The Project Gutenberg EBook of Der letzte Zentaur, by Paul Heyse

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Title: Der letzte Zentaur

Author: Paul Heyse

Posting Date: September 21, 2012 [EBook #9066]
Release Date: October, 2005
First Posted: September 2, 2003

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK DER LETZTE ZENTAUR ***




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Der letzte Zentaur

Paul Heyse

Novelle

(1904)






Vom Turm der Frauenkirche schlug es Mitternacht.

Ich kam aus einer Gesellschaft, in der man sich vergebens bemht hatte,
eine sehr lahme und trockene Unterhaltung mit gutem Wein in Flu zu
bringen.  Der Kopf war mir immer heier geworden und das Herz immer
khler.  Endlich hatte ich mich weggestohlen in den sommerwarmen
Mondschein hinaus und schlenderte ziellos durch die totenstille,
taghelle Stadt, um den Unmut ber die verlorenen Stunden verdampfen zu
lassen.  Als ich an der ehrwrdigen Marienkirche vorbei durch das
Frauengchen in die Kaufingergasse trat, blieb ich pltzlich stehen.

Mir gegenber lag, seine drei Stockwerke mit den dunklen Fenstern
gegen Mitternacht erhebend, ein wohlbekanntes Haus mit vorspringender
Ecke und einem blauen Laternchen ber dem Eingang, in dem ich vor mehr
als einem Jahrzehnt manche unvergeliche Nacht bei schlechterem
Getrnk als heute, aber unter feurigeren Gesprchen zugebracht hatte.
Ich las die Inschrift ber der zierlich geschnitzten, von zwei
Karyatiden gesttzten Holzumrahmung des Torwegs: "Weinhandlung von
August Schimon".

Jawohl, sagte ich vor mich hin, die Zeiten wandeln sich und wir mit
ihnen!  Das ist noch derselbe Name, der damals in jeder Woche unsre
Losung war.  Aber der ihn trug, der behbige Mann mit dem schwarzen
Kraushaar und den verschmitzten kleinen Augen,--wo ist er hingekommen?
Sein Glcksstern hatte nur ber diesem Hause leuchten wollen.  Als er
es verlie, um in einem prachtvollen Hotel den Wirt zu machen, war es
mit ihm rckwrts gegangen, bis zu einem traurigen Ende.  Seine
Gutmtigkeit soll ihn in unglckliche Spekulationen anderer verwickelt
haben, vielleicht auch ein phantastischer Zug zum Groen und Gewagten,
den er mit einigen seiner Gste gemein hatte.  Er war eben ein
Idealist unter den Gastwirten, und sein Andenken ist mir teuer
geblieben, trotz seiner Weine, auf die Freund Emanuel damals nach der
Melodie des Dies irae die schne Strophe dichtete:


Sed post Schimonense vinum
Malum venit matutinum,
Luctum quod vocant felinum!


Heutzutage, da die Erben das Geschft fortsetzen, sollen die Weine
sich bedeutend gebessert haben und der alten Firma Ehre machen.  Aber
knnen die besten neuen Weine fr die gute alte Gesellschaft
entschdigen, die nun nicht mehr von ihnen trinkt und den trben
Lethetrank oder selbst den Nektar der Unsterblichkeit gern hingbe um
ein paar Flaschen jenes dunkelroten Ungarweines, den wir mit
Todesverachtung und "festlich hoher Seele" so manchmal hier "dem
Morgen zugebracht"?  Wie gern lie' ich alles morgendliche Nachweh
ber mich ergehen, knnt' ich noch einmal dich, teurer Genelli, hinter
dem Tische in dem niedrigen leichtangerauchten Weinstbchen sitzen
sehen, die volle Unterlippe halb freudig, halb trotzig aufgeworfen,
whrend eine gttliche Kinderfrhlichkeit dir aus den Augen blitzte!
Damals warst du noch nicht Groherzoglich Weimarischer Professor und
Falkenritter; du hattest noch nicht in dem Freiherrn von Schack den
Mzen gefunden, der dich in den Stand setzte, die Entwrfe deiner
Jugend endlich nach jahrzehntelangem Hoffen und Harren in Farben
auszufhren.  Oben in deinem bescheidenen Quartier am Stadtgarten
saest du, und die Gesellschaft deiner Gtter und Heroen lie dich die
Welt vergessen, die dich verga.  Aber wenn du auch oft zu warm warst,
um die Bleistifte zu bezahlen, mit denen du, in zarten Linien leicht
umrissen, deine Trume von den Gttern Griechenlands auf reinliche
Bltter schriebst: nie sah ich den Schatten von Erdennot und Sorge auf
deiner olympischen Stirn, die wie ein Berggipfel ber allem Gewlk
sich im ewigen ther sonnte.  Und wie auch die Sorge an deinem Herde
die Rolle des Heimchens spielen mochte--einmal in jeder Woche lenktest
du den Schritt zu diesem Hause, um den Anflug von Staub und Moder, der
sich etwa an deine Seele zu setzen versucht, im Weine wegzusplen.  Ob
der wackere Schimon die Ehre zu schtzen wute, die du ihm antatest?
Ich entsinne mich kaum, da ich dich deinen Wein htte bezahlen sehen,
wie andere Erdenshne.  Freilich warst du auch stets der Letzte, der
ging, noch ganz aufrechten Hauptes und festen Ganges, gefeit gegen das
vielberufene malum matutinum, und auch darum vielleicht unserm Wirt so
teuer, weil du den Glauben an die Unverflschtheit seines roten Ungar
mit der Macht deiner Rede und deines Beispiels verteidigtest.

Schne, ambrosische Mitternchte, wenn der zweifelhafte Nektar seine
Kraft bewies und den Meister ber alle Not der Gegenwart hinweg in
seine rmische Jugend zurckfhrte!  Dann wurden, whrend Dichtung und
Wahrheit sich traulich in eins verschlangen, die Schatten der wackeren
Vorfahren heraufbeschworen, die in Rom zuerst, nach Winckelmanns und
Carstens Heimgange, der deutschen Kunst eine Freisttte bereitet
hatten.  Der seltsame Poet und seltsamere Maler, der als Maler Mller
dem heutigen Geschlecht trotz neuer Ausgaben seiner Schriften nur noch
dem Namen nach bekannt ist, und von dem Genelli gern eine Strophe
anfhrte, die er sehr bewunderte, eine Inschrift auf einem Trinkgef,
folgender Fassung:

Trinke, Freund, aus dieser Schale,
Die der Gott der Lust
Einst geformt bei einem Gttermahle
Auf Cytherens Brust.

Als zweiter dann, der nicht minder wunderliche Tiroler Koch, von
dessen trefflichen Landschaften jedoch weniger gesprochen wurde, als
von seiner "Rumfordschen Suppe", jener mit derbem Witz und bitterem
Hohn reichlich berpfefferten Herzensergieung ber den Verfall der
Kunst, deren Kraftstellen unser Freund mit schmunzelndem Behagen zu
zitieren liebte.  Endlich der alte Reinhard, ein wackerer Meister in
seiner Art, und doch minder gro und glcklich als Knstler, denn als
Jger.  Noch hr' ich Genelli die berhmte Geschichte erzhlen, wie
der alte Nimrod eines Tages im Zwielicht mit leerer Jagdtasche und dem
Schu noch in der Flinte in sein dmmriges Zimmer trat, unwirsch ber
den verlorenen Tag.  Da sieht er auf seinem Tisch etwas sich regen,
als ob es davon laufen wolle, und in ungekhlten Jagdtriebe reit er,
ohne sich zu besinnen, das Gewehr von der Schulter, legt an und
schiet.  Als er hinzutritt, zu sehen, was er geschossen, findet er
einen alten Kse, den die Kugel glatt durchbohrt hat, ohne doch das
tausendfltige Leben in ihm zu tten.

Das ist eine von den sogenannten Jagdgeschichten! erlaubte sich,
whrend die anderen lachten, ein kleiner drrer Mann zu bemerken, der
den Kunstkritiker machte, fr den Realismus schwrmte, dennoch aber
sich hufig an diesem Tisch einfand, wo die idealistischen Sptter
saen.  Sie wollen uns doch nicht zumuten, Genelli, an diese Ksejagd
zu glauben?

Der Meister blitzte ihn mit seinem gutmtigsten Jupiterblicke an.

Ihnen mute ich berhaupt nicht zu, etwas zu glauben, was Sie nicht
sehen, sagte er.  Aber wenn diese Geschichte nicht wahr ist, so ist
auch die folgende erlogen, die ich doch selbst erlebt habe.  Es war in
Leipzig; ich stehe eines Abends am Fenster meiner Wohnung und blicke
auf den Markt hinunter.  Da sehe ich ein kleines altes Weibchen, das
langsam mit trippelnden Schritten ihres Weges geht und mit einem
Stckchen auf dem Pflaster etwas vor sich her zu treiben scheint, was
ich nicht erkenne.  Ich gehe endlich hinunter, um zu sehen, was es ist.
Was war es?  Eine Herde kleiner alter Handkse, die das Weibchen auf
diese Art zu Markte trieb.

Nun fand es auch der kleine Kritiker geraten, mitzulachen.  Er wute,
er durfte die Langmut des Olympiers nicht zu sehr auf die Probe
stellen, wenn er nicht mit einer vollen Ladung Rumfordscher Suppe
berschttet sein wollte.  Denn als der einzige Realist unter uns
Idealisten htte er, trotz seiner zweischneidigen Zunge, den krzeren
gezogen.

