The Project Gutenberg EBook of Mitteilungen aus den Memoiren des Satan V2
by Wilhelm Hauff
(#7 in our series by Wilhelm Hauff)

Copyright laws are changing all over the world. Be sure to check the
copyright laws for your country before downloading or redistributing
this or any other Project Gutenberg eBook.

This header should be the first thing seen when viewing this Project
Gutenberg file.  Please do not remove it.  Do not change or edit the
header without written permission.

Please read the "legal small print," and other information about the
eBook and Project Gutenberg at the bottom of this file.  Included is
important information about your specific rights and restrictions in
how the file may be used.  You can also find out about how to make a
donation to Project Gutenberg, and how to get involved.


**Welcome To The World of Free Plain Vanilla Electronic Texts**

**eBooks Readable By Both Humans and By Computers, Since 1971**

*****These eBooks Were Prepared By Thousands of Volunteers!*****


Title: Mitteilungen aus den Memoiren des Satan V2

Author: Wilhelm Hauff

Release Date: November, 2004  [EBook #6891]
[This file was first posted on February 7, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: ISO Latin-1

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, MITTEILUNGEN AUS DEN MEMOIREN DES SATAN V2 ***




Delphine Lettau and teh Online Distributed Proofreading Team.



WILHELM HAUFF

MITTEILUNGEN AUS DEN MEMOIREN DES SATAN




ZWEITER TEIL.


VORSPIEL.


Worin von Prozessen, Justizrten die Rede; nebst einer
stillschweigenden Abhandlung: Was von Trumen zu halten sei?"

Dieser zweite Teil der Mitteilungen aus den Memoiren des Satan
erscheint um ein vlliges Halbjahr zu spt. Angenehm ist es dem
Herausgeber, wenn die Leser des ersten sich darber gewundert, am
angenehmsten, wenn sie sich darber gergert haben; es zeigt dies eine
gewisse Vorliebe fr die schriftstellerischen Versuche des Satan, die
nicht nur ihm, sondern auch seinem Herausgeber und bersetzer
erwnscht sein mu.

Die Schuld dieser Versptung liegt aber weder in der zu heien
Temperatur des letzten Sptsommers, noch in der strengen Klte des
Winters, weder im Mangel an Zeit oder Stoff, noch in politischen
Hindernissen; die einzige Ursache ist ein sonderbarer Proze, in
welchen der Herausgeber verwickelt wurde und vor dessen Beendigung er
diesen zweiten Teil nicht folgen lassen wollte.

Kaum war nmlich der erste Teil dieser Memoiren in die Welt versandt
und mit einigen Posaunensten in den verschiedenen Zeitungen
begleitet worden, als pltzlich in allen diesen Blttern zu lesen war
eine

W a r n u n g  v o r  B e t r u g

Die bei Fr. Franckh in Stuttgart herausgekommenen Memoiren des Satan
sind nicht von dem im Alten und Neuen Testament bekannten und durch
seine Schriften: Elixiere des Teufels, Bekenntnisse des Teufels, als
Schriftsteller berhmten Teufel, sondern gnzlich, falsch und unecht,
was hiemit dem Publikum zur Kenntnis gebracht wird."

Ich gestehe, ich rgerte mich nicht wenig ber diese Zeilen, die von
niemand unterschrieben waren. Ich war meiner Sache so gewi, hatte das
Manuskript von niemand anders als dem Satan selbst erhalten, und nun,
nach vielen Mhen und Sorgen, nachdem ich mich an den infernalischen
Chiffern beinahe blind gelesen, soll ein solcher anonymer Totschlger
ber mich herfallen, meine literarische Ehre aus der Ferne totschlagen
und besagte Memoiren fr unecht erklren?

Whrend ich noch mit mir zu Rate ging, was wohl auf eine solche
Beschuldigung des B e t r u g e s zu antworten sei, werde ich vor die
Gerichte zitiert und in Kenntnis gesetzt, da ich einer
Namensflschung, eines literarischen Diebstahls angeklagt sei, und
zwar--vom Teufel selbst, der gegenwrtig als Geheimer Hofrat in
persischen Diensten lebe. Er behauptete nmlich, ich habe seinen Namen
Satan mibraucht, um ihm eine miserable Scharteke, die er nie
geschrieben, unterzuschieben; ich habe seinen literarischen Ruhm
bentzt, um diesem schlechten Bchlein einen schnellen und
eintrglichen Abgang zu verschaffen; kurz, er verlange nicht nur, da
ich zur Strafe gezogen, sondern auch, da ich angehalten werde, ihm
Schadenersatz zu geben, dieweil ihm ein Vorteil durch diesen Kniff
entzogen worden".

Ich verstehe so wenig von juridischen Streitigkeiten, da mir frher
schon den Name Klage oder Proze Herzklopfen verursachte; man kann
sich also wohl denken, wie mir bei diesen schrecklichen Worten zu Mute
ward. Ich ging niedergedonnert heim und schlo mich in mein
Kmmerlein, um ber diesen Vorfall nachzudenken. Es war mir kein
Zweifel, da es hier drei Flle geben knne. Entweder hatte mir der
Teufel selbst das Manuskript gegeben, um mich nachher als Klger recht
zu ngstigen und auf meine Kosten zu lachen; oder irgendein bser
Mensch hatte mir die Komdie in Mainz vorgespielt, um das Manuskript
in meine Hnde zu bringen, und der Teufel selbst trat jetzt als
erbitterter Klger auf; oder drittens, das Manuskript kam wirklich vom
Teufel, und ein miger Kopf wollte jetzt den Satan spielen und mich
in seinem Namen verklagen.

Ich ging zu einem berhmten Rechtsgelehrten und trug ihm den Fall vor.
Er meinte, es sei allerdings ein fataler Handel, besonders weil ich
keine Beweise beibringen knne, da das Manuskript von dem echten
Teufel abstamme, doch er wolle das Seinige tun und aus der bedeutenden
Anzahl von Bchern, die seit Justinians _Corpus juris_ bis auf
das neue birmanische Strafgesetzbuch ber solche Flle geschrieben
worden seien, einiges nachlesen.

Das juridische Stiergefecht nahm jetzt frmlich seinen Anfang. Es
wurde, wie es bei solchen Fllen herkmmlich ist, so viel darber
geschrieben, da auf jeden Bogen der Memoiren des Satan ein Ries Akten
kam, und nachdem die Sache ein Vierteljahr anhngig war, wurde sogar
auf Unrechtskosten eine neue Aktenkammer fr diesen Proze eingerumt;
ber der Tre stand mit groen Buchstaben: Acta in Sachen des
persischen G. H. R. T e u f e l s gegen _Dr._ H----f, betreffend
die Memoiren des Satan."

Ein sehr gnstiger Umstand fr mich war der, da ich auf dem Titel
nicht Memoiren des Teufels", sondern des Satan" gesagt hatte. Die
Juristen waren mit sich ganz einig, da der Name T e u f e l in
Deutschland sein F a m i l i e n n a m e sei, ich habe also wenigstens
diesen nicht zur Flschung gebraucht; Satan hingegen sei nur ein
angenommener, willkrlicher; denn niemand im Staate sei berechtigt,
zwei Namen zu fhren. Ich fing an, aus diesem Umstand gnstigere
Hoffnungen zu schpfen; aber nur zu bald sollte ich die bittere
Erfahrung machen, was es heie, den Gerichten anheimzufallen. Das
Referat in Sachen des _et cetera_ war nmlich dem berhmten
Justizrat Wackerbart in die Hnde gefallen, einem Manne, der schon bei
Dmpfung einiger groen Revolutionen ungemeine Talente bewiesen hatte
und neuerdings sogar dazu verwendet wurde, bedeutende Unruhen in einem
Gymnasium zu schlichten. Stand nicht zu erwarten, da ein solcher
berhmter Jurist meine Sache nur als eine _cause clbre_ ansehen
und sie also handhaben werde, da sie, gleichviel wem von beiden
Recht, ihm am meisten Ruhm einbrchte? Hierzu kam noch der Titel und
Rang meines Gegners; Wackerbart hatte seit einiger Zeit angefangen,
sich an hhere Zirkel anzuschlieen; mute ihm da ein so wichtiger
Mann, wie ein persischer Geheimer Hofrat, nicht mehr gelten als ich
Armer?

Es ging, wie ich vorausgesehen hatte. Ich verlor meine Sache gegen den
Teufel. Strafe, Schadenersatz, aller mgliche Unsinn wurde auf mich
gewlzt; ich wunderte mich, da man mich nicht einige Wochen ins
Gefngnis sperrte oder gar hngte. Man hatte hauptschlich folgendes
gegen mich in Anwendung gebracht:

E n t s c h e i d u n g s = G r  n d e

zu dem vor dem Kriminalgericht Klein=Justheim, unter dem 4. Dezember
1825 gefllten Erkenntnis in der Untersuchungssache gegen den
_Dr_. .....f w e g e n  B e t r u g e s.

1. Es ist durch das Zugestndnis des Angeklagten erhoben, da er keine
Beweise beizubringen wei, da die von ihm herausgegebenen Memoiren
des Satan wirklich von dem bekannten echten Teufel, so gegenwrtig als
Geheimer Hofrat in persischen Diensten lebt, herrhren. Ferner hat der
Angeschuldigte .....f zugegeben, da die in ffentlichen Blttern
darber enthaltene Ankndigung mit seinem Wissen gegeben sei.

2. Die letztgedachte Ankndigung ist also abgefat, da hieraus die
Absicht des Verfassers, die Lesewelt glauben zu machen, da die
Memoiren des Satan" von dem wahren, im Alten und Neuen Testament
bekannten und neuerdings als Schriftsteller beliebten Teufel
geschrieben seien, nur allzu deutlich hervorleuchten tut.

3. Durch diese Verfahrungsart hat sich der Angeklagte .....f eines
Betruges, alldieweilen solcher im allgemeinen in jedweder aus
impermissen Kommodum fr sich oder Schaden anderer gerichteten
unrechtlichen Tuschung anderer, entweder, indem man falsche Tatsachen
mitteilt oder wahre dito nicht angibt--besteht; oder, um uns nher
auszudrcken, da hier die Sprache v o n  e i n e r  W a r e  u n d
g e d r u c k t e m  B u c h ist--einer F  l s c h u n g schuldig
gemacht; denn durch den Titel Memoiren des Satan" und die Anpreisung
des Buches wurde der Lesewelt falsch vorgespiegelt, da das Buch
ausdrcklich von dem unter dem Namen Satan bekannten, k. persischen
Geheimen Hofrat Teufel verfat sei, was beim Verkauf des Werkes
verursachte, da es schneller und in grerer Quantitt abging, als
wenn das Bchlein unter dem Namen des Herrn .....f, so dem Publiko noch
gar nicht bekannt ist, erschienen wre, und wodurch die, so es
kauften, in ihrer schnen Erwartung, ein echtes Werk des Teufels in
Hnden zu haben, schnde betrogen wurden.

4. Wenn der Herr _Dr_. .....f, um sich zu entschuldigen, dagegen
einwendet, da der Name Satan in Deutschland nur ein angenommener sei,
worauf der Teufel, wie man ihn gewhnlich nennt, keinen Anspruch zu
machen habe, so bemerken wir Kriminalleute von Klein=Justheim sehr
richtig, da sich .....f auf den Gebrauch jenes angenommenen, brigens
bekanntermaen den Teufel sehr wohl bezeichnenden Namens nicht
beschrnkt, sondern in dem Werke selbst berall durchblicken lt,
namentlich in der Einleitung, da der Verfasser derjenige Teufel oder
Satan sei, welcher dem Publiko, besonders dem Frauenzimmer, wie auch
denen Gelehrten durch frhere Opera, z. B. die Elixiere des Teufels
_et cetera_ rhmlichst bekannt ist, wodurch wohl ebenfalls
niemand anderes gemeint ist als der Geheime Hofrat Teufel.

5. Man mu lachen ber die Behauptung des Inkulpaten, da das in Frage
stehende Opuskulum, wie auch nicht destoweniger seine Anzeige,
eigentlich eine Satire auf den Teufel und jegliche Teufelei jetziger
Zeit sei! Denn diese Entschuldigung wird durch den Inhalt der Schrift
selbst widerlegt; ja, jeder Leser von Vernunft mu das auch wohl eher
fr eine etwas geringe Nachffung der Teufeleien als fr--eine Satire
auf dieselben erkennen. Wre aber auch, was wir Juristen nicht
einzusehen vermgen, das Werk dennoch eine Satire, so ist durchaus
kein gnstiger Umstand fr .....f zu ziehen, weil derjenige Kufer, der
etwas E c h t e s, vom Teufel Verfates kaufen wollte, erst nach dem
Kauf entdecken konnte, da er betrogen sei.

6. Auer der vllig rechtswidrigen Tuschung der Lesewelt,
Leihbibliotheken _et cetera_, ist in der vorliegenden Defraudation 
auch ein Verbrechen gegen den begangen, dessen Name oder
Firma mibraucht worden, nmlich und spezialiter gegen den Geheimen
Hofrat Teufel, welcher sowohl als Gelehrter und Schriftsteller, als
von wegen des Honorars seiner brigen Schriften sehr dabei
interessiert ist, da nicht das Geschreibsel anderer als von ihm
niedergeschrieben, wie auch erdacht, angezeigt und verkauft werde.

7. Wenn endlich der Angeklagte behauptet, da er das Buch arglos
herausgegeben, ohne das Klein=Justheimer Recht hierber zu kennen, da
ihn auch bei der Flschung durchaus keine gewinnschtigen Absichten
geleitet htten, so ist uns dies gleichgltig und haben nicht darauf
Rcksicht zu nehmen; denn Flschung ist Flschung, sei es, ob man
englische Teppiche nachahmt und als echt verkauft, aber Bcher
schreibt unter falschem Namen; ist alles nur verkufliche Ware und
kann den Begriff des Vergehens nicht ndern, weil immer noch die
Tuschung und Anschmierung der Kufer restiert und zwar ebenfalls
nichts destominder auch alsdann, wenn die Memoiren des Satan gleichen
Wert mit den brigen Bchern des Teufels htten (was wir
Klein=Justheimer brigens bezweifeln, da jener Geheimer Hofrat ist),
weil dem Ebengedachten schon das Unterschieben eines fremden
Machwerkes unter seinem Namen ein Schaden in juridischem Sinne sein
tut.

Es ist daher, wie man getan hat, erkannt worden usw. usw.

(Gez.) Prsident und Rte des Kriminalgerichts zu Klein=Justheim.

Hast du, geneigter Leser, nie die berhmten Nrnberger Gliedermnner
gesehen, so, kunstreich aus Holz geschnitzelt, ihre Gliedlein nach
jedem Druck bewegen? Hast du wohl selbst in deiner Jugend mit solchem
Mnnlein gespielt und allerlei Kurzweil mit ihm getrieben und
probiert, ob es nicht schner wre, wenn er z. B. das Gesicht im
Nacken trge und den Rcken hinunterschaue, oder ob es nicht
vernnftiger wre, wenn ihm die Beine ein wenig umgedreht wrden, da
er vor= und rckwrts spaziere, wie man es haben wolle? Das hast du
wohl versucht in den Tagen deiner Kindheit, und es war ein
unschuldiges Spiel; denn dem Gliedermann war es gleichgltig, ob ihm
die Beine ber die Schulter herberkamen oder nicht, ob er den Rcken
herabschaute oder vorwrts; er lchelte so dumm wie zuvor; denn er
hatte ja kein Gefhl, und es tat ihm nicht weh im Herzen; denn auch
dieses war ja aus Holz geschnitzelt und wahrscheinlich aus Lindenholz.

Aber selbst ein solcher Gliedermann sein zu mssen in den tppischen
Hnden der Klein=Justheimer Kriminalen! Sie renkten und drehten mir
die Glieder, setzten mir den Kopf so oder so, wie es ihnen gefllig,
oder auch nach Vorschrift des Justinian, drehten und wendeten mein
Recht, bis der Kadaver vor ihnen lag auf dem grnen Sessionstisch, wie
sie ihn haben wollten, mit verrenkten Gliedern, und sie nun anatomisch
aufnotieren konnten, was fr Fehler und Kuriosa an ihm zu bewerfen,
nmlich, da er das Gesicht im Nacken, die Fe einwrts, die Arme
verschrnkt _et cetera_ trage, ganz gegen alle Ordnung und Recht.

Ware, Ware! nannten sie deine Memoiren, o Satan, Ware! Als wrde
dergleichen nach der Elle aus dem Gehirn hervorgehaspelt, wie es jener
Schwarzknstler und Eskamoteur getan, der Bnder verschluckte und sie
herauszog, Elle um Elle aus dem Rachen. Warenflschung, Einschwrzen,
Defraudation, o welch herrliche Begriffe, um zu definieren, was man
will! Und rechtswidrige Tuschung des Publikums? Wer hat denn darber
geklagt? Wer ist aufgestanden unter den Tausenden und hat Zeter
geschrien, weil er gefunden, da das Bchlein nicht von dem Schwarzen
selbst herrhre, da er den Missetter bestraft wissen wolle fr diese
rechtswidrige Tuschung? O Klein=Justheim, wie weit bist du noch
zurck hinter England und Frankreich, da du nicht einmal einsehen
kannst, Werke des Geistes seien kein nachgemachter Rum oder Arrak und
gehren durchaus nicht vor deine Schranken.

Traurig musterte ich das Manuskript des zweiten Teiles, der nun fr
mich und das Publikum verloren war; ich dachte nach ber das
Hohngelchter der Welt, wenn der erste nur ein Torso, ein schlechtes
abgerissenes Stck, verachtet auf den Schranken der Leihbibliotheken
sitze, trbselig auf die hohe Versammlung der Romane und Novellen
allerart herabschaue und ihnen ihre abgentzten Gewnder beneide, die
den groen Furor, welchen sie in der Welt machen, beurkunden, wie er
seine andere Hlfte, seinen Nebenmann, den zweiten, herbeiwnsche, um
verbunden mit ihm schne Damen und Herren zu besuchen, was ihm jetzt,
als einem Invaliden, beinahe unmglich war. Da wurde mir eines Morgens
ein Brief berbracht, dessen Aufschrift mir bekannte Zge verriet. Ich
ri ihn auf und las:

Wohlgeborener, sehr verehrter Herr!

Durch den Oberjustizrat Hammel, der vor einigen Tagen das Zeitliche
gesegnet und an mein Hoflager kam, erfuhr ich zu meinem groen rger
die miserablen Machinationen, die gegen Euch gemacht wurden. Bildet
Euch nicht ein, da sie von mir herrhren. Mit groem Vergngen denke
ich noch immer an unser Zusammentreffen in den drei Reichskronen zu
Mainz, und in meiner jetzigen Zurckgezogenheit und bei meinen vielen
Geschften im Norden komme ich selten dazu, eine deutsche
Literaturzeitung zu lesen; aber einige Rezensenten, welche ich sprach,
versichern mich, mit welchem Eifer Ihr meine Memoiren herausgegeben
habt und da das Publikum meine Bemhungen zu schtzen wisse. Der
Proze, den man Euch an den Hals warf, kam mir daher um so
unerwarteter. Glaubet mir, es ist nichts als ein schlechter
Kunstgriff, um mich nicht als Schriftsteller aufkommen zu lassen, weil
ich ein wenig ber ihre Universitten schimpfte und die sthetischen
Tees, und Euch wollen sie nebenbei auch drcken. Lasset Euch dies
nicht kmmern, Wertester; gebet immer den zweiten Teil heraus, im
Notfall knnet Ihr gegenwrtige Schreiben jedermann lesen lassen,
namentlich den Wackerbart; saget ihm, wenn er meine Handschrift nicht
kenne, so kenne ich um so besser die seinige.

Ich kenne diese Leutchen, sie sind Raubritter und Korsaren, die jeden
berhmten Proze, der ihnen in die Hnde fllt, fr g u t e  P r i s e
erklren, und wenn sie ihn festhaben in den Krallen, so lange deuteln
und drehen, bis sie ihn dahin entscheiden knnen, wo er ihnen am
meisten Ruhm nebst etzlichem Golde eintrgt. Was war bei Euch von
beidem zu erheben? Ihr, ein armseliger Doktor der Philosophie und
Magister der brotlosen Knste, was seid Ihr gegen einen persischen
Geheimen Hofrat? Denket also, die Sache sei ganz natrlich zugegangen,
und grmet Euch nicht darber. Was den persischen Geheimen Hofrat
betrifft, der meine Rolle bernommen hat, so will ich bei Gelegenheit
ein Wort mit ihm sprechen.

Hier lege ich Euch noch ein kleines Manuskriptchen bei, ich habe es in
den letzten Pfingstfeiertagen in Frankfurt aufgeschrieben, es ist im
ganzen ein Scherz und hat nicht viel zu bedeuten; doch schaltet Ihr es
im zweiten Teile ein; es gibt vielleicht doch Leute, die sich dabei
freundschaftlich meiner erinnern.

Gehabt Euch wohl; in der Hoffnung, Eure persnliche Bekanntschaft bald
zu erneuern, bin ich

Euer wohlaffektionierter Freund, d e r  S a t a n."

Man kann sich leicht denken, wie sehr mich dieser Brief freute. Ich
lief sogleich damit zu dem wackern Mann, der meine Sache gefhrt
hatte; ich zeigte ihm den Brief, ich erklrte ihm, appellieren zu
wollen an ein hheres Gericht und den Originalbrief beizulegen.

Er zuckte die Achseln und sprach: Lieber, sie wohnen zusammen in e i
n e r Hausmiete, die Kriminalen; ob Ihr um eine Treppe hher steigen
wollet, aus dem Entresol in die Beletage zu den Vornehmeren, das ist
einerlei; Ihr fallet nur um so tiefer, wenn sie Euch durchfallen
lassen. Doch an mir soll es nicht fehlen."

So sprach er und focht fr mich mit erneuerten Krften; doch--was half
es? Sie stimmten ab, erklrten den persischen fr den echten,
alleinigen Teufel, der allein das Recht habe, Teufeleien zu schreiben,
und der Proze ging auch in der Beletage verloren.

Da fate mich ein glhender Grimm; ich beschlo, und wenn es mich den
Kopf kosten sollte, doch den zweiten Teil herauszugeben, ich nahm das
Manuskript unter den Arm, raffte mich auf und----erwachte.

Freundlich strahlte die Frhlingssonne in mein enges Stbchen, die
Lerchen sangen vor dem Fenster, und die Bltenzweige winkten herein,
mich aufzumachen und den Morgen zu begren.

Verschwunden war der bse Traum von Prozessen, Justizrten,
Klein=Justheim und alles, was mir Gram und rger bereitete,
verschwunden, spurlos verschwunden.

Ich sprang auf von meinem Lager, ich erinnerte mich, den Abend zuvor
bei einigen Glsern guten Weins ber einen hnlichen Proze mit
Freunden gesprochen zu haben; da war mir nun im Traume alles so
erschienen, als htte ich selbst den Proze gehabt, als wre ich
selbst verurteilt worden von Kriminalrichtern und Klein=Justheimer
Schppen.

Ich lchelte ber mich selbst. Wie pries ich mich glcklich, in einem
Lande zu wohnen, wo dergleichen juridische Exzesse gar nicht
vorkommen, wo die Justiz sich nicht in Dinge mischt, die ihr fremd
sind, wo es keine Wackerbarte gibt, die einen solchen Fund fr gute
Prise erklren, das Recht zum Gliedermann machen und drauflos
hantieren und drehen, ob es biege oder breche, wo man Erzeugnisse des
Geistes nicht als Ware handhabt und Satire versteht und zu wrdigen
wei, wo man weder auf den Titel eines persischen Geheimen Hofrats,
noch auf irgend dergleichen Rcksicht nimmt.

So dachte ich, pries mich glcklich und verlachte meinen komischen
Prozetraum.

Doch wie staunte ich, als ich hintrat zu meinem Arbeitstisch! Nein, es
war keine Tuschung, da lag er ja, der Brief des Satans, wie ich ihn
im Traume gelesen, da lag das Manuskript, das er mir im Brief
verheien. Ich traute meinen Sinnen kaum, ich las, ich las wieder, und
immer wurde mir der Zusammenhang unbegreiflicher.

Doch ich konnte ja nicht anders, ich mute seinen Wink befolgen und
seinen Besuch in Frankfurt" dem zweiten Teile einverleiben.

Ich gestehe, ich tat es ungern. Ich hatte schon zu diesem Teile alles
geordnet; es fand sich darin eine Skizze, die nicht ohne Interesse zu
lesen war, ich meine die Szene, wie er mit Napoleon eine Nacht in
einer Htte von Malojarolawez zubrachte und wie von jenen
Augenblicken an so vieles auf geheimnisvolle Weise sich gestaltet im
Leben jenes Mannes, dem selbst der Teufel Achtung zollen mute.
vielleicht--weil er ihm nicht beikommen konnte, doch--vielleicht ist
es mglich, dieses merkwrdige Aktenstck dem Publikum an einem andern
Orte mitzuteilen.

Noch war ich mit Durchsicht und Ordnen der Papiere beschftigt, da
wurde die Tre aufgerissen, und mein Freund Moritz strzte ins Zimmer.

Weit du schon?" rief er. Er hat ihn verloren."

Wer? Was hat man verloren?"

Nun, von was wir gestern sprachen, den Proze gegen Clauren meine
ich, wegen des M a n n e s  i m  M o n d e!"

Wie? Ist es mglich!" entgegnete ich, an meinen Traum denkend. Unser
Freund, der Kandidatus Bemperlein? Den Proze?"

Du kannst dich drauf verlassen; soeben komme ich vom Museum, der
Verleger sagte es mir, soeben wurde ihm das Urteil publiziert."

Aber wie konnte dies doch geschehen, Moritz? War er etwa auch in
Klein=Justheim anhngig?"

Klein=Justheim? Du fabelst, Freund!" erwiderte der Freund, indem er
besorgt meine Hand ergriff. Was willst du nur mit Klein=Justheim, wo
gibt es denn einen solchen Ort?"

Ach," sagte ich beschmt, du hast recht; ich dachte an--meinen
Traum."

       *       *       *       *       *




MEIN BESUCH IN FRANKFURT.

1. WEN DER SATAN AN DER _TABLE D'HTE_ IM WEISSEN SCHWAN SAH.


Kommt man um die Zeit des Pfingstfestes nach Frankfurt, so sollte man
meinen, es gebe keine heiligere Stadt in der Christenheit; denn sie
feiern daselbst nicht, wie z. B. in Bayern eineinhalb oder, wie im
Kalender vorgeschrieben, zwei Festtage, sondern sie rechnen vier
Feiertage; die Juden haben deren sogar fnf; denn sie fangen in
Bornheim ihre heiligen bungen schon am Samstag an, und der Bundestag
hat sogar acht bis zehn.

Diese Festtage gelten aber in dieser Stadt weniger den wunderbaren
Sprachknsten der Apostel als mir. Was die berhmtesten Mystiker am
Pfingstfeste morgens den guten Leutchen ans Herz gelegt, was die
immensesten Rationalisten mit moralischer Salbung verkndet hatten,
das war so gut als in den Wind gesprochen. Die Fragen: Ob man am
Montag oder am Dienstag, am zweiten oder dritten Feiertag ins W  l d
c h e n gehen, ob es nicht anstndiger wre, ins Wilhelmsbad zu
fahren, ob man am vierten Feiertag nach Bornheim oder ins Vauxhall
gehen sollte, oder beides," diese Fragen scheinen bei weitem wichtiger
als jene, die doch fr andchtige Feiertagsleute viel nher lag: Ob
die Apostel damals auch Englisch und Plattdeutsch verstanden haben?"

Mu ein so aufgeweckter Sinn den Teufel nicht erfreun, der an solchen
Tagen mehr Seelen fr sich gewinnt als das ganze Judenquartier in
einer guten Brsenstunde Gulden? Auch diesmal wieder kam ich zu
Pfingsten nach Frankfurt. Leuten, die, von einem berhmten
Belletristen verwhnt, alles bis auf kleinste Detail wissen wollen,
diene zur Nachricht, da ich im Weien Schwanen auf Nr. 45 recht gut
wohnte, an der groen _Table d'hte_ in angenehmer Gesellschaft
trefflich speiste; den Kchenzettel mgen sie sich brigens von dem
Oberkellner ausbitten.

Schon in der ersten Stunde bemerkte ich ein Seufzen und Sthnen, das
aus dem Zimmer nebenan zu dringen schien. Ich trat nher, ich hrte
deutlich, wie man auf gut deutsch fluchte und tobte, dann Rechnungen
und Bilanzen, die sich in viele Tausende beliefen, nachzhlte, und
dann wieder wimmerte und weinte wie ein Kind, das seiner Aufgabe fr
die Schule nicht mchtig ist.

Teilnehmend, wie ich bin, schellte ich nach dem Kellner und fragte
ihn, wer der Herr sei, der nebenan so beraus klglich sich gebrde?

Nun," antwortete er, das ist der stille Herr." Der stille Herr?
Lieber Freund, das gibt mir noch wenig Aufschlu. Wer ist er denn?"

Wir nennen ihn hier im Schwan den stillen Herrn oder auch den
Seufzer; er ist ein Kaufmann aus Dessau, nennt sich sonst Zwerner und
wohnt schon seit vierzehn Tagen hier."

Was tut er denn hier? Ist ihm ein Unglck zugestoen, da er gar so
klglich winselt?"

Ja, das wei ich nicht," erwiderte er, aber seit dem zweiten Tag,
da er hier ist, ist sein einziges Geschft, da er zwischen zwlf und
ein Uhr in der neuen Judenstrae auf= und abgeht, und dann kommt er zu
Tisch, spricht nichts, it nichts, und den ganzen Tag ber jammert er
ganz stille und trinkt Kapwein."

Nun, das ist keine schlimme Eigenschaft," sagte ich, setzen Sie mich
doch heute mittag in seine Nhe." Der Kellner versprach es, und ich
lauschte wieder auf meinen Nachbar. Den zwlften Mai," hrte ich ihn
sthnen, Metalliques 83 3/4, sterreichische Staatsobligationen 87
3/8, Rothschildische Lotterielose, der Teufel hat sie erfunden und
gemacht! 132, preuische Staatsschuldscheine 81! O Rebekka! Rebekka!
Wo will das hinaus! 81! Die Preuen! Ist denn gar keine Barmherzigkeit
im Himmel?"

So ging es eine Zeitlang fort; bald hrte ich ihn ein Glas Kapwein zu
sich nehmen und ganz behaglich mit der Zunge dazu schnalzen; bald
jammerte er wieder in den klglichsten Tnen und mischte die Konsols,
die Rothschildschen Unverzinslichen und seine Rebekka auf
herzbrechende Weise untereinander. Endlich wurde er ruhiger. Ich hrte
ihn sein Zimmer verlassen und den Gang hinabgehen; es war wohl die
Stunde, in welcher er durch die neue Judenstrae promenierte.

Der Kellner hatte Wort gehalten. Er wies, als ich in den Speisesaal
trat, auf einen Stuhl: Setzen sich der Herr Doktor nur dorthin,"
flsterte er, zu Ihrer Rechten sitzt der Seufzer." Ich setzte mich,
ich betrachtete ihn von der Seite. Wie man sich tuschen kann! Ich
hatte einen jungen Mann von melancholischem, gespenstischem Aussehen
erwartet, wie man sie heutzutage in groen Stdten und Romanen trifft,
etwas bleichschmachtend und fein wie Eduard, von der Verfasserin der
Ourika, oder von schwchlichem, beinahe liederlichem Anblick wie
einige Schopenhauersche oder Pichlersche Helden. Aber gerade das
Gegenteil; ich fand einen untersetzten, runden jungen Mann mit
frischen, wohlgenhrten Wangen und roten Lippen, der aber die trben
Augen beinahe immer niederschlug und um den hbschen Mund einen
weinerlichen Zug hatte, welcher zu diesem frischen Gesicht nicht recht
pate.

Ich versuchte, whrend ich ihm allerlei treffliche Speisen anbot,
einigemal mit ihm ins Gesprch zu kommen, aber immer vergeblich; er
antwortete nur durch eine Verbeugung, begleitet von einem
halbunterdrckten Seufzer. In solchen Augenblicken schlug er dann wohl
die Augen auf, doch nicht, um auf mich zu blicken; er warf nur einen
scheuen, finstern Blick geradeaus und sah dann wieder seufzend auf
seinen Teller.

Ich folgte einem dieser Blicke und glaubte zu bemerken, da sie einem
Herrn gelten muten, der uns gegenber sa und schon zuvor meine
Aufmerksamkeit auf sich gezogen hatte.

Er war gerade das Gegenteil von meinem Nachbar rechts. Seine schon
etwas kahle, gefurchte Stirne, sein brunliches, eingeschnurrtes
Gesicht, seine schmalen Wangen, seine spitze, weit hervortretende Nase
deuteten darauf hin, da er die fnfundvierzig Jhrchen, der er haben
mochte, etwas s c h n e l l verlebt habe. Den auffallendsten Kontrast
mit diesen verwitterten, von Leidenschaften durchwhlten Zgen bildete
ein ruhiges, sliches Lcheln, das immer um seinen Mund schwebte, die
zierliche Bewegung seiner Arme und seines Krperchens, wie auch seine
sehr jugendliche und modische Kleidung.

Es saen etwa fnf oder sechs junge Damen an der Tafel, und nach den
zrtlichen Blicken, die er jeder zusandte, dem sen Lcheln, womit er
seine Blicke begleitete, zu urteilen, mute er mit allen in genauen
Verhltnissen stehen. Dieser Herr hatte, wenn er mit der
abgestorbenen, knchernen Hand einen Spargel zum Munde fhrte und
slich dazu lchelte, die grte hnlichkeit mit einem rasierten
Kaninchen, whrend mein Nachbar rechts wie ein melancholischer Frosch
anzusehen war.

Warum brigens der Seufzer das Kaninchen mit so finstern Augen ma,
konnte ich nicht erraten. Endlich, als die Blicke meines Nachbars
dsterer und lnger als gewhnlich auf jenem ruhten, fing das
Kaninchen an, die Schultern und Arme grazis hin und her zu drehen,
den Rcken auf knstliche Art auszudehnen und das spitzige Kpfchen
nach uns herber zu drehen; mit sem Lcheln fragte er: Noch immer
so dster, mein lieber Monsieur Zwerner? Etwa gar eiferschtig auf
meine Wenigkeit?"

An dem zarten Lispeln, an der knstlichen Art, das r wie gr
auszusprechen, glaubte ich in ihm einen jener adeligen Salonmenschen
zu erkennen, die von einer feinen, leisen Sprache Profession machen.
Und so war es; denn mein Nachbar antwortete: Eiferschtig, Herr
Graf?--Auf S i e in keinem Fall."

Graf Rebs--so hrte ich ihn spter nennen--faltete sein Mulchen zu
einem feinen Lcheln, drckte die Augen halb zu, bog die Spitznase auf
komische Weise seitwrts, strich mit der Hand ber sein langes,
knchernes Kinn und kicherte:

Das ist schn von Ihnen, lieber Monsieur Zwerner; also gar nicht
eiferschtig? Und doch habe ich die schne Rebekka erst gestern abend
noch in ihrer Loge gesprochen. Ha, ha! Sie standen im Parterre und
schauten mit melancholischen Blicken herauf. Darf ich Sie um jenes
Ragout bitten, mein Herr?"

Ich war allerdings im Theater, habe aber nur vorwrts aufs Theater
und nicht rckwrts gesehen, am wenigsten mit melancholischen
Blicken."

Herr Oberkellner," lispelte der Graf, Sie haben die Trffeln
gespart. Aber nein! Monsieur Zwerner, wie man sich tuschen kann! Ich
htte auf Ehre geglaubt, Sie schauten herauf in die Loge mit
melancholischen Blicken. Auch Rebekka mochte es bemerken und Frulein
von Rothschild; denn als ich auf Sie hinabwies--Kellner, ich trinke
heute lieber roten Ingelheimer, ein Flschchen--ja, wollte ich sagen--
das ist mir nun whrend des Ingelheimers gnzlich entfallen; so geht
es, wenn man so viel zu denken hat."

Meinem Nachbar mochte das unverzeihlich schlechte Gedchtnis des
Grafen nicht behagen; obgleich er vorhin das Kaninchen ziemlich barsch
abgewiesen hatte, so schien ihm doch dieser Punkt zu interessant, als
da er nicht weiter geforscht htte. Nun, auch Frulein von
Rothschild hat bemerkt, da ich melancholisch hinaussah?" fragte er,
indem er seine bitteren Zge durch eine Zutat von Lcheln zu versen
suchte; freilich, diese hat ein scharfes Gesicht durch die Lorgnette--".

Richtig, das war es," erwiderte Rebs, das war es; ja, als ich auf
Sie hinabwies und Rebeckchen Ihre Leiden anschaulich machte, schlug
sie mich mit ihrem Jocofcher auf die Hand und nannte mich einen
Schalk."

Mein Nachbar wurde wieder finster, seine roten Wangen rteten sich
noch mehr, und die ansehnliche Breite seines Gesichtes erweiterte sich
noch durch wilden Trotz, der in ihm wtete. Er zog den Kopf tief in
die Schultern und blitzte das Kaninchen hin und wieder mit einem
grimmigen Blicke an. Er hatte nie so groe hnlichkeit mit einem
angenehmen Froschjngling, der an einem warmen Juniabend trauernd auf
dem Teichel sitzt, als in diesem Augenblicke.

Graf Rebs bemerkte dies. Mit angenehmer Herablassung, wobei er das r
noch mehr schnurren lie als zuvor, sprach er: Werter Monsieur
Zwerner, Sie drfen aus dem Schlag mit dem Jocofcher keine argen
Folgerungen ziehen. Es ist nur eine _faon de parler_ unter
Leuten von gutem Ton. Wegen meiner drfen Sie ruhig sein. Zwar solange
man jung ist," fuhr er fort, indem er den Halskragen hher heraufzog
und schalkhaft daraus hervorsah, wie das Kaninchen aus dem Busch,
zwar so lange man jung ist, macht man sich hie und da ein Spchen.
Aber ein ganz anderer Gegenstand fesselt mich jetzt, Liebster! Haben
Sie schon die Nichte des englischen Botschafters gesehen, die seit
drei Tagen hier in Frankfurt ist?"

Nein," antwortete mein Nachbar, leichter atmend.

O, ein delizises Kind! Augenbrauen wie, wie--wie mein Rock hier,
einen Mund zum Kssen und in dem schnen Gesicht so etwas Pikantes,
ich mchte sagen so viel englische Rasse. Nun, wir sind hier unter
uns; ich kann Sie versichern, es ist auffallend, aber wahr, ich sollte
es nicht sagen, es beschmt mich, aber auf Ehre, Sie knnen sich
darauf verlassen, obgleich es ein ganz komischer Fall ist, brigens
hoffe ich, mich auf Ihre Diskretion verlassen zu knnen, nein, es ist
wirklich auffallend, in drei Tagen ..."

Nun, so bitte ich Sie doch um Gottes willen, Herr Graf, was wollen
Sie denn sagen?"

Es war ein eigener Genu, das Kaninchen in diesem Augenblicke
anzusehen. Ein Gedanke schien ihn zu kitzeln; denn er kniff die
uglein zu, sein Kinn verlngerte sich, seine Nase bog sich abwrts
nach den Lippen, und sein Mund war nur noch eine dnne, zarte Linie;
dazu arbeitete er mit dem zierlich gekrmmten Rcken und den
Schulterblttern, als wolle er anfangen zu fliegen, und mit den
abgelebten Kncheln seiner Finger fuhr er auf dem Tisch umher. Noch
einmal mute der Seufzer ihn ermuntern, sein Geheimnis preiszugeben,
bis er endlich hervorbrachte: Sie ist in mich verliebt! Sie staunen;
ich kann es Ihnen nicht belnehmen; auch mir wollte es anfangs
sonderbar bednken, in so kurzer Zeit; aber ich habe meine sicheren
Kennzeichen, und auch andere haben es bemerkt."

Sie Glcklicher!" rief der Seufzer nicht ohne Ironie. Wo Sie nur
hintippen, schlagen Ihnen Herzen entgegen; brigens rate ich, diese
Englnderin ernstlicher zu verfolgen; bedenken Sie, eine so solide
Partie--"

Merke schon, merke schon," entgegnete Rebs mit schlauem Lcheln, es
ist Ihnen um Rebekka, Sie wollen, ich solle dort gnzlich aus dem
Felde ziehen. Solide Partie! Sie werden doch nicht meinen, da ich
schon heiraten will? Gott bewahre mich! Aber wegen Rebeckchen drfen
Sie ruhig sein; ich ziehe mich gnzlich zurck. Und sollte vielleicht
eine vorbergehende Neigung in dem Mdchen--Sie verstehen mich schon--
das wird sich bald geben; ich glaube nicht, da sie mich ernstlich
geliebt hat."

Ich glaube auch nicht," entgegnete der Seufzer mit einem Ton, in
welchem sich bittere Ironie mit Grimm mischte. Die Gesellschaft stand
auf, wir folgten. Graf Rebs tnzelte lchelnd zu den Damen, welchen er
whrend der Tafel so zrtliche Blicke zugeworfen; ich aber folgte dem
unglcklichen Seufzer.

       *       *       *       *       *




2. TROST FR LIEBENDE.


Was war doch dies fr ein sonderbarer Herr?" fragte ich meinen
Nachbar, indem ich mich dicht an ihn anschlo. Findet er wirklich bei
den Damen so sehr Beifall, oder ist er ein wenig verrckt?"

Ein Geck ist er, ein Narr!" rief der Seufzende, indem er mit dem Kopf
aus den Schultern herausfuhr und die Arme umherwarf. Ein alter
Junggeselle von fnfundvierzig, und spielt noch den ersten Liebhaber.
Eitel, tricht, glaubt, jede Dame, die er aus seinen kleinen uglein
anblinzelt, sei in ihn verliebt, drngt sich berall an und ein--"

Nun, da spielt dieser Graf Rebs eine lcherliche Rolle in der
Gesellschaft, da wird er wohl berall verhhnt und abgewiesen?" Ja,
wenn die Damen dchten, wie Sie, wertgeschtzter Herr! Aber so
lcherlich dieser Gnome ist, so tricht er sich berall gebrdet, so--
oh--Rebekka! der Teufel hat die Weiberherzen gemacht."

Ei, ei," sagte ich, indem ich schnell Nr. 45 aufschlo und den
Verzweifelnden hineinschob, ei! lieber Herr Zwerner, wer wird so arge
Beschuldigungen ausstoen? Und auf Frulein Rebekka--setzen Sie sich
doch geflligst aufs Sofa--auf das Frulein sollte er auch Eindruck
gemacht haben, dieser Gliedermann?"

Ach, nicht er, nicht er. Sie sieht, da er lcherlich ist und
geckenhaft, und doch kokettiert sie mit ihm. Nicht mit ihm, sondern
mit seinem Titel. Es schmeichelt ihr, einen Grafen in ihrer Loge zu
sehen oder auf der Promenade von ihm begrt zu werden; vielleicht,
wenn sie eine Christin wre, htte sie einen solidern Geschmack."

Wie, das Frulein ist eine Jdin?"

Ja, es ist ein Judenfrulein. Ihr Vater ist der reiche Simon in der
neuen Judenstrae. Das groe gelbe Haus neben dem Herrn von
Rothschild, und eine Million hat er, das ist ausgemacht."

Sie haben einen soliden Geschmack. Und wie ich aus dem Gesprch des
Grafen bemerkt habe, knnen Sie sich einige Hoffnung machen?"

Ja," erwiderte er rgerlich, wenn nicht der Satan das Papierwesen
erfunden htte. So stehe ich immer zwischen Tre und Angel. Glaube ich
heute einen festen Preis, ein sicheres Vermgen zu haben, um vor Herrn
Simon zu treten und sagen zu knnen: Herr, wir wollen ein kleines
Geschft machen miteinander; ich bin das Haus Zwerner u. Komp. aus
Dessau, stehe so und so, wollen Sie mir Ihre Tochter geben?' Glaube
ich nun so sprechen zu knnen, so lt auf einmal der Teufel die
Metalliques um zwei, drei Prozent steigen, ich verliere, und meinem
Schwiegerpapa, der daran gewinnt, steigt der Kamm um so viele Prozente
hher, und an eine Verbindung ist dann nicht mehr zu denken."

