The Project Gutenberg EBook of Lichtenstein, by Wilhelm Hauff
#5 in our series by Wilhelm Hauff

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Title: Lichtenstein

Author: Wilhelm Hauff

Release Date: October, 2004 [EBook #6726]
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[This file was first posted on January 20, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK LICHTENSTEIN ***




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Lichtenstein

Wilhelm Hauff

Inhalt:

Vorwort
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Kapitel 36




Lichtenstein

Wilhelm Hauff


Die Sage, womit sich die folgenden Bltter beschftigen, gehrt jenem
Teil des sdlichen Deutschlands an, welcher sich zwischen den
Gebirgen der Alb und des Schwarzwaldes ausbreitet.  Das erstere
dieser Gebirge schliet, von Nordost nach Sden in verschiedener
Breite sich ausdehnend, in einer langen Bergkette dieses Land ein,
der Schwarzwald aber zieht sich von den Quellen der Donau bis hinber
an den Rhein und bildet mit seinen schwrzlichen Tannenwldern einen
dunklen Hintergrund fr die schne, fruchtbare, weinreiche Landschaft,
die, vom Neckar durchstrmt, an seinem Fue sich ausbreitet und
Wrttemberg heit.

Dieses Land schritt aus geringem, dunklem Anfang unter mancherlei
Kmpfen siegend zu seiner jetzigen Stellung unter den Nachbarstaaten
hervor.  Es erregt dies umso grere Bewunderung wenn man die Zeit
bedenkt, in welcher sein Name zuerst aus dem Dunkel tritt; jene Zeit,
wo mchtige Grenznachbarn, wie die Stauffen, die Herzoge von Teck,
die Grafen von Zollern, um seine Wiege gelagert waren; wenn man die
inneren und ueren Strme bedenkt, die es durchzogen und oft selbst
seinen Namen aus den Annalen der Geschichte zu vertilgen drohten.

Gab es doch sogar eine Zeit, wo der Stamm seiner Beherrscher auf ewig
aus den Hallen ihrer Vter verdrngt schien, wo sein unglcklicher
Herzog aus seinen Grenzen fliehen und in drckender Verbannung leben
mute, wo fremde Herren in seinen Burgen hausten, fremde Sldner das
Land bewachten und wenig fehlte, da Wrttemberg aufhrte zu sein,
jene blhenden Fluren zerrissen und eine Beute fr viele oder eine
Provinz des Hauses sterreich wurden.

Unter den vielen Sagen, die von ihrem Land und der Geschichte ihrer
Vter im Mund der Schwaben leben, ist wohl keine von so hohem
romantischem Interesse wie die, welche sich an die Kmpfe der eben
erwhnten Zeit, an das wunderbare Schicksal jenes unglcklichen
Frsten Ulrich knpft.

Das Jahr 1519, in welches unsere Sage fllt, hat ber ihn entschieden,
denn es ist der Anfang seines langen Unglckes.  Doch darf die
Nachwelt sagen, es war der Anfang seines Glckes.  War ja doch jene
lange Verbannung ein luterndes Feuer, woraus er weise und krftiger
als je hervorging.  Es war der Anfang seines Glckes, denn seine
spteren Regentenjahre wird jeder Wrttemberger segnen, der die
religise Umwlzung, die dieser Frst in seinem Vaterland
bewerkstelligte, fr ein Glck ansieht.

In jenem Jahr war alles auf die Spitze gestellt.  Der Aufruhr des
Armen Konrad war sechs Jahre frher mit Mhe gestillt worden.  Doch
war das Landvolk hie und da noch schwierig, weil der Herzog dasselbe
nicht fr sich zu gewinnen wute, seine Amtleute auf ihre eigene
Faust arg hausten und Steuern auf Steuern erhoben wurden.  Den
schwbischen Bund, eine mchtige Vereinigung von Frsten, Grafen,
Rittern und freien Stdten des Schwaben- und Frankenlandes, hatte er
wiederholt beleidigt,hauptschlich auch dadurch, da er sich weigerte,
ihm beizutreten So sahen also alle seine Grenznachbarn mit
feindlichen Blicken auf sein Tun, als wollten sie nur die Gelegenheit
abwarten, ihn fhlen zu lassen, welch mchtiges Bndnis er verweigert
habe.  Der Kaiser Maximilian, der damals noch regierte, war ihm auch
nicht ganz hold, besonders seit er im Verdacht stand, den Ritter Gtz
von Berlichingen untersttzt zu haben, um sich an dem Kurfrsten von
Mainz zu rchen.

Der Herzog von Bayern, ein mchtiger Nachbar, dazu sein Schwager, war
ihm abgeneigt, weil Ulrich mit der Herzogin Sabina nicht zum besten
lebte.  Zu allem diesem kam, um sein Verderben zu beschleunigen, die
Ermordung eines frnkischen Ritters, der an seinem Hof lebte.
Glaubwrdige Chronisten sagen, das Verhltnis des Johann von Hutten
zu Sabina sei nicht so gewesen, wie es der Herzog gerne sah.  Daher
griff ihn der Herzog auf einer Jagd an, warf ihm seine Untreue vor,
forderte ihn auf, sich seines Lebens zu erwehren, und stach ihn
nieder.  Die Huttischen, hauptschlich Ulrich von Hutten, erhoben
ihre Stimmen wider ihn, und in ganz Deutschland erscholl ihr Klage-
und Rachegeschrei.

Auch die Herzogin, die durch stolzes, znkisches Wesen Ulrich schon
als Braut aufgebracht und ihm keine gute Ehe bereitet hatte, trat
jetzt als Gegnerin auf, entfloh mit Hilfe Dietrichs von Spt, und sie
und ihre Brder traten als Klger und bittere Feinde bei dem Kaiser
auf.  Es wurden Vertrge geschlossen und nicht gehalten, es wurden
Friedensvorschlge angeboten und wieder verworfen, die Not um den
Herzog wuchs von Monat zu Monat, und dennoch beugte sich sein Sinn
nicht, denn er meinte, recht getan zu haben Der Kaiser starb in
dieser Zeit.  Er war ein Herr, der Ulrich trotz der vielen Klagen
Milde bewiesen hatte.  An ihm starb dem Herzog ein unparteiischer
Richter, den er in diesen Bedrngnissen so gut htte brauchen knnen,
denn das Unglck kam jetzt schnell.

Man feierte das Leichenfest des Kaisers zu Stuttgart in der Burg, als
dem Herzog die Kunde kam, da Reutlingen, eine Reichsstadt, die in
seinem Gebiet lag, seinen Waldvogt auf Achalm erschlagen habe.  Diese
Stdter hatten ihn schon oft empfindlich beleidigt, sie waren ihm
verhat und sollten jetzt seine Rache fhlen.  Schnell zum Zorn
gereizt, wie er war, warf er sich aufs Pferd, lie die Lrmtrommeln
durch das Land tnen, belagerte die Stadt und nahm sie ein Der Herzog
lie sich von ihr huldigen, und die Reichsstadt war wrttembergisch.

Aber jetzt erhob sich der schwbische Bund mit Macht, denn diese
Stadt war ein Glied desselben gewesen So schwer es auch sonst hielt,
diese Frsten, Grafen und Stdte aufzubieten, so zgerten sie doch
hier nicht, sondern hielten zusammen, denn der Ha ist ein fester
Kitt.  Umsonst waren Ulrichs schriftliche Verteidigungen.  Das
Bundesheer sammelte sich bei Ulm und drohte mit einem Einfall.

So war also im Jahr 1519 alles auf die Spitze gestellt.  Konnte der
Herzog das Feld behaupten, so behielt er recht, und es war nicht zu
zweifeln, da er dann groen Anhang bekommen wrde.  Gelang es dem
Bund, den Herzog aus dem Feld zu schlagen, dann wehe ihm.  Wo so
vieles zu rchen war, durfte er keine Schonung erwarten

Die Blicke Deutschlands hingen bange am Erfolg dieses Kampfes, sie
suchten begierig durch den Vorhang des Schicksals zu dringen und zu
ersphen, was die knftigen Tage bringen werden, ob Wrttemberg
gesiegt, ob der Bund den Wahlplatz behauptet habe.  Wir rollen diesen
Vorhang auf, wir lassen Bild an Bild vorberziehen, mge das Auge
nicht zu frh ermdet sich davon abwenden.




Kapitel 1

Nach den ersten trben Tagen des Mrz 1519 war endlich am zwlften
ein recht freundlicher Morgen ber der Reichsstadt Ulm aufgegangen.
Die engen, kalten Straen mit ihren hohen, dunklen Giebelhusern
hatte der schne Morgen heller als sonst beleuchtet und ihnen einen
Glanz, eine Freundlichkeit gegeben, die zu dem heutigen festlichen
Ansehen der Stadt gar trefflich pate.  Die groe Herdbruckergasse--
sie fhrt vom Donautor an das Rathaus--stand an diesem Morgen
gedrngt voll Menschen, die sich Kopf an Kopf wie eine Mauer an den
beiden Seiten der Huser hinzogen, nur einen engen Raum in der Mitte
der Gasse briglassend.  Ein dumpfes Gemurmel gespannter Erwartung
lief durch die Reihen und brach nur in ein kurzes Gelchter aus, wenn
etwa die alten, strengen Stadtwchter eine hbsche Dirne, die sich zu
vorlaut in den freigelassenen Raum gedrngt hatte, etwas unsanft mit
dem Ende ihrer langen Hellebarde zurckdrngten, oder wenn ein Schalk
sich den Spa machte: "Sie kommen!  Sie kommen!" rief, alles lange
Hlse machte und schaute, bis es sich zeigte, da man sich wieder
getuscht habe.

Noch dichter aber war das Gedrnge da, wo die Herdbruckergasse auf
den Platz vor dem Rathaus einbiegt.  Dort hatten sich die Znfte
aufgestellt.  Die Schiffergilde mit ihren Altmeistern an der Spitze,
die Weber, die Zimmerer, die Brauer mit ihren Fahnen und
Gewerbezeichen, sie alle waren im Sonntagswams und wohlbewaffnet
zahlreich dort versammelt.

Bot aber schon die Menge hier unten einen frhlichen, festlichen
Anblick dar, so war dies noch mehr der Fall mit den hohen Husern der
Strae selbst.  Bis an die Giebeldcher waren alle Fenster voll
geputzter Frauen und Mdchen, um welche sich die grnen Tannen- und
Taxuszweige, die bunten Teppiche und Tcher, mit welchen die Seiten
geschmckt waren, wie Rahmen um liebliche Gemlde zogen.

Das anmutigste Bild gewhrte wohl ein Erkerfenster am Hause des Herrn
Hans von Besserer.  Dort standen zwei Mdchen, so verschieden an
Gesicht, Gestalt und Kleidung, und doch beide von so ausgezeichneter
Schnheit, da, wer sie von der Strae betrachtete, eine Weile
zweifelhaft war, welcher er wohl den Vorzug geben mchte.

Beide schienen nicht ber achtzehn Jahre alt zu sein.  Die eine,
grere, war zart gebaut, reiches, braunes Haar zog sich um eine
freie Stirn, die gewlbten Bogen ihrer dunklen Brauen, das ruhige,
blaue Auge, der feingeschnittene Mund, die zarten Farben der Wangen--
sie gaben ein Bild, das unter unseren heutigen Damen fr sehr
anziehend gelten wrde, das aber in jenen Zeiten, wo noch hheren
Farben, volleren Formen der Apfel zuerkannt wurde, nur durch seine
gebietende Wrde neben der anderen Schnen sich geltend machen konnte.

Diese, kleiner und in reichlicherer Flle als ihre Nachbarin, war
eines jener unbesorgten, immer heiteren Wesen, welche wohl wissen,
da sie gefallen.  Ihr hellblondes Haar war nach damaliger Sitte der
Ulmer Damen in viele Lckchen und Zpfchen geschlungen und zum Teil
unter ein weies Hubchen voll kleiner, knstlicher Fltchen gesteckt.
Das runde frische Gesichtchen war in immerwhrender Bewegung, noch
rastloser glitten die lebhaften Augen ber die Menge hin, und der
lchelnde Mund, der alle Augenblicke die schnen Zhne sehen lie,
zeigte deutlich, da es unter den vielerlei abenteuerlichen Gruppen
und Gestalten nicht an Gegenstnden fehle, die ihrer frhlichen Laune
zur Zielscheibe dienen muten.

Hinter den beiden Mdchen stand ein groer, bejahrter Mann; seine
tiefen, strengen Zge, seine buschigen Augenbrauen, sein langer
dnner, schon ins Graue spielender Bart, selbst sein ganz schwarzer
Anzug, der wunderlich gegen die reichen, bunten Farben um ihn her
abstach, gaben ihm ein ernstes, beinahe trauriges Aussehen, das kaum
ein wenig milder wurde, wenn ein Schimmer von Freundlichkeit,
hervorgelockt durch die glcklichen Einflle der Blondine, wie ein
Wetterleuchten durch das finstere Gesicht zog.  Diese Gruppe, so
verschieden in sich durch Farbe und Schattierung, wie durch Charakter
und Jahre, zog hin und wieder die Aufmerksamkeit der Untenstehenden
auf sich.  Manches Auge hing an den schnen Mdchen, und sie
beschftigten eine Weile durch ihre berraschende Erscheinung jene
mige Menge, die schon ungeduldig zu werden anfing, da das
Schauspiel dessen sie harrte, sich noch immer nicht zeigen wollte.

Es ging schon stark gegen Mittag.  Die Menge wogte immer ungeduldiger,
prete sich strker, und hin und wieder hatte sich schon einer oder
der andere aus den Reihen der ehrsamen Znfte auf den Boden gelagert,
da tnten drei Schsse von der Schanze auf dem Lug-ins-Land herber,
die Glocken des Mnsters begannen tiefe, volle Akkorde ber die Stadt
hinzurollen, und im Augenblick hatten sich die verworrenen Reihen
geordnet.

"Sie kommen, Marie, sie kommen!" rief die Blonde im Erkerfenster und
schlang ihren Arm um den Leib ihrer Nachbarin, indem sie sich weiter
zum Fenster hinausbeugte.  Das Haus des Herrn von Besserer bildete
die Ecke der vorerwhnten Strae, von dem Erker konnte man hinab
beinahe bis an das Donautor, und hinber bis in die Fenster des
Rathauses sehen, die Mdchen hatten also ihren Standpunkt trefflich
gewhlt, um das Schauspiel, dessen sie harrten, ganz zu genieen.

Jetzt hrte man den dumpfen Schall der Pauken, vermischt mit den
hohen Klngen der Zinken und Trompeten, und durch das Tor herein
bewegte sich ein langer, glnzender Zug von Reitern.  Die Stadtpauker
und Trompeter, die berittene Schar der Ulmer Patriziershne war eine
allzu tgliche Erscheinung, als da das Auge lange darauf verweilt
htte.  Als aber das schwarz und weie Banner der Stadt, mit dem
Reichsadler, als Fahnen und Standarten aller Gren und Farben, zum
Tor hereinschwankten, da dachten die Zuschauer, da jetzt der rechte
Augenblick gekommen sei.

Auch unsere Schnen im Erkerfenster schrften jetzt ihre Blicke, als
man die Menge am unteren Teil der Strae ehrerbietig die Mtzen
abnehmen sah.

Auf einem groen, starkknochigen Rosse nahte ein Mann, dessen
krftige Haltung, dessen heiteres, frisches Ansehen in sonderbarem
Kontrast stand mit der tiefgefurchten Stirn und dem schon ins Graue
spielenden Haar und Bart. Er trug einen zugespitzten Hut mit vielen
Federn, einen Brustharnisch ber ein eng anschlieendes, rotes Wams,
Beinkleider von Leder, mit Seide ausgeschlitzt, die wohl neu recht
hbsch gewesen sein mochten, aber durch Regen und Strapazen eine
einfrmige, dunkelbraune Farbe erhalten hatten.  Weite, schwere
Reiterstiefel schlossen sich unter den Knien an.  Seine einzige Waffe,
ein ungewhnlich groes Schwert mit langem Griff ohne Korb,
vollendete das Bild eines gewaltigen, unter Gefahren frh ergrauten
Kriegers.  Der einzige Schmuck dieses Mannes war eine lange, goldene
Kette von dicken Ringen, fnfmal um den Hals gelegt, an welcher ein
Ehrenpfennig auf die Brust herabhing.

"Sagt geschwind, Oheim, wer ist der stattliche Mann, der so jung und
alt aussieht?" rief die Blonde, indem sie das Kpfchen ein wenig nach
dem schwarzen Herrn, der hinter ihr stand, zurckbeugte.

"Das kann ich dir sagen, Berta", antwortete dieser bedchtig.  "Es
ist Georg von Frondsberg, oberster Feldhauptmann des bndischen
Fuvolks, ein wackerer Mann, wenn er einer besseren Sache diente!"

"Behaltet Eure Bemerkungen fr Euch, Herr Wrttemberger", entgegnete
ihm die Kleine, indem sie lchelnd mit dem Finger drohte, "Ihr wit,
da die Ulmer Mdchen gut bndisch sind!"

Der Oheim aber, ohne sich irremachen zu lassen, fuhr fort: "Jener
dort auf dem Schimmel ist Truchse Waldburg, der Feldleutnant, dem
auch etwas von unserem Wrttemberg wohl anstnde.  Dort hinter ihm
kommen die Bundesobersten.  Wei Gott, sie sehen aus wie Wlfe, die
nach Beute gehen."

"Pfui!  Verwitterte Gestalten!" bemerkte Berta.  "Ob es wohl auch der
Mhe wert war, Bschen Marie, da wir uns so putzten?  Aber siehe da,
wer ist der junge, schwarze Reiter auf dem Braunen?  Sieh nur das
bleiche Gesicht und die feurigen, schwarzen Augen!  Auf seinem Schild
steht: 'Ich hab's gewagt'."

"Das ist der Ritter Ulrich von Hutten", erwiderte der Alte, "dem Gott
seine Schmhworte gegen unsern Herzog verzeihen wolle.  Kinder, das
ist ein gelehrter, frommer Herr.  Er ist zwar des Herzogs bitterster
Feind, aber ich sage so.  Denn was wahr ist, mu wahr bleiben!"

"Und siehe, da sind Sickingens Farben, wahrhaftig, da ist er selbst.
Schaut hin, Mdchen, das ist Franz von Sickingen Sie sagen, er fhre
tausend Reiter ins Feld.  Der ist's mit dem blanken Harnisch und der
roten Feder."

"Aber sagt mir, Oheim", fragte Berta weiter, "welches ist denn Gtz
von Berlichingen, von dem uns Vetter Kraft so viel erzhlt.  Er ist
ein gewaltiger Mann und hat eine Faust von Eisen.  Reitet er nicht
mit den Stdten?"

"Gtz und die Stdter nenne nie in einem Atem", sprach der Alte mit
Ernst.  "Er hlt zu Wrttemberg."

Ein groer Teil des Zuges war whrend dieses Gesprches am Fenster
vorbergezogen, und mit Verwunderung hatte Berta bemerkt, wie
gleichgltig und teilnahmslos ihre Base Marie hinabschaute.  Es war
zwar sonst des Mdchens Art, sinnend, zuweilen wohl auch trumerisch
auszusehen, aber heute, bei einem so glnzenden Aufzug, so ganz ohne
Teilnahme zu sein, deuchte ihr ein groes Unrecht.  Sie wollte sie
eben zur Rede stellen, als ein Gerusch von der Strae her ihre
Aufmerksamkeit auf sich zog.  Ein mchtiges Ro bumte sich in der
Mitte der Strae unter ihrem Fenster, wahrscheinlich scheu gemacht
durch die flatternden Fahnen der Znfte.  Sein hoch zurckgeworfener
Kopf verdeckte den Reiter, so da nur die wehenden Federn des Baretts
sichtbar waren; aber die Gewandtheit und Kraft, mit welcher er das
Pferd herunterri und zum Stehen brachte, lie einen jungen mutigen
Reiter ahnen.  Das lange hellbraune Haar war ihm von der Anstrengung
ber das Gesicht herabgefallen.  Als er es zurckschlug, traf sein
Blick das Erkerfenster.

"Nun, dies ist doch einmal ein hbscher Herr", flsterte die Blonde
ihrer Nachbarin zu, so heimlich, so leise, als frchte sie, von dem
schnen Reiter gehrt zu werden, "und wie er artig und hflich ist!
Sieh nur, er hat uns gegrt, ohne uns zu kennen."

Aber das stille Bschen Marie schien der Kleinen nicht viel
Aufmerksamkeit zu schenken.  Ein glhendes Rot zog ber die zarten
Wangen.  Ja, wer die ernste Jungfrau gesehen htte, wie sie so kalt
auf den Zug hinabsah, htte wohl nie geahnt, da so viel holde
Freundlichkeit um diesen Mund, so viel Liebe in diesem sinnenden Auge
wohnen knnte, als in jenem Augenblick sichtbar wurde, wo sie durch
ein leichtes Neigen des Hauptes den Gru des jungen Ritters erwiderte.

Der kleinen Schwtzerin war unsere flchtige, aber wahre Bemerkung
ber den Anblick des schnen Mannes vllig entgangen.  "Nur schnell,
Oheim!" rief sie und zog den alten Herrn am Mantel.  "Wer ist dieser
in der hellblauen Binde mit Silber?  Nun?"

"Liebes Kind!" antwortete der Oheim.  "Den habe ich in meinem Leben
nicht gesehen Seinen Farben nach steht er in keinem besonderen Dienst,
sondern reitet wohl auf seine eigene Faust gegen meinen Herzog und
Herrn, wie so viele Hungerleider, die sich an unseren Tpfen laben
wollen."

"Mit Euch ist doch nichts anzufangen", sagte die Kleine und wandte
sich unmutig ab.  "Die alten und gelehrten Herren kennt Ihr alle auf
hundert Schritte und weiter.  Wenn man aber einmal nach einem
hbschen, hflichen Junker fragt, wit Ihr nichts.  Du bist auch so,
Marie, machtest Augen auf den Zug hinunter, als ob es eine Prozession
an Fronleichnam wre; ich wette, Du hast das Schnste von allem nicht
gesehen und hattest noch den alten Frondsberg im Kopf, als ganz
andere Leute vorbeiritten!"

Der Zug hatte sich whrend dieser Strafrede Bertas vor dem Rathaus
aufgestellt; die bndische Reiterei, die noch vorberzog, hatte wenig
Interesse mehr fr die beiden Mdchen.  Als daher die Herren
abgesessen und zum Imbi ins Rathaus gezogen waren, als die Znfte
ihre Glieder auflsten und das Volk sich zu verlaufen begann, zogen
auch sie sich vom Fenster zurck.

Berta schien nicht ganz zufrieden zu sein.  Ihre Neugier war nur halb
befriedigt.  Sie htete sich brigens wohl, vor dem alten, ernsten
Oheim etwas merken zu lassen.  Als aber dieser das Gemach verlie,
wandte sie sich an ihre Base, die noch immer trumend am Fenster
stand:

"Nein, wie einen doch so etwas peinigen kann!  Ich wollte viel darum
geben, wenn ich wte, wie er heit.  Da Du aber auch gar keine
Augen hast, Marie!  Ich stie Dich doch an, als er grte.  Siehe,
hellbraune Haare, recht lang und glatt, freundliche dunkle Augen, das
ganze Gesicht ein wenig brunlich, aber hbsch, sehr hbsch.  Ein
Brtchen ber dem Mund, nein! ich sage Dir--wie Du jetzt nur wieder
gleich rot werden kannst!" fuhr die Blonde in ihrem Eifer fort.  "Als
ob zwei Mdchen, wenn sie allein sind, nicht von dem schnen Mund
eines jungen Herrn sprechen drften.  Dies geschieht oft bei uns.
Aber freilich, bei Deiner seligen Frau Muhme in Tbingen und bei
Deinem ernsten Vater in Lichtenstein kamen solche Sachen nicht zur
Sprache, und ich sehe schon, Bschen Marie trumt wieder, und ich mu
mir ein Ulmer Stadtkind suchen, wenn ich auch nur ein klein wenig
schwatzen will."

Marie antwortete nur durch ein Lcheln, das wir vielleicht etwas
schelmisch gefunden htten.  Berta aber nahm den groen Schlsselbund
vom Haken an der Tr, sang sich ein Liedchen und ging, um noch
einiges zum Mittagessen zu rsten.  Denn wenn man ihr auch etwas zu
groe Neugierde vorwerfen konnte, so war sie doch eine zu gute
Haushlterin, als da sie ber der flchtigen Erscheinung des
hflichen Reiters das Gemse und den Nachtisch vergessen htte.

Sie hpfte hinaus und lie ihre Base allein bei ihren Gedanken.  Und
auch wir stren sie nicht, wenn sie jetzt die schnen Bilder der
Erinnerung durchgeht, die jene Erscheinung mit einem Mal aus dem
tiefen, treuen Herzen hervorgerufen hatte, wenn sie jener Zeit
gedenkt, wo ein flchtiger Blick von ihm, ein Druck seiner Hand, ihre
Tage erhellte, wenn sie jener Nchte gedenkt, wo sie im stillen
Kmmerlein, unbelauscht von der seligen Muhme, jene Schrpe flocht,
deren freudige Farben sie heute aus ihren niedergeschlagenen Augen
sich fragt, ob Bschen Berta den sen Mund des Geliebten richtig
beschrieben habe?




Kapitel 2


Der festliche Aufzug, den wir auf den letzten Blttern beschrieben
haben, galt den Huptern und Obersten des schwbischen Bundes, der an
diesem Tag, auf seinem Marsch von Augsburg, wo er sich versammelt
hatte, in Ulm einzog.  Der Leser kennt aus der Einleitung die Lage
der Dinge.  Herzog Ulrich von Wrttemberg hatte durch die
Unbeugsamkeit, mit welcher er trotzte, durch die allzu heftigen
Ausbrche seines Zornes und seiner Rache, durch die Khnheit, mit
welcher er, der einzelne, so vielen verbndeten Frsten und Herren
die Stirne bot, zuletzt noch durch die pltzliche Einnahme der
Reichsstadt Reutlingen den bittersten Ha des Bundes auf sich gezogen.
Der Krieg war unvermeidlich; denn es stand nicht zu erwarten, da
man, so weit gegangen, friedliche Vorschlge tun werde.

Hinzu kamen noch die besonderen Rcksichten, die jeden leiteten.  Der
Herzog von Bayern, um seiner Schwester Sabina Genugtuung zu
verschaffen, die Schar der Huttischen, um ihren Stammesvetter zu
rchen, unglcklichen Dietrich von Spt und seine Gesellen, um ihre
Schmach in Wrttembergs Unglck abzuwaschen die Stdte und Stdtchen,
um Reutlingen wieder gut bndisch zu machen, sie alle hatten ihre
Banner entrollt und sich mit blutigen Gedanken und lstern nach
gewisser Beute eingestellt.

Bei weitem friedlicher und frhlicher waren bei diesem Einzug die
Gesinnungen Georgs von Sturmfeder, jenes "artigen Reiters", der
Bertas Neugierde in so hohem Grad erweckt, dessen unerwartete
Erscheinung Mariens Wangen mit so tiefem Rot gefrbt hatte.  Wute er
doch kaum selbst, wie er zu diesem Feldzug kam, da er, obgleich den
Waffen nicht fremd, doch nicht zunchst fr das Waffenwerk bestimmt
war.  Aus einem armen, aber angesehenen Stamm Frankens entsprossen,
war er, frh verwaist, von einem Bruder seines Vaters erzogen worden.
Schon damals hatte man angefangen, gelehrte Bildung als einen
Schmuck des Adels zu schtzen.  Daher whlte sein Oheim fr ihn diese
Laufbahn.  Die Sage erzhlt nicht, ob er auf der hohen Schule in
Tbingen die damals in ihrem ersten Erblhen war, in den
Wissenschaften viel getan.  Es kam nur die Nachricht bis auf uns, da
er einem Frulein von Lichtenstein, die bei einer Muhme in jener
Musenstadt lebte, wrmere Teilnahme schenkte als den Lehrsthlen der
berhmtesten Doktoren.  Man erzhlt sich auch, da das Frulein mit
ernstem, beinahe mnnlichem Geist alle Knste, womit andere ihr Herz
bestrmten, gering geachtet habe.  Zwar kannte man schon damals alle
jene Kriegslisten, ein hartes Herz zu erobern und die Jnger der
alten Tubinga hatten ihren Ovid vielleicht besser studiert als die
heutigen.  Es sollen aber weder nchtliche Liebesklagen noch
frchterliche Schlachten und Kmpfe um ihren Besitz die Jungfrau
erweicht haben.  Nur einem gelang es, dieses Herz fr sich zu
gewinnen, und dieser eine war Georg.  Sie haben zwar, wie es stille
Liebe zu tun pflegt, niemand gesagt, wann und wo ihnen der erste
Strahl des Verstndnisses aufging, und wir sind weit entfernt, uns in
dieses se Geheimnis der ersten Liebe eindrngen zu wollen, oder gar
Dinge zu erzhlen, die wir geschichtlich nicht belegen knnen.  Doch
knnen wir mit Grund annehmen, da sie schon bis zu jenem Grad der
Liebe gediehen waren, wo man, gedrngt von ueren Verhltnissen,
gleichsam als Trost fr das Scheiden, ewige Treue schwrt.  Denn als
die Muhme in Tbingen das Zeitliche gesegnet und Herr von
Lichtenstein sein Tchterlein zu sich holen lie, um sie nach Ulm, wo
ihm eine Schwester verheiratet war, zu weiterer Ausbildung zu
schicken, da merkte Rose, Mariens alte Zofe, da so heie Trnen und
die Sehnsucht, mit welcher Marie noch einmal und immer wieder aus der
Snfte zurcksah, nicht den bergigen Straen denen sie Valet sagen
mute, allein gelte.

Bald darauf langte auch ein Sendschreiben an Georg an, worin ihm sein
Oheim die Frage beibrachte, ob er jetzt, nach vier Jahren, noch nicht
gelehrt genug sei?  Dieser Ruf kam ihm erwnscht.  Seit Mariens
Abreise waren ihm die Lehrsthle der gelehrten Doktoren, die finstere
Hgelstadt, ja selbst das liebliche Tal des Neckars verhat geworden
Mit neuer Kraft erfrischte ihn die kalte Luft, die ihm von den Bergen
entgegenstrmte, als er an einem schnen Morgen des Februar aus den
Toren Tbingens seiner Heimat entgegenritt.  Wie die Sehnen seiner
Arme in dem frischen Morgen sich straffer anzogen, wie die Muskeln
seiner Faust krftiger in den Zgel faten, so erhob sich auch seine
Seele zu frischem heiterem Mut.

So war die Stimmung Georgs von Sturmfeder, als er durch den
Schnbuchwald seiner Heimat zuzog.  Zwar brachte ihn dieser Weg dem
Liebchen nicht nher, zwar konnte er nichts sein nennen, als das Ro,
da er eben ritt, und die Burg seiner Vter, von welcher der
Volkswitz sang:


Ein Haus auf drei Sttzen,
Wer vorn hereinkommt,
Kann hinten nicht sitzen.


Aber er wute, da dem festen Willen hundert Wege offenstehen, um zum
Ziel zu gelangen, und der alte Spruch des Rmers:

_Fortes fortuna juvat_ hatte ihn noch nie belogen.

Wirklich schienen auch seine Wnsche nach einer ttigen Laufbahn bald
in Erfllung zu gehen.

Der Herzog von Wrttemberg hatte Reutlingen, das ihn beleidigt hatte,
aus einer Reichsstadt zur Landstadt gemacht, und es war kein Zweifel
an einem Krieg.

Der Erfolg schien aber damals sehr ungewi.  Der schwbische Bund,
wenn er auch erfahrenere Feldherren und gebtere Soldaten zhlte,
hatte doch durch Uneinigkeit sich in allen Kriegen selbst geschadet.
Ulrich auf seiner Seite, hatte vierzehntausend Schweizer, tapfere,
kampfgebte Mnner geworben, aus seinem eigenen Land konnte er, wenn
auch minder gebte, doch zahlreiche und tchtige Truppen ziehen, und
so stand die Waage im Februar 1519 noch ziemlich gleich.

Wo alles um ihn her Partei nahm, glaubte Georg nicht mig bleiben zu
drfen.  Ein Krieg war ihm erwnscht.  Es war eine Laufbahn, die ihn
seinem Ziel, um Marie wrdig freien zu knnen, bald nahebringen
konnte.

Zwar zog ihn sein Herz weder zu der einen noch zu der anderen Partei.
Vom Herzog sprach man im Land schlecht, des Bundes Absichten
schienen nicht die reinsten.  Als aber durch Geld und Klagen der
Huttischen und durch die Aussicht auf reiche Beute bestochen,
achtzehn Grafen und Herren, deren Besitzungen an sein Gtchen
grenzten, auf einmal dem Herzog ihre Dienste aufsagten, da schien es
ihn zum Bund zu ziehen.  Den Ausschlag gab die Nachricht, da der
alte Lichtenstein sich mit seiner Tochter in Ulm befinde.  Auf jener
Seite, wo Marie war, durfte er nicht fehlen, und so bot er dem Bund
seine Dienste an.

Die frnkische Ritterschaft, unter Anfhrung Ludwigs von Hutten, zog
sich am Anfang des Mrz gegen Augsburg hin, um sich dort mit Ludwig
von Bayern und den brigen Bundesgliedern zu vereinigen.  Bald hatte
sich das Heer gesammelt, und ihr Weg glich einem Triumphzug, je nher
sie dem Gebiet ihres Feindes kamen.

Herzog Ulrich war bei Blaubeuren, der uersten Stadt seines Landes
gegen Ulm und Bayern hin, gelagert.  In Ulm sollte jetzt noch einmal
zuvor im groen Kriegsrat der Feldzug besprochen werden, und dann
hoffte man in kurzer Zeit die Wrttemberger zur entscheidenden
Schlacht zu ntigen.  An friedliche Unterhandlungen wurde, da man so
weit gegangen war, nicht mehr gedacht, Krieg war die Losung und Sieg
der Gedanke des Heeres, als ein frischer Morgenwind ihnen die Gre
des schweren Geschtzes von den Wllen der Stadt entgegentrug, als
das Gelute aller Glocken zum Willkomm vom andern Ufer der Donau
herbertnte.

Wohl schlug auch Georgs Herz hher bei dem Gedanken an seine erste
Waffenprobe, Aber wer je in hnlicher Lage sich befand, wird ihn
nicht tadeln, da auch friedlichere Gedanken in seiner Seele aufzogen
und ihn Kampf und Sieg vergessen lieen.  Als zuerst, noch in weiter
Ferne, das kolossale Mnster aus dem Nebel auftauchte, als nachher
der verhllende Dunstschleier herabfiel und die Stadt mit ihren
dunklen Backsteinmauern, mit ihren hohen Tortrmen sich vor seinen
Blicken ausbreitete, da kamen alle Zweifel, die er frher tief in die
Brust zurckgedrngt hatte, schwerer als je ber ihn 'Schlieen jene
Mauern auch die Geliebte ein?  Hat nicht ihr Vater, seinem Herzog
treu, vielleicht in die feindlichen Scharen sich gestellt, und darf
der, dessen ganze Hoffnung darauf beruht, den Vater zu gewinnen, darf
er sich jenem gegenberstellen, ohne sein ganzes Glck zu vernichten?
Und ist der Vater auf feindlicher Seite, kann Marie mglicherweise
noch in jenen Mauern sein?  Und wenn alles gut wre, wenn unter der
festlichen Menge, die sich zum Anblick des einziehenden Heeres drngt,
auch Marie auf ihn herabschaut, hat sie auch die Treue noch bewahrt,
die sie geschworen?'

Doch der letzte Gedanke machte bald einer freudigeren Gewiheit Raum;
denn wenn sich auch alles Unglck gegen ihn verschwor, Mariens Treue,
er wute es, war unwandelbar.  Mutig drckte er die Schrpe, die sie
ihm gegeben, an seine Brust, und als jetzt die Ulmer Reiterei sich an
den Zug anschlo, als die Zinken und Trompeten ihre mutigen Weisen
anstimmten, da kehrte seine alte Freude wieder, stolzer hob er sich
im Sattel, khner rckte er das Barett in die Stirn, und als der Zug
in die festlich geschmckten Straen einbog, musterte sein scharfes
Auge alle Fenster der hohen Huser, um sie zu ersphen.

Da gewahrte er sie, wie sie ernst und sinnend auf das frhliche
Gewhl hinabsah, er glaubte zu erkennen, wie ihre Gedanken in weiter
Ferne den suchten, der ihr so nahe war; schnell drckte er seinem
Pferd die Sporen in die Seiten, da es sich hoch aufbumte und das
Pflaster von seinem Hufschlag ertnte.  Aber als sie sich zu ihm
herabwandte, als Auge dem Auge begegnete, als ihr freudiges Errten
dem Glcklichen sagte, da er erkannt und noch immer geliebt sei, da
war es um die Besinnung des guten Georg geschehen; willenlos folgte
er dem Zug vor das Rathaus, und es htte nicht viel gefehlt, so htte
ihn seine Sehnsucht alle Rcksichten vergessen lassen und ihn
unwiderstehlich zu dem Eckhaus mit dem Erker hingezogen.

Schon hatte er die ersten Schritte nach jener Seite getan, als er
sich von krftiger Hand am Arm angefat fhlte.

"Was treibt Ihr, Junker?" rief ihm eine tiefe, wohlbekannte Stimme
ins Ohr.  "Dort hinauf geht es die Rathaustreppe.  Wie?  Ich glaube,
Ihr schwindelt; wre auch kein Wunder, denn das Frhstck war gar zu
mager.  Seid getrost, Freundchen, und kommt.  Die Ulmer fhren gute
Weine, wir wollen Euch mit altem Remstaler anstreichen."

Wenn auch der Fall aus seinem Freudenhimmel, in welchem er einige
Minuten geschwebt hatte, auf dem Rathausplatz in Ulm etwas unsanft
war, so wute er doch dem alten Herrn von Breitenstein, seinem
nchsten Grenznachbarn in Franken, Dank, da er ihn aus seinen
Trumen aufgeschttelt und von einem bereilten Schritt
zurckgehalten hatte.

Er nahm daher freundlich den Arm des alten Herrn und folgte mit ihm
den brigen Rittern und Herren, die sich von dem scharfen Morgenritt
an der guten Mittagskost, die ihnen die freie Reichsstadt vorgesetzt
hatte, wieder erholen wollten.




Kapitel 3


Der Saal des Rathauses, wohin die Angekommenen gefhrt wurden,
bildete ein groes, lngliches Viereck.  Die Wnde und die zu der
Gre des Saales unverhltnismig niedere Decke waren mit einem
Getfel von braunem Holz ausgelegt, unzhlige Fenster mit runden
Scheiben, worauf die Wappen der edlen Geschlechter von Ulm mit
brennenden Farben gemalt waren, zogen sich an der einen Seite hin,
die gegenberstehende Wand fllten Gemlde berhmter Brgermeister
und Ratsherren der Stadt, die beinahe alle in der gleichen Stellung,
die Linke in die Hfte, die Rechte auf einen reich behngten Tisch
gesttzt, ernst und feierlich auf die Gste ihrer Enkel herabsahen.
Diese drngten sich in verworrenen Gruppen um die Tafel her, die, in
Form eines Hufeisens aufgestellt, beinahe die ganze Weite des Saales
einnahm.  Der Rat und die Patrizier, die heute im Namen der Stadt die
Honneurs machen sollten, stachen in ihren zierlichen Festkleidern mit
den steifen schneeweien Halskrausen wunderlich ab gegen ihre
bestaubten Gste, die, in Lederwerk und Eisenblech gehllt, oft gar
unsanft an die seidenen Mntelein und samtenen Gewnder streiften.
Man hatte bis jetzt noch auf den Herzog von Bayern gewartet, der
einige Tage vorher eingetroffen, zu dem glnzenden Mittagsmahl
zugesagt hatte; als aber sein Kammerdiener seine Entschuldigung
brachte, gaben die Trompeter das ersehnte Zeichen, und alles drngte
so ungestm zur Tafel, da nicht einmal die gastfreundliche Ordnung
des Rates, der je zwischen zwei Gste einen Ulmer setzen wollte,
gehrig beobachtet wurde.

Breitenstein hatte Georg auf einen Sitz niedergezogen, den er ihm als
einen ganz vorzglichen anpries.  "Ich htte Euch", sagte der alte
Herr, "zu den Gewaltigen da oben, zu Frondsberg, Sickingen, Hutten
und Waldburg setzen knnen, aber in solcher Gesellschaft kann man den
Hunger nicht mit gehriger Ruhe stillen Ich htte Euch ferner zu den
Nrnbergern und Augsburgern fhren knnen, dort unten, wo der
gebratene Pfau steht--wei Gott, sie haben keinen blen Platz--,
aber ich wei, da Euch die Stdter nicht recht behagen, darum habe
ich Euch hierher gesetzt.  Schaut Euch hier um, ob dies nicht ein
trefflicher Platz ist?  Die Gesichter umher kennen wir nicht, also
braucht man nicht viel zu schwatzen.  Rechts haben wir den
gerucherten Schweins-kopf mit der Zitrone im Maul, links eine
prachtvolle Forelle, die sich vor Vergngen in den Schwanz beit, und
vor uns diesen Rehziemer, so fett und zart wie auf der ganzen Tafel
keiner mehr zu finden ist."

Georg dankte ihm, da er mit so viel Umsicht fr ihn gesorgt habe,
und betrachtete zugleich flchtig seine Umgebung.  Sein Nachbar
rechts war ein junger, zierlicher Herr von etwa fnfundzwanzig bis
dreiig Jahren Das frischgekmmte Haar, duftend von wohlriechenden
Salben, der kleine Bart, der erst vor einer Stunde mit warmem
Znglein gekruselt sein mochte, lieen Georg, noch ehe ihn die
Mundart davon berzeugte, in ihm einen Ulmer Herrn erraten Der junge
Herr, als er sah, da er von seinem Nachbar bemerkt wurde, bewies
sich sehr zuvorkommend, indem er Georgs Becher aus einer groen
silbernen Kanne fllte, auf glckliche Ankunft und gute Nachbarschaft
mit ihm anstie, und auch die besten Bissen von den unzhligen Rehen,
Hasen, Schweinen, Fasanen und wilden Enten, die auf silbernen Platten
umherstanden, dem Fremdling auf den Teller legte.

Doch diesen konnte weder seines Nachbarn zuvorkommende Geflligkeit
noch Breitensteins ungemeiner Appetit zum Essen reizen Er war noch zu
sehr beschftigt mit dem geliebten Bild, das sich ihm beim Einzug
gezeigt hatte, als da er die Ermunterungen seiner Nachbarn befolgt
htte.  Gedankenvoll sah er in den Becher, den er noch immer in der
Hand hielt, und glaubte, wenn die Blschen des alten Weines
zersprangen und in Kreisen verschwebten, das Bild der Geliebten aus
dem goldenen Boden des Bechers auftauchen zu sehen.  Es war kein
Wunder, da der gesellige Herr zu seiner Rechten, als er sah, wie
sein Gast, den Becher in der Hand, jede Speise verschmhe, ihn fr
einen unverbesserlichen Zechbruder hielt.  Das feurige Auge, das
unverwandt in den Becher sah, der lchelnde Mund des in seinen
Trumen versunkenen Jnglings schienen ihm einen jener echten
Weinkenner anzuzeigen, die auf feingebter Zunge den Gehalt des edlen
Trankes lange zu prfen pflegen.

Um der Ermahnung des wohledlen Rates, den Gsten das Mahl so angenehm
als mglich zu machen, gehrig nachzukommen, suchte er auf der
entdeckten schwachen Seite dem jungen Mann beizukommen.  Er schenkte
sich seinen Becher wieder voll und begann: "Nicht wahr, Herr Nachbar,
das Weinchen hat Feuer und einen feinen Geschmack?  Freilich ist es
kein Wrzburger, wie Ihr in Franken ihn gewohnt sein werdet, aber es
ist echter Ellfinger aus dem Ratskeller und immer seine achtzig Jahre
alt."

Verwundert ber diese Anrede, setzte Georg den Becher nieder und
antwortete mit einem kurzen "Ja, ja!--", der Nachbar lie aber den
einmal aufgenommenen Faden nicht so bald wieder fallen.  "Es scheint",
fuhr er fort, "als munde er Euch doch nicht ganz; aber da wei ich
Rat.  Heda!  Gebt eine Kanne Uhlbacher hierher!--Versucht einmal
diesen, der wchst zunchst an des Wrttembergers Schlo; in diesem
mt Ihr mir Bescheid tun: Kurzen Krieg, groen Sieg!"

Georg, dem dieses Gesprch nicht recht zusagte, suchte seinen Nachbar
auf einen anderen Weg zu bringen, der ihn zu anziehenderen
Nachrichten fhren konnte.  "Ihr habt", sprach er, "schne Mdchen
hier in Ulm, wenigstens bei unserem Einzug glaubte ich deren viele zu
bemerken."

"Wei Gott", entgegnete der Ulmer, "man knnte damit pflastern."

"Das wre vielleicht so bel nicht", fuhr Georg fort, "denn das
Pflaster Eurer Straen ist herzlich schlecht.  Aber sagt mir, wer
wohnt dort in dem Eckhaus mit dem Erker; wenn ich nicht irre,
schauten dort zwei feine Jungfrauen heraus, als wir einritten."

"Habt Ihr diese auch schon bemerkt?" lachte jener.  "Wahrhaftig, Ihr
habt ein scharfes Auge und seid ein Kenner.  Das sind meine lieben
Basen mtterlicherseits, die kleine Blonde ist eine Besserer, die
andere ein Frulein von Lichtenstein, eine Wrttembergerin, die auf
Besuch dort ist."

Georg dankte im stillen dem Himmel, der ihn gleich mit einem so nahen
Verwandten Mariens zusammenfhrte.  Er beschlo, den Zufall zu
bentzen, und wandte sich, so freundlich er nur konnte, zu seinem
Nachbar: "Ihr habt ein paar hbsche Mhmchen, Herr von Besserer..."

"Dietrich von Kraft nenne ich mich", fiel jener ein, "Schreiber des
groen Rates."

"Ein Paar schne Kinder, Herr von Kraft; und Ihr besucht sie wohl
recht oft?"

"Jawohl", antwortete der Schreiber des groen Rates, "besonders seit
die Lichtenstein im Haus ist.  Zwar will mein Bschen Berta etwas
eiferschtig werden, denn im Vertrauen gesagt, wir waren vorher ein
Herz und eine Seele, aber ich tue, als merke ich es nicht, und stehe
mit Marien um so besser."

Diese Nachricht mochte nicht so gar angenehm in Georgs Ohren klingen,
denn er prete die Lippen zusammen und seine Wangen frbten sich
dunkler.

"Ja, lacht nur", fuhr der Ratsschreiber fort, dem der Geist des
Weines zu Kopf stieg, "wenn Ihr wtet, wie sie sich beide um mich
reien.--Zwar--die Lichtenstein hat eine verdammte Art, freundlich
zu sein; sie tut so vornehm und ernst, da man nicht recht wagt, in
ihrer Gegenwart Spa zu machen, noch weniger lt sie ein wenig mit
sich schkern wie Berta; aber gerade das kommt mir so wunderhbsch
vor, da ich elfmal wiederkomme, wenn sie mich auch zehnmal
fortgeschickt hat.  Das macht aber", murmelte er nachdenklicher vor
sich hin, "weil der gestrenge Herr Vater da ist, vor dem scheut sie
sich; lat nur den einmal ber der Ulmer Markung sein, so soll sie
schon kirre werden."

Georg wollte sich nach dem Vater noch weiter erkundigen, als
sonderbare Stimmen ihn unterbrachen Schon vorher hatte er mitten
durch das Gerusch der Speisenden diese Stimmen zu hren geglaubt,
wie sie in schleppendem, einfrmigem Ton ein paar kurze Stze
hersagten, ohne zu verstehen, was es war.  Jetzt hrte er dieselben
Stimmen ganz in der Nhe, und bald bemerkte er, welchen Inhalts ihre
eintnigen Stze waren Es gehrte nmlich in den guten alten Zeiten,
besonders in Reichsstdten, zum Ton, da der Hausvater und seine Frau,
wenn sie Gste geladen hatten, gegen die Mitte der Tafel aufstanden
und bei jedem einzelnen umhergingen, mit einem herkmmlichen
Sprchlein zum Essen und Trinken zu ntigen.

Diese Sitte war in Ulm so stehend geworden, da der hohe Rat beschlo,
auch an diesem Mahl keine Ausnahme zu machen, sondern einen
Hausvater samt Hausfrau aufzustellen, um diese Pflicht zu ben.  Die
Wahl fiel auf den Brgermeister und den ltesten Ratsherrn.

Sie hatten schon zwei Seiten der Tafel "ntigend" umgangen, kein
Wunder, da ihre Stimmen durch die groe Anstrengung endlich rauh und
heiser geworden waren, und ihre freundschaftliche Aufmunterung wie
eine Drohung klang.  Eine rauhe Stimme tnte in Georgs Ohr: "Warum
esset Ihr denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht?" Erschrocken
wandte sich der Gefragte um und sah einen starken, groen Mann mit
rotem Gesicht; aber ehe er noch auf die schrecklichen Tne antworten
konnte, begann an seiner anderen Seite ein kleiner Mann mit einer
hohen dnnen Stimme:


"So esset doch und trinket satt,
Was der Magistrat Euch vorgesetzt hat."


"Hab' ich's doch schon lange gedacht, da es so kommen wrde", fiel
der alte Breitenstein ein, indem er ein wenig von der Anstrengung,
mit welcher er den Rehziemer bearbeitet hatte, ausruhte.

"Da sitzt er und schwatzt, statt die kstlichen Braten zu genieen,
die uns die Herren in so reichlicher Flle vorgesetzt haben."

"Mit Verlaub", unterbrach ihn Dietrich von Kraft, "der junge Herr it
nichts.  Er ist ein Zechbruder und trefflicher Weinschmecker; hab'
ich's nicht gleich weg gehabt, da er gerne zu tief ins Glas guckt?
Darum tadle ihn keiner, wenn er sich lieber an den Uhlbacher hlt."

Georg wute gar nicht, wie er zu dieser sonderbaren Schutzrede kam;
er war im Begriff, sich zu entschuldigen, als ihn ein neuer Anblick
berraschte.  Breitenstein hatte sich jetzt des Schweinskopfes mit
der Zitrone im Maul erbarmt, hatte die Zitrone geschickt aus dem
Rachen des Tieres operiert, und begann mit groem Behagen und gebter
Hand die weitere Sektion vorzunehmen, da trat der Brgermeister auch
zu ihm, und eben, als er an einem guten Bissen kaute, hub er an:
"Warum esset Ihr denn nicht, warum trinket Ihr denn nicht?" Dieser
sah den Ntigenden mit starren Blicken an, zum Reden hatten seine
Sprachorgane keine Zeit.  Er nickte daher mit dem Haupt und deutete
auf die Reste des Rehziemers; der kleine Mann mit der Fistelstimme
lie sich aber nicht irremachen, sondern sprach freundlichst:

"So esset doch und trinket satt,
Was der Magistrat Euch vorgesetzt hat."


So war es nun in den "guten alten Zeiten"!  Man konnte sich
wenigstens nicht beklagen, nur zu einem Schauessen geladen worden zu
sein.  Bald aber bekam die Tafel eine andere Gestalt.  Die groen
Schsseln und Platten wurden abgetragen und gerumigere Humpen,
grere Kannen, gefllt mit edlem Wein, aufgesetzt.  Die Umtrnke und
das in Schwaben schon damals sehr hufige Zutrinken begann, und nicht
lange, so uerte auch der Wein seine Wirkungen, und so fllte
Gelchter, Gesang, Zanken und der dumpfe Klang der silbernen und
zinnernen Becher den Saal.

Nur am oberen Ende der Tafel herrschte anstndigere, ruhigere
Frhlichkeit.  Dort saen Georg von Frondsberg, der alte Ludwig
Hutten, Waldburg Truchse, Franz von Sickingen und noch andere
ltliche, gesetzte Herren.

Dorthin wandte jetzt auch der Bundeshauptmann Hans von Breitenstein,
nachdem er sich genugsam gesttigt hatte, seine Blicke und sprach zu
Georg: "Das Lrmen um uns her will mir gar nicht behagen; wie wre es,
wenn ich Euch jetzt dem Frondsberger vorstellte, wie Ihr in den
letzten Tagen gewnscht habt?"

Georg, dessen Wunsch schon lange war, dem Kriegsobersten bekannt zu
werden, stand freudig auf, um dem alten Freund zu folgen.  Wir werden
ihn nicht tadeln, da sein Herz bei diesem Gang ngstlicher pochte,
seine Wangen sich hher frbten, seine Schritte, je nher er kam,
ungewisser und zgernder wurden.

Wen haben nicht in seiner Jugend, wenn er einem glnzenden
ruhmbekrnzten Vorbild nahte, hnliche Gefhle bestrmt?  Wem sank da
nicht sein eigenes Ich zur Unbedeutendheit zusammen, whrend der
Gefeierte zum Riesen wuchs?  Georg von Frondsberg galt schon damals
als einer der berhmtesten Feldherren seiner Zeit.  Italien,
Frankreich und Deutschland erzhlten von seinen Siegen, und die
Kriegskunst wird ihn ewig in ihren Annalen nennen, denn er war der
Stifter und Grnder eines geordneten, in Reihen und Gliedern
fechtenden Fuvolkes.  Zu ihm fhrte Breitenstein den Jngling,

"Wen bringt Ihr uns da, Hans?" rief Georg von Frondsberg, indem er
den hochgewachsenen schnen jungen Mann mit Teilnahme betrachtete.

"Seht ihn Euch einmal recht an, werter Herr", antwortete Breitenstein,
"ob Euch nicht einfllt, in welches Haus er gehren mag?"

Aufmerksamer betrachtete ihn der Feldhauptmann, auch der alte
Truchse von Waldburg wandte prfend sein Auge herber, Georg war
schchtern und blde vor diese Mnner getreten; aber sei es, da die
freundliche, zutrauliche Weise Frondsbergs ihm Mut machte, sei es,
da er fhlte, wie wichtig der Augenblick fr ihn sei, er bekmpfte
die Scham, den Blicken so vieler berhmter Mnner ausgesetzt zu sein,
und sah ihnen entschlossen und mutig ins Gesicht.

"Jetzt, an diesem Blick erkenne ich Dich", sagte Frondsberg und bot
ihm die Hand "Du bist ein Sturmfeder?"

"Georg Sturmfeder", antwortete der junge Mann, "mein Vater war
Burkhard Sturmfeder, er fiel, wie man mir sagte, in Italien an Eurer
Seite."

"Er war ein tapferer Mann", sprach der Feldhauptmann, dessen Auge
immer noch sinnend auf Georgs Zgen ruhte, "an manchem warmen
Schlachttag hat er treu zu mir gehalten; wahrlich, sie haben ihn
allzu frh eingescharrt!  Und Du", setzte er hinzu, "Du hast Dich
eingestellt, um seiner Spur zu folgen?  Was treibt Dich schon so frh
aus dem Nest und bist kaum flgge?"

"Ich wei schon", unterbrach ihn Waldburg mit rauher, unangenehmer
Stimme, "das Vgelein will sich ein paar Flckchen Wolle suchen, um
das alte Nest zu flicken!"

Diese rohe Anspielung auf die verfallene Burg seiner Ahnen jagte eine
hohe Glut auf die Wangen des Jnglings.  Er hatte sich nie seiner
Drftigkeit geschmt, aber dieses Wort klang so hhnend, da er sich
zum ersten Mal dem reichen Sptter gegenber recht arm fhlte.  Da
fiel sein Blick ber Truchse Waldburg hin durch die Scheiben auf
jenes wohlbekannte Erkerfenster; er glaubte Mariens Gestalt zu
erblicken, und sein alter Mut kehrte wieder.  "Ein jeder Kampf hat
seinen Preis, Herr Ritter", sagte er, "ich habe dem Bund Kopf und Arm
angetragen; was mich dazu treibt, kann Euch gleichgltig sein."

"Nun, nun!" erwiderte jener.  "Wie es mit dem Arm aussieht, werden
wir sehen, im Kopf mu es aber nicht so ganz hell sein, da Ihr aus
Spa gleich Ernst macht."

Der gereizte Jngling wollte wieder etwas darauf erwidern, Frondsberg
aber nahm ihn freundlich bei der Hand: "Ganz wie Dein Vater, lieber
Junge; nun, Du willst zeitlich zu einer Nessel werden.  Und wir
werden Leute brauchen, denen das Herz am rechten Fleck sitzt.  Da Du
dann nicht der letzte bist, darfst Du gewi sein."

Diese wenigen Worte aus dem Mund eines durch Tapferkeit und
Kriegskunst unter seinen Zeitgenossen hochberhmten Mannes bten so
besnftigende Gewalt ber Georg, da er die Antwort, die ihm auf der
Zunge schwebte, zurckdrngte und sich schweigend von der Tafel in
ein Fenster zurckzog, teils um die Obersten nicht weiter zu stren,
teils um sich genauer zu berzeugen, ob die flchtige Erscheinung,
die er vorhin gesehen, wirklich Marie gewesen sei.

Als Georg die Tafel verlassen hatte, wandte sich Frondsberg zu
Waldburg: "Das ist nicht die Art, Herr Truchse, wie man tchtige
Gesellen fr unsere Sache gewinnt; ich wette, er ging nicht mit halb
so viel Eifer fr die Sache von uns, als er zu uns brachte."

"Mt Ihr dem jungen Laffen auch noch das Wort reden?" fuhr jener auf.
"Was braucht es da?  Er soll einen Spa von seinem Obern ertragen
lernen."

"Mit Verlaub", fiel ihm Breitenstein ins Wort, "das ist kein Spa,
sich ber unverschuldete Armut lustig zu machen; ich wei aber wohl,
Ihr seid seinem Vater noch nie grn gewesen."

"Und", fuhr Frondsberg fort, "sein Oberer seid Ihr ganz und gar noch
nicht.  Er hat dem Bund noch keinen Eid geleistet; also kann er noch
immer hinreiten, wohin er will; und wenn er auch unter Euren eigenen
Fahnen diente, so mchte ich Euch doch nicht raten, ihn zu hnseln,
er sieht mir nicht danach aus, als ob er sich viel gefallen liee!"

Sprachlos vor Zorn ber den Widerspruch, den er nie ertragen konnte,
blickte Truchse den einen und den andern an, mit so wutvollen
Blicken, da sich Ludwig von Hutten schnell ins Mittel schlug, um
noch rgeren Streit zu verhten "Lat doch die alten Geschichten!"
rief er.  "berhaupt wre es gut, die Tafel wrde aufgehoben.  Es
dunkelt drauen schon stark und der Wein wird zu mchtig.  Dietrich
Spt hat schon zweimal des Wrttembergers Tod ausgebracht, und die
Franken dort unten sind nur noch nicht einig, ob man seine Schlsser
niederbrennen oder verteilen soll."

"Lat sie immer", lachte Waldburg bitter, "die Herren drfen ja heute
machen, was sie wollen, Frondsberg wird ihnen doch das Wort reden."

"Nein", antwortete Ludwig Hutten, "wenn einer von so etwas reden darf,
bin ich es, als der Blutrcher meines Sohnes; aber ehe noch der
Krieg erklrt ist, mssen solche Reden unterbleiben.  Mein Vetter
Ulrich spricht mir auch zu heftig mit den Italienern ber den Mnch
von Wittenberg, und er verschwatzt sich zu sehr, wenn er in Zorn
gert.  Lat uns aufbrechen."

Frondsberg und Sickingen stimmten ihm bei, sie standen auf, und als
die nchsten um sie her ihrem Beispiel folgten, war der Aufbruch
allgemein.




Kapitel 4


Georg hatte in dem Fenster, wohin er sich zurckgezogen hatte, nicht
so entfernt gestanden, da er nicht jedes Wort der Streitenden gehrt
htte.  Er freute sich der warmen Teilnahme, mit welcher Frondsberg
sich des unberhmten, verwaisten Jnglings angenommen hatte, zugleich
aber konnte er sich nicht verbergen, da sein erster Schritt in die
kriegerische Laufbahn ihm einen mchtigen, erbitterten Feind
zugezogen hatte.  Der Truchse war zu bekannt im Heer wegen seines
unbeugsamen Stolzes, als da Georg htte glauben drfen, Huttens
vermittelnde und besnftigende Worte htten jede Erinnerung an diesen
Streit verlscht, und da Mnner von Gewicht, wie Waldburg, in
solchen Fllen der vielleicht unschuldigen Ursache ihres Zornes die
Schuld nicht erlassen, war ihm aus manchen Fallen wohl bekannt.  Ein
leichter Schlag auf seine Schulter unterbrach seine Gedanken, und er
sah, als er sich umwandte, seinen freundlichen Nebensitzer, den
Schreiber des groen Rates, vor sich.

"Ich wette, Ihr habt Euch noch nach keinem Quartier umgesehen",
sprach Dietrich von Kraft, "und es mchte Euch auch jetzt etwas
schwer werden, denn es ist bereits dunkel, und die Stadt ist
berfllt."

Georg gestand, da er noch nicht daran gedacht habe, er hoffe aber,
in einer der ffentlichen Herbergen noch ein Pltzchen zu bekommen.

"Darauf mchte ich doch nicht so sicher bauen", entgegnete jener,
"und gesetzt, Ihr fndet auch in einer solchen Schenke einen Winkel,
so drft Ihr doch sicherlich darauf rechnen, da Ihr schlecht genug
bedient seid.  Aber wenn Euch meine Wohnung nicht zu gering scheint,
so steht sie Euch mit Freude offen."

Der gute Ratsschreiber sprach mit so viel Herzlichkeit, da Georg
nicht Anstand nahm, sein Anerbieten anzunehmen, obgleich er beinahe
frchtete, die gastfreundliche Einladung mchte seinen Wirt gereuen,
wenn die gute Laune zugleich mit den Dnsten des Weines verflogen
sein werde.  Jener aber schien ber die Bereitwilligkeit seines
Gastes hoch erfreut; er nahm mit einem herzlichen Handschlag seinen
Arm und fhrte ihn aus dem Saal.

Der Platz vor dem Rathaus bot indes einen ganz eigenen Anblick dar.
Die Tage waren noch kurz, und die Abenddmmerung war whrend der
Tafel unbemerkt hereingebrochen, man hatte daher Fackeln und
Windlichter angezndet; ihr dunkelroter Schein erhellte den groen
Raum nur sparsam und spielte in zitternden Reflexen an den Fenstern
der gegenberstehenden Huser und auf den blanken Helmen und
Brustharnischen der Ritter.  Wildes Rufen nach Pferden und Knechten
scholl aus der Halle des Rathauses, das Klirren der nachschleppenden
Schwerter, das Hin- und Herrennen der vielen Menschen mischte sich in
das Gebell der Hunde, in das Wiehern und Stampfen der ungeduldigen
Rosse, eine Szene, die mehr einem in der Nacht vom Feind berfallenen
Posten, als dem Aufbruch von einem friedlichen Mahl glich.

berrascht blieb Georg unter der Halle stehen.  Der Anblick so vieler
frhlicher Gesichter, der krftigen Gestalten, die in jugendlichem
Mut ansprengten, khne Reiterknste bten und dann singend und
jubelnd in kleinen Haufen abzogen und in der Nacht verschwanden.

Unwillkrlich streifte sein Auge nach jener Seite hin, wo er seinen
Kampfpreis wute.  Er sah dort viele Leute an den Fenstern stehen,
aber der schwrzliche Rauch der Fackeln, der wie eine Wolke ber den
Platz hinzog, verhllte die Gegenstnde wie mit einem Schleier und
lie sie nur wie ungewisse Schatten sehen; unbefriedigt wandte er
sein Auge ab.  "So ist auch meine Zukunft", sagte er zu sich, "das
Jetzt ist hell, aber wie dunkel, wie ungewi das Ziel!"

Sein freundlicher Wirt ri ihn aus diesem dsteren Sinnen mit der
Frage, wo seine Knechte mit seinen Pferden seien?  Wenn der Platz,
worauf sie standen, heller erleuchtet gewesen wre, so htte
vielleicht der gute Kraft eine flchtige, aber brennende Rte, die
bei dieser Frage ber Georgs Wangen zog, bemerken knnen.  "Ein
junger Kriegsmann", antwortete er schnell gefat, "mu sich so viel
als mglich selbst zu helfen wissen, daher habe ich keine Diener bei
mir.  Mein Pferd aber habe ich Breitensteins Knechten bergeben."

Der Ratsschreiber lobte im Weiterschreiten die Strenge des jungen
Mannes gegen sich selbst, gestand aber, da er, wenn er einmal zu
Feld ziehe, den Dienst nicht so streng lernen werde.  Ein Blick auf
sein zierlich geordnetes Haar und den fein gekruselten Bart
berzeugten Georg, da sein Begleiter aus voller Seele spreche, und
die zierliche bequeme Wohnung, in welcher sie bald darauf anlangten,
widersprach diesem Glauben nicht.

Das Hauswesen des Herrn von Kraft war eine sogenannte
Junggesellenwirtschaft, denn Herrn Dietrichs Eltern waren lngst
abgeschieden, als er in das Mannesalter und zugleich in seinen Posten
beim groen Rat eintrat.  Er wrde sich vielleicht lngst um eine
Genossin seiner Herrlichkeit umgesehen haben, wenn nicht die Anmut
des Junggesellenlebens, der nicht zu verachtende Vorteil, von allen
jungen Damen der Stadt als eine gute Partie angesehen und honoriert
zu werden, vor allem aber, wie man sich ins Ohr flsterte, die
entschiedene Abneigung, die seine alte Amme und Haushlterin vor
einer jungen Gebieterin hegte, ihn immer von diesem Schritt
abgehalten htte.

Herr Dietrich hatte ein groes Haus, nicht weit vom Mnster, einen
schnen Garten am Michelsberg, sein Hausgert war im besten Stand,
die groen eichenen Kasten voll des kstlichsten Linnenzeuges, das
die Kraftinnen und ihre Zofen seit vielen Generationen in den langen
Winterabenden zusammengesponnen hatten; die eiserne Truhe im
Schlafzimmer enthielt eine erkleckliche Anzahl von Goldgulden, Herr
Dietrich selbst war ein hbscher, solider Herr, ging immer
geschniegelt und gebgelt, mit gesetztem, anstndigem Gang in den Rat,
hatte einen guten Haus- und Ratsverstand; war aus einer alten
Familie: war es ein Wunder, wenn die ganze Stadt sein Leben pries und
jedes hbsche Ulmer Stadtkind sich glcklich geschtzt htte, in
diesen bequem ausstaffierten Ehehimmel zu kommen?

Georg kamen brigens diese Verhltnisse bei nherer Besichtigung
nichts weniger als lockend vor.  Die einzigen Hausgenossen des
Ratsschreibers waren ein alter, grauer Diener, zwei groe Katzen und
die unfrmig dicke Amme.  Diese vier Geschpfe starrten den Gast mit
groen, bedenklichen Augen an, die ihm bewiesen, wie ungewohnt ihnen
ein solcher Zuwachs der Haushaltung sei.  Die Katzen umgingen ihn
schnurrend, mit gekrmmten Rcken, die Amme schob unmnutig an der
ungeheuren Buckelhaube von Golddraht und fragte, ob sie fr zwei
Personen das Abendessen zurichten solle?  Als sie aber nicht nur ihre
Frage besttigen hrte, sondern auch den Auftrag (man war ungewi,
war es Bitte oder Befehl) bekam, das Eckzimmer im zweiten Stock fr
den Gast zuzursten, da schien ihre Geduld erschpft; sie lie einen
wtenden Blick auf ihren jungen Gebieter schieen und verlie mit
ihrem Schlsselbund rasselnd das Gemach.

Der graue Diener hatte indessen einen Tisch und zwei groe Armsthle
an den ungeheuren Ofen gerckt; den Tisch besetzte er mit einem
schwarzen Kasten, stellte zu beiden Seiten desselben ein Licht und
einen silbernen Becher mit Wein, und entfernte sich dann, nachdem er
einige leise Worte mit seinem Herrn gewechselt hatte.  Herr Dietrich
lud seinen Gast ein, an seiner gewhnlichen Abendunterhaltung
teilzunehmen.  Er ffnete den schwarzen Kasten, es war ein Brettspiel.

Georg graute vor dieser Unterhaltung seines Gastfreundes, als er ihm
erzhlte, da er seit seinem zehnten Jahr alle Abende mit der Amme an
diesem Spiel sich ergtze.  Wie de, wie unheimlich kam ihm das ganze
Haus vor.  Das Rennen und Laufen der Amme hatte doch noch an Leben
und Bewegung erinnert, jetzt aber lag Grabesstille ber den weiten
Gngen und Gemchern, nur zuweilen vom Knistern der Lichter, vom
Ticken des Holzwurmes im schwrzlichen Getfel und dem eintnigen
Rollen der Wrfel unterbrochen.  Das Spiel hatte nie etwas
Anziehendes fr ihn gehabt, seine Gedanken waren auch fern davon, und
die tiefe Melancholie der den Gemcher und der Gedanke, nur wenige
Straen von ihr entfernt, doch den langersehnten Anblick der
Geliebten entbehren zu mssen, breitete dstere Schatten ber seine
Seele.  Nur die ungeheuchelte Freude Herrn Dietrichs, beinahe alle
Spiele zu gewinnen, die seinem gutmtigen Gesicht etwas Angenehmes
verlieh entschdigte ihn fr den Verlust der langsam hinschleichenden
Stunden.

Mit dem Schlag der achten Stunde fhrte Dietrich seinen Gast zum
Abendbrot, das die Amme, trotz ihres Unmutes, trefflich bereitet
hatte, denn sie wollte der Ehre des Kraftschen Hauses nichts vergeben.
Hier ffnete auch der Ratsschreiber wieder die Schleusen seiner
Beredsamkeit, indem er seinem Gast das Mahl durch Gesprch zu wrzen
suchte.  Aber umsonst sphte dieser, ob er nicht von seinem schnen
Mhmchen reden werde; nur eine Ausbeute bekam er: Kraft zhlte unter
den wrttembergischen Rittern, die in Ulm anwesend seien, auch den
Ritter von Lichtenstein auf.  Doch schon dieses Wort erweckte
dankbare Gefhle gegen die Wendung seines Schicksals in ihm.  Jetzt
erst freute er sich, einer Partei beigetreten zu sein, die ihm sonst
auer den berhmten Namen, die sie an der Spitze trug, ziemlich
gleichgltig war.  So aber hatte auch ihr Vater sich an dem
Sammelplatz des Heeres eingefunden, und durfte er auch nicht hoffen,
da ihm das Glck vergnnen werde, an der Seite des teuren Mannes zu
fechten, so trug er doch die

Gewiheit in der Brust, ihm beweisen zu knnen, da Georg von
Sturmfeder nicht der letzte Kmpfer im Heer sei.

Der Hausherr fhrte ihn nach aufgehobener Tafel in sein Schlafgemach
und schied von ihm mit einem herzlichen Glckwunsch fr seine Ruhe.
Georg besah sich das Gemach, zog die Gardinen vor und lie die Bilder
des vergangenen Tages an seiner Seele vorberziehen.  Geordnet und
freundlich kamen sie anfangs vorber, dann aber verwirrten sie sich,
in buntem Gedrnge fhrten sie seine Seele in das Reich der Trume,
und nur ein teures Bild ging ihm heller auf, es war das Bild der
Geliebten.




Kapitel 5


Georg wurde am andern Morgen durch ein bescheidenes Pochen an seiner
Tr erweckt.  Er schlug die Vorhnge seines Bettes zurck und sah,
da die Sonne schon ziemlich hoch stehe.  Es wurde wieder stark und
strker gepocht, und sein freundlicher Wirt, schon vllig im Putz,
trat ein.  Nach den ersten Erkundigungen, wie sein Gast geschlafen
habe, kam Herr Dietrich gleich auf die Ursache seines frhen Besuches.
Der groe Rat hatte gestern abend noch beschlossen, die Ankunft der
Bundesgenossen auch durch einen Tanz zu feiern, der am heutigen Abend
auf dem Rathaus abgehalten werden sollte.  Ihm, als dem Ratsschreiber,
kam es zu, alles anzuordnen, was zu dieser Festlichkeit gehrte, er
mute die Stadtpfeifer bestellen, die ersten Familien feierlich und
im Namen des Rates dazu einladen, er mute vor allem zu seinen lieben
Mhmchen eilen, um ihnen dieses seltene Glck zu verkndigen.

Er erzhlte dies alles mit wichtiger Miene seinem Gast und
versicherte ihm, da er vor dem Drang der Geschfte nicht wisse, wo
ihm der Kopf stehe.  Doch Georg hatte nur fr eines Sinn; er durfte
hoffen, Marie zu sehen und zu sprechen, und darum htte er gerne
Herrn Dietrich fr seine gute Botschaft an das freudig pochende Herz
gedrckt.

"Ich sehe es Euch an", sagte dieser, "die Nachricht macht Euch Freude,
und die Tanzlust leuchtet Euch schon aus den Augen.  Doch Ihr sollt
ein Paar Tnzerinnen haben, wie Ihr sie nur wnschen knnt; mit
meinen Bschen sollt Ihr mir tanzen, denn ich bin ihr Fhrer bei
solchen Gelegenheiten und werde es schon zu machen wissen, da Ihr
und kein anderer zuerst sie aufziehen sollt; und wie werden sie sich
freuen, wenn ich ihnen einen so flinken Tnzer verspreche!" Damit
wnschte er seinem Gast einen guten Morgen und ermahnte ihn, wenn er
ausgehe, sein Haus zu merken und das Mittagessen nicht zu versumen.

Herr Dietrich hatte als sehr naher Verwandter schon frh am Tag
Zutritt im Hause des Herrn von Besserer, besonders heute, da ihn
seine vielen Geschfte bei diesem Morgenbesuch entschuldigten.

Er fand die Mdchen noch beim Frhstck.

"Ich sehe Dir es an, Vetter", begann Berta, "Du mchtest gar zu gerne
von unserer Suppe kosten, weil Dir Deine Amme heute einen Kinderbrei
vorgesetzt hat; aber schlage Dir diese Gedanken nur gleich aus dem
Sinn; Du hast Strafe verdient und mut fasten--."

"Ach, wie wir so sehnlich auf Euch gewartet haben", unterbrach sie
Marie.

"Jawohl", fiel ihr Berta in die Rede, "aber bilde Dir nur nicht ein,
da wir eigentlich Dich erwarteten; nein, ganz allein Deine
Neuigkeiten."

Der Ratsschreiber war schon gewohnt, von Berta so empfangen zu werden,
er wollte daher, um sie zu vershnen, da er nicht gestern abend
noch ihre Neugierde befriedigt habe, seine Nachrichten in desto
lngerem Strom geben; aber Berta unterbrach ihn.  "Wir kennen", sagte
sie, "Deine breiten Erzhlungen, und haben auch das meiste vom Erker
aus selbst mit angesehen; von Eurem Trinkgelage, wo es arg genug
hergegangen sein soll, will ich auch nichts wissen, darum antworte
mir auf meine Frage." Sie stellte sich mit komischem Ernst vor ihn
hin und fuhr fort: "Dietrich von Kraft, Schreiber eines wohledlen
Rates, habt Ihr unter den Bndischen keinen jungen, beraus hflichen
Herrn gesehen, mit langem, hellbraunem Haar, einem Gesicht, nicht so
milchwei wie das Eure, aber doch nicht minder hbsch, kleinem Bart,
nicht so zierlich wie der Eure, aber dennoch schner, hellblauer
Schrpe mit Silber..."

"Ach, das ist kein anderer als mein Gast!" rief Herr Dietrich.  "Er
ritt einen groen Braunen, trug ein blaues Wams, an den Schultern
geschlitzt und mit Hellblau ausgelegt?"

"Ja, ja, nur weiter!" rief Berta.  "Wir haben unsere eigenen Ursachen,
uns nach ihm zu erkundigen."

Marie stand auf und suchte ihr Nhzeug in dem Kasten, indem sie
beiden den Rcken zukehrte; aber die Rte, die alle Augenblicke auf
ihren Wangen wechselte, lie ahnen, da sie kein Wort von Herrn
Dietrichs Erzhlung verlor.

"Nun, das ist Georg von Sturmfeder", fuhr der Ratsschreiber fort,
"ein schner, lieber Junge.  Sonderbar, auch Ihr seid ihm gleich beim
Einzug aufgefallen."--und nun erzhlte er, was am Gastmahl
vorgegangen sei, wie ihm der hohe Wuchs, das Gebietende und
Anziehende in des Jnglings Mienen gleich anfangs aufgefallen, wie
ihn der Zufall zu seinem Nachbar gemacht, wie er ihn immer lieber
gewonnen und endlich in sein Haus gefhrt habe.

"Nun, das ist schn von Dir, Vetter", sagte Berta, als er geendet
hatte, und reichte ihm freundlich die Hand, "ich glaube, es ist das
erste Mal, da Du es wagst, Gste zu haben.  Aber das Gesicht der
alten Sabine htte ich sehen mgen, als Junker Dieter so spt noch
einen Gast brachte."

"Oh, sie war wie der Lindwurm gegen St. Georg; aber als ich ihr ganz
unverblmt zu verstehen gab, es knne wohl geschehen, da ich bald
eine meiner schnen Basen heimfhren wrde..."

"Ach, geh doch!" entgegnete Berta, indem sie ihm hocherrtend ihre
Hand entreien wollte; aber Herr Dietrich, dem sein Mhmchen noch nie
so hbsch als in diesem Augenblick geschienen hatte, drckte die
weiche Hand fester, und Mariens ernsteres Bild verlor von Sekunde zu
Sekunde an Gehalt, und die Waagschale der frhlichen Berta, die jetzt
in holder Verschmtheit vor ihm sa, stieg hoch in den Augen des
glcklichen Ratsschreibers.

Doch nun fiel ihm der Grund seines Besuches wieder ein, den er
whrend des Gesprches ganz vergessen hatte.  Berta sprang mit einem
Schrei der Freude auf, als ihr der Vetter die Nachricht von dem
Abendtanz mitteilte.

"Marie, Marie", rief sie in hellen Tnen, da die Gerufene bestrzt
herbeieilte.  "Marie, ein Abendtanz auf dem Rathaus!" rief die
beglckte Berta.

Auch diese schien freudig berrascht von dieser Nachricht.  "Wann?
Kommen auch die Fremden dazu?" waren ihre schnellen Fragen, indem ein
hohes Rot ihre Wangen frbte, und aus dem ernsten Auge, das die kaum
geweinten Trnen nicht verbergen konnte, ein Strahl der Freude drang.

Berta und der Vetter waren erstaunt ber den schnellen Wechsel von
Schmerz und Freude, und der letztere konnte die Bemerkung nicht
unterdrcken, da Marie eine leidenschaftliche Tnzerin sein msse.
Doch wir glauben, er habe sich hierin nicht weniger geirrt, als wenn
er Georg fr einen Weinkenner hielt.

Als der Ratsschreiber sah, da er jetzt, wo die Mdchen sich in eine
wichtige Beratung ber ihren Anzug verwickelten, eine berflssige
Rolle spiele, empfahl er sich, um seinen wichtigeren Geschften
nachzugehen.  Er beeilte sich, seine Anordnungen zu treffen, und die
hohen Gste und die angesehensten Huser zu laden.  berall
erschien er als ein Bote des Heils, denn wie die Sage erzhlt, ist
die Freude am Tanzen nicht erst heute ber die Mdchen gekommen.

Doch nicht seine Anordnungen allein waren dem Ratsschreiber gelungen,
er hatte nebenbei auch manche geheime Nachricht erspht, die bis
jetzt nur der engere Ausschu des Rates mit den Bundesobersten teilte.

Zufrieden mit dem Erfolg seiner vielen Geschfte kam er gegen Mittag
nach Hause, und sein erster Gang war, nach seinem Gast zu sehen.  Er
traf ihn bei einer sonderbaren Arbeit.  Georg hatte lange in einem
schngeschriebenen Chronikbuch, das er in seinem Zimmer gefunden
hatte, geblttert.  Die reinlich gemalten Bilder, womit die
Anfangsbuchstaben der Kapitel unterlegt waren, die Triumphzge und
Schlachtenstcke, welche mit khnen Zgen entworfen, mit besonderem
Flei ausgemalt, hin und wieder den Text unterbrachen, unterhielten
ihn geraume Zeit.  Dann fing er an, erfllt von den kriegerischen
Bildern, die er angeschaut hatte, seinen Helm und Harnisch und das
vom Vater ererbte Schwert zu reinigen und blank zu machen, indem er
zum groem rgernis der Frau Sabine bald lustige, bald ernstere
Weisen dazu sang.

So traf ihn sein Gastfreund.  Schon unten an der Treppe hatte er die
angenehme Stimme des Singenden vernommen Er konnte sich nicht
enthalten, noch einige Zeit an der Tr zu lauschen, ehe er den Gesang
unterbrach.

Der Snger begann von neuem:

"Kaum gedacht,
War der Lust ein End' gemacht,
Gestern noch auf stolzen Rossen,
Heute durch die Brust geschossen,
Morgen in das khle Grab.

Doch was ist
Aller Erden Freud' und Lst'!
Prahlst du gleich mit deinen Wangen,
Die wie Milch und Purpur prangen,
Sieh', die Rosen welken all'.

Darum still
Geb' ich mich, wie Gott es will:
Und wird die Trompete blasen,
Und mu ich mein Leben lassen,
Stirbt ein braver Reitersmann."


"Wahrlich, Ihr habt eine schne Stimme", sagte Herr von Kraft, als er
in das Gemach eintrat.  "Aber warum singt Ihr so traurige Lieder?
Ich kann mich zwar nicht mit Euch messen, aber was ich singe, mu
frhlich sein, wie es einem jungen Mann von achtundzwanzig geziemt."

Georg legte sein Schwert auf die Seite und bot seinem Gastfreund die
Hand "Ihr mgt recht haben", sagte er, "was Euch betrifft.  Aber wenn
man zu Feld reitet, wie wir, da hat ein solches Lied groe Gewalt und
Trost, denn es gibt auch dem Tod eine milde Seite."

"Nun, das ist ja gerade, was ich meine", entgegnete der Schreiber des
groen Rats.  "Wozu soll man das auch noch in schnen Verslein
besingen, was leider nur zu gewi nicht ausbleibt?  Man soll den
Teufel nicht an die Wand malen, sonst kommt er, sagt ein Sprichwort.
brigens hat es damit keine Not, wie jetzt die Sachen stehen."

"Wie?  Ist der Krieg nicht entschieden?" fragte Georg neugierig.
"Hat der Wrttemberger Bedingungen angenommen?"

"Dem macht man gar keine mehr", antwortete Dietrich mit wegwerfender
Miene.  "Er ist die lngste Zeit Herzog gewesen, jetzt kommt das
Regieren auch einmal an uns.  Ich will Euch etwas sagen", setzte er
wichtig und geheimnisvoll hinzu, "aber bis jetzt bleibt es noch unter
uns.  Die Hand darauf.  Ihr meint, der Herzog habe 14000 Schweizer?
Sie sind wie weggeblasen.  Der Bote, den wir nach Zrich und Bern
geschickt haben, ist zurck.  Was von Schweizern bei Blaubeuren und
auf der Alb liegt--mu nach Haus."

"Nach Haus zurck?" rief Georg erstaunt.  "Haben die Schweizer selbst
Krieg?"

"Nein", war die Antwort, "sie haben tiefen Frieden, aber kein Geld.
Glaubt mir, ehe acht Tage ins Land kommen, sind schon Boten da, die
das ganze Heer nach Haus zurckrufen."

"Und werden sie gehen?" unterbrach ihn der Jngling.  "Sie sind auf
ihre eigene Faust dem Herzog zu Hilfe gezogen, wer kann ihnen
gebieten, seine Fahnen zu verlassen?"

"Das wei man schon zu machen.  Glaubt Ihr denn, wenn an die
Schweizer der Ruf kommt, bei Verlust ihrer Gter und bei Leib und
Lebensstrafe nach Haus zu eilen, sie werden bleiben?  Ulrich hat zu
wenig Geld, um sie zu halten, denn auf Versprechungen dienen sie
nicht."

"Aber ist dies auch ehrlich gehandelt?" bemerkte Georg.  "Heit das
nicht dem Feind, der in ehrlicher Fehde mit uns lebt, die Waffen
stehlen und ihn dann berfallen?"

"In der Politica, wie wir es nennen", gab der Ratsschreiber zur
Antwort und schien sich dem unerfahrenen Kriegsmann gegenber kein
geringes Ansehen geben zu wollen, "in der Politica wird die
Ehrlichkeit hchstens zum Schein angewandt.  So werden die Schweizer
z.B. dem Herzog erklren, da sie sich ein Gewissen daraus machen,
ihre Leute gegen die freien Stdte dienen zu lassen.  Aber die
Wahrheit ist, da wir dem groen Bren mehr Goldgulden in die Tatze
drcken als der Herzog."

"Nun, und wenn die Schweizer auch noch abziehen", sagte Georg, "so
hat doch Wrttemberg noch Leute genug, um keinen Hund ber die Alb zu
lassen."

"Auch dafr wird gesorgt", fuhr der Schreiber in seiner Erluterung
fort, "wir schicken einen Brief an die Stnde von Wrttemberg und
ermahnen sie, das unleidliche Regiment ihres Herzogs zu bedenken,
demselben keinen Beistand zu tun, sondern dem Bund zuzuziehen."

"Wie?" rief Georg mit Entsetzen "Das hiee ja den Herzog um sein Land
betrgen.  Wollt Ihr ihn denn zwingen, der Regierung zu entsagen und
sein schnes Wrttemberg mit dem Rcken anzusehen?"

"Und Ihr habt bisher geglaubt, man wolle nichts weiter als etwa
Reutlingen wieder zur Reichsstadt machen?  Wovon soll denn Hutten
seine 42 Gesellen und ihre Diener besolden?  Wovon denn Sickingen
seine tausend Reiter und zwlftausend zu Fu, wenn er nicht ein
hbsches Stckchen Land damit erkmpft?  Und meint Ihr, der Herzog
von Bayern wolle nicht auch sein Teil?  Und wir?  Unsere Markung
grenzt zunchst an Wrttemberg--."

"Aber die Frsten Deutschlands", unterbrach ihn Georg ungeduldig,
"meint Ihr, sie werden es ruhig mit ansehen, da Ihr ein schnes Land
in kleine Fetzen reit?  Der Kaiser, wird er es dulden, da Ihr einen
Herzog aus dem Land jagt?"

Auch dafr wute Herr Dietrich Rat.  "Es ist kein Zweifel, da Karl
seinem Vater als Kaiser folgt.  Ihm selbst bieten wir das Land zur
Obervormundschaft an, und wenn sterreich seinen Mantel darauf deckt,
wer kann dagegen sein?  Doch, seht nicht so dster aus.  Wenn Euch
nach Krieg gelstet, dazu kann Rat werden.  Der Adel hlt noch zum
Herzog, und an seinen Schlssern wird sich noch mancher die Zhne
einbrechen.  Wir verschwatzen brigens das Mittagsmahl.  Kommt bald
nach, da wir erfahren, was Frau Sabina uns gekocht hat." Damit
verlie der Schreiber des groen Rates von Ulm so stolzen Schrittes,
als wre er selbst schon Obervormund von Wrttemberg, das Zimmer
seines Gastes.

Georg sandte ihm nicht die freundlichsten Blicke nach.  Zrnend schob
er seinen Helm, den er noch vor einer Stunde mit so freudigem Mut zu
seinem ersten Kampf geschmckt hatte, in die Ecke.  Mit Wehmut
betrachtete er sein altes Schwert, diesen treuen Stahl, den sein
Vater in manchem guten Streit gefhrt, den er sterbend seinem
verwaisten Knaben als einziges Erbe vom Schlachtfeld gesandt hatte.
"Ficht ehrlich!" war das Symbol das der Waffenschmied in die schne
Klinge gegraben hatte, und er sollte sie fr eine Sache fhren, die
ihre Ungerechtigkeit an der Stirn trug?  Wo er der Kriegskunst
erfahrener Mnner, der Tapferkeit des einzelnen die Entscheidung
zutraute, da sollten geheime Rnke, die Politica, wie Herr Dietrich
sich ausdrckte, entscheiden?  Wo ihn der frhliche Glanz der Waffen,
die Aussicht auf Ruhm gelockt hatte, da sollte er nur den habgierigen
Plnen dieser Menschen dienen?  Ein altes Frstenhaus, dem seine
Ahnen gerne gedient hatten, sollte er von diesen Spiebrgern
vertreiben sehen?  Unertrglich wollte ihm auch der Gedanke scheinen,
von diesem Kraft sich belehren lassen zu mssen.

Doch dem Unmut ber seinen gutmtigen Wirt konnte er nicht lange Raum
geben, wenn er bedachte, da ja jene Plne nicht in seinem Kopf
gewachsen seien und da Menschen, wie dieser politische Ratsschreiber,
wenn sie einmal ein Geheimnis, einen groen Gedanken in Erfahrung
gebracht haben, ihn hegen und pflegen wie ihren eigenen; da sie sich
mit dem adoptierten Kind brsten, als wre es Minerva, aus ihrem
eigenen harten Kopf entsprungen.

Mit milderen Gedanken kam er zu seinem Gastfreund, als man ihn zu
Tisch rief.

Ja, die ganze Ansicht der Dinge wurde ihm nach einigen Stunden bei
weitem ertrglicher, als er sich erinnerte, da ja auch Mariens Vater
dieser Partei folge.  Es war ihm, als mchte die Sache doch nicht so
schwarz sein, welcher Mnner wie Frondsberg ihre Dienste geliehen.




Kapitel 6


Man blies schon lngst zum ersten Tanz auf, als Georg von Sturmfeder
in den Rathaussaal eintrat.  Seine Blicke schweiften durch die Reihen
der Tanzenden, und endlich trafen sie Marien.  Sie tanzte mit einem
jungen, frnkischen Ritter seiner Bekanntschaft, schien aber der
eifrigen Rede, die er an sie richtete, kein Gehr zu geben.  Ihr Auge
suchte den Boden, ihre Miene konnte Ernst, beinahe Trauer ausdrcken;
ganz anders als die brigen Frulein, die in der wahren Tanzseligkeit
schwimmend, ein Ohr der Musik, das andere dem Tnzer liehen, und die
freundlichen Augen bald ihren Bekannten, um den Beifall in ihren
Mienen zu lesen, bald ihren Tnzern zuwandten, um zu prfen, ob ihre
Aufmerksamkeit auch ganz gewi auf sie gerichtet sei.

In gehaltenen Tnen hielten jetzt die Zinken und Trompeten und
endeten; Herr Dietrich Kraft hatte seinen Gastfreund bemerkt und kam,
ihn, wie er versprochen, zu seinen Muhmen zu fhren.  Er flsterte
ihm zu, da er selbst schon fr den nchsten Tanz mit Bschen Berta
versagt sei, doch habe er soeben um Mariens Hand fr seinen Gast
geworben.

Beide Mdchen waren auf die Erscheinung des ihnen so interessanten
Fremden vorbereitet gewesen, und dennoch bedeckte die Erinnerung
dessen, was sie ber ihn gesprochen, Bertas angenehme Zge mit hoher
Glut, und die Verwirrung, in welche sie sein Anblick versetzte, lie
sie nicht bemerken, welches Entzcken ihm aus Mariens Auge
entgegenstrahlte, wie sie bebte, wie sie mhsam nach Atem suchte, wie
ihr selbst die Sprache ihre Dienste zu versagen schien.

"Da bringe ich Euch Herrn Georg von Sturmfeder, meinen lieben Gast",
begann der Ratsschreiber, "der um die Gunst bittet, mit Euch zu
tanzen."

"Wenn ich nicht schon diesen Tanz meinem Vetter zugesagt htte",
antwortete Berta, schneller gefat als ihre Base, "so solltet Ihr ihn
haben, aber Marie ist noch frei, die wird mit Euch tanzen."

"So seid Ihr noch nicht versagt, Frulein von Lichtenstein?" fragte
Georg, indem er sich zu der Geliebten wandte.

"Ich bin an Euch versagt", antwortete Marie.  So hrte er denn zum
ersten Mal wieder diese Stimme, die ihn so oft mit den sesten Namen
genannt hatte; er sah in diese treuen Augen, die ihn noch immer so
hold anblickten wie vormals.

Die Trompeten schmetterten in den Saal; der Oberfeldleutnant Waldburg
Truchse, dem man den zweiten Tanz gegeben hatte, schritt mit seiner
Tnzerin vor, die Fackeltrger folgten, die Paare ordneten sich, und
auch Georg ergriff Mariens Hand und schlo sich an.  Jetzt suchten
ihre Blicke nicht mehr den Boden, sie hingen an denen des Geliebten;
und dennoch wollte es ihm scheinen, als mache sie dieses Wiedersehen
nicht so glcklich wie ihn, denn noch immer lag eine dstere Wolke
von Schwermut oder Trauer um ihre Stirn.  Sie sah sich um, ob
Dietrich und Berta, das nchste Paar nach ihnen, nicht allzu nahe
seien.--Sie waren fern.

"Ach, Georg", begann sie, "welch unglcklicher Stern hat Dich in
dieses Heer gefhrt?"

"Du warst dieser Stern, Marie", sagte er, "Dich habe ich auf dieser
Seite geahnt, und wie glcklich bin ich, da ich Dich fand!  Kannst
Du mich tadeln, da ich die gelehrten Bcher beiseite legte und
Kriegsdienste nahm?  Ich habe ja kein Erbe als das Schwert meines
Vaters; aber mit diesem Gut will ich wuchern, da der deinige sehen
soll, da seine Tochter keinen Unwrdigen liebt."

"Ach Gott!  Du hast doch dem Bund noch nicht zugesagt?" unterbrach
sie ihn.

"ngstige Dich doch nicht so, mein Liebchen, ich habe noch nicht
vllig zugesagt; aber es mu nchster Tage geschehen.  Willst Du denn
Deinem Georg nicht auch ein wenig Kriegsruhm gnnen?  Warum magst Du
um mich so bange sein?  Dein Vater ist alt und zieht ja doch auch mit
uns."

"Ach, mein Vater, mein Vater!" klagte Marie.  "Er ist ja--doch brich
ab, Georg, brich ab--Berta belauscht uns; aber ich mu Dich morgen
sprechen, ich mu, und sollte es meine Seligkeit kosten.  Ach!  Wenn
ich nur wte wie?"

"Was ngstigt Dich denn nur so?" fragte Georg, dem es unbegreiflich
war, wie Marie, statt sich der Freude des Wiedersehens hinzugeben,
nur an die Gefahren dachte, denen er entgegengehe?  "Du stellst Dir
die Gefahren grer vor, als sie sind", flsterte er ihr trstend zu.
"Denke an nichts, als da wir uns jetzt wieder haben, da ich Deine
Hand drcken darf, da Auge in Auge sieht wie sonst.  Geniee jetzt
die Augenblicke, sei heiter!"

"Heiter?  Oh, diese Zeiten sind vorbei, Georg!  Hre und sei
standhaft--mein Vater ist nicht bndisch!"

"Jesus Maria!  Was sagst Du?" rief der Jngling und beugte sich, als
habe er das Wort des Unglcks nicht gehrt, herab zu Marien.  "Oh sag,
ist denn Dein Vater nicht hier in Ulm?"

Sie hatte sich strker geglaubt; sie konnte nicht mehr sprechen; bei
dem ersten Laut wren ihre Trnen unaufhaltsam geflossen; sie
antwortete nur durch einen Druck der Hand und ging mit gesenktem
Haupt, nach Kraft suchend, ihren Schmerz zu bekmpfen, neben Georg
her.  Endlich siegte der starke Geist dieses Mdchens ber die
Schwche ihrer Natur, die einem so groen, tiefen Kummer beinahe
erlegen wre.  "Mein Vater", flsterte sie, "ist Herzog Ulrichs
wrmster Freund, und sobald der Krieg entschieden ist, fhrt er mich
heim auf den Lichtenstein!"

Betubt wirbelten jetzt die Trommeln, in volleren Tnen schmetterten
die Trompeten, sie begrten den Truchse, der eben an dem Musikchor
vorberzog, er warf ihnen, wie es Sitte war, einige Silberstcke zu,
und von neuem erhob sich ihr betubender Jubel.

Das leise Gesprch der Liebenden verstummte vor der rauhen Gewalt
dieser Tne, aber ihr Auge hatte sich in diesem Schiffbruch ihrer
Liebe um so mehr zu sagen, und sie bemerkten nicht einmal, wie ein
Geflster ber sie im Saal erging, das sie als das schnste Paar
pries.

Aber nur zu wohl hatte Berta diese Bemerkungen der Menge gehrt.  Sie
war zu gutmtig, als da Neid darber in ihre Seele gekommen wre,
aber sie setzte sich doch im Geist an Mariens Platz, und fand, da
man vielleicht das Paar nicht minder schn gefunden htte.  Auch das
Gesprch, das zwischen den beiden begonnen hatte, fiel ihr auf.  Die
ernste Base, die selten oder nie mit einem Mann lange sprach, schien
mehr und angelegentlicher zu reden als ihr Tnzer.  Die Musik
hinderte sie zu verstehen, was gesprochen wurde; die Neugierde wurde
in ihr rege, sie zog ihren Tnzer nher an das vordere Paar, um ein
wenig zu lauschen; aber war es Zufall oder Absicht, das Gesprch
verstummte, als sie nherkam, oder wurde so leise gefhrt, da sie
nichts davon verstand.

Ihr Interesse an dem schnen jungen Mann wuchs mit diesen
Hindernissen; noch nie war ihr der gute Vetter Kraft so lstig
geworden als in diesen Augenblicken; denn die zierlichen Redensarten,
womit er ihr Herz zu umspinnen gedachte, hinderten sie, jene genauer
zu beobachten.  Sie war froh, als endlich der Tanz endete.  Denn sie
durfte hoffen, da der nchste an des jungen Ritters Seite desto
angenehmer fr sie sein werde.

Sie tuschte sich nicht in ihrer Hoffnung, Georg kam, sie um den
nchsten Tanz zu bitten, der auch sogleich begann, und sie hpfte
frhlich an seiner Seite in die Reihen.  Aber es war nicht mehr
derselbe, der vorhin mit Marien so freundlich gesprochen hatte.
Verstrt, einsilbig, in tiefe Gedanken versunken, war der junge Mann
an ihrer Seite, und es war nur zu sichtbar, da er sich immer erst
wieder sammeln mute, wenn er eine ihrer Fragen beantworten sollte.

War dies jener "hfliche Ritter", welcher sie, ohne da sie sich je
gesehen hatten, so freundlich grte?  War es derselbe, welcher so
heiter, so frhlich war, als ihn Vetter Kraft zu ihnen fhrte?
Derselbe, der mit Marien so eifrig sich unterredet hatte?  Oder
sollte diese--?  Ja, es war klar, Marie hatte ihm besser gefallen,
ach! vielleicht weil sie die erste war, die mit ihm getanzt.  Je
weniger Berta gewohnt war, sich der ernsten Marie nachgesetzt zu
sehen, um so mehr befremdete sie dieser Sieg ihrer Base, um so mehr
glaubte sie sich beeifern zu mssen, ihren Rang, ihre Gaben geltend
zu machen Sie setzte daher mit ihrer heiteren Geschwtzigkeit das
Gesprch ber den bevorstehenden Krieg, das sie mit Mhe angesponnen
hatte, fort, als sie nach Beendigung des Tanzes zu Marien und dem
Ratsschreiber traten.

"Nun, und der wievielte Feldzug ist es denn, Herr von Sturmfeder, dem
Ihr jetzt beiwohnt?"

"Es ist mein erster", antwortete dieser kurz angebunden, denn er war
unmutig darber, da jene ihn noch immer im Gesprch halte, da er mit
Marie so gerne gesprochen htte.

"Euer erster?" entgegnete Berta verwundert, "Ihr wollt mir etwas
weismachen, da habt Ihr ja schon eine mchtige Narbe auf der Stirn."

"Die bekam ich auf der hohen Schule", antwortete Georg.

"Wie?  Ihr seid ein Gelehrter?" fragte jene eifrig weiter.  "Nun, und
da seid Ihr gewi recht weit weg gewesen; etwa in Padua oder Bologna,
oder gar bei den Ketzern in Wittenberg."

"Nicht so weit, als Ihr meint", entgegnete er, indem er sich zu
Marien wandte, "ich war in Tbingen."

"In Tbingen", rief Berta voll Verwunderung.  Wie ein Blitz erhellte
dies einzige Wort alles, was ihr bisher dunkel war, und ein Blick auf
Marien, die mit niedergeschlagenen Augen, mit der Rte der Scham auf
den Wangen, vor ihm stand, berzeugte sie, da die lange Reihe von
Schlssen, die sich an jenes Wort anschlossen, ihren nur zu sicheren
Grund hatten.  Jetzt war ihr auf einmal klar, warum sie der artige
Ritter begrt, warum Marie geweint, die ihn gewi gerne auf der
feindlichen Seite gesehen htte, warum er so viel mit jener
gesprochen, warum er bei ihr selbst so einsilbig war.  Es war keine
Frage, sie kannten sich, sie muten sich lngst gekannt haben.

Beschmung war das erste Gefhl, das bei dieser Entdeckung Bertas
Herz bestrmte; sie errtete vor sich selbst, wenn sie sich gestand,
nach der Aufmerksamkeit eines Mannes gestrebt zu haben, dessen Seele
ein ganz anderer Gegenstand beschftige.  Unmut ber Mariens
Heimlichkeit verfinsterte ihre Zge.  Sie suchte Entschuldigung fr
ihr eigenes Betragen, und fand sie nur in der Falschheit ihrer Base.
Htte diese ihr gestanden, in welchem Verhltnis sie zu dem jungen
Mann stehe, sie htte ihr nie ihre Teilnahme an ihm gezeigt; er wre
ihr dann, meinte sie, hchst gleichgltig geblieben, sie htte nie
diese Beschmung erfahren.

Berta hat an diesem Abend den unglcklichen jungen Mann keines
Blickes mehr gewrdigt, was ihm brigens ber dem greren Schmerz,
der seine Seele beschftigte, vllig entging.  Sein Unglck wollte es
auch, da er nie mehr Gelegenheit fand, Marien wieder allein und
ungestrt zu sprechen, der Abendtanz ging zu Ende, ohne da er ber
Mariens Schicksal und ber die Gesinnungen ihres Vaters gewisser
wurde, und Marie fand kaum noch auf der Treppe Gelegenheit, ihm
zuzuflstern, er mchte morgen in der Stadt bleiben, weil sie
vielleicht irgendeine Gelegenheit finden wrde, ihn zu sprechen.