Nur einer lachte nicht mit, dessen aschfarbenes, schlechtrasiertes
Gesicht ich berhaupt nie habe lachen sehen, obwohl ihm bei allem, was
Genelli tat und sagte, in heimlicher Bewunderung das Herz im Leibe
lachte: ein langer, hagerer, scheublickender Mann, in sehr schbigem
Rock, von veraltetem Schnitt, der in einem kahlen Zimmerchen, wie es
hie, von der Luft lebte und nie etwas anderes tat, als da er, wenn
ein tollkhner Kunsthndler sich zu einem solchen Unternehmen
aufschwang, Genellis Entwrfe in leichter Umrimanier in Kupfer stach.
Dies, und das Bewutsein, Platens Freundschaft besessen zu haben,
waren deine einzigen Lebensfreuden, ehrlicher Schtz.  "Die Treue, sie
ist kein leerer Wahn!" Und du hast sie redlich bis ans Ende bewhrt.
Als dein Meister zu den Schatten hinabstieg, um sich auf der
Asphodeloswiese zu seinen homerischen Helden, seiner Hexe und seinem
Wstling zu gesellen, litt es auch dich nicht lnger hier oben in der
Sonne.  Ein Schatten eines Schattens zu sein, schien die rhmlicher,
als hier noch lnger krperlos herumzuwanken.

Ein anderer der Getreuen war schon vorausgegangen: der edle,
hochsinnige Holsteiner Charles Ro, dessen Landschaften mit
Verschmhung der modernen Virtuosenknste jener certa idea
nachstrebten, die einst einen Poussin und Claude begeistert hatte.  An
seiner sthlernen Mannesseele, der es an schneidigen Ecken und Kanten
nicht fehlte, hatte die weiblich zarte Hlle vor der Zeit sich
zerrieben.  Denn auer dem Schmerz, in einer Epoche zu leben, die in
der Kunst ganz andere Gtter verehrte, als die ihm die wahren schienen,
drckte auf ihn der Lebenskummer um die gefesselte und geknechtete
Heimat, deren Befreiung und Heimkehr zu den deutschen Stammesgenossen
er nicht mehr erleben sollte.  Auch ihn, wie Genelli, habe ich nie
klagen hren, wohl aber zrnen und spotten hren, wobei dann seine
sanften blauen Augen unter der weien, von blondem Haar berwallten
Stirn seltsam leuchteten wie vom Widerschein seiner sthlernen Seele.
An Genelli hat er in dessen sorgenvollster Zeit mehr getan als irgend
ein anderer seiner Freunde; er war es auch, der ihm in Baron Schack
den hilfreichen Gnner und Freund zufhrte und die Bestellung seines
Raubes der Europa vermittelte, wodurch dem Einsamen auf der Schwelle
des Alters noch einmal die Genugtuung wurde, sein bestes Wollen und
Knnen in einer Reihe groer Schpfungen auszusprechen, freilich nicht
ganz ohne Spuren der langen Vereinsamung, in der er seine
kraftvollsten Jahre hingefristet hatte.

Soll ich die anderen noch aufzhlen, die Jngeren, die sich an jenen
Abenden um den Meister scharten?  Sie leben und schaffen noch, und
nicht alle sind dem Bekenntnis jener stillen Gemeinde treugeblieben,
deren Stolz es war, eine ecclesia pressa zu sein und allem schwchlich
drren und seelenlosen Unwesen des modernen knstlerischen
Rationalismus den Rcken zu kehren.  Einer aber, der es uerlich am
weitesten gebracht und die Genukraft des alten Heidentums nicht blo
darum besa, um desto schmerzlicher zu entbehren, sondern in vollen
Zgen Lebensfreuden schlrfte, Karl Rahl,--auch er ist schon zu jener
stillen Schar versammelt, die er auf Erden nur dann und wann besuchte,
aus Italien oder von Wien herberreisend, um dem alten Freunde die
Hand zu schtteln und ein paar Tage aus dem vollen mit ihm zu leben.

Ich sehe ihn noch, wie er bei einem dieser Besuche auch abends zu
Schimon kam und alle, die ihn noch nicht kannten in Erstaunen setzte
durch die unerhrten Massen Fleisches, die er ruhig, ohne viel
Aufhebens von seinem Appetit oder der Zubereitung zu machen, rein zur
Stillung des dringendsten Bedrfnisses zu sich nahm.  Er hatte etwas
vom Lwen, der mit gleicher Wrde und Kraft, ohne Gier und
Feinschmeckerei seine Kost zermalmt.  Da begreift man, sagte der
Kunstkritiker mir ins Ohr, da das Fleischmalen seine Force ist, bei
solchen Naturstudien!--Aber als er dann satt war und sich nun in die
Unterhaltung mischte, konnte man merken, da der Leib sich nicht auf
Kosten des Geistes so heroisch nhrte.  Denn unmerklich ohne
rhetorische Knste, mit der unscheinbaren Gewalt eines reichen Wissens
und eines hellen Verstandes, der allen Ideenstoff sofort in Saft und
Blut verwandelte, fing er an das Gesprch zu beherrschen, da wir alle
an seinen Lippen hingen, whrend es von der kahlen Stirn des
geistreichen Satyrgesichts wie eine prophetische Flamme leuchtete.
Genelli sa schweigsam neben ihm, verklrt von dem brderlichen Stolz,
seinen Freund aus allen Wortkmpfen als Sieger hervorgehen zu sehen.
Er trank an dem Abend fr zwei, whrend Rahl kaum einmal vom Ungar
nippte.  So saen sie wie die Dioskuren beisammen, jeder auf seinen
Stern vertrauend, den Stern der Schnheit, der in die dampfumwlkte
Gegenwart nur trbe hereinleuchtete, in solchen Nchten aber den
Eingeweihten im alten hellenischen Glanz erschien.

Solche Nchte!  Wie lange schon waren sie verglht und verglommen, und
wie hell leuchteten sie beim Anblick jenes Hauses in der Erinnerung
auf.  Vieles hatten die Jahre seitdem gebracht, redliche Kmpfe und
frhliche Siege, heitere Tage und Nchte genug mit alt' und jungen
Freunden--solche Nchte nicht wieder!

Eine feierliche Wehmut berkam mich; ich lie den Kopf auf die Brust
sinken und vertiefte mich eine Weile in den Abgrund dieses
geheimnisvollen Erdendaseins.  In die Tr mir gegenber war ich,
seitdem die stille Gemeinde in alle Winde zerstreut war, nie wieder
eingetreten.  Was hatte ich dort auch zu suchen?  Heute fhlte ich
einen unwiderstehlichen Trieb, wenigstens in den langen Flur
hineinzusphen, durch den uns sonst der kleine schwindschtige Kellner,
Karl, der nun auch lngst einen besseren Schlaf geniet,
hinauszuleuchten pflegte, um das Haustor hinter uns zu schlieen.  Ich
versuchte den Trgriff, und obwohl die Polizeistunde schon lngst
vorber war, gab die Tr dennoch willig und geruschlos nach.  Es
muten noch Gste drin beim Weine sitzen.

Aber um keinen Preis der Welt htte ich's bers Herz gebracht, fremde
Gesichter an der geweihten Sttte zu sehen.

Ich setzte mich, um nur noch einen Augenblick in der Stille meinen
Erinnerungen nachzuhngen, auf eines der leeren Fsser, die an der
Wand standen, und sah den tiefen Hausgang hinunter, aus dessen
Hintergrunde eine schlfrig rote Laterne mich vertraulich anblinzte.
Es war im Hause totenstill, und eine seltsame Moderkhle, mit
Weingeruch vermischt, wehte mich aus Flur und Kellertreppe an.  Dann
und wann hrte ich drauen einen Nachtschwrmer vorbeitrappen und
konnte an seinem gleichen oder ungleichen Schritt erkennen, ob es ihm
khl oder schwl unterm Hute war.  Durch die halboffene Tr fiel ein
armsdicker gleiender Strahl des Mondlichtes herein, auf den ich
unverwandt starren mute, als sollte mir von daher, wie weiland Jakob
Bhme durch den Sonnenstrahl auf einer zinnernen Schssel, eine
mystische Offenbarung zuteil werden.  Ich wartete aber umsonst--und
ber dem Harren und Sinnen wollten mir endlich eben die Augen
zufallen-Da kam ein schlurfender Schritt aus der Tiefe des Hausgangs
auf mich zu, jener bekannte schlaftrunkene Kellnerschritt in
ausgetretenen Hausschuhen.  Ich dachte, man komme mich hier
wegzuweisen, damit das Haus geschlossen werden knnte, und fuhr in die
Hhe.  Erschrocken sah ich die wohlbekannte Gestalt des kleinen Karl
vor mir stehen.

Sie sind es? sagte ich.  Wie kommen Sie denn wieder hierher?  Sind sie
denn nicht lngst-Er sah mich aus seinen mden, gerteten Augen so
wunderlich an, da mir das Wort in der Kehle stecken blieb.

Die Herren schicken mich, sagte er in schlfrig-leisem Ton, um zu
sehen, ob Sie denn noch nicht kommen.  Es sei schon sehr spt, und sie
wrden nicht mehr lange bleiben.

Welche Herren? fragte ich, whrend ich von meiner Tonne herunterstieg.

Sie kennen sie ja wohl, erwiderte der Kleine und wendete sich schon,
um wieder hineinzugehen.  brigens wie sie wollen.  Die Herren
meinten nur-Damit ging er mir voran, und ich besann mich nicht lnger,
der seltsamen Einladung zu folgen.  Auch fhlte ich, wunderbarerweise,
nicht den leisesten unheimlichen Schauer.  Ich knnte fast glauben,
dies sei ein Traum, sagte ich so fr mich hin; aber ich habe doch die
Augen weit offen und sehe die rote Laterne und hre das Hsteln des
kleinen Karl.  Nun, was es auch sei und wen ich auch sehen werde,--in
diesem Haus und unter so guten Freunden brauche ich mich nicht zu
frchten.