Aber kann denn nicht der Fall eintreten, da S i e gewinnen?"

Ja, und dann bin ich so schlecht beraten wie zuvor. Herr Simon ist
von der Gegenpartei. Gewinne ich nun durch das Sinken dieser oder
jener Papiere, so verliert er ebensoviel, und dann ist nichts mit ihm
anzufangen; denn er ist ein ausgemachter Narr und reif fr das
Tollhaus, wenn er verliert. Ach, und aus Rebeckchen, so gut sie sonst
ist, guckt auf allen Seiten der jdische Geldteufel heraus."

Wie, sollte es mglich sein, eine junge Dame sollte so sehr nach Geld
sehen?"

Da kennen Sie die Mdchen, wie sie heutzutage sind, schlecht,"
erwiderte er seufzend. Titel oder Geld, Geld oder Titel, das ist es,
was sie wollen. Knnen sie sich durch einen Leutnant zur gndigen Frau
machen lassen, so ist er ihnen eben recht, hat ein Mann wie ich Geld,
so wiegt dies den Adel zur Not auf, weil derselbe gewhnlich keines
hat."

Nun, ich denke aber, das Haus Zwerner u. Komp. in Dessau hat Geld;
woher also Ihr Zweifel an der Liebe des Fruleins?"

Ja, ja!" sagte er etwas freundlicher, wir haben Geld, und so viel,
um immer mit Anstand um eine Tochter des Herrn Simon zu freien; aber
Sie kennen die Frankfurter Mdchen nicht; werter Herr! Ist von einem
angenehmen, liebenswrdigen jungen Manne die Rede, so fragen sie: Wie
steht er? Steht er nun nicht nach allen Brsenregeln solid, so ist er
in ihren Augen ein Subjekt, an das man nicht denken mu."

Und Rebekka denkt auch so?"

Wie soll sie andere Empfindungen kennen lernen in der neuen
Judenstrae? Ach, ihre Neigung zu mir wechselt nach dem Cours der
Brsenhalle! Man wei hier, da ich mich verfhren lie, viele
Metalliques und preuische Staatsschuldscheine zu kaufen. Mein
Interesse geht mit dem der hohen Mchte und mit dem Wohl Griechenlands
Hand in Hand. Verliert die Pforte, so gewinne ich und werde ein
reicher Mann. Gewinnt der Grotrke und sein Reis=Effendi, so bin ich
um zwanzigtausend Kaisergulden rmer und nicht wehr wrdig, um sie zu
freien. Das wei nun das liebenswrdige Geschpf gar wohl, und ihr
Herz ist geteilt zwischen mir und dem Vater. Bald mchte sie gerne,
da die Pforte das Ultimatum annehme, um mein Glck zu frdern; bald
denkt sie wieder, wieviel ihr Vater durch diese Spekulation des Herrn
von Metternich verlieren knnte, und wnscht dem Effendi soviel
Verstand als mglich. Ich Unglcklicher!"

Aber, lieben Sie denn wirklich dieses edle Geschpf?" fragte ich.

Trnen traten ihm in die Augen, ein tiefer Seufzer stahl sich aus
seiner Brust. Wie sollte ich sie nicht lieben?" antwortete er.
Bedenken Sie, fnfzigtausend Taler Mitgift, und nach des Vaters Tod
eine halbe Million, und wenn Gott den Israelchen zu sich nimmt, eine
ganze. Und dabei ist sie vernnftig und liebenswrdig, hat so was
Feines, Zartes, Orientalisches; ein schwarzes Auge voll Glut, eine
khn geschwungene Nase, frische Lippen; der Teint, wie ich ihn liebe,
etwas dunkel und dennoch rtlich. Ha! und eine Figur! Herr! Wie sollte
man solches Geschpf nicht lieben?"

Und haben Sie keinen Rival als den Gnomen, den Grafen Rebs?"

O, einige Judenjnglinge, bedeutende Huser, buhlen um sie, aber ihr
Sinn steht nach einem soliden Christen. Sie wei, da bei uns alles
nobler und freier geht als bei ihrem Volk, und schmt sich, in guter
Gesellschaft fr eine Jdin zu gelten. Daher hat sie sich auch den
Frankfurter Dialekt ganz abgewhnt und spricht Preuisch. Sie sollten
hren, wie schn es klingt, wenn sie sagt: It es mglich?' oder:
Es jinge wohl, aber es jeht nich.'"

Der Seufzer gefiel mir. Es ist ein eigenes, sonderbares Volk, diese
jungen Herren vom Handelsstand. Sie bilden sich hinter ihrem
Ladentisch eine eigene Welt von Ideen, die sie aus den trefflichsten
Romanen der Leihbibliotheken sammeln. Sie sehen die Menschen, die
Gesellschaft nie, es sei denn, wenn sie abends durch die Promenade
gehen, oder Sonntags, gekleidet wie Herren _comme il faut_, auf
Kirchweihen oder sonstigen Pltzen sich amsieren. Reisen sie hernach,
so dreht sich ihr Ideengang um ihre Musterkarte und die schne Wirtin
der nchsten Station, welche ihnen von einem Kameraden und Vorgnger
empfohlen ist, oder um die Kellnerin des letzten Nachtlagers, die, wie
sie glauben, noch lange um den schnen, wohlgewachsenen jungen Mann
weinen wird. Sie haben irgendwo gelesen oder gehrt, da der
Handelsstand gegenwrtig viel zu bedeuten habe; drum sprechen sie mit
Ehrfurcht von sich und ihrem Wesen, und nie habe ich gefunden, da
einer von sich sagte: Kaufmann oder Bnderkrmer", sondern: Ich
reise in Geschften des Hauses Buerlein oder Zwierlein", und fragt
man, in welchen Artikeln, so kann man unter zehn auf neun rechnen, sie
ganz bescheiden antworten zu hren: Knpfe, Haften und Haken, Tabak,
Schnupf= und Rauch=, und dergleichen bedeutende Artikel." Haben sie
nun gar im Stdtchen ihrer Heimat ein Schtzchen zurckgelassen, so
darf man darauf rechnen, sie werden, wenn von Liebe die Rede ist, ihre
sehr interessante Geschichte erzhlen, wie sie Frulein Jettchen beim
Mondschein kennen gelernt haben, sie werden die Brieftasche ffnen und
unter hundert Empfehlungsbriefen, Annoncen von Gasthfen usw. ein
Seidenpapier hervorziehen, das ein Prbchen Haar von der Stirne der
Geliebten enthlt.

Glckliche Nomaden! Ihr allein seid noch heutzutage die fahrenden
Ritter der Christenheit. Und wenn es euch auch nicht zukmmt, mit
eingelegter Lanze _ la_ Don Quichotte eurer Jungfrauen Schnheit
zu verteidigen, so richtet ihr doch in jeder Kneipe nicht weniger
Verwstung an, wie jener mannhafte Ritter, und seid berdies meist
euer eigener Sancho Pansa an der Tafel.

Eine solche liebenswrdige Erziehung, aus Kontorspekulationen,
Romanen, Mondscheinliebe und Handelsreisen zusammengesetzt, schien 
nun auch mein Nachbar Seufzer genossen zu haben. Nur etwas fehlte 
ihm, er war zu ehrlich. Wie leicht wre es fr einen Mann von
Zweimalhunderttausend gewesen, Kuriere nicht von H  c h s t oder von
L a n g e n, sondern von W i e n, sogar mit a u t h e n t i s c h e n
Nachrichten kommen zu

lassen, um seinem Glcke aufzuhelfen. Ist denn auf der Erde nicht
alles um Geld feil? Und wenn Rothschild mit Geld etwas machen kann,
warum sollte es ein anderer nicht auch knnen, wenn sein Geld
ebensogut ist als das des groen Makkabers?

Zwar e i n solcher Sperling wagt keinen Sommer. E i n e solche
Handelsseele mehr oder weniger mein, kann mir nicht ntzen. Doch die
Nuancen ergtzen mich, jenes bunte Farbenspiel, bis ein solcher Hecht
ins Netz geht, und darum beschlo ich, ihm zu ntzen, ihn zu fangen.

Ich bin," sagte ich zu ihm, ich bin selbst einigermaen
Papierspekulant; daher werden Sie mir vergeben, wenn ich Ihre
bisherigen Verfahrungsarten etwas sonderbar finde."

Wie meinen Sie das?" fragte er verwundert. Als ich in Dessau war,
lie ich mir nicht jeden Posttag den Kurszettel schicken? Und hier,
gehe ich nicht jeden Tag in die Brsenhalle? Gehe ich nicht jeden Tag
in die neue Judenstrae, um das Neueste zu erfragen?"

Das ist es nicht, was ich meine. Ein Genie wie Sie, Herr Zwerner (er
verbeugte sich lchelnd), das heit, ein Mann mit diesen Mitteln, der
etwas wagen will, mu s e l b s t eingreifen in den Lauf der Zeiten."

Aber mein Gott," rief er verwunderungsvoll, das kann ja jetzt
niemand als der Rothschild, der Reis=Effendi und der Herr von
Metternich. Wie meinen Sie denn?"

ber Ihr Glck, Sie geben es selbst zu, kann ein einziger Tag, eine
einzige Stunde entscheiden. Zum Beispiel, wenn die Pforte das
Ultimatum verwirft, die Nachricht schnell hierher kommt, kann eine
Krisis sich bilden, die Sie strzt. Ebenso im Gegenteil knnen Sie
durch eine solche Nachricht sehr gewinnen, weil dann Ihre Papiere
steigen?"

Gewi, gewi," seufzte er. Aber ich sehe nur noch nicht recht ein--"

Nur Geduld. Wer gibt nun diese Nachricht, wer bekommt sie? Das
Ministerium in Wien oder ein guter Freund, der sehr nahe hingehorcht
und dem g r o  e n  P o r t i e r ein Stck Geld in die Hand gedrckt
hat, lt noch in der Nacht einen Kurier aufsitzen. Der reitet und
fhrt und fliegt nach Frankfort und bringt die Depesche--wem?"

Ach, dem Glcklichsten, dem Vornehmsten!"

Nein, dem, der am besten zahlt. Einen solchen Kurier kann ich Ihnen
um Geld auch verschaffen, ich habe Konnexionen in Wien. Man kann dort
mancherlei erfahren, ohne gerade der sterreichische Beobachter zu
sein. Kurz, wir lassen einen Brief mit der Nachricht einer wichtigen
Krisis, eines bedeutenden Vorfalles kommen--"

Etwa, der Sultan habe einen Schlag bekommen, oder der Kaiser von
Ruland sei pltzlich--"

Nichts davon, das ist zu wahrscheinlich, als da es die Leute
glauben! Unwahrscheinliches, berraschendes mu auf der Brse
wirken!"--

Also etwa, der Frst von M. sei ein Trke geworden, habe dem Islam
geschworen?"

Ich sage Ihnen ja, nichts Wahrscheinliches. Nein, geradezu, die
Pforte habe das Ultimatum angenommen. Bekommen Sie nun diese Nachricht
mit allem mglichen geheimnisvollen Wesen, lassen Sie den Kurier
sogleich ein paar Stationen weiter reisen, lassen Sie den Brief einige
Geheimniskrmer lesen, gehen kurze Zeit darauf in die Brsenhalle, so
kann es nicht fehlen, Sie sind ein wichtiger Mann und setzen Ihre
Papiere mit Gewinn ab."

Aber, lieber Herr," erwiderte der Kaufmann von Dessau klglich, das
wre ja denn doch erlogen, wie man zu sagen pflegt, eine Snde fr
einen rechtlichen Mann; bedenken Sie, ein Kaufmann mu im Geruch von
Ehrlichkeit stehen, will er Kredit haben."

Ehrlichkeit, Possen! Geld, Geld, das ist es, wonach er riechen mu,
und nicht nach Ehrlichkeit. Und was nennen Sie am Ende Ehrlichkeit? Ob
Sie Ihre Kunden bei einem Pfund Kaffee betrgen, ob Sie einem alten
Weibe ihr Lot Schnupftabak zu leicht wiegen, oder ob Sie dasselbe
Experiment im groen vornehmen, das ist am Ende dasselbe."

Ei, verzeihen Sie, da mu ich denn doch bitten; an der Prise, die das
Weib zu wenig bekommt, stirbt sie nicht, wie man zu sagen pflegt; aber
wenn ich einen solchen Kurier kommen lasse, so kann er durch seine
falsche Nachricht ein Nachrichter der ganzen Brse werden; viele
Huser knnen fallieren, andere wanken und den Kredit verlieren, und
das wre dann meine Schuld!"

So, mein Herr?" sagte ich mit mitleidigem Lcheln zu der schwachen
Seele. So, Sie schmen sich nicht, die Moral, das Herrlichste, was
man auf Erden hat, so zu verhunzen? Also wegen der Folgen wollen Sie
nicht? Nicht vor dem Beginnen an sich, als einem unmoralischen, beben
Sie zurck? Wer den Anfang einer Tat nicht scheut, darf auch ihr Ende
nicht scheuen, ohne fr eine kleine Seele zu gelten. Oder glauben Sie,
eine Rebekka knne man dadurch verdienen, da man im Weien Schwanen
wohnt und seufzt, da man zur Tafel geht und mit dem Kaninchen, dem
Grafen Rebs, grollt?"

Aber, mein Herr," rief der Seufzer etwas pikiert, ich wei gar
nicht, was Sie mir, als einem ganz Fremden, fr eine Teilnahme
erzeigen; ich wei gar nicht, wie ich das nehmen soll?"

Mein Herr, das haben Sie sich selbst zuzuschreiben; Sie haben mir
Ihre Lage entdeckt und mich gleichsam um Rat gefragt; daher meine
Antwort. brigens bin ich ein Mann, der reist, um berall das
Treffliche und Erhabene kennen zu lernen. In Ihnen glaubte ich gleich
auf den ersten Anblick solches gefunden zu haben;--"

Bitte recht sehr, eine so ganz gewhnliche Physiognomie wie die
meine--"

Das knnen Sie nicht so beurteilen wie ein anderer; auf Ihrer Stirne
thront etwas Freies, Mutiges, um Ihren Mund weht ein anziehender
Geist--"

Finden Sie das wirklich?" rief er, indem er lchelnd meine Hand fate
und verstohlen nach dem Spiegel blickte. Es ist wahr, man hat mir
schon dergleichen gesagt, und in Stuttgart hat man mich sogar
versichert, ich sei dem berhmten Dannecker auf der Strae
aufgefallen, und er sei eigens deswegen einigemal in den Knig von
England gekommen, um von mir etwas fr seinen Johannes abzusehen."

Nun sehen Sie, wie mu es nun einen Mann, wie ich bin, berraschen,
so wenig Mut, so wenig Entschlu hinter dieser freien Stirne, diesem
mutigen Auge zu finden!"

Ach, Sie nehmen es auch zu strenge; ich habe ja Ihren Vorschlag
durchaus nicht verworfen, nur einiges Bedenken, einige kleine Zweifel
stiegen in mir auf, und--nun Sie haben wahrlich nicht unrecht, ich
fhle einen gewissen Mut, eine gewisse Freiheit in mir, es ist ein
gewisses Etwas, ja--so gut es ein anderer tun kann, will ich es auch
versuchen. Es sei, wie Sie sagten, ich will es daranrcken und einen
Kurier kommen lassen; wir wollen die Metalliques steigern!"

       *       *       *       *       *




3. EIN SCHABBES IN BORNHEIM.


Der einzige Zweifel, der den seufzenden Dessauer noch qulte, war die
Furcht, den Vater seiner Geliebten in bedeutenden Verlust zu strzen,
wenn er seine Operation nach meinem Plane einrichte. Doch auch dafr
wute ich ein gutes, sehr einfaches Mittel. Er mute den Herrn Simon
in der neuen Judenstrae auf seine Seite bringen, mute ihm bedeutende
Winke von der nahenden Krisis geben; entweder nahm dann der Jude an
dem ganzen Unternehmen unbewut teil und gewann zugleich mit dem
Dessauer, oder er war wenigstens gewarnt und mute einige Achtung vor
dem Manne bekommen, der so genau die politischen Wendungen zu
berechnen wute, der seine Kombinationen so geschickt zu machen
verstand.

Dem Kaufmann leuchtete dies ein. Er kam von selbst auf den Gedanken,
noch an diesem Tage mit dem alten Simon zu sprechen und lud mich ein,
mit ihm nach B o r n h e i m zu fahren, wo der Schabbes heute die
noble Welt des alten Judenquartiers, der neuen Judenstrae, berhaupt
alle Stmme Israels versammelt habe.

Wir fuhren hinaus, der Seufzer schien ein ganz anderer Mensch geworden
zu sein. Sein trbseliges Gesicht leuchtete freundlich vom Glanze der
Hoffnung, sein Auge hob sich freier, um seine Stirn, seinen Mund war
jede Melancholie verschwunden, sein groer, runder Kopf steckte nicht
mehr zwischen den Schultern, er trug ihn freier, erhabener, als wollte
er sagen: Seht, ihr Frankfurter und Bornheimer, ich bin es, das Haus
Zwerner und Komp. aus Dessau, nchstens eine bedeutende Person an der
Brse, und, wenn es gut geht, Brutigam der schnen Rebekka Simon in
der neuen Judenstrae!"

Aus dem Garten des Goldenen Lwen in Bornheim tnten uns die
zitternden Klnge von Harfen und Gitarren und das Geigen verstimmter
Violinen entgegen; das Volk Gottes lie sich vormusizieren im Freien,
wie einst ihr Knig Saul, wenn er bler Laune war. Wir traten ein; da
saen sie, die Shne und Tchter Abrahams, Isaaks und Jakobs, mit
funkelnden Augen, khn gebogenen Nasen, fein geschnittenen Gesichtern,
wie aus einer Form geprgt, da saen sie vergngt und frhlich
plaudernd und tranken Champagner, aus saurem Wein, Zucker und
Mineralwasser zubereitet, da saen sie in malerischen Gruppen unter
den Bumen, und der Garten war anzuschauen, als wre er das gelobte
Land Kanaan, das der Prophet vom Berge gesehen und seinem Volke
verheien hatte. Wie sich doch die Zeiten ndern durch die Aufklrung
und das Geld!

Es waren dies dieselben Menschen, die noch vor dreiig Jahren keinen
Fu auf den breiten Weg der Promenade setzen durften, sondern
bescheiden den Nebenweg gingen; dieselben, die den Hut abziehen
muten, wenn man ihnen zurief: Jude, sei artig, mach' dein
Kompliment!" Dieselben, die von dem Brgermeister und dem hohen Rat
der freien Stadt Frankfurt jede Nacht eingepfercht wurden in ihr
schmutziges Quartier. Und wie so ganz anders waren sie jetzt
anzuschauen! berladen mit Putz und kstlichen Steinen saen die
Frauen und Judenfrulein; die Mnner, konnten sie auch nicht die
spitzigen Ellbogen und die vorgebogenen Knie ihres Volkes verleugnen,
suchten sie auch umsonst den ruhigen, soliden Anstand eines Kaufherrn
von der Zeile oder der Million zu kopieren, die Mnner hatten sich
sonntglich und schn angetan, lieen schwere, goldene Ketten ber die
Brust und den Magen herabhngen, streckten alle zehn Finger, mit
blitzenden Solitrs besteckt, von sich, als wollten sie zu verstehen
geben: Ist das nicht was ganz Solides? Sind wir nicht das auserwhlte
Volk? Wer hat denn alles Geld, gemnzt und in Barren, als wir? Wem ist
Gott und Welt, Kaiser und Knig schuldig, wem anders als uns?

Dort sitzt sie, die Taube von Juda, dort sitzt sie, die Gazelle des
Morgens," rief der Seufzer in poetischer Ekstase und zerrte mich am
Arm; schauen Sie dort, unter dem Zelt von hlzernem Gitterwerk. Der
mit dem runden Leib, der langen Nase und den grauen Lckchen am Ohr
ist der Vater, Herr Simon aus der neuen Judenstrae, die dicke Frau
rechts mit den schwarzseidenen Locken und dem rotbraunen Gesicht ist
die Tante; eine fatale Verwandtschaft, aber man wei sich in Zukunft
zu separieren nach und nach."

Aber wo ist denn die Gazelle, die Taube? Ich sehe sie noch nicht--"

Geduld! Noch bedeckt die neidische Wolke, die Tante, das Gestirn des
Aufgangs; fassen wir ein Herz, treten wir nher. Doch eben fllt mir
bei, ich mu Sie vorstellen; wie nenne ich Sie, mein lieber Freund und
Ratgeber?"

Ich bin der k. k. Legationsrat Schmlzchen aus Wien," gab ich ihm zur
Antwort, reise in Geschften meines Hofes nach Mainz."

Ah," rief er, nachdem er schon bei dem kaiserlich kniglich an den
Hut gegriffen hatte, Le--Legationsrat, wirklicher, und nicht blo
Titular ums liebe Geld? Das freut mich, dero werte Bekanntschaft zu
machen. Htte es mir gleich vorstellen knnen, Sie haben einen gar
tiefen Blick in die Staatsaffren. Wahrhaftig, htte es Ihnen gleich
ansehen knnen; haben so etwas Diplomatisches, Kabinettsmiges in
dero Visage."

Bitte, bitte, keine Komplimente. Gehn wir zum Juden, ich hoffe Ihnen
ntzlich sein zu knnen."

Wir traten zu dem Zelt aus hlzernem Gitterwerk. Mein Begleiter
errtete tiefer, je nher er trat; seine Wangen liefen vom Hellroten
ins Dunkelrote, von da ins blulich Schattierte an, und als wir vor
dem Herrn Simon standen, war er anzusehen wie eine schne dunkelrote
Herzkirsche. Die Tante, das neidische Gewlk", erhob sich, und nun
ward auch das Gestirn des Morgens sichtbar. Das Schickselchen, die
Kalle, ich meine Rebekka, des Juden Tochter, war nicht bel.--Sie
hatte, um mich wie Graf Rebs auszudrcken, viel Rasse, und ihre Augen
konnten den Seufzer wohl bis auf Herz durchbrennen, obgleich er zur
Vorsicht und aus Eleganz drei Westen angetan hatte.

Nachdem mich mein Freund, der als solides Haus aus Dessau bei der
Familie wohl gelitten schien, vorgestellt hatte, machte er sich an die
Taube von Juda und berlie es mir, den alten Simon zu unterhalten.
Mein Titel schien ihm einigen Respekt eingeflt zu haben. Haben da
ein schnes Fach erwhlt, Herr von Schmlzlein," bemerkte er
wohlgefllig lchelnd; habe immer eine Inklination fr die Diplomatik
gehabt, aber die Verhltnisse wollten es nicht, da ich ein Gesandter
oder dergleichen wurde. Man wei da gleich alles aus der ersten Hand!
Man kann viel komplizieren und dergleichen; was lieen sich da fr
Geschfte machen!"

Sie haben recht, mein Herr! Man lernt da die verwickeltsten
Verhltnisse kennen. Allein aber schauen's, das Ding hat auch seinen
Haken. Man wei oft eigentlich zu viel, es geht einem wie ein Rad im
Kopf umher."

Der Jude rckte nher. Mit einem Wiener Diplomaten, mochte er denken,
nehme ich es auch noch auf. Zeviel?" sagte er. Ich fr meinen Teil
kann nie zeviel wissen. Was die Papiere betrifft, da kann ein
Fingerzeig, ein halber, ein Viertelsgedanke oft mehr tun, als eine
lange Rede im Frankfurter Museum. Nu, S i e stehen solide in Wien, Ihr
Staat ist ein gemachtes Haus trotz einem; was Herr von M. auf dem
Flageolett vorpfeift, das singen die Staren nach."

Die Staren vielleicht, aber nicht die Zaren!"

Gut, _trs bien, bon_! Gut gegeben, hi! hi! hi! _ propos_,
wissen Sie Neues aus daher?" Er rckte mir noch nher und wurde
verfnglicher.

Herr Simon," sagte ich mit Artigkeit ausweichend, Sie wissen, es
gibt Flle--"

Wie?" rief er erschrocken. Gotts Wunder! Neue Fallissements, waas!
Ist nicht die Krisis vom letzten Winter schon ein Strafgericht des
Herrn gewesen? Waas?"

Um Jottes willen, Papa!" schrie Rebekka, indem sie den Arm des
zrtlichen Seufzers zurckstie und aufsprang. Doch kein Unglck?
Mein Jott! Doch nich hier in Frankfort?"

Beruhigen Sie sich doch, gndiges Frulein, ich sprach mit Ihrem
Herrn Papa ber Politik und rechnete einige Flle auf, und er hat mich
holter nicht recht verstanden."

Sie prete mit einem zrtlichen, hinsterbenden Blick auf den
erschrockenen Dessauer ihre Hand auf das Herz und atmete tief.

Nee! was ich erschrocken bin jeworden, da machen Sie sich keenen
Bejriff von!" lispelte sie. Mein Herz pocht schrecklich! Na, erzhlen
Sie man weiter; was sachte der Graf? Sie htten ins Parterre jestanden
und wren melancholisch jewesen?"

Das Geflster der Liebenden wurde leiser und leiser; die Blicke des
Seufzers wurden feuriger, er zog, als das Gewlke" ein wenig im
Garten auf und ab ging, die niedliche Hand der Jdin an die Lippen und
gestand ihr, wenn ich anders recht gehrt habe, da nchstens die
Metalliques und die .... um drei Prozente steigen wrden.

Herr von Schmlzlein," sagte der Alte, nachdem er einigen koscheren
Wein zu sich genommen hatte, Sie haben mir da einen Schreck in den
Leib gejagt, den ich nie vergesse. Fallen, Flle, wie kann man auch
nur dies Wort in Gesellschaft aussprechen? Nun, Sie wollten sagen--?"

Es gibt Affren," fuhr ich fort, wo der Diplomat schweigen mu. ber
das Nhere meiner Sendung z. B. werden Sie selbst mich nicht befragen
wollen; nur so viel kann ich Ihnen, aber, mein Herr Simon, im engsten
Vertrauen--"

Der Gott meiner Vter tue mir dies und das," rief er feierlich, so
ich nur meinem Nachbar oder seinem Weib oder seinem Sohn oder seiner
Tochter das Geringste--"

Schon gut! Ich traue auf Ihre Diskretion; kurz, so viel kann ich
Ihnen sagen, da nchstens eine bedeutende Krisis eintreten wird; g a
n z zu allernchst. F  r oder g e g e n wen darf ich nicht sagen,
doch Herr von Zwerner--"

V o n Zwerner?"

Nun, ich nenne ihn so, man wei ja nicht, was geschieht; an ihn war
ich besonders empfohlen vom Frsten, und ich glaube, wenn ich anders
richtig schliee, er mu in den nchsten Tagen Kuriere aus Wien
bekommen."

Der Zwerner? Ei, ei! Wer htte das gedacht! Zwar ich sagte immer,
hinter dem steckt etwas; geht so tiefsinnig, kalkulierend umher, hat
wahrscheinlich nicht umsonst so unsinnig viele Metalliques gekauft.
Ei, sehe doch einer! Hlt sich Kuriere mit Wien! Und wenn man fragen
darf, es handelt sich wohl um das Ultimatum mit der Pforte?"

Ja."

Ei darf man fragen? Wie ist es ausgefallen? Hat er eingewilligt, der
Effendi? Hat er?"

Mein Herr Simon, ich bitte--"

O, ich verstehe, ich verstehe, Sie wollen es nicht sagen, aus
Politik, aus Politik, aber er hat, er hat?"

Trauen Sie auf nichts, ich w a r n e Sie, auf keine Nachricht trauen
Sie, als auf authentische. Der Herr dort wei vielleicht mancherlei
und hat nicht das drckende Stillschweigen eines Diplomaten zu
beobachten."

Ei, htte ich das in meinem Leben gedacht, Kuriere von Wien, und der
Zwerner aus Dessau; zwar er ist ein solides Haus, das ist keine Frage,
aber denn doch nicht so auerordentlich. Ob sich wohl was mit ihm
machen liee?" setzte er tiefer nachsinnend hinzu, indem er seine Nase
herunter gegen den Mund bog und das lange Kinn aufwrts drckte, da
sich diese beiden reichen Glieder begegneten und kten. Das war der
Moment, wo er anbeien mute, denn er nagte schon am Kder. Ich gab
dem Seufzer aus Dessau einen Wink, sich dem Papa zu nhern, und nahm
seinen Platz bei der Gazelle des Morgenlandes ein.

      *       *       *       *       *




4. DAS GEBILDETE JUDENFRULEIN.


Wie war sie grazis, das heit geziert, wie war sie artig, nmlich
honett, wie war sie naiv, andere htten es lstern genannt.

Ich liebe die Tiplomattiker," sagte sie unter anderem mit feinem
Lcheln und vielsagendem Blick. Es is so etwas Feines, Jewandtes in
ihren Manieren. Man sieht ihnen den Mann von jutem Jeschmack schon von
die Ferne an, und wie angenehm riechen sie nach _Eau de
Portugal_!"

O gewi, auch nach _Fleur d'Orange_ und dergleichen. Wie nehmen
sich denn die hiesigen Diplomaten? Kommen sie viel unter die Leute?"

Nun, sehen Sie, wie das nun jeht, die lteren Herren haben sechs bis
sieben Monate Ferien und reisen umher. Die jngeren aber, die indessen
hier bleiben und die Geschfte treiben, sie mssen Psse visieren, sie
mssen Zeitungen lesen, ob nichts Verfngliches drein is, sie mssen
das Papier ordentlich zusammenlegen fr die Sitzungen. Nun, was nun
solche junge Herren Tiblomen sind, das sein janz scharmante Leute,
wohnen in die _Chambres garnies_, essen an die _Tables d'hte_, jehen 
auf die Promenade schn ausstaffiert _comme il faut_, haben zwar 
gewhnlich kein Jeld nicht, aber desto mehr Ansehen."

Da haben Sie einen herrlichen Schal umgelegt, mein Frulein, ist er
wohl echt?"

Ah, jehen Sie doch! Meinen Sie, ich werde etwas anderes anziehen, als
was nicht janz echt ist? Der Schal hat mir jekostet achthundert
Gulden, die ich in die Rothschildischen Los gewunnen. Und sehen Sie,
dieses Kollier hier kostet sechzehnhundert Gulden und dieser Ring
zweitausend. Ja, man jeht sehr echt in Frankfort, das heit, Leute von
den jutem Ton, wie unsereine."

Ach, was haben Sie doch fr eine schne, gebildete Sprache, mein
Frulein! Wurden Sie etwa in Berlin erzogen?"

Finden Sie das och?" erwiderte sie anmutig lchelnd. Ja, man hat mir
schon oft das Kompliment vorjemacht. Nee, in Berlin drein war ich nie,
ich bin hier erzogen worden; aber es macht, ich lese viel und bilde
auf diese Art meinen Jeist und mein Orkan aus."

Was lesen Sie, wenn man fragen darf?"

Nu, Bellettres, Bcher von die schne Jeister. Ich bin abonniert bei
Herrn Dring in der Sandjasse, nchst der Weien Schlange, und der
verproviantiert mich mit Almanachs und Romancher."

Lesen Sie Goethe, Schiller, Tieck und dergleichen?"

Nee, das tu ich nich. Diese Herren machen schlechte Jeschfte in
Frankfort. Es will sie keen Mensch, sie sind zu studiert, nich
natrlich jenug. Nee, den Jthe lese ich nie wieder! Das is was
Langweiliges. Und seine Wahlverwandtschaften! Ich werde rot, wenn ich
nur daran denke. Wissen Sie, die Szene in der Nacht, wo der Baron zu
die Baronin,--ach, man kann's jar nicht sagen, und jedes stellt sich
vor--"

Ich erinnere mich, ich erinnere mich. Aber es liegt gerade in diesem
Gedanken eine erstaunliche Tiefe--ein Chaos von Mglichkeiten--"

Nu, kurz, den mag ich nicht; aber wer mein Liebling ist, das is der
Clauren. Nee, dieses Leben, diese Farben, dieses Studium des Herzens
und namentlich des weiblichen Jemts, ach, es is etwas Herrliches. Und
dabei so natrlich! Wenn mir die andern alle vorkommen wie schwere
vierhndige Sonaten mit tiefen Bapartien, mit zierlichen Solos, mit
Trillern, die kein Mensch nich verstehen und spielen kann, so wie der
Mozart, der Haydn, so kommt mir der Clauren akkerat so vor wie ein
anjenehmer Walzer, wie ein Hopswalzer oder Galopp. Ach, das Tanzen
kommt einem in die Beene, wenn man ihn liest. Es ist etwas
Herrliches!"

Fahren Sie fort, wie gerne hre ich Ihnen zu. Auch ich liebe diesen
Schriftsteller ber alles. Diese andern, besonders ein Schiller, wie
wenig hat er fr das Vergngen der Menschheit getan. Man sollte
meinen, er wolle moralische Vorlesungen halten. Er ist, um mich eines
andern Gleichnisses zu bedienen, schwerer, dicker Burgunder, der mehr
melancholisch als heiter macht. Aber dieser Clauren! Er kommt mir vor
wie Champagner und zwar wie unechter, den man aus Birnen zubereitet.
Der echte verdunstet gleich; aber dieser unechte, setzt er auch im
Grunde viele Hefen an, so 'brsselt' er doch mit allerliebsten
tanzenden Blschen auf und ab eine Stunde lang, er berauscht, er macht
die Sinne rege, er ist der wahre Lebenswein."

O sehen Sie, da kann ich Ihnen ja gleich unsern Clauren vormachen mit
Bornheimer Champagner. Man nimmt fremden Wein, so etwa die Hlfte,
jiet Mineralwasser dazu, und nun jeben Sie acht. Ich werfe Zucker in
das Janse, und unser Clauren ist fertig. Sehen Sie, wie es siedet, wie
es sprudelt und brsselt, wie anjenehm schmeckt es nich und ist ein
wohlfeiles Jetrnke. Nee, ich mu sagen, er ist mein Liebling. Und das
Anjenehmste is das, man kann ihn so lesen, ohne viel dabei zu denken,
man erlebt es eigentlich, es is, meine ich, mehr der Krper, der ins
Buch schaut, als der Jeist. Und wie angenehm lt es sich dabei
einschlafen!"

Ich glaube gar, ihr seid in einem gelehrten Gesprch begriffen," rief
lachend der alte Jude, indem er, den Dessauer an der Hand, zu uns
trat. Nicht wahr, Herr Legationsrat, ich habe da ein gelehrtes Ding
zur Tochter? Sie spricht auch wie ein Buch und liest den ganzen Tag."

Nun, und Sie, Papa, und Herr Zwerner haben wohl tiefe
Handelsjeheimnisse abjemacht? Darf man auch davon hren. Wie werden
sie in der nchsten Woche stehen, die Metalliques? Recht hoch? Hab'
ich es erraten?"

Stille, Kind, stille! Kein Wort davon! Mu alles geheim gehalten
werden! Mu einen groen Schlag geben. Ist ein Goldmnnchen, der Herr
von Zwerner. Setzen Sie sich zu ihr hin und klren ihr alles auf. Sie
ist auf diesem Punkt ein verstndiges Kind und wei zu rechnen, die
Rebeckchen."

Was schlich denn jetzt durch das Gras? Was hpfte auf zierlichen
Beinchen heran? Was lchelte schon von weitem so freundlich nach der
Kalle des Herrn Simon? War es nicht das Grfchen Rebs, das alte,
freundliche Kaninchen, das in alle Damen verliebt ist und alle
bezaubert? Er war es, er kam hereingeschwnzelt.

Er schnaufte und chzte, als er heran war, und doch konnte er auch in
dem Zustand hchster Erschpfung, in welchem er zu sein schien, sein
liebliches ses Lcheln nicht unterdrcken. Er warf sich ermattet
neben Rebekka in einen Sessel, streckte die dnnen Beinchen, so mit
zierlichen Sprnchen zum Spazierengehen beschlagen, heftete den
matten, sterbenden Blick auf die schne Jdin und sprach: Habe die
Ehre, vergngten Abend zu wnschen. Ich sterbe, mit mir geht's aus!"

Mein Jott! Herr Israels! Graf Rebs, was haben Sie doch? Ihre Wangen
sind ja janz einjeschnurrt, Ihre Augen bleiben stehen. Er antwortet
nich! Herr Tiplomat, _Eau de Cologne_! Haben Sie keines bei sich
in die Tasche?"

So rief das schne Judenkind und beschftigte sich um den Ohnmchtigen
mit zarter Sorgfalt. Da ich keine _Eau de Cologne_ bei mir trug,
so begann sie etwas weniges verzweifeln zu wollen und verlangte von
dem Dessauer, er solle ihm Tabaksrauch in die Nase blasen. Doch der
Vater wute bessern Rat: Da geht einer," rief er freudig, da geht
ein charmanter junger Herr, ist in Kondition nicht weit von uns, der
trgt bestndig etzliches Klner Wasser in seiner Rocktasche!"

Wie ein Pfeil scho er auf den jungen Mann zu und war, als er ihm mit
schrecklichen Gebrden das _Eau de Cologne_= Flschchen
abforderte, anzusehen wie Sir John Falstaff, als er die Krmer
beraubt. Maria Farinas Lebenstropfen brachten das arme Kaninchen
wieder zu sich. Er schlug die Augen auf, seufzte tief und lchelte.
Mich gehorsamst zu bedanken," lispelte er mit zitternder Stimme, fr
die gtigst geleistete Hilfe. War mir aber recht elend zu Mut; fast
als htte ich mehr Bier getrunken als dienlich."

Sind Sie oft solchen Zufllen unterworfen?" fragte Rebekka, ihn etwas
mifllig betrachtend.

Mitnichten und im Gegenteil," erwiderte er, indem er den Rcken
zierlich wendete und drehte, mit den Schultern ber die Brust
herausfuhr und mannhaft mit den Sprnchen klirrte. Mitnichten, habe
sonst eine beraus starke Konstitution. Aber der dicke Pfarrer, der
dicke Pfarrer...."

Die Juden schwiegen, und Rebekka schlug die Augen nieder, wie immer,
wenn von christlichen Pfarrern oder Zeremonien oder auch von
Schweinefleisch in ihrer Nhe gesprochen wurde. Der Seufzer aber, dem
die Erscheinung des Grafen etwas lstig schien, fragte ihn ziemlich
boshaft, ob er etwa im Goldenen Brunnen gewesen, sich allda etwas
betrunken und nachher mit dem ehrsamen Pastor Mnster Streit und
kirchlichen Skandal angefangen nach seiner Gewohnheit.

Nach meiner Gewohnheit?" rief das Kaninchen erschrocken. Ich ein
Unruhstifter oder Sufer, ich in dem Goldenen Brunnen, ich, der ich
nur die allernobelsten Hotels, den Pariser und den Englischen Hof, den
Weidenbusch, in welchem ich logiere, und den Weien Schwan mit meinem
Besuch beehre? Nein, er ist mir begegnet, der Pfarrer, und als er an
mir vorbeiging, sah er mich mit schrecklichen Augen an und sagte: Das
ist auch so ein S t e i n  d e s  A n s t o  e s, auch so ein
Mystiker." Herr Pfarrer," sagte ich, guten Abend, aber ein Mystiker
bin ich nicht und will auch fr keinen gelten, am wenigsten
ffentlich, auf der Chaussee nach Bornheim." Sie wollen keiner sein?"
antwortete er, indem er nher auf mich zutrat, so da sein Bauch und
das Cachet seiner Uhr mir gerade auf die Brust zu sitzen kamen und
mich heftig drckte. Wollen keiner sein? Warum kommen Sie denn nicht
mehr ins Museum? Warum haben Sie an ffentlichen Wirtstafeln, im
Pariser, Weiden= und anderen Hfen geschimpft ber mich, da ich ein
gewisses Gedicht von Langbein in besagter Gesellschaft vorgelesen?" Es
ist wahr, ich hatte mich ziemlich stark darber ausgesprochen, aber
nicht aus Mystizismus, sondern weil ich glaubte, es knne zarte
Damenohren und weiche Gemter unangenehm berhren, jenes Gedicht. Aber
er nahm keine Entschuldigung an. Ich schlpfte ihm unter dem Bauch weg
und wollte schnell weiter gehen; aber er setzte mir mit weiten
Schritten nach, ging neben mir her und beschuldigte mich, seinem
Gegenpart, dem mystischen Pfarrer, zu einer reichen Frau verholfen zu
haben; er behauptete auch, da ich mich jeden Morgen statt des
Frhstcks magnetisieren lasse, und dergleichen. Und erst hier an der
Gartentre lie er mit einer mrrischen Reverenz von mir ab."

Aber was hat denn dies alles zu bedeuten?" fragte ich. Halten denn
die Pfarrer hier auf der Landstrae Kirche, wie es Sitte war zur Zeit
der Apostel?"

In Frankfurt," belehrte mich der Kaufmann aus Dessau, in Frankfurt
ist gegenwrtig ein groer Krieg zwischen den Pfarrern, und ihre
Parteien befehden sich ebenfalls. Mystiker und Rationalisten schelten
sie sich hin und her, der eine wirft dem andern vor, er predige nur
Moral, der andere entgegnet, sein Gegner rede tiefen Unsinn. Nicht nur
in den Kirchen, auf den Kanzeln, sondern auch in den Weinhusern und
Trinkstuben, auf Chausseen und in Kasinos wird gekmpft; und so konnte
es leicht geschehen, da der Herr Graf einem Eiferer der Vernunft in
die Hnde fiel.--Doch wie? Herr Graf, wenn ich nicht irre, so fhrt
dort der Lord und seine Nichte. Nicht so? Und sie halten vor dem
Garten, sie steigen aus?" Ah, sie hat mich bemerkt," rief das
Kaninchen sehr freundlich, sie schaut schon herber und wedelt, wenn
ich nicht irre, mit dem Taschentuch mir zu. Verzeihen allerseits, da
ich mich entferne. Mi Mary hat ein Auge auf mich geworfen, und Sie
wissen selbst, bei solchen Affren--"

Er schlpfte unter diesen Worten aus dem Zelt und eilte mit zierlichen
Sprnglein zu der Gartenpforte, wo er in dem Drang seines Herzens die
junge Dame auf den glacierten Handschuh kte. Es mochte ihr brigens
dieses Zeichen seiner Verehrung beraus komisch vorkommen; denn ihr
Lachen drang bis zu uns herber, und mit tiefem Ba begleitete sie der
Lord, indem er dem Kaninchen das Pftchen schttelte.

Das Gewlk, die Tante Simon, kam jetzt zurck und beklagte sich, da
es schon etwas khl werde. Der Jude lie daher seinen schnen Wagen
vorfahren und verlie mit den Seinigen den Garten. Der Seufzer hatte
das Glck, Rebeckchen in den Wagen heben zu drfen, und kam mit ganz
verklrtem Gesicht zurck. Sie hatte ihm unter der Tre noch die Hand
gedrckt und gestanden, da sie sich diesen Nachmittag janz
frtrefflich amsiert habe, und der Alte hatte ihn eingeladen, morgen
und alle Tage den Abend in seinem Hause zuzubringen.

       *       *       *       *       *




5. DER KURIER AUS WIEN KOMMT AN.


Ich knnte dir, geneigter Leser meiner Memoiren, vieles Ergtzliche
und Interessante erzhlen, was ich in der freien Stadt Frankfurt
erlebte. Nicht von frheren Zeiten her, wo ich oft hinter den Sthlen
der Kurfrsten stand und den Kaiser whlen half, wo ich so oft unter
guten Freunden im Rmer und beim Rmer sa, wenn das neue Haupt des
vielgliedrigen Leibes, Deutsches Reich genannt, mit der Krone
geschmckt worden war. Nein, von den heutigen Tagen knnte ich dir
viel erzhlen, von dem tiefen, geheimnisvollen Wesen der Diplomatie,
von dem herrlichen Junitag, in welchem es niemals Abend oder Nacht
wird, ich meine den deutschen Bundestag; von dem herrlichen Treiben
und Blhen des Mystizismus und wie ich das Feuer anschrte zwischen
seinen Anhngern und den Rationalisten, und wie es im Wirtshaus zum
Goldenen Brunnen einigemal zu bedeutenden Raufereien kam zwischen
beiden Parteien, das heit--nur mit schneidenden Zungen und stechenden
Blicken. Ich knnte dir erzhlen, wie ich in einem Institut, woselbst
man junge Frulein fr die Welt zustutzt, ntzlichen Unterricht gab im
Gitarrespielen und andern Kleinigkeiten, so eine junge Dame kennen
mu, wenn sie in die Welt tritt. Ich knnte dir erzhlen von jener
Strae, Million genannt, wo meine speziellsten Freunde wohnen, deren
der geringste ber Millionen gebietet.