Verstimmt kamen die beiden Schnen nach Hause.  Berta hatte auf alle
Fragen Mariens kurze Antwort gegeben, und auch diese, sei es, da sie
ahnte, was in ihrer Freundin vorgehe, sei es, weil sie selbst ein
groer Schmerz beschftigte, war nach und nach immer dsterer,
einsilbiger geworden.

Aber auf beiden lastete die Strung ihres bisherigen
freundschaftlichen Verhltnisses erst recht schwer, als sie ernst und
schweigend in ihr Gemach traten.  Sie hatten sich bisher alle jene
kleinen Dienste geleistet, welche junge Mdchen nur zu noch engerer
Freundschaft verbinden.  Wie ganz anders war es heute!  Berta hatte
die silberne Nadel aus dem reichen blonden Haar gezogen, da es in
langen Ringellocken ber den schnen Nacken herabstrmte.  Sie
versuchte, es unter das Nachthubchen zu stecken; ungewohnt, diese
Arbeit ohne Mariens Hilfe zu verrichten, kam sie nicht damit zu Rande,
aber zu stolz, ihrer Feindin, wie sie Marien in ihrem Sinn nannte,
ihre Verlegenheit merken zu lassen, warf sie das Hubchen in die Ecke
und ergriff ein Tuch, um es um das Haar zu winden.

Schweigend nahm Marie das verworfene Hubchen wieder auf und trat
hinzu, das Haar ihrer Base nach gewohnter Weise zu ordnen und
aufzubinden.

"Hinweg, Du Falsche!" rief die erzrnte Berta, indem sie die
hilfreiche Hand zurckstie.

"Berta; hab' ich dies um Dich verdient?" sprach Marie mit Ruhe und
Sanftmut.  "Oh wenn Du wtest, wie unglcklich ich bin, Du wrdest
sanfter gegen mich sein!"

"Unglcklich?" lachte jene laut auf, "unglcklich!  Vielleicht, weil
der artige Herr nur einmal mit Dir tanzte?"

"Du bist recht hart, Berta", antwortete Marie, "Du bist bse auf mich
und sagst mir nicht einmal warum?"

"So?  Du willst also nicht wissen, da Du mich betrogen hast?  Nicht
wissen, wie mich Deine Heimlichkeiten dem Spott und der Beschmung
aussetzten?  Ich htte nie geglaubt, da Du so schlecht, so falsch,
an mir handeln wrdest!"

Von neuem erwachte in Berta das krnkende Gefhl, sich hintangesetzt
zu sehen Ihre Trnen strmten, sie legte die heie Stirn in die Hand,
und die reichen Locken flossen ber ihr zusammen und verhllten die
Weinende.

Trnen sind die Zeichen milderen Schmerzes.  Marie kannte diese
Trnen und fuhr mit mehr Vertrauen fort: "Berta!  Du schiltst meine
Heimlichkeit.  Ich sehe, Du hast erraten, was ich nie von selbst
sagen konnte.  Setze Dich selbst in meine Lage.  Ach, Du selbst, so
heiter und offen Du bist, Du selbst httest mir Dein Geheimnis nicht
vertrauen knnen.  Aber jetzt ist es ja aus.  Du weit, was meine
Lippen auszusprechen sich scheuten.  Ich liebe ihn, ja ich werde
geliebt, und nicht erst von gestern her.  Willst Du mich hren?  Darf
ich Dir alles sagen?"

Bertas Trnen flossen noch immer.  Sie antwortete nicht auf jene
Fragen, aber Marie hob an zu erzhlen, wie sie Georg im Haus der
seligen Muhme kennengelernt habe.  Wie sie ihm gut gewesen, lange ehe
er ihr seine Liebe gestanden Alle jene schne Erinnerungen lebten in
ihr auf, mit glhenden Wangen, mit strahlendem Auge fhrte sie die
Vergangenheit herauf.  Sie erzhlte von so mancher schnen Stunde,
vom Schwur ihrer Treue, von ihrem Abschied "Und jetzt", fuhr sie mit
wehmtigem Lcheln fort, "jetzt hat ihn dieser unglckliche Krieg auf
diese Seite gefhrt.  Er hrt, wir seien hier in Ulm, er glaubt nicht
anders, als mein Vater sei dem Bund beigetreten, er hofft, mich durch
sein Schwert zu verdienen, denn er ist arm, recht arm!  Oh Berta, Du
kennst meinen Vater.  Er ist so gut, aber auch so streng, wenn etwas
seiner Meinung widerspricht.  Wird er einem Mann seine Tochter geben,
der sein Schwert gegen Wrttemberg gezogen hat?  Siehe, das waren
meine Trnen!  Ach, ich wollte Dir so oft sagen, warum sie flieen,
aber eine unbesiegbare Scham schlo meine Lippen.  Kannst Du mir noch
zrnen?  Mu ich mit dein Geliebten auch die Freundin verlieren?"

Auch Mariens Trnen flossen und Berta fhlte den eigenen Schmerz von
dem greren Kummer der Freundin besiegt.  Sie umarmte Marien
schweigend und weinte mit ihr.

"In den nchsten Tagen", fuhr diese fort, "will mein Vater Ulm
verlassen, und ich mu ihm folgen.  Aber noch einmal mu ich Georg
sprechen, nur ein Viertelstndchen.  Berta, Du kannst gewi
Gelegenheit geben.  Nur ein ganz kleines Viertelstndchen!"

"Du willst ihn doch nicht der guten Sache abwendig machen?" fragte
Berta.

"Was nennst Du die gute Sache?" antwortete Marie.  "Des Herzogs Sache
ist vielleicht nicht minder gut als die Eure.  Du sprichst so, weil
Ihr bndisch seid.  Ich bin eine Wrttembergerin, und mein Vater ist
seinem Herzog treu.  Doch sollen wir Mdchen ber den Krieg
entscheiden?  La uns lieber auf Mittel sinnen, ihn noch einmal zu
sehen."

Berta hatte ber der Teilnahme, mit welcher sie der Geschichte ihrer
Base zugehrt hatte, ganz vergessen, da sie ihr jemals gram gewesen
war.  Sie war berdies fr alles Geheimnisvolle eingenommen, daher
kamen ihr diese Mitteilungen erwnscht.  Sie fhlte, wie wichtig und
ehrenvoll der Posten einer Vertrauten sei, und gab sich daher alle
mgliche Mhe, dem liebenden Paar mit ihrem Scharfsinn zu dienen.

"Ich hab's gefunden", rief sie endlich aus, "wir laden ihn geradezu
in den Garten."

"In den Garten?" fragte Marie schchtern und unglubig, "und durch
wen?"

"Sein Wirt, der gute Vetter Dietrich, mu ihn selbst bringen",
antwortete sie, "das ist herrlich, und dieser darf auch kein Wrtchen
davon merken, lass' nur mich dafr sorgen."

Marie, entschlossen und stark bei groen Dingen, zitterte doch bei
diesem gewagten Schritt.  Aber ihre mutige, frhliche Base wute ihr
alle Bedenklichkeiten auszureden, und mit erneuerter Hoffnung, und
befreit von der Last des Geheimnisses, umarmten sich die Mdchen, ehe
sie sich zur Ruhe legten.




Kapitel 7


Sinnend und traurig sa Georg am Mittag nach dem festlichen Abend in
seinem Gemach.  Er hatte Breitenstein besucht und wenig Trstliches
fr seine Hoffnungen erfahren.  Der Kriegsrat hatte sich an diesem
Morgen versammelt, und unwiderruflich war der Krieg beschlossen
worden.  Zwlf Edelknaben waren, die Absagebriefe des Herzogs von
Bayern, der Ritterschaft und gesamten Stdte an ihre Lanzen geheftet,
zum Ggglinger Tor hinausgejagt, um die Feindesbotschaft dem
Wrttemberger nach Blaubeuren zu bringen.  Auf den Straen rief man
einander frhlich diese Nachricht zu, und die Freude, da es jetzt
endlich ins Feld gehen werde, stand deutlich auf allen Gesichtern
geschrieben.  Nur einen traf diese Kunde wie das schreckliche
Machtwort seines Schicksals.  Der Gram trieb ihn aus dem Kreis der
frhlichen Gesellen, die jetzt den Weinstuben zuzogen, um in lautem
Jubel das Geburtsfest des Krieges zu begehen und das Los knftiger
Siege im Wrfelspiel zu belauschen.  Ach!  Ihm waren ja schon die
Wrfel gefallen!  Ein blutiges Schlachtfeld dehnte sich zwischen ihm
und seiner Liebe aus, sie war ihm auf lange, vielleicht auf ewig
verloren.

Eilige Tritte, welche die Treppe heraufstrmten, weckten ihn aus
seinem Brten.  Der Ratsschreiber steckte den Kopf in die Tr.
"Glck auf, Junker!" rief er, "jetzt hebt der Tanz erst recht an.
Aber ihr wit es vielleicht noch gar nicht?  Der Krieg ist
angekndigt, schon vor einer Stunde sind unsere Absageboten
ausgeritten."

"Ich wei es", antwortete sein finsterer Gast.

"Nun und hpft Euch das Herz nicht freier?  Habt Ihr auch gehrt--
nein, das knnt Ihr nicht wissen", fuhr Dietrich fort, indem er
zutraulich nher zu ihm trat, "da die Schweizer bereits abziehen?"

"Wie, sie ziehen?" unterbrach ihn Georg.  "Also hat der Krieg schon
ein Ende?"

"Das mchte ich nicht gerade behaupten", fuhr der Ratsschreiber
bedenklich fort, "der Herzog von Wrttemberg ist noch ein junger,
mutiger Herr und hat noch Ritter und Dienstleute genug.  Zwar wird er
wohl keine offene Feldschlacht mehr wagen, aber er hat feste Stdte
und Burgen.  Da ist einmal der Hellenstein und darin Stephan von
Lichow, ein Mann wie Eisen.  Da ist Gppingen, das Philipp von
Rechberg auch nicht auf den ersten Stckschu ergeben wird.  Da ist
Schorndorf, Rothenberg und Asberg, da ist vor allem Tbingen, das er
tchtig befestigt hat.  Es wird noch mancher ins Gras beien, bis Ihr
Eure Rosse im Neckar trnkt."

"Nun, nun!" fuhr er fort, als er sah, da seine Nachrichten die
finstere Stirn seines schweigenden Gastes nicht aufheitern konnten.
"Wenn Ihr diese kriegerischen Botschaften nicht freundlich aufnehmt,
so schenkt Ihr vielleicht einem friedlicheren Auftrag ein geneigtes
Ohr.  Sagt einmal, habt Ihr nicht irgendwo eine Base?"

"Base?  Ja, warum fragt Ihr?"

"Nun seht, jetzt erst verstehe ich die verwirrten Reden, die vorhin
Berta vorbrachte.  Als ich aus dem Rathaus kam, winkte sie mir hinauf
und befahl mir, meinen Gast heute nachmittag in ihren Garten an der
Donau zu fhren.  Marie habe Euch etwas sehr Wichtiges an Eure Base,
die sie sehr gut kenne, aufzutragen.  Ihr mt mir schon den Gefallen
tun, mitzugehen.  Solche Geheimnisse und Auftrge sind zwar
gewhnlich nicht weit her, und ich wollte wetten, sie geben Euch ein
Msterlein fr den Webstuhl oder eine Probe seiner Wolle, oder ein
tiefes Geheimnis der Kochkunst, oder gar ein paar Krnlein von einer
seltenen Blume mit, denn Marie ist eine groe Grtnerin--doch wenn
Ihr gestern an dem Mdchen Gefallen gefunden habt, geht Ihr wohl
gerne mit."

Mitten in dem schmerzlichen Gedanken an die Scheidestunde mute Georg
ber die List der Mdchen lachen.  Freundlich bot er dem guten Boten
die Hand und schickte sich an, ihn in den Garten zu begleiten.

Dieser lag an der Donau, ungefhr zweitausend Schritte unter der
Brcke.  Er war nicht gro, zeugte aber von Sorgfalt und Flei.  Die
schnen Obstbume waren zwar noch nicht belaubt, und die in
wunderlichen Formen abgestochenen Beete hatten noch keine Blumen,
aber ein langer Taxusgang, der an dem Ufer des Flusses sich hinzog
und in einer gerumigen Laube endete, gab durch sein helles Grn
einen lebhaften Anblick und hinlnglichen Schutz gegen die einem
weien Hals und schnen Armen so gefhrlichen Strahlen der Mrzsonne.
Dort, auf dem breiten, bequemen Steinsitz, wo die Lcken der Laube
eine freie Aussicht die Donau hinauf und hinab gewhrten, hatten die
Mdchen unter mancherlei Gesprchen der jungen Mnner geharrt.

Marie sa traurig in sich gekehrt.  Sie hatte den schnen Arm auf
eine Lcke der Laube aufgesttzt und das von Gram und Trnen mde
Kpfchen in die Hand gelegt.  Ihr dunkles, glnzendes Haar hob die
Blsse ihres Teints um so mehr heraus, als stiller Kummer ihre Wangen
gebleicht, und schlaflose Nchte dem lieblichen blauen Auge seinen
sonst so berraschenden Glanz geraubt und ihm einen matteren,
vielleicht nur um so anziehenderen Schimmer von Melancholie gegeben
hatten.  Das vollendete Bild frhlichen Lebens, sa die frische,
runde, rosige Berta neben ihr.  Wie ihre gelblichen Locken mit
Mariens dunkeln Haaren, ihr rundes, frisches Gesichtchen mit den
ovalen, schrferen Formen ihrer Base, wie ihre freundlichen,
beweglichen, hellbraunen Augen in auffallendem Kontrast standen mit
dem sinnenden, geistvollen Blick Mariens, so wurde auch jede ihrer
raschen lebhaften Bewegungen zum Gegensatz gegen jene stille Trauer.

Berta schien ihre rosigste Laune hervorgeholt zu haben, um ihre Base
zu trsten, oder doch ihren groen Schmerz zu zerstreuen.  Sie
erzhlte und schwatzte, sie lachte und ahmte die Gebrde und Sprache
vieler Leute nach, sie versuchte alle jene tausend kleinen Knste,
womit die Natur ihre frhliche Tochter ausstattete.  Aber wir glauben,
da sie wenig ausrichtete, denn nur hie und da glitt ein wehmtiges,
schnell verschwebendes Lcheln ber Mariens feine Zge hin.

Endlich ging die Gartenpforte auf.  Mnnertritte tnten den Gang
herauf und die Mdchen standen auf, die Erwarteten zu empfangen.

"Herr von Sturmfeder", begann Berta nach den ersten Begrungen,
"verzeiht doch, da ich es wagte, Euch in meines Vaters Garten
einzuladen.  Aber meine Base Marie wnscht, Euch Auftrge an eine
Freundin zu geben.--Nun, und da wir andern nicht zu kurz kommen",
setzte sie zu Herrn Kraft gewandt hinzu, "so wollen wir eins plaudern
und den Abendtanz von gestern mustern." Damit ergriff sie ihres
Vetters Hand und zog ihn mit sich den Gang hinab.

Georg hatte sich zu Marie auf die Bank gesetzt.  Sie lehnte sich an
seine Brust und weinte heftig.  Die sesten Worte, die er ihr
zuflsterte, vermochten nicht, ihre Trnen zu stillen "Marie", sagte
er, "Du warst ja sonst so stark, wie kannst Du nun gerade jetzt allen
Glauben an ein besseres Geschick, alle Hoffnung aufgeben?"

"Hoffnung?" fragte sie wehmtig, "mit unserer Hoffnung, mit unserem
Glck ist es fr ewig aus."

"Sieh", antwortete Georg, "eben dies kann ich nicht glauben, ich
trage die Gewiheit unserer Liebe in mir so innig, so tief, und ich
sollte jemals glauben, da sie untergehen knne?"

"Du hoffst noch?  So hre mich ganz an.  Ich mu Dir ein tiefes
Geheimnis sagen, an dem das Leben meines Vaters hngt.  Mein Vater
ist so sehr ein bitterer Feind des Bundes, als er ein Freund des
Herzogs ist.  Er ist nicht nur deswegen hier, um sein Kind abzuholen.
Nein, er sucht die Plne des Bundes zu erforschen und mit Geld und
Rede zu verwirren.  Und glaubst Du, ein so bitterer Gegner des Bundes
werde seine einzige Tochter einem Jngling geben, der durch unser
Verderben sich emporzuschwingen sucht?  Einem, der sich an Menschen
anschliet, die kein Recht, sondern nur Raub suchen?"

"Dein Eifer fhrt Dich zu weit, Marie", unterbrach sie der Jngling,
"Du mut wissen, da mancher Ehrenmann in diesem Heer dient!"

"Und wenn dies wre", fuhr jene eifrig fort, "so sind sie betrogen
und verfhrt, wie auch Du betrogen bist."

"Wer sagt Dir dies so gewi?" entgegnete Georg, welcher errtete, die
Partei, die er ergriffen, von einem Mdchen so erniedrigt zu sehen,
obgleich er ahnte, da sie so unrecht nicht habe.  "Wer sagt Dir dies
so gewi?  Kann nicht Dein Vater auch verblendet und betrogen sein?
Wie mag er nur mit so vielem Eifer die Sache dieses stolzen,
herrschschtigen Mannes fhren, der seine Edlen ermordet, der seine
Brger in den Staub tritt, der an seiner Tafel das Mark des Landes
verprat und seine Bauern verschmachten lt?"

"Ja, so schildern ihn seine Feinde", antwortete Marie, "so spricht
man von ihm in diesem Heer; aber frage dort unten an den Ufern des
Neckars, ob sie ihren angestammten Frsten nicht lieben, wenn gleich
seine Hand zuweilen schwer auf ihnen ruht.  Frage jene Mnner, die
mit ihm ausgezogen sind, ob sie nicht freudig ihr Blut fr den Enkel
Eberhards geben, ehe sie diesem stolzen Herzog von Bayern, diesen
ruberischen Edlen, diesen Stdtern ihr Land abtreten."

Georg schwieg eine Zeitlang nachdenklich.  "Aber wie entschuldigen
denn diese warmen Verteidiger den Mord des Hutten?" fragte er.

"Ihr sprecht immer von Eurer Ehre", antwortete Marie, "und wollt
nicht leiden, da ein Herzog seine Ehre verteidige?  Hutten ist nicht
meuchelmrderisch gefallen, wie seine Anhnger in alle Welt
ausgeschrieen haben, sondern im ehrlichen Kampf, worin der Herzog
selbst sein Leben einsetzte.  Ich will nicht alles verteidigen, was
er tat.  Aber man soll nur auch bedenken da ein junger Herr, wie der
Herzog, von schlechten Rten umgeben, nicht immer weise handeln kann
Aber er ist gewi gut, und wenn Du wutest, wie mild, wie leutselig
er sein kann!"

"Es fehlt nur noch, da Du ihn auch noch den schnen Herzog nennst",
sagte Georg bitter lchelnd "Du wirst reichen Ersatz finden fr den
armen Georg, wenn er es der Mhe wert hlt, mein Bild aus Deinem
Herzen zu verdrngen."

"Wahrlich, dieser kleinlichen Eifersucht habe ich Dich nicht fr
fhig gehalten", antwortete Marie, indem sie sich mit Trnen des
Unmuts, im Gefhl gekrnkter Wrde, abwandte.  "Glaubst Du denn das
Herz eines Mdchens knne nicht auch warm fr die Sache ihres
Vaterlandes schlagen?"

"Sei mir nicht bse", bat Georg, der mit Reue und Beschmung einsah
wie ungerecht er sei, "gewi, es war nur Scherz!"

"Und kannst Du scherzen wo es unser ganzes Lebensglck gilt?"
entgegnete Marie.  "Morgen will der Vater Ulm verlassen, weil der
Krieg entschieden ist!  Wir sehen uns vielleicht lange, lange nicht
mehr, und Du magst scherzen?  Ach, wenn Du gesehen httest, wie ich
so manche Nacht mit heien Trnen zu Gott flehte, er mge Dein Herz
hinber auf unsere Seite lenken, er mge uns vor dem Unglck bewahren,
auf ewig getrennt zu sein, gewi Du knntest nicht so grausam
scherzen!"

"Er hat es nicht zum Heil gelenkt", antwortete Georg, dster vor sich
hinblickend.

"Und sollte es nicht noch mglich sein?" sprach Marie, indem sie
seine Hand fate und mit dem Ausdruck bittender Zrtlichkeit, mit der
gewinnenden Sanftmut eines Engels ihm ins Auge sah.  "Sollte es nicht
noch mglich sein?  Komm mit uns, Georg, wie gerne wird der Vater
einen jungen Streiter seinem Herzog zufhren!  Ein Schwert wiegt viel
in solchen Zeiten, sagte er oft, er wird es Dir hoch anschlagen, wenn
Du ihm folgst, an seiner Seite wirst Du kmpfen, mein Herz wird dann
nicht zerrissen nicht geteilt sein zwischen jenseits und diesseits.
Mein Gebet, wenn es um Glck und Sieg fleht, wird nicht zitternd
zwischen beiden Heeren irren!"

"Halt ein!" rief der Jngling und bedeckte seine Augen, denn der Sieg
der berzeugung strahlte aus ihren Blicken, die Gewalt der Wahrheit
hatte sich auf ihren sen Lippen gelagert.  "Willst Du mich bereden,
ein berlufer zu werden?  Gestern zog ich mit dem Heer ein, heute
wird der Krieg erklrt und morgen soll ich zu dem Herzog
hinberreiten?  Kann Dir meine Ehre so gleichgltig sein?"

"Die Ehre?" fragte Marie und Trnen entstrzten ihrem Auge.  "Sie ist
Dir also teuerer als Deine Liebe?  Wie anders klang es, als mir Georg
ewige Treue schwur.  Wohlan!  Sei glcklicher mit ihr als mit mir!
Aber mge Dir, wenn Dich der Herzog von Bayern auf dem Schlachtfeld
zum Ritter schlgt, weil Du in unsern Fluren am schrecklichsten
gewtet, wenn er Dir ein Ehrenkettlein umhngt, weil Du Wrttembergs
Burgen am tapfersten gebrochen, mge Dir der Gedanke Deine Freude
nicht trben, da Du ein Herz brachst, das Dich so treu, so zrtlich
liebte!"

"Geliebte!" antwortete Georg, dessen Brust widerstreitende Gefhle
zerrissen, "Dein Schmerz lt Dich nicht sehen wie ungerecht Du bist.
Doch es sei; damit Du siehst, da ich den Ruhm, der mir so
freundlich winkte, der Liebe zum Opfer zu bringen wei, so hre mich:
Hinber zu Euch darf ich nicht.  Aber ablassen will ich von dem Bund,
mge kmpfen und siegen wer da will--mein Kampf und Sieg war ein
Traum, er ist zu Ende!"

Marie sandte einen Blick des Dankes zum Himmel und belohnte die Worte
des jungen Mannes mit sem Lohn "Oh, glaube mir", sagte sie, "ich
fhle, wie viel Dich dieses Opfer kosten mu.  Aber sieh mir nicht so
traurig an Dein Schwert hinunter.  Wer frh entsagt, der erntet schn
sagt mein Vater; es mu uns doch auch einmal die Sonne des Glckes
scheinen.  Jetzt kann ich getrost von Dir scheiden, denn wie auch der
Krieg enden mag, Du kannst ja frei vor meinen Vater treten, und wie
wird er sich freuen, wenn ich ihm sage, welch' schweres Opfer Du
gebracht hast!"

Bertas helle Stimme, die der Freundin ein Zeichen gab, da der
Ratsschreiber nicht mehr zurckzuhalten sei, schreckte die Liebenden
auf.  Schnell trocknete Marie die Spuren ihrer Trnen und trat mit
Georg aus der Laube.

"Vetter Kraft will aufbrechen", sagte Berta, "er fragt, ob der Junker
ihn begleiten wolle?"

"Ich mu wohl, wenn ich den Weg nach Hause nicht verfehlen soll",
antwortete Georg.  So teuer ihm die letzten Augenblicke vor einer
langen Trennung von Marie gewesen wren, so kannte er doch die
strenge Sitte dieser Zeit zu gut, als da er ohne den Vetter, als
Landfremder, bei den Mdchen geblieben wre.

Schweigend gingen sie den Garten hinab, nur Herr Dieterich fhrte das
Wort, indem er in wohlgesetzten Worten seinen Jammer beschrieb, da
seine Base morgen schon Ulm verlassen werde.  Aber Berta mochte in
Georgs Augen gelesen haben, da ihm noch etwas zu wnschen
brigbleibe, wobei der uneingeweihte Zeuge berflssig war.  Sie zog
den Vetter an ihre Seite und befragte ihn so eifrig ber eine Pflanze,
die gerade zu seinen Fen mit ihren ersten Blttern aus der Erde
sprote, da er nicht Zeit hatte, zu beobachten, was hinter seinem
Rcken vorging.

Schnell bentzte Georg diesen Augenblick, Marien noch einmal an sein
Herz zu ziehen, aber das Rauschen von Mariens schwerem seidenem
Gewand, Georgs klirrendes Schwert weckten den Ratsschreiber aus
seinen botanischen Betrachtungen Er sah sich um, und oh Wunder!  Er
erblickte die ernste, zchtige Base in den Armen seines Gastes.

"Das war wohl ein Gru an die liebe Base in Franken?" fragte er,
nachdem er sich von seinem Erstaunen erholt hatte.

"Nein, Herr Ratsschreiber", antwortete Georg, "es war ein Gru an
mich selbst, und zwar von der, die ich einst heimzufhren gedenke.
Ihr habt doch nichts dagegen, Vetter?"

"Gott bewahre!  Ich gratuliere von Herzen", antwortete Herr Dietrich,
der von dem ernsten Blick des jungen Kriegsmannes und von Mariens
Trnen etwas eingeschchtert wurde.  "Aber der tausend, das hei' ich
_veni, vidi, vici_.  Ich scherwenzte schon ein Vierteljahr um die
Schne und habe mich kaum eines Blickes erfreuen knnen Und heute mu
ich nun gar den Marder selbst herausfhren, der mir das Tubchen vor
dem Mund wegstiehlt."

"Verzeih den Scherz, Vetter, den wir uns mit Dir machten", fiel ihm
Berta ins Wort, "sei vernnftig und la Dir die Sache erklren." Sie
sagte ihm, was er zu wissen brauchte, um gegen Mariens Vater zu
schweigen Durch die freundlichen Blicke Bertas besnftigt, versprach
er zu schweigen unter der Bedingung, setzte er schalkhaft hinzu, da
sie etwa auch einen solchen Gru an ihn bestelle.




Kapitel 8


Ulm glich in den nchsten Tagen einem groen Lager.  Statt der
friedlichen Landleute, der geschftigen Brger, die sonst ehrbaren
und ruhigen Schrittes ihrem Gewerbe nach durch die Straen gingen,
sah man berall nur wunderliche Gestalten mit Sturmhauben und
Eisenhten, mit Lanzen, Armbrsten und schweren Bchsen.  Statt der
Ratsherren in ihrer einfachen schwarzen Tracht, zogen stolze Ritter
mit wehenden Helmbschen, ganz mit Stahl bedeckt, begleitet von einer
groen Schar bewaffneter Dienstleute, ber die Pltze und Mrkte.
Noch lebhafter war dies kriegerische Bild vor den Toren der Stadt;
auf einem Anger an der Donau bte Sickingen seine Reiterei, auf einem
groen Blachfeld gegen Sslingen hin pflegte Frondsberg sein Fuvolk
zu tummeln.

An einem schnen Morgen, etwa drei bis vier Tage, nachdem Marie von
Lichtenstein mit ihrem Vater Ulm verlassen hatte, sah man eine
ungeheure Menge Menschen aus allen Stnden auf jener Wiese versammelt,
um diesen bungen Frondsbergs zuzusehen.  Sie betrachteten diesen
Mann, dem ein so groer Ruf vorangegangen war, vielleicht nicht mit
geringerem Interesse als wir, wenn wir die kaiserlichen oder
kniglichen Shne des Mars die Dienste eines Feldherrn verrichten
sahen.  Knpft sich doch ja gerade an die Person eines
ausgezeichneten Fhrers das Interesse, das dem ganzen Heer gilt, ja,
wir meinen oft, die Schlachten, von denen uns die Sage oder die
ffentlichen Bltter erzhlen, um so deutlicher zu verstehen, wenn
wir uns die Gestalt des Heerfhrers vor das Auge zurckrufen knnen.

So mochte es wohl auch damals den Bewohnern von Ulm zumute sein, wenn
sie ihre engen Straen verlieen, um den Mann des Tages in seinem
Handwerk zu sehen.  Die Geschicklichkeit, mit der er sein Fuvolk,
das sonst in zerstreuten Haufen gefochten hatte, zu geschlossenen
Massen vereinigte; die Schnelligkeit, womit sie sich nach seinem Wink
nach allen Seiten schwenkten oder in furchtbare, von Piken und
Donnerbchsen starrende Kreise zusammenzogen; seine mchtige Stimme,
die selbst die Trommeln bertnte, seine erhabene, kriegerische
Gestalt, dies alles gewhrte ein so neues, anziehendes Bild, da auch
die bequemsten Brger es nicht scheuten, einen langen Vormittag auf
dem Anger zu stehen und dieses Schauspiel zu genieen.

Der Feldhauptmann schien an diesem Morgen noch freundlicher und
frhlicher zu sein als sonst.  Mochte ihn der warme Anteil, den die
guten Ulmer an ihm nahmen und der auf allen Gesichtern geschrieben
stand, erfreuen; mochte ihm hier auen an dem schnen Morgen, unter
seinen Waffenbungen, wohler sein als in den engen kalten Straen der
Stadt--er blickte so freundlich auf die Menge hin, da jeder glaubte,
von ihm besonders beachtet und begrt zu werden, und der Ausruf:
"Ein wackerer Herr, ein braver Ritter!" jedem seiner Schritte folgte.

Besonders freundlich schien er immer an einer Stelle zu sein; wenn er
vorbersprengte, so durfte man gewi sein, da er dort mit dem
Schwert oder der Hand herbergrte und traulich nickte.

Die Hintersten stellten sich auf die Zehen, um den Gegenstand seiner
freundlichen Winke zu sehen; die Nherstehenden sahen sich fragend an
und verwunderten sich, denn keiner der versammelten Brger schien
dieser Auszeichnung wrdig.  Als Frondsberg wieder vorbersprengte
und die Zeichen seiner Gnade wiederholte, gaben wohl hundert Augen
recht genau acht, und es fand sich, da die Gre einem groen,
schlanken, jungen Mann gelten muten, der in der vordersten Reihe der
Zuschauer stand.  Das Wams von seinem Tuch mit Seidenschlitzen, die
hohen Barettfedern, mit welchen der Morgenwind spielte, sein langes
Schwert und eine Feldbinde oder Schrpe zeichneten ihn auf den ersten
Blick vor seinen Nachbarn aus, die minder geschmckt als er, auch
durch untersetztere Figuren und breite Gesichter sich nicht zu ihrem
Vorteil von ihm unterschieden.

Der Jngling schien aber zum rgernis der guten Spiebrger nicht
sehr erfreut ber die hohe Gnade, die ihm vor ihren Augen zuteil
wurde.  Schon seine Stellung, das Haupt gesenkt, die Arme ber die
Brust gekreuzt, schien nicht anstndig genug fr einen feinen Junker,
wenn er von einem alten Kriegshelden gegrt wurde.  berdies
errtete er bei jedem Gru des Feldhauptmanns, dankte nur durch ein
leichtes Neigen und sah ihm mit so dsteren Blicken nach, als glte
es ein langes Scheiden, und dieser Gru wre der letzte eines lieben
Freundes gewesen.

Die bungen des Fuvolkes waren zu Ende gegangen, das Volk verlief
sich, und auch den jungen Mann, der die unschuldige Ursache zu jenem
Streit gewesen war, sah man seine Schritte der Stadt zuwenden; sein
Gang war langsam und ungleich, sein Gesicht schien bleicher als sonst,
seine Blicke suchten noch immer den Boden oder schweiften mit dem
Ausdruck von Sehnsucht oder stillem Gram nach den fernen blauen
Bergen, den Grenzmauern von Wrttemberg.

Noch nie hatte sich Georg von Sturmfeder so unglcklich gefhlt wie
in diesen Stunden.  Marie war mit ihrem Vater abgereist; sie hatte
ihn noch einmal beschwren lassen, seinem Versprechen treu zu sein,
und wie unglcklich machte ihn dieses Versprechen!  Wohl hatte es ihn
damals nicht geringen Kampf gekostet, es zu geben; aber der
betubende Schmerz des Abschiedes, der Gram des geliebten Mdchens
hatten ihn berwunden.  Doch jetzt, wo er mit festerem Blick seinen
Umgebungen, seiner Zukunft ins Auge sah, wie traurig, wie schwierig
erschien ihm seine Lage!  Nichts davon zu sagen, da alle seine
goldenen Trume, alle jene khnen Hoffnungen von Ruhm und Ehre mit
einem Mal verschwanden; nichts davon zu sagen, da auch sein Ziel,
das so nahe lag, Marien durch Kriegsdienste zu verdienen, ungewi in
die Weite hinausgerckt war--er sollte auf die Gefahr hin, von
Mnnern, deren Achtung ihm teuer war, verkannt zu werden, diese
Fahnen verlassen, gerade in einem Augenblick, wo man der Entscheidung
entgegenging, Von Tag zu Tag, so lange es ihm nur mglich war,
verschob er diese Erklrung, wo sollte er Grnde, wo Worte hernehmen,
vor dem alten, tapferen Degen Breitenstein, seinem vterlichen Freund,
seinen Abzug zu rechtfertigen?  Mit welcher Stirn sollte er vor den
edlen Frondsberg treten?  Ach, jene freundlichen Gre, womit er den
Sohn seines tapferen Waffengenossen zu freudigem Kampf aufzumuntern
schien, hatten ihn mit tausend Qualen gefoltert.  An seiner Seite war
sein Vater gefallen, er hatte gehrt, wie der Sterbende den Ruhm
seines Namens und ein leuchtendes Beispiel als einziges Erbe dem
unmndigen Knaben zusandte; dieser Mann war es, der ihm jetzt so
liebevoll die Schranken ffnete, und auch ihm mute er in so
zweideutigem Licht erscheinen.

Er hatte sich unter diesen trben Gedanken langsam dem Tor der Stadt
genhert, als er sich pltzlich am Arm ergriffen fhlte; er sah sich
um, ein Mann, dem Anschein nach ein Bauer, stand vor ihm.

"Was willst Du?", fragte Georg etwas unwillig, in seinen Gedanken
unterbrochen zu werden.

"Es kommt darauf an, ob Ihr auch der Rechte seid", antwortete der
Mann "Sagt einmal, was gehrt zu Licht und Sturm?"

Georg wunderte sich ob der sonderbaren Frage und betrachtete jenen
genauer.  Er war nicht gro, aber krftig; seine Brust war breit,
seine Gestalt gedrungen.  Das Gesicht, von der Sonne braun gefrbt,
wre flach und unbedeutend gewesen, wenn nicht ein eigener Zug von
List und Schlauheit um den Mund und aus den grauen Augen Mut und
Verwegenheit geleuchtet htten.  Sein Haar und Bart war dunkelgelb
und gerollt; er trug einen langen Dolch am ledernen Gurt, in der
einen Hand hielt er eine Axt, in der andern eine runde, niedere Mtze
aus Leder.

Whrend Georg diese flchtigen Bemerkungen machte, wurden auch seine
Zge lauernd beobachtet.

"Ihr habt mich vielleicht nicht recht verstanden, Herr Ritter", fuhr
jener nach kurzem Stillschweigen fort, "was pat zu Licht und Sturm,
da es zwei gute Namen gibt?"

"Feder und Stein!" antwortete der junge Mann, dem es auf einmal klar
wurde, was unter jener Frage zu verstehen sei.  "Was willst Du damit?"

"So seid Ihr Georg von Sturmfeder", sagte jener, "und ich komme von
Marien von--"

"Um Gottes willen, sei still, Freund, und nenne keinen Namen", fiel
Georg ein, "sage schnell, was Du mir bringst."

"Ein Brieflein, Junker!" sprach der Bauer, indem er die breiten,
schwarzen Kniegrtel, womit er seine ledernen Beinkleider umwunden
hatte, auflste und einen Streifen Pergament hervorzog.

Mit hastiger Freude nahm Georg das Pergament; es waren wenige Worte
mit glnzend schwarzer Tinte geschrieben:


"Bedenk' Deinen Eid--Flieh bei Zeit.
Gott Dein Geleit.--Marie Dein in Ewigkeit."


Es liegt ein frommer, zarter Sinn in diesen Worten; und wer sich ein
liebendes Herz dazu denkt, wie es mit diesen Zeilen in die Ferne
fliegen mchte, ein Auge voll Zrtlichkeit, umflort von einem
Schleier stiller Trnen, einen holden Mund, der das Blttchen noch
einmal kt, verschmte Wangen, die bei diesem geheimnisvollen Gru
errten, wer dies hinzudenkt, der wird es Georg nicht verargen, da
er einige Augenblicke wie trunken war.  Ein freudiger, glnzender
Blick, nach den fernen blauen Bergen hin, dankte der Geliebten fr
ihren trstenden Spruch; und wahrlich, er war auch zu keiner anderen
Zeit ntiger gewesen als gerade jetzt, um den gesunkenen Mut des
jungen Mannes zu erheben.  Wute er doch, da ein Wesen, das teuerste,
das fr ihn auf der Erde lebte, ihn nicht verkannte.  Der Schlu
jener Zeilen erhob sein Herz zur alten Freudigkeit, er bot dem guten
Boten die Hand, dankte ihm herzlich und fragte, wie er zu diesen
Zeilen gekommen sei.

"Dacht' ich's doch", antwortete dieser, "da das Blttchen keinen
bsen Zauberspruch enthalten msse; denn das Frulein lchelte so gar
freundlich, als sie es mir in die rauhe Hand drckte.  Es war
vergangenen Mittwoch, als ich nach Blaubeuren kam, wo unser
Kriegsvolk stand.  Es ist dort in der Klosterkirche ein prchtiger
Hochaltar, worauf die Geschichte meines Patrons, des Tufers Johannes,
vorgestellt ist.  Vor sieben Jahren, als ich in groer Not und einem
schmhlichen Ende nahe war, gelobte ich alle Jahre um diese Zeit eine
Wallfahrt dahin.  So hielt ich es alle Jahre seit der Zeit, da mich
der Heilige durch ein Wunder von Henkers Hand errettet hat.  Wenn ich
nun mein Gebet verrichtet hatte, ging ich allemal zum Herrn Abt, um
ihm ein Paar schne Gnse oder ein Lamm zu bringen, oder was er sonst
gerade gerne hat.--Aber ich langweile Euch mit meinem Geschwtz,
Junker?"

"Nein, nein, erzhle nur weiter", antwortete Georg, "komm, setze Dich
zu mir auf jene Bank."

"Das wrde sich schn schicken!" entgegnete der Bote, "wenn ein Bauer
an des Junkers Seite sitzen wollte, den der Oberfeldhauptmann vor
aller Augen so oft gegrt hat; erlaubt mir, da ich mich vor Euch
hinstelle."

Georg lie sich auf einen Steinsitz am Weg nieder, der Bauer aber
fuhr, auf seine Axt gesttzt, in seiner Erzhlung fort: "Ich hatte
diesmal bei den unruhigen Zeiten wenig Lust zur Wallfahrt, aber
'gebrochener Eid tut Gott leid', heit es, und so mute ich mein
Gelbde vollbringen.  Wie ich vom Gebet aufstand, um dem Abt zu
bringen, was recht ist, sagte mir einer der Pfaffen, da ich diesmal
nicht zu Seiner Ehrwrden knne, weil viele Herren und Ritter dort zu
Besuch seien.  Ich bestand aber doch darauf, denn der Abt ist ein
leutseliger Herr und htte mir's nicht verziehen, wenn ich ihn nicht
heimgesucht htte.  Wenn Ihr je ins Kloster hinauskommt, so verget
nicht nach der Treppe zu schauen, die vom Hochaltar zum Dorment fhrt.
Sie geht durch die dicke Mauer, welche die Kirche ans Kloster
schliet, und ist lang und schmal.  Dort war es, wo mir das Frulein
begegnet ist.  Es kommt mir nmlich ein feines Weibsbild im Schleier
mit Brevier und Rosenkranz die Treppe herab entgegen, ich drcke mich
an die Wand, um sie vorbeizulassen, sie aber bleibt stehen und
spricht: 'Ei, Hans, woher des Wegs?'"

"Woher kennt Euch denn das Frulein?" unterbrach ihn Georg, "Meine
Schwester ist ihre Amme, und--"

"Wie, die alte Rose ist Eure Schwester?" rief der junge Mann "Habt
Ihr sie auch gekannt?" fragte der Bote.  "Ei, seh doch einer!  Aber
da ich weiter sage: Ich hatte meine groe Freude, sie wiederzusehen,
denn ich besuchte meine Schwester hufig in Lichtenstein und habe das
Frulein gekannt, als man sie noch in ihres Vaters Schwertkuppel
gehen lehrte.  Aber ich htte sie kaum wieder erkannt, so gro war
sie geworden, und die roten Wangen sind auch weg wie der Schnee am
ersten Mai.  Ich wei nicht, wie es ging, aber mich dauerte ihr
Anblick in der Seele, und ich mute fragen, was ihr fehle und ob ich
ihr nicht etwas helfen knne?  Sie besann sich dann eine Weile und
sagte dann: 'Ja, wenn Du verschwiegen wrest, Hans, knntest Du mir
wohl einen groen Dienst leisten!' Ich sagte zu, und sie bestellte
mich nach der Vesper."

"Aber wie kommt sie nur in das Kloster?" fragte Georg, "Sonst darf ja
doch kein Weiberschuh ber die Schwelle."

"Der Abt ist mit ihrem Vater befreundet, und da so viel Volk in
Blaubeuren liegt, so ist sie dort besser aufgehoben, als im Stdtchen,
wo es toll genug zugeht.  Nach der Vesper, als alles still war, kam
sie ganz leise in den Kreuzgang.  Ich sprach ihr Mut zu, wie es eben
unsereins versteht, da gab sie mir dies Blttchen und bat mich, Euch
aufzusuchen."

"Ich danke Dir herzlich, guter Hans", sagte der Jngling.  "Aber hat
sie Dir sonst nichts an mich aufgetragen?"

"Ja", antwortete der Bote, "mndlich hat sie mir noch etwas
aufgetragen; Ihr sollt Euch hten, man habe etwas mit Euch vor."

"Mit mir?" rief Georg.  "Das hast Du nicht recht gehrt, wer und was
soll man mit mir vorhaben?"

"Da fragt Ihr mich zu viel", entgegnete jener, "aber wenn ich es
sagen darf, so glaube ich, die Bndischen.  Das Frulein setzte noch
hinzu, ihr Vater habe davon gesprochen, und hat nicht der Frondsberg
Euch heute zugewinkt und Euch geehrt wie des Kaisers Sohn, da sich
jedermann darob verwunderte?  Glaubt nur, es hat allemal etwas zu
bedeuten, wenn solch ein Herr so freundlich ist."

Georg war berrascht von der richtigen Bemerkung des schlichten
Bauern, er entsann sich auch, da Mariens Vater tief in die
Geheimnisse der Bundesobersten eingedrungen sei und vielleicht etwas
erfahren habe, was sich zunchst auf ihn beziehe.  Aber er mochte
sinnen, wie er wollte, so konnte er doch nichts finden, was zu dieser
geheimnisvollen Warnung Mariens gepat htte.  Mit Mhe ri er sich
aus diesem Gewebe von Vermutungen, indem er den Boten fragte, wie er
ihn so schnell gefunden habe?

"Dies wre ohne Frondsberg so bald nicht geschehen", antwortete er,
"ich sollte Euch bei Herrn Dietrich von Kraft aufsuchen.  Wie ich
aber die Strae hereinging, da sah man viel Volk auf den Wiesen.  Ich
dachte, eine halbe Stunde mache nichts aus, und stellte mich auch hin,
um das Fuvolk zu betrachten.  Wahrlich, der Frondsberg hat es weit
gebracht.--Nun, da war mir's, als hrte ich nahe bei mir Euren Namen
nennen, ich sah mich um, es waren drei alte Mnner, die sprachen von
Euch und deuteten auf Euch hin; ich aber merkte mir Eure Gestalt und
folgte Euren Schritten, und weil ich meiner Sache doch nicht ganz
gewi war, so gab ich Euch das Rtsel von Sturm und Licht auf."

"Das hast Du klug gemacht", sagte Georg lchelnd, "aber komm in mein
Haus, da man Dir etwas zu essen reiche; wann kehrst Du wieder heim?"

Hans bedachte sich eine Weile, endlich aber sagte er, indem ein
schlaues Lcheln um seinen Mund zog: "Nichts fr ungut, Junker; aber
ich habe dem Frulein versprechen mssen, nicht eher von Euch zu
weichen, als bis Ihr dem bndischen Heer Valet gesagt habt."

"Und dann?" fragte Georg.

"Und dann gehe ich stracks nach Lichtenstein und bringe ihr die gute
Nachricht von Euch; wie wird sie sich sehnen!  Alle Tage steht sie
wohl im Grtchen auf dem Felsen und sieht ins Tal hinab, ob der alte
Hans noch nicht komme!"

"Die Freude soll ihr bald werden", antwortete Georg, "vielleicht
schon morgen, und dann schreibe ich vorher noch ein Briefchen."

"Aber greift es doch klug an", sagte der Bote, "das Pergament darf
nicht breiter sein, als jenes, das ich brachte.  Denn ich mu es
wieder im Kniegrtel verstecken.  Man wei nicht, was einem in so
unruhiger Zeit begegnen kann, und dort sucht es niemand."

"Es sei so", antwortete Georg, indem er aufstand.  "Fr jetzt lebe
wohl, um Mittag komme zu Herrn von Kraft, nicht weit vom Mnster.
Gib Dich fr meinen Landsmann aus Franken aus, denn die Ulmer sind
den Wrttembergern nicht ganz grn."

"Sorgt nicht, Ihr sollt zufrieden sein", rief Hans dem Scheidenden zu.
Er sah dem schlanken Jngling nach und gestand sich, da das holde
Pflegekind seiner Schwester keine ble Wahl getroffen habe, wenn auch
die rosigen Wangen des Kindes bei der ersten Liebe der Jungfrau etwas
von ihren blhenden Farben verloren hatten.




Kapitel 9


Georg war anfangs bange, wie sich sein neuer Bekannter in dem
Kraftschen Haus benehmen werde.  Er frchtete nicht ohne Grund, jener
mchte sich durch seine Mundart, durch unbedachte uerungen verraten,
was ihm hchst unangenehm gewesen wre; denn je fester er bei sich
beschlossen hatte, das Bundesheer in den nchsten Tagen zu verlassen,
um so weniger wollte er in den Verdacht geraten, in Verbindung mit
Wrttemberg zu stehen.  Konnte und durfte er ja doch im schlimmsten
Fall, wenn der Bote entdeckt wurde, wenn er bekannte, an ihn
geschickt worden zu sein, die Geliebte nicht verraten.  Er wollte
umkehren und den Mann aufsuchen, ihn bitten; sich so bald als mglich
zu entfernen, aber als er bedachte, da dieser schon lngst von dem
Platz ihrer Unterredung sich entfernt haben msse, da er indes zu
Kraft kommen knne, schien es ihm geratener, dahin vorauszueilen; um
jenem dort die ntigen Winke zu geben und ihn vor Unvorsichtigkeit zu
warnen.

Und doch, wenn er sich das khne Auge, die kluge, verschlagene Miene
des Mannes ins Gedchtnis rief, glaubte er hoffen zu drfen; da
Marie, obgleich ihr keine groe Wahl brigblieb, keinem unsicheren
Mann diese Botschaft anvertraut habe.

Und wirklich traute er seinen Augen, seinen Ohren kaum, als ihm um
Mittag ein Landsmann aus Franken gemeldet und sein Liebesbote
hereingefhrt wurde.  Welche Gewalt mute dieser Mensch ber sich
haben!  Es war derselbe, und doch schien er ein ganz anderer.  Erging
gebckt, die Arme hingen schlaff am Krper herab, selten schlug er
die Augen auf, sein Gesicht hatte einen Ausdruck von Bldigkeit, der
Georg ein unwillkrliches Lcheln abntigte.  Und als er dann zu
sprechen anfing, als er ihn in frnkischer Mundart begrte, und mit
der gelufigen Zunge eines geborenen Franken dem Herrn von Kraft auf
seine mancherlei Fragen antwortete, da kam er in Versuchung, an
bernatrliche Dinge zu glauben, die Mrchen seiner Kindheit stiegen
in seinem Gedchtnis auf, wo ein freundlicher Zauberer oder eine
huldreiche Fee in allerlei Gestalten dem Dienst zweier Liebenden sich
widmet und sie glcklich mitten durch das feindselige Schicksal
hindurchfhrt.

Der Zauber war zwar bald gelst, als er mit dem Boten auf seinem
Zimmer allein war und ihn der gute Schwabe von seiner Persnlichkeit
versicherte; aber doch konnte er ihm seine Verwunderung nicht
versagen ber die Rolle, die er so gut gespielt.

"Glaubt deshalb nicht minder an meine Ehrlichkeit", antwortete der
Bauer, "man wird oft gentigt, von Jugend auf durch solche Knste
sich fortzuhelfen; sie schaden keinem und tun doch dem gut, der sie
kann."

Georg versicherte, ihm nicht minder zu trauen als vorher, der Bote
aber bat dringend, er mchte doch jetzt auch an seine Abreise denken,
er mchte bedenken, wie sehr sich das Frulein nach dieser Nachricht
sehne, da er nicht frher heimkehren drfe, als bis er diese
Gewiheit bringen knne.

Georg antwortete ihm, da er nur noch den Abmarsch des Bundesheeres
abwarten wolle, um in seine Heimat zurckzukehren

"Oh, da braucht Ihr nicht mehr lange zu warten", antwortete der Bote,
"wenn sie morgen nicht aufbrechen, so ist es bermorgen, denn das
Land ist offen bis ins Herz hinein.  Ich darf Euch trauen, Junker,
darum sag' ich Euch dies."

"Ist es denn wahr, da die Schweizer abgezogen sind?" fragte Georg,
"und da der Herzog keine Feldschlacht mehr liefern kann?"

Der Bote warf einen lauernden Blick im Zimmer umher, ffnete behutsam
die Tr, und als er sah, da kein Lauscher in der Nhe sei, begann er:

"Herr!  Ich war bei einem Auftritt, den ich nie vergesse und wenn ich
neunzig Jahre alt werde!  Schon unterwegs waren mir auf der Alb groe
Scharen der heimziehenden Schweizer begegnet: Ihre Rte und
Landammnner hatten sie heimgerufen; bei Blaubeuren standen aber noch
ber achttausend Mann; jedoch lauter gute Wrttemberger und nichts
anderes darunter."

"Und der Herzog", unterbrach ihn Georg, "wo war denn dieser?"

"Der Herzog hatte in Kirchheim zum letzten Mal mit den Schweizern
unterhandelt, aber sie zogen ab, weil er sie nicht bezahlen konnte.
Da kam er gen Blaubeuren; wo sich sein Landvolk gelagert hatte.
Gestern morgen wurde durch Trommelschlag bekanntgemacht, da sich bis
neun Uhr alles Volk auf den Klosterwiesen einstellen solle.  Es waren
viele Mnner, die dort versammelt waren, aber jeder dachte ein und
dasselbe.  Seht Junker, der Herzog Ulrich ist ein gestrenger Herr und
wei den Bauer nicht fr sich zu gewinnen.  Die Steuern sind hart,
der Jagdfrevel ist scharf und grausam, am Hof aber wird verprat, was
man uns genommen hat.  Aber wenn ein solcher Herr im Unglck ist, da
ist es gleich ein anderes Ding.  Jetzt fiel uns allen nur ein, da er
ein tapferer Mann und unser unglcklicher Herzog sei, dem man das
Land mit Gewalt entreien wolle.  Es ging ein Gemurmel unter uns, der
Herzog wolle eine Schlacht liefern, und jeder drckte das Schwert
fester in der Hand, grimmig schttelten sie ihre Speere und riefen
den Bndlern Verwnschungen zu.  Da kam der Herzog--"

"Du sahst den Herzog, Du kennst ihn?" rief Georg neugierig.  "Oh
sprich, wie sieht er aus?"

"Ob ich ihn kenne?" sagte der Bote mit sonderbarem Lcheln.
"Wahrhaftig, ich sah ihn, als es ihm nicht wohl war, mich zu sehen
Der Herr ist noch ein junger Mann, wenn es viel ist, ist er
zweiunddreiig Jahre.  Er ist stattlich und krftig, und man sieht
ihm an, da er die Waffen zu fhren wei.  Augen hat er wie Feuer,
und es lebt keiner, der ihm lange hineinschaute.--Der Herzog trat in
den Kreis, den das bewaffnete Volk geschlossen hatte, und es war
Totenstille unter den vielen Menschen.  Mit vernehmlicher Stimme
sprach er, da er sich, also verlassen; nimmer zu helfen wte.
Diejenigen, worauf er gehofft, seien ihm benommen, seinen Feinden sei
er ein Spott; denn ohne die Schweizer knne er keine Schlacht wagen.
Da trat ein alter, eisgrauer Mann hervor, der sprach: 'Herr Herzog!
Habt Ihr unsern Arm schon versucht, da Ihr die Hoffnung aufgebt?
Schaut, diese alle wollen fr Euch bluten; ich habe Euch auch meine
vier Buben mitgebracht, hat jeder einen Spie und ein Messer, und so
sind hier viele tausend; seid Ihr des Landes so mde, da Ihr uns
verschmht?' Da brach dem Ulrich das Herz; er wischte sich Trnen aus
dem Auge und bot dem Alten seine Hand.  'Ich zweifle nicht an Eurem
Mut', sprach er mit lauter Stimme, 'aber wir sind unserer zu wenig,
so da wir nur sterben knnen, aber nicht siegen.  Geht nach Haus,
Ihr guten Leute, und bleibt mir treu.  Ich mu mein Land verlassen
und im bittern Elend sein.  Aber mit Gottes Hilfe hoffe ich auch
wieder hereinzukommen.' So sprach der Herzog, unsere Leute aber
weinten und knirschten mit den Zhnen und zogen in Trauer und Unmut
ab."

"Und der Herzog?" fragte Georg.

"Von Blaubeuren ist er weggeritten, wohin wei man nicht.  In den
Schlssern aber liegt die Ritterschaft, sie zu verteidigen; bis der
Herzog vielleicht andere Hilfe bekommt."

Der alte Johann unterbrach hier den Boten und meldete, da der Junker
auf zwei Uhr in den Kriegsrat beschieden sei, der in Frondsbergs
Quartier gehalten werde; Georg war nicht wenig erstaunt ber diese
Nachricht; was konnte man von ihm im Kriegsrat wollen?  Sollte
Frondsberg schon ein Mittel gefunden haben; ihn zu empfehlen?

"Nehmt Euch in acht, Junker", sprach der Bote, als der alte Johann
das Gemach verlassen hatte, "und bedenkt das Versprechen, das Ihr dem
Frulein gegeben; vor allem erinnert Euch, was sie Euch sagen lie:
Ihr sollt Euch hten, weil man etwas mit Euch vorhabe.  Mir aber
erlaubt, als Euer Diener in diesem Haus zu bleiben; ich kann Euer
Pferd besorgen und bin zu jedem Dienst erbtig."

Georg nahm das Anerbieten des treuen Mannes mit Dank an; und Hans
trat auch sogleich in seinen Dienst, denn er band seinem jungen Herrn
das Schwert um und setzte ihm das Barett zurecht.  Er bat ihn noch
unter der Tr, seines Schwures und jener Warnung eingedenk zu sein.

Dem unbegreiflichen Ruf in den Kriegsrat und der sonderbar
zutreffenden Warnung Mariens nachsinnend, ging Georg dem bezeichneten
Haus zu; man wies ihn dort eine breite Wendeltreppe hinan, wo er im
ersten Zimmer rechts die Kriegsobersten versammelt finden sollte.
Aber der Eingang in dieses Heiligtum wurde ihm nicht so bald
verstattet; ein alter brtiger Kriegsmann fragte, als er die Tr
ffnen wollte, nach seinem Begehr und gab ihm den schlechten Trost,
es knne hchstens noch eine halbe Stunde dauern, bis er vorgelassen
werde; zugleich ergriff er die Hand des jungen Mannes und fhrte ihn
einen schmalen Gang hindurch, nach einem kleinen Gemach, wo er sich
einstweilen gedulden sollte.

Wer je in besorgter Erwartung einsam und allein auf der Marterbank
eines Vorzimmers sa, der kennt die Qual die Georg in jener Stunde
auszustehen hatte.  Da geht endlich eine Tr, gewichtige Schritte
kommen den Gang herauf, die Klinke der Tr bewegt sich nach langer
Zeit wieder.

"Georg von Frondsberg lt Euch seinen Gru vermelden", sprach der
alte Kriegsmann, der nach so langer Zeit wieder zu Georg kam, "es
knne vielleicht noch eine Weile dauern, doch sei dies ungewi, darum
sollt Ihr hierbleiben.  Er schickt Euch hier einen Krug Wein zum
Vespern."

Der Diener setzte den Wein auf den breiten Fenstersims des Zimmers,
denn ein Tisch war nicht vorhanden und verlie das Gemach.

Georg sah ihm staunend nach; er htte dies nicht fr mglich gehalten;
ber eine Stunde war schon vergangen, und noch nicht?  Er griff zu
dem Wein; er war nicht bel, aber wie konnte ihm in seiner traurigen
Einsamkeit das Glas munden?

Kein Wunder daher, da Georg, als er nach zwei tdlich langen Stunden
in den Kriegsrat abgeholt wurde, nicht in der besten Laune war.  Er
folgte schweigend dem ergrauten Fhrer, der ihn hierher geleitet
hatte, den langen Gang hin

An der Tr wandte sich jener um und sagte freundlich: "Verschmht den
Rat eines alten Mannes nicht, Junker, und legt die trotzige, finstere
Miene ab; es tut nicht gut bei den strengen Herren da drinnen."

Georg war in dem Augenblick zuwenig Herr ber sich, als da er den
wohlgemeinten Rat htte befolgen knnen; er dankte ihm durch einen
Hndedruck, ergriff dann rasch die gewaltige eiserne Trklinke, und
die schwere eichene Zimmertr drehte sich chzend auf.

Um einen groen, schwerflligen Tisch saen acht ltliche Mnner, die
den Kriegsrat des Bundes bildeten.  Einige davon kannte Georg.  Jrg
Truchse, Freiherr von Waldburg, nahm als Oberster Feldleutnant den
obersten Platz am Tisch ein, zu beiden Seiten von ihm saen
Frondsberg und Franz von Sickingen, von den brigen kannte er keinen
auer den alten Ludwig von Hutten; aber die Chronik hat uns ihre
Namen treulich aufbewahrt; es saen dort noch Christoph Graf zu
Ortenberg, Alban von Closen; Christoph von Frauenberg und Diepolt von
Stein, bejahrte, im Heer angesehene Mnner.

Georg war an der Tr stehengeblieben, Frondsberg aber winkte ihm
freundlich, nher zu kommen.  Er trat bis an den Tisch und
berschaute nun mit dem freien khnen Blick, der ihm so eigen war,
die Versammlung.  Aber auch er wurde von den Versammelten beobachtet,
und es schien, als fnden sie Gefallen an dem schnen,
hochgewachsenen Jngling, denn mancher Blick ruhte mit Wohlwollen auf
ihm, einige nickten ihm sogar freundlich zu.

Der Truchse von Waldburg hob endlich an "Georg von Sturmfeder, wir
haben uns sagen lassen, Ihr seid auf der Hochschule in Tbingen
gewesen, ist dem so?"

"Ja, Herr Ritter", antwortete Georg.

"Seid Ihr in der Gegend von Tbingen genau bekannt?" fuhr jener fort.

Georg errtete bei dieser Frage; er dachte an die Geliebte, die ja
nur wenige Stunden von jener Stadt entfernt auf ihrem Lichtenstein
war; doch fate er sich bald und sagte: "Ich kam zwar nicht viel auf
die Jagd, auch habe ich sonst die Gegend wenig durchstreift, doch ist
sie mir im allgemeinen bekannt."

"Wir haben beschlossen", fuhr Truchse fort, "einen sicheren Mann in
jene Gegend zu schicken, auszukundschaften, was der Herzog von
Wrttemberg bei unserem Anzug tun wird.  Es soll auch ber die
Befestigung des Schlosses Tbingen, ber die Stimmung des Landvolkes
in jener Gegend genaue Nachricht eingezogen werden; ein solcher Mann
kann dem Wrttemberger durch Klugheit und List mehr Abbruch tun als
hundert Reiter, und wir haben--Euch dazu ausersehen."

"Mich?" rief Georg voll Schrecken.

"Euch, Georg von Sturmfeder; zwar gehrt bung und Erfahrung zu einem
solchen Geschft, aber was Euch daran abgeht, mge Euer Kopf ersetzen."

Man sah dem Jngling an, da er einen heftigen Kampf mit sich kmpfte.
Sein Gesicht war bleich, sein Auge starr, seine Lippen fest
zusammengepret.  Die Warnung Mariens war ihm jetzt auf einmal klar;
aber wie fest er auch bei sich beschlo, den Antrag auszuschlagen,
wie erwnscht beinahe diese Gelegenheit erschien; um dem Bund zu
entsagen; so kam ihm die Entscheidung doch zu berraschend, er
scheute sich, vor den berhmten Mnnern seinen Entschlu
auszusprechen.

Der Truchse rckte ungeduldig auf seinem Stuhl hin und her, als der
junge Mann so lange mit seiner Antwort zgerte: "Nun?  Wird's bald?
Warum besinnt Ihr Euch so lange?" rief er ihm zu.

"Verschont mich mit diesem Auftrag", sagte Georg nicht ohne Zagen,
"ich kann, ich darf nicht."

Die alten Mnner sahen sich erstaunt an, als trauten sie ihren Ohren
nicht.  "Ihr drft nicht, Ihr knnt nicht?" wiederholte Truchse
langsam, und eine dunkle Rte, der Vorbote seines aufsteigenden
Zornes, lagerte sich auf seiner Stirn und um seine Augen.

Georg sah, da er sich in seinen Ausdrcken bereilt habe; er
sammelte sich und sprach mit freierem Mut: "Ich habe Euch meine
Dienste angeboten, um ehrlich zu fechten; nicht aber um mich in
Feindesland zu schleichen und hinterrcks nach seinen Gedanken zu
sphen.  Es ist wahr, ich bin jung und unerfahren, aber so viel wei
ich doch, um mir von meinen Schritten Rechenschaft geben zu knnen;
und wer von Euch der Vater eines Sohnes ist, mchte ihm zu seiner
ersten Waffentat raten, den Kundschafter zu machen?"

Der Truchse zog die dunklen, buschigen Augenbrauen zusammen und
scho einen durchdringenden Blick auf den Jngling, der so khn war,
anderer Meinung zu sein als er.  "Was fllt Euch ein, Junker!" rief
er.  "Eure Reden helfen Euch jetzt nichts, es handelt sich nicht
darum, ob es sich mit Eurem kindischen Gewissen vertrgt, was wir
Euch auftragen; es handelt sich um Gehorsam, wir wollen es, und Ihr
mt!"

"Und ich will nicht!" entgegnete ihm Georg mit fester Stimme.  Er
fhlte, da mit dem Zorn ber Waldburgs beleidigenden Ton sein Mut
von Minute zu Minute wuchs, er wnschte sogar, der Truchse mchte
noch weiter in seinen Reden fortfahren, denn jetzt glaubte er sich
jeder Entscheidung gewachsen.

"Ja freilich, freilich!" lachte Waldburg in bitterem Grimm.  "Das
Ding hat Gefahr, so allein im Feindesland herumzureiten Ha!  Ha!  Da
kommen die Junker von Habenichts und Binnichts und bieten mit groen
Worten und erhabenen Gesichtern ihren Kopf und ihren tapferen Arm an,
und wenn es drauf und dran kommt, wenn man etwas von ihnen haben will,
so fehlt es an Herz.  Doch Art lt nicht von Art, der Apfel fllt
nicht weit vom Stamm--und wo nichts ist, da hat der Kaiser das Recht
verloren."

"Wenn dies eine Beleidigung fr meinen Vater sein soll", antwortete
Georg erbittert, "so sitzen hier Mnner, die ihm bezeugen knnen, da
er in ihrem Gedchtnis als ein Tapferer lebt.  Ihr mt viel getan
haben in der Welt, da Ihr Euch herausnehmt, auf andere so tief
herabzusehen!"

"Soll ein solcher Milchbart mir vorschreiben, was ich reden soll?"
unterbrach ihn Waldburg.  "Was braucht es da das lange Schwatzen?
Ich will wissen, Junkerlein, ob Ihr morgen Euer Pferd satteln und
Euch nach unseren Befehlen richten wollt oder nicht!"

"Herr Truchse", antwortete Georg mit mehr Ruhe, als er sich selbst
zugetraut hatte, "Ihr habt durch Eure scharfen Reden nichts gezeigt,
auer da Ihr kaum wit, wie man mit einem Edelmann, der dem Bund
seine Dienste anbot, wie man mit dem Sohn eines tapferen Vaters
sprechen msse.  Ihr habt aber als Oberster dieses Rates im Namen des
Bundes zu mir gesprochen und mich so tief beleidigt, als ob ich Euer
rgster Feind wre, darum kann ich nichts tun als, wie Ihr selbst
befehlt, mein Ro satteln, aber gewi nicht zu Eurem Dienst.  Es ist
mir nicht lnger Ehre, diesen Fahnen zu folgen nein, ich sage mich
los und ledig von Euch fr immer; gehabt Euch wohl!"

Der junge Mann hatte mit Nachdruck und Festigkeit gesprochen und
wandte sich zu gehen.

"Georg", rief Frondsberg, indem er aufsprang, "Sohn meines Freundes!"

"Nicht so rasch, Junker", riefen die brigen und warfen mibilligende
Blicke auf Waldburg; aber Georg war, ohne sich umzusehen, aus dem
Gemach geschritten, die eiserne Klinke schlug klirrend ins Schlo und
die gewaltigen Flgel der eichenen Pforte lagerten sich zwischen ihn
und den wohlmeinenden Nachruf der besser gesinnten Mnner; sie
schieden Georg von Sturmfeder auf ewig vom schwbischen Bund.




Kapitel 10


Georg fhlte sich leichter, als er auf seinem Zimmer ber das
Vorgefallene nachdachte.  Jetzt war ja entschieden, was zu
entscheiden er so lange gezgert hatte, entschieden auf eine Weise,
wie er sie besser nicht htte wnschen knnen.  So hatte er jetzt
einen guten Grund, das Heer sogleich zu verlassen, und der
Oberst-Feldleutnant mute die Schuld sich selbst beimessen.

Wie schnell hatte sich doch alles in den vier Tagen gewendet; wie
verschieden waren die Gesinnungen, mit denen er in diese Stadt einzog,
von denen, die ihn aus ihren Mauern hinaustrieben!  Damals, als der
Donner der Geschtze, der feierliche Klang aller Glocken, die
lockenden Tne der Trompeten ihn begrten, wie schlug da sein Herz
dem Kampf entgegen, um Marien zu verdienen!  Und als er das erste Mal
vor jenen Frondsberg gefhrt wurde, wie erhebend war der Gedanke,
unter den Augen dieses Mannes zu streiten, aus seinem Mund sich Ruhm
zu erwerben!--Und wie erkaltete bald darauf sein Eifer, als der Bund
in seinen Augen jenen Glanz verlor, mit welchem ihn seine jugendliche
Phantasie umgeben hatte; wie schmte er sich, sein Schwert fr die zu
ziehen, die, nur von Eigennutz und Habgier getrieben, das schne Land
sich zur Beute ausersehen hatten!  Wie schrecklich war ihm der
Gedanke, Marie und die Ihrigen auf der feindlichen Seite zu wissen,
treu ergeben dem unglcklichen Frsten, den auch er aus seinen
Grenzen zu jagen helfen sollte?  Um eine solche Sache sollte er jenes
teure Herz brechen, das unter jedem Wechsel treu fr ihn schlug?
"Nein!  Du hast es wohl mit mir gemeint", sprach er, indem sein Auge
dem Strahl der Abendsonne, der durch die runden Scheiben hereinfiel,
hinauf zu dem blauen Himmel folgte, "Du hast es wohl mit mir gemeint;
was jedem anderen, der heute an meiner Stelle stand, zum Verderben
gewesen wre, hast Du fr mich zum Heil gelenkt!" Jene Heiterkeit,
die, seit er wute, wie furchtbar sich das Geschick zwischen ihn und
die Geliebte stellte, einem trben Ernst gewichen war, kehrte wieder
auf seine Stirn, um seinen Mund zurck; er sang sich ein frohes Lied,
wie in seinen frohesten Augenblicken.

Erstaunt betrachtete ihn der eintretende Herr von Kraft.  "Nun, das
ist doch sonderbar", sagte er, "ich eile nach Haus, um meinen Gast in
seinem gerechten Schmerz zu trsten und finde ihn so frhlich wie nie;
wie reime ich das zusammen?"

"Habt Ihr noch nie gehrt, Herr Dietrich", entgegnete Georg, der es
fr geratener hielt, seine Frhlichkeit zu verbergen, "habt Ihr nie
gehrt, da man auch aus Zorn lachen und singen kann?"

"Gehrt hab' ich es schon, aber gesehen nie bis zu diesem Augenblick",
antwortete Kraft.

"Nun, und Ihr habt also auch schon von der verdrielichen Geschichte
gehrt?" fragte Georg.  "Man erzhlt es sich gewi schon auf allen
Straen?"

"Oh nein", antwortete der Ratsschreiber, "man wei nirgends etwas
davon, man htte ja zugleich Eure geheime Sendung nach Wrttemberg
damit ausposaunen mssen.  Nein!  Ich habe, Gott sei Dank, so meine
eigenen Quellen und erfahre manches noch in der Stunde, wo es getan
oder gesprochen wurde.  Aber nehmt mir's nicht bel, Ihr habt da
einen dummen Streich gemacht!"

"So", antwortete Georg lchelnd, "und warum denn?"

"Bot sich Euch nicht die schnste Gelegenheit, Euch auszuzeichnen?
Wem wren die Bundesobersten mehr Dank schuldig als--"

"Sagt es nur heraus", unterbrach ihn Georg "als dem Kundschafter in
des Feindes Rcken.  Es ist nur schade, da mein Vater und die Ehre
meines Namens mich vor und nicht hinter den Feind bestimmt haben, es
sei denn, da er vor mir fliehe."

"Dies sind Bedenklichkeiten, die ich nicht bei Euch gesucht htte.
Wahrlich, wenn ich so bekannt in jener Gegend wre wie Ihr, man htte
es mir nicht zweimal sagen drfen."

"Ihr habt hierzulande vielleicht andere Grundstze ber diesen Punkt"
sagte Georg nicht ohne Spott, "als wir in unserem Franken, das htte
Truchse von Waldburg bedenken und einen Ulmer schicken sollen."

"Ihr bringt mich da eben noch recht auf etwas anderes.  Der
Oberfeldleutnant!  Wie habt ihr ihn Euch so zum Feind machen mgen,
denn da dieser Euch das Geschehene in seinem Leben nicht verzeiht,
drft Ihr gewi sein."

"Das ist mein geringster Kummer", antwortete Georg "aber eines tut
mir weh, da ich den bermtigen, der schon meinem Vater Bses getan,
wo er konnte, nicht vor meine Klinge stellen und ihm zeigen kann, da
der Arm nicht so ganz zu verachten ist, den er heute von sich
gestoen hat."

"Um Gottes willen", fiel Kraft ein, "sprecht nicht so laut, er knnte
es hren.  berhaupt mt Ihr Euch sehr zusammennehmen, wenn Ihr
ferner im Heer unter ihm dienen wollt."

"Ich will den Herrn Truchse von meinem verhaten Anblick bald
befreien.  So Gott will, habe ich die Sonne zum letzten Mal in Ulm
untergehen sehen."

"So wre es wahr", fragte Herr von Kraft mit Staunen, "was man noch
dazu setzte und was ich nicht glauben konnte: Georg von Sturmfeder
wolle wegen dieser Kleinigkeit unsere gute Sache verlassen?"

"Verletzung der Ehre ist nirgends eine Kleinigkeit", antwortete Georg
ernst, "am wenigsten bei einem Stand wie dem unsrigen.  Was aber Eure
gute Sache betrifft, so habe ich nachgerade eingesehen, da ich weder
fr eine gute Sache noch fr eine gute Meinung, sondern fr ein paar
groe Herren und fr ein paar Mauern voll Spiebrger mich schlagen
sollte."

Der unangenehme Eindruck, den besonders die letzten Worte auf den
Ratsschreiber machten, entging ihm nicht, er fuhr daher, indem er
seine Hand ergriff und drckte, ruhiger fort: "Nehmt mir meine
scharfen Worte nicht bel, mein freundlicher Wirt, wei Gott, ich
habe Euch nicht damit beleidigen wollen.  Aber aus Eurem eigenen Mund
habe ich die Gesinnungen und Zwecke der verschiedenen Parteien in
diesem Heer erfahren.  Schreibt es Euch selbst zu, wenn ich meinen
eigenen Weg einschlage, da Ihr mir die Binde von den Augen genommen
habt."

"Ihr habt so unrecht gerade nicht, guter Junker.  Es wird bunt
hergehen, wenn die Herren erst das schne Land da drben unter sich
teilen.  Aber da habe ich gedacht, es geht ja in einem hin, Ihr
knntet Euch auch Euer Scherflein dabei verdienen.  Man sagt, Ihr
drft es mir aber nicht belnehmen, Euer Haus sei etwas herabgekommen,
das meinte ich--"

"Nichts davon!" fiel Georg rasch ein, gerhrt von der Gutmtigkeit
seines Gastfreundes.  "Das Haus meiner Vter zerfllt, unsere Tore
hngen auf gebrochenen Angeln, auf der Zugbrcke wchst Moos, und auf
dem hohen Wartturm hausen Eulen.  In fnfzig Jahren steht vielleicht
noch ein Turm oder ein Muerchen und erinnert den Wanderer, da hier
einst ein ritterliches Geschlecht hauste.  Aber wenn auch die
morschen Mauern ber mir zusammenstrzen und den letzten meines
Stammes unter ihren Trmmern begraben, niemand soll von mir sagen:
Ich habe fr ungerechtes Gut das Schwert meines Vaters gezogen."

"Jeder nach seiner Weise", antwortete Dietrich, "es klingt dies alles
recht schn; aber ich fr meinen Teil wrde mir schon etwas gefallen
lassen, um mein Haus anstndig und wohnlich wiederherzustellen.--
Mgt Ihr brigens Euren Entschlu ndern oder nicht, auf jeden Fall
hoffe ich, werdet Ihr es Euch noch einige Tage bei mir gefallen
lassen."

"Ich erkenne Eure Gte", antwortete Georg, "aber Ihr seht, da ich
unter den gegenwrtigen Umstnden nichts mehr in dieser Stadt zu tun
habe.  Ich gedenke mit Anbruch des Morgens zu reiten."

"Nun, und man kann Euch Gre mitgeben?" fragte der Ratsschreiber mit
beraus schlauem Lcheln.  "Ihr reitet doch den nchsten Weg nach
Lichtenstein?"

Der junge Mann errtete bis an die Stirn hinauf.  Es war zwischen ihm
und seinem Gastfreund seit Mariens Abreise dieser Gegenstand noch
nicht zur Sprache gekommen, um so mehr berraschte ihn jetzt die
schlaue Frage seines Gastfreundes.  "Ich sehe", sagte er, "da Ihr
mich noch immer falsch versteht.  Ihr glaubt, ich habe dem Bund nur
deswegen den Rcken zugewandt, um mich an die Feinde anzuschlieen?
Wie mgt Ihr nur so schlimm von mir denken?"

"Ach, geht mir doch!" entgegnete der kluge Ratsschreiber.  "Niemand
anders als mein reizendes Bschen hat Euch von uns abwendig gemacht.
Ihr httet wohl zu allem, was der Bund getan, ein Auge zugedrckt,
wenn der alte Lichtenstein auch mitgemacht htte.  Nun er auf der
anderen Seite steht, glaubt Ihr auch schnell umsatteln zu mssen!"

Georg mochte sich verteidigen, wie er wollte, der Ratsschreiber war
zu fest von seiner eigenen Klugheit berzeugt, als da er sich diese
Meinung htte ausreden lassen.  Er fand diesen Schritt auch ganz
natrlich und sah nichts Bses oder Unehrliches darin.  Mit einem
herzlichen Gru an die Base in Lichtenstein verlie er das Zimmer
seines Gastes.  Doch auf der Schwelle wandte er sich noch einmal um.
"Fast htte ich das Wichtigste vergessen", sagte er, "ich begegnete
Georg von Frondsberg auf der Strae.  Er lt Euch bitten, heute
abend noch zu ihm in sein Haus zu kommen."

Georg hatte sich zwar selbst vorgestellt, da ihn Frondsberg nicht
ohne Abschied werde ziehen lassen, und doch war ihm bange vor dem
Anblick dieses Mannes, der es so gut mit ihm gemeint und dessen
freundliche Plne er so schnell durchkreuzt hatte.  Er schnallte
unter den Gedanken an diesen schweren Gang sein Schwert um und wollte
eben seinen Mantel zurechtlegen, als ein sonderbares Gerusch von der
Treppe her seine Aufmerksamkeit auf sich zog.  Schwere Tritte vieler
Menschen nherten sich seiner Tr, er glaubte Schwerter und
Hellebarden auf dem Estrich seines Vorsaales klirren zu hren.  Er
machte schnell einige Schritte gegen die Tr, um sich von dem Grund
seiner Vermutung zu berzeugen.

Aber noch ehe er die Tr erreicht hatte, ging diese auf.  Das matte
Licht einiger Kerzen lie ihn mehrere bewaffnete Kriegsknechte sehen,
die seine Tr umstellt hatten.  Jener alte Kriegsmann, der ihn heute
vor dem Kriegsrat empfangen hatte, trat aus ihrer Mitte hervor.

"Georg von Sturmfeder!" sprach er zu dem Jngling, der mit Staunen
zurcktrat.  "Ich nehme Euch auf Befehl eines hohen Bundesrates
gefangen."

"Mich?  Gefangen?" rief Georg mit Schrecken "Warum?  Wessen
beschuldigt man mich denn?"

"Das ist nicht meine Sache", antwortete der Alte mrrisch, "doch wird
man Euch vermutlich nicht lange in Ungewiheit lassen.  Jetzt aber
seid so gut und reicht mir Euer Schwert und folgt mir auf das Rathaus."

"Wie?  Euch soll ich mein Schwert geben?" entgegnete der junge Mann
mit dem Zorn beleidigten Stolzes.  "Wer seid Ihr, da Ihr mir meine
Waffen abfordern knnt?  Da mu der Rat ganz andere Leute schicken
als Euch, so viel verstehe ich auch von Eurem Handwerk!"

"Um Gottes willen, gebt doch nach" rief der Ratsschreiber, der sich
bleich und verstrt an seine Seite gedrngt hatte.  "Gebt nach!
Widerstand kann Euch wenig ntzen.  Ihr habt es mit dem Truchse zu
tun", flsterte er heimlicher.  "Das ist ein bser Feind, bringt ihn
nicht noch rger gegen Euch auf."

Der alte Kriegsmann unterbrach die Einflsterungen des Ratsschreibers.
"Es ist wahrscheinlich das erste Mal, Junker", sagte er, "da Ihr
in Haft genommen werdet, deswegen verzeihe ich Euch gerne die
unziemlichen Worte gegen einen Mann, der oft in einem Zelt mit Eurem
Vater schlief.  Euer Schwert mgt Ihr auch immerhin behalten.  Ich
kenne diesen Griff und diese Scheide und habe den Stahl, den sie
verschliet, manchen rhmlichen Kampf ausfechten sehen Es ist lblich,
da Ihr viel darauf haltet und es nicht in jede Hand kommen lassen
mgt.  Aber aufs Rathaus mt Ihr mit, denn es wre tricht, wenn Ihr
der Gewalt Trotz bieten wolltet."

Der Jngling, dem alles wie ein Traum erschien, ergab sich schweigend
in sein Schicksal, er trug dem Ratsschreiber heimlich auf, zu
Frondsberg zu gehen und diesen von seiner Gefangenschaft zu
unterrichten.  Er wickelte sich tiefer in seinen Mantel, um auf der
Strae bei diesem unangenehmen Gang nicht erkannt zu werden, und
folgte dem ergrauten Fhrer und seinen Landsknechten.




Kapitel 11


Der Trupp, den Gefangenen in der Mitte, bewegte sich schweigend dem
Rathaus zu.  Nur eine einzige Fackel leuchtete ihnen voran, und Georg
dankte dem Himmel, da sie nur sparsame Helle verbreitete; denn er
glaubte, alle Menschen, die ihm begegneten, mten es ihm ansehen,
da er ins Gefngnis gefhrt werde.  Nchst diesem beschftigte ihn
unterwegs vorzglich ein Gedanke: Es war das erste Mal in seinem
Leben, da er in ein Gefngnis gefhrt wurde, er dachte daher nicht
ohne Grauen an einen feuchten, unreinlichen Kerker.  Das Burgverlies
in seinem alten Schlo, das er als Knabe einmal besucht hatte, kam
ihm immer vor das Auge.  Er war einige Male im Begriff, seinen Fhrer
darber zu befragen, doch drngte der Gedanke, man mchte es fr
kindische Furcht ansehen, seine Frage immer wieder zurck.

Nicht wenig war er daher berrascht, als man ihn in ein gerumiges,
schnes Zimmer fhrte, das zwar nicht sehr wohnlich aussah, denn es
enthielt nur eine leere Bettstelle und einen ungeheuren Kamin, aber
im Vergleich mit den Bildern seiner Phantasie eher einem Prunkgemach
als einem Gefngnis glich.  Der alte Kriegsmann wnschte dem
Gefangenen gute Nacht und zog sich mit seinen Knechten zurck.  Ein
kleiner hagerer, ltlicher Mann trat ein: Der groe Schlsselbund,
welcher an seiner Seite hing und jeden seiner Schritte wie mit
Kettengerassel bezeichnete, gab ihn als den Ratsdiener oder Schlieer
kund.  Er legte schweigend einige groe Scheiter Holz ins Kamin, und
bald loderte ein behagliches Feuer auf, das dem jungen Mann in der
kalten Mrznacht sehr zustatten kam.  Auf die Bretter der breiten
leeren Bettstelle breitete der Schlieer eine groe, wollene Decke,
und das erste Wort, das Georg aus seinem Mund hrte, war die
freundliche Einladung an den Gefangenen sich's bequem zu machen.  Die
harten Brettchen, nur mit einer dnnen Decke berlegt, mochten nun
freilich nicht sehr einladend aussehen, doch lobte Georg die
Bemhungen des Alten und sein Gefngnis.

"Das ist halt die Ritterhaft", belehrte ihn der Schlieer.  "Die fr
den gemeinen Mann ist unter der Erde und nicht so schn, doch ist sie
dafr desto besuchter."

"Hier war wohl seit langer Zeit niemand?" fragte Georg, indem er das
de Gemach musterte.

"Der letzte war vor sieben Jahren ein Herr von Berger, er ist in
jenem Bett verschieden.  Gott sei seiner armen Seele gndig!  Es
schien ihm aber hier zu gefallen, denn er ist schon in mancher
Mitternacht aus seiner Bahre heraufgestiegen, um sein altes Zimmer zu
besuchen."

"Wie?" sagte Georg lchelnd.  "Hierher soll er sich nach seinem Tod
noch bemht haben?"

Der Schlieer warf einen scheuen Blick in die Ecken des Zimmers, die
von dem unruhigen Flackern des Kaminfeuers kaum erhellt, sich bald
vor-, bald zurckzudrngen schienen.  Er legte das Holz zurecht und
brummte: "Man spricht so mancherlei."

"Und auf jener Decke ist er verschieden?" rief Georg, den bei allem
jugendlichen Mut doch ein unwillkrlicher Schauder berlief.

"Ja, Herr!" flsterte der Schlieer leise, "dort auf jener Decke ist
er abgefahren.  Gott gebe, da es nicht tiefer als ins Fegefeuer ging.
Wir nennen deswegen die Decke nur das Leichentuch, das Zimmer aber
heit des Ritters Totenkammer!" Mit leisen Schritten, als frchte er,
durch jeden Laut den Toten zu erwecken, schlich er aus dem Gemach,
desto vernehmlicher rauschten auen seine Schlssel im Trschlo, als
feierten sie seinen Triumph, einem greulichen Spuk entflohen zu sein.

"Also auf dem Leichentuch in des Ritters Totenkammer?" dachte Georg,
und fhlte, wie sein Herz lauter pochte.

Er war daher unschlssig, ob er sich auf das Leichentuch legen sollte
oder nicht.  Aber er sah keinen Stuhl, keine Bank in der ganzen
Totenkammer; der Boden, mit Backsteinen zierlich ausgelegt, war noch
klter als das kalte feuchte Leichentuch.  Er begann sich dieser
Untersuchungen, dieses Zgerns zu schmen, und bald nahm ihn das
gastliche Lager des Verstorbenen auf.

Auch das hrteste Lager ist weich fr den, der mit gutem Gewissen zur
Ruhe geht.  Georg hatte sein Nachtgebet gesprochen und war bald
entschlummert.  Aber aus dem Leichentuch stiegen wunderliche Trume
auf und lagerten sich bange ber den jungen Mann.  Er sah deutlich
wie der alte Schlieer zu dem groen Schlsselloch hereinguckte und
sich segnete, da er auf der anderen Seite der Tr stehe, denn in der
Totenkammer begann es, recht unheimlich zu werden.  Es fing an,
wunderlich umherzurauschen, auf den Backsteinen schlurften alte
Sohlen in hlichen Tnen.  Georg glaubte zu trumen; er ermannte
sich, er horchte, er horchte wieder, aber es war keine Tuschung.
Schwere Tritte tnten im Gemach.  Jetzt wurde das Feuer heller
angeschrt.  Der ungewisse Schein der Flamme spielte um eine groe,
dunkle Gestalt.  Sie bewegte sich, der Weg vom Kamin zum Bett war gar
nicht weit.  Die Schritte kommen nher, das Leichentuch wird angefat
und geschttelt.  Georg, von unabwendbarer Furcht befallen, drckt
die Augen zu, aber als die Decke gerade neben seinem Haupt gefat
wurde, als eine kalte, schwere Hand sich auf seine Stirn legte, da
ri er sich los aus seiner Angst, er sprang auf und ma mit
ungewissen Blicken jene dunkle Gestalt, die jetzt dicht vor ihm stand.
Hell flackerten die Flammen im Kamin, sie beleuchteten die
wohlbekannten Zge von Frondsberg.

"Ihr seid es, Herr Feldhauptmann?" rief Georg, indem er freier atmete
und seinen Mantel zurechtlegte, um den Ritter nach Wrde zu empfangen.

"Bleibt, bleibt", sagte jener und drckte ihn sanft auf sein Lager
nieder.  "Ich setze mich zu Euch auf das Bett, und wir plaudern noch
ein halbes Stndchen, denn es ist auf allen Glocken erst neun Uhr,
und in Ulm schlft noch niemand als dieser Sprudelkopf, den man zur
Abkhlung heute nacht recht hart gebettet hat." Er fate Georgs Hand
und setzte sich zu seinen Fen auf das Bett.

"Oh wie kann ich diese milde Nachsicht verdienen!" sprach Georg,
"Stehe ich nicht in Euren Augen als ein Undankbarer da, der Euer
Wohlwollen zurckstt, und was Ihr gtig fr ihn ausgesonnen mit
rauher Hand zerreit?"

"Nein mein junger Freund!" antwortete der freundliche Mann.  "Du
stehst vor meinen Augen als der echte Sohn Deines Vaters.  Gerade so
schnell fertig mit Lob und Tadel, mit Entschlu und Rede war er.  Da
er ein Ehrenmann dabei war, wei ich wohl, aber ich wei auch, wie
unglcklich ihn sein schnelles Aufbrausen, sein Trotz, den er fr
Festigkeit ausgab, machten."

"Aber sagt selbst, edler Herr!" entgegnete Georg.  "Konnte ich heute
anders handeln?  Hatte mich nicht der Truchse aufs uerste
gebracht?"

"Du konntest anders handeln, wenn Du die Weise und Art dieses Mannes
beachtetest, welche sich Dir letzthin schon kundgab.  Auch httest Du
denken knnen, da Leute genug da waren, die Dir kein Unrecht
geschehen lieen.  Du aber schttetest das Kind mit dem Bade aus und
liefst weg."

"Das Alter soll klter machen", erwiderte der junge Mann, "aber in
der Jugend hat man heies Blut.  Ich kann alles ertragen, Hrte und
Strenge, wenn sie gerecht sind und meine Ehre nicht krnken.  Aber
kalter Spott, Hohn ber das Unglck meines Hauses kann mich zum
wtenden Wolf machen.  Wie kann ein so hoher Mann nur Freude daran
haben, einen so zu qulen?"

"Auf diese Art uert sich immer sein Zorn", belehrte ihn Frondsberg.
"Je klter und schrfer er aber von auen ist, desto heier kocht in
ihm die Wut.  Er war es, der auf den Gedanken kam, Dich nach Tbingen
zu senden, teils weil er sonst keinen wute, teils auch, um das
Unrecht, das er Dir angetan, wiedergutzumachen.  Denn in seinem Sinn
war diese Sendung hchst ehrenvoll.  Du aber hast ihn durch Deine
Weigerung gekrnkt und vor dem Kriegsrat beschmt."

"Wie?" rief Georg.  "Der Truchse hat mich vorgeschlagen?  So kam
also jene Sendung nicht von Euch?"

"Nein", gab ihm der Feldhauptmann mit geheimnisvollem Lcheln zur
Antwort, "nein.  Ich habe ihm sogar mit aller Mhe abgeraten, Dich zu
senden, aber es half nichts, denn die wahren Grnde konnte ich ihm
doch nicht sagen.  Ich wute, ehe Du eintratst, da Du Dich weigern
wrdest, dieses Amt anzunehmen.--Nun, reie doch die Augen nicht so
auf, als wolltest Du mir durch das lederne Koller ins Herz
hineinschauen.  Ich wei allerlei Geschichten von meinem jungen
Trotzkopf da!"

Georg schlug verwirrt die Augen nieder.  "So kamen Euch die Grnde
nicht gengend vor, die ich angab?" sagte er.  "Was wollt Ihr denn so
Geheimnisvolles von mir wissen?"

"Geheimnisvoll?  Nun, so gar geheimnisvoll ist es gerade nicht, denn
merke fr die Zukunft: Wenn man nicht verraten sein will, so mu man
weder bei Abendtnzen sich gebrden wie einer, der vom St.-Veits-Tanz
befallen ist, noch nachmittags um drei Uhr zu schnen Mdchen gehen.
Ja, mein Sohn, ich wei allerlei", setzte er hinzu, indem er lchelnd
mit dem Finger drohte, "ich wei auch da dieses ungestme Herz gut
wrttembergisch ist."

Georg errtete und vermochte den lauernden Blick des Ritters nicht
auszuhalten.  "Wrttembergisch?" entgegnete er, nachdem er sich mit
Mhe gefat hatte.  "Da tut Ihr mir Unrecht; nicht mit Euch zu Feld
ziehen zu wollen, heit noch nicht, sich an den Feind anzuschlieen;
gewi, ich schwre Euch--"

"Schwre nicht!" fiel ihm Frondsberg rasch ins Wort.  "Ein Eid ist
ein leichtes Wort, aber es ist doch eine drckend schwere Kette, die
man bricht, oder von der man zerbrochen wird.  Was Du tun wirst, das
wird so sein, da es sich mit Deiner Ehre vertrgt.  Nur eines mut
Du dem Bund an Eides Statt geloben, und dann erst wirst Du aus Deiner
Haft entlassen: In den nchsten vierzehn Tagen nicht gegen uns zu
kmpfen."

"So legt Ihr mir also dennoch falsche Gesinnungen unter?" sprach
Georg bewegt.  "Das htte ich nicht gedacht!  Und wie unntig ist
dieser Schwur!  Fr wen und mit wem sollte ich denn auf jener Seite
kmpfen?  Die Schweizer sind abgezogen das Landvolk hat sich
zerstreut, die Ritterschaft liegt in den Festungen und wird sich
hten, den nchsten Besten, der vom Bundesheer herberluft, in ihre
Mauern aufzunehmen, der Herzog selbst ist entflohen--"

"Entflohen?" rief Frondsberg aus.  "Entflohen?  Das wei man noch
nicht so gewi; warum htte der Truchse denn die Reiter
ausgeschickt?" setzte er hinzu.  "Und berhaupt, wo hast Du diese
Nachrichten alle her?  Hast Du den Kriegsrat belauscht?  Oder sollte
es wahr sein, was einige behaupten wollen, da Du verdchtige
Verbindungen mit Wrttemberg unterhltst?"

"Wer wagt dies zu behaupten?" rief Georg erblassend.

Frondsbergs durchdringende Augen ruhten prfend auf den Zgen des
jungen Mannes.  "Hre, Du bist mir zu jung und zu ehrlich zu einem
Bubenstck", sagte er, "und wenn Du etwas der Art im Schild fhrst,
httest Du Dich wohl nicht vom Bund losgesagt, sondern auch ferner
Wrttembergs Spion gemacht."

"Wie?  Spricht man so von mir?" unterbrach ihn Georg, "Wenn Ihr nur
ein Fnkchen Liebe zu mir habt, so nennt mir den schlechten Kerl, der
so von mir spricht!"

"Nur nicht gleich wieder so aufbrausend!" entgegnete Frondsberg und
drckte die Hand des jungen Mannes.  "Du kannst denken, da, wenn ein
solches Wort ffentlich gesprochen wrde oder ich an diese
Einflsterungen glaubte, Georg von Frondsberg nicht zu Dir kme.
Aber etwas mu denn doch an der Sache sein.  Zu dem alten
Lichtenstein kam fters ein schlichter Bauersmann in die Stadt; er
fiel nicht auf zu einer Zeit, wo so vielerlei Menschen hier sind.
Aber man gab uns geheime Winke, da dieser Bauer ein verschlagener
Mann und ein geheimer Botschafter aus Wrttemberg sei.  Der
Lichtensteiner zog ab, und der Bauer und sein geheimnisvolles Treiben
war vergessen.  Diesen Morgen hat er sich wieder gezeigt.  Er soll
vor der Stadt lange Zeit mit Dir gesprochen haben; auch wurde er in
Deinem Haus gesehen.  Wie verhlt sich nun diese Sache?"

Georg hatte ihm mit wachsendem Staunen zugehrt.  "So wahr ein Gott
ber mir ist", sagte er, als Frondsberg geendet hatte, "ich bin
unschuldig.  Heute frh kam ein Bauer zu mir und--"

"Nun warum verstummst Du auf einmal", fragte Frondsberg, "Du glhst
ja ber und ber, was ist es denn mit diesem Boten?"

"Ach!  Ich schme mich, es auszusprechen und dennoch habt Ihr ja
schon alles erraten; er brachte mir ein paar Worte von--meinem
Liebchen!" Der junge Mann ffnete bei diesen Worten sein Wams und zog
einen Streifen Pergament hervor, den er dort verborgen hatte.  "Seht,
dies ist alles, was er brachte", sagte er, indem er es Frondsberg bot.

"Das ist also alles?" lachte dieser, nachdem er gelesen hatte.
"Armer Junge!  Und Du kennst also diesen Mann nicht nher?  Du weit
nicht, wer er ist?"

"Nein er ist auch weiter nichts als unser Liebesbote, dafr wollte
ich stehen!"

"Ein schner Liebesbote, der nebenher unsere Sachen auskundschaften
soll; weit Du denn nicht, da es der gefhrlichste Mann ist, es ist
der Pfeifer von Hardt."

"Der Pfeifer von Hardt?" fragte Georg.  "Zum ersten Mal hre ich
diesen Namen, und was ist, wenn er der Pfeifer von Hardt ist?"

"Das wei niemand recht; er war beim Aufstand des armen Konrad einer
der schrecklichsten Aufrhrer, nachher wurde er begnadigt; seit
dieser Zeit fhrt er ein unstetes Leben und ist jetzt ein
Kundschafter des Herzogs von Wrttemberg."

"Und hat man ihn aufgefangen?" forschte Georg weiter, denn
unwillkrlich nahm er wrmeren Anteil an seinem neuen Diener.

"Nein, das gerade ist das Unbegreifliche; man machte uns so still als
mglich die Anzeige, da er sich wieder in Ulm sehen lasse; in Eurem
Stall soll er zuletzt gewesen sein, und als wir ihn ganz geheim
ausheben wollten, war er ber alle Berge.  Nun, ich glaube Deinem
Wort und Deinen ehrlichen Augen, da er in keinen anderen
Angelegenheiten zu Dir kam--Du kannst Dich brigens darauf verlassen,
da er, wenn es derselbe ist, den ich meine, nicht allein
Deinetwegen sich nach Ulm wagte.  Und solltest Du je wieder mit ihm
zusammentreffen, so nimm Dich in acht, solchem Gesindel ist nicht zu
trauen.  Doch der Wchter ruft zehn Uhr.  Lege Dich noch einmal aufs
Ohr und vertrume Deine Gefangenschaft.  Vorher aber gib mir Dein
Wort wegen der vierzehn Tage, und das sage ich Dir, wenn Du Ulm
verlt, ohne dem alten Frondsberg Lebewohl zu sagen--."

"Ich komme, ich komme", rief Georg, gerhrt von der Wehmut des
verehrten Mannes, die jener umsonst unter einer lchelnden Miene zu
verbergen suchte.  Er gab ihm Handtreue, wie es der Kriegsrat
verlangte; der Ritter aber verlie mit langsamen Schritten die
Totenkammer.




Kapitel 12


Die Mittagssonne des folgenden Tages sendete drckende Strahlen auf
einen Reiter, welcher ber den Teil der schwbischen Alb, der gegen
Franken hinausluft, hinzog.  Er war jung, mehr schlank als fest
gebaut, und ritt ein hochgewachsenes Pferd von dunkelbrauner Farbe;
er war wohl bewaffnet mit Brustharnisch, Dolch und Schwert; einige
andere Stcke seiner Armatur, als der Helm und die aus Eisenblech
getriebenen Arm- und Beinschienen, waren am Sattel befestigt.  Die
hellblau und wei gestreifte Feldbinde, die von der rechten Schulter
sich ber die Brust zog, lie erraten, da der junge Mann von Adel
war, denn diese Auszeichnung war damals ein Vorrecht hherer Stnde.

Er war auf einem Berggipfel angekommen, welcher eine weite Aussicht
ins Tal hinab gewhrte.  Fr hielt sein schnaubendes Ro an, wandte es
zur Seite und geno nun den schnen Anblick, der sich vor seinem Auge
ausbreitete.  Vor ihm eine weite Ebene, von waldigen Hhen begrenzt,
durchstrmt von den grnen Wellen der Donau; zu seiner Rechten die
Hgelkette der wrttembergischen Alb, zu seiner Linken in weiter,
weiter Ferne die Schneekuppen der Tiroler Alpen.  In freundlichem
Blau spannte der Himmel seinen Bogen ber diese Szene, und seine
sanften lichten Farben kontrastierten sonderbar mit den schwrzlichen
Mauern Ulms, das am Fu des Berges lag, mit seinem dunkelgrauen
ungeheuren Mnsterturm.  Die dumpfen Glocken dieser alten Kirche
begannen in diesem Augenblick den Mittag einzuluten; ihre Tne zogen
in langen, beruhigenden Akkorden ber die Stadt, ber die weite Ebene,
bis sie sich an den fernen Bergen brachen und zitternd in das Blau
der Lfte verschwebten, als wollten sie auf ihrer melodischen Leiter
die Wnsche der Menschen zum Himmel tragen.

"So begleitet ihr also den Scheidenden, wie ihr seinen Eintritt
begrt habt", rief der junge Reiter, "mit denselben Tnen, mit
denselben feierlichen Akkorden sprecht ihr zu ihm, wenn er kommt und
geht; wie anders, wie so ganz anders deutete ich eure ehernen Stimmen,
als mein Ohr euch zum ersten Mal lauschte.  Da vernahm ich in euch
verwandte Tne, es klang mir wie ein Ruf zur Geliebten!  Und jetzt,
da ich scheide, ohne Aussicht, ohne Freude, jetzt ruft ihr mir
dieselben Tne entgegen?  Die Geburt meiner seligen Hoffnung habt ihr
eingelutet, von euch tnt jetzt das Grabgelute meiner Hoffnung?
Das Bild des Lebens!" setzte er wehmtig hinzu, indem er nach einem
langen Abschiedsblick auf dieses Tal, auf diese Mauern sein Pferd
wandte.  "Das Bild des Lebens!  Um Wiege und Sarg schweben sie in
gleichen Tnen, und die Glocken meiner Hauskapelle haben an jenem
frhlichen Tag, wo man mich zur Taufe trug, mir eben so getnt, wie
sie mir tnen werden, wenn man den letzten Sturmfeder zu Grabe trgt!"

Das Gebirge wurde jetzt steiler, und Georg, denn als diesen haben
unsere Leser den jungen Reiter schon lngst erkannt, Georg lie sein
Pferd langsam hinschreiten, indem er seinen Gedanken nachhing.  Es
war der Weg nach seiner Heimat, und die Vergleiche, die er zwischen
dieser Heimkehr und dem frhlichen Auszug anstellte, mochten nicht
dazu beitragen, seine dsteren Gefhle aufzuhellen.  Der gestrige Tag,
der schnelle Wechsel heftiger Empfindungen, seine Verhaftung,
zuletzt noch heute der Abschied von Mnnern, die ihm wohlwollten,
hatten ihn heftig angegriffen.

Wie treuherzig und gutmtig hatte Dietrich von Kraft, sein zierlicher
Gastfreund, seine Abreise bedauert.  Wie gleich war sich dieser gute
Mensch in seinem Wohlwollen gegen ihn geblieben; vom ersten Becher an,
den er mit ihm im Rathaussaal geleert, bis zum Abschiedstrunk, den
er seinem Gast noch auf das Pferd hinauf kredenzte.  Und wie hatte er
ihm gelohnt?  Beschftigt mit sich selbst hatte er ihn wenig geachtet,
bersehen.  Wie hatte er dem biederen Breitenstein, wie dem Helden
Frondsberg, der ihn vor den Augen eines Heeres wie seinen Liebling
ausgezeichnet hatte, wie hatte er es ihm vergolten?

