnahm' sonst am Hofe?
(Herzogin schlgt die Augen nieder und schweigt.)
     Verbergen Sie mir nichts--Wie war's damit?

Herzogin.
     Oh!  mein Gemahl--Es ist nicht alles mehr
     Wie sonst--Es ist ein Wandel vorgegangen.

Wallenstein.
     Wie?  Lie man's an der alten Achtung fehlen?

Herzogin.
     Nicht an der Achtung.  Wrdig und voll Anstand
     War das Benehmen--aber an die Stelle
     Huldreich vertraulicher Herablassung
     War feierliche Frmlichkeit getreten.
     Ach!  und die zarte Schonung, die man zeigte,
     Sie hatte mehr vom Mitleid als der Gunst.
     Nein!  Herzog Albrechts frstliche Gemahlin,
     Graf Harrachs edle Tochter, htte so--
     Nicht eben so empfangen werden sollen!

Wallenstein.
     Man schalt gewi mein neuestes Betragen?

Herzogin.
     O htte man's getan!--Ich bin's von lang her
     Gewohnt, Sie zu entschuldigen, zufrieden
     Zu sprechen die entrsteten Gemter--
     Nein, niemand schalt Sie--Man verhllte sich
     In ein so lastend feierliches Schweigen.
     Ach!  hier ist kein gewhnlich Miverstndnis, keine
     Vorbergehende Empfindlichkeit--
     Etwas unglcklich, unersetzliches ist
     Geschehn--Sonst pflegte mich die Knigin
     Von Ungarn immer ihre liebe Muhme
     Zu nennen, mich beim Abschied zu umarmen.

Wallenstein.
     Jetzt unterlie sie's?

Herzogin.  (ihre Trnen trocknend, nach einer Pause)
     Sie umarmte mich,
     Doch erst, als ich den Urlaub schon genommen, schon
     Der Tre zuging, kam sie auf mich zu,
     Schnell, als besnne sie sich erst, und drckte
     Mich an den Busen, mehr mit schmerzlicher
     Als zrtlicher Bewegung.

Wallenstein.  (ergreift ihre Hand)
     Fassen Sie sich!--
     Wie war's mit Eggenberg, mit Lichtenstein
     Und mit den andern Freunden?

Herzogin.  (den Kopf schttelnd)
     Keinen sah ich.

Wallenstein.
     Und der hispanische Conte Ambassador,
     Der sonst so warm fr mich zu sprechen pflegte?

Herzogin.
     Er hatte keine Zunge mehr fr Sie.

Wallenstein.
     Die Sonnen also scheinen uns nicht mehr,
     Fortan mu eignes Feuer uns erleuchten.

Herzogin.
     Und wr' es?  Teurer Herzog, wr's an dem,
     Was man am Hofe leise flstert, sich
     Im Lande laut erzhlt--was Pater Lamormain
     Durch einige Winke--

Wallenstein.  (schnell)
     Lamormain!  Was sagt der?

Herzogin.
     Man zeihe Sie verwegner berschreitung
     Der anvertrauten Vollmacht, freventlicher
     Verhhnung hchster, kaiserlicher Befehle.
     Die Spanier, der Bayern stolzer Herzog
     Stehen auf als Klger wider Sie--
     Ein Ungewitter zieh' sich ber Ihnen
     Zusammen, noch weit drohender als jenes,
     Das Sie vordem zu Regenspurg gestrzt.
     Man spreche, sagt er--ach!  ich kann's nicht sagen--

Wallenstein.  (gespannt).  Nun?
     Herzogin.
     Von einer zweiten--
(Sie stockt.)

Wallenstein.
     Zweiten--

Herzogin.
     Schimpflichern
     --Absetzung.

Wallenstein.
     Spricht man?
(Heftig bewegt durch das Zimmer gehend.)
     Oh!  sie zwingen mich, sie stoen
     Gewaltsam, wider meinen Willen, mich hinein.

Herzogin.  (sich bittend an ihn schmiegend)
     Oh!  wenn's noch Zeit ist, mein Gemahl--Wenn es
     Mit Unterwerfung, mit Nachgiebigkeit
     Kann abgewendet werden--Geben Sie nach--
     Gewinnen Sie's dem stolzen Herzen ab,
     Es ist Ihr Herr und Kaiser, dem Sie weichen.
     Oh!  lassen Sie es lnger nicht geschehn,
     Da hmische Bosheit Ihre gute Absicht
     Durch giftige, verhate Deutung schwrze.
     Mit Siegeskraft der Wahrheit stehen Sie auf,
     Die Lgner, die Verleumder zu beschmen.
     Wir haben so der guten Freunde wenig.
     Sie wissen's!  Unser schnelles Glck hat uns
     Dem Ha der Menschen blogestellt--Was sind wir,
     Wann kaiserliche Huld sich von uns wendet!



Dritter Auftritt

Grfin Terzky, welche die Prinzessin Thekla an der
     Hand fhrt, zu den Vorigen.


Grfin.
     Wie, Schwester?  Von Geschften schon die Rede
     Und, wie ich seh, nicht von erfreulichen,
     Eh' er noch seines Kindes froh geworden?
     Der Freude gehrt der erste Augenblick.
     Hier, Vater Friedland!  das ist deine Tochter!
(Thekla nhert sich ihm schchtern und will sich auf seine
     Hand beugen; er empfngt sie in seinen Armen und bleibt
     einige Zeit in ihrem Anschauen verloren stehen.)

Wallenstein.
     Ja!  Schn ist mir die Hoffnung aufgegangen.
     Ich nehme sie zum Pfande grern Glcks.

Herzogin.
     Ein zartes Kind noch war sie, als Sie gingen,
     Das groe Heer dem Kaiser aufzurichten.
     Hernach, als Sie vom Feldzug heimgekehrt
     Aus Pommern, war die Tochter schon im Stifte,
     Wo sie geblieben ist bis jetzt.

Wallenstein.
     Indes
     Wir hier im Feld gesorgt, sie gro zu machen,
     Das hchste Irdische ihr zu erfechten,
     Hat Mutter Natur in stillen Klostermauern
     Das Ihrige getan, dem lieben Kind
     Aus freier Gunst das Gttliche gegeben
     Und fhrt sie ihrem glnzenden Geschick
     Und meiner Hoffnung schn geschmckt entgegen.

Herzogin.  (zur Prinzessin)
     Du httest deinen Vater wohl nicht wieder
     Erkannt, mein Kind?  Kaum zhltest du acht Jahre,
     Als du sein Angesicht zuletzt gesehn.

Thekla.
     Doch, Mutter, auf den ersten Blick--mein Vater
     Hat nicht gealtert--Wie sein Bild in mir gelebt,
     So steht er blhend jetzt vor meinen Augen.

Wallenstein.  (zur Herzogin)
     Das holde Kind!  Wie fein bemerkt und wie
     Verstndig!  Sieh, ich zrnte mit dem Schicksal,
     Da mir's den Sohn versagt, der meines Namens
     Und meines Glckes Erbe knnte sein,
     In einer stolzen Linie von Frsten
     Mein schnell verlschtes Dasein weiter leiten.
     Ich tat dem Schicksal Unrecht.  Hier auf dieses
     Jungfrulich blhende Haupt will ich den Kranz
     Des kriegerischen Lebens niederlegen;
     Nicht fr verloren acht ich's, wenn ich's einst,
     In einen kniglichen Schmuck verwandelt,
     Um diese schne Stirne flechten kann.

(Er hlt sie in seinen Armen, wie Piccolomini hereintritt.)



Vierter Auftritt

Max Piccolomini und bald darauf Graf Terzky zu den Vorigen.


Grfin.
     Da kommt der Paladin, der uns beschtzte.

Wallenstein.
     Sei mir willkommen, Max.  Stets warst du mir
     Der Bringer irgendeiner schnen Freude,
     Und, wie das glckliche Gestirn des Morgens,
     Fhrst du die Lebenssonne mir herauf.

Max.
     Mein General--

Wallenstein.
     Bis jetzt war es der Kaiser,
     Der dich durch meine Hand belohnt.  Heut hast du
     Den Vater dir, den glcklichen, verpflichtet,
     Und diese Schuld mu Friedland selbst bezahlen.

Max.
     Mein Frst!  Du eiltest sehr, sie abzutragen.
     Ich komme mit Beschmung, ja mit Schmerz;
     Denn kaum bin ich hier angelangt, hab Mutter
     Und Tochter deinen Armen berliefert,
     So wird aus deinem Marstall, reich geschirrt,
     Ein prcht'ger Jagdzug mir von dir gebracht,
     Fr die gehabte Mh' mich abzulohnen.
     Ja, ja, mich abzulohnen.  Eine Mh',
     Ein Amt blo war's!  Nicht eine Gunst, fr die
     Ich's vorschnell nahm und dir schon volles Herzens
     Zu danken kam--Nein, so war's nicht gemeint,
     Da mein Geschft mein schnstes Glck sein sollte!

(Terzky tritt herein und bergibt dem Herzog Briefe, welche
     dieser schnell erbricht.)

Grfin.  (zu Max)
     Belohnt er Ihre Mhe?  Seine Freude
     Vergilt er Ihnen.  Ihnen steht es an,
     So zart zu denken; meinem Schwager ziemt's,
     Sich immer gro und frstlich zu beweisen.

Thekla.
     So mt' auch ich an seiner Liebe zweifeln,
     Denn seine gtigen Hnde schmckten mich,
     Noch eh' das Herz des Vaters mir gesprochen.

Max.
     Ja, er mu immer geben und beglcken!
(er ergreift der Herzogin Hand, mit steigender Wrme.)
     Was dank ich ihm nicht alles--oh!  was sprech ich
     Nicht alles aus in diesem teuren Namen Friedland!
     Zeitlebens soll ich ein Gefangner sein
     Von diesem Namen--darin blhen soll
     Mir jedes Glck und jede schne Hoffnung--
     Fest, wie in einem Zauberringe, hlt
     Das Schicksal mich gebannt in diesem Namen.

Grfin.  (welche unterdessen den Herzog sorgfltig beobachtet,
     bemerkt, da er bei den Briefen nachdenkend geworden).
     Der Bruder will allein sein.  Lat uns gehen.

Wallenstein.  (wendet sich schnell um, fat sich und spricht
     heiter zur Herzogin.)
     Noch einmal, Frstin, hei ich Sie im Feld willkommen.
     Sie sind die Wirtin dieses Hofs--Du, Max,
     Wirst diesmal noch dein altes Amt verwalten,
     Indes wir hier des Herrn Geschfte treiben.

(Max Piccolomini bietet der Herzogin den Arm, Grfin fhrt die
     Prinzessin ab.)

Terzky.  (ihm nachrufend)
     Versumt nicht, der Versammlung beizuwohnen.



Fnfter Auftritt

Wallenstein.  Terzky.


Wallenstein.  (in tiefem Nachdenken zu sich selbst)
     Sie hat ganz recht gesehn--So ist's und stimmt
     Vollkommen zu den brigen Berichten--
     Sie haben ihren letzten Schlu gefat
     In Wien, mir den Nachfolger schon gegeben.
     Der Ungarn Knig ist's, der Ferdinand,
     Des Kaisers Shnlein, der ist jetzt ihr Heiland,
     Das neu aufgehende Gestirn!  Mit uns
     Gedenkt man fertig schon zu sein, und wie
     Ein Abgeschiedner sind wir schon beerbet.
     Drum keine Zeit verloren!

(Indem er sich umwendet, bermerkt er den Terzky und gibt ihm
     einen Brief.)

Graf Altringer lt sich entschuldigen,
     Auch Gallas--Das gefllt mir nicht.

Terzky.
     Und wenn du
     Noch lnger sumst, bricht einer nach dem andern.

Wallenstein.
     Der Altringer hat die Tiroler Psse,
     Ich mu ihm einen schicken, da er mir
     Die Spanier aus Mailand nicht hereinlt.
     --Nun!  der Sesin, der alte Unterhndler,
     Hat sich ja krzlich wieder blicken lassen.
     Was bringt er uns vom Grafen Thurn?

Terzky.
     Der Graf entbietet dir,
     Er hab' den schwed'schen Kanzler aufgesucht
     Zu Halberstadt, wo jetzo der Konvent ist:
     Der aber sagt' , er sei es md und wolle
     Nichts weiter mehr mit dir zu schaffen haben.

Wallenstein.
     Wieso?

Terzky.
     Es sei dir nimmer Ernst mit deinen Reden,
     Du wollst die Schweden nur zum Narren haben,
     Dich mit den Sachsen gegen sie verbinden,
     Am Ende sie mit einem elenden Stck Geldes
     Abfertigen.

Wallenstein.
     So!  Meint er wohl, ich soll ihm
     Ein schnes deutsches Land zum Raube geben,
     Da wir zuletzt auf eignem Grund und Boden
     Selbst nicht mehr Herren sind?  Sie mssen fort,
     Fort, fort!  Wir brauchen keine solche Nachbarn.

Terzky.
     Gnn ihnen doch das Fleckchen Land, geht's ja
     Nicht von dem deinen!  Was bekmmert's dich,
     Wenn du das Spiel gewinnest, wer es zahlt.

Wallenstein.
     Fort, fort mit ihnen--das verstehst du nicht.
     Es soll nicht von mir heien, da ich Deutschland
     Zerstcket hab', verraten an den Fremdling,
     Um meine Portion mir zu erschleichen.
     Mich soll das Reich als seinen Schirmer ehren,
     Reichsfrstlich mich erweisend, will ich wrdig
     Mich bei des Reiches Frsten niedersetzen.
     Es soll im Reiche keine fremde Macht
     Mir Wurzel fassen, und am wenigsten
     Die Goten sollen's, diese Hungerleider,
     Die nach dem Segen unsers deutschen Landes
     Mit Neidesblicken raubbegierig schauen.
     Beistehen sollen sie mir in meinen Planen
     Und dennoch nichts dabei zu fischen haben.

Terzky.
     Doch mit den Sachsen willst du ehrlicher
     Verfahren?  Sie verlieren die Geduld,
     Weil du so krumme Wege machst--
     Was sollen alle diese Masken?  sprich!
     Die Freunde zweifeln, werden irr an dir--
     Der Oxenstirn, der Arnheim, keiner wei,
     Was er von deinem Zgern halten soll.
     Am End' bin ich der Lgner, alles geht
     Durch mich.  Ich hab nicht einmal deine Handschrift.

Wallenstein.
     Ich geb nichts Schriftliches von mir, du weit's.

Terzky.
     Woran erkennt man aber deinen Ernst,
     Wenn auf das Wort die Tat nicht folgt?  Sag selbst,
     Was du bisher verhandelt mit dem Feind,
     Htt' alles auch recht gut geschehn sein knnen,
     Wenn du nichts mehr damit gewollt, als ihn
     Zum besten haben.

Wallenstein.  (nach einer Pause, indem er ihn scharf ansieht)
     Und woher weit du, da ich ihn nicht wirklich
     Zum besten habe?  Da ich nicht euch alle
     Zum besten habe?  Kennst du mich so gut?
     Ich wte nicht, da ich mein Innerstes
     Dir aufgetan--Der Kaiser, es ist wahr,
     Hat bel mich behandelt!--Wenn ich wollte,
     Ich knnt' ihm recht viel Bses dafr tun.
     Es macht mir Freude, meine Macht zu kennen;
     Ob ich sie wirklich brauchen werde, davon, denk ich,
     Weit du nicht mehr zu sagen als ein andrer.

Terzky.
     So hast du stets dein Spiel mit uns getrieben!



Sechster Auftritt

Illo zu den Vorigen.


Wallenstein.
     Wie steht es drauen?  Sind sie vorbereitet?

Illo.
     Du findest sie in der Stimmung, wie du wnschest.
     Sie wissen um des Kaisers Forderungen
     Und toben.

Wallenstein.
     Wie erklrt sich Isolan?

Illo.
     Der ist mit Leib und Seele dein, seitdem du
     Die Pharobank ihm wieder aufgerichtet.

Wallenstein.
     Wie nimmt sich der Colalto?  Hast du dich
     Des Deodat und Tiefenbach versichert?

Illo.
     Was Piccolomini tut, das tun sie auch.

Wallenstein.
     So,meinst du, kann ich was mit ihnen wagen?

Illo.
     --Wenn du der Piccolomini gewi bist.

Wallenstein.
     Wie meiner selbst.  Die lassen nie von mir.

Terzky.
     Doch wollt' ich, da du dem Octavio,
     Dem Fuchs, nicht so viel trautest.

Wallenstein.
     Lehre du
     Mich meine Leute kennen.  Sechzehnmal
     Bin ich zu Feld gezogen mit dem Alten,
     --Zudem--ich hab sein Horoskop gestellt,
     Wir sind geboren unter gleichen Sternen--
     Und kurz--
(geheimnisvoll)
     Es hat damit sein eigenes Bewenden.
     Wenn du mir also gutsagst fr die andern--

Illo.
     Es ist nur eine Stimme unter allen:
     Du drf'st das Regiment nicht niederlegen.
     Sie werden an dich deputieren, hr ich.

Wallenstein.
     Wenn ich mich gegen sie verpflichten soll,
     So mssen sie's auch gegen mich.

Illo.
     Versteht sich.

Wallenstein.
     Parole mssen sie mir geben, eidlich, schriftlich,
     Sich meinem Dienst zu weihen,unbedingt.

Illo.
     Warum nicht?

Terzky.
     Unbedingt?  Des Kaisers Dienst,
     Die Pflichten gegen streich werden sie
     Sich immer vorbehalten.