Doch ich schweige von diesem allem, weil ich mir vorgenommen, dir
einen kleinen Abri zu geben von der Art, wie ich den ehrlichen,
seufzenden Sohn Merkurs aus Dessau zu einem Teufelskind machte. Der
erste Schritt vom ehrlichen Mann zum schlechten oder Betrger ist an
sich klein und dennoch bedeutend, weil man leicht, sozusagen, in Schu
kommt und unaufhaltsam bergab, bergab geht, anfangs im Trott, nachher
im Galopp. Mein guter Seufzer hatte sein bedeutendes Vermgen mit
einem ehrlichen Gemt geerbt. Er ging in seinen Geschften den
geraden, ehrlichen Weg, nicht, weil er ihm angenehmer war, sondern
weil er es unbequem finden mochte, Winkelzge und Umwege zu machen.

Es ist dies die Ehrbarkeit, die Tugend, die nie auf der Probe war und
daher ein negativer Begriff, ein Nichts, auf jeden Fall keine Tugend
ist.

Nicht der Geldgewinn, er ist ziemlich zufrieden mit seinem Los,
sondern die Liebe zu der schnen Kalle des alten Simon macht ihn
straucheln, oder vielmehr, wie Gelegenheit Diebe macht, die se Art,
wie ich es ihm eingab. Jetzt ist er, um das Kind beim rechten Namen zu
nennen, aus dem ehrlichen Mann ein Betrger geworden. Er wird, weil es
ihm diesmal leicht wird, zu betrgen, das nchste Mal hnliches
versuchen. Das Gewissen, die Ehrlichkeit, die Ruhe, die
Selbstzufriedenheit ist ja doch schon zum Teufel; warum soll er sich
also genieren? Der groe Gewinn fr mich liegt aber darin, da die
ersten Versuche des ehrlichen Mannes, ein Betrger zu werden,
gewhnlich gut ausfallen und zur Wiederholung locken. Denn wer mit mir
Geschfte macht, kann, solange es tunlich ist, darauf rechnen, sie mit
Glck zu machen, und unglckliche Spekulanten, von denen die Sage
geht, da sie sich erhngt oder ersuft haben, hatten durch Reue und
Selbstanklage den Kopf verloren, hatten mir zu wenig vertraut, und
nicht ich war es, der sie verlie; sie hatten sich selbst verlassen.

Doch, wo gerate ich hin? Habe ich mich von dem dicken Pfarrer
anstecken lassen, zu moralisieren? Ist es denn mein Zweck, mit
psychologischen Abhandlungen meine Leser zu ermden oder sogar
abzuschrecken? Oder wie, lie ich mich etwa von den Winken einiger
gelehrten Leute verfhren, die behaupten, es liege zu wenig
psychologische Teufelei oder teuflische Psychologie in meinen
Memoiren, ich sei fr einen deutschen Schriftsteller, als welchen ich
mich im Leipziger Mekatalogus einregistrieren lassen, nicht grndlich
genug?

Der Teufel soll es holen! mchte ich mir selbst zurufen. Sobald man
vom Wege abgeht, gert man immer mehr auf Abwege, so auch im
Niederschreiben von Memoiren. Ich werde kurz sein.

Ich hatte durch meine dienenden Kleinen erfahren, welche Gedanken der
Reis=Effendi in einer Privatunterredung mit Herrn von Minciaky ber
das russische Ultimatum geuert. Ja, um redlich zu sein, ich hatte
selbst groen Anteil an jener Wendung der Dinge, weil mir dadurch das
sogenannte Gleichgewicht etwas aus die Spitze gerckt zu werden schien
und mehr Leben in das schlummernde Europa kommen konnte, das von
Revolutionen und andern lustigen Artikeln nur t r  u m t und im S c h
l a f e  s p r i c h t. Ich hatte diese Nachricht frher vernommen,
als sie selbst nur nach Petersburg kommen konnte, und in meiner Hand
lag es, die Papiere steigen oder fallen zu machen. Der Vater der
schnen Rebekka hatte in den letzten Tagen auf meinen Rat und seine
eigene Einsicht hin seine Papiere so umgesetzt, da er beim geringsten
Steigen der----auf groen Gewinn zhlen konnte. Groe Spannung
herrschte in dem Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstrae. Der
Alte versicherte, seine Gebeine erzittern, so oft er ansetze, einen
wichtigen Brief zu schreiben. Die Tante, das neidische Gewlk",
mochte ahnen, was vorging, und schlich trbe und chzend im Hause
umher. Die Kalle war die mutigste von allen. Zwar war auch sie in
einiger Bewegung; denn sie las nicht mehr, weder in Clauren, noch in
verschiedenen Almanachs, sogar das Modejournal wollte sie nicht
ansehen; sie spielte auch nicht mehr auf der Harfe, aber doch trug sie
das Kpfchen noch so hoch wie zuvor und ermutigte durch manche Rede
die zagenden Bundestruppen.

Der Seufzer war gnzlich von Verstand gekommen. Bald war er tiefsinnig
und zweifelte an seinem Glck, besonders in der Nhe der schnen
Jdin, wenn er sich die Hhe seiner Seligkeit, den Besitz der
lieblichen Kalle dachte. Dann war er wieder ausgelassen frhlich und
sprach allerlei verwirrtes Zeug, wie er ein Millionr zu werden
gedenke, wie und wo er sich ein Haus bauen wolle, und was dergleichen
berschwengliche Gedanken mehr waren; der Kalle aber flsterte er ins
Ohr, da er sich wolle adeln lassen und sie zur gndigen Frau
Baronesse von Zwerner zu Zwernersheim machen, welcher Ort noch auf der
Landkarte auszumitteln wre.

Endlich, es war am dritten Frankfurter Pfingstfeiertag, und die
Mdchen und Frauen spazierten schon scharenweise hinaus an den Main,
um sich bersetzen zu lassen nach dem Wldchen, und die Mnner riefen
ihnen nach, nur einstweilen alles zuzursten daselbst, weil sie nur
noch auf die Brse gingen und bald nachkmen, indem heute nichts
Bedeutendes vorkomme, und auch die alte Baubo, die schnde Hexe, zog
hinaus, doch diesmal nicht auf dem Mutterschwein, sondern in einem
eleganten Wagen. Sie hatte ihre schnen Stieftchter bei sich und
nickte mir freundlich zu, als wollte sie sagen: Dich kenne ich wohl,
Satan, obgleich du jetzt in schwarzem Frack und seidenen Strmpfen
einherzuwandeln beliebst und meiner Elise, dem allerliebsten Kind,
praktische Gitarrestunden gibst, dich kenne ich wohl; komm aber nur
hinaus ins Wldchen, da sprechen wir wohl wieder ein Wort zusammen."
Da fuhr sie hin, die gute Alte, eine der ersten Palastdamen meiner
Gromutter und sehr angesehen in Frankfurt und auf dem Brocken in der
Walpurgisnacht, da fuhr sie hin und viele tausend und wieder tausend
fromme Frankfurter Seelen ihr nach, die alle das Gebot in feinem
Herzen trugen: Du sollst den Feiertag heiligen und an Pfingsten auch
den dritten und vierten."

Jetzt war es Zeit, zu operieren. Den Tag zuvor hatte man sich
allgemein mit dem Gercht getragen, da die Pforte das Ultimatum nicht
annehmen werde, und man erwartete von heute nichts Besonderes. Da
jagte um elf Uhr ein Kurier durch das Tor, ganz mit Schwei und Staub
bedeckt; er sprengte, greulich auf dem Posthorn blasend, durch die
Strae, Million genannt, und in einem Umweg durchs neue Judenquartier;
die Leute rissen die Fenster auf und fuhren mit den Kpfen heraus, um
zu schauen nach dem schrecklichen Trompeten= und Straenlrm. Wo
kmmt Er hr? Wo will Er hin?" riefen sie. In Weien Schwan," schrie
er, ich habe den Weg verfehlt, wo geht's in Weien Schwan?" Der Herr
is wohl  Korrier?" Freilich, nur schnell," rief er und zog einen
Brief mit groem Siegel aus der Tasche, das kmmt von Wien und ist an
den Herrn Zwerner aus Dessau im Weien Schwan." Da an der Ecke gehts
rechts, dann die Strae links, dann kmmt Er auf die Zeile, da reitet
Er bis an die Hauptwache, und von dort ists nimmer weit." So riefen
sie, schauten ihm nach, wie er mit der Peitsche knallend davonjagte
und besprachen sich dann ber die Strae hinber, was wohl die
Depesche aus Wien enthalten mchte. Der Kurier war aber niemand anders
als einer meiner dienstbaren Geister, in die Uniform eines hessischen
Postillons gekleidet.

       *       *       *       *       *




6. DER REIS=EFFENDI UND DER TEUFEL IN DER BRSENHALLE.


Im Briefe stand mit drren Worten, da der Reis=Effendi dem Herrn v.
Minciaky die vertrauliche, jedoch halb offizielle Mitteilung gemacht
habe, da die Pforte das Ultimatum, soweit es Ruland betreffe,
annehmen werde.

Der Seufzer bekam nun die ntige Instruktion, was er zu tun hatte. Er
fuhr mit dem Briefe sogleich zu Papa Simon und mit diesem zu Herrn v.
R-------, dem Papst der Brse, dem sichtbaren Oberhaupt der
unsichtbaren papierenen Kirche. Dieser prfte die Depesche genau. Er
selbst hatte schon zu oft hnliche Mittel angewendet, Pariser Kuriere
aus Mainz, und Wiener aus Aschaffenburg kommen lassen, als da er so
leicht konnte hintergangen werden. Er lie daher ein Licht bringen und
prfte zuerst Geruch und Flssigkeit des Siegellacks. Gott's Wunder!"
sprach er, bedchtlich riechend, Gott's Wunder! das ist echtes
Kaisersiegellack, wie es nur in Wien selbst zubereitet wird und was
Eingeweihte zu solchen Depeschen zu verwenden pflegen." Dann
betrachtete er genau das Kuvert des Briefes und fand darauf die
gedruckten Zeichen jeder Poststation von Wien bis Frankfurt, und keins
fehlte. Er verglich sodann diese Zeichen mit der Liste der
Postzeichen, die er zur Hand hatte, und--sie waren richtig.

Hatte er zuvor den Herrn Zwerner, Handelsmann aus Dessau, als ein
kleines Paarmalhunderttausendguldenmnnchen so obenhin behandelt, wie
der Lwe das Hndchen, so wuchs Letzt seine Achtung mit unglaublicher
Schnelle. Er htte zwar am liebsten selbst den Kurier bekommen, samt
der inhaltsschweren Depesche, doch, da dies nicht mehr zu ndern war,
machte er gute Miene zum bsen Spiel, dankte, da man ihn sogleich von
der wichtigen Nachricht avertiert habe und berechnete dabei, welche
Summe dem Dessauer diese Nachricht gekostet haben knnte, indem er
annahm, dieser Kaufmann msse die Preise, die er in Wien fr solche
Winke bezahle, berboten haben. Es war Brsenzeit, er selbst fuhr mit
auf die Brsenhalle.

B  r s e n h a l l e! Unter diesem Namen stellt sich wohl der Fremde,
der diese Einrichtung noch nie gesehen, ein weitlufiges Gebude vor,
wie es der Stadt Frankfurt wrdig wre, mit weiten Slen,
Seitengngen, schnen Portalen und dergleichen. Wie wundert er sich
aber und lchelt, wenn er in diese Brsenhalle tritt! Man stelle sich
einen ziemlich kleinen, gepflasterten Hof, von unansehnlichen Gebuden
eingeschlossen, vor, wo man mit Bequemlichkeit Pferde striegeln, Wagen
reinigen, waschen, Hhner und Gnse fttern und dergleichen solide
husliche Hantierungen verrichten knnte. Statt des ehrwrdigen
Truthahns, statt der geschwtzigen Hhner und Gnse, statt des
Stallknechts mit dem Besen in der Faust, statt der Kchendame, die
hier ihren Salat wscht--sieht man hier zwischen zwlf und ein Uhr
mittags ein buntes Gedrnge. Mnner mit dunkelgefrbten, markierten
Gesichtern, mit schwarzen Brten und lauernden Augen, mit
khngebogenen Nasen und breiten Mulern, mit schmutzigen Hemden und
unsauberer Kleidung schleichen mit gebogenen, schlotternden Knien und
spitzigen Ellbogen, den Hut tief in, den Nacken zurckgedrckt, umher
und fragen einander: Nu, wie stehen se heute?" Du wandelst staunend
durch dieses Gewhl und fhlst einen kleinen unbehaglichen Schauer,
wenn dich eine der unsauberen Gestalten im Vorbergehen anstreift. Du
begreifst zwar, da du dich unter den Kindern Israels befindest; aber
zu welchem Zweck treiben sie sich hier unter freiem Himmel in einem
Hhnerhof umher? Endlich wirst du eine Tafel, etwa wie ein
Wirtshausschild anzusehen, gewahr. Dort steht mit goldenen Buchstaben
deutlich zu lesen: Brsenhalle." Also in der Brsenhalle der freien
Stadt Frankfurt befindest du dich. Du hrst heute ein sonderbares
Gemunkel und Geflster. Die Leute gehen staunend umher, mehr mit
Blicken als mit Worten fragend: Ae Korrier aus Wien?" Gott's
Wunder!" Wer hat'n gekriecht?" Ae Fremder, der Zwerner von Dessau."
Wie? Kaner von unsere Lait? Nicht der Rothschild, der graue Baron,
nicht der Bethmann? Auch nicht der Metzler? Waas?"

Was hat'r gebracht, der Korrier! Abraham, wie stehen se?"

Wie werden se stehen! Wer kann's wissen, solange der Zwerner aus
Dessau nicht ist auf der Brsenhalle!"

Levi! hat er's Oltemat'm angenommen, der Reis=Effendi? Hat er, oder
hat er nicht? Wie werden se stehen?"

Ich hab's genug, 's is a viertel auf Eins, und noch will keiner
verkaufen, aus Schrecke vor die Korrier. Wr' nur der Zwerner aus
Dessau da! Auch der Rothschild bleibt so lang aus und der Simon von
die neue Strae. Wirst sehen, 's wird geben  graue Operation! Der
Herr wird verstockt haben das Herz des Effendi, da er hat nicht
angenomme das Oltematum von dem Moskeviter?"

Bethmannische Obligationen will man nicht kaufen, sind gefallen um
Vertelpurzent!"

Wie steht's mit die Metalliques? Wie verkauft sie der Metzler? Wie
stehen se, Abraham? Tu mer de Gefallen und sag', die Metalliques, wie
stehen se?"

A ich der sag, ich wei nicht, wo mer steht der Kopf, wei heut
keiner, wer is Koch oder Keller? A ich nicht kann riechen, wie se
stehen, die Mettaliques!"

Pltzlich entsteht ein Gerusch, ein Gedrnge nach der Tre zu. Ein
Wagen ist vorgefahren, die Leute stehen auf den Zehen, machen lange
Hlse, um die Mienen der Kommenden zu sehen. Drei Mnner arbeiten sich
durch die Menge und stellen sich ernst und gravittisch an ihren Platz
zur Seite, wie es wohllblicherweise auf anderen Brsen der Brauch
ist, wo nur die Mkler umherlaufen und sich drngen. Es war der groe
Baron, der an der Seite stand, zu seiner Rechten das Gestirn des
Tages, der Kaufmann Zwerner aus Dessau, jetzt nicht mehr Seufzer zu
nennen; denn sein Herz schien zu jubilieren und allerlei verliebte
Streiche ausfhren zu wollen, whrend er doch die Sinne bedchtlich
und gesetzt beisammen behalten mute, um sich nicht zu verrechnen. Zur
Linken stand der Jude Simon, angetan mit seinem Sabbather Rock und
einer schneeweien Halsbinde, mit feierlicher, hochzeitlicher Miene,
so da sein Volk gleich sah, es msse was ganz Auerordentliches sich
zugetragen haben.

Jetzt nahten die Kufer und Verkufer und fragten nach den Preisen.
Sie wurden bleich, sie sanken in die Knie und schlichen zitternd
umher. Sie lamentierten schrecklich mit den Armen, sie steckten die
Finger in den Mund, sie fluchten ebrisch und syrisch auf den
Christen, der sich einen Kurier kommen lassen, auf den Vater, welcher
den Kurier gezeugt, auf das Pferd, welches das Pferd des Kuriers zur
Welt gebracht, auf seinen Kopf, auf seine vier Fe, kurz auf alles,
selbst auf Sonne, Mond und Sterne und auf Frankfurt und die
Brsenhalle. Jetzt merkte man, warum der schlaue Simon seine Papiere
in den letzten Tagen umgesetzt habe; jetzt konnte man sich den
Tiefsinn des Kaufmanns aus Dessau erklren! Das Ultimatum ist
angenommen," scholl es durch den Hof, der Reis=Effendi hat zugesagt,"
hallte es durch die Ecken; und obgleich die drei wichtigen Mnner nur
entfernt auf ihren Brief anspielten, nur einige nhere Umstnde
angaben, nichts Bestimmtes aussprachen, so stiegen doch die
sterreichischen, die rothschildischen und wenige andere Papiere, von
welchen durch Zwerners und des alten Simons Sorge gerade nicht sehr
viele auf dem Platz waren, in Zeit von einer halben Stunde um vier und
ein halbes Prozent. Mehrere Huser, die sich nicht vorgesehen hatten,
fingen an zu wanken, eines lag schon halb und halb und hatte es nur
seiner nahen Seitenverwandtschaft mit dem regierenden (Brsen=) Hause
zu verdanken, da ihm noch einige Sttzen untergeschoben wurden.

Als man um ein Uhr auseinanderging, lautete der Kurszettel der
Frankfurter Brsenhalle:

     Metalliques  87 5/8.
     Bethmnnische 75 1/2.
     Rothschildische Lose 132.
     Preuische Staatsschuldscheine 84.

An den brigen war nichts gendert worden.

       *       *       *       *       *




7. DIE VERLOBUNG.


Dieses kleine Brsengemetzel entschied ber das Schicksal des Seufzers
aus Dessau. In den zwei nchsten Tagen wirkte er durch die groe Menge
Metalliques, die er in Hnden hatte, mchtig auf den Gang bei
Geschfte, und als einige Tage nachher Herr von Rothschild
Privatmitteilungen aus Wien erhielt, wodurch seine Nachrichten
vollkommen besttigt werden, da drngte sich alles um den
hoffnungsvollen, spekulativen Jngling, um den genialen Kopf, der auf
unglaubliche Weise die Umstnde habe berechnen knnen.

Seine Zurckgezogenheit zuvor galt nun fr tiefes Studium der Politik,
seine Schchternheit, sein geckenhaftes Sthnen und Seufzen fr
Tiefsinn, und jedes Haus htte ihm freudig eine Tochter gegeben, um
mit diesem sublimen Kopf sich nher zu verbinden. Da aber die
Polygamie in Frankfurt derzeit noch nicht frmlich sanktioniert ist
und das Herz des Dessauers an Rebekka hing, so schlug er mit groer
Tapferkeit alle Strme ab, die aus den Verschanzungen in der Zeile,
aus den Trancheen der Million, selbst aus den Salons bei neuen Mainzer
Strae mit glhenden Liebesblicken und Stckseufzern auf ihn gemacht
wurden.

Der alte Herr Simon, konnte sich auch der Dessauer in Hinsicht auf Geld
und Glcksgter ihm nicht gleichstellen, rechnete es sich dennoch zur 
besonderen Ehre, einen so erleuchteten Schwiegersohn zu bekommen. Ja, 
er sah es als eine glckliche Spekulation an, ihn durch Rebekka gefangen 
zu haben. Er sah ihn als eine prophetische Spekulationsmaschine an, 
die ihn in kurzer Zeit zum reichsten Manne Europas machen mute; 
denn, wenn er immer mit seinem Schwiegersohn zugleich kaufte oder 
verkaufte, glaubte er nie fehlen zu knnen.

Frulein Rebekka ging ohne vieles Struben in die Bedingungen ein, die
ihr der Zrtliche auferlegte; da er eine gewisse Abneigung versprte,
ein Jude zu werden, so hielt er es fr notwendig, da sie sich taufen
lasse. Sie nahm schon folgenden Tages insgeheim Unterricht bei dem
Herrn Pastor Stein und gab dafr auf einige Zeit ihre Klavierstunden
auf, wobei, wie sie behauptete, noch etwas Erkleckliches profitiert
wrde, da sie dem Klaviermeister einen Taler fr die Stunde hatte
bezahlen mssen. Sie selbst legte dafr dem Dessauer die Bedingung
auf, da er sich fr einige hundert Gulden in den Adelsstand erheben
lassen und in dem jttlichen Frankfort" leben msse.

Er ging darauf freudig ein und berlie mir dieses diplomatische
Geschft. Um nun auch von mir zu reden, so traf pnktlich ein, was ich
vorausgesehen hatte. Der Seufzer beschwichtigte frs erste sein
Gewissen, das ihm allerlei vorwerfen mochte, z. B. da das ganze
Geschft unehrlich und nicht ohne Hilfe des Teufels habe zustande
kommen knnen. Sobald er mit dieser Beschwichtigung fertig war, war
auch seine Dankbarkeit verschwunden. Weil ihn alles als den sublimsten
Kopf, den scharfsinnigsten Denker pries, glaubte er ohne Zaudern
selbst daran, wurde aufgeblasen, sah mich ber die Achsel an und
erinnerte sich meiner sehr gtig als eines Menschen, mit welchem er im
Weien Schwan einigemal zu Mittag gespeist habe.

Was mich brigens am meisten freute, war, da er die Strafe seines
Undankes in sich und seinen Verhltnissen trug. Es war vorauszusehen,
da seine prophetische Kraft, sein spekulativer Geist sich nicht lange
halten konnten. Miglckten nur erst einige Spekulationen, die er, auf
sein blindes Glck und seinen noch blinderen Verstand trauend,
unternahm, verlor er erst einmal fnfzig= oder hunderttausend und zog
seinen Schwiegerpapa in gleiche Verluste, so fing die Hlle fr ihn
schon auf Erden an.

Rebeckchen, das liebe Kind, sah auch nicht aus, als wollte sie mit dem
neuen Glauben auch einen neuen Menschen anziehen. War sie erst
Gndige Frau von Zwerner", so war zu erwarten, da die Liebesintrigen
sich hufen wrden; junge wohlriechende Diplomaten, alte Snder, wie
Graf Rebs, fremde Majors mit glnzenden Uniformen waren dann
willkommen in ihrer Loge und zu Hause, und der Dessauer hatte das
Vergngen, zuzuschauen. Und wie wird dieser sanfte Engel Rebekka sich
gestalten zur Furie, wenn die spekulative Kraft ihres Eheherrn
nachlt und damit zugleich sein Vermgen, wenn man das glnzende
Hotel in der Zeile, die Loge im ersten Rang, die Equipage und die
hungernden Liebhaber samt der kstlichen Tafel aufgeben, wenn man nach
Dessau ziehen mu in den alten Laden des Hauses Zwerner und Komp.,
wenn die gndige Frau herabsinkt aus ihrem geadelten Himmel und zur
ehrlichen Kaufmannsfrau wird, wenn man den Gemahl statt mit Papieren,
wie es nobel ist und gro, mit Ellenwaren und Bndern, ganz klein und
unnobel handeln sieht! Welche Perspektive!!

Doch am vierten Pfingstfeiertag 1826 dachte man noch nicht an
dergleichen im Hause des Herrn Simon in der neuen Judenstrae. Da war
ein Hin= und Herrennen, ein Laufen, ein Kochen und Backen; es wurde
ungemein viel Gnseschmalz verbraucht, um koscheres Backwerk zu
verfertigen; ein Hammel wurde geschcht", um kstliche Ragouts zu
bereiten.

Der geneigte Leser errt wohl, was vorging in dem gesegneten Hause?
Nmlich nichts Geringeres als die Verlobung des trefflichen Paares.
Die halbe Stadt war geladen und kam. Hatte denn der alte Simon nicht
treffliche alte Weine? Speiste man bei ihm, das Gnsefett abgerechnet,
nicht trefflich? Hatte er nicht die schnsten jdischen und
christlichen Frulein zusammengebeten, um die Gesellschaft zu
unterhalten durch geistreiche Spiele und herrlichen Gesang?

Auch Graf Rebs, das treffliche Kaninchen, war geladen, und nur das
brachte ihn einigermaen in Verlegenheit, da nicht weniger als
zwanzig Frauen und Frulein zugegen waren, mit denen er schon in
zrtlichen Verhltnissen gestanden hatte. Er half sich durch
ausdrucksvolle Liebesblicke, die er allenthalben umherwarf, wie auch
durch die eigene Behendigkeit seiner Beinchen, auf welchen er berall
umherhpfte und jeder Dame zuflsterte, sie allein sei es eigentlich,
die sein zartes Herz gefesselt. Die bergroe Anstrengung, zwanzig auf
einmal zu lieben, da er es sonst nur auf fnf gebracht hatte, richtete
ihn aber dergestalt zugrunde, da er endlich elendiglich zusammensank
und in seinem Wagen nach Hause gebracht werden mute.

Die Gesellschaft unterhielt sich ganz angenehm und bewies sich nach
Herrn Simons Begriffen sehr gesittet und anstndig; denn als er am
Abend, nachdem alle sich entfernt hatten, mit seiner Tochter Rebekka
das Silber ordnete und zhlte, riefen sie einmtig und vergngt:
Gott's Wunder! Gott's Wunder! Was war das fr noble Gesellschaft, fr
gesittete Leute! Es fehlt auch nicht e i n Kaffeelffelchen; kein
Dessertmesserchen oder Zuckerklmmerchen ist uns abhanden gekommen!
Gott's Wunder!"

       *       *       *       *       *




DER FESTTAG IM FEGEFEUER. (Fortsetzung.)

  Am Horizont in diesem Jahr
  Ist es geblieben, wie es war.
                 M. Claudius.


1. DER JUNGE GARNMACHER FHRT FORT, SEINE GESCHICHTE ZU ERZHLEN.


Das Manuskript, aus welchem wir die infernalischen Memoiren
dechiffrieren und ausziehen, fhrt bei jener Stelle, die wir im ersten
Teile notgedrungen abbrachen, fort, die Geschichte des jungen
deutschen Schneider=Barons zu geben. Er ist aus seiner Vaterstadt
Dresden entflohen, er will in die weite Welt, frs erste aber nach
Berlin gehen und erzhlt, was ihm unterwegs begegnete.

Meine Herren," fuhr der edle junge Mann fort, als ich mich umsah,
stand ein Mann hinter mir, gekleidet wie ein ehrlicher, rechtlicher
Brger; er fragte mich, wohin meine Reise gehe, und behauptete, sein
Weg sei beinahe ganz der meinige, ich solle mit ihm reisen. Ich
verstand so viel von der Welt, da ich einsah, es sei weniger
auffallend, wenn man einen halberwachsenen Jungen mit einem lteren
Manne gehen sieht, als allein. Der Mann entlockte mir bald die Ursache
meiner Reise, meine Schicksale, meine Hoffnungen. Er schien sich sehr
zu verwundern, als ich ihm von meinem Onkel, dem Herrn von Garnmacher
in der Dorotheenstrae in Berlin, erzhlte. Euer Onkel ist ja schon
seit zwei Monaten tot!' erwiderte er. O du armer Junge, seit zwei
Monaten tot; es war ein braver Mann, und ich wohnte nicht weit von ihm
und kannte ihn gut. Jetzt nagen ihn die Wrmer!'

Sie knnen sich leicht meinen Schrecken ber diese Trauerpost denken,
ich weinte lange und hielt mich fr unglcklicher als alle Helden;
nach und nach aber wute mich mein Begleiter zu trsten: Erinnerst du
dich gar nicht, mich gesehen zu haben?' fragte er. Ich sah ihn an,
besann mich, verneinte. Ei, man hat mich doch in Dresden so viel,
gesehen,' fuhr er fort; alle Alten und besonders die Jugend strmte
zu mir und meinem jungen Griechen.'

Jetzt fiel mir mit einemmal bei, da ich ihn schon gesehen hatte. Vor
wenigen Wochen war nach Dresden ein Mann mit einem jungen
unglcklichen Griechen gekommen; er wohnte in einem Gasthof und lie
den jungen Athener fr Geld sehen, das Geld war zur Erhaltung des
Griechen und der berschu fr einen Griechenverein bestimmt. Alles
strmte hin, auch mir gab der Vater ein paar Groschen, um den
unglcklichen Knaben sehen zu knnen. Ich bezeugte dem Manne meine
Verwunderung, da er nicht mehr mit dem Griechen reise.

Er ist mir entlaufen, der Schlingel, und hat mir die Hlfte meiner
Kasse und meinen besten Rock gestohlen; er wute wohl, da ich ihm
nicht nachsetzen konnte; aber wie wre es, mein Shnchen, wenn du mein
Grieche wrdest?' Ich staunte, ich hielt es nicht fr mglich; aber er
gestand mir, da der andere ein ehrlicher Mnchner gewesen sei, den er
abgerichtet und kostmiert habe, weil nun einmal die Leute die
griechische Sucht htten."

Wie?" unterbrach ihn der Englnder. Selbst in Deutschland nimmt man
Anteil an den Schicksalen dieses Volkes? Und doch ist es eigentlich
ein deutscher Minister, der es mit der Pforte hlt und die Griechen
untergehen lt."

Wie es nun so geht in meinem lieben Vaterland," antwortete Baron von
Garnmacher, des Schneiders Sohn; was einmal in einem anderen Lande
Mode geworden, mu auch zu uns kommen. Das wei man gar nicht anders.
Wie nun vor kurzem die Pargioten ausgetrieben wurden und bald nachher
die griechische Nation ihr Joch abschttelte, da fanden wir dies
erstaunlich hbsch, schrieben auf der Stelle viele dicke Bcher
darber und stifteten Hilfsvereine mit sparsamen Kassen. Sogar
Philhellenen gab es bei uns, und man sah diese Leute mit groen
Brten, einen Sbel an der Seite, Pistolen im Grtel, rauchend durch
Deutschland ziehen. Wenn man sie fragte: Wohin?' so antworteten sie:
In den heiligen Krieg nach Hellas gegen die Osmanen!' Bat sich nun
etwa eine Frau oder ein Mann, der in der alten Geographie nicht sehr
erfahren, eine nhere Erklrung aus, so erfuhr man, da es nach
Griechenland gegen die Trken gehe. Da kreuzigten sich die Leute,
wnschten dem Philhellenen einen guten Morgen und flsterten, wenn er
mit drhnenden Schritten einen Fupfad nach Hellas einschlug: Der mu
wenig taugen, da er im Reich keine Anstellung bekommt und bis nach
Griechenland laufen mu.'"

Ist's mglich?" rief der Marquis. So teilnahmlos sprachen die
Deutschen von diesen Mnnern?"

Gewi; es ging mancher hin mit dem schnen Gefhl, einer
unterdrckten Sache beizustehen, mancher, um sich Kriegsruhm zu
erkmpfen, der nun einmal auf den Billards und in den Garnisonen nicht
zu erlangen ist; aber alle barbierte man ber einen Lffel, wie mein
Vater zu sagen pflegte, und schalt sie Landlufer."

Mylord," sagte der Franzose, es sind doch dumme Leute, diese
Deutschen!"

O ja," entgegnete jener mit groer Ruhe, indem er sein Rumglas gegen
das Licht hielt, zuweilen; aber dennoch sind die Franzosen
unertrglicher, weil sie allen Witz allein haben wollen."

Der Marquis lachte und schwieg. Der Baron aber fuhr fort: Auf diese
Sitte der Deutschen hatte jener Mann seinen Plan gebaut, und noch oft
mu ich mich wundern, wie richtig sein Kalkl war. Die Deutschen,
dachte er, kommen nicht dazu, etwas fr einen weit aussehenden Plan,
fr ein fernes Land und dergleichen zu tun; entweder sagen sie: Es war
ja vorher auch so, lasset der Sache ihren Lauf, wer wird da etwas
Neues machen wollen?' oder sie sagen: Gut, wir wollen erst einmal
sehen, wie die Sache geht, vielleicht lt sich hernach etwas tun.'
Fllt aber etwas in ihrer Nhe vor, knnen sie selbst etwas Seltenes
mit eigenen Augen sehen, so lassen sie es sich etwas kosten.'

Man war dem Griechen frher oft in mancher kleinen Stadt sehr dankbar,
da er doch wieder eine Materie zum Sprechen herbeigefhrt habe, eine
Seltenheit, welche die Weiber beim Kaffee, die Mnner beim Bier
traktieren konnten.

Was fr Aussichten blieben mir brig? Mein Onkel war tot, ich hatte
nichts gelernt; so schlug ich ein, Grieche zu werden. Jetzt fing ein
Unterricht an, bei welchem wir bald so vertraut miteinander werden,
da mir mein Fhrer sogar Schlge beibrachte. Er lehrte mich alle
Gegenstnde auf neugriechisch nennen, blute mir einige Floskeln in
dieser Sprache ein, und nachdem ich hinlnglich instruiert war,
schwrzte er mir Haar und Augenbrauen mit einer Salbe, frbte mein
Gesicht gelblich, und--ich war ein Grieche. Mein Kostm, besonders das
fr vornehme Prsentationen, war sehr glnzend, manches sogar von
Seide. So zogen wir im Land umher und gewannen viel Geld."

Aber, mein Gott," unterbrach ihn der Franzose, sagen Sie doch, in
Deutschland soll es viele gelehrten Mnner geben, die sogar Griechisch
schreiben. Diese mssen es doch auch sprechen knnen; wie haben Sie
sich vor diesen durchbringen knnen?"

Nichts leichter als dies, und gerade bei diesen hatte ich meinen
grten Spa; diese Leute schreiben und lesen das Griechische so gut,
da sie vor zweitausend Jahren mit Thucydides htten korrespondieren
knnen, aber mit dem Sprechen will es nicht recht gehen; sie muten zu
Haus immer die Phrasen im Lexikon aufschlagen, wenn sie sprechen
wollten; da hatte ich nun, um aus aller Verlegenheit zu kommen, eine
herrliche Floskel bereit:------Mein Herr, das ist nicht griechisch.'
Mein Fhrer unterlie nicht, sogleich, was ich gesagt, dem Publikum
ins Deutsche zu bersetzen, und jene Kathedermnner kamen gewhnlich
ber das Lcheln der Menschen dergestalt auer Fassung, da sie es nie
wieder wagten, Griechisch zu sprechen.

So zogen wir lngere Zeit umher, bis endlich in Karlsbad die ganze
Komdie auf einmal aufhrte. Wir kamen dorthin zur Zeit der Saison und
hatten viele Besuche. Unter andern fiel mir besonders ein Herr mit
einem Band im Knopfloch auf, der mir groe hnlichkeit mit meinem
Vater zu haben schien. Er besuchte uns einigemal, und endlich, denken
Sie sich mein Erstaunen, hre ich, wie man ihn Herr von Garnmacher
tituliert. Ich strzte zu ihm hin, fragte ihn mit zrtlichen Worten,
ob er mein verehrter Herr Onkel sei, und entdeckte ihm auf der Stelle,
wie ich eigentlich nicht auf klassischem Boden in Athen, sondern als
kniglich schsisches Landeskind in Dresden geboren sei. Es war eine
rhrende Erkennungsszene. Das Staunen des Publikums, als der Grieche
auf einmal gutes Deutsch sprach, die Verlegenheit meines Oheims, der
mit vornehmer Gesellschaft zugegen war und nicht gerne an meinen
Vater, den _Marchand tailleur_, erinnert sein wollte, die Wut
meines Fhrers, alles dies kam mir trotz meiner tiefen Rhrung hchst
komisch vor.

Der Fhrer wurde verhaftet, mein Onkel nahm sich meiner an, lie mir
Kleider machen und fhrte mich nach Berlin. Und dort begann fr mich
eine neue Katastrophe."

       *       *       *       *       *




2. DER BARON WIRD EIN REZENSENT.


Mein Onkel war ein nicht sehr berhmter Schriftsteller, aber ein
berchtigter, anonymer Kritiker. Er arbeitete an zehn Journalen, und
ich wurde anfnglich dazu verwendet, seine Hahnenfe ins Reine zu
schreiben. Schon hier lernte ich nach und nach in meines Onkels Geist
denken, fate die gewhnlichen Wendungen und Ausdrcke auf und bildete
mich so zum Rezensenten. Bald kam ich weiter; der herrliche Mann
brachte mir die verschiedenen Klassen und Formen der Kritik bei, ber
welche ich brigens hinweggehen kann, da sie einen Fremden nicht
interessieren."

Nein, nein!" rief der Lord. Ich habe schon fters von dieser
kritischen Wut Ihrer Landsleute gehrt. Zwar haben auch wir, z. B. in
Edinburgh und London, einige Anstalten dieser Art; aber sie werden,
hre ich, in einem ganz anderen Geiste besorgt als die Ihrigen."

Allerdings sind diese Bltter in meinem Vaterlande eine sonderbare,
aber eigentmliche Erscheinung. Wie in unserer ganzen Literatur immer
noch etwas Engbrstiges, Eingezwngtes zu verspren ist, wie nicht
das, was leicht und gefllig, sondern was mit einem recht
schwerflligen, gelehrten Anstrich geschrieben ist, fr einzig gut und
schn gilt, so haben wir auch eigene Ansichten ber Beurteilung der
Literatur. Es traut sich nmlich nicht leicht ein Mann oder eine Dame
in der Gesellschaft ein Urteil ber ein neues Buch zu, das sich nicht
an ein ffentlich ausgesprochenes anlehnen knnte--man glaubte darin
zu viel zu wagen. Daher gibt es viele ffentliche Stimmen, die um Geld
und gute Worte ein kritisches Solo vortragen, in welches dann das
Tutti oder der Chorus des Publikums einfllt."

Aber wie mgen Sie ber diese Institute spotten, mein Herr Baron?"
unterbrach ihn der Lord. Ich finde das recht hbsch. Man braucht
selbst kein Buch als diese ffentlichen Bltter zu lesen und kann dann
dennoch in der Gesellschaft mitstimmen."

Sie htten recht, wenn der Geist dieser Institute anders wre. So
aber ergreift der, welcher sich nach diesen Blttern richtet, unbewut
irgend eine Partei und kann, ohne da er sich dessen versieht, in der
Gesellschaft fr einen Goethianer, Mllnerianer, Vossiden oder
Creuzerianer, Schellingianer oder Hegelianer, kurz fr einen Yaner
gelten. Denn das eine Blatt gehrt dieser Partei an und haut und
sticht mehr oder minder auf jede andere, ein anderes gehrt diesem
oder jenem groen Buchhndler. Da mssen nun frs erste alle seine
Verlagsartikel gehrig gelobt, dann die seiner Feinde grimmig
angefallen werden; oft mu man auch ganz diplomatisch zu Werke gehen,
es mit keinem ganz verderben, auf beiden Achseln (Dichter=) Wasser
tragen und, indem man einem freundlich ein Kompliment macht,
hinterrcks heimlich ihm ein Bein unterschlagen."

Aber schmen sich denn Ihre Gelehrten nicht, auf diese Art die Kritik
und Literatur zu handhaben?" fragte der Marquis. Ich mu gestehen, in
Frankreich wrde man ein solches Wesen verachten."

Ihre politischen Bltter, mein Herr, machen es nicht besser. brigens
sind es nicht gerade die Gelehrten, die dieses Handwerk treiben. Die
eigentlichen Gelehrten werden nur zu Kernschssen und langsamen,
grndlichen Operationen verwandt und mit vier Groschen bezahlt.
Leichter, behender sind die Halbgelehrten, die eigentlichen Voltigeurs
der Literatur. Sie plnkeln mit dem Feind, ohne ihn grndlich und mit
Nachdruck anzugreifen; sie richten Schaden in seiner Linie an, sie
umschwrmen ihn, sie suchen ihn aus seiner Position zu locken. Auch
drfen sie sich gerade nicht schmen; denn sie rezensieren anonym, und
nur e i n e r unterschreibt seine kritischen Bluturteile mit so kaltem
Blute, als wollte er seinen Bruder freundlich zu Gevatter bitten."

Das mu ja ein eigentlicher Matador sein!" rief der Lord lchelnd.

Ein Matador in jedem Sinne des Worts. Auf Spanisch--ein Totschlger,
denn er hat schon manchen niedergedonnert; und wahrhaftig, er ist der
hchste Trumpf, dieser Matador, und zhlt fr zehn, wenn er _Pacat
ultimo_ macht. Und bei den literarischen Stiergefechten ist er
Matador! Denn er, der Hauptkmpfer ist es, der dem armen gehetzten und
gejagten Stier den Todessto gibt."

Gestehen Sie, Sie bertreiben;--Sie haben gewi einmal den
unglcklichen Gedanken gehabt, etwas zu schreiben, das recht tchtig
vorgenommen wurde, und jetzt zrnen Sie der Kritik?"

Der junge Deutsche errtete. Es ist wahr, ich habe etwas geschrieben,
doch war es nur eine Novelle und leider nicht so bedeutend, da es
wre rezensiert worden; aber nein, ich selbst habe einige Zeit unter
meines Onkels Protektion den kritischen kleinen Krieg mitgemacht und
kenne diese Affren genau. Nun, mein Onkel brachte mir also die
verschiedenen Formen und Klassen bei. Die e r s t e war die s a n f t
l o b e n d e Rezension. Sie gab nur einige Auszge aus dem Werk,
lobte es als brav und gelungen und ermahnte, auf der betretenen Bahn
fortzuschreiten. In diese Klasse fielen junge Schriftsteller, die dem
Interesse des Blattes entfernter standen, die man aber fr sich
gewinnen wollte. Hauptschlich aber war diese Klasse fr junge,
schriftstellerische Damen."

Wie?" erwiderte der Lord. Haben Sie deren so viele, da man eine
eigene Klasse fr sie macht?"

Man zhlte, als ich noch auf der Oberwelt war, sechsundvierzig
jngere und ltere! Sie sehen, da man fr sie schon eine eigene
Klasse machen kann, und zwar eine gelinde, weil diese Damen mehr
Anbeter und Freunde haben als ein junger Schriftsteller. Die zweite
Klasse ist die l o b p o s a u n e n d e. Hier werden entweder die
Verlagsartikel des Buchhndlers, der das Blatt bezahlt, oder die
Parteimnner gelobt. Man preist ihre Namen, man ist gerhrt, man ist
glcklich, da die Nation einen solchen Mann aufweisen kann. Die
d r i t t e Klasse ist dann die n e u t r a l e. Hier werden die
Feinde, mit denen man nicht in Streit geraten mag, etwas khl und
diplomatisch behandelt. Man spricht mehr ber das Genus ihrer Schrift
und ber ihre Tendenz als ber sie selbst, und gibt sich Mhe, in
recht vielen Worten n i c h t s zu sagen, ungefhr wie in den Salons,
wenn man ber politische Verhltnisse spricht und sich doch mit keinem
Wort verraten will.