Er hatte unter diesen trben Gedanken eine gute Strecke auf dem
Gebirgsrcken zurckgelegt.  Die Strahlen der Mrzsonne wurden immer
drckender, die Pfade rauher, und er beschlo, unter dem Schatten
einer Eiche sich und seinem Pferd Mittagsruhe zu gnnen.  Er stieg ab,
schnallte den Sattelgurt leichter und lie das ermdete Tier die
sparsam hervorkeimenden Grser aufsuchen.  Er selbst streckte sich
unter der Eiche nieder, und so gerne er sich dem Schlaf berlassen
htte, wozu nach dem ermdenden Ritt ihn der khle Schatten einlud,
so hielt ihn doch die Besorgnis, in so unruhigen Zeiten in einem Land
das so nahe dem Schauplatz des Krieges lag, um sein Ro und
vielleicht gar um seine Waffen zu kommen; einige Zeit wach, bis er in
jenen Zustand versank, wo die Seele zwischen Wachen und Schlafen
umsonst mit dem Krper kmpft, der ungestm seine Rechte fordert.

Er mochte wohl ein Stndchen geschlummert haben, als ihn das Wiehern
seines Pferdes aufschreckte.  Er sah sich um und gewahrte einen Mann,
der, ihm den Rcken kehrend sich mit dem Tier beschftigte.  Sein
erster Gedanke war, da man seine Unachtsamkeit bentzen und das
Pferd entfhren wolle.  Er sprang auf, zog sein Schwert und war in
drei Sprngen dort.

"Halt!  Was hast Du da mit dem Pferd zu schaffen!" rief er, indem er
seine Hand etwas unsanft auf die Schulter des Mannes legte.

"Habt Ihr mich denn schon wieder aus Eurem Dienst entlassen, Junker?"
antwortete dieser und wandte sich ihm zu.  An den listigen, khnen
Augen, an dem lchelnden Mund erkannte Georg sogleich den Boten, den
ihm Marie gesandt hatte.  Er war noch unschlssig, wie er sich gegen
ihn benehmen sollte, denn Frondsbergs Warnung schreckte ihn ab,
Mariens Zuversicht empfahl ihn, doch der Bauer fuhr fort, indem er
ihm eine gute Handvoll Heu vorzeigte: "Ich konnte mir wohl denken;
da Ihr keinen Futtersack mitnehmen werdet.  Auf den Bergen da oben
sieht es noch schlecht aus mit dem Gras, da habe ich denn Eurem
Braunen einen Armvoll Heu mitgebracht.  Es hat ihm trefflich behagt."
So sprach der Bauer und fuhr ganz gelassen fort, dem Pferd das Futter
hinzureichen,

"Und woher kommst Du denn?" fragte Georg, nachdem er sich ein wenig
von seinem Staunen erholt hatte.

"Nun, Ihr seid ja so schnell von Ulm weggeritten, da ich Euch nicht
gleich folgen konnte", antwortete dieser.

"Lge nicht!" unterbrach ihn der junge Mann.  "Sonst kann ich Dir
frder nicht vertrauen.  Du kommst jetzt nicht aus jener Stadt her."

"Nun, Ihr werdet mich doch nicht schelten, da ich mich etwas frher
auf den Weg machte als Ihr?" sagte der Bauer und wandte sich ab.
Doch entging Georg nicht, da jenes listige Lcheln wieder ber sein
Gesicht zog.

"La mein Pferd jetzt stehen", rief Georg ungeduldig, "und komm mit
mir unter die Eiche dort.  Da setze Dich hin und sprich, aber ohne
auszuweichen, warum hast Du gestern abend so pltzlich die Stadt
verlassen?"

"An den Ulmern lag es nicht", entgegnete jener.  "Sie wollten mich
sogar einladen, lnger bei ihnen zu bleiben, und wollten mir freie
Kost und Wohnung geben."

"Ja, ins tiefste Verlies wollten sie Dich stecken, wo weder Sonne
noch Mond hinscheint und wohin die Kundschafter und Spher gehren."

"Mit Verlaub, Junker", erwiderte der Bote, "da wre ich, wiewohl ein
paar Stockwerke tiefer, in dieselbe Behausung gekommen, wie Ihr."

"Hund von einem Aufpasser!" rief der Junker ungeduldig, indem Zorn
seine Wangen rtete.  "Willst Du meines Vaters Sohn in eine Reihe
stellen mit dem Pfeifer von Hardt?"

"Was sprecht Ihr da?" fuhr der Mann an seiner Seite mit wilder Miene
auf.  "Was nennt Ihr fr einen Namen?  Kennt Ihr den Pfeifer von
Hardt?"

Er hatte vielleicht unwillkrlich bei diesen Worten die Axt, die
neben ihm lag, in seine nervige Rechte gefat.  Seine gedrungene
feste Gestalt, seine breite Brust, gaben ihm, trotz seiner nicht
ansehnlichen Gre, doch das Ansehen eines nicht zu verachtenden
Kmpfers.  Sein wild rollendes Auge, sein eingepreter Mund mchten
manchen einzelnen Mann auer Fassung gebracht haben.

Der Jngling aber sprang mutig auf, er warf sein langes Haar zurck,
und ein Blick voll Stolz und Hoheit begegnete dem finstern Auge jenes
Mannes.  Er legte seine Hand an den Griff seines Schwertes und sagte
ruhig und fest: "Was fllt Dir ein, Dich so vor mich hinzustellen und
mit dieser Stirn mich zu fragen?  Du bist, wenn ich nicht irre, der,
den ich nannte, Du bist dieser Meuterer und Anfhrer von
aufrhrerischen Hunden.  Pack Dich fort, auf der Stelle, oder ich
will Dir zeigen, wie man mit solchem Gesindel spricht."

Der Bauer schien mit seinem Zorn zu ringen.  Er hieb die Axt mit
einem krftigen Schwung in den Baum, und stand nun ohne Waffe vor dem
zrnenden jungen Mann.  "Erlaubt", sagte er, "da ich Euch fr ein
anderes Mal warne, Euren Gegner, und sei er auch nur ein geringer
Bauersmann wie ich, nicht zwischen Euch und Eurem Braunen stehen zu
lassen.  Denn wenn ich Euren Befehl, mich fortzupacken, htte aufs
schnellste befolgen wollen, wre er mir trefflich zustatten gekommen."

Ein Blick dahin berzeugte Georg, da der Bauer wahr gesprochen habe.
Errtend ber diese Unvorsichtigkeit, die beweisen konnte, wie wenig
Erfahrung er noch im Krieg besitze, lie er seine Hand vom Griff
seines Schwertes sinken und setzte sich, ohne etwas zu erwidern, auf
die Erde nieder.  Der Bauer folgte, jedoch in ehrerbietiger
Entfernung, seinem Beispiel und sprach:

"Ihr habt ganz recht, da Ihr mir grollt, Herr von Sturmfeder, aber
wenn Ihr wtet, wie weh mir jener Name tut, wrdet Ihr vielleicht
meine schnelle Hitze mir verzeihen!  Ja, ich bin der, den man so
nennt; aber es ist mir ein Greuel mich so rufen zu hren.  Meine
Freunde nennen mich Hans, aber meinen Feinden gefllt jener Name,
weil ich ihn hasse."

"Was hat Dir der unschuldige Name getan?" fragte Georg.  "Warum nennt
man Dich so?  Warum willst Du Dich nicht so nennen lassen?"

"Warum man mich so nennt?" antwortete jener.  "Ich bin aus einem Dorf,
das heit Hardt und liegt im Unterland, nicht weit von Nrtingen.
Meinem Gewerbe nach bin ich ein Spielmann und musiziere auf Mrkten
und Kirchweihen, wenn die ledigen Burschen und die jungen Mgelein
tanzen wollen.  Deswegen nannte man mich den Pfeifer von Hardt.  Aber
dieser Name hat sich mit Untat und Blut befleckt in einer bsen Zeit,
darum habe ich ihn abgetan und kann ihn nimmer leiden."

Georg ma ihn mit einem durchdringenden Blick, indem er sagte: "Ich
wei wohl, in welcher bsen Zeit: Als ihr Bauern wider euern Herzog
rebelliert habt, da warst Du einer von den rgsten.  Ist's nicht so?"

"Ihr seid wohl bekannt mit dem Schicksal eines unglcklichen Mannes",
sagte der Bauer, finster zu Boden blickend.  "Ihr mt aber nicht
glauben; da ich noch derselbe bin.  Der Heilige hat mich gerettet
und meinen Sinn gendert, und ich darf sagen, da ich jetzt ein
ehrlicher Mann bin."

"Oh, erzhle mir", unterbrach ihn der Jngling, "wie ging es zu in
jenem Aufruhr?  Wie wurdest Du gerettet?  Wie kommt's, da Du jetzt
dem Herzog dienst?"

"Das alles will ich auf ein anderes Mal aufsparen", entgegnete jener.
"Denn ich hoffe nicht zum letzten Mal an Eurer Seite zu sein.
Erlaubt mir dafr, da ich auch Euch etwas frage: Wo soll Euch denn
dieser Weg hinfhren?  Da geht nicht die Strae nach Lichtenstein!"

"Ich gehe auch nicht nach Lichtenstein!" antwortete Georg
niedergeschlagen.  "Mein Weg fhrt nach Franken zu dem alten Oheim.
Das kannst Du dem Frulein vermelden, wenn Du nach Lichtenstein
kommst."

"Und was wollt Ihr beim Oheim?  Jagen?  Das knnt Ihr anderswo
ebensogut.  Langeweile haben?  Die kauft Ihr aller Orten wohlfeil.
Kurz und gut, Junker", setzte er gutmtig lchelnd hinzu, "ich rate
Euch, wendet Euer Ro und reitet so ein paar Tage mit mir in
Wrttemberg umher.  Der Krieg ist ja so gut wie beendet.  Man kann
ganz ungehindert reisen."

"Ich habe dem Bund mein Wort gegeben, in vierzehn Tagen nicht gegen
ihn zu fechten.  Wie kann ich also nach Wrttemberg gehen?"

"Heit denn das gegen ihn fechten, wenn Ihr ruhig Eure Strae zieht?
So also, vierzehn Tage lang?  In vierzehn Tagen glauben sie den Krieg
vollendet?  Wird noch mancher nach vierzehn Tagen an den Mauern von
Tbingen den Kopf stoen.  Kommt mit, es ist ja nicht gegen Euren Eid!"

"Und was soll ich in Wrttemberg?" rief Georg schmerzlich.  "Soll ich
recht in der Nhe sehen, wie meine Kriegsgesellen bei der Eroberung
der Festen sich Ruhm erwerben?  Soll ich den Bundesfahnen, denen ich
auf ewig Lebewohl gesagt und den Rcken gekehrt, noch einmal
begegnen?  Nein!  Nach Franken will ich ziehen, in meine Heimat",
sagte er dster, indem er die umwlkte Stirn in die Hand sttzte, "in
meinen alten Mauern will ich mich begraben und trumen, wie ich htte
glcklich sein knnen!"

"Das ist ein schner Entschlu fr einen jungen Mann von Eurem Schrot
und Korn!  Habt Ihr denn in Wrttemberg gar nichts zu tun, als des
armen Herzogs Burgen zu strmen?  Nun, reitet immerhin", fuhr er fort,
indem er den Jngling mit listigem Lcheln anblickte, "versucht
einmal, ob der Lichtenstein nicht mit Sturm genommen werden knne?"

Der junge Mann errtete bis in die Stirn hinauf.  "Wie magst Du nur
jetzt Deinen Scherz treiben", sagte er halb in Unmut, halb lchelnd,
"wie magst Du mit meinem Unglck spaen?"

"Fllt mir nicht ein, Scherz mit meinem gndigen Junker zu treiben",
antwortete sein Gefhrte.  "Es ist mein voller Ernst, da ich Euch
bereden mchte, dorthin zu ziehen."

"Und was dort tun?"

"Nun!  Den alten Herrn fr Euch gewinnen, und die Trnen des bleichen
Fruleins stillen, das wegen Euch Tag und Nacht weint!"

"Und wie soll ich auf den Lichtenstein kommen?  Der Vater kennt mich
nicht, wie soll ich mit ihm bekannt werden?"

"Seid Ihr der erste Rittersmann, der nach Sitte der Vter eine freie
Zehrung in einem Schlo fordert?  Lat nur mich dafr sorgen, so
sollt Ihr bald auf den Lichtenstein kommen!"

Der Jngling sann lange Zeit nach, er erwog alle Grnde fr und wider,
er bedachte, ob es nicht gegen seine Ehre sei, statt vom Schauplatz
des Krieges sich zu entfernen, in eine Gegend zu reisen, wohin sich
der Krieg notwendig ziehen mute.  Doch als er bedachte, wie mild die
Bundesobersten selbst seinen Abfall angesehen hatten, wie sie sogar
im Fall seines vlligen bertrittes zum Feind nur vierzehn Tage Frist
angesetzt hatten, als ihm Mariens trauernde Miene, ihre stille
Sehnsucht auf ihrem einsamen Lichtenstein vorschwebte, da neigte sich
die Schale nach Wrttemberg.

"Noch einmal will ich sie sehen, nur noch einmal sie sprechen",
dachte er.--"Nun wohlan!" rief er endlich "Wenn Du mir versprichst,
da nie davon die Rede sein soll, mich an die Wrttemberger
anzuschlieen, da ich nicht als Anhnger Eures Herzogs, sondern als
Gast in Lichtenstein behandelt werde, wenn Du dies versprichst, so
will ich folgen."

"Fr mich kann ich dies wohl versprechen", antwortete der Bauer,
"aber wie kann ich etwas geloben fr den Ritter von Lichtenstein?"

"Ich wei, wie Du mit ihm stehst und da Du oft zu ihm nach Ulm kamst,
und er sein Vertrauen in Dich setzt.  So gut Du ihm geheime
Botschaft aller Art bringen konntest, so gut kannst Du ihm auch dies
beibringen."

Der Pfeifer von Hardt sah den jungen Mann lange staunend an.  "Woher
wit Ihr dies?" rief er.  "Doch--die, welche mich verfolgten, knnen
auch dies gesagt haben.  Nun gut, ich verspreche Euch, da Ihr
berall so angesehen sein sollt, wie Ihr wollt.  Besteigt Euer Ro,
ich will Euch fhren, und Ihr sollt willkommen sein auf Lichtenstein!"




Kapitel 13


Von jenem Bergrcken, wo Georg den Entschlu gefat hatte, seinem
geheimnisvollen Fhrer zu folgen, gab es zwei Wege in die Gegend von
Reutlingen, wo Mariens Bergschlo, der Lichtenstein, lag.  Der eine
war die offene Heerstrae, welche von Ulm nach Tbingen fhrt.  Sie
fhrt durch das schne Blautal, bis man bei Blaubeuren wieder an den
Fu der Alb kommt, von da quer ber dieses Gebirge, vorbei an der
Feste Hohen-Urach, gegen St. Johann und Pfullingen hin.  Dieser Weg
war sonst fr Reisende, die Pferde, Snften oder Wagen mit sich
fhrten, der bequemere.  In jenen Tagen aber, wo Georg mit dem
Pfeifer von Hardt ber das Gebirge zog, war es nicht ratsam, ihn zu
whlen.  Die Bundestruppen hatten schon Blaubeuren besetzt, ihre
Posten dehnten sich ber die ganze Strae bis gegen Urach hin und
verfuhren gegen jeden, der nicht zum Heer gehrte oder sich zu ihnen
bekannte, mit groer Strenge und Erbitterung.  Georg hatte seine
Grnde, diese Strae nicht zu whlen, und sein Fhrer war zu sehr auf
seine eigene Sicherheit bedacht, als da er dem jungen Mann von
diesem Entschlu abgeraten htte.

Der andere Weg, eigentlich ein Fupfad, und nur den Bewohnern des
Landes genau bekannt, berhrte auf einer Strecke von beinahe zwlf
Stunden nur einige einzeln stehende Hfe, zog sich durch dichte
Wlder und Gebirgsschluchten und hatte, wenn er auch hie und da, um
die Landstraen zu vermeiden, einen Bogen machte, und fr Pferde
ermdend und oft beinahe unzugnglich war, doch den groen Vorteil
der Sicherheit.

Diesen Pfad whlte der Bauer von Hardt, und der Junker willigte mit
Freuden ein, weil er hoffen durfte, hier auf keine Bndischen zu
stoen.  Sie zogen rasch frba, der Bauer war immer an Georgs Seite.
Wenn die Stellen schwierig wurden, fhrte er sorgsam sein Pferd, und
bewies berhaupt so viel Aufmerksamkeit und Sorgfalt fr Reiter und
Ro, da in Georgs Seele jene Warnungen Frondsbergs vor diesem Mann
immer mehr an Gewicht verloren, und er nur einen treuen Diener in ihm
sah.

Georg unterhielt sich gerne mit ihm.  Er urteilte ber manche Dinge,
die sonst auerhalb des Kreises des Landmannes liegen klug und
scharfsinnig, und mit einem so schlagenden Witz, da er dem sonst
ernsten, jungen Mann, den seine zweifelhafte Lage oft trbe stimmte,
unwillkrlich ein Lcheln abntigte.  Von jeder Burg, die in der
Ferne aus den Wldern auftauchte, wute er eine Sage zu erzhlen, und
die Klarheit und Lebendigkeit, mit welcher er vortrug, bewies, da er
bei manchem Hochzeitsschmaus, bei manchem Kirchweihtanz, neben seinem
Amt als Spielmann auch das eines Erzhlers bernommen haben msse.
Nur so oft Georg auf sein eigenes Leben, besonders auf jene Periode
kommen wollte, wo der Pfeifer von Hardt eine bedeutende Rolle in dem
Aufruhr des armen Konrad gespielt hatte, brach er dster ab, oder
wute mit mehr Gelufigkeit, als man dem schlichten Mann zugetraut
htte, das Gesprch auf andere Gegenstnde zu bringen.

So waren sie ohne Aufenthalt fortgereist.  Hans wute immer voraus,
wann wieder ein Gehft kam, wo sie Erfrischung fr sich und gutes
Futter fr das Pferd finden wrden berall war er bekannt, berall
wurde er freundlich, wiewohl, wie es Georg schien, meistens mit
Staunen aufgenommen; er flsterte dann gewhnlich ein
Viertelstndchen mit dem Hausvater, whrend die Hausfrau dem jungen
Ritter emsig und freundlich mit Brot, Butter und unvermischtem
Apfelwein aufwartete, und die "Bebla" und "Mdla" den hohen
schlanken Gast, seine schnen Kleider, seine glnzende Schrpe, die
wallenden Federn seines Barettes bewunderten.  War dann das kleine
Mahl verzehrt, hatte Georgs Pferd wieder Krfte gesammelt, so
begleitete das ganze Haus den Scheidenden bis an die Tr, und der
junge Reiter konnte zu seiner Beschmung niemals die Gastfreundschaft
der guten Leute belohnen.  Mit abwehrenden Blicken auf den Pfeifer
von Hardt weigerten sie sich standhaft, seine kleinen Gaben
anzunehmen.  Auch dieses Rtsel lste ihm sein Begleiter nicht; denn
seine Antwort: "Wenn die Leute nach Hardt kommen, kehren sie auch
wieder bei mir ein.", schien nur eine ausweichende Antwort zu sein.

Die Nacht brachten sie ebenfalls in einem dieser zerstreuten Hfe zu,
wo die Hausfrau ihrem vornehmen Gast mit nicht geringerer
Bereitwilligkeit auf der Ofenbank ein Bett zurechtmachte, als sie ihm
zu Ehren ein Paar Tauben geopfert und einen dick geschmlzten
Haferbrei aufgetragen hatte.

Den folgenden Tag setzten sie ihre Reise auf dieselbe Art fort, nur
kam es Georg vor, als ob sein Fhrer mit noch mehr Vorsicht als
gestern zu Werk gehe.  Denn er lie, wenn sie sich einem Hof nahten,
den Reiter wohl fnfhundert Schritte davor haltmachen, nahte sich
behutsam den Gebuden, und erst, nachdem er alles sorgfltig
ausgespht hatte, winkte er dem Junker zu folgen.  Georg befragte ihn
umsonst, ob es in dieser Gegend gefhrlicher sei, ob die
Bundestruppen schon in der Nhe seien?  Er sagte nichts Bestimmtes
darber.

Gegen Mittag, als die Gegend lichter wurde und der Weg sich mehr
gegen das ebene Land herabzog, schien die Reise gefhrlicher zu
werden; denn der Spielmann von Hardt schien sich von jetzt an gar
nicht mehr den Wohnungen nhern zu wollen, sondern hatte sich in
einem Hof mit einem Sack versehen, der Futter fr das Pferd und
hinlngliche Lebensmittel fr sie beide enthielt.  Auch glaubte Georg
zu bemerken, da sie nicht mehr dieselbe Richtung verfolgten wie
frher, sondern sehr stark zur Rechten ablenkten.

Am Rand eines schattigen Buchenwldchens, wo eine klare Quelle und
frischer Rasen zur Ruhe einlud, machten sie Halt.  Georg stieg ab,
und sein Fhrer zog aus seinem Sack ein gutes Mittagsmahl.  Nachdem
er das Pferd versehen hatte, setzte er sich zu den Fen des Ritters
und begann mit groem Appetit zuzugreifen.

Georg hatte seinen Hunger gestillt und betrachtete jetzt mit
aufmerksamem Auge die Gegend.  Es war eine schnes, breites Tal, in
welches sie hinabsahen.  Ein kleines Flchen eilte schnell hindurch;
die Felder, wovon es begrenzt war, schienen gut und fleiig angebaut,
eine freundliche Burg erhob sich auf einem Hgel am anderen Ende des
Tales, die ganze Gegend war freundlicher als der Gebirgsrcken, ber
welchen sie gezogen waren.

"Es scheint, wir haben die Alb verlassen", sagte der junge Mann,
indem er sich zu seinem Gefhrten wandte.  "Dieses Tal, jene Hgel
sehen bei weitem freundlicher aus als der Felsenboden und die den
Weidepltze, die wir durchzogen.  Selbst die Luft weht hier milder
und wrmer als oben, wo uns die Winde oft so hart anfaten."

"Ihr habt recht geraten, Junker", sagte Hans, indem er die Reste
ihrer Mahlzeit sorgfltig in den Sack legte.  "Diese Tler gehren
zum Unterland, und jenes Flchen, das Ihr seht, strmt in den Neckar."

"Wie kommt es aber, da wir so weit vom Weg ablenken?" fragte Georg.
"Es kam mir schon oben im Gebirge vor, als htten wir die alte
Richtung verlassen, aber Du wolltest nie darauf hren Dieser Weg mu,
soviel ich die Lage von Lichtenstein kenne, viel zu weit rechts
fhren."

"Nun, ich will es Euch jetzt sagen", antwortete der Bauer, "ich
wollte Euch auf der Alb nicht unntig bange machen, jetzt aber sind
wir, so Gott will in Sicherheit.  Denn im schlimmsten Fall sind wir
keine vier Stunden mehr von Hardt, wo sie uns nichts mehr anhaben
sollen."

"In Sicherheit?" unterbrach ihn Georg verwundert.  "Wer soll uns
etwas anhaben?"

"Ei, die Bndischen", erwiderte der Spielmann.  "Sie streifen auf der
Alb, und oft waren ihre Reiter keine tausend Schritte mehr von uns.
Mir fr meinen Teil wre es nicht lieb gewesen, in ihre Hnde zu
fallen; denn sie sind mir, wie Ihr wohl wit, gar nicht grn.  Und
auch Euch wre es vielleicht nicht ganz recht, gefangen vor den Herrn
Truchse gefhrt zu werden."

"Gott soll mich bewahren!" rief der Junker.  "Vor den Truchse?
Lieber lasse ich mich auf der Stelle totschlagen.  Was wollen sie
denn aber hier?  Es ist ja hier in der Nhe keine Feste von
Wrttemberg, und Du sagtest mir ja doch, sie knnten ungehindert
durchs Land ziehen; wonach streifen sie denn?"

"Seht, Junker!  Es gibt berall schlechte Leute.  Was ein rechter
Wrttemberger ist, der lt sich eher die Haut abziehen, als da er
den Herzog verrt, nach welchem die Bndler jetzt ein Treibjagen
halten.  Aber der Truchse soll unter der Hand einen ganzen Haufen
Gold dem versprochen haben, der ihn fngt.  Er hat seine Reiter
ausgeschickt, diese streifen jetzt berall, und die Leute sagen, es
gebe einige unter den Bauern, die sich vom Gold blenden lassen und
den Sprhunden alle Schluchten und Schlupfwinkel zeigen."

"Nach dem Herzog sollen sie streifen?  Der ist ja aus dem Land
geflohen, oder, wie andere sagen, in Tbingen auf seinem festen
Schlo, wo ihn vierzig Ritter beschtzen."

"Ja, die vierzig Edlen sind dort", antwortete der Bauer mit schlauer
Miene.  "Auch des Herzogs Shnlein, der Christoph, ist dort, das hat
seine Richtigkeit.  Ob aber der Herzog selbst dort ist, wei niemand
recht.  Im Vertrauen gesagt, wie ich ihn kenne, schliet er sich nur
zur hchsten Not in eine Feste ein; er ist ein khner, unruhiger Herr,
und es ist ihm wohler in den Wldern und Bergen, wenn es auch Gefahr
hat."

"Den Herzog also suchen sie?  Also mte er hier in der Nhe sein?"

"Wo er ist, wei ich nicht", erwiderte der Pfeifer von Hardt, "und
ich wollte wetten, dies wei niemand als Gott; aber wo er sein wird,
wei ich", setzte er hinzu, und es schien Georg, als ob ein Strahl
von Begeisterung aus dem Auge dieses Mannes breche, "wo er sein wird,
wenn die Not am hchsten ist, wo seine Getreuen sich zu ihm finden
werden, wo manche treue Brust zur Mauer werden wird, um den Herrn in
der Not gegen diese Bndler zu schtzen.  Denn ist er auch ein
strenger Herr, so ist er doch ein Wrttemberger, und eine schwere
Hand ist uns lieber als die gleienden Worte des Bayern und des
sterreichers."

"Und wenn sie den unglcklichen Frsten erkennen, wenn sie auf ihn
stoen?  Hat er nicht seine Gestalt verhllt und unkenntlich gemacht?
Du hast mir einmal sein Gesicht beschrieben, und ich glaube ihn
beinahe vor mir zu sehen, besonders sein gebietendes, glnzendes Auge.
Aber wie ist seine Gestalt?"

"Er mag kaum acht Jahre lter sein als Ihr", entgegnete jener, "er
ist nicht so gro wie Ihr, aber in vielem Euch hnlich an Gestalt;
besonders wenn Ihr zu Pferd saet und ich hinter Euch ging, da
gemahnte es mich oft, und ich dachte: So, gerade so sah der Herzog
aus in den Tagen seiner Herrlichkeit."

Georg war aufgestanden, um nach seinem Pferd zu sehen, die Worte des
Bauern hatten ihn um seine Sicherheit besorgt gemacht, und er sah
jetzt erst ein, wie tricht er gehandelt, in diesem Kriegsstrudel
sich durch ein okkupiertes Land stehlen zu wollen.  Es wre ihm
hchst unangenehm gewesen, in diesem Augenblick gefangen zu werden,
zwar konnte er nach seinem Eid reisen, wohin er wollte, wenn er nur
in den nchsten vierzehn Tagen keinen ttlichen Anteil am Kampf gegen
den Bund nahm; aber er fhlte, welch nachteiliges Licht es dennoch
auf ihn werfen mte, in dieser Gegend, so weit vom Weg nach seiner
Heimat, aufgegriffen zu werden, und dazu noch in Gesellschaft eines
Mannes, der den Bundesobersten sehr verdchtig, sogar gefhrlich
geschienen hatte.  Umzukehren war keine Mglichkeit, denn es lie
sich beinahe mit Gewiheit annehmen, da die Bundestruppen bereits
die ganze Breite der Alb eingenommen hatten; das Sicherste schien,
sich zu beeilen, ber die uersten Posten des Heeres hinauszukommen;
man hatte dann die Gefahr im Rcken, vor und neben sich aber freie
Bahn.

Das sonst so muntere Tier, das seinen Herrn ber diese Gefahren
hinaus tragen sollte, hing die Ohren; die groe Eile und die
ermdenden, steinigen Fupfade hatten seine Kraft geschwcht; zu
seinem groen Verdru bemerkte Georg sogar, da es auf dem linken
Vorderfu nicht gerne auftrat, was nach einem achtstndigen Weg ber
scharfe, eckige Felsen nicht zu verwundern war.  Der Bauer bemerkte
die Verlegenheit des Junkers; er untersuchte das Tier und riet, es
noch einige Stunden stehen zu lassen, gab aber zugleich den Trost, er
sei der Gegend so kundig, da sie eine groe Strecke in der Nacht
zurcklegen knnten.




Kapitel 14


Der junge Mann ergab sich in sein Schicksal und suchte Zerstreuung in
der lieblichen Aussicht, die sich noch bei weitem herrlicher seinen
Augen ffnete, als ihn der Bauer etwa fnfzig Schritte hher gefhrt
hatte.

"Ein herrliches Land, dieses Wrttemberg!" rief Georg, indem sein
Auge von Hgel zu Hgel schweifte.  "Wie khn, wie erhaben diese
Gipfel und Bergwnde, diese Felsen und ihre Burgen!  Und wenn ich
mich dorthin wende gegen die Tler des Neckars, wie lieblich jene
sanften Hgel, jene Berge mit Obst und Wein besetzt, jene fruchtbaren
Tler mit Bchen und Flssen, dazu ein milder Himmel und ein guter,
krftiger Schlag von Menschen!"

"Ja", fiel der Bauer ein, "es ist ein schnes Land; doch hier oben
will es noch nicht viel sagen, aber was so unter Stuttgart ist, das
wahre Unterland, Herr, da ist es eine Freude, im Sommer oder Herbst
am Neckar hinabzuwandeln; wie da die Felder so schn und reich stehen,
wie der Weinstock so dicht und grn die Berge berzieht, und wie
Nachen und Fle den Neckar hinauf- und hinabfahren, wie die Leute so
frhlich an der Arbeit sind und die schnen Mdchen singen wie die
jungen Lerchen!"

"Wohl sind jene Tler an der Rems und dem Neckar schner", entgegnete
Georg, "aber auch dieses Tal zu unseren Fen, auch diese Hhen um
uns her haben eigenen, stillen Reiz.  Wie heien jene Burgen auf den
Hgeln?  Und jene fernen Berge?"

Der Bauer berblickte sinnend die Gegend und zeigte auf die hinterste
Bergwand, die, dem Auge kaum noch sichtbar, aus den Nebeln ragte.
"Dort hinten, zwischen Morgen und Mittag, ist der Roberg, in
gleicher Richtung herwrts, jene vielen Felsenzacken sind die Hhen
von Urach.  Dort, mehr gegen Abend, ist Achalm, nicht weit davon,
doch knnt Ihr ihn hier nicht sehen, liegt der Felsen von
Lichtenstein"

"Dort also", sagte Georg still vor sich hin, und sein Auge tauchte
tief in die Nebel des Abends, "dort, wo jenes Wlkchen in der
Abendrte schwebt, dort schlgt ein treues Herz fr mich; jetzt auch
steht sie vielleicht auf der Zinne ihres Felsens und sieht herber in
diese Welt von Bergen, vielleicht nach diesem Felsen hin.  Oh da die
Abendlfte Dir meine Gre brchten und jene rosigen Wolken Dir meine
Nhe verkndeten!"

"Weiter hin, Ihr seht doch jene scharfe Ecke, das ist die Teck;
unsere Herzoge nennen sich Herzoge von Teck, es ist eine gute, feste
Burg; wendet Eure Blicke hier zur Rechten, jener hohe, steile Berg
war einst die Wohnung berhmter Kaiser, es ist Hohenstaufen."

"Aber wie heit jene Burg, die hier zunchst aus der Tiefe
emporsteigt?" fragte der junge Mann, "sieh nur, wie sich die Sonne an
ihren hellen weien Wnden spiegelt, wie ihre Zinnen in goldenen Duft
zu tauchen scheinen, wie ihre Trme in rtlichem Licht erglnzen."

"Das ist Reussen, Herr!  Auch eine starke Feste, die dem Bund zu
schaffen machen wird."

Die Sonne des kurzen, schnen Mrztages begann whrend dieses
Zwiegesprchs der Wanderer hinabzusinken.  Die Schatten des Abends
rollten dunkle Schleier ber das Gebirge und verhllten dem Auge die
ferneren Gipfel und Hhen.  Der Mond kam bleich herauf und
berschaute sein nchtliches Gebiet.  Nur die hohen Mauern und Trme
von Neuffen rtete die Sonne noch mit ihren letzten Strahlen, als sei
dieser Felsen ihr Liebling, von welchem sie ungern scheide.  Sie sank;
auch diese Mauern hllten sich in Dunkel, und durch die Wlder zog
die Nachtluft, geheimnisvolle Gre flsternd, dem hellen Mond
entgegen.

"Jetzt ist die wahre Tageszeit fr Diebe und fur flchtige Reisende
wie wir", sagte der Bauer, indem er des Junkers Pferd aufzumte, "sei
es noch um eine Stunde, so ist die Nacht kohlschwarz, und dann soll
uns, bis die Sonne wieder aufgeht, kein bndischer Reiter aufspren!"

"Glaubst Du, es habe Gefahr?" sagte Georg, indem er seine Hand nach
dem Helm ausstreckte und das dnne Barett abnahm.  "Meinst Du, wir
sollten uns besser wappnen?"

"Lat hngen, Junker", rief der Bauer lachend, "solch eine Sturmhaube
ist an sich schon kalt und gibt in einer frischen Nacht nicht sehr
warm; lat immer Euer Barett sitzen; in dieser Gegend suchen sie den
Herzog nicht, und sollten sie kommen, wir zwei frchten ihrer viere
nicht."

Der junge Mann lie zgernd seinen schnen Helm am Sattelknopf hngen,
er schmte sich, weniger Mut zu zeigen als sein Begleiter, der,
unberitten, nur durch eine dnne lederne Mtze geschtzt und mit
einer einfachen Axt schlecht bewaffnet war.  Er schwang sich auf.
Sein Fhrer ergriff die Zgel des Rosses und schritt voran den Berg
hinab.

"Du meinst also", fragte Georg nach einer Weile, "bis hierher werden
sich die bndischen Reiter nicht wagen?"

"Es ist nicht wohl mglich", antwortete der Pfeifer, "Neuffen ist ein
starkes Schlo und hat gute Besatzung.  Sie werden es zwar in kurzer
Zeit mit Heeresmacht belagern, aber Gesindel, wie die Handvoll Reiter
des Truchse, wagt sich doch nicht in die Nhe einer feindlichen Burg."

"Schau, wie hell und schn der Mond scheint", rief der Jngling, der,
noch immer erfllt von dem Anblick auf dem Berg, die wunderlichen
Schatten der Wlder und Hhen, die hellglnzenden Felsen betrachtete,
"sieh, wie die Fenster von Neuffen im Mondlicht schimmern!"

"Es wre mir lieber, er schiene heute nacht nicht", entgegnete sein
Fhrer, indem er sich zuweilen besorgt umsah, "dunkle Nacht wre
besser fr uns, der Mond hat schon manchen braven Mann verraten.  Es
kann nicht mehr lange dauern, so ist er hinunter."

Sie zogen indes weiter.  Der Pfeifer von Hardt unterhielt Georg
unterwegs mit einer Reihe von Geschichten ber die Gegend, die sie
durchzogen.

"Horch!  Hrtest Du nicht das Wiehern von Rossen", rief Georg
pltzlich, dem es in der Schlucht, die sie durchzogen, ganz
unheimlich wurde.  Der Mond schien noch hell, die Schatten der Eichen
bewegten sich, es rauschte im Gebsch, und oft wollte es ihm bednken,
als sehe er dunkle Gestalten im Wald neben sich hergehen.

Der Pfeifer von Hardt blieb stehen.  "Es kam mir vorhin auch so vor,
aber es war der Wind, der in den Eichen chzt, und der Schuhu rief im
Gebsch.  Wren wir nur das Wiesental noch hinber, da ist es so
offen und hell wie bei Tag; jenseits fngt wieder der Wald an, da ist
es dann dunkel und hat keine Not mehr.  Gebt Eurem Braunen die Sporen
und reitet Trab ber das Tal hin, ich laufe neben Euch her."

"Warum denn jetzt auf einmal Trab?" fragte der junge Mann "Meinst Du,
es habe Gefahr?  Gestehe nur, nicht wahr, Du hast sie auch gesehen,
die Gestalten im Wald, die neben uns herschlichen?  Glaubst Du, es
sind Bndische?"

"Nun ja", flsterte der Bauer, indem er sich umsah, "mir war es auch
als ob uns jemand nachschleiche; drum sputet Euch, da wir aus dem
verdammten Hohlweg herauskommen, und dann im Trab ber das Tal
hinber, weiterhin hat es keine Gefahr."

Georg machte sein Schwert in der Scheide locker und nahm die Zgel
seines Rosses krftiger in die Faust.  Schweigend zogen sie die
Schlucht hinab, beleuchtet von so hellem Mondschein, da der junge
Mann jeden Zug seines Gefhrten erkennen konnte und deutlich sah, da
er seine Axt auf die Schulter nahm und ein Messer, das er im Wams
verborgen hatte, herauszog und in den Grtel steckte.

Sie wollten eben am Ausgang des Hohlwegs in das Tal einbiegen, da
rief eine Stimme im Gebsch: "Das ist der Pfeifer von Hardt, drauf,
Gesellen, der dort auf dem Ro mu der Rechte sein!"

"Flieht, Junker, flieht!" rief sein treuer Fhrer und stellte sich
mit seiner Axt zum Kampf bereit; doch Georg zog sein Schwert, und in
demselben Augenblick sah er sich von fnf Mnnern angefallen, whrend
sein Gefhrte schon mit drei andern im Handgemenge war.

Der enge Hohlweg hinderte ihn, sich seiner Vorteile zu bedienen und
zur Seite auszuweichen.  Einer packte die Zgel seines Rosses, doch
in demselben Augenblick traf ihn Georgs Klinge auf die Stirn, da er
ohne Laut niedersank; doch die anderen, wtend gemacht durch den Fall
ihres Genossen, drangen noch strker auf ihn ein und riefen ihm zu,
sich zu ergeben; aber Georg, obgleich er schon am Arm und Fu aus
mehreren Wunden blutete, antwortete nur durch Schwerthiebe.

"Lebendig oder tot", rief einer der Kmpfenden, "wenn der Herr Herzog
nicht anders will, so mag er's haben." Er rief's, und in demselben
Augenblick sank Georg von Sturmfeder, von einem schweren Hieb ber
den Kopf getroffen, nieder.  In tdlicher Ermattung schlo er die
Augen, er fhlte sich aufgehoben und weggetragen und hrte nur das
grimmige Lachen seiner Mrder, die ber ihren Fang zu triumphieren
schienen.

Nach einer kleinen Weile lie man ihn auf den Boden nieder, ein
Reiter sprengte heran, sa ab und trat zu denen, die ihn getragen
hatten.  Georg raffte seine letzte Kraft zusammen, um die Augen noch
einmal zu ffnen.  Er sah ein unbekanntes Gesicht, das sich ber ihn
beugte.  "Was habt Ihr gemacht?" hrte er rufen.

"Dieser ist es nicht, Ihr habt den Falschen getroffen.  Macht, da
Ihr fortkommt, die von Neuffen sind uns auf den Fersen." Matt zum
Tode schlo Georg sein Auge, nur sein Ohr vernahm wilde Stimmen und
das Gerusch von Streitenden, doch auch dieses verzog sich; feuchte
Klte drang aus dem Boden des Wiesentales und machte seine Glieder
erstarren, aber ein ser Schlummer senkte sich auf den Verwundeten
herab, und mit dem letzten Gedanken an die Geliebte entschwanden
seine Sinne.




Kapitel 15


Der schwbische Bund war mit Macht in Wrttemberg eingedrungen, von
Tag zu Tag gewann er an Boden, von Woche zu Woche wurden seine Heere
furchtbarer.  Zuerst war nach langer, mutiger Gegenwehr der
Hellenstein, das feste Schlo von Heidenheim, gefallen.  Teck, damals
noch eine starke, feste Burg, fiel durch die Unvorsichtigkeit der
Besatzung; am mutigsten hielt sich Mckmhl; es schlo einen Mann in
seinen Mauern ein, der sich allein mit zwanzig der Belagerer
geschlagen htte; sein eiserner Wille war oft nicht minder schwer als
seine eiserne Hand auf ihnen gelegen Auch diese Mauern wurden
gebrochen, und Gtz von Berlichingen fiel in des Bundes Hand.  Auch
Schorndorf konnte den Kanonen Georgs von Frondsberg nicht widerstehen;
es war die festeste Stadt gewesen; mit ihr fiel das Unterland.

So war nun ganz Wrttemberg bis herauf gegen Kirchheim in der
Bndischen Gewalt, und der bayerische Herzog brach mit seinem Lager
auf, um mit Ernst an Stuttgart zu gehen.  Da kamen ihm Gesandte
entgegen nach Denkendorf, die um Gnade flehten.  Sie durften zwar
nicht wagen vor dem erbitterten Feind ihren Herzog zu entschuldigen;
aber sie gaben zu bedenken, da ja er, die Ursache des Krieges, nicht
mehr unter ihnen sei, da man nur gegen seinen unschuldigen Knaben,
den Prinzen Christoph, und gegen das Land Krieg fhre.  Aber vor der
ehernen Stirn Wilhelms von Bayern vor den habgierigen Blicken der
Bundesglieder fanden diese Bitten keine Gnade.  Ulrich habe diese
Strafe verdient, gab man zur Antwort, das Land habe ihn untersttzt,
also mit gefangen, mit gehangen--auch Stuttgart mute seine Tore
ffnen.

Aber noch war der Sieg nichts weniger als vollstndig; der grte
Teil des Oberlandes hielt noch zum Herzog; und es schien nicht, als
ob er sich auf den ersten Aufruf ergeben wollte.  Dieses hher
gelegene Gebirgsland wurde von zwei festen Pltzen, Urach und
Tbingen beherrscht; solange diese sich hielten, wollten auch die
Lande umher nicht abfallen.  In Urach hielt es die Brgerschaft mit
dem Bund, die Besatzung mit dem Herzog.  Es kam zum Handgemenge,
worin der tapfere Kommandant erstochen wurde; die Stadt ergab sich
den Bndischen.

Und so war in der Mitte des April nur noch Tbingen brig; doch
dieses hatte der Herzog stark befestigt; dort waren seine Kinder und
die Schtze seines Hauses; dem Kern des Adels, vierzig wackeren,
kampfgebten Rittern und zweihundert der tapfersten Landeskinder war
das Schlo anvertraut.  Diese Feste war stark, mit Kriegsvorrten
wohl versehen, an ihr hingen jetzt die Blicke der Wrttemberger, denn
aus diesen Mauern war ihnen schon manches Schne und Herrliche
hervorgegangen; von diesen Mauern aus konnte das Land wieder dem
angestammten Frsten erobert werden, wenn es sich so lange hielt, bis
er Entsatz herbeibrachte.  Und dorthin wandten sich jetzt die
Bndischen mit aller Macht.  Ihrer Gewappneten Schritte tnten durch
den Schnbuch, die Tler des Neckars zitterten unter dem Hufschlag
ihrer Rosse; auf den Feldern zeigten tiefe Spuren, wohin die schweren
Feldschlangen Falkonen und Bombarden, die Kugel- und Pulverwagen, der
ganze furchtbare Apparat einer langen Belagerung gezogen war.

Diese Fortschritte des Krieges hatte Georg von Sturmfeder nicht
gesehen.  Ein tiefer, aber se Schlummer hielt wie ein mchtiger
Zauber seine Sinne viele Tage lang gefangen; es war ihm in diesem
Zustand wohl zumute wie einem Kind, das am Busen seiner Mutter
schlft, nur hin und wieder die Augen ein wenig ffnet, um in eine
Welt zu blicken, die es noch nicht kennt, um sie dann wieder auf
lange zu verschlieen.  Schne beruhigende Trume aus besseren Tagen
gaukelten um sein Lager, ein mildes, seliges Lcheln zog oft ber
sein bleiches Gesicht und trstete die, welche ihn mit banger
Erwartung pflegten.

Wir wagen es, den Leser in die niedere Htte zu fhren, die ihn
gastfreundlich aufgenommen hatte, und zwar am Morgen des neunten
Tages, nachdem er verwundet worden war.

Die Morgensonne dieses Tags brach sich in farbigen Strahlen an den
runden Scheiben eines kleinen Fensters und erhellte das grere
Gemach eines drftigen Bauernhauses.  Das Gert, womit es
ausgestattet war, zeugte zwar von Armut, aber von Reinlichkeit und
Sinn fr Ordnung.  Ein groer, eichener Tisch stand in einer Ecke des
Zimmers, auf zwei Seiten von einer hlzernen Bank umgeben.  Ein
geschnitzter, mit hellen Farben bemalter Schrein mochte den
Sonntagsstaat der Bewohner oder schne, selbstgesponnene Leinwand
enthalten; das dunkle Getfel trug ringsum ein Brett, worauf blanke
Kannen, Becher und Platten von Zinn, irdenes Geschirr mit sinnreichen
Reimen bemalt und allerlei musikalische Instrumente eines lngst
verflossenen Jahrhunderts, wie Zimbeln, Schalmeien und eine Zither,
aufgestellt waren.  Um den groen Kachelofen, der weit vorsprang,
waren reinliche Linnen zum Trocknen aufgehngt, und sie verdeckten
beinahe dem Auge eine groe Bettstelle, mit Gardinen von
grogeblmtem Gewebe, die im hintersten Teil der Stube aufgestellt
war.

An diesem Bett sa ein schnes, liebliches Kind, von etwa sechzehn
bis siebzehn Jahren.  Sie war in jene malerische Bauerntracht
gekleidet, die sich teilweise bis auf unsere Tage in Schwaben
erhalten hat.  Ihr gelbes Haar war unbedeckt und fiel in zwei langen,
mit bunten Bndern durchflochtenen Zpfen ber den Rcken hinab.  Die
Sonne hatte ihr freundliches, rundes Gesichtchen etwas gebrunt, doch
nicht so sehr, da dadurch das schne jugendliche Rot auf der Wange
verdunkelt worden wre; ein munteres blaues Auge blickte unter den
langen Wimpern hervor.  Weie, faltenreiche rmel bedeckten bis an
die Hand den schnen Arm, ein rotes Mieder mit silbernen Ketten
geschnrt, mit blendend weien, zierlich genhten Linnen umgeben,
schlo eng um den Leib; ein kurzes schwarzes Rckchen fiel kaum bis
ber die Knie herunter; diese schmucken Sachen und dazu noch eine
blanke Schrze und schneeweie Zwickelstrmpfe mit schnen
Kniebndern wollten beinahe zu stattlich aussehen zu dem drftigen
Gemach, besonders da es Werktag war.

Die Kleine spann emsig feine glnzende Fden aus ihrer Kunkel,
zuweilen lftete sie die Gardinen des Bettes und warf einen
verstohlenen Blick hinein.  Doch schnell, als wre sie auf bsen
Wegen ertappt worden, schlug sie die Vorhnge wieder zu und strich
die Falten glatt, als sollte niemand merken, da sie gelauscht habe.

Die Tr ging auf, und eine runde, ltliche Frau in derselben Tracht
wie das Mdchen, aber rmlicher gekleidet, trat ein.  Sie trug eine
dampfende Schssel Suppe zum Frhstck auf, und stellte Teller auf
dem Tisch zurecht.  Indem fiel ihr Blick auf das schne Kind am Bett,
sie staunte sie an, und wenig htte gefehlt, so lie sie den Krug mit
gutem Apfelwein fallen, den sie eben in der Hand hielt.

"Was fllt Der aber um Gottes Willa ei', Brbele?" sagte sie, indem
sie den Krug niedersetzte und zu dem Mdchen trat.  "Was fllt Der
ei', da De am Wertich da nuia rautha Rock zum Spinna anziehst?  Und
au's nui Miader hot sie an, und, ei da Di!--au a silberne Kette.
Und en frischa Schurz, und Strmp no so mir nix Dir nix aus em Kasta
reia?  Wer wird denn en solcha Hochmut treiba, Du dummes Ding; Du?
Woit Du net, da mer arme Leut sind?  Und da Du es Kind voma
onglckliche Mann bist?-"

Die Tochter hatte geduldig die ereiferte Frau ausreden lassen; sie
schlug zwar die Augen nieder, aber ein schelmisches Lcheln, das ber
ihr Gesicht flog; zeigte, da die Strafpredigt nicht sehr tief gehe.
"Ei, so lasset Uich doch b'richta", antwortete sie, "was schadet's
denn dem Rock, wenn i ihn au amol ama christliche Wertag anhau?  An
der silberna Kette wird au nix verderbt, und da Schurz kann i jo
wieder wscha!"

"So?  Als wemma et immer gnuag z'wscha und z'putza htt?  So sag mer
no, was ist denn in De g'fahra, da De so strhlst und scha machst?"

"Ah was!" flsterte das errtende Schwabenkind, "wisset Er denn net,
da heut der acht Tag ist?  Hot et der tti g'sait, der Junker werd'
am heutige Morga verwacha, wenn sei Trnkle guete Wirkung hb?  Und
do hanna eba denkt--"

"Ist's um dui Zeit?" entgegnete die Hausfrau freundlicher.  "Da host
wrle reacht; wenn er verwacht und sieht lles so schluttig und
schlampich, se ist's et guot, und knnt Verdru g beim tte.  Ih
sieh aus wia na Drach.  Gang, Brbele, hol mer mei schwarz Wammes,
mei rauths Miader und en frischa Schurz."

"Aber Muater", gab die Kleine zu bedenken, "Er wendt Uich doch et do
anthau wlla?  Wenn der Junker jetzt no grad verwacha tt?  Ganget
lieber uffe und theant Uich droba an, i bleib derweil bei em."

"Da hast au reacht, Mdle", murmelte die Alte, lie selbst das
Frhstck stehen und ging, um sich in ihren Putz zu werfen.  Die
Tochter aber ffnete das Fenster der frischen, erquickenden
Morgenluft, sie streute Futter auf den breiten Sims, viele Tauben und
Sperlinge flogen heran und verzehrten mit Gurren und Zwitschern ihr
Frhstck; die Lerchen in den Bumen vor den Fenstern antworteten in
einem vielstimmigen Chorus, und das schne Mdchen sah, von der
Morgensonne umstrahlt, lchelnd ihren kleinen Kostgngern zu.

In diesem Augenblick ffneten sich die Gardinen des Bettes, der Kopf
eines schnen, jungen Mannes sah heraus; wir kennen ihn, es ist Georg.

Ein leichtes Rot, der erste Bote wiederkehrender Gesundheit lag auf
seinen Wangen; sein Blick war wieder glnzend, wie sonst; sein Arm
stemmte sich krftig auf das Lager.  Erstaunt blickte er auf seine
Umgebung; dieses Zimmer, dieses Gert waren ihm fremd, er selbst,
seine ganze Lage kam ihm ungewohnt vor.  Wer hatte ihm diese Binde um
das Haupt gebunden?  Wer hatte ihn in dieses Bett gelegt?  Es war ihm
wie einem, der mit frhlichen Brdern eine Nacht durchjubelt, die
Besinnung endlich verloren hat und auf einem fremden Lager aufwacht.

Lange sah er dem Mdchen am Fenster zu; dieses Bild, das erste, das
ihm bei seinem Erwachen aus langem Schlaf entgegen trat, war so
freundlich, da er das Auge nicht davon abwenden konnte; endlich
siegte die Neugierde, ber das, was mit ihm vorgegangen war, gewisser
zu werden; er machte ein Gerusch, indem er die Gardinen des Bettes
noch weiter zurckschlug.

Das Mdchen am Fenster schien zusammenzuschrecken; sie wandte sich um,
ber ein schnes Gesicht flog ein brennendes Rot, freundliche, blaue
Augen staunten ihn an; ein roter, lchelnder Mund schien vergebens
nach Worten zu suchen, den Kranken bei seiner Rckkehr ins Leben zu
begren.  Sie fate sich und eilte mit kurzen Schrittchen an das
Bett, doch machte sie unterwegs mehrere Male halt, als besinne sie
sich ob er denn wirklich wieder aufgewacht sei, ob es sich auch
schicke, da sie zu ihm trete, da er jetzt wieder lebe wie ein
anderer Mensch.

Der junge Mann, nachdem er der Verlegenheit des schnen jungen Kindes
lchelnd zugesehen hatte, brach zuerst das Stillschweigen

"Sag mir, wo bin ich?  Wie kam ich hierher?" fragte Georg.  "Wem
gehrt dieses Haus, worin ich, wie mir scheint, aus einem langen
Schlaf erwacht bin?"

"Sind Er wieder ganz bei Uich?" rief das Mdchen, indem sie vor
Freude die Hnde zusammenschlug.  "Ach, Herr Jeses, wer hett' des
denkt?  Er gucket oin doch au wieder g'scheit an, und et so duselig,
da oins llemol angst und bang wora ist."

"Ich war also krank?" forschte Georg, der das Idiom des Mdchens nur
zum Teil verstand.  "Ich lag einige Stunden ohne Bewutsein?"

"Ei, wie schwtzet Er doch", kicherte das hbsche Schwabenkind und
nahm das Ende des langen Zopfbandes in den Mund, um das laute Lachen
zu verbeien, "a paar Stund, saget Er.  Heut nacht wird's g'rad nei
Tag; da se Uich brocht hent."

Der Jngling staunte sie mit ernsten Blicken an.  Neun Tage, ohne zu
Marien zu kommen!  Zu Marien?  Mit diesem himmlischen Bild kehrte wie
mit einem Schlag seine Erinnerung wieder; er erinnerte sich, da er
vom Bund sich losgesagt habe; da er sich entschlossen habe, nach
Lichtenstein zu reisen, da er ber die Alb auf geheimen Wegen
gezogen sei, da--er und sein Fhrer berfallen, vielleicht gefangen
wurden "Gefangen?" rief er schmerzlich "Sage, Mdchen, bin ich
gefangen?"

Diese hatte mit wachsender Angst gesehen, wie sich die klaren Blicke
des jungen Ritters verfinstert hatten, wie seine freundlichen Zge
ernst, beinahe wild wurden.  Sie glaubte, er falle in jenen
schrecklichen Zustand zurck, wo er, vom Wundfieber hart angefallen,
einige Stunden lang gerast hatte, und der schwermtige Ton seiner
Frage konnte ihre Furcht nicht mindern.  Unschlssig, ob sie bleiben
oder um Hilfe rufen solle, trat sie einen Schritt zurck.

Der junge Mann glaubte in ihrem Schweigen, in ihrer Angst die
Besttigung seiner Frage zu lesen.  "Gefangen, vielleicht auf lange,
lange Zeit", dachte er, "vielleicht weit von ihr entfernt, ohne
Hoffnung, ohne den Trost, etwas von ihr zu wissen!" Sein Krper war
noch zu erschpft, als da er der trauernden Seele widerstanden htte;
eine Trne stahl sich aus dem gesenkten Auge.

Das Mdchen sah diese Trne, ihre Angst lste sich augenblicklich in
Mitleiden auf, sie trat nher, sie setzte sich an sein Bett, sie
wagte es, die herabhngende Hand des Jnglings zu ergreifen "Er
messet et greina", sagte sie, "Euer Gnada sind jo jetzt wieder
g'sund, und--Er kennet jo jetzt bald wieder fortreita", setzte sie
wehmtig lchelnd hinzu.

"Fortreiten?" fragte Georg; "Also bin ich nicht gefangen?"

"G'fanga?  Noi, g'fanga send Er net; es htt zwar a paarmol sei kenne,
wia dia vom schwbischa Bund vorbeizoga send; aber mer hent Uich
allemol guet versteckt; der Vater hot g'sait, mer solla da Junker
koin Menscha seha lau."

"Der Vater?" rief der Jngling.  "Wer ist der gtige Mann?  Wo bin
ich denn?"

"Ha, wo werdet Er sei?" antwortete Brbele.  "Bei aus send Er in
Hardt."

"In Hardt?" Ein Blick auf die musikalisch ausstaffierten Wnde gab
ihm Gewiheit, da er Freiheit und Leben jenem Mann zu verdanken habe,
der ihm wie ein Schutzgeist von Marien zugesandt war.  "Also in
Hardt?  Und Dein Vater ist der Pfeifer von Hardt?  Nicht wahr?"

"Er hot's et gern, wemmer em so ruaft", antwortete das Mdchen, "er
ist freile sei's Zoiches a Spielma, er hairt's am gernsta, wemmer
Hans zua nem sait."

"Und wie kam ich denn hierher?" fragte jener wieder.

"Ja wisset Er denn au gar koi Wrtle meh?" lchelte das hbsche Kind
und bediente sich des Zopfbandes.  Sie erzhlte, ihr Vater sei schon
seit einigen Wochen nicht zu Hause gewesen, da sei er einmal vor neun
Tagen in der Nacht an das Haus gekommen und habe stark gepocht, bis
sie erwacht sei.  Sie habe seine Stimme erkannt und sei hinabgeeilt,
um ihm zu ffnen.  Er sei aber nicht allein gewesen, sondern noch
vier andere Mnner bei ihm, die eine mit einem Mantel verdeckte
Tragbahre in die Stube niedergelassen htten.  Der Vater habe den
Mantel zurckgeschlagen und ihr befohlen, zu leuchten, sie sei aber
heftig erschrocken, denn ein blutender, beinahe toter Mann sei auf
der Bahre gelegen.  Der Vater habe ihr befohlen, das Zimmer schnell
zu wrmen, indessen habe man den Verwundeten, den sie seinen Kleidern
nach fr einen vornehmen Herrn erkannt habe, auf das Bett gebracht.
Der Vater habe ihm seine Wunden mit Krutern verbunden, habe ihm dann
auch selbst einen Trank bereitet, denn er verstehe sich trefflich auf
die Arzneien fr Tiere und Menschen.  Zwei Tage lang seien sie alle
besorgt gewesen, denn der Junker habe gerast und getobt.  Nach dem
zweiten Trnklein aber sei er still geworden, der Vater habe gesagt,
am achten Morgen werde er gesund und frisch erwachen, und wirklich
sei es auch so eingetroffen.

Der junge Mann hatte mit wachsendem Erstaunen der Rede des Mdchens
zugehrt.  Er hatte sie oft unterbrechen mssen, wenn er ihre
zierlichen Ausdrcke nicht recht verstand, oder wenn sie in ihrer
Rede abschweifte, um die Kruter zu beschreiben, woraus der Pfeifer
von Hardt seine Arzneien bereitet hatte.

"Und Dein Vater", fragte er sie, "wo ist er?"

"Was wisset mir, wo er ist!" antwortete sie ausweichend, doch als
besinne sie sich eines Besseren, setzte sie hinzu: "Uich kammes jo
saga, denn Ihr messet gut Freund sei mit em Vater.  Er ist nach
Lichtastoi."

"Nach Lichtenstein?" rief Georg, indem sich seine Wangen hher
frbten.  "Und wann kommt er zurck?"

"Ja er sott schau seit zwoi Tag do sei, wie ner gsait hot.  Wennem no
nix g'scheha ist.  D'Leut saget, die bndische Reiter bassenem uff."

Nach Lichtenstein--dorthin zog es ja auch ihn.  Er fhlte sich
krftig genug, wieder einen Ritt zu wagen und das Versumnis der neun
Tage einzuholen.  Seine nchste und wichtigste Frage war daher nach
seinem Ro.  Und als er hrte, da es sich ganz wohl befinde und im
Kuhstall seiner Ruhe pflege, war auch der letzte Kummer von ihm
gewichen.  Er dankte seiner holden Pflegerin fr seine Wartung und
bat sie um sein Wams und seinen Mantel.  Sie hatte lngst alle Spuren
von Blut und Schwerthieben aus den schnen Gewndern vertilgt; mit
freundlicher Geschftigkeit nahm sie die Habe des Junkers aus dem
geschnitzten und gemalten Schrein, wo sie neben ihrem Sonntagsschmuck
geruht hatten.  Lchelnd breitete sie Stck vor Stck vor ihm aus und
schien sein Lob, da sie alles so schn gemacht habe, gerne zu hren.
Dann enteilte sie dem Gemach, um die frohe Botschaft, da der Junker
ganz genesen sei, der Mutter zu verknden.




Kapitel 16


Als die runde Frau und Brbele von der Bodenkammer herabstiegen, war
ihr erster Gang nicht in das Gemach, wo ihr Gast war, sondern nach
der Kche, und zwar aus zweierlei Grnden: Einmal, weil jetzt dem
Gast ein krftiges Hafermus gekocht werden mute, und dann--von der
Kche ging ein kleines Fenster in die Stube, dorthin stellte sich die
Mutter, um die Mienen des Junkers zu rekognoszieren.

Brbele stellte sich auf die Zehen und schaute ihrer Mutter ber die
Schulter durchs Fensterlein.  Sie staunte, und ihr Herz pochte seit
siebzehn Jahren zum ersten Mal recht ungestm:

Denn so hbsch hatte sie sich doch den Junker nicht gedacht.  Sie war
zwar oft von seinem Anblick bis zu Trnen gerhrt gewesen, wenn er
mit starren Augen, ohne Bewutsein, beinahe ohne Leben da lag.  Seine
bleichen, noch im Kampf mit dem Tod so schnen Zge hatten sie oft
angezogen, wie ein rhrendes, erhabenes Bild den frommen Sinn einer
Betenden anzieht.  Aber jetzt, sie fhlte es, jetzt war es was ganz
anderes.  Die Augen waren wieder gefllt von schnem, mutigem Feuer;
es wollte dem Brbele auf den Zehen bednken, als habe sie, so alt
sie geworden, noch gar keine solchen gesehen.  Das Haar lag nicht
mehr in unordentlichen Strngen um die schne Stirn.  Es fiel
geordnet und reich auf den Nacken hinab.

Seine Wangen hatten sich wieder gertet, seine Lippen waren so frisch
wie die Kirschen an Petri und Paul.  Und wie ihn das seidengestickte
Wams gut kleidete, und der breite weie Halskragen, den er ber das
Kleid heraus gelegt hatte!  Aber das konnte das Mdchen nicht
ergrnden, warum er wohl immer wieder auf eine aus wei und blauer
Seide geflochtene Schrpe nieder sah.  So fest, so eifrig, als wren
geheimnisvolle Zeichen eingewoben, die er zu entziffern bemht sei.
Ja, es kam ihr sogar vor, als drcke er die Feldbinde an das Herz,
als fhre er sie an die Lippen voll Andacht und Inbrunst, wie man
Reliquien zu verehren pflegt.

Die runde Frau hatte indessen ihre Forschungen durch das Fensterlein
beendet. "'s ist a Herr wie na Prinz", sagte sie, indem sie das
Hafermus umrhrte.  "Was er a Wammes a hat!  Dia Herra z'Stuagert
kennet's et schner hau.  Was duet er no mit dem Fetza, won er in der
Hand hot?  Er guckt a so schier ausenander!  Es ist, ka sei, a bisle
Bluat na komme, da ens verzirnt."

"Noi, sell isch et", entgegnete Brbele, die jetzt bequemer das
Zimmer bersehen konnte.  "Aber wisset Er, Muater, wia mers frkommt?
Er macht so gar fuirige Auga druf na.  Sell ist gewi ebbes von seim
Schatz."

Die runde Frau konnte sich nicht enthalten, ber die richtige
Vermutung ihres Kindes ein wenig zu lcheln, doch schnell nahm sie
ihre mtterliche Wrde wieder zusammen, indem sie entgegnete: "A, was
woist Du von Schtz!  So na Kind wie Du mua gar a nix so denka.
Gang jetzt weg vom Fensterle dort, lang mir sell Hfele her.  Der
Herr wir a frnehmes Fressa g'wohnt sei, i mua am a bisle viel
Schmalz in de Brei dauh."

Brbele verlie etwas empfindlich das Fenster.  Sie wute, da sie
ihrer Mutter nicht widersprechen drfe, aber diesmal hatte diese
offenbar unrecht.

Das Frhstck des Junkers war indessen fertig geworden, es fehlte
nichts mehr als ein Becher guten alten Weines.  Auch dieser war bald
hereingebracht, denn der Pfeifer von Hardt war zwar ein geringer Mann,
aber nicht so arm, da er nicht fr feierliche Gelegenheiten ein
Fchen im Keller liegen hatte.  Das Mdchen trug den Wein und das
Brot, und die runde Frau ging in vollem Sonntagsstaat, die Schssel
mit Hafermus in beiden Fusten, ihrem holden Tchterlein voran in die
Stube.

Es kostete den jungen Mann nicht geringe Mhe, den vielen Knixen der
Pfeifersfrau Einhalt zu tun.  Sie hatte in ihrer Jugend einmal auf
dem Schlo zu Neuffen gedient und wute, was Lebensart war.  Daher
blieb sie mit der rauchenden Schssel an ihrer eigenen Schwelle
stehen, bis ihr der gestrenge Junker ernstlich befahl, vorzutreten.
Die Tochter aber stand errtend hinter der runden Frau, und ihr
verschmtes Gesicht wurde nur auf Augenblicke sichtbar, wenn die
Mutter sich recht tief verneigte.  Auch sie machte die gehrige
Anzahl Knixe, doch mochten sie nicht so ungemein ehrerbietig sein,
denn sie hatte ja schon ein halbes Stndchen mit ihm geplaudert.

Das Mdchen deckte jetzt den Tisch mit frischem Linnen, setzte dem
Junker das Hafermus und den Wein an den Ehrenplatz in der Ecke der
Bank unter dem Kruzifix.  Dann steckte sie einen zierlich
geschnitzten, hlzernen Lffel in das Mus.  Er blieb aufrecht darin
stehen, und es war dies ein gutes Zeichen, da das Frhstck delikat
bereitet sei.  Als der Junker sich niedergelassen hatte, setzten sich
auch Mutter und Tochter an den Tisch zu ihrem Suppennapf, doch in
bescheidener Entfernung, und nicht, ohne das Salzfa zwischen sich
und ihren vornehmen Gast zu stellen.  Denn so wollte es die Sitte in
den guten alten Zeiten.

Georg hatte, whrend sie das Frhmal verzehrten, Mue genug, die
beiden Frauen zu betrachten.  Er gestand sich, da die Hausehre des
Pfeifers von Hardt eine stattliche Frau sei, die vielleicht manchen
weniger khnen Mann als seinen Fhrer und Erretter unter die Stelzen
ihrer gewichtigen Schuhe (Pantoffeln hatte sie wohl nicht) gebracht
htte.  Auch das Kind des Spielmanns dnkte ihm eine liebliche Dirne,
und ein so schner Kopf, solche freundlichen Augen htten vielleicht
in seinem Herzen einen nicht zu verachtenden Raum gewonnen, wre es
nicht von einem Bild schon ganz erfllt gewesen, wre nicht die Kluft
so unendlich gro gewesen, welche Geburt und Verhltnisse zwischen
den Erben des Namens Sturmfeder und der geringen Tochter des Pfeifers
von Hardt befestigt hatten.  Nichtsdestoweniger ruhten seine Blicke
mit Wohlgefallen auf ihren reinen, unschuldigen Zgen, und wre die
runde Frau nicht mit ihrer Suppe zu beschftigt gewesen, so wre ihr
wohl die Rte nicht entgangen, die auf den Wangen ihres Kindes
aufstieg, wenn zufllig einer ihrer verstohlenen Blicke dem Auge des
jungen Mannes begegnete.

"Der Napf ist leer, jetzt ist es Zeit zu schwatzen." Dieser richtige
Spruch galt auch hier, sobald das Tischtuch weggenommen war.  Georg
lagen vornehmlich zwei Dinge am Herzen: Er mute gewi sein, wann der
Pfeifer von Lichtenstein zurckkommen wrde, weil er nur seine
Nachrichten ber die Geliebte abwarten wollte, um dann sogleich zu
ihr zu eilen.  Und zweitens war es ihm sehr wichtig, zu erfahren, wo
das Heer des Bundes in diesem Augenblick stehe.  ber das Erstere
konnte er keine weitere Auskunft erhalten, als was ihm das Mdchen
frher schon gesagt hatte.  Der Vater sei etwa seit sechs Tagen
abwesend, habe aber versprochen, am fnften Abend wieder hier zu sein,
und sie erwarteten ihn daher stndlich Die runde Frau vergo Trnen,
indem sie dem Junker klagte, da ihr Mann, seitdem dieser Krieg
begonnen, kaum einige Stunden zu Hause gewesen sei.  Er sei von
trberen Zeiten her schon als ein unruhiger Mann berchtigt.  Jetzt
murmeln die Leute auch wieder allerlei ber ihn, und gewi bringe er
seine Frau und sein Kind durch sein gefhrliches Leben noch in
Unglck und Jammer.

Georg suchte alle Trostgrnde hervor, um ihre Trnen zu stillen.  Es
gelang ihm wenigstens so weit, da sie ihm seine Fragen nach dem
Bundesheer beantwortete.

"Ach, Herr", sagte sie, "des ist a Graus und a Jomer.  'S ist grad,
wie wenn der wild Jger uf de Wolka reitet, und mit seine
g'schpenstige Hund bers Lager wegzieht.  'S ganz Unterland hent se
schau, und jetzt goht's mit em hella Haufe ge Tibenga."

"So sind die Festungen alle schon in ihrer Hand?" fragte Georg
verwundert.  "Hellenstein, Schorndorf, Gppingen, Teck, Urach?  Sind
sie alle schon eingenommen?"

"lles hent se.  A Mann vo Schorndorf hot's g'sait, da se de
Hellastoi, Schorndorf und Gppinga hent.  Aber von Teck und Aurich
kan e Uich ganz gnau berichta, mer send jo koine drei, vier Stund
davo." Sie erzhlte nun: Am dritten April sei das Heer vor Teck
gezogen.  Sie htten einen Teil des Fuvolkes vor das eine Tor
gesetzt und sich mit der Besatzung ber die bergabe besprochen.  Da
seien alle Knechte zu diesem Tor geeilt und haben zugehrt, und
indessen sei das andere Tor von den Feinden bestiegen worden.  Im
Schlo Urach aber seien vierhundert herzogliche Fuknechte gewesen.
Die habe die Brgerschaft nicht in die Stadt lassen wollen, als der
Feind anrckte.  Es sei zum Gefecht zwischen ihnen gekommen, worin
die Knechte auf den Markt gedrungen seien, dort aber sei der Vogt von
einer Kugel getroffen und nachher mit Hellebarden niedergestoen
worden.  Die Stadt habe sich dem Bund ergeben.  "Es ist koi Wunder",
schlo die runde Frau ihre Erzhlung, "lle Burga und Schlsser nehme
se ei.  Denn se hent lange Feldschlanga und Bombardierstuck, wo se
Kugla draus schieet, graier als mei Kopf, da lle Maura zema
brecha und lle Tirn einfalla maet."

Georg konnte nach diesem Bericht ahnen, da eine Reise von Hardt nach
Lichtenstein nicht minder gefhrlich sein werde als jener Ritt ber
die Alp, denn er mute gerade die Linie zwischen Urach und Tbingen
durchschneiden.  Doch war Urach schon seit mehreren Tagen vom Heer
verlassen.  Die Belagerung von Tbingen mute notwendig viel
Mannschaft erfordern, und so konnte Georg dennoch hoffen, da keine
eigentlichen Posten mehr den Strich Landes, den er zu durchreisen
hatte, besetzt halten wrden.

Mit Ungeduld erwartete er daher die Ankunft seines Fhrers.  Seine
Kopfwunde war geheilt.  Sie war nicht tief gewesen, denn die Federn
seines Barettes und sein dichtes Haar hatten dem Hieb, der nach ihm
gefhrt worden war, seine Schrfe genommen.  Doch war der Schlag noch
immer krftig genug gewesen, um ihn auf so viele Tage des Bewutseins
zu berauben.  Auch seine brigen Wunden an Arm und Beinen waren
geheilt, und die einzige krperliche Folge jener unglcklichen Nacht
war eine Mattigkeit, die er dem Blutverlust, dem langen Liegen und
dem Wundfieber zuschrieb.  Doch auch diese schwand von Stunde zu
Stunde, denn ein frischer Mut und sehnschtige Gedanken in die Ferne
verjagten gar bald solche schlimmen Gste.

Er mute auch die trauliche gutmtige Geschwtzigkeit des Mdchens
bewundern.  Die runde Frau mochte schmlen wie sie wollte, mochte sie
noch so oft ermahnen, den hohen Stand des Ritters zu bedenken, sie
lie es sich nicht nehmen, ihren Gast zu unterhalten, besonders da
sie ihren geheimen Plan, zu erforschen, ob sie in Hinsicht auf die
Feldbinde besser geraten habe als die Mutter, noch nicht aufgegeben
hatte.  Sie hatte hierber noch ihre ganz besonderen Gedanken.  Als
nmlich der Junker so gar krank gelegen, war sie in der Nacht noch
lange aufgeblieben, um dem Vater Gesellschaft zu leisten, der am Bett
des Verwundeten wachte.  Doch bald schlief sie ber ihrer Arbeit ein.
Es mochte ungefhr zehn Uhr in der Nacht sein, da sie von einem
Gerusch im Zimmer aufgeweckt wurde.  Sie sah einen Mann mit dem
Vater angelegentlich sprechen; seine Zge entgingen ihr nicht,
obgleich er sich in eine groe Kappe gehllt hatte; sie glaubte einen
Diener des Ritters von Lichtenstein, der schon oft auf geheimnisvolle
Weise zu dem Pfeifer von Hardt gekommen war und bei dessen
Anwesenheit sie immer das Zimmer hatte verlassen mssen, in ihm zu
erkennen.

Neugierig, endlich einmal zu hren, was dieser Mann bei dem Vater zu
tun habe, schlo sie ihre Augen wieder fest zu; denn es war ihr
wahrscheinlich, da ihr Vater sie nur im Zimmer lie, weil er sie fr
fest eingeschlafen hielt.  Der Mann erzhlte von einem Frulein, die
ber eine gewisse Nachricht untrstlich sei.  Sie habe den fremden
Mann gebeten und gefleht, nach Hardt zu gehen und Nachricht
einzuziehen, sie habe geschworen, wenn er nicht gute Nachricht bringe,
ihrem Vater alles zu sagen, und zur Pflege des Kranken selbst zu
kommen.  Solches hatte der Lichtensteiner heimlich gesprochen; der
Vater hatte darauf das Frulein beklagt, hatte dem Boten den ganzen
Zustand des Kranken geschildert und versprochen, da er, sobald sich
der Kranke gebessert habe, selbst kommen werde, um dem Frulein
diesen Trost zu bringen.  Der fremde Mann hatte sodann dem Kranken
ein Lckchen von seinen langen Haaren abgeschnitten, es in ein Tuch
geschlagen und unter dem Wams wohl verwahrt; darauf war er, vom Vater
gefhrt, aus der Stube gegangen, und kurz nachher hrte sie ihn bei
Nacht und Nebel wieder wegreiten.

Diese Begebenheit hatten die vielerlei Geschfte der folgenden Tage
bald wieder aus dem leichten, jugendlichen Sinn der Tochter des
Pfeifers von Hardt verdrngt, sie erwachte aber jetzt aufs neue,
aufgeregt durch das, was Brbele durchs Kchenfenster gesehen hatte.
Sie wute, da der Ritter von Lichtenstein eine Tochter habe, denn
die Schwester des Spielmanns war ja ihre Amme.  Und dieses Frulein
mute es wohl sein, die den Lichtensteiner Knecht gesandt habe, um
sich so angelegentlich nach dem Kranken zu erkundigen, die sogar
selbst kommen wollte, um ihn zu pflegen.

Trnen traten ihr in die sonst so frhlichen Augen, als sie bedachte,
wie leicht der Junker seinem Liebchen htte wegsterben knnen, und
wie sie dann so einsam und ohne Liebe gewesen wre, und doch war sie
gewi recht schn und eines vornehmen reichen Ritters Kind.  Doch ist
nicht der Junker noch viel schlimmer daran? dachte das gutherzige
Schwabenkind weiter; dem Frulein hat ja der Vater jetzt Nachricht
von ihm gebracht, aber er, er wute ja seit vielen Tagen kein
Wrtchen von ihr; denn frher wute er nichts von sich selbst, und
seit er wieder ganz bei Leben war, konnte er auch nichts wissen;
darum hatte er wohl die Binde, die er gewi von ihr hatte, so bewegt
angeschaut und ans Herz und den Mund gedrckt?  Sie nahm sich vor,
ihm zu erzhlen, was in jener Nacht vorgegangen sei, vielleicht ist
es ihm doch ein Trost, dachte sie.

Georg hatte bemerkt, wie die frhliche Miene des spinnenden Brbele
nach und nach ernster geworden war, wie sie ber etwas nachzusinnen
schien, ja er glaubte sogar eine Trne in ihrem Auge bemerkt zu haben.
"Was hast Du, Mdchen", sagte er, als die Mutter gerade das Zimmer
verlassen hatte, "warum wirst Du auf einmal so still und ernst und
netzest ja sogar Deine Fden mit Trnen?"

"Send denn Ihr so lustig, Junker? fragte Brbele und sah ihm recht
fest ins Auge, "i han gmoint, es sei vorig ebbes aus Eure Auge grollt,
was selle Binde dort gnetzt hot.  Sell hent Er gewi vo Eurem
Schtzle, und jetzt tuets Uich loid, da Er et bei er send."

Sie mochte nahe ans Ziel getroffen haben, denn der junge Mann
errtete tief ber ihre Frage.  "Du hast vielleicht recht", sagte er
lchelnd, "doch bin ich deswegen nicht gar zu traurig, ich werde sie
bald wiedersehen."

"Ach, was des fr a Freud sein wird in Lichtastoi!" entgegnete
Brbele mit einem schelmischen Seitenblick.

Georg erstaunte; sollte ihr der Vater von dem Geheimnis seiner Liebe
etwas gesagt haben?  "In Lichtenstein?" fragte er sie.  "Was weit Du
von mir und Lichtenstein?"

"Ach, i mags dem gndigen Frule wohl gnna, da se wieder a mol a
Freud hot; mer hot mer gsait, se hb rechtschaffa g'jommert, wie Er
so krank gw send."

"Gejammert, sagst Du?" rief Georg, indem er aufsprang und zu ihr trat.
"So wute sie um meine Krankheit?  Oh sprich, was weit Du von
Marie?  Kennst Du sie?  Was sagte der Vater von ihr?"

"Der Vater hot koi sterbes Wrtle zu mer gsait, und i wit au net,
da es a Frule von Lichtastoi geit, wenn et mei Bas ihr Amm wr.
Aber Er meet mers et bel nemme, Junker, dasse a bissele ghorcht
han, gucket, des Ding ist so ganga." Sie erzhlte dem Junker, wie sie
hinter das Geheimnis gekommen sei und da der Vater, wahrscheinlich,
um guten Trost zu bringen, nach Lichtenstein gegangen sei.

Georg wurde schmerzlich bewegt durch diese Nachricht, er hatte bis
jetzt geglaubt, Marie werde die Nachricht seines Unfalls zugleich mit
der trstlichen Kunde seiner Genesung erhalten, und jetzt mute er
erfahren, da sie mehrere bange Tage in Ungewiheit geschwebt habe:
in der schrecklichen Ungewiheit, ob er nicht hier noch entdeckt
werde, ob er gerettet werde, ob sie ihn je wiedersehen wrde; er
kannte ihr treues Herz, und wie lebhaft konnte er sich ihren Kummer
denken!  Wahrlich, sein eigenes Unglck schien ihm gering und nicht
zu beachten, wenn er sich den Jammer des teuren Mdchens vorstellte.
Wieviel hatte sie in Ulm gelitten, wie schmerzlich war ihr der
Abschied von ihm geworden: und kaum hatte ihr Herz wieder freier
geatmet in dem Gedanken, da er des Bundes Fahnen verlassen werde,
kaum hatte sie ein wenig heiterer in die Zukunft gesehen, so kam ihr
die Schreckensbotschaft von der tdlichen Wunde.  Und dieses vor den
Blicken des Vaters verschlieen zu mssen, diesen groen Schmerz
allein tragen mssen, ohne eine, auch nur eine Seele zu haben, bei
welcher sie weinen, bei welcher sie Trost suchen konnte.  Jetzt
fhlte er erst, wie notwendig es sei, schnell nach Lichtenstein zu
eilen, und seine Ungeduld wurde zum Unmut, da jener sonst so kluge
Mann gerade in diesen kostbaren Augenblicken so lange ausbleibe.

Das Mdchen mochte seine Gedanken erraten: "I sieh wohl, Er mchtet
gern fort; wenn no der Vater do wr, denn alloi fendet Er da Weg nach
Lichtastoi net; Er send koi Witaberger, des merke an der Sproch, und
do kennet Er leicht verirra.  Wisset Er was?  I lauf em Vater entgege
und mach, da er bald kommt."

"Du wolltest ihm entgegengehen?" sagte Georg, gerhrt von der
Gutmtigkeit des Mdchens.  "Weit Du denn, ob er schon in der Nhe
ist?  Vielleicht ist er noch Stunden entfernt, und in einer Stunde
wird es Nacht!"

"Und wr's so Nacht, da mer da Weg mit de Hnd greifa met, und
met i laufa bis Lichtastoi, i wetts gern dauh, Er kommet jo no
blder zu--".  Errtend schlug sie die Augen nieder, denn trieb sie
auch ihr gutes Herz, sich zum Liebesboten des Ritters anzubieten, so
schmte sie sich doch, jenes zarte Verhltnis, das ihr heute so klar
wie noch nie zuvor einleuchtete, zu berhren.

"Und willst Du mir zulieb gehen bis Lichtenstein, so wre es ja
tricht von mir, zurckzubleiben und erst Deinen Vater zu erwarten.
Ich sattle geschwind mein Ro und reite neben Dir her, und Du zeigst
mir den Weg, bis ich ihn nicht mehr verfehlen kann."

Das Mdchen von Hardt schlug die Augen nieder und spielte mit dem
langen Zopfband "Aber es wird jo scho en era Stund Nacht", flsterte
sie kaum hrbar.

"Ei, was schadet das?  Dann bin ich um den Hahnenschrei in
Lichtenstein", antwortete Georg, "Du wolltest Dich ja vorhin selbst
bei Nacht und Nebel auf den Weg machen."

"Ja i wohl", entgegnete Brbele, ohne aufzusehen, "aber Uich ist's
gwi et gsund, wo ner erst krank gw send, so in der khla Nacht en
Weg von sechs Stund zmacha."

"Das kann ich nicht beachten", rief Georg, "und die Wunde ist ja
geheilt, ich bin gesund wie zuvor; nein, rste Dich immer, gutes Kind,
wir brechen sogleich auf, ich gehe, mein Pferd zu satteln." Er nahm
den Zaum von einem Nagel an der Wand, wo er aufgehngt war; und
schritt zur Tr.

"Herr!  Euer Gnaden!" rief ihm das Mdchen ngstlich nach.  "Lasset's
lieber geh.  Gucket, 's tuet se et, da mer so selbander in der Nacht
fortganget.  D'Leut in Hardt send so gar wunderlich, und mer tt mer
gwi ebbes ahnga, wenne--wartet lieber bis morga frh, so wille
Uich meinetwega fhra bis Pfullinga."

Der Junker ehrte die Grnde des guten Mdchens und hing schweigend
den Zaum wieder an die Wand.  Er beschlo, diesen Abend und die
folgende Nacht noch auf den Pfeifer zu warten, kme er nicht, so
wollte er mit dem frhesten Morgen zu Pferd sein und unter Leitung
seiner schnen Tochter nach Lichtenstein aufbrechen.




Kapitel 17


Aber der Pfeifer von Hardt kehrte auch in dieser Nacht nicht nach
Haus zurck, und Georg, der seine Sehnsucht nach der Geliebten nicht
mehr lnger zgeln konnte, sattelte, als der Morgen graute, sein
Pferd.  Die runde Frau hatte nach einigen harten Kmpfen ihrem
Tchterlein erlaubt, da sie den Junker geleiten drfe.  Sie wute
zwar, da ein so unerhrtes Ereignis viele Abende zur Unterhaltung in
den Spinnstuben von Hardt dienen werde, und sah es deswegen nicht
ganz gerne.  Wenn sie aber bedachte, wieviel ihrem Eheherrn an dem
jungen Ritter gelegen sein msse, weil er ihn in sein Haus
aufgenommen und wie einen Sohn gepflegt hatte, so glaubte sie doch,
diesen letzten Dienst ihrem Gast nicht abschlagen zu drfen; doch
machte sie die Bedingung, da Brbele vorausgehen und ihn eine
Viertelstunde hinwrts an einem Markstein erwarten msse.

Georg nahm gerhrt Abschied von der stattlichen, runden Frau, die ihm
zu Ehren heute noch einmal in ihrem Sonntagsstaat prangte; er hatte
in den geschnitzten Schrank einen Goldgulden gelegt, ein wichtiges
Geschenk fr die damalige Zeit, und eine bedeutende Summe fr die
Reisekasse Georgs von Sturmfeder.  Der Pfeifer von Hardt soll
brigens nie etwas von diesem Depositum erfahren haben; sei es nun,
da die gute runde Frau den Goldgulden nicht gefunden hat oder da
sie ihrem Eheherrn nichts davon berichtete, aus Angst, er mchte den
Junker durch die Rckgabe des Geschenkes beleidigen.  Nur so viel ist
gewi, da die Frau des Spielmanns kurze Zeit nach diesem Vorfall mit
einem nagelneuen Rock in der Kirche erschien, zur Verwunderung aller
Weiber in der Gegend, und da ihre Tochter Brbele eine schnes
Mieder von feinem Tuch mit Goldborden auf der nchsten Kirchweih trug,
das man frher nie an ihr gesehen.  Auch soll sie jedes Mal errtet
sein, wenn die Mdchen das neue Mieder befhlten und lobten.

Georg fand seine Fhrerin auf dem bezeichneten Markstein sitzend.
Sie sprang auf, als er herankam, und ging mit raschen Schritten neben
ihm her.  Das Mdchen kam ihm heute noch viel hbscher vor als
gestern.  Ihre Wangen hatte der frische Aprilmorgen mit hohem Rot
bedeckt, und ihre Augen glnzten freundlich.  Ihre Tracht eignete
sich ganz gut zu einem weiten Marsch, denn das kurze Rckchen
hinderte den Fu nicht, flink auszuschreiten.  Sie hatte ein Krbchen
an den Arm gehngt, als wolle sie zum Markt in die Stadt gehen.  Sie
trug aber weder Gemse noch Frchte darin, was sie wohl sonst in die
Stadt zu bringen pflegte, sondern ein Regentuch, mit dem sie sich
gegen die wechselnden Launen eines Apriltages versehen hatte.

Sie whlte meistens Nebenwege und fhrte den Reiter hchstens zwei-
bis dreimal durch Drfer, von zwei zu zwei Stunden aber machten sie
halt.  Endlich nach vier solchen Stationen sah man in der Entfernung
von einer kleinen halben Stunde ein Stdtchen liegen; der Weg schied
sich hier, und ein Fupfad fhrte links ab in ein Dorf.  An diesem
Scheidepunkt blieb das Mdchen stehen und sagte: "Was Er dort sehet,
ist Pfulliga, von dort kann Uich jedes Kind da Weg nach Lichtastoi
zeiga."

"Wie?  Du willst mich schon verlassen?" fragte Georg, der sich an die
munteren, sinnigen Reden seiner Begleiterin so gewhnt hatte, da ihn
der Abschied berraschte.  "Warum gehst Du nicht wenigstens mit mir
bis Pfullingen?  Dort kannst Du in der Herberge etwas essen und
trinken; Du willst doch nicht geradezu nach Haus laufen?"

Das Mdchen suchte freundlich auszusehen und zu scherzen, doch konnte
sie einen schmerzlichen Zug um den Mund und trbe Augen nicht
verbergen; denn wohl mochte auch ihr die Nhe ihres schnen Gastes
teurer geworden sein, als sie vielleicht selbst wute.  "Do mue i
von Uich geh, gndiger Herr", sagte sie, "so gerne au no weiters
mitging, aber d'Mueter will's so; dort in dem Drfle am Berg hanne a
Bas, und bei der bleibe heut, und morga gange wieder nach Hardt.
Jetzt b'het Uich Gott der Herr und d'heilig Jungfrau, und lle seine
Heilige nemmet Uich in Schutz.  Gret mer de Vater und au", setzte
sie lchelnd hinzu, indem sie schnell eine Trne abschttelte,
"gret mer sell Frhla, die Er so gern hent."

"Dank Dir, Brbele", entgegnete Georg und reichte ihr die Hand zum
Abschied vom Pferd hinab.  "Ich kann Dir Deine treue Pflege nicht
vergelten.  Aber wenn Du nach Haus kommst, so schau in den
geschnitzten Schrank, dort wirst Du etwas finden, das vielleicht zu
einem neuen Mieder oder zu einem Rckchen fr den Sonntag reicht.
Nun, und wenn Du es dann zum ersten Mal anhast und Dein Schatz Dich
darin kt, so denke an Georg von Sturmfeder!"

Der junge Mann gab seinem Pferd die Sporen und trabte ber die grne
Ebene hin dem Stdtchen zu.  Bald war er am Tor der kleinen Stadt
angelangt.  Er fhlte sich ermdet und durstig und fragte daher auf
der Strae nach einer guten Herberge.  Man wies ihn nach einem
kleinen dsteren Haus, wo ein Spie ber der Tr und ein Schild, mit
einem springenden Hirsch geziert, zur Einkehr luden.  Ein kleiner
barfiger Junge fhrte sein Pferd in den Stall, ihn selbst aber
empfing in der Tr eine junge, freundliche Frau und fhrte ihn zur
Trinkstube.

Es war dies ein weites finsteres Zimmer, an dessen Wnden sich
schwere eichene Tische und Bnke hinzogen.  Die ungeheure Menge von
Kannen und Bechern, die blank gescheuert von den Gestellen am Getfel
herabblinkte, bewies, da die Herberge zum Hirsch sehr besucht sein
msse.  In der Tat saen auch, obgleich es erst Mittag war, schon
viele Gste beim Wein.  Sie schauten den stattlichen jungen Ritter
prfend an, als er an ihren Tischen vorber zum Ehrenplatz, in ein
sechseckiges, wie eine Laterne aus lauter Fenstern erbautes Erkerlein
gefhrt wurde; doch lieen sie sich in ihrem Gesprch durch den
vornehmen Gast nicht lange stren, sondern schwatzten weiter ber
Krieg und Frieden, ber Schlachten und Belagerungen, wie ehrsame
Spiebrger in so unruhigen Zeiten, wie Anno 1519, zu tun pflegten.

Die Wirtin schien an ihrem Gast Gefallen zu finden.  Sie schaute mit
lchelnder Miene nach ihm herber, wenn sie am Erkerlein vorbeiging,
und als sie ihm eine Kanne alten Heppacher und einen silbernen Becher
vorsetzte, zog sich ihr etwas groer Mund zu holdseliger
Freundlichkeit.  Sie versprach ihm auch, ein junges Huhn zu braten
und einen Tisch zu decken, wenn er sich nur ein wenig gedulden wolle;
einstweilen solle er sich den Wein gut bekommen lassen.  Das
laternenfrmige Erkerlein lag um zwei Stufen hher als die brige
Trinkstube; Georg konnte daher mit Mue die Tische bersehen und
trinkend die Gste mustern.  Ob-gleich er nicht viel in Herbergen und
Weinstuben sich herumzutreiben pflegte, so hatte er doch, vielleicht
dadurch, da er weniger sprach als beobachtete, einen eigenen Takt in
Beurteilung solcher Umgebungen gewonnen, der ihn auch bei seinen
jetzigen Beobachtungen untersttzte.

Die Gesellschaft, die um einen der groen eichenen Tische sa,
bestand aus etwa zehn bis zwlf Mnnern.  Sie unterschieden sich auf
den ersten Anblick nicht sehr voneinander, groe Brte, kurze Haare,
runde Mtzen, dunkle Wmser gehrten dem einen so gut wie dem andern
an.  Doch sonderte ein schrferer Blick bald vorzglich drei von den
brigen.  Der eine--er sa Georg am nchsten, war ein kleiner,
fetter, freundlicher Mann.  Sein Haar war im Nacken etwas lnger als
das der anderen, er hatte es sorgfltiger gekmmt; auch schien sein
dunkler Bart besser gepflegt zu sein.  Ein Mantel von feinem
schwarzem Tuch und ein Filzhut mit spitzigem Kopf und breiter Krempe,
die hinter ihm an einem Nagel hingen, bezeichneten einen Mann von
einigem Gewicht, vielleicht gar einen Ratsherrn.  Er mochte auch eine
bessere Sorte trinken als die brigen, denn er schlrfte bedchtig,
und wenn er mit dem Deckel an seinem Krug das Zeichen gab, da er
leer sei, tat er dies mit einem gewissen Anstand und vernehmlicher
als die brigen.  Er sah bei allem, was gesprochen wurde, beraus
fein und listig aus, als wisse er noch manches, ohne es gerade hier
preisgeben zu wollen.  Auch hatte er das Vorrecht, das Kellnermdchen
in die Wangen zu kneifen oder ihren runden Arm zu "ttscheln", wenn
sie ihm die gefllte Kanne brachte.

Ein anderer Mann, der am entgegengesetzten Ende des Tisches sa,
stach nicht minder gegen seine Umgebung ab als der Fette; alles war
an ihm lnglich und hager.  Sein Gesicht, von der Stirn bis zu dem
langen, zugespitzten Kinn, ma wohl eine gute Mannesspanne; seine
Finger, mit welchen er auf dem Tisch den Takt eines Liedes spielte,
das er leise vor sich hin pfiff, hatten etwas Spinnenartiges, und als
sich Georg einmal zufllig bckte, gewahrte er zu seinem groen
Erstaunen, da der hagere Mann lange, dnne Beine beinahe unter dem
ganzen Tisch hin ausgestreckt hatte.  Er hatte um seine Nase etwas
Hochfahrendes, das sich auch in der Art, wie er allem, was die Brger
vorbrachten, widersprach, ausdrckte; er sah aus wie einer, der viel
mit vornehmen Herren umgegangen ist, ihre Art und Weise angenommen
hat, aber doch nicht recht bequem damit zurechtkommt.  Er konnte
nicht aus dem Stdtchen sein, denn er hatte die Wirtin nach seinem
Pferd gefragt.  Nach Georgs Mutmaungen war er ein reisender Arzt,
wie sie zu jener Zeit im Land umherzogen, um die Menschen knstlich
umzubringen.

Der dritte Mann, der dem Gast im Erker auffiel, sah etwas zerrissen
und zerlumpt aus; er hatte brigens etwas Bewegliches, Listiges in
seinem Wesen, das ihn von der gutmtigen, behaglichen Ruhe der
Spiebrger merklich unterschied.  Er hatte ber dem einen Auge ein
groes Pflaster, das andere aber blickte khn und offen um sich.  Ein
groer Reisestock mit eiserner Spitze, der neben ihm lag, und sein
lederbesetzer Rcken, worauf er gewhnlich einen Korb oder eine Kiste
tragen mochte, lieen schlieen, da er entweder ein Bote sei oder,
wahrscheinlicher noch, einer jener herumziehenden Krmer, die auf
Mrkten und Kirchweihen, nebst wundersamen Nachrichten aus fernen
Landen, fr die Weiber wirksame Mittel gegen behextes Vieh und fr
die Mdchen schne bunte Bnder und Tcher bringen.

Diese drei waren es auch, die das Gesprch fhrten, das nur hin und
wieder durch einen Ausruf der Verwunderung oder durch ein Klopfen mit
den Krugdeckeln von den brigen ehrsamen Brgern unterbrochen wurde.

Diese Mnner handelten brigens eine Materie ab, die Georgs Interesse
sehr in Anspruch nahm.  Sie sprachen ber die Unternehmungen des
Bundes im wrttembergischen Unterland.  Der Krmer mit dem ledernen
Rcken hatte erzhlt, da Mckmhl, worin sich Gtz von Berlichingen
eingeschlossen, von den Bndischen erstrmt und jener tapfere Mann
gefangen worden sei.

Der Ratsherr hatte zu dieser Nachricht listig gelchelt und einen
guten Zug von seiner besseren Sorte getrunken; der Hagere lie aber
den Lederrcken nicht aussprechen; er schlug den Takt mit den langen
Fingern etwas vernehmlicher und sagte mit hohler Stimme: "Das ist
erstunken und erlogen, Freund!  Seht, das ist gar nicht mglich, denn
der Berlichingen versteht die schwarze Kunst und ist fest, das mu
ich wissen, und berdies hat er allein mit seiner eisernen Hand in
mancher Schlacht zweihundert Mann maustot geschlagen, was wird er
sich denn fangen lassen."

"Mit Verlaub", unterbrach ihn der fette Herr, "dem ist nicht so,
sondern Gtz ist in der Tat gefangen und sitzt in Heilbronn.  Aber
nicht, weil er erlegen ist, denn sein Schlo in Mckmhl ist nicht
erstrmt worden, sondern die Bndischen hatten ihm und den Seinigen
freien Abzug versprochen, wie er aber aus dem Tor kam, wurde er
berfallen, seine Knechte gettet und er gefangen.  Seht, das ist
nicht recht, und da hat der Bund schndlich gehandelt."

"Da mu ich doch bitten, Herr" sprach der Lange.  "Da man nicht so
von den Bundesobersten spricht; ich kenne viele Herren davon genau,
wie z.B. Herr Truchse von Waldburg mein geneigter Herr und Freund
ist."

Der fette Herr schien etwas erwidern zu wollen, splte aber das, was
ihm auf der Zunge lag, mit einigem Wein hinunter.  Jedoch die Brger
brachen bei Erwhnung so vornehmer Bekanntschaften in ein Gemurmel
des Staunens aus und lfteten ehrerbietig ihre Mtzen.

"Nun, wenn Ihr beim Bund so bekannt seid", sagte der Zerlumpte mit
etwas trotziger Miene, "so werdet Ihr uns die beste Nachricht geben
knnen, wie es um Tbingen aussieht und was weiter zu erwarten ist."

"Es pfeift aus dem letzten Loch", antwortete der Gefragte, "ich war
vor kurzer Zeit dort und sah die vortrefflichen und schrecklichen
Anstalten zur Belagerung."

"Ei--so--wie", flsterten die Brger und rckten nher zusammen,
als erwarteten sie wichtige Kunde.

Der hagere Mann lehnte sich an die Lehne seines Stuhles zurck,
steckte die langen Finger in die Degenkuppel, streckte die Beine um
einige Zoll lnger aus und sprach: "Ja, ja, Ihr Leute, dort sieht es
arg aus; alle Ortschaften in der Nachbarschaft sind in groem Schaden,
denn die Obstbume sind alle abgehauen, man schiet mit aller Macht
auf Stadt und Schlo, und die Stadt hat sich schon ergeben; im Schlo
liegen vierzig Ritter, aber sie knnen die paar Muerlein nicht mehr
lange halten!"

"Was?  Ein paar Muerlein?" rief der fette Herr und setzte seine
Kanne klirrend auf den Tisch.  "Wer je das Schlo von Tbingen
gesehen hat, kann nicht von ein paar Muerlein reden.  Hat es nicht
auf den Seiten, wo es an den Berg stt, zwei tiefe Graben, da die
Bndler mit keiner Leiter hinaufknnen, und Mauern zwlf Schuh dick,
und Trme, aus welchen sie ihre Feldschlangen nicht bel spielen
lassen."

"Umgeschossen, umgeschossen" rief der lange Mann mit so greulich
hohler Stimme, da die erschrockenen Brger die Trme von Tbingen
krachen zu hren glaubten, "den neuen Turm, den der Ulrich neulich
aufbaute, hat der Frondsberg umgeschossen; wie wenn er nie
dagestanden wre."

"Aber damit ist noch nicht alles hin", antwortete der Zerlumpte.
"Die Ritter machen Ausflle aus dem Schlo und haben schon manchen
auf dem Wrth am Neckar schlafen gelegt.  Und dem Frondsberg haben
sie den Hut vom Kopf geschossen, da er heute noch Ohrensummen hat."

"Da seid Ihr falsch berichtet", sprach der Hagere nachlssig,
"Ausflle?  Dafr haben die Belagerer leichte Reiter wie die Teufel;
es sind Griechen, ich wei nicht vom Ganges oder Epiros, man heit
sie Stratioten; die haben einen Obersten, den Georg Samares, der lt
keinen Hund aus dem Loch ausfallen."

"Der hat halt auch ins Gras beien mssen", entgegnete der zerlumpte
Mann mit einem hhnischen Seitenblick.  "Die Hunde, wie Ihr sie nennt,
sind dennoch ausgefallen, obgleich der Grieche vor dem Loch stand,
und haben ihn gebissen und gefangen, und--"

"Gefangen?  Den Samares?" rief der Lange, aus seiner vornehmen Ruhe
aufgeschreckt.  "Freund, das habt Ihr falsch gehrt!"

"Nein", antwortete jener sehr ruhig, "ich habe die Glocken luten
hren, als man ihn in Sankt Jrgenkirche begraben hat."

Die Brger schauten aufmerksam nach dem langen Fremden, um zu
erforschen, was fr einen Eindruck diese Nachricht auf ihn mache.  Er
lie seine buschigen Augenbrauen herab, da von seinen Augen nichts
mehr zu sehen war, zwirbelte seinen langen dnnen Knebelbart, schlug
mit der Hand auf den Tisch und sagte: "Und wenn sie ihn auch in zehn
Stcke zerhauen htten, den Griechen, es hilft doch nichts!  Das
Schlo mu ber, da hilft nichts, und hat man Tbingen, dann gute
Nacht Wrttemberg!  Der Ulrich ist zum Land hinaus, und meine
gndigen Herren und Gnner sind Meister."

"Wer steht Euch dafr, da er nicht wiederkommt?  Und dann?" sagte
der kluge, fette Herr und klappte den Deckel zu.

"Was?  Wiederkommen!" schrie jener.  "Der Bettelmann!  Wer sagt das,
da er wiederkommt?  Wer wagt es?  He?"