Wallenstein.  (den Kopf schttelnd)
     Unbedingt
     Mu ich sie haben.  Nichts von Vorbehalt!

Illo.
     Ich habe einen Einfall--Gibt uns nicht
     Graf Terzky ein Bankett heut abend?

Terzky.  Ja,
     Und alle Generale sind geladen.

Illo.  (zum Wallenstein)
     Sag!  Willst du vllig freie Hand mir lassen?
     Ich schaffe dir das Wort der Generale,
     So wie du's wnschest.

Wallenstein.
     Schaff mir ihre Handschrift.
     Wie du dazu gelangen magst, ist deine Sache.

Illo.
     Und wenn ich dir's nun bringe, schwarz auf wei,
     Da alle Chefs, die hier zugegen sind,
     Dir blind sich berliefern--Willst du dann
     Ernst machen endlich, mit beherzter Tat
     Das Glck versuchen?

Wallenstein.
     Schaff' mir die Verschreibung!

Illo.
     Bedenke, was du tust!  Du kannst den Kaisers
     Begehren nicht erfllen--kannst das Heer
     Nicht schwchen lassen--nicht die Regimenter
     Zum Spanier stoen lassen, willst du nicht
     Die Macht auf ewig aus den Hnden geben.
     Bedenk das andre auch!  Du kannst des Kaisers
     Befehl und ernste Ordre nicht verhhnen,
     Nicht lnger Ausflucht suchen, temporisieren,
     Willst du nicht frmlich brechen mit dem Hof.
     Entschlie dich!  Willst du mit entschloner Tat
     Zuvor ihm kommen?  Willst du, ferner zgernd,
     Das uerste erwarten?

Wallenstein.
     Das geziemt sich,
     Eh' man das uerste beschliet!

Illo.
     Oh!  nimm der Stunde wahr, eh' sie entschlpft.
     So selten kommt der Augenblick im Leben,
     Der wahrhaft wichtig ist und gro.  Wo eine
     Entscheidung soll geschehen, da mu vieles
     Sich glcklich treffen und zusammenfinden--
     Und einzeln nur, zerstreuet zeigen sich
     Des Glckes Fden, die Gelegenheiten,
     Die, nur in einen Lebenspunkt zusammen
     Gedrngt, den schweren Frchteknoten bilden.
     Sieh!  Wie entscheidend, wie verhngnisvoll
     Sich's jetzt um dich zusammenzieht!--Die Hupter
     Des Heers, die besten, trefflichsten, um dich,
     Den kniglichen Fhrer, her versammelt,
     Nur deinen Wink erwarten sie--Oh!  la
     Sie so nicht wieder auseinandergehen!
     So einig fhrst du sie im ganzen Lauf
     Des Krieges nicht zum zweitenmal zusammen.
     Die hohe Flut ist's, die das schwere Schiff
     Vom Strande hebt--Und jedem einzelnen
     Wchst das Gemt im groen Strom der Menge.
     Jetzt hast du sie, jetzt noch!  Bald sprengt der Krieg
     Sie wieder auseinander, dahin, dorthin--
     In eignen kleinen Sorgen und Interessen
     Zerstreut sich der gemeine Geist.  Wer heute,
     Vom Strome fortgerissen, sich vergit,
     Wird nchtern werden, sieht er sich allein,
     Nur seine Ohnmacht fhlen und geschwind
     Umlenken in die alte, breitgetretne
     Fahrstrae der gemeinen Pflicht, nur wohl-
     Behalten unter Dach zu kommen suchen.

Wallenstein.
     Die Zeit ist noch nicht da.

Terzky.
     So sagst du immer.
     Wann aber wird es Zeit sein?

Wallenstein.
     Wenn ich's sage.

Illo.
     Oh!  du wirst auf die Sternenstunde warten,
     Bir dir die irdische entflieht!  Glaub mir,
     In deiner Brust sind deines Schicksals Sterne.
     Vertrauen zu dir selbst, Entschlossenheit
     Ist deine Venus!  Der Maleficus,
     Der einz'ge, der dir schadet, ist der Zweifel.

Wallenstein.
     Du redst, wie du's verstehst.  Wie oft und vielmals
     Erklrt' ich dir's!--Dir stieg der Jupiter
     Hinab bei der Geburt, der helle Gott;
     Du kannst in die Geheimnisse nicht schauen.
     Nur in der Erde magst du finster whlen,
     Blind wie der Unterirdische, der mit dem bleichen
     Bleifarbnen Schein ins Leben dir geleuchtet.
     Das Irdische, Gemeine magst du sehn,
     Das Nchste mit dem Nchsten klug verknpfen;
     Darin vertrau ich dir und glaube dir.
     Doch, was geheimnisvoll bedeutend webt
     Und bildet in den Tiefen der Natur,--
     Die Geisterleiter, die aus dieser Welt des Staubes
     Bis in die Sternenwelt, mit tausend Sprossen,
     Hinauf sich baut, an der die himmlischen
     Gewalten wirkend auf und nieder wandeln,
     --Die Kreise in den Kreisen, die sich eng
     Und enger ziehn um die zentralische Sonne--
     Die sieht das Aug' nur, das entsiegelte,
     Der hellgebornen, heitern Joviskinder,

(Nachdem er einen Gang durch den Saal gemacht, bleibt er stehen
     und fhrt fort.)

Die himmlischen Gestirne machen nicht
     Blo Tag und Nacht, Frhling und Sommer--nicht
     Dem Smann blo bezeichnen sie die Zeiten
     Der Aussaat und der Ernte.  Auch des Menschen Tun
     Ist eine Aussaat von Verhngnissen,
     Gestreuet in der Zukunft dunkles Land,
     Den Schicksalsmchten hoffend bergeben.
     Da tut es not, die Saatzeit zu erkunden,
     Die rechte Sternenstunde auszulesen,
     Des Himmels Huser forschend zu durchspren,
     Ob nicht der Feind des Wachsens und Gedeihens
     In seinen Ecken schadend sich verberge .
     Drum lat mir Zeit.  Tut ihr indes das Eure.
     Ich kann jetzt noch nicht sagen, was ich tun will.
     Nachgeben aber werd ich nicht.  Ich nicht!
     Absetzen sollen sie mich auch nicht--Darauf
     Verlat euch.

Kammerdiener.  (kommt)
     Die Herren Generale.

Wallenstein.
     La sie kommen.

Terzky.
     Willst du, da alle Chefs zugegen seien?

Wallenstein.
     Das braucht's nicht.  Beide Piccolomini,
     Maradas, Buttler, Forgatsch, Deodat,
     Caraffa, Isolani mgen kommen.

(Terzky geht hinaus mit dem Kammerdiener.)

Wallenstein.  (zu Illo)
     Hast du den Questenberg bewachen lassen?
     Sprach er nicht ein'ge in geheim?

Illo.

Ich hab ihn scharf bewacht.  Er war mit niemand

Als dem Octavio.



Siebenter Auftritt

Vorige.  Questenberg, beide Piccolomini, Buttler, Isolani, Maradas
     und noch drei andere Generale treten herein.  Auf den Wink des
     Generals nimmt Questenberg ihm gerad gegenber Platz, die andern
     folgen nach ihrem Range.  Es herrscht eine augenblickliche Stille.


Wallenstein.
     Ich hab den Inhalt Ihrer Sendung zwar
     Vernommen, Questenberg, und wohl erwogen,
     Auch meinen Schlu gefat, den nichts mehr ndert.
     Doch, er gebhrt sich, da die Kommandeurs
     Aus Ihrem Mund des Kaisers Willen hren--
     Gefall' es Ihnen denn, sich Ihres Auftrags
     Vor diesen edeln Huptern zu entledigen.

Questenberg.
     Ich bin bereit, doch bitt ich zu bedenken,
     Da kaiserliche Herrschgewalt und Wrde
     Aus meinem Munde spricht, nicht eigne Khnheit.

Wallenstein.
     Den Eingang spart.

Questenberg.
     Als Seine Majestt
     Der Kaiser ihren mutigen Armeen
     Ein ruhmgekrntes, kriegserfahrnes Haupt
     Geschenkt in der Person des Herzogs Friedland,
     Geschah's in froher Zuversicht, das Glck
     Des Krieges schnell und gnstig umzuwenden.
     Auch war der Anfang ihren Wnschen hold,
     Gereiniget ward Bheim von den Sachsen,
     Der Schweden Siegeslauf gehemmt--es schpften
     Aufs neue leichten Atem diese Lnder,
     Als Herzog Friedland die zerstreuten Feindesheere
     Herbei von allen Strmen Deutschlands zog,
     Herbei auf einen Sammelplatz beschwor
     Den Rheingraf, Bernhard, Banner, Oxenstirn
     Und jenen nie besiegten Knig selbst,
     Um endlich hier im Angesichte Nrnbergs
     Das blutig groe Kampfspiel zu entscheiden.

Wallenstein.
     Zur Sache, wenn's beliebt.

Questenberg.
     Ein neuer Geist
     Verkndigte sogleich den neuen Feldherrn.
     Nicht blinde Wut mehr rang mit blinder Wut,
     In hellgeschiednem Kampfe sah man jetzt
     Die Festigkeit der Khnheit widerstehn
     Und weise Kunst die Tapferkeit ermden.
     Vergebens lockt man ihn zur Schlacht, er grbt
     Sich tief und tiefer nur im Lager ein,
     Als glt' es, hier ein ewig Haus zu grnden.
     Verzweifelnd endlich will der Knig strmen,
     Zur Schlachtbank reit er seine Vlker hin,
     Die ihm des Hungers und der Seuchen Wut
     Im leichenvollen Lager langsam ttet.
     Durch den Verhack des Lagers, hinter welchem
     Der Tod aus tausend Rhren lauert, will
     Der Niegehemmte strmend Bahn sich brechen.
     Da ward ein Angriff und ein Widerstand,
     Wie ihn kein glcklich Auge noch gesehn.
     Zerrissen endlich fhrt sein Volk der Knig
     Vom Kampfplatz heim, und nicht ein Fubreit Erde
     Gewann es ihm, das grause Menschenopfer.

Wallenstein.
     Ersparen Sie's, uns aus dem Zeitungsblatt
     Zu melden, was wir schaudernd selbst erlebt.

Questenberg.
     Anklagen ist mein Amt und meine Sendung,
     Es ist mein Herz, was gern beim Lob verweilt.
     In Nrnbergs Lager lie der schwedische Knig
     Den Ruhm--in Ltzens Ebenen das Leben.
     Doch wer erstaunte nicht, als Herzog Friedland
     Nach diesem groen Tag wie ein Besiegter
     Nach Bheim floh, vom Kriegesschauplatz schwand,
     Indes der junge weimarische Held
     Ins Frankenland unaufgehalten drang,
     Bis an die Donau reiend Bahn sich machte
     Und stand mit einem Mal vor Regenspurg,
     Zum Schrecken aller gut kathol'schen Christen.
     Da rief der Bayern wohlverdienter Frst
     Um schnelle Hilf' in seiner hchsten Not,--
     Es schickt der Kaiser sieben Reitende
     An Herzog Friedland ab mit dieser Bitte
     Und fleht, wo er als Herr befehlen kann.
     Umsonst!  Es hrt in diesem Augenblick
     Der Herzog nur den alten Ha und Groll,
     Gibt das gemeine Beste preis, die Rachgier
     An einem alten Feinde zu vergngen.
     Und so fllt Regenspurg!

Wallenstein.
     Von welcher Zeit ist denn die Rede, Max?
     Ich hab gar kein Gedchtnis mehr.

Max.
     Er meint,
     Wie wir in Schlesien waren.

Wallenstein.
     So!  So!  So!
     Was aber hatten wir denn dort zu tun?

Max.
     Die Schweden draus zu schlagen und die Sachsen.

Wallenstein.
     Recht!  ber der Beschreibung da verge ich
     Den ganzen Krieg--

(Zu Questenberg.)

Nur weiter fortgefahren!

Questenberg.
     Am Oderstrom vielleicht gewann man wieder,
     Was an der Donau schimpflich ward verloren.
     Erstaunenswerte Dinge hoffte man
     Auf dieser Kriegesbhne zu erleben,
     Wo Friedland in Person zu Felde zog,
     Der Nebenbuhler Gustavs einen--Thurn
     Und einen Arnheim vor sich fand.  Und wirklich
     Geriet man nahe g'nug hier aneinander,
     Doch, um als Freund, als Gast sich zu bewirten.
     Ganz Deutschland seufzte unter Kriegeslast,
     Doch Friede war's im Wallensteinischen Lager.

Wallenstein.
     Manch blutig Treffen wird um nichts gefochten,
     Weil einen Sieg der junge Feldherr braucht.
     Ein Vorteil des bewhrten Feldherrn ist's,
     Da er nicht ntig hat, zu schlagen, um
     Der Welt zu zeigen, er versteh' zu siegen.
     Mir konnt' es wenig helfen, meines Glcks
     Mich ber einen Arnheim zu bedienen ;
     Viel ntzte Deutschland meine Migung,
     Wr' mir's geglckt, das Bndnis zwischen Sachsen
     Und Schweden, das verderbliche, zu lsen.

Questenberg.
     Es glckte aber nicht, und so begann
     Aufs neu das blut'ge Kriegesspiel.  Hier endlich
     Rechtfertigte der Frst den alten Ruhm.
     Auf Steinaus Feldern streckt das schwedische Heer
     Die Waffen, ohne Schwertstreich berwunden--
     Und hier, mit andern, lieferte des Himmels
     Gerechtigkeit den alten Aufruhrstifter,
     Die fluchbeladne Fackel dieses Kriegs,
     Matthias Thurn, des Rchers Hnden aus.
     --Doch in gromt'ge Hand war er gefallen:
     Statt Strafe fand er Lohn, und reich beschenkt
     Entlie der Frst den Erzfeind seines Kaisers.

Wallenstein.  (lacht)
     Ich wei, ich wei--Sie hatten schon in Wien
     Die Fenster, die Balkons vorausgemietet,
     Ihn auf dem Armensnderkarrn zu sehn--
     Die Schlacht htt' ich mit Schimpf verlieren mgen,
     Doch das vergeben mir die Wiener nicht,
     Da ich um ein Spektakel sie betrog.

Questenberg.
     Befreit war Schlesien, und alles rief
     Den Herzog nun ins hartbedrngte Bayern.
     Er setzt auch wirklich sich in Marsch--gemchlich
     Durchzieht er Bheim auf dem lngsten Wege;
     Doch eh' er noch den Feind gesehen, wendet
     Er schleunig um, bezieht sein Winterlager, drckt
     Des Kaisers Lnder mit des Kaisers Heer.

Wallenstein.
     Das Heer war zum Erbarmen, jede Notdurft, jede
     Bequemlichkeit gebrach--der Winter kam.
     Was denkt die Majestt von ihren Truppen?
     Sind wir nicht Menschen?  Nicht der Klt' und Nsse,
     Nicht jeder Notdurft sterblich unterworfen?
     Fluchwrdig Schicksal des Soldaten!  Wo
     Er hinkommt, flieht man vor ihm--wo er weggeht,
     Verwnscht man ihn!  Er mu sich alles nehmen;
     Man gibt ihm nichts, und jeglichem gezwungen
     Zu nehmen, ist er jeglichem ein Greuel.
     Hier stehen meine Generals.  Caraffa!
     Graf Deodati!  Buttler!  Sagt es ihm,
     Wie lang der Sold den Truppen ausgeblieben?

Buttler.
     Ein Jahr schon fehlt die Lhnung.

Wallenstein.
     Und sein Sold
     Mu dem Soldaten werden, darnach heit er!

Questenberg.
     Das klingt ganz anders, als der Frst von Friedland
     Vor acht, neun Jahren sich vernehmen lie.

Wallenstein.
     Ja, meine Schuld ist es, wei wohl, ich selbst
     Hab mir den Kaiser so verwhnt.  Da!  Vor neun Jahren
     Beim Dnenkriege, stellt' ich eine Macht ihm auf
     Von vierzigtausend Kpfen oder fnfzig,
     Die aus dem eignen Sckel keinen Deut
     Ihm kostete--Durch Sachsen Kreise zog
     Die Kriegesfurie, bis an die Schren
     Des Belts den Schrecken seines Namens tragend.
     Da war noch eine Zeit!  Im ganzen Kaiserstaate
     Kein Nam' geehrt, gefeiert wie der meine,
     Und Albrecht Wallenstein, so hie
     Der dritte Edelstein in seiner Krone!
     Doch auf dem Regenspurger Frstentag,
     Da brach es auf!  Da lag es kund und offen,
     Aus welchem Beutel ich gewirtschaft't hatte.
     Und was war nun mein Dank dafr, da ich,
     Ein treuer Frstenknecht, der Vlker Fluch
     Auf mich gebrdet--diesen Krieg, der nur
     Ihn gro gemacht, die Frsten zahlen lassen?
     Was?  Aufgeopfert wurd ich ihren Klagen,
     --Abgesetzt wurd ich.

Questenberg.
     Eure Gnaden wei,
     Wie sehr auf jenem unglcksvollen Reichstag
     Die Freiheit ihm gemangelt.

Wallenstein.
     Tod und Teufel!
     Ich hatte, was ihm Freiheit schaffen konnte.
     --Nein, Herr!  Seitdem es mir so schlecht bekam,
     Dem Thron zu dienen, auf des Reiches Kosten,
     Hab ich vom Reich ganz anders denken lernen.
     Vom Kaiser freilich hab ich diesen Stab,
     Doch fhr' ich jetzt ihn als des Reiches Feldherr,
     Zur Wohlfahrt aller, zu des Ganzen Heil,
     Und nicht mehr zur Vergrerung des einen!
     --Zur Sache doch.  Was ist's, das man von mir begehrt?