Und doch, als wir uns der Tr der Weinstube nherten, mute ich
pltzlich stehen bleiben.  Das Herz klopfte mir heftig, und eine tiefe
Rhrung berschauerte mich.  Denn aus dem Innern hrte ich nun
deutlich eine unvergeliche Stimme, die mir zum letzten Male so
wehmtig Lebewohl zugerufen hatte auf dem verschneiten Schiller-und-
Goethe-Platz zu Weimar.

Er soll nur hereinkommen, erscholl die Stimme wieder, mit der alten
freudigen Kraft und Frische.  Per Bacco! er wird doch dem Wein nicht
abgeschworen haben und unter die Wasserdichter oder Bierphilister
gegangen sein?  Guten Abend, Freund!  Setzen Sie sich zu uns.  Der
Schtz wird ein wenig Platz machen.  Oder wollen Sie sich lieber bei
Charles Ro niederlassen?  Karl, noch einen Spitz!  Man lebt nur
einmal--htt ich beinah gesagt.

Ich war eingetreten, und ein rascher Blick hatte mir gezeigt, da ich
unter lauter Bekannten war.  Auf seinem gewhnlichem Platz an der Wand
mein alter Genelli, neben ihm, etwas magerer und blasser und, wie es
schien, in trbseliger Laune sein Dioskurenzwilling, gegenber die
beiden schon genannten, die auseinanderrckten, um mir einen Platz in
ihrer Mitte freizumachen.  Sie nickten mir alle zu, und Freund Ro
murmelte etwas, das ich nicht verstand.  Keiner aber bot mir die Hand,
und auch sonst war ein Zug von Fremdheit, Ernst und Kummer in ihren
Mienen, der mich nachdenklich machte.  Vor einem jeden stand eine
halbvolle Flasche und ein Glas mit rotem Wein, aus dem sie dann und
wann in bedchtiger Stille einen langen Zug tranken.  Dann glhten fr
einen Augenblick die bleichen Wangen und matten Augen, und es fuhr ein
Zucken durch ihren Krper, als wollten sie eine Last abschtteln.
Gleich darauf saen sie wieder starr und stumm und senkten die Blicke
ins Glas.

Ich konnte, obwohl keine Gasflamme brannte, jede Miene in diesen
vertrauten Gesichtern deutlich erkennen, denn der Mond schien mit
blendender Klarheit durch ein Seitenfenster herein und erleuchtete
gerade unseren Tisch, whrend die Winkel des Gemachs dunkel blieben.
Nun regte sich dahinten noch eine Gestalt und nherte sich mir, mich
zu begren.  Ich erkannte den schwarzen, schon etwas mit Silber
angesprengten Krauskopf unseres Wirts und wunderte mich ber mich
selbst, da mich dieses Wiedersehen fast lebhafter erschtterte als
das der trefflichen Freunde.

Sie bemhen sich in Person, Herr Schimon, rief ich, als ich ihn Glas
und Flasche vor mich hinstellen sah.  Wahrhaftig, ich htte mir nicht
trumen lassen, da ich noch einmal das Vergngen haben wrde--Wieder
brachte ich den Satz nicht zu Ende, denn ich sah pltzlich alle Blicke
auf mich gerichtet, als frchte man, da ich etwas Ungeschicktes sagen
mchte.

Unser Herr Wirt darf doch nicht fehlen, wenn wir uns einmal wieder
eine gute Stunde gnnen! fiel mir Genelli ins Wort.  Setzen Sie sich
zu uns, Herr Schimon.  Ihr Wein will heute nicht recht wrmen.  Und
was haben Sie sich fr eine sparsame Gasbeleuchtung angeschafft?
Gleichviel! wo solche Leute beisammen sitzen, knnen sie ihr eigenes
Licht leuchten lassen.  Aber mit dem Rahl ist nichts anzufangen.
Celesti dei! wie kann man sich gewisse unvermeidliche Dinge dermaen
zu Herzen nehmen!  Der Mensch lebt nicht von Fleisch allein, und der
ganze brige Bettel--pah!

Er rmpfte, wie er es gern tat, wenn ihm wohl war von trotzigem
Selbstgefhl, die volle Unterlippe und leerte sein Glas auf einen Zug.
--Niemand sprach ein Wort; der kleine Karl schlich mit einer vollen
Flasche heran und setzte sie vor den Meister hin.  Ich sah jetzt, da
Genelli der einzige war, dessen Augen kein Hauch von Trbsinn und
Mdigkeit verschleierte, und da der mchtige Kopf auf dem Stiernacken
noch so ungebeugt sich bewegte wie je in seinen lebensfrohesten Tagen.

Nun sagen Sie, wandte er sich wieder zu mir, wie luft die Welt?  Was
treiben Sie?  Was macht das groe Irrlicht?  Nhrt es sein windiges
Flmmchen noch immer aus dem Sumpfboden der faulen Zeit und seiner
eigenen Nichtsnutzigkeit?  Ich habe Ihnen einmal die Karikaturen
gezeigt, die ich auf diesen groen Impostor gemacht habe; sie sind
freilich noch nicht zeitgem, aber auch ihre Zeit wird kommen, wenn
berhaupt noch ein Hahn nach ihm krht, sobald er das Zeitliche
gesegnet hat.  Pah! der wird sich wundern, wenn er an einen gewissen
Flu kommt und bergesetzt sein will und der alte Fhrmann ihm erst
den Pa revidiert.  Aber wir wollen uns den Wein nicht verderben.  Es
lebe, wer's ehrlich meint!

Jeder erhob sein Glas, ich wollte mit Charles Ro anklingen, merkte
aber, da es nicht angebracht war.  Er trank stillschweigend, nickte
mir schwermtig zu und setzte das Glas lautlos wieder hin.

A proposito "wer's ehrlich meint!" fing Genelli wieder an, was macht
denn unser Kunstvogt, der Kritikus?  Warum haben Sie ihn heute nicht
mitgebracht?  Wissen Sie, so recht konnte ich eigentlich nie ein Herz
zu ihm fassen, aber ein ehrlicher Kerl ist er doch.  Er streckte sich
eben nach seiner Decke, die manchmal verdammt kurz war.  Davon bekam
er dann selbst eine Ahnung, wenn ihm die Zehen froren, und dann sah er
sich nach was Besserem, Grerem und Breiterem um, und in solchen
Stunden verstanden wir uns ganz gut.  Hernach aber kroch er doch
wieder ins Enge zurck, da das nun einmal Mode ist in dieser
bettelhaften, pauvren Zeit.  Haben Sie ihn lange nicht gesehen?

Das letzte Mal, erwiderte ich, haben Sie uns wieder zusammengefhrt.
Ich traf ihn vor Ihrer Omphale in der Schackschen Galerie.  Er wute
nicht genug den Bacchantenzug unten in der Predelle zu loben.  Solche
Zentauren, sagte er, haben selbst die Alten nicht zu stande gebracht,
solch verwnscht leibhaftiges, liederliches Gesindel von Manngulen
oder Romenschen, und nun erst die Weiberstuten, zumal die eine da
oben, die an der Rose riecht, die sind so mit Hnden zu greifen, da
keinem einfllt zu fragen, ob man mit zwei Mgen, zwei Herzen und
sechs Gliedmaen auch vor der gestrengen Wissenschaft der Anatomie
bestehen knne.  Sie wissen, setzte er hinzu, ich bin sonst ein
Anhnger des entschiedensten Realismus und glaube, da die Zeit der
Gtter, Helden und Zentauren vorbei ist.  Aber vor diesen Genellischen
Fabelwesen mu man den Hut abziehen, die haben Rasse; es kommt mir
manchmal vor, als msse er dabei gewesen sein, als knne kein Mensch
sich solch verteufeltes Heidenzeug aus den Fingern saugen.

Er ist auch dabei gewesen! sagte der Meister nun, und sein frhlicher
Blick wurde fast feierlich.  Und was insbesondere die Zentauren
betrifft, warum soll ich es leugnen, da ich wirklich diese
merkwrdige Schicht der antiken Gesellschaft in einem Musterexemplar
studiert habe, da ich so glcklich gewesen bin, den letzten der
Zentauren persnlich kennen zu lernen?

Alle Augen richteten sich jetzt auf ihn, der die seinigen aber
durchaus nicht niederschlug, wie man sonst wohl zu tun pflegt, wenn
man auf einer Mnchhausiade nicht gleich ertappt zu werden wnscht.

Ich will Ihnen die Geschichte erzhlen, fuhr er fort, sich heiter im
Kreise umblickend.  Es scheint ohnehin heute kein rechter Diskurs
zustande kommen zu wollen.  Der Rahl, seitdem er vom Fleisch gefallen,
ist unter die Trappisten gegangen; seine jetzige Dit--sie ist
freilich miserabel genug--schlgt ihm weder geistig noch leiblich an.
Freund Ro, glaub' ich, denkt an Weib und Kind, und der Schtz war nie
ein groer Redner.  Abgedankte Leute wie wir sollten allerdings stille
liegen und den Mund nur auftun zu einem Kyrie oder Peccavi.  Aber wie
sagt Falstaff?  Hol die Pest alle feigen Memmen!  Karl, noch einen
Spitz!  Und nun will ich euch sagen, wie das mit dem Zentauren sich
ereignet hat.