"Was geht es uns an?" murmelten die Gste unmutig.  "Wir sind
friedliche Brger, uns ist's einerlei, wer Herr im Land ist, wenn nur
die Steuern anders werden.--Wenn man in der Herberge ist, wird doch
auch noch ein Wort erlaubt sein." So sprachen sie, und der Hagere
schien zufrieden, da ihm keiner etwas Ernstliches entgegnete.  Er
sah einen um den anderen mit stechendem Blick an, zog dann sein
Gesicht in freundlichere Falten und sagte: "Es war nur zur Erinnerung,
da wir den Herzog frder nicht mehr brauchen; mein' Seel', mir ist
er wie Gift und Operment, darum gefllt mir auch das Paternoster so
gut, das einer auf ihn gemacht hat, ich will es einmal singen." Die
Brger sahen finster vor sich hin und schienen nicht sehr begierig
auf den Spottgesang, der ihrem unglcklichen Herzog galt.  Jener aber
befeuchtete seine Kehle mit einem guten Trunk und sang mit heiserer,
unangenehmer Stimme:


"Vater Unser,
Reutlingen ist unser;
Der Du bist in dem Himmel,
Elingen wlln wir bald gewinnen;
Geheiligt werde Dein Nam',
Heilbronn und Weil wlln wir auch han;
Zu uns komme Dein Reich"
Der Ulmer Bund sieht uns keinem gleich;
Dein Will' geschehe,
Die Mnz' hat gereit ein ander Geprge;
Gib uns unser tglich Brot,
Wir haben Geschtz fr alle Not;
Vergib uns unsere Schuld,
Wir haben des Knigs von Frankreich Huld;
Als wir vergeben unsern Schuldigern,
Wir wlln dem Bund das Maul zusperr'n!
La uns nicht gefhrt werden,
Wir wlln bald Kaiser werden,
In keine Versuchung, sondern erls uns
von allem bel. Amen.
So behalten wir des Kaisers Namen."


Er schlo seinen Gesang mit einem fatalen, zitternden Schnrkel, der
weiter keinen Effekt hervorbrachte, als da die Brger einander
heimlich anstieen und ber die jmmerlichen Tne des Sngers die
Achsel zuckten.  Er aber schaute stolz im Kreis umher, als wolle er
in den Mienen seiner Zuhrer den gerechten Beifall lesen.

"Ihr habt da ein gar frommes Lied gesungen", sagte der Zerlumpte, "so
fein kann ich's nicht, aber doch wei ich auch ein neues Lied und
will es mit Eurem Verlaub singen."

Der Hagere sah ihn scheel und spttisch an, die Brger aber nickten
ihm zu, und er begann mit einem angenehmen Tenor, indem er die Augen
halb zuschlo, aber doch hin und wieder auf den langen Mann hinber
schielte, als beobachte er, welchen Eindruck sein Gesang mache:


"Oh weh, wo bleibet Deine Kraft,
Wrttemberg, Du arme Landschaft;
Ich klag Dich billig hart und sehr,
Denn der Bader von Ulm, der ist Dein Herr.

Der zu Nrnberg die Wetschger macht,
Der Weber von Augsburg treibt auch sein Pracht,
Der Salzsieder von Schwbisch Hall,
Von Ravensburg die Krmer all.

Von Rottweil die neuen Schweizerknaben
Wollten der Gans auch ein Feder haben,
Und der Schneider von Memming ist in der Sach'
Und auch der Krschner von Biberach."


Lrmender Beifall und Gelchter unterbrach den Snger; sie langten
ber den Tisch herber, schttelten dem Zerlumpten die Hand und
lobten sein Lied.  Der Hagere sprach kein Wort, sondern warf finstere
Blicke auf die Gesellschaft; man war ungewi, ob er den Beifall des
Zerlumpten beneidete oder ob der Gegenstand des Liedes ihn beleidigte.
Der fette Herr aber sah ungemein klug aus, brummte die Weise des
Liedes mit und nickte bei jeder Kraftstelle mit dem Haupt.--Der
Snger mit dem ledernen Rcken fuhr fort:


"Den Saymer von Kempten ich Euch meld'
Und Holzhauer von dem Herdtfeldt.
Und andere, die ich nicht nennen will,
Der Haufen ist gro und wird gar zuviel.

Und auch der ist in dem Strau,
Der richt' alles mit Ungeld aus,
Ich mein' Junker Ermlich und sein Gesind,
Des reichen Barchetwebers Kind."


"Da Euch der Kuckuck in den Hals fahr, Ihr Lumpenhund!" fuhr der
lange Mann auf, als er die letzten Worte hrte.  "Ich wei wohl, wen
Ihr mit dem Barchetweber meint, meinen gndigen Gnner, den Herrn von
Fugger.  Den soll mir ein solcher Landlufer verunglimpfen?" Er
begleitete diese Worte mit einem ausdrucksvollen Mienenspiel und mit
schrecklicher Gebrde.

Doch der mit dem ledernen Rcken lie sich nicht einschchtern; er
stellte seine ungemein muskulse Faust vor sich hin und sagte: "Den
Landlufer knnt Ihr fr Euch behalten, Herr Calmus, man wei wohl,
wer Ihr seid; und wenn Ihr nicht augenblicklich Euer Maul haltet, so
will ich Euch Eure Rhrlffelarme vom Leib schlagen."

Der Hagere stand auf und bedauerte sich selbst, da er in so gemeine
Gesellschaft geraten sei; er zahlte seinen Wein und ging vornehmen
Schrittes aus der Trinkstube.




Kapitel 18


Als dieser Mann das Zimmer verlassen hatte, sahen die Gste erstaunt
einander an, es war ihnen, als htten sie ein schweres Gewitter
aufsteigen sehen, es htte gekracht, als ob die Erde bersten wolle,
ja, als wre ein erschrecklicher, ttender Blitz auf sie
herabgefahren, und siehe da, es war nur ein "kalter Schlag".  Dem
Mann mit dem Lederrcken dankten sie, da er den ungezogenen
bermtigen Gast so schnell entfernt habe, und fragten, was er wohl
von dem hageren Fremden wisse?

"Den kenne ich wohl", antwortete dieser, "das ist unseres Herrgotts
Tagdieb, ein fahrender Arzt, der den Leuten Pillen verkauft gegen die
Pest, den Hunden den Wurm schneidet und die Ohren stutzt, die Mdchen
von dicken Hlsen befreit und den Weibern Augenwasser gibt, da sie
blind werden.  Er heit eigentlich Kahlmuser, aber weil er ein
Gelehrter sein will, heit er sich Doktor Calmus.  Er nistet sich bei
allen groen Herren ein, und wenn ihn einer einmal einen Esel
geheien hat, so meint er schon, er sei sein bester Freund."

"Mit dem Herzog mu er aber nicht gut stehen", bemerkte der schlaue
Herr, "denn er hat doch lsterlich ber ihn geschimpft."

"Ja, mit Herrn Ulrich steht er freilich nicht gut; das ging aber so:
Der Herzog hatte einen schnen dnischen Jagdhund, der hatte sich im
Schnbuch einen Dorn tief in die Pfote getreten.  Den Herzog dauerte
der Hund; er forschte nach einem geschickten Mann, der das Tier
heilen knnte, und zufllig war der Kahlmuser da und bot sich mit
wichtigem Gesicht dazu an.  Er bekam im Schlo in Stuttgart alle Tage
gut zu essen und eine Ma Wein; das schmeckte ihm nun so gut, da er
ber ein Vierteljahr an der Hundspfote dokterte.  Da lie ihn eines
Tages der Herzog samt dem Hund rufen und fragte, was er ausgerichtet
habe.  Er soll viel gelehrtes Zeug geschwatzt haben, doch der Herr
hat nicht darauf geachtet, sondern die Pfote selbst untersucht, und
da fand es sich, da sie schon ganz schwarz und brandig war.  Da nahm
der Herzog den Kahlmuser, so lang er war, trug ihn an die lange
Treppe, auf der man bis in den zweiten Stock hinaufreiten kann, und
warf ihn hinunter, da er halb tot unten ankam.  Und seit der Zeit
ist der Doktor Calmus nicht gut auf den Herzog zu sprechen.  Andere
sagen auch, er sei der Kundschafter gewesen zwischen dem Hutten und
Frau Sabina und habe nur deswegen den Hund bernommen, weil er
dadurch ins Schlo kam."

"So?  Mit dem Hutten hat er es gehalten?" sagte einer der Brger.
"Das htten wir wissen sollen, so htten wir ihm das Fell recht
gegerbt, dem Lumpendoktor!  Der Hutten ist doch an all dem unseligen
Krieg schuld mit seiner Liebelei, und der drre Kahlmuser hat ihm
dazu geholfen?"

"De mortuis nil nisi bene; man mu die Toten schonen, sagen die
Lateiner", entgegnete der fette Herr, "der arme Teufel hat es mit dem
Leben teuer genug bezahlt."

"Aber es ist ihm recht geschehen", rief jener Brger mit groer Hitze,
"an des Herzogs Stelle htt' ich's gerade auch so gemacht, ein jeder
Mann mu sein Hausrecht wahren."

"Reitet Ihr zuweilen mit dem Vogt auf die Jagd?" fragte der fette
Herr mit beraus schlauem Lcheln.  "Da habt Ihr die beste
Gelegenheit, ein Schwert habt Ihr ja, und eine Eiche wird sich auch
finden, wohin Ihr seinen Leichnam hngen knnt."

Ein schallendes Gelchter der Brger von Pfullingen belehrte den Gast
im Erker, da jener eifrige Verteidiger des Hausrechts in seinem
eigenen Haus nicht so ganz strenge Justiz ben msse.  Er errtete
und murmelte einige unverstndliche Worte in seinen Becher hinein.

Der Zerlumpte aber, der als Fremder nicht mitlachen wollte, nahm sich
seiner an: "Ja, wohl hat der Herzog ganz recht gehabt; denn er htte
den Hutten auf der Stelle hngen knnen, ohne da er erst mit ihm
focht; er ist ja Freischff vom westflischen Stuhl, vom heimlichen
Gericht, und darf einen solchen Ehrenschnder ohne weiteres abtun.
Und er hatte die besten Beweise gleich bei der Hand."

Das Gesprch der Brger sank jetzt zum Geflster herab, und Georg
glaubte zu bemerken, da sie ber ihn ihre Glossen machten.  Auch die
freundliche Wirtin schien neugierig zu wissen, wen sie in ihrem
Erkerlein beherberge.  Sie setzte die Speisen, die sie ihm bereitet
hatte, vor ihn hin, nachdem sie ein schnes Tafeltuch ber den runden
Tisch ausgebreitet hatte.  Dann nahm sie selbst an der
entgegengesetzten Seite Platz und befragte ihn, wiewohl sehr
bescheiden, ber das Woher?  Und Wohin?

Der junge Mann war nicht gesonnen, ihr ber den eigentlichen Zweck
seiner Reise genaue Auskunft zu geben Das Gesprch der Gste an der
langen Tafel hatte ihn belehrt, da es hier nicht minder gefhrlich
sei, zu gar keiner Partei zu gehren, als sich fr irgendeine
bestimmt zu erklren; er sagte daher, er komme aus Franken und werde
noch weiter hinauf ins Land, in die Gegend von Zollern reisen, und
schnitt somit jede weitere Frage ab; denn die Wirtin war zu
bescheiden, als da sie sich den Ort, wohin er gehe, noch nher htte
bezeichnen lassen.  Es schien ihm aber eine gute Gelegenheit, sich
nach Marien zu erkundigen, denn er war glcklich, wenn ihm die Wirtin
zum goldenen Hirsch auch nur ihren Namen nennen, nur den Saum ihres
Kleides beschreiben wrde.  Er fragte daher nach den Burgen umher und
nach den ritterlichen Familien, die in der Nachbarschaft wohnen.

Die Wirtin schwatzte gerne.  Sie gab ihm in weniger als einer
Viertelstunde die Chronik von fnf bis sechs Schlssern aus der
Gegend, und bald kam auch Lichtenstein an die Reihe.  Der junge Mann
holte bei diesem Namen tiefer Atem und schob die Schssel weit weg,
um seine Aufmerksamkeit ganz der Erzhlerin zu widmen

"Nun, die Lichtensteiner sind gar nicht arm, im Gegenteil, sie haben
schne Felder und Wlder, und keine Rute Landes verpfndet.  Da liee
sich der Alte lieber seinen langen Bart abscheren, obgleich er gar
nicht viel darauf hlt und ihn immer streichelt, wenn er mit den
Leuten spricht.  Er ist ein strenger, ernster Mann.  Was er einmal
haben will, das mu geschehen, und sollte es biegen oder brechen.  Er
ist auch einer von denen, die es so lange mit dem Herzog hielten.
Die Bndischen werden es ihm bel entgelten lassen."

"Wie ist denn seine..., ich meine, Ihr sagtet, er habe eine Tochter,
der Lichtenstein?"

"Nein", antwortete die Wirtin, indem sich ihr sonst so heiteres
Gesicht in grmliche Falten zog, "von der habe ich gewi nicht
gesprochen, da ich es wte.  Ja, er hat eine Tochter, der gute alte
Mann, und es wre ihm besser, er fhre kinderlos in die Grube, als
da er aus Jammer ber sein einziges Kind abfhrt."

Georg traute seinen Ohren nicht.  Was konnte die Wirtin gerade von
Marien so Arges denken, da sie den Vater glcklich pries, wenn er
dieses Kind nicht htte?  "Was ist es denn mit diesem Frulein?"
fragte er, indem er sich vergebens abmhte, recht scherzhaft
auszusehen: "Ihr macht mich neugierig, Frau Wirtin.  Oder ist es ein
Geheimnis, das Ihr nicht sagen drft?"

Die Frau zum goldenen Hirsch schaute aus dem Erker heraus nach allen
Seiten, ob niemand lausche.  Aber die Brger waren ruhig in ihrem
Gesprch begriffen und achteten nicht auf sie, und sonst war niemand
in der Nhe, der sie hren konnte.  "Ihr seid ein Fremder", hub sie
nach diesen Forschungen an, "Ihr reist weiter und habt nichts mit
dieser Gegend zu schaffen, darum kann ich Euch wohl sagen, was ich
nicht jedem vertrauen mchte.  Das Frulein dort oben auf dem
Lichtenstein ist ein--ein--ja bei uns Brgersleuten wrde man sagen,
sie ist ein schlechtes Ding, eine lose Dirne--"

"Frau Wirtin!" rief Georg.

"So schreit doch nicht so, verehrter Herr Gast, die Leute schauen
sich ja um.  Meint Ihr denn, ich sage, was ich nicht ganz gewi wei?
Denkt Euch, alle Nacht Schlag elf Uhr lt sie ihren Liebsten in die
Burg.  Ist das nicht schrecklich genug fr ein sittsames Frulein?"

"Bedenkt, was Ihr sprecht!  Ihren Liebsten?"

"Ja leider, nachts um elf Uhr ihren Liebsten.  Es ist eine Schande
und ein Spott!  Es ist ein ziemlich groer Mann, der kommt in einen
grauen Mantel gehllt ans Tor.  Sie hat es zu machen gewut, da zu
dieser Zeit alle Knechte vom Tor entfernt sind, und nur der alte
Burgwart, der ihr auch in ihrer Kindheit zu allen losen Streichen
half, um den Weg ist.  Da kommt sie nun allemal, wenn es drben in
Holzelfingen elf Uhr schlgt, selbst herunter in den Hof, die Nacht
mag so kalt sein, als sie will, und bringt den Schlssel zur
Zugbrcke, den sie zuvor ihrem alten Vater vom Bett stiehlt.  Dann
schliet der alte Snder, der Burgwart, auf, die Brcke fllt nieder,
und der Mann im grauen Mantel eilt in die Arme des Fruleins."

"Und dann?" fragte Georg, der beinahe keinen Atem mehr in der Brust,
kein Blut mehr in den Wangen hatte.  "Und dann?"

"Ja, dann wird Braten, Brot und Wein geholt.  Soviel ist gewi, da
der nchtliche Liebste einen ungeheuren Hunger haben mu, denn er hat
in mancher Nacht einen halben Rehziemer rein aufgezehrt und zwei,
drei Nel Wein dazu getrunken.  Was weiter geschieht, wei ich nicht.
Ich will nichts vermuten, nichts sagen, aber das wei ich", setzte
sie mit einem christlichen Blick gen Himmel hinzu, "beten werden sie
nicht."

Georg schalt sich nach kurzem Nachdenken selbst aus, da er nur einen
Augenblick gezweifelt habe, da diese Erzhlung eine Lge, von
irgendeinem migen Kopf ersonnen sei.  Oder wenn auch etwas Wahres
daran wre, so konnte es doch nichts sein, das Marien zur Unehre
gereicht htte.  Er trug diese Zweifel auch seiner Wirtin vor.

"So?  Meint Ihr, der Vater wisse um die Geschichte?" sprach sie.

"Dem ist nicht so.  Sehet, ich wei das gewi, denn die alte Rosel,
die Amme des Fruleins--"

"Die alte Rosel hat es gesagt?" rief Georg unwillkrlich.  Ihm war ja
diese Amme, die Schwester des Pfeifers von Hardt, so wohlbekannt.
Freilich, wenn diese es gesagt hatte, war die Sache nicht mehr so
zweifelhaft.  Denn er wute, da sie eine fromme Frau und dem
Frulein sehr zugetan war.

"Ihr kennt die alte Rosel?" fragte die Wirtin, erstaunt ber den
Eifer, womit ihr fremder Gast nach dieser Frau fragte.

"Ich?  Sie kennen?  Nein, erinnert Euch nur, da ich heute zum ersten
Mal in diese Gegend komme.  Nur der Name Rosel fiel mir auf."

"Sagt man bei Euch nicht so?  Rosel heit Rosina bei uns, und so
nennt man die alte Amme in Lichtenstein.  Nun seht, diese hlt viel
auf mich und kommt hie und da zu mir, dann koche ich ein ses
Weinmschen, was sie fr ihr Leben gerne it, und zum Dank vertraut
sie mir allerlei Neues.  Von ihr habe ich auch, was ich Euch sagte.
Der Vater wei gar nichts von diesen nchtlichen Besuchen; denn er
geht schon um acht Uhr zu Bett.  Die Amme schickte das Frulein jedes
Mal um acht Uhr in ihre Kammer.  Das fiel nun nach ein paar Tagen der
guten Rosel auf.  Sie stellte sich, als gehe sie zu Bett, und siehe
da, was geschieht?  Kaum ist alles ruhig im Schlo, so macht das
Frulein, das sonst keinen Span anrhrt, eigenhndig ein Feuer auf
dem Herd, kocht und bratet, was sie kann und wei, holt Wein aus dem
Keller, holt Brot aus dem Schrank und deckt in der Herrenstube den
Tisch.  Dann schaut sie zum Fenster hinaus in die kalte schwarze
Nacht, und richtig, wenn es drben elf Uhr schlgt, rasselt die
Zugbrcke nieder, der nchtliche Geselle wird eingelassen und geht
mit dem Frulein in die Herrenstube.  Sie hat auch schon gehorcht,
die Rosel, was wohl drinnen vorgehe, aber die eichenen Tren sind gar
dick.  Dann lugt sie auch einmal durch's Schlsselloch, sah aber
nichts als den Kopf des Fremden."

"Nun, und ist er schon alt?  Wie sieht er aus?"

"Alt?  Wo denkt Ihr hin!  Die sieht mir auch danach aus, da sie es
mit einem Alten htte!  Jung ist er und schn, wie mir die Rosel sagt.
Er hat einen dunklen Bart um Mund und Kinn, schnes gerolltes Haar
auf dem Kopf und sah recht freundlich und liebreich aus."

"Da ihm der Satan den Bart Haar fr Haar auszwicke!" murmelte Georg
und strich mit der Hand ber sein Kinn, das noch ziemlich glatt war.
"Frau, besinnt Euch, habt Ihr denn dies alles so recht gehrt von der
Frau Rose!?  Hat sie dies alles so gesagt?  Macht Ihr nicht noch mehr
dazu?"

"Gott bewahre mich, da ich ber jemand lstere!  Da kennt Ihr mich
schlecht, Herr Ritter!  Das alles hat mir Frau Rosel gesagt, und noch
mehr hat sie vermutet und mir ins Ohr geflstert, was eine ehrliche
Frau einem schnen jungen Herrn nicht wieder sagen kann.  Und denkt
Euch, wie recht schlecht das Frulein ist, sie hat noch einen anderen
Liebhaber gehabt, und dem ist sie also untreu geworden!"

"Noch einen?" fragte Georg aufmerksam, denn die Erzhlung schien ihm
mehr und mehr an Wahrscheinlichkeit zuzunehmen.

"Ja, noch einen.  Es soll ein gar schner, lieber Herr sein, sagte
mir die Rosel.  Sie war mit dem Frulein einige Zeit in Tbingen, und
da war ein Herr von--von--ich glaube Sturmfittich heit er--der
war auf der hohen Schule.  Und da lernten sich die beiden Leutchen
kennen, und die Amme schwrt, es sei nie ein schmuckeres Paar
erfunden worden im ganzen Schwabenland.  Sie hat ihn auch ganz
schrecklich liebgehabt, das ist wahr, und sei sehr traurig gewesen um
ihn, als sie von Tbingen ging.  Nun ist sie dem armen Jungen untreu
geworden, das falsche Herz, und die Amme heult, wenn sie nur an den
schnen, treuen Herrn denkt.  Er soll noch viel, viel schner gewesen
sein als der, den sie jetzt hat."

"Frau Wirtin, wie oft lat Ihr mich denn klopfen, bis ich einen
vollen Becher bekomme", rief der fette Herr aus der Trinkstube herauf;
denn die Frau Wirtin hatte ber ihrer Erzhlung alles brige
vergessen.

"Gleich, gleich!" antwortete sie und flog an den Schenktisch hin, den
durstigen Herrn mit seiner besseren Sorte zu versehen.  Und von da
ging es zum Keller, und Boden und Kche nahmen sie in Anspruch, so
da der Gast im Erker gute Weile hatte, einsam ber das, was er
gehrt hatte, nachzusinnen.

Den Kopf auf die Hand gesttzt, sa er da und schaute unverrckt in
die Tiefe seines silbernen Bechers.  So sa er am Nachmittag, so sa
er am Abend.  Die Nacht war schon lange eingebrochen, und er sa noch
immer so hinter dem runden Tisch im Erker, tot fr die Welt umher,
nur hin und wieder verriet ein tiefes Seufzen, da noch Leben und
Empfindung in ihm sei.  Die Wirtin wute nicht, was sie aus ihm
machen sollte.  Sie hatte sich wenigstens zehnmal neben ihn gesetzt,
hatte versucht, mit ihm zu sprechen aber er hatte ihr gedankenlos mit
starren Augen ins Gesicht geschaut und nichts geantwortet.  Es war
ihr ganz Angst dabei geworden, denn gerade so hatte sie ihr seliger
Mann angestarrt, als er das Zeitliche segnete und ihr den goldenen
Hirsch hinterlie.

Sie beriet sich mit dem fetten Herrn, und auch der Mann mit dem
Lederrcken gab seine Meinung preis.  Die Wirtin behauptete, entweder
sei er verliebt bis ber die Ohren, oder man habe es ihm angetan.
Sie belegte ihre Behauptung mit einer schrecklichen Geschichte von
einem jungen Ritter, den sie gesehen und der aus lauter Liebe am
ganzen Leib erstarrt sei, bis er am Ende gestorben.

Der Zerlumpte war nicht dieser Meinung.  Er glaubte, dem jungen Mann
sei vielleicht ein Unglck geschehen, wie jetzt oft im Krieg vorkomme,
und er sei deswegen in so tiefe Trauer versenkt.  Der fette Herr
aber blinzelte einige Male nach dem stummen Gast im Erker hinauf und
fragte dann mit sehr pfiffiger Miene, von welchem Gewchs und
Jahrgang der Ritter trinke?

"Nun, ich hab' ihm Heppacher gegeben von 1480. Es ist das Beste, was
der goldene Hirsch hat."

"Da haben wir es!" rief der kluge Mann "Ich kenn' den Heppacher
Achtziger, den kann solch ein Junkerlein nicht fhren und der ist ihm
zu Kopf gestiegen.  Lat ihn sitzen, lat ihn immer sitzen, seinen
schweren Kopf in der Hand, ich wette, ehe es acht Uhr schlgt, hat er
ausgeschlafen und ist wieder so frisch wie der Fisch im Wasser."

Der Zerlumpte schttelte den Kopf und sagte nichts dazu, die Wirtin
aber lobte den gewohnten Scharfsinn des fetten Herrn und fand seine
Vermutung am wahrscheinlichsten.

Es war neun Uhr in der Nacht, die tglichen Zechgste hatten schon
alle die Trinkstube verlassen, und auch die Wirtin wollte sich zum
Abendsegen rsten, als der fremde Herr aus seinem Zustand erwachte.
Er sprang auf, machte einige Gnge durchs Zimmer und blieb endlich
vor der Hausfrau stehen.  Er sah dster und verstrt aus, und die
wenigen Stunden vom Mittag bis jetzt hatten seinen sonst so
freundlichen offenen Zgen tiefe Spuren des Grams eingedrckt.

Die Wirtin dauerte sein Anblick.  Sie wollte ihm, eingedenk des
klugen fetten Herrn, noch ein heilsames Spplein kochen und ihm dann
ein treffliches, weiches Bett anweisen, doch er schien fr diese
Nacht ein rauheres Lager sich erwhlt zu haben.

"Wann sagt Ihr", hub er mit leiser, unsicherer Stimme an, "wann geht
der nchtliche Gast nach Lichtenstein, und wann kommt er zurck?"

"Um elf Uhr, lieber Herr, geht er hinein, und um den ersten
Hahnenschrei kommt er wieder ber die Zugbrcke."

"Lat mein Pferd satteln und besorgt mir einen Knecht, der mich nach
Lichtenstein geleite."

"Jetzt in der Nacht?" rief die Wirtin und schlug vor Verwunderung die
Hnde zusammen.  "Jetzt wollt Ihr ausreiten?  Ei geht doch Ihr treibt
Spa mit mir."

"Nein, gute Frau, es ist mein Ernst.  Aber sputet Euch ein wenig, ich
habe Eile."

"Die habt Ihr den ganzen Tag nicht gehabt", entgegnete jene, "und
jetzt wollt Ihr auf einmal ber Hals und Kopf in die Nacht hinaus.
Zwar die frische Luft kann nichts schaden bei solchen Kranken.  Aber
wei Gott, Euer Pferd lasse ich nicht aus dem Stall, Ihr knnt mir
herunterfallen oder allerlei Unglck anrichten, und dann hiee es, wo
hat denn die Hirschwirtin wieder den Kopf gehabt, da sie die Leute
so laufen lt."

Der junge Mann hatte ihre Rede ganz berhrt, denn er war wieder in
sein dsteres Sinnen zurckgesunken.  Als sie aufhrte zu sprechen,
schrak er auf und wunderte sich, da sie seinen Befehl noch nicht
befolgt habe.

Er ging, als sie noch immer zauderte, um sein Pferd selbst zu
besorgen.  Da dachte sie, da sie doch keine Gewalt habe, ihn
zurckzuhalten und da es geratener sein mchte, ihn ziehen zu lassen.
"Lat dem Herrn seinen Braunen herausfhren", rief sie, "und der
Andres soll sich rsten, heute nacht noch ein Stck Wegs zu gehen!--
Er hat recht, da er jemand mitnehmen will", sprach sie fr sich
weiter, "der kann ihn doch im Notfall halten.  Zwar sagt man, sie
haben ein paar Sinne mehr, wenn sie etwas im Kopf haben, und es falle
keiner so leicht vom Pferd, wenn er auch hin und her schwankt wie der
Schwengel in der groen Glocke, aber besser ist besser.--Was Ihr
schuldig seid, Herr Ritter?  Nun, Ihr habt gehabt eine Ma Alten,
macht zwlf Kreuzer, und das Essen--nun, es ist nicht der Rede wert,
was Ihr gegessen habt.  Ihr habt ja mein Huhn kaum angesehen.  Nun,
wenn Ihr fr den Stall und das Essen noch zwei Kreuzer zulegen wollt,
so wird Euch eine arme Witfrau schn danken."

Nachdem die Rechnung in dem niederen Mnzfu der guten, alten Zeit
berichtigt war, entlie die Wirtin zum goldenen Hirsch ihren Gast.
Sie war ihm zwar nicht mehr so gewogen wie heute mittag, als er
herrlich wie der junge Tag in ihre Trinkstube getreten war, aber
dennoch konnte sie sich nicht verhehlen, als er beim Schein der
Kienfackeln sich aufs Pferd schwang, da sie nicht leicht einen
schneren Mann gesehen habe, und sie schrfte daher ihrem Knecht, der
sie begleitete, um so sorgfltiger ein, recht genau auf ihn acht zu
haben, weil es bei diesem Herrn "doch nicht ganz richtig im Kopf sei".

Vor dem Tor von Pfullingen fragte der Knecht den nchtlichen Reiter,
wohin er reiten wolle, und auf seine Antwort.--"Nach Lichtenstein",
schlug er einen Weg rechts ein, der zum Gebirge fhrte.  Der junge
Mann ritt schweigend durch die Nacht hin.  Er sah nicht rechts, er
sah nicht links, er sah nicht auf nach den Sternen, nicht hinaus in
die Weite, seine gesenkten Blicke hafteten am Boden.  Es war ihm wie
damals, als ihn die Mrder am Weg niedergeschlagen hatten.  Seine
Gedanken standen still, er hoffte nicht mehr, er hatte zu leben, zu
lieben und zu wnschen aufgehrt.  Und doch war ihm damals wohler
gewesen, als ihm auf dem khlen Teppich des Wiesentales die Besinnung
schwand.  Er war ja entschlummert mit dem erhebenden Gedanken an sie,
und die erstarrenden Lippen hatten noch einmal einen sen Namen
ausgesprochen.

Aber jetzt war die Leuchte verlscht, die seinen Pfad durchs Leben
erhellt hatte.  Es war ihm, als habe er nur noch einen kurzen Weg im
Dunkeln hinzugehen und dann in lichteren Hhen als auf dem
Lichtenstein seine Ruhe zu finden.  Und unwillkrlich zuckte seine
Rechte hie und da ans Schwert, als wolle er sich versichern, da ihm
dieser Gefhrte wenigstens treu geblieben sei, als sei dies der
gewichtige Schlssel, der die Pforte sprengen sollte, die aus dem
Dunkel zum Licht fhrt.

Der Wald hatte lngst die Wanderer aufgenommen.  Steiler wurden die
Pfade, und das Ro strebte mhsam unter der Last des Reiters und
seiner Rstung bergan, doch der Reiter bemerkte es nicht.  Die
Nachtluft wehte khler und spielte mit den langen Haaren des
Jnglings, er fhlte es nicht.  Der Mond kam herauf und beleuchtete
seinen Pfad, beleuchtete khne Felsenmassen und die hohen gewaltigen
Eichen, unter welchen er hinzog, er sah es nicht.  Unbemerkt von ihm
rauschte der Strom der Zeit an ihnen vorber, Stunde um Stunde
verging, ohne da ihm der Weg lang dnkte.

Es war Mitternacht, als sie auf der hchsten Hhe ankamen.  Sie
traten heraus aus dem Wald, und getrennt durch eine weite Kluft von
der brigen Erde, lag auf einem einzelnen, senkrecht aus der
nchtlichen Tiefe aufsteigenden Felsen der Lichtenstein.

Seine weien Mauern, seine zackigen Felsen schimmerten im Mondlicht.
Es war, als schlummere das Schlchen abgeschieden von der Welt, im
tiefen Frieden der Einsamkeit.

Der Ritter warf einen dsteren Blick dorthin und sprang ab.  Er band
das Pferd an einen Baum und setzte sich auf einen bemoosten Stein,
gegenber von der Burg.  Der Knecht stand wartend, was sich weiter
begeben werde, und fragte mehrere Male vergeblich, ob er seines
Dienstes jetzt entlassen sei?

"Wie weit ist's noch bis zum ersten Hahnenschrei?" fragte endlich der
stumme Mann auf dem Stein

"Zwei Stunden, Herr!" war die Antwort des Knechtes.

Der Ritter reichte ihm reichlichen Lohn fr sein Geleit und winkte
ihm zu gehen.  Er zgerte, als scheue er sich, den jungen Mann in
diesem unglcklichen Zustand zu verlassen.  Als aber jener ungeduldig
seinen Wink wiederholte, entfernte er sich still.  Nur einmal noch
sah er sich um, ehe er in den Wald eintrat.  Der schweigende Gast sa
noch immer, die Stirn in die Hand gesttzt, im Schatten einer Eiche,
auf dem bemoosten Stein.




Kapitel 19


Georg von Sturmfeder war nicht von so khlem Blut, da ihn die
Nachricht, die er heute erhielt, nicht aus allen Schranken der
Billigkeit und Migung herausgejagt htte; er war berdies in einem
Alter, wo zwar die offene Seele sich noch nicht daran gewhnt hat,
den Menschen a priori zu mitrauen wo aber ein solcher Fall umso
berraschender ist, umso gefhrlicher wirkt, eben weil das arglose
Herz ihn nie gedacht hat.

Georg war auf der Stufe der dsteren, stillen Wut und der Rache
angekommen; ber diese Empfindung brtend, sa er unempfindlich gegen
die Klte der Nacht auf dem bemoosten Stein, und sein einziger, immer
wiederkehrender Gedanke war, den nchtlichen Freund "zu stellen, und
ein Wort mit ihm zu sprechen".

Es schlug zwei Uhr in einem Dorf ber dem Wald, als er sah, da sich
Lichter an den Fenstern des Schlosses hin bewegten; erwartungsvoll
pochte sein Herz, krampfhaft hatte seine Hand den langen Griff des
Schwertes umfat.  Jetzt wurden die Lichter hinter den Gittern des
Tores sichtbar, Hunde schlugen an; Georg sprang auf und warf den
Mantel zurck.  Er hrte, wie eine tiefe Stimme ein vernehmliches
"gute Nacht" sprach.  Die Zugbrcke rauschte nieder und legte sich
ber den Abgrund, der das Land von Lichtenstein scheidet, das Tor
ging auf, und ein Mann, den Hut tief ins Gesicht gedrckt, den
dunklen Mantel fest umgezogen, schritt ber die Brcke und gerade an
den Ort zu, wo Georg Wache hielt.

Er war noch wenige Schritte entfernt, als dieser mit einem drhnenden:
"Zieh, Verrter, und wehr Dich Deines Lebens!", auf ihn einstrzte;
der Mann im Mantel trat zurck und zog; im Augenblick begegneten sich
die blitzenden Klingen und rasselten klirrend aneinander.

"Lebendig sollst Du mich nicht haben", rief der andere; "wenigstens
will ich mein Leben teuer genug bezahlen!" Zugleich sah ihn Georg
tapfer auf sich eindringen, und an den schnellen und gewichtigen
Hieben merkte er, da er keinen zu verachtenden Gegner vor der Klinge
habe.  Georg war kein ungebter Fechter, und er hatte manch ernsten
Kampf mit Ehre ausgefochten, aber hier hatte er seinen Mann gefunden.
Er fhlte, da er sich bald auf die eigene Verteidigung beschrnken
msse, und wollte eben zu einem letzten, gewaltigen Sto ausfallen,
als pltzlich sein Arm mit ungeheurer Gewalt festgehalten wurde; sein
Schwert wurde ihm in demselben Augenblick aus der Hand gewunden; zwei
mchtige Arme schlangen sich um seinen Leib und fesselten ihn
regungslos, und eine furchtbare Stimme schrie:

"Stot zu, Herr!  Ein solcher Meuchelmrder verdient nicht, da er
noch einen Augenblick zum letzten Paternoster habe!"

"Das kannst Du verrichten, Hans", sprach der im Mantel, "ich stoe
keinen Wehrlosen nieder; dort ist sein Schwert, schlag ihn tot, aber
mach es kurz."

"Warum wollt Ihr mich nicht lieber selbst umbringen, Herr!" sagte
Georg mit fester Stimme.  "Ihr habt mir meine Liebe gestohlen, was
liegt an meinem Leben?"

"Was habe ich?" fragte jener und trat nher.

"Was Teufel ist das fr eine Stimme?" sprach der Mann, der ihn noch
immer umschlungen hielt, "Die sollte ich kennen!" Er drehte den
jungen Mann in seinen Armen um, und wie von einem Blitz getroffen,
zog er die Hnde von ihm ab!  "Jesus, Maria und Joseph!  Da htten
wir bald etwas Schnes gemacht!  Aber welcher Unstern fhrt Euch auch
gerade hierher, Junker?  Was denken auch meine Leute, da sie Euch
fortlassen, ohne da ich dabei bin!"

Es war der Pfeifer von Hardt, der Georg so anredete und ihm die Hand
zum Gru bot; dieser aber schien nicht geneigt, dieses freundliche
Zeichen einem Mann zu erwidern der noch soeben das Handwerk des
Henkers an ihm verrichten wollte; wild blickte er bald den Mann im
Mantel, bald den Pfeifer an.  "Meinst Du", sagte er zu diesem, "ich
htte mich von Deinen Weibern in Gefangenschaft halten lassen sollen,
da ich Deine Verrterei hier nicht sehe?  Erbrmlicher Betrger!
Und Ihr", wandte er sich zu dem anderen, "wenn Ihr ein Mann von Ehre
seid, so steht mir, und fallt nicht zu zweit ber einen her; wenn Ihr
wit, da ich Georg von Sturmfeder bin, so mgen Euch meine frheren
Ansprche auf das Frulein nicht unbekannt sein, und mit Euch mich zu
messen, bin ich hierher gekommen.  Darum befehlt diesem Schurken, da
er mir mein Schwert wiedergebe, und lat uns ehrlich fechten, wie es
zwei Mnnern geziemt."

"Ihr seid Georg von Sturmfeder?" sprach jener mit freundlicher Stimme
und trat nher zu ihm.  "Es scheint mir, Ihr seid etwas im Irrtum
hier.  Glaubt mir, ich bin Euch sehr gewogen und htte Euch lngst
gerne gesehen.  Nehmt das Ehrenwort eines Mannes, da mich nicht die
Absichten in jenes Schlo fhren, die Ihr mir unterlegt, und seid
mein Freund!"

Er bot dem berraschten Jngling die Hand unter dem Mantel hervor,
doch dieser zauderte; die gewichtigen Hiebe dieses Mannes hatten ihm
zwar gesagt, da er ein Ehrenwerter und Tapferer sei, darum konnte
und mute er seinen Worten trauen; aber sein Gemt war noch so
verwirrt von allem, was er gehrt und gesehen, da er ungewi war, ob
er den Handschlag dessen, den er noch vor einem Augenblick als seinen
bittersten Feind angesehen hatten empfangen sollte oder nicht.

"Wer ist es, der mir die Hand bietet?" fragte er.  "Ich habe Euch
meinen Namen genannt und knnte wohl billigerweise dasselbe von Euch
verlangen."

Der Unbekannte schlug den Mantel auseinander und schob das Barett
zurck; der Mond beleuchtete ein Gesicht voll Wrde, und Georg
begegnete einem glnzenden Auge, das den Ausdruck gebietender Hoheit
trug.  "Fragt nicht nach Namen", sprach er, indem ein Zug von Wehmut
um seinen Mund blitzte, "ich bin ein Mann und dies mag Euch genug
sein; wohl fhrte auch ich einst einen Namen in der Welt, der sich
mit dem ehrenwertesten messen konnte, wohl trug auch ich die goldenen
Sporen und den wallenden Helmbusch, und auf den Ruf meines Hfthorns
lauschten viele hundert Knechte; er ist verklungen.  Aber eines ist
mir geblieben", setzte er mit unbeschreiblicher Hoheit hinzu, indem
er die Hand des jungen Mannes fester drckte, "ich bin ein Mann und
trage ein Schwert: Si fractus illabatur orbis, Impavitum ferient
ruinae."

Er drckte das Barett wieder in die Stirn zog seinen Mantel hoch
herauf und ging vorber in den Wald.

Georg stand in stummem Erstaunen auf sein Schwert gesttzt.  Der
Anblick dieses Mannes--es war ihm unbegreiflich--hatte alle
Gedanken der Rache in seinem Herzen ausgelscht.  Dieser gebietende
Blick, dieser gewinnende, wohlwollende Zug um den Mund, das tapfere,
gewaltige Wesen dieses Mannes erfllten seine Seele mit Staunen, mit
Achtung, mit Beschmung.  Er hatte geschworen, mit Marien in keiner
Berhrung zu stehen, er hatte es bekrftigt mit jener tapferen
Rechten, die noch eben die gewichtige Klinge leicht wie im Spiel
gefhrt hatte; er hatte es bekrftigt mit einem jener Blicke, deren
Strahl Georg wie den der Sonne nicht zu ertragen vermochte, eine
Bergeslast wlzte sich von seiner Brust, denn er glaubte, er mute
glauben.

"Wer ist dieser Mann?" fragte Georg den Pfeifer, der noch immer neben
ihm stand.

"Ihr hrtet ja, da er keinen Namen hat, und auch ich wei ihn nicht
zu nennen."

"Du wtest nicht, wer er ist?" entgegnete Georg, "und doch hast Du
ihm beigestanden, als er mit mir focht?  Geh!  Du willst mich belgen!"

"Gewi nicht, Junker", antwortete der Pfeifer, "es ist, Gott wei es,
wahr, da jener Mann derzeit keinen Namen hat; wenn Ihr brigens
durchaus erfahren wollt, was er ist, so wit, er ist ein Gechteter,
den der Bund aus seinem Schlo vertrieb; einst aber war er ein
mchtiger Ritter im Schwabenland."

"Der Arme!  Darum also ging er so verhllt?  Und mich hielt er wohl
fr einen Meuchelmrder!  Ja, ich erinnere mich, da er sagte, er
wolle sein Leben teuer genug verkaufen."

"Nehmt mir nicht bel, werter Herr", sagte der Bauer, "auch ich hielt
Euch fr einen, der dem Gechteten auf das Leben lauern wollte, darum
kam ich ihm zu Hilfe, und htte ich nicht Eure Stimme noch gehrt,
wer wei, ob Ihr noch lange geatmet httet.  Wie kommt Ihr aber auch
um Mitternacht hierher, und welches

Unheil fhrt Euch gerade dem gechteten Mann in den Wurf!  Wahrlich,
Ihr drft von Glck sagen, da er Euch nicht in zwei Stcke gehauen;
es leben wenige, die vor seinem Schwert standgehalten htten.  Ich
vermute, die Liebe hat Euch da einen argen Streich gespielt!"

Georg erzhlte seinem ehemaligen Fhrer, welche Nachrichten ihm im
Hirsch in Pfulligen mitgeteilt worden seien.  Namentlich berief er
sich auf die Aussage der Amme, des Pfeifers Schwester, die ihm so
hchst wahrscheinlich gelautet habe.

"Dacht' ich's doch, da es so was sein msse", antwortete der Pfeifer.
"Die Liebe hat manchem noch rger mitgespielt, und ich wei nicht,
was ich in jungen Jahren in hnlichem Fall getan htte.  Daran ist
aber wieder niemand schuld als meine alte Rosel, die alte Schwtzerin,
was hat sie ntig, der Wirtin im Hirsch, die auch nichts bei sich
behalten kann, zu beichten?"

"Es mu aber doch etwas Wahres an der Sache sein", entgegnete Georg,
in welchem das alte Mitrauen hin und wieder aufblitzte.  "So ganz
ohne Grund konnte doch Frau Rosel nichts ersinnen!"

"Wahr?  Etwas Wahres msse daran sein?  Allerdings ist alles wahr
nach der Reihe; die Knechte werden zu Bett geschickt und die alte
Aufpasserin auch, um elf Uhr kommt der Mann vor das Schlo, die
Zugbrcke fllt herab, die Tore tun sich ihm auf, das Frulein
empfngt ihn und fhrt ihn in die Herrenstube--"

"Nun?  Siehst Du?" rief Georg ungeduldig.  "Wenn dies alles wahr ist,
wie kann dann jener Mann schwren, da er mit dem Frulein--"

"Da er mit dem Frulein ganz und gar nichts wolle?" antwortete der
Pfeifer.  "Allerdings kann er das schwren; denn es ist nur ein
Unterschied bei der ganzen Sache, den die Gans, die Rosel, freilich
nicht gewut hat, nmlich, da der Ritter von Lichtenstein in der
Herrenstube sitzt, das Frulein aber sich entfernt, wenn sie ihre
heimlich bereiteten Speisen aufgetragen hat.  Der Alte bleibt bei dem
gechteten Mann bis um den ersten Hahnenschrei, und wenn er gegessen
und getrunken und die erstarrten Glieder am Feuer wieder erwrmt hat,
verlt er das Schlo, wie er es betreten."

"Oh ich Tor!  Da ich dies alles nicht frher ahnte.  Wie nahe lag
die Wahrheit und wie weit lie ich mich irreleiten!--Aber sprich",
fuhr Georg nach einigem Nachsinnen fort, "auffallend ist es mir doch,
da dieser gechtete Mann alle Nacht ins Schlo kommt; in welch
unwirtlicher Gegend wohnt er denn wo er keine warme Kost, keinen
Becher Wein und keinen warmen Ofen findet?--Hre, wenn Du mich
dennoch belgest!"

Des Pfeifers Auge ruhte mit einem beinahe spttischen Ausdruck auf
dem jungen Mann "Ein Junker wie Ihr", antwortete er, "wei freilich
wenig, wie weh Verbannung tut; Ihr wit es nicht, was es heit, sich
vor den Augen seiner Mrder verbergen, Ihr wit nicht, wie schaurig
sich's in feuchten Hhlen, in unwirtlichen Schluchten wohnt, Ihr
kennt die Wohltat nicht, die ein warmer Bissen und ein feuriger Trunk
dem gewhrt, der bei den Eulen speist und beim Uhu in der Miete ist:
aber kommt, wenn es Euch gelstet; der Morgen bricht noch nicht an,
und in der Nacht knnt Ihr nicht nach Lichtenstein; ich will Euch
dahin fhren, wo der gechtete Ritter wohnt, und Ihr werdet nicht
mehr fragen, warum er um Mitternacht nach Speise geht."

Die Erscheinung des Unbekannten hatte Georgs Neugierde zu sehr
aufgeregt, als da er nicht begierig den Vorschlag des Pfeifers von
Hardt angenommen htte, besonders auch, da er darin den besten Beweis
fr die Wahrheit oder Falschheit seiner Aussagen finden konnte.  Sein
Fhrer ergriff die Zgel des Rosses und fhrte es einen engen Waldweg
bergab.  Georg folgte, nachdem er noch einen Blick nach den Fenstern
des Lichtensteins zurckgeworfen hatte.  Sie zogen schweigend immer
weiter, und dem jungen Mann schien dieses Schweigen nicht unangenehm
zu sein, denn er machte keinen Versuch, es zu unterbrechen.  Er hing
seinen Gedanken nach ber den Mann zu dessen geheimnisvoller Wohnung
er gefhrt wurde.  Unablssig beschftigte ihn die Frage, wer dieser
Gechtete sein knnte.  Er erinnerte sich fast wie aus einem Traum,
da mehrere Anhnger des vertriebenen Herzogs aus ihren Besitzungen
gejagt worden seien, ja es deuchte ihm sogar, es sei in der Herberge
zu Pfullingen whrend seines teilnahmslosen Hinbrtens, von einem
Ritter, Marx Stumpf von Schweinsberg, die Rede gewesen, nach welchem
die Bndischen fahnden.  Die Tapferkeit und ausgezeichnete Strke
dieses Mannes war in Schwaben und Franken wohlbekannt; und wenn sich
Georg die zwar nicht beraus groe, aber krftige Gestalt, die
gebietende Miene, das heldenmtige, ritterliche Wesen des Mannes ins
Gedchtnis zurckrief, wurde es ihm immer mehr zur Gewiheit, da der
Gechtete kein anderer als der treueste Anhnger Ulrichs von
Wrttemberg, Marx Stumpf von Schweinsberg, sei.

So dachte in jener Nacht Georg von Sturmfeder, aber noch viele Jahre
nachher, als der Mann, den er in jener Nacht bekmpfte, lngst wieder
in seine Rechte eingesetzt war, und seinem Hfthorn wieder Hunderte
folgten, rechnete er es unter seine schnsten Waffentaten, dem
tapferen, gewaltigen Unbekannten keinen Schritt breit gewichen zu
sein.

Die Wanderer waren whrend dieses Selbstgesprchs des jungen Mannes
auf einer kleinen, freien Waldwiese angekommen; der Pfeifer band das
Pferd seitwrts an und winkte Georg zu folgen.  Die Waldwiese brach
in eine schroffe, mit dichtem Gestruch bewachsene Abdachung ab; dort
schlug der Pfeifer einige verschlungene Zweige zurck, hinter welchen
ein schmaler Fupfad sichtbar wurde, welcher abwrts fhrte.  Nicht
ohne Mhe und Gefahr folgte Georg seinem Fhrer, der ihm an einigen
Stellen krftig die Hand reichte.  Nachdem sie etwa achtzig Fu
hinabgestiegen waren, befanden sie sich wieder auf ebenem Grund, aber
umsonst suchte der junge Mann nach der Sttte des gechteten Ritters.
Der Pfeifer ging nun zu einem Baum von ungeheurem Umfang, der innen
hohl sein mute, denn jener brachte zwei groe Kienfackeln daraus
hervor; er schlug Feuer und zndete mit einem Stckchen Schwefel die
Fackeln an.

Als diese hell aufloderten, bemerkte Georg, da sie vor einem groen
Portal standen, das die Natur in die Felsenwand gebrochen hatte, und
dies mochte wohl der Eingang zu der Wohnung sein, wo der Gechtete,
wie sich der Pfeifer ausdrckte, beim Uhu zur Miete war.  Der Mann
von Hardt ergriff eine der Fackeln und bat den Jngling, die andere
zu tragen, denn ihr Weg sei dunkel und hie und da nicht ohne Gefahr.
Nachdem er diese Warnung geflstert, schritt er voran in das dunkle
Tor.

Georg hatte eine niedere Erdschlucht erwartet, kurz und eng, dem
Lager der Tiere gleich, wie er sie in den Forsten seiner Heimat hin
und wieder gesehen, aber wie erstaunte er, als die erhabenen Hallen
eines unterirdischen Palastes vor seinen Augen sich auftaten.  Er
hatte in seiner Kindheit aus dem Munde eines Knappen, dessen
Urgrovater in Palstina in Gefangenschaft geraten war, ein Mrchen
gehrt, das von Geschlecht zu Geschlecht berliefert worden war; dort
war ein Knabe von einem bsen Zauberer unter die Erde geschickt
worden, in einen Palast, dessen erhabene Schnheit alles bertraf,
was der Knabe je ber der Erde gesehen hatte.  Diese Sage, die sich
der kindlichen Einbildungskraft tief eingedrckt, lebte auf und
verwirklichte sich vor den Blicken des staunenden Jnglings.  Alle
Augenblicke stand er still, von neuem berrascht, hielt die Fackel
hoch und staunte und bewunderte, denn in hohen, majesttisch
gewlbten Bogen zog sich der Hhlengang hin, und flimmerte und
blitzte, wie von tausend Kristallen und Diamanten.  Aber noch grere
berraschung stand ihm bevor, als sich sein Fhrer links wandte und
ihn in eine weite Grotte fhrte, die wie der festlich geschmckte
Saal des unterirdischen Palastes anzusehen war.

Sein Fhrer mochte den gewaltigen Eindruck bemerken, den dieses
Wunderwerk der Natur auf die Seele des Jnglings machte.  Er nahm ihm
die Fackel aus der Hand, stieg auf einen vorspringenden Felsen und
beleuchtete so einen groen Teil der Grotte.

Der Fhrer stieg, nachdem er das Auge des Jnglings fr hinlnglich
gesttigt halten mochte, wieder herab von seinem Felsen.  "Das ist
die Nebelhhle", sprach er, "man kennt sie wenig im Land, und nur den
Jgern und Hirten ist sie bekannt; doch wagen es nicht viele
hereinzugehen, weil man allerlei bse Geschichten von diesen Kammern
der Gespenster wei.  Einem, der die Hhle nicht genau kennt, mchte
ich nicht raten, sich herabzuwagen; sie hat tiefe Schlnde und
unterirdische Wasser, aus denen keiner mehr ans Licht kommt.  Auch
gibt es geheime Gnge und Kammern, die nur fnf Mnnern bekannt sind,
die jetzt leben."

"Und der gechtete Ritter?" fragte Georg.

"Nehmt die Fackel und folgt mir", antwortete jener, und schritt voran
in einen Seitengang.  Sie waren wieder etwa zwanzig Schritte gegangen,
als Georg die tiefen Tne einer Orgel zu vernehmen glaubte.  Er
machte seinen Fhrer darauf aufmerksam.

"Das ist Gesang", entgegnete er, "der tnt in diesen Gewlben gar
lieblich und voll.  Wenn zwei oder drei Mnner singen, so lautet es,
als snge ein ganzer Chor Mnche die Hora." Immer vernehmlicher tnte
der Gesang, je nher sie kamen, desto deutlicher wurden die Biegungen
einer angenehmen Melodie Sie bogen um eine Felsenecke und von oben
herab ertnte ganz nah die Stimme des Singenden, brach sich an den
zackigen Felsenwnden in vielfachem Echo, bis sie sich verschwebend
mit den fallenden Tropfen der feuchten Steine und mit dem Murmeln
eines unterirdischen Wasserfalles mischte, der sich in eine dunkle,
geheimnisvolle Tiefe ergo.

"Hier ist der Ort", sprach der Fhrer, "dort oben in der Felswand ist
die Wohnung des unglcklichen Mannes; hrt Ihr sein Lied?  Wir wollen
warten und lauschen, bis er zu Ende ist, denn er war nicht gewohnt,
unterbrochen zu werden, als er noch oben auf der Erde war."

Die Mnner lauschten und verstanden durch das Echo und das Gemurmel
der Wasser etwa folgende Worte, die der Gechtete sang:


"Vom Turme, wo ich oft gesehen
Hernieder auf ein schnes Land,
Vom Turme fremde Fahnen wehen,
Wo meiner Ahnen Banner stand.
Der Vter Hallen sind gebrochen,
Gefallen ist des Enkels Los,
Er birgt, besiegt und ungerochen,
Sich in der Erde tiefem Scho.

Und wo einst in des Glckes Tagen
Mein Jagdhorn tnte durchs Gefild,
Da meine Feinde grlich jagen,
Sie hetzen gar ein edles Wild.
Ich bin das Wild, auf das sie pirschen,
Die Bluthund' wetzen schon den Zahn,
Sie drsten nach dem Schwei des Hirschen,
Und sein Geweih steht ihnen an.

Die Mrder han' in Berg und Heide
Auf mich die Armbrust aufgespannt,
Drum in des Bettlers rauhem Kleide
Durchschleich' ich nachts mein eigen Land;
Wo ich als Herr sonst eingeritten
Und meinen hohen Gru entbot.
Da klopf' ich schchtern an die Htten
Und bettle um ein Stckchen Brot.

Ihr warft mich aus den eignen Toren,
Doch einmal klopf' ich wieder an,
Drum Mut! Noch ist nicht all verloren,
Ich hab' ein Schwert und bin ein Mann.
Ich wanke nicht; ich will es tragen;
Und ob mein Herz darber bricht,
So sollen meine Feinde sagen,
Er war ein Mann und wankte nicht."


Er hatte geendet, und der tiefe Seufzer, den er den verhallenden
Tnen seines Liedes nachsandte, lie ahnen, da er im Gesang nicht
viel Trost gefunden habe.  Dem rauhen Mann von Hardt war whrend des
Liedes eine groe Trne ber die gebrunte Wange gerollt, und Georg
war es nicht entgangen, wie er sich anstrengte, die alte feste
Fassung wiederzuerhalten und dem Bewohner der Hhle eine heitere
Stirn und ein ungetrbtes Auge zu zeigen.  Er gab dem Junker auch die
zweite Fackel in die Hand und klimmte den glatten schlpfrigen Felsen
hinan, der zu der Grotte fhrte, woraus der Gesang erklungen war.
Georg dachte sich, da er ihn vielleicht dem Ritter melden wolle, und
bald sah er ihn mit einem tchtigen Strick zurckkehren.  Er klimmte
die Hlfte des Felsens wieder herab und lie sich die Fackeln geben,
die er geschickt in eine Felsenritze an der Seite steckte; dann warf
er Georg den Strick zu und half ihm so die Felsenwand erklimmen, was
ihm ohne diese Hilfe schwerlich gelungen wre.  Er war oben und
wenige Schritte noch, so stand er vor dem Felsengemach des Gechteten.




Kapitel 20


Der Teil jener groen Hhle, welchen sie jetzt betraten, unterschied
sich merklich von den brigen Grotten und Kammern durch seine
Trockenheit.  Der Boden war mit Binsen und Stroh bestreut, eine Lampe,
die an der Wand angebracht war, verbreitete ein hinreichendes Licht
auf die Breite und den grten Teil der Lnge dieser Grotte.
Gegenber sa jener Mann auf einem breiten Brenfell, neben ihm stand
sein Schwert und ein Hfthorn; ein alter Hut und der graue Mantel,
mit welchem er sich verhllt hatte, lagen am Boden.  Er trug ein Wams
von dunkelbraunem Leder und Beinkleider von grobem blauem Tuch; ein
unscheinbarer Anzug, der aber seinen krftigen Krperbau und seine
feinen, edlen Zge nur noch mehr heraushob.  Er mochte ungefhr
vierunddreiig Jahre alt sein, und sein Gesicht war noch immer hbsch
und angenehm zu nennen, obgleich die erste Blte der Jugend von
Gefahren und Strapazen abgestreift schien und der verwilderte Bart
ihm zuweilen etwas Furchtbares verlieh; diese flchtigen Bemerkungen
drngten sich Georg auf, als er am Eingang der Grotte still stand.

"Willkommen in meinem Palast, Georg von Sturmfeder!" rief der
Bewohner der Hhle, indem er sich von dem Brenfell aufrichtete, dem
Jngling die Hand bot und ihm winkte, auf einen ebenso kunstlosen
Sitz von Rehfellen sich niederzulassen.  "Seid herzlich willkommen.
Es war kein bler Einfall Unseres Spiel-manns, Euch in diese
Unterwelt herabzufhren und mir einen so angenehmen Gesellschafter zu
bringen.  Hans!  Du treue Seele, Du warst bisher Unser Majordomus,
Truchse und Kanzler, Wir ernennen Dich jetzt zu Unserem
Kellermeister und Obermundschenk.  Sieh, dort hinter jener Sule mu
ein Krug stehen, worin sich noch ein Rest alten Weines befindet.
Nimm meinen Jagdbecher von Buchsbaum, das einzige Tafelgeschirr, das
Wir jetzt fhren, gie ihn voll bis an den Rand und kredenze ihn
Unserem ehrenwerten Gast."

Georg sah erstaunt auf den gechteten Mann Er hatte nach dem
Schicksal, das ihn betroffen nach seinen unwirtlichen Umgebungen,
zuletzt noch nach dem Klagegesang, den er gehrt hatte, einen Mann
erwartet, der zwar unbesiegt von den Strmen des Lebens, aber ernst,
vielleicht sogar finster in seinem Umgang sein werde.  Und er fand
ihn heiter, unbesorgt, scherzend ber seine Lage, als habe ihn auf
der Jagd ein Sturm berfallen und gentigt, eine kleine Weile in
dieser Hhle Schutz gegen das Wetter zu suchen.

"Ihr schaut mich verwundert an, werter Gast", sagte der Ritter, als
Georg bald ihn, bald seine Umgebung mit verwunderten Blicken ma.
"Vielleicht habt Ihr erwartet, da ich Euch etwas vorjammern werde?
Aber ber was soll ich klagen?  Mein Unglck kann in diesem
Augenblick keiner wenden, darum ziemt es sich, da man heitere Miene
zum bsen Spiel mache.  Und sagt selbst, wohne ich hier nicht, wie
Frsten selten wohnen?  Habt Ihr meine Hallen gesehen und die weiten
Sle meines Palastes?  Glnzen nicht ihre Wnde wie Silber?  Wlben
die Decken sich nicht wie aus Perlen und Diamanten zusammengesetzt?
Werden sie nicht getragen von Sulen, die von Smaragden und Rubinen
und allen Edelsteinen der Erde prangen?  Doch hier kommt Hans, mein
Obermundschenk, mit dem Wein.  Sprich, mein Getreuer!  Ist das all
Unser Getrnke, was in diesem Becher ist?"

"Wasser so klar als Kristall hat Eure Wohnung", sprach der Pfeifer,
der mit der heiteren Laune seines Gefhrten schon vertraut war, "aber
auch ein Restchen Wein das wenigstens noch drei Becher fllt, ist im
Krug und--nun, wir haben ja heute einen Gast und knnen schon etwas
draufgehen lassen--ich will es nur gestehen ich habe heute nacht
einen vollen Krug alten Uhlbacher hereingebracht, er steht bei dem
anderen."

"Das hast Du wohl gemacht", rief der gechtete Ritter, und ein Strahl
der Freude drang aus seinem glnzenden Auge.  "Glaubt nicht, Herr
Georg, da ich ein Schlemmer und Sufer bin; aber guter Wein ist ein
edles Ding, und ich liebe es, in guter Gesellschaft den vollen Becher
rundgehen zu lassen.  Pflanze die Krge nur hier auf, werter
Kellermeister, Wir wollen tafeln, wie in den Tagen des Glckes.  Ich
bring' es Euch, auf den alten Glanz des Hauses Sturmfeder!"

Georg dankte und trank.  "Ich sollte die Ehre erwidern", sagte er,
"und doch wei ich Euren Namen nicht, Herr Ritter.  Doch ich bringe
es Euch!  Mgt Ihr bald wieder siegreich in die Burg Eurer Vter
einziehen, mge Euer Geschlecht auf ewige Zeiten grnen und blhen--
es lebe!" Georg hatte die letzten Worte mit starker Stimme gerufen
und wollte eben den Becher ansetzen als das Gerusch vieler Stimmen,
vom Eingang der Grotte her, aus der Tiefe emporstieg, die vernehmlich
"Es lebe! lebe!" riefen.  Verwundert setzte er den Becher nieder.
"Was ist das?" sagte er.  "Sind wir nicht allein?"

"Es sind meine Vasallen, die Geister", antwortete der Ritter lchelnd,
"oder wenn Ihr so lieber wollt, das Echo, das Eurem freundlichen Ruf
beistimmte.  Ich habe oft", setzte er ernster hinzu, "in den Zeiten
des Glanzes das Wohl meines Hauses von hundert Stimmen ausrufen hren,
doch hat es mich nie so erfreut und gerhrt als hier, wo mein
einziger Gast es ausbrachte und die Felsen dieser Unterwelt es
beantworteten Flle den Becher.  Hans, und trinke, und weit Du einen
guten Spruch, so gib ihn preis."

Der Pfeifer von Hardt fllte sich den Becher und blickte Georg mit
freundlichen Blicken an: "Ich bring' es Euch, Junker, und etwas recht
Schnes dazu: 'Das Frulein von Lichtenstein!'"

"Hallo, Sa!  Sa!  Trinkt, Junker, trinkt!" rief der Gechtete und
lachte, da die Hhle drhnte.  "Aus bis auf den Boden, aus!  Sie
soll blhen und leben fr Euch!  Das hast Du gut gemacht, Hans!  Sieh
nur, wie unserem Gast das Blut in die Wangen steigt, wie seine Augen
blitzen, als ksse er schon ihren Mund.--Drft Euch nicht schmen!
Auch ich habe geliebt und gefreit und wei, wie einem frhlichen
Herzen von vierundzwanzig Jahren zumute ist!"

"Armer Mann!" sagte Georg, "Ihr habt geliebt und gefreit und mutet
vielleicht ein geliebtes Weib und gute Kinder zurcklassen?" Er
fhlte sich, whrend er dies sprach, heftig am Mantel gezogen er sah
sich um, und der Spielmann winkte ihm schnell mit den Augen, als sei
dies ein Punkt, worber man mit dem Ritter nicht sprechen msse.  Und
den Jngling gereuten auch seine Worte, denn die Zge des
unglcklichen Mannes verfinsterten sich, und er warf einen wilden
Blick auf Georg, indem er sagte:

"Der Frost im September hat schon oft verdorben, was im Mai gar
herrlich blhte, und man fragt nicht, wie es geschehen sei.  Meine
Kinder habe ich in den Hnden rauher, aber guter Ammen gelassen, sie
werden sie, so Gott will, bewahren, bis der Vater wieder heimkommt."
Er hatte dies mit bewegter, dumpfer Stimme gesprochen, doch als wolle
er die trben Gedanken aus dem Gedchtnis wischen fuhr er mit der
Hand ber die Stirn, und wirklich gltteten sich die Falten, die sich
dort zusammengezogen hatten, augenblicklich, er blickte wieder
heiterer um sich her und sprach:

"Der Hans hier kann mir bezeugen, da ich schon oft gewnscht habe,
Euch zu sehen, Herr von Sturmfeder.  Er hat mir von Eurer sonderbaren
Verwundung erzhlt, wo man Euch wahrscheinlich fr einen der
Vertriebenen gehalten und angefallen hat, indessen der Rechte Zeit
gewann, zu entfliehen."

"Das soll mir lieb sein", antwortete Georg.  "Ich mchte fast glauben,
man hat mich fr den Herzog selbst gehalten denn diesem paten sie
damals auf; und ich will gerne die tchtige Schlappe bekommen haben,
wenn er dadurch gerettet wurde."

"Ei, das ist doch viel.  Wit Ihr nicht, da der Hieb, der nach Euch
gefhrt wurde, ebensogut tdlich werden konnte?"

"Wer zu Feld zieht", entgegnete Georg, "der mu seine Rechnung mit
der Welt so ziemlich abgeschlossen haben.  Es ist zwar schner, in
einer Feldschlacht vor dem Feind bleiben, wenn die Freunde jubeln und
die Kameraden umherstehen, um einem den letzten Liebesdienst zu
erweisen--Aber doch wre ich damals auch gestorben, wenn es htte
sein mssen, um die Streiche dieser Meuchelmrder vom Herzog
abzulenken."

Der Gechtete sah den Jngling mit Rhrung an und drckte seine Hand.
"Ihr scheint groen Anteil am Herzog zu nehmen", sagte er, indem er
seine durchdringenden Augen auf ihn heftete, "das htte ich kaum
gedacht; man sagte mir, Ihr wret bndisch."

"Ich wei, Ihr seid ein Anhnger des Herzogs", antwortete Georg,
"aber Ihr werdet mir schon ein freies Wort gestatten.  Seht, der
Herzog hat manches getan, was nicht recht ist.  Zum Beispiel die
huttische Geschichte, sie mag nun sein wie sie will, htte er
unterlassen knnen.  Sodann mag er mit seiner Frau hart umgegangen
sein, und Ihr mt selbst gestehen, er lie sich doch zu sehr vom
Zorn bemeistern, als er Reutlingen sich unterwarf--"

Er hielt inne, als erwarte er die Antwort des Ritters, doch dieser
schlug die Augen nieder und winkte schweigend dem jungen Mann,
fortzufahren "Nun, so dachte ich von dem Herzog, als ich bndisch
wurde, so, und nur etwas strker sprach man von ihm im Heer.  Aber
eine groe Frsprecherin hatte er an Marien, und es ist Euch
vielleicht bekannt, da ich mich auf ihr Zureden lossagte.  Nun
bekamen die Sachen bald eine andere Gestalt in meinen Augen, sei es,
weil ich von Natur mitleidig bin und niemand ungerecht mihandelt
sehen kann, oder auch, weil ich die Absichten der Bndischen besser
durchschaute ich sah, da dem Herzog zuviel geschehe; denn der Bund
hatte offenbar kein Recht, den Herzog aus allen seinen Besitzungen,
und sogar von seinem Frstenstuhl, zu vertreiben und ihn ins Elend zu
jagen.  Und da gewann der Herzog wieder in meinen Augen.  Er htte ja
vielleicht noch eine Schlacht wagen knnen, aber er wollte nicht das
Blut seiner Wrttemberger auf ein so gewagtes Spiel setzen.  Er htte
den Leuten Geld abpressen knnen und die Schweizer damit halten, aber
er war grer als sein Unglck.  Seht--das hat mich zu seinem Freund
gemacht."

Der Ritter schlug die Augen auf, seine Brust schien hher zu schlagen,
seine edle Gestalt richtete sich stolz empor, er sah Georg lange an
und drckte seine Hand an sein pochendes Herz.  "Wahrlich", sagte er,
"es lebt eine heilige, reine Stimme in Dir, junger Freund!  Ich kenne
den Herzog wie mich selbst, aber ich darf sagen, wie Du sagtest, er
ist grer als sein Unglck, und--besser als der Ruf von ihm sagt.
Aber er hat wenige gefunden, die ihm die Probe gehalten haben!  Ach,
da er nur Hundert gehabt htte, wie Du bist, und es htte kein
Fetzen der bndischen Paniere auf einer wrttembergischen Zinne
geweht.  Da Du sein Freund werden knntest!  Doch es sei fern von
mir, Dich einzuladen, sein Unglck mit ihm zu teilen, es ist genug,
da Deine Klinge und ein Arm wie der Deinige nicht mehr seinen
Feinden gehrt.  Mgen Deine Tage heiterer sein als die seinigen,
mge der Himmel Dir Deine guten Gesinnungen gegen einen Unglcklichen
belohnen!"

Es wehte ein Geist in den Worten des gechteten Ritters, der manche
verwandte Saite in dem Herzen des Jnglings anschlug.  War es die
Anerkennung seines persnlichen Wertes, die ihm aus dem Mund eines
Tapferen so ermunternd klang, war es die hnlichkeit des Schicksales
dieses Unglcklichen mit seiner eigenen Armut und mit dem Unglck
seines Hauses, war es die romantische Idee, nicht fr das siegende
Unrecht, sondern fr die gerechte Sache, gerade weil sie im tiefsten
Unglck war, sich zu erklren--Georg fhlte sich unwiderstehlich zu
diesem gechteten Mann, zu der Sache, fr die er litt, hingezogen;
begeistert fate er seine Hand und rief: "Es spreche mir keiner von
Vorsicht, nenne es keiner Torheit, sich an das Unglck anzuschlieen!
Mgen andere dieses schne Land dort oben teilen und in den Gtern
dieses unglcklichen Frsten schwelgen--ich fhle Mut in mir, mit
ihm zu tragen, was er trgt, und wenn er sein Schwert zieht, seine
Lande wieder zu erobern, so will ich der erste sein der sich an seine
Seite stellt.  Nehmt meinen Handschlag, Herr Ritter, ich bin, wie es
auch komme, Ulrichs Freund fr immer!"

Eine Trne glnzte in dem Auge des Gechteten, indem er den
Handschlag zurckgab.  "Du wagst viel, aber Du bist viel, wenn Du
Ulrichs Freund bist.  Das Land da oben gehrt jetzt den Rubern und
Dieben, aber hier unten ist noch gut Wrttemberg, Hier vor mir sitzt
der Ritter und der Brger, verget einen Augenblick, da ich ein
armer Ritter und ein unglcklicher, gechteter Mann bin, und denkt,
ich sei Frst des Landes, wie ich der Herr der Hhle bin.  Ha!  Noch
gibt es ein Wrttemberg, wo diese drei zusammenhalten, und sei es
auch tief im Scho der Erde.  Flle den Becher, Hans, und lege Deine
rauhe Hand in die unsrigen, wir wollen den Bund besiegeln!"

Hans ergriff den vollen Krug und fllte den Becher.  "Trinkt, edle
Herren, trinkt", sagte er, "Ihr knnt Euch in keinem edleren Wein
Bescheid tun, als in diesem Uhlbacher."

Der Gechtete trank in langen Zgen den Becher aus, lie ihn wieder
fllen und reichte ihn Georg.  "Wie ist mir doch?" sagte dieser.
"Blhte nicht dieser Wein um Wrttembergs Stammschlo?  Ich glaube,
man nennt so den Wein, der auf jenen Hhen wchst?"

"Es ist so", antwortete der Gechtete, "Rothenberg heit der Berg, an
dessen Fu dieser Wein wchst, und auf seinem Gipfel steht das Schlo,
das Wrttembergs Ahnen gebaut haben--Oh, ihr schnen Tler des
Neckars, ihr herrlichen Berge voll Frucht und Wein!  Von euch, von
euch auf immer!" Er rief es mit einer Stimme, die aus einem
gebrochenen Herzen voll Schmerz und Kummer heraufstieg, denn die
Wehmut hatte die Decke gesprengt, womit der feste, unbeugsame Sinn
dieses Mannes seine kummervolle Seele verhllt hatte.

Der Bauer kniete nieder zu ihm, ergriff seine Hand und weckte ihn aus
dem dsteren Hinbrten, dem er sich einige Augenblicke hingegeben
hatte.  "Seid stark, guter Herr!  Ihr werdet sie wiedersehen,
frhlicher, als Ihr sie verlassen habt."

"Ihr werdet sie wiedersehen, die Tler Eurer Heimat", rief Georg,
"wenn der Herzog einrckt in sein Land, wenn er einzieht in die Burg
seiner Ahnen, wenn die Tler des Neckars und seine weinreichen Hhen
widerhallen vom Jubel des Volkes, dann werdet auch Ihr Eurer Wohnung
wieder entgegenziehen.  Verscheucht die trben Gedanken: trinkt,
verget nicht, was wir vorhin gesprochen haben, ich tue Euch Bescheid
in diesem Wrttemberger Wein--der Herzog und seine Treuen!"

Ein angenehmes Lcheln ging wie ein Sonnenblick bei diesen Worten auf
den dsteren Zgen des Ritters auf.  "Ja!" rief er, "Treue ist das
Wort, das Genesung gibt dem gebrochenen Herzen, wie ein khler Trank
dem einsamen Wanderer in der Wste.  Verget meine Schwche, Junker.
Verzeiht sie einem Mann, der sonst seinem Kummer nicht Raum gibt.
Aber wenn Ihr je vom Gipfel des roten Berges hinabgesehen httet auf
das Herz von Wrttemberg, wie der Neckar durch grne Ufer zieht, wie
manneshohe Halme in den Feldern wogen, wie sanfte Hgel am Flu sich
hinaufziehen, bepflanzt mit kstlichem Wein, wie dunkle, schattige
Forsten die Gipfel der Berge bekrnzen, wie Dorf an Dorf mit den
freundlichen roten Dchern aus den Wldern von Obstbumen
hervorschaut, wie gute fleiige Menschen, krftige Mnner, schne
Weiber auf diesen Hhen, in diesen Tlern walten und sie zu einem
Garten anbauen--httet Ihr dieses gesehen, Junker, gesehen mit
meinen Augen, und set jetzt hier unten, hinausgeworfen, verflucht,
vertrieben, umgeben von starren Felsen, tief im Scho der Erde!  Oh,
der Gedanke ist schrecklich und oft zu mchtig fr ein Mnnerherz!"

Georg bangte, der Ritter mchte durch die traurige Gegenwart und
seine schneren Erinnerungen wieder in seine Wehmut zurckgefhrt
werden, daher suchte er schnell dem Gesprch eine andere Wendung zu
geben: "Ihr wart also oft um den Herzog, Herr Ritter?  Oh sagt mir,
ich bin ja jetzt sein Freund, sagt mir, wie ist er im Umgang?  Wie
sieht er aus?  Nicht wahr, er ist sehr vernderlich und hat viele
Launen?"

"Nichts davon", antwortete der Gechtete, "Ihr werdet ihn sehen und
lernt ihn am besten ohne Beschreibung kennen.  Aber schon zu lange
haben wir von fremden Angelegenheiten gesprochen.  Von Euren eigenen
sagt Ihr gar nichts?  Nichts von dem Zweck Eurer jetzigen Reise,
nichts von dem schnen Frulein von Lichtenstein?--Ihr schweigt und
schlagt die Augen nieder?  Glaubt nicht, da es Neugierde sei, warum
ich frage.  Nein, ich glaube Euch in dieser Sache ntzlich sein zu
knnen."

"Nach dem, was diese Nacht zwischen uns geschehen ist", antwortete
Georg, "ist von meiner Seite keine Zurckhaltung, kein Geheimnis mehr
ntig.  Es scheint auch, Ihr wtet lngst, da ich Marien liebe,
vielleicht auch, da sie mir hold ist?"

"Oh ja", entgegnete der Ritter lchelnd, "wenn ich anders die Zeichen
der Liebe verstehe und richtig deuten kann.  Denn sie schlug, wenn
von Euch die Rede war, die Augen nieder und errtete bis an die Stirn;
auch nannte sie Euren Namen mit eigenem, so eigenem Ton, als gben
alle Saiten ihres Herzens den Akkord zu diesem Grundton an."

"Ich glaube, Euer scharfes Auge hat richtig bemerkt, und deswegen
will ich nach Lichtenstein.  Ich war von Anfang willens, als ich mich
vom Bund lossagte, nach Haus zu ziehen, aber die Alb ist schon
halbwegs von Franken hierher, da dachte ich, ich knnte das Frulein
noch einmal zuvor sehen.  Der Mann hier fhrte mich ber die Alb.
Ihr wit, was meine Reise um acht Tage verzgerte.  Sobald der Morgen
herauf ist, will ich oben im Schlo einsprechen, und ich hoffe, ich
komme dem alten Herrn jetzt willkommener, da ich das neutrale Gebiet
verlassen und zu seiner Farbe mich geschlagen habe."

"Wohl werdet Ihr ihm willkommen sein, wenn Ihr als Freund des Herzogs
kommt, denn er ist ihm treu und sehr ergeben.  Doch knnte es sein,
da er Euch nicht traute, denn er soll ein wenig mitrauisch und
grmlich gegen fremde Menschen sein.  Ihr wit, wie ich mit ihm stehe,
denn er ist der barmherzige Samariter, der mich, wenn ich nachts aus
meiner Hhle steige, mit warmer Speise und mit noch wrmerem Trost
fr die Zukunft labt.  Ein paar Zeilen von mir mgen Euch bei ihm
besser empfehlen als ein Freibrief des Kaisers, und zum Zeichen fr
ihn und manchen andern, nehmt diesen Ring und tragt ihn zum Andenken
an diese Stunde, er wird Euch als einen Freund der gerechten Sache
Wrttembergs verknden." Er zog bei diesen Worten einen breiten
Goldreif vom Finger.  Ein roter Stein war in der Mitte gefat, und in
den drei Hirschgeweihen mit dem Jagdhorn auf dem Wappenhelm, die
darin eingegraben waren, erkannte der junge Mann das Zeichen
Wrttembergs.  Um den Ring standen erhaben eingeprgte Buchstaben,
deren Sinn er nicht verstand.  Sie hieen Uhzwut.

"Uhzwut?  Was bedeutet dieser Name?" fragte er.  "Ist es etwa ein
Feldgeschrei fr die Anhnger des Herzogs?"

"Nein, mein junger Freund", antwortete der gechtete Ritter.  "Diesen
Ring trug der Herzog lange an seiner Hand, und er war mir immer sehr
wert, ich habe aber noch viele andere Andenken von ihm und konnte
dieses an keinen Besseren abtreten.  Die Zeichen heien Ulrich Herzog
zu Wrttemberg und Teck!"

"Er wird mir ewig teuer sein", erwiderte Georg, "als ein Andenken an
den unglcklichen Herrn, dessen Namen er trgt, und als schne
Erinnerung an Euch, Herr Ritter, und die Nacht in der Hhle."

"Wenn Ihr an die Zugbrcke von Lichtenstein kommt", fuhr der Ritter
fort, "so gebt dem nchsten besten Knecht den Zettel, den ich Euch
schreiben werde, und diesen Ring, solches dem Herrn des Schlosses zu
bringen, und Ihr werdet gewi empfangen werden, als wret Ihr des
Herzogs eigener Sohn.  Doch fr das Frulein mt Ihr Eure eigenen
Zeichen haben, denn auf sie erstreckt sich mein Zauber nicht.  Etwa
ein herzlicher Hndedruck, die geheimnisvolle Sprache der Augen oder
ein ser Ku auf ihren roten Mund.  Doch, um gehrig vor ihr zu
erscheinen, habt Ihr Ruhe ntig, denn Eure Augen mchten nach einer
durchwachten Nacht etwas trbe sein.  Daher folgt meinem Beispiel,
streckt Euch auf die Rehfelle nieder und legt Euren Mantel als
Kopfkissen unter.  Und Du, wrdiger Majordomus, oberster Kmmerer und
Mundschenk, Hans, getreuer Gefhrte im Unglck, reiche diesem Paladin
noch einen Becher zum Schlaftrunk, da ihm jene Felle zum weichen
Pfhl, diese Felsengrotte zum Schlafgemach werde und ihn der Gott der
Trume mit seinen lieblichen Bildern besuche!"

Die Mnner tranken und legten sich zur Ruhe, und Hans setzte sich,
wie ein treuer Hund, an die Pforte der Felsenkammer.  Bald kam
Morpheus mit leisen Tritten zu dem Lager des Jnglings und streute
seine Schlummerkrner ber ihn, und er hrte nur noch halb im Traum,
wie der gechtete Mann sein Nachtgebet sprach und mit frommer
Zuversicht zu dem Lenker der Schicksale flehte, ber ihn und jenes
unglckliche Land, in dessen tiefem Scho er jetzt ruhte, seinen
Schutz und seine Hilfe herabzusenden.




Kapitel 21


Georg konnte sich anfangs nicht recht auf seine Lage und die
Gegenstnde umher besinnen, als er vom Pfeifer von Hardt aus dem
Schlaf aufgeschttelt wurde; allmhlich aber kehrten die Bilder der
vergangenen Nacht in seine Seele zurck, und er erwiderte freudig den
Handschlag, mit welchem ihn der gechtete Ritter begrte.  "So gerne
ich Euch noch tagelang in meinem Palast beherbergen wrde", sprach
dieser, "so mchte ich Euch doch raten, nach Lichtenstein
aufzubrechen, wenn Ihr anders ein warmes Frhstck haben wollt.  In
meiner Hhle kann ich Euch leider keines bereiten lassen, denn wir
machen niemals Feuer an, weil der Rauch uns gar zu leicht verraten
knnte."

Georg stimmte seinen Grnden bei und dankte ihm fr seine
Beherbergung.  "Wahrlich", sagte er, "ich habe selten eine
frhlichere Nacht beim Becher verlebt als in dieser Hhle.  Es hat
etwas Reizendes, so tief unter den Fen der Menschen zu atmen und
mit Freunden sich zu besprechen Ich gebe nicht den herrlichsten Saal
des schnsten Schlosses um diese Felsenwnde!"

"Ja, unter Freunden, wenn der Becher munter kreist", entgegnete der
Bewohner der Hhle, "aber unfreiwillig hier zu sitzen, tagelang
einsam in diesen Kellern ber sein Unglck zu brten, wenn das Herz
sich hinaussehnt in den grnen Wald, unter den blauen Himmel, wenn
das Auge, mde dieser unterirdischen Pracht, hineintauchen mchte in
die reizende Landschaft, hinberschweifen mchte ber lachende Tler
zu den fernen Bergen der Heimat; wenn das Ohr, betubt von dem
eintnigen Gemurmel dieser Wasser, die Tropfen um Tropfen von den
Wnden rieseln und gesammelt in bodenlose Tiefen hinabstrzen, sich
hinaussehnt, den Gesang der Lerche zu hren, zu lauschen, wie das
Wild in den Bschen rauscht!"

"Armer Mann!  Es ist wahr, eine solche Einsamkeit mu schrecklich
sein!"

"Und dennoch", fuhr jener fort und richtete sich hher auf, indem ein
stolzer Trotz aus seinen Augen blitzte, "und dennoch preise ich mich
glcklich, mit Hilfe guter Leute diese Zuflucht gefunden zu haben.
Ja, ich wollte lieber noch hundert Faden tiefer hinabsteigen, wo die
Brust keine Luft mehr zu atmen findet, als in die Hnde meiner Feinde
zu fallen und ihr Gesptt werden; und wenn sie dahin mir nachkmen,
die blutgierigen Hunde des Bundes, so wollte ich mich mit meinen
Ngeln weiter hineinscharren in die hrtesten Felsen, ich wollte
hinabsteigen, tiefer und immer tiefer, bis zum Mittelpunkt der Erde.
Und kmen sie auch dorthin, so wollte ich die Heiligen lstern, die
mich verlassen haben, und wollte den Teufel rufen, da er die Pforten
der Finsternis aufreie und mich berge gegen die Verfolgung dieses
bermtigen Gesindels." Der Mann war in diesem Augenblick so
furchtbar, da Georg unwillkrlich vor ihm zurckbebte.  Seine
Gestalt schien grer, alle seine Muskeln waren angespannt, seine
Wangen glhten, seine Augen schossen Blitze, als suchten sie einen
Feind, den sie vernichten sollten, seine Stimme drhnte hohl und
stark, und das Echo der Felsen sprach ihm in schrecklichen Tnen
seine Verwnschungen nach.  Obgleich diese Gradation dem Jngling zu
stark vorkommen mochte, so konnte er doch die Gefhle eines Mannes
nicht tadeln, den man, weil er seinem Herrn treu geblieben war, aus
seinen Besitzungen hinausgeworfen hatte, den man wie ein
angeschossenes Wild suchte, um ihn zu tten.  "Es liegt ein Trost in
dieser Besinnung", sagte er zu dem Gechteten, "und Ihr werdet Euer
Unglck leichter tragen, wenn Ihr den Gegensatz recht scharf ins Auge
fat.  Ich bewundere Euch um Eure Seelenstrke, Herr Ritter; aber
eben dieses Gefhl der Bewunderung ntigt mir eine Frage ab, die
vielleicht noch immer zu unbescheiden klingt, doch Ihr habt mich in
der letzten Nacht zu oft Freund genannt, als da ich sie nicht wagen
drfte; nicht wahr, Ihr seid Marx Stumpf von Schweinsberg?"

Es mute etwas Lcherliches in dieser Fragen liegen, das Georg nicht
finden konnte, denn der Ernst, der noch immer auf den Zgen des
Ritters gelegen, war wie weggeblasen; er lachte zuerst leise vor sich
hin, dann aber brach er in lautes Gelchter aus, in welches, wie auf
ein gegebenes Zeichen, auch der Spielmann einstimmte.

Georg sah bald den einen, bald den andern fragend an, aber seine
verlegenen Blicke schienen nur die Lachlust der beiden Mnner noch
mehr zu reizen.  Endlich fate sich der Geachtete, "Verzeiht, werter
Gast, da ich das Gastrecht so grblich verletzte und mir nicht
lieber die Zunge abgebissen habe, ehe ich etwas von Euch lcherlich
fand; aber wie kommt Ihr nur auf den Marx Stumpf?  Kennt Ihr ihn
denn?"

"Nein, aber ich wei, da er ein tapferer Ritter ist, da er wegen
des Herzogs vertrieben wurde und da die Bndischen auf ihn lauern,
und pat dieses nicht alles ganz gut auf Euch?"

Danke Euch, da Ihr mich fr so tapfer haltet, aber das mchte ich
Euch doch raten, da Ihr dem Stumpf nicht bei Nacht in den Weg kommt
wie mir, denn dieser htte Euch ohne weiteres zu Kochstcken
zusammengehauen.  Der Schweinsberg ist ein kleiner dicker Kerl, einen
Kopf kleiner als ich, und darum kam mir unwiderstehlich das Lachen.
brigens ist er ein ehrenwerter Mann, und einer von den wenigen,
die ihren Herrn im Unglck nicht verlieen."

"So seid Ihr nicht dieser Schweinsberg?" entgegnete Georg traurig
"und ich mu gehen, ohne zu wissen, wer mein Freund ist?"

"Junger Mann!" sagte der Gechtete mit Hoheit, die nur durch den
gewinnenden Ausdruck der Freundlichkeit gemildert wurde.  "Ihr habt
einen Freund gefunden durch Euer tapfereres, ehrenvolles Wesen, durch
Euren offenen, freien Blick, durch Eure warme Teilnahme an dem
unglcklichen Herzog.  Es sei Euch genug, diesen Freund gewonnen zu
haben, fragt nicht weiter, ein Wort knnte vielleicht dieses
trauliche Verhltnis zerstren, das mir so angenehm ist.  Lebt wohl,
denkt an den gechteten Mann ohne Namen, und seid versichert, ehe
zwei Tage vorbeigehen, sollt Ihr von mir und meinem Namen hren." Es
wollte Georg dnken, als stehe dieser Mann, trotz seines
unscheinbaren Kleides, vor ihm wie ein Frst, der seinen Diener
huldreich entlt, so gro war jene unbeschreibliche Hoheit, die ihm
auf der Stirn thronte, so erhaben der Glanz, der aus seinem Auge
drang.

Der Pfeifer hatte unter diesen Worten die Fackeln angezndet und
stand wartend am Eingang der Grotte; der gechtete Ritter drckte
einen Ku auf die Lippen des Jnglings und winkte ihm zu gehen.  Er
ging und wute nicht, wie ihm geschah, noch nie war ihm ein Mensch so
freundlich nahe, und doch zugleich so unendlich hoch ber ihm
gestanden, noch nie hatte er gefhlt, wie in jenen Augenblicken, da
ein Mann, entkleidet von jenem irdischen Glanz, der das Leben
schmckt, selbst in rmlicher Hlle und Umgebung eine Erhabenheit und
Gre von sich strahlen knne, die das Auge blendet, und das Gefhl
des eigenen Ichs so pltzlich berrascht und hinabdrckt.

Ein heller, freundlicher Tag empfing sie, als sie aus der Nacht der
Hhle zum Licht herausstiegen.  Georg atmete freier und leichter in
der khlen Morgenluft, denn der feuchte Dunst, der in den Gngen und
Grotten der Hhle umzieht und wovon sie vielleicht den Namen
Nebelhhle trgt, lagert sich beengend auf die Brust.  Sie fanden das
Pferd des jungen Ritters noch an derselben Stelle angebunden, munter
und frisch wie sonst, und selbst die Waffenstcke, die am Sattel
befestigt waren, hatten durch den Nachttau nicht Schaden gelitten,
wie Georg befrchtet hatte, denn der Pfeifer von Hardt hatte ein
grobes Tuch, das ihm beim Unwetter gegen Regen und Klte dienen
mochte, ber den Rcken des Pferdes ausgebreitet.  Georg machte seine
Kleidung und das Zeug des Rosses zurecht, whrend der Bauer diesem
einige Hndevoll Heu zum Morgenbrot reichte, und dann ging es weiter
den Berg hinan Sie waren erst wenige Schritte vorgerckt, als der
Klang einer Glocke aus dem Tal herauftnte und die feierliche Stille
des Morgens unterbrach; eine andere antwortete, drei bis vier
stimmten ein, bis die melodischen Tne von wenigstens zwlf Glocken
von den Hhen umher und aus den Tlern aufstiegen.  berrascht
hielt der junge Mann sein Pferd an.

"Was ist das?" rief er.  "Brennt es irgendwo, oder wie, sollten wir
heute ein Fest im Kalender haben?  Wei Gott, ich bin durch meine
Krankheit so aus aller Zeit heraus gekommen, da ich den Sonntag nur
daran erkenne, da die Mdchen neue Rcke und frische Schrzen
anhaben."

"Es ist wohl schon manchem Kriegsmann so gegangen", antwortete Hans
der Spielmann, "ich selbst habe mich oft erst auf die Zeit besinnen
mssen, wenn ich wichtigere Dinge im Kopf hatte, als Mess' und
Predigt; aber heute ist es ein anderes Ding", setzte er ernster hinzu
und schlug ein Kreuz, "heut ist Karfreitag.  Gelobt sei Jesus
Christus!"

"In Ewigkeit!" erwiderte der Jngling.  "Es ist das erste Mal in
meinem Leben, da ich den Tag nicht wrdig begehe, wie ich soll, und
dieser Tag erinnert mich an manche schne Stunde meiner Kindheit.
Damals lebte noch mein Vater; ich hatte eine sanfte, gute Mutter und
ein ganz kleines Schwesterlein.  Wir beide freuten uns immer, wenn
der Karfreitag kam; wir wuten nichts von der Bedeutung des Tages,
aber wir rechneten dann, da es nur noch zwei Tage bis Ostern sei, wo
uns die Mutter schne Sachen bescherte.  Requiescant in pace!" setzte
er ernster hinzu, indem er seitwrts blickte, um eine Trne zu
verbergen.  "Sie sind drben alle drei und feiern dort ihren heiligen
Freitag."

"Man sollte nicht von so unheiligen Dingen sprechen", sagte der
Pfeifer nach einigem Stillschweigen, "aber mein Beichtiger mag es mir
schon vergeben.  Ich denke, Ihr solltet nicht traurig sein, Junker!
Denen, die schlafen, ist es wohl, und die, die wachen, sollen
vorwrts und nicht rckwrts sehen.  So wrde ich an Eurer Stelle
daran denken, wie Ihr einst auch Euren Kindlein das Ostern bescheren
knnt und wie sie sich freuen werden am Karfreitag.  Seid Ihr nicht
auf der Brautfahrt, und wird ein gewisses Frulein nicht auch eine
gute, sanfte Mutter werden."

Georg suchte umsonst ein Lcheln zu unterdrcken, das dieser
sonderbare Trostspruch hervorgelockt hatte.  "Hre, guter Freund",
entgegnete er, "Dir ist zur Not ein solches Wort erlaubt; doch mchte
ich keinem andern raten, meine Ohren durch solche sndige Gedanken zu
entweihen."

"Nichts fr ungut, Herr!  Ich wollte weder Euch noch das Frulein
damit beleidigen; soll auch nicht mehr geschehen.  Aber seht Ihr
nicht dort schon den Turm aus den Wipfeln ragen?  Noch eine kleine
Viertelstunde, und wir sind oben."

"So viel ich gestern in der Nacht bemerken konnte, ist das Schlo auf
einen einzelnen, jhen Felsen hinausgestellt?  Bei Gott, ein khner
Gedanke, da konnte wohl niemand hinberkommen, wer nicht mit den
Geiern im Bund war und fliegen gelernt hatte; freilich jetzt knnte
man mit Stckschssen sehr zusetzen."

"Meint Ihr?  Nun, es stehen auch vier gute Doppelhaken in der Halle,
die auch ein Wrtchen antworten wrden.  Wenn Ihr recht gesehen habt,
so mt Ihr bemerkt haben, da der Felsen ringsum durch ein breites
Tal von den Bergen umher gesondert ist, dorther knnte man nicht viel
Schaden tun; die einzige Seite, die nher am Berg liegt, ist die, wo
die Zugbrcke herbergeht.  Pflanzt einmal dort Geschtz auf und seht
zu, ob es Euch der Lichtensteiner nicht in den Grund schiet, ehe Ihr
nur ein Fenster aufs Korn genommen habt.  Und wie wollt Ihr Geschtz
herauf-fhren in diesen Schluchten und Bergen, ohne da Euch wenige
entschlossene Mnner mehr Schaden tun, als das ganze Nest wert ist?"

"Da habt Ihr recht", antwortete Georg "ich mchte wissen, wer den
Gedanken gehabt hat, auf den Felsen ein Schlo zu bauen."

"Das will ich Euch sagen", erwiderte der Spielmann, der mit allen
Sagen seines Landes vertraut war, "es lebte einmal vor vielen Jahren
eine Frau, die mute viel Verfolgung dulden und wute sich nicht mehr
zu raten.  Da kam sie an diesen Felsen und sah, wie ein groer Geier
mit seiner Familie und allem Haushalt dort lebte und gegen alle
Nachstellung sicher war.  Da beschlo sie, den Geier zu verdrngen.
Sie lie das Schlo dorthin bauen, und als alles fertig war, lie sie
die Brcke aufziehen, stieg auf die Zinne ihres Turmes und sprach:
"Nun bin ich Gottes Freund und aller Welt Feind." Und es konnte ihr
keiner mehr etwas anhaben.  Aber seht, da sind wir schon.  Lebt wohl,
vielleicht da ich Euch schon heute nacht wiedersehe.  Ich steige
jetzt ins Land hinab und bringe dann dem Herrn in der Hhle
Kundschaft, wie es dort unten aussieht.  Verget nicht, an der Brcke
Brief und Ring dem Herrn des Schlosses zu senden, und htet Euch, das
Siegel selbst zu brechen."

"Sei ohne Sorgen!  Ich danke Dir fr Dein Geleit, und gre meinen
werten Gastfreund in der Hhle." Georg sprach es, trieb sein Pferd an,
und in wenigen Augenblicken war er vor der ueren Verschanzung von
Lichtenstein angelangt.

Ein Knecht, der das Tor bewachte, fragte nach seinem Begehr und rief
einen andern herbei, ihrem Herrn das Brieflein und den Ring zu
bergeben.  Georg hatte indes Zeit genug, das Schlo und seine
Umgebungen zu betrachten.  War ihm schon in der Nacht, beim
ungewissen Schein des Mondes und in einer Gemtsstimmung, die ihn
nicht zum aufmerksamsten Beobachter machte, die khne Bauart dieser
Burg aufgefallen, so staunte er jetzt noch mehr, als er sie vom
hellen Tag beleuchtet anschaute.  Wie ein kolassaler Mnsterturm
steigt aus einem tiefen Alptal ein schner Felsen, frei und khn,
empor.  Weit ab liegt alles feste Land, als htte ihn ein Blitz von
der Erde weggespalten, ein Erdbeben ihn losgetrennt oder eine
Wasserflut vor uralten Zeiten das weichere Erdreich ringsum von
seinen festen Steinmassen abgesplt.  Selbst an der Seite von Sdwest,
wo er dem brigen Gebirge sich nhert, klafft eine tiefe Spalte,
hinlnglich weit, um auch den khnsten Sprung einer Gemse unmglich
zu machen, doch nicht so breit, da nicht die erfinderische Kunst des
Menschen durch eine Brcke die getrennten Teile vereinigen konnte.

Wie das Nest eines Vogels, auf den hchsten Wipfel einer Eiche oder
auf die khnsten Zinnen eines Turmes gebaut, hing das Schlchen auf
dem Felsen.  Es konnte oben keinen sehr groen Raum haben, denn auer
einem Turm sah man nur eine befestigte Wohnung, aber die vielen
Schiescharten im untern Teil des Gebudes und mehrere weite
ffnungen, aus denen die Mndungen von schwerem Geschtz hervorragten,
zeigten, da es wohl verwahrt und trotz seines kleinen Raumes eine
nicht zu verachtende Feste sei; und wenn ihm die vielen hellen
Fenster des obern Stockes ein freies, luftiges Ansehen verliehen, so
zeigten doch die ungeheuern Grundmauern und Strebepfeiler, die mit
dem Festen verwachsen schienen und durch Zeit und Ungewitter beinahe
dieselbe braungelbe Farbe wie die Steinmasse, worauf sie ruhten,
angenommen hatten, da es auf festem Grund wurzelte, und weder vor
der Gewalt der Elemente noch dem Sturm der Menschen erzittern werde.
Eine schne Aussicht bot sich schon hier dem berraschten Auge dar,
und eine noch herrlichere, freiere lie die hohe Zinne des Wartturms
und die lange Fensterreihe des Hauses ahnen.

Diese Bemerkungen drngten sich Georg auf, als er wartend an der
uern Pforte stand, die wohlverschanzt herwrts ber der Kluft auf
dem Land den Zugang zu der Brcke deckte.  Jetzt tnten Schritte ber
die Brcke, das Tor tat sich auf, und der Herr des Schlosses erschien
selbst, seinen Gast zu empfangen.  Es war jener ernste, ltliche Mann,
den Georg in Ulm mehrere Male gesehen, dessen Bild er nicht
vergessen hatte; denn die dsteren feurigen Augen, die bleichen, aber
edlen Zge, seine groe hnlichkeit mit der Geliebten, hatten sich
tief in die Seele des Jnglings geprgt.

"Ihr seid willkommen in Lichtenstein!" sagte der alte Herr, indem er
seinem Gast die Hand bot und eine gtige Freundlichkeit den
gewhnlichen strengen Ernst seiner Zge milderte.  "Was steht Ihr
mig da Ihr Schlingel!" wandte er sich nach dieser ersten Begrung
zu seinen Dienern "Soll etwa der Junker sein Ro mit hinauffhren in
die Stube?  Schnell, hinein mit in den Stall; das Rstzeug tragt auf
die Kammer am Saal!--Verzeiht, werter Herr, da man Euch solange
unbedient stehen lie, aber in diese Burschen ist kein Verstand zu
bringen.  Wollt Ihr mir folgen?"

Er ging voran ber die Zugbrcke, Georg folgte.  Sein Herz pochte bei
diesem Gang voll Erwartung, voll Sehnsucht, seine Wangen rteten sich
vor Liebe und vor Scham, wenn er an die letzte Nacht und an die
Gefhle zurckdachte, die ihn zuerst vor diese Burg gefhrt hatten.
Sein Auge suchte an den Fenstern umher, ob er nicht die Geliebte
ersphe, sein Ohr schrfte, vielleicht ihre Stimme zu vernehmen, wenn
auch ihr Anblick ihm jetzt noch verborgen war.  Aber umsonst suchten
seine Blicke diese Mauern zu durchbohren, umsonst fing sein scharfes
Ohr jeden Laut begierig auf, noch schien sie sich nicht zeigen zu
wollen.

Sie gelangten jetzt an das innere Tor.  Es war nach alter Art tief,
stark gebaut, und mit Fallgattern, ffnungen fr siedend l und
Wasser, und allen jenen sinnreichen Verteidigungsmitteln versehen,
womit man in den guten alten Zeiten den strmenden Feind, wenn er
sich der Brcke bemeistert haben sollte, abhiellt.  Doch die
ungeheuren Mauern und Befestigungen, die sich von dem Tor an rings um
das Haus zogen, verdankte Lichtenstein nicht der Kunst allein,
sondern auch der Natur; denn ganze Felsen waren in die Mauerlinie
gezogen, und selbst der schne, gerumige Pferdestall und die khlen
Kammern, die statt des Kellers dienten, waren in den Felsen
eingehauen.  Ein bequemer, gewundener Schneckengang fhrte in die
oberen Teile des Hauses, und auch dort waren kriegerische
Verteidigungen nicht vergessen, denn auf dem Vorplatz, der zu den
Zimmern fhrte, wo in andern Wohnungen husliche Gertschaften
aufgestellt sind, waren hier furchtbare Doppelhaken und Kisten mit
Stckkugeln aufgepflanzt.  Das Auge des alten Ritters ruhte mit einem
gewissen Ausdruck von Stolz auf diesem sonderbaren Hausrat, und in
der Tat konnten diese Geschtze damals fr ein Zeichen von
Wohlhabenheit und selbst Reichtum gelten, denn nicht jeder Privatmann
war imstande, seine Burg mit vier oder sechs solchen Stcken zu
versehen.

Von hier ging es noch einmal aufwrts in den zweiten Stock, wo ein
beraus schner Saal, ringsum mit hellen Fenstern, den Ritter von
Lichtenstein und seinen Gast aufnahm.

Der Hausherr gab einem Diener, der ihnen gefolgt war, mehr durch
Zeichen als Worte einige Befehle, die ihn aus dem Saal entfernten.




Kapitel 22


Als die beiden Mnner in dem weiten Saal von Lichtenstein allein
waren, trat der Alte dicht vor Georg hin und schaute ihn an, als
messe er prfend seine Zge.  Ein Strahl von Begeisterung und Freude
drang aus seinen Augen, und die Melancholie seiner Stirn war
verschwunden, er war heiter, frhlich sogar, wie der Vater, der einen
Sohn empfngt, der von langen Reisen zurckkehrt.  Endlich stahl sich
eine Trne aus seinem glnzenden Auge, aber es war eine Trne der
Freude, denn er zog den berraschten Jngling an sein Herz.