Questenberg.
     Frs erste wollen Seine Majestt,
     Da die Armee ohn' Aufschub Bhmen rume.

Wallenstein.
     In dieser Jahreszeit?  Und wohin will man,
     Da wir uns wenden?

Questenberg.
     Dahin, wo der Feind ist.
     Denn Seine Majestt will Regenspurg
     Vor Ostern noch vom Feind gesubert sehn,
     Da lnger nicht im Dome lutherisch
     Gepredigt werde--ketzerischer Greul
     Des Festes reine Feier nicht besudle.

Wallenstein.
     Kann das geschehen, meine Generals?

Illo.
     Es ist nicht mglich.

Buttler.
     Es kann nicht geschehn.

Questenberg.
     Der Kaiser hat auch schon dem Oberst Suys
     Befehl geschickt, nach Bayern vorzurcken.

Wallenstein.
     Was tat der Suys?

Questenberg.
     Was er schuldig war.
     Er rckte vor.

Wallenstein.
     Er rckte vor!  Und ich,
     Sein Chef, gab ihm Befehl, ausdrcklichen,
     Nicht von dem Platz zu weichen!  Steht es so
     Um mein Kommando?  Das ist der Gehorsam,
     Den man mir schuldig, ohne den kein Kriegsstand
     Zu denken ist?  Sie, meine Generale,
     Seien Richter!  Was verdient der Offizier,
     Der eidvergessen seine Ordre bricht?

Illo.
     Den Tod!

Wallenstein.  (da die brigen bedenklich schweigen, mit
     erhhter Stimme).
     Graf Piccolomini, was hat er
     Verdient?

Max.  (nach einer langen Pause)
     Nach des Gesetzes Wort--den Tod!

Isolani.
     Den Tod!

Buttler.
     Den Tod nach Kriegesrecht!

(Questenberg steht auf.  Wallenstein folgt, es erheben sich alle.)

Wallenstein.
     Dazu verdammt ihn das Gesetz, nicht ich!
     Und wenn ich ihn begnadige, geschieht's
     Aus schuld'ger Achtung gegen meinen Kaiser.

Questenberg.
     Wenn's so steht, hab ich hier nichts mehr zu sagen.

Wallenstein.
     Nur auf Bedingung nahm ich dies Kommando;
     Und gleich die erste war, da mir zum Nachteil
     Kein Menschenkind, auch selbst der Kaiser nicht,
     Bei der Armee zu sagen haben sollte.
     Wenn fr den Ausgang ich mit meiner Ehre
     Und meinem Kopf soll haften, mu ich Herr
     Darber sein.  Was machte diesen Gustav
     Unwiderstehlich, unbesiegt auf Erden?
     Dies: da er Knig war in seinem Heer!
     Ein Knig aber, einer, der es ist,
     Ward nie besiegt noch als durch seinesgleichen--
     Jedoch zur Sach'.  Das Beste soll noch kommen.

Questenberg.
     Der Kardinal-Infant wird mit dem Frhjahr
     Aus Mailand rcken und ein spanisch Heer
     Durch Deutschland nach den Niederlanden fhren.
     Damit er sicher seinen Weg verfolge,
     Will der Monarch, da hier aus der Armee
     Acht Regimenter ihn zu Pferd begleiten.

Wallenstein.
     Ich merk, ich merk--Acht Regimenter--Wohl!
     Wohl ausgesonnen, Pater Lamormain!
     Wr' der Gedank' nicht so verwnscht gescheit,
     Man wr' versucht, ihn herzlich dumm zu nennen.
     Achttausend Pferde!  Ja!  Ja!  es ist richtig,
     Ich seh es kommen.

Questenberg.
     Es ist nichts dahinter
     zu sehn.  Die Klugheit rt's, die Not gebeut's.

Wallenstein.
     Wie, mein Herr Abgesandter?  Ich soll's wohl
     Nicht merken, da man's mde ist, die Macht,
     Des Schwertes Griff in meiner Hand zu sehn?
     Da man begierig diesen Vorwand hascht,
     Den span'schen Namen braucht, mein Volk zu mindern,
     Ins Reich zu fhren eine neue Macht,
     Die mir nicht untergeben sei.  Mich so
     Gerad beiseit' zu werfen, dazu bin ich
     Euch noch zu mchtig.  Mein Vertrag erheischt's,
     Da alle Kaiserheere mir gehorchen,
     So weit die deutsche Sprach' geredet wird.
     Von span'schen Truppen aber und Infanten,
     Die durch das Reich als Gste wandernd ziehn,
     Steht im Vertrage nichts--Da kommt man denn
     So in der Stille hinter ihm herum,
     Macht mich erst schwcher, dann entbehrlich, bis
     Man krzeren Proze kann mit mir machen.
     --Wozu die krummen Wege, Herr Minister?
     Gerad heraus!  Den Kaiser drckt das Paktum
     Mit mir.  Er mchte gerne, da ich ginge.
     Ich will ihm den Gefallen tun, das war
     Beschlone Sache, Herr, noch eh' Sie kamen.
(Es entsteht eine Bewegung unter den Generalen, welche immer zunimmt.)
     Es tut mir leid um meine Obersten,
     Noch seh ich nicht, wie sie zu ihren vorgeschonen Geldern,
     Zum wohlverdienten Lohne kommen werden.
     Neu Regiment bringt neue Menschen auf,
     Und frheres Verdienst veraltet schnell.
     Es dienen viel Auslndische im Heer,
     Und war der Mann nur sonsten brav und tchtig,
     Ich pflegte eben nicht nach seinem Stammbaum
     Noch seinem Katechismus viel zu fragen.
     Das wird auch anders werden knftighin!
     Nun--mich geht's nichts mehr an.
(Er setzt sich.)

Max.
     Da sei Gott fr,
     Da es bis dahin kommen soll!--Die ganze
     Armee wird furchtbar grend sich erheben--
     Der Kaiser wird mibraucht, es kann nicht sein.

Isolani.
     Es kann nicht sein, denn alles ging' zu Trmmern.

Wallenstein.
     Das wird es, treuer Isolan.  Zu Trmmern
     wird alles gehn, was wir bedchtig bauten.
     Deswegen aber find't sich doch ein Feldherr,
     Und auch ein Kriegsheer luft noch wohl dem Kaiser
     Zusammen, wenn die Trommel wird geschlagen.

Max.  (geschftig, leidenschaftlich von einem zum andern
     gehend und sie besnftigend)
     Hr mich, mein Feldherr!  Hrt mich , Obersten!
     La dich beschwren, Frst!  Beschliee nichts,
     Bis wir zusammen Rat gehalten, dir
     Vorstellungen getan--Kommt, meine Freunde!
     Ich hoff, es ist noch alles herzustellen.

Terzky.
     Kommt, kommt!  im Vorsaal treffen wir die andern.

(Gehen.)

Buttler.  (zu Questenberg).
     Wenn guter Rat Gehr bei Ihnen findet,
     Vermeiden Sie's, in diesen ersten Stunden
     Sich ffentlich zu zeigen, schwerlich mchte Sie
     Der goldne Schlssel vor Mihandlung schtzen.

(Laute Bewegungen drauen.)

Wallenstein.
     Der Rat ist gut--Octavio, du wirst
     Fr unsers Gastes Sicherheit mir haften.
     Gehaben Sie sich wohl, von Questenberg!
(Als dieser reden will.)
     Nichts, nichts von dem verhaten Gegenstand!
     Sie taten Ihre Schuldigkeit.  Ich wei
     Den Mann von seinem Amt zu unterscheiden.
(Indem Questenberg mit dem Octavio abgehen will, dringen Gtz,
     Tiefenbach, Colalto herein, denen noch mehrere Kommandeurs folgen.)

Gtz.
     Wo ist er, der uns unsern General--

Tiefenbach.  (zugleich)
     Was mssen wir erfahren, du willst uns--

Colalto.  (zugleich)
     Wir wollen mit dir leben, mit dir sterben.

Wallenstein.  (mit Ansehen, indem er auf Illo zeigt).
     Hier der Feldmarschall wei um meinen Willen.

(Geht ab.)




Dritter Aufzug

Ein Zimmer



Erster Auftritt

Illo und Terzky.


Terzky.
     Nun sagt mir!  Wie gedenkt Ihr's diesen Abend
     Beim Gastmahl mit den Obristen zu machen?

Illo.
     Gebt acht!  Wir setzen eine Formel auf,
     Worin wir uns dem Herzog insgesamt
     Verschreiben, sein zu sein mit Leib und Leben,
     Nicht unser letztes Blut fr ihn zu sparen;
     Jedoch der Eidespflichten unbeschadet,
     Die wir dem Kaiser schuldig sind.  Merkt wohl!
     Die nehmen wir in einer eignen Klausel
     Ausdrcklich aus und retten das Gewissen.
     Nun hrt!  Die also abgefate Schrift
     Wird ihnen vorgelegt vor Tische, keiner
     Wird daran Ansto nehmen--Hrt nun weiter!
     Nach Tafel, wenn der trbe Geist des Weins
     Das Herz nun ffnet und die Augen schliet,
     Lt man ein unterschobnes Blatt, worin
     Die Klausel fehlt, zur Unterschrift herumgehn.

Terzky.
     Wie?  Denkt Ihr, da sie sich durch einen Eid
     Gebunden glauben werden, den wir ihnen
     Durch Gaukelkunst betrglich abgelistet?

Illo.
     Gefangen haben wir sie immer--Lat sie
     Dann ber Arglist schrein, so viel sie mgen.
     Am Hofe glaubt man ihrer Unterschrift
     Doch mehr als ihrem heiligsten Beteuern.
     Verrter sind sie einmal, mssen's sein,
     So machen sie aus der Not wohl eine Tugend.

Terzky.
     Nun, mir ist alles lieb, geschieht nur was,
     Und rcken wir nur einmal von der Stelle.

Illo.
     Und dann--liegt auch so viel nicht dran, wie weit
     Wir damit langen bei den Generalen,
     Genug, wenn wir's dem Herrn nur berreden,
     Sie seien sein--denn handelt er nur erst
     Mit seinem Ernst, als ob er sie schon htte,
     So hat er sie und reit sie mit sich fort.

Terzky.
     Ich kann mich manchmal gar nicht in ihn finden.
     Er leiht dem Feind sein Ohr, lt mich dem Thurn,
     Dem Arnheim schreiben, gegen den Sesina
     Geht er mit khnen Worten frei heraus,
     Spricht stundenlang mit uns von seinen Planen,
     Und mein ich nun, ich hab' ihn--weg auf einmal
     Entschlpft er, und es scheint, als wr' es ihm
     Um nichts zu tun, als nur am Platz zu bleiben.

Illo.
     Er seine alten Plane aufgegeben!
     Ich sag Euch, da er wachend, schlafend mit
     Nichts anderm umgeht, da er Tag fr Tag
     Deswegen die Planeten fragt--

Terzky.
     Ja, wit Ihr,
     Da er sich in der Nacht, die jetzo kommt,
     Im astrologischen Turme mit dem Doktor
     Einschlieen wird und mit ihm observieren?
     Denn es soll eine wicht'ge Nacht sein, hr' ich,
     Und etwas Groes, Langerwartetes
     Am Himmel vorgehn.

Illo.
     Wenn's hier unten nur geschieht.
     Die Generale sind voll Eifer jetzt
     Und werden sich zu allem bringen lassen,
     Nur um den Chef nicht zu verlieren.  Seht!
     So haben wir den Anla vor der Hand
     Zu einem engen Bndnis widern Hof.
     Unschuldig ist der Name zwar, es heit,
     Man will ihn beim Kommando blo erhalten.
     Doch wit Ihr, in der Hitze des Verfolgens
     Verliert man bald den Anfang aus den Augen.
     Ich denk es schon zu karten, da der Frst
     Sie willig finden--willig glauben soll
     Zu jedem Wagstck.  Die Gelegenheit
     Soll ihn verfhren.  Ist der groe Schritt
     Nur erst getan, den sie zu Wien ihm nicht verzeihn,
     So wird der Notzwang der Begebenheiten
     Ihn weiter schon und weiter fhren.  Nur
     Die Wahl ist's, was ihm schwer wird; drngt die Not,
     Dann kommt ihm seine Strke, seine Klarheit.

Terzky.
     Das ist es auch, worauf der Feind nur wartet,
     Das Heer uns zuzufhren.

Illo.
     Kommt!  Wir mssen
     Das Werk in diesen nchsten Tagen weiter frdern,
     Als es in Jahren nicht gedieh--Und steht's
     Nur erst hier unten glcklich, gebet acht,
     So werden auch die rechten Sterne scheinen!
     Kommt zu den Obersten.  Das Eisen mu
     Geschmiedet werden, weil es glht.

Terzky.
     Geht Ihr hin, Illo.
     Ich mu die Grfin Terzky hier erwarten.
     Wit, da wir auch nicht mig sind--wenn ein
     Strick reit, ist schon ein andrer in Bereitschaft.

Illo.
     Ja, Eure Hausfrau lchelte so listig.
     Was habt Ihr?

Terzky.
     Ein Geheimnis!  Still!  Sie kommt!

(Illo geht ab.)



Zweiter Auftritt

Graf und Grfin Terzky, die aus einem Kabinett heraustritt,
     hernach ein Bedienter, darauf Illo.


Terzky.
     Kommt sie?  Ich halt ihn lnger nicht zurck.

Grfin.
     Gleich wird sie da sein.  Schick ihn nur.

Terzky.
     Zwar wei ich nicht, ob wir uns Dank damit
     Beim Herrn verdienen werden.  ber diesen Punkt,
     Du weit's, hat er sich nie herausgelassen.
     Du hast mich berredet und mu wissen,
     Wie weit du gehen kannst.

Grfin.
     Ich nehm's auf mich.
(Fr sich.)
     Es braucht hier keiner Vollmacht--Ohne Worte, Schwager,
     Verstehn wir uns--Errat ich etwa nicht,
     Warum die Tochter hergeforder worden,
     Warum just er gewhlt, sie abzuholen?
     Denn dieses vorgespiegelte Verlbnis
     Mit einem Brutigam, den niemand kennt,
     Mag andre blenden!  Ich durchschaue dich--
     Doch dir geziemt es nicht, in solchem Spiel
     Die Hand zu haben.  Nicht doch!  Meiner Feinheit
     Bleibt alles berlassen.  Wohl!--Du sollst
     Dich in der Schwester nicht betrogen haben.

Bedienter.  (kommt)
     Die Generale!

(Ab.)

Terzky.  (zur Grfin)
     Sorg nur, da du ihm
     Den Kopf recht warm machst, was zu denken gibst--
     Wenn er zu Tisch kommt, da er sich nicht lange
     Bedenke bei der Unterschrift.

Grfin.
     Sorg du fr deine Gste!  Geh und schick ihn.

Terzky.
     Denn alles liegt dran, da er unterschreibt.

Grfin.
     Zu deinen Gsten.  Geh!

Illo.  (kommt zurck)
     Wo bleibt Ihr, Terzky?
     Das Haus ist voll, und alles wartet Euer.

Terzky.
     Gleich!  Gleich!
(zur Grfin.)  Und da er nicht zu lang verweilt--
     Es mchte bei dem Alten sonst Verdacht--

Grfin.
     Unnt'ge Sorgfalt!

(Terzky und Illo gehen.)



Dritter Auftritt

Grfin Terzky.  Max Piccolomini.


Max.  (blickt schchtern herein).
     Base Terzky!  Darf ich?

(Tritt bis in die Mitte des Zimmers, wo er sich unruhig umsieht.)

Sie ist nicht da!  Wo ist sie?

Grfin.
     Sehen sie nur recht
     In jene Ecke, ob sie hinterm Schirm
     Vielleicht versteckt--

Max.
     Da liegen ihre Handschuh!

(Will hastig darnach greifen, Grfin nimmt sie zu sich.)

Ungt'ge Tante!  Sie verleugnen mir--
     Sie haben Ihre Lust dran, mich zu qulen.

Grfin.
     Der Dank fr meine Mh!

Max.
     Oh!  fhlten Sie,
     Wie mir zumute ist!--Seitdem wir hier sind--
     So an mich halten, Wort' und Blicke wgen!
     Das bin ich nicht gewohnt!

Grfin.
     Sie werden sich
     An manches noch gewhnen , schner Freund!
     Auf dieser Probe Ihrer Folgsamkeit
     Mu ich durchaus bestehn, nur unter der Bedingung
     Kann ich mich berall damit befassen.

Max.
     Wo aber ist sie?  Warum kommt sie nicht?

Grfin.
     Sie mssen's ganz in meine Hnde legen.
     Wer kann es besser auch mit Ihnen meinen !
     Kein Mensch darf wissen, auch Ihr Vater nicht,
     Der gar nicht!

Max.
     Damit hat's nicht Not.  Es ist
     Hier kein Gesicht, an das ich's richten mchte,
     Was die entzckte Seele mir bewegt.
     --O Tante Terzky!  Ist denn alles hier
     Verndert, oder bin nur ich's?  Ich sehe mich
     Wie unter fremden Menschen.  Keine Spur
     Von meinen vor'gen Wnschen mehr und Freuden.
     Wo ist das alles hin?  Ich war doch sonst
     In eben dieser Welt nicht unzufrieden.
     Wie schal ist alles nun und wie gemein!
     Die Kameraden sind mir unertrglich,
     Der Vater selbst, ich wei ihm nichts zu sagen,
     Der Dienst, die Waffen sind mir eitler Tand.
     So mt' es einem sel'gen Geiste sein,
     Der aus den Wohnungen der ew'gen Freude
     Zu seinen Kinderspielen und Geschften,
     Zu seinen Neigungen und Brderschaften,
     Zur ganzen armen Menschheit wiederkehrte.