Es war im ersten Sommer, als ich mich in Mnchen niedergelassen hatte,
das Jahr hab' ich vergessen.  Juni und Juli waren khl gewesen, dafr
brach im August eine solche Mordhitze herein, da man hier in der
Stadt wie im Fegefeuer nach Luft schnappte und ich's wahrhaftig bei
der Arbeit nicht aushielt, auer in dem paradiesischen Kostm, in dem
Freund Rahl damals in Rom in seinem Atelier herumging, zum Staunen der
schnen Nachbarinnen gegenber, die durchs offene Fenster hereinsahen,
und zu groem rgernis ihrer signori mariti, die endlich den Hern
Pfarrer des Viertels an ihn abschickten, um ihn zu christlich ehrbarer
Zucht und Bekleidung zu ermahnen.  Wie der Schalk da dem Biedermann um
den Bart gegangen, ihm mit gutem Schinken aufgewartet und mit Orvieto
so lange eingeheizt hat, da auch dem Pfarrer endlich die Glut zum
Dach herausschlug und er sich zureden lie, eines seiner Gewnder nach
dem anderen abzulegen, bis er in derselben einfachen Sommertracht wie
sein Wirt auf den khlen Fliesen herumspazierte,--das habt ihr, denk'
ich, noch in guter Erinnerung.  Genug, ich hielt es zuletzt nicht
lnger aus und beschlo, mir im Gebirge einen besser gelfteten
Schattenwinkel zu suchen, als meine Dachkammer war.  So fuhr ich mit
dem Stellwagen eine Strecke ins Land hinein gegen den Inn zu und
wanderte dann von der ersten Station, wo mir die Gegend gefiel, mit
meinem leichten Rnzel bergan.

Obwohl aber dort das Flutal hinunter "ein guter Luft" ging, wie die
Tiroler sagen, merkte ich doch bald, da ich des Steigens in der
Mittagssonne ungewohnt war, und war froh, nach zwei sauren Stunden ein
groes Dorf aus dichtem Walnulaub mir zuwinken zu sehen, recht fett
und bequem auf der sanftansteigenden Halde hingelagert.  Gegen Westen
stieg der Berg jhlings in die Hhe, bis endlich auch den Tannen und
Fhren der Atem ausging und sie ihm nicht mehr nachklettern konnten.
Da oben hinter den kahlen Gipfeln mute die Sonne selbst im Hochsommer
frhzeitig verschwinden und der Bergesschatten eine angenehme Khle
ber den Abhang ergieen.

Also war ich rasch entschlossen, hier Rast zu machen, obwohl es fr
heute nicht sehr ruhig herzugehen versprach.  Es war eben Kirchweih
und das einzige Wirtshaus gestopft voll von trinkenden, kegelnden und
juhschreienden Bauern.  berdies waren ein paar Kauf- und
Schaubuden dicht neben dem Wirtsgarten aufgeschlagen, zwischen denen
sich ein buntes Gedrnge hin und her trieb, besonders vor der Bude
eines Italieners, der ein ausgestopftes Kalb mit zwei Kpfen und fnf
Fen fr ein paar Kreuzer sehen lie.  Ich versparte mir diesen Genu
fr den Abend, da ich vor allem nach einem khlen Trunk lechzte,
schlug mich auch endlich durch Flur und Treppe durch bis auf die obere
Laube, wo ich hinter dem Gelnder des Altans ganz in der Ecke einen
Sitz auf der Bank und ein Seidel roten Tiroler eroberte.  Den Wein
stellte ich vor mich auf die hlzerne Brustwehr, streckte mich nach
Herzenslust aus und sah, whrend ich langsam mich verkhlte, ber das
Bauerngewhl unten um die Tische ber den Gartenzaun und die nchsten
Htten hinweg in die prachtvolle Gebirglandschaft hinaus.

Kaum eine halbe Stunde mochte ich so geruht haben, da sah ich auf dem
breiten Feldwege, der zu dem nchsten, hher gelegenen Drfchen fhrte,
einen ganz seltsamen Schwarm sich heranbewegen.

Ich glaubte im ersten Augenblicke, der Wein, den ich etwas hastig
getrunken, werfe so wunderliche Blasen in meiner Phantasie, da ich am
hellen Tage einen fabelhaften Traum trumte.  Auch war die wunderliche
Gruppe noch so ferne, wohl drei Bchsenschsse von meinem Luginsland,
da ich meinen Augen wohl mitrauen durfte.  Aber obwohl sich's in
ruhigem Schritt fortbewegte, kam es doch unaufhaltsam nher, und nun
konnte ich endlich nicht mehr zweifeln, da ich in Wirklichkeit "sah,
was ich sah, und hrte, was ich hrte".

Stellt euch vor, in der goldigsten Herbstsonne kam auf der weien
staubenden Bergstrae ein riesenhafter Zentaur dahergetrabt, in einem
wrdevollen beschaulichen Viervierteltakt, wie der alte Schimmel, der
im Wilhelm Tell mitspielt und den Landvogt in die hohle Gasse tragen
mu.  Hinter ihm drein, aber in scheuer Entfernung, etwa um einige
Pferdelngen, zottelte und trottelte ein lautloser Haufen alter
Mtterchen, lahmer und prehafter Mnnlein und ganz junger Kinder,
alles nmlich, was von jenem abgelegenen Dorfe entweder zu alt oder zu
jung gewesen war, um die nachbarliche Kirchweih mitzufeiern.  Der
riesige fremde Gast mochte sich mit Gutem oder Bsem so in Respekt
gesetzt haben, da man ihm ohne jede Anfechtung, weder durch Geschrei,
noch ttliche Neckereien, das Geleit gab.  Aber je nher der
abenteuerliche Zug dem Kirchweihdorfe kam, desto deutlicher sah ich
besonders die Weiblein bemht, die Aufmerksamkeit der noch
ahnungslosen Nachbarn schon von weitem zu erregen, durch Winke mit den
drren Armen, Krckstcken und Kopftchern, auf die freilich ber der
Tanzmusik und dem Festtreiben rings um mich her keine Menschenseele
aufmerksam wurde.

So konnte sich das heidnische Ungetm unbeschrien der Dorfmark nhern,
und erst, als es bei den letzten Htten vorbeitrabte und nun gerade
auf das Wirtshaus lossteuerte, wurden die Bauern inne, da sich etwas
ganz Unerhrtes begab.  Nun war freilich der Effekt, den dies
Intermezzo machte, um so gewaltiger.  Im Nu stob alles auseinander,
was unten im Wirtsgarten und um die Schaubuden sich zusammengedrngt
hatte.  Wie Ameisen durcheinander wimmeln, wenn man mit dem Stock in
ihren Bau stt, so strzten Mnner und Weiber in wilder Flucht vom
Wirtshaus weg, und jedes suchte eine Tr, einen Zaun oder einen Baum
zu erreichen, hinter denen man vor dem ungefgen vierbeinigen Mirakel
auf den ersten Anlauf sicher wre.  Ebenso hastig aber fuhren alle,
die in den Husern und oberen Rumen der Schenke waren, an die Fenster
und starrten entsetzt nach dem Scheuel und Greuel hinaus.  Auf den
Lrm des ersten Aufruhrs folgte eine tiefe Stille; selbst die Hunde,
die erst wtend losgebellt hatten, zogen sich, als sie die mchtigen
Hufe des Ankmmlings gewahrten, vorsichtig mit bangem Winseln zurck,
und nur die kleinen Bauernpferde, die an ihren Krippen schmausten,
begrten ihn mit zutraulich gastfreundlichem Wiehern, da er ja
jedenfalls, soweit er zu ihnen gehrte, ihrem Geschlecht alle Ehre
machte.

Ich war vielleicht der einzige, der nicht den Kopf verlor, zunchst
als ein alter eingeteufelter Heide, der ich war, und in der ganzen
fabelhaften Naturgeschichte wohlbewandert, dann aber auch, weil das
Entzcken ber die ungemeine Schnheit des Fremdlings keine Furcht
aufkommen lie.

Was ich selber hernach an solchen Zwiegeschpfen gemalt, oder Freund
Hhnel in seinem Dresdener Theaterfries gemeielt hat, wrde sich
gegen diesen gttlichen Burschen in Fleisch und Bein ausgenommen haben
wie Halbblut gegen Vollblut.

Obgleich freilich an das, was man heutzutage Vollblut nennt, nicht
gedacht werden darf, wenn man sich einen Begriff machen will von der
Gaulhlfte des wundersamen Kirchweihgastes.  Denkt an den Bucephalus
oder das trojanische Pferd, oder meinethalben an den prachtvollen
Streithengst, der den Groen Kurfrsten auf der langen Brcke trgt,
und nun stellt euch vor, da der ganze heroische Gliederbau von der
glattesten silbergrauen Decke berzogen war, unter der man jede Muskel
spielen und bei jedem Fltchen, das sie warf, die Sonne wie auf
hochgeschorenem Samt schimmern sah.  Aus diesem mchtigen Gestell
wuchs ein Menschenleib hervor, der sich mit dem tierischen wohl messen
konnte--Arme, Brust, Schultern wie vom Farnesischen Herkules gestohlen,
so recht in der Mitte zwischen fett und hager, die Haut sanft
angebrunt und ebenfalls hie und da stark behaart, wie denn auch von
dem mchtigen dunklen Schopf, der ihm Stirn und Haupt umwallte, noch
eine wehende Mhne bis tief auf den Rcken hinunterwucherte, brigens,
gleich dem lang nachschleppenden kohlschwarzen Roschweif, dem
Anschein nach wohlgepflegt.  Es war berhaupt nicht zu verkennen: das
Fabelwesen hielt etwas auf sein ueres.  Keine Spur von
tausendjhrigem Staub und Unrat, der Bart am Kinn zierlich gestutzt
und gekruselt, und wie ich mich erst getraute, ihm nher in das
ernsthaft treuherzige Gesicht zu sehen, das nur etwa so wild war wie
ein Bube, der aus Verlegenheit trotzig dreinschaut, bemerkte ich, da
er einen kleinen Rosenzweig, eben frisch, wie es schien, vom Strauch
gebrochen, in das dichte Haar hinters Ohr gesteckt hatte.