Die v i e r t e Klasse ist die l o b h u d e l n d e. Man sucht
entweder einen, indem man ihn scheinbar und mit einem Anstrich von
Gerechtigkeit ein wenig tadelt, zu loben, oder umgekehrt, man lobt ihn
mit vielem Anstand und bringt ihm einige Stiche bei, die ihn entweder
tief verwunden, oder doch lcherlich machen. Die f  n f t e Klasse
ist die g r o b e, e r n s t e; man nimmt eine vornehme Miene an,
setzt sich hoch zu Ro und schaut hernieder auf die kleinen Bemhungen
und geringen Fortschritte des Gegners. Man warnt sogar vor ihm und
sucht etwas Verstecktes in seinen Schriften zu finden, was zu
gefhrlich ist, als da man ffentlich davon sprechen mchte. Diese
Klasse macht stillen, aber tiefen Eindruck aufs Publikum. Es ist etwas
Mystisches in dieser Art der Kritik, was die Menschen mit Scheu und
Beben erfllt. Die s e c h s t e Klasse ist die T o t s c h l  g e r
k l a s s e. Sie ist eine Art von Schlachtbank; denn hier werden die
Opfer des Zornes, der Rache niedergemetzelt ohne Gnade und
Barmherzigkeit, sie ist eine Sge= und Stampfmhle; denn der Mller
schttet die Unglcklichen, die ihm berantwortet werden, hinein und
zerfetzt, zersgt, zermalmt sie."

Aber wer trgt denn die Schuld von diesem unsinnigen
Vertilgungssystem?" fragte Lasulot.

Nun, das Publikum selbst! Wie man frher an Turnieren und Tierhetzen
die Freude hatte, so amsiert man sich jetzt am kritischen Kriege; es
freut die Leute, wenn man die Schriftsteller mit eingelegten Lanzen
aufeinander anrennen sieht, und--wenn die Rippen krachen, wenn einer
sinkt, klatscht man dem Sieger Beifall zu. Lndlich, sittlich! Ein
Stier, ein Stier, ruft's, dort und hier!' In Spanien treibt man das in
der Wirklichkeit, in Deutschland metaphorisch, und wenn ein paar
tchtige Fleischerhunde einen alten Stier anfallen und sich zu Helden
an ihm beien, wenn der M a t a d o r von der Galerie hinab in den
Zirkus springt,

  Und zieht den Degen,
  Und fllt verwegen
  Zur Seite den wtenden Ochsen an--

da freut sich das liebe Publikum, und von Bravo!' schallt die Gegend
wider!"

Das ist kstlich!" rief der Englnder; doch war man ungewi, ob sein
Beifall der deutschen Kritik oder dem Rum gelte, den er zu sich nahm.
Und ein solcher Klassenkritikus wurden Sie, Master Garnmacher?"

Mein Onkel war, wie ich Ihnen sagte, fr mehrere Journale verpachtet;
wunderbar war es brigens, welches heterogene Interesse er dabei
befolgen mute. Er hatte es so weit gebracht, da er an einem
Vormittag ein Buch las und sechs Rezensionen darber schrieb, und oft
traf es sich, da er alle sechs Klassen ber einen Gegenstand
erschpfte. Er zndete dann zuerst dem Schlachtopfer ein kleines,
gelindes Lobfeuer aus Zimmetholz an; dann warf er kritischen Weihrauch
dazu, da es groe Wolken gab, die dem Publikum die Sinne umnebelten
und die Augen beizten. Dann dmpfte er diese niedlichen Opferflammen
zu einer dsteren Glut, blies sie dann mit dem kalten Hauch der
vierten Klasse frischer an, warf in der fnften einen so groen
Holzsto zu, als die _sancta simplicitas_ in Konstanz dem Hu,
und fing dann zum sechsten an, den Unglcklichen an dieser mchtigen
Lohe des Zornes zu braten und zu rsten, bis er ganz schwarz war."

Wie konnte er aber mit gutem Gewissen sechserlei so verschiedene
Meinungen ber e i n e n Gegenstand haben? Das ist ja schndlich!"

Wie man will. Ich erinnere Sie brigens an die liberalen und an die
ministeriellen Bltter Ihres Landes; wenn heute einer Ihrer
Publizisten eine Ode an die Freiheit auf der Posaune geblasen hat und
ihm morgen der Herr von .... einige Sous mehr bietet, so hlt er eine
Schimpfrede gegen die linke Seite, als htte er von je in einem
ministeriellen Vorzimmer gelebt."

Aber dann geht er frmlich ber," bemerkte der Marquis; aber Ihr
Onkel, der Schuft, hatte zu gleicher Zeit sechs Zungen und zwlf
Augen, die Hlfte mehr als der Hllenhund."

Die Deutschen haben es von jeher in allen mechanischen Knsten und
Handarbeiten weit gebracht," erwiderte mit groer Ruhe der junge Mann,
so auch in der Kritik. Als mich nun mein Onkel so weit gebracht
hatte, da ich nicht nur ein Buch von dreiig Bogen in zwei Stunden
durchlesen, sondern auch den Inhalt einer u n a u f g e s c h n i t t
e n e n Schrift auf ein Haar erraten konnte, wenn ich wute, von
welcher Partei sie war, so gebrauchte er mich zur Kritik. Ich will
dir,' sagte er, die erste, zweite, fnfte und sechste Klasse geben.
Die Jugend, wie sie nun einmal heutzutag ist, kann nichts mit Ma tun.
Sie lobt entweder ber alle Grenzen, oder sie schimpft und tadelt
unverschmt. Solche Leute, besonders wenn sie ein recht scharfes Gebi
haben, sind brigens oft nicht mit Gold zu bezahlen. Man legt sie an
die Kette, bis man sie braucht, und hetzt sie dann mit unglaublichem
Erfolg; denn sie sind auf den Mann dressiert trotz der besten Dogge.
Zu den Mittelklassen, zu dem Neutralittssystem, zu dem verdeckten
Tadel, zu dem ruhigen, aber sicheren Hinterhalt gehrt schon mehr als
kaltes Blut.'

So sprach mein Onkel und bergab mir die Krnze der Gnade und das
Schwert der Rache. Alle Tage mute ich von frh acht bis ein Uhr
rezensieren. Der Onkel schickte mir ein neues Buch, ich mute es
schnell durchlesen und die Hauptstellen bezeichnen. Dann wurden
Kritiken von Nr. 1 und 2 entworfen und dem Alten zugeschickt. Nun
schrieb er selbst 3 und 4, und war dann noch ein Hauptgericht zu
exequieren, so lie er mir sagen: Mein lieber Neffe, nur immer Nr. 5
und 6 draufgesetzt; es kann nicht schaden, nimm ihn in Teufels Namen
tchtig durch;' und den ich noch vor einer Stunde mit wahrer Rhrung
bis zum Himmel erhoben, denselben verdammte ich jetzt bis in die
Hlle. Vor Tisch wurden dann die kritischen Arbeiten verglichen, der
Onkel tat, wie er zu sagen pflegte, Salz hinzu, um das Gebru pikanter
zu machen; dann packte ich alles ein und verschickte die heil= und
unheilschweren Bltter an die verschiedenen Journale."

_Goddam_! Habe ich in meinem Leben dergleichen gehrt?" rief der
Lord mit wahrem Grauen. Aber wenn Sie alle Tage nur e i n Buch
rezensierten, das macht ja im Jahre 365! Gibt es denn in Ihrem
Vaterlande jhrlich selbst nur ein Dritteil dieser Summe?"

Ha! da kennen Sie unsere gesegnete Literatur schlecht, wenn Sie dies
fragen. So viele gibt es in e i n e r Messe, und wir haben jhrlich
zwei. Alle Jahre kann man achtzig Romane, zwanzig gute und vierzig
schlechte Lust= und Trauerspiele, hundert schne und miserable
Erzhlungen, Novellen, Historien, Phantasien usw., dreiig Almanache,
fnfzig Bnde lyrischer Gedichte, einige erhabene Heldengedichte in
Stanzen oder Hexametern, vierhundert bersetzungen, achtzig
Kriegsbcher rechnen, und die Schul=, Lehr=, Katheder=, Professions=,
Konfessionsbcher, die Anweisungen zum frommen Leben, zur Bereitung
guten Champagners aus Obst, zur Verlngerung der Gesundheit, die
Betrachtungen ber die Ewigkeit, und wie man auch ohne Arzt sterben
knne usw. sind nicht zu zhlen; kurz, man kann in meinem Vaterlande
annehmen, da unter fnfzig Menschen immer einer Bcher schreibt; hat
einer einmal im Mekatalog gestanden, so gibt er das Handwerk vor dem
sechzigsten Jahre nicht auf. Sie knnen also leicht berechnen, meine
Herren, wie viel bei uns gedruckt wird. Welcher Reichtum der
Literatur, welches weite Feld fr die Kritik!"

Der junge Deutsche hatte diese letzten Worte mit einer Ehrfurcht, mit
einer Andacht gesprochen, die sogar mir hchst komisch vorkam; der
Lord und der Marquis aber brachen in lautes Lachen aus, und je
verwunderter der junge Herr sie ansah, desto mehr schien ihr Lachreiz
gesteigert zu werden.

Monsieur de Garnmacker! Nehmen Sie es nicht bel, da ich mich von
Ihrer Erzhlung bis zum Lachen hinreien lie," sagte der Marquis;
aber Ihre Nation, Ihre Literatur, Ihre kritische Manufaktur kam mir
unwillkrlich so komisch vor, da ich mich nicht enthalten konnte zu
lachen. Ihr seid sublime Leute, das mu man euch lassen."

Und der Herr hier hat recht," bemerkte Mylord mit feinem Lcheln.
Alles schreibt in diesem gttlichen Lande, und was das schnste ist,
nicht jeder ber sein Fach, sondern lieber ber ein anderes. So fuhr
ich einmal auf meiner Grandtour in einem deutschen Lndchen. Der Weg
war schlecht, die Pferde womglich noch schlechter. Ich lie endlich
durch meinen Reisebegleiter, der Deutsch reden konnte, den Postillon
fragen, was denn sein Herr, der Postmeister, denke, da er uns so
miserable Pferde vorspanne. Der Postillon antwortete: Was das Post=
und das Stallwesen anbelangt, so denkt mein Herr nichts." Wir waren
verwundert ber diese Antwort, und mein Begleiter, dem das Gesprch
Spa machte, fragte, was sein Herr denn anderes zu denken habe. Er
schreibt!' war die kurze Antwort des Kerls. Wie? Briefverzeichnisse,
Postkarten?' Ei, behte!' sagte er, Bcher, gelehrte Bcher.' ber
das Postwesen?' fragten wir weiter. Nein,' meinte er; Verse macht
mein Herr, Verse, oft so breit als meine fnf Finger und so lang als
mein Arm!' und klatsch! klatsch! hieb er auf die magern Brder des
Pegasus und trabte mit uns auf dem stoenden Steinweg, da es uns in
der Seele weh tat. _Goddam_!' sagte mein Begleiter.

Wenn der Herr Postmeister so schlecht auf dem Hippogryphen sitzt wie
sein Schwager auf diesen Kleppern, so wird er holperige Verse zutage
frdern!' Und auf Ehre, meine Herren, ich habe mich auf der nchsten
Station erkundigt, dieser Postmeister ist ein Dichter und wie Sie, Mr.
Garnmacher, ein groer Kritiker."

Ich wei, wen Sie meinen," erwiderte der Deutsche mit etwas unmutiger
Miene, und Ihre Erzhlung soll wohl ein Stich auf mich sein, weil ich
eigentlich auch nicht fr dieses Gebiet der Literatur erzogen worden.
brigens mu ich Ihnen sagen, Mylord, in Ihrem kalten, systematischen,
nach Gesetzen ngstlich zugeschnittenen Lande mchte etwas dergleichen
auffallen, aber bei uns zu Lande ist das was anderes. Da kann jeder in
die Literatur hineinpfuschen, wann und wie er will, und es gibt kein
Gesetz, das einem verbte, etwas Miserables drucken zu lassen, wenn er
nur einen Verleger findet. Bei den Kritikern und Poeten meines
Vaterlandes ist nicht nur in Hinsicht auf die Phantasie die schne
romantische Zeit des Mittelalters; nein, wir sind, und ich rechne mich
ohne Scheu dazu, samt und sonders edle Raubritter, die einander die
Blumen der Poesie abjagen und in unsere Verliee schleppen; wir ben
das Faustrecht auf heldenmtige Weise und halten literarische
Wegelagerungen gegen den reich beladenen Krmer und Juden. Die Poesie
ist bei uns eine Gemeindewiese, auf welcher jedes Vieh umherspazieren
und Blumen und Gras fressen kann nach Belieben."

Herr von Garnmacker," unterbrach ihn der Marquis de Lasulot, ich
wrde Ihre Geschichte erstaunlich hbsch und anziehend finden, wenn
sie nur nicht so langweilig wre. Wenn Sie so fortmachen, so erzhlen
Sie uns achtundvierzig Stunden in einem fort. Ich schlage daher vor,
wir verschieben den Rest und unsere eigenen Lebenslufe auf ein
andermal und gehen jetzt auf die Hllenpromenade, um die schne Welt
zu sehen!"

Sie haben recht," sagte der Lord, indem er aufstand und mir ein
Sixpencestck zuwarf, der Herr von Garnmacher wei auf unterhaltende
Weise einzuschlfern. Brechen wir auf; ich bin neugierig, ob wohl
viele Bekannten aus der Stadt hier sind."

 Wie?" rief der junge Deutsche nicht ohne berraschung. Sie wollen
also nicht hren, wie ich mich in Berlin bei den Herren vom Mhlendamm
zu einem Elegant perfektionierte? Sie wollen nicht hren, wie ich
einen Liebeshandel mit einer Prinzessin hatte, und auf welche
elendigliche Weise ich endlich verstorben bin? O, meine Herren, meine
Geschichte fngt jetzt erst an, interessant zu werden."

Sie knnen recht haben," erwiderte ihm der Lord mit vornehmem
Lcheln; aber wir finden, da uns die Abwechslung mehr Freude macht.
Begleiten Sie uns; vielleicht sehen wir einige Figuren aus Ihrem
Vaterlande, die Sie uns zeigen knnen."

Nein, wirklich! Ich bin gespannt auf Ihre Geschichte," sagte der
Marquis lachend; aber nur jetzt nicht. Es ist jetzt die Zeit, wo die
Welt promeniert, und um keinen Preis, selbst nicht um Ihre
interessante Erzhlung, mchte ich diese Stunde versumen. Gehen wir."

Gut," erwiderte der deutsche Stutzer resigniert und ohne beleidigt zu
scheinen. Ich begleite Sie; auch so ist mir Ihre werte Gesellschaft
sehr angenehm; denn es ist fr einen Deutschen immer eine groe Ehre,
sich an einen Franzosen oder gar an einen Englnder anschlieen zu
knnen."

Lachend gingen die beiden voran, der Baron folgte, und ich vernderte
schnell mein Kostm, um diese merkwrdigen Subjekte auf ihren
Wanderungen zu verfolgen; denn ich hatte gerade nichts Besseres zu
tun.

Die Menschen bleiben sich unter jeder Zone gleich--es ist mglich, da
Klima und Sitten eines anderen Landes eine kleine Vernderung in
manchem hervorbringen; aber lat nur eine Stunde lang Landsleute
zusammen sprechen, der Nationalcharakter wird sich nicht verleugnen,
wird mehr und mehr sich wieder hervorheben und deutlicher werden. So
kommt es, da dieser Geburtstag meiner lieben Gromutter mir Stoff zu
tausend Reflexionen gibt; denn selbst im Fegefeuer, wenn diesen
Leutchen nur e i n Tag vergnnt ist, findet sich Gleiches zu Gleichem,
und es spricht und lacht und geht und liebt wie im Prater, wie auf der
Chaussee d'Antin oder im Palais Royal, wie Unter den Linden, oder wie
in....

Welchen Anblick gewhrte diese hllische Promenade! Die Stutzer aller
Jahrhunderte, die Kurtisanen und Merveilleuses aller Zeiten, Theologen
aller Konfessionen, Juristen aller Staaten, Finanziers von Paris bis
Konstantinopel, von Wien bis London, und sie alle in Streit ber ihre
Angelegenheiten, und sie alle mit dem ewigen Refrain: Zu unserer
Zeit, ja! Zu unserer Zeit war es doch anders!" Aber ach, meine Stutzer
kamen zu spt auf die Promenade, kaum da noch Baron von Garnmacher
einen jungen Dresdener Dichter umarmen und einer Berliner Sngerin
sein Vergngen ausdrcken konnte, ihre Bekanntschaft hier zu erneuern!
Der edle junge Herr hatte durch seine Erzhlung die Promenadezeit
verkmmert, und die groe Welt strmte schon zum Theater.

       *       *       *       *       *




3. DAS THEATER IM FEGEFEUER.


Man wundert sich vielleicht ber ein Theater im Fegefeuer? Freilich
ist es weder _Opera buffa_ noch _seria_, weder Trauer= noch
Lustspiel; ich habe zwar Schauspieldichter, Snger, Akteurs und
Aktricen, Tnzer und Tnzerinnen genug; aber wie knnte man ein so
gemischtes Publikum mit einem dieser Stcke unterhalten? Liee ich von
Zacharias Werner eine schauerlich=tragikomisch=historisch=romantisch=
heroische Komdie auffhren,--wie wrden sich Franzosen und Italiener
langweilen, um von den Russen, die mehr das Trauerspiel und 
Mordszenen lieben, gar nicht zu reden. Wollte ich mir von Kotzebue ein
Lustspiel schreiben lassen, etwa die Kleinstdter in der Hlle", wie 
wrde man ber verdorbenen Geschmack schimpfen! Daher habe ich
eine andere Einrichtung getroffen.

Mein Theater spielte groe pantomimische Stcke, welche
wunderbarerweise nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft zum
Gegenstand haben; aber mit Recht. Die Vergangenheit, ihr ganzes Leben
liegt abgeschlossen hinter diesen armen Seelen. Selten bekommt eine
einen Erlaubnisschein, als Revenant die Erde um Mitternacht besuchen
zu drfen. Denn was ntzt es mir? Was frommt es dem irren Geist einer
eiferschtigen Frau, zum Lager ihres Mannes zurckzukehren? Was ntzt
es dem Mann, der sich um eine zweite umgetan, wenn durch die Gardine
dringt--

  Eine kalte weie Hand.
  Wen erblickt er? Seine Wilhelmine,
  Die im Sterbekleide vor ihm stand."

Was kann es dem Teufel, was einer ausgeleerten herzoglichen Kasse
helfen, wenn der Finanzminister, der sich aus Verzweiflung mit dem
Federmesser die Kehle abschnitt, allnchtlich ins Departement
schleicht, angetan mit demselben Schlafrock, in welchem er zu arbeiten
pflegte, schlrfend auf alten Pantoffeln und die Feder hinter dem Ohr?
Zu was dient es, wenn er seufzend vor den Akten sitzt und mit
glhendem Auge seinen Rest immer noch einmal berechnet? Was kann es
dem frstlichen Keller helfen, wenn der Schlokfer, den ich in einer
bsen Stunde abgeholt, durch einen Kellerhals herniederfhrt und mit
krampfhaft gekrmmtem Finger an den Fssern anpocht, die er bestohlen?
Zu welchem Zweck soll ich den General entlassen, wenn oben der
Zapfenstreich ertnt und die Hrner zur Ruhe blasen? Wozu den Stutzer,
um zu sehen, ob sein bezahltes Liebchen auf frische Rechnung liebt?
Zwar sie alle, ich gestehe es, sie alle wrden sich unglcklicher
fhlen, knnten sie sehen, wie schnell man sie vergessen hat; es wre
eine Schrfung der Strafe, wie etwa ein Knig, als ihm ein Urteil zu
l e b e n s l  n g l i c h e r Zuchthausstrafe vorgelegt wurde,
n o c h  s e c h s J a h r e  l  n g e r" unterschrieb, weil er den
Mann hate. Aber sie wrden mir auf der andern Seite so viel
verwirrtes Zeug mit herabbringen, wrden mir manchen fromm zu machen
suchen, wie der reiche Mann im Evangelium, der zu Lebzeiten soviel
getrunken, da er in der Hlle Wasser trinken wollte,--ich habe darin
so viele Erfahrungen gemacht und kann es in neuern Zeiten, wo ohnedies
die Missionarien und andere Mystiker genug tun, nicht mehr erlauben.
Daher kommt es, da es in diesen Tagen wenig mehr in den H  u s e r
n, desto mehr aber in den K  p f e n, spukt.

Um nun den Seelen im Fegefeuer dennoch Nachrichten ber die Zukunft zu
geben, lasse ich an Festtagen einige erhebliche Stcke von meiner
hllischen Bande auffhren. Auf dem heutigen Zettel war angezeigt:

  M i t  A l l e r h  c h s t e r  B e w i l l i g u n g.

  Heute, als am Geburtstage der Gromutter, diabolischen Hoheit:

  E i n i g e  S z e n e n  a u s  d e m  J a h r e  1 8 2 6.

  Pantomimische Vorstellung mit Begleitung des Orchesters.

  Die Musik ist aus Mozarts, Haydns, Glucks und anderen Meisterwerken
  zusammengesucht von Rossini.

  (Bemerkungen an das Publikum.) Da gegenwrtig sehr
  viele allerhchste Personen und hoher Adel hier sind, so wird
  gebeten, die ersten Ranglogen den Hoheiten, Durchlauchten und
  Ministern bis zum Grafen abwrts inklusive, die zweite Galerie
  der Ritterschaft samt Frauen bis zum Leutnant abwrts zu
  berlassen.

  Die Direktion des infernal. Hof= und Nationaltheaters.

Das Publikum drngte sich mit Ungestm nach dem Hause. Ich bot mich
den drei jungen Herren als Cicerone an und fhrte sie glcklich durchs
Gedrnge ins Parkett. Obgleich der Lord ohne Anstand auf die erste,
der Marquis und der deutsche Baron auf die zweite Loge htten
eintreten drfen, fanden es diese drei Subjekte aber amsanter, von
ihrem niederen Standpunkt aus Logen und Parterre zu lorgnettieren. Wie
mancher Ausruf des freudigen Staunens entschlpfte ihnen, wenn sie
wieder auf ein bekanntes Gesicht trafen! Besonders Garnmacher schien
vor Erstaunen nicht zu sich selbst kommen zu knnen. Nein, ist es
mglich?" rief er wiederholt aus. Ist es mglich? Sehen Sie, Marquis,
jener Herr dort oben in der zweiten Galerie rechts, mit den roten
Augen, er spricht mit einer bleichen jungen Dame; dieser starb in
Berlin im Geruch der Heiligkeit und soll auch hier sein an diesem
unheiligen Ort? Und jene Dame, mit welcher er spricht, wie oft habe
ich sie gesehen und gesprochen! Sie war eine liebenswrdige, fromme
Schwrmerin, ging lieber in die Dreifaltigkeitskirche als auf den
Ball--sie starb, und wir alle glaubten, sie werde sogleich in den
dritten Himmel schweben, und jetzt sitzt sie hier im Fegefeuer! Zwar
wollte man behaupten, sie sei in Tplitz an einem heimlichen
Wochenbette verschieden; aber wer ihren frommen Lebenslauf gesehen,
wer konnte das glauben?"

Ha! die Nase von Frankreich!" rief auf einmal der Marquis mit
Ekstase. Heiliger Ludwig, auch Ihr, auch Ihr unter Euern verlorenen
Kindern? Ha? und ihr, ihr verdammten Kutten, die ihr mein schnes
Vaterland in die Kapuze stecken wollet. Sehen Sie, Mylord, jene
hlichen, kriechenden Menschen? Sehen Sie, dort--das sind berhmte
Missionre, die uns glauben machen wollten, sie seien frmmer als wir.
Dem Teufel sei es gedankt, da er diese Schweine auch zu sich
versammelt hat."

O mein Herr," sagte ich, da htten Sie nicht ntig gehabt, bis ins
Theater sich zu bemhen, um diese Leutchen zu sehen. Sie zeigen sich
zwar nicht gerne auf den Promenaden, weil selbst in der Hlle nichts
Erbrmlicheres zu sein pflegt als ein entlarvter Heuchler. Aber im
_Caf de la Congrgation_ wimmelt es von diesen Herren, vom
Kardinal bis zum schlichten Pater. Sie knnen manche heilige
Bekanntschaft dort machen."

Mein Herr, Sie scheinen bekannt hier," erwiderte Mylord, sagen Sie
doch, wer sind diese ernsten Mnner in Uniform nebenan? Sie
unterhalten sich lebhaft, und doch sehe ich sie nicht lcheln. Sind es
Englnder?"

Verzeihen Sie," antwortete ich, es sind Soldaten und Offiziere von
der alten Garde, die sich mit einigen Preuen ber den letzten Feldzug
besprechen."

Alle drei schienen erstaunt ber dieses Zusammentreffen und wollten
mehr fragen; aber der Kapellmeister hob den Stab, und die Trompeten
und Pauken der Rossinischen Ouvertre schmetterten in das volle Haus.
Es war die herrliche Ouvertre aus _il maestro ladro_, die
Rossini auf sich selbst gedichtet hat, und das Publikum war entzckt
ber die schnen Anklnge aus der Musik aller Lnder und Zeiten, und
jeder fand seinen Lieblingsmeister, seine Lieblingsarie in dem
herrlich komponierten Stck. Ich halte auch auer der _Gazza
ladra_ den _Maestro ladro_ fr sein Bestes, weil er darin
seine Tendenz und seine knstlerische Gewandtheit im Komponieren ganz
ausgesprochen hat. Die Ouvertre endete mit dem ergreifenden Schlu
von Mozarts Don Juan, dem man zur Vermehrung der Rhrung einen
Nachsatz von Pauken, Trommeln und Trompeten angehngt hatte, und--der
Vorhang flog auf.

Man sah einen Saal der Brsenhalle von London. ngstlich drngten sich
Juden und Christen durcheinander. In malerischen Gruppen standen
Geldmkler, groe und kleine Kaufleute und steigerten die Papiere.
Nachdem diese Introduktion einige Zeitlang gedauert hatte, kamen in
sonderbaren Sprngen und Kapriolen zwei Kuriere hereingetanzt.
Allgemeine Spannung. Die Depeschen werden in einem _pas de deux_
entsiegelt, die Nachrichten mitgeteilt. In diesem Augenblicke
erscheint mein erster Solotnzer, das Haus Goldsmith vorstellend, in
der Szene. Seine Mienen, seine Haltung brllen Verzweiflung aus. Man
sieht, seine Fonds sind erschpft, seine Beutel leer, er mu seine
Zahlungen einstellen. Ein Chor von Juden und Christen dringen auf ihn
ein, um sich bezahlt zu machen. Er fleht, er bittet, seine
Gebrdensprache ist bezaubernd--es hilft nichts. Da rafft er sich
verzweiflungsvoll auf. Er tanzt ein Solo voll Ernst und Majestt. Wie
ein gefallener Knig ist er noch im Unglck gro, seine Sprnge
reichen zu einer immensen Hhe, und mit einem prachtvollen Futriller
fllt das Haus Goldsmith in London. Komisch war es nun anzusehen, wie
das Chor der englischen, deutschen und franzsischen Huser,
vorgestellt von den Herren vom _corps de ballet_, diesen Fall
weiter fortsetzten. Sie wankten knstlich und fielen noch knstlicher,
besonders exzellierten hierbei einige Berliner Brsenknstler, die
durch ihre ungemeine Kunst einen wahrhaft tragischen Effekt
hervorbrachten und allgemeine Sensation im Parterre erregten.

Pltzlich ging die lamentable Brsenmusik in einen Triumphmarsch ber.
Die herrliche Passage aus der Italienerin in Algier": H e i l  d e m
g r o  e n  K a i m a k a n! ertnte. Ein glnzender Zug von
Christensklaven, Goldbarren und Schsseln mit gemnztem Gold tragend,
tanzten aufs Theater. Es war, wie wenn in der Hungersnot ein Wagen mit
Brot in eine ausgehungerte Stadt kmmt. Man denkt nicht daran, da der
spekulative Kopf, der das Brot herbeischaffte, nichts als ein gemeiner
Wucherer ist, der den Hunger bentzt und sein Brot zu ungeheuren
Preisen losschlgt; man denkt nicht daran, man verehrt ihn als den
Retter, als den schtzenden Schild in der Not. So auch hier. Die
gefallenen Huser richteten sich mit Grazie empor, sie schienen
Hoffnung zu schpfen, sie schienen den Messias der Brse zu erwarten.
Er kam. Acht Finanzminister berhmter Knige und Kaiser trugen auf
ihren Schultern eine Art von Triumphwagen, der die transparente
Inschrift: S e i d  u m s c h l u n g e n, M i l l i o n e n!" trug.
Ein Herr mit einer bekannten morgenlndischen Physiognomie,
wohlbeleibt und von etwas schwammigem Ansehen, sa in dem Wagen und
stellte den Triumphator vor.

Mit ungemeinem Applaus wurde er begrt, als er von den Schultern der
Minister herab auf den Boden stieg. Das ist Nothschild! Es lebe
Nothschild!" schrie man in den ersten Ranglogen und klatschte und rief
bravo, da das Haus zitterte. Es war mein erster Grotesktnzer, der
diese schwierige Rolle meisterhaft durchfhrte, besonders, als er mit
dem englischen, sterreichischen, preuischen und franzsischen
Ministerium einen Cosaque tanzte, bertraf er sich selbst. Nothschild
gab in einer komischen Solopartie seinem Reich, der Brse, den
Frieden, und der erste Akt der groen Pantomime endigte mit einem
brillanten Schluchor, in welchem er frmlich gekrnt und zu einem
allerhchsten _cher cousin_ gemacht wurde.

Als der Vorhang gefallen war, lie sich Mylord ziemlich ungndig ber
diese Szene aus. Es war zu erwarten," sagte er, da diese Menschen
bedeutenden Einflu auf die Kurse bekommen werden; aber da auf der
Brse von London ein solcher Skandal vorfallen werde, im Jahre 1826,
das ist unglaublich."

Mein Herr," erwiderte der Marquis lachend, unglaublich finde ich es
nicht. Bei den Menschen ist alles mglich, und warum sollte nicht
einer, wenn er auch im Judenquartier zu Frankfurt das Licht der Welt
erblickte, durch Kombination so weit kommen, da er Kaiser und Knige
in seinen Sack stecken kann?"

Aber England, Alt=England! Ich bitte Sie," rief der Lord schmerzlich.
Ihr Frankreich, Ihr Deutschland haben beide von jeher nach jeder
Pfeife tanzen mssen! Aber, _Goddam_! das englische Ministerium
mit diesem Hep=Hep einen Cosaque tanzen zu sehen! O! es ist
schmerzlich!"

Ja, ja!" sprach Baron von Garnmacher, des Schneiders Sohn, sehr
ruhig. Es wird und mu so kommen. Freilich, ein bedeutender
Unterschied zwischen 1826 und der Zeit des Knigs David."

Das finde ich nicht," antwortete der Marquis; im Gegenteil, Sie
sehen ja, welch groen Einflu die Juden auf die Zeit gewinnen!"

Und dennoch finde ich einen bedeutenden Unterschied," erwiderte der
Deutsche. Damals, mein Herr, hatten alle Juden nur e i n e n Knig,
jetzt aber haben alle Knige nur e i n e n Juden."

Wenn Sie so wollen, ja. Aber neugierig bin ich doch, was fr eine
Szene der Teufel uns jetzt geben wird. Ich wollte wetten, Frankreich
oder Italien kommt ans Brett."

Ich denke, Deutschland," erwiderte Garnmacher. Ich wenigstens mchte
wohl wissen, wie es im Jahre 1826 oder 1830 in Deutschland sein wird.
Als ich die Erde verlie, war die Konstellation sonderbar: Es roch in
meinem Vaterlande wie in einer Pulverkammer, bevor sie in die Luft
fliegt. Die Lunte glhte, und man roch sie allerorten. Die feinsten
diplomatischen Nasen machten sich weit und lang, um diesen
geheimnisvollen Duft einzuziehen und zu erraten, woher der Wind komme.
Meinen Sie nicht auch, es msse bedeutende nderungen geben?"

Es wird heien: Auch in diesem Jahr ist es geblieben wie es war',"
antwortete ich dem guten Deutschen. Um eine Lunte auszulschen,
bedarf es keiner groen Knste. Man wird bleiben, wie man war, man
wird hchstens um einige Prozente weiser vom Rathaus kommen. Sie
wollen Ihr Vaterland in die Szene gesetzt sehen, um zu erfahren, wie
es anno 1826 dort aussieht? Armer Herr! Da mte ich ja zuvor noch
fragen, was fr ein Landsmann Sie sind."

Wie verstehen Sie das?" fragte der Baron unmutig.

Nun? Was knnte man Ihnen denn Allgemeines und Nationales vorspielen,
da Sie keine Nation sind? Sind Sie ein Bayer, so mte man Ihnen
zeigen, wie man dort noch immer das alte ehrliche Bier, nur nach neuen
Rezepten, braut. Sind Sie Wrttemberger, so knnten Sie erfahren, wie
man die Landstnde whlte. Sind Sie ein Rheinpreue und drckt Sie der
Schuh, so lassen Sie den eigenen Fu operieren; denn an dem
Normalschuh darf nichts gendert werden. Sind Sie ein Hesse, so
trinken Sie ganz ruhig Ihren Doppelkmmel zum Butterbrot; aber denken
Sie nichts, nicht einmal, ob es in der letzten Woche schn war und in
der nchsten regnen wird. Sind Sie ein Brandenburger, so machen Sie,
da Ihnen die Haare zu Berge stehen und hungern Sie, bis Sie eine
schne Taille bekommen---"

Herr, Sie sind des Teufels!" fuhr der Baron auf. Wollen Sie uns
alles Nationalgefhl absprechen? Wollen Sie--"

Stille! Sie sehen, der Vorhang geht wieder in die Hhe!" rief der
Marquis. Wie, was sehe ich? Das ist ja das Portal von Notre=Dame! Das
finde ich sonderbar. Wenn man von Frankreich etwas in Szene setzen
will, warum gibt man uns kein Vaudeville, warum nicht den Kampf der
Kammer?"

Die Glocken von Notre=Dame ertnten in feierlichen Klngen. Chorgesang
und das Murmeln kirchlicher Gebete nherte sich, und eine lange
Prozession, angefhrt von den Missionren, betrat die Bhne. Da sah
man knigliche Hoheiten und Frsten mit den Mienen zerknirschter
Snder, den Rosenkranz in der Hand, einherschleichen. Da sah man Damen
des ersten Ranges, die schnen Augen gen Himmel gerichtet, die _
la_ Madonna gekmmten Haare mit wohlriechender Asche bestreut, die
niedlichen Fchen blo und bar in dem Staube wandelnd. Das Publikum
staunte. Man schien seinen Augen nicht zu trauen, wenn man die
Herzogin D--s, die Comtesse de M--u, die Frstin T--d im Kostm einer
Benden zur Kirche wandeln sah. Doch, als Offiziere der alten Armee,
nicht mit Adlern, sondern mit heiligen Fahnen in der Hand
hereinwankten, als sogar ein Mann in der reichen Uniform der
Marschlle, den Degen an der Seite, die Kerze in der Hand und
Gebetbcher unter dem Arm, ber die Szene ging, da wandte sich der
Marquis ab; die Soldaten der alten Garde an unserer Seite ballten die
Fuste und riefen Verwnschungen aus, und wer wei, was meinen Akteurs
geschehen wre, htte man faule pfel oder Steine in der Nhe gehabt!
Das hohe Portal von Notre=Dame hatte endlich die Prozession
aufgenommen, und nur der Schlu ging noch ber die Szene. Es war ein
Affe, der eine Kerze in der Hand und unter dem Arm eine Vulgata trug.
Man hatte ihm einen ungeheuern Rosenkranz als Zaum um den Hals gelegt,
an welchem ihn zwei Missionre wie ein Kalb fhrten. So oft er aus dem
ruhigen Prozessionsschritt in wunderliche Seitensprnge fallen wollte,
wurde er mit einer Kapuzinergeiel gezchtigt und schrie dann, um
seine Zuchtmeister zu vershnen: _Vive le bon Dieu! vive la
croix!_" So brachten sie ihn endlich mit groer Mhe zur Kirche.
Orgel und Chorgesang erscholl, und der Vorhang fiel.

Haben Sie nun Genugtuung?" sagte der Marquis zu dem Lord. Was ist
Ihr Skandal auf der Brse gegen diesen kirchlichen Unfug? O mein
Frankreich, mein armes Frankreich!"

Es ist wahr," antwortete Mylord sehr ernst, indem er dem Franzosen
die Hand drckte, Sie sind zu beklagen; aber ich glaube nicht an
diese tollen Possen. Frankreich kann nicht so tief sinken, um sich so
unter den Pantoffel zu begeben. Frankreich, das Land des guten
Geschmacks, der frhlichen Sitten, der feinen Lebensart, Frankreich
sollte schon im Jahre 1826 vergessen haben, da es einst der gesunden
Vernunft Tempel erbaute und den Jesuiten die Kutte ausklopfte? Nicht
mglich, es ist ein Blendwerk der Hlle!"

Das mchte doch nicht so sicher sein," sagte ich. Das Vaterland des
Herrn Marquis gefiel sich von jeher in Kontrasten. Wenn einmal der
Jesuitismus dort zur Mode wird, mchte ich fr nichts stehen."

Aber was wollten sie nur mit dem Affen in Notre=Dame?" fragte der
Baron. Was hat denn dieses Tier zu bedeuten?"

Das ist, wie ich von der Theaterdirektion vernahm, der Affe Joco, der
sonst diese Leute im Theater belustigte. Jetzt ist er wohl auch von
den Missionren bekehrt worden, und wenn er, wie man aus seinen
Seitensprngen schlieen knnte, ein Protestant ist, so werden sie ihn
wohl in der Kirche taufen."

_Goddam_! Was Sie sagen! Doch Sie scheinen mit der
Theaterdirektion bekannt. Sagen Sie uns, was noch aufgefhrt wird.
Wenn es nichts Interessantes ist, so denke ich, gehen wir weiter; denn
ich finde diese Pantomimen etwas langweilig."

Es kommt nur noch ein Akt, der mehr allgemeines Interesse hat,"
antwortete ich. Es wird nmlich ein diplomatisches Diner aufgefhrt,
das der Reis=Effendi den Gesandten hoher Mchte gibt, das Siegesfest
der Festung Missolunghi vorstellend. Es werden dabei Ragouts aus
Griechenohren, Pastetchen von Philhellenennasen aufgetischt. Das
Hauptstck der Tafel macht ein Roastbeef von dem griechischen
Patriarchen, den sie lebendig gerstet haben, und zum Beschlu wird
ein kleiner Ball gegeben, den ein besternter Staatsmann, so alt er
sein mag, mit der schnsten Griechensklavin aus dem Harem seiner
mohammedanischen Majestt erffnet."

Ei!" rief der Marquis. Was, wollen wir diese Schande der Menschheit
sehen? Ihre Londoner Brse war lcherlich, die Prozession gemein und
dumm; aber diese ekelhafte Erbrmlichkeit, ich kann sie nicht ansehen!
Kommt, meine Freunde! Wir wollen lieber noch die Geschichte des Herrn
von Garnmacker hren, so langweilig sie ist, als dieses diplomatische
Diner betrachten."

Der Lord und der deutsche Baron willigten ein. Sie standen auf und
verlieen mein Theater, und der Lord sah, als er heraustrat, mit einem
derben Fluche zurck und rief: Wahrlich, es steht schlimm mit der
Zukunft von 1826!"

       *       *       *       *       *




DER FLUCH.

(E i n e  N o v e l l e.)

(Fortsetzung.)


Man kann sich denken, da ich in Rom immer viele Geschfte habe. Die h
e i l i g e  S t a d t hatte immer einen berflu von Leuten, die in
der ersten, zweiten oder dritten Abstufung mein waren.

Man wird sich wundern, da ich eine Klassifikation der g u t e n  L e
u t e (von andern Snder genannt) mache; aber, wer je mit der Erde zu
tun hatte, hat den Menschen bald abgelernt, da nur das Systematische
mit Nutzen bei ihnen betrieben werden knne. Es ist dies besonders in
Stdten wie Rom unumgnglich notwendig; wo so vielerlei Nuancen g u t
e r  L e u t e vom roten Hut bis auf die Kapuze, vom Frsten, der die
Macht hat, Orden zu verleihen, bis auf den Armen, dem solche um
dreiig Taler angeboten werden, sich vorfinden, da mu man Klassen
haben. Ich werde in der Bibel und von den heutigen Philosophen als das
negierende Prinzip vorgestellt, daher teilte ich meine guten Leute ein
in: Erste Klasse, mit dem Prdikat r e c h t  g u t, solche, die
geradehin verneinen, als da sind: Freigeister, Gottesleugner &c.
Zweite Klasse, g u t; sie sagen mit einigem Umschweif nein, gelten
unter sich fr Heiden, bei Vernnftigen fr liberale Mnner, bei der
Menge fr fromme Menschen. In dieser Klasse befinden sich viele Trken
und Pfaffen. Die dritte Klasse mit dem Prdikat m i t t e l m   i g
sind jene, die ihr Nein nur durch ein Kopfschtteln andeuten. Es sind
jene, die sich selbst fr eine Art von Gott halten, mgen sie nun
Abla verkaufen oder als evangelisch=mystisch=pietistische Seelen
einen Separatfrieden mit dem Himmel abschlieen; der letzteren gibt es
brigens in Rom wenige.

Es lt sich annehmen, da das Innere dieses Systems, die
verschiedenen bergnge der Klassen beinahe mit jedem Jahr sich
ndern. Geld, Sitten, der Zeitgeist ben hier einen groen Einflu aus
und machen beinahe alle zwei Jahre eine Reise an Ort und Stelle
notwendig.

Als ich vor einiger Zeit auf einer solchen Visitationsreise in Rom
verweilte, war ich Zeuge folgender Szenen, die ich aufzuzeichnen nicht
unterlassen will, weil sie vielleicht fr manchen Leser meiner
Memoiren von Interesse sein mchten.

Ich ging eines Morgens unter den Sulengngen der Peterskirche
spazieren, dachte nach ber mein System und die Vernderungen, die ihm
durch die Missionre in Frankreich und das berhandnehmen der Jesuiten
drohte; da stie mir ein Gesicht auf, das schon in irgend einer
interessanten Beziehung zu mir gestanden haben mute. Ich stand
stille, ich betrachtete ihn von der Seite. Es war ein schlanker,
schner junger Mann; seine Zge trugen die Spuren von stillem Gram;
dem Auge, der Form des Gesichtes nach war er kein Italiener,--ein
Deutscher, und jetzt fiel mir mit einem Male, da ich ihn vor wenigen
Monaten in Berlin im Salon jener Dame gesehen hatte, die mir und dem
ewigen Juden einen sthetischen Tee zu trinken gegeben hatte. Es war
jener junge Mann, dessen anziehende Unterhaltung, dessen angenehme
Persnlichkeit mir damals ein so groe Interesse eingeflt hatten. Er
war es, der uns damals ein Abenteuer aus seinem Leben erzhlt hatte,
das ich fr wrdig fand, bei der Beschreibung jenes Abends mit
aufzuzeichnen.

Ob ihn wohl die Liebe zu jener jungen Dame noch einmal in die heilige
Stadt gezogen hatte? Ob ihm, wie mir, der dstere Himmel seines Landes
und die se Langeweile der sthetischen Tees im Hause seiner Tante so
drckend wurde, da er sich unter eine sdlichere Zone flchtete? Ich
beschlo, seine Bekanntschaft zu erneuern, um ber jene interessante
Begegnis, dessen Erzhlung der Jude unterbrochen, um ber ihn selbst,
ber seine Schicksale etwas Nheres zu vernehmen. Er stand an einer
Sule des Portals, den Blick fest auf die Tre gerichtet; fromme
Seelen, schne Frauen, junge Mdchen strmten aus und ein. Ich sah, er
blieb gleichgltig; wenigstens schien ihn keine dieser Gestalten zu
interessieren. Endlich erscheint ein kleiner Florentiner Strohhut in
der Tre; war es die Form dieses Hutes, waren es die weien, wallenden
Federn, war es die einfache Rose, aus welcher dieser Busch herwallte,
was dem jungen Manne so reizend, so bekannt dnkte? Noch konnte man
weder Gestalt noch Gesicht der Dame sehen; aber seine Augen glnzten,
ein Lcheln der erfllten Hoffnung flog um seinen Mund, seine Wangen
rteten sich, er richtete sich hher auf und schaute unverwandt den
Sulengang hin. Noch verdeckten zwei Pfaffen mit ihren Kapuzen die
Nahende; jetzt bogen sie rechts ein, und ich sah ein holdes, ses
Wesen heranschweben.