Grfin.
     Doch mu ich bitten, ein'ge Blicke noch
     Auf diese ganz gemeine Welt zu werfen,
     Wo eben jetzt viel Wichtiges geschieht.

Max.
     Es geht hier etwas vor um micht, ich seh's
     An ungewhnlich treibender Bewegung;
     Wenn's fertig ist, kommt's wohl auch bis zu mir.
     Wo denken Sie, da ich gewesen, Tante?
     Doch keinen Spott!  Mich ngstigte des Lagers
     Gewhl, die Flut zudringlicher Bekannten,
     Der fade Scherz, das nichtige Gesprch,
     Es wurde mir zu eng, ich mute fort,
     Stillschweigen suchen diesem vollen Herzen
     Und eine reine Stelle fr mein Glck.
     Kein Lcheln, Grfin!  In der Kirche war ich.
     Es ist ein Kloster hier, zu Himmelspforte,
     Da ging ich hin, da fand ich mich allein.
     Ob dem Altar hing eine Mutter Gottes,
     Ein schlecht Gemlde war's, doch war's der Freund,
     Den ich in diesem Augenblicke suchte.
     Wie oft hab ich die Herrliche gesehn
     In ihrem Glanz, die Inbrunst der Verehrer--
     Es hat mich nicht gerhrt, und jetzt auf einmal
     Ward mir die Andacht klar, so wie die Liebe.

Grfin.
     Genieen Sie Ihr Glck.  Vergessen Sie
     Die Welt um sich herum.  Es soll die Freundschaft
     Indessen wachsam fr Sie sorgen, handeln.
     Nur sei'n Sie dann auch lenksam, wenn man Ihnen
     Den Weg zu Ihrem Glcke zeigen wird.

Max.
     Wo aber bleibt sie denn!--Oh!  goldne Zeit
     Der Reise, wo uns jede neue Sonne
     Vereinigte, die spte Nacht nur trennte!
     Da rann kein Sand, und keine Glocke schlug.
     Es schien die Zeit dem berselign
     In ihrem ew'gen Laufe stillzustehen.
     Oh!  der ist aus dem Himmel schon gefallen,
     Der an der Stunden Wechsel denken mu!
     Die Uhr schlgt keinem Glcklichen.

Grfin.
     Wie lang ist es, da Sie Ihr Herz entdeckten?

Max.
     Heut frh wagt' ich das erste Wort.

Grfin.
     Wie?  Heute erst in diesen zwanzig Tagen?

Max.
     Auf jenem Jagdschlo war es, zwischen hier
     Und Nepomuk, wo Sie uns eingeholt,
     Der letzten Station des ganzen Wegs.
     In einem Erker standen wir, den Blick
     Stumm in das de Feld hinaus gerichtet,
     Und vor uns ritten die Dragoner auf,
     Die uns der Herzog zum Geleit gesendet.
     Schwer lag auf mir des Scheidens Bangigkeit,
     Und zitternd endlich wagt' ich dieses Wort:
     Dies alles mahnt mich, Frulein, da ich heut
     Von meinem Glcke scheiden mu.  Sie werden
     In wenig Stunden einen Vater finden,
     Von neuen Freunden sich umgeben sehn,
     Ich werde nun ein Fremder fr Sie sein,
     Verloren in der Menge--"Sprechen Sie
     Mit meiner Base Terzky!" fiel sie schnell
     Mir ein, die Stimme zitterte, ich sah
     Ein glhend Rot die schnen Wangen frben,
     Und von der Erde langsam sich erhebend
     Trifft mich ihr Auge--ich beherrsche mich
     Nich lnger--

(Die Prinzessin erscheint an der Tre und bleibt stehen, von der
     Grfin, aber nicht von Piccolomini bemerkt.)

--fasse khn sie in die Arme,
     Mein Mund berhrt den ihrigen--da rauscht' es
     Im nahen Saal und trennte uns--Sie waren's.
     Was nun geschehen, wissen Sie.

Grfin.  (nach einer Pause mit einem verstohlnen Blick auf Thekla)
     Und sind Sie so bescheiden oder haben
     So wenig Neugier, da Sie mich nicht auch
     Um mein Geheimnis fragen?

Max.
     Ihr Geheimnis?

Grfin.
     Nun ja!  Wie ich unmittelbar nach Ihnen
     Ins Zimmer trat, wie ich die Nichte fand,
     Was sie in diesem ersten Augenblick
     Der berraschten Herzens--

Max.  (lebhaft)
     Nun?



Vierter Auftritt

Vorige.  Thekla, welche schnell hervortritt.


Thekla.
     Spart Euch die Mhe, Tante!
     Das hrt er besser von mir selbst.

Max.  (tritt zurck)
     Mein Frulein!--
     Was lieen Sie mich sagen, Tante Terzky!

Thekla.  (zur Grfin)
     Ist er schon lange hier?

Grfin.
     Jawohl, und seine Zeit ist bald vorber.
     Wo bleibt Ihr auch so lang?

Thekla.
     Die Mutter weinte wieder so.  Ich seh sie leiden
     --Und kann's nicht ndern, da ich glcklich bin.

Max.  (in ihren Anblick verloren)
     Jetzt hab ich wieder Mut , Sie anzusehn.
     Heut konnt' ich's nicht.  Der Glanz der Edelsteine,
     Der Sie umgab, verbarg mir die Geliebte.

Thekla.
     So sah mich nur Ihr Auge, nicht Ihr Herz.

Max.
     Oh!  diesen Morgen, als ich Sie im Kreise
     Der Ihrigen, in Vaters Armen fand,
     Mich einen Fremdling sah in diesem Kreise--
     Wie drngte mich's in diesem Augenblick,
     Ihm um den Hals zu fallen, Vater ihn
     Zu nennen!  Doch sein strenges Auge hie
     Die heftig wallende Empfindung schweigen,
     Und jene Diamanten schreckten mich,
     Die wie ein Kranz von Sternen Sie umgaben.
     Warum auch mut' er beim Empfange gleich
     Den Bann um Sie verbreiten, gleich zum Opfer
     Den Engel schmcken, auf das heitre Herz
     Die traur'ge Brde seines Standes werfen!
     Wohl darf die Liebe werben um die Liebe,
     Doch solchem Glanz darf nur ein Knig nahn.

Thekla.
     Oh!  still von dieser Mummerei.  Sie sehn,
     Wie schnell die Brde abgeworfen ward.
(Zur Grfin.)
     Er ist nicht heiter.  Warum ist er's nicht?
     Ihr, Tante, habt ihn mir so schwer gemacht!
     War er doch ein ganz andrer auf der Reise!
     So ruhig hell!  So froh beredt!  Ich wnschte,
     Sie immer so zu sehn und niemals anders.

Max.
     Sie fanden sich, in Ihres Vaters Armen,
     In einer neuen Welt, die Ihnen huldigt,
     Wr's auch durch Neuheit nur, Ihr Auge reizt.

Thekla.
     Ja!  Vieles reizt mich hier, ich will's nicht leugnen,
     Mich reizt die bunte, kriegerische Bhne,
     Die vielfach mir ein liebes Bild erneuert,
     Mir an das Leben, an die Wahrheit knpft,
     Was mir ein schner Traum nur hat geschienen.

Max.
     Mir machte sie mein wirklich Glck zum Traum.
     Auf einer Insel in des thers Hhn
     Hab' ich gelebt in diesen letzten Tagen;
     Sie hat sich auf die Erd' herabgelassen,
     Und diese Brcke, die zum alten Leben
     Zurck mich bringt, trennt mich von meinem Himmel.

Thekla.
     Das Spiel des Lebens sieht sich heiter an,
     Wenn man den sichern Schatz im Herzen trgt,
     Und froher kehr ich, wenn ich es gemustert,
     Zu meinem schnern Eigentum zurck--
(Abbrechend, und in einem scherzhaften Ton.)
     Was hab ich Neues nicht und Unerhrtes
     In dieser kurzen Gegenwart gesehn!
     Und doch mu alles dies dem Wunder weichen,
     Das dieses Schlo geheimnisvoll verwahrt.

Grfin.  (nachsinnend)
     Was wre das?  Ich bin doch auch bekannt
     In allen dunklen Ecken dieses Hauses.

Thekla.  (lchelnd)
     Von Geistern wird der Weg dazu beschtzt,
     Zwei Greife halten Wache an der Pforte.

Grfin.  (lacht)
     Ach so!  der astrologische Turm!  Wie hat sich
     Dies Heiligtum, das sonst so streng verwahrt wird,
     Gleich in den ersten Stunden Euch geffnet?

Thekla.
     Ein kleiner, alter Mann mit weien Haaren
     Und freundlichem Gesicht, der seine Gunst
     Mir gleich geschenkt, schlo mir die Pforten auf.

Max.
     Das ist des Herzogs Astrolog, der Seni.

Thekla.
     Er fragte mich nach vielen Dingen, wann ich
     Geboren sei, in welchem Tag und Monat,
     Ob eine Tages--oder Nachtgeburt--

Grfin.
     Weil er das Horoskop Euch stellen wollte.

Thekla.
     Auch meine Hand besah er, schttelte
     Das Haupt bedenklich, und es schienen ihm
     Die Linien nicht eben zu gefallen.

Grfin.
     Wie fandet Ihr es denn in diesem Saal?
     Ich hab mich stets nur flchtig umgesehn.

Thekla.
     Es ward mir wunderbar zumut, als ich
     Aus vollem Tageslichte schnell hineintrat,
     Denn eine dstre Nacht umgab mich pltzlich,
     Von seltsamer Beleuchtung schwach erhellt.
     In einem Halbkreis standen um mich her
     Sechs oder sieben groe Knigsbilder,
     Den Zepter in der Hand, und auf dem Haupt
     Trug jedes einen Stern, und alles Licht
     Im Turm schien von den Sternen nur zu kommen.
     Das wren die Planeten, sagte mir
     Mein Fhrer, sie regierten das Geschick,
     Drum seien sie als Knige gebildet.
     Der uerste, ein grmlich finstrer Greis
     Mit dem trbgelben Stern, sei der Saturnus;
     Der mit dem roten Schein, grad von ihm ber,
     In kriegerischer Rstung, sei der Mars,
     Und beide bringen wenig Glck den Menschen.
     Doch eine schne Frau stand ihm zur Seite,
     Sanft schimmerte der Stern auf ihrem Haupt,
     Das sei die Venus, das Gestirn der Freude.
     Zur linken Hand erschien Merkur geflgelt,
     Ganz in der Mitte glnzte silberhell
     Ein heitrer Mann, mit einer Knigsstirn,
     Das sei der Jupiter, des Vaters Stern,
     Und Mond und Sonne standen ihm zur Seite.

Max.
     Oh!  nimmer will ich seinen Glauben schelten
     An der Gestirne, an der Geister Macht.
     Nicht blo der Stolz des Menschen fllt den Raum
     Mit Geistern, mit geheimnisvollen Krften,
     Auch fr ein liebend Herz ist die gemeine
     Natur zu eng, und tiefere Bedeutung
     Liegt in dem Mrchen meiner Kinderjahre
     Als in der Wahrheit, die das Leben lehrt.
     Die heitre Welt der Wunder ist's allein,
     Die dem entzckten Herzen Antwort gibt,
     Die ihre ew'gen Rume mir erffnet,
     Mir tausend Zweige reich entgegenstreckt,
     Worauf der trunkne Geist sich selig wiegt.
     Die Fabel ist der Liebe Heimatwelt,
     Gern wohnt sie unter Feen, Talismanen,
     Glaubt gern an Gtter, weil sie gttlich ist.
     Die alten Fabelwesen sind nicht mehr,
     Das reizende Geschlecht ist ausgewandert;
     Doch eine Sprache braucht das Herz, es bringt
     Der alte Trieb die alten Namen wieder,
     Und an dem Sternenhimmel gehn sie jetzt,
     Die sonst im Leben freundlich mitgewandelt.
     Dort winken sie dem Liebenden herab,
     Und jedes Groe bringt uns Jupiter
     Noch diesen Tag, und Venus jedes Schne.

Thekla.
     Wenn das die Sternenkunst ist, will ich froh
     Zu diesem heitern Glauben mich bekennen.
     Es ist ein holder, freundlicher Gedanke,
     Da ber uns, in unermenen Hhn,
     Der Liebe Kranz aus funkelnden Gestirnen,
     Da wir erst wurden, schon geflochten ward.

Grfin.
     Nicht Rosen blo, auch Dornen hat der Himmel,
     Wohl dir!  wenn sie den Kranz dir nicht verletzen.
     Was Venus band, die Bringerin des Glcks,
     Kann Mars, der Stern des Unglcks, schnell zerreien.

Max.
     Bald wird sein dstres Reich zu Ende sein!
     Gesegnet sei des Frsten ernster Eifer,
     Er wird den lzweig in den Lorbeer flechten
     Und der erfreuten Welt den Frieden schenken.
     Dann hat sein groes Herz nichts mehr zu wnschen,
     Er hat genug fr seinen Ruhm getan,
     Kann jetzt sich selber leben und den Seinen.
     Auf seine Gter wird er sich zurckziehn,
     Er hat zu Gitschin einen schnen Sitz,
     Auch Reichenberg, Schlo Friedland liegen heiter--
     Bis an den Fu der Riesenberge hin
     Streckt sich das Jagdgehege seiner Wlder.
     Dem groen Trieb, dem prchtig schaffenden,
     Kann er dann ungebunden frei willfahren.
     Da kann er frstlich jede Kunst ermuntern
     Und alles wrdig Herrliche beschtzen--
     Kann bauen, pflanzen, nach den Sternen sehn--
     Ja, wenn die khne Kraft nicht ruhen kann,
     So mag er kmpfen mit dem Element,
     Den Flu ableiten und den Felsen sprengen
     Und dem Gewerb die leichte Strae bahnen.
     Aus unsern Kriegsgeschichten werden dann
     Erzhlungen in langen Winternchten--

Grfin.
     Ich will denn doch geraten haben, Vetter,
     Den Degen nicht zu frhe wegzulegen.
     Denn eine Braut wie die ist es wohl wert,
     Da mit dem Schwert um sie geworben werde.

Max.
     Oh!  wre sie mit Waffen zu gewinnen!

Grfin.
     Was war das?  Hrt ihr nichts?--Mir war's, als hrt' ich
     Im Tafelzimmer heft'gen Streit und Lrmen.

(Sie geht hinaus.)



Fnfter Auftritt

Thekla und Max Piccolomini.


Thekla.  (sobald die Grfin sich entfernt hat, schnell und
     heimlich zu Piccolomini)
     Trau ihnen nicht.  Sie meinen's falsch.

Max.
     Sie knnten--

Thekla.
     Trau niemand hier als mir.  Ich sah es gleich,
     Sie haben einen Zweck.

Max.
     Zweck!  Aber welchen?
     Was htten sie davon, uns Hoffnungen--

Thekla.
     Das wei ich nicht.  Doch glaub mir, es ist nicht
     Ihr Ernst, uns zu beglcken, zu verbinden.

Max.
     Wozu auch diese Terzkys?  Haben wir
     Nicht deine Mutter?  Ja, die Gtige
     Verdient's, da wir uns kindlich ihr vertrauen.

Thekla.
     Sie liebt dich, schtzt dich hoch vor allen andern,
     Doch nimmer htte sie den Mut, ein solch
     Geheimnis vor dem Vater zu bewahren.
     Um ihrer Ruhe willen mu es ihr
     Verschwiegen bleiben.

Max.
     Warum berall
     Auch das Geheimnis?  Weit du, was ich tun will?
     Ich werfe mich zu deines Vaters Fen,
     Er soll mein Glck entscheiden, er ist wahrhaft,
     Ist unverstellt und hat die krummen Wege,
     Er ist so gut, so edel--

Thekla.
     Das bist du!

Max.
     Du kennst ihn erst seit heut.  Ich aber lebe
     Schon zehen Jahre unter seinen Augen.
     Ist's denn das erste Mal, da er das Seltne,
     Das Ungehoffte tut?  Es sieht ihm gleich,
     Zu berraschen wie ein Gott, er mu
     Entzcken stets und in Erstaunen setzen.
     Wer wei, ob er in diesem Augenblick
     Nicht mein Gestndnis, deines blo erwartet,
     Uns zu vereinigen--Du schweigst?  Du siehst
     Mich zweifelnd an?  Was hast du gegen deinen Vater?

Thekla.
     Ich?  Nichts--Nur zu beschftigt find ich ihn,
     Als da er Zeit und Mue knnte haben,
     An unser Glck zu denken.
(Ihn zrtlich bei der Hand fassend.)
     Folge mir!
     La nicht zu viel uns an die Menschen glauben.
     Wir wollen diesen Terzkys dankbar sein
     Fr jede Gunst, doch ihnen auch nicht mehr
     Vertrauen, als sie wrdig sind, und uns
     Im brigen--auf unser Herz verlassen.

Max.
     Oh!  werden wir auch jemals glcklich werden!