"Ich pflege nicht weich zu sein", sprach er nach dieser feierlichen
Umarmung zu Georg, "aber solche Augenblicke berwinden die Natur,
denn sie sind selten.  Darf ich denn wirklich meinen alten Augen
trauen?  Trgen die Zge dieses Briefes nicht?  Ist dieses Siegel
echt und darf ich ihm glauben?  Doch--was zweifle ich!  Hat nicht
die Natur Euch ihr Siegel auf die freie Stirn gedrckt?  Sind die
Zge nicht echt, die sie auf den offenen Brief Eures Gesichtes
geschrieben?  Nein, Ihr knnt nicht tuschen--die Sache meines
unglcklichen Herrn hat einen Freund gefunden?"

"Wenn Ihr die Sache des vertriebenen Herzogs meint, so habt Ihr recht
gesehen, sie hat einen warmen Anhnger gefunden.  Der Ruf bezeichnete
mir lngst den Herrn von Lichtenstein als einen treuen Freund des
Herzogs, und ich wre vielleicht auch ohne den Rat jenes
unglcklichen Mannes, der mich zu Euch schickte, gekommen, Euch zu
besuchen."

"Setzt Euch zu mir, junger Freund", sagte der Alte, dessen Augen
immer noch mit Liebe auf dem Jngling zu ruhen schienen, "setzt Euch
hier und hrt, was ich sage.  Ich liebe es sonst nicht, wenn die
Leute ihre Farbe ndern, ich habe in meinem langen Leben gelernt, da
man die berzeugung eines jeden ehren msse, und da ein Mann, wenn
er nur sonst reine Absichten hat, nicht gerade deswegen zu verdammen
sei, weil er anderer Meinung ist als wir.  Aber wenn man seine Farbe
mit so uneigenntzigen Absichten ndert wie Ihr, Georg von Sturmfeder,
wenn man dem Glck den Rcken kehrt, um sich an das Unglck
anzuschlieen, da hat die nderung groen Wert, denn sie trgt das
Geprge einer edlen Tat an der Stirn."

Georg errtete ber sich selbst, als er hrte, wie der Lichtensteiner
seine uneigenntzigen Absichten pries.  War es denn nicht auch die
schne Tochter, die ihn zu der Fahne des Vaters fhrte?  Und mute er
nicht in der Achtung dieses Mannes sinken, wenn ber kurz oder lang
dieses Motiv seines bertrittes ans Licht kam?  "Ihr seid zu gtig",
antwortete er, "die Absichten eines Menschen liegen oft tiefer
verborgen, als man auf den ersten Anblick glaubt; seid versichert,
da mein bertritt zu Eurer Sache zwar zum Teil von dem emprten
Gefhl des Rechtes geleitet wurde; doch knnte es auch einen
irdischeren Beweggrund geben, Herr Ritter, und ich mchte nicht, da
Ihr mich fr zu gut hieltet, es wrde mir um so weher tun, wenn Ihr
nachher ungnstiger von mir urteiltet."

"Ich liebe Euch um dieser Offenheit willen nur noch mehr," entgegnete
der Herr des Schlosses und drckte seinem Gast die Hand.  "Doch traue
ich meiner Erfahrung und meiner Kenntnis der Gesichter, und von Euch
will ich khn behaupten, da, wenn Euch auch noch eine andere Absicht
leitet, als das Gefhl des Rechtes, diese Absicht doch keine
schlechte sein kann.  Wer Schlechtes im Schilde fhrt, ist feig, und
wer feig ist, wagt es nicht, den Truchse, den Herzog von Bayern und
den schwbischen Bund vor den Kopf zu stoen und so aufzutreten, wie
ihr aufgetreten seid."

"Was wit Ihr von mir?" rief Georg mit freudigem Erstaunen.  "Habt
Ihr denn je von mir gehrt vor diesem Augenblick?"

Der Diener, welcher bei diesen Worten die Tre ffnete, unterbrach
die Antwort des alten Herrn; er setzte Wildpret und volle Becher vor
Georg hin und schickte sich an, den Gast zu bedienen.  Doch ein Wink
seines Herrn entfernte ihn aufs neue.  "Verschmht diesen Morgenimbi
nicht", sagte er zu dem jungen Mann, "den ersten Becher sollte zwar
die Hausfrau kredenzen, wie es die angenehme Sitte heischt; aber die
meinige ist schon lange tot, und meine einzige Tochter, Marie, die an
ihrer Stelle das Hauswesen versieht, ist ins Dorf hinabgegangen, um
am hohen Fest eine Predigt zu hren und die Messe.  Nun, Ihr fragt
mich, ob ich noch nie von Euch gehrt hatte?  Ihr seid ja jetzt unser,
daher darf ich Euch wohl sagen, was man sonst verschweigt.  Ich war
zur Zeit, als Ihr in Ulm einrcktet, in jener Stadt, um meine Tochter
abzuholen, die sich dort aufhielt, hauptschlich aber, um manches zu
erfahren, was fr den Herzog zu wissen wichtig war; Gold ffnet alle
Pforten", setzte er lchelnd hinzu, "auch die des hohen Rates, und so
hrte ich tglich, was die Bundesobersten beschlossen.  Als der Krieg
erklrt wurde, war ich gentigt, abzureisen, ich hielt aber treue
Mnner in jener Stadt, die mir auch das Geheimste berichteten, was
vorging."

"War nicht einer davon der Pfeifer von Hardt", fragte Georg, "den ich
bei dem Gechteten traf?"

"Und der Euch ber die Alb fhrte?  Jawohl!  Diese brachten immer
Kundschaft.  So erfuhr ich denn auch, da man beschlo, einen Spher
hinter den Rcken des Herzogs zu schicken, etwa in die Gegend von
Tbingen, um dem Bund sogleich Nachricht von unseren Schritten zu
erteilen.  Ich erfuhr auch, da die Wahl auf Euch gefallen sei.  Nun
mu ich Euch redlich gestehen, Ihr und Euer Name war mir ziemlich
gleichgltig, nur bedauerte ich Euch, als ich hrte, da Ihr noch
solch ein junges Blut wret, denn sobald Ihr ber die Alb kmet als
Kundschafter, wret Ihr ohne Gnade und Barmherzigkeit totgeschlagen
oder unter die Erde gesetzt worden, wo keine Sonne und kein Mond
hinscheint.  Um so berraschender war mir und vielen Mnnern die
Nachricht, wie Ihr es ausgeschlagen und wie tapfer Ihr vor jenen
Herren gesprochen.  Auch da Ihr absagtet und auf vierzehn Tage
Urfehde schwren mutet, erfuhr ich Und wie freut es mich, da Ihr
nun gar unser Freund geworden seid!"

Die Wangen des jungen Mannes glhten, sein Auge strahlte vor Freude;
brach ja doch dieser Augenblick alle Schranken, welche die
Verhltnisse zwischen ihm und Marie gezogen hatten.  Sein langer
Wunsch, dessen Erfllung oft so weit in die Ferne hinausgerckt
schien, war in Erfllung gegangen; er hatte unbewut Mariens Vater
fr sich gewonnen "Ja, ich habe ihnen abgesagt", antwortete Georg,
"weil ich ihr Wesen nicht mehr leiden mochte; ich bin Euer Freund
geworden; doch wre es mglich, ich htte mich nicht so bald zu Eurer
Sache bekannt; aber als ich unten in der Hhle neben jenem gechteten
Mann sa, als ich bedachte, wie man mit den Edlen und selbst mit dem
Herrn des Landes umgehe, wie seine gewaltigen Reden so mchtig an
meiner Brust anklopften, da war es mir auf einmal hell und klar,
hierher msse ich stehen, hier msse ich streiten.  Und glaubt Ihr,
es werde bald etwas zu tun geben?  Denn ich bin nicht zu Euch
herbergeritten, um die Hnde in den Scho zu legen!"

"Das konnte ich mir denken", sagte der Ritter lchelnd, "vor vierzig
Jahren hatte ich auch so rasches Blut, und es lie mich nicht lange
auf einem Fleck.  Wie die Sachen stehen, wit Ihr; man kann sagen,
eher schlimm als gut.  Sie haben das Unterland, sie haben den ganzen
Strich von Urach herauf.  Auf eines kommt alles an, hlt Tbingen
fest, so siegen wir."

"Die Ehre von vierzig Rittern birgt dafr", rief Georg mit Unmut,
"das Schlo ist stark, ich habe kein strkeres gesehen, Besatzung ist
hinlnglich da, und vierzig Mnner von Adel werden sich so leicht
nicht ergeben.  Es kann nicht sein, es darf nicht sein.  Haben sie
nicht des Herzogs Kinder bei sich und den Schatz des Hauses?  Sie
mssen sich halten."

"Wohl, wenn sie alle dchten wie Ihr.  Es kommt gar viel auf Tbingen
an.  Wenn der Herzog Entsatz bringen kann, so hat er an Tbingen
einen festen Punkt, von wo aus er sein Land wieder erobern kann; es
sind groe Kriegsvorrte, es ist ein groer Teil des Adels dort;
solange sie zu seiner Partie halten, ist Wrttemberg nur dem Boden
nach gewonnen, dem Geist nach ist es noch des Herzogs; aber ich
frchte, ich frchte!"

"Wie?  Unmglich knnen sich die Vierzig ergeben!"

"Ihr habt noch wenig erfahren in der Welt", erwiderte der Alte, "Ihr
wit nicht, welche Lockungen und Schlingen manchen ehrlichen Mann
straucheln machen knnen.  Und es ist mancher in der Burg, dem der
Herzog zuviel getraut hat.  Er merkt auch wohl, da es nicht ganz
lauter und rein hergeht, denn er schickte den Ritter Marx Stumpf von
Schweinsberg an sie mit einem bewegten Schreiben, das Schlo nicht zu
bergeben, sondern ihm Gelegenheit zu machen, in dasselbe zu kommen,
weil er dort zu sterben bereit sei, wenn es Gott ber ihn verhnge."

"Der arme Herr!" rief Georg bewegt.  "Aber ich kann nicht glauben,
da der Landesadel so schndlich freveln knnte; sie werden ihn
einlassen in die Burg, er wird ihren Mut aufs neue beseelen, er wird
Ausflle machen, er wird sie schlagen, die Belagerer, trotz Bayern
und Frondsberg, wir werden uns an ihn anschlieen, wir werden
fechtend durch das Land ziehen und diese Bndler verjagen."

"Marx Stumpf ist noch nicht zurck", sagte der Ritter von
Lichtenstein mit besorgter Miene, "auch haben sie seit gestern das
Schieen eingestellt.  Sonst hrte man jeden Stckschu hier auf dem
Lichtenstein, aber seit gestern ist es still wie im Grab."

"Vielleicht schweigt das Geschtz wegen des Festes; gebt acht, sie
werden morgen oder am Ostermontag wieder donnern lassen, da es durch
Eure Felsen hallt."

"Was da!" entgegnete jener.  "Wegen des Festes?  Seinem Herzog treu
zu dienen, ist auch ein frommer Dienst, und es wre den Heiligen im
Himmel vielleicht lieber, sie hrten den Donner der Feldschlangen von
Tbingens Wllen, als da sie die Ritter mig shen.  Miggang ist
aller Laster Anfang!  Aber wenn nur der Stumpf in das Schlo kommt,
der wird sie aufrtteln aus ihrem Schlummer."

"Der Herzog hat den Ritter von Schweinsberg nach Tbingen geschickt,
sagt Ihr?  Der Herzog will ins Schlo, weil die Besatzung seit
einigen Tagen zu wanken scheint?  Da kann also Ulrich nicht bis
Mmpelgard entflohen sein, wie die Leute sagen.  Da ist er vielleicht
in der Nhe?  Oh da ich ihn sehen knnte, da ich mich mit ihm nach
Tbingen schleichen knnte!"

Ein sonderbares Lcheln zog flchtig ber die ernsten Zge des Alten.
"Ihr werdet ihn sehen, wenn es Zeit ist", sagte er, "Ihr werdet ihm
angenehm sein, denn er liebt Euch schon jetzt.  Und ist das Glck gut,
so sollt Ihr auch mit ihm nach Tbingen kommen, Ihr habt mein Wort
drauf.--Doch jetzt mu ich Euch bitten, Euch ein Stndchen allein zu
gedulden Mich ruft ein Geschft, das aber bald abgetan sein wird.
Nehmt Euch meinen Wein zum Gesellschafter, schaut Euch um in meinem
Haus, ich wrde Euch einladen, auf die Jagd auszureiten, wenn ein
solches Vergngen zum Karfreitag pate."

Der alte Herr drckte seinem Gast noch einmal die Hand und verlie
das Zimmer.  Bald nachher sah ihn Georg aus dem Schlo dem Wald
zureiten.

Als sich der junge Mann allein gelassen sah, fing er an, seinen Anzug
ein wenig zu besorgen, der durch den Ritt in der Nacht, durch seinen
Aufenthalt in der Hhle etwas auer Ordnung gekommen war.  Er erging
sich dann in dem groen Zimmer und suchte unter den vielen Fenstern
eines auf, von welchem er auf den Felsenweg hinabschauen konnte, den
Marie von der Kirche im Tal heraufkommen mute.

Es waren frhliche Gedanken, die sich in bunter Menge an seiner Seele
vorberdrngten, schnell und flchtig wie ein Zug heller Wlkchen,
die am blauen Gewlbe des Himmels dahingleiten.  Dies war die Burg,
die er seit mehr als einem Jahr im Wachen getrumt, in Trumen klar
gesehen hatte.  Dies die Berge, die Felsen, von denen sie ihm so oft
erzhlte, dies die Gemcher ihrer Kindheit!  Es hat etwas Anziehendes,
in den Zimmern zu verweilen, wo die Geliebte gro geworden ist.

Es war ihm so heimisch, so wohl in diesem Hause, es war ihr Geist,
der hier waltete, der ihn umschwebte, den er, ob sie auch fern war,
freundlich begrte.  Dieses Grtchen, auf einem schmalen Raum am
Felsen, hatte sie besorgt und gepflegt, diese Blumen, die in einem
Topf auf dem Tisch standen, hatte sie vielleicht heute schon
gepflckt.  Er ging hin, die Zeichen ihres freundlichen Sinnes zu
begren.

Er beugte sich herab ber die Blumen, er fhrte die duftenden
Veilchen zum Mund.  In diesem Augenblick glaubte er ein Gerusch vor
der Tr zu vernehmen.  Er sah sich um--sie war es, es war Marie, die
staunend und regungslos, als traue sie ihren Augen nicht, an der Tr
stand.  Er flog zu ihr hin, er zog sie in seine Arme, und seine
Lippen erst schienen sie zu berzeugen, da es nicht der Geist des
Geliebten sei, der ihr hier erscheine.  Wieviel hatten sie sich zu
fragen, bei weitem mehr, als sie nur antworten konnten!  Es gab
Augenblicke, wo sie, wie aus einem Traum erwacht, sich ansahen, sich
berzeugen muten, ob sie denn wirklich sich wieder htten.

"Wieviel habe ich um Dich gelitten", sagte Marie, und ihre Wangen
straften sie nicht Lgen, "wie schwer wurde mir das Herz, als ich aus
Ulm scheiden mute.  Zwar hattest Du mir gelobt, vom Bund abzulassen,
aber hatte ich denn Hoffnung, Dich so bald wiederzusehen?--Und dann,
wie mir Hans die Nachricht brachte, da Du mit ihm nach Lichtenstein
kommen wolltest, aber berfallen, verwundet worden seiest.  Das Herz
wollte mir bald brechen, und doch konnte ich nicht zu Dir, konnte
Dich nicht pflegen!"

Wie beschmt war Georg, wenn er an seine trichte Eifersucht
zurckdachte, wie fhlte er sich so klein und schwach Mariens zarter
Liebe gegenber.  Er suchte sein Errten zu verbergen, er erzhlte,
oft unterbrochen von ihren Fragen, wie sich alles so gefgt habe, wie
er dem Bund abgesagt, wie er berfallen worden, wie er der Pflege der
Pfeifersfrau sich entzogen habe, um nach Lichtenstein zu reisen.

Georg war zu ehrlich, als da ihn Mariens Fragen nicht hin und wieder
in Verlegenheit gesetzt htten.  Besonders als sie mit Verwunderung
fragte, warum er denn so tief in der Nacht erst nach Lichtenstein
aufgebrochen sei, wute er sich nicht zu raten.  Die schnen, klaren
Augen der Geliebten ruhten so fragend, so durchdringend auf ihm, da
er um keinen Preis eine Unwahrheit zu sagen vermocht htte.

"Ich will es nur gestehen", sagte er mit niedergeschlagenen Augen,
"die Wirtin in Pfullingen hat mich betrt.  Sie sagte mir etwas von
Dir, was ich nicht mit Gleichmut hren konnte."

"Die Wirtin?  Von mir?" rief Mane lchelnd.  "Nun, was war denn dies,
da es Dich noch in der Nacht die Berge herauftrieb?"

"La es doch!  Ich wei ja, da ich ein Tor war.  Der gechtete
Ritter hat mich schon lngst berzeugt, da ich vllig unrecht hatte."

"Nein, nein", entgegnete sie bittend, "so entgehst Du mir nicht.  Was
wute die Schwtzerin wieder von mir?  Gestehe nur gleich--"

"Nun, lache mich nur recht aus.  Sie erzhlte, Du habest einen
Liebsten und lassest ihn, wenn der Vater schlafe, alle Nacht in die
Burg."

Marie errtete.  Unwille und die Lust, ber diese Torheit zu lachen,
kmpften in ihren schnen Zgen.  "Nun, ich hoffe", sagte sie, "Du
hast ihr darauf geantwortet, wie es sich gehrt, und aus Unmut ber
eine solche Verleumdung ihr Haus verlassen?  Dachtest vielleicht, Du
knntest unser Schlo noch erreichen und hier bernachten?"

"Ehrlich gestanden, das dachte ich nicht.  Sieh, ich war noch halb
krank, ich glaubte ihr auch anfangs gewi nicht; aber Deine Amme, die
alte Frau Rosel, wurde angefhrt, sie hatte es der Wirtin gesagt, sie
hatte mich selbst mit ins Spiel gebracht und bedauert, da ich um
meine Liebe betrogen sei, da--oh sieh nicht weg, Marie, werde mir
nicht bse!  Ich schwang mich aufs Pferd und ritt vors Schlo herauf,
um ein Wort mit dem zu sprechen, der es wage, Marien zu lieben."

"Das konntest Du glauben?" rief Marie, und Trnen strzten aus ihren
Augen "Da Frau Rosel solche Sachen aussagt, ist unrecht, aber sie
ist ein altes Weib, klatscht gerne.  Da die Frau Wirtin solche
Sachen nachsagt, nehme ich ihr nicht bel, denn sie wei nichts
Besseres zu tun.  Aber Du, Du, Georg, konntest nur einen Augenblick
so arge Lgen glauben, Du wolltest Dich ber-zeugen da--" Von neuem
strmten ihre Trnen, und das Gefhl bitterer Krnkung erstickte ihre
Stimme.

Georg zrnte selbst, da er so tricht hatte sein knnen, aber er
fhlte auch, da, wenn er ein groes Unrecht an der Geliebten
begangen hatte, es nur die Liebe war, die ihn verleitete.  "Verzeihe
mir nur diesmal", bat er.  "Sieh, wenn ich Dich nicht so liebgehabt
htte, ich htte gewi nicht geglaubt.  Aber wenn Du wtest, was
Eifersucht ist!"

"Wer recht liebt, kann gar nicht eiferschtig sein", sagte Marie
unmutig, "Aber schon in Ulm hast Du etwas der Art gesagt, und schon
damals hat es mich recht tief betrbt.  Aber Du kennst mich gar nicht,
wenn Du mich recht gekannt httest, wenn Du mich geliebt httest,
wie ich Dich, wrest Du nicht auf solche Gedanken gekommen."

"Nein!  Ungerecht mut du doch nicht werden", rief Georg und fate
ihre Hand, "Wie kannst Du mir vorwerfen, da ich Dich nicht liebe,
wie Du mich?  Htte es denn nicht mglich sein knnen, da ein
Wrdigerer als ich erschienen, da der arme Georg durch irgendeinen
bsen Zauberer aus Deinem Herzen verdrngt worden wre?  Es ist ja
doch alles mglich auf der Erde!"

"Mglich?" unterbrach ihn Marie, und jener Stolz, den Georg oft mit
Lcheln an der Tochter des Ritters von Lichtenstein betrachtet hatte,
schien sie allein zu beseelen.  "Mglich?  Wenn Ihr nur einen
Augenblick so Arges von mir fr mglich halten konntet, ich
wiederhole es, Herr von Sturmfeder!  So habt Ihr mich nie geliebt.
Ein Mann mu sich nicht wie ein Rohr hin und her bewegen lassen, er
mu fest stehen auf seiner Meinung, und wenn er liebt, so mu er auch
glauben."

"Diesen Vorwurf habe ich von Dir am wenigsten verdient", sagte der
junge Mann, indem er unmutig aufsprang, "Wohl bin ich ein Rohr, das
vom Wind hin und her bewegt wird, und mancher wird mich darum
verachten--"

"Es knnte sein", flsterte sie, doch nicht so leise, da es sein Ohr
nicht erreichte und seinen Unmut zum Zorn anblies.

"Auch Du willst mich also darum verachten, und doch bist Du es, was
mich hin und her bewegt!  Ich habe Dich auf bndischer Seite gesucht,
ich war selig, als ich Dich dort fand.  Du batest mich, davon
abzulassen, ich ging, Ich tat noch mehr.  Ich kam zu Euch herber, es
kostete mich beinahe das Leben, und doch lie ich mich nicht
abschrecken.  Ich ergriff Wrttembergs Partei; ich kam zu Deinem
Vater, er nahm mich wie einen Sohn auf und freute sich, da ich sein
Freund geworden--aber seine Tochter schilt mich ein Rohr, das vom
Wind hin und her bewegt wird!  Aber noch einmal will ich mich--zum
letzten Mal--von Dir bewegen lassen.  Ich will fort, weil Du meine
Liebe so vergiltst, noch in dieser Stunde will ich fort!"

Er grtete unter den letzten Worten sein Schwert um, ergriff sein
Barett und wandte sich zur Tre.

"Georg!" rief Marie mit den sesten Tnen der Liebe, indem sie
aufsprang und seine Hand fate.  Ihr Stolz, ihr Zorn, jede Wolke des
Unmuts war verschwunden, selbst die Trnen hemmten ihren Lauf, und
nur bittende Liebe blickte aus ihrem Auge.  "Um Gottes willen, Georg!
Ich meinte es nicht so bse.  Bleibe bei mir, ich will alles
vergessen, ich schme mich, da ich so unwillig werden konnte."

Aber der Zorn des jungen Mannes war nicht so schnell zu besnftigen,
er sah weg, um nicht durch ihre Blicke, durch ihr bittendes Lcheln
gewonnen zu werden, denn sein Entschlu stand fest, das Schlo zu
verlassen "Nein!" rief er, "Du sollst das Rohr nicht mehr
zurckwenden.  Aber Deinem Vater kannst du sagen, wie Du seinen Gast
aus seinem Haus vertrieben hast." Die runden Fensterscheiben
zitterten vor seiner Stimme, sein Auge blickte wild umher, er entri
seine Hand der Geliebten, gefolgt von ihr, schritt er fort, er ri
die Tr auf, um auf ewig zu fliehen, als ihn auf der Schwelle eine
Erscheinung fesselte.




Kapitel 23


Als Georg die Tre ffnete, richtete sich aus einer sehr gebckten
Stellung die hagere, kncherne Gestalt der Frau Rosel auf.  Es war
dies eine jener alten Dienerinnen, die, wenn sie von frher Jugend an
in einer Familie bleiben, sich einbrgern, in die Familie verwachsen
und gleichsam ein notwendiger Zweig davon werden Sie hatte ihre
Ntzlichkeit besonders nach dem Tod der Frau von Lichtenstein erprobt,
wo sie Marie mit groer Sorgfalt pflegte und aufzog.  Sie war so von
einer Zofe zur Kindsfrau, von der Kindsfrau zur Haushlterin, von
diesem Posten zu Mariens Oberhofmeisterin und Vertrauten avanciert.
Sie hatte aber wie ein kluger Feldherr sich den Rcken gesichert, sie
hatte jene Posten, aus denen sie in die hheren Stellen vorgerckt
war, nicht wieder besetzen lassen, sondern verwaltete sie alle
zusammen wie sie behauptete, mit groer Gewissenhaftigkeit, und weil
es doch sonst niemand verstehe.  Sie hatte durch diesen Kunstgriff
und durch ihre lange Dienstzeit die Zgel der huslichen Regierung an
sich gebracht, das Gesinde ging und kam nach ihrem Blick, und sie gab
zu verstehen, da sie beim Herrn alles gelte, obgleich seine ganze
Gnade nur darin bestand, da er sie nicht in Gegenwart der brigen
auszankte.

Mit dem Frulein lebte sie in neueren Zeiten nicht mehr im besten
Verhltnis.  Sie hatte in den Tagen der Kindheit und ersten Jugend
ihr ganzes Vertrauen besessen.  Noch in Tbingen war sie wenigstens
halb ins Geheimnis ihrer Liebe gezogen, und Frau Rosel nahm wirklich
so ttigen Anteil an allem, was ihr Frulein betraf, da sie gesagt
htte: "Wir lieben den Herrn von Sturmfeder aufs zrtlichste", oder--
"uns will das Herz beinahe brechen, weil wir scheiden mssen."

Diesem Vertrauen machten aber zwei Dinge ein Ende.  Das Frulein
bemerkte, da Frau Rosel zu gern schwatze, sie war ihr auf der Spur,
da sie sogar von ihrem Verhltnis zu Georg geplaudert habe.  Sie war
daher von jetzt an klter gegen die Alte, und Frau Rosel merkte im
Augenblick, warum dies geschehe.  Als aber bald darauf die Reise nach
Ulm angetreten wurde, als Frau Rosel, obgleich sie sich einen neuen
Rock von Fries und eine kstliche Haube von Brokat hierzu verfertigt
hatte, auf hheren Befehl in Lichtenstein bleiben mute, da wurde die
Kluft noch weiter; denn die Alte glaubte, das Frulein habe es beim
Vater dahin gebracht, da sie nicht nach Ulm mitreisen drfe.

Das Vertrauen wurde nicht hergestellt, als Marie von Ulm zurckkehrte.
Frau Rosel zwar, die lieber mit der Herrschaft als dem Gesinde
lebte, suchte einige Male Erkundigungen ber Herrn Georg einzuziehen
und so das alte Verhltnis wieder anzuknpfen, doch Mariens Herz war
zu voll, die Amme ihr zu verdchtig als da sie etwas gesagt htte.
Als daher der gechtete Ritter nchtlicher Weile ins Schlo kam, als
das Frulein so geheimnisvoll Speisen fr ihn bereitete und, wie Frau
Rosel glaubte, mit ihm allein war, als sie auch hier nicht mehr ins
Geheimnis gezogen wurde, da schttete sie ihr Herz gegen die Frau
Wirtin in Pfullingen aus, und es war Georg nicht so ganz zu verdenken,
da er jenen Worten traute, kannte er ja doch Frau Rosel nur als
Vertraute ihres Fruleins, wute er ja doch nicht, wie dieses
Verhltnis indessen so anders sich gestaltet habe.

Frau Rosel war im Sonntagsstaat mit ihrer Dame diesen Morgen in die
Kirche gewallfahrtet.  Sie hatte ihre Snden, worunter Neugierde
ziemlich weit obenan stand, dem Priester gebeichtet, auch Absolution
dafr erhalten, und war mit soviel leichterem Herzen und Gewissen auf
den Lichtenstein zurckgekehrt, als sie vorher schwer und unter der
Last der Snden seufzend, hinabgestiegen war.  Die salbungsvollen
Worte des Paters mochten aber doch nicht so tief gedrungen sein, um
ihre Snden mit der Wurzel auszurotten, denn als sie in ihr
Kmmerlein hinaufstieg um Rosenkranz und Sonntagsschmuck abzulegen,
hrte sie ihr Frulein und eine tiefe Mnnerstimme heftig miteinander
sprechen; es wollte ihr sogar bednken, ihr Frulein weine.

"Sollte er wohl bei Tag hier sein, weil der Alte ausgeritten?" dachte
sie.  Die natrliche Menschenliebe und ein zartes Mitgefhl zog ihr
Auge und Ohr ans Schlsselloch, und sie vernahm in abgebrochenen
Worten den Streit, dessen Zeugen auch wir gewesen sind.

Der junge Mann hatte die Tre so rasch geffnet, da sie nicht mehr
Zeit gehabt hatte, sich zu entfernen, sondern kaum noch aus ihrer
gebckten Stellung am Schlsselloch auftauchen konnte.  Doch sie
wute zu helfen in solchen milichen Fllen, sie lie Georg nicht an
sich vorber, lie beide nicht zum Wort kommen, sie ergriff die Hnde
des jungen Mannes und berstrmte ihn mit einem Schwall von Worten.

"Ei, du meine Gte!  Htt' ich glaubt, da meine alten Augen den
Junker von Sturmfeder noch schauen wrden!  Und ich mein', Ihr seid
noch schner worden und grer, seit ich Euch nimmer sah!  Htt' ich
das gewut!  Steh' da, wie ein Stock an der Tr', denke, ei!  Wer
spricht jetzt mit dem gndigen Frulein?  Der Herr ist's nicht.  Von
den Knechten ist's auch keiner!  Ei, was man nicht erlebt!  Jetzt
ist's der Junker Georg, der da drin spricht!"

Georg hatte sich whrend dieser Rede der Frau Rosel vergeblich von
ihr loszumachen gesucht.  Er fhlte, da es sich nicht gezieme, vor
ihr zu zeigen, da er auf Marien zrne, und doch glaubte er, keinen
Augenblick mehr bleiben zu knnen.  Er rang endlich eine Hand aus der
knchernen Faust der Alten, aber indem er sie frei fhlte, hatte sie
auch schon Marie ergriffen, hatte sie, ohne auf Frau Rosels
hhnisches Lcheln zu achten, an ihr Herz gedrckt.  Er war bei
dieser Bewegung einem ihrer Blicke begegnet, die ihn auf ewig zu
bannen schienen.  Jetzt aber erwachte in ihm ein neuer Kampf, eine
neue Verlegenheit.  Er fhlte seinen Unmut schwinden, er fhlte, da
es Marie nicht so bs mit ihm gemeint habe.--Wie sollte er aber
jetzt mit Ehren zurckkehren?  Wie sollte er so ganz ungekrnkt
scheinen?  Wre er mit Marien allein gewesen, so war es vielleicht
noch eher mglich, aber vor diesem Zeugen, vor der wohlbekannten Frau
Rosel umzukehren, sich durch einen Hndedruck, durch einen Blick
erweichen lassen und gefangengeben?  Er schmte sich vor diesem Weib,
weil er sich vor sich selbst schmte.

Frau Rosel hatte sich einige Augenblicke an der Angst, an dem Gram
ihres Fruleins geweidet, dann aber siegte die ihr angeborene
Gutmtigkeit ber die kleine Schadenfreude, die in ihr aufgestiegen
war.  Sie fate die Hand des Junkers fester: "Ihr werdet uns doch
nicht schon wieder verlassen wollen; nachdem Ihr kaum ein Stndchen
auf dem Lichtenstein verweilt habt?  Ehe Ihr etwas zu Mittag gegessen,
lt Euch die alte Rosel gar nicht weiter, das ist gegen alle Sitte
des Schlosses.  Und den Herrn habt Ihr wahrscheinlich auch noch nicht
begrt?"

Es war schon ein groer Gewinn fr Mariens Sache, da Georg sprach:
"Ich habe ihn schon gesprochen, dort stehen noch die Becher, die wir
zusammen leerten."

"Nun?" fuhr die Alte fort.  "Da werdet Ihr wohl noch nicht von ihm
Abschied genommen haben?"

"Nein, ich sollte ihn im Schlo erwarten."

"Ei, wer wird denn gehen wollen?" sagte sie und drngte ihn sanft in
das Zimmer zurck "Das war mir eine schne Sitte.  Der Herr knnte ja
Wunder meinen, was fr einen sonderbaren Gast er beherbergte.  Wer
bei Tag kommt", setzte sie mit einem stechenden Blick auf das
Frulein hinzu, "wer beim hellen Tag kommt, hat ein gut Gewissen und
darf sich nicht wegschleichen wie der Dieb in der Nacht."

Marie errtete und drckte die Hand des Jnglings, und unwillkrlich
mute dieser lcheln, wenn er an den Irrtum der Alten dachte und die
strafenden Blicke sah, die sie auf Marien warf.

"Ja, ja, wie ich sagte", fuhr Frau Rosel fort, "braucht Euch nicht
wegzustehlen wie der Dieb in der Nacht.  Wre vielleicht besser
gewesen, Ihr wret schon frher gekommen.  Im Sprichwort heit es:
'Sieh fr Dich, irren ist milich; und wer will haben Ruh, bleib' bei
seiner Kuh!' Aber ich will nichts gesagt haben."

"Nun ja", sagte Marie, "Du siehst, er bleibt da.  Was willst Du nur
mit Deinen Reden und Sprchlein?  Du weit selbst, sie passen nicht
immer."

"So?  Aber bisweilen treffen sie doch einen, dem es nicht lieb ist.
'Aber Reu' und guter Rat ist unntz nach geschehener Tat'.  Ich wei
schon, 'Undank ist der Welt Lohn', ich kann ja schweigen.  'Wer will
haben gute Ruh, der seh' und hr' und schweig' dazu.'"

"Nun, so schweig' immerhin", entgegnete das Frulein, etwas gereizt.
"brigens wirst Du wohl tun, wenn du den Vater nicht geradezu
merken lt, da Du Herrn von Sturmfeder schon kennst.  Es wre
mglich, er knnte glauben, er sei wegen uns nach Lichtenstein
gekommen."

Frau Rosel kmpfte zwischen guter und bser Laune.  Es tat ihr wohl,
da man sie brauchte, da man Stillschweigen von ihr erbitten mute.
Auf der andern Seite war sie noch unwillig darber, da das Frulein
seit neuerer Zeit so wenig Vertrauen in sie gesetzt habe.  Sie
murmelte daher nur einige unverstndliche Worte vor sich hin, indem
sie die Sthle wieder an die Wnde stellte, die Becher vom Tisch nahm
und die Flecken abwischte, die der Wein auf der Schieferplatte, womit
der Tisch eingelegt war, zurckgelassen hatte.  Marie gab Georg der
sich an ein Fenster gestellt hatte und noch nicht vllig mit sich und
der Geliebten ausgeshnt schien, einen Wink, den er nicht unbeachtet
lie.  Ihm selbst war viel daran gelegen, da Mariens Vater noch
nichts um ihre Liebe wute, er frchtete, jener mchte es als
einziges Motiv seines bertritts zu Wrttemberg ansehen, er mchte
ihn darum weniger gnstig beurteilen, als er bisher getan.  Dies
erwgend, nherte sich Georg der alten Frau Rosel.  Er klopfte ihr
traulich auf die Schultern, und ihre Zge hellten sich zusehends auf.
"Man mu gestehen", sagte er freundlich, "Frau Rosalie hat eine
schne Haube; aber dies Band pat doch wahrlich nicht dazu, es ist
alt und verschossen."

"Ei was!" sagte die Alte etwas rgerlich, denn sie hatte sich wohl
auf eine freundlichere Rede gefat gemacht.  "Was kmmert Euch meine
Haube, 'Ein jeder fege vor seiner Tr'.  'Sieh auf Dich und auf die
Deinen, danach schilt mich und die Meinen'.  Ich bin ein armes Weib
und kann nicht Staat machen wie eine Reichsgrfin.  'Wenn alle Leute
wren gleich, und wren alle smtlich reich, und wren all' zu Tisch
gesessen, wer wollt' auftragen Trinken und Essen?'"

"Nun, so habe ich's nicht gemeint", sagte Georg besnftigend, indem
er eine Silbermnze aus seinem Beutel zog.  "Aber mir zu Gefallen
ndert Frau Rosalie schon ihr Band.  Und da meine Forderung nicht
gar zu unbillig klinge, wird sie diesen Dicktaler nicht verschmhen!"

Wer hat nicht an einem Oktobertag trotz Sturm und Wolken die Sonne
durchdringen und Gewlk und Nebel verjagen sehen?  So ging es auch am
Horizont der Frau Rosel freundlich auf.  Die artige Weise des Junkers,
ihr Lieblingsname Rosalie, der ihr viel wohltnender dnkte als das
verdorbene Rosel, und endlich der Dicktaler mit dem Krauskopf des
Herzogs und dem Wappen von Teck--wie konnte sie so vielen Reizen
widerstehen?  "Ihr seid doch der alte freundliche Junker!" sagte sie,
indem sie, sich tief verneigend, den Taler in die ungeheure lederne
Tasche an ihrer Seite gleiten lie und den Saum von Georgs Mantel zum
Mund fhrte.  "Gerade so wutet Ihr es in Tbingen zu machen.  Stand
ich am Jrgenbrunnen, ging ich von der Burgsteig hinab auf den Markt,
richtig rief es hinter mir: 'Guten Morgen, Frau Rosalie, und wie geht
es dem Frulein?' Und wie oft und reich habt Ihr mich dort beschenkt:
wenigstens zwei Drittel von dem Rock, den ich hier trag', verdank'
ich Eurer Gnade!"

"Lat das, gute Frau", unterbrach sie Georg.  "Und was den Herrn
betrifft, so wirst Du--"

"Was meint Ihr!" erwiderte sie, indem sie die Augen halb zudrckte.
"Habe Euch in meinem Leben nicht gesehen.  Nein, da knnt Ihr Euch
drauf verlassen.  'Was ich nicht wei, macht mir nicht hei, und was
mich nicht brennt, das blase ich nicht!'"

Sie verlie bei diesen Worten das Zimmer und stieg in den ersten
Stock hinab, um dort in der Kche ihr Regiment zu verwalten.

Die Liebenden aber hatten sich nach ihrem Abzug bald wieder gefunden.
Georg vermochte nicht den bittenden Blicken Mariens zu widerstehen,
und als sie mit den sesten Tnen der Liebe ihn fragte, ob er ihr
wieder gut sei, da vermochte er ihr nicht nein zusagen, und der
Friede war, was selten der Fall ist, in krzerer Zeit wieder
geschlossen, als die Fehde begonnen hatte.

Mit hohem Interesse hrte Marie auf Georgs fernere Erzhlung und es
gehrte der feste Glaube des jungen Mannes an die Geliebte und sein
Vertrauen in das Wort des Gechteten dazu, um nicht von neuem auer
Fassung zu kommen.  Denn als er beschrieb, wie er auf den Ritter
getroffen und sich mit ihm geschlagen habe, da errtete sie, sie
richtete sich stolzer auf und drckte die Hand des Geliebten, sie
gestand ihm, da er einen wichtigen Kampf bestanden habe, denn jener
Mann sei ein tapferer Kmpe.  Und als er erzhlte, wie sie
hinabstiegen in die Nebelhhle, wie sie den Gechteten besuchten, wie
er tief unter der Erde in rmlicher Umgebung doch so gro und erhaben
geschienen; da strzten Trnen aus ihren Augen, sie blickte hinauf
zum Himmel, als bete sie im stillen, er mchte das traurige Geschick
dieses Mannes wenden, und als er fortfuhr und sagte, was sie
gesprochen, und wie der Mann der Hhle sich seinen Freund genannt,
wie er sich zu Wrttembergs Sache, zu der Sache der Unterdrckten und
Vertriebenen mit Wort und Handschlag verpflichtet habe, da strahlte
Mariens Auge von wunderbarem Glanz; sie sah Georg lange an, er
glaubte eine Begeisterung in ihrem Auge, in ihren Zgen zu lesen, die
nicht die Freude, da er ihres Vaters Partei ergriffen habe, allein
hervorbrachte.

"Georg!" sagte sie, "es werden viele sein, die Dich einst um diese
Nacht beneiden werden.  Du darfst es Dir auch zur Ehre rechnen, denn
glaube mir, nicht jeden htte Hans zu dem Vertriebenen gefhrt."

"Du kennst ihn", erwiderte Georg.  "Du weit um sein Geheimnis?  Oh
sag mir doch, wer ist er?  Ich habe selten einen Mann gesehen, dessen
Auge, dessen Miene, dessen ganzes Wesen mich so beherrscht htte wie
dieser.  Wo lagen seine Besitzungen, wo ist das Schlo, aus dem er
vertrieben ist?  Er sagt, er wolle jetzt keinen andern Namen haben
als 'der Mann', aber sein Arm, dessen Strke ich gefhlt, sein heller
Blick verbrgten mir, da er einst einen berhmten Namen in der Welt
gehabt haben msse."

"Er hatte einen Namen", antwortete Marie, "einen, der sich mit den
besten messen konnte.  Aber wenn er Dir ihn nicht selbst gesagt hat,
so darf ich ihn auch nicht nennen, das wre gegen mein Wort, das ich
darauf gegeben.  Herr Georg mu sich also schon noch gedulden",
setzte sie lchelnd hinzu, "so hart es ihn auch ankommt, denn er ist
ein neugieriger Herr."

"Mir kannst Du es ja doch sagen", unterbrach sie Georg, "sind wir
nicht eins?  Darf das eine ein Geheimnis haben, ohne da es der ander
Teil wissen mu?  Schnell!  Antworte, wer ist der Mann in der Hhle?"

"Werde nicht bse; sieh, wenn es nur mein Geheimnis wre, so mtest
Du es auch wissen und knntest es mit Recht verlangen aber so--ich
wei zwar, da es bei Dir so sicher wre als bei mir, aber ich darf
nicht."

Sie sprach noch, als die Tr aufsprang und eine Dogge von ungeheurer
Gre hereinstrzte.  Georg fuhr unwillkrlich auf denn einen Hund
von solcher Gre und Strke hatte er nie gesehen Der Hund stellte
sich ihm gegenber, schaute ihn mit rollenden Augen an und fing an zu
murren.  Es tnte aus seiner breiten Brust herauf dumpf und hohl wie
ein nahender Sturm, und die wohlgeordnete Reihe scharfer Zhne, die
er vorwies, zeigten ihn als einen Kmpfer, dessen Zorn man nicht
reizen drfe.  Ein Wort von Marie reichte hin, ihn ruhig und
besnftigt zu ihren Fen zu legen.  Sie streichelte seinen schnen
Kopf, aus welchem die klugen Augen noch immer bald nach ihr, bald
nach dem Junker sphten.

"Er hat Menschenverstand!" sagte sie lchelnd.  "Er kommt, um mich zu
warnen, da ich den Mann in der Hhle nicht verraten soll."

"Ein herrlicher Hund, wie ich nie einen gesehen!  Wie er den Kopf so
stolz aus dem goldenen Halsband hervortrgt, als gehre er einem
Kaiser oder Knig!"

"Er gehrt ihm, dem Vertriebenen", erwiderte Marie, "und wenn ich auf
dem Sprung war, den Namen seines Herrn zu nennen kam er, mich zu
warnen."

"Warum aber fhrt der Ritter seinen Hetzer nicht mit sich.  Wahrlich,
ein Arm wie der seine, untersttzt von einem solchen Tier, darf sechs
Mrder nicht frchten."

"Das Tier ist wachsam", antwortete sie, "aber wild.  Wenn er es in
der Hhle unten htte, so htte er zwar einen sicheren Schutz.  Wie
aber, wenn durch Zufall ein Mensch in jene Hhle kme?  Sie ist so
gro, da man den Mann nicht darin ahnen kann, aber die Dogge wrde
ihn verraten.  Sie wrde knurren und anschlagen, sobald sie Tritte
hrte, und sein Aufenthalt wre entdeckt.  Darum hat er ihm befohlen,
als er wegging hier zu bleiben, er versteht dies Gebot, und ich sorge
fr ihn.  Er hat ordentlich das Heimweh nach seinem Herrn, und die
Freude solltest Du sehen, wenn es Nacht wird; er wei, da dann sein
Herr bald ins Schlo kommt, und wenn die Zugbrcke niederfllt und
die Schritte des Mannes auf dem Hof tnen, da ist er nicht mehr zu
halten; er wrde sechsfache Ketten zerreien, um bei ihm zu sein."

"Ein schnes Bild der Treue!  Doch ein schneres noch ist der Mann;
dem dieser Hund gehrt.  Hing er doch ebenso treu an seinem Herrn und
lie sich verbannen und ins Elend jagen; es ist tricht von mir",
setzte Georg hinzu, "ich wei, Neugierde steht einem Mann nicht an,
aber wissen mchte ich, wer er ist."

"So gedulde Dich doch, bis es Nacht wird!  Wenn der Mann kommt, will
ich ihn fragen, ob Du es wissen darfst, ich zweifle nicht, er wird es
erlauben."

"Es ist noch lange bis dahin, und jeden Augenblick mu ich a ihn
denken; wenn Du mir es nicht sagst, so mu ich mich an den Hund
wenden, vielleicht ist er gtiger als Du."

"Versuche es immer", rief Marie lchelnd, "wenn er sprechen kann, so
soll er es nur gestehen."

"Hr einmal, du ungeheurer Geselle" wandte sich Georg in dem Hund,
der ihn aufmerksam ansah, "sage mir, wie heit dein Herr?"

Der Hund richtete sich stolz auf, ri den weiten Rachen auf und
brllte in schrecklichen Tnen "U-u-u!"

Marie errtete.  "La doch die Possen", sagte sie und rief den Hund
zu sich, "wer wird mit Hunden sprechen, wenn man in menschlicher
Gesellschaft ist!"

Georg schien nicht darauf zu hren.  "U hat er gesagt, der gute Hund?
Der ist darauf geschult, ich wollte alles wetten!  Es ist nicht das
erste Mal, da man ihn fragt: wie heit dein Herr?"

Kaum hatte Georg die letzten Worte gesprochen, so fing der Hund mit
noch grulicheren Tnen als vorher sein "U-u-u!" zu heulen an.  Aufs
neue errtete Marie, sie hie beinahe unwillig den Hund schweigen; er
legte sich ruhig zu ihren Fen.

"Da haben wir's", rief Georg lachend, "der Herr heit U!  Und fing
das sonderbare Wort auf dem Ring den mir der Ritter gab, nicht auch
mit U an?  Ungeheuer!  Heit dein Herr vielleicht Uffenheim?  Oder
Uxkll?  Oder Ulm?  Oder vielleicht gar--"

"Unsinn!  Der Hund hat gar keinen anderen Laut als U; wie magst du
Dir nur Mhe geben, daraus etwas zu folgern!  Doch hier kommt der
Vater den Berg herauf; willst Du, da es ihm verborgen bleibe, so
nimm Dich zusammen und verrate Dich nicht.  Ich gehe jetzt, denn es
ist nicht gut, wenn er uns beisammen antrifft."

Georg gelobte es.  Er umarmte noch einmal die Geliebte und versah
sich von ihrem sen Mund auf viele Stunden, um wenigstens an der
Erinnerung sich zu erfreuen, wenn die Gegenwart des Vaters jede
zrtliche Annherung unmglich machte.




Kapitel 24


Karfreitag und Ostern waren vorbergegangen, und Georg von Sturmfeder
befand sich noch immer in Lichtenstein.  Der Herr dieses Schlosses
hatte ihn eingeladen bei ihm zu verweilen, bis etwa der Krieg eine
andere Wendung nehmen wrde oder Gelegenheit da wre, der Sache des
Herzogs wichtige Dienste zu leisten.  Man kann sich denken wie gerne
der junge Mann diese Einladung annahm.  Unter einem Dach mit der
Geliebten, immer in ihrer Nhe, oft ein Stndchen mit ihr allein von
ihrem Vater geliebt--er hatte in seinen khnsten Trumen kein
hnliches Glck ahnen knnen.  Nur eine Wolke trbte den Himmel der
Liebenden, die dstere Wolke, die zuweilen auf der Stirn des Vaters
lag.  Es schien, als habe er nicht die besten Nachrichten von seinem
Herzog und dem Kriegsschauplatz.  Es kamen zu verschiedenen
Tageszeiten Boten in die Burg, aber sie kamen und gingen ohne da der
Ritter seinem Gast erffnete, was sie gebracht htten.  Einige Male
glaubte Georg in der Abenddmmerung sogar den Pfeifer von Hardt ber
die Brcke schleichen zu sehen; er hoffte von diesem vielleicht etwas
erfahren zu knnen, er eilte hinab, um ihm zu begegnen, aber wenn er
bis an die Brcke kam, war jede Spur von ihm verschwunden.

Der junge Mann fhlte sich etwas beleidigt ber diesen Mangel an
Zutrauen, wie er es bei sich und seinen uerungen gegen Marie nannte.
"Ich habe doch den Freunden des Herzogs mich ganz und gar angeboten,
obgleich ihre Partei nicht viel Lockendes hat; der Mann in der Hhle
und der Ritter von Lichtenstein bewiesen mir Freundschaft und
Vertrauen aber warum nur bis auf diesen Punkt?  Warum darf ich nicht
erfahren, wie es mit Tbingen steht?  Warum nicht, wie der Herzog
operiert, um sein Land wieder zu erobern?  Bin ich nur zum
Dreinschlagen gut?  Verschmht man mich im Rat?"

Marie suchte ihn zu trsten Es gelang oft ihren schnen Augen ihren
freundlichen Reden, ihn diese Gedanken vergessen zu lassen aber
dennoch kehrten sie in manchem Augenblick wieder, und die sorgenvolle
Miene des alten Herrn mahnte ihn immer an die Sache, welcher er
beigetreten war.

Am Abend des Osterfestes konnte er endlich dieses Stillschweigen
nicht lnger ertragen.  Er fragte auf die Gefahr hin, fr
unbescheiden zu gelten, wie es mit dem Herzog und seinen Plnen stehe,
ob man nicht auch seiner endlich einmal bedrfe?  Aber der Ritter
von Lichtenstein drckte ihm freundlich die Hand und sagte: "Ich sehe
schon lange, wackerer Junge, wie es Dir das Herz beinahe abdrcken
will, da Du nicht teilnehmen kannst an unseren Mhen und Sorgen;
aber gedulde Dich noch einige Zeit, vielleicht nur einen Tag noch, so
wird sich manches entscheiden.  Was soll ich Dich mit ungewissen
Nachrichten, mit traurigen Botschaften plagen?  Dein heiterer
Jugendsinn ist nicht gemacht, bedchtig in ein Gewebe von Bosheit zu
schauen und die knstlich geschlungenen Fden wieder loszumachen.
Wenn die Entscheidung naht, dann, glaube mir, wirst Du ein
willkommener Genosse sein bei Rat und Tat.  Nur so viel brauchst Du
zu wissen, es steht mit unserer Sache weder schlimm noch gut; doch
bald mu es sich entscheiden."

Der junge Mann sah ein, da der Alte recht haben knne, und doch war
er nichts weniger als zufrieden mit dieser Antwort.  Auch erfuhr er
den Namen des Gechteten nicht.  Marie hatte ihn, als er in der
nchsten Nacht ins Schlo gekommen war, gefragt, ob sie ihrem Gast
seinen Namen nennen drfe, er hatte nichts darauf gesagt, als: "Noch
ist's nicht an der Zeit!"

Noch ein dritter Umstand war es, der Georg beinahe beleidigend vorkam.
Er hatte dem Herrn von Lichtenstein gesagt, wie sehr ihn der Mann
in der Hhle angezogen habe, wie er nichts Erfreulicheres kenne, als
recht oft in dessen Nhe zu sein, und dennoch hatte man ihn nie mit
einem Wort eingeladen, eine Nacht mit dem geheimnisvollen Gast
zuzubringen.  Er war zu stolz, sich aufzudrngen er wartete von Nacht
zu Nacht, ob man ihn nicht herabrufen werde, jenen Mann zu sprechen;
es geschah nicht.  Er beschlo, wenigstens einmal uneingeladen
zuzusehen, wie der Fremde in die Burg komme, und betrachtete sich
deswegen die Gelegenheit genau.  Seine Kammer, wohin er regelmig um
acht Uhr gefhrt wurde, lag gegen das Tal hinaus, gerade
entgegengesetzt der Seite, wo die Brcke ber den Abgrund fhrte.
Von hier war es also nicht mglich, ihn kommen zu sehen.  Das groe
Zimmer im zweiten Stock, das nicht weit entfernt von seiner Kammer
lag, wurde jede Nacht abgeschlossen, von dort aus konnte er also auch
nicht hinabsehen.  Auf dem Vorplatz, der die Kammern umher und den
Saal verband, gingen zwar zwei Fenster gegen die Brcke hinaus, sie
waren aber vergittert und hoch, so da man zwar ins Freie hinber,
aber nicht hinab auf die Brcke sehen konnte.

Es blieb ihm daher nichts brig, als sich irgendwo zu verbergen, wenn
er den nchtlichen Besuch sehen wollte.  Im ersten Stock war dies
nicht mglich, weil dort so viele Leute wohnten, da er leicht
entdeckt werden konnte.  Doch als er den Torweg und die Stlle
musterte, die unter dem Schlo in den Felsen gehauen waren, bemerkte
er an der Zugbrcke eine Nische, die von den Torflgeln bedeckt wurde,
welche man nur, wenn der Feind vor den Toren war, verschlo.  Dies
war der Ort, der ihm Sicherheit und zugleich Raum genug zu gewhren
schien, um zu beobachten, was um ihn her vorging.  Links von der
Nische schlo sich die Zugbrcke an das Tor, rechts war die Treppe,
die hinauf fhrte, vor ihm der Torweg, den jeder gehen mute, der ins
Schlo kam.  Dorthin beschlo er, in der kommenden Nacht sich zu
schleichen.

Um acht Uhr kam der Knappe mit der Lampe, um ihm wie gewhnlich ins
Bett zu leuchten.  Der Herr des Schlosses und seine Tochter sagten
ihm freundlich gute Nacht.  Er stieg hinan in seine Kammer, er
entlie den Knecht, der ihn sonst entkleidete, und warf sich
angekleidet auf das Bett.  Er lauschte auf jeden Glockenschlag, den
die Nachtluft aus dem Dorf hinter dem Wald herbertrug.  Oft
schlossen sich seine Augen, oft schwebte er schon auf jener
unsicheren Grenze zwischen Wachen und Schlafen, wo sich die Seele nur
mit ermatteten Krften gegen die Bande des Schlummers strubt, aber
immer wieder rang er sich los, wenn seine Gedanken klar genug waren,
um ihm seinen Zweck ins Gedchtnis zurckzufhren.

Zehn Uhr war lngst vorber.  Die Burg war still und tot, Georg
raffte sich auf, zog die schweren Sporen und Stiefel ab, hllte sich
in seinen Mantel und ffnete behutsam die Tr seiner Kammer.  Er
hielt den Atem an, um sich nicht durch Schnauben zu verraten.  Die
Angeln seiner Tr knarrten, er hielt an, er lauschte, ob niemand
diese verrterischen Tne gehrt habe.  Es blieb alles still.  Der
Mond fiel in mattem Schein auf den Vorplatz.  Georg pries sich
glcklich, da ihn dieses trgerische Licht nicht zum zweiten Mal
verraten werde.  Er schlich weiter an die Wendeltreppe.  Noch einmal
hielt er an, um zu lauschen, ob alles still sei.  Er hrte nichts als
das Sausen des Windes und das Rauschen der Eichen ber der Brcke, Er
stieg behutsam hinab.  In der Stille der Nacht tnt alles lauter, und
Dinge erwecken die Aufmerksamkeit, die man am Tag nicht beachtet
htte.  Wenn Georgs Fu auf ein Sandkrnchen trat, so rauschte es auf
der gewlbten Wendeltreppe, da er erschrak und glaubte, man msse es
im ganzen Haus gehrt haben.  Er kam am ersten Stock vorber.  Er
lauschte, er hrte niemand, aber auf dem Herd in der Kche flatterte
ein luftiges Feuer.  Jetzt war er unten Auf den Weg von seiner Kammer
bis zum Tor, den er sonst in einem Augenblick zurcklegte, hatte er
eine Viertelstunde verwandt.

Er stellte sich in die Nische und zog den Torflgel noch nher zu
sich her, da er vllig von ihm bedeckt war.  Eine Spalte in der Tr
war gro genug, da er durch sie alles beobachten konnte.  Noch war
alles still im Schlo.  Nur flchtige Tritte glaubte er ber sich zu
vernehmen, es war wohl Marie, die geschftig hin und her ging.

Nach einer tdlich langen Viertelstunde schlug es im Dorf elf Uhr.
Dies war die Zeit des nchtlichen Besuches, Georg schrfte sein Ohr,
um zu vernehmen, wann er komme.  Nach wenigen Minuten hrte er oben
den Hund anschlagen, zugleich rief ber dem Graben eine tiefe Stimme:
"Lichtenstein!"

"Wer da?" fragte man aus der Burg.

"Der Mann ist da!" antwortete jene Stimme, die Georg von seinem
Besuch in der Hhle so wohl bekannt war.

Ein alter Mann, der Burgwart, kam aus einer Kasematte, die in den
Grundfelsen gehauen war.  Er ffnete mit einem wunderlich geformten
Schlssel das Schlo der Zugbrcke.  Indem er noch damit beschftigt
war, strzte in groen Sprngen der Hund die Treppe herab.  Er
winselte, er wedelte mit dem Schwanz, er hpfte an dem Burgwart
hinauf, als wolle er ihm behilflich sein, die Brcke fr seinen Herrn
herabzulassen Und jetzt kam auch Marie, sie trug ein Windlicht und
leuchtete damit dem Alten, der mit seinem Aufschlieen nicht
zurechtzukommen schien.

"Spute dich, Balthasar!" flsterte sie.  "Er wartet schon eine gute
Weile, und drauen ist's kalt, und es weht ein garstiger Wind."

"Jetzt nur noch die Kette los, gndiges Frulein", antwortete er,
"dann sollt Ihr gleich sehen, wie schn meine Brcke fllt.  Ich habe
auch, wie Ihr befohlen habt, die Fugen mit l geschmiert, da sie
nicht mehr knarren und die Frau Rosel aus ihrem sanften Schlaf
aufwecken."

Die Ketten rauschten in die Hhe, die Brcke senkte sich langsam nach
auen und legte sich ber den Abgrund.  Der Mann aus der Hhle, in
seinen groben Mantel eingehllt, schritt herber.  Georg hatte sich
das Bild dieses Mannes tief ins Herz geprgt, und doch berraschten
ihn aufs neue seine auffallend khnen Zge, sein gebietendes Auge,
seine freie Stirn, das Krftige, Gewaltige in seinen Bewegungen.

Der Schein des Windlichtes fiel auf ihn und Marie, und noch lange
Jahre bewahrte Georg die Erinnerung an diese Gruppe.  Die schlanke
Gestalt der Geliebten, das dunkle Haar, dessen Flechten aufgegangen
waren und nun um den zierlichen Hals herabstrmten, die blendende
Stirn, das sinnige, blaue Auge, dem die langen dunklen Wimpern und
die schngeschwungenen Bogen der Brauen einen eigentmlichen Reiz
gaben, der kleine rote Mund, die zarte Farbe ihrer Wangen, dies alles,
berstrahlt von dem Licht, das sie in der Hand hielt, bewirkte, da
Georg glaubte, die Geliebte nie so reizend gesehen zu haben, als in
diesem Augenblick, wo der Kontrast gegen die scharfen, krftigen
Formen des Mannes, der neben ihr stand, ihr zartes, liebliches Wesen
noch mehr hervorhob.

Der nchtliche Gast half mit beinahe bermenschlicher Kraft dem alten
Pfrtner die Brcke wieder aufziehen.  Dann zog sich der Alte zurck
und Georg vernahm folgendes Gesprch:

"Ist Nachricht da von Tbingen?  Ist Marx Stumpf zurck?  Ich lese
Unglck in Euern Mienen!"

"Nein, Herr, er ist noch nicht zurck", sagte Marie, "der Vater
erwartet ihn aber noch diese Nacht."

"Da ihm der Teufel Fe mache!  Ich mu warten, bis er kommt, und
sollte es Tag darber werden--Hu! eine kalte Nacht, Frulein", sagte
der Gechtete, "meine Uhus und Kuzlein in der Nebelhhle mu es auch
gewaltig frieren, denn sie schrien und jammerten in klglichen Tnen,
als ich heraufstieg."

"Ja, es ist kalt", antwortete sie, "um keinen Preis mchte ich mit
Euch hinabsteigen Und wie schauerlich mu es sein, wenn die Kuzlein
schreien.  Mir graut, wenn ich nur daran denke!"

"Wenn Junker Georg Euch begleitete, ginget Ihr doch mit", erwiderte
jener lchelnd, indem er das errtende Gesicht des Mdchens am Kinn
ein wenig in die Hhe hob.  "Nicht wahr, mit dem ginget Ihr in die
Hlle?  Was das fr eine Liebe sein mu!  Wei Gott, Euer Mund ist
ganz wund.  Gar zu arg mt Ihr es doch nicht machen mit Kssen."

"Ach Herr!" flsterte Marie, indem sich aufs neue eine dunkle Rte
ber die zarten Wangen go.  "Wie mgt Ihr nur so sprechen.  Wit Ihr,
da ich gar nicht mehr herabkomme, Euch gar nicht mehr koche, wenn
Ihr so von mir und dem Junker denkt?"

"Nun, einen Scherz mt Ihr mir schon gelten lassen", sagte der
Ritter und kniff sie in die errtenden Wangen, "ich habe ja in meiner
Behausung da unten so wenig Zeit und Gelegenheit zum Scherzen.  Aber
was gebt ihr mir, wenn ich fr den Junker ein gutes Wort einlege beim
Vater, da er ihn Euch zum Mann gibt?  Ihr wit, der Alte tut, was
ich haben will, und wenn ich ihm einen Schwiegersohn empfehle, nimmt
er ihn unbesehen."

Marie schlug die Augen auf und sah ihn mit freundlichen Blicken an.
"Gndigster Herr", antwortete sie, "ich will es Euch nicht verwehren,
wenn Ihr fr Georg ein gutes Wort sprecht.  brigens ist ihm der
Vater schon sehr gewogen."

"Ich frage, was ich fr ein gutes Wort bekomme?  Alles hat seinen
Preis.  Nun, was wird mir dafr?"

Marie schlug die Augen nieder.  "Ein schner Dank", sagte sie "aber
kommt, Herr, der Vater wird schon lngst auf uns warten."

Sie wollte vorangehen, der Gechtete aber ergriff ihre Hand und hielt
sie auf.  Georgs Herz pochte beinahe hrbar, es wurde ihm bald hei,
bald kalt, er fate den Torflgel und wre nahe daran gewesen, diese
Frsprache um einen fixen Preis zu verbitten.

"Warum so eilig?" hrte er den Mann der Hhle sagen.  "Nun, sei es um
ein Kchen so will ich loben und preisen, da Dein Vater sogleich
den Pfaffen holen lt, um das heilige Sakrament der Ehe an Euch zu
vollziehen."

Er senkte sein Haupt gegen Marie herab, Georg schwindelte es vor den
Augen, er war im Begriff, aus seinem Hinterhalt hervorzubrechen.  Das
Frulein aber sah jenen Mann mit einem strafenden Blick an.

"Das kann unmglich Eurer Gnaden Ernst sein", sagte sie, "sonst
httet Ihr mich zum letzten Mal gesehen."

"Wenn Ihr wtet, wie erhaben und schn Euch dieser Trotz steht",
sagte der Ritter mit unerschtterlicher Freundlichkeit, "Ihr ginget
den ganzen Tag im Zorn und in der Wut umher.  brigens habt Ihr
recht, wenn man schon einen andern so tief im Herzen hat, darf man
keine solche Gunst mehr ausspenden.  Aber feurige Kohlen will ich auf
Euer Haupt sammeln, ich will dennoch den Frsprecher machen.  Und an
Eurem Hochzeitstag will ich bei Eurem Liebsten um einen Ku anhalten,
dann wollen wir sehen, wer recht behlt."

"Das knnt Ihr!" sagte Marie, indem sie ihm lchelnd ihre Hand entzog
und mit dem Licht voranging.  "Aber macht Euch immer auf eine
abschlgige Antwort gefat, denn ber diesen Punkt spat er nicht
gerne."

"Ja, er ist verdammt eiferschtig", entgegnete der Ritter im
Weiterschreiten.  "Ich knnte Euch davon eine Geschichte erzhlen,
die mir selbst mit ihm begegnet ist.  Aber ich habe versprochen, zu
schweigen."--Ihre Stimmen entfernten sich immer mehr und wurden
undeutlicher.  Georg schpfte wieder freien Atem.  Er lauschte und
harrte noch in seiner Nische, bis er niemand mehr auf den Treppen und
Gngen hrte.  Dann verlie er seinen Platz und schlich sich nach
seiner Kammer zurck.  Die letzten Worte Mariens und des Gechteten
lagen noch in seinen Ohren.  Er schmte sich seiner Eifersucht, die
ihn auch in dieser Nacht wieder unwillkrlich hingerissen hatte, wenn
er bedachte, in welch unwrdigem Verdacht er die Geliebte gehabt und
wie rein sie in diesem Augenblick vor ihm gestanden sei.  Er verbarg
sein errtendes Gesicht tief in den Kissen, und erst spt entfhrte
ihn der Schlummer diesen qulenden Gedanken.

Als er am andern Morgen in die Herrenstube hinabging, wo sich um
sieben Uhr gewhnlich die Familie zum Frhstck versammelte, kam ihm
Marie mit verweinten Augen entgegen.  Sie fhrte ihn auf die Seite
und flsterte ihm zu: "Tritt leise ein, Georg!  Der Ritter aus der
Hhle ist im Zimmer.  Er ist vor einer Stunde ein wenig
eingeschlummert.  Wir wollen ihm diese Ruhe gnnen!"

"Der Gechtete!" fragte Georg staunend, "wie kann er es wagen, noch
bei Tag hier zu sein?  Ist er krank geworden?"

"Nein!" antwortete Marie, indem von neuem Trnen in ihren Wimpern
hingen "Nein!  Es mu in dieser Stunde noch ein Bote von Tbingen
anlangen, und diesen will er erwarten.  Wir haben ihn gebeten,
beschworen, er mchte doch vor Tag hinabgehen, er hat nicht darauf
gehrt.  Hier will er ihn erwarten."

"Aber knnte denn der Bote nicht auch in die Hhle hinabkommen?" warf
Georg ein.  "Er setzt sich ja umsonst dieser Gefahr aus."

"Ach, Du kennst ihn nicht, das ist sein Trotz; wenn er sich einmal
etwas in den Kopf gesetzt hat, so geht er nicht mehr davon ab.  Und
nur zu leicht wird er mitrauisch; deswegen konnten wir ihm nicht
sehr zureden wegzugehen; er htte glauben knnen, wir tun es nur
wegen uns.  Sein Hauptgrund zu bleiben ist, da er sich gleich mit
dem Vater beraten will, sobald er Nachricht bekommt."

Sie waren whrend dieser Rede an die Tr der Herrenstube gekommen,
Marie schlo so leise als mglich auf und trat mit Georg ein.

Die Herrenstube unterschied sich von dem groen Gemach im oberen
Stock nur dadurch, da sie kleiner war.  Auch sie hatte die Aussicht
nach drei Seiten, durch Fenster mit kleinen runden Scheiben, durch
welche sich die Morgensonne in vielfarbigen Strahlen brach.  Decke
und Wnde umzog ein Getfel von schwarzbraunem Holz, mit farbigen
Hlzern kunstreich ausgelegt.  Einige Ahnenbilder der Lichtensteiner
schmckten die Wand, welche kein Fenster hatte, und Tische und
Gertschaften zeigten da der Ritter von Lichtenstein ein Freund
alter Sitten und Zeiten sei, und seinen Hausrat, wie er ihn vom
Grovater empfangen hatte, auch auf die Tochter vererben wolle.  Vor
einem groen Tisch in der Mitte des Zimmers sa der Herr des
Schlosses.  Er hatte sein Kinn und den langen Bart auf die Hand
gesttzt und schaute finster und regungslos in einen Becher, der vor
ihm stand.  Die Weinkannen und Deckelkrge auf dem Tisch, der Becher
vor dem alten Herrn machten, da man ungewi war, ob er die Nacht
beim Becher zugebracht habe, oder ob er so frh am Tag sich durch
einen guten Trunk Krfte sammeln wolle.

Er grte seinen jungen Gast, als dieser an den Tisch zu ihm getreten
war, durch ein leichtes Neigen des Hauptes, in dem ein kaum
bemerkbares Lcheln um seinen Mund zog.  Er wies auf einen Becher und
einen Stuhl zu seiner Seite.  Marie verstand den Wink, schenkte einen
Becher voll und kredenzte ihn dem Geliebten mit jener holden Anmut,
die allem, was sie tat, einen eigentmlichen Stempel aufdrckte.
Georg setzte sich an die Seite des Alten und trank.

Dieser rckte ihm nher und flsterte ihm mit heiserer Stimme zu:
"Ich frchte, es steht schlimm!"

"Habt Ihr Nachricht?" fragte Georg ebenso heimlich.

"Ein Bauer sagte mir heute frh, gestern abend htten die Tbinger
mit dem Bund gehandelt."

"Gott im Himmel!" rief Georg unwillkrlich aus.

"Seid still und weckt ihn nicht!  Er wird es nur zu frh erfahren",
entgegnete ihm jener, indem er auf die andere Seite der Stube deutete.

Georg sah dorthin.  An einem Fenster der Seite, die gegen den jhen
Abgrund liegt, sa der gechtete Mann.  Er hatte den Arm auf das Sims
gesttzt, er schlummerte.  Sein grauer Mantel war ber die Schulter
herabgefallen und lie ein abgetragenes unscheinbares Lederkoller
sehen, in das die krftige Gestalt gehllt war.  Sein krauses Haar
fiel nachlssig um die Schlfe, und einige Bsche des gerollten
Bartes quollen unter der Hand, in die er den Kopf gesttzt hatte,
hervor.

Zu seinen Fen lag sein groer Hund.  Er hatte seinen Kopf auf den
Fu seines Herrn gelegt, seine treuen Augen hingen teilnehmend an dem
Haupt des Gechteten.

"Er schlft", sagte der Alte und zerdrckte eine Trne in den Augen
"Die Natur fordert die Schuld an den Krper und umhllt die Seele mit
einem wohlttigen Schleier.  Er atmet leicht.  Oh da es beruhigende
Trume wren, die ihm vorschweben!  Die Wirklichkeit ist so traurig,
wer sollte ihm nicht wnschen, da er sie im Traum vergit!"

"Es ist ein hartes Schicksal!" erwiderte Georg, indem er wehmtig auf
den Schlafenden blickte.  "Vertrieben von Haus und Hof, gechtet, in
die Wste hinausgejagt!  Sein Leben jedem Buben preisgegeben, der in
der Ferne seinen Bolz auf ihn anlegt!  Bei Tag unter der Erde, bei
Nacht wie ein Dieb umherschleichen zu mssen!  Wahrlich, es ist hart!
Und dies alles, weil er seinem Herrn treu war und jene Bndler nach
seinen Gtern gelstete."

"Der Mann dort hat manches verfehlt in seinem Leben", sprach der
Ritter von Lichtenstein mit tiefem Ernst.  "Ich habe ihn beobachtet
seit den Tagen seiner Kindheit, bis zu dieser Stunde; ich kann ihm
das Zeugnis geben, er hat das Gute und Rechte gewollt.  Zuweilen
waren die Mittel falsch, die er anwandte, zuweilen verstand man ihn
nicht, zuweilen lie er sich von der Hitze der Leidenschaft hinreien
aber wo lebt der Mensch, von dem man dies nicht sagen knnte?  Und
wahrlich, er hat es grausam gebt!" Er hielt inne, als htte er
schon mehr gesagt, als er sagen wollte, und umsonst suchte Georg ber
den Vertriebenen mehr zu erfahren.  Der Alte versank in
Stillschweigen und tiefes Sinnen.

Die Sonne war ber die Berge heraufgekommen, die Nebel fielen, Georg
trat ans Fenster, die herrliche Aussicht zu genieen.  Unter dem
Felsen von Lichtenstein, wohl dreihundert Klafter tief, breitet sich
ein liebliches Tal aus, begrenzt von waldigen Hhen, durchschnitten
von einem eilenden Waldbach.  Drei Drfer liegen freundlich in der
Tiefe.

Georg betrachtete bewundernd.  Er strengte sein Auge mehr und mehr an,
er suchte in die Weite zu dringen, und jedes Schlo, jedes Dorf in
der weiten Aussicht zu unterscheiden.  Marie stand neben ihm.  Sie
teilte seine Bewunderung, obgleich sie seit ihrer frhen Kindheit
dieses Schauspiel genossen.  Sie zeigte ihm flsternd jeden Fleck,
sie wute ihm jede Turmspitze zu nennen.  "Wo ist eine Stelle in
deutschen Landen", sprach Georg, in diesen Anblick versunken, "die
sich mit dieser messen knnte!  Ich habe Ebenen gesehen und Hhen
erstiegen, von wo das Auge noch weiterdringt, aber diese lieblichen
Gefilde zeigen sie nicht.  So reiche Saaten, Wlder von Obst, und
dort unten, wo die Hgel blulicher werden, ein Garten von Wein!  Ich
habe noch keinen Frsten beneidet, aber hier stehen zu knnen,
hinauszublicken von dieser Hhe und sagen zu knnen, diese Gefilde
sind mein!"

Ein tiefer Seufzer in ihrer Nhe schreckte Marien und Georg aus ihren
Betrachtungen auf.  Sie sahen sich um, wenige Schritte von ihnen
stand im Fenster der Gechtete und blickte mit trunkenen, glnzenden
Blicken ber das Land hin, und Georg war ungewi, ob jene Worte oder
das Andenken an sein Unglck die Brust dieses Mannes bewegt hatten.

Er begrte Georg und reichte ihm die Hand.  Dann wandte er sich zu
dem Herrn des Schlosses und fragte, ob noch immer keine Botschaft da
sei?  "Der von Schweinsberg ist noch nicht zurck", antwortete dieser.

Der Gechtete trat schweigend an das Fenster zurck und schaute in
die Ferne.  Marie fllte ihm einen Becher.  "Seid getrosten Mutes,
Herr", sagte sie, "schaut nicht mit so finstern Blicken auf das Land.
Trinkt von diesem Wein, er ist gut Wrttembergisch und wchst dort
unten an jenen blauen Bergen."

"Wie kann man traurig bleiben", antwortete er, indem er sich wehmtig
lchelnd zu Georg wandte, "wenn ber Wrttemberg die Sonne so schn
aufgeht und aus den Augen einer Wrttembergerin ein so milder blauer
Himmel lacht?  Nicht wahr, Junker, was sind diese Berge und Tler,
wenn uns solche Augen, solche treue Herzen bleiben?  Nehmt euren
Becher und lat uns darauf trinken.  Solange wir Land besitzen in den
Herzen, ist nichts verloren: Hie gut Wrttemberg allezeit."

"Hie gut Wrttemberg allezeit", erwiderte Georg und stie an.  Der
Gechtete wollte noch etwas hinzusetzen, als der alte Burgwart mit
wichtiger Miene hereintrat.  "Es sind zwei Krmer vor der Burg",
meldete er, "und begehren Einla."

"Sie sind's, sie sind's", riefen in einem Augenblick der Gechtete
und Lichtenstein.  "Fhr sie herauf."

Der alte Diener entfernte sich.  Eine bange Minute folgte dieser
Meldung, Alle schwiegen, der Ritter von Lichtenstein schien mit
seinen feurigen Augen die Tre durchbohren, der Gechtete seine
Unruhe verbergen zu wollen, aber die schnelle Rte und Blsse, die
auf seinen ausdrucksvollen Zgen wechselte, zeigten, wie die
Erwartung dessen, was er hren werde, sein ganzes Wesen in Aufruhr
brachte.  Endlich vernahm man Schritte auf der Treppe, sie nherten
sich dem Gemach.  Der gewaltige Mann zitterte, da er sich am Tisch
halten mute, seine Brust war vorgebeugt, sein Auge hing starr an der
Tr, als wolle er in den Mienen des Kommenden sogleich Glck oder
Unglck lesen--jetzt ging die Tr auf.




Kapitel 25


Auch Georg hatte erwartungsvoll hingesehen.  Er musterte mit
schnellem Blick die Eintretenden, in dem einen erkannte er sogleich
den Pfeifer von Hardt, der andere war--jener Krmer, den er in der
Herberge von Pfullingen gesehen hatte.  Der letztere warf einen Pack,
den er auf dem Rcken getragen ab, ri das Pflaster weg, womit er ein
Auge bedeckt hatte, richtete sich aus seiner gebckten Stellung auf,
und stand nun als ein untersetzter, stark gebauter Mann mit offenen
krftigen Zgen vor ihnen.

"Marx Stumpf!" rief der Gechtete mit dumpfer Stimme.  "Wozu diese
finstere Stirne?  Du bringst Uns gute Botschaft, nicht wahr; sie
wollen Uns das Pfrtchen ffnen sie wollen mit Uns aushalten bis auf
den letzten Mann?"

Marx Stumpf von Schweinsberg warf einen bekmmerten Blick auf ihn
"Macht Euch auf Schlimmes gefat, Herr!" sagte er.  "Die Botschaft
ist nicht gut, die ich bringe."

"Wie", entgegnete jener, indem die Rte des Zornes ber seine Wangen
flog und die Ader auf seiner Stirn sich zu heben begann "Wie, Du
sagst sie zaudern, sie schwanken?  Es ist nicht mglich, sieh Dich
wohl vor; da Du nichts bereiltes sagst; es ist der Adel des Landes,
von dem Du sprichst."

"Und dennoch sage ich es", antwortete Schweinsberg, indem er einen
Schritt weiter vortrat, "im Angesicht vor Kaiser und Reich will ich
es sagen, sie sind Verrter."

"Du lgst!" schrie der Vertriebene mit schrecklicher Stimme.
"Verrter, sagst Du?  Du lgst.  Wie wagst Du es, vierzig Ritter
ihrer Ehre zu berauben?  Ha!  Gestehe, Du lgst."

"Wollte Gott, ich allein wre ein Ritter ohne Ehre, ein Hund, der
seinen Herrn verlt.  Aber alle vierzig haben ihren Eid gebrochen,
Ihr habt Euer Land verloren Herr Herzog, Tbingen ist ber!"

Der Mann, dem diese Rede galt, sank auf einen Stuhl am Fenster; er
bedeckte sein Gesicht mit den Hnden Seine Brust hob und senkte sich,
als suche sie vergeblich nach Atem.

Die Blicke aller hingen gerhrt und schmerzlich an ihm, vor allem
Georgs; denn wie ein Blitz hatte der Name des Herzogs das Dunkel
erhellt, in welchem ihm bisher dieser Mann erschienen war.  Er war es
selbst, es war Ulrich von Wrttemberg!  In einem schnellen Flug zog
es an seiner Seele vorber, wie er diesen Gewaltigen zuerst getroffen,
wie er ihn tief in der Erde Scho besucht, welche Worte jener zu ihm
gesprochen wie sein ganzes Wesen ihn schon damals berrascht und
angezogen hatte; es war ihm unbegreiflich, da er nicht lngst schon
von selbst auf diese Entdeckung gekommen war.

Eine geraume Weile wagte niemand das Schweigen zu brechen.  Man hrte
nur die tiefen Atemzge des Herzogs und das Winseln seines treuen
Hundes, der sein Unglck zu kennen und zu teilen schien.  Endlich
winkte Lichtenstein dem Ritter von Schweinsberg, sie traten zu Ulrich,
sie faten sein Gewand und schienen ihn erwecken zu wollen; er blieb
unbeweglich und stumm.  Marie hatte weinend in der Ferne gestanden,
sie nahte sich jetzt mit unsicheren, zagenden Schritten, sie legte
ihre schne Hand auf seine Schulter, sie blickte ihn bange an, sie
fate sich endlich ein Herz und flsterte; "Herr Herzog!  Hier ist
noch gut Wrttemberg alleweg!"

Ein tiefer Seufzer lste sich aus seiner gepreten Brust, aber seine
Hnde drckten sich fester auf die Augen, er sah nicht auf.  Jetzt
nahte auch Georg.  Unwillkrlich kam ihm der heldenmtige Ausdruck
dieses Mannes in die Seele, jene gebietende Erhabenheit, die er ihm,
als er ihn zum ersten Male gesehen gezeigt hatte; jedes Wort, das er
damals gesprochen, kehrte wieder, und der junge Mann wagte es, zu ihm
zu sprechen.  "Warum so kleinmtig, Mann ohne Namen!  Si fractus
illabator orbis, impavitum ferient ruinae!"

Wie ein Zauber wirkten diese Worte auf Ulrich von Wrttemberg.  Sei
es dieser Wahlspruch, sei es jene Mischung von Seelengre, Trotz und
wahrer Erhabenheit ber das Unglck, was ihm bei seinen Zeitgenossen
den Namen des "Unerschrockenen" erwarb--er zeigte sich von diesem
Augenblick an seines Namens wrdig.

"Das war das rechte Wort, mein junger Freund", sprach er zur
Bewunderung aller mit fester Stimme, indem er seine Hnde sinken lie,
sein Haupt stolzer aufrichtete und das alte, kriegerische Feuer aus
seinen Augen loderte, "das war das rechte Wort.  Ich danke Dir; da
Du mir es zugerufen.  Tretet vor, Marx Stumpf, Ritter von
Schweinsberg, und berichtet mir ber Eure Sendung.  Doch reiche mir
zuvor einen Becher, Marie!"

"Es war letzten Donnerstag, da ich Euch verlie", hob der Ritter an;
"Hans steckte mich in diese Kleidung und zeigte mir, wie ich mich zu
benehmen htte.  In Pfullingen kehrte ich ein, um zu probieren, ob
man mich nicht kenne, aber die Wirtin gab mir so gleichgltig einen
Schoppen, als habe sie den Ritter Stumpf in ihrem Leben nicht gesehen,
und ein Ratsherr, den ich noch vor acht Tagen tchtig ausgescholten
hatte, trank mit mir, als htte ich zeitlebens den Kram auf dem
Rcken getragen.  Der junge Herr dort war auch in der Schenke."

Der Herzog schien sich an dieser Erzhlung zu zerstreuen; munterer,
als man bei so groem Unglck htte denken sollen fragte er: "Nun
Georg, Du hast ihn gesehen; sah er so recht aus, wie ein schbiger,
filziger Krmer?  Wie?"

"Ich denke, er hat seine Rolle gut gespielt", antwortete der junge
Mann lchelnd.

"Von Pfullingen zog ich abends noch frba bis nach Reutlingen.  Dort
war in der Weinstube ein ganzer Trieb Bndischer.  Augsburger,
Nrnberger, Ulmer, alle mglichen Stdter, und jubilierten mit den
Reutlingern, da man die Hirschgeweihe wieder von ihren Wappen
genommen, die Ihr ihnen aufgesetzt habt.  Sie schimpften und sangen
Spottlieder ber Euch, die bewiesen, wie sehr sie Euch noch immer
frchteten.  Am Karfreitag frh ging ich nach Tbingen, das Herz
pochte mir, als ich das Burgholz herunterkam und das schne Neckartal
vor meine Blicken lag, und die festen Trme und Zinnen von Tbingen
vom Berg herberragten."

Der Herzog prete die Lippen zusammen wandte sich ab und sah hinaus
ins Weite.  Der von Schweinsberg hielt inne und blickte teilnehmend
auf seinen Herrn doch jener winkte ihm, fortzufahren.

"Ich stieg hinab ins Tal und wanderte weiter nach Tbingen.  Die
Stadt war schon seit vielen Tagen von den Bndischen besetzt, und nur
wenige Truppen standen mehr im Lager, das sie ber dem Ammertal auf
dem Berg geschlagen hatten.  Ich beschlo, mich in die Stadt zu
schleichen und hinzuhorchen, wie es mit dem Schlo stehe, ehe denn
ich auf dem geheimen Weg zur Besatzung ginge.  Ihr kennt die Herberge
in der obern Stadt, nicht weit von der St.-Georgen-Kirche; dort trat
ich ein und setzte mich zum Wein.  Die bndischen Ritter, so erfuhr
ich unterwegs, kehrten oft dort ein, daher schien mir dies der beste
Platz zu meinem Zweck."

"Ihr wagtet viel", unterbrach ihn Herr von Lichtenstein, "wie leicht
konnten Leute da sein; die Euch abkaufen wollten; und da wre der
Krmer bald entdeckt gewesen!"

"Ihr verget, da es Freitag war", entgegnete jener; "ich hatte also
guten Grund, mein Bndel nicht auszupacken und anzupreisen nach
Krmersitte.  Doch so leicht wre ich wohl nicht entdeckt worden;
habe ich doch an Georg von Frondsberg ein Bchslein mit Wundbalsam
verkauft!  Wei Gott, ich htte lieber mit ihm gestritten, da er es
gleich htte brauchen knnen.--Es war noch das Hochamt in der Kirche;
daher war niemand in der Herberge; vom Wirt aber erfuhr ich, da die
Ritter im Schlo einen Waffenstillstand bis Ostermontag frh gemacht
htten.  Als die Kirche aus war, kamen richtig, wie ich mir gedacht
hatte, viele Ritter und Herren in die Herberge zum Frhtrunk.  Ich
setzte mich in einen Winkel auf die Ofenbank, wie es armen Leuten
geziemt in Gegenwart so groer Herren."

"Wen sahst Du dort?" fragte der Herzog.

"Ich kannte einige, andere erriet ich aus dem Gesprch, das sie
fhrten.  Es war Frondsberg, Alban von Closen, die Huttischen,
Sickingen und noch viele; bald trat auch der Truchse von Waldburg
ein.  Ich zog die Kappe tiefer ins Gesicht, als ich ihn sah, denn er
wird noch nicht vergessen haben, wie ich ihn vor fnfzehn Jahren im
Lanzenstechen zu Nrnberg von der Mhre warf."

"Saht Ihr nicht auch den Hauptmann Hans von Breitenstein?" unterbrach
ihn Georg.

"Breitenstein?  Da ich nicht wte, doch ja, so hie wohl jener; der
den Hammelschlegel auf einen Sitz verzehrte.  Jetzt fingen sie an;
von der Belagerung zu reden und vom Waffenstillstand.  Sie sprachen
hin und her; oft flsterten sie auch untereinander; doch ich habe
gute Ohren und vernahm, was mir nicht lieb war.  Der Truchse nmlich
erzhlte, da er einen Pfeil in die Burg habe schieen lassen mit
einem Brieflein an Ludwig von Stadion.  Es mu dies schon mehrere
Male geschehen sein, denn die Ritter verwunderten sich nicht, als er
weiter fortfuhr und sagte, wie er auf demselben Weg eine Antwort
erhalten habe."

Des Georgs Stirn verfinsterte sich.  "Ludwig von Stadion!" rief er
schmerzlich.  "Ich htte Huser auf ihn gebaut!  Er war mir so lieb,
ich tat ihm alles, was ich ihm an den Augen ansehen konnte--er hat
mich zuerst verraten?"

"Im Brieflein stand, da er, der Stadion, und noch zwlf andere der
Fehde mde, auch schon halb und halb willens seien; sich zu ergeben;
Georg von Hewen aber habe ihnen abgeraten"

"Um den hab' ich's nicht verdient", sagte Ulrich, "ich war ihm gram,
weil er mich oft getadelt hat, wenn ich nicht nach seinem Sinn tat.
Wie man sich irren kann in den Menschen!  Htte man mich gefragt, wer
mich verraten wrde und wer dagegen spreche, ich htte hier den
Stadion, dort vielleicht Georg von Hewen genannt!"

"Im Brieflein stand auch noch weiter, da Euer Durchlaucht vielleicht
Entsatz bringen, oder, wenn dies nicht mglich, auf geheimen Wegen in
die Burg sich begeben wollten.  Die Bndischen sprachen mancherlei
hierber.  Sie waren aber darin einig, da man die Besatzung zu einem
Vergleich bringen msse, ehe Ihr heranrcktet, oder gar ins Schlo
kmet.  Denn dann, meinten sie, knnten sie noch lange belagern
mssen.  Wie ich nun dies alles hrte, schien es mir nicht geraten,
durch den geheimen Weg geradezu in die Burg zu gehen und mich zu
entdecken; denn wie leicht konnte Stadion schon die Oberhand gewonnen
haben, und dann war ich verraten.  Ich beschlo, den Tag noch zu
warten; hrte ich bis Samstag frh nichts Schlimmeres ber die
Besatzung, so wollte ich ins Schlo dringen und Ew.  Durchlaucht
Schreiben bergeben.  Ich streifte im Lager und in der Stadt umher,
und niemand hielt mich an; auch suchte ich mich immer in der Nhe der
Obersten zu halten; so kam der Nachmittag."

"Das war noch Freitag, an dem Fest?" fragte Lichtenstein

"Am heiligen Freitag war's.  Nachmittags um drei Uhr ritt Georg von
Frondsberg mit etlichen andern Hauptleuten vor die Stadtpforte am
Schlo und schrie hinauf, ob sie im Schlosse bauen?  Ich stand nicht
weit davon und sah, wie Stadion auf den Wall kam und antwortete:
'Nein; denn es wre wider den Pakt des Stillstandes; aber ich sehe,
da Ihr im Feld baut.' Georg von Frondsberg rief: 'So es geschehen,
ist es ohne meinen Befehl geschehen; wer bist Du?' Da antwortete der
im Schlo: 'Ich bin Ludwig von Stadion.' Darauf lchelte der
Bndische und strich sich den Bart. 'Ist's also, wie Du sagst', rief
er, 'so will ich's wenden', ritt zu ein paar Schanzkrben und warf
sie um.  Dann rief er dem Stadion zu, mit einigen Rittern
herabzukommen, um miteinander einen Trunk zu tun."

"Und sie kamen?" rief der Herzog, "Die Ehrvergessenen kamen?"

"Auf dem Schloberg vor dem uersten Graben ist ein Platz, dort
sieht man weit ins Land; hinab ins Neckartal, hinauf die Steinlach,
hinber an die Alb und Zollern, und viele Burgen schmcken die
Aussicht.  Dorthin lieen sie einen Tisch bringen und Bnke, und die
Bundesobersten setzten sich zum Wein.  Dann ging das Tor von
Hohen-Tbingen auf, die Brcke fiel ber den Graben; und Ludwig von
Stadion mit noch sechs anderen kamen ber die Brcke; sie brachten
Eure silbernen Deckelkrge, sie brachten Eure goldenen Becher und
Euren alten Wein, sie grten die Feinde mit Gru und Handschlag und
setzten sich, besprachen sich mit ihnen beim khlen Wein."

"Der Teufel gesegne es ihnen allen!" unterbrach ihn der Ritter von
Lichtenstein und schttete seinen Becher aus.  Der Herzog aber
lchelte schmerzlich und gab Marx Stumpf einen Wink fortzufahren.

"So taten sie sich gtlich bis in die Nacht und zechten, bis sie rote
Kpfe bekamen und taumelten; ich stand nicht fern, und keine ihrer
verrterischen Reden entging mir.  Als sie aufbrachen nahm der
Truchse den Stadion bei der Hand: 'Herr Bruder', sagte er, 'in Eurem
Keller ist ein guter Wein; lat uns bald ein, da wir ihn trinken.'
Jener aber lachte darber, schttelte ihm die Hand und sagte: 'Kommt
Zeit, kommt Rat.' Wie ich nun sah, da die Sachen so stehen; beschlo
ich mit Gott, mein Leben dranzusetzen und in die Burg zu den
Verrtern zu gehen.  Ich ging hinaus bis in die Grafenhalde, wo der
kleinere unterirdische Gang beginnt.  Ungesehen stieg ich hinab und
drang bis in die Mitte.  Dort hatten sie das Fallgatter herabgelassen
und einen Knecht hingestellt, er legte an auf mich, als er mich durch
die Finsternis kommen hrte, und fragte mich nach der Losung.  Ich
sprach, wie Ihr befohlen, das Losungswort eures tapfern Ahnherrn,
Eberhards im Bart: 'Atempto'; der Kerl machte groe Augen, zog aber
das Gatter auf und lie mich durch.  Jetzt ging ich schnellen
Schrittes weiter vor und kam im Keller heraus.  Ich schpfte einige
Augenblicke Luft, denn der Atem war mir schier ausgeblieben in dem
engen Gang."

"Armer Marx! geh, trink einen Becher, das Reden wird Dir schwer",
sagte Ulrich.  Willig befolgte jener das gtige Gehei seines Frsten
und sprach dann mit frischer Stimme weiter:

"Im Keller hrte ich viele Stimmen, und es war mir; als zankte man
sich.  Ich ging den Stimmen nach und sah eine ganze Schar der
Besatzung vor dem groen Fa sitzen und trinken.  Es waren einige von
Stadions Partei, und Hewen und mehrere der Seinigen.  Sie hatten
Lampen aufgestellt und groe Humpen vor sich, es sah schauderlich aus,
fast wie das Fehmgericht.  Ich barg mich in ihrer Nhe hinter ein
Fa und hrte, was sie sprachen.  Georg von Hewen sprach mit
rhrenden Worten zu ihnen und stellte ihnen ihre Untreue vor; er
sagte, wie sie ja gar nicht ntig htten sich zu ergeben, wie sie auf
lange mit Vorrten versehen seien, wie Euer Durchlaucht ein Heer
sammeln wrden, Tbingen zu entsetzen, wie doch eher die Belagerer in
Not kmen als sie."

"Ha!  Wackerer Hewen; und was gaben sie zur Antwort?"

"Sie lachten und tranken.  'Da hat es gute Weile, bis der ein Heer
sammelt!  Wo das Geld hernehmen und nicht stehlen?' fragte einer.
Hewen aber fuhr fort und sagte: Wenn es auch nicht so bald mglich
sei, so mten sie sich doch halten bis auf den letzten Mann; wie sie
Euch zugeschworen, sonst handelten sie als Verrter an ihrem Herrn.
Da lachten sie wieder und tranken und sagten: 'Wer will auftreten und
uns Verrter nennen?' Da rief ich hinter meinem Fa hervor: 'Ich, Ihr
Buben; Ihr seid Verrter am Herzog und am Land!' Alle waren
erschrocken, der Stadion lie seinen Becher fallen, ich aber trat
hervor, nahm meine Kappe ab und den falschen Bart, stellte mich hin
und zog Euern Brief aus dem Wams.  'Hier ist ein Brief von Eurem
Herzog', sagte ich, 'er will, Ihr sollt Euch nicht bergeben sondern
zu ihm halten; er selbst will kommen und mit Euch siegen oder in
diesen Mauern sterben'."

"Oh, Tbingen!" sagte der Herzog mit Seufzen, "wie tricht war ich,
da ich dich verlie!  Zwei Finger meiner Linken gbe ich um dich;
was sage ich, zwei Finger?  Die Rechte liee ich mir abhauen; knnte
ich dich damit erkaufen!  Und mit der Linken wollte ich dem Bund den
Weg zeigen!  Und gaben sie nichts, gar nichts auf meine Worte?"

"Die Falschen sahen mich finster an und schienen nicht recht zu
wissen, was sie tun sollten.  Hewen aber ermahnte sie nochmals.  Da
sagte Ludwig von Stadion, ich kme schon zu spt.  Achtundzwanzig der
Ritterschaft wollten sich der Fehde mit dem Bund begeben und den
Herzog solche allein ausmachen lassen.  Komme er wieder mit
Heeresmacht ins Land, so wollten sie getreulich zu ihm stehen, aber
aufs Ungewisse wollten sie den Krieg nicht fortfhren; denn ihre
Burgen und Gter wrden so lange beschdigt und gebrandschatzt, bis
sie nicht mehr gegen den Bund dienten.  Ich verlange nun; sie sollten
mich hinauffhren in den Rittersaal, ich wolle versuchen, ob nicht
Mnner da seien, das Schlo zu halten, ich zhlte auf, wen ich noch
fr treu hielte, die Nippenburg, die Gltlingen die Ow, die beiden
Berlichingen; die Westerstetten, die Eltershofen, Schilling,
Reischach, Wlwart, Kaltental, der von Hewen aber schttelte den Kopf
und sagte, ich htte mich in manchem geirrt."

"Und Stammheim, Thierberg, Westerstetten, meine Getreuen, hast Du sie
nicht gesehen?"

"Oh ja, sie saen im Keller beim Stadion und tranken Euern Wein.
Hinauf wollten sie mich aber nicht lassen.  Selbst Hewen, selbst
Freiberg und Heideck, die mit ihm waren, rieten ab, sie sagten; die
zwei Parteien seien ohnedies schon schwierig gegeneinander, der
Stadion habe die Mehrzahl fr sich und auch den grten Teil der
Knechte.  Wenn ich hinaufgehe, komme es im Schlohof und im
Rittersaal zum Kampf, und es bleibe ihnen als den Geringeren; nichts
brig, als zu sterben.  So gerne sie nun auch fr Euch den letzten
Blutstropfen aufwnden, so wollten sie doch lieber in der
Feldschlacht gegen den Feind fallen als von ihren Landsleuten und
Waffenbrdern totgeschlagen werden.  Da blieb mir nichts brig, als
sie zu bitten, sie mchten sich des Prinzen Christoph und Eures
zarten Tchterleins annehmen und ihnen das Schlo bei der bergabe
erhalten.  Einige sagten zu, andere schwiegen und zuckten die Achseln,
ich aber gab den Verrtern meinen Fluch als Christ und Ritter, sagte
fnf von ihnen auf und lud sie zum Kampf auf Leben und Tod, wenn der
Krieg zu Ende sei, dann wandte ich mich und ging auf demselben Weg
aus der Burg, wie ich gekommen war."

"Herrgott im Himmel!  Htte ich dies fr mglich gehalten!" rief
Lichtenstein "Zweiundvierzig Ritter, zweihundert Knechte, eine feste
Burg, und sie doch verraten!  Unser guter Name ist beschimpft; noch
in spten Zeiten wird man von unserem Adel sprechen und wie sie ihr
Frstenhaus im Stich gelassen; das Sprichwort: 'Treu und ehrlich wie
ein Wrttemberger', ist zum Hohn geworden!"

"Wohl konnte man einst sagen, 'treu wie ein Wrttemberger'", sprach
Herzog Ulrich, und eine Trne fiel in seinen Bart. "Als mein Ahnherr
Eberhard einst hinabritt gen Worms und mit den Kurfrsten, Grafen und
Herren zu Tisch sa, da sprachen und rhmten sie viel vom Vorzug
ihrer Lnder.  Der eine rhmte seinen Wein; der andere sprach von
seiner Frucht, der dritte gar von seinem Wild, der vierte grub Eisen
in seinen Bergen.  Da kam es auch an Eberhard im Bart. 'Von Euren
Schtzen wei ich nichts aufzuweisen', sagte er, 'doch gehe ich
abends durch den dunkelsten Wald und komm' ich nachts durch die Berge
und bin md und matt, so ist ein treuer Wrttemberger bald zur Hand,
ich gre ihn und leg' mich in seinen Scho und schlafe ruhig ein.'
Des wunderten sich alle und staunten und riefen.  'Graf Eberhard hat
recht', und lieen treue Wrttemberger leben.  Geht jetzt der Herzog
durch den Wald, so kommen sie und schlagen ihn tot, und leg' ich
meine Treuen in die Burgen kaum wende ich den Rcken; so handeln sie
mit dem Feind.  Die Treue soll der Kuckuck holen;--doch fahre fort,
gib mir den Kelch bis auf die Hefe, ich bin der Mann dazu, ohne
Furcht den Grund zu sehen"

"Nun; da ich's kurz sage, ich hielt mich noch in Tbingen auf, bis
ich wegen der bergabe Gewiheit bekme.  Gestern, am Ostermontag,
sind sie zusammengekommen; sie haben die Pakte schriftlich aufgesetzt
und nachher durch den Herold auf den Straen ausrufen lassen; um fnf
Uhr abends haben sie das Schlo bergeben.  Ihr seid der Regierung
frmlich entsetzt.  Prinz Christoph, Euer Shnlein, behlt Schlo und
Amt Tbingen, doch zu des Bundes Dienst und unter seiner
Obervormundschaft, und in das brige, heit es, werden sich die
Herren teilen.  Ich habe viel Jammer erfahren in meinem Leben, ich
habe einen Freund im Lanzenstechen umgebracht, ein liebes Kind ist
mir gestorben und mein Haus abgebrannt, aber, so wahr mir Gott gndig
sei und seine Heiligen, mein Schmerz war nie so gro wie in jener
Stunde, wo ich des Bundes Farben neben Euer Durchlaucht Panieren
aufpflanzen, als ich ihr rotes Kreuz Wrttembergs Geweihe und den
Helm mit dem Jagdhorn bedecken sah."

So sprach Marx Stumpf von Schweinsberg.  Die Sonne war whrend seiner
Erzhlung vllig heraufgekommen auch an den uersten Bergen war der
Nebel gefallen, und was um die fernen Hhlen von Asperg zog, war ein
Duft, der wie ein zarter Schleier vom Horizont herabhing und die
Gegenden, ber welche er sich breitete, nur in noch reizenderem Licht
durchschimmern lie.

Auch in diesen schrecklichen Momenten, wo mit der letzten festen Burg
seine letzte Hoffnung gefallen war; verschlo der Herzog einen groen
Schmerz in der tapferen Brust.

Ein Gefhl der Reue war es, das drckend auf der Brust Ulrichs von
Wrttemberg lag, als er auf sein Land hinabschaute, das auf ewig fr
ihn verloren schien.  Seine edlere Natur, die er oft im Gewhl eines
prchtigen Hofes und betubt von den Einflsterungen falscher Freunde
verleugnet hatte, trauerte mit ihm, und es war nicht sein Unglck
allein, was ihn beschftigte, sondern auch der Jammer des okkupierten
Landes.

Als er sich daher nach geraumer Zeit von dem Anblick in die Ferne zu
seinen Freunden wandte, staunten sie ber den Ausdruck seiner Zge.
Sie hatten erwartet, Zorn und Grimm ber den Verrat seiner Edlen auf
seiner Stirn, in seinen Augen zu lesen, aber es war eine tiefe
Rhrung, ein stiller, groer Schmerz, was seinen Mienen einen
Ausdruck von Milde gab, den sie nie an ihm gekannt hatten.

"Marx!  Wie verfahren sie gegen das Landvolk?" fragte er.

"Wie Ruber", antwortete dieser, "sie verwsten ohne Not die
Weinberge, sie hauen die Obstbume nieder und verbrennen sie am
Nachtfeuer; Sickingens Reiter traben durch das Saatfeld und treten
nieder, was die Pferde nicht fressen.  Sie mihandeln die Weiher und
pressen den Mnnern das Geld ab.  Schon jetzt murrt das Volk
allerorten, und lat erst den Sommer kommen und den Herbst!  Wenn aus
den zerstampften Fluren kein Korn aufgeht, wenn auf den verwsteten
Bergen keine Weinbeere wchst, wenn sie erst noch die ungeheure
Kriegssteuer, die der Bundesrat umlegen wird, bezahlen mssen--da
wird das Elend erst recht angehen."