So kam das schne Ungeheuer gemchlich in den Hof der Dorfschenke
getrabt, aus dem sofort auch der letzte Gast, den Makrug an die Brust
gedrckt, mit lautem Geschrei ins Haus oder in die Wirtschaftsgebude
flchtete.  Der Schwarm von alten Weibern und Bauernkindern, der ihm
das Geleit gegeben, blieb drauen auf der Dorfstrae stehen, und ber
der Verwegenheit des hohen Reisenden, sich so leichtbegleitet mitten
in die Kirchweih zu begeben, schien allen das Wort in der Kehle zu
erstarren.  Wenigstens hrte man ringsum nur ein verhaltenes Summen
und Schwirren, aus dem nur dann und wann ein paar Naturlaute des
Schreckens und der Angst hervorkreischten.  Alle erwarteten das
Entsetzlichste, und wohl nur wenige mochten sein, die den Spuk nicht
gerade fr den leibhafen Gottseibeiuns hielten, der gekommen sei, das
smtliche halb betrunkene Gesindel recht in seiner Snden
Kirchweihblte in die Hlle abzufhren.

Der alte Heide aber zeigte sich trotz seiner hllischen Pferdefe als
ein ganz zahmer, menschenfreundlicher Kamerad.  Er sprengte
geradeswegs auf die hohe Laube zu, auf der ich sa, und sah mit einer
hflichen Miene, wie einer, der gerne mit einem Fremden anbinden
mchte, mir ins Gesicht, der ich ihm ebenso artig zunickte.  Dann aber
richtete er seine groen glnzenden Augen auf das Schenkmdchen, das
neben mir stand, zwei offene Flaschen voll Tirolerwein in den Hnden.
Sie hatte sie fr die Gste heraufgetragen, die das Hasenpanier
ergriffen hatten, und stand nun, da sie, obwohl mit dem Dorfschneider
verlobt, ein munteres, kouragiertes Frauenzimmer war, ohne Scheu neben
mir auf dem Altan, um die Wundergestalt in aller Arglosigkeit zu
betrachten.  Dem Fremdling mochte die saubere Dirne--man hie sie die
schne Nanni--ebenfalls einleuchten, nicht minder auch der rote Wein,
den sie trug.  Mit so viel Lebensart, wie man solchen Romenschen kaum
zutrauen sollte, nahm er den Rosenzweig hinterm Ohre hervor, roch erst
daran und berreichte ihn dann ohne Mhe, da Haupt und Schultern noch
ber die Brstung der Laube herausragten, dem schnen Kinde, das etwas
geschmig tat, die Blumen aber doch nicht ausschlug, sondern in ihren
Brustlatz neben den silbernen Lffel steckte.  Zugleich schien sie
gemerkt zu haben, worauf die ganze Huldigung abzielte.

Ohne Zaudern reichte sie ihrem Verehrer die beiden vollen Flaschen
hinaus, die er auch mit freundlichem Kopfnicken ergriff, und dann in
so raschen Zgen leerte, wie unsereins zwei Glser Champagner
hinunterstrzt.

Ein beiflliges Murmeln unter den Kopf an Kopf gedrngten Zuschauern
begleitete diese ganze trauliche Szene, und ein paar kecke Burschen
wagten sogar ein "Wohl bekomm's!" oder "Gesegn' es Gott!" zu rufen,
wurden aber gleich von den Vorsichtigeren niedergezischt.  Aber auch
dem fremden Gast schien der Wein die Zunge gelst zu haben.  Er sagte
erst dem Mdchen einige Artigkeiten, die sie aber nicht verstand und
nur mit Kichern und Kopfschtteln erwiderte.  Dann wandte er sich an
mich, fragte mich, wo er sich hier befinde, und wie das wilde Volk
heie mit den Pelzhauben und der ohrenzerreienden Musik, unter das er,
er wisse selbst nicht wie, geraten sei.  Ich antwortete-Erlauben Sie,
Herr Genelli, unterbrach ihn der Wirt, der gleich uns anderen begierig
gelauscht hatte, in welcher Sprache unterhielten Sie sich mit dem
antiken Herrn?

Im reinsten Griechisch, Herr Schimon; Sie mgen es nun glauben oder
nicht.  Er sprach es natrlich etwas flieender als ich, aber mit
einem Anflug an den jonischen Dialekt, der mir hie und da das
Verstndnis erschwerte.  Indessen, es ging.  Not bricht Eisen und
lehrt radebrechen.  Sie werden selbst schon erlebt haben, da Sie im
Traume ganz korrekt Ungarisch oder Spanisch sprachen, was Ihnen sonst
sauer werden mchte.  Aber unterbrechen Sie mich nicht wieder; lassen
Sie mir lieber einen neuen Spitz Carlowitzer kommen.  Wo war ich denn
stehen geblieben?  Richtig, wo ich den Spie umdrehte und ihn fragte,
wie es im Homer steht:

Wer er sei und woher, wo er wohnt und wer die Erzeuger.

Da kamen denn kuriose Dinge heraus.

Stellt euch vor, der arme Bursche war vor so und so viel tausend
Jahren hoch oben durchs Gebirge geritten, in Geschften, wie er sagte,
da er als Landarzt--Kreisphysikus wrde man's heute nennen--einen
gewaltig groen Bezirk zu versehen hatte, lauter wildes, armes Volk,
Hirten, Brenjger, Pfahlbauern usw.  Nun war's gerade ein heier Tag,
und er hatte bei seiner Praxis berall scharf gezecht, hineingegossen,
was die Leute ihm gerade vorsetzten, da er sie meist um ein Glas Wein
oder Enzianbranntwein kurierte, und wie er mittags an eine
Gletscherhhle kommt, denkt er, du willst ein Schlfchen machen,
streckt sich in der dmmerigen blauen Eisspelunke hin und schlft
richtig ein.  Was weiter geschehen, wute er freilich nicht zu sagen,
und auch ich konnte ihm nur die Vermutung aussprechen, da Schnee-
oder Eismassen um ihn zusammengestrzt und heute erst wieder aufgetaut
sein mten, da er, wie jenes Mammutungetm im Polareise, frisch und
ohne jeden Hautgout sich in seinem Eiskeller konserviert habe, nur mit
dem Unterschiede, da auch sein Geist, dank dem vielen genossenen
Spiritus, durch den unmigen Winterschlaf hindurch keinen Schaden
gelitten und er nun als ein vorsintflutliches mythologisches Rtsel
auf vier gesunden Beinen in unsere entgtterte Welt hineinsprengen
knne.  Ich suchte ihm in aller Krze, so gut es ging, ber die
ungeheure Kluft hinwegzuhelfen, die sein Erwachen von seinem
Einschlafen trennte.  Aber ich merkte bald, da die summarische
Weltchronik, die ich vor ihm aufrollte, ihn sehr wenig interessierte.
Er schttelte nur den Kopf, als ich ihm erzhlte, die Gtter
Griechenlands seien ein berwundener Standpunkt, und mit dem kleinen
Lutherischen Katechismus wute er ebensowenig anzufangen wie mit dem
heiligen Augustin oder Pius IX. Auch die politischen Umwlzungen der
letzten dreitausend Jahre lieen ihn vllig kalt.  Als ich endlich
schwieg, seufzte er so recht vom Grunde seiner ehrlichen
Zentaurenseele auf und sagte: er werde von allem, was ich ihm da
vorgefabelt, aus dem Zehnten nicht klug, und das sei ihm auch ganz
gleichgltig.  So viel merke er, da ihm ein recht hmischer Possen
gespielt worden sei mit jener Aufbewahrung im Eiskeller; inzwischen
sei alles anders geworden und nur er derselbe geblieben, wessen er
sich eben nicht schme, denn nach den wenigen Proben scheine ihm die
Welt viel lumpiger, schbiger und nicht einmal gescheiter geworden zu
sein, die Wlder dnner, der Wein saurer, die Weiber--bis auf seine
Freundin "Nannis oder Nannidion" (wie er sich das Nannerl ins
Griechische bersetzte)--plumper und einfltiger.  Nun erzhlte er,
was er seit seinem Erwachen fr Erfahrungen gemacht hatte.

Kaum war ihm nmlich sein Gletschermantel von den Schultern
geschmolzen, und er hatte sich die letzten Nebel des Schlafs aus den
Augen gerieben, so war er ins Freie hinausgetrabt, rgerlich ber die,
wie er whnte lange Versumnis von vierundzwanzig Stunden, da er einen
schweren Patienten eine Stunde tiefer im Tal zu besuchen hatte.  Als
er sich aber umsah, schien ihm alles so wunderlich, da er noch
fortzutrumen glaubte.  Dichte Wlder, durch die er sich sonst pfadlos
hindurchzuwinden hatte, waren verschwunden; auf Wiesen, wo sonst der
Ur und der wilde Steinbock gegrast, sah er Herden buntfarbiger Khe
weiden; hie und da stand ein Blockhaus am Wege, hoch hinauf mit Heu
angefllt, und nicht selten sah er kleine Steige gebahnt, oder Balken
ber Giebche gelegt, die er frher mit einem mchtigen Satz hatte
berspringen mssen.  Kopfschttelnd hielt er still und berlegte bei
sich, wie sich das alles ber Nacht verwandelt haben mchte.  Da er
aber kein Freund von berflssigem Nachsinnen war, beschlo er, eine
benachbarte Waldnymphe um Aufschlu zu bitten, mit der er auf
vertraulichem Fue stand.  Er rief ihren Namen in die Schlucht
hinunter, aus der noch wie damals die mchtigen Edeltannen
heraufragten.  Sonst war sie gleich oben im Wipfel erschienen, da sie
sehr einsam lebte und gerne eine Ansprache hatte.  Heut zeigte sich
nur ein altes Weib, das Enzian sammelte und beim Anblick des
vierbeinigen Ungeheuers mit heiserem Jammergeschrei und heftigem
Kreuzschlagen sich ins Dickicht verkroch.