Thekla.
     Sind wir's denn nicht?  Bist du nicht mein?  Bin ich
     Nicht dein?--In meiner Seele lebt
     Ein hoher Mut, die Liebe gibt ihn mir--
     Ich sollte minder offen sein, mein Herz
     Dir mehr verbergen, also will's die Sitte.
     Wo aber wre Wahrheit hier fr dich,
     Wenn du sie nicht auf meinem Munde findest?
     Wir haben uns gefunden, halten uns
     Umschlungen, fest und ewig.  Glaube mir!
     Das ist um vieles mehr, als sie gewollt.
     Drum la es uns wie einen heil'gen Raub
     In unsers Herzens Innerstem bewahren.
     Aus Himmels Hhen fiel es uns herab,
     Und nur dem Himmel wollen wir's verdanken.
     Es kann ein Wunder fr uns tun.



Sechster Auftritt

Grfin Terzky zu den Vorigen.


Grfin.  (pressiert)
     Mein Mann schickt her.  Es sei die hchste Zeit.
     Er soll zur Tafel--
(Da jene nicht darauf achten, tritt sie zwischen sie.)
     Trennt euch!

Thekla.
     Oh!  nicht doch!
     Es ist ja kaum ein Augenblick.

Grfin.
     Die Zeit vergeht Euch schnell, Prinzessin Nichte.

Max.
     Es eilt nicht, Base.

Grfin.
     Fort!  Fort!  Man vermit Sie.
     Der Vater hat sich zweimal schon erkundigt.

Thekla.
     Ei nun!  der Vater!

Grfin.
     Das versteht Ihr, Nichte.

Thekla.
     Was soll er berall bei der Gesellschaft?
     Es ist sein Umgang nicht, es mgen wrd'ge,
     Verdiente Mnner sein, er aber ist
     Fr sie zu jung, taugt nicht in die Gesellschaft.

Grfin.
     Ihr mchtet ihn wohl lieber ganz behalten?

Thekla.  (lebhaft).
     Ihr habt's getroffen.  Das ist meine Meinung.
     Ja, lat ihn ganz hier, lat den Herren sagen--

Grfin.
     Habt Ihr den Kopf verloren, Nichte?--Graf!
     Sie wissen die Bedingungen.

Max.
     Ich mu gehorchen, Frulein.  Leben Sie wohl.

(Da Thekla sich schnell von ihm wendet.)

Was sagen Sie?

Thekla.  (ohne ihn anzusehen)
     Nichts.  Gehen Sie.

Max.
     Kann ich's,
     Wenn Sie mir zrnen--

(Er nhert sich ihr, ihre Augen begegnen sich, sie steht einen
     Augenblick schweigend, dann wirft sie sich ihm an die Brust, er
     drckt sie fest an sich.)

Grfin.
     Weg!  Wenn jemand kme!
     Ich hre Lrmen--Fremde Stimmen nahen.

(Max reit sich aus ihren Armen und geht, die Grfin begleitet ihn.
     Thekla folgt ihm anfangs mit den Augen, geht unruhig durch das Zimmer
     und bleibt dann in Gedanken versenkt stehen.  Eine Gitarre liegt auf
     dem Tisch, sie ergreift sie, und nachdem sie eine Weile schwermtig
     prludiert hat, fllt sie in den Gesang.)



Siebenter Auftritt


Thekla.  (spielt und singt)
     Der Eichwald brauset, die Wolken ziehn,
     Das Mgdlein wandelt an Ufers Grn,
     Es bricht sich die Welt mit Macht, mit Macht,
     Und sie singt hinaus in die finstre Nacht.
     Das Auge von Weinen getrbet.
     Das Herz ist gestorben, die Welt ist leer,
     Und weiter gibt sie dem Wunsche nichts mehr.
     Du Heilige, rufe dein Kind zurck,
     Ich habe genossen das irdische Glck,
     Ich habe gelebt und geliebet.



Achter Auftritt

Grfin kommt zurck.  Thekla.


Grfin.
     Was war das, Frulein Nichte?  Fy!  Ihr werft Euch
     Ihm an den Kopf.  Ihr solltet Euch doch, dcht' ich,
     Mit Eurer Person ein wenig teurer machen.

Thekla.  (indem sie aufsteht)
     Was meint Ihr, Tante?

Grfin.
     Ihr sollt nicht vergessen,
     Wer Ihr seid, und wer er ist.  Ja, das ist Euch
     Noch gar nicht eingefallen, glaub ich.

Thekla.
     Was denn?

Grfin.
     Da Ihr des Frsten Friedland Tochter seid.

Thekla.
     Nun?  und was mehr?

Grfin.
     Was?  Eine schne Frage!

Thekla.
     Was wir geworden sind, ist er geboren.
     Er ist von alt lombardischem Geschlecht,
     Ist einer Frstin Sohn!

Grfin.
     Sprecht Ihr im Traum?
     Frwahr!  Man wird ihn hflich noch drum bitten,
     Die reichste Erbin in Europa zu beglcken
     Mit seiner Hand.

Thekla.
     Das wird nicht ntig sein.

Grfin.
     Ja, man wird wohl tun, sich nicht auszusetzen.

Thekla.
     Sein Vater liebt ihn, Graf Octavio
     Wird nichts dagegen haben--

Grfin.
     Sein Vater!  Seiner!  Und der Eure, Nichte?

Thekla.
     Nun ja!  Ich denk, Ihr frchtet seinen Vater,
     Weil Ihr's vor dem, vor seinem Vater, mein ich,
     So sehr verheimlicht.

Grfin.  (sieht sie forschend an)
     Nichte, Ihr seid falsch.

Thekla.
     Seid Ihr empfindlich, Tante?  Oh!  seid gut!

Grfin.
     Ihr haltet Euer Spiel schon fr gewonnen--
     Jauchzt nicht zu frhe!

Thekla.
     Seid nur gut!

Grfin.
     Es ist noch nicht so weit.

Thekla.
     Ich glaub es wohl.

Grfin.
     Denkt Ihr, er habe sein bedeutend Leben
     In kriegerischer Arbeit aufgewendet,
     Jedwedem stillen Erdenglck entsagt,
     Den Schlaf von seinem Lager weggebannt,
     Sein edles Haupt der Sorge hingegeben,
     Nur um ein glcklich Paar aus euch zu machen?
     Um dich zuletzt aus deinem Stift zu ziehn,
     Den Mann dir im Triumphe zuzufhren,
     Der deinen Augen wohlgefllt?--Das htt' er
     Wohlfeiler habe knnen!  Diese Saat
     Ward nicht gepflanzt, da du mit kind'scher Hand
     Die Blume brchest und zu leichten Zier
     An deinen Busen stecktest!

Thekla.
     Was er mir nicht gepflanzt, das knnte doch
     Freiwillig mir die schnen Frchte tragen.
     Und wenn mein gtig freundliches Geschick
     Aus seinem furchtbar ungeheuren Dasein
     Des Lebens Freude mir bereiten will--

Grfin.
     Du siehst's wie ein verliebtes Mdchen an.
     Blick um dich her.  Besinn dich, wo du bist--
     Nicht in ein Freudenhaus bist du getreten,
     Zu keiner Hochzeit findest du die Wnde
     Geschmckt, der Gste Haupt bekrnzt.  Hier ist
     Kein Glanz als der von Waffen.  Oder denkst du,
     Man fhrte diese Tausende zusammen,
     Beim Brautfest dir den Reihen aufzufhren?
     Du siehst des Vaters Stirn gedankenvoll,
     Der Mutter Aug' in Trnen, auf der Waage liegt
     Das groe Schicksal unsers Hauses!
     La jetzt des Mdchens kindische Gefhle,
     Die kleinen Wnsche hinter dir!  Beweise,
     Da du des Auerordentlichen Tochter bist!
     Das Weib soll sich nicht selber angehren,
     An fremdes Schicksal ist sie fest gebunden;
     Die aber ist die Beste, die sich Fremdes
     Aneignen kann mit Wahl, an ihrem Herzen
     Es trgt und pflegt mit Innigkeit und Liebe.

Thekla.
     So wurde mir's im Kloster vorgesagt.
     Ich hatte keine Wnsche, kannte mich
     Als seine Tochter nur, des Mchtigen,
     Und seines Lebens Schall, der auch zu mir drang,
     Gab mir kein anderes Gefhl als dies:
     Ich sei bestimmt, mich leidend ihm zu opfern.

Grfin.
     Das ist dein Schicksal.  Fge dich ihm willig.
     Ich und die Mutter geben dir das Beispiel.

Thekla.
     Das Schicksal hat mir den gezeigt, dem ich
     Mich opfern soll; ich will ihm freudig folgen.

Grfin.
     Dein Herz, mein liebes Kind, und nicht das Schicksal.

Thekla.
     Der Zug des Herzens ist des Schicksals Stimme.
     Ich bin die Seine.  Sein Geschenk allein
     Ist dieses neue Leben, das ich lebe.
     Er hat ein Recht an sein Geschpf.  Was war ich,
     Eh' seine schne Liebe mich beseelte?
     Ich will auch von mir selbst nicht kleiner denken
     Als der Geliebte.  Der kann nicht gering sein,
     Der das Unschtzbare besitzt.  Ich fhle
     Die Kraft mit meinem Glcke mir verliehn.
     Ernst liegt das Leben vor der ernsten Seele.
     Da ich mir selbst gehre, wei ich nun.
     Den festen Willen hab ich kennen lernen,
     Den unbezwinglichen, in meiner Brust,
     Und an das Hchste kann ich alles setzen.

Grfin.
     Du wolltest dich dem Vater widersetzen,
     Wenn er es anders nun mit dir beschlossen?
     --Ihm denkst du's abzuzwingen?  Wisse, Kind!
     Sein Nam' ist Friedland.

Thekla.
     Auch der meinige.
     Er soll in mir die echte Tochter finden.

Grfin.
     Wie?  Sein Monarch, sein Kaiser zwingt ihn nicht,
     Und du, sein Mdchen, wolltest mit ihm kmpfen?

Thekla.
     Was niemand wagt, kann seine Tochter wagen.

Grfin.
     Nun wahrlich!  Darauf ist er nicht bereitet.
     Er htte jedes Hindernis besiegt,
     Und in dem eignen Willen seiner Tochter
     Sollt' ihm der neue Streit entstehn?  Kind!  Kind!
     Noch hast du nur das Lcheln deines Vaters,
     Hast seines Zornes Auge nicht gesehen.
     Wird sich die Stimme deines Widerspruchs,
     Die zitternde, in seine Nhe wagen?
     Wohl magst du dir, wenn du allein bist, groe Dinge
     Vorsetzen, schne Rednerblumen flechten,
     Mit Lwenmut den Taubensinn bewaffnen.
     Jedoch versuch's!  Tritt vor sein Auge hin,
     Das fest auf dich gespannt ist, und sag nein!
     Vergehen wirst du vor ihm, wie das zarte Blatt
     Der Blume vor dem Feuerblick der Sonne.
     --Ich will dich nicht erschrecken, liebes Kind!
     Zum uersten soll's ja nicht kommen, hoff ich--
     Auch wei ich seinen Willen nicht.  Kann sein,
     Da seine Zwecke deinem Wunsch begegnen.
     Doch das kann nimmermehr sein Wille sein,
     Da du, die stolze Tochter seines Glcks,
     Wie ein verliebtes Mdchen dich gebrdest,
     Wegwerfest an den Mann, der , wenn ihm je
     Der hohe Lohn bestimmt ist, mit dem hchsten Opfer,
     Das Liebe bringt, dafr bezahlen soll!

(Sie geht ab.)



Neunter Auftritt

Thekla.  (allein)
     Dank dir fr deinen Wink!  Er macht
     Mir meine bse Ahnung zur Gewiheit.
     So ist's denn wahr?  Wir haben keinen Freund
     Und keine treue Seele hier--wir haben
     Nichts als uns selbst.  Uns drohen harte Kmpfe.
     Du, Liebe, gib uns Kraft, du gttliche!
     Oh!  sie sagt wahr!  Nicht frohe Zeichen sind's,
     Die diesem Bndnis unsrer Herzen leuchten.
     Das ist kein Schauplatz, wo die Hoffnung wohnt.
     Nur dumpfes Kriegsgetse rasselt hier,
     Und selbst die Liebe, wie in Stahl gerstet,
     Zum Todeskampf gegrtet, tritt sie auf.
     Es geht ein finstrer Geist durch unser Haus,
     Und schleunig will das Schicksal mit uns enden.
     Aus stiller Freistatt treibt es mich heraus,
     Ein holder Zauber mu die Seele blenden.
     Es lockt mich durch die himmlische Gestalt,
     Ich seh sie nah und seh sie nher schweben,
     Es zieht mich fort mit gttlicher Gewalt,
     Dem Abgrund zu, ich kann nicht widerstreben.
(Man hrt von ferne die Tafelmusik.)
     Oh!  wenn ein Haus im Feuer soll vergehn,
     Dann treibt der Himmel sein Gewlk zusammen,
     Es schiet der Blitz herab aus heitern Hhn,
     Aus unterird'schen Schlnden fahren Flammen,
     Blindwtend schleudert selbst der Gott der Freude
     Den Pechkranz in das brennende Gebude!
(Sie geht ab.)




Vierter Aufzug

Szene: Ein groer, festlich erleuchteter Saal, in der Mitte
     desselben und nach der Tiefe des Theaters eine reich ausgeschmckte
     Tafel, an welcher acht Generale, worunter Octavio Piccolomini,
     Terzky und Maradas, sitzen.  Rechts und links davon, mehr nach
     hinten zu, noch zwei andere Tafeln, welche jede mit sechs Gsten
     besetzt sind.  Vorwrts steht der Kredenztisch, die ganze vordere
     Bhne bleibt fr die aufwartenden Pagen und Bedienten frei.  Alles
     ist in Bewegung, Spielleute von Terzkys Regiment ziehen ber den
     Schauplatz um die Tafel herum.  Noch ehe sie sich ganz entfernt
     haben, erscheint Max Piccolomini; ihm kommt Terzky mit einer
     Schrift, Isolani mit einem Pokal entgegen.



Erster Auftritt

Terzky.  Isolani.  Max Piccolomini.


Isolani.
     Herr Bruder, was wir lieben!  Nun, wo steckt Er?
     Geschwind an Seinen Platz!  Der Terzky hat
     Der Mutter Ehrenweine preisgegeben,
     Es geht hier zu, wie auf dem Heidelberger Schlo.
     Das Beste hat Er schon versumt.  Sie teilen
     Dort an der Tafel Frstenhte aus,
     Des Eggenberg, Slawata, Lichtenstein,
     Des Sternbergs Gter werden ausgeboten
     Samt allen groen bhm'schen Lehen; wenn
     Er hurtig macht, fllt auch fr Ihn was ab.
     Marsch!  Setz' Er sich!

Colalto und Gtz.  (rufen an der zweiten Tafel)
     Graf Piccolomini!

Terzky.
     Ihr sollt ihn haben!  Gleich!--Lies diese Eidesformel,
     Ob dir's gefllt, so wie wir's aufgesetzt.
     Es haben's alle nach der Reih' gelesen,
     Und jeder wird den Namen drunter setzen.

Max. (liest)
     "Ingratis servire nefas."

Isolani.
     Das klingt wie ein latein'scher Spruch--Herr Bruder,
     Wie heit's auf deutsch?

Terzky.
     Dem Undankbaren dient kein rechter Mann!

Max.
     "Nachdem unser hochgebietender Feldherr, der
     Durchlauchtige Frst von Friedland, wegen vielfltig
     empfangener Krnkungen, des Kaisers Dienst zu
     Verlassen gemeint gewesen, auf unser einstimmiges
     Bitten aber sich bewegen lassen, noch lnger bei der
     Armee zu verbleiben, und ohne unser Genehmhalten sich
     Nicht von uns zu trennen; als verpflichten wir uns wieder
     ingesamt, und jeder fr sich insbesondere, anstatt eines
     krperlichen Eides--auch bei ihm ehrlich und getreu zu
     halten, uns auf keinerlei Weise von ihm zu trennen, und
     fr denselben alles das Unsrige, bis auf den letzten
     Blutstropfen, aufzusetzen, so weit nmlich unser dem
     Kaiser geleisteter Eid es erlauben wird.
(Die letzten Worte werden von Isolani nachgesprochen.)
     Wie wir denn auch, wenn einer oder der andre, von uns, diesem
     Verbndnis zuwider, sich von der gemeinen Sache
     Absondern sollte, denselben als einen bundesflchtigen
     Verrter erklren, und an seinem Hab und Gut, Leib und
     Leben Rache dafr zu nehmen verbunden sein wollen.
     Solches bezeugen wir mit Unterschrift unsers Namens."

Terzky.
     Bist du gewillt, dies Blatt zu unterschreiben?

Isolani.
     Was sollt' er nicht!  Jedweder Offizier
     Von Ehre kann das--mu das--Dint' und Feder!

Terzky.
     La gut sein, bis nach der Tafel.

Isolani.  (Max fortziehend)
     Komm' Er, komm' Er!

(Beide gehen an die Tafel.)



Zweiter Auftritt

Terzky.  Neumann.


Terzky.  (winkt dem Neumann , der am Kredenztisch gewartet,
     und tritt mit ihm vorwrts)
     Bringst du die Abschrift, Neumann?  Gib!  Sie ist
     Doch so verfat, da man sie leicht verwechselt?

Neumann.
     Ich hab sie Zeil' um Zeile nachgemalt,
     Nichts als die Stelle von dem Eid blieb weg,
     Wie deine Exzellenz es mir geheien.