Wer, wie ich, erhaben ber jede Leidenschaft, die den Sterblichen auf
der Erde qult, die Dinge betrachtet, wie sie sind, nicht wie sie euch
Liebe oder Ha oder eure tausend Vorurteile schildern, dem ist eine
solche seltene Erscheinung ein Fest; denn es ist etwas Neues,
Originelles. Ich gedachte unwillkrlich jener Worte des jungen Mannes,
wie er uns den Eindruck beschrieb, den der Anblick jener Dame zum
ersten Male auf ihn machte, mit welchem Entzcken er uns ihr Auge
beschrieb;--ich war keinen Augenblick im Zweifel, da diese liebliche
Erscheinung, die auf uns zukam, und jene rtselhafte Dame eine und
dieselbe sei.

Ein glhendes Rot hatte die Zge des Jnglings bergossen. Er hatte
den Hut gezogen; es war, als schwebte ihm ein Morgengru oder eine
freundliche Rede auf den Lippen, und berrascht von der stillen Gre
des Mdchens sei er verstummt. Auch sie errtete, sie schlug die Augen
auf, als er sich verbeugte, sie warf einen fragenden Blick auf ihn,
hielt einen kurzen Moment ihre Schritte an, als erwarte sie, von ihm
angeredet zu werden; er schwieg, sie eilte bewegt weiter.

Der junge Mann sah ihr mit trben Blicken nach, dann folgte er
langsamen Schrittes; oft blieb er, wie in Gedanken verloren, stehen.
Ich ging ihm einige Straen nach; er trat endlich in ein Kaffeehaus,
wo sich die deutschen Knstler zu versammeln pflegen. Hatte schon
frher dieser Mensch und seine Erzhlung meine Teilnahme erregt, so
war ich jetzt, da ich Zeuge eines flchtigen, aber bedeutungsvollen
Zusammentreffens gewesen war, um so neugieriger, zu erfahren, in
welchem Verhltnis der Berliner zu dieser Dame stehe; da es kein
glckliches Verhltnis, kein gewhnliches Liebesverstndnis war,
glaubte ich in ihren Mienen, in ihrem sonderbaren Benehmen gelesen zu
haben.

Man wird sich erinnern, da ich als hoffnungsvoller Zgling des ewigen
Juden, als Herr von Stobelberg, die Bekanntschaft dieses Mannes
machte. Daher trat ich in dieser Rolle in das Kaffeehaus. Der junge
Herr sa in einem Fenster und las in einem Brief. Ich wartete eine
Weile, ob er wohl bald ausgelesen haben werde, um ihn dann anzureden;
aber er las immer. Ich trat von der Seite hinter ihn, um nach dem
Schlu dieses riesengroen Briefes zu blicken,--es waren wenige Zeilen
von einer Frauenhand, die er, wie es schien, gedankenlos anstarrte.

Habe ich die Ehre, Herrn von S. vor mir zu sehen?" fragte ich in
deutscher Sprache, indem ich vor ihn trat.

Der bin ich," antwortete er, indem er den dsteren Blick von dem
Brief auf mich schlug und mein Kompliment durch ein leichtes Neigen
des Hauptes erwiderte.

Sie scheinen mich nicht mehr zu kennen, und doch war ich so
glcklich, einmal einen Abend im Hause Ihrer Tante in Berlin zu
genieen, den vorzglich Ihre Unterhaltung, Ihre interessanten
Mitteilungen mir unvergelich machen."

Im Hause meiner Tante?" fragte er, aufmerksamer werdend.

Wie, war es nicht ein hchst ennuyanter Tee? Waren nicht einige
mnnliche Weiber und einige zartweibliche Herren zugegen? Ich erinnere
mich, ich mute etwas erzhlen. Doch Ihr Name, mein Lieber, ist mir
leider entfallen."

Baron von Stobelberg; ich reiste damals mit--"

Ah--mit einem ganz sonderbaren Kauz von Hofmeister; jetzt erinnere
ich mich ganz; er war so unglcklich, allen Damen, ohne es zu wollen,
Sottisen zu sagen und berschnappte endlich, nmlich mit dem Stuhl?"

So ist's; wollten Sie erlauben, meinen Kaffee hier zu trinken? Ich
bin noch so fremd hier, ich kenne keine Seele. Sie sind wohl schon
lange hier bekannt?"

Ein melancholisches Lcheln zog um seinen Mund. O ja, bin schon lange
hier bekannt," antwortete er dster. Ich war frher in Geschften
hier, jetzt zu--meiner Erholung."

Sie erinnern mich da auf einmal wieder an den Abend bei Ihrer Tante;
mein Hofmeister brachte mich damals um einen kstlichen Genu. Sie
erzhlten uns ein kleines Abenteuer, das Sie mit einer Deutschen in
Rom gehabt. Ihre Erzhlung war auf dem Punkte, eine Wendung zu nehmen,
die uns ber vieles, namentlich ber Ihre sonderbare Verwechslung mit
einem Ebenbilde aufgeklrt htte, da zerstrte mein Mentor durch
seinen Fall meine schne Hoffnung; ich war gentigt, mit ihm den Salon
zu verlassen und plage mich seitdem mit allerlei Mglichkeiten,
Wahrscheinlichkeiten, wie es Ihnen mchte ergangen sein; ob Sie sich
mit Ihrem Ebenbilde geschlagen haben; ob Sie auch ferner der schnen
Luise sich nahen konnten; ob nicht endlich ein Liebesverhltnis
zwischen Ihnen entstanden. Kurz, ich kann Sie versichern, es peinigte
mich tagelang, die tollsten Konjekturen erfand ich, aber nie wollten
sie passen."

Der junge Mann war whrend meiner Reden nachdenklich geworden; es
schien etwas darin zu liegen, das ihm nicht ganz recht war; vielleicht
ahnte er meine unbezwingliche Neugierde nach seiner Aventre; er
blickte mich scharf an, aber er wich in seiner Antwort aus.

Ich erinnere mich," sagte er, da wir damals alle bedauerten, Ihre
Gesellschaft entbehren zu mssen. Sie waren uns allen wert geworden,
und die Tanten behaupteten, Sie htten etwas Eigenes, Anziehendes, das
man nicht recht bezeichnen knne, Sie htten einen hchst pikanten
Charakter. Nun, Sie werden in der Zeit diese Damen entschdigt haben;
wann waren Sie das letzte Mal bei meiner Tante?"

Ich sah ihn staunend an. Ich hatte nie die Ehre, bei Ihrer Tante
gesehen zu werden als an jenem Abend."

Er entgegnete hierauf nichts, sprach vom Papst und dergleichen, kam
aber immer wieder darauf zurck, mich durch eine Zwischenfrage nach
Berlin ins Haus seiner Tante zu verlocken. Was wollen Sie nur immer
wieder mit Berlin?" fragte ich endlich. Ich war seit jenem Abend
nicht mehr dort und reiste in dieser Zeit in Frankreich und England.
Sehen Sie einmal in meinen Pa, welch ungeheure Tour ich in dieser
Zeit gemacht habe!"

Er warf einen flchtigen Blick hinein und errtete. Verzeihen Sie,
Baron!" rief er, indem er meine Hand ungestm drckte. Vergeben Sie,
ich hielt Sie fr einen Spion meiner Tante."--

Ihrer Tante? Fr einen Spion, den man Ihnen bis Rom nachschickt?"

Ach, die Menschen sind zu keiner Torheit zu gut. Ich halte mich etwa
seit zwei Monaten wieder hier auf. Meine Verwandten toben, weil ich
meinen Posten im Bureau des Ministers pltzlich und ohne Urlaub
verlassen habe; sie bestrmten mich mit Briefen, ich kam nicht; sie
wandten sich an die preuische Gesandtschaft hier; sie fand aber
nichts Verdchtiges an mir und lie mich ungestrt meinen Weg gehen.
Vor einigen Tagen schrieb mir ein Freund, ich solle auf meiner Hut
sein, man werde einen Spion in meine Nhe senden, um alle meine
Schritte--"

Ist's mglich? Und warum denn dies alles?"

Ach, es ist eine dumme Geschichte; eine Anordnung meines verstorbenen
Vaters legt mir Pflichten auf, die--ein andermal davon--, die ich
nicht erfllen kann. Und Sie, lieber Stobelberg, hielt ich fr den
Spion. Vergeben Sie mir doch?"

Unter zwei Bedingungen," erwiderte ich ihm, einmal, da Sie mir
erlauben, Sie recht oft zu begleiten und der Spion Ihres Spions zu
sein. Halten Sie mich nicht fr indiskret, es ist wahre Teilnahme fr
Sie und der Wunsch, Ihnen ntzlich zu werden. Sodann--teilen Sie mir,
wenn es Ihnen anders mglich ist, den Schlu Ihres Abenteuers mit."

Den Schlu?" rief er und lachte bitter. Den Schlu? Ich wnschte, es
schlsse sich, knnte es auch nur mit meinem Leben schlieen. Doch
kommen Sie, wir wollen unter jene Arkaden gehen. Die Knstler kommen
um diese Zeit hierher, wir knnten nicht ungestrt reden; wer wei, ob
man, nicht einen von ihnen zu meinem Wchter ersehen hat."


       *       *       *       *       *


Ich folgte Otto v. S.--so hie der junge Mann--unter die Arkaden. Er
legte seinen Arm in den meinigen; wir gingen eine Weile schweigend auf
und ab; er, schien mehr nachdenklich als zerstreut.

Es ist etwas, was mir Vertrauen zu Ihnen einflt," hub er lchelnd
an. Ich habe ber den Ausspruch jener Damen in Berlin nach gedacht
und finde ihn, so komisch er mir damals vorkam, dennoch besttigt. Es
ist mir in den paar Viertelstunden, die wir beisammen sind, als seien
Sie ein Wesen, das ich lngst kannte, als seien Sie schon jahrelang
mein Freund. Und doch haben Sie nicht jenes Gutmtige, Ehrliche, was
an den Deutschen sogleich auffllt, was bewirkt, da man ihnen gerne
vertraut; Sie haben fr Ihre Jahre viel Beobachtungsgeist in Ihrem
Auge und um Ihren Mund in gewissen Augenblicken einen Zug, der nicht
immer das besttigt, was Sie sagen wollten. Und dennoch fhle ich, da
mir der Zufall viel geschenkt hat, der Sie in jenes Haus fhrte, ich
fhle auch, da man Ihnen trauen kann, mein Lieber."

Ich halte nichts auf Gesichter und habe durch Erfahrung gelernt, da
sie nicht immer der Spiegel der Seele sind. Es freut mich brigens,
wenn etwas an mir ist, was Ihnen Vertrauen einflt. Es ist vielleicht
der rege Wunsch, Ihnen dienen zu knnen, was Ihnen einiges Vertrauen
gibt?"

Mglich; doch ich bin Ihnen einige Aufschlsse ber mich und mein
Abenteuer hier in Rom schuldig. Ich erzhlte Ihnen, wie ich mit Luise
von Palden bekannt wurde--"

Erlauben Sie, nein! Diesen Namen hre ich zum ersten Male. Sie
erzhlten uns, da Sie eine junge Dame in den Lamentationen der
Sixtinischen Kapelle kennen lernten, die Ihre ganze Aufmerksamkeit
erregte. Sie wurden von ihr mit einem andern verwechselt, Sie gefielen
sich in diesem Quiproquo und versetzten sich unwillkrlich so in die
Stelle des Liebhabers, da Sie das Mdchen sogar liebten--"

Und wie liebe ich sie!" rief er bewegt.

Sie suchten die Dame lange vergeblich in Rom, der Zufall fhrte
endlich das schne Kind im Karneval als Maske an Ihre Seite. Es ist
schon dunkel, sie glaubt in Ihnen den Freund zu finden; Sie, lieber
Freund, bentzen die Gelegenheit noch einmal, diesen Scherz, der Ihnen
so angenehm ist, fortzufhren. Sie bringen die Dame auf eine Loge, um
das Pferderennen anzusehen. Da erscheint auf einmal der rechte
Liebhaber und Sie--erblicken sich. Bis hierher hrte ich damals. Sie
knnen sich denken, wie begierig ich bin, zu hren, wie es Ihnen
erging."

Ich gestehe," fuhr Herr v. S. fort, mir selbst fiel die hnlichkeit
dieses Mannes mit meinen Zgen, meiner Gestalt, selbst meiner Kleidung
berraschend auf. Das letztere hatte wohl die Mode verschuldet, die
damals alle junge Welt zwang, sich schwarz zu kleiden. Doch auch fr
die groe hnlichkeit unserer Zge, so auffallend sie ist, hat man
Beispiele. Sie erinnern sich vielleicht des Falles, der in Frankreich
vorkam. Zwei Franzosen trafen in Amerika zusammen. Ihre hnlichkeit
war so gro, da man sie gewhnlich miteinander verwechselte; der eine
starb, der andere, ein armer Teufel, wute sich seine Papiere zu
verschaffen, reiste nach Frankreich zurck und lebte mit der Frau des
Verstorbenen noch lange Jahre, bis der Betrug an den Tag kam.
[Funote: Die Mglichkeit einer solchen Verwechslung beweist ein Fall,
der sich vor einigen Monaten in Ravensburg im Wrttembergischen
zutrug. Zwei Zwillingsbrder sahen sich tuschend hnlich. Der eine
ttete einen Mann und floh. Er wute, da sein Bruder, der in Bregenz
in einem sterreichischen Regiment diente, desertiert war. Der Mrder
wandte sich dorthin, zeigte sich in der Gegend, lie sich als
Deserteur gefangen nehmen und viermal Spieruten jagen. Er diente
einige Zeit in der Stelle seines Bruders, bis der Betrug durch einen
Zufall entdeckt wurde.]

Der Herr und die Dame schienen nicht weniger berrascht als ich; die
letztere errtete, sie gedachte vielleicht jenes Kusses, und es wurde
ihr wohl mit einem Male klar, da es schon an jenem Abend nicht ihr
Otto gewesen sei, gegen den sie sich so zrtlich bewiesen. Der Herr
mit meinen Gesichtszgen fragte mich in etwas barschem Ton in
schlechtem Franzsisch, wie ich dazu komme, diese Komdie zu spielen.
Ich nahm, nicht aus Furcht vor seinem rollenden Auge, sondern im
Gefhl, ein Unrecht, vielleicht eine Unschicklichkeit wieder gutmachen
zu mssen, alle Artigkeit, die ich in der Welt gelernt hatte, zusammen
und bat die Dame, mir einen Scherz zu vergeben, zu dem sie mich selbst
verleitet habe. Sie selbst?' rief bei diesen Worten jener Mann, und
seine Zge verzogen sich immer mehr zum Zorn. Sie selbst? Es ist ein
abgekartetes Spiel, ich sehe schon, ich bin der betrogene Teil. Doch
ich will nicht stren.'--Er sagte dies, vor Wut zitternd, indem er
sich von seinem Platz entfernen wollte. Luise--o, ich habe sie nie so
s, so wundervoll gesehen wie in jenem Augenblicke, sie schien mit
aller Hingebung der Zrtlichkeit an diesem Manne zu hngen; sie
ergriff bebend feine Hand, sie rief ihn mit den liebevollsten Tnen;
sie beteuerte, sich unschuldig zu wissen, sie rief mich zrnend zum
Zeugen auf. Ich war hingerissen von diesem Zauber der Liebe, der sich
mir hier zum ersten Male in seiner ganzen Schnheit darstellte. Es ist
etwas Schnes um ein Mdchen, das in sanfter, stiller Liebe ist, es
ist etwas Heiliges, mchte ich sagen. Aber der Schmerz inniger Liebe,
das Zittern zrtlicher Angst und diese Trnen in den blauen Augen,
dieses Flstern der sesten Namen von den feinen Lippen und diese
Rte der Angst und der Beschmung auf den zarten Wangen, es ist ein
Bild, irdischer zwar als jenes, aber von einer hinreienden Gewalt."

Ich kenne das," unterbrach ich diese rednerischen Schilderungen des
verliebten Berliners, dem die Dame seines Herzens in jeder neuen Form
wieder lieblicher schien, ich kenne das; so was Heiliges, so was
Weinendes, Madonnenartiges, Grazienhaftes, Ses, Bitterschmerzliches,
kurz, so was Klagendes, Anziehendes, ich kenne das; aber wie war es
denn mit dem zornigen Patron, der Euer Wohlgeboren so hnlich?"

Er glaubte ihren Versicherungen nicht; war es Eifersucht, war es sein
leidenschaftlicher Zorn, den er nicht bemeistern konnte, er stie sie
zurck, er drohte, sie nie mehr zu sehen. Das Mdchen setzte sich
weinend auf ihren Stuhl. Die tobende Freude der Rmer an dem
Pferderennen, ihr Jauchzen, ihr Rufen standen in schneidendem Kontrast
mit dem stillen Schmerz dieses Engels. Ich fhlte inniges Mitleid mit
ihr, ich fhlte mich tief verletzt, da ein Mann eine Dame, ein
Liebender die Geliebte so schnde beleidigen knne. Mein Herr,' sagte
ich, das Wort eines Mannes von Ehre kann Sie vielleicht berzeugen,
da die Schuld dieser Szene allein auf mir ruht.' Eines Mannes von
Ehre?' rief er, hhnisch lachend; so kann sich jeder Tropf nennen.'
Jetzt glaubte ich die Formen der gesellschaftlichen Hflichkeit nicht
weiter beobachten zu mssen. Ich gab ihm ein wohlbekanntes Zeichen,
flsterte ihm meinen Namen, die Nummer meines Hauses und die Strae
zu, in welcher ich wohnte, und verlie ihn.

Es waren widerstreitende Gefhle, die in meiner Brust erwachten, als
ich zu Haus ber diesen Vorfall nachdachte. Ich mute mir gestehen,
da ich unbesonnen, tricht gehandelt hatte, die Rolle eines andern
bei diesem Mdchen zu bernehmen. Es ist wahr, der Zufall war so
berraschend, die Gelegenheit so lockend, ihre Erscheinung so reizend,
so anziehend, da wohl keiner der Versuchung widerstanden htte. Aber
mute mich nicht schon der Gedanke zurckschrecken, da es ihr bei dem
Geliebten schaden knnte, traf er uns beide zusammen. In welch
ungnstigem Lichte mute ich, mute auch sie ihm erscheinen!

Und doch--wo ist der Mensch, der nicht in einem solchen Falle sich vor
sich selbst zu entschuldigen wte? Ich fhlte, da ich dieses
unbekannte, reizende Wesen liebe, und wie leicht entschuldigt Liebe!
Und weil ich sie liebte, hate ich den begnstigten Mann. Er war ein
Barbar in meinen Augen. Wie konnte er die Geliebte so grausam
behandeln? Wie durfte er, wenn er sie wahrhaft liebte, an ihrer Tugend
zweifeln, und wer, der jemals in dieses treue, seelenvolle Auge
gesehen, wer konnte an der Reinheit dieses Engels zweifeln?

Am Morgen nach dieser Begebenheit bekam ich einen italienischen,
schlecht geschriebenen Brief; er enthielt die Bitte einer Signora
Maria Campoco, dem berbringer des Briefes in ihr Haus zu folgen, wo
sie mir etwas Wichtiges zu sagen habe. Ich kannte keine Dame dieses
Namens, ich fragte den Diener nach der Strae, er nannte mir eine, von
welcher ich nie gehrt hatte. Eine Ahnung sagte mir brigens, dieser
Brief knnte mit meinem Abenteuer von gestern zusammenhngen; ich
entschlo mich, zu folgen. Der Diener fhrte mich durch viele Straen
in eine Gegend der Stadt, die mir vllig unbekannt war. Er bog endlich
in eine kleine Seitenstrae; ein Brunnen, eine Madonna von Stein fiel
mir ins Auge, es war kein Zweifel, ich befand mich an dem Haus, wohin
ich Luise aus den Lamentationen begleitet hatte.

Es war ein kleines, unscheinbares Haus, dessen Tre der Diener
aufschlo; ber einen finstern Gang, eine noch dunklere Treppe brachte
er mich in ein Zimmer, dessen Eleganz nicht mit dem brigen Ansehen
des Hauses bereinstimmte. Nachdem ich eine Weile gewartet hatte,
erscholl das Klffen vieler Hunde, die Tre ffnete sich--aber nicht
meine Schne, sondern eine kleine, wohlbeleibte, ltliche Frau trat,
umgeben von einer Schar kleiner Hunde, ins Zimmer.

Es dauerte ziemlich lange; bis Tasso, Ariosto, Dante, Alfieri; und wie
die Klffer alle hieen, ber den Anblick eines fremden Mannes
beruhigt waren und die kleine Dame endlich zum Wort kommen konnte. Sie
sagte mir sehr hflich, sie habe mich rufen lassen, um wegen einer
Angelegenheit ihrer Nichte, Luise von Palden, mit mir zu sprechen. Das
Verlangen, das schne Kind wiederzusehen, mich bei ihr selbst zu
entschuldigen, gab mir eine Notlge ein; ich fragte sie in so
miserablem Italienisch als mir nur mglich war, ob sie Franzsisch
oder Deutsch verstehe. Sie verneinte es, ich zuckte die Achseln und
gab ihr mehr durch Zeichen als Worte zu verstehen, da ich der
italienischen Sprache durchaus nicht mchtig sei. Sie besann sich eine
Weile, sagte dann, ich knnte in  i h r e r  G e g e n w a r t mit
ihrer Nichte sprechen, und entfernte sich.

Wie schlug mein Herz, von Erwartung, von Liebe bewegt! Wie beschmt
fhlte ich mich, in ihren Augen als ein Nichtswrdiger zu scheinen,
der ihren Irrtum auf so indiskrete Art bentzte! Die hndische
Leibwache der Signora verkndete, da sie nahe. Ich fhlte seit langer
Zeit zum ersten Male eine Verlegenheit, ein Beben; ich fhlte, wie ich
errtete, jene Sicherheit des Benehmens, die mich jahrelang begleitet
hatte, wollte mich in diesem Augenblicke verlassen.

Sie kam; sie dnkte mir in dem einfachen, reizenden Neglig lieblicher
als je, und ihre Verwirrung, als sie mich sah, der Unmut, den ich in
ihren Augen zu lesen glaubte, vermochte ihre Anmut nicht zu schwchen.
Mein Herr! Es ist eine sonderbare Begebenheit, die Sie in dieses Haus
fhrt,' sprach sie mit jenen klangvollen Tnen, die ich so gerne
hrte; Sie mssen selbst gestehen,' setzte sie hinzu, aber sei es,
da die Erinnerung an jenen Abend sie zu unangenehm berhrte, sei es,
da sie einem meiner Blicke begegnete, die vielleicht mehr als
Ehrfurcht ausdrckten, sie schlug die Augen nieder, errtete aufs neue
und schwieg.

Ich fate mich, ich suchte mich zu entschuldigen, so gut es ging; ich
erzhlte ihr, wie ich sie hilflos und in Ohnmacht in der Kirche
gefunden, wie ich ihren Irrtum nicht habe berichtigen knnen, aus
Furcht, sie mchte meine Begleitung ablehnen, die ihr in ihrem
damaligen Zustande so notwendig war. Meine zweite Unbesonnenheit schob
ich auf die Maskenfreiheit des Karnevals; ich suchte einen Scherz
daraus zu machen, ich behauptete, es sei an diesem Abend erlaubt, jede
Maske vorzunehmen, und so habe ich die ihres Freundes vorgenommen. Ich
glaubte, sagte ich, in diesen Scherz um so eher eingehen zu drfen, da
wir Landsleute sind und die Deutschen in Rom als Kinder  e i n e r
Heimat nur  e i n e  groe Familie sein sollten."

Eine gefhrliche Verwandtschaft," unterbrach ich den jungen Berliner,
indem ich mich im stillen ber seine jesuitische Logik freute. Wie? 
brachte die Dame nicht das _Corpus juris_ und den------gegen Sie in 
Anwendung? In Schwaben mchte zur Not ein solches 
Verwandtschaftssystem gelten oder bei den Juden, welche Herren 
und Knechte, Norden und Sden, unsere Leute' nennen; aber 
Deutschland? Bedenken Sie, da es in zweiunddreiig Staaten geteilt 
ist; wo ist da ein Verwandtschaftsband mglich? Wenn sie sich im 
Himmel oder in der Hlle treffen, so heien sie nur sterreicher, 
Preuen, Hechinger und frstlich reuische Landeskinder!" 

Luise mochte auch so denken," fuhr er fort. Doch ntigte ihr meine
Deduktion ein Lcheln ab; es schien ihr angenehm, ber diese Punkte so
leicht weggehen zu knnen. Sie klagte sich selbst an, diesen Irrtum
veranlat zu haben, sie vergab, sie erlaubte mir, ihre schne Hand zu
kssen. Doch ihre Blicke werden wieder dster. Sie sagte, wie sie nur
zu deutlich bemerkt habe, da ich tief beleidigt weggegangen sei, da
dieser Streit noch eine gefhrlichere Folge haben knne. Ihr Auge
fllte sich mit Trnen, als sie dies sagte. Sie beschwor mich, ihrem
Freund zu vergeben, sie suchte ihn zu entschuldigen, ihn, der sie
selbst so tief beleidigt hatte; sie sprach mit so zrtlicher Wrme fr
den Mann, der so ganz vergessen hatte, da die wahre Liebe glauben und
vertrauen msse, der so niedrig war, dieser reinen Seele gegenber
gemeine Eifersucht zu zeigen. Ich wre glcklich, selig gewesen, htte
dieses Mdchen s o von mir gesprochen!

Ich fragte sie, ob sie in seinem Auftrag mir dieses sage. Sie war
betreten, sie antwortete, da sie gewi wisse, da es ihm leid sei,
mir jene Worte gesagt zu haben; ich versprach, wenn er mir dieses
selbst sagen werde, nicht mehr an die Sache zu denken. Wie heiter war
sie jetzt! Sie scherzte ber ihren Irrtum, sie verglich meine Zge mit
denen ihres Freundes, sie glaubte, groe hnlichkeit zu finden, und
doch schien es ihr unbegreiflich, wie sie nicht an meinen Augen,
meiner Stimme, an meinem ganzen Wesen ihren Migriff erkannt habe. Sie
rief ihrer Tante zu, da sie ihren Zweck vollkommen erreicht habe.

Signora Campoco, die whrend der ganzen Szene am Fenster gesessen und
bald die Leute auf der Strae, bald ihre Hndchen, bald uns betrachtet
hatte, kam freundlich zu mir, dankte fr meine Geflligkeit, ihr Haus
besucht zu haben, und bemerkte, sie htte nie geglaubt, da unsere
barbarische Sprache so wohltnend gesprochen werden knne. Sie sehen,
ich hatte jetzt nichts mehr in diesem Hause zu tun; so gerne ich noch
ein Stndchen mit Frulein von Palden geplaudert htte, so neugierig
ich war, ihre Verhltnisse in Deutschland und ihre Lage in Rom zu
erfahren,--der Anstand forderte, da ich Abschied nahm, mit dem
unglcklichen Gefhle Abschied nahm, diese Schwelle nie mehr betreten
zu knnen. Signora, sie htte sich vielleicht gekreuzt, htte sie
gewut, da ein Ketzer vor ihr stehe, Signora empfahl mich der Gnade
der heiligen Jungfrau, und Luise reichte mir traulich die Hand zum
Scheiden. Ich fragte sie noch, wie der Herr heie, mit welchem ich das
Glck gehabt habe, verwechselt zu werden. Sie errtete und sagte: Er
will zwar hier nicht gekannt sein und so zurckgezogen als mglich
leben; doch warum sollte ich Ihnen seinen Namen verhehlen? Ich mchte
so gerne, da Sie Freunde wrden. Er heit------und wohnt------'."

So etwas breit nach Art der lieben Jugend" hatte mir der junge Mann
den weiteren Verlauf seines Abenteuers erzhlt; ich hrte ihm gerne
zu, obgleich nichts peinlicher fr mich ist, als eine lamentable
Liebesgeschichte recht lang und gehrig breit erzhlen zu hren; aber
interessant war mir dabei die Art, wie er mir erzhlte. Sein
ausdrucksvolles Auge schien die Glut seiner Gefhle widerzustrahlen,
seine Zge nahmen den Charakter dsterer Wehmut an, wenn er sich
unglcklich fhlte, und ein angenehmes Lcheln erheiterte sie, wenn er
mir die Reize der jungen Dame zu beschreiben suchte. Pltzlich, als er
mir eben erzhlte, wie er das Haus der Signora verlassen habe, drckte
er meinen Arm fester und brach, in einen kleinen Fluch aus. So mu
der Teufel diesen Pfaffen doch berall haben!" rief er und wandte sich
unmutig um. Ich war erstaunt, welchen Pfaffen sollte ich denn berall
haben? Ich fragte ihn, was ihn so aufbringen knne.

Sehen Sie nicht hin, sonst mssen wir gren," gab er mir zur
Antwort, ich kann ihn nicht ansehen, den Jesuiten."

Ich stellte mich, als befolge ich treulich seinen Befehl, doch konnte
ich nicht umhin, einen Seitenblick in die Strae zu werfen, und sah
wirklich ein hchst ergtzliches Schauspiel. Die Strae herauf kam ein
hoher Prlat der Kirche, der Kardinal Rocco, ein Mann, der schon
lngst als einer der zweiten Klasse mit dem Prdikat g u t" auf
meinen Tafeln verzeichnet ist. Eine groe, majesttische Gestalt mit
stolzer Wrde; sein weies Haar, von einem einfachen, roten Kppchen
bedeckt, stach sonderbar ab gegen ein Gesicht, das man eigentlich
reich nennen konnte. Gewlbte Brauen, groe Augen, eine Adlernase, die
Unterlippe etwas bermtig gezogen, das Kinn und die Wangen voll und
krftig. ber das rollende Untergewand trug er einen Talar, dessen
eines Ende er in malerischen Falten ber den Arm gelegt hatte; das
andere Ende hielt, in einiger Entfernung hinter ihm herschleichend,
sein Diener, ebenfalls ein Mnch, ein drres, bleiches Geschpf,
dessen tckische Augen nach allen Seiten sphten, ob Seine Eminenz von
den Glubigen ehrfurchtsvoll, wie es sich gebhrt, begrt wrden.

Der Gang des Kardinals war der Gang eines Siegers, und eine solche
Erscheinung in diesen Straen erinnerte nur zu leicht an die Senatoren
der ewigen Stadt".

Sehen Sie, wie er hingeht, dieser Phariser," flsterte der junge
Mann, mit den Zhnen knirschend. Sehen Sie, wie der Pbel sich zum
Handku drngt, mit welcher Wrde, mit welcher Grazie er seinen Segen
erteilt. Theaterpossen! wenn diese Leute wten, was ich von ihm wei,
sie wrden diesem Phariser, diesem Verflscher des Gesetzes die
Insignien seiner Wrde vom Leibe reien, oder sie wren wert, von
einem Trken beherrscht zu werden."

Was bringt Sie so auf, verehrter Freund? Wer ist dieser Ehrenmann?
Was hat er Ihnen zuleid getan? Hngt er mit Ihren Abenteuern
zusammen?" Ich mute lange fragen, bis er mich hrte; denn er schaute
mit durchbohrenden Blicken der Eminenz nach und murmelte
Verwnschungen wie ein Zauberer.

Ob ich ihn kenne? Ob er mir etwas zuleid getan? O! dieser Mensch hat
ein Leben vergiftet, ein Herz zu Boden getreten, das--doch Sie werden
mehr von ihm hren; es ist der Kardinal Rocco, der Satan ist nicht
schwrzer als er; mit seinem roten Hut deckt er alle Snden zu; aber
trotzdem, da er geweiht ist, wird ihn dennoch der Teufel holen!"

Da hat es gute Wege, dachte ich; Nro. 2, gute Sorte! Doch was konnte
dieser Berliner gegen Rocco haben? Unmglich konnte ich glauben, da
sein Protestantismus so tief gehe, da er jeden, der violette Strmpfe
trug, in die Hlle wnschen mute. Er hatte sich wieder gesammelt.
Vergeben Sie diese Hitze; Sie werden mir einst recht geben, so zu
urteilen, wenn ich Sie erst mit dem Treiben dieses Menschen bekannt
mache. Doch jetzt noch einiges zum Verstndnis meines Abenteuers. Die
Geschichte mit--war bald abgetan. Er schickte einen Franzosen zu mir,
der mir erklrte, da jener sich in mir geirrt habe und um Verzeihung
bitte. Durch ihn erfuhr ich auch, da Luisens Geliebter frher
Offizier, und zwar in ...schen Diensten gewesen sei.

Um diese Zeit kam die Schwester des schsischen Gesandten nach Rom,
sich einige Zeit mit ihrer Familie bei ihrem Bruder aufzuhalten. Ich
war am ersten Abend ihres Aufenthaltes zufllig zugegen, und--stellen
Sie sich einmal mein Erstaunen vor, als ich hrte, wie sie eine andere
Dame fragte, ob nicht ein Frulein von Palden hier lebe. Ich wandte
mich unwillkrlich ab, um nicht dem ganzen Kreise mein Errten, mein
Entzcken zu zeigen; es war mir etwas so Neues, so Schnes, Luisens
Namen aus einem fremden Munde zu hren. Jedoch keine der anwesenden
Damen wollte von ihr wissen, und ich fhlte mich nicht berufen,
unaufgefordert mein Geheimnis mitzuteilen.

Deutsche, besonders Frauen, pflegen immer groen Anteil an Landsleuten
zu nehmen; es konnte daher nicht anders sein, als da man seine
Verwunderung laut darber aussprach, da ein deutsches Frulein in Rom
lebe, die auch nicht einem von allen bekannt sein sollte. Wer ist sie?
Ist sie schn? Wie kommt sie nach Rom? fragte, man einstimmig, und wie
lauschte ich, wie pochte mein Herz, endlich ber das interessante
Wesen etwas zu hren.

Sie erzhlte, wie sie in .....th Luise kennen gelernt, die damals durch
ihr schnes uere, durch ihre Liebenswrdigkeit, ihren Verstand die
ganze Stadt beschftigt, ihre nheren Bekannten bezaubert habe. Umso
auffallender sei auf einmal ein Liebeshandel gewesen, der sich
zwischen einem Offizier, einem brgerlichen Subjekt, und der Tochter
des Geheimen Rats von Palden entspann. Dieser Mensch habe auer seiner
schnen Figur und einem blhenden Gesicht keine Vorzge, nicht einmal
gute Sitten gehabt. Dem Vater sei diese Geschichte zu ernstlich
geworden, er habe den Offizier zu einem Regimente zu versetzen gewut,
das mit einem Teil der franzsischen Armee nach Spanien bestimmt war.
Man habe sich in ....th allgemein gefreut ber die Art, wie sich
Frulein von Palden in diese Wendung fgte; doch bald erfuhr man, da
die Verbindung mit dem Offizier nichts weniger als abgebrochen sei,
sondern durch Armeekuriere und dergleichen Briefe gewechselt wrden.
Es vergingen so beinahe zwei Jahre. Die Armee kehrte zurck, doch
nicht mit ihr jener Offizier. Man sagte in Gesellschaften und in
Luisens Nhe, er sei wegen einer Ehrensache aus dem Dienst getreten.
Seine Kameraden schwiegen hartnckig hierber, und doch gab es einige
Stimmen im Publikum, die von einer vorteilhaften Heirat, andere, die
von einer Entfhrung oder von beidem sprachen, kurz, man bemerkte, da
Herr ..., so hie der Offizier, seiner Dame ungetreu geworden sei. Um
diese Zeit starb der alte Herr von Palden. Seine erste Frau war eine
Rmerin; das Frulein entschlo sich auf einmal zu groer Verwunderung
der Stadt ....th, zu ihren Verwandten nach Rom zu ziehen.

So viel wute die Schwester des Gesandten von Luise. Es war mir genug,
um ihr Verhltnis zu .... ganz in der Ordnung zu finden; nur war es
mir unbegreiflich, was ihn bewogen haben knnte, nach Rom zu gehen;
oder kam er erst nach ihr hierher? Und warum heiraten sie sich nicht,
da doch ihre Hand jetzt frei und von niemand abhngig ist?

Ich qulte mich mit diesen Gedanken. Ich htte so gerne mehr und immer
mehr von dem holden Kind erfahren; ich fhlte lebhaft den Wunsch, sie
wiederzusehen, zu sprechen; ich wollte ja nicht geliebt werden, nur
sehen, nur lieben wollte ich sie. Da fiel mir bei, wie ich dies so
leicht mglich machen knnte. Ich durfte ja nur der Schwester des
Gesandten sagen, wo sich Luise aufhalte, und dann konnte ich gewi
sein, sie schon in den nchsten Tagen im Hotel des Gesandten zu sehen.
Ich tat dies, und mein Wunsch wurde erfllt."

Ein Bekannter des Herrn v. S. gesellte sich hier zu uns und unterbrach
zu meinem groen rger die Erzhlung. Ich machte noch einige Gnge mit
ihnen unter den Arkaden; als ich aber sah, da der Bekannte sich nicht
entfernen wolle, fragte ich den Berliner nach seiner Wohnung und ging
mit dem Vorsatz, ihn am nchsten Morgen zu besuchen. Ich mu gestehen,
ich fing an, die Geschichte des jungen Mannes weniger anziehend zu
finden, weil sie mir in eine gewhnliche Liebesgeschichte auszuarten
schien. Doch zwei Umstnde waren es, die mir von neuem wieder
Interesse einflten und mich bestimmten, seine Abenteuer zu hren.
Ich erinnerte mich nmlich, wie berraschend sein Anblick, sein ganzes
Wesen in Berlin auf mich gewirkt hatten. Es war nicht der gewhnliche
Kummer der Liebe, wie er sich bei jedem Amoroso vom Mhlendamm
ausspricht; es war ein Gram, ein tieferes Leiden, das mir um so
anziehender dnkte, als es nur ganz unmerklich und leise durch jene
Hlle schimmerte, womit die gesellschaftlichen Formen die weinende
Seele umgeben. Er schien ein Unglck zu kennen, zu teilen, das ihn
unausgesetzt beschftigte, zu welchem ihn die Erinnerung sogar mitten
in einem sthetischen Tee zurckfhrte.

Das zweite, das mich zu dem jungen Mann und seinem Abenteuer zog, war
die Szene, die ich morgens vor der Peterskirche beobachtet hatte. Ich
hatte dort bemerkt, da er sie mit Sehnsucht erwarte; sie war
gekommen, aber es schien kein frhliches Zusammentreffen. Sie schien
ihn etwas mit ihren Blicken zu fragen, das er nie beantworten, sie
schien etwas zu verlangen, das er nicht erfllen konnte; wie schwer
mute es ihm werden, in der Ferne zu stehen und dem holden Mdchen
durch keine Silbe zu antworten! Er lie sie gehen, wie sie gekommen,
aber dann sandte er ihr Blicke voll zrtlicher Liebe nach. Warum sagte
er ihr nicht auf der Stelle, wie er sie liebe? Welche Gewalt mute sie
ber ihn ausben, um ihn in diese engen Schranken einer beinahe blden
Bescheidenheit zurckzuweisen? Wieviel es s i e koste, sah ich an
ihrem Auge, in welchem eine Trne perlte, als sie weiter ging.

Diese Fragen drngten sich mir auf, als ich ber den jungen Mann und
die rtselhafte Dame nachdachte. Wo nicht ein blindes Fatum waltet und
ein Uhrwerk die Gedanken der Sterblichen treibt, da lernt keiner aus,
sei er Gott oder Teufel. Wohl sagt der Mensch, der kleinlich nur auf
die Resultate seiner Geschichte sieht: Es wiederholt sich alles im
Leben;" aber wie es sich wiederholt, wie der endliche Geist in seiner
kurzen Spanne Zeit wchst und ringt und strebt und gegen die alte
Notwendigkeit ankmpft, das ist ein Schauspiel, das sich tglich mit
ewig neuem Reize wiederholt; und das Auge, das von Weltintrigen
gesttigt, vom Anschauen der Kmpfe groer Massen ermdet ist, senkt
sich gerne abwrts zum kleineren Treiben des einzelnen. Drum mge es
keinem jener verehrlichen Leute, fr die ich meine Memoiren
niederschreibe, kleinlich dnken, da ich in Rom, wo so unendlich viel
Stoff zur Intrige, ein so groer Raum zu einem diabolischen
Festtagsspiel ist, mit einer Liebeshistorie mich befasse.--

Am Abend dieses Tages fuhr ich mit einigen griechischen Kaufleuten auf
der Tiber. Wir hatten eine der greren Barken bestiegen und die
freien Sitze des Vorderteils eingenommen, weil das Zelt in der Mitte,
wie uns die Schiffer sagten, schon besetzt war. Der Abend war schwl
und wirkte selbst mitten im Flu so drckend und ermattend auf die
Menschen, da unser Gesprch nach und nach verstummte. Ich vernahm
jetzt ein halblautes Reden und Streiten im Innern des Zeltes; ich
setzte mich ganz nahe hin und lauschte. Es waren zwei Mnner und eine
Frau, soviel ich aus ihren Stimmen schlieen konnte. Sie sprachen aber
etwas verwirrt und gebrochen; der eine hatte gutes, wohltnendes
Italienisch, er sprach langsam und mit vieler Salbung; die Dame
mischte unter sechs italienische Worte immer zwei spanische und ein
franzsisches, der andere Mann, der wenig, aber schnell und mit
Leidenschaft sprach, hatte jene murmelnde, undeutliche Aussprache, an
welcher man in Italien sogleich den Deutschen oder Englnder erkennt.

Ein kleiner Ri in der Gardine des Zeltes lie mich die kleine
Gesellschaft berschauen; und, o Wunder! Jene salbungsvolle Rede
entstrmte dem Kardinal Rocco! Ihm gegenber sa eine Dame, schon ber
die erste Blte hinaus, aber noch immer schn zu nennen. Ihre
beweglichen schwarzen Augen, ihre vollen Lippen, ihr etwas
nachlssiges Kostm, dessen Schuld der schwle Abend tragen mute,
zeigten, da sie mit den ersten Dreiig die Lust zum Leben noch nicht
verloren habe. An ihrer Seite glaubte ich auf den ersten, flchtigen
Anblick Otto v. S. zu erkennen. Doch die Zge des Mannes im Zelte
waren dsterer, sein Auge blickte nicht so offen und frei wie das des
Berliners,--ich war keinen Augenblick im Zweifel, es mute sein
Doppelgnger, ...., sein. Aber wie! Die Dame war nicht Luise von
Palden; durfte dieser Mann so traulich neben einer andern sitzen, ohne
dieselbe Schuld wirklich zu tragen, die er der Geliebten aufbrden
wollte!

Gilt dir denn meine Liebe, meine Zrtlichkeit gar nichts?" hrte ich
die Dame sagen. Nichts meine Aufopferung, nichts meine Leiden, nichts
meine Schande, der ich mich um deinetwillen aussetzte? Ein Wort, ein
einziges Wort kann uns glcklich machen. Du sagst immer morgen,
morgen! Es ist jetzt Abend, warum willst du morgen doch wieder nicht?"

Mein Sohn," sprach der Kardinal, ich will nichts davon sagen, da
Euer langes Zgern, Eure fortwhrende Weigerung fr unsere heilige
Kirche Beleidigung ist. Ich wei zwar wohl, nicht Ihr seid es, der
diese Zgerungen verschuldet; der Teufel, der leibhaftige Satan
spricht aus Euch; es ist das letzte Zucken Eurer ketzerischen
Irrtmer, was Euch die Wahrheit nicht sehen lt; aber beim heiligen
Kreuz, den Ngeln und der heiligen Erde beschwre ich Euch, folget
mir, lasset Euch aufnehmen in den heiligen Scho der Kirche zur,
Verherrlichung Gottes."