Also trabte er immer nachdenklicher seines Weges weiter, und da es
gerade Sonntag war und die Kirchweih alles, was eine saubere Jacke und
ein paar Kreuzer in der Tasche trug, in das Dorf hinuntergelockt hatte,
begegnete er auch keiner Menschenseele, als ein paar Hterbuben, die
ebenso hastig vor ihm Reiaus nahmen wie das Kruterweib.  Nun sah er
auch unten die ersten kleinen Huser, die mit ihren weigetnchten
Wnden und blanken Fensterchen als ein neues Rtsel ihm
entgegenschimmerten.  Hier hatten sonst nur verfallene Htten der
wilden Ziegenhirten gestanden, elende Pferche zwischen Gestrpp und
Klippen.  War eine Stadt aus der Ebene ausgewandert und hatte sich in
die Berge verstiegen?  Ein seltsames Gebude mit hohem Dach und
spitzem Turm ragte aus den Schindeldchern in die Lfte, und oben aus
den schwarzen Turmluken drang ein unerklrliches Summen und Schallen
hervor, das er nie gehrte hatte, und das in seiner feierlichen
Eintnigkeit ihn vollends bestrzt machte.

Das Grauenhafteste aber in dem ganzen Mrchen, das ihn an seinen
gesunden Sinnen zweifeln lie, begegnete ihm, als er den ersten Htten
des oberen kleinen Dorfs sich nherte.  Unter einem spitzen,
rotgetnchten Bretterdach hing da ein Mann mit ausgebreiteten,
blutrnstigen Armen an ein Kreuz genagelt, aus einer Seitenwunde
blutend, die Stirn von groen Blutstropfen berquollen, die unter den
spitzigen Stacheln eines dicken Dornkranzes hervordrangen.  Gleichwohl
schien der Gemarterte noch am Leben.  Er hatte die Augen weit geffnet
nach oben gekehrt, und der kundige Blick des Zentauren fand auch an
den nackten Gliedern noch nicht die Farbe der Verwesung.

Er redete den armen kleinen Mann mit seiner freundlichsten Stimme an,
fragte, um welches Verbrechen man ihn so schwer ben lasse, ob er ihm
vielleicht von seinem Marterholz herunterhelfen und die Wunden
verbinden solle.  Als er keine Antwort erhielt, berhrte er sacht die
Brust des stummen Dulders.  Da merkte er, da es nur ein hlzernes
Bild war.  Ein Rosenstrauch war neben dem Stamm des Kreuzes gepflanzt.
Von dem pflckte er einen kleinen Zweig, roch daran, wie um wieder
etwas Liebliches zu genieen, und verlie dann die Sttte mit immer
unheimlicherem Staunen.

Im Dorf hatte gerade der Pfarrer, ein altes Mnnlein, das den
Kirchweihfreuden lngst abgestorben war, fr die andern zu Hause
gebliebenen Invaliden einen Vespergottesdienst begonnen, zu dem die
kleinen Buben das Gelut besorgten.  Wie nun der Fremdling, dem alles,
was ihm links und rechts in die Augen fiel, ein Rtsel war, an die
offene Kirchentre kam, hielt er an und sphte neugierig in das
halbdunkle Innere.  Ein Sonnenstrahl fiel durch das kleine
Seitenfenster neben dem Altar und beleuchtete das Bild einer
wunderschnen Frau mit goldenen Haaren in blau und rotem Gewand, die
einen Knaben auf dem Arm und eine Lilie in der Hand trug.  Sie hatte
die groen, sanften Augen gerade auf ihn gerichtet, als wolle sie ihn
einladen, nher zu treten.  Zu ihren Fen, ihm den Rcken zuwendend,
stand der kleine Pfarrer im Ornat, und die smtliche Gemeinde kniete
jetzt, gleich ihm, vor der schnen Frau.  Du solltest doch
hineintreten und sie dir etwas nher betrachten, sagte der Fremde zu
sich selbst.  Und gedacht, getan.  Er trabt, ohne an etwas Arges zu
denken, durch das Portal und geradewegs ber die Steinfliesen, die von
seinem mchtigen Hufschlag drhnten, auf den Altar zu.

Welch einen Spektakel das gab, kann man sich denken.  Im ersten
Augenblick freilich versteinerte der Schrecken ber diese
Tempelschndung durch ein so unerhrtes, geradewegs der Hlle
entstiegenes Ungeheuer die ganze andchtige Gemeinde samt ihrem
Seelsorger.  Dann aber besann sich dieser, der trotz seiner achtzig
Jahre durchaus kein Don Abbondio war, da der Eindringling niemand
anders als der leibhaftige Satan sein knne, erhob, was er gerade
Geweihtes in der Hand hatte, und rief, es gegen den Versucher
schwingend, mit lauter Stimme sein "Apage!  Apage! und nochmals Apage!"
--Beim Zeus, sagte der Zentaur, das freut mich, endlich einem
redenden Menschen zu begegnen, der noch dazu griechisch spricht.  Du
wirst mir nun wohl auch sagen knnen, Alter, wer diese schne Frau ist,
ob sie noch lebt, was ihr hier treibt, und wie sich berhaupt alles
seit gestern so fabelhaft verndert hat.--Den Pfarrer berlief es
eiskalt, als er sich von dem bsen Feinde anreden hrte, noch dazu in
einer Sprache, die ihm natrlich griechisch war.  Wieder erhob er
seinen Ruf und schlug ein Kreuz ber das andere, wich aber doch ein
wenig vom Altar zurck, da ihn die Unbefangenheit des hohen Fremden
einschchterte, und htte sich dieser nicht umgesehen, wer wei, wie
es abgelaufen wre.  Jetzt aber kam die Reihe, sich zu frchten, an
unsern Romenschen.  Denn wie er die vom Schreck verstrten
Wackelkpfe der alten Mnner und die verwelkten Gesichter der greisen
Weiblein unter ihren hohen Pelzhauben smtlich anstarren sah, berkam
ihn pltzlich die Furcht, er mchte in ein Konventikel von Hexen und
Zauberern geraten sein und Strafe leiden, wenn er ihr geheimes Wesen
noch lnger stre.  Also machte er, nachdem er der schnen Blauugigen
noch einen verehrungsvollen Blick zugeworfen, auf einmal kehrt und
stob mit gewaltigen Stzen, den Schweif wie zur Abwehr bser Geister
hoch um den Rcken schlagend, ber das hallende Pflaster zur offenen
Tr hinaus.

Werter Freund, sagt' ich, als er mir das alles treuherzig gebeichtet
und meine Aufklrungen nur halb verstanden hatte, Ihr seid in einer
verwnschten Lage.  Wie Ihr da geht und steht, mchte es schwer halten,
Euch in der modernen Gesellschaft einen Platz ausfindig zu machen,
der zu Euren Gaben und Ansprchen pate.  Wret Ihr nur ein paar
Jahrhunderte frher aufgetaut, so etwa im Cinquecento, so htte sich
alles machen lassen.  Ihr httet Euch nach Italien begeben, wo damals
alles Antike wieder sehr in Aufnahme kam und auch an Eurer heidnischen
Nackheit kein Mensch sich gergert haben wrde.  Aber heutzutage und
unter dieser engbrstigen, breitstirnigen, verschneiderten und
verschnittenen Lumpenbagage, die sich die moderne Welt nennt--ich
frchte, mio caro, Ihr werdet es sehr bedauern, nicht lieber bis an
den jngsten Tag im Eise geblieben zu sein!  Wo Ihr Euch sehen lat,
in Stdten oder in Drfern, werden Euch die Gassenbuben nachlaufen und
mit faulen pfeln bewerfen, die alten Weiber werden Zeter schreien und
die Pfaffen Euch fr den Gottseibeiuns ausgeben.  Die Zoologen werden
Euch betasten und begaffen und dann erklren, Ihr wret ein
unorganisches Monstrum und knntet nichts Besseres tun, als Euch einer
kleinen Vivisektion unterziehen, damit man she, wie Euer
Menschenmagen sich mit Eurem Pferdemagen vertrage.  Seid Ihr aber der
Scylla der Naturforscher entronnen, so fallt Ihr in die Charybdis der
Kunstgelehrten, die Euch ins Gesicht sagen werden, da Ihr ein
schamloser Anachronismus, eine totgeborene nur galvanisch belebte
Reliquie aus der Zeit des Parthenonfrieses seid, und die Knstler, die
nur noch Hosen und Wmser und kleine witzige Armseligkeiten malen
knnen, werden sich in ihren tugendhaften Armenversorgungsanstalten,
genannt Kunstvereine, zusammenrotten und bei der Polizei darauf
antragen, da Ihr ausgewiesen werdet, als der ffentlichen Moral im
hchsten Grade gefhrlich.  Da Ihr Praxis bekommen knntet, auch nur
als Pferdearzt, ist vollends undenkbar.  Man hat jetzt ein ganz
anderes Naturheilverfahren, als zu Euren Zeiten, der vielen anderen
gelehrten Systeme zu geschweigen, und da ein Doktor seine Equipage
vors Krankenbette mitbringt, ist unerhrt.  Bliebe also nichts als der
Zirkus oder die Menagerie, um Euer Brot zu verdienen, und fern sei es
von mir, einem Mann von so guter Familie, wie Ihr, eine solche
Erniedrigung zuzumuten.  Nein, Bester, bis uns etwas Gescheiteres
einfllt, will ich selbst mein bichen Armut mit Euch teilen.  Wenn
ich es recht bedenke, bin ich ja nicht viel besser daran als Ihr, mu
mir auch von Gassenbuben und bigotten Vetteln, sthetikern und meinen
eigenen werten Kollegen die grten Schndigkeiten gefallen lassen,
und seht, ich lebe noch und fhle mich in meiner Haut tausendmal
wohler, als all das Gewrm und Gesindel, das mir nicht das Leben gnnt.
Coraggio! animo, amico mio!  Dieser rote Wein ist zwar nur ein
suerlicher Rachenputzer, aber ihr werdet Euch auch nicht zu oft in
Nektar gtlich getan haben, und corpo della Madonna! wenn zwei rechte
Kerls miteinander Brderschaft trinken, so adeln sie den ordinrsten
Tropfen.