Terzky.
     Gut!  Leg sie dorthin, und mit dieser gleich
     Ins Feuer!  Was sie soll, hat sie geleistet.

(Neumann legt die Kopie auf den Tisch und tritt wieder zum Schenktisch.)



Dritter Auftritt

Illo kommt aus dem zweiten Zimmer.  Terzky.


Illo.
     Wie ist es mit dem Piccolomini?

Terzky.
     Ich denke, gut.  Er hat nichts eingewendet.

Illo.
     Er ist der einz'ge, dem ich nicht recht traue,
     Er und der Vater--Habt ein Aug' auf beide!

Terzky.
     Wie sieht's an Eurer Tafel aus?  Ich hoffe,
     Ihr haltet Eure Gste warm?

Illo.
     Sie sind
     Ganz kordial.  Ich denk, wir haben sie.
     Und wie ich's Euch vorausgesagt--Schon ist
     Die Red' nicht mehr davon, den Herzog blo
     Bei Ehren zu erhalten.  Da man einmal
     Beisammen sei, meint Montecuculi,
     So msse man in seinem eignen Wien
     Dem Kaiser die Bedingung machen.  Glaubt mir,
     Wr's nicht um diese Piccolomini,
     Wir htten den Betrug uns knnen sparen.

Terzky.
     Was will der Buttler?  Still!



Vierter Auftritt

Buttler zu den Vorigen.


Buttler.  (von der zweiten Tafel kommend)
     Lat Euch nicht stren.
     Ich hab Euch wohl verstanden, Feldmarschall.
     Glck zum Geschfte--und was mich betrifft,
(geheimnisvoll)
     So knnt Ihr auf mich rechnen.

Illo.  (lebhaft)
     Knnen wir's?

Buttler.
     Mit oder ohne Klausel!  gilt mir gleich!
     Versteht Ihr mich?  Der Frst kann meine Treu'
     Auf jede Probe setzen, sagt ihm das.
     Ich bin des Kaisers Offizier, solang ihm
     Beliebt, des Kaisers General zu bleiben,
     Und bin des Friedlands Knecht, sobald es ihm
     Gefallen wird, sein eigner Herr zu sein.

Terzky.
     Ihr treffet einen guten Tausch.  Kein Karger,
     Kein Ferdinand ist's, dem Ihr Euch verpflichtet.

Buttler.  (ernst)
     Ich biete meine Treu' nicht feil, Graf Terzky,
     Und wollt' Euch nicht geraten haben, mir
     Vor einem halben Jahr noch abzudingen,
     Wozu ich jetzt freiwillig mich erbiete.
     Ja, mich samt meinem Regiment bring ich
     Dem Herzog, und nicht ohne Folgen soll
     Das Beispiel bleiben, denk ich, das ich gebe.

Illo.
     Wem ist es nicht bekannt, da Oberst Buttler

Dem ganzen Heer voran als Muster leuchtet!

Buttler.
     Meint Ihr, Feldmarschall?  Nun, so reut mich nicht
     Die Treue, vierzig Jahre lang bewahrt,
     Wenn mir der wohlgesparte gute Name
     So volle Rache kauft im sechzigsten!--
     Stot euch an meine Rede nicht, ihr Herrn.
     Euch mag es gleichviel sein,wie ihr mich habt,
     Und werdet, hoff ich, selber nicht erwarten,
     Da euer Spiel mein grades Urteil krmmt--
     Da Wankelsinn und schnell bewegtes Blut
     Noch leichte Ursach' sonst den alten Mann
     Vom langgewohnten Ehrenpfade treibt.
     Kommt!  Ich bin darum minder nicht entschlossen,
     Weil ich es deutlich wei, wovon ich scheide.

Illo.
     Sagt's rund heraus, wofr wir Euch zu halten--

Buttler.
     Fr einen Freund!  Nehmt meine Hand darauf,
     Mit allem, was ich hab, bin ich der Eure.
     Nicht Mnner blo, auch Geld bedarf der Frst.
     Ich hab in seinem Dienst mir was erworben,
     Ich leih es ihm, und berlebt er mich,
     Ist's ihm vermacht schon lngst, er ist mein Erbe.
     Ich steh allein da in der Welt und kenne
     Nicht das Gefhl, das an ein teures Weib
     Den Mann und an geliebte Kinder bindet;
     Mein Name stirbt mit mir, mein Dasein endet.

Illo.
     Nicht Eures Gelds bedarf's--ein Herz, wie Euers,
     Wiegt Tonnen Goldes auf und Millionen.

Buttler.
     Ich kam, ein schlechter Reitersbursch, aus Irland
     Nach Prag mit einem Herrn, den ich begrub.
     Vom niedern Dienst im Stalle stieg ich auf,
     Durch Kriegsgeschick, zu dieser Wrd' und Hhe,
     Das Spielzeug eines grillenhaften Glcks.
     Auch Wallenstein ist der Fortuna Kind,
     Ich liebe einen Weg, der meinem gleicht.

Illo.
     Verwandte sind sich alle starken Seelen.

Buttler.
     Es ist ein groer Augenblick der Zeit,
     Dem Tapfern, dem Entschlonen ist sie gnstig.
     Wie Scheidemnze geht von Hand zu Hand,
     Tauscht Stadt und Schlo den eilenden Besitzer.
     Uralter Huser Enkel wandern aus,
     Ganz neue Wappen kommen auf und Namen;
     Auf deutscher Erde unwillkommen wagt's
     Ein nrdlich Volk sich bleibend einzubrgern.
     Der Prinz von Weimar rstet sich mit Kraft,
     Am Main ein mchtig Frstentum zu grnden;
     Dem Mansfeld fehlte nur, dem Halberstdter
     Ein lngres Leben, mit dem Ritterschwert
     Landeigentum sich tapfer zu erfechten.
     Wer unter diesen reicht an unsern Friedland?
     Nichts ist so hoch, wornach der Starke nicht
     Befugnis hat die Leiter anzusetzen.

Terzky.
     Das ist gesprochen wie ein Mann!

Buttler.
     Versichert euch der Spanier und Welschen,
     Den Schotten Lely will ich auf mich nehmen.
     Kommt zur Gesellschaft!  Kommt!

Terzky.
     Wo ist der Kellermeister?
     La aufgehn, was du hast!  die besten Weine!
     Heut gilt es.  Unsre Sachen stehe gut.

(Gehen, jeder an seine Tafel.)



Fnfter Auftritt

Kellermeister mit Neumann vorwrts kommend.  Bediente gehen ab und zu.


Kellermeister.
     Der edle Wein!  Wenn meine alte Herrschaft,
     Die Frau Mama, das wilde Leben sh',
     In ihrem Grabe kehrte sie sich um!--
     Ja!  Ja!  Herr Offizier!  Es geht zurck
     Mit diesem edeln Haus--Kein Ma noch Ziel!
     Und die durchlauchtige Verschwgerung
     Mit diesem Herzog bringt uns wenig Segen.

Neumann.
     Behte Gott!  Jetzt wird der Flor erst angehn.

Kellermeister.
     Meint Er?  Es lie' sich vieles davon sagen.

Bedienter.  (kommt.)
     Burgunder fr den vierten Tisch!

Kellermeister.
     Das ist
     Die siebenzigste Flasche nun, Herr Leutnant.

Bedienter.
     Das macht, der deutsche Herr, der Tiefenbach,
     Sitzt dran.
(Geht ab.)

Kellermeister.  (zu Neumann fortfahrend)
     Sie wollen gar zu hoch hinaus.  Kurfrsten
     Und Knigen wollen sie's im Prunke gleichtun,
     Und wo der Frst sich hingetraut, da will der Graf,
     Mein gnd'ger Herre, nicht dahintenbleiben.
(Zu den Bedienten.)
     Was steht ihr horchen?  Will euch Beine machen.
     Seht nach den Tischen, nach den Flaschen!  Da!
     Graf Palffy hat ein leeres Glas vor sich!

Zweiter Bedienter.  (kommt)
     Den groen Kelch verlandt man, Kellermeister,
     Den reichen, gldnen, mit dem bhm'schen Wappen,
     Ihr wit schon welchen, hat der Herr gesagt.

Kellermeister.
     Der auf des Friedrichs seine Knigskrnung
     Vom Meister Wilhelm ist verfertigt worden,
     Das schne Prachtstck aus der Prager Beute?

Zweiter Bedienter.
     Ja, den!  Den Umtrunk wollen sie mit halten.

Kellermeister.  (mit Kopfschtteln, indem er den Pokal
     hervorholt und aussplt)
     Das gibt nach Wien was zu berichten wieder!

Neumann.
     Zeigt!  Das ist eine Pracht von einem Becher!
     Von Golde schwer und in erhabner Arbeit
     Sind kluge Dinge zierlich drauf gebildet.
     Gleich auf dem ersten Schildlein, lat mal sehn!
     Die stolze Amazone da zu Pferd,
     Die bern Krummstab setzt und Bischofsmtzen,
     Auf einer Stange trgt sie einen Hut,
     Nebst einer Fahn', worauf ein Kelch zu sehn.
     Knnt Ihr mir sagen, was das all bedeutet?

Kellermeister.
     Die Weibsperson, die ihr da seht zu Ro,
     Das ist die Wahlfreiheit der bhm'schen Kron'.
     Das wird bedeutet durch den runden Hut
     Und durch das wilde Ro, auf dem sie reitet.
     Des Menschen Zierat ist der Hut, denn wer
     Den Hut nicht sitzen lassen darf vor Kaisern
     Und Knigen, der ist kein Mann der Freiheit.

Neumann.
     Was aber soll der Kelch da auf der Fahn'?

Kellermeister.
     Der Kelch bezeugt die bhm'sche Kirchenfreiheit,
     Wie sie gewesen zu der Vter Zeit.
     Die Vter im Hussitenkrieg erstritten
     Sich dieses schne Vorrecht bern Papst,
     Der keinem Laien gnnen will den Kelch.
     Nichts geht dem Utraquisten bern Kelch,
     Es ist sein kstlich Kleinod, hat dem Bhmen
     Sein teures Blut in mancher Schlacht gekostet.

Neumann.
     Was sagt die Rolle, die da drber schwebt?

Kellermeister.
     Den bhm'schen Majesttsbrief zeigt sie an,
     Den wir dem Kaiser Rudolf abgezwungen,
     Ein kstlich unschtzbares Pergament,
     Das frei Gelut' und offenen Gesang
     Dem neuen Glauben sichert wie dem alten.
     Doch seit der Grtzer ber uns regiert,
     Hat das ein End', und nach der Prager Schlacht,
     Wo Pfalzgraf Friedrich Kron' und Reich verloren,
     Ist unser Glaub' um Kanzel und Altar,
     Und unsre Brder sehen mit dem Rcken
     Die Heimat an, den Majesttsbrief aber
     Zerschnitt der Kaiser selbst mit seiner Schere.

Neumann.
     Das alles wit Ihr!  Wohl bewandert seid Ihr
     In Eures Landes Chronik, Kellermeister.

Kellermeister.
     Drum waren meine Ahnherrn Taboriten
     Und dienten unter dem Prokop und Ziska.
     Fried' sei mit ihrem Staube!  Kmpften sie
     Fr eine gute Sache doch--Tragt fort !

Neumann.
     Erst lat mich noch das zweite Schildlein sehn.
     Sieh doch, das ist, wie auf dem Prager Schlo
     Des Kaisers Rte Martinitz, Slawata
     Kopf unter sich herabgestrzet werden.
     Ganz recht!  Da steht Graf Thurn, der es befiehlt.

(Bedienter geht mit dem Kelch.)

Kellermeister.
     Schweigt mir von diesem Tag, es war der drei-
     Undzwanzigste des Mais, da man eintausen-
     Sechshundert schrieb und achtzehn.  Ist mir's doch,
     Als wr' es heut, und mit dem Unglckstag
     Fing's an, das groe Herzeleid des Landes.
     Seit diesem Tag, es sind jetzt sechzehn Jahr,
     Ist nimmer Fried' gewesen auf der Erden--
(An der zweiten Tafel wird gerufen:)
     Der Frst von Weimar!
(An der dritten und vierten Tafel:)
     Herzog Bernhard lebe!
(Musik fllt ein.)

Erster Bedienter.
     Hrt den Tumult!

Zweiter Bedienter.  (kommt gelaufen)
     Habt ihr gehrt?  Sie lassen
     den Weimar leben!

Dritter Bedienter.
     streichs Feind!

Erster Bedienter.
     Den Lutheraner!

Zweiter Bedienter.
     Vorhin, da bracht' der Deodat des Kaisers
     Gesundheit aus, da blieb's ganz muschenstille.

Kellermeister.
     Beim Trunk geht vieles drein.  Ein ordentlicher
     Bedienter mu kein Ohr fr so was haben.

Dritter Bedienter.  (beiseite zum vierten)
     Pa ja wohl auf, Johann, da wir dem Pater
     Quiroga recht viel zu erzhlen haben;
     Er will dafr uns auch viel Abla geben.

Vierter Bedienter.
     Ich mach mir an des Illo seinem Stuhl
     Deswegen auch zu tun, soviel ich kann,
     Der fhrt dir gar verwundersame Reden.

(Gehen zu den Tafeln.)

Kellermeister.  (zu Neumann)
     Wer mag der schwarze Herr sein mit dem Kreuz,
     Der mit Graf Palffy so vertraulich schwatzt?

Neumann.
     Das ist auch einer, dem sie zu viel trauen,
     Maradas nennt er sich, ein Spanier.

Kellermeister.
     's ist nichts mit den Hispaniern, sag ich Euch,
     Die Welschen alle taugen nichts.

Neumann.
     Ei!  Ei!
     So solltet Ihr nicht sprechen, Kellermeister.
     Es sind die ersten Generale drunter,
     Auf die der Herzog just am meisten hlt.

(Terzky kommt und holt das Papier ab, an den Tafeln entsteht
     eine Bewegung.)

Kellermeister.  (zu den Bedienten)
     Der Generalleutnant steht auf.  Gebt acht!
     Sie machen Aufbruch.  Fort und rckt die Sessel.

(Die Bedienten eilen nach hinten, ein Teil der Gste kommt
     vorwrts.)



Sechster Auftritt

Octavio Piccolomini kommt im Gesprch mit Maradas, und beide
     stellen sich ganz vorne hin auf eine Seite des Proszeniums.
     Auf die entgegengesetzte Seite tritt Max Piccolomini, allein,
     in sich gekehrt und ohne Anteil an der brigen Handlung.  Den
     mittlern Raum zwischen beiden, doch einige Schritte mehr zurck,
     erfllen Buttler, Isolani, Gtz, Tiefenbach, Colalto und bald
     darauf Graf Terzky.


Isolani.  (whrend da die Gesellschaft vorwrts kommt)
     Gut' Nacht!--Gut' Nacht, Colalto--Generalleutnant,
     Gut' Nacht!  Ich sagte besser, guten Morgen.

Gtz.  (zu Tiefenbach)
     Herr Bruder!  Prosit Mahlzeit!

Tiefenbach.
     Das war ein knigliches Mahl!

Gtz.
     Ja, die Frau Grfin
     Versteht's.  Sie lernt' es ihrer Schwieger ab,
     Gott hab' sie selig!  Das war eine Hausfrau!

Isolani.  (will weggehen)
     Lichter!  Lichter!

Terzky.  (kommt mit der Schrift zu Isolani)
     Herr Bruder!  Zwei Minuten noch.  Hier ist
     Noch was zu unterschreiben.

Isolani.
     Unterschreiben,
     Soviel Ihr wollt!  Verschont mich nur mit Lesen.

Terzky.
     Ich will Euch nicht bemhn.  Es ist der Eid,
     Den Ihr schon kennt.  Nur einige Federstriche.

(Wie Isolani die Schrift dem Octavio hinreicht.)

Wie's kommt!  Wen's eben trifft!  Es ist kein Rang hier.

(Octavio durchluft die Schrift mit anscheinender Gleichgltigkeit.
     Terzky beobachtet ihn von weitem.)

Gtz.  (zu Terzky)
     Herr Graf!  Erlaubt mir, da ich mich empfehle.

Terzky.
     Eilt doch nicht so--Noch einen Schlaftrunk--He!

(Zu den Bedienten.)

Gtz.
     Bin's nicht im Stand.

Terzky.
     Ein Spielchen.

Gtz.
     Excusiert mich!

Tiefenbach.  (setzt sich)
     Vergebt, ihr Herrn.  Das Stehen wird mir sauer.

Terzky.
     Macht's Euch bequem, Herr Generalfeldzeugmeister!

Tiefenbach.
     Das Haupt ist frisch, der Magen ist gesund,
     Die Beine wollen aber nicht mehr tragen.

Isolani.  (auf seine Korpulenz zeigend)
     Ihr habt die Last auch gar zu gro gemacht.

(Octavio hat unterschrieben und reicht Terzky die Schrift, der
     sie dem Isolani gibt.  Dieser geht an den Tisch, zu unterschreiben.)

Tiefenbach.
     Der Krieg in Pommern hat mir's zugezogen,
     Da muten wir heraus in Schnee und Eis,
     Das werd ich wohl mein Lebtag nicht verwinden.

Gtz.
     Jawohl!  Der Schwed' frug nach der Jahreszeit nichts.

(Terzky reicht das Papier an Don Maradas; dieser geht an den Tisch,
     zu unterschreiben.)

Octavio.  (nhert sich Buttlern)
     Ihr liebt die Bacchusfeste auch nicht sehr,
     Herr Oberster!  Ich hab es wohl bemerkt,
     Und wrdet, deucht mir, besser Euch gefallen
     Im Toben einer Schlacht als eines Schmauses.