"Die Buben", rief der Herzog, und ein edler Zorn sprhte aus seinen
Augen, "sie rhmten sich mit groen Worten, sie kmen, um Wrttemberg
von seinem Tyrannen zu befreien; es zu entheben aller Not.  Und sie
hausen im Land wie im Trkenkrieg. Aber ich schwre es, so mir Gott
eine frhliche Urstnd gebe und seine Heiligen gndig sein wollen
meiner Seele, wenn keine Saat aufgeht in den verwsteten Tlern des
Neckars und auf seinen Hhen keine Traube reift, ich will kommen mit
schrecklichen Winzern, will sie treten und keltern und ihr Blut
verzapfen.  Ich will rchen, was sie an mir und meinem Land getan so
mir der Herr helfe."

"Amen!" sprach der Ritter von Lichtenstein.  "Aber ehe Ihr
hereinkommt, mt Ihr auf gute Art aus dem Land hinaus.  Es ist keine
Zeit zu verlieren, wenn Ihr ungefhrdet entkommen wollt."

Der Herzog sann eine Weile nach und antwortete dann: "Ihr habt recht,
ich will nach Mmpelgard.  Von dort aus will ich sehen, ob ich so
viel Mannschaft an mich ziehen kann, um einen Einfall in das Land zu
wagen.  Komm her, du getreuer Hund, du wirst mir folgen ins Elend der
Verbannung, Du weit nicht, was es heit, die Treue brechen und den
Eid vergessen."

"Hier steht noch einer, der dies auch nicht kennt", sagte
Schweinsberg und trat nher zum Herzog, "Ich will mit Euch ziehen
nach Mmpelgard, wenn Ihr meine Begleitung nicht verschmht."

Aus den Augen des alten Lichtenstein blitzte ein kriegerisches Feuer.
"Nehmt mich mit Euch, Herr!" sagte er.  "Meine Knochen taugen
freilich nicht mehr viel, aber meine Stimme ist noch vernehmlich im
Rat."

Marie sah mit leuchtenden Blicken auf den Geliebten.  ber die
Wangen Georgs von Sturmfeder zog ein glhendes Rot, sein Auge
leuchtete vom Mut der Begeisterung.

"Herr Herzog!" sagte er.  "Ich habe Euch meinen Beistand angetragen
in jener Hhle, als ich nicht wute, wer Ihr waret, Ihr habt ihn
nicht verschmht.  Meine Stimme gilt nicht viel im Rat, aber knnt
Ihr ein Herz brauchen, das recht treu fr Euch schlgt, ein Auge, das
fr Euch wacht, wenn Ihr schlaft, und einen Arm, der die Feinde von
Euch abwehrt, so nehmt mich auf und lat mich mit Euch ziehen."

Alle jene Empfindungen, die ihn zu dem Mann ohne Namen gezogen hatten,
loderten in dem Jngling auf, sein Unglck und die erhabene Art, wie
er es trug, vielleicht auch jener aufmunternde Blick der Geliebten,
erhhten diese Flammen zur Begeisterung und zogen ihn zu den Fen
des Herzogs ohne Land.

Der alte Herr von Lichtenstein blickte mit stolzer Freude auf seinen
jungen Gast, gerhrt sah ihn der Herzog an und bot ihm seine Hand,
hob ihn auf von den Knien und kte ihn auf die Stirn.

"Wo solche Herzen fr Uns schlagen", sagte er, "da haben Wir noch
feste Burgen und Wlle, und sind noch nicht arm zu nennen.  Du bist
mir lieb und wert, Georg von Sturmfeder, Du wirst mich begleiten mit
Freuden nehme ich Deine treuen Dienste an.  Marx Stumpf von
Schweinsberg, Dich brauche ich zu wichtigerem Geschft, als meinen
Leib zu decken.  Ich werde Dir Auftrge geben nach Hohentwiel und der
Schweiz.  Eure Begleitung, guter Lichtenstein, kann ich nicht
annehmen.  Ich ehre Euch wie einen Vater, Ihr habt treu an mir
gehandelt, Ihr habt mir allnchtlich Eure Burg geffnet; ich will's
vergelten.  Wenn ich mit Gottes Hilfe wieder ins Land komme, soll
Eure Stimme die erste sein in meinem Rat."

Sein Auge fiel auf den Pfeifer von Hardt, der demtig in der Ferne
stand.  "Komm her, Du getreuer Mann!" rief er ihm zu und reichte ihm
seine Rechte.  "Du hast Dich einst schwer an Uns verschuldet, aber Du
hast treu abgebt, was Du gefehlt."

"Ein Leben ist nicht so schnell vergolten", sagte der Bauer, indem er
dster zu Boden blickte, "noch bin ich in Eurer Schuld, aber ich will
sie zahlen."

"Geh heim in Deine Htte, so ist mein Wille.  Treibe Deine Geschfte
wie zuvor, vielleicht kannst Du uns treue Mnner sammeln, wenn wir
wieder ins Land kommen.  Und Ihr, Frulein!  Wie kann ich Eure
Dienste lohnen?  Seit vielen Nchten habt Ihr den Schlaf geflohen um
mir die Tr zu ffnen und mich vor Verrat zu sichern!  Errtet nicht
so, als httet Ihr eine groe Schuld zu gestehen.  Jetzt ist es Zeit,
zu handeln, Alter Herr", wandte er sich zu Mariens Vater.  "Ich
erscheine als Brautwerber vor Euch, Ihr werdet den Eidam nicht
verschmhen, den ich Euch zufhre."

"Wie soll ich Eure Rede verstehen, gndigster Herr?" sagte der Ritter,
indem er verwundert auf seine Tochter sah.

Der Herzog ergriff Georgs Hand und fhrte ihn zu jenem.  "Dieser
liebt Eure Tochter, und das Frulein ist ihm nicht abhold, wie wre
es, alter Herr, wenn Ihr ein Prlein aus ihnen machtet?  Zieht nicht
die Stirn so finster zusammen, es ist ein ebenbrtiger Herr, ein
tapferer Kmpe, dessen Arm ich selbst versuchte, und jetzt mein
treuer Geselle in der Not."

Marie schlug die Augen nieder; auf ihren Wangen wechselte hohe Rte
mit Blsse, sie zitterte vor dem Ausspruch des Vaters.  Dieser sah
sehr ernst auf den jungen Mann "Georg", sagte er, "ich habe Freude an
Euch gehabt seit der ersten Stunde, da ich Euch sah.  Sie mchte
brigens nicht so gro gewesen sein; htte ich gewut, was Euch in
mein Haus fhrte."

Georg wollte sich entschuldigen, der Herzog aber fiel ihm in die Rede:
"Ihr verget, da ich es war, der ihn zu Euch schickte mit Brief und
Siegel, er kam ja nicht von selbst zu Euch; doch was besinnt Ihr Euch
so lange?  Ich will ihn ausstatten wie meinen Sohn; ich will ihn
belohnen mit Gtern, da Ihr stolz sein sollt auf einen solchen
Schwiegersohn,"

"Gebt Euch keine Mhe weiter, Herr Herzog", sagte der junge Mann
gereizt, als der Alte noch immer unschlssig schien.  "Es soll nicht
von mir heien, ich habe mir ein Weib erbettelt und mich ihrem Vater
aufdrngen wollen.  Dazu ist mein Name zu gut." Er wollte im Unmut
das Zimmer verlassen, der Ritter von Lichtenstein aber fate seine
Hand: "Trotzkopf!" rief er, "wer wird denn gleich so aufbrausen?  Da,
nimm sie, sie sei Dein, aber--denke nicht daran, sie heimzufhren,
solange ein fremdes Banner auf den Trmen von Stuttgart weht.  Sei
dem Herrn Herzog treu, hilf ihm wieder ins Land zu kommen, und wenn
Du treulich aushltst: Am Tag, wo Ihr in Stuttgarts Tore einzieht, wo
Wrttemberg seine Fahnen wieder aufgepflanzt und seine Farben von den
Zinnen wehen, will ich Dir mein Tchterlein bringen und Du sollst mir
ein lieber Sohn sein!"

"Und an jenem Tag", sprach der Herzog, "wird das Brutchen noch viel
schner errten, wenn die Glocken vom Turme tnen und die Hochzeit in
die Kirche zieht!  Dann werde ich zum Brutigam treten und zum Lohn
fordern, was mir gebhrt.  Da, guter Junge, gib ihr den Brautku; es
ist zu vermuten, da es nicht der erste ist, herze sie noch einmal,
und dann gehrst Du mir bis an den frhlichen Tag, wo wir in
Stuttgart einziehen.  Lat uns trinken, Ihr Herren auf die Gesundheit
des Brautpaars!"

Auf Mariens holden Zgen stieg ein Lcheln auf und kmpfte mit den
Trnen die noch immer aus den schnen Augen perlten.  Sie go die
Becher voll und kredenzte den ersten dem Herzog mit so dankbaren
Blicken, mit so lieblicher Anmut, da er Georg glcklich pries und
sich gestehen mute, manch anderer mchte um solchen Preis selbst
sein Leben wagen.

Die Mnner ergriffen ihre Becher und erwarteten, da ihnen der Herzog
einen guten Spruch dazu sagen werde nach seiner Weise.  Aber Ulrich
von Wrttemberg warf einen langen Abschiedsblick auf das schne Land,
von dem er scheiden mute, einen Augenblick wollte sich eine Trne in
seinem Auge bilden, er wandte sich krftig ab.  "Ich habe hinter mich
geworfen", sagte er, "was mir einst teuer war; ich werde es
wiedersehen in besseren Tagen.  Doch hier in diesen Herzen besitze
ich noch Lnder.  Beklagt mich nicht, sondern seid getrosten Mutes,
wo der Herzog ist und seine Treuen: _Hie gut Wrttemberg alleweg!_"




Kapitel 26


Wohl nie so schwl hat ein Sommer ber Wrttemberg gelegen als der
des Jahres 1519. Das ganze Land hatte dem Bund gehuldigt und meinte,
es werde jetzt Ruhe haben.  Aber jetzt erst zeigten die Bundesglieder
deutlich, da es nicht die Wiedereinnahme von Reutlingen gewesen sei,
was sie zusammenfhrte.  Sie wollten bezahlt sein, sie wollten
Entschdigung haben fr ihre Mhe.  Die einen wollten, man solle
Wrttemberg unter sie teilen, die andern, man solle es an sterreich
verkaufen, die dritten wollten es Ulrichs Kindern erhalten, aber
unter des Bundes Obervormundschaft.  Sie stritten sich um den Besitz
des Landes, auf das weder der eine noch der andere gerechte Ansprche
machen konnte.  Das Land selbst war in Spaltung und Parteien.  Es
sollte die Kriegskosten decken, und doch war niemand da, der zahlen
wollte.  Die Ritterschaft hielt es fr eine erwnschte Gelegenheit,
sich ganz vom Land loszusagen und sich fr unabhngig zu erklren.
Die Brger und Bauern waren ausgesogen, ihre Felder waren verwstet
und zertreten, sie sahen nirgends eine Aussicht, sich zu erholen.
Die Geistlichkeit wollte auch nicht allein bezahlen, und so war alles
in Hader und Streit.  Es ging auch vielen tief zu Herzen, da ihr
angeborener Frst so schnde behandelt worden war.  Manchen kam jetzt,
da der Herzog fern vom Lande seiner Vter in Verbannung hauste, Reue
und Sehnsucht an.  Sie verglichen sein Regiment mit dem jetzigen.  Es
war nicht besser, wohl aber schlimmer geworden.  Aber sie lebten
unter zu hartem Zwang, als da sie ihre Schmerzen htten offenbaren
knnen.

Der Regentschaft des Bundes entging diese Unzufriedenheit des Volkes
nicht; sie mute, wie sich in alten Berichten findet, "manche
seltsame und bse Rede" hren.  Sie suchte durch geschrfte Strenge
sich Anhnglichkeit zu erwerben; sie streute Lgen ber den Herzog
aus.  Man gebot den Priestern, gegen ihn zu predigen; wer von ihm
Gutes rede, sollte gefangen werden, wer ihn heimlich untersttze,
sollte der Augen beraubt, sogar enthauptet werden.

Aber Ulrich hatte noch treue Leute unter dem Landvolk, die ihm auf
geheimen Wegen Kunde brachten, wie es in Wrttemberg stehe.  Er sa
in seiner Grafschaft Mmpelgard und harrte dort mit den Mnnern, die
ihm ins Unglck gefolgt waren, auf eine gnstige Gelegenheit, in sein
Land zu kommen.  Er schrieb an viele Frsten, er beschwor sie, ihm zu
Hilfe zu kommen.  Aber keiner nahm sich seiner sehr ttig an.  Er
schrieb an die zur neuen Kaiserwahl versammelten Kurfrsten, sie
halfen nicht.  Das einzige, was sie taten, war, dem neuen Kaiser in
seiner Kapitulation eine Klausel anzuhngen, die Wrttemberg und den
Herzog betraf--er hat sie nicht geachtet.  Als sich der Herzog von
aller Welt so verlassen sah, wankte er dennoch nicht, sondern setzte
alles daran, sein Land mit eigener Macht wiederzuerobern.  Es waren
einige Umstnde, die fr ihn sehr gnstig schienen Der Bund hatte
nmlich, als er Kunde bekam, da sich niemand des Vertriebenen
annehmen wolle, seine Vlker entlassen.  Die meisten Stdte und
Burgen behielten nur sehr schwache Besatzungen, und selbst in
Stuttgart waren nur wenige Fhnlein Knechte gelassen worden.

Durch diese Maregel aber hatte sich der Bund einen Feind erworben,
den man geringschtzte, der aber viel zur nderung der Dinge beitrug
--es waren dies die Landsknechte.  Diese Menschen, aus allen Enden
und Orten des Reiches zusammengelaufen, boten gewhnlich dem ihre
Hilfe an, der sie am besten zahlte; fr was und gegen wen sie
kmpften, war ihnen gleichgltig.  Um sie zu halten, mute man ihnen
vieles nachsehen, und Raub, Mord, Plnderung, Brandschatzen fhrten
sie auf ihre eigene Faust aus, um sich zu entschdigen, wenn sie den
Sold nicht richtig bekamen.  Georg von Frondsberg war der erste
gewesen, der sie durch sein Ansehen im Heer, durch tgliche bungen
und unerbittliche Strenge einigermaen im Zaum hielt.  Er hatte sie
in regelmige Rotten und Fhnlein eingeteilt, er hatte ihnen
bestimmte Hauptleute gegeben, er hatte sie gelehrt, geordnet und in
Reih und Glied zu fechten.  Sie zeigten aber jetzt, da sie aus einer
guten Schule kamen; denn als sie vom Bund entlassen waren, liefen sie
nicht, wie frher, zerstreut durch das Land, um Dienste zu suchen,
sondern rotteten sich zusammen, richteten zwlf Fhnlein auf,
erwhlten aus ihrer Mitte Hauptleute, und selbst einen Obersten in
der Person des langen Peters.  Sie waren schwierig auf den Bund,
nhrten sich von Raub und Brandschatzen im Land, und fhrten Krieg
auf eigene Rechnung.  Die Anarchie war in Wrttemberg so gro, da
ihnen niemand die Spitze bot.  Der Bund hatte sich von Streitkrften
entblt und war zu sehr mit seinen eigenen Angelegenheiten
beschftigt, als da er das arme Land von dieser Bande befreit htte.
Die Ritterschaft war uneinig, sie saen auf den Schlssern und sahen
ruhig diesem Treiben zu; die Besatzung der Stdte war zu gering, um
ihnen mit Kraft Einhalt zu tun, und Brger und Bauern sahen sogar
diesen Haufen gerne, wenn seine Forderungen nur nicht allzugro waren,
denn die Landsknechte schimpften weidlich auf den Bund, dem niemand
hold war.  Ja es ging sogar die Sage, diese Kriegsmnner seien nicht
abgeneigt, dem Herzog wieder zu seinem Land zu verhelfen.

Es war ein schner Morgen in der Mitte Augusts, als sich diese Leute
in einem Wiesental gelagert hatten, das der Grenze von Baden zunchst
gelegen war.  Die riesigen schwarzen Tannen und Fhren, die das Tal
auf drei Seiten einschlossen, gehrten noch dem Schwarzwald an, und
das Flchen, das durch das Tal eilte, war die Wrm.  Halb
berschattet vom Wald, halb in den Weidenbschen des Tales versteckt,
lag das kleine Heer in wunderlichen Gruppen und pflegte der Ruhe.  In
der Entfernung von zweihundert Schritten sah man Posten aufgestellt,
deren blitzende Lanzen oder rotglhende Lunten schon von weitem
Furcht einjagten.  In der Mitte des Tales, im Schatten einer Eiche,
saen fnf Mnner um einen ausgespannten Mantel, den sie als Tisch
gebrauchten, um ein Spiel auf ihm zu spielen, das heute noch den
Namen Landsknecht fhrt.  Diese Mnner zeichneten sich vor ihren
brigen Genossen durch breite rote Binden aus, die sie ber die
Schulter und Brust herabhngen hatten, sonst aber hatte ihre
Bekleidung auch das zerrissene und morsche Aussehen, wie das der
brigen Soldateska.  Einige hatten Sturmhauben auf, andere groe
Filzhte, mit eisernen Bndern beschlagen, dazu Lederkoller, welche
von Regen, Staub und Biwaks alle mglichen Schattierungen erhalten
hatten.

Bei nherem Hinsehen erkannte man brigens noch zwei Dinge, durch
welche sie sich von ihren Kameraden unterschieden Sie fhrten nmlich
keine Donnerbchsen oder Spiee, wie sie die Landsknechte gewhnlich
trugen, sondern Raufdegen von ungemeiner Lnge und Breite.  Auch
hatten sie, wie es damals die Edelleute und Anfhrer trugen, auf
ihren Hten und Sturmhauben bunte, wallende Federbsche aus
Hahnenschwnzen, um sich ein ritterliches Ansehen zu geben.

Die fnf Mnner schienen groe Geschicklichkeit im Spiel zu besitzen,
vorzglich aber einer, der sich mit dem Rcken an die Eiche lehnte.
Es war dies ein langer wohlbeleibter Mann.  Er hatte einen Hut auf,
dessen Rand sich wie ein bedeutender Mhlstein um den Kopf zog.  Der
Hut war mit einer Goldtresse besetzt, auf der Stirnseite war er mit
dem goldenen Bild des heiligen Petrus geschmckt, aus welchem zwei
ungeheure rote Hahnenfedern hervorragten.  Dieser Mann mute weit in
der Welt herumgekommen sein, denn er konnte auf franzsisch,
italienisch, ungarisch fluchen, seinen Bart aber trug er ungarisch,
er hatte ihn nmlich mit Pech so zusammengedreht, da er wie zwei
eiserne Stacheln auf beiden Seiten der Nase eine Spanne in die Luft
hinausstarrte.

"Canto cacramento!" rief dieser groe Mann mit einem drhnenden Ba,
"der kleine Wenzel ist mein Drauf!  Ich stech' ihn mit dem
Eichelknig."

"Mein ist er, mit Verlaub", rief sein Nebenmann, "und der Knig dazu.
Da liegt die Eichelsau!"

"Mort de ma Vich, zagt der Franzoz; Hauptmann Lffler, Ihr wollt
Eurem Oberst diesen Stich abjagen?  Schmt Euch, schmt Euch; daz ist
ein Rebeller, der das tut.  Gott straf mein' Zeel, Ihr wollt mich vom
Regiment absetzen?" Der groe Mann funkelte zu diesen Worten grlich
mit den Augen, schob seinen groen Hut auf das Ohr, da seine
berhngenden Augenbrauen und eine mchtige rote Narbe auf der Stirn
sichtbar wurden, die ihm ein ungemein kriegerisches Ansehen gaben.

"Beim Spiel, Herr Oberst Peter, gilt keine Kriegsordnung", antwortete
der andere Spieler.  "Ihr knnt uns Hauptleuten befehlen, ein
Stdtchen zu blockieren und zu brandschatzen, aber beim Spiel ist
jeder Landsknecht so gut wie wir."

"Ihr zeid ein Meuterer, ein Rebeller gegen die Obrigkeit, Gott straf'
mein Zeel', und wre es nicht gegen meine Wrde, ich wollt Euch in
Kochstcke mazakrieren; aber spielt weiter."

"Da liegt ein Dau"--"Drauf der Quater"--"Den stech' ich mit dem
Zinken"--"Schellen--Wenzel, wer sticht den'?--"Ich", sprach der
Groe, "da liegt der Schellenknig, Mordblei, der Stich ist mein."

"Wie bringst Du den Schellenknig rauf?" rief ein kleines, drres
Mnnchen mit spitzigem Gesicht und kleinen, giftigen uglein und
heiserer Stimme.  "Hab' ich nicht gesehen, als Du ausgabst, da er
unten lag?  Er hat betrogen der lange Peter hat schndlich betrogen".

"Muckerle, Hauptmann vom achten Fhnlein!  Ich rat Euch, haltet Euer
Maul", sagte der Oberst.  "Bassa manelka, ich versteh keinen Spa.
Die Mauz soll den Lwen nicht erzrnen."

"Und ich sag's noch einmal; wo httest Du sonst den Knig her?  Vor
dem Papst und dem Knig von Frankreich will ich's beweisen; Du
falscher Spieler!"

"Muckerle", erwiderte der Oberst und zog kaltbltig seinen Degen aus
der Scheide, "bete noch ein Ave Maria und ein Gratias, denn ich
schlage Dich tot, zo wie daz Spiel auz ist."

Die brigen drei Mnner wurden durch diese Streitigkeiten aus ihrer
Ruhe aufgeschreckt.  Sie erklrten sich fr den kleinen Hauptmann und
gaben nicht undeutlich zu verstehen da man dem Obersten wohl
dergleichen zutrauen knne.  Dieser aber verma sich hoch und teuer,
er habe nicht betrogen.  "Wenn der heilige Petruz, mein gndiger Herr
Patron den ich auf dem Hut trage, sprechen knnte, der wrde mir, zo
wahr er ein christlicher Landsknecht war, bezeugen, da ich nicht
betrogen!"

"Er hat nicht betrogen", sagte eine tiefe Stimme, die aus dem Baum zu
kommen schien.  Die Mnner erschraken und schlugen Kreuze wie vor
einem bsen Spuk, selbst der tapfere Oberst erbleichte und lie die
Karten fallen aber hinter dem Baum trat ein Bauersmann hervor, der
mit einem Dolch bewaffnet war und eine Zither an einem ledernen
Riemen auf der Schulter hngen hatte.  Er sah die Mnner mit
unerschrockenen Blicken an und sagte: "Es ist, wie ich sagte, dieser
Herr da hat nicht betrogen, er bekam schon beim Ausgeben Schellen-
und Eichelknig, Fnfe und Vier von Laub und den Schippenunter in die
Hand."

"Ha!  Du bist ein wackerer Kerl", rief der Oberst vergngt, "zo wahr
ich ein ehrlicher Landsknecht--will zagen Oberst bin--ez ist all'
wahr, waz Du gezagt hast."

"Was ist denn das?" rief der kleine Hauptmann Muckerle, mit giftigen
Blicken.  "Wie hat sich der Bauer daher eingeschlichen ohne da
unsere Wachen ihn meldeten?  Das ist ein Spion, man mu ihn hngen."

"Zei nicht wunderlich, Muckerle; daz ist kein Spioner, komm', zez
Dich zu mir.  Bist ein Spielmann, daz Du die Cittara umhngst, wie
ein Spanier, wenn er zu seinem Schtzerl geht?"

"Ja Herr, ich bin ein armer Spielmann.  Eure Wachen haben mich nicht
angehalten als ich aus dem Wald kam.  Ich sah Euch spielen und wagte
es, den Herren zuzusehen."

Die Hauptleute dieses Freikorps waren nicht gewohnt, so hflich mit
sich sprechen zu hren, daher faten sie Zuneigung zu dem Spielmann
und luden ihn sehr herablassend ein sich zu ihnen zu setzen, denn sie
hatten in fremden Kriegsdiensten gelernt, da groe Knige und
Feldherren sehr vertraulich mit den Meistern des Gesanges umgehen.

Der Oberste tat einen Trunk aus einer zinnernen Flasche, bot sie dem
kleinen Hauptmann und sprach mit heiterer Miene:

"Muckerle, daz soll mein Tod zein, waz ich getrunken, wenn ich nicht
alles vergesse; Hader und Zank haben ein Ende; wir wollen nicht
weiterspielen, Ihr Herren!  Ich liebe Gezang und Lautenspiel, wie
wre ez, wenn wir uns aufspielen lieen?"

Die Mnner willigten ein und warfen die Karten zusammen; der
Spielmann stimmte seine Zither und fragte, was er singen solle.

"Sing ein Lied vom Spiel!" rief Einer.  "Weil wir gerade dran sind."
Der Spielmann sann ein wenig nach und hub an:


"Von dem Zinken, Quater und A
Kommt mancher in des Teufels Ga,
Von Quater, Zinken und von Dreien
Mu mancher Waffengo schreien,
Von A, Se und Dau
Hat mancher gar ein des Haus,
Von Quater, Drei und Zinken
Mu mancher lauter Wasser trinken,
Von Zinken, Drei und Quater
Weinen oft Mutter, Kind und Vater,
von Zinken, Quater und Se
Mu Jungfrau, Metz und Agnes
Oft gar lang' unberaten bleiben,
Will er die Lng' das Spiel betreiben."


Der Oberst Peter und die Hauptleute lobten das Lied und reichten dem
Spielmann zum Dank die Flasche.  "Gott segne es Euch", sagte dieser,
indem er die Flasche zurckgab.  "Viel Glck zu Eurem Zug; Ihr seid
wohl Obersten und Hauptleute des Bundes und zieht wieder zu Feld;
darf man fragen, gegen wen?"

Die Mnner sahen sich an und lchelten, der Oberst aber antwortete
ihm: "Ganz unrecht habt Ihr nicht.  Wir haben frher dem Bund gedient,
jetzt aber dienen wir niemand als uns selbst, und wer Leute braucht,
wie wir sind."

"Die Schweizer werden heuer ein gutes Jahr haben, man sagt ja, der
Herzog wolle wieder ins Land?"

"Aller Hund Krummen komme auf die Schweizer", rief der Oberst, "wie
bel sind sie an ihm gefahren; der gute Herzog hat all seine Hoffnung
auf sie gesetzt, und diavolo maledetto, wie haben sie ihn im Stich
gelassen bei Blaubeuren!"

"Sie haben ihn schndlich verlassen", sagte der Hauptmann Muckerle
mit heiserer Stimme, "aber doch so man's beim Licht besieht, so
g'schieht ihm wohl halb Recht, denn er sollt sie wohl kennt haben; es
leit doch am Tag; da sie kein dick's Brittlein bohren.  Der Tfel
hol sie all'!"

"Ja, der Herzog hat halt nichts Besseres haben knnen", entgegnete
der Spielmann, "freilich, wenn er solche Herren gehabt htte, wie Ihr
und Eure tapferen Fhnlein, da wre der Bund noch bei Ulm."

"Du hast da ein wahrez Wort gesprochen guter Gezell!  Landsknecht'
htte er sollen haben und keine Schwyzer.  Und hlt er zich jetzt
wieder zu ihnen, zo wei ich, waz ich von ihm halte.  Landsknecht
htt' er zollen haben, ich zag's noch einmal.  Nicht wahr,
Magdeburger?"

"Dat well ich man och meenen", antwortete der Magdeburger.
"Landsknechte oder keener knnen den Heertog wieder eup den Stuhl
setzen."

"Ja, alle Achtung vor den Herren Landsknechten", sagte der Spielmann
und lftete ehrerbietig die Mtze, "freilich, Euch Herren sollt' er
haben.  Aber der Bund wird Euch so gut belohnt haben, da Ihr dem
armen Herzog nicht zu Hilfe ziehen mgt."

"Gelohnt, socht er?" rief der fnfte Hauptmann und lachte.  "Jo, wenn
er's Geld von Blech schlagen knnt, der schwbisch Hund!  Bei denen
gilt's Sprchwort:


'Dien' wohl und ford're keinen Sold,
so werden Dir die Herren hold.'


"Ich soch, schlecht hot er uns bezahlt.  Und wenn Seine Durchlaucht,
der Herr Herzog, mi hoben will, ich steh 'nem z'Dienst wie jedem."

"Staberl, du hast recht", sagte der Oberst, und wichste den
ungarischen Bart. "Mordblei, die Katz ist gern wo man sie strhlt.
Wenn der Herr Ulrich gut zahlt, zo wird, Gott straf' mein Zeel',
unsere ganze Mannschaft mit ihm ziehen."

"Nun, das werdet Ihr bald sehen knnen", entgegnete der Bauer, listig
lchelnd, "habt Ihr noch keine Antwort vom Herzog auf Eure Botschaft?"

Der Oberst Peter wurde feuerrot bis in die Stirn "Mordelement!  Wer
bist denn Du, Menschenkind, daz Du mein Geheimnuz weit?  Wer hat Dir
gezagt, daz ich zum Herzog schickte?"

"Zum Herzog hob' Er g'schickt, Peter?  Was hobt Er denn fr G'heimnis
mitenonder, da wir's nit wissen drften.  Soch es nur gleich!"

"Nun, ich hab' gedacht, ich msse wieder einmal fr Euch alle denken,
wie immer, und hab' einen Mann zum Herzog geschickt, ihm in unzerm
Namen einen schnen Gruz entboten und fragen lassen, ob er unz
brauchen knnt'?  Dez Monats fr den Mann einen halben Dicktaler, uns
Obersten und Hauptleut' aber ein Goldglden und tglich vier Maaz
alten Wein"

"Dat is keen bitterer Vorschlach, der Teiwel!  Eenen Goldglden
monatlich?  Ich bin dabei, und es wird keener wat dagegen haben.
Hast Du Antwort von dem Heertog?"

"Bis jetzt noch keine; aber Bassa manelka!  Wie kamst Du zu meinem
Geheimnuz, Bauer?  Ich hau' Dir ein Ohr ab, Gott straf' mein Zeel',
so tu' ich, wie mein Patron, er heilige Petrus, war auch ein
Landsknecht, dem Malchus, der war von den jdischen Schwyzern, ein
Hellebardierer.  Zag' schnell, oder ich hau'."

"Langer Peter!" rief der kleine Hauptmann Muckerle mit ngstlicher
Stimme, "lass' um Gotteswillen den gehen, der ist fest und kann hexen.
Ich wei noch wie heut, da wir ihn in Ulm fangen sollten und in
Herrn von Krafts, des Ratschreibers, Stall kamen, wo er sich aufhielt,
denn er war ein Kundschafter, so machte er sich klein und immer
kleiner, bis er ein Spatz wurde und ber uns naus flog."

"Was?" schrie der tapfere Oberst und rckte von dem Spielmann weg;
"Der ist's?  Wo dann der Magistrat ausrufen lie, man zolle alle
Spatzen totschieen, weil sich ein wrttembergischer Spioner in einen
verwandelt habe?"

"Der ist's", flsterte Muckerle.  "Es ist der Pfeifer von Hardt, ich
hab' ihn gleich erkannt."

Der Oberst und die Hauptleute hatten sich von ihrem Erstaunen noch
nicht ganz erholt.  Sie sahen den Mann, von welchem der Ruf so
wunderbare Dinge erzhlte, halb ngstlich, halb neugierig an.  Er
selbst hatte ein zu wohlgebtes Ohr, als da er nicht verstanden
htte, was diese Leute unter sich flsterten; aber er tat, als
bemerkte er ihr Staunen und Verstummen nicht; er beschftigte sich
ruhig mit seiner Zither.  Endlich fate sich der lange Peter,
wohlbestallter Oberst dieses Heeres, ein Herz, zwirbelte den Bart
einige Male, zog dann den ungeheuren Hut vom Kopf und sprach:
"Verzeiht doch, lieber Gezelle, wertgeschtzter Pfeifer, das wir so
ohne alle Umstnde mit Euch verfahren zind: Konnten wir denn wissen,
wen wir da neben uns haben?  Zeit vielmal gegrt, hab' schon oft,
Gott straf mein' Zeel', gedacht, mchte nur einmal den frtrefflichen
Kerl zehen, den Pfeifer von Hardt, der in Ulm am hellen Tag als Spatz
ausgeflogen."

"Ist schon gut", unterbrach ihn der Spielmann unmutig, "lat die
alten Geschichten ruhen.  Nun, von wegen des Herzogs kam mir die
Nachricht zu, ich soll Euch Herren auf den heutigen Tag aufsuchen,
und wenn Ihr noch geneigt wret, mit ihm zu ziehen, so wolle er gerne
zahlen, was Ihr ihm vorgeschlagen"

"Canto cacramento!  Daz ist ein frommer Herr!  Ein Goldglden des
Monats und tglich vier Maaz Wein?  Er soll leben!"

"Und wann wird er kommen?" fragte der Hauptmann Lffler.  "Wo werden
wir zu ihm stoen?"

"Wenn kein Unglck geschehen ist, heute noch.  Gestern ist er auf
Heimsheim losgebrochen, die Besatzung ist schwach: Wenn er sie
berwltigt hat, rckt er heute noch weiter."

"Schaut!  Reitet dort unten nicht ein Geharnischter?  Sieht aus wie
ein Ritter!" Die Mnner sahen aufmerksam nach dem Ende des Tales.
Dort sah man einen Helm und Harnisch in der Sonne blinken, auch ein
Pferd wurde hie und da sichtbar.  Der Pfeifer von Hardt sprang auf
und klamm die Eiche hinauf.  Von diesem hohen Standpunkt konnte er
das Tal besser bersehen.  Noch war der Reiter zu fern, als da er
seine Zge htte unterscheiden knnen, aber er glaubte seine
Feldbinde zu erkennen, er glaubte den Mann zu erkennen, den er in
dieser Stunde erwartete.

"Was siehst Du?" riefen die Hauptleute.  "Ist es einer, der zufllig
durchs Tal reitet, oder glaubst Du, er kommt vom Herzog?"

"Richtig, wei und blau ist die Schrpe", sprach der Pfeifer, "das
ist sein langes Haar, so sitzt er zu Pferd.  Ei du Goldjunge,
willkommen in Wrttemberg!  Jetzt sieht er Eure Wachen, jetzt reitet
er auf sie zu, schau, wie die Burschen ihre Lanzen vorstrecken und
die Beine ausspreizen."

"Ja, was Landsknechte sind, die verstehen den Kriegsbrauch.  Darf
keiner vorbei, wo die Hauptleute liegen, ohne da er Rede steht."

"Halt!  Jetzt rufen sie ihn an; er spricht mit ihnen, sie deuten
hierher; er kommt!" Der Pfeifer von Hardt stieg mit freudeglhendem
Gesicht vom Baum herab

"Diavolo maledetto!  Bassam terendete!  Zie werden ihn doch nicht
allein reiten lassen?  Ez wird doch einer zein Ro am Zgel fhren
nach Kriegsbrauch!  Wie?  Ist ez ein Ritter, der kommt?"

"Ein Edelmann, so gut wie einer im Reich", antwortete der Pfeifer,
"und der Herzog ist ihm sehr gewogen." Bei dieser Nachricht standen
die Hauptleute auf, denn ob sie sich gleich nicht wenig einbildeten,
Hauptleute zu heien, so wuten sie doch, da sie eigentlich nur
Landsknechte und dem Ritter jedes Zeichen von Ehrerbietung schuldig
seien Der Oberst aber setzte sich gravittisch am Fu der Eiche
nieder, strich den Bart, da er hell glnzte, setzte den groen Hut
mit der Hahnenfeder zurecht, sttzte sich auf seinen groen Hieber
und erwartete so den Ritter.




Kapitel 27


Dem Platz, wo die Hauptleute und der lange Peter, ihr Oberst,
versammelt waren, nahte sich jetzt ein geharnischter Reiter, dessen
Pferd von zwei Landsknechten gefhrt wurde.  Der Ritter hatte das
Visier seines blanken Helmes herabgeschlagen, die breiten Schultern
und die krftigen Lenden und Beine waren mit Platten und Schienen von
Stahl verhllt, aber die wallenden Federn seines Helmbusches und die
wohlbekannten Farben einer Schrpe, die ber den Panzer herablief,
die Haltung und das edle, krftige Wesen des Nahenden hatten dem
Pfeifer von Hardt lngst gesagt, wen er zu erwarten hatte.  Und er
tuschte sich nicht, denn einer der Knechte trat jetzt vor den Oberst
und berichtete, da der "Edle von Sturmfeder" mit den Anfhrern der
gesamten Landsknechte etwas zu sprechen habe.

Der lange Peter antwortete im Namen der brigen: "Zag' ihm, er ist
willkommen, Peter Hunzinger, der Oberst, Ztaberl von Wien, Konrad,
der Magdeburger, Balthasar Lffler und der tapfere Muckerle,
wohlbestallte Hauptleute, erwarten ihn zum Gesprch.--Gott straf'
mein Zeel', er hat einen schnen Harnisch und einen Helm wie der
Knig Franz, aber zein Gaul drfte besser zein, Mordblei!  Er ist an
allen Vieren steif!"

"Dos ist holt, sog' ich, weil er den ganzen Sommer 'stonden ist in
Mmpelgard beim Herzog."

Die Mnner belchelten den Witz des Wieners, doch hteten sie sich
ihre Freude laut werden zu lassen, denn der Ritter hielt nicht
allzufern.  Noch immer machte er keine Miene, abzusteigen und sich
ihnen zu nahen.  Er sprach mit dem Knecht, schlug dann das Visier auf
und zeigte ein schnes, freundliches Gesicht.  "Steht dort nicht Hans
der Spielmann?" rief er mit lauter Stimme.  "Erlaubt, da er ein
wenig zu mir trete."

Der Oberst nickte dem Pfeifer zu, er ging und der Junker schwang sich
vom Pferd.

"Willkommen in Wrttemberg, edler Herr!" rief der Mann von Hardt,
indem er den Handschlag des Junkers treuherzig erwiderte.  "Bringt
Ihr gute Botschaft?  Ich seh's Euch an den Augen an, es steht gut mit
dem Herzog."

"Komm!  Tritt hier ein wenig auf die Seite", sagte Georg von
Sturmfeder mit freudiger Hast.  "Wie steht es auf Lichtenstein?
Denkt sie an mich?  Hast Du einen Brief, ein paar Zeilen?  Oh, gib
schnell!  Was lt sie mir sagen, guter Hans?"

Der Pfeifer lchelte schlau ber die Ungeduld des liebenden Jnglings.
"Einen Brief hab' ich nicht, keine Zeile.  Sie ist gesund, und der
alte Herr auch; das ist alles, was ich wei."

"Wie!" unterbrach ihn Georg.  "Keinen Gru?  Keine Botschaft?  So hat
sie Dich gewi nicht ziehen lassen?"

"Als ich vorgestern Abschied nahm, sagte das Frulein: 'Sag ihm, er
soll sich sputen, da er einzieht in Stuttgart.' Sie wurde gerade so
rot wie Ihr jetzt, da sie dies sprach."

Der junge Mann errtete voll freudiger Gefhle, sein Auge glnzte,
und ein freundliches Lcheln zeigte, da er den Sinn dieser Worte
verstanden habe.  "Bald, bald werden wir einziehen, so Gott will",
sagte er.  "Aber wie lebten sie diesen langen Sommer?  Nur dreimal
kam uns Botschaft von ihnen zu!  Warst Du oft auf Lichtenstein, Hans?
War sie traurig?  Was sprach sie?"

"Lieber Herr", antwortete der Mann von Hardt, "geduldet Euch noch auf
dem Marsch will ich Euch ein Langes und Breites erzhlen, fr jetzt
nur soviel: sobald der Alte hrt, da Ihr auf Stuttgart zieht, will
er von Lichtenstein aufbrechen und Euch die Braut zufhren.  Denn er
zweifelt nicht, da Ihr die Stadt berwltigt.  Habt Ihr Heimsheim?"

"Wir haben es.  Ich jagte mit zwlf Reitern in die Tore, ehe sie
sich's versahen.  Die Besatzung war zwar etwas strker als wir, aber
mutlos und unzufrieden.  Ich handelte mit ihnen in des Herzogs Namen,
da glaubten sie, er liege mit vielen Truppen noch im Hinterhalt und
ergaben sich.  So weit wren wir nun in Wrttemberg, aber wie ist der
Weg weiterhin?"

"Offen, bis ins Herz offen.  Ich bringe Euch wichtige Nachricht vom
Ritter von Lichtenstein da die gewaltigen Herren aus dem Land sind,
wit Ihr--"

"Sie halten einen Bundestag in Nrdlingen, ist's nicht so?  Freilich
wissen wir's, denn auf diese Nachricht brach der Herzog aus Baden auf."

"Nun, und wenn die Katzen fort sind, tanzen die Muse auf dem Tisch.
Die Besatzungen sind berall unbesorgt, an den Herzog denkt kein
Bndler mehr, sie sind nur aufmerksam auf den Bundestag, welchen
Herrn wir bekommen werden: den sterreicher, den Bayer, den Prinzen
Christophel, oder ob uns der Stdtebund, Augsburg und Aalen, Nrnberg
und Bopfingen, regieren werde."

"Welche Augen sie machen werden", rief Georg lchelnd, "wenn der
Stuhl schon besetzt ist, um welchen sie streiten!  Sie werden ihre
Bchsen auf die Schulter nehmen und 's Regieren sein lassen."

"Und die Wrttemberger?  Wie denken sie jetzt vom Herzog?  Glaubst Du,
er wird viel Anhang finden?  Werden sie uns zu Hilfe ziehen?"

"Was Brger und Bauern sind, ja.  Von der Ritterschaft wei ich's
nicht, und der alte Herr zuckte die Achseln, wenn ich ihn fragte, und
murmelte ein paar Flche.  Ich frchte, es steht hier nicht alles,
wie es soll.  Aber Brger und Bauern, die sind fr den Herzog.  Es
sind allerlei sonderbare Zeichen geschehen, die das Volk aufmuntern.
So ist neulich im Remstal ein Stein vom Himmel gefallen, drauf war
ein Hirschgeweih eingegraben und die Worte: 'Hie gut Wrttemberg
alleweg', und auf der andern Seite soll man auf lateinisch gelesen
haben: 'Herzog Ulrich soll leben!'"

"'Vom Himmel gefallen', sagst Du?"

"So sagt man.  Die Bauern hatten groe Freude dran, aber die
bndischen Herren wurden zornig, nahmen die Schulzen gefangen und
wollten ihnen abpressen, woher der Stein des Anstoes komme.  Und als
man bei hoher Strafe verbot, vom Herzog zu sprechen, da lachten die
Mnner und sagten, jetzt trumen wir von ihm.  Alles wnscht ihn
zurck, denn sie wollen sich lieber von ihrem anerkannten Herrn
drcken, als von Fremden die Haut abziehen lassen."

"Gut; der Herzog und seine Reiter knnen in wenigen Stunden hier sein.
Sein Plan ist, sich gerade durchs Land nach Stuttgart zu schlagen.
Ist die Hauptstadt unser, so fllt uns auch das Land zu.  Und wie ist
es mit den Landsknechten dort?  Wollen sie mitziehen?"

"Fast htte ich die vergessen", sagte Hans, "sie werden ungeduldig
werden, wenn wir sie zu lange warten lassen.  Geht doch recht klug
mit ihnen um, es sind stolze Gesellen und lassen sich Hauptleute
schelten.  Aber haben wir die Fnfe gewonnen, so sind zwlf Fhnlein
des Herzogs.  Besonders mit dem Oberst, dem langen Peter, mt Ihr
gar hflich sein."

"Welcher ist der lange Peter?"

"Der dicke Mann, der unter der Eiche sitzt.  Er hat einen steifen
Schnauzbart und einen vornehmen Hut auf dem Kopf.  Der ist der
Hchste unter ihnen."

"Ich will mit ihm reden, wie Du sagst", antwortete der junge Mann und
ging mit dem Pfeifer zu den Landsknechten.  Die lange Unterredung der
beiden hatte sie schon etwas unmutig gemacht, und der kleine Muckerle
scho stechende Blicke auf den Gesandten des Herzogs.  Als dieser
aber mit edlem Anstand und freiem, siegendem Blick unter sie trat,
wurden sie schchtern und verlegen, und als er sie endlich mit
hflichen, schmeichelhaften Worten anredete, wurden ihre tapfern
Herzen von der Anmut Georgs von Sturmfeder fr des Herzogs Sache
gewonnen.

"Wohlerfahrner Oberst", sprach er, "tapfere Hauptleute der
versammelten Landsknechte, der Herzog von Wrttemberg hat sich den
Grenzen seines Landes genaht, hat die Stadt Heimsheim erobert und ist
willens, auf gleiche Weise sein ganzes Herzogtum wieder an sich zu
bringen--"

"Gott straf' mein Zeel', er hat recht; ttz auch zo mochen--"

"Er hat den tapfern Arm und die frtreffliche Kriegskunst der
Landsknechte erprobt, als sie noch gegen ihn standen; er versieht
sich zu ihnen, da sie ihm mit gleichem Mut jetzt beistehen werden,
und verspricht ihnen mit seinem frstlichen Wort, die Bedingungen zu
halten, die sie ihm angeboten haben."

"Ein frommer Herr", murmelten sie untereinander mit beiflligem
Nicken, "ein Goldgulden des Monats--und Mordblei--tglich vier Ma
Wein fr die Hauptleut'!"

Der Oberst stand auf, entblte sein kahles Haupt zum Gru und sprach,
von manchem Ruspern der Verlegenheit unterbrochen: "Wir danken Euch,
hochedler Herr, wollen's tun, wollen mitziehen--wir wollen dem
schwbischen Bund heimgeben, was er unz getan, zo wollen wir.  Die
allerbesten und tapfersten, wie auch frtrefflichsten Leute haben zie
fortgeschickt, als brauchten sie keine Landsknechte mehr.  Da steht
zum Beispiel der Hauptmann Lffler.  Wenn'z einen tapferern
Landsknecht gibt in der Christenheit, zo la ich mir die Haut vom
Leib schlen und la mich braten wie eine Zau.  Da steht der Staberl
von Wien; zo einen hat die Zonne noch nie beschienen und der Mond.--
Da ist dann der Magdeburger, wie der ficht keiner in der Trkei--und
der Muckerle da, man zollt ihm'z nicht anzehen; aber daz ist der
beste Schtz mit der Donnerbchs und trifft auf vierzig Gng' ins
Schwarze.--Von mir mag ich nicht reden, Eigenlob stinkt, aber Bassa
manelka in Spanien und Holland hab' ich gedient und Canto cacramento
in Italien und Deutschland, Mordblei!  In jedem Heer kennt man den
langen Peter.  Gott straf' mein Zeel', wenn ich und die andern hinter
den schwbischen Hund, wollt' zagen Bund, kommen, diavolo maledetto!
Da werden zieh daz Hazenpanier ergreifen und mit den Abstzen hinter
sich hauen!"

Die Hauptleute luden jetzt den Junker von Sturmfeder ein, eine
Musterung ber das neugeworbene Heer zu halten.  Der dumpfe Schall
der ungeheuern Trommeln tnte durchs Tal und weckte die Schlfer aus
ihrer Ruhe.  Noch schien Frondsbergs kriegerischer Geist und sein
strenger Ordnungssinn ber ihnen zu schweben, denn in wenigen
Augenblicken hatten sie sich zu drei groen Kreisen gebildet, die je
aus vier Fhnlein bestanden.  Die Landsknechte waren nach ihrem
Geschmack gekleidet, doch hatte die Mode der Zeit im Schnitt ein
wenig Gleichfrmigkeit in ihren Anzug gebracht.  Sie trugen
gewhnlich enge Wmse von Leder oder auch Lederwesten mit rmeln von
grobem Tuch Die Lenden staken in ungeheuer weiten Pluderhosen, die am
Knie zugebunden, durch ihre eigene Schwere noch etwas tiefer
herunterhingen.  Die vollen Waden umgaben grobe Strmpfe von hellen
Farben, und die Fe waren mit groben Bundschuhen von ungefrbtem
Leder bekleidet.  Ein Hut, eine Tuch- oder Ledermtze, eine erbeutete
oder fr eigene Rechnung gekaufte Blechhaube bedeckte den Kopf, und
die brtigen Gesichter dieser Mnner, die oft zwanzig Jahre unter
allen Heeren und Himmelsstrichen Europas dienten, hatten einen khnen,
martialischen Ausdruck.  Ihre Bewaffnung bestand in einem langen
Dolch und einer Hellebarde; ein Teil war auch mit Donnerbchsen
bewaffnet, die man mit Lunten losbrannte.

So standen sie mit ausgespreizten Beinen, Fu an Fu geschlossen, wie
ein festes Bollwerk und Georgs kriegerischen Sinn erfreute der
Anblick dieser kampfgebten Mnner, die wohl zu wissen schienen, da
sie vereinzelt nichts, aber in Massen verbunden auch einer
zahlreichen Schar von Feinden furchtbar seien.

Die Hauptleute hatten den Kriegsbrauch und das Kommandowort ihrer
frheren Anfhrer wohl im Gedchtnis behalten Sie traten daher mit
dem jungen Ritter in einen dieser Kreise, und der tiefe, weittnende
Ba des langen Peters befahl: "Gebt acht Ihr Leut!  Kehrt Euch um!"

Schnell hatten sich die Kreise nach innen gekehrt und vernahmen nun
die Reden ihrer Hauptleute, die ihnen jene Aufforderung des Herzogs
von Wrttemberg auseinandersetzten.  Ein freudiges Gemurmel zeigte,
da sie mit diesen Bedingungen zufrieden seien und Ulrich von
Wrttemberg so eifrig dienen wollten, als sie vorher gegen ihn
gedient hatten.  Die Hauptleute lieen jetzt auch einige bungen
machen, und Georg bewunderte die Geschicklichkeit der Landsknechte
und glaubte fest, man werde es in der Kriegskunst auf Erden
schwerlich noch viel weiterbringen.

Etwa nach einer Stunde meldeten die Vorposten, da man unten im Tal,
von der Gegend von Heimsheim her, Waffen blinken sehe, und wenn man
das Ohr auf die Erde lege, seien die Tritte vieler Rosse deutlich zu
vernehmen.

"Das ist der Herzog", rief Georg, "fhrt mein Pferd vor; ich will ihm
entgegenreiten."

Der junge Mann galoppierte durch das Tal hin, und die Hauptleute und
ihre Gesellen blickten ihm nach und bewunderten die Kraft und
Gewandtheit, mit welcher er in der schweren Rstung aufs Pferd
gesprungen war, lobten seinen Anstand und seine Haltung, solange sie
ihn noch sehen konnten.  Bald mischte sich sein Helmbusch mit den
Bschen und Lanzenspitzen, die man unten im Tal bemerkte.  Sie kamen
nher, jetzt sah man Helme blinken, jetzt wurden die Reiter bis um
die Brust sichtbar, jetzt erschienen sie auf einmal auf einer kleinen
Anhhe, und man konnte die ganze Schar bersehen.  Der Pfeifer von
Hardt schaute mit blitzenden Augen in die Ferne.  Seine Brust hob und
senkte sich die Freude schien ihn des Atems zu berauben, sprachlos
nahm er den Obersten an der Hand und deutete auf die Reiterschar.

"Welcher ist der Herzog?" fragte dieser.  "Ist's der auf dem
Mohrenschimmel?"

"Nein, das ist der edle Herr von Hewen.  Seht Ihr das Banner von
Wrttemberg?  Wie, seh' ich recht?  Bei Gott, der Junker von
Sturmfeder darf es tragen!"

"Daz ist eine groe Ehre!  Mordblei, ist erst fnfundzwanzig und darf
die Fahne tragen!  In Frankreich darf daz nur der Connetabel tun, der
erste Mann nach dem Knig Franz.  Dort heit man'z Ohrenflamme und
ist aus lauter Gold.  Aber welcher ist der Herzog Ulrich?"

"Seht Ihr den im grnen Mantel mit den schwarz und roten Federn auf
dem Helm?  Er reitet neben dem Banner und spricht mit dem Junker, er
reitet einen Rappen und zeigt gerade mit dem Finger auf uns--seht,
das ist der Herzog."

Die Reiterschar mochte ungefhr vierzig Pferde betragen.  Sie bestand
meist aus Edelleuten und ihren Dienern, die dem Herzog in seine
Verbannung nachgezogen waren oder, von seinem Einfall benachrichtigt,
an der Grenze seines Landes sich ihm angeschlossen hatten.  Sie waren
alle wohlberitten und bewaffnet.  Georg von Sturmfeder trug
Wrttembergs Panier, neben ihm ritt ganz geharnischt der Herzog.  Als
dieser Zug jetzt den Landsknechten etwa auf dreihundert Schritt nahe
war; erhob der lange Peter seine Stimme und sprach: "Gebt acht, Ihr
Leut'.  Wenn Zeine Durchlaucht nahe ist und ich meinen Hut vom
Scheitel reie, so schreit: 'Vivat Ulricus!', schwenkt die Fhnlein
in der Luft, und Ihr Trommler, rasselt auf Euren Fellen, da Euch das
Donnerwetter!  Schlagt den Wirbel wie beim Sturm auf eine Festung,
Bassa manelka!  Haut drauf und wenn der Schlegel bricht--zo begren
die tapfren Landsknecht einen Frsten."

Diese kurze Anrede tat ihre Wirkung, die kriegerische Schar murmelte
das Lob des Herzogs, sie schttelten ihre Hellebarden, stampften ihre
Bchsen klirrend auf den Boden, und die Trommler faten ihre Schlegel
krampfhaft in die Hand, und als jetzt Georg von Sturmfeder, der
Bannertrger von Wrttemberg, ansprengte und hinter ihm hoch zu Ro,
erhaben wie in den Tagen seiner Herrschaft, mit khnen, gebietenden
Blicken Herzog Ulrich von Wrttemberg sich zeigte, da entblte der
lange Peter ehrfurchtsvoll sein Haupt, die Trommeln rasselten wie zum
Sturm einer Feste, die Fhnlein neigten sich zum Gru, und die
Landsknechte riefen ein tausendstimmiges 'Vivat Ulricus!'.

Der Bauersmann von Hardt war still in der Ferne gestanden, hatte
nicht auf diese kriegerischen Gre gehrt, seine ganze Seele schien
nur in seinem Auge zu liegen, das trunken an seinem Herrn hing.  Der
Herzog hielt den Rappen an, blickte um sich und es war tiefe Stille
unter den vielen Menschen.  Da trat der Bauer vor, kniete nieder,
hielt ihm den Bgel zum Absteigen und sprach "Hie gut Wrttemberg
alleweg!"

"Ha!  Bist Du es, Hans, mein Geselle im Unglck, der mir den ersten
Gru von Wrttemberg bringt?  Meine Edlen habe ich hier erwartet, da
sie mich begren bei meinem ersten Schritt auf wrttembergischem
Grund, meinen Kanzler und meine Rte.  Wo sind die Hunde?  Die Stnde
meiner Landschaft, wo blieben sie, will man mich nicht wiedersehen in
der Heimat?  Ist keiner von allen da, mir den Bgel zu halten, als
der Bauer?"

Seine Begleiter drngten sich staunend um den Herzog her, als sie ihn
so sprechen hrten.  Sie wuten nicht, war es Ernst oder bitterer
Scherz ber sein Unglck.  Sein Mund schien zu lcheln, aber sein
Auge blitzte mutig, und seine Stimme klang ernst und befehlend.  Sie
sahen einander wegen dieser dsteren Laune zweifelnd an, aber der
Pfeifer von Hardt erwiderte seinem Herrn:

"Diesmal ist's nur der Bauer, der Euch auf Wrttembergs Boden hilft,
aber verachtet nicht ein treues Herz und eine feste Hand!  Die andern
werden schon auch kommen, wenn sie hren, da der Herr Herzog wieder
im Land ist."

"Meinst Du", sprach Ulrich bitter lachend, indem er sich vom Pferd
schwang, "sie werden auch kommen?  Bis jetzt haben Wir wenig Kunde
davon.  Aber ich will anklopfen an ihren Tren, da sie merken sollen,
es ist der alte Herr, der in sein Haus will!"

"Sind dies die Landsknechte, die mir dienen wollen?" fuhr er fort,
indem er aufmerksam das kleine Heer betrachtete.  "Sie sind nicht
bel bewaffnet und sehen mnnlich aus.  Wieviel sind es?"

"Zwlf Fhnlein, Euer Durchlaucht", antwortete der Oberst Peter, der
noch immer mit gezogenem Hut vor ihm stand und hie und da verlegen
den ungarischen Bart zwirbelte.  "Lauter gebte Leut'.  Gott straf'
mein Zeel', tut mir leid, wenn ich geflucht hab', der Knig in
Frankreich hat sie nicht besser."

"Wer bist denn Du?" fragte ihn der Herzog, der die groe, dicke Figur
mit dem langen Hieber und dem roten Gesicht verwundert anschaute.

"Ich bin eigentlich ein Landsknecht meines Zeichenz; man nennt mich
den langen Peter, jetzt aber wohlbestallter Oberst verzammelter--"

"Was, Oberst!  Diese Narrheit mu aufhren.  Ihr mgt mir wohl ein
tapferer Mann sein, aber zum Hauptmann seid Ihr nicht gemacht.  Ich
selbst will Euer Oberst sein, und zu Hauptleuten werde ich einige
meiner Ritter machen."

"Bassa manelk--tut mir leid, wenn ich geflucht hab', aber erlaubt,
Herr Herzog, einem alten Kerl ein Wort, daz ist gegen unsern Pakt mit
dem Goldglden monatlich und den vier Maaz Wein tagtglich.  Da steht
zum Beispiel der Staberl aus Wien, z'gibt keinen Tapfereren unter dem
Mond--"

"Schon gut, Alter, schon gut!  Auf die Goldglden und den Wein soll
mir's nicht ankommen.  Wer bisher Hauptmann war, soll es richtig
bekommen.  Nur den Befehl mt Ihr abgeben.  Habt Ihr Pulver und
Kugeln?"

"Das will ich meenen!" sagte der Magdeburger.  "Wir haben noch von
Eurer Durchlaucht eigenem Pulver und Blei, was wir in Tbingen
mitgenommen.  Wir haben Munition auf achtzig Schu fr den Mann."

"Gut.  Georg von Hewen und Philipp von Rechberg, Ihr teilt Euch in
die Knechte, jeder nimmt sechs Fhnlein.  Ihr da, die Ihr Euch
Hauptleute nennt, knnt bei den einzelnen Fhnlein bleiben und den
beiden Herren an die Hand gehen.  Ludwig von Gemmingen, seid so gut
und nehmt den Oberbefehl ber das Fuvolk.  Jetzt geraden Weges auf
Leonberg.  Freu Dich, mein treuer Bannertrger", sagte Ulrich als er
sich aufs Pferd schwang, "so Gott will, ziehen wir morgen in
Stuttgart ein."

Die Reiterschar, den Herzog an der Spitze, zog weiter.  Der lange
Peter stand noch immer unverrckt auf dem Platz, den Hut mit der
stolzen Hahnenfeder in der Hand, und schaute den Reitern nach.

"Das ist einmal ein Frst!" sprach er zu den Hauptleuten, die neben
ihm standen "Waz der fr eine gewaltige Stimme hat und wie er
grulich mit den Augen funkelt, daz ez einem angst und bange wird.
Hu, ich meinte, er wollt' mich mit Haut und Haar verschlucken, alz er
mich fragte: Wer bist denn Du?"

"Mir wor's g'rod, wie wenn einer siedend Wasser ber mein Leib
schtten tt.  In Wien ist doch auch 'n Kaiser, aber der tut nit so
g'waltig wie der da!"

"Also Hauptleut' sind wer g'wesen", sprach der Hauptmann Muckerle,
"die Herrlichkeit hat nit lang dauert."

"Narr!  Daz ist mir recht.  Wrde bringt Brde, zagt ein Sprichwort,
die andern haben oft nicht recht gehorcht, wenn wir befohlen haben;
Diavolo, hat doch erst heute einer mich ausgelacht.  Hat alles ein
besseren Schick, wenn'z die Herren anfhren.  Den Goldglden und die
vier Maaz haben wir ja doch und daz bleibt die Hauptsache."

"Dat meen' ich ooch!  Und dat haben wer dem langen Peter zu verdanken
Er soll leben!"

"Dank' schn, aber daz zag ich der Herr wird dem Bund aufznden,
Mordblei!  Wenn der erst ein Schwert in die Hand nimmt, der jagt die
Stdter allein auz dem Land!  Und zeine Rte und Kanzler und die
Landschaft!  Habt Ihr gehrt, wie grulich er ber die geflucht hat?
Ich mcht' in keinez Haut stecken."

Das Wirbeln der Trommeln unterbrach das Gesprch dieser tapferen
Krieger.  Diese Tne erschollen nicht mehr auf ihren Befehl, aber der
lange Peter war in seinen vielen Feldzgen so sehr an den Wechsel von
Glck und Unglck von Hoheit und Niedrigkeit gewhnt worden, da er
ber den Sturz seines Regiments nicht trauerte.  Gelassen nahm er die
Hahnenfeder von dem groen Hut, legte die rote Schrpe und den langen
Hieber, die Zeichen seiner Wrde, ab und ergriff eine Hellebarde.
"Gott straf mein Zeel', ez ist schwer fr einen Kerl wie ich zwlf
Fhnlein zu regieren", sagte er, als er sich wieder als guter
Landsknecht in die Reihen seiner Kameraden stellte.  "Aber bei Sankt
Petrus, dem trefflichen Landsknecht--er mu jetzt auch Oberst zein
in den himmlischen Heerscharen Kyrie Eleyzon!  Der Mensch mu allez
probieren auf Erden." Die Landsknechte schttelten ihm die Hand und
besttigten es.  Es tat seinem tapfren Herzen wohl, zu hren, er habe
sein Kommando trefflich verwaltet.  Die drei Ritter, ihre Anfhrer,
saen auf und stellten sich zu ihren Fhnlein, die Landsknechte
richteten sich in gewohnter Ordnung zum Marsch und Ludwig von
Gemmingen lie die Trommeln zum Aufbruch rhren.




Kapitel 28


Es war in der Nacht vor Mari Himmelfahrt, als Herzog Ulrich vor dem
Rothenbhltor in Stuttgart anlangte.  Er hatte auf seinem Zug schnell
das Stdtchen Leonberg erobert und war dann unaufhaltsam immer weiter
gedrungen.  Viel Volk lief zu, denn wie ein Lauffeuer hatte sich die
Nachricht verbreitet, da der Herzog wieder im Land sei.  Jetzt erst
zeigte es sich, wie wenig Freunde der Bund sich erworben hatte; denn
berall wurde die Freude laut, da das gehssige Regiment des Bundes
ein Ende habe, da das angestammte Frstenhaus sich wieder in seine
alten Rechte einsetze.

Auch nach Stuttgart war bald diese Nachricht vorgedrungen und hatte
die verschiedensten Empfindungen dort erregt.  Der Adel, der sich in
der Stadt befand, wute nicht, wessen er sich vom Herzog zu versehen
hatte.  Die bergabe von Tbingen war noch in zu frischem Gedchtnis,
als da er ganz unbesorgt gewesen wre.  Aber die Erinnerung an den
glnzenden Hof Ulrichs von Wrttemberg, an die frhlichen Tage, die
sie dort verlebt hatten; der Vergleich dieser Zeit mit dem
freudenlosen Leben der Bundesrte mochte sie fr den Herzog gnstig
stimmen, wenn auch mancher Ursache hatte, seine Wiederkehr nicht
gerade herbeizuwnschen.  Die Brgerschaft konnte ihre Freude ber
diese Nachrichten kaum verbergen; sie verlieen ihre Huser, traten
haufenweise auf den Straen zusammen und besprachen sich ber die
Dinge, die ihrer warteten.  Sie schimpften leise, aber weidlich auf
den Bund, ballten grimmig ihre Fuste in der Tasche und waren beraus
patriotisch gesinnt.  Auch tat ihnen der Gedanke wohl, da von ihrer
Entscheidung fr den einen oder den andern Teil so viel abhnge, weil
man im ganzen Land auf die Stuttgarter sehe.  Sie waren zwar weit
entfernt, gegen die bndische Besatzung auf ihre eigene Faust einen
Aufruhr zu unternehmen, aber sie sprachen zueinander: "Gevatter, wart
nur, bis es Nacht wird, da wollen wir den Reichsstdtern zeigen, wo
sie her sind, wir Stuttgarter."

Dem bndischen Statthalter, Christoph von Schwarzenberg, entging
diese Bewegung unter den Brgern nicht.  Zu spt sah er ein, wie
tricht man getan habe, das Heer zu entlassen.  Er wandte sich an die
Bundesstnde, die noch zu Nrdlingen versammelt waren, und begehrte
Hilfe, aber er selbst gab die Hoffnung auf, Stuttgart so lange halten
zu knnen, bis ein neues Heer im Feld erschienen sei.  Er traf zwar
einige Anstalten zur Gegenwehr; aber die Blitzesschnelle, mit welcher
der Herzog erschien, vereitelte alle seine Bemhungen.  Als er sah,
da er den Brgern nicht trauen knne, da ihm der Adel nicht
beistehe, da die Besatzung nicht einmal zur Sicherung der Tore
hinreiche, entwich er bei Nacht und Nebel mit den Bundesrten nach
Elingen.  Ihre Flucht war so eilig und geheim, da sie sogar ihre
Familien zurcklieen, und niemand in der Stadt ahnte, da der
Statthalter und die Rte nicht mehr in den Mauern seien; daher waren
die Anhnger des Bundes noch immer getrosten Mutes und glaubten nicht
an die Gerchte von der schnellen Annherung des Herzogs.

Der Marktplatz war damals noch das Herz der Stadt Stuttgart; zwar
hatten sich schon zwei groe Vorstdte, die Sankt Leonhards- und die
Turnieracker-Vorstadt, um sie gelagert, welche mit Graben, Mauern und
starken Toren versehen, das Ansehen eigener Stdte bekommen hatten.
Aber noch standen die Ring-mauern und Tore der Altstadt, und ihre
Brger sahen nicht ohne Stolz herab auf die Vorstdter.  Der
Marktplatz war es, wo nach alter Sitte bei jeder besonderen
Gelegenheit die Brger sich versammelten; auch an dem wichtigen Abend
vor Mari Himmelfahrt strmten sie dorthin zusammen.  Zur Zeit, wo
der Brger noch mit der Wehr an der Seite auftreten durfte, hatte
sein ffentlich gesprochenes Wort auch mehr zu bedeuten als in
spteren Tagen, wo Tinte, Feder und Papier die Oberhand gewannen.
Und wahrlich, die Brger von Stuttgart waren bei Nacht und in Waffen
versammelt, ganz andere Leute als morgens.  Mancher, der, htte man
ihn vormittags um seine Meinung wegen des Herzogs gefragt, antwortete:
"Was geht es mich an, bin ein friedlicher Brgersmann", erhob jetzt
seine Stimme und schrie: "Wir wollen dem Herzog die Tore ffnen, fort
mit den Bndischen!  Wer ist ein guter Wrttemberger?"

Der Mond schien hell auf die versammelte Menge herab, die unruhig hin
und her wogte.  Ein verworrenes Gemurmel drang von ihr in die Lfte:
Noch schienen sie unschlssig, vielleicht weil keiner khn genug war,
sich an die Spitze zu stellen.  Aus den hohen Giebelhusern, die den
Platz einschlossen, schauten viele hundert Kpfe auf den Markt
hernieder.

Schon wurde das Murmeln der Menge immer lauter und verstndlicher;
der Ruf: "Wir wollen die Knechte vom Tor wegjagen und die Stadt dem
Herzog auftun", immer deutlicher, da sah man einen langen hageren
Mann auf eine Bank am Brunnen springen, wo er die ganze Menge
berragte.  Er focht mit ungeheuer langen Armen in der Luft umher,
tat einen weiten Mund auf und schrie mit heiserer Stimme um Gehr.
Es wurde nach und nach stiller auf dem Platz, man vernahm einzelne
Worte aus seiner Rede:

"Was?  Die ehrsamen Brger von Stuttgart wollen ihren Eid brechen--
habt Ihr nicht dem Bund geschworen.  Wem wollt Ihr die Tore ffnen?
Dem Herzog?  Er kommt mit ganz geringer Mannschaft, denn er hat ja
kein Geld, um Leute zu bezahlen, und da mt dann Ihr wieder den
Beutel auftun und blechen!  Da wird's heien, Stuttgart zahlt
zehntausend Gulden, weil es von Uns abgefallen ist.  Hrt Ihr?
Zehntausend Gulden sollt Ihr zahlen!"

"Wer ist denn der lange Kerl?" fragten sich die Mnner.--"Er hat
nicht unrecht--werden tchtig zahlen mssen--Ist er ein Brger, der
da oben?  Wer seid Ihr", rief einer der Khnsten.  "Woher wollt Ihr
wissen, was wir zahlen mssen?"

"Ich bin der berhmte Doktor Calmus", sprach der Redner mit
feierlicher Stimme, "und wei das ganz genau; und wen wollt Ihr
vertreiben?  Den Kaiser, das Reich, den Bund?  So viele reiche Herren
wollt Ihr vor den Kopf stoen?  Und warum?  Wegen dem Utz, der Euch
das Fell ber die Ohren zieht; denkt nur an das geringere Gewicht, an
die harten Jagdfrevel.  Jetzt hat er gar kein Geld mehr; er ist ein
Lump, hat alles verspielt in Mmpelgard--"

"Halt Er sein Maul!" schrien die Brger.  "Was geht das Ihn an?  Er
ist kein hiesiger Brger; fort mit dem Kahlmuser--schlagt ihn tot--
werft ihn als Fisch in den Brunnen--der Herzog soll leben!"

Doktor Calmus erhob noch einmal seine Stimme; aber die Brger
berschrien ihn.

In diesem Augenblick kam ein neuer Trupp Brger aus der obern Stadt
herabgerannt.  "Der Herzog ist vor dem Rothenbhltor", riefen sie,
"mit Reitern und Fuvolk.  Wo ist der Stadthalter?  Wo sind die
Bundesrte?  Er will in die Stadt schieen, wenn man nicht aufmacht!
--Fort mit den Bndischen!--Wer ist gut wrttembergisch?"

Der Tumult wuchs von Sekunde zu Sekunde.  Die Brger schienen noch
unschlssig, da bestieg ein neuer Redner die Bank; es war ein feiner
Herr, der durch sein schmuckes ueres einen Augenblick den Brgern
imponierte: "Bedenkt, Ihr Mnner", rief er mit seiner Stimme, "was
wird der durchlauchte Bundesrat dazu sagen, wenn Ihr--"

"Was scheren wir uns um den Durchlauchten" berschrie man ihn "Fort!
Reit ihn herab mit dem rosenfarbenen Mntelein und dem glatten Haar,
das ist ein Ulmer!  Fort mit ihm--auf ihn, er ist von Ulm!"

Aber ehe sie noch diesen Entschlu ausfhrten; trat ein krftiger
Mann hinauf, warf mit einem Schlag den Doktor rechts und den Ulmer
mit dem rosenfarbenen Mntelein links von der Bank, und winkte mit
der Mtze in die Luft.  "Still!  Das ist der Hartmann", flsterten
die Brger, "der versteht's, hrt, was er spricht!"

"Hrt mich", sprach dieser.  "Der Stadthalter und die Bundesrte sind
nirgends zu finden, sie sind entflohen und haben uns im Stich
gelassen, drum greift die beiden da, wir wollen sie als Geiseln
behalten Und jetzt hinauf ans Rothebhltor.  Dort steht unser rechter
Herzog, 's ist besser, wir machen selbst auf, als da er mit Gewalt
eindringt.  Wer ein guter Wrttemberger ist, folgt mir nach!"

Er stieg herab von der Bank, und jubelnd umgab ihn die Menge.  Die
beiden Frsprecher des Bundes wurden, ehe sie sich dessen versahen,
gebunden und fortgefhrt.  Jetzt ergo sich der Strom der Brger vom
Marktplatz zum obern Tor, hinaus ber den breiten Graben der alten
Stadt in die Turnierackervorstadt, am Bollwerk vorbei zum
Rothenbhltor.  Die bndischen Knechte, die das Tor besetzt hielten,
wurden schnell bermannt, das Tor ging auf, die Zugbrcke fiel herab
und legte sich ber den Stadtgraben.

Dort hatten indessen die Anfhrer des Fuvolks ihre besten Truppen
aufgestellt, man wute nicht genau, wie die Bndischen sich bei der
Annherung des Herzogs benehmen wrden.  Ulrich selbst hatte die
Posten beritten.  Vergeblich suchte Georg von Sturmfeder ihn zu
berzeugen, da die Besatzung von Stuttgart so schwach sei, da sie
ihnen nicht die Spitze bieten knne, vergeblich stellte er ihm vor,
da die Brger ihn zurcksehnen und willig ihre Tore ffnen wrden.
Der Herzog schaute finster in die Nacht hinaus, prete die Lippen
zusammen und knirschte mit den Zhnen.

"Das verstehst du nicht!" murmelte er dem Jngling zu.  "Du kennst
die Menschen nicht; sie sind alle falsch; traue niemand als Dir
selbst.  Sie drehen den Mantel nach jedem Wind!--Aber diesmal will
ich sie lassen.  Meinst Du, ich habe mein Land umsonst mit dem Rcken
angesehen?"

Georg konnte diese Stimmung des Herzogs nicht begreifen.  Im Unglck
war er fest, sogar mild und sanft gewesen; hatte von manchem schnen
Brauch gesprochen, den er einfhren wolle, wenn er wieder ins Land
komme, hatte selten Zorn ber seine Feinde, beinahe nie Unmut ber
die Untertanen gezeigt, die von ihm abgefallen waren; aber sei es,
da mit dem Anblick der vaterlndischen Gegenden auch das Gefhl der
Krnkung strker als zuvor in ihm erwachte, sei es, da es ihm
unangenehm auffiel, da der Adel und die Stnde noch nichts hatten
von sich hren lassen; er war, seit er die Grenzen Wrttembergs
berschritten, nicht freudig, gehoben, erwartungsvoll, sondern ein
stolzer Trotz blitzte aus seinen Augen, seine Stirn war finster, und
eine gewisse Strenge und Hrte im Urteil fiel seiner Umgebung,
besonders Georg von Sturmfeder, auf, der sich in diese neue Seite von
Ulrichs Charakter nicht gleich zu finden wute.

Die Aufforderung an die Stadt mochte wohl schon seit einer halben
Stunde ergangen sein.  Bald war die Frist abgelaufen, die er ihnen
gegeben hatte, und noch immer war keine Antwort da; man hrte nur ein
ngstliches Hin- und Herrennen in der Stadt, aus welchem man weder
gute noch bse Zeichen deuten konnte.

Der Herzog ritt zu den Landesknechten vor, die erwartungsvoll auf
ihren Hellebarden und Donnerbchsen lehnten.  Die drei Ritter, welche
sie fhrten, standen am Graben und hielten durch ihre Anwesenheit die
Knechte in Ruhe und Ordnung.  Beim Schein des Mondes betrachtete
Georg ngstlich Ulrichs Zge.  Die Ader auf seiner Stirn war
aufgelaufen, eine tiefe Rte lag auf seinen Wangen, und seine Augen
brannten in dsterer Glut.

"Hewen!  Lat Leitern anschleppen", sagte er mit dumpfer Stimme.
"Der Donner und das Wetter!  Es ist mein eigen Haus, vor dem ich
stehe, und die Hunde wollen mich nicht einlassen.  Ich la noch
einmal blasen, machen sie dann nicht sogleich auf, so schmei' ich
Feuer in die Stadt, da ihre Kfige zusammenbrennen."

"Bassa manelka!  Waz mich daz freut!" sagte der lange Peter, der in
der ersten Rotte neben dem Herzog stand, leise zu seinen Kameraden.
"Jetzt werden Leitern beigeschleppt, wie die Katzen wir hinauf, mit
den Hellebarden ber die Mauer gestochen, da die Kerl herunter
mssen, mit den Bchsen drein gepfeffert, Canto cacramento!"

"Dat will it meenen!" flsterte der Magdeburger, "und dann hinunter
in die Stadt, angezndet an den Ecken, geplndert, gebrstet, da will
ik man ooch bei sin."

"Um Gottes willen, Herr Herzog", rief Georg von Sturmfeder, welche
die Reden des Herzogs und die gruliche Freude der Landesknechte wohl
vernommen hatte.  "Wartet nur noch ein kleines Viertelstndchen, es
ist ja Eure eigene Residenzstadt.  Sie beraten sich vielleicht noch."

"Was haben sie sich lange zu beraten?" entgegnete Ulrich unwillig,
"Ihr Herr ist hier auen vor dem Tor und fordert Einla.  Ich habe
schon zu lange Geduld gehabt.  Georg!  Breite mein Panier aus im
Mondschein, la die Trompeter blasen, fordere die Stadt zum letzten
Mal auf!  Und wenn ich dreiig zhle nach Deinem letzten Wort, und
sie haben noch nicht aufgemacht, beim heiligen Hubertus, so strmen
wir.  Spute Dich, Georg!"

"Oh, Herr!  Bedenkt eine Stadt, Eure beste Stadt!  Wie lange habt Ihr
in diesen Mauern gelebt, wollt Ihr Euch ein solches Brandmal
aufrichten?  Gebt noch Frist."

"Ha!" lachte der Herzog grimmig und schlug mit dem Stahlhandschuh auf
den Brustharnisch, da es weithin tnte durch die Nacht.  "Ich sehe,
Dich gelstet nicht sehr, in Stuttgart einzuziehen und Dein Weib zu
verdienen.  Aber bei meiner Ungnade, jetzt kein Wort mehr, Georg von
Sturmfeder.  Schnell ans Werk!  Ich sag', roll mein Panier auf!
Blast, Trompeter, blast!  Schmettert sie auf aus dem Schlaf, da sie
merken, ein Wrttemberger ist vor dem Tor und will trotz Kaiser und
Reich in sein Haus.  Ich sag', fordere sie auf, Sturmfeder!"

Georg folgte schweigend dem Befehl.  Er ritt bis dicht vor den Graben
und rollte das Panier von Wrttemberg auf.  Die Strahlen des Mondes
schienen es freundlich zu begren, sie beleuchteten es deutlich und
zeigten seine Felder und Bilder.  Auf einer groen Fahne von roter
Seide war Wrttembergs Wappen eingewoben.  Der junge Mann schwenkte
das schwere Panier in der starken Hand, drei Trompeter ritten neben
ihm auf und schmetterten ihre wilden Fanfaren gegen die verschlossene
Pforte.

Im Tor ffnete sich ein Fenster, man fragte nach dem Begehr.  Georg
von Sturmfeder erhob seine Stimme und rief: "Ulrich von Gottes Gnaden,
Herzog zu Wrttemberg und Teck, Graf zu Urach und Mmpelgard,
fordert zum zweiten und letzten Mal seine Stadt Stuttgart auf, ihm
willig und sogleich die Tore zu ffnen.  Widrigenfalls wird er die
Mauer strmen und die Stadt als feindlich ansehen."

Noch whrend Georg dieses ausrief, hrte man das verworrene Gerusch
vieler Tritte und Stimmen in der Stadt; es kam nher und nher und
wurde zum Tumult und Geschrei.

"Gott straf' mein Zeel', zie machen einen Auzfall!" sagte der lange
Peter, laut genug, um vom Herzog verstanden zu werden.

"Du knntest recht haben", erwiderte dieser, indem er sich pltzlich
zu dem erschrockenen Landsknecht wandte.  "Schliet dichter an,
streckt die Piken vor und haltet die Lunten bereit.  Wir wollen sie
empfangen nach Verdienst."

Die ganze Linie zog sich vom Graben zurck, nur die drei ersten
Fhnlein stellten sich da, wo die Zugbrcke sich ans Land legen mute,
auf.  Ein Wall von Piken starrte jedem Angriff entgegen, und die
Schtzen hatten die Donnerbchsen aufgelegt und hielten die Lunten
ber dem Zndloch.  Tiefe Stille der Erwartung war auf dieser Seite,
desto brausender drang der Lrm aus der Stadt herber.  Die Brcke
fiel herab; aber keine Feinde waren es, die zu einem Ausfall
herberdrangen, sondern drei alte graue Mnner kamen aus dem Tor; sie
trugen das Wappen der Stadt und die Schlssel.

Als der Herzog dies sah, ritt er etwas freundlicher hinzu, Georg
folgte ihm.  Zwei dieser Mnner schienen Ratsherren oder
Brgermeister zu sein.  Sie beugten das Knie vor dem Herrn und
berreichten ihm die Zeichen ihrer Unterwerfung.  Er gab sie seinen
Dienern und sagte zu den Brgern: "Ihr habt Uns etwas lange vor der
Tr warten lassen.  Wahrhaftig, Wir wren bald ber die Mauer
gestiegen und htten eigenhndig Eure Stadt zu Unserem Empfang
beleuchtet, da Euch der Rauch die Augen htte beizen sollen.  Der
Teufel!  Warum liet Ihr Uns so lange warten?"

"Oh Herr!" sagte einer der Brger.  "Was die Brgerschaft betrifft,
die war gleich bereit, Euch aufzutun.  Wir haben aber etliche
vornehme Herren vom Bund hier, die hielten lange und gefhrliche
Reden an das Volk, um es gegen Euch aufzuwiegeln.  Das hat so lange
verzgert."

"Ha!  Wer sind diese Herren?  Ich hoffe nicht, da Ihr sie habt
entkommen lassen!  Mich gelstet, ein Wort mit ihnen zu sprechen."

"Bewahre, Euer Durchlaucht!  Wir wissen, was wir unserem Herrn
schuldig sind.  Wir haben sie sogleich gefangen und gebunden.
Befehlt Ihr, da wir sie bringen?"

"Morgen frh ins Schlo!  Will sie selbst verhren; schickt auch den
Scharfrichter; werde sie vielleicht kpfen lassen."

"Schnelle Justiz, aber ganz nach Verdienst!" sprach hinter den beiden
Brgern eine heisere krchzende Stimme.

"Wer spricht da mir ins Wort?" fragte der Herzog und schaute sich um;
zwischen den beiden Brgern trat eine sonderbare Gestalt heraus.  Es
war ein kleiner Mann, der den Hcker, womit ihn die Natur geziert
hatte, unter einem schwarzen seidenen Mantel schlecht verbarg.  Ein
kleines spitzes Htlein sa auf seinen grauen, schlichten Haaren,
tckische uglein funkelten unter buschigen, grauen Augenbrauen, und
der dnne Bart, der ihm unter der vorspringenden Adlernase hing, gab
ihm das Ansehen eines sehr groen Katers.  Eine widerliche
Freundlichkeit lag auf seinen eingeschrumpften Zgen, als er vor dem
Herzog das Haupt zum Gru entblte, und Georg von Sturmfeder fate
einen unerklrlichen Abscheu und ein sonderbares Grauen vor diesem
Mann gleich beim ersten Anblick.

Der Herzog sah den kleinen Mann an und rief freudig: "Ha!  Ambrosius
Volland, Unser Kanzler!  Bist Du noch am Leben?  Httest zwar frher
schon kommen knnen, denn Du wutest, da Wir wieder ins Land dringen
--aber sei Uns deswegen dennoch willkommen."

"Allerdurchlauchtigster Herr!" antwortete der Kanzler Ambrosius
Volland, "bin wieder so hart vom Zipperlein befallen worden, da ich
beinahe nicht aus meiner Behausung kommen konnte; verzeiht daher Euer
-"

"Schon gut, schon gut!" rief der Herzog lachend.  "Will Dich schon
vom Zipperlein kurieren.  Komm morgen frh ins Schlo.  Jetzt aber
gelstet Uns, Stuttgart wiederzusehen.  Heran, mein treuer
Bannertrger!" wandte er sich mit huldreicher Miene zu Georg.  "Du
hast treulich Wort gehalten bis an die Tore von Stuttgart.  Ich
will's vergelten Bei St. Hubertus, jetzt ist die Braut Dein nach
Recht und Billigkeit.  Trag mir meine Fahne vor, wir wollen sie
aufpflanzen auf meinem Schlo und jenes bndische Banner in den Staub
treten!  Gemmingen und Hewen, Ihr seid heute Nacht noch meine Gste.
Wir wollen sehen, ob uns die Herren vom Schwabenbund noch ein
Restchen Wein briggelassen haben!"

So ritt Herzog Ulrich, umgeben von den Rittern, die seinem Zug
gefolgt waren, wieder durch die Tore seiner Residenz.  Die Brger
schrien Vivat, und die schnen Mdchen verneigten sich freundlich an
den Fenstern zum groen rgernis ihrer Mtter und Liebhaber; denn
alle dachten, diese Gre glten dem schnen jungen Ritter, der des
Herzogs Banner trug und, beleuchtet vom Fackelschein, wie St. Georg,
der Lindwurmtter, aussah.




Kapitel 29


Das alte Schlo zu Stuttgart hatte damals, als es Georg von
Sturmfeder am Morgen nach des Herzogs Einzug beschaute, nicht ganz
die Gestalt, wie es noch in unsern Tagen zu sehen ist, denn dieses
Gebude wurde erst von Ulrichs Sohn, Herzog Christoph, aufgefhrt.
Das Schlo der alten Herzoge von Wrttemberg stand brigens an
derselben Stelle und war in Plan und Ausfhrung nicht sehr
verschieden von Christophs Werk, nur da es zum grten Teil aus Holz
gebaut war.  Es war umgeben von breiten und tiefen Grben, ber
welche eine Brcke in die Stadt fhrte.  Ein groer, schner Vorplatz
diente in frheren Zeiten dem frhlichen Hof Ulrichs zum Tummelplatz
fr ritterliche Spiele, und mancher Reiter wurde von des Herzogs
eigener gewaltiger Hand in den Sand geworfen.  Die Zeichen dieses
ritterlichen Sinnes sprachen sich auch in andern Teilen des Gebudes
aus.  Die Halle im unteren Teil des Schlosses war hoch und gewlbt
wie eine Kirche, da die Ritter in dieser "Tyrnitz" bei Regentagen
fechten und Speere werfen und sogar die ungeheuern Lanzen ungehindert
darin handhaben konnten.  Von der Gre dieser frstlichen Halle
zeugt die Aussage der Chronisten, da man bei feierlichen
Gelegenheiten dort oft zwei- bis dreihundert Tische gedeckt habe.
Von da fhrte eine steinerne Treppe aufwrts, so breit, da zwei
Ritter nebeneinander hinaufreiten konnten.  Dieser groartigen
Einrichtung des Schlosses entsprach die Pracht der Zimmer, der Glanz
des Rittersaales und die reichen, breiten Galerien die zum Tanz und
Spiel eingerichtet waren.

Georg ma mit staunenden Augen diese verschwenderische Pracht der
Hofburg.  Er verglich den Sitz seiner Ahnen mit diesen Hallen, diesen
Hfen, diesen Slen; wie klein und gering kam er ihm vor!  Er
erinnerte sich der Sage von der glnzenden Hofhaltung Ulrichs, von
seiner prachtvollen Hochzeit, wo er in diesem Schlo siebentausend
Gste aus allen Teilen des deutschen Reiches speiste, wo in dem hohen
Gewlbe der Tyrnitz und in dem weiten Schlohof einen ganzen Monat
lang Ritterspiele und Gelage gehalten wurden, und wenn der Abend
einbrach, hundert Grafen Ritter und Edelleute mit Hunderten der
schnsten Damen in jenen Slen und Galerien tanzten.  Er blickte
hinab in den herrlichen Schlogarten, das Paradies genannt.  Seine
Phantasie bevlkerte diese Lustgehege und Gnge mit jenem frhlichen
Gewimmel des frhlichen Hofes, mit den Heldengestalten der Ritter,
mit den festlich geputzten Frulein, mit allem Jubel und Sang, der
einst hier erscholl.  Aber wie de und leer deuchten ihm diese Mauern
und Grten, wenn er die Gegenwart mit den Bildern seiner Phantasie
verglich.  Die Gste der Hochzeit, der glnzende, lustige Hof ist
verschwunden, sprach er zu sich, die frstliche Gemahlin ist
entflohen, der glnzende Frauenkreis, der sie einst umgab, hat sich
zerstreut, die Ritter und Grafen, die einst hier schmausten und ein
reiches Leben voll Spiel und Tanz verlebten sind von dem Frsten
abgefallen, die zarten Sprossen seiner Ehe sind in fernen Landen--er
selbst sitzt einsam in dieser herrlichen Burg, brtet Rache an seinen
Feinden und wei nicht, wie lange er nur in dem Haus seiner Vter
bleiben wird.  Ob nicht aufs neue seine Feinde noch mchtiger
heranziehen, ob er nicht noch unglcklicher wird als je zuvor!

Vergeblich strebte der Jngling, diese trben Gedanken, welche der
Widerspruch der Pracht seiner Umgebung mit dem Unglck des Herzogs in
ihm erweckt hatte, zu unterdrcken.  Vergebens rief er das Bild jenes
holden Wesens herauf, das er jetzt bald auf ewig sein nennen durfte,
vergeblich malte er sich sein husliches Glck an ihrer Seite mit den
lockendsten, reizendsten Farben aus; jene trben Bilder kehrten immer
wieder.  Sei es, da jener Mann durch die Erhabenheit, die er im
Unglck gezeigt hatte, einen so groen Raum in der Brust des
Jnglings gewonnen hatte, sei es, da ihn die Natur in einzelnen
Augenblicken mit einem unwillkrlichen Gefhl der Ahnung begabte, er
blieb sinnend und ernst, und es war ihm, als sei der Herzog nichts
weniger als glcklich, als msse er ihn vor irgendeinem drohenden
Unglck warnen.

"So beraus ernst, junger Herr?" fragte eine heisere Stimme hinter
ihm, und weckte ihn aus seinen Gedanken.  "Ich dchte doch, Georg von
Sturmfeder htte alle Ursache, heiter und guter Dinge zu sein!"

Der junge Mann wandte sich verwundert um und schaute herab--auf den
Kanzler Ambrosius Volland.  War ihm dieser Mann schon gestern durch
seine widrige Freundlichkeit, durch sein katerhaftes, schleichendes
Wesen unangenehm aufgefallen, so war dies heute noch mehr der Fall,
da der Kanzler durch berladenen Putz seine Migestalt noch mehr
herausgehoben hatte.

Dieser Mann war es, der an Georg von Sturmfeder mit sem Lcheln
hinaufsah, und da ihn dieser noch immer anstarrte, zu sprechen
fortfuhr: "Ihr kennt mich vielleicht nicht, wertgeschtzter junger
Freund, ich bin aber Ambrosius Volland, Sr.  Durchlaucht Kanzler.
Ich komme, um Euch einen guten Morgen zu wnschen."

"Ich danke Euch, Herr Kanzler.  Viel Ehre fr mich, wenn Ihr Euch
deswegen her bemhtet."

"Ehre, wem Ehre gebhrt!  Ihr seid der Ausbund und die Krone unserer
jungen Ritterschaft!  Ja, wer meinem Herrn so treu beigestanden ist
in aller Not und Fhrlichkeit, der hat Anspruch auf meinen innigsten
Dank und meine sonderliche Verehrung."

"Ihr httet das wohlfeiler haben knnen; wenn Ihr mitgezogen wret
nach Mmpelgard", erwiderte Georg, den die Lobsprche dieses Mannes
beleidigten.  "Treue mu man nie loben, eher Untreue schelten."

Einen Augenblick blitzte ein Strahl des Zornes aus den grnen Augen
des Kanzlers, aber er fate sich schnell wieder zur alten
Freundlichkeit.  "Jawohl, das mein' ich auch.  Was mich betrifft, so
lag ich am Zipperlein hart danieder und konnte also nicht nach
Mmpelgard reisen.  Werde aber jetzt mit meinem kleinen Licht, das
mir der Himmel verliehen; dem Herrn desto ttiger zur Hand gehen."

Er hielt einen Augenblick inne und schien Antwort zu erwarten.  Aber
der Jnglig schwieg und ma ihn nur hin und wieder mit einem Blick,
den er nicht recht ertragen konnte.  "Nun, Euch wird die Freude erst
recht angehen.  Der Herzog hlt erstaunlich viel von Euch!  Natrlich,
Ihr verdient es auch im hchsten Grad, und der Herzog hat seinen
Liebling gut gewhlt.  Wollt doch erlauben, da Ambrosius Volland
Euch auch eine kleine Erkenntlichkeit zeige.  Seid Ihr Freund von
schnen Waffen?  Kommt in meine Behausung auf dem Markt, whlt Euch
aus meiner Armatur, was Euch beliebt.  Vielleicht dienen Euch schne
Bcher, habe einen ganzen Kasten voll, whlt Euch aus, was Ihr wollt,
wie es unter Freunden gebruchlich.  Et auch zuweilen bei mir zu
Mittag, meine Base, ein feines Kind von siebzehn Jahren, hlt mir
Haus.  Seht ihr nur, hi, hi, hi--seht ihr nur nicht zu tief in die
Augen."

"Seid ohne Sorgen, bin schon versehen."

"So?  Ei das ist recht christlich gedacht; das mu ich loben Man
trifft solchen wackern Sinn nicht immer unter unserer heutigen Jugend.
Ich sagte es ja gleich, der Sturmfeder, das ist ein Ausbund von
Tugenden.  Nun, was ich noch sagen wollte, wir sind bis jetzt so
miteinander die einzigen von des Herzogs Hofstaat; stehen wir
zusammen; so werden nur Leute aufgenommen, die wir wollen.  Versteht
mich schon!  Hi, hi, eine Hand wscht die andere.  Darber lt sich
noch sprechen.  Ihr beehrt mich doch zuweilen mit einem Besuch?"

"Wenn es meine Zeit erlauben wird, Herr Kanzler."

"Wrde mich gerne noch lnger bei Euch aufhalten, denn in Eurer
Gegenwart ist mir ganz wohl ums Herz, mu aber jetzt zum Herrn.  Er
will heute frh Gericht halten ber die zwei Gefangenen, die gestern
nacht das Volk aufwiegeln wollten.  Wird was geben; der Beltle ist
schon bestellt."

"Der Beltle?" fragte Georg, "wer ist er?"

"Das ist der Scharfrichter, wertgeschtzter junger Freund."

"Ich bitte Euch!  Der Herzog wird doch nicht den ersten Tag seiner
neuen Regierung mit Blut beflecken wollen!"

Der Kanzler lchelte grauenerregend und antwortete: "Was das wieder
Eurem frtrefflichen Herzen Ehre macht; aber zum Blutrichter taugt
Ihr nicht.  Man mu ein Exempel statuieren.  Der eine", fuhr er mit
zarter Stimme fort, "der eine wird gekpft, weil er von Adel ist, der
andere wird gehngt.  Beht Euch Gott, Lieber!"

So sprach der Kanzler Ambrosius Volland und ging mit leisen Schritten
die Galerie entlang den Gemchern des Herzogs zu.  Georg sah ihm mit
dsteren Blicken nach.  Er hatte gehrt, da dieser Mann frher durch
seine Klugheit, vielleicht auch durch unerlaubte Knste, groen
Einflu auf Ulrich gewonnen htte.  Er hatte den Herzog selbst oft
mit groer Achtung von der Staatsklugheit dieses Mannes sprechen
hren.  Aber er wute nicht warum, er frchtete fr den Herzog, wenn
er sich dem Kanzler vertraue, er glaubte Tcke und Falschheit in
seinen Augen gelesen zu haben.

Er sah gerade den Hcker und den wehenden gelben Mantel um die Ecke
schweben, als eine Stimme neben ihm flsterte:

"Traut dem Gelben nicht!" Es war der Pfeifer von Hardt, der sich
unbemerkt an seine Seite gestellt hatte.

"Wie?  Bist Du es, Hans?" rief Georg und bot ihm freundlich die Hand.
"Kommst Du ins Schlo, uns zu besuchen?  Das ist schn von Dir, bist
mir wahrhaftig lieber als der mit dem Hcker.  Aber was wolltest Du
mit dem Gelben, dem ich nicht trauen solle?"

"Das ist eben der mit dem Hcker, der Kanzler, der ist ein falscher
Mann.  Ich habe auch den Herzog gewarnt, er soll nicht alles tun, was
er ihm rt; aber er wurde zornig, und es mag wahr sein, was er sagte."

"Was sagte er denn?  Hast Du ihn heute schon gesprochen?"

"Ich kam, um mich zu verabschieden, denn ich gehe wieder heim nach
Hardt zu Weib und Kind.  Der Herr war erst gerhrt und erinnerte sich
an die Tage seiner Flucht und sagte, ich soll mir eine Gnade
ausbitten.  Ich aber habe keine verdient, denn was ich getan, ist
eine alte Schuld, die ich abgetragen.  Da sage ich, weil ich nichts
anders wute, er solle mich meinen Fuchs frei schieen lassen und es
nicht strafen als Jagdfrevel.  Des lachte er und sprach: das knne
ich tun, das sei aber keine Gnade; ich solle weiter bitten.  Da fate
ich ein Herz und antwortete: Nun, so bitt' ich, Ihr mgt dem schlauen
Kanzler nicht allzuviel trauen und folgen.  Denn ich meine, wenn ich
ihn sehe, er meint es falsch."

"So geht es mir gerade auch", rief Georg.  "Es ist, als wolle er mir
die Seele ausspionieren mit den grnen Augen, und ich wette, er meint
es falsch.  Aber was gab Dir der Herzog zur Antwort?"

"'Das verstehst Du nicht', sagte er und wurde bse.  'In Klften und
Hhlen magst Du wohl bewandert sein; aber im Regiment kennt der
Kanzler die Schliche besser als Du.' Kann sein, ich habe unrecht, und
es soll mir lieb sein um den Herzog.  Nun lebt wohl, Junker, Gott sei
mit Euch!  Amen!"

"Und wolltest Du so gehen?  Wolltest nicht noch zu meiner Hochzeit
bleiben?  Ich erwarte den Vater und das Frulein heute.  Bleibe noch
ein paar Tage.  Du warst so oft der Liebesbote und darfst uns nicht
fehlen!"

"Was soll so ein geringer Mann wie ich bei der Hochzeit eines
Ritters?  Zwar knnte ich mich hinaufsetzen zu den Spielleuten und
auch eines aufspielen zum Ehrentanz, aber das tun andere so gut als
ich, und mein Haus verlangt nach mir."

"Nun; so lebe wohl!  Gre mir Dein Weib und Brbele, Dein schmuckes
Tchterlein, und besuche uns fleiig auf Lichtenstein.  Gott sei mit
Dir."

Dem Jngling hing eine Trne im Auge, als er dem Bauer die Hand zum
Abschied bot, denn er hatte in ihm einen krftigen biederen Mann,
einen treuen Diener seines Frsten, einen mutigen Genossen in
Gefahren und einen heiteren Gesellen im Unglck erkannt.  Wohl
schwebte ihm noch manche Frage ber das geheimnisvolle Walten dieses
Mannes, ber seine wunderbare Anhnglichkeit an den Herzog auf den
Lippen; aber er unterdrckte sie, berwltigt von jener
unerklrlichen Macht, von jener natrlichen Gre und Wrde, welche
den Pfeifer von Hardt auch im unscheinbaren Gewand des Bauers umgab.

"Noch eins!" rief Hans, als er eben nach dem letzten Hndedruck des
Junkers scheiden wollte.  "Wit Ihr auch, da Euer ehemaliger
Gastfreund und zuknftiger Vetter, Herr von Kraft, hier ist?"

"Der Ratsschreiber?  Wie sollt' der hierher kommen?  Er ist ja
bndisch."

"Er ist hier, und nicht gerade in anmutigsten Umstnden denn er sitzt
gefangen.  Gestern abend, als das Volk zusammenlief wegen des Herzogs,
soll er fr den Bund ffentlich gesprochen haben."

"Gott im Himmel!  Das war Dietrich Kraft, der Ratsschreiber?  Da mu
ich schnell zum Herzog, er richtet schon ber ihn, und der Kanzler
will ihn kpfen lassen.  Gehab' Dich wohl!"

Mit diesen Worten eilte der Jngling den Korridor entlang zu den
Gemchern des Herzogs.  Er war in Mmpelgard zu allen Tageszeiten zum
Herzog gegangen, daher machten ihm auch jetzt die Torhter
ehrerbietig Platz.  Er trat hastig in das Gemach.  Der Herzog sah ihn
verwundert und etwas unwillig an; der Kanzler aber hatte das ewige
se Lcheln wie eine Larve vorgehngt.

"Guten Morgen, Sturmfeder!" rief der Herzog, der in einem grnen,
goldgestickten Kleid, den grnen Jagdhut auf dem Kopf, am Tisch sa.
"Hast Du gut geschlafen in meinem Schlo?  Was fhrt Dich schon so
frh zu Uns?  Wir sind beschftigt."

Die Augen des jungen Mannes hatten indessen unruhig im Zimmer
umhergeschweift und den Schreiber des Ulmer Rats in einer Ecke
gefunden.  Er war bla wie der Tod, sein sonst so zierliches Haar
hing in Verwirrung herab, und ein rosenfarbiges Mntelein, das er
ber ein schwarzes Kleid trug, war in Fetzen zerrissen.  Er warf
einen rhrenden Blick auf den Junker Georg und sah dann auf zum
Himmel, als wollte er sagen: "Mit mir ist's aus!" Neben ihm standen
noch einige Mnner, und auch ein langer, hagerer Mann, den er schon
gesehen zu haben sich erinnerte.  Die Gefangenen wurden von Peter,
dem tapfern Magdeburger, und dem Staberl aus Wien bewacht.  Sie
standen mit ausgespreizten Beinen, die Hellebarden auf den Boden
gestemmt, kerzengerade auf ihrem Posten.

"Ich sag', Wir haben zu tun", fuhr der Herzog fort.  "Was schaust Du
nur immer nach dem rosenfarbigen Menschenkind?  Das ist ein
verstockter Snder.  Das Schwert wird schon fr ihn gewetzt."

"Euer Durchlaucht erlauben mir nur ein Wort", entgegnete Georg, "Ich
kenne jenen Mann und wollte mich mit Hab und Gut fr ihn verbrgen,
da er ein friedlicher Mann ist, und gewi kein Verbrecher, der den
Tod vediente."

"Bei St. Hubertus, das ist khn!  Die Natur hat sich gendert.  Mein
Kanzler, der treffliche Jurist, hat sich aufgeputzt wie ein junger
Krieger, und mein junger Krieger dort will den Advokaten machen.  Was
sagt Ihr dazu, Ambrosius Volland?"