Damit reichte ich ihm meine Flasche, welche die Nanni wieder gefllt
hatte, und klang, das Glas erhebend, mit ihm an, wozu er als zu einem
ganz neuen Brauch ein verdutztes Gesicht machte.  Ich winkte dann dem
Mdel, fr neue Zufuhr zu sorgen, und so schwammen wir bald im
berflu und wurden guter Dinge.  Nach und nach machte unsere
Kordialitt auch das Bauernvolk vertraulich.  Einige der Beherztesten
wagten sich wieder in den Hof und zogen, da ihnen nichts zuleide
geschah, bald die anderen nach sich.  Sie besahen nun den Fremdling
sorgfltig von allen Seiten.  Der Jude Anselm Freudenberg, der mit
Pferden handelte, erklrte laut, da um tausend Loisdors ein solcher
Hengst halb geschenkt wre, stnde nur nicht das unnatrliche
Vorderteil im Wege.  Denn trotz der groen Fortschritte beim Militr
habe man noch nirgends Kavalleriepferde eingefhrt, denen ihre Reiter
angewachsen wren.  Eine vorwitzige Dirne wagte das Wundertier zu
berhren und das samtweiche Fell am Bug zu streicheln.  Das ermutigte
den Schmied des Dorfes, behutsam den linken Hinterfu aufzuheben, was
der Zentaur, der eben das siebente Seidel an die Lippen setzte, in
aller Gutmtigkeit geschehen lie.  Es fiel ungemein auf, da die
starken, lichtbraunen Hufe keine Spur irgend eines Beschlages zeigten,
und da auch sonst so vieles ganz anders war, als bei anderen
Reitpferden, erhob sich die Frage, welcher Rasse er angehre.  Endlich,
nachdem man lange gestritten, tat der Schulmeister den Ausspruch, da
alle brigen Kennzeichen fehlten, werde es wohl die kaukasische Rasse
sein, wogegen selbst der Jude Freudenberg nichts einzuwenden wute.

Whrend aber so die ffentliche Meinung sich eben mit dem Heidengreuel
auszushnen schien und er wenigstens, was man einen succs d'estime
nennt, davontrug, war eine bsartige Verschwrung gegen den arglosen
Fremdling im Gange.  An der Spitze stand natrlich die hochwrdige
Geistlichkeit, die es fr das Seelenheil ihrer Pfarrkinder sehr
nachteilig fand, sich mit einem gewi ungetauften, vllig nackten und
wahrscheinlich sehr unsittlichen Tiermenschen nher einzulassen.
Ebenso aufgebracht, wenn auch aus anderen Grnden, uerte sich der
Italiener, der Besitzer des ausgestopften Kalbes mit zwei Kpfen und
fnf Beinen.  Seit der Fremde erschienen war, hatte er mit seiner
Migeburt schlechte Geschfte gemacht.  Den Romenschen sah man gratis,
er war lebendig und trank und schwatzte, und wer wute, ob er sich
nicht noch bewegen lie einige Kunstreiterstckchen zum besten zu
geben, wozu das Kalb durchaus keine Miene machte.  Das konnte der
Italiener nicht so ruhig mit ansehen.  Es sei ein Unterschied, setzte
er dem Pfarrer auseinander, zwischen einem znftigen, von der Polizei
approbierten Naturspiel und einer ganz unwahrscheinlichen, nie
dagewesenen Migeburt, die ohne Pa und Gewerbeschein das Land
unsicher mache und ehrlichen fnfbeinigen Klbern das Brot vorm Maule
wegstehle.  Wenn das erst Sitte wrde, da solche Mondklber sich ohne
Entre sehen lieen, so wre es ja gar nicht mehr der Mhe wert, mit
einem Kopf zu wenig oder ein paar Gliedmaen zu viel auf der Welt zu
kommen.

Der hitzigste aber war der Dorfschneider, der Brutigam der schnen
Nanni.

Er hatte sich zwar, als das Ungetm herantrabte, Hals ber Kopf von
der Laube ins Haus geflchtet und seinen Schatz, der sich nicht
frchtete, im Stich gelassen.  Aber durchs Fenster sah er desto
grimmiger mit an, wie vertraulich das Blitzmdel mit dem hohen Herrn
schkerte, seine Rosen annahm und ihn wohlgefllig betrachtete,
whrend er sich ihren Wein schmecken lie.  Was von dem Fremden ber
die Brustwehr hervorragte, war wohl dazu angetan, den etwas schief
gedrechselten Schneider im Hinblick auf seine eigene drftige Person
eiferschtig zu machen.  Zudem hatte ihn die Nanni, als er ihr das
Unanstndige ihres Betragens vorwarf, schnippisch genug abgefertigt
und erwidert: sie verbitte sich's, da er den Fremden einen
unverschmten Kerl, eine nackte Bestie, eine Staatsmhre schimpfe.  Er
sei manierlicher und anstndiger als manche Menschen, von denen
dreizehn aufs Dutzend gingen, und andere knnten froh sein, wenn sie
sich weniger zu schmen brauchten, sich nackt zu zeigen.--Das stie
dem Fa den Boden aus.  Zwar dem Mdel gegenber hllte sich der
Beleidigte in ein nasermpfendes Stillschweigen, lie aber sein
Mundwerk desto zgelloser laufen gegenber dem Herrn Pfarrer, dem er
seine Not klagte: die neue Mode, die der Unbekannte eingefhrt, msse
das ganze Schneiderhandwerk ruinieren und berdies alle Begriffe von
Anstand und guter Sitte ber den Haufen werfen.

Von diesen Kabalen wuten wir natrlich nichts, sondern lieen uns
durch die wachsende Vertraulichkeit die brigen Kirchweihgste immer
mehr in die frhlichste Feststimmung einwiegen.  Der reichlich
genossene Wein tat das brige, und so wenig meinem neuen Duzbruder das
Volk um uns her in den hohen Hten und Hauben, mit schwerflligen
Stiefeln, kurzen Jacken und vielfltigen Rcken gefiel, war er doch
wohlgesittet genug, sich's nicht merken zu lassen und keinen
zurckzuweisen, der ihm das volle Glas hinaufreichte.  Nachgerade aber
stieg ihm der Spuk zu Kopfe, seine Augen fingen an zu glnzen, er lie
einige Naturlaute hren, die zwischen dem landblichen Juhschreien und
gewhnlichem Pferdegewieher die Mitte hielten, und als jetzt die
Musikanten, die lange pausiert hatten, frisch zu einem Schleifer
einsetzten, langte unser Freund, ohne ein Wort zu sagen, mit beiden
Armen ber die Brstung, umfate die schne Nanni, und setzte sie mit
einem leichten Schwunge sich auf den Rcken, indem er sie durch
Zeichen anwies, sich in seiner wallenden Mhne festzuhalten.  Dann
begann er nach dem Takte der Musik sehr zierlich sich in Bewegung zu
setzen und in dem engen Raume zwischen Tischen und Bnken in den
gewandtesten Courbetten seine Kunst zu zeigen, whrend die muntere
Dirne, ihre Arme fest um seinen Menschenleib geschlungen, dann und
wann mit der Ferse ihres kleinen Schuhes ihm in die Seite stie, um
ihn zu einem rascheren Tempo anzufeuern.

Das Schauspiel sah sich so allerliebst mit an, da alle anderen Tnzer
mit ihren Dirnen herauskamen und sich, um zuzuschauen, in einem
dichten Kreis um das Paar herumstellten.  Ich rgerte mich nur, da
ich mein Skizzenbuch vergessen hatte und nirgends einen Fetzen Papier
auftreiben konnte.  So mute ich mich begngen, mit den Augen zu
studieren, und wahrhaftig, ich konnte mich nicht satt sehen an den
hundert wechselnden Wendungen und Gruppierungen, wie sie der immer
bermtiger und wilder herumwirbelnde Tanz an mir vorbergaukeln lie.

Als es aber etwa eine Viertelstunde gedauert hatte, nahm die
Herrlichkeit pltzlich ein Ende mit Schrecken.  Zufllig sah ich
einmal ber den Hof hinaus ins Tal hinunter und bemerkte eine
bedenkliche Kavalkade, die sich auf der Strae vom Tal herauf dem Dorf
nherte: ein halb Dutzend reitender Landgendarmen und mitten unter
ihnen, mit eifrigen Gebrden nach der Schenke hinaufdeutend, zwei
Zivilisten auf kleinen Bauernkleppern, in denen ich, als sie nher
kamen, die beiden verbissenen Kabalenmacher, den Italiener und den
Dorfschneider, erkannte.  Ich rief meinem Freunde und Duzbruder in
meinem besten Griechisch zu, er mge auf der Hut sein; es sei auf ihn
abgesehen.  Man wolle sich, wie es scheine, tot oder lebendig seiner
Person bemchtigen und die ganze Rache der Philister an seiner
Simsonsmhne auslassen.  Aber es war umsonst.  Sei es, da die Musik
meine Warnung bertubte, oder da der Rausch des bacchantischen
Tanzes den Trefflichen gegen jede Anwandlung von Furcht gefeit hatte,
genug, er hielt erst einen Augenblick inne, als die bewaffnete
Macht--die Denunzianten blieben weislich im Hintertreffen--am Hoftor
erschien, das dichtgedrngte Publikum erschrocken zurckwich und nun
der Anfhrer der Schergenbande, ein schnurrbrtiger Korporal mit
dickem Bauch, im allergrbsten Ton die Aufforderung an ihn ergehen
lie: auf der Stelle seinen Pa oder sein Wanderbuch vorzuweisen,
widrigenfalls er nach der Fronfeste unten im Stdchen gebracht und
grndlich visitiert werden wrde.