Buttler.
     Ich mu gestehen, es ist nicht in meiner Art.

Octavio.  (zutraulich nher tretend)
     Auch nicht in meiner, kann ich Euch versichern,
     Und mich erfreut's, sehr wrd'ger Oberst Buttler,
     Da wir uns in der Denkart so begegnen.
     Ein halbes Dutzend guter Freunde hchstens
     Um einen kleinen, runden Tisch, ein Glschen
     Tokaierwein, ein offnes Herz dabei
     Und ein vernnftiges Gesprch--so lieb ich's!

Buttler.
     Ja, wenn man's haben kann, ich halt es mit.

(Das Papier kommt an Buttlern, der an den Tisch geht, zu
     unterschreiben.  Das Proszenium wird leer, so da beide Piccolomini,
     jeder auf seiner Seite, allein stehen bleiben.)

Octavio.  (nachdem er seinen Sohn eine Zeitlang aus der
     Ferne stillschweigend betrachtet, nhert sich ihm ein wenig)
     Du bist sehr lange ausgeblieben, Freund.

Max.  (wendet sich schnell um, verlegen)
     Ich--dringende Geschfte hielten mich.

Octavio.
     Doch, wie ich sehe, bist du noch nicht hier?

Max.
     Du weit, da gro Gewhl mich immer still macht.

Octavio.  (rckt ihm noch nher)
     Ich darf nicht wissen, was so lang dich aufhielt?

(Listig.)

--Und Terzky wei es doch.

Max.
     Was wei der Terzky?

Octavio.  (bedeutend)
     Er war der einz'ge, der dich nicht vermite.

Isolani.  (der von weitem achtgegeben, tritt dazu.)
     Recht, alter Vater!  Fall ihm ins Gepck!
     Schlag die Quartier' ihm auf!  Es ist nicht richtig.

Terzky.  (kommt mit der Schrift)
     Fehlt keiner mehr?  Hat alles unterschrieben?

Octavio.
     Es haben's alle.

Terzky.  (rufend)
     Nun!  Wer unterschreibt noch?

Buttler.  (zu Terzky)
     Zhl nach!  Just dreiig Namen mssen's sein.

Terzky.
     Ein Kreuz steht hier.

Tiefenbach.
     Das Kreuz bin ich.

Isolani.  (zu Terzky)
     Er kann nicht schreiben, doch sein Kreuz ist gut
     Und wird ihm honoriert von Jud und Christ.

Octavio.  (pressiert zu Max)
     Gehn wir zusammen, Oberst.  Es wird spt.

Terzky.
     Ein Piccolomini ist nur aufgeschrieben.

Isolani.  (auf Max zeigend)
     Gebt acht!  Es fehlt an diesem steinernen Gast,
     Der uns den ganzen Abend nichts getaugt.

(Max empfngt aus Terzkys Hnden das Blatt, in welches er
     gedankenlos hineinsieht.)



Siebenter Auftritt

Die Vorigen.  Illo kommt aus dem hintern Zimmer, er hat den
     goldnen Pokal in der Hand und ist sehr erhitzt, ihm folgen
     Gtz und Buttler, die ihn zurckhalten wollen.


Illo.
     Was wollt ihr?  Lat mich.

Gtz und Buttler.
     Illo!  Trinkt nicht mehr.

Illo.  (geht auf den Octavio zu und umarmt ihn, trinkend)
     Octavio!  Das bring ich dir!  Ersuft
     Sei aller Groll in diesem Bundestrunk!
     Wei wohl, du hast mich nie geliebt--Gott straf' mich,
     Und ich dich auch nicht!  La Vergangenes
     Vergessen sein!  Ich schtze dich unendlich,
(ihn zu wiederholten Malen kssend)
     Ich bin dein bester Freund, und, da ihr's wit!
     Wer mir ihn eine falsche Katze schilt,
     Der hat's mit mir zu tun.

Terzky.  (beiseite)
     Bist du bei Sinnen?
     Bedenk doch, Illo, wo du bist!

Illo.  (treuherzig)
     Was wollt Ihr?  Es sind lauter gute Freunde.

(Sich mit vergngtem Gesicht im ganzen Kreise umsehend.)

Es ist kein Schelm hier unter uns, das freut mich.

Terzky.  (zu Buttler, dringend)
     Nehmt ihn doch mit Euch fort!  Ich bitt Euch, Buttler.

(Buttler fhrt ihn an den Schenktisch.)

Isolani.  (zu Max, der bisher unverwandt, aber gedankenlos
     in das Papier gesehen)
     Wird's bald, Herr Bruder?  Hat Er's durchstudiert?

Max.  (wie aus einem Traum erwachend)
     Was soll ich?

Terzky und Isolani.  (zugleich)
     Seinen Namen drunter setzen.

(Man sieht den Octavio ngstlich gespannt den Blick auf ihn richten.)

Max.  (gibt es zurck)
     Lat's ruhn bis morgen.  Es ist ein Geschft,
     Hab heute keine Fassung.  Schickt mir's morgen.

Terzky.
     Bedenk' Er doch--

Isolani.
     Frisch!  Unterschrieben!  Was!
     Er ist der jngste von der ganzen Tafel,
     Wird ja allein nicht klger wollen sein
     Als wir zusammen?  Seh' Er her!  Der Vater
     Hat auch, wir haben alle unterschrieben.

Terzky.  (zum Octavio)
     Braucht Euer Ansehn doch.  Bedeutet ihn.

Octavio.
     Mein Sohn ist mndig.

Illo.  (hat den Pokal auf den Schenktisch gesetzt)
     Wovon ist die Rede?

Terzky.
     Er weigert sich, das Blatt zu unterschreiben.

Max.
     Es wird bis morgen ruhen knnen, sag ich.

Illo.
     Es kann nicht ruhn.  Wir unterschrieben alle,
     Und du mut auch, du mut dich unterschreiben.

Max.
     Illo, schlaf wohl.

Illo.
     Nein!  So entkmmst du nicht!
     Der Frst soll seine Freunde kennenlernen.

(Es sammeln sich alle Gste um die beiden.)

Max.
     Wie ich fr ihn gesinnt bin, wei der Frst,
     Es wissen's alle, und der Fratzen braucht's nicht.

Illo.
     Das ist der Dank, das hat der Frst davon,
     Da er die Welschen immer vorgezogen!

Terzky.  (in hchster Verlegenheit zu den Kommandeurs, die
     einen Auflauf machen)
     Der Wein spricht aus ihm!  Hrt ihn nicht, ich bitt euch.

Isolani.  (lacht)
     Der Wein erfindet nichts, er schwatzt's nur aus.

Illo.
     Wer nicht ist mit mir, der ist wider mich.
     Die zrtlichen Gewissen!  Wenn sie nicht
     Durch eine Hintertr, durch eine Klausel--

Terzky.  (fllt schnell ein)
     Er ist ganz rasend, gebt nicht acht auf ihn.

Illo.  (lauter schreiend)
     Durch eine Klausel sich salvieren knnen.
     Was Klausel?  Hol' der Teufel diese Klausel--

Max.  (wird aufmerksam und sieht wieder in die Schrift)
     Was ist denn hier so hoch Gefhrliches?
     Ihr macht mir Neugier, nher hinzuschaun.

Terzky.  (beiseite zu Illo)
     Was machst du, Illo?  Du verderbest uns!

Tiefenbach.  (zu Colalto)
     Ich merkt' es wohl, vor Tische las man's anders.

Gtz.
     Es kam mir auch so vor.

Isolani.
     Was ficht das mich an?
     Wo andre Namen, kann auch meiner stehn.

Tiefenbach.
     Vor Tisch war ein gewisser Vorbehalt
     Und eine Klausel drin von Kaisers Dienst.

Buttler.  (zu einem der Kommandeurs)
     Schmt euch, ihr Herrn!  Bedenkt, worauf es ankommt.
     Die Frag' ist jetzt, ob wir den General
     Behalten sollen oder ziehen lassen?
     Man kann's so scharf nicht nehmen und genau.

Isolani.  (zu einem der Generale)
     Hat sich der Frst auch so verklausuliert,
     Als er dein Regiment dir zugeteilt?

Terzky.  (zu Gtz)
     Und Euch die Lieferungen, die an tausend
     Pistolen Euch in einem Jahre tragen?

Illo.
     Spitzbuben selbst, die uns zu Schelmen machen!
     Wer nicht zufrieden ist, der sag's!  Da bin ich!

Tiefenbach.
     Nun!  Nun!  Man spricht ja nur.

Max.  (hat gelesen und gibt das Papier zurck)
     Bis morgen also!

Illo.  (vor Wut stammelnd und seiner nicht mehr mchtig,
     hlt ihm mit der einen Hand die Schrift, mit der andern
     den Degen vor)
     Schreib--Judas!

Isolani.
     Pfui, Illo!

Octavio, Terzky, Buttler.  (zugleich)
     Degen weg!

Max.  (ist ihm rasch in den Arm gefallen und hat ihn
     entwaffnet, zu Graf Terzky)
     Bring ihn zu Bette!

(Er geht ab.  Illo, fluchend und scheltend, wird von einigen
     Kommandeurs gehalten, unter allgemeinem Aufbruch fllt der
     Vorhang.)




Fnfter Aufzug

Szene: Ein Zimmer in Piccolominis Wohnung.  Es ist Nacht.



Erster Auftritt

Octavio Pccolomini.  Kammerdiener leuchtet.  Gleich darauf Max
     Piccolomini.


Octavio.
     Sobald mein Sohn herein ist, weiset ihn
     Zu mir--Was ist die Glocke?

Kammerdiener.
     Gleich ist's Morgen.

Octavio.
     Setzt Euer Licht hieher--Wie legen uns
     Nicht mehr zu Bette, Ihr knnt schlafen gehn.

(Kammerdiener ab.  Octavio geht nachdenkend durchs Zimmer.  Max
     Piccolomini tritt auf, nicht gleich von ihm bemerkt, und sieht
     ihm einige Augenblicke schweigend zu.)

Max.
     Bist du mir bs, Octavio?  Wei Gott,
     Ich bin nicht schuld an dem verhaten Streit.
     --Ich sah wohl, du hattest unterschrieben;
     Was du gebilliget, das konnte mir
     Auch recht sein--doch es war--du weit--ich kann
     In solchen Sachen nur dem eignen Licht,
     Nicht fremdem folgen.

Octavio.  (geht auf ihn zu und umarmt ihm)
     Folg ihm ferner auch,
     Mein bester Sohn!  Es hat dich treuer jetzt
     Geleitet als das Beispiel deines Vaters.

Max.
     Erklr dich deutlicher.

Octavio.
     Ich werd es tun.
     Nach dem, was diese Nacht geschehen ist,
     Darf kein Geheimnis bleiben zwischen uns.

(Nachdem beide sich niedergesetzt.)

Max, sage mir, was denkst du von dem Eid,
     Den man zur Unterschrift uns vorgelegt?

Max.
     Fr etwas Unverfnglich's halt ich ihn,
     Obgleich ich dieses Frmliche nicht liebe.

Octavio.
     Du httest dich aus keinem andern Grunde
     Der abgedrungnen Unterschrift geweigert?

Max.
     Es war ein ernst Geschft--ich war zerstreut--
     Die Sache selbst erschien mir nicht so dringend--

Octavio.
     Sei offen, Max.  Du hattest keinen Argwohn--

Max.
     Worber Argwohn?  Nicht den mindesten.

Octavio.
     Dank's deinem Engel, Piccolomini!
     Unwissend zog er dich zurck vom Abgrund.

Max.
     Ich wei nicht, was du meinst.

Octavio.
     Ich will dir's sagen:
     Zu einem Schelmenstck solltest du den Namen
     Hergeben, deinen Pflichten, deinem Eid
     Mit einem einz'gen Federstrich entsagen.

Max.  (steht auf)
     Octavio!

Octavio.
     Bleib sitzen.  Viel noch hast du
     Von mir zu hren, Freund, hast jahrelang
     Gelebt in unbegreiflicher Verblendung.
     Das schwrzeste Komplott entspinnet sich
     Vor deinen Augen, eine Macht der Hlle
     Umnebelt deiner Sinne hellen Tag--
     Ich darf nicht lnger schweigen, mu die Binde
     Von deinen Augen nehmen.

Max.
     Eh' du sprichst,
     Bedenk es wohl!  Wenn von Vermutungen
     Die Rede sein soll--und ich frchte fast,
     Es ist nichts weiter--Spare sie!  Ich bin
     Jetzt nicht gefat, sie ruhig zu vernehmen.

Octavio.
     So ernsten Grund du hast, dies Licht zu fliehn,
     So dringendern hab ich, da ich dir's gebe.
     Ich konnte dich der Unschuld deines Herzens,
     Dem eignen Urteil ruhig anvertraun,
     Doch deinem Herzen selbst seh ich das Netz
     Verderblich jetzt bereiten--Das Geheimnis,
(ihn scharf mit den Augen fixierend)
     Das du vor mir verbirgst, entreit mir meines.

Max.  (versucht zu antworten, stockt aber und schlgt den
     Blick verlegen zu Boden)

Octavio.  (nach einer Pause)
     So wisse denn!  Man hintergeht dich--spielt
     Aufs schndlichste mit dir und mit uns allen.
     Der Herzog stellt sich an, als wollt' er die
     Armee verlassen; und in dieser Stunde
     Wird's eingeleitet, die Armee dem Kaiser
     --Zu stehlen und dem Feinde zuzufhren!

Max.
     Das Pfaffenmrchen kenn ich, aber nicht
     Aus deinem Mund erwartet' ich's zu hren.

Octavio.
     Der Mund, aus dem du's gegenwrtig hrst,
     Verbrget dir, es sei kein Pfaffenmrchen.

Max.
     Zu welchem Rasenden macht man den Herzog!
     Er knnte daran denken, dreiigtausend
     Geprfter Truppen, ehrlicher Soldaten,
     Worunter mehr denn tausend Edelleute,
     Von Eid und Pflicht und Ehre wegzulocken,
     Zu einer Schurkentat sie zu vereinen?

Octavio.
     So was nichtswrdig Schndliches begehrt
     Er keinesweges--Was er von uns will,
     Fhrt einen weit unschuldigeren Namen.
     Nichts will er, als dem Reich den Frieden schenken;
     Und weil der Kaiser diesen Frieden hat,
     So will er ihn--er will ihn dazu zwingen!
     Zufriedenstellen will er alle Teile
     Und zum Ersatz fr seine Mhe Bhmen,
     Das er schon innehat, fr sich behalten.

Max.
     Hat er's um uns verdient, Octavio,
     Da wir--wir so unwrdig von ihm denken?

Octavio.
     Von unserm Denken ist hier nicht die Rede.
     Die Sache spricht, die klresten Beweise.
     Mein Sohn!  Dir ist nicht unbekannt, wie schlimm
     Wir mit dem Hofe stehn--doch von den Rnken,
     Den Lgenknsten hast du keine Ahnung,
     Die man in bung setzte, Meuterei
     Im Lager auszusen.  Aufgelst
     Sind alle Bande, die den Offizier
     An seinen Kaiser fesseln, den Soldaten
     Vertraulich binden an das Brgerleben.
     Pflicht--und gesetzlos steht er gegenber
     Dem Staat gelagert, den er schtzen soll,
     Und drohet, gegen ihn das Schwert zu kehren.
     Es ist so weit gekommen, da der Kaiser
     In diesem Augenblick vor seinen eignen
     Armeen zittert--der Verrter Dolche
     In seiner Hauptstadt frchtet--seiner Burg;
     Ja im Begriffe steht, die zarten Enkel
     Nicht vor den Schweden, vor den Lutheranern
     --Nein!  vor den eignen Truppen wegzuflchten.

Max.
     Hr auf!  Du ngstigest, erschtterst mich.
     Ich wei, da man vor leeren Schrecken zittert;
     Doch wahres Unglck bringt der falsche Wahn.

Octavio.
     Es ist keinWahn.  Der brgerliche Krieg
     Entbrennt, der unnatrlichste von allen,
     Wenn wir nicht, schleunig rettend, ihm begegnen.
     Der Obersten sind viele lngst erkauft,
     Der Subalternen Treue wankt; es wanken
     Schon ganze Regimenter, Garnisonen.
     Auslndern sind die Festungen vertraut,
     Dem Schafgotsch, dem verdchtigen, hat man
     Die ganze Mannschaft Schlesiens, dem Terzky
     Fnf Regimenter, Reiterei und Fuvolk,
     Dem Illo, Kinsky, Buttler, Isolan
     Die bestmontierten Truppen bergeben.

Max.
     Uns beiden auch.

Octavio.
     Weil man uns glaubt zu haben,
     Zu locken meint durch glnzende Versprechen.
     So teilt er mir die Frstentmer Glatz
     Und Sagan zu, und wohl seh ich den Angel,
     Womit man dich zu fangen denkt.

Max.
     Nein!  Nein!
     Nein, sag ich dir!

Octavio.
     Oh!  ffne doch die Augen!
     Weswegen, glaubst du, da man uns nach Pilsen
     Beorderte?  Um mit uns Rat zu pflegen?
     Wann htte Friedland unsers Rats bedurft?
     Wir sind berufen, uns ihm zu verkaufen,
     Und weigern wir uns--Geisel ihm zu bleiben.
     Deswegen ist Graf Gallas weggeblieben--
     Auch deinen Vater shest du nicht hier,
     Wenn hhre Pflicht ihn nicht gefesselt hielt.