Ha! dachte ich, den haben sie gerade recht in den Krallen. Ein schnes
Weib, ein Kardinal Rocco und ein paar Gewissensbisse, wie der Herr im
Zelte zu haben schien,--da kann es nicht fehlen!--Er seufzte, er
blickte bald die Dame, bald den Priester mit unmutigen Blicken an.
Ich will ja alles tun, ins Teufels Namen, alles tun," sagt er, mein
Leben ist ohnedies schon verschuldet und vergiftet; aber wozu diese
sonderbare Prozedur? Warum soll ich vor der Welt zum Narren werden, um
die Ehre von Donna Ines wieder herzustellen?"

Mein Sohn, mein Sohn! Wie frevelt Ihr! Zum Narren werden, sagt Ihr?
O, Ihr verstockter Ketzer! Ihr alle seid von eurer Taufe an, wo der
Satan zu Gevatter steht, Renegaten, Abtrnnige! Es ist also nur eine
Rckkehr, kein bertritt, keine Ableugnung eines frheren Glaubens.
Ihr hattet ja vorher keinen Glauben. Ihr werdet doch nicht die
Ketzerei so nennen wollen, die der Erzketzer in Wittenberg aus den
Fetzen, die er dem Heiligtum gestohlen, zusammenstckelte?"

Lasset mich, Eminenz! Es ist einmal gegen meine berzeugung. Ich
mte mich ja vor ganz Deutschland schmen."

O verstockter Ketzer! Schmen, sagt Ihr? Hat sich der liebe Mann, der
Herr von Haller, auch geschmt? Schmen! Wie ein Heiliger wrdet Ihr
dastehen. Braucht sich ein Heiliger zu schmen? Hat sich der
treffliche Hohenlohe geschmt, umgeben von Ketzern, seine Wunder zu
verrichten? Es sei gegen Eure berzeugung, saget Ihr? Da sieht man
wieder den Deutschen, nicht wahr, Donna Ines, den ehrlichen Deutschen!
Zu was denn immer berzeugung? Das ist ja gerade das Wunderbare am
Glauben, da er von selbst wirkt ohne berzeugung. Gesetzt, Ihr wret
krank, mein lieber Freund; man schickt Euch den ersten Arzt der
Christenheit. Ihr seid nicht berzeugt, da er der alleinige wahre
Arzt ist; aber Ihr lat Euch gefallen, seine Arzneien einzunehmen, und
siehe, sie wirken auf Euren Krper ohne berzeugung, gerade wie uns er
Glaube auf die Seele."

Otto," sprach Dame Ines mit schmelzenden Tnen, teurer Otto! Siehe,
wenn mich der heilige Mann hier nicht absolviert und beruhigt htte,
ich mte ja schon lngst verzweifelt sein, einen Ketzer so innig zu
lieben! Wie leicht wird es dir gemacht, einer der Unsrigen zu sein und
dann ein Weib auf ewig glcklich zu machen, das dir alles opferte! Und
bedenke die schne Villa an der Tiber und das kstliche Haus neben dem
Palast Seiner Eminenz. Dies alles will uns der heilige Vater zur
Ausstattung schenken. Bist du nicht gerhrt von so vieler Liebe?"

Nicht verhehlen kann ich es Euch, mein Sohn," fuhr der beredte Mann
mit dem roten Hute fort, nicht verhehlen kann ich es Euch, da man im
Lateran noch heute von Euch sprach, da es sogar Seiner Heiligkeit
selbst auffllt, da Ihr so lange zgert. Bis ber acht Tage naht ein
groes Fest heran; welch herrliche Gelegenheit, etwas zu Gottes Ehre
zu tun, bietet sich Euch dar!"

Wozu doch diese ffentlichkeit?" fragte Otto. Ich hasse dieses
Rhmen und Ausschreien in alle Welt. Lasset mich still in einer
Kapelle die Zeremonie verrichten. Was ntzt es Euch, ob ich laut und
offen das Opfer bringe! O Luise; Luise! es ttet sie, wenn sie es
hrt!"

Elender!" rief die Dame, indem sie in Trnen ausbrach. Sind das
deine Schwre? Du falsches Herz! Ich habe dir alles, alles geopfert,
und so kannst du vergelten? O Barbar! Gehe hin zu ihr, lege dich
nieder in ihre Fesseln; aber wisse, da ich mich in die Tiber strze!
ber meine armen Wrmer, meine unglcklichen Kinder, mag sich Gott
erbarmen!"

Kinder, Kinder! Meine fromme Tochter, mein lieber, aber verblendeter
Sohn! Wozu dieser Skandal, diese Szene auf dem Schiffe? Stillet Eure
Trnen, schne Frau, es wird noch alles gut werden; kommet, ich will
einen vterlichen Ku auf Eure Augen drcken, so. Und Ihr, wisset Ihr
nicht, da Ihr Euch versndiget gegen Donna Ines! Was wollet Ihr nur
immer wieder mit der Ketzerin, die einst Eure Sinne zu bestricken
wute? Haben wir Euch nicht Beweise genug gegeben, da sie in einem
strafwrdigen Verhltnis zu dem Teufel ist, der Eure Gestalt und
Sprache angenommen hat?"

Welch einfltiges Mrchen!" rief der junge Mann. Was wollet Ihr auch
den Teufel ins Spiel ziehen? Ein ehrlicher Berliner ist er, ein Tropf,
dem ich das Mdchen nicht gnnen mag, wenn sie mich auch zehnmal
betrog!"

Mein Sohn, die heilige Jungfrau schtze uns, aber der Satan selbst
ist es. Hat es nicht letzthin meinem dienenden Frater Piccolo
getrumt, der Teufel gehe hier in der heiligen Stadt spazieren? Alle
seine Trume sind noch eingetroffen. Der deutsche Baron ist der
hllische Geist selbst. Wer es aber auch sei, sie hat Euch betrogen.
Hat nicht die fromme Frau Maria Campoco Euch, selbst dieses Gestndnis
ber ihre Nichte gemacht? Was wollet Ihr nur auf die treulose Ketzerin
Rcksicht nehmen!--Und schaut, was ich Euch hier mitgebracht habe,"
fuhr Seine Eminenz fort, indem sie ein groes Papier entfaltete.
Sehet, wie ich Wort halte: Ich habe Euch versprochen, die Liste aller
derer mitzubringen, welche in Eurem Deutschland ffentliche Ketzer,
insgeheim aber gute Christen der wahren Kirche sind. Da, leset!"

Der junge Mann las und staunte. Er sah den Kardinal fragend an, ob er
denn wirklich dieser Schrift trauen drfe. Donna Ines, welche
bemerkte, welch gnstigen Eindruck diese Liste mache, zog die Hand des
heiligen Mannes an den Mund und bedeckte sie mit feurigen Kssen der
Andacht.

Nicht wahr," fuhr Rocco fort, da stehen wohlklingende Namen?
Professoren, Grafen, Frsten sogar. Freilich, diese Leute knnen nicht
so ffentlich sich erklren, Freundchen. Die Politik, die Rcksicht
auf ihre ketzerischen Untertanen erlaubt das nicht. Aber im Herzen, im
H e r z e n sind sie unser. Da, dieser Nr. 8, ich kann eure
barbarischen Namen nicht aussprechen, der wird sich sogar ffentlich
erklren und seine Irrtmer abschwren. Der da oben wird auch einen
tchtigen Schritt vorwrts tun. O! und bedenket, was erst in
Frankreich, selbst in England fr uns getan wird, bald, vielleicht
erlebe ich es noch, bald werdet ihr alle samt und sonders zu uns
zurckgekehrt sein. Wie herrlich mu dann ein Name, wie der Eurige,
leuchten, der nicht mit der Menge, sondern lange zuvor auf unsere
heiligen Tafeln verzeichnet wurde!"

Aber, o Himmel, Kardinal! Ich bin ja schlechter als die ganze Liste
dieser Heimlichen. Ihr selbst wisset, da, wenn ich zu Eurer Kirche
abfalle, es nur geschieht, um den ewigen Klagen der Donna Ines zu
entgehen. Diese Heimlichen haben keinen Vorteil bei ihrer
Heimlichkeit. Sie gelten von auen fr echte Lutheraner, und was haben
sie davon, da sie von innen rmisch sind?"

O Einfalt! Es ist gut, da Ihr nicht die ketzerische Theologie studiert 
habt. Ihr wret durch das Examen gefallen! Was ist denn das Schne 
an unserer Kirche? He? Nicht nur, da sie die alleinseligmachende; da
sie gleichsam eine Brandversicherungsanstalt gegen die Hlle, eine 
Seelenassekuranz gegen den Tod ist; denn schon aus physischen 
Grnden kann man annehmen, da keine Seele von den Unserigen
lange im Fegefeuer oder gar in der Hlle verweilt, wenn sie auch ohne 
Beichte abfhrt. Antonio Montani hat berechnet, da im Durchschnitt
hundertundzwanzig Millionen Menschen in der Hlle und ebensoviele 
im Fegefeuer sind. Nun kann man annehmen, da seit eurer verfluchten 
Reformation neunzig Millionen Ketzer, zwanzig Millionen Trken und zehn
Millionen Juden hinabgefahren sind. Das macht zusammen hundertzwanzig.

O, wie gut haben wir es, hochwrdiger Herr!" sagte Ines mit
zauberischem Lcheln. Ach, Otto! Dich soll ich an jenem Ort wissen,
in der Gesellschaft des Teufels und seiner Gromutter? O Gott! es ist
nicht mglich!"

Sodann weiter," fuhr der Salbungsvolle fort, euer Erzketzer in
Berlin, der Schleiermacher, nimmt selbst an, da alle Menschen
prdestiniert sind, und zwar so beilufig die Hlfte zum Bsen. Diese
mssen nun eine Art von Seelenwanderung in verschiedenen Stationen des
Elends machen, bis sie selig werden, und fangen mit der Hlle an. Der
Mann hat vernnftige Gedanken und wre wert, einst nur ins Fegefeuer
zu kommen. Aber das wei er doch nicht recht. Wenn einer auch zehnmal
prdestiniert, zur Hlle plombiert, zum Teufel rekommandiert ist, wir
knnen ihn doch absolvieren und _recta_ in den Himmel schicken.
Nun, und wenn man annimmt, da das Fegefeuer hundertundzwanzig
Millionen fat und darunter hundert Millionen Trken und zwanzig
Millionen Ketzer, so ist, wei Gott, auch dort wenig Raum fr eine
etwas liederliche Seele."

Ihr wisset, Eminenz, was ich von solchen Berechnungen halte; machet
mir doch Eure Sache nicht noch lcherlicher. Eure Seelenassekuranz
kann mich nicht locken. Doch ist sie gut frs Volk, und ich begreife
nicht, warum Ihr nicht schon lange ganze Regimenter, Divisionen, ja
Armeen, Kavallerie, Infanterie, Artillerie samt dem Generalstab
ffentlich verassekuriert habt. Das wre eine Anstalt _ la_
Mahomed; die Kerls wrden sich schlagen wie der Teufel; denn sie
wten, wenn sie heute erschossen werden, wachen sie morgen im
Paradiese auf. Lasset mich lieber noch einen Blick in die Liste
werfen, sie ist mir trstlicher; denn es stehen ganz vernnftige
Mnner dort."

O da Ihr nur ein Jahr auf einer deutschen Universitt zugebracht
httet! Unsere Agenten geben uns herrliche Berichte; die ketzerische
Jugend soll gegenwrtig ganz absonderlich fromm, heilig und mystisch
sein. Das Mittelalter, das gute, liebe Mittelalter versetzt sie in
diesen liebenswrdigen Schwindel. Sie neigen sich schon ganz zu uns,
und lasset nur erst die Jesuiten recht in Deutschland berhandnehmen,
dann sollt Ihr erst Wunder sehen! Auch einige brave Mnner,
Professoren, nehmen sich unserer Sache an. Seht, dieser da, Nr. 172,
Signor Crusado, der umhllt sie mit einem so tiefen symbolischen
Dunkel, da sie bald uns er sind. Wahrlich, der Hofmechanikus Seiner
Heiligkeit, der berhmte Signor Carlo Fiorini, hat vollkommen recht.
Er hat berechnet, wenn Deutschland einige Grade sdlicher lge, wenn
ihr eine schnere Natur, ein wenig mehr Sinnlichkeit und Phantasie
httet--die Ketzerei htte nie aufkommen knnen, oder ihr wret
wenigstens schon lange wieder zurckgekehrt."

Die Barke stie bei diesen Worten ans Land. Wie gerne htte ich diesem
trefflichen Pfaffen noch lnger zugehrt, wie er diese deutsche Seele
bearbeitete; es war ein schweres Stck Arbeit, ich gestehe es. Ein
Mensch ohne Phantasie, der in den Zeremonien nur Zeremonien sieht, der
die Tendenz dieser Rmer durchschaut, der durch keinen weltlichen
Vorteil zu blenden ist; wahrlich, ein solcher ist schwer zu gewinnen.
Doch fr diesen war mir nicht bange. Ein Kardinal Rocco und ein
schnes Weib haben schon andere geangelt als diesen.

Der heilige Mann stieg aus; mit Ehrfurcht empfingen die Schiffer
seinen Segen, den er mit einer Wrde, einem Anstand, wrdig eines
Frsten der Kirche, erteilte. Donna Ines folgte. Ich bewunderte,
whrend sie ber das Brett ging, ihren feinen, zierlichen Wuchs, die
Harmonie in ihren Bewegungen und die Glut, die aus ihren Augen
strahlte und den Abend schwl zu machen schien. Sie reichte dem
geliebten Ketzer ihre schne Hand mit so besorgter Zrtlichkeit, mit
einem so bedeutungsvollen Lcheln, da ich im Zweifel war, ob ich mehr
seine transmontanische Klte belcheln oder den Mut bewundern sollte,
mit welchem er den geistlichen Lockungen dieser in Liebe aufgelsten
Circe widerstand.--Am Ufer hielt ein schner Wagen. Der dienende
Bruder Piccolo, welchem ich im Traum, in Rom spazieren gehend,
erschienen war, stand am Schlag und erwartete Seine Eminenz. Es
kostete einige Zeit, bis dieser sein Gewand zu gehriger Wirkung
drapiert hatte, dann erst folgte der Frater Piccolo. Der Ketzer und
seine Dame schlugen einen Fupfad ein und gingen der Stadt zu.

Wer sind diese?" fragte ich den Schiffer.

Kennt Ihr den heiligen Mann, den Kardinal Rocco, nicht? O, es ist
einer der besten Fe des Heiligen Stuhls! Alle Abende fhrt er in
meiner Barke auf dem Flu."

Und die Dame?"

Ha, das ist eine gute Christin," antwortete er mit Feuer. Sie fhrt
beinahe immer mit dem Kardinal, zuweilen allein mit ihm, zuweilen mit
dem Manne, den Ihr gesehen. Dem traue ich nicht ganz; es ist entweder
ein Deutscher oder ein Englnder, und die sind doch Kinder des
Teufels."

So? Da sagt Ihr mir etwas Neues; und dieser Mann, ist er ihr Gemahl?"

Bewahre uns die heilige Jungfrau? Ihr Gemahl? Wo denkt Ihr hin? Da
wrde er nicht so zrtlich mit ihr spazieren fahren. Ich denke, es ist
ihr Geliebter."

So ist es," sagte einer der griechischen Kaufleute, die Dame wohnt
nicht weit von mir. Sie lebt allein mit ihren Kindern. Sie sieht
niemand bei sich als einige fromme Geistliche und diesen jungen Mann!
Er ist ihr Geliebter. Aber sie fhren ein Hundeleben zusammen. Man
hrt sie oft beide weinen und zanken und schreien. Der junge Mann
flucht und donnert und jammert mit schrecklicher Stimme, und die Donna
weint und klagt, und die Kinder erheben ein Zetergeschrei, da die
Nachbarn zusammenlaufen. Dann strzt oft der junge Mann verzweifelnd
aus dem Haus und will fliehen, aber die Donna setzt ihm mit fliegenden
Haaren nach, und die Kinder laufen heulend hinterdrein. Sie fat ihn
unter der Tre am Gewand, sie achtet nicht auf die Menschen, die
umherstehen. Sie zieht ihn zurck ins Haus und besnftigt ihn; und
dann ist es oft auf viele Tage stille, bis das Wetter von neuem
losbricht."

Heilige Jungfrau," rief der Schiffer, und hat er sie noch nie
totgestochen im Zorn?"

Wie Ihr seht, nein!" erwiderte der Grieche. Aber krank ist sie schon
oft geworden, wenn er so greulich raste. Dann lief er schnell zu drei,
vier Doktoren, um sie wieder ins Leben zurckzurufen. Es sind doch
gute Seelen, diese Deutschen!"

So sprachen diese Mnner, und ich ging von ihnen in tiefen Gedanken
ber das, was ich gehrt und gesehen hatte. Jenes Wort des jungen
Berliners fiel mir wieder bei, der den Kardinal Rocco beschuldigte,
ein schnes, gutes Herz gebrochen zu haben. Welches andere Herz konnte
dies sein als Luisens? Ich glaubte deutlich zu sehen, da der Priester
den Kapitn der Geliebten entzogen, indem er sie verleumdet, da er
ihn in die Fesseln dieser Donna Ines geschmiedet habe, um ihn fr die
Kirche zu gewinnen. Aber wie war alles dies geschehen? Wie hatte er
diesen Mann aus den Armen seines Mdchens ziehen, von einem Herzen
hinwegreien knnen, das ihn mit so heier Glut umfing? Sollten jene
Beschuldigungen von Untreue wahr sein, die der Kardinal dem Kapitn
einflsterte? Hatte sie wirklich den jungen Mann, der ihm so hnlich
sah, vorgezogen? Doch ich wute ja, wo ich mir Gewiheit verschaffen
konnte. Ich beschlo, bei guter Zeit am nchsten Morgen den Berliner
wieder aufzusuchen.

Herr v. S..... schien mich liebgewonnen zu haben; denn er empfing mich
mit Herzlichkeit und einem Wohlwollen, das selbst den Teufel erfreut,
wenn er auch schon an dergleichen gewhnt ist. Ich hatte mir
vorgenommen, von meiner gestrigen Fahrt und den Wunderdingen, die ich
gehrt hatte, noch nichts zu erwhnen, um den Verlauf seiner
Geschichte zuvor desto ungestrter zu vernehmen.

Von allem Unglck, das die Erde trgt," fuhr er zu erzhlen fort,
scheint mir keines grer, schmerzlicher und rhrender als jener
stille, tiefe Gram eines Mdchens, das unglcklich liebt oder dessen
zartes, glhendes Herz von einem Elenden zur Liebe hingerissen und
dann betrogen wird. Der Mann hat Kraft, seinen Gram zu unterdrcken,
den Verrat seiner Liebe zu rchen, die geprete Brust dem Freunde zu
ffnen; das Leben bietet ihm tausend Wege, in Mhe und Arbeit, in
weiter Ferne Vergessenheit zu erringen. Aber das Weib?--Der husliche
Kreis ist so enge, so leer. Jene tglich wiederkehrende Ordnung, jene
stille Beschftigung mit tausend kleinen Dingen, der sie sich in der
Zeit glcklicher Liebe frhlich, beinahe unbewut hingab, wie drckend
wird sie, wenn sich an jeden Gegenstand die Erinnerung an ein
verlorenes Glck heftet! Wie trge schleicht der Kreislauf der
Stunden, wenn nicht mehr die sen Trume der Zukunft, nicht der
Zauber der Hoffnung, nicht die Seligkeit der Erwartung den Minuten
Flgel gibt, wenn nicht mehr das von glcklicher Liebe pochende Herz
den Schlag der Glocke bertnt!

Doch, wozu Sie auf ein Unglck vorbereiten, das Sie nur zu bald
erfahren werden? Hren Sie weiter: Mein Wunsch, Luise von Palden im
Hause des Gesandten zu sehen, gelang. Schon nach einigen Tagen wurde
sie durch seine Schwester dort eingefhrt. Sie errtete, als sie mich
zum ersten Male dort sah, doch sie schien mich wie einen alten
Bekannten dort zu nehmen; es schien sie zu freuen, unter so vielen
fremden Mnnern einen zu wissen, der ihr nher stand. Denn so war es;
sei es, da die Erinnerung an unser sonderbares Abenteuer mich aus
einem Fremden zum Bekannten machte, sei es, da sie gerne zu mir
sprach, weil ich die Zge ihres Freundes trug, sie unterschied mich
auffallend von allen brigen Mnnern, die dieser seltenen Erscheinung
huldigten. Sie lcheln, Freund? Ich errate Ihre Gedanken--"

Ich finde, Sie sind zu bescheiden; knnte es nicht auch Ihre eigene
Persnlichkeit gewesen sein, was das Frulein anzog?"

Nein, denken Sie nicht so von diesem himmlischen Geschpf; ich
gestehe, ich war ein Tor, ich machte mir Hoffnung, sie fr mich
gewinnen zu knnen; ja, Freund, ich sagte ihr sogar, was ich frchte--"

Und Sie wurden nicht erhrt? Das treue, ehrliche Kind! Und ihr
Kapitn lag vielleicht gerade in den Armen einer andern!"

Der Berliner stutzte. Wie? Was wissen Sie?" fragte er betroffen. Wer
hat Ihnen gesagt, da West noch eine andere liebe?"

Nun, Sie selbst haben mich genug darauf vorbereitet," erwiderte ich;
sagten Sie nicht, da jener das Mdchen betrog?"

Sie haben recht;--nun, ich wurde lchelnd abgewiesen, abgewiesen auf
eine Art, die mich dennoch glcklich, unaussprechlich glcklich
machte. Sie war keinen Augenblick ungehalten, sie gestand mir, da ich
ihr als Freund willkommen sei, da ihr Herz keinem andern mehr gehren
knne. Sie sagte mir auch manches von ihren Verhltnissen, was ganz
mit dem bereinstimmte, was uns die Schwester des Gesandten erzhlte;
sie gestand, da sie nur darum nach Rom gezogen sei, weil den Kapitn
seine Verhltnisse hierherriefen; sie gestand, da er einen
Rechtsstreit wegen einer Erbschaft hier habe, da er, sobald die Sache
entschieden sei, vielleicht schon in wenigen Wochen, sie zum Altar
fhren werde.

Etwa eine Woche nach diesem aufrichtigen Gestndnis rief mich eines
Abends der Gesandte aus dem Salon, in welchem die Gesellschaft
versammelt war, zu sich. Es war nichts Seltenes, da er sich mir in
Geschftssachen mitteilte, weil ich sein Vertrauen auf eine ehrenvolle
Art besa; doch die Zeit war mir auffallend, und es mute etwas von
Wichtigkeit sein, weswegen er mich aus dem Kreis der Damen aufstrte.

Kennen Sie einen gewissen Kapitn West?' fragte er, indem er mich mit
forschenden Blicken ansah.

Ich habe einen Kapitn West flchtig kennen gelernt,' gab ich ihm zur
Antwort.

Nun, so flchtig mu es doch nicht sein,' entgegnete er mir, da Sie
ein Duell mit ihm gehabt.'

Ich sagte ihm, da ich Streit mit ihm gehabt wegen einer ziemlich
gleichgltigen Sache; es sei aber alles gtlich beigelegt worden.
Dennoch war es mir auffllig, woher der Gesandte diesen Streit
erfahren hatte, den ich so geheim als mglich hielt, und von welchem
Luise in seinem Hause gewi nichts erwhnt hatte.

Wegen einer Dame haben Sie Streit gehabt,' sagte er; doch mchte ich
Ihnen raten, solche Hndel wegen einer so zweideutigen Person zu
vermeiden. Sie wissen selbst, wenn man einmal einen ffentlichen,
besonders einen diplomatischen Charakter hat, ist dergleichen in einem
fremden Lande wegen der Folgen fr beide Teile fatal.'

Der Ton, worin dies gesagt wurde, fiel mir auf. Er war sehr ernst,
sehr warnend; noch schmerzlicher berhrte mich, was er ber jene Dame
sagte, zweideutige Person'! Und doch sa gerade diese Person als
Krone der Gesellschaft in seinem Salon, er selbst, ich hatte es
deutlich gesehen, er selbst hatte noch vor einer halben Stunde mit ihr
auf eine Art gesprochen, die mich, in dem alten Herrn einen
aufrichtigen Bewunderer ihrer Reize und ihres glnzenden Verstandes
sehen lie. Ich konnte eine Bemerkung hierber nicht unterdrcken; ich
bat ihn hflich, aber so fest als mglich, in meiner Gegenwart nicht
mehr s o von einer Dame zu sprechen, die ich achte und die einen so
entschiedenen Rang in der Gesellschaft einnehme. Ich wolle davon gar
nicht reden, da er selbst sein Haus beschimpfe, wenn er in solchen
Ausdrcken von seinen Gsten spreche.

Er sah mich verwundert an; er sagte mir, er knne meine Reden nicht
begreifen; denn weder behaupte die Dame einen Rang, in der
Gesellschaft, die e r sehe, noch habe sie je einen Fu ber seine
Schwelle gesetzt. Die Reihe zu erstaunen war jetzt an mir; ich sah,
da hier ein Irrtum vorwalte, und belehrte ihn, da Frulein von
Palden die Dame sei, um die wir uns schlagen wollten. Verzeihen Sie,'
rief er, man sagt mir, Sie haben sich wegen der Geliebten dieses
Kapitns West geschlagen; daher glaubte ich, Ihnen dies sagen zu
mssen.'

Und wenn dies nun dennoch wre?' fragte ich. Kennen Sie denn die
Geliebte des Kapitns?'

Gott soll mich bewahren;' entgegnete er. Nein, ich glaube, er hat
schon selbst genug an seiner Spanierin.'

Ich staunte von neuem. Von einer Spanierin sprechen Sie? Wie kommen
Sie nur darauf? Ich wei bestimmt, da der Kapitn eine deutsche Dame
liebt!'

Um so schlimmer fr das arme Kind in Deutschland,' war seine Antwort;
wie die Sachen stehen, scheint man im Lateran ernstlich daran zu
denken, den goldenen Quadrupeln der schnen Donna Gehr zu geben und
ihre frhere Ehe, weil sie nicht ganz gltig vollzogen war, fr
nichtig zu erklren. Der Kapitn macht eine gute Partie, aber--jeder
Mann von Ehre wird diesen Schritt mibilligen.'

Ich stand wie vom Donner gerhrt vor dem alten Mann; entweder lag hier
eine Verwechslung der Namen und Personen zugrunde, oder es war ein
schreckliches Geheimnis und der Kapitn ein Betrger, der Luisens
Glck vielleicht auf ewig zerstrt hatte.

Ich sagte dem Gesandten geradezu, da er mit mir ber Dinge spreche,
die mir vllig unbekannt seien. Er staunte, doch glaubte er, da er
schon so viel gesagt hatte, mir die weitere Erklrung dieser Rtsel
schuldig zu sein. Dieser Kapitn West ist ein Sachse,' erzhlte er;
er diente frher im Generalstab und wurde dann zu einer
diplomatischen Sendung nach Spanien verwandt; er soll ein Mann von
vielen Talenten, aber etwas zweideutigem Charakter sein. Warum die
Wahl gerade auf ihn fiel, da noch ltere Leute und aus guten Husern
im Departement waren, ist mir unbekannt; nur so viel erfuhr ich
zufllig, da man ihn damals von Dresden habe entfernen wollen. Man
erzhlt sich, er habe in Madrid in einem Verhltnis zu einer schnen
jungen Frau gelebt; sie war eine Spanierin, aber an einen alten
Englnder verheiratet, der sie vielleicht nicht so strenge unter
Schlo und Riegel hielt, wie man sonst in Spanien zu tun pflegt.

Als aber endlich dieses Verhltnis zu den Ohren des Englnders kam,
bewirkte dieser, da der Kapitn von seinem Posten abgerufen und sogar
aus dem Dienst entlassen werde. Doch sagen andere, er selbst habe aus
rger ber seine schnelle Abberufung quittiert. Doch das Beste kommt
noch; einige Wochen nach seiner Abreise war die Frau des Englnders
mit ihren beiden Kindern pltzlich verschwunden, man kann sagen,
spurlos verschwunden; denn so viele Mhe sich ihr Gatte gab, ihrer
habhaft zu werden, alles war vergeblich. Vielleicht scheiterten auch
seine Bemhungen an den Unruhen, die gerade in jener Zeit ausbrachen
und die Kommunikation mit Frankreich sehr erschwerten.

Der Verdacht dieses Englnders fiel, wie natrlich, vor allem auf den
Kapitn West. Er wute es zu machen, da dieser in Paris angehalten
und verhrt werde. Man sagt, er solle sehr betreten gewesen sein, als
er die Nachricht von der Flucht dieser Dame hrte; er wies sich aber
aus, da er die Reise bis nach Paris allein gemacht habe, und
bekrftigte mit einem Eide, da er von diesem Schritt der Donna nichts
wisse.

Etwa ein Vierteljahr nachher kam er nach Rom und lebt seitdem hier
sehr still und eingezogen, besucht keine Gesellschaft, hat keinen
Freund, keinen Bekannten; vorzglich vermeidet er es, mit Deutschen
zusammenzutreffen.

Um diese Zeit, fuhr der Gesandte fort, sei von seinem Hofe die Anfrage
an ihn ergangen, ob dieser West sich in Rom befinde, wie er lebe, und
ob er nicht in Verhltnis mit einer Spanierin sei, die sich ebenfalls
hier aufhalten msse. Man habe ihm dabei die Geschichte dieses
Kapitns West mitgeteilt und bemerkt, da der Englnder von neuem
Spuren von seiner Frau entdeckt habe, die beinahe mit Gewiheit
annehmen lassen, da sie in Rom sich aufhalte. Man habe deswegen von
Spanien aus sich an die ppstliche Kurie gewandt; es scheine aber, man
wolle sich hier der Dame annehmen; denn die Antwort sei sehr
zweifelhaft und unbefriedigend ausgefallen. Der Gesandte tat die
ntigen Schritte und erfuhr wenigstens so viel, da jener Verdacht
besttigt shen. Er wandte sich nun auch an Consalvi, um zu erfahren,
ob der rmische Hof in der Tat die Dame in seinen Schutz nehme, und
erhielt die in eine sehr bestimmte Bitte gefate Antwort, man mchte
diese Sachen beruhen lassen, da die Ehe der Donna Ines mit dem
Englnder wahrscheinlich fr ungltig erklrt werde.'

Dies erzhlte mir der Gesandte; er fgte noch hinzu, da er aus
besonderem Interesse an diesem Fall dem Kapitn immer nachgesprt
habe, und so sei ihm auch der Streit zu Ohren gekommen, den ich im
Karneval mit jenem wegen einer Dame' gehabt habe.

Sie knnen sich denken, Freund, welche Qualen ich schon whrend seiner
Erzhlung empfand, und als ich das ganze Unglck erfahren hatte, stand
ich wie vernichtet. Der Gesandte verlie mich, um zu der Gesellschaft
zurckzukehren; ich hatte kaum noch so viel Fassung, ihn zu bitten, er
mchte niemand etwas von diesen Verhltnissen wissen lassen; das Warum
versprach ich ihm ein andermal.

Ich konnte von dem Zimmer, wohin der Gesandte mich gerufen, den Salon
bersehen, ich konnte Luise sehen, und wie schmerzlich war mir ihr
Anblick! Sie schien so ruhig, so glcklich. Der Friede ihrer schnen
Seele lag wie der junge Tag freundlich auf ihrer Stirne; ihr sanftes
blaues Auge glnzte, vielleicht von der Erwartung einer schnen
Abendstunde, und das Lcheln, das ihren Mund umschwebte, schien der
Nachklang einer freudigen Erinnerung hervorgelockt zu haben. Nein, es
war mir nicht mglich, diesen Anblick lnger zu ertragen, ich eilte
ins Freie, um dieses Bild durch neue Bilder zu verdrngen; aber wie
war es mglich? Der Gedanke an sie kehrte schmerzlicher als je zurck;
denn der Friede der Natur, der zauberische Schmelz der Landschaft, die
se Ruhe, die diese Fluren atmeten, erinnerten sie mich nicht immer
wieder an jenes holde Wesen? Und die Wolken, die sich am fernen
Horizont schwrzlich auftrmten und ein nchtliches Gewitter
verkndeten, hingen sie nicht ber der friedlichen Landschaft wie das
Unglck, das Luisen drohte?

Ich ging nach Hause; ich dachte nach, ob nicht Rettung mglich sei, ob
ich sie nicht losmachen knne von dieser schrecklichen Verbindung.
Doch, war nicht zu befrchten, da sie mir mitrauen werde? Sie wute,
ich liebe sie; kannte sie mich hinlnglich, um nicht an der Reinheit
meiner Absichten zu zweifeln? Ich konnte es nicht ber mich gewinnen,
ihr selbst ihr Unglck zu verknden. Nur einen Ausweg glaubte ich
offen zu sehen; ich wollte ihn selbst zur Rede stellen, den Elenden,
ich wollte ihn bewegen, einen entscheidenden Schritt auf die eine oder
die andere Seite zu tun. Ja, darin glaubte ich einen glcklichen Weg
gefunden zu haben; er selbst mute ihr sagen, da er nicht mehr
verdiene, von ihr geliebt zu werden; und dann, dachte ich, dann wird
sie zwar unglcklich sein, aber ich will versuchen, sie glcklich zu
machen; durch ein langes Leben voll Treue und Liebe will ich ihr
Unglck zu mildern suchen."

Aber wie konnten Sie glauben," rief ich, ber diese romantischen
Ideen unwillkrlich lchelnd, wie konnten Sie glauben, Freund, da
ein Kapitn West zu diesem sonderbaren Gestndnisse sich hergeben
werde? In Romanen mag dies der Fall sein, aber, Herr! in der
Wirklichkeit? Haben Sie je einen Narren der Art gekannt?'

Ach, ich dachte zu gut von den Menschen," antwortete er. Ich dachte,
wie ich, mu jeder fhlen.--Ich ging in die Wohnung des Kapitns West.
Er wohnte schlecht, beinahe rmlich. Ich traf ihn, wie er einen
schnen Knaben von acht Jahren auf den Knien hatte, welchen er lesen
lehrte. Errtend setzte er den Knaben nieder und stand auf, mich zu
begren. Ei, Papa,' rief der Kleine, wie sieht dir dieser Herr so
hnlich!'

Der Kapitn geriet in Verlegenheit und fhrte den Knaben aus dem
Zimmer. Wie,' sagte ich zu ihm, Sie haben schon einen Knaben von
diesem Alter? Waren Sie frher verheiratet?'

Er suchte zu lachen und die Sache in einen Scherz zu drehen; er
behauptete, der Knabe gehre in die Nachbarschaft, besuche ihn
zuweilen und nenne ihn Papa, weil er sich seiner annehme.

Er gehrt wohl der Donna Ines?' fragte ich, indem ich ihn scharf
ansah. Noch nie zuvor hatte ich gesehen, wie schrecklich das bse
Gewissen sich kundtut; er erblate, seine Augen glnzten wie die einer
Schlange, ich glaubte, er wolle mich durchbohren. Noch ehe er sich
hinlnglich gesammelt hatte, um mir zu antworten, sagte ich ihm gerade
ins Gesicht, was ich von ihm wisse und was ich von ihm verlange, um
das Frulein nicht vllig unglcklich, zu machen.

Er lief in Wut im Zimmer umher, er schimpfte auf Zwischentrger und
Zudringliche; er behauptete, ich habe die ganze Geschichte aufgedeckt,
um Luise von ihm zu entfernen. Ich lie ihn ausreden; dann sagte ich
ihm mit kurzen Worten, wie ich sein Verhltnis zu der Spanierin
erfahren habe, und bat ihn noch einmal mit den herzlichsten Tnen
unserer Sprache, das Frulein so schonend als mglich von sich zu
entfernen.

Es gelang mir, ihn zu rhren; aber nun hatte ich eine andere
unangenehme Szene durchzukmpfen; er klagte sich an, er weinte, er
verfluchte sich, das holde Geschpf so schndlich betrogen zu haben.
Er schwor, sich von der Spanierin zu trennen; er flehte mich an, ihn
zu retten; er gestand mir, da er sich von einem Netz umstrickt sehe,
das er nicht gewaltsam durchbrechen knne, weil einige hohe Geistliche
der Kirche kompromittiert wrden. Er ging so weit, mich zu zwingen,
seine Geschichte anzuhren, um vielleicht milder ber ihn urteilen zu
knnen. Es war die Geschichte eines--Leichtsinnigen. Dieses Wort mge
entschuldigen, was vielleicht s c h l e c h t genannt werden knnte.
Es lag in dem Wesen dieses Mannes ein Etwas, das ihn bei den Frauen
sehr glcklich machen mute. Es war der uere Anschein von Kraft und
Entschlossenheit, die ihm brigens sein ganzes Leben hindurch
gemangelt zu haben schienen. Er mute eine fr seinen Stand
ausgezeichnete Bildung gehabt haben; denn er sprach sehr gut, seine
Ausdrcke waren gewhlt, seine Bilder oft wahrhaft poetisch, er konnte
hinreien, so da ich oft glaubte, er spreche mit Eifer von einem
Dritten, whrend er mir seinen eigenen beklagenswerten Zustand
schilderte. Ich habe dies oft an Menschen bemerkt, die sonst ihrem
Triebe folgen, in den Tag hineinleben, ohne sich selbst zu prfen, und
erst in dem Moment der Erzhlung ber sich selbst flchtig nachdenken.
Sie werden dann durch die Sprache selbst zu einem eigentmlichen Feuer
gesteigert, sie sprechen mit Umsicht von sich selbst; doch eben weil
diese ihnen sonst abging, ist man versucht, zu glauben, sie sprchen
von einem Dritten.

Es war Luise, die ihn zuerst liebte; er erkannte ihre Neigung;
Eitelkeit, die herrlich aufblhende Schnheit, die Tochter eines der
ersten Huser der Stadt, fr sich gewonnen zu haben, ri ihn zu einem
Gefhl hin, das er fr Liebe hielt. Der Vater sah dies Verhltnis
ungerne. Ich konnte mir denken, da es vielleicht weniger Stolz auf
seine Ahnen, als die Furcht vor dem schwankenden Charakter des
Kapitns war, was ihn zu einer Hrte stimmte, welche die Liebe eines
Mdchens wie Luise immer mehr anfachen mute. Er soll ihr, was ich
jetzt erst erfuhr, auf seinem Sterbebette den Fluch gegeben haben,
wenn sie je mit dem Kapitn sich verbinde.

West suchte die Geschichte mit der Frau des Englnders auf Verfhrung
zu schieben. Ich habe eine solche bei einem Manne, der das Bild der
Geliebten fest im Herzen trgt, nie fr mglich gehalten. Doch die
Strafe ereilte ihn bald. Er gestand mir, da er froh gewesen sei, als
er, vielleicht durch Vermittlung des Englnders, von seinem Posten
zurckberufen wurde. Donna Ines habe ihm allerlei sonderbare
Vorschlge zur Flucht gemacht, in die er nicht habe eingehen knnen;
er sei, ohne Abschied von ihr zu nehmen, abgereist. Was ihn eigentlich
bestimmte, nach Rom zu gehen, sah ich nicht recht ein, und er suchte
auch ber diesen Punkt so schnell als mglich hinwegzukommen. Er
erzhlte ferner, wie er durch Luisens Ankunft erfreut worden sei, wie
er sich vorgenommen, nur ihr, ihr allein zu leben. Doch da sei
pltzlich Donna Ines in Rom erschienen, sie habe sich mit zwei Kindern
geflchtet, sei ihm nachgereist und habe jetzt verlangt, er solle sie
heiraten.

Es entging mir nicht, da der Kapitn mich hier belog. Ich hatte von
dem Gesandten bestimmt erfahren, da jener schon in Paris angehalten
und ber die Flucht der Donna zur Rede gestellt worden sei; er konnte
sich also denken, da sie ihm nachreisen werde, und dennoch knpfte er
die Liebe zu Luisen von neuem an. Ferner, wie htte es Ines wagen
knnen, ihm zu folgen, wenn er ihr nicht versprochen htte, sie zu
heiraten, wenn er sie nicht durch tausend Vorspiegelungen aus ihrem
ruhigen Leben herausgelockt und zur Abenteurerin gemacht htte?

Er schilderte mir nur ein Gewebe von unglcklichen Verhltnissen, in
welche ihn diese Frau, die mit allen Kardinlen, namentlich mit Pater
Rocco, schnell bekannt geworden, gefhrt habe. Es werde ernstlich an
der Auflsung ihrer frheren Ehe gearbeitet, und es war als bekannt
angenommen worden, da er die Geschiedene heiraten werde.

Sie sagten mir hier nichts Neues,' antwortete ich ihm; dies alles
beinahe wute ich vorher. Aber ich hoffe, da Sie als Mann von Ehre
einsehen werden, da das Verhltnis zu Frulein von Palden nicht
fortdauern kann, oder Sie mssen sich von der Spanierin lossagen.'

Das letztere knne er nicht, sagte er, er habe von ihr und dem
Kardinal Rocco Vorschsse empfangen, die sein Vermgen berstiegen; er
knne also wenigstens im Augenblicke keinen entscheidenden Schritt
tun.

Im Augenblicke heit hier nie,' erwiderte ich ihm. Sie werden sich
aus diesen Banden, wenn sie s o beschaffen sind, nie mit Anstand
losmachen knnen. Ich halte es also fr Ihre heiligste Pflicht, Luise
nicht noch unglcklicher zu machen; denn was kann endlich das Ziel
Ihrer Bestrebungen sein?'

Er errtete und meinte, ich halte ihn fr schlechter, als er sei. Doch
er fhle selbst, da man einen Schritt tun msse. Er glaube aber, es
sei dies meine Sache. Er trete mir Luise ab, ich solle mir auf jede
Art ihre Gunst zu erwerben suchen und sie glcklich machen. Er hatte
Trnen in den Augen, als er dies sagte, und ich sah mit beinahe zu
mitleidigen Augen, wie weit ein Mensch durch Leichtsinn kommen knne.

Ich ging, um nichts weiser geworden, ohne da ein wirklicher Entschlu
gefat worden war, von dem Kapitn; mein Gefhl war eine Mischung von
Verachtung und Bedauern. Auf der Treppe begegnete mir wieder der
schne Knabe und fragte, ob er wohl jetzt zu Papa kommen drfte."

Ha! Und jetzt setzten Sie wohl alle Segel auf, Freundchen," fragte
ich; jetzt machten Sie wohl Jagd auf die schne Galeere Luise?"

Ja und nein," antwortete er trbe; sie schien meine Liebe zu
bersehen, nicht zu achten; aber bald bemerkte ich, da sie
ngstlicher werde in meiner Nhe; es schmerzte sie, da mir ihre
Freundschaft nicht gengen wolle. Und jener Elende, sei es aus Bosheit
oder Leichtsinn, zog sich nicht von ihr zurck, ich vermute es sogar, er 
hat sie vor mir gewarnt. So standen die Sachen, als die Zeit, die ich in 
Rom zubringen sollte, bald zu Ende ging. Im Kabinett des Gesandten 
arbeitete man schon an Memoiren, die man mir nach Berlin mitgeben 
wollte, man wunderte sich, da ich noch keine Abschiedsbesuche 
mache,--und ich, ich lebte in dumpfem Hinbrten; ich sah nicht ein, 
wie ich dieser Reise entfliehen konnte, und dennoch hielt ich es nicht 
fr mglich, Luise zu verlassen, jetzt, da ihr vielleicht bald der 
schrecklichste Schlag bevorstand. Oft war ich auf dem Punkt, ihr 
alles, alles zu entdecken; aber wie war es mir mglich, ihre himmlische 
Ruhe zu zerstren, das Herz zu brechen, das ich so gerne glcklich 
gewut htte?

Da strzte eines Morgens der Kapitn West in mein Zimmer; er war
bleich, verstrt; es dauerte eine lange Zeit, bis er sich fassen und
sprechen konnte. Jetzt ist alles aus,' rief er; sie stirbt, sie mu
sterben, dieser Kummer wird sie zerschmettern!' Er gestand, da Donna
Ines oder der Kardinal Rocco seine Liebe zu Luisen entdeckt htten;
ihr schrieben sie sein Zgern, sein Schwanken zu, und der Kardinal
hatte geschworen, er wolle an diesem Tage zu dem deutschen Frulein
gehen und sie zur Rede stellen, wie sie es wagen knne, einen Mann,
der schon so gut als verehelicht sei, von seinen Pflichten
zurckzuhalten.