"Hi, hi!  Ich habe Euer Durchlaucht durch meine Person Spa machen
wollen.  Wei aus frherer Zeit, da Ihr einen kleinen Scherz liebt.
Nun der liebe gute Sturmfeder will die Lustbarkeit vermehren und den
Juristen spielen Hi, hi, hi!  Wird ihm aber nichts helfen, dem
Rosenfarbigen.  Majesttsverbrechen!  Wird halt doch gekpft, der im
Mntelein."

"Herr Kanzler", rief der Jngling, vor Unmut glhend, "der Herr
Herzog wird mir bezeugen knnen, da ich mich nie zum Schalksnarren
hergegeben habe.  Diese Rolle mache ich anderen nicht streitig.  Und
mit Menschenleben spiele und scherze ich nie!  Es ist mein wahrer
Ernst.  Ich verbrge mich mit meinem Leben fr gegenwrtigen Edlen
von Kraft, Ratsschreiber in Ulm.  Ich hoffe, meine Brgschaft kann
angenommen werden."

"Wie?" sagte Ulrich.  "Das ist wohl der zierliche Herr, Dein
Gastfreund, von dem Du mir so oft erzhltest?  Tut mir leid um ihn,
aber er wurde in einem Aufruhr unter sehr gefhrlichen Umstnden
gefangen."

"Freilich!" krchzte Ambrosius, "ein Crimen laesae majestatis."

"Erlaubt Herr!  Ich hab die Rechte lang genug studiert, um zu wissen,
da hier durchaus nicht von einem solchen Verbrechen die Rede sein
kann.  Gestern nacht waren die Bundesrte und der Statthalter noch
hier, folglich war Stuttgart noch in der Gewalt des Bundes, und der
Ratsschreiber, der durchaus kein Untertan Sr.  Durchlaucht ist, hat
nicht anders gehandelt als jeder bndische Soldat, der auf Befehl
seines Oberen gegen uns zu Feld zog."

"Ei, die Jugend, die Jugend!  Wie Ihr alles berhaspelt, junger, sehr
wertgeschtzter Freund!  Sobald der Herzog die Stadt aufgefordert
hatte und eingezogen war, war auch alles, was in den Mauern sich
befand, sein.  Folglich, wer eine Verschwrung gegen ihn anzettelte,
ist ein Majesttsverbrecher.  Besagter Herr von Kraft aber hat
schrecklich gefhrliche Reden an das Volk gehalten."

"Nicht mglich!  Es wre ganz gegen seine Art und Weise!  Herr Herzog,
das kann nicht sein!"

"Georg!" sagte dieser ernst.  "Wir haben lange Geduld gehabt, Dich
anzuhren.  Es hilft Deinem Freund doch nichts.  Hier liegt das
Protokoll.  Der Kanzler hat, ehe ich kam, ein Zeugenverhr angestellt,
worin alles sonnenklar bewiesen ist.  Wir mssen ein Exempel
statuieren.  Wir mssen unsere Feinde recht ins Herz hinein verwunden
der Kanzler hat ganz recht.  Darum kann ich keine Gnade geben."

"So erlaubt mir nur noch eine Frage an ihn und die Zeugen, nur ein
paar Worte."

"Ist gegen alle Form Rechtens", fiel der Kanzler ein "Ich mu dagegen
protestieren, Lieber!  Dies ist ein Eingriff in mein Amt."

"La ihn, Ambrosius.  Mag er meinetwegen noch ein paar Fragen an den
armen Snder tun, er ist doch verloren."

"Dietrich von Kraft", fragte Georg, "wie kommt Ihr hierher?"

Der arme Ratsschreiber, den der Tod schon an der Kehle gefat hatte,
verdrehte die Augen und seine Zhne schlugen aneinander.  Endlich
konnte er herausstoen: "Bin hierher geschickt worden vom Rat, wurde
Schreiber beim Statthalter."

"Wie kamt Ihr gestern nacht zu den Brgern von Stuttgart?"

"Der Statthalter befahl mir abends, wenn etwa die Brger sich
aufrhrerisch zeigten, sie anzureden und zu ihrer Pflicht und ihrem
Eid zu verweisen."

"Ihr seht, er kam also auf hheren Befehl dorthin--Wer nahm Euch
gefangen?" fuhr Georg zu fragen fort.

"Der Mann, der neben Euch steht."

"Ihr habt diesen Herrn gefangen?  Also mt Ihr auch gehrt haben,
was er sprach?  Was sagte er denn?"

"Ja, was wird er gesagt haben?" antwortete der Brger.  "Er hat keine
sechs Worte gesprochen, so warf ihn der Brgermeister Hartmann von
der Bank herunter.  Ich wei noch, er hat gesagt: 'Aber bedenkt, ihr
Leute, was wird der durchlauchtigste Bundesrat dazu sagen!' Das war
alles, da nahm ihn der Hartmann beim Kragen und warf ihn herunter.
Aber dort, der Doktor Calmus, der hielt eine lngere Rede."

Der Herzog lachte, da das Gemach drhnte, und sah bald Georg, bald
den Kanzler an, der ganz bleich und verstrt sich umsonst bemhte,
sein Lcheln beizubehalten.  "Das war also die gefhrliche Rede, das
Majesttsverbechen?  'Was wird der Bundesrat dazu sagen!' Armer Kraft!
Wegen dieses kraftvollen Sprchleins verfielst Du beinahe dem
Scharfrichter.  Nun, das haben selbst unsere Freunde oft gesagt: 'Was
werden die Herren sagen, wenn sie hren, der Herzog ist im Land.'
Deswegen soll er nicht bestraft werden.  Was sagst Du dazu,
Sturmfeder?"

"Ich wei nicht, was Ihr fr Grnde habt, Herr Kanzler", sagte der
Jngling, indem sein Auge noch immer von Unmut strahlte, "die Sachen
so auf die Spitze zu stellen und dem Herrn Herzog zu Maregeln zu
raten, die ihn berall--ja ich sage es, die ihn berall als einen
Tyrannen ausschreien mssen.  Wenn es nur Diensteifer ist, so habt
Ihr diesmal schlecht gedient."

Der Kanzler schwieg und warf nur einen grimmigen, stechenden Blick
aus den grnen uglein auf den jungen Mann.  Der Herzog aber stand
auf und sprach: "La mir mein Kanzlerlein gehen; diesmal freilich war
er zu streng, Da--nimm Deinen rosenroten Freund mit Dir.  Gib ihm zu
trinken auf die Todesangst, und dann mag er laufen, wohin er will.
Und Du, Hund von einem Doktor, der Du zu schlecht zu einem
Hundedoktor bist, fr Dich ist ein wrttembergischer Galgen noch zu
gut.  Gehngt wirst Du doch noch einmal, ich will mir die Mhe nicht
geben.  Langer Peter, nimm diesen Burschen binde ihn rckwrts auf
einen Esel und fhre ihn durch die Stadt.  Und dann soll man ihn nach
Elingen fhren--zu den hochweisen Rten, wo er und sein Tier
hingehren.  Fort mit ihm!"

Die Zge des Doktor Kahlmuser, in welchen schon der Tod gesessen war,
heiterten sich auf.  Er holte freier Atem und verbeugte sich tief.
Peter, Staberl und der Magdeburger fielen mit grimmiger Freude ber
ihn her, luden ihn auf ihre breiten Schultern und trugen ihn weg.

Der Ratsschreiber von Ulm vergo Trnen der Rhrung und Freude.  Er
wollte dem Herzog den Mantel kssen, doch dieser wandte sich ab und
winkte Georg, den Gerhrten zu entfernen.




Kapitel 30


Der Schreiber des groen Rates schien noch nicht Fassung genug
erlangt zu haben, um auf dem Weg durch die Gnge und Galerien des
Schlosses die vielen Fragen seines Erretters zu beantworten.  Auf
Georgs Zimmer angekommen, sank er erschpft auf einen Stuhl, und es
verging noch eine gute Weile, ehe er geordnet zu denken und zu
antworten vermochte.

"Eure Politia, Vetter, hat Euch einen schlimmen Streich gespielt",
sagte Georg, "was fllt Euch aber auch ein, in Stuttgart als
Volksredner auftreten zu wollen?  Wie konntet Ihr berhaupt nur Eure
bequeme Haushaltung, die sorgsame Pflege der Amme und die Nhe der
holden Berta fliehen, um hier dem Statthalter zu dienen?"

"Ach!  Sie ist es ja gerade, die mich in den Tod geschickt hat.
Berta ist an allem schuld.  Ach, da ich nie mein Ulm verlassen htte!
Mit dem ersten Schritt ber unsere Markung fing mein Jammer an."

"Berta hat Euch fortgeschickt?" fragte Georg.  "Wie, seid Ihr nicht
zum Ziel Eurer Bemhungen gelangt?  Sie hat Euch abgewiesen, und aus
Verzweiflung seid Ihr--."

"Gott behte!  Berta ist so gut als meine Braut.  Ach, das ist gerade
der Jammer!  Wie Ihr von Ulm abgezogen waret, bekam ich Hndel mit
Frau Sabina, der Amme.  Da entschlo ich mich und hielt bei meinem
Oheim um das Bschen an.  Nun habt Ihr aber dem Mdchen durch Euer
kriegerisches Wesen gnzlich den Kopf verrckt.  Sie wollte, ich
solle vorher zu Feld ziehen und ein Mann werden wie Ihr.--Dann wolle
sie mich heiraten.  Ach, Du gerechter Gott!"

"Und da seid Ihr frmlich zu Feld gezogen gegen Wrttemberg?  Welche
khne Gedanken das Mdchen hat!"

"Bin zu Feld gezogen; die Strapazen vergesse ich in meinem Leben
nicht!  Mein alter Johann und ich rckten mit dem Bundesheer aus.
Das war ein Jammer!  Muten oft tglich acht Stunden reiten.  Die
Kleider kamen in Unordnung, alles wurde bestaubt und unsauber, der
Panzer drckte mich wund.  Ich hielt es nicht mehr aus, und Johann
lief heim nach Ulm; da bat ich um eine Stelle bei der Feldschreiberei,
mietete mir eine Snfte und zwei tchtige Saumrosse dazu, und so
ging es doch ertrglicher."

"Da wurdet Ihr also zu Feld getragen, wie der Hund zum Jagen.  Habt
Ihr auch einem Treffen beigewohnt?"

"Oh ja, bei Tbingen kam ich hart ins Gedrnge.  Keine zwanzig
Schritte von mir wurde einer mausetot geschossen.  Ich vergesse den
Schreck nicht, und wenn ich achtzig Jahre alt werde!  Als wir dann
das Land vllig besiegt hatten, bekam ich die ehrenvolle Stelle beim
Statthalter.  Wir lebten ruhig und im Frieden, da kommt auf einmal
wieder der unruhige Herr ins Land.  Ach, da ich meinem Kopf gefolgt
und mit dem Bundesobersten nach Nrdlingen auf den Bundestag gezogen
wre!  Aber ich scheute die beschwerliche Reise."

"Warum seid Ihr aber nicht mit dem Statthalter davongegangen, als wir
kamen?  Der sitzt jetzt im Trockenen in Elingen, bis wir ihn weiter
jagen."

"Er hat uns im Stich gelassen und meinem Kopf alles anvertraut, und
beinahe htte ich mit dem Kopf dafr ben mssen.  Ich dachte nicht,
da die Gefahr so gro sei, lie mich vom Doktor Calmus verfhren,
eine Rede ans Volk zu halten, um Wrttemberg dem Bund zu retten.  Das
htte gewi Aufsehen gemacht, und Berta wre noch einmal so
freundlich gewesen.  Aber die Leute da unten in Wrttemberg sind
Barbaren und ohne alle Lebensart; sie lieen mich nicht einmal zu
Wort kommen, warfen mich herab und behandelten mich ganz gemein und
grob.  Seht nur meinen Mantel da, wie sie ihn zerrissen haben!  Es
ist schade dafr, er hat mich vier Goldgulden gekostet, und Berta
behauptet immer, da mir rosenfarb so gut zu Gesicht stehe."

Georg wute nicht, ob er ber die Torheit des Schreibers lachen, oder
es als hohen stoischen Gleichmut bewundern sollte, da er, kaum dem
Tod entgangen, sein zerrissenes Mntelein bedauern konnte.  Er wollte
ihn noch weiter ber sein Schicksal befragen, als ihn ein Gerusch
vom Vorplatz des Schlosses her ans Fenster lockte; er sah hinaus und
winkte Herrn Dietrich herbei, um ihm das Schauspiel gefallener
irdischer Gre zu zeigen.

Der Doktor Calmus hielt seinen Umzug durch die Stadt.  Er sa
verkehrt auf einem Esel; die Landsknechte hatten ihn wunderlich
ausgeschmckt; sie hatten ihm eine Mtze von Leder aufgesetzt, an
deren Spitze eine Hahnenfeder angebracht war.  Vor ihm gingen zwei
Trommler, zu seinen Seiten sah man in gravittischen Schritten den
Magdeburger und den Wiener, den ehemaligen Hauptmann Muckerle und
seinen tapfern Obersten gehen, die hin und wieder mit den Enden ihrer
Hellebarden den Esel zu khnen Sprngen antrieben.  Ein ungeheurer
Volkshaufen umschwrmte ihn und bewarf ihn mit Eiern und Erde.

Der Ratsschreiber schaute trbselig auf seinen Gefhrten hinab und
seufzte: "'s ist hart, auf dem Esel reiten zu mssen", sagte er,
"aber doch immer noch besser, als gehngt werden." Er wandte sich von
dem Schauspiel ab und blickte nach einer anderen Seite des
Schloplatzes.  "Wer kommt denn hier?" fragte er den jungen Ritter.
"Schaut, in einem solchen Kasten zog ich zu Felde."

Georg wandte sich um.  Er sah einen Zug von Reisigen, die eine Snfte
in ihrer Mitte fhrten.  Ein alter Herr zu Pferd folgte dem Zug, der
jetzt aufs Schlo einbog, Georg sah schrfer hinab: "Sie sind's",
rief er, "wahrhaftig, es ist der Vater, und in der Snfte wird sie
sitzen!" In einem Sprung war er zur Tr hinaus, und der Ratsschreiber
sah ihm staunend nach.  "Wer soll es sein, welcher Vater?" fragte er.
Er schaute noch einmal durchs Fenster, die Snfte hielt vor der
Zugbrcke des Schlosses, und in demselben Augenblick strzte Georg
aus dem Tor.  Herr Dietrich sah ihn die Tr der Snfte ungestm
aufreien, eine verschleierte Dame stieg aus, sie schlug den Schleier
zurck--und wunderbar!  Es war das Bschen Marie von Lichtenstein.
"Ei, seh doch einer?  Er kt sie auf ffentlicher Strae", sprach
der Ratsschreiber kopfschttelnd vor sich hin, "was das eine Freude
ist!  Aber wehe, jetzt kommt der Alte um die Snfte herum, der wird
Augen machen!  Der wird schimpfen!--Doch wie?  Er nickt dem Jngling
freundlich zu, er steigt ab, er umarmt ihn Nein, das geht nicht mit
rechten Dingen zu!"

Und dennoch schien es durchaus mit rechten Dingen zuzugehen; denn als
der Schreiber des groen Rates aus dem Zimmer auf die Galerie trat,
um sich zu berzeugen, da ihn seine Augen getuscht haben mten,
kam sein Oheim, der alte Herr von Lichtenstein, die Treppe herauf.
An der rechten Hand fhrte er Georg von Sturmfeder, an der linken--
Bschen Marie.  Welche Vernderung war mit jenen holden Zgen
vorgegangen, die sich so tief in sein Herz, in sein Gedchtnis
geprgt hatten.

In Ulm war sie ihm zum ersten Mal wie ein Bote aus einem unbekannten
Land erschienen, so erhaben war der Blick ihrer schnen blauen Augen,
so majesttisch ihre Stirn, so sinnig jenes kleine Fleckchen zwischen
den schnen, dunkeln Bogen der Brauen.  Er hatte oft und viel darber
nachgedacht, worin denn der Zauber bestehe, der ihn so
unwiderstehlich fessle?  Die Ulmer Mdchen hatten frischere Wangen,
lebhaftere Augen, ein schalkhafteres Lcheln und den frhlichen,
frischen Glanz einer heiteren Jugend.  Und dennoch war Marie unter
ihnen gestanden, still und gro wie eine Knigin.  War es vielleicht
der dunkle Schleier ihrer Wimpern, der sich oft mit unnennbarem Reiz
ber das Auge herabsenkte, um das Geheimnis einer stillen Trne zu
verhllen?  Waren es die feinen, geschlossenen Lippen, von ser
Wehmut umlagert?  War es der zarte Wechsel der Farben auf ihren Zgen,
die bald nur gebietende Hoheit auszustrahlen, bald das reizende
Geheimnis leidender Liebe zu verraten schienen?  Bertas Heiterkeit,
Bertas frhliche, neckende Gunst hatten dieses ernstere Bild lngst
aus seinem Herzen verdrngt, und doch fhlte der arme Herr Dietrich
die alte Wunde wieder bluten, als das Frulein von Lichtenstein sich
nahte.  Aber welcher unbekannten Macht sollte er es zuschreiben, da
Mariens Zge einen ganz anderen Ausdruck gewonnen hatten?  Wohl lag
noch eine hohe Wrde in ihrer Haltung, auf ihrer Stirn, aber in ihren
Augen glhte eine stille Freude, ihr Mund lchelte und scherzte, auf
ihren Wangen waren die schnsten Rosen aufgeblht.  Sprachlos hatte
Dietrich von Kraft diese Erscheinung angestarrt, und jetzt erst wurde
auch er von dem alten Ritter bemerkt.  "Seh' ich recht", rief dieser.
"Dietrich Kraft, mein Neffe!  Was fhrt denn Dich nach Stuttgart,
kommst Du etwa zur Hochzeit meiner Tochter mit Georg von Sturmfeder?
Aber wie siehst Du aus?  Was fehlt Dir doch?  Du bist so bleich und
elend, und Deine Kleider hngen Dir in Fetzen vom Leib?"

Der Ratsschreiber sah herab auf das rosenfarbige Mntelein und
errtete.  "Wei Gott", rief er, "ich kann mich vor keinem ehrlichen
Menschen sehen lassen!  Diese verdammten Wrttemberger, diese
Weingrtner und Schustersjungen haben mich so zerfetzt.  Aber
wahrhaftig!  Der ganze durchlauchtige Bund ist in meiner Person
angegriffen und beleidigt!"

"Ihr drft froh sein, Vetter, da Ihr so davongekommen seid", sagte
Georg, indem er die Angekommenen in sein Gemach einfhrte.  "Bedenkt,
Herr Vater, gestern nacht, als wir vor den Toren standen, hielt er
Reden an die Brger, um sie gegen uns aufzuwiegeln.  Da hat ihn heute
frh der Kanzler wollen kpfen lassen.  Mit groer Mhe bat ich ihn
los, und jetzt klagt er die Wrttemberger wegen seines zerfetzten
Mnteleins an."

"Mit gndiger Erlaubnis", sagte Frau Rosel, und verbeugte sich
dreimal vor dem Ratsschreiber, "wenn Ihr meine Hilfe annehmen wollt,
so will ich den Mantel flicken, da es eine Lust ist.  Da geht's wie
im Sprichwort: 'Hat der Junge den Rock zerrissen, hat der Alt' ihn
flicken mssen'."

Herrn Dietrich war diese Hilfe sehr angenehm.  Er bequemte sich, zu
der Frau Rosel ans Fenster zu sitzen, um sich seine Gewnder
zurechtrichten zu lassen.  Sie zog aus ihrer groen Ledertasche Zwirn
von allen Farben und machte sich an die Wunden, die ihm die
Wrttemberger geschlagen hatten.  Sie unterhielt ihn dabei mit
ergtzlichen Reden von der Haushaltung und der Zubereitung
verschiedener Speisen, die in Frau Sabinas Kochregister nicht
vorgekommen waren.  Entfernt von diesem Paar, um die ganze Breite des
Zimmers, saen Georg und Marie im traulichen Flstern der Liebe.

Der Leser wird uns Dank wissen, wenn wir ihn von dieser Szene
hinwegfhren und den Schritten des Ritters von Lichtenstein folgen.
Er hatte seine Tochter unter der Pflege Georgs, seinen Neffen unter
der kunstreichen Hand von Frau Rosalie gelassen, und schritt nun den
Gemchern des Herzogs zu.  Seine Zge, welchen Alter und Erfahrung
einen sinnenden Ernst eingedrckt hatten, erschienen in dieser Stunde
noch ernster--beinahe traurig.  Dieser Mann hatte von seinen Vtern
die Liebe zum Haus Wrttemberg geerbt, Gewohnheit und Neigung hatten
ihn an die Regenten gefesselt, die whrend seines langen Lebens ber
Wrttemberg geherrscht hatten, und das Unglck und die Verleumdung,
welche auf Ulrich unablssig hereinstrmten, hatten das Herz des
alten Herrn nicht von diesem Herzog losreien knnen, sie fesselten
ihn nur mit noch strkeren Banden Mit der Freude eines Brutigams,
der zur Hochzeit zieht, mit der Kraft eines Jnglings, hatte er den
weiten und beschwerlichen Weg von seinem Schlo nach Stuttgart
zurckgelegt, als man ihm gemeldet hatte, da der Herzog Leonberg
erobert habe und auf Stuttgart zuziehe.  Keinen Augenblick zweifelte
er am Sieg des Herzogs, und so traf es sich, da er schon am andern
Morgen der neuen Herrschaft Ulrichs nach Stuttgart kam.

Nicht so frhlicher Art waren die Nachrichten, die ihm Georg
mitteilte, als er mit ihm und Marien die Treppe heraufstieg. "Der
Herzog", hatte ihm jener zugeflstert, "der Herzog ist nicht so, wie
er sollte; Gott wei, was er mit seinem Land machen will; er hat
unterwegs sonderbare Reden fallen lassen, und ich frchte, er ist
nicht in den besten Hnden.  Der Kanzler Ambrosius Volland--." Dieser
einzige Name reichte hin, in dem Ritter von Lichtenstein groe
Besorgnisse zu erregen.  Er kannte diesen Volland, er wute, da er
zwar gelehrt, in allen Regierungsgeschften beraus wohl erfahren, zu
jedem, auch dem schwersten Dienst bereit, aber dabei ein Mann sei,
der zum wenigsten schon fter ein gewagtes, wo nicht falsches Spiel
gespielt habe.

"Wenn der Herzog diesem sein Vertrauen schenkt, wenn er nur seine
Ratschlge befolgt, dann sei Gott gndig.  Dem Ambrosius ist das Land
ein Stck Leder, das man nach Willkr handhaben kann, er wird es
zurechtschneiden wollen zu einem Koller fr den Herzog, und die
Abschnipfel fr sich behalten.  Aber, wie Frau Rosel zu sagen pflegt:
Zerschneiden kann jeder Narr, aber wie zusammennhen?" So sprach der
alte Herr von Lichtenstein zu sich, als er durch die Galerien ging,
er streichelte unmutig seinen langen, weien Bart, und seine Augen
glhten vor Eifer fr die gute Sache Wrttembergs.

Er wurde sogleich vorgelassen und traf den Herzog in groer Beratung
mit Ambrosius.  Der letztere hatte eine ungeheure Schwanenfeder in
der einen Hand, in der andern hielt er ein Pergament, das mit
schwarzer, roter und blauer Tinte in vielen zierlichen Schnrklein
beschrieben war.  Der Herzog spielte mit einem groen Siegel, das er
in der Hand hielt; er schien mit sich zu kmpfen, er sah bald seinen
Kanzler durchdringend an, bald heftete sich sein Blick wieder auf das
Siegel.  Sie waren beide so vertieft, da Lichtenstein einige Minuten
im Zimmer stand, ohne von ihnen bemerkt zu werden; er betrachtete mit
groer Teilnahme die edlen Zge Ulrichs von Wrttemberg.  Er sah, wie
auf seiner Stirn, in seinen sprechenden Augen so verschiedene
Empfindungen wechselten.  Bald runzelte sich seine Stirn, seine
Augenbrauen zuckten, sein Auge rollte, dann gltteten sich diese
Falten.  Aus seinen Blicken strahlte nur ein tiefer Ernst, der in
Nachdenken berging, und oft schien ein Anflug von Gte den strengen
Ausdruck seiner Zge zu mildern.  Aber der im gelben Mntelein, mit
der Schwanenfeder in der Hand, stand wie der Versucher vor ihm!  Er
wand und drehte sich vor ihm wie die Schlange im Paradies, und das
ewig stehende Lcheln, der Ausdruck von Ehrlichkeit, den er seinen
grnen uglein zu geben wute, wenn ihn sein Herr scharf ansah,
sollten einladen, den Apfel anzubeien.

"Ich kann nicht begreifen", sprach er mit heiserer, feiner Stimme,
"warum Ihr es nicht tun mgt.  Hat wohl Csar so lange gezaudert, als
er ber den Rubikon ging?  Ein groer Mann hat groe Mittel ntig,
und die Mitwelt und die Nachwelt wird Euch preisen, da Ihr diese
Fesseln von Euch geworfen."

"Weit Du dies so gewi, Ambrosius Volland?" entgegnete der Herzog,
indem er ihn dster anblickte.  "Man wird sagen Herzog Ulrich war ein
Tyrann.  Er hat die alte Ordnung umgestoen, die seinen Vtern heilig
war, er hat den Vertrag, den er selbst aufgerichtet, gebrochen, er
hat sein Land wie ein fremdes behandelt, er hat die Gesetze nicht
gehalten, die--."

"Erlaubt", unterbrach ihn jener, "es kommt nur allein auf die Frage
an: Wer ist Herr?  Der Herzog oder das Land?  Wenn das Land Herr ist,
dann ist's was anderes.  Dann freilich sind allerlei Fakten, Vertrge
und Klauseln und dergleichen ntig.  Die Ritterschaft, die Prlaten
und die Landschaft sind dann Meister, und Euer Durchlaucht--nun,
sind dann der, welcher den Namen dazu hergibt.  Seid Ihr aber, was
man so eigentlich Herr nennt, dann seid Ihr es auch, der Gesetze gibt.
Jetzt habt Ihr das Heft in der Hand; jetzt noch seid Ihr Herr und
Meister.  Drum fort mit dem alten Recht, hier ist ein neues--da,
nehmt in Gottes Namen die Feder, unterzeichnet!"

Der Herzog stand noch eine Weile unschlssig, seine Wangen glhten,
seine ganze Gestalt richtete sich hher auf, aber sein Auge haftete
am Boden Jetzt schlug er es auf, und es blitzte vom Gefhl seiner
Wrde.  "Ich heie Wrttemberg", sagte er.  "Ich bin das Land und das
Gesetz--ich unterschreibe." Er streckte die Rechte aus, die
Schwanenfeder aus der Hand seines Kanzlers zu empfangen, aber mit
sanfter Gewalt wurde sein Arm von einer fremden Hand ergriffen und
weggezogen.  Erstaunt sah er sich um und blickte in die ruhigen, aber
ernsten Zge des Ritters von Lichtenstein.

"Ha!  Willkommen!" rief er, "mein getreuer Lichtenstein.  Sogleich
steh ich Euch Rede, lat mich nur zuvor dies Pergament unterzeichnen."

"Erlauben Euer Durchlaucht", sagte der alte Mann, "Ihr habt mir eine
Stimme zugesagt in Eurem Rat, darf ich nicht auch um die erste
Verordnung wissen, die Ihr an Euer Land ergehen lat."

"Mit Euer Hochedlen Erlaubnis", fiel Ambrosius Volland hastig ein,
"das Ding hat Eile; die Brgerschaft von Stuttgart versammelt sich
schon auf der Wiese.  Diese Schrift mu ihr vorgelesen werden.  Es
hat wahrhaftig Eile."

"Nun, Ambrosius!" sagte der Herzog, "so gar eilig ist es nicht, da
wir Unserem alten Freund die Sache nicht mitteilen sollten.  Wir
haben nmlich beschlossen, Uns huldigen zu lassen, und zwar nach
neuen Vertrgen und Gesetzen.  Die alten sind null und nichtig."

"Das habt Ihr beschlossen?  Um Gottes willen, habt Ihr auch bedacht,
zu was dies fhrt?  Habt Ihr nicht erst vor wenigen Jahren den
Tbinger Vertrag beschworen?"

"Tbingen!" rief der Herzog mit schrecklicher Stimme, indem seine
Augen vor Zorn glhten.  "Tbingen!  Nenne dies Wort nicht mehr!
Dort hatte ich all meine Hoffnung, dort war mein Land, meine Kinder,
ha!  Und dort haben sie mich verraten und verkauft.  Ich bat, ich
flehte, sie sollten zu mir halten, ich wollte

Gut und Blut mit ihnen teilen--nichts!  Man wollte von Ulrich nichts
mehr.  Das neue Regiment gefiel ihnen besser; im Elend haben sie mich
schmachten lassen, haben zugegeben, da ihr Herzog in der Verbannung
war, haben geduldet, da der Name Wrttemberg ein Hohngelchter wurde
in allen Reichen--jetzt bin ich wieder Herr und Meister und habe das
Heft in der Hand, und will mir's nicht wieder aus der Hand winden
lassen.  Haben Sie ihren Eid vergessen, bei Sankt Hubertus, so ist
mein Gedchtnis auch nicht lnger.  Tbinger Vertrag?  Ich sag', der
Teufel soll alles holen, was mit diesem Namen sich verknpft!"

"Aber bedenken Euer Durchlaucht!" sprach Lichtenstein, von diesem
Ausbruch der Leidenschaft erschttert, "bedenkt doch, welchen
Eindruck ein solcher Schritt auf das Land machen mu.  Noch habt Ihr
nichts als Stuttgart und die Umgegend; noch liegen in Urach, Asperg,
Tbingen, Gppingen berall bndische Besatzungen.  Wird die
Landschaft Euch beistehen, den Bund zu versagen, wenn sie hrt, auf
welche neue Ordnung sie huldigen soll?"

"Ich sag': Ist mir die Landschaft beigestanden, als ich Wrttemberg
mit dem Rcken ansehen mute?  Sie haben mich laufen lassen und dem
Bund gehuldigt!"

"Vergebt mir, Herr Herzog", entgegnete der Alte mit bewegter Stimme,
"dem ist nicht so.  Ich wei noch wohl den Tag bei Blaubeuren.  Wer
hielt da zu Euch, als die Schweizer abzogen?  Wer bat Euch, nicht vom
Land zu lassen; wer wollte Euch sein Leben opfern?  Das waren
achttausend Wrttemberger.  Habt Ihr den Tag vergessen?"

"Ei, ei, Wertester!" sagte der Kanzler, dem es nicht entging, welchen
mchtigen Eindruck diese Worte auf Ulrich machten.  "Ei!  Ihr sprecht
doch auch etwas zu khn.  Ist brigens jetzt auch gar nicht die Rede
von damals, sondern von jetzt.  Die Landschaft ist von der alten
Huldigung gnzlich abgekommen, hat dem Bund eine andere Huldigung
getan; Seine Durchlaucht ist jetzt als ein neuangekommener Herr
anzusehen, er hat dies Land mit Gewalt erobert; hat sich nun der Bund
auf besondere Vertrge huldigen lassen, so kann es der Herzog ebenso
halten.  Neuer Herr, neu Gesetz.  Man kann sich in allewege nach
eigenem Gutdnken huldigen lassen Soll ich die Feder eintauchen,
gndiger Herr?"

"Herr Kanzler!" sagte Lichtenstein mit fester Stimme.  "Habe alle
mgliche Ehrfurcht vor Eurer Gelehrtheit und Einsicht, aber was Ihr
da sagt, ist grundfalsch und kein guter Rat.  Jetzt gilt es, zu
wissen, wen das Volk liebt.  Der Bund hat durch sein Walten im Land
alles gegen sich aufgebracht; es war die rechte Zeit, da Seine
Durchlaucht wiederkam, jetzt fliegen ihm alle Herzen zu.  Wird er sie
nicht gewaltsam von sich stoen, wenn er alles Alte umreit und nach
eigener, neuer Satzung schaltet und waltet?  Oh, bedenkt, die Liebe
eines Volkes ist eine mchtige Sttze!"

Der Herzog stand mit untergeschlagenen Armen da, dster vor sich
hinblickend, er antwortete nicht.  Desto eifriger tat dies der
Kanzler im gelben Mntelein "Hi, hi, hi!  Wo habt Ihr die schnen
Sprchlein her, Liebwerter, Hochgeschtzter?  Liebe des Volkes, sagt
Ihr?  Schon die Rmer wuten, was davon zu halten sei.  Seifenblasen,
Seifenblasen!  Htt' Euch fr gescheiter gehalten Wer ist denn das
Land?  Hier, hier, steht es in persona, das ist Wrttemberg, dem
gehrt's, hat's geerbt und jetzt noch dazu erobert.  Volksliebe!
Aprilwetter!  Wre ihre Liebe so stark gewesen, so htten sie nicht
dem Bund gehuldigt."

"Der Kanzler hat recht!" rief Ulrich, aus seinen Gedanken erwachend.
"Du magst es gut meinen, Lichtenstein.  Aber er hat diesmal recht.
Meine Langmut hat mich zum Land hinausgetrieben; jetzt bin ich wieder
da, und sie sollen fhlen, da ich Herr bin.  Die Feder her, Kanzler,
ich sag', so will ich's; so wollen wir Uns huldigen lassen!"

"Oh Herr, tut nichts in der ersten Hitze!  Wartet, bis Euer Blut sich
abkhlt.  Ruft die Landschaft zusammen, macht nderungen nach Eurem
Sinn, nur jetzt nicht, nur nicht, solange der Bund noch Land in
Wrttemberg besitzt; es knnte Euch bei den brigen schaden.
Gestattet nur noch eine kurze Frist."

"So?" unterbrach ihn der Kanzler.  "Da man dann allgemach wieder in
das alte Wesen hineinkommt?  Gebt acht, wenn die Landschaft erst
beisammen ist, wenn sie sich erst zusammen beraten, meint Ihr, da
werden sie so gutwillig nachgeben?  Hi, hi!  Da wird man Gewalt
anwenden mssen, und das macht erst verhat.  Schmiedet das Eisen,
solange es warm ist.  Oder gelstet Euer Durchlaucht, wieder ganz
gehorsam unter das alte Joch zu stehen und den Karren zu ziehen?"

Der Herzog antwortete nicht.  Er ri mit einer hastigen Bewegung
Feder und Pergament dem Kanzler aus der Hand, warf einen schnellen,
durchdringenden Blick auf ihn und den Ritter, und ehe noch dieser es
verhindern konnte, hatte Ulrich seinen Namen unterzeichnet.  Der
Ritter stand in stummer Bestrzung, er senkte bekmmert das Haupt auf
die Brust herab.  Der Kanzler blickte triumphierend auf den Ritter
und den Herzog.  Doch dieser ergriff eine silberne Glocke, die auf
dem Tisch stand und klingelte.  Ein Diener erschien und fragte nach
seinem Befehl.

"Ist die Brgerschaft versammelt?" fragte er.

"Ja, Euer Durchlaucht!  Auf den Wiesen gegen Cannstatt sind sie
versammelt, Amt und Stadt; die Landsknechte rcken soeben aus, sechs
Fhnlein."

"Die Landsknechte?  Wer gab die Erlaubnis?"

Der Kanzler zitterte bei dem Ton dieser Frage.  "Es ist nur wegen der
Ordnung", sagte er, "ich habe gedacht, weil es bei solchen Fllen
gebruchlich ist, da bewaffnete Mannschaft--."

Der Herzog winkte ihm zu schweigen.  Er begegnete einem trben,
fragenden Blick des alten Lichtenstein, der ihn errten machte.  "Mit
meinem Befehl geschah es nicht", sprach er, "doch es mchte auffallen,
wenn Wir sie zurckriefen.  Es ist ja gleichgltig.  Man bringe mir
den roten Mantel und den Hut; schnell!"

Der Herzog trat ans Fenster und sah schweigend hinaus.  Der Kanzler
schien nicht recht zu wissen, ob sein Herr erzrnt sei oder nicht, er
wagte nicht zu sprechen, und der Ritter von Lichtenstein beharrte in
seinem trben Schweigen.  So standen sie geraume Zeit, bis sie von
den Dienern unterbrochen wurden.  Es traten vier Edelknaben ins
Gemach, der erste trug den Mantel, der zweite den Hut, der dritte
eine Kette von Gold und der vierte des Herzogs Schlachtschwert.  Sie
bekleideten den Herzog mit dem Frstenmantel von purpurrotem Samt,
mit Hermelin verbrmt.  Sie reichten ihm den Hut, der die schwarze
und gelbe Farbe des Hauses Wrttemberg in reichen, wehenden Federn
zeigte, diese wurden zusammengehalten von einer Agraffe aus Gold und
Edelsteinen, die eine Grafschaft wert waren.  Der Herzog bedeckte
sein Haupt mit diesem Hut.  Seine krftige Gestalt schien in diesem
frstlichen Schmuck noch erhabener als zuvor, und die freie
majesttische Stirn, das glnzende Auge sah gebietend unter den
wallenden Federn hervor.  Er lie sich die Kette umhngen, steckte
das Schlachtschwert an und winkte seinem Kanzler aufzubrechen.

Noch immer sprach der Ritter von Lichtenstein kein Wort.  Mit
bekmmerter Miene hatte er diesen Anstalten zugesehen und sich dann
abgewendet.  Der Herzog schritt mit leichtem Neigen des Hauptes an
dem alten Ritter vorber zur Tr, und die wunderliche Figur des
Kanzlers Ambrosius Volland folgte ihm mit majesttischen Schritten.
Hatte der Herr den Alten nicht gegrt, glaubte auch der Kanzler ihm
dies nicht schuldig zu sein.  Er warf einen tckischen Blick nach dem
Platz hinber, wo jener noch immer stand, und sein groer, zahnloser
Mund verzog sich zu einem hhnischen Lcheln.  In der Tr stand der
Herzog still.  Er sah rckwrts, seine bessere Natur schien ber ihn
zu siegen, er kehrte zur Verwunderung des Kanzlers zurck und trat zu
Lichtenstein.

"Alter Mann!" sagte er, indem er vergeblich strebte, seine tiefe
Bewegung zu unterdrcken.  "Du warst mein einziger Freund in der Not,
und in hundert Proben habe ich Deine Treue bewhrt gefunden.  Du
kannst es mit Wrttemberg nicht schlimm meinen.  Ich fhle, es ist
einer der wichtigsten Schritte meines Lebens, und ich gehe vielleicht
einen gewagten Gang.--Aber wo es das Hchste gilt, mu man alles
wagen."

Der Ritter von Lichtenstein richtete sein greises Haupt auf; in den
weien Wimpern hingen Trnen.  Er ergriff Ulrichs Hand.  "Bleibt",
rief er, "nur diesmal, diesmal folgt meiner Stimme.  Mein Haar ist
grau, ich habe lange gelebt, Ihr erst drei Jahrzehnte."--Indem
ertnten die Trommeln der Landsknechte im Hof.  Das ungeduldige
Stampfen der Rosse drang herauf und die Herolde stieen, zur
Huldigung rufend, in die Trompeten

_"Jacta alea est.!_ War der Wahlspruch Csars", sagte der Herzog mit
mutiger Miene.  "Jetzt gehe ich ber meinen Rubikon.  Aber Dein Segen
mchte mir frommen, alter Mann, zum Rat ist es zu spt!"

Der Ritter blickte schmerzlich aufwrts.  Die Stimme versagte ihm, er
drckte segnend seines Herzogs Rechte an die Brust.  Noch zgerte
Ulrich bei ihm, da streckte der Kanzler den langen, drren Arm unter
dem gelben Mntelein hervor und winkte ihm mit der Pergamentrolle.
Er war anzuschauen wie der Versucher, dem es gelingt, eine arme Seele
mit sich hinabzuziehen.  Ulrich von Wrttemberg ri sich los und ging,
um sich von seiner Hauptstadt huldigen zu lassen.




Kapitel 31


Die Besorgnisse des alten Herrn schienen nicht so unbegrndet gewesen
zu sein, als Ambrosius Volland sie dargestellt hatte.  Ein sehr
groer Teil des Landes fiel zwar dem Herzog zu, weil die Vorliebe fr
den angestammten Regenten, der Druck des Bundes und die anfangs so
siegreichen Waffen Ulrichs viele bewogen, die Huldigung, die sie
gezwungenerweise dem Bund getan, zu vergessen und sich fr
Wrttemberg zu erklren.

Aber die neue Huldigung, die alle frheren Vertrge umstie, das
Gercht, da manche Stadt durch Gewalt zu diesen Formen gezwungen
worden sei, bewirkte wenigstens, da der Herzog keine Popularitt
gewann, ein Mangel, der in so zweifelhafter Lage oft nur zu bald
fhlbar wird.  Noch beharrten Urach, Gppingen und Tbingen auf ihren,
dem Bund geleisteten Pflichten, denn ihre bndisch gesinnten
Obervgte zwangen sie mit Gewalt dazu.  Zu Urach hauste Dietrich
Spth, des Herzogs bitterster Feind.  Er brachte in wenigen Tagen so
viel Mannschaft auf, da er nicht nur sein ganzes Amt im Zaum hielt,
sondern auch Einflle in die Lndereien machte, die dem Herzog wieder
zugefallen waren.  Es ging auch das Gercht, die Bundesstnde seien
schnell von Nrdlingen aufgebrochen, jeder in seine Heimat geeilt, um
frische Heere aufzubieten und Ulrich zum zweitenmal auf Leben und Tod
zu bekmpfen.

Ulrich selbst schien weder der einen noch der anderen dieser
Besorgnisse Raum zu geben.  Er pflog bei verschlossenen Tren mit
Ambrosius Volland Rat.  Man sah viele Eilboten kommen und abgehen,
aber niemand erfuhr, was sie brachten.  In Stuttgart aber glaubte man
fest, der Herzog msse in der frhlichsten Stimmung sein, denn wenn
er mit seinem glnzenden Gefolge durch die Straen ritt, alle schnen
Jungfrauen grte und mit den Herren zu seiner Seite scherzte und
lachte, da sagten sie:

"Herr Ulrich ist wieder so lustig wie vor dem armen Konrad." Er hatte
seinen Hofstaat wieder glnzend eingerichtet.  Zwar war er nicht mehr
wie frher der Sammelplatz der bayerischen, schwbischen und
frnkischen Grafen und Herren, zwar fehlte die Frstin, die sonst
einen schnen Kranz blhender Frulein um sich versammelt hatte, aber
dennoch fehlte es nicht an schnen Frauen und schmucken Edlen, seinen
Hof zu verherrlichen, und die Luft dieser Stadt schien schon damals
der Schnheit so gnstig zu sein, da die bunten Reihen an den Slen
und Hallen des Schlosses nicht einer gewhnlichen Versammlung,
sondern einer Auswahl aus den schnen Frauen des Landes glichen.

Tnze und Ritterspiele waren in ihre alten Rechte eingesetzt worden.
Fest drngte sich an Fest, und Ulrich schien eifrig nachholen zu
wollen, was er in der Zeit seines Unglcks versumt hatte.  Keines
dieser geringsten Feste war die Hochzeit Georgs von Sturmfeder mit
der Erbin von Lichtenstein.

Der alte Herr hatte sich lange nicht entschlieen knnen, sein Wort
zu halten.  Nicht, da er die Wahl seiner Tochter mibilligt htte,
denn er liebte seinen Eidam vterlich; er sah in ihm seine eigene
Jugend wieder aufblhen, er schlug ihm seine freiwillige Verbannung
mit dem Herzog hoch an.  Aber wie der Horizont von Ulrichs Glck, so
war auch die Stirn des alten Mannes noch immer umwlkt, denn er ahnte,
da es nicht so bleiben werde, wie es jetzt war, und tief schmerzte
es ihn, da der Herzog in so mancher wichtigen Angelegenheit von
seinem Rat nicht Gebrauch machte, sondern alles heimlich mit seinem
Kanzler abhandelte.  So hatte er unschlssig und betrbt diesen Tag
der Freude immer hinausgeschoben; aber die schnen Augen seiner
Tochter, in welchen er oft einen leisen Vorwurf zu lesen glaubte,
Georgs Bitten ntigten ihm endlich einen bestimmten Termin ab.  Der
Herzog lie es sich nicht nehmen, die Hochzeit auszurichten.  Er
mochte sich jener Nchte erinnern, wo der Vater nicht mde wurde, ihm
seine Anhnglichkeit zu bezeigen, wo die zarte Tochter keinen Sturm,
keine Klte scheute, um ihn am Burgtor zu empfangen und ihn mit
warmen Speisen zu laben.  Er mochte sich noch aus der jngsten
Vergangenheit der Opfer erinnern, die ihm der Brutigam gebracht
hatte, er zeigte auf glnzende Art, wie er Treue, Aufopferung und
Liebe, die sich ihm so selten bewhrt hatten, zu vergelten wisse.
Der Ritter und seine Tochter waren bisher noch immer seine Gste im
Schlo zu Stuttgart gewesen, jetzt lie er ein schnes Haus nchst
der Kollegiatkirche mit neuem Hausgert versehen und bergab am
Vorabend der Hochzeit den Schlssel dem Frulein von Lichtenstein mit
dem Wunsch, sie mchte es, so oft sie in Stuttgart sei, bewohnen.

Und jetzt endlich war der Tag gekommen, welchen Georg oft in
ungewisser Ferne, aber immer mit gleicher Sehnsucht geschaut hatte.
Er rief sich am Morgen dieses Tages das ganze Leben seiner Liebe
zurck; er wunderte sich, wie alles so anders gekommen war, als er
sich gedacht hatte.  Wie htte er, als er damals durch den Schnbuch
nach der Heimat zog, denken knnen, da das Glck, die Geliebte ganz
zu besitzen, nicht mehr so ferne liegen werde, als er frchtete.
Jedes Wort der Geliebten kehrte wieder in seiner Erinnerung, und er
mute aufs neue ihre hohe Zuversicht, ihren schnen Glauben an ein
gtiges Geschick bewundern, den sie auch damals, wo die Zukunft mit
einem dstren Schleier verhllt, und keine Aussicht, keine Hoffnung
mehr war, nicht verlor, den sie mit dem letzten Abschiedskusse auch
ihm mitzuteilen wute.

"Er hat uns nicht belogen, dieser Glaube", sprach der junge Mann, von
der Erinnerung bewegt, zu sich, "es lebt eine heilige, ahnungsvolle
Stimme in ihrer reinen Seele, und ihr klares Auge, das in dem
meinigen die Gewiheit meiner Liebe las, tauchte auch damals tief in
die Zukunft und verkndete Glck, es wird sie auch jetzt nicht
tuschen, wenn es ein ses, ungestrtes Glck in unserer Verbindung
liest."

Ein bescheidenes Pochen an der Tr unterbrach die lange Gedankenreihe,
die sich an den heutigen Tag knpfen und in die ferne Zukunft
hinausziehen wollte.  Es war Dietrich von Kraft, der stattlich
geschmckt zu ihm eintrat.

"Wie?" rief dieser Schreiber des groen Rates zu Ulm und schlug vor
Verwunderung die Hnde zusammen "Wie?  In diesem Wams wollt Ihr Euch
doch hoffentlich nicht trauen lassen?  Es ist schon neun Uhr, die
Gnge und Treppen des Schlosses wimmeln von Hochzeitsgsten, die von
Samt und Seide glnzen, und Ihr, die Hauptperson im Stck, schaut
ruhig zum Fenster hinaus, statt Euern Anzug zu besorgen?"

"Dort liegt der ganze Staat", erwiderte Georg lchelnd.  "Barett und
Federn, Mantel und Wams, alles aufs schnste zubereitet, aber Gott
wei, ich habe noch nicht daran gedacht, da ich dieses Flitterwerk
an mich hngen solle.  Dies Wams ist mir lieber als jedes schne neue.
Ich habe es in schweren, aber dennoch glcklichen Tagen getragen."

"Ja, ja!  Ich kenne es wohl; das habt Ihr bei mir in Ulm getragen,
und es ist mir noch wohl erinnerlich, wie Euch Berta in diesem blauen
Kleid abschilderte, da ich recht eiferschtig wurde.  Aber
Flitterwerk nennt Ihr die Kleider da?  Ei, der Tausend!  Htte ich
nur mein lebenlang solche Flitter.  Ha, das weie Gewand, mit Gold
gestickt, und der blaue Mantel von Samt!  Kann man was Schneres
sehen?  Wahrlich, Ihr habt mit Umsicht ausgewhlt, das mag trefflich
stehen zu Euren braunen Haaren."

"Der Herzog hat mir es zugeschickt", antwortete Georg, indem er sich
ankleidete, "mir wre alles zu kostbar gewesen."

"Ist doch ein prchtiger Herr, der Herzog, und jetzt erst, seit ich
einige Zeit hier bin, sehe ich ein, da man ihm bei uns in Ulm zu
viel getan hat.  An einem solchen Hof ist es doch was anderes als in
den Stdten.  Und Herzog von Wrttemberg klingt auch schner als
Brgermeister von Ulm.  Und doch mcht' ich nicht in seiner Haut
stecken.  Ihr werdet sehen, Vetter, es geht noch einmal bergab mit
ihm."

"Das ist Euer altes Lied, Herr Dietrich.  Erinnert Ihr Euch noch, wie
Ihr damals in Ulm so gro tatet mit Eurer Politika und wie Ihr
regieren wolltet in Wrttemberg?  Wie ist es denn jetzt?"

"Ist nicht alles eingetroffen?" erwiderte der Ratsschreiber mit
weiser Miene.  "Wei noch wie heute, da ich prophezeite, die
Schweizer ziehen heim, die Landschaft werden wir fr uns gewinnen,
und die Burgen werden wir einnehmen."

"Ja, ja!  Ihr habt sie erobern helfen", lachte Georg, "seid ja in
einer Snfte zu Feld getragen worden; aber damals sagtet Ihr auch,
der Herzog werde nie zurckkehren, und jetzt sitzt er ganz warm und
ruhig hier."

"Nicht so ruhig, als Ihr glaubt.  Zwar ich wollte ihm und Euch
wnschen, er behielte sein Land; uns hat es doch nichts gentzt, die
groen Herren nehmen alles fr sich, an unser einen kam nichts als
etwa die Ehre, fr den Bund gekpft zu werden; aber--glaubt mir, es
sieht nicht so ruhig aus, als man hier meint.  Die vertriebenen Rte
haben von Elingen aus an den Kaiser und das Reich geschrieben und
geklagt; der Bund ist wieder auf den Beinen, bei Ulm steht schon
wieder ein neues Heer."

"Gerede, nichts weiter; ich wei gewi, da der Herzog sich mit
Bayern vershnen wird."

"Ja will, aber nicht vershnen wird.  Das hat noch manchen Haken.
Aber was sehe ich?  Ihr werdet doch nicht den alten Fetzen von einer
Feldbinde zu dem stattlichen Hochzeitschmuck anlegen wollen?  Pfui,
das pat nicht zusammen, lieber Vetter."

Der Brutigam betrachtete die Schrpe mit inniger Liebe.  "Das
versteht Ihr nicht", sagte er, "wie gut sich dies zum Hochzeitsgewand
schickt.  Es ist ihr erstes Geschenk; sie flocht sie heimlich bei
Nacht auf ihrem Kmmerlein, als ihr die Kunde kam, da sie bald
scheiden msse.  Sie hat manche Trne hineingewoben, hat das Gewebe
oft an die Lippen gedrckt, drum wurde es mir eine Zau-berbinde und
meinen Augen ein Trost, wenn ich im Unglck auf die Brust
herniedersah.  Sie darf nicht fehlen diese Binde; hat sie die Not mit
mir getragen, so sei sie mir ein heiliger Schmuck am Tag des Glcks."

"Nun, wie Ihr wollt, hngt sie in Gottes Namen um; jetzt noch das
Barett aufgesetzt und schnell den Mantel umgehngt, sie luten schon
das Erste drben in der Kirche.  Sputet euch, lat das Brutlein
nicht so lange warten!"

Georgs Wangen rteten sich, sein Herz pochte, als er sein Gemach
verlie.  Die Freude, die Erwartung, die Erfllung jahrelanger
Wnsche bestrmten seine Sinne, und wie trunken ging er neben Herrn
Dietrich durch die Galerien.  Die Tr ging auf und Marie im Glanz
ihrer Schnheit stand umgeben von vielen Frauen und Frulein, die,
vom Herzog eingeladen, heute ihre Begleitung bilden sollten.  Marie
errtete, als sie den Geliebten sah, sie betrachtete ihn staunend,
als seien seine Zge heute mit einem neuen Glanz bergossen, sie
schlug die Augen nieder, als sie seinen freudetrunkenen Blicken
begegnete.  Was htte Georg darum gegeben, die Geliebte an sein Herz
ziehen, den Morgengru der Liebe auf ihre Lippen drcken zu drfen,
aber die strenge Sitte der Zeit trennte an diesem Tag durch eine
weite Kluft, was sich sonst schon lngst gefunden hatte.  Dem
Brutigam war es nicht erlaubt, die Hand der Braut zu berhren, ehe
sie der Priester in die seinige legte, und der Braut wurde es bel
aufgenommen, wenn sie den Brutigam gar zu viel und gar zu lange
ansah.  Zchtig, ehrbar, die Augen auf den Boden geheftet, die Hnde
unter der Brust gefaltet, mute sie stehen--so wollte es die Sitte.

Verschwunden war die erhabene Haltung Mariens, verschwunden die
Majestt ihrer Stirn und jener gebietende, ernste Blick, der auch den
Khnsten gefesselt htte; aber man war versucht, jene erhabeneren
Schnheiten nicht zurckzuwnschen; lag doch in diesem verschmten
Bekenntnis, durch einen Blick des Geliebten berwunden zu sein, ein
hherer Reiz, als wenn das stolze Auge frei um sich geblickt und
dieser geschlossene Mund das Gestndnis der Liebe laut und offen
ausgesprochen htte.  So hatte die Natur Marien an diesem Tag einen
neuen

Zauber verliehen, der so mchtig wirkte, da Georg einige Momente
seine Braut verwundert betrachtete und sein Herz sich stolzer hob, im
Gefhl, dieses liebliche Kind sein nennen zu drfen.

Jetzt kam auch der Herzog, der den Ritter von Lichtenstein an der
Hand fhrte.  Er musterte mit schnellen Blicken den reichen Kreis der
Damen, und auch er schien sich zu gestehen, da Marie die schnste
sei.  "Sturmfeder!" sagte er, indem er den Glcklichen auf die Seite
fhrte, "dies ist der Tag, der Dich fr vieles belohnt.  Gedenkst Du
noch der Nacht, wo Du mich in der Hhle besuchtest und nicht
erkanntest?  Damals brachte Hans, der Pfeifer, einen guten
Trinkspruch aus: 'Dem Frulein von Lichtenstein!  Mge sie blhen fr
Euch!' Jetzt ist sie Dein, und was nicht minder schn ist, auch Dein
Trinkspruch ist erfllt; Wir sind wieder eingezogen in die Burg
Unserer Vter."

"Mge Euer Durchlaucht dieses Glck so lange genieen, als ich an
Mariens Seite glcklich zu sein hoffe.  Aber Eurer Huld und Gnade
habe ich diesen schnen Tag zu verdanken, ohne Euch wre vielleicht
der Vater.-"

"Ehre um Ehre, Du hast Uns treulich beigestanden, als Wir Unser Land
wiedererobern wollten, drum gebhrte es sich, da auch Wir Dir
beigestanden, um sie zu besitzen--Wir stellen heute Deinen Vater vor,
und als solchem wirst Du Uns schon erlauben, nach der Kirche Deine
schne Frau auf die Stirn zu kssen."

Georg gedachte jener Nacht, als der Herzog unter dem Tor von
Lichtenstein sich auf diesen Tag vertrstete; unwillkrlich mute er
lcheln, wenn er der Wrde und Hoheit gedachte, mit welcher die
Geliebte den Mann der Hhle damals zurckgewiesen hatte.  "Immerhin,
Herr Herzog, auch auf den Mund!  Ihr habt es lngst verdient durch
Eure gromtige Frsprache."

"Wer sind Deine Gesellen, die Dich zum Altar geleiten?" fragte der
Herzog.

"Marx Stumpf und der Ulmer Ratsschreiber, ein Vetter von Lichtenstein."

"Wie, das feine Mnnlein, das mein Kanzler kpfen lassen wollte?  Da
hast Du links den zierlichsten und rechts den tapfersten Mann des
Schwabenlandes.  Glck zu, junger Herr: doch ich will Dir raten, mehr
rechts zu halten als links, dann kann es Dir nie fehlen auf Erden,
und wrst Du so eiferschtig wie ein Trke.  Sieh, sieh, da kommt ja
der Rechte.  Sieh, wie seine breite, kurze Gestalt sich wunderlich
ausnimmt unter den Frauenzimmern.  Und wie er sich stattlich angetan
hat!  Den verschossenen grnen Mantel trug er schon Anno elf auf
Unserer Hochzeit mit Frau Sabina Lobesan."

"Kann mich nicht viel mit dem Anzug befassen", erwiderte der tapfere
Ritter von Schweinsberg, der die letzten Worte noch gehrt hatte,
"auch mit dem Tanzen will es nicht recht gehen.  Ihr werdet mich
entschuldigen; will aber heute abend im Ritterspiel der neue Eheherr
eine Lanze mit mir brechen, so--."

"So willst Du ihm aus lauter Zrtlichkeit und Hflichkeit ein paar
Rippen einstoen!" lachte der Herzog, "das heie ich einen
Brutigamsgesellen von echter Art.  Nein, da rate ich Dir, Georg,
Dich lieber links zu halten; der Ulmer wird Dir nicht weh tun."

Die Flgeltren ffneten sich jetzt, und man sah auf der breiten
Galerie das Hofgesinde des Herzogs in Ordnung aufgestellt.  An diese
schlossen sich die Edelknaben an, welche brennende Kerzen trugen;
dann folgte der glnzende Zug der Fruleins und Edelfrauen, die sich
zu diesem Fest eingefunden hatten.  Sie waren in reiche, mit Gold und
Silber durchwirkte Stoffe gekleidet, und jede hatte einen
Blumenstrau und eine Zitrone in der Hand.  Die Braut wurde von Georg
von Hewen und Reinhardt von Gemmingen gefhrt.  Viele Ritter und
Edelleute schlossen sich an diese an, in ihrer Mitte ging Georg von
Sturmfeder, Marx Stumpf zu seiner Rechten, der Ratsschreiber Dietrich
von Kraft zu seiner Linken.  Sein ganzes Wesen schien von einer
wrdigen Freude gehoben, seine Augen blinkten freudig, sein Gang war
der Gang eines Siegers.  Er ragte mit dem wallenden Haar, mit den
wehenden Federn des Baretts weit ber seine Gesellen hervor.  Die
Leute betrachteten ihn staunend, die Mnner lobten laut seine hohe,
mnnliche Gestalt, seine edle Haltung, aber die Mdchen flsterten
leise und priesen seine schnen Zge.

So ging der Zug aus dem Tor des Schlosses nach der Kirche, die nur
durch einen breiten Platz von ihm getrennt war.  Kopf an Kopf standen
die schnen Mdchen und die redseligen Frauen, sie musterten die
Anzge der Frulein, strengten Blicke an, als die schne Braut
vorbeiging, und waren voll Lobes fr den Brutigam.

Unter den zahlreichen Zuschauern sah man auch eine rstige runde
Bauersfrau mit ihrem Tchterlein stehen.  Diese Frau verneigte sich
immerwhrend zur Belustigung der Stdter umher, die nur der Braut und
dem Herzog diese Aufmerksamkeit bewiesen.  Sie unterhielt sich dabei
eifrig mit ihrer Tochter.  Das schne Kind an ihrer Seite schien aber
wenig auf ihre Reden zu achten; sie bersah den glnzenden Zug der
Fruleins, ihre hellen Augen waren nur immer auf die nahende Braut
gerichtet.  Je nher diese kam, desto rter frbten sich die Wangen
des Mdchens, das rote Mieder hob und senkte sich ungestm, und das
pochende Herz schien die silbernen Ketten, womit es eingeschnrt war,
zersprengen zu wollen.  Sie sah Marien fest und durchdringend an, die
hohe Schnheit der jungen Braut schien sie zu berraschen, ein
wehmtiges Lcheln zuckte um ihren kleinen Mund.  "Sie ist's!" rief
sie unwillkrlich aus und verbarg dann schnell ihr Gesicht hinter dem
Rcken ihrer Mutter, denn die Umstehenden sahen verwundert nach ihr
hin.

"Jo, dia ist's, Brbele!  Dia ist grausig sch!" flsterte die runde
Frau und neigte sich tief.  "Jetzt wellet mer uf da Junker bassa."

Das Mdchen schien dieses Rates nicht erst zu bedrfen, denn sie
blickte schon lngst hinber nach jener Seite, woher er kommen mute.
"Er kommt, er kommt", hrte sie ihre Nachbarn flstern, "der ist's
in dem weien Kleid, mit dem blauen Mantel, er geht gerade vor dem
Herzog." Sie sah ihn, nur einen Blick warf sie nach ihm hin und wagte
dann nicht mehr aufzublicken; die tiefe Rte ihrer Wangen verschwand,
als er vorberging, sie zitterte, eine Trne fiel herab auf das rote
Mieder; jetzt war er vorber, jetzt hob sie das Kpfchen wieder ein
wenig auf und sandte ihm einen Blick nach, der mehr auszudrcken
schien als die reine Bewunderung oder das Staunen der Neugierde.

Als der Zug vorber war, drngten sich die Zuschauer mit Ungestm zu
den Kirchtren, und in einem Augenblick war der Platz, der noch kurz
zuvor den Anblick einer bunten wogenden Menge dargeboten hatte, wie
ausgestorben.  Die runde Frau blickte noch immer staunend den schnen
geputzten Stadtjungfern nach, welche mit ihren brokatenen Hauben und
goldgestickten Miedern, mit ihren feinen langen Rcken, an welchen
man nur um den Hals und Busen das Zeug allzusehr gespart zu haben
schien, in der Bauersfrau mchtige Sehnsucht nach solcher Pracht und
Herrlichkeit erweckt hatten.

Als sie sich umwandte, erschrak sie nicht wenig, denn ihr holdes Kind
hatte das blhende Gesichtchen in die Hnde verborgen und weinte.
Sie konnte nicht begreifen, was dem Mdchen begegnet sein knne, sie
fate ihre Hand, zog sie herab von den Augen sie weinte bitterlich.
"Was hoscht denn, Brbele", fragte sie unmutig, doch nicht ohne
Teilnahme, "was heulscht denn?  Hoscht's denn et g'seha?  Gang', 's
ist jo a Schand!  Wenn's jo ebber sieht; so sag' no, worum Du
heulscht?"

"I wois et, Muater!" flsterte sie, indem sie vergeblich ihre Trnen
zu bezwingen suchte.  "Es ist mer so weh im Herz drin, i wois et
worum."

"La jetzt bleiba, sag e!  Komm, sonst komme mer z'spot in d'Kirch.
Hairsch, wie se musizieret und singet?  Komm, sonst sehe mer nix mai!"
Die Frau zog bei diesen Worten das Mdchen nach der Kirche.
Brbele folgte, sie bedeckte die Augen mit der weien Schrze, um
nicht den Stadtleuten zum Gesptt zu werden; aber die tiefen Seufzer,
die sich aus ihrer Brust heraufstahlen, lieen ahnen, da sie einen
tiefen Schmerz vergeblich zu unterdrcken suche.  Die Orgel schwieg,
der Chorgesang verstummte, als sie an der Kirchtr anlangten.  Die
Einsegnung des schnen Paares mute jeden Augenblick beginnen.  Aber
vergebens suchte die runde Frau durch die dichten Reihen zu dringen,
welche die Tr fllten, sie wurde, sooft sie sich in einen freien
Raum zu schieben suchte, unwillig und mit Scheltworten zurckgestoen.

"Komm, Muater!" sprach das Mdchen "Mer wellet hoim; mer sent arme
Leut, uns lasset se et in d'Kirch; komm hoim."

"Was?  D'Kircha sind fr lle Leut erschaffa; au fr d'Arme.  Wia,
Ihr Herra, lent es e bisle do nei.  Mer sehet jo gar nix."

"Waz!" sprach der Mann, an den sie sich gewendet hatte, und kehrte
ihr ein rotbraunes Gesicht mit schrecklichem Bart zu.  "Waz?  Packt
Euch fort, wir lassen niemand durch; wir sind die allergndigsten
Landsknechte wir, und nach dem Sanktus, hat der Hauptmann befohlen,
darf keine Seele mehr durch."

"Die Olte mu weg, sogen wer, ober das Dienderl darf rein; komm'
Schatzerl!  Du konnst's recht gut sehen; schaut's, jetzt steckt ihr
der Probst den Ring on, jetzt legt er ihne die Hnd zusommen--gib
mir en Schmazerl, dann darfst seh'n." Der Staberl von Wien streckte
bei diesen Worten seine tapfere Hand nach dem Mdchen aus, doch diese
schrie laut auf und entfloh weinend; die runde Frau aber verwnschte
die Stadtleute, die Stadtkirchen und die unanstndigen Landsknechte
und folgte ihrer Tochter.




Kapitel 32


Herzog Ulrich von Wrttemberg liebte eine gute Tafel, und wenn in
guter Gesellschaft die Becher kreisten, pflegte er nicht so bald das
Zeichen zum Aufbruch zu geben.  Auch am Hochzeitsfest Mariens von
Lichtenstein blieb er seiner Gewohnheit treu.  Man war, als die
heilige Handlung in der Kirche vorber war, in den Lustgarten am
Schlo gezogen; dort hatten sich in den Laubgngen und knstlich
verschlungenen Wegen die Hochzeitsgste ergangen oder an den zahmen
Hirschen und Rehen im Gehege, oder an den Bren, die in einem der
Grben des Schlosses umherwandelten, sich ergtzt.  Um zwlf Uhr
hatten die Trompeten zur Tafel gerufen Sie wurde in der Tyrnitz
gehalten, einer weiten hohen Halle, die viele hundert Gste fate.

Heute sah man hier einen gemischten Kreis schner Frauen und
frhlicher Mnner um reichbesetzte Tafeln sitzen: Auf den Galerien
schwangen die Geiger lustig ihre Fiedelbogen.  Die Zinkenisten
bliesen ihre Backen auf, die Trommler schlugen krftig auf die Felle,
und mit Jauchzen und Hallo stimmte die Volksmenge, die man auf den
brigen Teilen der Galerien zugelassen hatte, ein, wenn die Herren
unten einen Trinkspruch ausgebracht hatten Am oberen Ende der Halle
sa unter einem Thronhimmel der Herzog.  Er hatte seinen Hut weit aus
der Stirn gerckt, schaute frhlich um sich und sprach dem Becher
fleiig zu.  Zu seiner Rechten, an der Seite des Tisches, sa Marie;
jetzt wollte die Sitte nicht mehr, da sie die Augen niederschlug und
sechs Schritte von dem Geliebten entfernt blieb.  Ein frhliches
Leben war in ihre Augen um ihren Mund eingezogen; sie blickte oft
nach ihrem neuen Gemahl, der ihr gegenbersa, es war ihr oft, als
msse sie sich berzeugen, da dies alles nicht ein Traum, da sie
wirklich eine Hausfrau sei, und den Namen, den sie achtzehn Jahre
getragen, gegen den Namen Sturmfeder vertauscht habe; sie lchelte,
so oft sie ihn ansah, denn es kam ihr vor, als gebe er sich, seitdem
er aus der Kirche kam, eine gewisse Wrde.

Und es war so, wie Marie zu bemerken glaubte; Georg fhlte sich
gehobener, mit einer neuen Wrde umgeben; es schien ihm, als zeigten
ihm die Junker mehr Ehrfurcht, als zgen ihn die lteren Ritter
freundlicher zu sich heran, seit er nicht mehr allein in der Welt
stand, sondern wie sie ein Hausvater, vielleicht der Stammhalter
eines glnzenden Geschlechtes geworden war.

In die Nhe des Herzogs war der Ritter von Lichtenstein, Marx Stumpf
von Schweinsberg und der Kanzler gezogen worden, und auch der
Ratsschreiber von Ulm sa nicht fern, weil er heute als Geselle des
Brutigams diesen Ehrenplatz sich erworben hatte.  Der Wein begann
schon den Mnnern aus den Augen zu leuchten und den Frauen die Wangen
hher zu frben, als der Herzog seinem Kchenmeister ein Zeichen gab.
Die Speisen wurden weggenommen und im Schlohof unter die Armen
verteilt; auf die Tafel kamen jetzt Kuchen und schne Frchte, und
die Weinkannen wurden fr die Mnner mit besseren Sorten gefllt; den
Frauen brachte man kleine silberne Becher mit spanischem, sem Wein.
Jetzt war der Augenblick gekommen, wo nach der Sitte der Zeit dem
neuen Ehepaar Geschenke berbracht wurden.  Man stellte Krbe neben
Marien auf, und als die Geiger und Pfeifer von neuem gestimmt hatten
und aufzuspielen anfingen, bewegte sich ein langer, glnzender Zug in
die Halle.  Voran gingen die Edelknaben des frstlichen Hofes, sie
trugen goldene Deckelkrge, Schaumnzen, Schmuck von edlen Steinen
als Geschenke des Herzogs.

"Mgen Euch diese Becher, wenn sie bei den Hochzeiten Eurer Kinder,
bei den Taufen Eurer Enkel kreisen, mgen sie Euch an einen Mann
erinnern, dem Ihr beide im Unglck Liebe und Treue bewiesen, an einen
Frsten, der im Glck Euch immer gewogen und zugetan ist."

Georg war berrascht von dem Reichtum der Geschenke.  "Euer
Durchlaucht beschmen uns", rief er.  "Wollt Ihr Liebe und Treue
belohnen, so wird sie nur zu bald um Lohn feil sein."

"Ich habe sie selten rein gefunden", erwiderte Ulrich, indem er einen
unmutigen Blick ber die lange Tafel hinschickte und dem jungen Mann
die Hand drckte, "noch seltener, Freund Sturmfeder, hat sie mir
Probe gehalten, drum ist es billig, da Wir die reine Treue mit
reinem Gold und edle Liebe mit edlen Steinen zu belohnen suchen.
Doch wie, Eure schne Frau vergiet Trnen?  Ich wei die Quelle
dieses klaren Taues, es ist die Erinnerung an Unser bitteres Geschick,
die Wir selbst heraufbeschworen haben.  Hinweg mit diesen Trnen,
schne Frau; am Hochzeitstag ist es kein gutes Zeichen.  Doch mit
Verlaub Eures Eheherrn will ich jetzt eine alte Schuld einziehen, Ihr
wit noch welche?"

Marie errtete und warf einen forschenden Blick nach Georg hinber,
als frchtete sie, jenes alte bel, das sie oft kaum zu beschwren
vermochte, mchte wiederkehren.  Georg wute recht wohl, was der
Herzog meine, denn jene Szene, die er hinter der Tr belauscht, war
ihm noch immer im Gedchtnis, doch er fand Gefallen daran, den Herzog
und Marien zu necken, und antwortete, als diese noch immer schwieg:
"Herr Herzog, wir sind jetzt zusammen ein Leib und eine Seele, wenn
also meine Frau in frheren Zeiten Schulden gemacht hat, so steht es
mir zu, sie zu bezahlen."

"Ihr seid zwar ein hbscher Junge", entgegnete Ulrich mit Laune, "und
manche unserer Frulein hier am Tisch mchte vielleicht gerne einen
solchen Schuldbrief an Euern schnen Mund einzufordern haben; mir
aber kann dies nicht frommen, denn meine Urkunde lautet auf die roten
Lippen Eurer Frau."

Der Herzog stand bei diesen Worten auf und nherte sich Marien, die
bald errtend, bald erbleichend, ngstlich auf Georg herbersah "Herr
Herzog", flsterte sie, indem sie den schnen Nacken zurckbog, "es
war nur Scherz;--ich bitte Euch." Doch Ulrich lie sich nicht
irremachen, sondern zog die Schuld samt den Zinsen von ihren schnen
Lippen ein.

Der alte Herr von Lichtenstein sah bei dieser Szene finster bald auf
den Herzog, bald auf seine Tochter; vielleicht mochte ihm Ulrich von
Hutten einfallen, denn seine Blicke streiften auch ngstlich auf
seinen Schwiegersohn.  Der Kanzler Ambrosius Volland aber schaute mit
hhnischer Schadenfreude aus den grnen uglein auf den jungen Mann
"Hi, hi", rief er ihm zu, "ich leere meinen Becher auf gutes Wohlsein.
Eine schne Frau ist eine gute Bittschrift in aller Not; wnsche
Glck, liebster wertgeschtzer Herr; hi! hi! 's ist ja auch was
Unschuldiges, so lange es vor den Augen des Ehemanns geschieht."

"Allerdings, Herr Kanzler!" erwiderte Georg mit groer Ruhe.  "Umso
unschuldiger, als ich selbst dabei war, wie meine Frau Seiner
Durchlaucht diesen Dank zusagte.  Der Herr Herzog versprach beim
Vater fr uns zu bitten, da er mich zu seinem Eidam annehme, und
bedung sich dafr diesen Lohn an unserem Hochzeitstage."

Der Herzog sah den jungen Mann mit Staunen an; Marie errtete von
neuem, denn sie mochte sich jene ganze Szene ins Gedchtnis
zurckrufen; aber keines von beiden widersprach ihm, sei es, weil sie
es fr unschicklich hielten, ihn Lgen zu strafen, sei es, weil sie
ahnten, er knne sie belauscht haben.  Aber Ulrich konnte doch nicht
unterlassen, ihn heimlich um die nheren Umstnde zu befragen; er
teilte sie ihm in wenigen Worten mit.

"Du bist ein sonderbarer Kauz!" flsterte der Herzog lachend.  "Was
httest Du denn gemacht, wenn Wir damals ein Kchen erobert htten?"

"Ich kannte Euch noch nicht", flsterte Georg ebenso leise, "drum
htte ich Euch auf der Stelle niedergestochen und an die nchste
Eiche aufgehngt."

Der Herzog bi sich in die Lippen und sah ihn verwundert an; dann
aber drckte er ihm freundlich die Hand und sagte: "Da httest Du
alles Recht dazu gehabt, und Wir wren in Unseren Snden abgefahren--
Doch siehe, da bringen sie wieder Spenden fr die Braut."

Es erschienen jetzt die Diener der Ritter und Edlen, die zur Hochzeit
geladen waren, die trugen allerlei seltenes Hausgert, Waffen, Stoff
zu Kleidern und dergleichen; man wute zu Stuttgart, da es der
Liebling des Herzogs sei, dem dieses Fest gelte, drum hatte sich auch
eine Gesandtschaft der Brger eingestellt, ehrsame, angesehene Mnner
in schwarzen Kleidern, kurze Schwerter an der Seite, mit kurzen
Haaren und langen Brten.  Der eine trug eine aus Silber getriebene
Weinkanne, der andere einen Humpen aus demselben Metall, mit
eingesetzten Schaumnzen geschmckt.  Sie nahten sich ehrerbietig
zuerst dem Herzog, verbeugten sich vor ihm, und traten dann zu Georg
von Sturmfeder.

Georg von Sturmfeder reichte beiden die Hand und dankte ihnen fr ihr
schnes Geschenk; Marie lie ihre Weiber und Mdchen gren, und auch
der Herzog bezeigte sich ihnen gndig und freundlich.  Sie legten den
silbernen Becher und die Kanne in den Korb zu den brigen Geschenken
und entfernten sich ehrbaren und festen Schrittes aus der Tyrnitz.
Doch die Brger waren nicht die letzten gewesen, welche Geschenke
gebracht hatten; denn kaum hatten sie die Halle verlassen, so
entstand ein Gerusch an der Tr, wo die Landsknechte Wache hielten,
das selbst die Aufmerksamkeit des Herzogs auf sich zog.  Man hrte
tiefe Mnnerstimmen fluchen und befehlen, dazwischen ertnten hohe
Weiberstimmen, von denen besonders eine, die am heftigsten haderte,
der Gesellschaft am obersten Ende der Tafel sehr bekannt schien.

"Das ist wahrhaftig die Stimme der Frau Rosel," flsterte
Lichtenstein seinem Schwiegersohn zu.  "Gott wei, was sie wieder fr
Geschichten hat."

Der Herzog schickte einen Edelknaben hin, um zu erfahren, was das
Lrmen zu bedeuten habe; er erhielt zur Antwort, einige Bauernweiber
wollten durchaus in die Halle, um den Neuvermhlten Geschenke zu
bringen, da es aber nur gemeines Volk sei, so wollen sie die Knechte
nicht einlassen Ulrich gab Befehl, sie vorzubringen, denn die
Sprchlein der Brger hatten ihm gefallen, und auch von den
Bauersleuten versprach er sich Kurzweil.  Die Knechte gaben Raum und
Georg erblickte zu seinem Erstaunen die runde Frau des Pfeifers von
Hardt mit ihrem schnen Tchterlein, gefhrt von der Frau Rosel,
ihrer Base.

Schon auf dem Weg in die Kirche hatte er die holden Zge des Mdchens
von Hardt, die er nicht aus seinem Gedchtnis verloren, zu bemerken
geglaubt; aber wichtigere Gedanken und die Heiligkeit des Sakraments,
die seine ganze Seele fllten, hatten diese flchtige Erscheinung
verdrngt.  Er belehrte die Gesellschaft, wer die Nahenden seien, und
mit groem Interesse blickten sie alle auf das Kind des Mannes,
dessen wunderbares Eingreifen in das Schicksal des Herzogs ihnen oft
so unbegreiflich gewesen war, dessen Treue so erhaben, dessen Hilfe
in der Not so willkommen erschienen war.  Das Mdchen hatte die
blonden Haare, die offene Stirn, die Zge ihres Vaters; nur die List,
die aus seinen Augen, die Khnheit und Kraft, die aus seinem Wesen
sprach, war bei ihr; wenn sie nicht schchtern und blde war, in eine
neckende Freundlichkeit und in rstiges, behendes Wesen bergegangen.
So hatte sie Georg erkannt, als er im Haus des Pfeifers wohnte; doch
heute schien sie vor den vielen vornehmen Leuten etwas schchtern, ja
es wollte ihm sogar scheinen, als sei ein neuer Zug in ihr Gesicht
gekommen, den er frher nicht an ihr bemerkt hatte, eine gewisse
Wehmut und Trauer, die sich um ihren Mund und in ihren Augen
aussprach.

Die Pfeifersfrau wute, was Lebensart sei, sie verbeugte sich daher
von der Tr der Tyrnitz an in einem fort, bis sie zum Stuhl des
Herzogs kam.  Frau Rosel hatte noch die Rte des Zornes auf ihren
magern Wangen, denn die Landsknechte, namentlich der Magdeburger und
Kasper Staberl, hatten sie hchlich beleidigt und sie eine drre
Stange geheien.  Ehe sie noch sich sammeln und den Herrschaften
geziemend die Familie ihres Bruders vorstellen konnte, hatte die
runde Frau schon einen Zipfel von des Herzogs Mantel gefat und ihn
an die Lippen gedrckt.  "Gueten Abed, Herr Herzich", sprach sie dazu
mit tiefen Knixen, "wie got Uichs, seit Er wieder in Stuagert send;
mei Ma lot Uich sch graa; mer komme aber et zum Herr Herzich, noi,
zu dem Herra dort drbe welle mer.  Mer hent a Hochzeitschenke fr
sei Frau.  Da sitzt se jo, gang Brbele, lang's aus em Krttle."

"Ach!  Du lieber Gott", fiel Frau Rosel ihrer Schwgerin ins Wort,
"bitt' untertnigst um Verzeihung, Euer Durchlaucht, da ich die
Leut' 'reingebracht habe; 's ist Frau und Kind vom Pfeifer von Hardt.
Ach!  Du Herrgott, nehmt doch nichts bel, Herr Herzog, die Frau
meint's g'wi gut."

Der Herzog lachte mehr ber diese Entschuldigung der Frau Rosel als
ber die Reden ihrer Schwgerin: "Was macht denn Dein Mann, der
Pfeifer?  Wird er uns bald besuchen?  Warum kam er nicht mit Euch?"

"Gell hot sein Grund, Herr!" erwiderte die runde Frau.  "Wenn's Krieg
geit, bleibt er g'wi et aus; do ka mer'n brauche; aber im Frieda?
Noi, do denkt er, mit graue Herra ist's et guet Kirsche fressa."

Frau Rosel wollte beinahe verzweifeln ber die Naivitt der runden
Frau, sie zog sie am Rock und am langen Zopfband, es half nichts, die
Frau des Pfeifers sprach zu groer Ergtzung des Herzogs und seiner
Gste immer weiter, und das unauslschliche Gelchter, das ihre
Antworten erregten, schien ihr Freude zu machen.  Brbele hatte
indessen mit dem Deckel des Krbchens gespielt, sie hatte einige Male
gewagt, ihre Blicke zu erheben, um jenes Gesicht wiederzusehen, das
im Fieber der Krankheit sooft an ihrem Busen geruht und in ihren
treuen Armen Ruhe und Schlummer gefunden hatte, jenen Mund
wiederzusehen, den sie so oft heimlicherweise mit ihren Lippen
berhrt hatte, und jene Augen, deren klarer, freundlicher Strahl ewig
in ihrem Gedchtnis fortglhte.  Sie erhob ihre Blicke immer wieder
von neuem, doch, wenn sie bis an seinen Mund gekommen war, schlug sie
sie wieder--aus Furcht, seinem Auge zu begegnen--herab.

"Sieh Marie", hrte sie ihn sagen, "das ist das gute Kind, das mich
pflegte, als ich krank in ihres Vaters Htte lag, das mir den Weg
nach Lichtenstein zeigte."

Marie wandte sich um und ergriff gtig ihre Hand, das Mdchen
zitterte, und ihre Wangen frbte ein dunkles Rot; sie ffnete ihr
Krbchen und berreichte ein Stck schner Leinwand und einige Bndel
Flachs, so fein und zart wie Seide.  Sie versuchte zu sprechen, aber
umsonst, sie kte die Hand der jungen Frau und eine Trne fiel herab
auf ihren Ehering.

"Ei, Brbele", schalt Frau Rosel, "sei doch nicht so schchtern und
ngstlich.  Gndiges Frulein--wollte sagen, gndige Frau, habt
Nachsicht, sie kommt selten zu vornehmen Leuten.  Es ist niemand so
gut, er hat zweierlei Mut, heit es im Sprichwort.  Das Mdchen kann
so frhlich sein, wie eine Schwalbe im Frhling--."

"Ich danke Dir, Brbele!" sagte Marie.  "Wie schn Deine Leinwand ist!
Die hast Du wohl selbst gesponnen?"

Das Mdchen lchelte durch Trnen; sie nickte ein Ja!--Zu sprechen
schien ihr in diesem Augenblick unmglich zu sein.  Der Herzog
befreite sie von dieser Verlegenheit, um sie in eine noch grere zu
ziehen.

"Sag einmal, Kind, hast Du auch schon einen Schatz?  Einen Liebsten?"

"Ei was, Euer Durchlaucht!" unterbrach ihn da die runde Frau.  "Wer
wird so ebbes von so ema Kind denka!  Se ist a ehrliches Mdle, Herr
Herzich!"

Der Herzog schien nicht auf diese Bemerkung zu hren; er betrachtete
lchelnd die Verlegenheit, die sich auf den reinen Zgen des Mdchens
spiegelte; sie seufzte leise, sie spielte mit den bunten Bndern
ihrer Zpfe; sie sandte unwillkrlich einen Blick, aber einen Blick
voll Liebe auf Georg von Sturmfeder, und schlug dann errtend wieder
die Augen nieder.  Der Herzog, dem dies alles nicht entging, brach in
lautes Lachen aus, in das die brigen Mnner einstimmten "Junge Frau!"
sagte er zu Marien, "jetzt knnt Ihr billig die Eifersucht Eures
Herrn teilen; wenn Ihr gesehen httet, was ich sah, knntet Ihr
allerlei deuteln und vermuten."

Marie lchelte und blickte teilnehmend auf das schne Mdchen: sie
fhlte, wie weh ihr der Spott der Mnner tun msse.  Sie flsterte
der Frau Rosel zu, sie und die runde Frau zu entfernen.  Auch dieses
bemerkte Ulrichs scharfer Blick, und seine heitere Laune schrieb es
der schnell wachsenden Eifersucht zu.  Marie aber band ein schnes,
aus Gold und roten Steinen gearbeitetes Kreuzchen ab, das sie an
einer Schnur um den Hals getragen, und reichte es dem berraschten
Mdchen.  "Ich danke Dir", sagte sie ihr dazu, "gre Deinen Vater
und besuche uns recht oft hier und in Lichtenstein.  Wie wre es,
wenn Du mir dientest als Zofe?  Du sollst es gut haben, und hast ja
auch Deine Muhme, Frau Rosel, bei uns."

Das Mdchen erschrak sichtbar; sie schien mit sich zu kmpfen; oft
schien ein freundliches Lcheln ja sagen zu wollen, aber ebenso oft
drngte ein schmerzlicher Zug um den Mund diesen Entschlu zurck.
"I dank' sch, gndige Frau", antwortete sie, indem sie Mariens
schne Hand kte.  "Aber i mue daheim bleibe: d'Mueter wird alt und
braucht me, b'ht Uich Gott der Herr, lle Heilige walten ber Uich,
und die heilige Jungfrau sei Uich gndig.  Lebet g'sund und froh mit
Euerem Herra, 's ist a gueter' lieber Herr!" Noch einmal beugte sich
Brbele herab auf Mariens Hand und entfernte sich dann mit ihrer
Mutter und der Base.

"Hr einmal", rief ihr der Herzog nach, "wenn Deine Mutter einmal
zugibt, da Du einen Liebsten bekommst, so bring' ihn mir; ich will
Dich ausstatten, Du hbsches Pfeiferskind!"

Unter diesen Szenen war es vier Uhr geworden; und der Herzog hob die
Tafel auf.  Dies war das Zeichen, da sich jetzt das Volk von den
Galerien entfernen msse, die sogleich mit Polstern und Teppichen
belegt und zum Empfang der Damen eingerichtet wurden.  In dem
Parterre der Tyrnitz wurden schnell die Tafeln weggerumt, Lanzen,
Schwerter, Schilde, Helme und der ganze Apparat zu Ritterspielen
herbeigeschleppt, und in einem Augenblick war diese groe Halle, die
noch soeben der Sitz der Tafelfreuden gewesen war, zum Waffensaal
eingerichtet.

Es wurden an diesem Abend sogar Pferde in die Halle gefhrt, und
Marie hatte die Freude, ihrem Geliebten den zweiten Dank im Rennen
berreichen zu knnen, denn er machte den Herrn von Hewen zweimal im
Sattel wanken.  Der tapferste Kmpfer war Herzog Ulrich von
Wrttemberg, eine Zierde der Ritterschaft seiner Zeit.  Meldet ja
doch die Sage von ihm, da er an seinem eigenen Hochzeitstag acht der
strksten Ritter des Schwaben- und Frankenlandes in den Sand warf.
Nachdem die Ritterspiele einige Stunden gedauert hatten, zog man zum
Tanz in den Rittersaal, und den Siegern im Kampf wurden die Vortnze
zugestanden.  Der frhliche Reigen ertnte bis in die Nacht.  Der
Herzog schien alle Sorgen vor der bangen Zukunft auf den Hcker
seines Kanzlers geschoben zu haben, der wie die bse Zeit in einem
Fenster sa und mit bitterem Lcheln einem Vergngen zuschaute, von
welchem ihn seine eigene Migestalt ausschlo.  Zum letzten Tanz vor
dem Abendtrunk wollte Ulrich die Krone des Festes, die junge, schne
Frau Marie aufrufen; doch im ganzen Saal suchte er und Georg sie
vergebens auf, und die lchelnden Frauen gestanden, da sechs der
schnsten Fruleins sie entfhrt und in ihre neue Wohnung begleitet
htten, um ihr dort, wie es die Sitte wollte, die mysterisen Dienste
einer Zofe zu erzeigen.

_"Sic transit gloria mundi.!"_ sagte der Herzog lchelnd.  "Und siehe,
Georg, da nahen sie schon mit den Fackeln, Seine Gesellen und zwlf
Junker, sie wollen Dir 'heimznden'.  Doch zuvor leere noch einen
Becher mit Uns.  Geh, Mundschenk!  Bring vom Besten."

Marx Stumpf von Schweinsberg und Dieterich von Kraft nahten sich mit
Fackeln und boten sich an, Georg nach Hause zu geleiten.  An sie
schlossen sich zwlf Junker, ebenfalls mit Fackeln, an, um dem jungen
Mann diese Ehre zu erweisen; denn so wollte es die Sitte der guten
alten Zeit.  Der Mundschenk go die Becher voll und kredenzte sie
seinem Herzog und Georg von Sturmfeder, Ulrich sah ihn lange und
nicht ohne Rhrung an; er drckte seine Hand und sagte: "Du hast
Probe gehalten.  Als ich verlassen und elend unter der Erde lag, hast
Du Dich zu mir bekannt; als jene Vierzig meine Burg bergaben und
kein Stckchen Wrttemberg mehr mein war, bist Du mir aus dem Land
gefolgt, hast mich oft getrstet und auch auf diesen Tag verwiesen
Bleibe mein Freund, wer wei, was die nchsten Tage bringen.  Jetzt
kann ich wieder Hunderten gebieten und sie schreien 'Hoch!' auf das
Wohl meines Hauses, und doch war mir Dein Trinkspruch mehr wert, den
Du in der Hhle ausbrachtest und den das Echo beantwortete.  Ich
erwidere ihn jetzt und gebe ihn Dir: Sei glcklich mit Deinem Weib,
mge Dein Geschlecht auf ewige Zeiten grnen und blhen; mge es
Wrttemberg nie an Mnnern fehlen, so mutig im Glck, so treu im
Unglck wie Du!"

Der Herzog trank, und eine Trne fiel in seinen Becher.  Die Gste
stimmten jubelnd in seinen Ruf, die Fackeltrger ordneten sich, und
seine Gesellen fhrten Georg von Sturmfeder aus dem Schlo der
Herzoge von Wrttemberg.




Kapitel 33


Das Motto, womit wir diesen Abschnitt bezeichnen, ist eine
Geisterstimme, die warnend durch die Weltgeschichte tnt, die von
vielen vernommen, von den meisten berhrt, von wenigen befolgt wurde.
Zu allen Zeiten ging ein finsterer Geist durch das Haus der Erde,
man vernahm oft sein Rauschen, man suchte es durch die Tne der
Freude zu bertuben.  Ulrich von Wrttemberg hatte jene Stimme in
mancher Nacht vernommen, die er sorgenvoll auf seinem Lager
durchwachte.  Er glaubte das Gerusch vieler Gewappneter und die
drhnenden Tritte eines Heeres zu vernehmen, er glaubte sie nher und
nher um ihn sich lagern zu hren, und wenn er sich auch berzeugte,
da es nur die Nachtluft war, die um die Trme seines Schlosses
brauste, so blieb doch eine finstere Ahnung in ihm zurck, da sein
Schicksal noch einmal sich wenden knnte.  Jene Warnung des alten
Ritters von Lichtenstein tnte oft in seiner Seele wieder, und
vergeblich strengte er sich an, die knstlichen Folgerungen seines
Kanzlers sich zu wiederholen, um ein Verfahren bei sich zu
entschuldigen, das ihm jetzt zum wenigsten nicht genug berdacht
schien.  Denn seine alten Feinde rsteten sich mit Macht.  Der Bund
hatte ein neues Heer geworben und drang herab ins Land, nher und
nher an das Herz von Wrttemberg.  Die Reichsstadt Elingen bot fr
diese Unternehmungen einen nur zu gnstigen Sttzpunkt.  Sie liegt
nur wenige Stunden von der Hauptstadt, beinahe mitten im Land, und
war, sobald das Heer des Bundes die Kommunikation mit ihr hergestellt
hatte, eine furchtbare Schanze, um Ausflle nach Wrttemberg zu
begnstigen und zu decken.  Das Landvolk nahm an vielen Orten den
Bund gnstig auf, denn der Herzog hatte es durch die neue Art, wie er
sich huldigen lie, ngstlich gemacht.

Die Liebe zum Alten hatte der Herzog an seinem Volk erfahren, als er
einige Jahre zuvor seinen Rten folgte und zur Verbesserung seiner
Finanzen ein neues Ma und Gewicht einfhrte.  Der "arme Konrad", ein
frmlicher Aufstand armer Leute, hatte ihn nachdenklich gemacht und
den Tbinger Vertrag eingeleitet.  Die Liebe zum Alten hatte sich auf
eine rhrende Weise an ihm gezeigt, als der Bund ins Land fiel, und
das Haupt des alten Frstenstammes verjagen wollte.  Ihre Vter und
Grovter hatten unter den Herzogen und Grafen von Wrttemberg gelebt,
darum war ihnen jeder verhat, der diese verdrngen wollte.  Wie
wenig sie das Neue lieben, hatten sie dem Bund und seinen
Statthaltern oft genug bewiesen.

Der alte, angestammte Herzog, ein Wrttemberger, kam wieder ins Land,
sie zogen ihm freudig zu.  Sie glaubten, jetzt werde es wieder
hergehen wie "vor alters"; sie htten recht gerne Steuern bezahlt,
Zehnten gegeben, Glten aller Art entrichtet und Fronen geleistet.
Sie htten ber Schwereres nicht gemurrt, wenn es nur nach
hergebrachter Art geschehen wre.  So gut wurde es ihnen aber nicht.
Die alten Formeln waren aus dem Huldigungseid verschwunden, die
Steuern wurden nicht mehr nach hergebrachter Sitte eingezogen, es war
alles anders als frher, kein Wunder, wenn sie den Herzog als einen
neuen Herrn ansahen und murrend nach dem alten Recht verlangten.  Sie
hatten zu Ulrich kein Zutrauen mehr, nicht weil seine Hand schwerer
auf ihnen ruhte als vorher, nicht weil er bedeutend mehr von ihnen
wollte als frher, sondern weil sie die neuen Formen mit
argwhnischen Augen ansahen.

Ein Herzog, besonders wenn er einem Ambrosius Volland sein Ohr leiht,
erfhrt selten genau, wie man ber ihn denkt und ob die Maregeln
klug berechnet waren, die ihm seine Rte an die Hand gaben.  Und
dennoch entging Ulrichs hellem Auge die Unzufriedenheit seines Volkes
nicht ganz.  Er merkte, da er im schlimmen Fall sich nicht auf es
werde verlassen knnen, so wenig als auf die Ritterschaft des Landes,
die, seit er wieder im Land war, sich sehr neutral verhalten hatte.

Seine Unruhe ber diese Bemerkungen suchte er jedem Auge zu verbergen.
Es beschwor die wildesten Tne der Freude herauf, und oft gelang es
ihm sogar, zu vergessen, vor welchem Abgrund er stehe.  Er verfluchte,
um seinem Volk und dem Heer, das er in und um Stuttgart versammelt
hatte, Vertrauen und Mut einzuflen, einige Einflle, welche die
Bndischen von Elingen aus in sein Land gemacht hatten, doppelt
heimzugeben.  Er.schlug sie zwar und verwstete ihr Gebiet, aber er
verhehlte sich nicht, wenn er nach einem solchen Sieg in seine
Stellungen zurckging, da das Kriegsglck ihn vielleicht verlassen
knnte, wenn der Bund einmal mit dem groen Heer im Feld erscheinen
wrde.

Und er erschien frh genug fr Ulrichs zweifelhaftes Geschick.  Noch
wute man in Stuttgart wenig oder nichts von dem Aufgebot des Bundes,
noch lebte man am Hof und in der Stadt in Ruhe und Freude, als auf
einmal am zwlften Oktober die Landsknechte, welche der Herzog ein
Lager bei Cannstatt hatte beziehen lassen, flchtig nach Stuttgart
kamen und von einem groen bndischen Heer erzhlten, das sie
zurckgeworfen habe.  Jetzt merkten die Bewohner Stuttgarts, da eine
wichtige Entscheidung nahe, jetzt sahen sie ein, da der Herzog
lngst um diesen drohenden Einfall gewut haben msse, denn er lie
an diesem Tag die mter aufbieten, lie die Truppen sich versammeln,
die auf das Land umher verlegt gewesen waren und hielt noch am Abend
dieses Tages eine Musterung ber zehntausend Mann.

Noch in der Nacht zog er mit einem groen Teil der Mannschaft aus, um
die Stellungen, die ein Teil der Landsknechte zwischen Cannstatt und
Elingen genommen hatte, zu verstrken.

In jener Nacht wurde in Stuttgart manche Trne von schnen Augen
geweint, denn Mnner und Jnglinge, was die Waffen fhren konnte, zog
mit dem Herzog in die Schlacht.  Doch das Rauschen des abziehenden
Heeres bertnte die Klagen der Mdchen und Frauen, sie verhallten
wie das Wimmern eines Kindes im Kampf der Elemente.  Mariens Schmerz
war stumm, aber gro, als sie den Gatten unter die Tre
herabgeleitete, wo die Knechte mit den Rossen fr ihn und den Vater
hielten.  Sie hatten still und einsam, nur mit ihrem Glck
beschftigt, die ersten Tage ihrer Ehe verlebt.  Sie dachten wenig an
die Zukunft, sie glaubten im Hafen zu sein, und indem sie nur sich
selbst lebten, berhrten sie das Flstern, die geheimnisvolle Unruhe,
die einem nahenden Sturm vorangeht.  Sie waren gewhnt, den Vater
ernst und dster zu sehen, es fiel ihnen nicht auf, wie sein Auge
immer trber, seine Stirn finsterer, seine Mienen beinahe traurig
wurden.  Er sah ihr ses Glck, er fhlte mit ihnen, er verbarg, um
sie nicht zu frh aufzustren, was ihm eine bange Ahnung oft genug
sagte.  Aber endlich nahte der entscheidende Schlag.  Der Herzog von
Bayern war bis in die Mitte des Landes vorgedrungen und der Ruf zu
den Waffen schreckte Georg aus den Armen seines geliebten Weibes.

Die Natur hatte ihr eine starke Seele und jene entschiedene
Erhabenheit ber jedes irdische Verhngnis gegeben, die nur in einer
reinen Seele und in der mutigen Zuversicht auf einen hheren Beistand
bestehen kann.  Sie wute, was Georg der Ehre seines Namens und
seinem Verhltnis zum Herzog schuldig sei, darum erstickte sie jeden
lauten Jammer und brachte ihrer schwchlichen Natur nur jenes Opfer
schmerzlicher Trnen, die dem Auge, das den Geliebten tausend
Gefahren preisgegeben sieht, unwillkrlich entstrmen.

"Sieh, ich kann nicht glauben, da Du auf immer von mir gehst", sagte
sie, indem sie ihre schnen Zge zu einem Lcheln zwang, "wir haben
jetzt erst zu leben begonnen, der Himmel kann nicht wollen, da wir
schon aufhren sollen.  Drum kann ich Dich ruhig ziehen lassen, ich
wei ja zuversichtlich, da Du mir wiederkehrst."

Georg kte die schnen, weinenden Augen, die ihn so mild und voll
Trost anblickten.  Er dachte in diesem Augenblick nicht an die Gefahr,
der er entgegengehe, er dachte nur daran, wie gro fr das teure
Wesen, das er in den Armen hielt, der Schmerz sein mte, wenn er
nicht mehr zurckkehrte; wie sie dann ein langes Leben einsam nur in
der Erinnerung an die wenigen Tage des Glcks fortleben knnte.  Er
prete sie heftiger in die Arme, als wolle er dadurch diese schwarzen
Gedanken verscheuchen; seine Blicke tauchten tiefer in ihre Augen
herab, um dort Vergessenheit zu suchen, und es gelang ihm, wenigstens
trug er ein schnes Bild der Hoffnung und der Zuversicht mit sich
hinweg.

Die Ritter stieen vor dem Tor gegen Cannstatt zum Herzog.  Es war
dunkle Nacht, das erste Viertel des Mondes und das Heer der Sterne
warfen einen matten Schein herab; Georg glaubte zu bemerken, da der
Herzog finster und in sich gekehrt sei; denn seine Augen waren
niedergeschlagen, seine Stirn kraus, und er ritt stumm seinen Weg
weiter, nachdem er sie flchtig mit der Hand gegrt hatte.

Ein nchtlicher Marsch hat immer etwas Geheimnisvolles, Bedeutendes
an sich.  Die Sonne, heitere Gegenden, der Anblick vieler Kameraden,
der Wechsel der Aussichten locken bei Tag den Soldaten zum Gesprch,
wohl auch zum Gesang.  Weil die Eindrcke von auen strker sind,
denkt man weniger nach ber das Ziel des Marsches, ber das Ungewisse
des Krieges, ber die Zukunft, die niemand dunkler verhngt ist als
dem Kriegsmann im Feld.  Ganz anders auf dem Marsch in der Nacht.
Man hrt nur das Gedrhn des Zuges, den taktartigen Hufschlag der
Rosse, ihr Schnauben, das Klirren der Waffen, und die Seele, die
durch das Auge keine Bilder mehr empfngt, wird durch dieses
eintnige Gemurmel ernster; Scherz und Gelchter sind verstummt, das
laute Gesprch sinkt zum Geflster herab, und auch dieses gilt nicht
mehr gleichgltigen Gegenstnden, sondern der Entscheidung, welcher
man entgegenzieht.

So war auch der Zug in jener Nacht, ernst und von keinem Laut der
Freude unterbrochen.  Georg ritt neben dem alten Herrn von
Lichtenstein und warf hie und da ngstliche Blicke auf diesen, denn
er hing wie von Kummer gebckt im Sattel und schien ernster als je zu
sein.  Er htte beinahe ohne Leben geschienen, wenn nicht hin und
wieder ein Seufzer aus seiner Brust heraufgestiegen wre und seine
glnzenden Augen nach den Wlkchen geschaut htten, die um die
bleiche Sichel des Mondes zogen.

"Glaubt Ihr, es wird morgen zum Gefecht kommen, Vater?" flsterte
Georg nach einer Weile.

"Zum Gefecht?  Zur Schlacht!"

"Wie?  Ihr glaubt also, das Bundesheer sei so stark, da es uns jetzt
schon werde die Spitze bieten knnen?  Es ist nicht mglich.  Herzog
Wilhelm mte Flgel haben, wenn er seine Bayern herabgefhrt htte,
und Frondsberg ist in seinen Entschlssen bedchtig.  Ich glaube
nicht, da sie viel ber Sechstausend stark sind."

"Zwanzigtausend", antwortete der Alte mit dumpfer Stimme.

"Bei Gott, das hab ich nicht gedacht", entgegnete der junge Mann mit
Staunen "Freilich, da werden sie uns hart zusetzen.  Doch wir haben
gebtes Volk, und des Herzogs Augen sind schrfer als irgendeines im
Bundesheer, selbst als Frondsbergs.  Glaubt Ihr nicht auch, da wir
sie schlagen werden?"