Max.
     Er hat es keinen Hehl, da wir um seinetwillen
     Hieher berufen sind--gestehet ein,
     Er brauche unsers Arms, sich zu erhalten.
     Er tat so viel fr uns, und so ist's Pflicht,
     Da wir jetzt auch fr ihn was tun!

Octavio.
     Und weit du,
     Was dieses ist, das wir fr ihn tun sollen?
     Des Illo trunkner Mut hat dir's verraten.
     Besinn dich doch, was du gehrt, gesehn.
     Zeugt das veflschte Blatt, die weggelane,
     So ganz entscheidungsvolle Klausel nicht,
     Man wollte zu nichts Gutem uns verbinden?

Max.
     Was mit dem Blatte diese Nacht geschehn,
     Ist mir nichts weiter als ein schlechter Streich
     Von diesem Illo.  Dies Geschlecht von Mklern
     Pflegt alles auf die Spitze gleich zu stellen.
     Sie sehen, da der Herzog mit dem Hof
     Zerfallen ist, vermeinen ihm zu dienen,
     Wenn sie den Bruch unheilbar nur erweitern.
     Der Herzog, glaub mir, wei von all dem nichts.

Octavio.
     Es schmerzt mich, deinen Glauben an den Mann,
     Der dir so wohlgegrndet scheint, zu strzen.
     Doch hier darf keine Schonung sein--du mut
     Maregeln nehmen, schleunige, mut handeln.
     --Ich will dir also nur gestehn--da alles,
     Was ich dir jetzt vertraut, was so unglaublich
     Dir scheint, da--da ich es aus seinem eignen,
     --Des Frsten Munde habe.

Max.  (in heftiger Bewegung)
     Nimmermehr!

Octavio.
     Er selbst vertraute mir--was ich zwar lngst
     Auf anderm Weg schon in Erfahrung brachte:
     Da er zum Schweden wolle bergehn
     Und an der Spitze des verbundnen Heers
     Den Kaiser zwingen wolle--

Max.
     Er ist heftig,
     Es hat der Hof empfindlich ihn beleidigt;
     In einem Augenblick des Unmuts, sei's!
     Mag er sich leicht einmal vergessen haben.

Octavio.
     Bei kaltem Blute war er, als er mir
     Dies eingestand; und weil er mein Erstaunen
     Als Furcht auslegte, wies er im Vertraun
     Mir Briefe vor, der Schweden und der Sachsen,
     Die zu bestimmter Hilfe Hoffnung geben.

Max.
     Es kann nicht sein!  kann nicht sein!  kann nicht sein!
     Siehst du, da es nicht kann!  Du httest ihm
     Notwendig deinen Abscheu ja gezeigt,
     Er htt' sich weisen lassen, oder du
     --Du stndest nicht mehr lebend mir zur Seite!

Octavio.
     Wohl hab ich mein Bedenken ihm geuert,
     Hab dringend, hab mit Ernst ihn abgemahnt;
     --Doch meinen Abscheu, meine innerste
     Gesinnung hab ich tief versteckt.

Max.
     Du wrst
     So falsch gewesen?  Das sieht meinem Vater
     Nicht gleich!  Ich glaubte deinen Worten nicht,
     Da du von ihm mir Bses sagtest; kann's
     Noch wen'ger jetzt, da du dich selbst verleumdest.

Octavio.
     Ich drngte mich nicht selbst in sein Geheimnis.

Max.
     Aufrichtigkeit verdiente sein Vertraun.

Octavio.
     Nicht wrdig war er meiner Wahrheit mehr.

Max.
     Noch minder wrdig deiner war Betrug.

Octavio.
     Mein bester Sohn!  Es ist nicht immer mglich,
     Im Leben sich so kinderrein zu halten,
     Wie's uns die Stimme lehrt im Innersten.
     In steter Notwehr gegen arge List
     Bleibt auch das redliche Gemt nicht wahr--
     Das eben ist der Fluch der bsen Tat,
     Da sie, fortzeugend, immer Bses mu gebren.
     Ich klgle nicht, ich tue meine Pflicht,
     Der Kaiser schreibt mir mein Betragen vor.
     Wohl wr' es besser, berall dem Herzen
     Zu folgen, doch darber wrde man
     Sich manchen guten Zweck versagen mssen.
     Hier gilt's, mein Sohn, dem Kaiser wohl zu dienen,
     Das Herz mag dazu sprechen, was es will.

Max.
     Ich soll dich heut nicht fassen, nicht verstehn.
     Der Frst, sagst du, entdeckte redlich dir sein Herz
     Zu einem bsen Zweck, und du willst ihn
     Zu einem guten Zweck betrogen haben!
     Hr auf!  ich bitte dich--du raubst den Freund
     Mir nicht--La mich den Vater nicht verlieren!

Octavio.  (unterdrckt seine Empfindlichkeit)
     Noch weit du alles nicht, mein Sohn.  Ich habe
     Dir noch was zu erffnen.
(Nach einer Pause.)
     Herzog Friedland
     Hat seine Zurstung gemacht.  Er traut
     Auf seine Sterne.  Unbereitet denkt er uns
     Zu berfallen--mit der sichern Hand
     Meint er den goldnen Zirkel schon zu fassen.
     Er irret sich--Wir haben auch gehandelt.
     Er fat sein bs geheimnisvolles Schicksal.

Max.
     Nichts Rasches, Vater!  Oh!  bei allem Guten
     La dich beschwren.  Keine bereilung!

Octavio.
     Mit leisen Tritten schlich er seinen bsen Weg,
     So leis und schlau ist ihm die Rache nachgeschlichen.
     Schon steht sie ungesehen, finster hinter ihm,
     Ein Schritt nur noch, und schaudernd rhret er sie an.
     --Du hast den Questenberg bei mir gesehn;
     Noch kennst du nur sein ffentlich Geschft--
     Auch ein geheimes hat er mitgebracht,
     Das blo fr mich war.

Max.
     Darf ich's wissen?

Octavio.
     Max!
     --Des Reiches Wohlfahrt leg ich mit dem Worte,
     Des Vaters Leben dir in deine Hand.
     Der Wallenstein ist deinem Herzen teuer,
     Ein starkes Band der Liebe, der Verehrung
     Knpft seit der frhen Jugend dich an ihn--
     Du nhrst den Wunsch--Oh!  la mich immerhin
     Vorgreifen deinem zgernden Vertrauen--
     Die Hoffnung nhrst du, ihm viel nher noch
     Anzugehren.

Max.
     Vater--

Octavio.
     Deinem Herzen trau ich,
     Doch, bin ich deiner Fassung auch gewi?
     Wirst du's vermgen, ruhigen Gesichts
     Vor diesen Mann zu treten, wenn ich dir
     Sein ganz Geschick nun anvertrauet habe?

Max.
     Nachdem du seine Schuld mir anvertraut!

Octavio.  (nimmt ein Papier aus der Schatulle und reicht es ihm hin)

Max.
     Was?  Wie?  Ein offner kaiserlicher Brief.

Octavio.
     Lies ihn.

Max.  (nachdem er einen Blick hineingeworfen)
     Der Frst verurteilt und gechtet!

Octavio.
     So ist's.

Max.
     Oh!  das geht weit!  O unglcksvoller Irrtum!

Octavio.
     Lies weiter!  Fa dich!

Max.  (nachdem er weitergelesen, mit einem Blick des
     Erstaunens auf seinen Vater)
     Wie?  Was?  Du?  Du bist--

Octavio.
     Blo fr den Augenblick--und bis der Knig
     Von Ungarn bei dem Heer erscheinen kann,
     Ist das Kommando mir gegeben--

Max.
     Und glaubst du, da du's ihm entreien werdest?
     Das denke ja nicht--Vater!  Vater!  Vater!
     Ein unglckselig Amt ist dir geworden.
     Dies Blatt hier--dieses!  willst du geltendmachen?
     Den Mchtigen in seines Heeres Mitte,
     Umringt von seinen Tausenden, entwaffnen?
     Du bist verloren--Du, wir alle sind's!

Octavio.
     Was ich dabei zu wagen habe, wei ich.
     Ich stehe in der Allmacht Hand; sie wird
     Das fromme Kaiserhaus mit ihrem Schilde
     Bedecken und das Werk der Nacht zertrmmern.
     Der Kaiser hat noch treue Diener, auch im Lager
     Gibt es der braven Mnner gnug, die sich
     Zur guten Sache munter schlagen werden.
     Die Treuen sind gewarnt, bewacht die andern,
     Den ersten Schritt erwart ich nur, sogleich--

Max.
     Auf den Verdacht hin willst du rasch gleich handeln?

Octavio.
     Fern sei vom Kaiser die Tyrannenweise!
     Den Willen nicht, die Tat nur will er strafen.
     Noch hat der Frst sein Schicksal in der Hand--
     Er lasse das Verbrechen unvollfhrt,
     So wird man ihn still vom Kommando nehmen,
     Er wird dem Sohne seines Kaisers weichen.
     Ein ehrenvoll Exil auf seine Schlsser
     Wird Wohltat mehr als Strafe fr ihn sein.
     Jedoch der erste offenbare Schritt--

Max.
     Was nennst du einen solchen Schritt?  Er wird
     Nie einen bsen tun.--Du aber knntest
     (Du hast's getan) den frmmsten auch mideuten.

Octavio.
     Wie strafbar auch des Frsten Zwecke waren,
     Die Schritte, die er ffentlich getan,
     Verstatteten noch eine milde Deutung.
     Nicht eher denk ich dieses Blatt zu brauchen,
     Bis eine Tat getan ist, die unwidersprechlich
     Der Hochverrat bezeugt und ihn verdammt.

Max.
     Und wer soll Richter drber sein?

Octavio.
     Du selbst.

Max.
     Oh!  dann bedarf es dieses Blattes nie!
     Ich hab dein Wort, du wirst nicht eher handeln,
     Bevor du mich--mich selber berzeugt.

Octavio.
     Ist's mglich?  Noch--nach allem, was du weit,
     Kannst du an seine Unschuld glauben?

Max.  (lebhaft)
     Dein Urteil kann sich irren, nicht mein Herz.
(Gemigter fortfahrend.)
     Der Geist ist nicht zu fassen wie ein andrer.
     Wie er sein Schicksal an die Sterne knpft,
     So gleicht er ihnen auch in wunderbarer,
     Geheimer, ewig unbegriffner Bahn.
     Glaub mir, man tut ihm Unrecht.  Alles wird
     Sich lsen.  Glnzend werden wir den Reinen
     Aus diesem schwarzen Argwohn treten sehn.

Octavio.
     Ich will's erwarten.



Zweiter Auftritt

Die Vorigen.  Der Kammerdiener.  Gleich darauf ein Kurier.


Octavio.
     Was gibt's?

Kammerdiener.
     Ein Eilbot' wartet vor der Tr.

Octavio.
     So frh am Tag!  Wer ist's?  Wo kommt er her?

Kammerdiener.
     Das wollt' er mir nicht sagen.

Octavio.
     Fhr ihn herein.  La nichts davon verlauten.

(Kammerdiener ab.  Kornet tritt ein.)

Seid Ihr's, Kornet?  Ihr kommt vom Grafen Gallas?
     Gebt her den Brief.

Kornet.
     Blo mndlich ist mein Auftrag.
     Der Generalleutnant traute nicht.

Octavio.
     Was ist's?

Kornet.
     Er lt Euch sagen--Darf ich frei hier sprechen?

Octavio.
     Mein Sohn wei alles.

Kornet.
     Wir haben ihn.

Octavio.
     Wen meint Ihr?

Kornet.
     Den Unterhndler!  Den Sesin!

Octavio.  (schnell)
     Habt ihr?

Kornet.
     Im Bhmerwald erwischt' ihn Hauptmann Mohrbrand
     Vorgestern frh, als er nach Regenspurg
     Zum Schweden unterwegs war mit Depeschen.

Octavio.
     Und die Depeschen--

Kornet.
     Hat der Generalleutnant
     Sogleich nach Wien geschickt mit dem Gefangnen.

Octavio.
     Nun endlich!  endlich!  Das ist eine groe Zeitung!
     Der Mann ist uns ein kostbares Gef,
     Das wicht'ge Dinge einschliet--Fand man viel?

Kornet.
     An sechs Pakete mit Graf Terzkys Wappen.

Octavio.
     Keins von des Frsten Hand?

Kornet.
     Nicht, da ich wte.

Octavio.
     Und der Sesina?

Kornet.
     Der tat sehr erschrocken,
     Als man ihm sagt', es ginge nacher Wien.
     Graf Altring aber sprach ihm guten Mut ein,
     Wenn er nur alles wollte frei bekennen.

Octavio.
     Ist Altringer bei Eurem Herrn?  Ich hrte,
     Er lge krank zu Linz.

Kornet.
     Schon seit drei Tagen
     Ist er zu Frauenberg beim Generalleutnant.
     Sie haben sechzig Fhnlein schon beisammen,
     Erlesnes Volk, und lassen Euch entbieten,
     Da sie von Euch Befehle nur erwarten.

Octavio.
     In wenig Tagen kann sich viel ereignen.
     Wann mt Ihr fort?

Kornet.
     Ich wart' auf Eure Ordre.

Octavio.
     Bleibt bis zum Abend.

Kornet.
     Wohl.

(Will gehen.)

Octavio.
     Sah Euch doch niemand?

Kornet.
     Kein Mensch.  Die Kapuziner lieen mich
     Durchs Klosterpfrtchen ein, so wie gewhnlich.

Octavio.
     Geht, ruht Euch aus und haltet Euch verborgen.
     Ich denk Euch noch vor Abend abzufert'gen.
     Die Sachen liegen der Entwicklung nah,
     Und eh' der Tag, der eben jetzt am Himmel
     Verhngnisvoll heranbricht, untergeht,
     Mu ein entscheidend Los gefallen sein.

(Kornet geht ab.)



Dritter Auftritt

Beide Piccolomini.


Octavio.
     Was nun, mein Sohn?  Jetzt werden wir bald klar sein,
     --Denn alles, wei ich, ging durch den Sesina.

Max.  (der whrend des ganzen vorigen Auftritts in einem
     heftigen, innern Kampf gestanden, entschlossen)
     Ich will auf krzerm Weg mir Licht verschaffen.
     Leb wohl!

Octavio.
     Wohin?  Bleib da!

Max.
     Zum Frsten.

Octavio.  (erschrickt)
     Was?

Max.  (zurckkommend)
     Wenn du geglaubt, ich werde eine Rolle
     In deinem Spiele spielen, hast du dich
     In mir verrechnet.  Mein Weg mu gerad sein.
     Ich kann nicht wahr sein mit der Zunge, mit
     Dem Herzen falsch--nicht zusehn, da mir einer
     Als seinem Freunde traut, und mein Gewissen
     Damit beschwichtigen, da er's auf seine
     Gefahr tut, da mein Mund ihn nicht belogen.
     Wofr mich einer kauft, das mu ich sein.
     --Ich geh zum Herzog.  Heut noch werd ich ihn
     Auffordern, seinen Leumund vor der Welt
     Zu retten, eure knstlichen Gewebe
     Mit einem graden Schritte zu durchreien.

Octavio.
     Das wolltest du?

Max.
     Das will ich.  Zweifle nicht.

Octavio.
     Ich habe mich in dir verrechnet, ja.
     Ich rechnete auf einen weisen Sohn,
     Der die wohltt'gen Hnde wrde segnen,
     Die ihn zurck vom Abgrund ziehn--und einen
     Verblendeten entdeck ich, den zwei Augen
     Zum Toren machten, Leidenschaft umnebelt,
     Den selbst des Tages volles Licht nicht heilt.
     Befrag ihn!  Geh!  Sei unbesonnen gnug,
     Ihm deines Vaters, deines Kaisers
     Geheimnis preiszugeben.  Nt'ge mich
     Zu einem lauten Bruche vor der Zeit!
     Und jetzt, nachdem ein Wunderwerk des Himmels
     Bis heute mein Geheimnis hat beschtzt,
     Des Argwohns helle Blicke eingeschlfert,
     La mich's erleben, da mein eigner Sohn
     Mit unbedachtsam rasendem Beginnen
     Der Staatskunst mhevolles Werk vernichtet.

Max.
     Oh!  diese Staatskunst, wie verwnsch' ich sie !
     Ihr werdet ihn durch eure Staatskunst noch
     Zu einem Schritte treiben--Ja, ihr knntet ihn,
     Weil ihr ihn schuldig wollt, noch schuldig machen.
     Oh!  das kann nicht gut endigen--und mag sich's
     Entscheiden wie es will, ich sehe ahnend
     Die unglckselige Entwicklung nahen.--
     Denn dieser Knigliche, wenn er fllt,
     Wird eine Welt im Sturze mit sich reien,
     Und wie ein Schiff, das mitten auf dem Weltmeer
     In Brand gert mit einem Mal und berstend
     Auffliegt und alle Mannschaft, die es trug,
     Ausschttet pltzlich zwischen Meer und Himmel,
     Wird er uns alle, die wir an sein Glck
     Befestigt sind, in seinen Fall hinabziehn.
     Halte du es, wie du willst!  Doch mir vergnne,
     Da ich auf meine Weise mich betrage.
     Rein mu es bleiben zwischen mir und ihm,
     Und eh' der Tag sich neigt, mu sich's erklren,
     Ob ich den Freund, ob ich den Vater soll entbehren.

(Indem er abgeht, fllt der Vorhang.)







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