Ich kannte diesen Priester und seine tckische Arglist, ich erkannte,
da die Geliebte verloren sei. Ich wei Ihnen von dieser Stunde, von
diesem Tage wenig mehr zu erzhlen. Ich wei nur, da ich den Kapitn
in kalter Wut zur Tre hinaus schob, mich schnell in die Kleider warf
und wie ein gejagtes Wild durch die Straen dem Hause der Signora
Campoco zulief. Als ich unten an dieser Strae anlangte, sah ich einen
Kardinal sich demselben Hause nhern. Er schritt stolz einher, Frater
Piccolo trug ihm den Mantel; es war kein Zweifel, es war Rocco. Ich
setzte meine letzten Krfte daran, ich rannte wie ein Wahnsinniger auf
ihn zu; doch--ich kam eben an, als mir Piccolo mit teuflischem Lcheln
die Tre vor der Nase zuwarf.

Eine Art von Instinkt trieb mich, all diesem Jammer zu entfliehen. Ich
ging, wie ich war, zu dem Gesandten und sagte ihm, da ich noch in
dieser Stunde abreisen werde. Er war es zufrieden, gab mir seine
Auftrge, und bald hatte ich die heilige--unglckselige Stadt im
Rcken. Erst als ich nach langer Fahrt zu mir selbst kam, als meine
Vorstellungen sich wieder ordneten und deutlicher wurden, erst dann
tadelte ich meine Feigheit, die mich zu dieser bereilten Flucht
verfhrte. Ich tadelte meine ganze Handlungsweise, ich klagte mich an,
die Unglckliche auf diesen Schlag nicht vorbereitet zu haben;--doch
es war zu spt, und wenn ich mir meine Gefhle, meine ganze Lage
zurckrief, ach, da schien es so verzeihlich, die Geliebte verschont
zu haben! So kam ich nach Berlin, in dieser Stimmung trafen Sie mich
dort, und ein Teil dieser Geschichte war es, den ich damals im Hause
meiner Tante erzhlt habe."

Der junge Mann hatte geendet; seine Zge hatten nach und nach jene
Trauer, jene Wehmut angenommen, die ich in seinem Wesen, als ich ihn
in Berlin sah, zu bemerken glaubte; er war ganz derselbe, der er an
jenem Abend war, und die Worte seiner Tante, er sehe seit seiner
Zurckkunft so geheimnisvoll aus, kamen mir wieder in den Sinn und
lieen mich den richtigen Blick dieser Dame bewundern. An seiner
ganzen Historie schienen mir brigens nur zwei Dinge auffallend.
Unglckliche Mdchen wie das Frulein, abenteuernde Damen wie Ines,
intrigante Priester wie Kardinal Rocco hatte ich auf der Welt schon
viele gesehen. Aber die beiden Mnner waren mir als Menschenkenner
etwas rtselhaft. Der Kapitn hatte allerdings schon einen bedeutenden
Grad in meinem Reglement erlangt; aber unbegreiflich war es mir, wie
sich dieser Mann so lange auf einer Stufe halten konnte, da doch nach
moralischen wie nach physischen Gesetzen ein Krper, welcher abwrts
gleitet, immer schneller fllt. Er war falsch, denn er spielte zwei
Rollen; er war leichtsinnig, denn er verga sich alle Augenblicke; er
war eiferschtig, obgleich er es selbst mit zwei Frauen hielt; er war
schnell zum Zorn reizbar; als deutscher Kapitn liebte er
wahrscheinlich auch das _Est, Est, Est_, Eigenschaften, die nicht
lange auf einer Stufe lassen. Ein anderer an seiner Stelle wre
vielleicht aus Eifersucht und Zorn schon lngst ein Totschlger
geworden; ein zweiter wre, leichtsinnig wie er, all diesem Jammer
entflohen, htte die Donna Ines hier und Frulein Luise dort sitzen
lassen und vielleicht an einem andern Orte eine andere gefreit; ein
dritter htte vielleicht der Donna Gift beigebracht, um die schne
Schsin zu besitzen oder aus Verzweiflung die letztere erdolcht.

Aber wie langweilig dnkte es mir, da das Frulein noch in demselben
Zustande war, da die beiden Anbeter noch nicht in Streit geraten
waren, da das Ende von diesen Geschichten ein bertritt zur rmischen
Kirche, eine Hochzeit der Donna Ines und vielleicht eine zweite,
Luisens mit dem Berliner, werden sollte?

Denn eben dieser ehrliche Berliner! Er stand zwar in etwas entfernten
Verhltnissen zu mir, doch wute ich, wenn ich ihm das Ziel seines
heimlichen Strebens, das Frulein, recht lockend, recht reizend
vorstellte, wenn ich ihren Besitz ihm von ferne mglich zeigte, so
machte er Riesenschritte abwrts, denn seine Anlagen waren gut. Ich
beschlo daher, mir ein kleines Vergngen zu machen und die Leutchen
zu hetzen.

Whrend diese Gedanken flchtig in mir aufstiegen, wurde dem Herrn von
S. ein Brief gebracht. Er sah die Aufschrift an und errtete, er ri
das Siegel auf, er las, und sein Auge wurde immer glnzender, seine
Stimme heiterer. Der Engel!" rief er aus. Sie will mich dennoch
sehen! Wie glcklich macht sie mich! Lesen Sie, Freund," sagte er,
indem er mir den Brief reichte; mssen solche Zeilen nicht
beglcken?"

Ich las: Mein treuer Freund! Mein Herz verlangt darnach, Sie zu
sprechen. Ich wollte Sie nicht mehr sehen, nicht mehr sprechen, bis
Sie mir gute Nachrichten zu bringen htten; Sie selbst sind es
eigentlich, der diesen Bann aussprach. Doch heben Sie ihn auf, Sie
wissen, wie trstlich es mir ist, mit Ihnen sprechen zu knnen. Der
Fromme ist wieder hier; er verspricht sich das Beste von West. Ach!
da er ihn zurckbrchte von seinem Abwege, nicht zu mir, meine Augen
drfen ihn nicht mehr sehen, nur zurck von dieser Schmach, die ich
nicht ertragen kann. L. v. P.

N. S. Wissen Sie in Rom keinen Deutschen, der in Mecklenburg bekannt
wre? West hat dort Verwandte, die vielleicht in der Sache etwas tun
knnten."

Ich kann mir denken, da dieses schne Vertrauen Sie erfreuen mu,"
sagte ich; doch einiges ist mir nicht recht klar in diesem Brief, das
Sie mir brigens aufklren werden. Wegen der Verwandten in Mecklenburg
kann sich brigens das Frulein an niemand besser wenden als an mich;
denn ich war mehrere Jahre dort und bin beinahe in allen Familien
genau bekannt."

Der junge Mann war entzckt, dem Frulein so schnell dienen zu knnen.
Das ist trefflich!" rief er. Und Sie begleiten mich wohl jetzt eben
zu ihr? Ich erzhle Ihnen unterwegs noch einiges, was Ihnen die
Verhltnisse klarer machen wird."

Ich sagte mit Freuden zu, wir gingen.

In Berlin," erzhlte er, hielt ich es nur zwei Monate aus; ich hatte
niemand hier in Rom, der mir ber das unglckliche Geschpf htte
Nachricht geben knnen, und so lebte ich in einem Zustande, der
beinahe an Verzweiflung grenzte; nur einmal schrieb mir der schsische
Gesandte: Der Papst habe sich jetzt ffentlich fr den Kapitn West
erklrt, man spreche davon, da der Preis dieser Gnade der bertritt
des Kapitns zur rmischen Kirche sein solle. In demselben Briefe
erwhnte er mit Bedauern, da die junge Dame, die uns alle so sehr
angezogen habe, die mich immer besonders auszuzeichnen geschienen,
sehr gefhrlich krank sei, die rzte zweifeln an ihrer Rettung.

Wer konnte dies anders sein als die arme Luise. Diese letzte Nachricht
entschied ber mich. Zwar htte ich mir denken knnen, da alles, was
ihr der Kardinal mitteilte, Krankheit, vielleicht den Tod zur Folge
haben werde; aber jetzt erst, als ich diese Nachricht gewi wute,
jetzt erst kam sie mir schrecklich vor; ich reiste nach Rom zurck,
und meine Bekannten hier haben sich nicht weniger darber gewundert,
mich so unverhofft zu sehen, als meine Verwandten in Berlin, mich so
pltzlich wieder entlassen zu mssen. Besonders die Tante konnte es
mir nicht verzeihen; denn sie hatte schon den Plan gemacht, mich mit
einem der Frulein, die Sie beim Tee versammelt fanden, zu
verheiraten.

Erlassen Sie es mir, zu beschreiben, wie ich das Frulein wieder fand!
Nur eins schien diese schne Seele zu betrben, der Gedanke, da West
zu seiner groen Schuld noch einen Abfall von der Kirche fgen wolle.
Ich lebe seitdem ein Leben voll Kummer. Ich sehe ihre Krfte, ihre
Jugend dahin schwinden; ich sehe, wie sie ein Herz voll Jammer unter
einer lchelnden Miene verbirgt. Um mich noch zu ttigerem Eifer, ihr
zu dienen, zu zwingen, gelobte ich, sie nicht mehr zu sprechen, bis
ich von dem Kapitn erlangt htte, da er nicht zum Apostaten werde,--
oder bis sie mich selbst rufen lasse. Das letztere ist heute
geschehen. Es scheint, sie hat Hoffnung; ich habe keine; denn er ist
zu allem fhig, und Rocco hat ihn so im Netze, da an kein Entrinnen
zu denken ist."

Aber der Fromme," fragte ich; soll wohl der seine Bekehrung
bernehmen?"

Auf diesen Menschen scheint sie ihre Hoffnung zu grnden. Es ist ein
deutscher Kaufmann, ein sogenannter Pietist; er zieht umher, um zu
bekehren; doch leider mu er jedem Vernnftigen zu lcherlich
erscheinen, als da ich glauben knnte, er sei zur Bekehrung des
Kapitns berufen. Eher setzte ich einige Hoffnungen auf Sie, mein
Freund, wenn Sie durch die Verwandten etwas bewirken knnten; doch,
auch dies kmmt zu spt! Wie sie sich nur um diesen Elenden noch
kmmern mag!"

Viel versprach ich mir von diesem Besuch bei dem Frulein von Palden.
Was ich von ihr gesehen, von ihr gehrt, hatte mir ein Interesse
eingeflt, das diese Stunde befriedigen mute. Ich hatte mir schon
lange zuvor, ehe ich sie sah, ein Bild von ihr entworfen; ich fand es,
als sie mir damals im Portikus erschien, beinahe verwirklicht; nur
eines schien noch zu fehlen, und auch das hatte sich jetzt besttigt;
ich dachte mir sie nmlich etwas fromm, etwas schwrmerisch, und sie
mute dies sein; wie konnte sie sonst einem deutschen Pietisten die
Heilung des Kapitns West zutrauen?

Wir wurden von der Signora Campoco und ihren Hunden freundlich
empfangen; den Berliner fhrte sie zu ihrer Nichte, mich bat sie, in
ein Zimmer zu treten, wo ich einen Landsmann finden werde. Ich trat
ein. Am Fenster stand ein langer, hagerer Mann von kaltem, finsteren
Aussehen. Er heftete seine Augen immer zu Boden, und wenn er sie
einmal aufschlug, so glhten sie von einem trben, unsicheren Feuer.
Ich machte ihm mein Kompliment, er erwiderte es mit einem leichten
Neigen des Hauptes und antwortete: Gegret seist du mit dem Grue
des Friedens!"

Ha, dachte ich, das ist niemand anders als der Pietist! Solche Leute
sind eine wahre Augenweide fr den Teufel, er wei, wie es in ihrem
Innern aussieht, und diese herrliche Charaktermaske, lcherlicher als
Policinello, komischer als Passaglio, pathetischer als Truffaldin, und
wahrer als sie alle, trifft man besonders in Deutschland und seit
neuerer Zeit in Amerika, wohin sie die Deutschen verpflanzt haben.
Diese Protestanten glauben im echten Sinne des Wortes zu handeln, wenn
sie gegen alles protestieren. Der Glaube der katholischen Kirche ist
ihnen ein Greuel; der Papst ist der Antichrist, gegen ihn und die
Trken beten sie alle Tage ein absonderliches Gebet. Nicht zufrieden
mit diesem, protestieren sie gegen ihren eigenen Staat, gegen ihre
eigene Kirche. Alles ist ihnen nicht orthodox, nicht fromm genug. Man
glaubt vielleicht, sie selbst sind um so frommer? O ja, wie man will.
Sie gehen gesenkten Hauptes, wagen den Blick nicht zu erheben, wagen
kein Weltkind anzuschauen. Ihre Rede ist, Ja, ja, nein, nein". Auf
weitere Schwre und dergleichen lassen sie sich nicht ein. Sie sind
die Stillen im Lande; denn sie leben einfach, und ohne Lrm fr sich;
doch diese selige Ruhe in dem Herrn verhindert sie nicht, ihre
Mitmenschen zu verleumden, zu bestehlen, zu betrgen. Daher kmmt es,
da sie einander selbst nicht trauen. Sie vermeiden es, sich
ffentlich zu vergngen, und wer am Sonntag tanzt, ist in ihren Augen
ein Ruchloser. Unter sich selbst aber feiern sie Orgien, von denen
jeder andere sein Auge beschmt wegwenden wrde.

Drum lacht mir das Herz, wenn ich einen Mystiker dieser Art sehe. Sie
gehen still durchs Leben und wollen die Welt glauben machen, sie seien
von Anbeginn der Welt als extrafeine Sorte erschaffen und plombiert
worden, und der heilige Petrus, mein lieber Cousin, werde ihnen einen
nheren Weg, ein Seitenpfrtchen in den Himmel aufschlieen. Aber alle
kommen zu mir; Separatisten, Pietisten, Mystiker, wie sie sich heien
mgen, seien sie Kathedermnner oder Schuhmacher, alle sind in Nr. 1
und 2, sie v e r n e i n e n, wenn auch nicht im uern; denn sie sind
Heuchler in ihrem Herzen von Anbeginn.

Ein solcher war nun der fromme Mann am Fenster. Ihr seid ein
Landsmann von mir," fragte ich nach seinem Gru, Ihr seid ein
Deutscher?"

Alle Menschen sind Brder und gleich vor Gott," antwortete er; aber
die Frommen sind ihm ein angenehmer Geruch."

Da habt Ihr recht," erwiderte ich, besonders wenn sie in einer engen
Stube Betstunde halten. Seid Ihr schon lange hier in dieser
gotteslsterlichen Stadt?"

Er warf einen scheuen Blick auf mich und seufzte: O welche Freude hat
mir der Herr gegeben, da er einen Erweckten zu mir sandte! Du bist
der erste, der mir hier sagt, da dies die Stadt der babylonischen H---, 
der Sitz des Antichrists ist. Da sprechen sie in ihrem weltlichen Sinne 
von dem Altertume der Heiden, laufen umher in diesen groen
Gtzentempeln und nennen alles heiliges Land', selbst wenn sie
Protestanten sind; aber diese sind oft die rgsten."

Wie freut es mich, Bruder, dich gefunden zu haben! Sind noch mehrere
Brder und Schwestern hier? Doch hier kann es nicht fehlen; in einer
Gemeinde, die der Apostel Paulus selbst gestiftet hat, mssen fromme
Seelen sein."

Bruder, geh mir weg mit dem Apostel Paulus, dem traue ich nur halb;
man wei allerlei von seinem frheren Leben, und nachher, da hat er so
etwas Gelehrtes wie unsere Professoren und Pfarrer; ich glaube, durch
ihn ist dieses bel in die Welt gekommen. Zu was denn diese
Gelehrtheit, diese Untersuchungen? Sie fhren zum Unglauben. Die
Erleuchtung macht's, und wenn einer nicht zum D u r c h b r u c h
gekommen ist, bleibt er ein Snder. Ein altes Weib, wenn sie
erleuchtet ist, kann so gut predigen und lehren in Israel als der
gelehrteste Doktor."

Du hast recht, Bruder," erwiderte ich ihm; und ich war in meinem
Leben in der Seele nicht vergngter, nie so heiter gestimmt, als wenn
ich einen Bruder Schuster oder eine Schwester Spitlerin das Wort
verkndigen hrte. War es auch lauterer Unsinn, was sie sprach, so
hatte ihr es doch der Geist eingegeben, und wir alle waren
zerknirscht. Doch sage mir, wie kmmst du ins Haus dieser Gottlosen?"

Bruder, in der Stadt Dresden im Sachsenland, wo es mehr Erleuchtete
gibt als irgendwo, da wohnte ich neben ihrem Haus. Damals war sie ein
Weltkind und lachte, wenn die Frommen am Sonntagsabend in mein Haus
wandelten, um eine Stunde bei mir zu halten. Als ich nun hierher kam
in dieses Sodom und Gomorra, da gab mir der Geist ein, meine Nachbarin
aufzusuchen. Ich fand sie von einem Unglck niedergedrckt. Es ist ihr
ganz recht geschehen; denn so straft der Herr den Wandel der Snder.
Aber mich erbarmte doch ihre junge Seele, da sie so sicherlich
abfahren soll dorthin, wo Heulen und Zhneklappern. Ich sprach ihr zu,
sie ging ein in meine Lehren, und ich hoffe, es wird bei ihr bald zum
Durchbruch kommen. Und da erzhlte sie mir von einem Manne, den der
Satan und der Antichrist in ihren Schlingen gefangen haben, und bat
mich, ob ich nicht lsen knne diese Bande kraft des Geistes, der in
mir wohnet. Und darum bin ich hier."

Whrend der fromme Mann die letzten Worte sprach, kam der Berliner mit
dem Frulein. Jener stellte mich vor, und sie fragte errtend, ob ich
mit der Familie des Kapitns West in Mecklenburg bekannt sei. Ich
bejahte es; ich hatte mit mehreren dieser Leute zu tun gehabt und gab
ihr einige Details an, die sie zu befriedigen schienen.

Der Kapitn ist auf dem Sprung, einen sehr trichten Schritt zu tun,
der ihn gewi nicht glcklich machen kann; S. hat Ihnen wohl schon
davon gesagt, und es kmmt jetzt darauf an, ihm das Miliche eines
solchen Schrittes auch von seiten seiner Familie darzutun."

Mit Vergngen; dieser fromme Mann wird uns begleiten; er ist in
geistlichen Kmpfen erfahrener als ich; ich hoffe, er wird sehr
ntzlich sein knnen."

Es ist mein Beruf," antwortete der Pietist, die Augen greulich
verdrehend, es ist mein Beruf, zu kmpfen, solange es Tag ist. Ich
will setzen meinen Fu auf den Kopf der Schlange und will ihr den Kopf
zertreten wie einer Krte; soeben ist der Geist in mich gefahren. Ich
fhle mich wacker wie ein gewappneter Streiter. Liebe Brder, lasset
uns nicht lange zaudern, denn die Stunde ist gekommen; Sela!"

Gehen wir!" sagte der Berliner. Seien Sie versichert, Luise, da
Freund Stobelberg und ich alles tun werden, was zu Ihrer Beruhigung
dienen kann. Fassen Sie sich, sehen Sie mutig, heiter in die Zukunft;
die Zeit bringt Rosen."

Das schne bleiche Mdchen antwortete durch ein Lcheln, das sie einem
wunden Herzen mhsam abgezwungen hatte. Wir gingen, und als ich mich
in der Tre umwandte, sah ich sie heftig weinen.

Wir drei gingen ziemlich einsilbig ber die Strae; der Pietist, vom
Geiste befallen, murmelte unverstndliche Worte vor sich hin und
verzog sein Gesicht, rollte seine Augen wie ein Hierophant. Der
Berliner schien an dem guten Erfolg unseres Beginnens zu zweifeln und
ging sinnend neben mir her; ich selbst war von dem Anblick der stillen
Trauer jenes Mdchens, ich mchte sagen, beinahe gerhrt; ich dachte
nach, wie man es mglich machen knnte, sie der Schwrmerei zu
entreien, sie dem Leben, der Freude wiederzugeben; denn so gerne ich
ihr den Himmel und alles Gute wnschte, so schien sie mir doch zu jung
und schn, als da sie jetzt schon auf eine etwas langweilige
Seligkeit spekulieren sollte. Durch den Berliner schien ich dies am
besten erreichen zu knnen, besser vielleicht noch durch den Kapitn
West, der mir ohnedies verfallen war; doch zweifelte ich, ob man ihn
noch von der Spanierin werde losmachen knnen.

Auf dem Hausflur des Kapitns lie uns der Pietist vorangehen, weil er
hier beten und unsern Ein= und Ausgang segnen wolle. Doch, o Wunder!
Als wir uns umsahen, nahm er nach jedem Stoseufzer einen Schluck aus
einem Flschchen, das seiner Farbe nach einen guten italienischen
Likr enthalten mute. Ha! jetzt mu der Geist erst recht ber ihn
kommen, dachte ich, jetzt kann es nicht fehlen, er mu mit groer
Begeisterung sprechen.

Der Kapitn empfing uns mit einer etwas finsteren Stirne. Der Berliner
stellte uns ihm vor, und sogleich begann der Pietist, vom Geiste
getrieben, seinen Sermon.

Er stellte sich vor den Kapitn hin, schlug die Augen zum Himmel und
sprach: Bruder! Was haben meine Ohren von dir vernommen? So ganz hat
dich der Teufel in seinen Klauen, da du dich dem Antichrist ergeben
willst, da du absagen willst der heiligen christlichen Kirche, der
Gemeinschaft der Heiligen? Sela. Aber da sieht man es deutlich. Wie
heit es Sirach am 9. im dritten Vers? He? Fliehe die Buhlerin, da
du nicht in ihre Stricke fallest.'"

Zu was soll diese Komdie dienen, Herr von S.?" sprach der Kapitn
gereizt. Ich hoffe, Sie sind nicht gekommen, mir in meinem Zimmer
Sottisen zu sagen."

Ich wollte Sie mit Herrn von Stobelberg, der Ihre Familie kennt,
besuchen. Da lie sich dieser fromme Mann, der gehrt hat, da Sie
bertreten wollen, nicht abhalten, uns zu begleiten."

Groe Ehre fr mich, geben Sie sich aber weiter keine Mhe; denn--"

Hret, hret, wie er den Herrn lstert, in dessen Namen ich komme,"
schrie der Pietist. Der Antichrist krmmet sich in ihm wie ein Wurm,
und der Teufel sitzt ihm auf der Zunge. O, warum habt Ihr Euch blenden
lassen von Weltehre? Was sagt derselbe Sirach? La dich nicht bewegen
von dem Gottlosen in seinen groen Ehren; denn du weit nicht, wie es
ein Ende nehmen wird.--Wisse, da du unter den Stricken wandelst und
gehest auf eitel hohen Spitzen!"'

Sie kennen meine Familie, Herr von Stobelberg? Sind Sie vielleicht
selbst ein Landsmann aus Mecklenburg?"

Nein! Aber ich kam viel in Berhrung mit Ihrer Familie und bin mit
einigen Gliedern derselben sehr nahe liiert. So zum Beispiel mit Ihrem
Onkel F., mit Ihrer Tante W., mit Ihrem Schwager Z."

Wie? Der Satan hat ihm die Ohren zugeleimt?" rief der fromme
Protestant, als sein abtrnniger Bruder ihn vllig ignorierte. Auf,
ihr Brder, ihr Streiter des Herrn, lasset uns ein geistliches Lied
singen, vielleicht hilft es." Er drckte die Augen zu und fing an, mit
nselnder, zitternder Stimme zu singen:

  Herr, schtz' uns vor dem Antichrist,
    Und la uns doch nicht fallen;
  Es streckt der Papst mit Hinterlist
    Nach uns die langen Krallen;
      Und la dich erbitten,
      Vor den Jesuiten
      Und den argen Missionaren
  Wollest gndig uns bewahren.

  Sie sind des Teufels Knechte all,
    Nur wir sind fromme Seelen;
  Wir kommen in des Himmels Stall,
    Uns kann es gar nicht fehlen;
      Denn nach kurzem Schlafe
      Ziehn wir frommen Schafe
      In den Pferch fr uns bereitet,
      Wo der Hirt die Schflein weidet;
  Dort scheidet er die Bcke aus--"

Man kann eben nicht sagen, da der Fromme wie eine Nachtigall sang;
aber komisch genug war es anzusehen, wie er, vom Geiste getrieben,
dazu agierte. Auf den Wangen des Kapitns wechselte Scham und Zorn,
und man war ungewi, ob er mehr ber die Unverschmtheit dieses
Proselytenmachers staunte oder mehr ber den Inhalt der frommen Hymne
erbost sei. Als der Pietist nach einem tiefen Seufzer den dritten Vers
anhub, ging die Tre auf, und die hohe, majesttische, Gestalt des
Kardinals Rocco trat ein. Er war angetan mit einem weien,
faltenreichen Gewand, und der Purpur, der ber seine Schultern
herabflo, gab ihm etwas Erhabenes, Frstliches. Er bersah uns mit
gebietendem Blick, und die Rechte, die er ausstreckte, mochte
vielleicht den ehrerbietigen Ku eines Glubigen erwarten.

Der Kapitn war in sichtbarer Verlegenheit. Er fhlte, da der
Kardinal uns den Protestantismus sogleich anriechen, da es ihn
erzrnen werde, seinen Katechumenen in so schlechter Gesellschaft zu
sehen. Er nannte der Eminenz unsere Namen, doch als er Herrn v. S.
erblickte, trat er erschrocken einen Schritt zurck und flsterte dem
Frater Piccolo in der violetten Kutte zu: Das ist wohl der Teufel,
den du im Traume gesehen?"

Piccolo antwortete mit drei Kreuzen, die er ngstlich auf seinen Leib
zeichnete, und der Kardinal fing an, leise einige Stellen aus dem
Exorzismus zu beten. Whrend dieser Szene hatte sich der fromme
Kaufmann, dem das Wort auf der Lippe stehen geblieben war, wieder
erholt. Er betrachtete die imponierende Gestalt dieses Kirchenfrsten;
doch schien sie ihm nicht mehr zu imponieren, nachdem er bei sich zu
dem Resultate gelangt war, da nur ein frommer protestantisch=
mystischer Christ zur Seligkeit gelangen knne. Er hub im heulenden
Predigerton auf italienisch an: Siehe da, ein Sohn der babylonischen
H---, ein Nepote des Antichrists. Er hat sich angetan mit Leide und
Purpur, um eure armen Seelen zu verlocken. Hebe dich weg, Satanas!"

Ist der Mensch ein Narr?" fragte der Kardinal, indem er nher trat
und den Prediger ruhig und gro anschaute. Piccolo, merke dir diesen
Menschen, wir wollen ihn im Spital versorgen."

Der Pietist geriet in Wut. Baalspfaffe, Gtzendiener, Antichrist!"
schrie er. Du willst mich ins Spital tun? Ha, jetzt kmmt der Geist
erst recht ber mich. Ich will barmherzig sein mit dir, Sodomiter! Ich
will dich lehren die Hauptstcke der Religion, da du deine
ketzerischen Irrtmer einsehest. Aber zuvor ziehe sogleich den Purpur
ab! Zu was soll dieser Flitter dienen? Meinst du, du gefallest dem
Herrn besser, wenn du violette Strmpfe anhast? O du Tor! Das sind die
eitlen Lehren des Antichrists, des Drachen, der auf dem Stuhle sitzt;
in Sack und Asche mut du Bue tun."

Jetzt glhte Roccos Auge vor Wut, seine Stirne zog sich zusammen,
seine Wangen glhten. Jetzt sehe ich, Kapitn," rief er, was Euch
solange zgern macht. Ihr haltet Zusammenknfte mit diesen
wahnsinnigen Ketzern, die Euch in Eurem Aberglauben bestrken. Ha! bei
der heiligen Erde, Ihr habt uns tief gekrnkt."

Herr Kardinal!" fiel ihm Herr v. S. in die Rede. Ich bitte, uns
nicht alle in eine Klasse zu werfen. Wenn jener Mann dort den Trieb in
sich fhlt, alle Welt zu bekehren, so knnen wir ihn nicht daran
verhindern. Doch meine ich, man habe sich nicht darber zu beklagen;
denn Ew. Eminenz wissen, da es gleichsam nur Repressalien fr die
Missionen und die Jesuiterei sind, mit welcher man gegenwrtig alle
Welt ber schwemmt."

Jetzt war der rechte Zeitpunkt, die Leutchen zu hetzen. Jetzt galt es,
sie zu verwickeln, um sie nachher desto lnger trauern zu lassen.
Herr v. S.," sagte ich, der Herr Kapitn will, denke ich, durch sein
Schweigen beweisen, da er Seiner Eminenz recht gibt. Zwar schliet
mich mein Bewutsein von den wahnsinnigen Ketzern' aus: ich mache
keine Proselyten, ich unterrichte niemand in der Religion; aber Ihrer
werten Familie in Mecklenburg werde ich bei meiner Rckkehr sagen
knnen--"

Stille!" rief der Pietist mit feierlicher Stimme. Bruder, Mann
Gottes, willst du dich so versndigen, mit dem Baalspfaffen zu
rechten? Er geht einher wie ein Phariser; aber es wre ihm besser,
ein Mhlstein hnge an seinem Hals, und er wrde ertrnket, wo es am
tiefsten ist."

Hte dich, einen Pfaffen zu beleidigen," ist ein altes Sprichwort,
und der Kapitn mochte auch so denken. Ich sah, da die Beschmung,
vor uns von Rocco wie ein Schulknabe behandelt zu werden, und die
Furcht, ihn zu beleidigen, in seinem Gesichte kmpften.

Ich mu Ihren Irrtum berichtigen, Eminenz," entgegnete er. Diesen
Mann hier kenne ich nicht, und er kann sich auch entfernen, wann er
will, denn seine schwrmerischen Reden sind mir zum Ekel; aber ber
diese Herren hier haben Sie eine ganz falsche Ansicht. Herr von
Stobelberg bringt mir Nachrichten von meiner Familie, Herr v. S.
besucht mich. Ich wei nicht, welche bsliche Absicht Sie darein legen
wollen."

Weit entfernt, den Kardinal durch diese Worte zu besnftigen, brachte
er ihn nur noch mehr auf; doch bezhmte er laute Ausbrche desselben,
und seine stille Wut werde nur in kaltem Spott sichtbar. Ja, ich habe
mich freilich hchlich geirrt," sagte er lchelnd, und bitte um
Verzeihung, meine Herren. Ich dachte, Ihr Besuch betreffe religise
Gegenstnde; doch nun merke ich, da es friedlichere Absichten sind,
was Sie herfhrt. Herr v. S. wird wahrscheinlich den Herrn Kapitn
wieder in die sen Fesseln des deutschen Fruleins legen wollen?
Trefflich! Ob auch eine andere Dame darber sterben wird, ist ihm
gleichgltig. Ich bewundere nebenbei auch Ihre Gutmtigkeit, Capitano,
da Sie sich von demselben Manne zurckfhren lassen, der Sie so
geschickt aus dem Sattel hob!"

Zu welch sonderbaren Sprngen steigert doch den Sterblichen die
Beschmung. Gefhl des Unrechts, wirkliche Beleidigung, Zorn, alle
Leidenschaften seiner Seele htten den Kapitn wohl nicht so auer
sich gebracht als das Gefhl der Scham, vor deutschen Mnnern von
einem rmischen Priester so verhhnt zu werden. Die Achtung, Signore
Rocco," sagte er, die Achtung, die ich vor Ihrem Gewand habe, schtzt
mich, Ihnen zu erwidern, was Sie mir in meinem Zimmer ber mich gesagt
haben. Ich kenne jetzt Ihre Ansichten ber mich hinlnglich und
wundere mich, wie Sie sich um meine arme Seele so viele Mhe geben
wollten. Diesem Herrn, der, wie Sie sagten, mich aus dem Sattel hob,
werde ich folgen. Doch wissen Sie, da, was er getan hat, mit meiner
Zustimmung geschah. Ich werde ihm folgen, obgleich es zuvor gar nicht
in meiner Absicht lag; nur um Ihnen zu zeigen, da weder Ihr Spott
noch Ihre Drohungen auf mich Eindruck machen; und wenn Sie ein
andermal wieder einen Mann meiner Art unter der Arbeit haben, so rate
ich Ihnen, Ihren Spott oder Ihren Zorn zurckzuhalten, bis er im
Schoe der Kirche ist."

Das reiche, rosige Antlitz Roccos war so wei geworden als sein
seidenes Gewand. Geben Sie sich keine Mhe," entgegnete er, mir zu
beweisen, wie wenig man an einem seichten Kopf Ihrer Art verliert.
Glauben Sie mir, die Kirche hat hhere Zwecke, als einen Kapitn West
zu bekehren--"

Wir kennen diese schnen Zwecke," rief der Berliner mit sehr
berflssigem Protestantismus; Ihre Plne sind freilich nicht auf
einen einzelnen gerichtet, sie gehen auf uns arme Seelen alle. Sie
mchten gar zu gerne unser ganzes Vaterland und England und alles, was
noch zum Evangelium hlt, unter den heiligen Pantoffel bringen. Aber
Sie kommen hundert Jahre zu spt oder zu frh; noch gibt es, Gott sei
Dank, Mnner genug in meinem Vaterlande, die lieber des Teufels sein
wollen, als den heiligen Stuhl anbeten."

Bringe mir meinen Hut, Piccolo," sagte der Priester sehr gelassen.
Ihnen, mein Herr v. S., danke ich fr diese Belehrung; doch lag uns
an den dummen Deutschen wenig. Es liegt ein sicheres Mittel in der
Erbrmlichkeit Ihrer Nation und in ihrer Nachahmungssucht. Ich kann
Sie versichern, wenn man in Frankreich recht fromm wird, wenn England
ber kurz ber lang zur alleinseligmachenden Kirche zurckkehrt, dann
werden auch die ehrlichen Deutschen nicht mehr lange protestieren.
Drum leben Sie wohl, mein Herr, auf Wiedersehen!" Die Zge des
Kardinals hatten etwas Hohes, Gebietendes, das mir beinahe nie so
sichtbar wurde als in diesem Moment. Ich mute gestehen, er hatte sich
gut aus der Sache gezogen und verlie als Sieger die Walstatt. Frater
Piccolo setzte ihm den roten Hut auf, ergriff die Schleppe seines
Talars und, mit Anstand und Wrde grend, schritt der Kardinal aus
dem Zimmer.

Der Berliner fhlte sich beschmt und sprach kein Wort; der Pietist
murmelte Stogebetlein und war augenscheinlich dpiert; denn der
Streit ging ber seinen Horizont, an welchem nur die Ideen von dem
Antichrist, dem Drachen auf dem Stuhl des Lammes, dem Baalspfaffen,
der babylonischen Dame, dem ewigen Hllenpfuhl und dem
Paradiesgrtlein, in lieblichem Unsinn verschlungen, schwebten.

Dem Kapitn schien brigens nicht gar zu wohl bei der Sache zu sein.
Ich erinnerte mich, gehrt zu haben, da er von Donna Ines und diesem
Priester bedeutende Vorschsse empfangen habe, die er nicht zahlen
sonnte; es war zu erwarten, da sie ihn von dieser Seite bald qulen
wrden, und ich freute mich schon vorher, zu sehen, was er dann in der
Verzweiflung beginnen werde. Auch zu diesem Auftritt hatte ihn sein
Leichtsinn verleitet; denn htte er bedacht, was fr Folgen fr ihn
daraus entstehen knnten,--er htte sich von falscher Scham nicht so
blindlings hinreien lassen. Der Berliner fuhr brigens bei dieser
Partie ebenso schlimm. Ich wute wohl, da er die Hoffnung auf Luisens
Besitz nicht ausgegeben hatte, da er sie mchtiger als je nhrte, da
sie ihn heute hatte rufen lassen; ich wute auch, da sie den Kapitn
nicht gerade zu sich zurckwnschte, sondern ihn nur nicht katholisch
wissen wollte; ich wute, da sie dem Berliner vielleicht bald geneigt
worden wre, weil sie sah, mit welchem Eifer er sich um sie bemhte;
und jetzt hatte der Kapitn vor uns allen ausgesprochen, da er das
Frulein wiedersehen wolle; und so war es.

Es ist mein voller Ernst, Herr v. S.," sagte er, ich sehe ein, da
ich mich diesen unwrdigen Verbindungen entreien mu. Knnen Sie mir
Gelegenheit geben, das Frulein wiederzusehen und ihre Verzeihung zu
erbitten?"

Ich wei nicht, wie Frulein von Palden darber denkt," antwortete
der junge Mann etwas verstimmt und finster; ich glaube nicht, da
nach diesen Vorgngen--"

O! Ich habe die beste Hoffnung," rief jener, ich kenne Luisens gutes
Herz und kann nicht glauben, da sie aufgehrt habe, mich zu lieben.
Hren Sie einen Vorschlag. Signora Campoco hat einen Garten an der
Tiber; bitten Sie das Frulein, mit ihrer Tante heute abend dorthin zu
kommen. Ich will sie ja nicht allein sehen, Sie alle knnen zugegen
sein; ich will ja nichts, als Vergebung lesen in ihren Augen; ein Wort
von ihr soll mir genug sein, um mich mit mir selbst und mit dem Himmel
zu vershnen. Ach, wie schmerzlich fhle ich meine Verirrungen!"

Gut, ich will es sagen," erwiderte der Berliner, indem er mit Mhe
nach Fassung rang. Soll ich Ihnen Antwort bringen?"

Ist nicht ntig; wenn Sie keine Antwort bringen, bin ich um sechs Uhr
als reuiger Snder in dem Garten an der Tiber."


       *       *       *       *       *


Ich gestehe, der Berliner hatte ein sonderbares Geschick. Das
Verhngnis zog ihn in diese Verhltnisse; seine Gestalt, sein Gesicht,
zufllig dem Kapitn West sehr hnlich, bringt ihm Glck und Unglck;
es zieht ihn in die Nhe des Mdchens; er lernt ihr Schicksal kennen,
er sieht sie leiden, er leidet mit ihr; die Zeit, die alle Wunden
heilt, bewirkt endlich, da sie den Kapitn vielleicht nicht mehr so
sehnlich zurckwnscht; sie will nur, da er jenen Schritt nicht tue,
den sie fr einen trichten hlt; sich selbst unbewut, gibt sie dem
armen S. Hoffnungen; er glaubt, sie errungen zu haben durch die vielen
Bemhungen um ihre Wahl, und jetzt mu er den gefhrlichen
Nebenbuhler, einen Mann, den er verachtet, zu ihr zurckfhren!

Ich war begierig auf diesen Abend; der Berliner hatte mir gesagt, da
sie einwillige, ihn, von Signora Campoco begleitet, zu sehen. Sie
hatte ihn eingeladen, zugegen zu sein, und er bat mich, ihn zu
begleiten, weil er diese Szene allein nicht mit ansehen knne.

Als ich seiner Wohnung zuging, trat mir auf einmal Frater Piccolo in
den Weg mit der Frage, wo er wohl den Kapitn finden knnte? Ich
forschte ihn aus, zu welchem Zwecke er wohl den Kapitn suche, und er
sagte mir ohne Umschweife, da er ihm von dem Kardinal einen
Schuldschein auf fnftausend Scudi zu berreichen habe, die jener
zwlf Stunden nach Sicht bezahlen msse. Wertester Frater Piccolo,"
erwiderte ich ihm, das sicherste ist, Ihr bemhet Euch nach sechs Uhr
in den Garten der Signora Campoco, welcher an der Tiber gelegen; dort
werdet Ihr ihn finden, dafr stehe ich Euch." Er dankte und ging
weiter; da er diese Nachricht dem Kardinal und vielleicht auch Donna
Ines mitteilen werde, glaubte ich voraussehen zu drfen. Fnftausend
Scudi, zwlf Stunden nach Sicht!" sagte ich zu mir. Ich will doch
sehen, wie er sich heraushilft!"

Den armen Berliner traf ich sehr niedergeschlagen. Er schien zu
fhlen, da seine Hoffnungen auf ewig zerstrt seien; doch nicht nur
dies Gefhl war es, was ihn unglcklich machte, er frchtete, Luise
werde nicht auf die Dauer glcklich werden. Dieser West!" rief er.
Ist es nicht immer wieder Leichtsinn, was ihn zu uns, zu ihr
zurckfhrt! Wie leicht ist es mglich, wenn einmal die Reue ber ihn
kommt, die Spanierin so unglcklich gemacht zu haben--wie leicht ist
es mglich, da er auch Luise wieder verlt!"

Ja, dachte ich, und wenn erst das Wechselchen anlangt und er nicht
zahlen kann, und wenn ihn Donna Ines mit den funkelnden Augen sucht
und bei der Fremden findet, und wenn erst der Kardinal seine Knste
anwendet! Die Schule der Verzweiflung hat er noch nicht ganz durch
gemacht. Aber auch das Frulein, hoffe ich, wird jetzt auftauen und
ihre Hilfe zu kleinen Teufeleien und Hllenknsten nehmen, und der
gute Berliner soll wohl auch bekannter mit mir werden mssen!

Wir gingen hinaus an die Tiber zum verhngnisvollen Garten der Signora
Campoco. Unterwegs sagte mir der junge Mann, das Frulein sei ihm
unbegreiflich. Als er ihr die Nachricht gebracht, wie sich im Hause
des Kapitns auf einmal alles so sonderbar, wie durch eine hhere
Leitung, gefgt habe, wie West nicht nur zur protestantischen Kirche
zurcktreten, sondern auch als reuiger Snder zu ihr zurckkehren
wolle, da sei, so sehr sie ihn zuvor angeklagt, ein seliges Lcheln
auf ihren schnen Zgen aufgegangen. Sie habe geweint vor Freude, sie
habe mit tausend Trnen ihre Tante dazu vermocht, uns in ihrem Garten
zu empfangen. Und dennoch sei sie jetzt nicht mehr recht heiter; eine
sonderbare Befangenheit, ein Zittern banger Erwartung habe sie
befallen, sie habe ihm gestanden, da sie der Gedanke an den Fluch
ihres Vaters, wenn sie je die Gattin des Kapitns werde, immer
verfolge. Es sei, als liege eine schwarze Ahnung vor ihrer sonst so
kindlich frohen Seele, als frchte sie, trotz der Rckkehr des
Geliebten dennoch nicht glcklich zu werden.

Unter den Klagen des Berliners, unter seinen Beschuldigungen gegen das
weibliche Geschlecht hatten wir uns endlich dem Garten genhert. Er
lag, von Bumen umgeben, wie ein Versteck der Liebe. Signora Campoco
empfing uns mit ihren Hndlein aufs freundlichste; sie erzhlte, da
sie das deutsche Geplauder der Vershnten nicht mehr lnger hren
knne und zeigte uns eine Laube, wo wir sie finden wrden. Errtend,
mit glnzenden Augen, Verwirrung und Freude auf dem schnen Gesicht,
trat uns das Frulein entgegen. Der Kapitn aber schien mir ernster,
ja, es war mir, als mte ich in seinen scheuen Blicken eine neue
Schuld lesen, die er zu der alten gefgt.

Dem Berliner war wohl das schmerzlichste der feurige Dank, den ihm das
schne Mdchen fr seine eifrigen Bemhungen ausdrckte. Sie umfing
ihn, sie nannte ihn ihren treuesten Freund, sie bot ihm ihre Lippen,
und er hat wohl nie so tief als in jenem Augenblicke gefhlt, wie die
hchste Lust mit Schmerz sich paaren knne. Mir, ich gestehe es, war
diese Szene etwas langweilig; ich werde daher die nhere Beschreibung
davon nicht in diese Memoiren eintragen, sondern als Surrogat eine
Stelle aus Jean Pauls Flegeljahren einschieben, die den Leser weniger
langweilen drfte: Selige Stunden, welche auf die Vershnung der
Menschen folgen! Die Liebe ist wieder blde und jungfrulich, der
Geliebte neu und verklrt, das Herz feiert seinen Mai, und die
Auferstandenen vom Schlachtfelde begreifen den vorigen, vergessenen
Krieg nicht." So sagt dieser groe Mensch, und er kann recht haben,
aus Erfahrung; ich habe, seit sich der Himmel hinter mir geschlossen,
nicht mehr geliebt, und mit der Vershnung will es nicht recht gehen.