Der gute Bursch verstand natrlich keine Silbe, konnte auch den
feindseligen Sinn der Worte nicht ahnen, da er aus seiner heroischen
Welt andere Begriffe von Gastfreundschaft mitgebracht hatte.  Also sah
er sich mit einem drolligen Ausdruck von Ratlosigkeit nach mir um, und
erst, als ich ihm erklrt hatte, da diese breitmuligen Herren Jger
seien und er das Wild, und da man im Sinne habe, ihn in einen Stall
zu sperren, wo er bei schmalem Futter ber die Wohltat der Gesetze und
die Fortschritte der Kultur nachdenken knne, ging ein verchtliches
Lcheln ber sein ehrliches Gesicht.  Er antwortete nur mit einem
Achselzucken, setzte sich dann, als beachte er diesen Zwischenfall
nicht im geringsten, langsam wieder in Galopp, wobei er die Hnde des
Mdchens, die sich vor seiner Brust verschrnkten, sanft an sich
drckte, und so, immer rascher und rascher im engen Kreise
herumsprengend, ersah er pltzlich die Gelegenheit, nahm einen kecken
Anlauf und setzte mit einem prachtvollen Sprung--ungelogen wohl zwlf
Schuh hoch und zwanzig weit--ber die Kpfe der Bauern weg, da nur
den letzten, die drauen standen, die Hte von den Schdeln flogen.
Und whrend die Weiber laut aufschrien, die Gendarmen fluchten und mit
gezogenem Seitengewehr ihm nachsetzten, auch ein paar unschdliche
Pistolenkugeln ihm nachknallten, sprengte er ber Wiesen und Felder
bergan, das entfhrte Mdchen sicher auf seinem Rcken haltend, wie
ein Lwe, der ein Lamm aus einer Schafhrde geraubt hat und es unter
dem Schreien und Drohen der nachjagenden Hirten in seine Hhle trgt.

Als es oben angekommen war, wo eine tiefe Schlucht den Abhang
durchschneidet, hielt er still und wandte sich zu seinen Verfolgern um,
die noch tief unter ihm in ohnmchtiger Wut die Steile hinaufkeuchten.
Ich konnte sein Gesicht, selbst durch mein kleines Fernrohr, nicht
mehr deutlich erkennen, sah aber, da er sich zu dem Mdchen
zurckwandte und nun, wahrscheinlich von ihrer Angst und ihrem
klglichen Flehen gerhrt, ihre Hnde loslie, so da sie sacht von
seinem Rcken auf die Wiese niedergleiten konnte.  Ihre Lage war
allerdings nicht die angenehmste.  So sehr ihr die ritterliche
Huldigung des Fremden geschmeichelt hatte, und eine so traurige Figur
ihr Schatz neben ihm spielte,--eine solide Versorgung konnte sie von
diesem reitenden Auslnder nicht erwarten.  Als sie daher merkte, da
aus dem Spa Ernst werden sollte, behielt ihre praktische Natur die
Oberhand, und sie wehrte sich entschieden gegen alle Entfhrungsgelste.
Wie eine gejagte Gemse vor dem Treiber sprang sie von Stein zu Stein
den Abhang hinunter ihrem Schneider wieder in die Arme.

Der Zentaur sah ihr eine Weile nach, und meine Phantasie malte sich
deutlich den Ausdruck eines gttlichen Hohnes aus, der durch seine
Mienen blitzte und dann einer erhabenen Schwermut wich.  Als die wilde
Jagd mit Toben und Kreischen ihm auf die Weite eines Steinwurfs nahe
gekommen war, winkte er noch einmal mit der Hand hinunter--einen Gru,
den ich wohl mir allein aneignen durfte--, schwenkte dann gelassen,
mit einer fast herausfordernden Wendung seines Hinterteils, nach
rechts ab und verschwand unseren nachstarrenden Blicken in der
pfadlosen Kluft, um nie wieder aufzutauchen.

Wir hatten alle andchtig zugehrt, nur Rahl schien zu schlafen,
wenigstens blinzelten seine geschlitzten Satyraugen verdchtig in den
Mondschein.  Als der Erzhler jetzt schwieg, tat er einen tiefen
Seufzer und erhob sich vom Sitz, an der Wand herumtastend, wie um
seinen Hut vom Haken zu nehmen.

Accidente! wollt Ihr schon aufbrechen! sagte Genelli.  Hol die Pest
alle die feigen Schlafmtzen!  Wir sind eben im besten Zuge--Die
Geschichte hat mir die Zunge ausgedrrt--noch einen Spitz, Herr
Schimon!  Auf die Gesundheit aller revenants, die Zentauren mit
einbegriffen.  Sie haben zwar keine bleibende Sttte in diesem
miserablen neunzehnten Jahrhundert und mssen sich wieder
hinausmaregeln lassen.  Aber sagt selbst: wenn man zu whlen htte
zwischen dem Schneider, der das Glck hat und die Braut heimfhrt, und
jenem armen Burschen--ich wenigstens, so lange noch ein roter
Tropfen--aber corpo di Bacco!  Schimon, wo bleibt mein Carlowitzer?

Der Wirt nherte sich mit ehrerbietiger, geheimnisvoller Miene, Sie
wissen, Herr Genelli, raunte er ihm zu, wenn es auf mich ankme--aber
beim besten Willen--die Instruktionen sind erst neulich verschrft
worden, und ich habe einen Wischer bekommen, weil ich hier oben noch
eine halbe Minute nach Eins-Ah so, murmelte der alte Meister und stand
unwillig auf.  Immer die ewigen Scherereien.  Die Nacht ist ja noch
lang genug, und ob wir's hier oben einmal mit der Polizeistunde nicht
so genau nehmen, wem schadet's?  Aber man ist ein armer Tropf, und der
selige Achilleus hat recht:

Lieber ein Tagelhner im Licht, als Knig der Schatten!

Geben Sie mir die Hand, Schtz.  Es ist hier so verwnscht dunkel,
oder sollte mir die Geschichte zu Kopf gestiegen sein?  Wo ist der
kleine Karl, uns heimzuleuchten?  Felice notte!

Damit ging er leicht auf den Arm des hageren Freundes gelehnt, voran,
ganz mit seinem alten rstigen Schritt und aufrechter Haltung, aber
barhaupt, und so folgten ihm die andern.  Der kleine Karl schwankte,
ein Kellerlmpchen hoch ber seinem Kopf haltend, voran, Schimon war
der letzte und wartete an der Tr auf mich, als wolle er hinter mir
abschlieen.  Er tat es aber nicht, sprach auch kein Wort zu mir,
sondern sah mich nur mit einem wehmtigen Zwinkern seiner kleinen
schwarzen Augen an, als wollte er sagen: wir haben bessere Zeiten
erlebt!--Whrend wir durch den langen dsteren Hausgang schritten,
fiel es mir auf, da ich keinen Futritt hrte.  Und dann wollte auch
der Gang kein Ende nehmen, so hastig wir hindurchgingen.  Ich sah noch
deutlich ber die Scheitel der anderen weg Genellis graues Haupt durch
das Zwielicht ragen, von dem Lmpchen rot angeschienen.  Es fiel mir
aufs Herz, da ich ihm noch so viel zu sagen hatte, vor allem ihn
fragen wollte, wann er hier wieder zu treffen sei.  Ich sputete mich,
ihm nachzukommen, und in der Tat trennten mich von ihm nur wenige
Schritte.  Aber je rascher ich ging, desto unerreichbarer blieb er mir.
Endlich trat mir der kalte Schwei auf die Stirn, der Atem stockte
mir, ich fhlte meine Fe wie von Bleigewichten an den Boden gezerrt.
--Nur ein paar Augenblicke will ich hier ausruhen, Herr Schimon! sagte
ich und sank auf eines der Fsser, die an der Wand standen.--Sagen Sie
es den Herren--sie sollen drauen auf mich warten!

Es kam keine Antwort.  Statt dessen fuhr ein scharfer Luftzug durch
die offene Tr, verlschte die Lampe des kleinen Karl und wehte mir in
das heie Gesicht.  In demselben Augenblick drhnte es Eins vom
Frauenturm, und ich hrte eine Stimme neben mir: Das Haus wird
geschlossen.  Ich mu schon bitten, Herr, da sie sich eine andere
Schlafstelle suchen.

Erstaunt sah ich auf und starrte einem ganz unbekannten,
vierschrtigen Hausknecht ins Gesicht.

Verzeiht, guter Freund, stammelte ich, ich habe mich hier nur einen
Augenblick--die Herren sind ja auch eben erst gegangen.

Ja so, sagte er, Sie gehren zu der geschlossenen Gesellschaft, die
hier einmal in der Woche Tarock spielt.  Wenn ich sie etwa nach Hause
bringen soll-Ich erhob mich rasch und trat auf die Strae hinaus.
Meine Stirn war khl geworden, das Herz desto wrmer, und wie ich
gegen den Mondhimmel sah, an dem leichtes Gewlk in phantastischen
Streifen hinzog, summte ich leise die Worte:

Wolkenzug und Nebelflor
Erhellen sich von oben;
Luft im Laub und Wind im Rohr--
Und alles ist zerstoben.


Ende dieses Projekt Gutenberg Etextes Der letzte Zentaur, von Paul Heyse.










End of the Project Gutenberg EBook of Der letzte Zentaur, by Paul Heyse

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