"Nein."

"Nun, ich gebe die Hoffnung nicht auf.  Ein groer Vorteil fr uns
liegt schon darin, da wir fr das Land fechten, die Bndischen aber
dagegen; das macht unsern Truppen Mut; die Wrttemberger kmpfen fr
ihr Vaterland."

"Gerade darauf traue ich nicht", sprach Lichtenstein, "ja, wenn der
Herzog sich anders htte huldigen lassen, so aber--hat er das
Landvolk nicht fr sich; sie streiten, weil sie mssen, und ich
frchte, sie halten nicht lange aus."

"Das wre freilich schlimm", erwiderte Georg, "doch die Schwaben sind
ein biederes, ehrliches Volk, sie werden den Herzog nicht in der Not
verlassen.  Wo glaubt Ihr, da wir dem Feind begegnen?  Wo werden wir
uns stellen?"

"Zwischen Elingen und Cannstatt; bei Untertrkheim haben die
Landsknechte einige Schanzen aufgeworfen und stehen dort zu
dritthalbtausend Mann; wir werden uns noch in dieser Nacht an sie
anschlieen."

Der Alte schwieg, und sie ritten wieder eine geraume Zeit still
nebeneinander hin "Hre, Georg!" hub er nach einer Weile an, "ich
habe schon oft dem Tod Auge in Auge gesehen und bin alt genug, mich
nicht vor ihm zu frchten, es kann jedem etwas Menschliches begegnen
--trste dann mein liebes Kind, Marie."

"Vater!" rief Georg, und reichte ihm die Hand hinber, "denkt nicht
solches!  Ihr werdet noch lange und glcklich mit uns leben."

"Vielleicht", entgegnete der alte Mann mit fester Stimme, "vielleicht
auch nicht.  Es wre tricht von mir, Dich aufzufordern Du sollst
Dich im Gefecht schonen.  Du wrdest es doch nicht tun.  Doch bitte
ich, denk an Dein junges Weib, und begib Dich nicht blindlings und
unberlegt in Gefahr.  Versprich mir dies."

"Gut, hier habt Ihr meine Hand; was ich tun mu, werde ich nicht
ablehnen, leichtsinnig will ich mich nicht aussetzen; aber auch Ihr,
Vater, knntet dies geloben."

"Schon gut, la das jetzt.  Wenn ich etwa morgen totgeschossen werden
sollte, so gilt mein letzter Wille, den ich beim Herzog niedergelegt
habe; Lichtenstein geht auf Dich ber, Du wirst damit belehnt werden.
Mein Name stirbt hierzulande mit mir, mge der Deinige desto lnger
tnen."

Der junge Mann war von diese Reden schmerzlich bewegt; er wollte
antworten, als eine bekannte Stimme seinen Namen rief.  Es war der
Herzog, der nach ihm verlangte.  Er drckte Mariens Vater die Hand
und ritt dann schnell zu Ulrich von Wrttemberg.

"Guten Morgen, Sturmfeder!" sprach dieser, indem seine Stirn sich
etwas aufheiterte.  "Ich sag' guten Morgen, denn die Hhne krhen
dort unten im Dorf.  Was macht Dein Weib?  Hat sie gejammert, als Du
wegrittst?"

"Sie hat geweint", antwortete Georg, "aber sie hat nicht mit einem
Wort geklagt."

"Das sieht ihr gleich, bei Sankt Hubertus, Wir haben selten eine
mutigere Frau gesehen.  Wenn nur die Nacht nicht so finster wre, da
ich recht in Deine Augen sehen knnte, ob Du zum Kampf gestimmt bist
und Lust hast, mit den Bndlern anzubinden?"

"Sprecht, wohin ich reiten soll; mitten drauf soll es gehen im Galopp.
Glauben Euer Durchlaucht, ich habe in meinem kurzen Ehestand so
ganz vergessen, was ich von Euch erlernte, da man im Glck und
Unglck den Mut nicht sinken lassen drfe?"

"Hast recht: Impavidum ferient ruinae." Wir haben es auch gar nicht
anders von Unserem getreuen Bannertrger erwartet.  Heute trgt meine
Fahne ein anderer, denn Dich habe ich zu etwas Wichtigerem bestimmt.
Du nimmst diese hundertundsechzig Reiter, die hier zunchst ziehen,
lt Dir von einem den Weg zeigen und reitest Trab gerade auf
Untertrkheim zu.  Es ist mglich, da der Weg nicht ganz frei ist,
da vielleicht die von Elingen schon herabgezogen sind, um den Pa
zu versperren; was willst Du tun, wenn es sich so verhlt?"

"Nun, ich werfe mich in Gottes Namen mit meinen hundertundsechzig
Pferden auf sie und hau mich durch, wenn es kein Heer ist.  Sind sie
zu stark, so decke ich den Weg, bis Ihr mit dem Zug heran seid."

"Recht gut gesagt, gesprochen wie ein tapferer Degen, und haust Du so
gut auf sie, wie auf mich bei Lichtenstein, so schlgst Du Dich durch
sechshundert Bndler durch.  Die Leute, die ich Dir gebe, sind gut.
Es sind die Fleischer, Sattler und Waffenschmiede von Stuttgart und
den andern Stdten.  Ich kenne sie aus manchem Kampf, sie sind wacker
und hauen einen Schdel bis aufs Brustbein durch.  Das Schwert in der
Faust, reiten sie Dir in die Hlle, wenn sie Dir einmal zugetan sind;
und wen sie einmal ans Hirn getroffen haben, der braucht keinen Arzt
mehr auf dieser Welt.  Das sind die echten Schwabenstreiche."

"Und bei Untertrkheim soll ich mich aufstellen?"

"Dort triffst Du auf einer Anhhe die Landsknechte unter Georg von
Hewen und Schweinsberg.  Die Losung ist, Ulricus fr immer.  Den
beiden Herren sagst Du, sie sollen sich halten bis fnf Uhr; ehe der
Tag aufgeht, sei ich mit sechstausend Mann bei ihnen, und dann wollen
wir den Bund erwarten.  Gehab Dich wohl, Georg."

Der junge Mann erwiderte den Gru, indem er sich ehrerbietig neigte;
er ritt an die Spitze der tapferen Reiter und trabte mit ihnen das
Tal hinauf.  Es waren krftige Gestalten, mit breiten Schultern und
starken Armen; unter den Sturmhauben hervor blickten ihn mutige Augen
und breite ehrliche Gesichter freundlich an; er fhlte sich ehrvoll
ausgezeichnet, eine solche Schar zu fhren.  Man nherte sich dem Fu
des Rothenberges, auf dessen Gipfel das Stammschlo von Wrttemberg
weit ber das schne Neckartal hinsah.  Es war vom Sternenschimmer
matt erhellt, und Georg konnte seine Formen nicht deutlich
unterscheiden, aber dennoch blickte er immer wieder nach diesen
Trmen und Mauern hinauf; er erinnerte sich jener Nacht, wo Ulrich in
der Hhle mit Wehmut von der Burg seiner Vter sprach, von welcher er
sonst auf ein schnes Land voll Obst, Wein und Frucht hinabgeschaut
und dies alles sein genannt hatte.  Er versank in Gedanken ber das
unglckliche Schicksal dieses Frsten das ihm aufs neue den Besitz
des schnen Landes streitig zu machen schien; er dachte nach ber die
sonderbare Mischung seines Charakters, wie hier wahrhafte Gre oft
durch Zorn, Trotz und unbeugsamen Stolz entweiht sei.

"Was Ihr dort unten unterscheiden knnt zwischen den beiden Bumen",
unterbrach ihn der Reiter, welcher ihm den Weg zeigte, "ist die
Turmspitze von Untertrkheim.  Es geht jetzt wieder etwas ebener, und
wenn wir Trab reiten, knnen wir bald dort sein."

Der junge Mann trieb sein Pferd an, der ganze Zug folgte seinem
Beispiel, und bald waren sie im Angesicht dieses Dorfes.  Hier war
eine doppelte Linie von Landsknechten aufgestellt, welche ihnen
drohend die Hellebarden entgegenstreckten.  An vielen Punkten sah man
den rtlichen Schimmer glhender Lunten, die wie Scheinwrmchen durch
die Nacht funkelten.

"Halt, wer da?" rief eine Stimme aus ihren Reihen.  "Gebt die Losung!"

"Ulricus fr immer", rief Georg.  "Wer seid Ihr?"

"Gut Freund!" rief Marx Stumpf von Schweinsberg, indem er aus den
Reihen der Landsknechte heraus und auf den jungen Mann zuritt.
"Guten Morgen, Georg, Ihr habt lange auf Euch warten lassen, schon
die ganze Nacht sind wir auf den Beinen und harren sehnlich auf
Verstrkung, denn dort drben im Wald sieht es nicht geheuer aus, und
wenn Frondsberg den Vorteil verstanden htte, wren wir schon lngst
bermannt."

"Der Herzog zieht mit sechstausend Mann heran", erwiderte Sturmfeder,
"lngstens in zwei Stunden mu er da sein."

"Sechstausend, sagst Du?  Bei Sankt Nepomuk, das ist nicht genug, wir
sind zu dritthalbtausend, das macht zusammen gegen neuntausend.
Weit Du, da sie ber zwanzigtausend stark sind, die Bndischen?
Wieviel Geschtz bringt er mit?"

"Ich wei nicht; es wurde erst nachgefhrt, als wir ausritten".

"Komm, la die Reiter absitzen und ruhen", sagte Marx Stumpf.  "Sie
werden heute Arbeit genug bekommen."

Die Reiter saen ab und lagerten sich; auch die Landsknechte lsten
ihre Reihen auf und stellten nur starke Posten auf den Anhhen und am
Neckar auf.  Marx Stumpf besichtigte alle Anstalten, und Georg legte
sich, in seinen Mantel gehllt, nieder, um noch einige Stunden zu
ruhen.  Die Stille der Nacht, nur durch den eintnigen Ruf der Wachen
unterbrochen, senkte ihn bald in einen Schlummer, der seine Seele
weit hinweg ber Krieg und Schlachten, in die Arme seines Weibes
entfhrte.




Kapitel 34


Georg erwachte durch das Wirbeln der Trommeln, die das kleine Heer
unter die Waffen riefen.  Ein schmaler Saum war am Horizont hell, der
Morgen kam, die Truppen des Herzogs sah man in der Ferne daherziehen.
Der junge Mann setzte den Helm auf, lie sich den Brustharnisch
wieder anlegen und stieg zu Pferd, den Herzog an der Spitze seiner
Mannschaft zu empfangen.  Aus Ulrichs Zgen war zwar nicht der Ernst,
wohl aber alle Dsterkeit verschwunden.  Sein Auge sprhte von einem
kriegerischen Feuer, und aus seinen Mienen sprach Mut und
Entschlossenheit.  Er war ganz in Stahl gekleidet und trug ber
seinem schweren Eisenkleid einen grnen Mantel mit Gold verbrmt.
Die Farben seines Hauses wehten in seinem groen wallenden Helmbusch.
Sonst unterschied er sich in nichts von den brigen Rittern und
Edlen, die ebenfalls in blankes Eisen "bis an die Zhne" gekleidet,
den Herzog in einem groen Kreis umgaben.  Er begrte freundlich
Hewen, Schweinsberg und Georg von Sturmfeder und lie sich von ihnen
ber die Stellung des Feindes berichten.

Noch war von diesem nichts zu sehen; nur am Saum des Waldes gegen
Elingen hin sah man hin und wieder seine Posten stehen.  Der Herzog
beschlo, den Hgel, den die Landsknechte besetzt gehalten hatten, zu
verlassen und sich in die Ebene hinabzuziehen.  Er hatte wenig
Reiterei, der Bund aber, so berichteten Kundschafter, zhlte
dreitausend Pferde.  Im Tal hatte er auf einer Seite den Neckar, auf
der andern einen Wald, und so war er wenigstens auf den Flanken vor
einem Reiterangriff sicher.

Lichtenstein und mehrere andere widerrieten zwar diese Stellung im
Tal, weil man vom Hgel zu nahe beschossen werden knne; doch Ulrich
folgte seinem Sinn und lie das Heer hinabsteigen.  Er stellte
zunchst vor Trkheim die Schlachtordnung auf und erwartete seinen
Feind.  Georg von Sturmfeder wurde beordert, in seiner Nhe mit den
Reitern, die er ihm anvertraut hatte, zu halten; sie sollten
gleichsam seine Leibwache bilden; zu diesen berittenen Brgern
gesellten sich noch Lichtenstein und vierundzwanzig andere Ritter, um
bei einem Reiterangriff den Sto zu verstrken.  In jenen Tagen war
ein Treffen oft in viele kleine Zweikmpfe zerstreut, die Ritter, die
einem Heer folgten, fochten selten in geschlossenen Waffen, sondern
suchten mit schnellem Blick einen Gegner unter den Reihen des Feindes,
den sie dann mit Schwert und Lanze bekmpften.  Eine solche Schar
war es, die bei Georgs Reiterhaufen stand, und den Herzog selbst
gelstete es, seine ungeheure Kraft, seine weit berhmte Fertigkeit
in einem solchen Zweikampf zu erproben, und nur die instndigen
Bitten der Ritter hielten ihn ab, diese romantische Idee auszufhren.
Neben dem Herzog hielt eine sonderbare Figur, beinahe wie eine
Schildkrte, die zu Pferd sitzt, anzusehen.  Ein Helm mit groen
Federn sa auf einem kleinen Krper, der auf dem Rcken mit einem
gewlbten Panzer versehen war; der kleine Reiter hatte die Knie weit
heraufgezogen und hielt sich am Sattelknopf fest.  Das
herabgeschlagene Visier hinderte Georg, zu erkennen, wer dieser
lcherliche Kmpfer sei; er ritt daher nher an den Herzog heran, und
sagte:

"Wahrhaftig, Euer Durchlaucht haben sich da einen beraus mchtigen
Kmpen zum Begleiter ausersehen.  Seht nur die drren Beine, die
zitternden Arme, den mchtigen Helm zwischen den kleinen Schultern--
wer ist denn dieser Riese?"

"Kennst Du den Hcker so schlecht?" fragte der Herzog lachend.  "Sieh
nur, er hat einen ganz absonderlichen Panzer an, der wie eine groe
Nuschale anzusehen, um seinen teuern Rcken zu verwahren, wenn es
etwa zur Flucht kme.  Es ist mein getreuer Kanzler, Ambrosius
Volland."

"Bei der heiligen Jungfrau!  Dem habe ich bitter Unrecht getan",
entgegnete Georg, "ich dachte, er werde nie ein Schwert ziehen und
ein Ro besteigen, und da sitzt er auf einem Tier, so hoch wie ein
Elefant, und trgt ein Schwert, so gro als er selbst ist; diesen
kriegerischen Geist htte ich ihm nimmer zugetraut."

"Meinst Du, er reite aus eigenem Entschlu zu Feld?  Nein, ich habe
ihn mit Gewalt dazu gentigt.  Er hat mir zu manchem geraten, was mir
nicht frommte, und ich frchte, er hat mich mit bslicher Absicht
aufs Eis gefhrt; drum mag er auch die Suppe mitverzehren, die er
eingebrockt hat.  Er hat geweint, wie ich ihn dazu zwang; er sprach
viel vom Zipperlein und von seiner Natur, die nicht kriegerisch sei;
aber ich lie ihn in seinen Harnisch schnren und zu Pferd heben, er
reitet den feurigsten Renner aus meinem Stall."

Whrend dies der Herzog sprach, schlug der Ritter vom Hcker das
Visier auf und zeigte ein bleiches, kummervolles Gesicht.  Das ewig
stehende Lcheln war verschwunden, seine stechenden uglein waren
gro und starr geworden und drehten sich langsam und schchtern nach
der Seite; der Angstschwei stand ihm auf der Stirn, und seine Stimme
war zum zitternden Flstern geworden.  "Um Gottes Barmherzigkeit
willen, wertgeschtzter Herr von Sturmfeder, vielgeliebter Freund und
Gnner, legt ein gutes Wort ein beim gestrengen Herrn, da er mich
aus diesem Fastnachtsspiel entlt.  Es ist des allerhchsten
Scherzes jetzt genug.  Der Ritt in den schweren Waffen hat mich
grausam angegriffen, der Helm drckt mich aufs Hirn, da meine
Gedanken im Kreis tanzen, und meine Knie sind vom Zipperlein gekrmmt,
bitte, bitte!  Legt ein gutes Wort ein fr Euren demtigen Knecht,
Ambrosius Volland; will's gewilich vergelten."

Der junge Mann wandte sich mit Abscheu von dem grauen feigen Snder.
"Herr Herzog", sagte er, indem ein edler Zorn seine Wangen rtete,
"vergnnt ihm, da er sich entferne.  Die Ritter haben ihre Schwerter
gelftet und die Helme fester in die Stirn gedrckt, das Volk
schttelt die Speere und erwartet mutig das Zeichen zum Angriff,
warum soll ein Feigling in den Reihen von Mnnern streiten?"

"Er bleibt, sage ich", entgegnete der Herzog mit fester Stimme, "beim
ersten Schritt rckwrts hau ich ihn selbst vom Gaul herunter.  Der
Teufel sa auf Deinen blauen Lippen, Ambrosius Volland, als Du Uns
geraten, Unser Volk zu verachten und das Alte umzustoen.  Heute,
wenn die Kugeln sausen und die Schwerter rasseln, magst Du schauen,
ob Dein Rat Uns frommte."

Des Kanzlers Augen glhten vor Wut, seine Lippen zitterten und seine
Mienen verzerrten sich grauenerregend.  "Ich habe Euch nur geraten;
warum habt Ihr es getan?" sagte er.  "Ihr seid Herzog; Ihr habt
befohlen und Euch huldigen lassen; was kann denn ich dafr?"

Der Herzog ri sein Pferd so schnell um, da der Kanzler bis auf die
Mhnen seines Elefanten niedertauchte, als erwarte er den
Todesstreich.  "Bei Unserer frstlichen Ehre", rief er mit
schrecklicher Stimme, indem seine Augen blitzten, "Wir bewundern
unsere eigene Langmut.  Du hast Unsren ersten Zorn bentzt, Du hast
Dich in Unser Vertrauen einzuschwatzen gewut; wren Wir Dir nicht
gefolgt, Du Schlange, so stnden heute zwanzigtausend Wrttemberger
hier, und ihre Herzen wren eine feste Mauer fr ihren Frsten.  Oh,
mein Wrttemberg!  Mein Wrttemberg!  Da ich Deinem Rat gefolgt wre,
alter Freund; ja, es heit was, von seinem Volk geliebt zu sein!"

"Entfernt diese Gedanken vor einer Schlacht", sagte der alte Herr von
Lichtenstein, "noch ist es Zeit, das Versumte einzuholen.  Noch
stehen sechstausend Wrttemberger um Euch, und bei Gott, sie werden
mit Euch siegen, wenn Ihr sie mit Vertrauen gegen den Feind fhrt.
Oh Herr!  Hier sind lauter Freunde, vergebt Euren Feinden, entlat
den Kanzler, der nicht fechten kann!"

"Nein!  Her zu mir, Schildkrte!  An meine Seite her, Hund von einem
Schreiber!  Wie er zu Rosse sitzt, als htte ihn unser Herr Gott
hinaufgeschneit, den Schneemann!  Du hast mein Volk verachtet in
Deiner Kanzlei und ihnen Gesetze gegeben mit Deiner Schwanenfeder,
jetzt sollst Du sehen, wie sie streiten, jetzt sollst Du sehen, wie
Wrttemberg siegt oder untergeht.  Ha!  Seht Ihr sie dort auf dem
Hgel?  Seht Ihr die Fahnen mit dem roten Kreuz?  Seht Ihr das Banner
von Bayern?  Wie ihre Waffen blitzen im Morgenrot, wie ihre Glieder
von tausend Lanzen starren, wie der Wind in ihren Helmbschen spielt.
--Guten Tag; ihr Herren vom Schwabenbund!  Jetzt geht mir das Herz
auf; das ist ein Anblick fr einen Wrttemberg!"

"Schaut, sie richten schon die Geschtze", unterbrach ihn
Lichtenstein, "zurck von diesem Platz, Herr!  Hier steht Euer Leben
in augenscheinlicher Gefahr; zurck, zurck, wir halten hier; schickt
uns Eure Befehle von dort zu, wo Ihr sicher seid!"

Der Herzog sah ihn gro an.  "Wo hast Du gehrt", sagte er, "da ein
Wrttemberg gewichen sei, wenn der Feind zum Angriff blasen lie?
Meine Ahnen kannten keine Furcht, und meine Enkel werden noch
aushalten wie sie, furchtlos und treu!  Sieh, wie der Berg sich
dunkler und dunkler fllt von ihren Scharen.  Siehst Du jene weien
Wolken am Berg, Schildkrte?  Hrst Du sie lachen?  Das ist der
Donner der Geschtze, der in unsere Reihen schlgt.  Jetzt, wenn Du
ein gutes Gewissen hast, wirst Du leichter Atem holen, denn um Dein
Leben gibt Dir keiner einen Pfennig."

"Lasset uns beten", sagte Marx von Schweinsberg, "und dann drauf in
Gottes Namen."

Der Herzog faltete andchtig die Hnde, seine Begleiter folgten
seinem Beispiel und beteten zum Anfang der Schlacht, wie es Sitte war
in den alten Tagen.  Der Donner der feindlichen Geschtze tnte
schauerlich in diese tiefe Stille, in welcher man jeden Atemzug;
jedes leise Flstern der Betenden hrte.  Auch der Kanzler faltete
die Hnde, aber seine Augen richteten sich nicht glubig auf zum
Himmel, sie irrten zagend an den Bergen umher, und das Beben seines
Krpers, sooft Blitz und Rauch aus den Feldstcken des Feindes fuhr,
zeigte, da seine Seele nicht zu Dem sich aufzuschwingen vermge, der
aus den Strahlen seiner Morgensonne ber Freunde und Feinde
herabblickte.

Ulrich von Wrttemberg hatte gebetet und zog sein Schwert aus der
Scheide.  Die Ritter und Reisigen folgten ihm, und in einem
Augenblick blitzten tausend Schwerter um ihn her.  "Die Landsknechte
sind schon im Gefecht", sagte er, indem sein Adlerauge schnell das
Tal berschaute.  "Georg von Hewen, Ihr rckt ihnen mit tausend zu
Fu nach.  Schweinsberg lehne sich mit achthundert an den Wald und
warte bis auf weiteres.  Reinhardt von Gemmingen, wollt mit den
Eurigen geradeaus ziehen und den mittleren Raum zwischen dem Wald und
dem Neckar einnehmen.  Sturmfeder, Du bleibst mit Deiner Abteilung
Reiter, doch bist Du jeden Augenblick bereit, vorzubrechen.  Gott
befohlen, Ihr Herren.  Sollten wir uns hier unten nicht mehr sehen,
so gren wir uns desto freudiger oben." Er grte sie, indem er sein
groes Schwert gegen sie neigte.  Die Ritter erwiderten den Gru und
zogen mit ihren Scharen dem Feind zu, und ein tausendstimmiges
"Ulrich fr immer!" ertnte aus ihren Reihen.

Das bndische Heer, das auf dem Hgel, den die Herzoglichen frher
gehalten hatten, angekommen war, begrte seinen Feind aus vielen
Feldschlangen und Kartaunen; dann zogen sie sich allmhlich herab ins
Tal.  Sie schienen durch ihre ungeheure Anzahl das kleine Heer des
Herzogs erdrcken zu wollen.  In dem Augenblick, als die letzten
Glieder den Hgel verlassen wollten, wandte sich der Herzog zu Georg
von Sturmfeder.

"Siehst Du ihre Feldstcke auf dem Hgel?" fragte er.

"Wohl.  Sie sind nur durch wenige Mannschaft bedeckt."

"Frondsberg glaubt, weil wir nicht ber ihn wegfliegen knnen, sei es
unmglich, sein Geschtz zu nehmen.  Aber dort am Wald biegt ein Weg
links ein und fhrt in ein Feld.  Das Feld stt an jenen Hgel.
Kannst Du mit Deinen Reitern ungehindert bis in jenes Feld vordringen
so bist Du beinahe schon im Rcken der Bndischen.  Dort lt Du die
Pferde verschnaufen, legst dann an, und im Galopp den Hgel hinauf.
Die Geschtze mssen unser sein!"

Georg verbeugte sich zum Abschied, aber der Herzog bot ihm die Hand.
"Lebe wohl, lieber Junge!" sagte er.  "Es ist hart von Uns, einen
jungen Ehemann auf so gefhrliche Reise zu schicken, aber wir wuten
keinen Rascheren und Besseren als Dich."

Die Wangen des jungen Mannes glhten, als er diese Worte hrte, und
seine Augen blinkten mutig.  "Ich danke Euch, Herr, fr diesen neuen
Beweis Eurer Gnade", rief er, "Ihr belohnt mich schner, als wenn Ihr
mir die schnste Burg geschenkt httet.--Lebt wohl, Vater, und grt
mein Weibchen."

"So ist's nicht gemeint!" entgegnete lchelnd der alte Lichtenstein.
"Ich reite mit Dir unter Deiner Fhrung."

"Nein, Ihr bleibt bei mir, alter Freund", bat der Herzog.  "Soll mir
denn der Kanzler hier im Felde raten?  Da knnte ich so bel fahren
wie mit seinen andern Ratschlssen.  Bleibt mir zur Seite; macht den
Abschied kurz, Alter!  Euer Sohn mu weiter."

Der Alte drckte Georgs Hand.  Lchelnd und mit freudigem Mut
erwiderte dieser den Abschiedsgru, schwenkte mit seinen Reitern ab,
und "Ulrich fr immer!" riefen die Stuttgarter Brger zu Pferd,
welche er in dieser entscheidenen Stunde gegen den Feind fhrte.
Georg betrachtete, als er an dem Waldsaum hinritt, sinnend die
Schlacht.  Die Wrttemberger hatten eine gute Stellung, denn der Wald
und der Neckar deckte sie, und ihre Flgel und das Zentrum waren
stark genug, um auch einen mchtigen Sto von Reiterei auszuhalten.
Er konnte sich aber nicht verhehlen, da, wenn sie sich aus dieser
Stellung herauslocken lieen, sie alle diese Vorteile verlieren
wrden, weil sie dann entweder zwischen dem Wald und dem linken
Flgel einen bedeutenden Zwischenraum lassen oder, um diesen
auszufllen, ihre Schlachtlinie so weit ausdehnen mten, da sie an
innerer Strke verlieren wrden und leichter durchbrochen werden
knnten.  Ein groer Nachteil fr die Wrttemberger war auch ihre
geringe Anzahl, denn der Feind zhlte zwei Drittel mehr.  Er konnte
zwar in dem engen Tal seine Streitkrfte nicht entwickeln und nur
wenig Mannschaft auf einmal ins Treffen fhren.  Und doch war dies
immer genug, um die Herzoglichen unausgesetzt zu beschftigen; der
Feind behielt dadurch immer frische Leute, und es war zu befrchten,
da die sechstausend Wrttemberger, wenn sie auch noch so tapfer
standhalten sollten, endlich aus Ermattung wrden unterliegen mssen.

Der Wald nahm jetzt Georg und seine Schar auf; sie rckten still und
vorsichtig weiter, denn Georg wute wohl, wie schwierig es fr einen
Reiterzug sei, im Wald von Fuvolk angegriffen zu werden.  Doch
ungefhrdet kamen sie auf das Feld heraus, das ihnen der Herzog
bezeichnet hatte.  Rechts ber dem Wald hin wtete die Schlacht.  Das
Geschrei der Angreifenden, das Schieen aus Donnerbchsen und
Feldstcken, das Wirbeln der Trommeln hallte schrecklich herber.

Vor ihnen lag der Hgel, von dessen Gipfel eine gute Anzahl Kartaunen
in die Reihen der Wrttemberger spielte; dieser Hgel erhob sich
allmhlich von der Seite des Wldchens, und Georg bewunderte den
schnellen Blick des Herzogs, der diese Seite sogleich erspht hatte,
denn von jeder andern Seite wre, wenigstens fr Reiter, der Angriff
unmglich gewesen.  Das Geschtz wurde, soviel man von unten sehen
konnte, nur durch eine schwache Mannschaft bedeckt, und als daher die
Pferde ein wenig geruht hatten, ordnete Georg seine Schar und brach
im Galopp an der Spitze der Reiter vor.  In einem Augenblick waren
sie auf dem Gipfel des Hgels angekommen und Georg rief den
bndischen Soldaten zu, sich zu ergeben.

Sie zauderten, und die Fleischer, Sattler und Waffenschmiede von
Stuttgart ersparten ihnen die Mhe, denn mit gewaltigen Streichen
hieben sie Helme und Kpfe durch, da von der Bedeckung bald wenig
mehr brig waren.  Georg warf einen frohlockenden Blick auf die Ebene
hinab seinem Herzog zu; er hrte das Freudengeschrei der
Wrttemberger aus vielen tausend Kehlen aufsteigen, er sah, wie sie
frischer vordrangen, denn ihre Hauptfeinde, die Feldstcke auf dem
Hgel, waren jetzt zum Schweigen gebracht.

Aber in diesem Augenblick der Siegesfreude gewahrte er auch, da
jetzt der zweite und schwerste Teil seiner schnellen Operation, der
Rckzug, gekommen sei; denn auch die Bndischen hatten gemerkt, wie
ihr Geschtz pltzlich verstummt sei, und ihre Obersten hatten
alsbald eine Reiterschar gegen den Hgel aufbrechen lassen.  Es war
keine Zeit mehr, die schweren erbeuteten Feldstcke hinwegzufhren;
darum befahl Georg; mit Erde und Steinen ihre Mndungen zu verstopfen,
und sie auf diese Weise unbrauchbar zu machen.  Dann warf er einen
Blick auf den Rckweg, zwischen ihm und den Seinigen lag der Wald auf
der einen, das feindliche Heer auf der andern Seite.  Wurde er nur
von Reiterei angegriffen, so war der Rckweg durch den Wald mglich,
weil dann der Feind dieselben Schwierigkeiten zu berwinden hatte wie
er.  Aber seinem scharfen Auge entging nicht, da ein groer Haufen
bndischen Fuvolkes in den Wald ziehe, um ihm den Rckzug
abzuschneiden, und so sah er sich vom Wald ausgeschlossen.  Das groe
Heer des Bundes zu durchbrechen, sich mit hundertundsechzig Pferden
durch Zwanzigtausend durchzuschlagen, wre Tollkhnheit gewesen.  Es
blieb nur ein Weg, und auch auf diesem war der Tod gewisser als die
Rettung.  Zur Linken des feindlichen Heeres flo der Neckar.  Am
andern Ufer kein Mann von bndischer Seite; konnte er nur dieses Ufer
gewinnen, so war es mglich, sich zum Herzog zu schlagen.  Schon
waren die Reiter des Bundes, wohl fnfhundert stark, am Fu des
Hgels angelangt; er glaubte an ihrer Spitze den Truchse von
Waldburg zu erblicken; jedem andern, selbst dem Tod, wollte er sich
lieber ergeben als diesem.

Drum winkte er den tapfern Wrttembergern nach der steileren Seite
des Hgels hin, die zum Neckar fhrte.  Sie stutzten; es war zu
erwarten, da unter zehn immer acht strzen wrden, so jh war diese
Seite, und unten stand zwischen dem Flgel und dem Flu ein Haufen
Fuvolk, das sie zu erwarten schien.  Aber ihr junger, ritterlicher
Fhrer schlug das Visier auf und zeigte ihnen sein schnes Antlitz,
aus welchem der Mut der Begeisterung sie anwehte; sie hatten ihn ja
noch vor wenigen Wochen eine holde Jungfrau zur Kirche fhren sehen,
durften sie an Weib und Kinder denken, da er diese Gedanken weit
hinter sich geworfen hatte?

"Drauf, wir wollen sie schlachten!" riefen die Fleischer.  "Drauf,
wir wollen sie hmmern!" riefen die Schmiede.  "Immer drauf, wir
wollen sie lederweich klopfen!" riefen ihnen die Sattler nach.
"Drauf, mit Gott, Ulrich fr immer!" rief der hochherzige Jngling,
drckte seinem Ro die Sporen ein und flog ihnen voran den steilen
Hgel hinab.  Die feindlichen Reiter trauten ihren Augen nicht, als
sie den Hgel heraufkamen, die verwegene Schar gefangenzunehmen, und
sie schon unten, mitten unter dem Fuvolk, erblickten.  Wohl hatte
mancher den khnen Ritt mit dem Leben bezahlt, mancher war mit dem
Ro gestrzt und in Feindes Hand gefallen, aber die meisten sah man
unten tapfer auf das Fuvolk einhauen, und der Helmbusch ihres
Anfhrers wehte hoch und mitten im Gedrnge.  Jetzt waren die Reihen
des Fuvolkes gebrochen, jetzt drngten sich die Reiter nach dem
Neckar--jetzt--setzte ihr Fhrer an und war der erste im Flu.
Sein Pferd war stark, und doch vermochte es nicht mit der Last seines
gewappneten Reiters gegen die Gewalt des vom Regen angeschwellten
Stromes anzukmpfen, es sank, und Georg von Sturmfeder rief den
Mnnern zu, nicht auf ihn zu achten, sondern sich zum Herzog zu
schlagen und ihm seinen letzten Gru zu bringen.  Aber in demselben
Augenblick hatten zwei Waffenschmiede sich von ihren Rossen in den
Flu geworfen; der eine fate den jungen Ritter am Arm, der andere
ergriff die Zgel seines Pferdes, und so brachten sie ihn glcklich
ans Land heraus.

Die Bndischen hatten ihnen manche Kugel nachgesandt, aber keine
hatte Schaden getan, und im Angesicht beider Heere, durch den Flu
von ihnen getrennt, setzte die khne Schar ihren Weg zum Herzog fort.
Es war unweit seiner Stellung eine Furt, wo sie ohne Gefahr
bersetzen konnten, und mit Jubel und Freudengeschrei wurden sie
wieder von den Ihrigen empfangen.

Ein Teil des feindlichen Geschtzes war zwar durch diesen ebenso
schnellen wie verwegenen Zug Georgs von Sturmfeder zum Schweigen
gebracht worden, aber das Verhngnis Ulrichs von Wrttemberg wollte,
da ihm diese khne Waffentat zu nichts mehr ntzen sollte; die
Krfte seiner Leute waren durch die immer erneuerten Angriffe des an
Zahl weit berlegenen Feindes endlich vllig erschpft worden; die
Landsknechte hielten zwar mit ihrem gewhnlichen kriegerischen Feuer
aus, aber ihre Anfhrer hatten sich schon gentigt gesehen, sie in
Kreise zu stellen, um den Andrang der feindlichen Kavallerie
abzuwehren; dadurch war die Linie hin und wieder unterbrochen, und
das Landvolk, das man durch eilige Bewaffnung nicht zu Kriegern hatte
machen knnen, fllte nur schlecht diese Lcken aus.  In diesem
Augenblick wurde dem Herzog gemeldet, da der Herzog von Bayern
Stuttgart pltzlich berfallen und eingenommen habe, da ein neues
feindliches Heer in seinem Rcken am Flu heraufziehe und kaum noch
eine Viertelstunde entfernt sei.  Da merkte er, da er an diesem Tag
sein Reich zum zweiten Male verloren habe, da ihm nichts mehr
brigbleibe als Flucht oder Tod, um nicht in die Hnde seiner Feinde
zu fallen.  Seine Begleiter rieten ihm, sich in sein Stammschlo
Wrttemberg zu werfen und sich dort zu halten, bis er Gelegenheit
fnde, heimlich zu entrinnen; er schaute hinauf nach dieser Burg, die,
von dem Glanz des Tages bestrahlt, ernst auf jenes Tal herabblickte,
wo der Enkel ihrer Erbauer den letzten verzweifelten Kampf um sein
Herzogtum kmpfte.  Aber er erbleichte und deutete sprachlos hinauf,
denn auf den Trmen und Mauern dieser Burg erschienen rote, glnzende
Fhnlein, die im Morgenwind spielten; die Ritter blickten schrfer
hin, sie sahen, wie die Fhnlein wuchsen und grer wurden, und ein
schwrzlicher Rauch, der jetzt an vielen Stellen aufstieg, zeigte
ihnen, da es die Flamme sei, welche ihre glhenden Paniere siegend
auf den Zinnen aufgesteckt hatte.  Wrttemberg brannte an allen Ecken;
und sein unglcklicher Herr sah mit dem grulichen Lachen der
Verzweiflung diesem Schauspiel zu, Jetzt bemerkten auch die Heere die
brennende Burg.  Die Bndischen begrten diese Flammen mit einem
Freudengeschrei, den Wrttembergern entsank der Mut, es war ihnen,
als sei dies ein Zeichen, da das Glck ihres Herzogs ein Ende habe.

Schon tnten die Trommeln des im Rcken heranziehenden Heeres
vernehmlicher; schon wich an vielen Orten das Landvolk, da sprach
Ulrich: "Wer es noch redlich mit Uns meint, folge nach, Wir wollen
Uns durchschlagen durch ihre Tausende oder zugrunde gehen.  Nimm mein
Banner in die Hand, tapferer Sturmfeder, und reite mutig mit Uns in
den Feind!" Georg ergriff das Panier von Wrttemberg, der Herzog
stellte sich neben ihn, die Ritter und die Brger zu Pferd umgaben
sie und waren bereit, ihrem Herzog Bahn zu brechen.  Der Herzog
deutete auf eine Stelle, wo die Feinde dnner standen, dort msse man
durchkommen, oder alles sei verloren.  Noch fehlte es an einem
Anfhrer, und Georg wollte sich an die Spitze stellen, da winkte ihm
der Ritter von Lichtenstein seinen Platz an der Seite des Herzogs
nicht zu verlassen, und stellte sich vor die Reiter, noch einmal
wandte er die ehrwrdigen Zge dem Herzog und seinem Sohn zu, dann
schlo er das Visier und rief: "Vorwrts, hie gut Wrttemberg alleweg!"

Dieser Reiterzug war wohl zweihundert Pferde stark und bewegte sich
in Form eines Keiles im Trab vorwarts.  Der Kanzler Ambrosius Volland
sah sie mit leichtem Herzen abziehen, denn der Herzog schien ihn ganz
vergessen zu haben, und er hielt jetzt mit sich Rat, wie er ohne
Gefahr von seinem hochbeinigen Tier herabkommen sollte.  Doch der
edle Renner des Herzogs hatte mit klugen Augen den Reitern
nachgeschaut, solange sie sich im Trab fortbewegten, stand er still
und regungslos, jetzt aber ertnten die Trompeten zum Angriff, man
sah das Panier von Wrttemberg hoch in den Lften wehen und die
tapfere Reiterschar im Galopp auf den Feind ansprengen.  Auf diesen
Moment schien der Renner gewartet zu haben; mit der Schnelligkeit
eines Vogels strich er jetzt ber die Ebene hin, den Reitern nach;
dem Kanzler vergingen die Sinne, er hielt sich krampfhaft am
Sattelknopf, er wollte schreien, aber die Blitzesschnelle, womit sein
Ro die Luft teilte, unterdrckte seine Stimme; in einem Augenblick
hatte er den Zug eingeholt, so schnell sie ihre Rosse auslaufen
lieen, er berholte sie, und so hatte es der Kanzler in kurzer Zeit
zum Anfhrer der Reiter gebracht.  Der Feind stutzte ber die
sonderbare Gestalt, die mehr einem geharnischten Affen als einem
Krieger glich; noch ehe sie sich recht besinnen konnten, war der
frchterliche Mann mitten in ihren Reihen, die Wrttemberger brachen,
trotz des entscheidenden Augenblickes, in ein lustiges Gelchter aus,
und auch dieses mochte beitragen, die tapferen Truppen von Ulm, Gmnd,
Aalen, Nrnberg und noch zehn andern Reichsstdten, welche dieser
unerwartete Angriff traf, zu verwirren; sie zerstoben vor der
ungeheuern Wucht der zweihundert Pferde, und die ganze Schar war im
Rcken des Feindes.  Sie setzte eilig ihren Marsch fort, und ehe noch
die bndische Reiterei zum Nachsetzen herbeigerufen werden konnte,
hatte der Herzog mit wenigen Begleitern sich zur Seite geschlagen; er
gewann einen groen Vorsprung, denn die Reiterei des Bundes erreichte
die berittene Schar der Brger erst vor den Toren von Stuttgart, und
es fand sich unter ihnen weder der Herzog noch einer seiner
wichtigeren Anhnger, auer dem Kanzler Ambrosius Volland, den man
halb tot vom Pferd hob.  Die bndischen Kriegsleute behandelten ihn,
nachdem man ihm die gewlbte Rstung vorn Leib geschlt hatte, sehr
bel, denn nur seiner frchterlichen, alle Begriffe bersteigenden
Tapferkeit schrieben sie es zu, da ihnen der Herzog und mit ihm eine
Belohnung von tausend Goldgulden entgangen war.  So geschah es, da
dieser tapfere Kanzler, nicht wie sein Herzog in der Schlacht,
sondern nach der Schlacht geschlagen wurde.




Kapitel 35


Die Nacht, welche diesem entscheidenden Tag folgte, brachten Herzog
Ulrich und seine Begleiter in einer engen Waldschlucht zu, die durch
Felsen und Gestruch ein sicheres Versteck gewhrte und noch heute
bei dem Landvolk die 'Ulrichshhle' genannt wird.  Es war der Pfeifer
von Hardt, der ihnen auf ihrer Flucht als ein Retter in der Not
erschienen war und sie in diese Schlucht fhrte, die nur den Bauern
und Hirten der Gegend bekannt war.  Der Herzog hatte beschlossen,
hier zu rasten, um dann, sobald der Tag graute, seine Flucht nach der
Schweiz fortzusetzen.  Wohl wre ihm hierzu die Nacht gnstiger
gewesen, denn die Bundestruppen hatten schon das Land besetzt, und es
war wenig Wahrscheinlichkeit vorhanden, da er sie tuschen und
ungehindert entkommen wrde; aber die Pferde waren von dem heien
Schlachttag ermdet, und es war unmglich, den Herzog und seine
notwendige Begleitung von neuem beritten zu machen, ohne die
Nachforschung des Feindes auf diesen Schlupfwinkel zu leiten.

Die Mnner hatten sich um ein sprliches Feuer gelagert.  Der Herzog
war lngst dem Schlummer in die Arme gesunken und verga vielleicht
in seinen Trumen, da er ein Herzogtum verloren habe; auch der alte
Herr von Lichtenstein schlief, und Marx Stumpf von Schweinsberg hatte
seine mchtigen Arme auf die Knie gesttzt, sein Gesicht in die Hnde
verborgen, und man war ungewi, ob er schlafe oder in Kummer
versunken ber das Schicksal des Herzogs nachdenke, das sich mit
einem Schlag so furchtbar gewendet hatte.  Georg von Sturmfeder
besiegte die Macht des Schlummers, der sich immer wieder ber ihn
lagern wollte; er war der Jngste unter allen und hatte freiwillig in
dieser Nacht die Wache bernommen.  Neben ihm sa Hans, der Pfeifer
von Hardt; er sah unverwandt ins Feuer, und seine Gedanken schienen
sich in einem Liedchen zu sammeln, dessen melancholische Weise er mit
leiser, unterdrckter Stimme vor sich hin sang.  Wenn das Feuer
heller aufflackerte, schaute er mit einem trben Blick nach dem
Herzog, und wenn er sah, da jener noch immer schlafe, versank er
wieder in den flsternden, traurigen Gesang.

"Du singst eine traurige Weise, Hans!" unterbrach ihn Georg, den die
melancholischen Tne dieses Liedes unheimlich anregten, "es tnt wie
Totengesang und Sterbelieder, ich kann es nicht ohne Schaudern hren."

"Wir knnen alle Tage sterben", sagte der Spielmann, indem er dster
in die Flamme blickte, "drum sing' ich gerne ein solches Lied, es ist
mir, als knnte ich mit solchen Gedanken wrdiger sterben."

"Wie kommst Du auf einmal zu diesen Todesgedanken, Hans?  Du warst
doch sonst ein frhlicher Bursche zur Herbstzeit, und Deine Zither
tnte auf mancher Kirchweih.  Da hast Du gewi keine Totenlieder
gesungen."

"Meine Freude ist aus", erwiderte er und wies auf den Herzog, "all
meine Mhe, all meine Sorge war vergebens; es ist aus mit dem Herrn
und ich--ich bin sein Schatten; auch mit mir ist's aus; htte ich
nicht Frau und Kind, ich mchte heute nacht noch sterben."

"Wohl warst Du immer sein getreuer Schatten", sagte der junge Mann
gerhrt, "und oft habe ich Deine Treue bewundert; hre, Hans!  Wir
sehen uns vielleicht lange nicht mehr.  Jetzt haben wir Zeit zu
schwatzen, erzhle mir, was Dich so ausschlielich und eng an den
Herzog knpft, wenn es etwas ist, das Du erzhlen kannst."

Er schwieg einige Augenblicke und schrte das Feuer zurecht; ein
unruhiges Feuer blitzte in seinen Augen, und Georg war ungewi, ob es
die Flamme oder eine innere Bewegung sei, was seine ausdrucksvollen
Zge mit wechselnder Rte bergo.  "Das hat seine eigene Bewandtnis",
sagte er endlich, "und ich spreche nicht gern davon.  Doch Ihr habt
recht, Herr, auch mir ist es, als wrden wir uns lange nicht mehr
sehen, so will ich Euch denn erzhlen.  Habt Ihr nie von dem Armen
Konrad gehrt?"

"Oh ja", erwiderte Georg, "das Gercht davon kam noch weiter als bis
zu uns nach Franken; war es nicht ein Aufstand der Bauern?  Wollte
man nicht sogar dem Herzog ans Leben?"

"Ihr habt ganz recht, der Arme Konrad war ein bses Ding.  Es mgen
nun sieben Jahre sein, da gab es unter uns Bauern viele Mnner, die
mit der Herrschaft unzufrieden waren; es waren Fehljahre gewesen, den
Reicheren ging das Geld aus, die Armen hatten schon lange keines mehr,
und doch sollten wir zahlen ohne Ende, denn der Herzog brauchte gar
viel Geld fr seinen Hof, wo es alle Tage zuging wie im Paradies."

"Gaben denn Eure Landstnde nach, wenn der Herr soviel Geld
verlangte?" fragte Georg.

"Sie wagten eben auch nicht, immer nein zu sagen, des Herzogs Beutel
hatte aber gar ein groes Loch, das wir Bauern mit unserem Schwei
nicht zuleimen konnten.  Da gab es nun viele, die lieen die Arbeit
liegen weil das Korn, das sie pflanzten, nicht zu ihrem Brot wuchs,
und der Wein, den sie kelterten, nicht fr sie in die Fsser flo.
Diese, als sie dachten, da man ihnen nichts mehr nehmen knne als
das arme Leben, lebten lustig und in Freuden, nannten sich Grafen zu
Nirgendsheim, sprachen viel von ihren Schlssern auf dem Hungerberg
und von ihren bedeutenden Besitzungen in der Fehlhalde und am
Bettelrain, und diese Gesellschaft war der Arme Konrad."

Der Pfeifer legte sinnend seine Stirn in die Hand und schwieg. "Von
Dir wolltest Du ja erzhlen, Hans", sagte Georg, "von Dir und dem
Herzog--."

"Das htte ich beinahe vergessen", antwortete dieser--"Nun", fuhr er
fort, "es kam endlich dahin, da man Ma und Gewicht geringer machte
und dem Herzog gab, was damit gewonnen wurde.  Da wurde aus dem
Scherz bitterer Ernst.  Es mochte mancher nicht ertragen, da rings
umher volles Ma und Gewicht und nur bei uns kein Recht sei.  Im
Remstal trug der Arme Konrad das neue Gewicht hinaus und machte die
Wasserprobe."

"Was ist das?" fragte der junge Mann.

"Ha!" lachte der Bauer, "das ist eine leichte Probe.  Man trug den
Pfundstein mit Trommeln und Pfeifen an die Rems und sagte:
'Schwimmt's oben, hat der Herzog recht, sinkt's unter, hat der Bauer
recht.' Der Stein sank unter, und jetzt zog der Arme Konrad Waffen an.
Im Remstal und im Neckartal bis hinauf gegen Tbingen und hinber
an die Alb standen die Bauern auf und verlangten das alte Recht.  Es
wurde gelandtagt und gesprochen, aber es half doch nichts.  Die
Bauern gingen nicht auseinander."

"Aber Du, von Dir sprichst Du ja gar nicht."

"Da ich's kurz sage, ich war einer der rgsten", antwortete Hans,
"ich war khn und trotzig, mochte nicht gerne arbeiten und wurde
wegen Jagdfrevel unmenschlich bestraft; da trat ich in den Armen
Konrad, und bald war ich so arg als der Gaispeter und der Bregenzer.
Der Herzog aber, als er sah, da der Aufruhr gefhrlich werden knne,
ritt selbst nach Schorndorf.  Man hatte uns zur Huldigung
zusammenberufen, wir erschienen zu vielen Hunderten, aber bewaffnet.
Der Herzog sprach selbst zu uns, aber man hrte ihn nicht an.  Da
stand der Reichsmarschall auf, erhob seinen goldenen Stab und sprach:,
Wer es mit dem Herzog Ulrich von Wrttemberg hlt, trete auf seine
Seite!' Der Gaispeter aber trat auf einen hohen Stein und rief: 'Wer
es mit dem Armen Konrad vom Hungerberg hlt, trete hierher!' Siehe,
da stand der Herzog verlassen unter seinen Dienern.  Wir andern
hielten zu dem Bettler."

"Oh schndlicher Aufruhr", rief Georg, vom Gefhl des Unrechts
ergriffen, "schndlich vor allen die, welche es so weit kommen lieen!
Da war gewi Ambrosius Volland, der Kanzler, an vielem schuld?"

"Ihr knnt recht haben", erwiderte der alte Spielmann, "doch hrt
weiter: der Herzog, als er sah, da seine Sache verloren sei, schwang
sich auf sein Ro, wir aber drngten uns um ihn her, doch noch wagte
es keiner, den Frsten anzutasten, denn er sah gar zu gebietend aus
seinen groen Augen auf uns herab.  'Was wollt Ihr Lumpen?' schrie er
und gab seinem Hengst die Sporen da er sich hoch aufbumte und drei
Mnner niederri.  Da erwachte unser Grimm; sie fielen seinem Ro in
die Zgel, sie stachen nach ihm mit Spieen und ich, ich verga mich
so, da ich ihn am Mantel packte und rief: 'Schiet den Schelmen tot!
'"

"Das warst Du, Hans?" rief Georg und sah ihn mit scheuen Blicken an.

"Das war ich", sagte dieser langsam und ernst, "aber es wurde mir
dafr, was mir gebhrte.  Der Herzog entkam uns damals und sammelte
ein Heer; wir konnten nicht lange aushalten und ergaben uns auf Gnad
und Ungnad.  Es wurden zwlf Anfhrer des Aufruhrs nach Schorndorf
gefhrt und dort gerichtet; ich war auch unter diesen.  Aber als ich
so im Kerker lag und mein Unrecht und den nahen Tod berdachte, da
graute mir vor mir selbst, und ich schmte mich, mit so elenden
Gesellen, wie die andern elf waren, gerichtet zu werden."

"Und wie wurdest Du gerettet?" fragte Georg teilnehmend.  "Wie ich
Euch schon in Ulm sagte, durch ein Wunder.  Wir zwlf wurden auf den
Markt gefhrt, es sollte uns dort der Kopf abgehauen werden.  Der
Herzog sa vor dem Rathaus und lie uns noch einmal vor sich fhren.
Jene elf strzten nieder, da ihre Ketten frchterlich rasselten, und
schrien mit jammernder Stimme um Gnade.  Er sah sie lange an und
betrachtete dann mich.

'Warum bittest Du nicht auch?' fragte er.  'Herr', antwortete ich,
'ich wei, was ich verdient habe, Gott sei meiner Seele gndig.' Noch
einmal sah er auf uns, dann aber winkte er dem Scharfrichter.  Wir
wurden nach dem Alter gestellt, ich, als der Jngste, war der letzte.
Ich wei wenig mehr von jenen schrecklichen Augenblicken; aber nie
vergesse ich den grulichen Ton, wenn die Halsknorpel krachten."

"Um Gottes willen hr auf", bat Georg, "oder bergehe das Grliche!"

"Neun Kpfe meiner Gesellen staken auf den Spieen, da rief der
Herzog: 'Zehn sollen bluten, zwei frei sein.  Bringt Wrfel her und
lat die drei dort wrfeln!' Man brachte Wrfel, der Herzog bot sie
mir zuerst; ich aber sagte: 'Ich habe mein Leben verwirkt und wrfle
nicht mehr darber!' Da sprach der Herzog: 'Nun, so wrfle ich fr
Dich.' Er bot den zwei andren die Wrfel hin.  Zitternd schttelten
sie in den kalten Hnden die Wrfel, zitternd zhlten sie die Augen:
der eine warf neun, der andere vierzehn; da nahm der Herzog die
Wrfel und schttelte sie.  Er fate mich scharf ins Auge, ich wei,
da ich nicht gezittert habe.  Er warf und deckte schnell die Hand
darauf.  'Bitte um Gnade', sagte er, 'noch ist es Zeit.' 'Ich bitte,
da Ihr mir verzeihen mgt, was ich

Euch Leids getan', antwortete ich, 'um Gnade aber bitt' ich nicht,
ich habe sie nicht verdient und will sterben.' Da deckte er die Hand
auf, und siehe, er hatte achtzehn geworfen.  Es war mir sonderbar
zumute, es kam mir vor, als habe er gerichtet an Gottes Statt.  Ich
strzte auf meine Knie nieder und gelobte, fortan in seinem Dienst zu
leben und zu sterben.  Der Zehnte wurde gekpft, wir beide waren frei

Mit immer hhersteigender Teilnahme hatte Georg der Erzhlung des
Pfeifers von Hardt zugehrt; aber als er scho, als sich das sonst so
khn und listig blickende Auge mit Trnen fllte, da konnte er sich
nicht enthalten, seine Hand zu fassen, sie fest und herzlich zu
drcken.  "Es ist wahr", sagte der junge Mann, "Du hast Schweres an
Deinem Landesherrn verschuldet, aber du hast auch schrecklich gebt,
denn Du hast den Tod dennoch erlitten; jenes schnelle Zcken des
Schwertes ist nichts mehr gegen das Gefhl, so viele bekannte
Menschen hinrichten und den Tod immer nherkommen zu sehen!  Und hast
Du nicht durch ein Leben voll Treue, durch Aufopferung und Wagnis
aller Art den Frsten vershnt, an den Du Deine Hand legtest?  Wie
oft hast Du ihm die Freiheit, vielleicht das Leben gerettet!
Wahrlich, Deine Schuld ist reichlich abgetragen."

Der arme Mann hatte, nachdem er seine Erzhlung geschlossen, wieder
mit dsterem Sinnen ins Feuer geschaut.  Er htte ganz teilnahmlos
geschienen, wenn nicht unter den Worten Georgs nach und nach ein
trbes Lcheln auf seinen Zgen erschienen wre.  "Meint Ihr", sagte
er, "ich htte gebt und meine Schuld abgetragen?  Nein, solche
Schulden tilgen sich nicht so bald, und ein geschenktes Leben mu fr
den ausgesetzt werden, der es uns fristete.  Das Umherschleichen in
den Bergen, Kundschaft bringen aus Feindes Lager, Hhlen zeigen, wo
man sich verbergen kann, das ist keine schwere Sache, Herr, und das
allein tut's nicht.  Ich wei, ich werde noch einmal fr ihn sterben
mssen und dann, Herr, nehmt Euch meines Weibes und meiner Tochter an."

Eine Trne fiel in seinen Bart; doch als schmte er sich, so weich zu
sein, verbarg er sein Gesicht in der Hand und fuhr fort:

"Doch dazu bin ich noch nicht gut genug; wie jeder Kriegsmann, wie
jeder im Volk, darf ich fr ihn sterben; oh knnte ich durch meinen
Tod seine Huldigung abndern und ihm das Land wieder verschaffen,
noch in dieser Stunde wollte ich sterben!"

Der Herzog erwachte; er richtete sich auf, er sah mit verwunderten
Blicken um sich her, als sei er durch einen Zauber in diese
Erdschlucht versetzt und sehe jetzt erst diese Felsen und Bume, das
sprliche Feuer und die von den Flammen beschienenen Mnner, seine
Begleiter; er bedeckte seine Augen mit der Hand, doch er sah wieder
auf, als prfe er, ob diese Erscheinungen bleiben;--sie blieben, und
schmerzlich sah er bald den einen, bald den andern an.  "Ich habe
heute ein Land verloren", sprach er, "es hat mich nicht so geschmerzt
als dieses Erwachen, denn ich habe es im Traum wieder und noch viel
schner besessen."

"Seid nicht ungerecht, Herr", sagte Marx Stumpf von Schweinsberg,
indem er sich aus seiner gebckten Stellung aufrichtete, "seid nicht
ungerecht gegen diese Wohltat der Natur.  Wie unglcklich wret Ihr,
wenn Ihr auch im Schlummer, der Eure Krfte fr das schwere Unglck
strken soll, Euren Verlust noch fhltet, auch da noch so dster
darber gebrtet httet.  Ihr seid finster und verschlossen
eingeschlummert, jetzt sind Eure Zge freundlicher; verdanken wir
dies nicht Eurem Traum?"

"So htte ich nie erwachen mgen, oh, da ich Jahrhunderte
fortgetrumt htte und dann erwacht wre; es war so schn, so
trstlich, was ich trumte!"

Er sttzte die Stirn in die Hand und schien schmerzlich bewegt.  Der
alte Herr von Lichtenstein war von den Stimmen der Sprechenden
geweckt worden; er kannte Ulrich und wute, da man ihn nicht ber
seinen schmerzlichen Verlust brten lassen drfe; er nickte ihm daher
nher und sprach:

"Nun, und wollt Ihr uns nicht auch sagen, was Ihr getrumt habt?
Vielleicht liegt auch fr uns ein Trost darin, denn wit, ich glaube
an Trume, wenn sie in einer wichtigen verhngnisvollen Stunde in
unsere Seele einziehen, und ich glaube, sie kommen von oben, um uns
zu trsten."

Der Herzog schwieg noch eine Weile, er schien ber die Worte des
Ritters nachzusinnen, dann fing er an, zu erzhlen.  "Mein Schwager,
Wilhelm von Bayern, hat mir heute zur Probe seiner Freundlichkeit die
Burg meiner Ahnen niedergebrannt.  Dort hausten seit undenklichen
Zeiten die Wrttemberger, und das Land, das Wir besitzen, trgt von
diesem Schlo den Namen.  Es scheint, als habe er damit Uns eine
Todesfackel anznden, und mit diesen Flammen Unser Wappen und
Gedchtnis und selbst den Namen Wrttemberg vertilgen wollen.  Und
fast knnte er recht haben; denn mein einziges Shnlein, Christoph,
ist in fernen Landen, mein Bruder Georg hat noch keine Kinder, und
ich--bin geschlagen, verjagt, sie haben wiederum mein Land besetzt,
und wo ist Hoffnung, da ich es wieder einmal erlange?  Wie ich nun
so ganz verlassen und elend hier am Feuer sa, wie ich nachdachte
ber mein kurzes Glck und wie ich vielleicht mein Unglck selbst
verschuldet habe; wie ich bedachte, auf welch schwachen Sttzen meine
Hoffnung beruhe, und wie selbst der Name Wrttemberg auslschen knne,
gleich den letzten Funken in der Asche meiner Stammburg, da
bermannte mich der Jammer, und bitterer als je fhlte ich die
Schlge meines Schicksals.  Unter diesen Gedanken entschlief ich.
Doch wie im Wachen meine Seele mit Sehnsucht und Trauer auf den Hhen
des roten Berges und um die rauchenden Trmmer von Wrttemberg
schwebte, so erging sich mein Geist auch im Traum dort."

Ulrich hielt inne; es war, als flle ein Bild seine Seele, das zu
schn, zu gro sei, um es mit sterblichen Lippen zu beschreiben; ein
milder Friede lag auf den Zgen des unglcklichen Frsten, und ein
wunderbarer Glanz drang aus seinen aufwrts gerichteten Augen.  Die
Mnner umher blickten ihn staunend an; sie hingen an seinen Lippen
und lauschten auf seine Rede, die ihnen so Wichtiges zu verknden
schien.

"Hrt weiter", fuhr er fort.  "Ich sah herab auf das schne Neckartal.
Der Flu zog wie sonst in schnen blauen Bogen hin, aber das Tal
und die Berge schienen mir lieblicher, glnzender, die Wlder auf den
Hhen waren verschwunden, die Wiesen waren nicht mehr, sondern von
Berg zu Berg zog sich ein groer Garten voll grner Reben, und im Tal
sah man Obstbume und schne blhende Grten ohne Zahl.  Ich stand
entzckt und schaute immer wieder hin, denn die Sonne erschien
freundlicher, der Himmel blauer und reiner, das Grn der Reben und
Bume glnzender als jetzt.  Und als ich mein trunkenes Auge erhob
und hinberschaute ber den Neckar, da gewahrte ich auf einem Hgel
am Flu ein freundliches Schlo, das im Glanz der Morgensonne sich
spiegelte; es lag so friedlich da, da sein Anblick meiner Seele
wohltat, denn keine Grben und hohe Mauern, keine Trme und Zinnen,
kein Fallgatter, keine Zugbrcke erinnerte an den Zwist der Vlker
und an das unsichere, wechselnde Geschick der Sterblichen.

Und als ich verwundert ber den tiefen Frieden des Tales und jenes
unbewachten Schlosses mich umsah, waren auch die Mauern meiner Burg
verschwunden; doch hier wenigstens log der Traum nicht, denn ich sah
ja gestern die Zinnen strzen und den Wartturm sinken, von welchem
sonst mein Panier in den Lften wehte.  Kein Stein von Wrttemberg
war mehr zu sehen, aber ein Tempel stand dort mit Sulen und Kuppeln,
wie man sie in Rom und Griechenland findet.  Ich dachte nach, wie
dies alles auf einmal so habe kommen knnen, da gewahrte ich Mnner
in fremder Kleidung, die nicht weit von mir standen und auf das Land
hinabschauten.

Der eine dieser Mnner zog vor den brigen meine Aufmerksamkeit auf
sich; er hatte einen schnen Knaben an der Hand, dem er das Tal zu
seinen Fen und die Berge umher und den Flu und die Stdte und
Drfer in der Nhe und Ferne zeigte.  Ich betrachtete den Mann, er
trug die Zge meines Bruders Georg, und es war mir, als msse er zum
Stamm meiner Ahnen gehren und ein Wrttemberg sein; er stieg mit dem
Knaben den Berg hinab ins Tal, und die andern Mnner folgten ihm in
ehrerbietiger Entfernung; den letzten hielt ich auf und frage ihn,
wer jener gewesen sei, der dem Knaben das Land gezeigt habe?  'Das
war der Knig', sagte er und stieg mit den anderen den Berg hinab."

Der Herzog schwieg und sah die Ritter forschend an, als wollte er
ihre Meinung hren; sie schwiegen lange; endlich nahm der Ritter von
Lichtenstein das Wort und sprach.  "Ich bin fnfundsechzig Jahre alt
und habe vieles gesehen und gehrt auf Erden, und manches, worber
der menschliche Geist erstaunte und wo ein frommer Sinn den Finger
der Gottheit sah.  Glaubt mir, auch die Trume kommen von Gott, denn
nichts geschieht auf Erden ohne Ursache.  Es hat in alten Zeiten
Seher und Propheten gegeben, warum sollte nicht auch in unseren Tagen
der Herr seiner Heiligen einen herabsenden, da er einem
Unglcklichen im Traum die dunklen Pforten der Zukunft ffnen und ihn
einen Blick in knftige, schnere Tage tun lasse?  Drum seid
getrosten Mutes, Herr!  Eure Feste hat der Feind verbrannt.  Ihr habt
an einem Tag ein Herzogtum verloren, aber dennoch wird Euer Name
nicht verlschen, und Euer Gedchtnis wird nicht verloren sein in
Wrttemberg."

"Ein Knig", sprach der Herzog sinnend, "ist es nicht vermessen,
jetzt, wo ich hinaus mu ins Elend, jetzt an einen Knig meines
Stammes zu denken?  Kann nicht auch die Hlle solche Trume
vorspiegeln, um uns nachher desto bitterer zu tuschen?"

"Was zweifelt Ihr an der Zukunft?" sagte Schweinsberg lchelnd.
"Htte einer Eurer ritterlichen Ahnen, die auf Wrttemberg hausten,
htte einer wissen knnen, da seine Enkel Herzoge sein, da das
weite schne Land ihren Namen Wrttemberg tragen wrde?  Nehmt Euren
Traum als den Wink des Schicksals hin, da Euer Name in ferner,
ferner Zeit auf diesem Land bleiben, da die spteren Frsten
Wrttembergs die Zge eures Stammes tragen werden."

"Wohlan, so will ich hoffen", erwiderte Ulrich von Wrttemberg, "will
hoffen, da Uns das Land verbleibe, wie dunkel auch jetzt unsere Lose
seien.  Mgen unsere Enkel nie so harte Zeiten sehen wie Wir, mge
man auch von ihnen sagen, sie sind--furchtlos!"

"Und treu!" sprach der Bauer mit Nachdruck und stand auf.  "Doch ist
es Zeit, Herr Herzog, da Ihr aufbrecht.  Das Morgenrot ist nicht
mehr fern, und ber den Neckar wenigstens mssen wir kommen, solange
es noch dunkel ist."

Sie standen auf und waffneten sich.  Die Pferde wurden herbeigefhrt,
sie saen auf, und der Pfeifer ging voran, den Weg aus der Schlucht
zu zeigen.  Die Reise des Herzogs zum Land hinaus war mit groer
Gefahr verbunden, denn der Bund suchte seiner mit aller Mhe habhaft
zu werden.  Um auf einen Weg zu gelangen, wo er sicher seinen Feinden
entgehen knnte, war der Herzog gentigt, noch einmal ber den Neckar
zu gehen.  Dieser bergang war nicht ohne Gefahr.  Ein starker
Gewitterregen hatte den Flu angeschwellt, so da es nicht mglich
schien, ihn mit den Pferden zu durchschwimmen.  Die Brcken aber
waren zum grten Teil vom Bund besetzt worden; doch auch hier wute
Hans guten Rat, denn er hatte durch treue Leute ausgespht, da die
Brcke von Kngen noch frei sei.  Man hatte sich wohl nicht die Mhe
genommen, sie zu besetzen, weil sie Elingen und dem feindlichen
Lager allzu nahe war, als da man htte glauben knnen, der Herzog
werde dort vorberkommen.  Dieser Weg schien wegen seiner groen
Gefahr die meiste Sicherheit zu gewhren.  Ihn whlte Ulrich, und so
zogen sie still und vorsichtig dem Neckar zu.

Als sie aus dem Wald ins Feld herauskamen, schumte schon das
Morgenrot den Horizont.  Sie ritten jetzt auf besserem Wege schrfer
zu, und bald sahen sie den Neckar schimmern, und die hochgewlbte
Brcke lag nicht mehr fern von ihnen.  In diesem Augenblick sah sich
Georg um und gewahrte eine bedeutende Anzahl Reiter, die von der
Seite her hinter ihnen zogen.  Er machte seine Begleiter darauf
aufmerksam.  Sie sahen sich besorgt um und musterten den Zug, der
wohl fnfundzwanzig Pferde betragen mochte.  Es schien bndische
Reiterei zu sein, denn des Herzogs Vlker waren gesprengt und zogen
nicht mehr in so geordneten Scharen wie diese.

Noch zogen jene ruhig ihren Weg und schienen die kleine Gesellschaft
nicht zu bemerken, aber dennoch schien es ratsam, die Brcke zu
gewinnen, wo sich drei Wege schieden, ehe man von ihnen angerufen und
befragt wrde.  Der Pfeifer lief voran, so schnell er konnte, der
Herzog und die Ritter folgten ihm in gestrecktem Trab, und je weiter
sie sich von den Bndischen entfernten, desto leichter wurde ihnen
ums Herz, denn alle bangten nicht fr ihr eigenes Leben, wohl aber
fr die Freiheit Ulrichs.

Sie hatten die Brcke erreicht, sie zogen hinauf, aber in demselben
Augenblick, wo sie oben auf der Mitte der hohen Wlbung angekommen
waren, sprangen zwlf Mnner, mit Spieen, Schwertern und Bchsen
bewaffnet, hinter der Brcke hervor und besetzten den Ausgang, Der
Herzog sah, da er entdeckt war und winkte seinen Begleitern
rckwrts.  Lichtenstein und Schweinsberg, die letzten, wandten ihre
Rosse, aber schon war es zu spt, denn die bndischen Reiter, die
ihnen im Rcken nachgezogen waren, hatten sich in Galopp gesetzt und
den Eingang der Brcke in diesem Augenblick erreicht und besetzt.

Noch war es zu dunkel, als da man den Feind genau htte
unterscheiden knnen, doch nur zu bald zeigten sich seine feindlichen
Absichten.  "Ergebt Euch, Herzog von Wrttemberg", rief eine Stimme,
die den Rittern nicht unbekannt schien.  "Ihr seht, es ist kein
Ausweg da zur Flucht!"

"Wer bist Du, da Wrttemberg sich Dir ergeben soll?" antwortete
Ulrich mit grimmigem Lachen, indem er sein Schwert zog.  "Du sitzt ja
nicht einmal zu Ro; bist du ein Ritter?"

"Ich bin der Doktor Calmus", entgegnete jener, "und bin bereit, die
vielen Liebesdienste zu vergelten, die Ihr mir erwiesen habt.  Ein
Ritter bin ich, denn Ihr habt mich ja zum Ritter vom Esel gemacht.
Aber ich will euch dafr zum Ritter ohne Ro machen.  Abgestiegen,
sags' ich im Namen des durchlauchtigsten Bundes."

"Gib Raum, Hans", flsterte der Herzog mit unterdrckter Stimme dem
Spielmann zu, der mit gehobener Axt zwischen ihm und dem Doktor stand,
"geh, tritt auf die Seite.  Ihr Freunde, schliet Euch an, wir
wollen pltzlich auf sie einfallen, vielleicht gelingt es,
durchzubrechen!" Doch nur Georg vernahm diesen Befehl des Herzogs,
denn die zwei andern Ritter hielten wohl zehn Schritte hinter ihnen
den Eingang besetzt und waren schon mit den bndischen Reitern im
Gefecht, die umsonst dieses ritterliche Paar zu durchbrechen und zu
dem Herzog durchzudringen versuchten.  Georg schlo sich an Ulrich an
und wollte mit ihm auf den Doktor und die Knechte einsprengen: aber
diesem war das Flstern des Herzogs nicht entgangen.  "Drauf, ihr
Mnner!  Der im grnen Mantel ist's; lebendig oder tot!" rief er,
drang mit seinen Knechten vor und griff zuerst an.  Sein langer Arm
fhrte einen fnf Ellen langen Spie.  Er zckte ihn nach Ulrich, und
es wre vielleicht um ihn geschehen gewesen, da er ihn in der
Dunkelheit nicht gleich bemerkte.  Doch Hans kam ihm zuvor, und indem
der berhmte Doktor Kahlmuser nach der Brust seines Herrn stie, war
ihm die Axt des Pfeifers tief in die Stirn gedrungen.  Er fiel, so
lang er war, mit Gebrll auf die Knechte zurck.  Sie stutzten, der
Bauersmann schien ein schrecklicher Kmpfer, denn seine Axt schwirrte
immer noch in der Luft, er bewegte sie wie eine Feder hin und her;
sie zogen sich sogar einige Schritte zurck.  Diesen Augenblick
bentzte Georg, ri dem Herzog den grnen Mantel ab, hing ihn sich
selbst um und flsterte ihm zu, sein Pferd zu spornen und sich ber
die Brstung der Brcke hinabzustrzen.  Der Herzog warf einen Blick
auf die hochgehenden Wellen des Neckars und hinauf zum Himmel.  Es
schien keine andere Rettung mglich, und er wollte lieber auf Leben
und Tod den Sprung wagen, als seinen Feinden in die Hnde fallen.
Doch der Anblick, der sich ihm in diesem schrecklichen Moment darbot,
zog ihn noch einmal zurck.

Die Knechte hatten die Speere vorgestreckt und drangen vor.  Der
Pfeifer stand noch immer, obgleich aus mehreren Wunden blutend, und
schlug mit der Axt ihre Speere nieder.  Seine Augen blitzten, seine
khnen Zge trugen den Ausdruck von freudiger Begeisterung, und das
Lcheln, das um seinen Mund zog, war nicht das der Verzweiflung, nein,
seine mutige Seele erbebte nicht vor dem nahenden Tod, er blickte
ihm mit stolzer Freude entgegen als sei er der Kampfpreis, um den er
so viele Sorgen und Gefahren auf sich genommen habe.  Noch einen
schlug er mit seiner starken Rechten zu Boden, da stie ihm einer der
Knechte von der Seite her die Hellebarde in die Brust, in diese treue
Brust, die noch im Tod ein Schild fr den unglcklichen Frsten war,
dem nie ein treueres Herz geschlagen hatte.  Er wankte, er sank
zusammen, er heftete das brechende Auge auf seinen Herrn.  "Herr
Herzog, wir sind quitt", rief er freudig aus und senkte sein Haupt
zum Sterben.

An ihm vorber ging der Weg der Knechte, die mit Freudengeschrei
nher zudrangen--da warf sich Georg von Sturmfeder in die Mitte,
seine Klinge schwirrte in der Luft, und so oft sie niederfiel, zuckte
einer der Feinde am Boden.  Es war der letzte Schild Herzog Ulrichs
von Wrttemberg, sank dieser noch, so war Gefangenschaft oder Tod
unvermeidlich.  Drum wandte er sich zum letzten Mittel.  Er warf noch
einen trnenschweren Blick auf die Leiche jenes Mannes, der seine
Treue mit dem Tod besiegelt hatte.  Dann ri er sein mchtiges
Streitro zur Seite, spornte es, da es sich hoch aufbumte, wandte
es mit einem starken Druck rechts, und--in einem majesttischen
Sprung setzte es ber die Brstung der Brcke und trug seinen
frstlichen Reiter hinab in die Wogen des Neckars.

Georg hielt inne mit Fechten, er sah dem Herzog nach Ro und Reiter
waren niedergetaucht, doch das mchtige Tier kmpfte mit den Wirbeln,
schwamm, arbeitete sich herauf, und wie die beste Barke schwamm es
mit dem Herzog den Strom hinab.  Dies alles war das Werk weniger
Augenblicke, einige der Knechte wollten hinabspringen ans Ufer, um
sich des khnen Ritters zu bemchtigen, doch einer, der Georg am
nchsten war, rief ihnen zu: "Lat ihn schwimmen, an dem ist nichts
gelegen, das hier ist der grne Vogel, das ist der grne Mantel, den
lat uns fassen." Georg blickte dankbar auf zum Himmel!  Er lie sein
Schwert sinken und ergab sich den Bndischen.  Sie schlossen einen
Kreis um ihn und lieen es willig geschehen, da er abstieg und zu
der Leiche jenes Mannes trat, der ihnen so schrecklich erschienen war.
Georg fate die Hand, welche noch immer die blutige Axt festhielt.
Sie war kalt.  Er suchte, ob das treue Herz noch schlage, aber der
tdliche Sto der Lanze hatte es nur zu gut getroffen.  Das Auge, das
einst so khn und mutig blickte, war gebrochen, geschlossen der Mund,
der auch in den trbsten Stunden einen ungebeugten, frohen Sinn
verkndete.  Seine Zge waren erstarrt, aber noch schwebte um seine
Lippen jenes Lcheln, das den letzten Gru, den er seinem Herrn
entbot, begleitet hatte.  Georgs Trnen fielen auf ihn herab.  Er
drckte noch einmal die Hand des Pfeifers, schlo ihm die Augen zu
und schwang sich auf, um den Knechten in ihr Lager zu folgen.




Kapitel 36


Nach einem Marsch von beinahe drei Stunden nherte sich der Trupp der
bndischen Knechte, den Gefangenen in ihrer Mitte, dem Lager.  Sie
hatten nicht gewagt, sich laut zu unterreden, aber ihre Mienen
verkndeten groen Triumph, und Georgs scharfem Ohr entging es nicht,
wie sie flsternd den Gewinn berechneten, den sie aus dem Herzog im
grnen Mantel ziehen wrden.  Ein freudiges Gefhl bewegte seine
Brust, er glaubte hoffen zu drfen, da der unglckliche Frst durch
seine khne Aufopferung Zeit gewonnen habe, sich zu retten.  Nur der
Gedanke an Marie trbte auf Augenblicke seine Freude.  Wie gro mute
ihr Kummer schon gewesen sein, als sie die Nachricht vom Ausgang der
Schlacht bekam; er hatte ihr zwar durch treue Mnner die Nachricht
gesandt, da er unverletzt aus dem Streit gegangen sei; aber wute er
nicht, da die traurige Entscheidung von Wrttembergs Schicksal ihre
Seele tief betrben, da ihre Blicke ngstlich dem Geliebten auf den
Gefahren der Flucht folgen werden, da ihre Sehnsucht zu jeder Stunde
seinen Namen nenne und ihn zurckrufe.

Und durfte er hoffen, vom Bund zum zweitenmal so leicht entlassen zu
werden wie damals in Ulm?  Gefangen mit den Waffen in der Hand,
bekannt als eifriger Freund des Herzogs--mute er nicht frchten,
einer langen Gefangenschaft, einer grausamen Behandlung
entgegenzugehen?  Die Ankunft an dem ueren Posten des Lagers
unterbrach diese dsteren Gedanken.  Die Knechte schickten einen aus
ihrer Mitte ab, um die Bundesobersten von ihrem Fang zu
benachrichtigen und Befehle einzuholen, wohin man ihn fhren solle.
Es war dies eine peinliche Viertelstunde fr Georg; er wnschte, mit
Frondsberg zusammenzutreffen; er glaubte hoffen zu drfen, da dieser
edle Freund seines Vaters ihm seine gtigen Gesinnungen erhalten
haben mchte, da er ihn zum wenigsten billiger beurteilen werde als
Waldburg Truchse und so mancher andere, der ihm frher nicht gnstig
war.

Der Knecht kam zurck; der Gefangene sollte so still als mglich und
ohne Aufsehen in das groe Zelt gefhrt werden, wo die Obersten
gewhnlich Kriegsrat hielten.  Man schlug zu diesem Gang einen
Seitenweg ein, und die Knechte baten Georg; seinen Helm zu schlieen,
damit man ihn nicht erkenne, ehe er vor den Rat gefhrt wrde.  Gern
befolgte er diese Bitte, denn es war ihm in einem solchen Fall nichts
unertrglicher, als sich den Blicken neugieriger oder schadenfroher
Menschen aussetzen zu mssen.  Sie gelangten endlich an das groe
Zelt.  Diener aller Art waren hier versammelt, und die verschiedenen
Farben und Binden, mit welchen sie geschmckt waren, lieen auf eine
zahlreiche Versammlung edler Herren und Ritter im Innern des Zeltes
schlieen.

Schon mochte die Nachricht unter sie gekommen sein, da einige
Knechte einen Mann von Bedeutung gefangen haben, denn sie drngten
sich nahe herbei, als Georg sich aus dem Sattel schwang; und ihre
neugierigen Blicke schienen durch die ffnungen des Visiers dringen
zu wollen, um die Zge des Gefangenen zu schauen.  Ein Edelknabe
suchte, Raum zu machen, und er mute seine Zuflucht zu dem "Namen der
Bundesobersten" nehmen, um diese dichte Masse zu durchbrechen und dem
gefangenen Ritter einen Weg in das Innere des Zeltes zu bahnen.  Drei
jener Knechte, die ihn begleitet hatten, durften folgen; sie glhten
vor Freude und glaubten nicht anders, als jene Goldgulden sogleich in
Empfang nehmen zu knnen, die auf die Person des Herzogs von
Wrttemberg gesetzt waren.

Der letzte Vorhang tat sich auf, und Georg trat mutig und festen
Schrittes ein und berschaute die Mnner, die ber sein Schicksal
entscheiden sollten.  Es waren wohlbekannte Gesichter, die ihn so
fragend und durchdringend anschauten.  Noch waren die dsteren Blicke
und die feindliche Stirn des Truchse von Waldburg seinem Gedchtnis
nicht entfallen, und der spttische, beinahe hhnische Ausdruck in
den Mienen dieses Mannes weissagte ihm nichts Gutes.  Sickingen,
Alban von Glosen Hutten--sie alle saen wie damals vor ihm, als er
dem Bund auf ewig Lebewohl sagte; aber wie vieles hatte sich gendert.
Und eine Trne fllte sein Auge, als er auf jene teure Gestalt, auf
jene ehrrdigen Zge fiel, die sich tief in sein dankbares Herz
gegraben hatten.  Es war nicht Hohn, nicht Schadenfreude, was man in
Georg von Frondsbergs Mienen las, nein, er sah den Nahenden mit jenem
Ausdruck von wrdigem Ernst, von Wehmut an, womit ein edler Mann den
tapferen, aber besiegten Feind begrt.

Als Georg diesen Mnnern gegenberstand, hub der Truchse von
Waldburg an: "So hat doch endlich der schwbische Bund einmal die
Ehre, den erlauchten Herzog von Wrttemberg vor sich zu sehen;
freilich war die Einladung zu uns nicht allzu hflich, doch um--."

"Ihr irrt Euch!" rief Georg von Sturmfeder und schlug das Visier
seines Helmes auf.  Als shen sie Minervas Schild und sein
Medusenhaupt, so bebten die Bundesrte vor dem Anblick der schnen
Zge des jungen Ritters.  "Ha!  Verrter!  Ehrlose Buben!  Ihr Hunde!"
rief Truchse den drei Knechten zu.  "Was bringt Ihr uns diesen
Laffen, dessen Anblick meine Galle aufregt, statt des Herzogs?
Geschwind, wo ist er?  Sprecht!"

Die Knechte erbleichten.  "Ist's nicht dieser?" fragten sie ngstlich.
"Er hat doch den grnen Mantel an."

Der Truchse zitterte vor Wut und seine Augen sprhten Verderben; er
wollte auf die Knechte hinstrzen, er sprach davon, sie zu erwrgen;
aber die Ritter hielten ihn zurck, und Hutten, zornbleich, aber
gefater als jener, fragte; "Wo ist der Doktor Calmus, lat ihn
hereinkommen, er soll Rechenschaft ablegen, er hat den Zug bernommen."

"Ach, Herr", sagte einer der Knechte, "der legt Euch keine
Rechenschaft mehr ab; er liegt erschlagen auf der Brcke bei Kngen!"

"Erschlagen?" rief Sickingen.  "Und der Herzog ist entkommen?
Erzhlt, Ihr Schurken!"

"Wir legten uns, wie uns der Doktor befahl, bei der Brcke in
Hinterhalt.  Es war beinahe noch dunkel, als wir den Hufschlag von
vier Rossen hrten, die sich der Brcke nherten, zugleich vernahmen
wir das Zeichen, das uns die Reiter ber dem Flu geben sollten, wenn
die Herzoglichen aus dem Wald kmen.  'Jetzt ist's Zeit', sagte der
Kahlmuser.  Wir standen schnell auf und besetzten den Ausgang der
Brcke.  Es waren, soviel wir im Halbdunkel unterscheiden konnten,
vier Reiter und ein Bauersmann; die zwei hintersten wandten sich um
und fochten mit unsern Reitern, die zwei vorderen und der Bauer
machten sich an uns.  Doch wir streckten ihnen die Lanzen entgegen,
und der Doktor rief ihnen zu, sich zu ergeben.  Da drangen sie wtend
auf uns ein; der Doktor sagte uns, der im grnen Mantel sei der
Rechte, und wir htten ihn bald gehabt; aber der Bauer, wenn es nicht
der Teufel selbst war, schlug den Doktor und noch zwei von uns nieder.
Jetzt stach ihm einer die Hellebarde in den Leib, da er fiel, und
dann ging es auf die Reiter.  Wir packten allesamt den im grnen
Mantel, wie uns der Kahlmuser geheien, der andere aber strzte sich
mit seinem Ro ber die Brcke hinab in den Neckar und schwamm davon.
Wir aber lieen ihn ziehen weil wir den Grnen hatten, und brachten
diesen hierher."

"Das war Ulrich und kein anderer!" rief Alban von Closen.  "Ha!
ber die Brcke hinab in den Neckar!  Das tut ihm keiner nach!"

"Man mu ihm nachjagen", fuhr der Truchse auf, "die ganze Reiterei
mu aufsitzen und hinab am Neckar streifen, ich selbst will hinaus--."

"Oh, Herr", entgegnete einer der Knechte, "da kommt Ihr zu spt; es
sind drei Stunden jetzt, da wir von der Brcke abzogen, der hat
einen guten Vorsprung und kennt das Land wohl besser als alle Reiter!"

"Kerl, willst Du mich noch hhnen?  Ihr habt ihn entkommen lassen, an
Euch halte ich mich, man rufe die Wache; ich lasse Euch aufhngen."

"Migt Euch", sagte Frondsberg, "die armen Burschen trifft der
Fehler nicht; sie htten sich gern das Gold verdient, das auf den
Herzog gesetzt war.  Der Doktor hat gefehlt, und Ihr hrt, da er es
mit dem Leben zahlte."

"Also Ihr habt heute den Herzog vorgestellt?" wandte sich Waldburg zu
Georg, der still dieser Szene zugesehen hatte.  "Mt Ihr mir berall
in den Weg laufen, mit Eurem Milchgesicht?  berall hat Euch der
Teufel, wo man Euch nicht braucht.  Es ist nicht das erste Mal, da
Ihr meine Plne durchkreuzt."

"Wenn Ihr es gewesen seid, Herr Truchse", antwortete Georg, "der bei
Neussen den Herzog meuchlings berfallen lassen wollte, so bin ich
Euch leider in den Weg gekommen, denn Eure Knechte haben mich
niedergeworfen."

Die Ritter erstaunten ber diese Rede und sahen den Truchse fragend
an.  Er errtete, man wute nicht aus Zorn oder Beschmung, und
entgegnete: "Was schwatzt Ihr da von Neussen?  Ich wei von nichts;
doch wenn man Euch dort niedergeworfen hat, so wnsche ich, Ihr wret
nimmer aufgestanden, um mir heute vor Augen zu kommen.  Doch es ist
auch so gut; Ihr habt Euch als ein erbitterter Feind des Bundes
bewiesen, habt heimlich und offen fr den gechteten Herzog gehandelt,
teilt also seine Schuld gegen den Bund und das ganze Reich; seid
berdies heute mit den Waffen in der Hand gefangen worden--Euch
trifft die Strafe des Hochverrats an dem allerdurchlauchtigsten Bund
des Schwaben- und Frankenlandes."

"Dies dnkt mir eine lcherliche Beschuldigung", erwiderte Georg mit
mutigem Ton, "Ihr wit wohl, wann und wo ich mich vom Bund losgesagt
habe; Ihr habt mich auf vierzehn Tage Urfehde schwren lassen; so
wahr Gott ber mir ist, ich habe sie gehalten.  Was ich nachher getan,
davon habt Ihr nicht Rechenschaft zu fordern, weil ich Euch nicht
mehr verpflichtet war, und was meine Gefangennehmung mit den Waffen
in der Hand betrifft, so frage ich Euch, edle Herren, welcher Ritter
wird, wenn er von sechs oder acht angegriffen wird, sich nicht seines
Lebens wehren?  Ich verlange von Euch ritterliche Haft und erbiete
mich, Urfehde zu schwren auf sechs Wochen; mehr knnt Ihr nicht von
mir verlangen."

"Wollt Ihr uns Gesetze vorschreiben?  Ihr habt gut gelernt bei dem
bermtigen Herzog; ich hre ihn aus Euch sprechen; doch keinen
Schritt sollt Ihr zu Eurer Sippschaft tun, bis Ihr gesteht, wo der
alte Fuchs, Euer Schwiegervater, sich aufhlt und welchen Weg der
Herzog genommen hat."

"Der Ritter von Lichtenstein wurde von Euren Reitern gefangengenommen;
welchen Weg der Herzog nahm, wei ich nicht und kann es mit meinem
Wort bekrftigen."

"Ritterliche Haft?" rief der Truchse bitter lachend.  "Da irrt Ihr
Euch gewaltig; zeigt vorher, wo Ihr die goldenen Sporen verdient habt!
Nein, solches Gelichter wird bei uns ins tiefste Verlie geworfen,
und mit Euch will ich den Anfang machen."

"Ich denke, dies ist unntig", fiel ihm Frondsberg ins Wort, "ich
wei, da Georg von Sturmfeder zum Ritter geschlagen wurde; berdies
hat er einem bndischem Edlen das Leben gerettet; Ihr werdet Euch
wohl an die Aussage des Dietrich von Kraft erinnern.  Auf Verwenden
dieses Ritters wurde er von einem schmhlichen Tod befreit und sogar
in Freiheit gesetzt.  Er kann dieselbe Behandlung von uns verlangen."

"Ich wei, da Ihr ihm immer das Wort geredet, da er Euer Schokind
war; aber diesmal hilft es ihm nicht, er mu nach Elingen in den
Turm, und jetzt den Augenblick--."

"Ich leiste Brgschaft fr ihn", rief Frondsberg, "und habe hier so
gut mitzusprechen wie Ihr.  Wir wollen abstimmen ber den Gefangenen,
man fhre ihn einstweilen in mein Zelt."

Einen Blick des Dankes warf Georg auf die ehrwrdigen Zge des Mannes,
der ihn auch jetzt wieder aus der drohenden Gefahr rettete.  Der
Truchse aber winkte mrrisch den Knechten, dem Befehl des
Oberfeldhauptmanns zu folgen, und Georg folgte ihnen durch die
Straen des Lagers nach Frondsbergs Zelt.

Nicht lange nachher stand der Mann vor ihm, dem er so unendlich viel
zu danken hatte.  Er wollte ihm danken, er wute nicht, wie er ihm
seine Ehrfurcht bezeigen sollte; doch Frondsberg sah ihn lchelnd an
und zog ihn in seine Arme.  "Keinen Dank, keine Entschuldigung!"
sprach er, "sah ich doch alles dies voraus, als ich in Ulm von Dir
Abschied nahm; doch Du wolltest es nicht glauben, wolltest Dich
vergraben in die Burg Deiner Vter.  Ich kann Dich nicht schelten;
glaube mir, das Feldlager und die Strme so vieler Kriege haben mein
Herz nicht so verhrtet, da ich vergessen knnte, wie mchtig die
Liebe zieht!"

"Mein Freund, mein Vater!" rief Georg; indem er freudig errtete.

"Ja, das bin ich; der Freund Deines Vaters, Dein Vater, drum war ich
oft stolz auf Dich, wenn Du auch in den feindlichen Reihen standest.
Dein Name wurde, so jung Du bist, mit Ehrfurcht genannt, denn Treue
und Mut ehrt ein Mann auch am Feind.  Und glaube mir, es kam den
meisten von uns erwnscht, da der Herzog entkam; was konnten wir mit
ihm beginnen?  Der Truchse htte vielleicht einen bereilten Streich
gemacht, den wir alle zu ben gehabt htten."

"Und was wird mein Schicksal sein?" fragte Georg.  "Werde ich lange
in Haft gehalten werden?  Wo ist der Ritter von Lichtenstein?  Oh
mein Weib!  Darf sie mich nicht besuchen?"

Frondsberg lchelte geheimnisvoll.  "Das wird schwer halten", sagte
er, "Du wirst unter sicherer Bedeckung auf eine Feste gefhrt und
einem Wchter bergeben werden, der Dich streng bewachen und nicht so
bald entlassen wird.  Doch sei nicht ngstlich, der Ritter von
Lichtenstein wird mit Dir dorthin abgefhrt werden, und Ihr beide
mt auf ein Jahr Urfehde schwren."

Frondsberg wurde hier durch drei Mnner unterbrochen, die in das Zelt
strmten, es war der Feldhauptmann von Breitenstein und Dietrich von
Kraft, die den Ritter von Lichtenstein in ihrer Mitte fhrten.

"Hab' ich Dich wieder, wackerer Junge!" rief Breitenstein, indem er
Georgs Hand drckte.  "Du machst mir schne Streiche.  Dein alter
Oheim hat Dich mir auf die Seele gebunden, ich solle einen tchtigen
Kmpen aus Dir ziehen, der dem Bund Ehre mache, und nun lufst Du zu
dem Feind und haust und stichst auf uns und httest gestern beinahe
die Schlacht gewonnen durch Dein tollkhnes Stckchen auf unsere
Geschtze."

"Jeder nach seiner Art", entgegnete Frondsberg, "er hat uns aber auch
in Feindes Reihen Ehre gemacht."

Der Ritter von Lichtenstein umarmte seinen Sohn.  "Er ist in
Sicherheit", flsterte er ihm zu, und beider Augen glnzten vor
Freude, zu der Rettung des unglcklichen Frsten beigetragen zu haben.
Da fielen die Blicke des alten Ritters auf den grnen Mantel, der
noch immer um Georgs Schultern hing; er sah ihn nher an.  "Ha!
Jetzt erst verstehe ich ganz, wie alles so kommen konnte", sprach er
bewegt, und eine Trne der Freude hing an seinen grauen Wimpern, "sie
nahmen Dich fr ihn; was wre aus ihm geworden, wenn Dich der Mut nur
einen Augenblick verlassen htte?  Du hast mehr getan als wir alle,
Du hast gesiegt, wenn wir jetzt auch Besiegte heien, komm an mein
Herz, Du wrdiger Sohn."

"Und Marx Stumpf von Schweinsberg?" fragte Georg; "auch er gefangen?"

"Er hat sich durchgehauen, wer vermchte auch seinen Hieben zu
widerstehen?  Meine alten Knochen sind mrbe, an mir liegt nichts
mehr; aber er ist dem Herzog nachgezogen und wird ihm eine bessere
Hilfe sein als fnfzig Reiter.  Doch den Pfeifer sah ich nicht, sag,
wie ist er entkommen aus dem Streit?"

"Als ein Held", erwiderte der junge Mann, von der Wehmut der
Erinnerung bewegt, "er liegt erstochen an der Brcke."

"Tot?" rief Lichtenstein und seine Stimme zitterte.  "Die treue Seele!
Doch wohl ihm, er hat getan wie ein Edler und ist gestorben, treu,
wie es Mnnern ziemt!"

Frondsberg nherte sich ihnen und unterbrach ihre Reden.  "Ihr
scheint mir so niedergeschlagen", sagte er, "seid mutig und getrost,
alter Herr!  Das Kriegsglck ist wandelbar, und Euer Herzog wird wohl
auch wieder zu seinem Land kommen, wer wei, ob es nicht besser ist,
da wir ihn noch auf einige Zeit in die Fremde schickten.  Legt Helm
und Panzer ab, das Gefecht zum Frhstck wird Euch die Lust zum
Mittagessen nicht verdorben haben.  Setzt Euch zu uns.  Ich erwarte
gegen Mittag den Wchter, unter dessen Obhut Ihr auf eine Burg
gebracht werden sollt.  Bis dahin lat uns noch zusammen frhlich
sein!"

"Das ist ein Vorschlag, der sich hren lt", rief der Feldhauptmann
von Breitenstein.  "Zu Tisch, Ihr Herren; wahrlich, Georg, mit Dir
habe ich nicht mehr gespeist seit dem Imbi im Ulmer Rathaussaal.
Komm, wir wollen redlich nachholen, was wir versumten."

Hans von Breitenstein zog Georg zu sich nieder, die anderen folgten
seinem Beispiel, die Knechte trugen auf, und der edle Wein machte den
Ritter von Lichtenstein und seinen Sohn vergessen, da sie in
milichen Verhltnissen, im feindlichen Lager seien, da sie
vielleicht einem ungewissen Geschick, und wenn sie die Reden
Frondsbergs recht deuteten, einer langen Gefangenschaft
entgegengingen.  Gegen das Ende der Tafel wurde Frondsberg
hinausgerufen; bald kam er zurck und sprach mit ernster Stimme: "So
gerne ich noch lnger Eure Gesellschaft genossen htte, liebe Freunde,
so tut es jetzt not, aufzubrechen.  Der Wchter ist da, dem ich Euch
bergeben mu, und Ihr mt Euch sputen, wollt Ihr heute noch die
Feste erreichen."

"Ist er ein Ritter, dieser Wchter?" fragte Lichtenstein, indem sich
seine Stirn in finstere Falten zog.  "Ich hoffe, man wird auf unsren
Stand Rcksicht genommen haben und uns ein anstndiges Geleit geben?"

"Ein Ritter ist er nicht", antwortete Frondsberg lchelnd, "doch ist
er ein anstndiges Geleit, Ihr werdet Euch selbst davon berzeugen."
Er lftete bei diesen Worten den Vorhang des Zeltes, und es
erschienen die holden Zge Mariens; mit dem Weinen der Freude strzte
sie an die Brust ihres Gatten, und der alte Vater stand stumm vor
berraschung und Rhrung, kte sein Kind auf die schne Stirn und
drckte die Hand des biederen Frondsberg.

"Das ist Euer Wchter", sprach dieser, "und die Lichtenstein die
Feste, wo sie Euch gefangenhalten soll.  Ich sehe es ihren Augen an,
sie wird den jungen Herrn nicht zu streng halten, und der Alte wird
sich nicht ber sie beklagen knnen, doch rate ich Euch, Tchterchen,
habt ein wachsames Auge auf die Gefangenen, lat sie nicht wieder von
der Burg, gestattet nicht, da sie wieder Verbindungen mit gewissen
Leuten anknpfen; Ihr haftet mit Eurem Kopf dafr!"

"Aber, lieber Herr", entgegnete Marie, indem sie den Geliebten
inniger an sich drckte und lchelnd zu dem strengen Herrn aufblickte,
"bedenkt, er ist ja mein Haupt, wie kann ich ihm etwas befehlen?"

"Eben deswegen htet Euch, da Ihr dieses Haupt nicht wieder verliert;
bindet ihn mit einem Liebesknoten recht fest, da er Euch nicht
entlaufe, er ndert nur gar zu leicht die Farbe; wir haben Beispiele!"

"Ich trug nur eine Farbe, mein vterlicher Freund!" entgegnete der
junge Mann, indem er in die Augen seiner schnen Frau und auf die
Feldbinde niedersah, die seine Brust umzog, "nur eine, und dieser
blieb ich treu."

"Wohlan!  So haltet ferner nur zu ihr", sagte Frondsberg und reichte
ihm die Hand zum Abschied.  "Lebe wohl!  Die Pferde harren vor dem
Zelt; bringt Eure Gefangenen sicher auf die Feste, schne Frau, und
gedenket huldreich das alten Frondsberg."

Marie schied von diesem Edlen mit Trnen in den Augen, auch die
Mnner nahmen bewegt seine Hand, denn sie wuten wohl, da ohne seine
Hilfe ihr Geschick sich nicht so freundlich gewendet htte.  Noch
lange sah ihnen Georg von Frondsberg nach, bis sie an der uersten
Zeltgasse um die Ecke bogen.  "Er ist in guten Hnden", sagte er dann,
indem er sich zu Breitenstein wandte, "wahrlich, der Segen seines
Vaters ruht auf ihm.  Ein gutes, schnes Weib und ein Erbe, wie
wenige sind im Schwabenland."

"Ja, ja!" erwiderte Hans von Breitenstein, "seiner Klugheit und
Vorsicht hat er es nicht zu danken, doch wer das Glck hat, fhrt die
Braut heim; ich bin fnfzig alt geworden und gehe noch auf
Freiersfen; Ihr auch, Herr Dietrich von Kraft, nicht wahr?"

"Mitnichten und im Gegenteil", sagte dieser, wie aus einem Traum
erwachend, "wenn man ein solches Paar sieht, wei man, was man zu tun
hat.  In dieser Stunde noch setze ich mich in meine Snfte, reise
nach Ulm und fhre meine Base heim; lebt wohl Ihr Herren!"

Als der schwbische Bund Wrttemberg wiedererobert hatte, richtete er
seine Regierung wieder ein und beherrschte das Land wieder wie im
Sommer 1519. Die Anhnger des vertriebenen Herzogs muten Urfehde
schwren und wurden auf ihre Burgen verwiesen.  Georg von Sturmfeder
und seine Lieben, die dieses Schicksal mit betraf, lebten
zurckgezogen auf Lichtenstein, und Marien und ihrem Gatten ging in
ihrem stillen huslichen Glck ein neues Leben auf.

Noch oft, wenn sie am Fenster des Schlosses standen und hinabschauten
auf Wrttembergs schne Fluren, gedachten sie des unglcklichen
Frsten, der einst hier mit ihnen auf sein Land hinabgeblickt hatte,
und dann dachten sie nach ber die Verkettung seiner Schicksale und
wie durch eine sonderbare Fgung auch ihr eigenes Geschick mit dem
seinigen verbunden war; und wenn sie sich auch gestanden, da ihr
Glck vielleicht nicht so frh, nicht so schn aufgeblht wre ohne
diese Verknpfung, so wurde doch ihre Freude durch den Gedanken
getrbt, da der Stifter ihres Glckes noch immer fern von seinem
Land im Elend der Verbannung lebe.  Erst viele Jahre nachher gelang
es dem Herzog, Wrttemberg wiederzuerobern.  Doch als er, gelutert
durch Unglck, als ein weiser Frst zurckkehrte, als er die alten
Rechte ehrte und die Herzen seiner Brger fr sich gewann, als er
jene heiligen Lehren, die er in fernem Land gehrt, die so oft sein
Trost in einem langen Unglck geworden waren, seinem Volk predigen
lie und einen geluterten Glauben mit den Grundgesetzen seines
Reiches verband, da erkannten Georg und Marie den Finger einer
gtigen Gottheit in den Schicksalen Ulrichs von Wrttemberg, und sie
segneten Den, der dem Auge des Sterblichen die Zukunft verhllt und
auch hier wie immer durch Nacht zum Licht fhrte.

Der Name der Lichtenstein im Wrttemberger Land ging mit dem alten
Ritter zu Grabe, doch erlebte er noch im hohen Alter die Freude,
seine blhenden Enkel waffenfhig zu sehen.  So geht Geschlecht um
Geschlecht ber die Erde hin, das neue verdrngt das alte, und nach
dem kurzen Zeitraum von fnfzig oder hundert Jahren sind biedere
Mnner, treue Herzen vergessen; ihr Gedchtnis bertnt der
rauschende Strom der Zeiten, und nur wenige glnzende Namen tauchen
auf aus den Fluten des Lethe und spielen in ihrem ungewissen Schimmer
auf den Wellen.


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes "Lichtenstein", von Wilhelm Hauff.






End of the Project Gutenberg EBook of Lichtenstein, by Wilhelm Hauff

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