Bei jener ganzen Szene ergtzte ich, mich mehr an der Erwartung als an
der Gegenwart. Wenn jetzt mit einem Male, dachte ich mir, Frater
Piccolo durch die Bume herbei kme, um seinen Wechsel honorieren zu
lassen,--welche Angst, welcher Kummer bei dem Kapitn, welch es
Staunen, welcher Mimut bei dem Frulein! Ich dachte mir allerlei
dergleichen Mglichkeiten, whrend die andern in sem Geplauder mit
vielen Worten nichts sagten--da hrte ich auf einmal das Pltschern
von Rudern in der Tiber. Es war nach sechs Uhr es war die Stunde, um
welche ich Frater Piccolo hierher bestellt hatte; wenn er es wre!--
Die Ruderschlge wurden vernehmlicher, kamen nher. Weder die
Liebenden, noch der Berliner schienen es zu hren. Jetzt hrte man nur
noch das Rauschen des Flusses, die Barke mute sich in der Nhe ans
Land gelegt haben. Die Hunde der Signora schlugen an, man hrte
Stimmen in der Ferne, es rauschte in den Bumen, Schritte knisterten
auf dem Sandweg des Gartens, ich sah mich um--Donna Ines und der
Kardinal Rocco standen vor uns.

Luise starrte einen Augenblick diese Menschen an, als sehe sie ein
Gebild der Phantasie. Aber sie mochte sich des Kardinals aus einem
schrecklichen Augenblick erinnern, sie schien den Zusammenhang zu
begreifen, schien zu ahnen, wer Ines sei und sank lautlos zurck,
indem sie die schnen Augen und das erbleichende Gesicht in den Hnden
verbarg. Der Kapitn hatte den Kommenden den Rcken zugekehrt und sah
also nicht sogleich die Ursache von Luisens Schrecken. Er drehte sich
um, er begegnete zornsprhenden Blicken der Donna, die diese Gruppe
musterte, er suchte vergeblich nach Worten; das Gefhl seiner Schande,
die Angst, die Verwirrung schnrten ihm die Kehle zu.

Schndlich!" hob Ines an. So mu ich dich treffen? Bei deiner
deutschen Buhlerin verweilst du und vergit, was du deinem Weibe
schuldig bist? Ehrvergessener! Statt meine Ehre, die du mir gestohlen,
durch Treue zu ersetzen, statt mich zu entschdigen fr so groen
Jammer, dem ich mich um deinetwillen ausgesetzt habe, schwelgst du in
den Armen einer andern?"

Folget uns, Kapitn West!" sagte der Kardinal sehr strenge. Es ist
Euch nicht erlaubt, noch einen Augenblick hier zu verweilen. Die Barke
wartet. Gebt der Donna Euren Arm und verlasset diese ketzerische
Gesellschaft."

Du bleibst!" rief Luise, indem sie ihre schnen Finger um seinen Arm
schlang und sich gefat und stolz aufrichtete. Schicke diese Leute
fort. Du hast ja noch soeben diese Abenteurerin verschworen. Du
zauderst? Monsignore, ich wei nicht, wer Ihnen das Recht gibt, in
diesen Garten zu dringen; haben Sie die Gte, sich, mit dieser Dame zu
entfernen."

Wer mir das Recht gibt, junge Ketzerin?" entgegnete Rocco. Diese
ehrwrdige Frau Campoco; ich denke, ihr gehrt der Garten, und es wird
sie nicht belstigen, wenn wir hier verweilen."

Ich bitte um Euren Segen, Eminenz," sagte, sich tief verneigend,
Signora Campoco; wie mget Ihr doch sprechen? Meinem geringen Garten
ist heute Heil widerfahren! Denn heilige Gebeine wandeln darin umher!"

Nicht gezaudert, Kapitn!" rief der Kardinal. Werfet den Satan
zurck, der Euch wieder in den Klauen hat; folget uns, wohin die
Pflicht Euch ruft!--Ha! Ihr zaudert noch immer, Verrter? Soll ich,"
fuhr er mit hhnischem Lcheln fort, soll ich Euch etwa dies Papier
vorzeigen? Kennet Ihr diese Unterschrift? Wie steht es mit den
fnftausend Scudi, verehrter Herr? Soll ich Euch durch die Wache
abholen lassen?"

Fnftausend Scudi?" unterbrach ihn der Berliner. Ich leiste
Brgschaft, Herr Kardinal, sichere Brgschaft"--

Mitnichten!" antwortete er mit groer Ruhe. Ihr seid ein Ketzer;
_haeretico non servanda fides_. Ihr knntet leicht ebenso denken
und mit der Brgschaft in die Weite gehen. Nein,--Piccolo! Sende einen
der Schiffer in die Stadt; man solle die Wache holen."

Um Gottes willen, Otto! Was ist das?" rief Luise, indem ihr Trnen
entstrzten. Du wirst dich doch nicht diesen Menschen so ganz
bergeben haben? O Herr? Nur eine Stunde gestattet Aufschub, mein
ganzes Vermgen soll Euer sein; mehr, viel mehr will ich Euch geben,
als Ihr fordert"--

Meinst du, schlechtes Geschpf," fiel ihr die Spanierin in die Rede,
meinst du, es handle sich um Geld? Mir, mir hat er seine Seele
verpfndet; er hat mich gelockt aus den Tlern meiner Heimat, er hat
mir ein langes seliges Leben in seinen Armen vorgespiegelt, er hat
mich betrogen um diese Seligkeit; du--du hast mich betrogen, deutsche
Dirne; aber siehe zu, wie du es einst vor den Heiligen verantworten
kannst, da du dem Weib den Gatten raubst, den Kindern, den armen
Wrmern, den Vater!"

Ja, das ist dein Fluch, alter Vater!" sagte Luise, von tiefer Wehmut
bewegt. Das ist dein Fluch, wenn ich je die Seine wrde; er nahte
schnell! Ich htte dir ihn entrissen, unglckliches Weib? Nein, so
tief mchte ich nicht einmal dich verachten. Er kannte mich lngst,
ehe er dich nur sah, und die Treue, die er dir schwur, hat er mir
gebrochen!"

Von dieser Snde werden wir ihn absolvieren," sprach der Kardinal;
sie ist um so weniger drckend fr ihn, als Ihr selbst, Signora, mit
einem andern, der hier neben sitzt, in Verhltnissen waret. Zaudere
nicht mehr, folge uns! Bei den Gebeinen aller Heiligen, wenn du jetzt
nicht folgst, wirst du sehen, was es heit, den heiligen Vater zu
verhhnen!"

Der Kapitn war ein miserabler Snder. So wenig Kraft, so wenig
Entschlu! Ich htte ihn in den Flu werfen mgen; doch mute es zu
einem Resultate kommen, drum schob ich schnell ein paar Worte ein:
Wie? Was ist das fr ein Geschrei von Kindern?" rief ich erstaunt.
Es wird doch kein Unglck geben?"

Ha, meine Kinder!" weinte die Spanierin. O, weinet nur, ihr armen
Kleinen! Der, der euch Vater sein sollte, hat Erz in seiner Brust. Ich
gehe, ich werfe sie in die Tiber und mich mit ihnen; so ende ich ein
Leben, das du, Verfluchter, vergiftetest!"

Sie rief es und wollte nach der Tiber eilen; doch das Frulein fate
ihr Gewand; bleich zum Tod, mit halbgeschlossenen Augen fhrte sie
Donna Ines zu dem Kapitn und strzte dann aus der Laube. Ich selbst
war einige Augenblicke im Zweifel, ob sie nicht denselben Entschlu
ausfhren wolle, den die Donna fr sich gefat; doch der Weg, den sie
einschlug, fhrte tiefer in den Garten, und sie wollte nur diesem
Jammer entgehen. Der Berliner aber lief ihr ngstlich nach, und als
sich auch der Kapitn losri, ihr zu folgen, strzte die ganze
Gesellschaft, der Kardinal, ich und Signora Campoco, in den Garten.

Wir kamen zu ihnen, als eben Luise erschpft und ohnmchtig
zusammensank. S. fing sie in seinen Armen auf und trug die teure Last
nach einer Bank. Dort wollte ihn der Kapitn verdrngen; er wollte
vielleicht seinen Entschlu zeigen, nur ihr anzugehren; er glaubte
heiligere Rechte an sie zu haben und entfernte den Arm des jungen
Mannes, um den seinigen unterzuschieben.

Doch dieser, ergriffen von Liebe und Schmerz, aufgeregt von der Szene,
die wir gesehen, stie den Kapitn zurck. Fort mit dir!" rief er.
Gehe zu Pfaffen und Ehebrechern, zu Schurken deines Gelichters! Du
hast deine Rolle knstlich gespielt; um diese Blume zu pflcken,
mutest du dich den Armen jenes hergelaufenen Weibe noch einmal
entreien, Hinweg mit dir, du Ehrloser!"

Was sprechen Sie da?" schrie der Kapitn schumend, es mochte in der
Rede des jungen Mannes etwas liegen, was als Wahrheit um so beiender
war. Welche Absichten legen Sie mir unter? Was htte ich getan?
Erklren Sie sich deutlicher!"

Jetzt hast du Worte, Schurke; aber als dieser Engel zu dir flehte, da
hatte deinen Mund die Schande verschlossen. Rhre sie nicht an, oder
ich schlage dich nieder!"

Das kann dir geschehen," entgegnete jener, und einem Blitze gleich
fuhr er mit etwas Glnzendem aus der Tasche nach der Brust des jungen
Mannes.--In Spanien lernt man gut stoen. Der Berliner hatte einen
Messerstich in der Brust und sank, ohne das Haupt der Geliebten zu
lassen, in die Knie.

Jetzt wird der tapfere Hauptmann gewi katholisch," war mein Gedanke,
als das Herzblut des jungen Mannes hervorstrmte; jetzt wird er sich
bergen im Schoe der Kirche!" Und es schien so zu kommen. Denn
willenlos lie, sich der Kapitn von Ines und dem Kardinal wegfhren,
und die Barke stie vom Lande.


       *       *       *       *       *


Wenige Tage nach diesem Vorfall erschien jener glorreiche Tag, an
welchem der Papst vor dem versammelten Volke mir, dem Teufel, alle
Seelen der Ketzer bermacht; ich habe zwar durch diese Anweisung noch
nie eine erhalten und wei nicht, ob Seine Heiligkeit falliert haben
und nun auf der Himmelsbrse keine Geschfte mehr machen, also wenig
Einflu auf das Steigen und Fallen der Seelen haben, oder ob
vielleicht diese Verwnschung nur zur Vermehrung der Rhrung dient, um
den Wirten und Gewerbsleuten in Rom auf versteckte Weise zu verstehen
zu geben, da sie sich kein Gewissen daraus machen sollen, die Beutel
der Englnder, Schweden und Deutschen zu schrpf en, da ihre Seelen
doch einmal verloren seien.

An einem solchen Tage pflegt ganz Rom zusammenzustrmen, besonders die
Weiber kommen gerne, um die Ketzer im Geiste abfahren zu sehen. Man
drngt und schlgt sich auf dem groen Platz, man hascht nach dem
Anblick des heiligen Vaters, und wenn er den heiligen Bannstrahl
herabschleudert, durchzckt ein mchtiges Gefhl jedes Herz, und alle
schlagen an die Brust und sprechen. Wohl mir, da ich nicht bin wie
dieser einer." An diesem Tage aber hatte das Fest noch eine ganz
besondere Bedeutung; man sprach nmlich in allen Zirkeln, in allen
Kaffeehusern, auf allen Straen davon, da ein berhmter, tapferer
ketzerischer Offizier an diesem Tage sich taufen lassen wolle. Dieser
Offizier machte seine Grade erstaunlich schnell durch. Am Montag hie
es, er sei Kapitn, am Dienstag, er sei Major, am Mittwoch war er
Obrist, und wenn man am Donnerstag frhe ein schnes Kind auf der
Strae anhielt, um zu fragen, wohin es so schnell laufe, konnte man
auf die Antwort rechnen: Ei, wisset Ihr nicht, da zur Ehre Gottes
ein General der Ketzer sich taufen lt und ein guter Christ wird wie
ich und Ihr?"

Wer der berhmte Tufling war, werden die Leser meiner Memoiren leicht
erraten. Endlich, endlich war er abgefallen! Sie hatten ihn wohl nach
der Szene in Signoras Garten so lange und heftig mit Vorwrfen,
Bitten, Drohungen, Versprechungen und Trnen bestrmt, da er
einwilligte, besonders da er durch den bertritt nicht nur Absolution
fr seine Seele, was ihm brigens wenig helfen wird, sondern auch
Schutz vor der Justiz bekam, die ihm schon nachzuspren anfing, da der
Berliner einige Tage zwischen Leben und Tod schwebte, und sein
Gesandter auf strenge Ahndung des Mordes angetragen hatte.

Ich stellte mich auf dem Platze so, da der Zug mit dem Tufling an
mir vorber kommen mute. Und sie nahten. Ein langer Zug von Mnchen,
Priestern, Nonnen, andchtigen Mnnern und Frauen kam heran. Ihre
halblaut gesprochenen Gebete rollten wie Orgelton durch die Lfte. Sie
zogen im Kreis um den ungeheuern Platz, und jetzt wurden die Rmer um
mich her aufmerksamer. _Ecco, ecco lo_!" flsterte es von allen
Seiten; ich sah hin--in einem grauen Gewand, das Haupt mit Asche
bestreut, ein Kruzifix in den gefalteten Hnden, nahte mit unsicheren
Schritten der Kapitn. Zwei Bischfe in ihren violetten Talaren gingen
vor ihm, und Chorknaben aller Art und Gre folgten seinen Sch ritten.

Ein schner Ketzer, bei St. Peter! Ein schmucker Mann!" hrte ich die
Weiber um mich her sagen. Welch ein frommer Soldat!"

Wie freut man sich, wenn man sieht, wie dem Teufel eine Seele
entrissen wird!"--

Werden sie ihn vorher taufen oder nachher?"

Vorher," antwortete ein schne schwarzlockiges Mdchen, vorher; denn
nachher verflucht der heilige Vater alle Ketzer, und da wrde er ihn
ja ewig verdammen und nachher segnen und taufen."--

Ach, das verstehst du nicht," sagte ihr Vater, der Papst kann alles,
was er will, so oder so."

Nein, er kann nicht alles," erwiderte sie schelmisch lchelnd; nicht
alles!"

Was kann er denn nicht?" fragten die Umstehenden. Er kann alles; was
sollte er denn nicht knnen?"

Er kann nicht heiraten!" lachte sie; doch nicht so schnell folgt der
Donner dem Blitz, als die schwere Hand des Vaters auf ihre Wange fiel.

Was? Du versndigst dich, Mdchen?" schrie er. Welche unheiligen
Gedanken gibt dir der Teufel ein? Was geht es dich an, ob der Papst
heiratet oder nicht? Dich nimmt er auf keinen Fall."

Das Volk begann indes in die Peterskirche zu strmen, und auch ich
folgte dorthin. Es ist eine lcherlich materielle Idee, wenn die
Menschen sich vorstellen, ich knne in keine christliche Kirche
kommen. So schreiben viele Leute C. M. B. (Caspar, Melchior,
Balthasar) ber ihre Tren und glauben, die drei Knige aus Morgenland
werden sich bemhen, ihre schlechte Htte gegen die Hexen zu schtzen.

Ich drngte mich so weit als mglich vor, um die Zeremonien dieser
Taufe recht zu sehen. Der tapfere Kapitn hatte jetzt sein graues
Gewand mit einem glnzend weien vertauscht und kniete unweit des
Hochaltars. Kardinle, Erzbischfe, Bischfe standen umher, der
ungewisse Schein des Tages, vermischt mit dem Flackern der Lichter,
der Kerzen, welche die Chorknaben hielten, umgab sie mit einem
ehrwrdigen Heiligenschein, der jedoch bei manchem wie Scheinheiligkeit 
aussah. Auf der andern Seite kniete unter vielen schnen Frauen 
Donna Ines mit ihren Kindern. Sie war lockender und reizender als je, 
und wer Luise und ihr sanftes blaues Auge nicht gesehen hatte, konnte 
dem Tufling verzeihen, da er sich durch dieses schne Weib und 
einen listigen Priester unter den Pantoffel St. Petri bringen lie.

Neben mir stand eine schwarzverschleierte Dame. Sie sttzte sich mit
einer Hand an eine Sule, und ich glaubte, sie wre ohne diese Hilfe
auf den Marmorboden gesunken, denn sie zitterte beinahe krampfhaft.
Der Schleier war zu dicht, als da ich ihre Zge erkennen konnte. Doch
sagte mir eine Ahnung, wer es sein knnte. Jetzt erhoben die Priester
den Gesang, er zog mit den blauen Wlkchen des arabischen Weihrauchs
hinauf durch die Gewlbe und berauschte die Sinne der Sterblichen,
bertubte ihre Seelen und ri sie hin zu einer Andacht, die sie zwar
ber das Irdische, aber auch ber die ewigen Gesetze ihrer Vernunft
hinwegfhrt.

Die Priester sangen. Jetzt fing der Tufling an, sein
Glaubensbekenntnis zu sprechen.

Er hat mich nie geliebt," seufzte die Dame an meiner Seite; er hat
auch dich nie geliebt, o Gott, verzeihe ihm diese Snde!"

Er sprach weiter, er verfluchte den Glauben, in welchem er bisher
gelebt.

Gib Frieden seiner Seele," flsterte sie; wir alle irren, so lange
wir sterblich sind, vielleicht hat er den wahren Trost gefunden! La
ihn Frieden finden, o Herr!"

Da fingen die Priester wieder an zu singen. Ihre tiefen Tne drangen
schneidend in das Herz der Dame. Jetzt wurde das Sakrament an ihm
vollzogen; der Kardinal Rocco, im vollen Ornat seiner Wrde, segnete
ihn ein, und Donna Ines warf dem Getauften frohlockende Gre zu.

Vater, la ihm mein Bild nie erscheinen," betete die Dame an meiner
Seite, da nie der Stachel der Reue ihn qule! La ihn glcklich
werden!"

Und mit dem Pomp des heiligen Triumphs schlo die Taufe, und der
Kapitn stand auf, zwar als ein so groer Snder wie zuvor, doch als
ein rechtglubiger katholischer Christ. Das Volk drngte sich herzu
und drckte seine Hnde, und Donna Ines fhrte ihm mit holdem Lcheln
ihre Kinder zu. Aber noch war die Szene nicht zu Ende. Kardinal Luighi
fhrte den Getauften an die Stuf en des Altars, stieg die heiligen
Stufen hinan und las die Messe.

Die Dame im schwarzen Schleier zitterte heftiger, als sie dies alles
sah; ihre Knie fingen an zu wanken. Wer Ihr auch seid, mein Herr,"
flsterte sie mir pltzlich zu, seid so barmherzig und fhrt mich aus
der Kirche; ich fhle mich sehr unwohl." Ich gab ihr meinen Arm, und
die frommste Seele in St. Peters weiten Hallen ging hinweg, begleitet
vom Teufel.

Auf dem Platze vor der Peterskirche deutete sie schweigend auf eine
Equipage, die unfern hielt. Ich fhrte sie dorthin, ich ffnete ihr
den Schlag und bot ihr die Hand zum Einsteigen. Sie schlug den dunklen
Schleier zurck; es war, wie ich mir gesagt hatte, es waren die
bleichen, schnen Zge Luisens. Ich danke, Herr!" sagte sie. Ihr
habt mir einen groen Dienst erwiesen." Noch zitterte ihre Hand in der
meinigen, ihre schnen Augen wandten sich noch einmal nach St. Peter
und fllten sich dann mit einer Trne. Aber schnell schlug sie den
Schleier nieder und schlpfte in den Wagen; die Pferde zogen an, ich
habe sie--nie wieder gesehen.


       *       *       *       *       *


Eine wichtige Angelegenheit, die wankende Sache der hohen Pforte,
welcher ich immer besondere Aufmerksamkeit geschenkt habe, rief mich
an diesem Tage nach ...., wo ich mit einem berhmten Staatsmann eine
Konferenz halten mute. Man kennt die Zuneigung dieses erlauchten
Wesirs eines christlichen Potentaten zum Halbmond; und ich hatte nicht
erst ntig, ihn zu berzeugen, da die Trken seine natrlichen
Alliierten seien. Von .... eilte ich zurck nach Rom. Ich gestehe, ich
war begierig, wie sich die Verhltnisse lsen wrden, in welche ich
verflochten war und die mir durch einige Situationen so interessant
geworden waren.

Der erste, den ich unter der Porta del Popolo traf, war der deutsche
Kaufmann. Er sa in einem schnen Wagen und hatte, wie es schien,
Streit mit einigen ppstlichen Polizeisoldaten. Ich trat als
Stobelberg zu ihm. Lieber Bruder," sagte ich, es scheint, du willst
Sodom verlassen gleich dem frommen Lot?"

Ja, fliehen will ich aus dieser Sttte des Satan," war seine Antwort;
und hier lt mich der Drache auf dem Stuhl des Lammes noch einmal
anhalten, aus Zorn, weil ich einen seiner Baalspfaffen im Christentume
unterweisen wollte."

Ich sah hin und merkte jetzt erst die Ursache des Streites. Die
Polizei hatte, ich wei nicht aus welchem Grunde, den Wagen noch
einmal untersucht. Da war man auf ein Kistchen gestoen und hatte den
Pietisten gefragt, was es enthalte. Geistliche Bcher," antwortete
er. Man glaubte aber nicht, schlo auf, und siehe da, es war ein gutes
Flaschenfutter, und die Polizeimnner wollten wegen seines Betruges
einige Scudi von ihm nehmen.

Aber, Bruder!" sagte ich zu ihm. Eine fromme Seele sollte nach
nichts drsten als nach dem Tau des Himmels, nach nichts hungern als
nach dem Manna des Wortes, und doch fhrst du ein Dutzend Flaschen mit
dir, und hier liegt ein ganzer Pack Salamiwrste? Pfui, Bruder, heit
es nicht: Was werden wir essen, was werden wir trinken, nach dem
allem fragen die Heiden?'"

Bruder," erwiderte jener und drehte die Augen gen Himmel, Bruder,
bei dir mu es noch nicht vllig zum Durchbruch gekommen sein, da du
einem Mann von so felsenfestem Glauben, da du mir solche Fragen
vorlegst. Gerade, da ich nicht zu seufzen brauche: Was werden wir
essen, was werden wir trinken, womit uns kleiden?' Gerade deswegen
habe ich mir den neuen Rock hier gekauft, habe meinen Flaschenkeller
gefllt und diese aus Eselsfleisch bereiteten Wrste gekauft; es
geschah also aus reinem Glaubensdrang, und der Geist hat es mir
eingegeben. Da, ihr lumpigen Shne von Astaroth, ihr Brut des
Basilisken, so auf dem Stuhl des Lammes sitzt und an seinen Klauen
Pantoffeln fhrt, da nehmet diesen hollndischen Dukaten und lasset
mir meine geistlichen Bcher in Ruhe!--So, nun lebe wohl, Bruder, der
Geist komme ber dich und strke deinen Glauben!"

Da fuhr er hin, und wieder werde ich in dem Glauben bestrkt, da
diese christlichen Phariser schlimmer sind als die Kinder der Welt.
Ich ging weiter, den Korso hinab. Am unteren Ende der Strae begegnete
mir der Kardinal Rocco und Piccolo, sein Diener. Der Kardinal schien
sehr krank zu sein; denn ganz gegen die Etikette trug ihm Piccolo
nicht die Schleppe nach, sondern fhrte ihn unter dem Arm, und dennoch
wankte Rocco zuweilen hin und her. Sein Gesicht war rot und glhend,
seine Augen halb geschlossen, und der rote Hut sa ihm etwas schief
auf dem Ohr.

Siehe da, ein bekanntes Gesicht!" rief er, als er mich sah, und blieb
stehen. Komm hierher, mein Sohn, und empfange den Segen. Haben wir
uns nicht schon irgendwo gesehen?"

O ja, und ich, hoffe noch fters das Vergngen zu haben; ich hatte
die Ehre, Ew. Eminenz im Garten der Frau Campoco zu sehen."

Ja, ja! Ich erinnere mich, Ihr seid ein junger Ketzer; wisset Ihr,
woher ich komme? Geradenwegs von dem Hochzeitsschmause des lieben
Paares."

Jetzt konnte ich mir die Krankheit des alten Herrn erklren; die
spanischen Weine der Donna Ines waren ihm wohl zu stark gewesen, und
Piccolo mute ihn jetzt fhren. Ihr waret wohl recht vergngt?"
fragte ich ihn. Es ist doch Euer Werk, da die Donna den Kapitn
endlich doch noch berwunden hat?"

Das ist es, lieber Ketzer," sagte er, stolz lchelnd. Mein Werk ist
es; kommt, gehen wir noch ein paar hundert Schritte zusammen!--Was
wollte ich sagen? Ja--mein Werk ist es; denn ohne mich htte die Donna
gar keine Kunde von ihm bekommen. Ich schrieb ihr, da er sich in Rom
befinde. Ohne mich wre ihre frhere Ehe nicht fr ungltig erklrt
worden; ohne mich wre der Kapitn nicht rechtglubig geworden, was
zur Glorie unserer Kirche notwendig war; ohne mich wre er nicht von
seiner Ketzerin losgekommen,--kurz, ohne mich--ja, ohne mich stnde
alles noch wie zuvor."

Es ist erstaunlich!"

Hret, Ihr gefallt mir, lieber Ketzer. Hrt einmal, werdet auch
rechtglubig. Brauchet Ihr Geld? Knnet haben soviel Ihr wollt, gegen
ein Reverschen, zahlbar gleich nach Sicht. O, damit kann man einen
kstlich in Verlegenheit bringen. Brauchet Ihr eine schne, frische,
reiche Frau? Ich habe eine Nichte, Ihr sollt sie haben. Brauchet Ihr
Ehren und Wrden? Ich will Euch _pro primo_ den goldenen
Sporenorden verschaffen. Es kann ihn zwar jeder Narr um einige Scudi
kaufen--aber Ihr sollet ihn umsonst haben. Wollet Ihr in Eurer
barbarischen Heimat groe Ehrenstellen? Drfet nur befehlen. Wir haben
dort groen Einflu, geheim und ffentlich. Na! was sagt Ihr dazu?"

Der Vorschlag ist nicht bel," erwiderte ich. Ihr seid nobel in
Euern Versprechungen. Ich glaube, Ihr knntet den Teufel selbst
katholisch machen?"

_Anathema sit! anathema sit!_ Es wre uns brigens nicht
schwer," antwortete der Kardinal. Wir knnen ihn von seinen
zweitausendjhrigen Snden absolvieren und dann taufen. berdies ist
er ein dummer Kerl, der Teufel, und hat sich von der Kirche noch immer
berlisten lassen!"

Wisset Ihr das so gewi?"

Das will ich meinen. Zum Beispiel, kennet Ihr die Geschichte, die er
mit einem Franziskaner gehabt?"

Nein, ich bitte Euch, erzhlet!"

Ein Franziskaner zankte sich einmal mit ihm wegen einer armen Seele.
Der Teufel wollte sie durchaus haben und hatte allerdings nach dem Ma
ihrer Snden das Recht dazu. Der Mnch aber wollte sie _in majorem
dei gloriam_ fr den Himmel zustutzen. Da schlug endlich der Satan
vor, sie wollten wrfeln; wer die meisten Augen mit drei Wrfeln
werfe, solle die Seele haben. Der Teufel warf zuerst, und, wie er ein
falscher Spieler ist, warf er achtzehn; er lachte den Franziskaner
aus. Doch dieser lie sich, nicht irre machen. Er nahm die Wrfel und
warf--neunzehn. Und die Seele war sein."

Herr, das ist erlogen," rief ich, wie kann er mit drei Wrfeln
neunzehn werfen?"

Ei, wer fragt nach der Mglichkeit? Genug, er hat's getan, es war ein
Wunder. Nun, kommet morgen in mein Haus, lieber Sohn, wir wollen dann
den Unterricht beginnen."

Er gab mir den Segen und wankte weiter. Nein, Freund Rocco!" dachte
ich. Eher bekomme ich dich als du mich. Von dir lt sich der Satan
nicht berlisten." Es trieb mich jetzt, nach dem Hause des Berliners
zu gehen, den ich schwer verwundet verlassen hatte. Zu meiner groen
Verwunderung sagte man mir, er sei ausgegangen, und werde wohl vor
Nacht nicht zurckkehren. So mute ich den Gedanken aufgeben, heute
noch zu erfahren, wie es ihm ergangen sei, wie das Frulein sich
befinde, ob er wohl Hoffnung habe, jetzt, da der Kapitn auf immer fr
sie verloren sei, sie fr sich zu gewinnen. Es blieb mir keine Zeit,
ihn heute noch zu sehen; denn den Abend ber wute ich ihn nicht zu
finden, und auf die kommende Nacht hatte ich eine Zusammenkunft mit
jenen kleineren Geistern verabredet, die als meine Diener die Welt
durchstreifen.

Ich trat zu diesem Zwecke, als die Nacht einbrach, ins Kolosseum; denn
dies war der Ort, wohin ich sie beschieden hatte. Noch war die Stunde
nicht da; aber ich liebe es, in der Stille der Nacht auf den Trmmern
einer groen Vorzeit meinen Gedanken ber das Geschlecht der
Sterblichen nachzuhngen. Wie erhaben sind diese majesttischen
Trmmer in einer schnen Mondnacht! Ich stieg hinab in den mittleren
Raum. Aus dem blauen, unbewlkten Himmel blickte der Mond durch die
gebrochenen Wlbungen der Bogen herein, und die hohen berwachsenen
Mauern der Ruine warfen lange Schatten ber die Arena. Dunkle
Gestalten schienen durch die verfallenen Gnge zu schweben, wenn ein
leiser Wind die Gestruche bewegte und ihren Schatten hin und wieder
zog. Wo sie schwebten, diese Schatten, da sah man einst ein frhliches
Volk, schne Frauen, tapfere Mnner und die ernste, feierliche Pracht
der kriegerischen Kaiser. Geschlecht um Geschlecht ist hinunter, diese
Mauern allein berdauerten ihre Zeit, um durch ihre erhabenen Formen
diese Sterblichen zu erinnern, wie unendlich grer der Sinn jenes
Volkes war, das einst ein Jahrtausend vor ihnen um diese Sttte lebte.
Die ernste Wrde der Konsuln und des Senates, der kriegerische Prunk
der Csaren und--d i e s e r rmische Hof und d i e s e Rmer!

Der Mond war, whrend ich zu mir sprach, heraufgekommen und stand
jetzt gerade ber dem Zirkus. Ich sah mich um; da gewahrte ich, da
ich nicht allein in den Ruinen sei. Eine dunkle Gestalt sa seitwrts
auf dem gebrochenen Schaft einer Sule. Ich trat nher hin,--es war
Otto von S..... Ich war freudig erstaunt, ihn zu sehen. Ich warf mich
schnell in den Herrn von Stobelberg, um mit ihm zu sprechen. Ich
redete ihn an und wnschte ihm Glck, ihn so gesund zu sehen. Er
richtete sich auf; der Mond beschien ein sehr bleiches Gesicht,
weinende Augen blickten mich wehmtig an, schweigend sank er an meine
Brust.

Sie scheinen noch nicht ganz geheilt, Lieber!" sagte ich. Sie sind
noch sehr bleich; die Nachtluft wird Ihnen schaden!"

Er verneinte es mit dem Haupt, ohne zu sprechen. Was war doch dem
armen Jungen geschehen, hatte er wohl von neuem einen Korb bekommen?
Nun, ein Mittel gibt es wohl, Sie gnzlich zu heilen," fuhr ich fort.
Jetzt steht Ihnen ja nichts mehr im Wege, jetzt wird sie hoffentlich
so sprde nicht mehr sein. Ich will den Brautwerber machen. Sie mssen
Mut fassen, Luise wird Sie erhren, und dann ziehen Sie mit ihr aus
dieser unglcklichen Stadt, fhren sie nach Berlin zu der Tante. Wie
werden sich die sthetischen Damen wundern, wenn Sie Ihre Novelle auf
diese Art schlieen und die holde Erscheinung aus den Lamentationen
persnlich einfhren!"

Er schwieg, er weinte stille.

Oder wie! Haben Sie etwa den Versuch schon gemacht? Sollten Sie
abgewiesen worden sein? Will sie die Rolle der Sprden fortspielen?"

Sie ist tot!" antwortete der junge Mann.

Ist's mglich! Hre ich recht? So pltzlich ist sie gestorben?"

Der Gram hat ihr Herz gebrochen. Heute hat man sie begraben."

Er sagte es, drckte mir die Hand, und einsam weinend ging er durch
die Ruinen des Kolosseums.


       *       *       *       *       *




*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, MITTEILUNGEN AUS DEN MEMOIREN DES SATAN V2 ***

This file should be named 8msv210.txt or 8msv210.zip
Corrected EDITIONS of our eBooks get a new NUMBER, 8msv211.txt
VERSIONS based on separate sources get new LETTER, 8msv210a.txt

Project Gutenberg eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as Public Domain in the US
unless a copyright notice is included.  Thus, we usually do not
keep eBooks in compliance with any particular paper edition.

We are now trying to release all our eBooks one year in advance
of the official release dates, leaving time for better editing.
Please be encouraged to tell us about any error or corrections,
even years after the official publication date.

Please note neither this listing nor its contents are final til
midnight of the last day of the month of any such announcement.
The official release date of all Project Gutenberg eBooks is at
Midnight, Central Time, of the last day of the stated month.  A
preliminary version may often be posted for suggestion, comment
and editing by those who wish to do so.

Most people start at our Web sites at:
http://gutenberg.net or
http://promo.net/pg

These Web sites include award-winning information about Project
Gutenberg, including how to donate, how to help produce our new
eBooks, and how to subscribe to our email newsletter (free!).


Those of you who want to download any eBook before announcement
can get to them as follows, and just download by date.  This is
also a good way to get them instantly upon announcement, as the
indexes our cataloguers produce obviously take a while after an
announcement goes out in the Project Gutenberg Newsletter.

http://www.ibiblio.org/gutenberg/etext04 or
ftp://ftp.ibiblio.org/pub/docs/books/gutenberg/etext04

Or /etext03, 02, 01, 00, 99, 98, 97, 96, 95, 94, 93, 92, 92, 91 or 90

Just search by the first five letters of the filename you want,
as it appears in our Newsletters.


Information about Project Gutenberg (one page)

We produce about two million dollars for each hour we work.  The
time it takes us, a rather conservative estimate, is fifty hours
to get any eBook selected, entered, proofread, edited, copyright
searched and analyzed, the copyright letters written, etc.   Our
projected audience is one hundred million readers.  If the value
per text is nominally estimated at one dollar then we produce $2
million dollars per hour in 2002 as we release over 100 new text
files per month:  1240 more eBooks in 2001 for a total of 4000+
We are already on our way to trying for 2000 more eBooks in 2002
If they reach just 1-2% of the world's population then the total
will reach over half a trillion eBooks given away by year's end.

The Goal of Project Gutenberg is to Give Away 1 Trillion eBooks!
This is ten thousand titles each to one hundred million readers,
which is only about 4% of the present number of computer users.

Here is the briefest record of our progress (* means estimated):

eBooks Year Month

    1  1971 July
   10  1991 January
  100  1994 January
 1000  1997 August
 1500  1998 October
 2000  1999 December
 2500  2000 December
 3000  2001 November
 4000  2001 October/November
 6000  2002 December*
 9000  2003 November*
10000  2004 January*


The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been created
to secure a future for Project Gutenberg into the next millennium.

We need your donations more than ever!

As of February, 2002, contributions are being solicited from people
and organizations in: Alabama, Alaska, Arkansas, Connecticut,
Delaware, District of Columbia, Florida, Georgia, Hawaii, Illinois,
Indiana, Iowa, Kansas, Kentucky, Louisiana, Maine, Massachusetts,
Michigan, Mississippi, Missouri, Montana, Nebraska, Nevada, New
Hampshire, New Jersey, New Mexico, New York, North Carolina, Ohio,
Oklahoma, Oregon, Pennsylvania, Rhode Island, South Carolina, South
Dakota, Tennessee, Texas, Utah, Vermont, Virginia, Washington, West
Virginia, Wisconsin, and Wyoming.

We have filed in all 50 states now, but these are the only ones
that have responded.

As the requirements for other states are met, additions to this list
will be made and fund raising will begin in the additional states.
Please feel free to ask to check the status of your state.

In answer to various questions we have received on this:

We are constantly working on finishing the paperwork to legally
request donations in all 50 states.  If your state is not listed and
you would like to know if we have added it since the list you have,
just ask.

While we cannot solicit donations from people in states where we are
not yet registered, we know of no prohibition against accepting
donations from donors in these states who approach us with an offer to
donate.

International donations are accepted, but we don't know ANYTHING about
how to make them tax-deductible, or even if they CAN be made
deductible, and don't have the staff to handle it even if there are
ways.

Donations by check or money order may be sent to:

Project Gutenberg Literary Archive Foundation
PMB 113
1739 University Ave.
Oxford, MS 38655-4109

Contact us if you want to arrange for a wire transfer or payment
method other than by check or money order.

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation has been approved by
the US Internal Revenue Service as a 501(c)(3) organization with EIN
[Employee Identification Number] 64-622154.  Donations are
tax-deductible to the maximum extent permitted by law.  As fund-raising
requirements for other states are met, additions to this list will be
made and fund-raising will begin in the additional states.

We need your donations more than ever!

You can get up to date donation information online at:

http://www.gutenberg.net/donation.html


***

If you can't reach Project Gutenberg,
you can always email directly to:

Michael S. Hart <hart@pobox.com>

Prof. Hart will answer or forward your message.

We would prefer to send you information by email.


**The Legal Small Print**


(Three Pages)

***START**THE SMALL PRINT!**FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS**START***
Why is this "Small Print!" statement here? You know: lawyers.
They tell us you might sue us if there is something wrong with
your copy of this eBook, even if you got it for free from
someone other than us, and even if what's wrong is not our
fault. So, among other things, this "Small Print!" statement
disclaims most of our liability to you. It also tells you how
you may distribute copies of this eBook if you want to.

*BEFORE!* YOU USE OR READ THIS EBOOK
By using or reading any part of this PROJECT GUTENBERG-tm
eBook, you indicate that you understand, agree to and accept
this "Small Print!" statement. If you do not, you can receive
a refund of the money (if any) you paid for this eBook by
sending a request within 30 days of receiving it to the person
you got it from. If you received this eBook on a physical
medium (such as a disk), you must return it with your request.

ABOUT PROJECT GUTENBERG-TM EBOOKS
This PROJECT GUTENBERG-tm eBook, like most PROJECT GUTENBERG-tm eBooks,
is a "public domain" work distributed by Professor Michael S. Hart
through the Project Gutenberg Association (the "Project").
Among other things, this means that no one owns a United States copyright
on or for this work, so the Project (and you!) can copy and
distribute it in the United States without permission and
without paying copyright royalties. Special rules, set forth
below, apply if you wish to copy and distribute this eBook
under the "PROJECT GUTENBERG" trademark.

Please do not use the "PROJECT GUTENBERG" trademark to market
any commercial products without permission.

To create these eBooks, the Project expends considerable
efforts to identify, transcribe and proofread public domain
works. Despite these efforts, the Project's eBooks and any
medium they may be on may contain "Defects". Among other
things, Defects may take the form of incomplete, inaccurate or
corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged
disk or other eBook medium, a computer virus, or computer
codes that damage or cannot be read by your equipment.

LIMITED WARRANTY; DISCLAIMER OF DAMAGES
But for the "Right of Replacement or Refund" described below,
[1] Michael Hart and the Foundation (and any other party you may
receive this eBook from as a PROJECT GUTENBERG-tm eBook) disclaims
all liability to you for damages, costs and expenses, including
legal fees, and [2] YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE OR
UNDER STRICT LIABILITY, OR FOR BREACH OF WARRANTY OR CONTRACT,
INCLUDING BUT NOT LIMITED TO INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE
OR INCIDENTAL DAMAGES, EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE
POSSIBILITY OF SUCH DAMAGES.

If you discover a Defect in this eBook within 90 days of
receiving it, you can receive a refund of the money (if any)
you paid for it by sending an explanatory note within that
time to the person you received it from. If you received it
on a physical medium, you must return it with your note, and
such person may choose to alternatively give you a replacement
copy. If you received it electronically, such person may
choose to alternatively give you a second opportunity to
receive it electronically.

THIS EBOOK IS OTHERWISE PROVIDED TO YOU "AS-IS". NO OTHER
WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, ARE MADE TO YOU AS
TO THE EBOOK OR ANY MEDIUM IT MAY BE ON, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR A
PARTICULAR PURPOSE.

Some states do not allow disclaimers of implied warranties or
the exclusion or limitation of consequential damages, so the
above disclaimers and exclusions may not apply to you, and you
may have other legal rights.

INDEMNITY
You will indemnify and hold Michael Hart, the Foundation,
and its trustees and agents, and any volunteers associated
with the production and distribution of Project Gutenberg-tm
texts harmless, from all liability, cost and expense, including
legal fees, that arise directly or indirectly from any of the
following that you do or cause:  [1] distribution of this eBook,
[2] alteration, modification, or addition to the eBook,
or [3] any Defect.

DISTRIBUTION UNDER "PROJECT GUTENBERG-tm"
You may distribute copies of this eBook electronically, or by
disk, book or any other medium if you either delete this
"Small Print!" and all other references to Project Gutenberg,
or:

[1]  Only give exact copies of it.  Among other things, this
     requires that you do not remove, alter or modify the
     eBook or this "small print!" statement.  You may however,
     if you wish, distribute this eBook in machine readable
     binary, compressed, mark-up, or proprietary form,
     including any form resulting from conversion by word
     processing or hypertext software, but only so long as
     *EITHER*:

     [*]  The eBook, when displayed, is clearly readable, and
          does *not* contain characters other than those
          intended by the author of the work, although tilde
          (~), asterisk (*) and underline (_) characters may
          be used to convey punctuation intended by the
          author, and additional characters may be used to
          indicate hypertext links; OR

     [*]  The eBook may be readily converted by the reader at
          no expense into plain ASCII, EBCDIC or equivalent
          form by the program that displays the eBook (as is
          the case, for instance, with most word processors);
          OR

     [*]  You provide, or agree to also provide on request at
          no additional cost, fee or expense, a copy of the
          eBook in its original plain ASCII form (or in EBCDIC
          or other equivalent proprietary form).

[2]  Honor the eBook refund and replacement provisions of this
     "Small Print!" statement.

[3]  Pay a trademark license fee to the Foundation of 20% of the
     gross profits you derive calculated using the method you
     already use to calculate your applicable taxes.  If you
     don't derive profits, no royalty is due.  Royalties are
     payable to "Project Gutenberg Literary Archive Foundation"
     the 60 days following each date you prepare (or were
     legally required to prepare) your annual (or equivalent
     periodic) tax return.  Please contact us beforehand to
     let us know your plans and to work out the details.

WHAT IF YOU *WANT* TO SEND MONEY EVEN IF YOU DON'T HAVE TO?
Project Gutenberg is dedicated to increasing the number of
public domain and licensed works that can be freely distributed
in machine readable form.

The Project gratefully accepts contributions of money, time,
public domain materials, or royalty free copyright licenses.
Money should be paid to the:
"Project Gutenberg Literary Archive Foundation."

If you are interested in contributing scanning equipment or
software or other items, please contact Michael Hart at:
hart@pobox.com

[Portions of this eBook's header and trailer may be reprinted only
when distributed free of all fees.  Copyright (C) 2001, 2002 by
Michael S. Hart.  Project Gutenberg is a TradeMark and may not be
used in any sales of Project Gutenberg eBooks or other materials be
they hardware or software or any other related product without
express permission.]

*END THE SMALL PRINT! FOR PUBLIC DOMAIN EBOOKS*Ver.02/11/02*END*

