Project Gutenberg's Klein Zaches, genannt Zinnober, by E. T. A. Hoffmann

This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and most
other parts of the world at no cost and with almost no restrictions
whatsoever.  You may copy it, give it away or re-use it under the terms of
the Project Gutenberg License included with this eBook or online at
www.gutenberg.org.  If you are not located in the United States, you'll have
to check the laws of the country where you are located before using this ebook.

Title: Klein Zaches, genannt Zinnober

Author: E. T. A. Hoffmann

Posting Date: October 3, 2014 [EBook #9200]
Release Date: October, 2005
First Posted: September 15, 2003

Language: German

Character set encoding: ISO-8859-1

*** START OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KLEIN ZACHES, GENANNT ZINNOBER ***




Produced by Gerd Bouillon from files at Projekt Gutenberg-DE.










Klein Zaches
genannt Zinnober

Ein Mrchen

E.T.A. Hoffmann







Erstes Kapitel: Der kleine Wechselbalg. - Dringende Gefahr einer
    Pfarrersnase. - Wie Frst Paphnutius in seinem Lande die
    Aufklrung einfhrte und die Fee Rosabelverde in ein Fruleinstift
    kam.

Zweites Kapitel: Von der unbekannten Vlkerschaft, die der Gelehrte
    Ptolomus Philadelphus auf seinen Reisen entdeckte. - Die
    Universitt Kerepes. - Wie dem Studenten Fabian ein Paar
    Reitstiefel um den Kopf flogen und der Professor Mosch Terpin den
    Studenten Balthasar zum Tee einlud.

Drittes Kapitel: Wie Fabian nicht wute, was er sagen sollte. -
    Candida und Jungfrauen, die nicht Fische essen drfen. - Mosch
    Terpins literarischer Tee. - Der junge Prinz.

Viertes Kapitel: Wie der italienische Geiger Sbiocca den Herrn
    Zinnober in den Kontraba zu werfen drohte, und der Referendarius
    Pulcher nicht zu auswrtigen Angelegenheiten gelangen konnte. -
    Von Maut-Offizianten und zurckbehaltenen Wundern frs Haus. -
    Balthasars Bezauberung durch einen Stockknopf.

Fnftes Kapitel: Wie Frst Barsanuph Leipziger Lerchen und Danziger
    Goldwasser frhstckte, einen Butterfleck auf die Kasimirhose
    bekam und den Geheimen Sekretr Zinnober zum Geheimen Spezialrat
    erhob. - Die Bilderbcher des Doktors Prosper Alpanus. - Wie
    ein Portier den Studenten Fabian in den Finger bi, dieser ein
    Schleppkleid trug und deshalb verhhnt wurde. - Balthasars Flucht.

Sechstes Kapitel: Wie der Geheime Spezialrat Zinnober in seinem
    Garten frisiert wurde und im Grase ein Taubad nahm. - Der
    Orden des grngefleckten Tigers. - Glcklicher Einfall eines
    Theaterschneiders. - Wie das Frulein von Rosenschn sich
    mit Kaffee bego und Prosper Alpanus ihr seine Freundschaft
    versicherte.

Siebentes Kapitel: Wie der Professor Mosch Terpin im frstlichen
    Weinkeller die Natur erforschte. - Mycetes Belzebub. -
    Verzweiflung des Studenten Balthasar. - Vorteilhafter Einflu
    eines wohleingerichteten Landhauses auf das husliche Glck. - Wie
    Prosper Alpanus dem Balthasar eine schildkrtene Dose berreichte
    und davonritt.

Achtes Kapitel: Wie Fabian seiner langen Rocksche halber fr einen
    Sektierer und Tumultuanten gehalten wurde. - Wie Frst Barsanuph
    hinter den Kaminschirm trat und den Generaldirektor der
    natrlichen Angelegenheiten kassierte. - Zinnobers Flucht aus
    Mosch Terpins Hause. - Wie Mosch Terpin auf einem Sommervogel
    ausreiten und Kaiser werden wollte, dann aber zu Bette ging.

Neuntes Kapitel: Verlegenheit eines treuen Kammerdieners. - Wie die
    alte Liese eine Rebellion anzettelte und der Minister Zinnober
    auf der Flucht ausglitschte. - Auf welche merkwrdige Weise der
    Leibarzt des Frsten Zinnobers jhen Tod erklrte. - Wie Frst
    Barsanuph sich betrbte, Zwiebeln a, und wie Zinnobers Verlust
    unersetzlich blieb.

Letztes Kapitel: Wehmtige Bitten des Autors. - Wie der Professor
    Mosch Terpin sich beruhigte und Candida niemals verdrielich
    werden konnte. - Wie ein Goldkfer dem Doktor Prosper Alpanus
    etwas ins Ohr summte, dieser Abschied nahm und Balthasar eine
    glckliche Ehe fhrte.



Erstes Kapitel

Der kleine Wechselbalg. - Dringende Gefahr einer Pfarrersnase. - Wie
Frst Paphnutius in seinem Lande die Aufklrung einfhrte und die Fee
Rosabelverde in ein Fruleinstift kam.

Unfern eines anmutigen Dorfes, hart am Wege, lag auf dem von der
Sonnenglut erhitzten Boden hingestreckt ein armes zerlumptes
Bauerweib. Vom Hunger geqult, vor Durst lechzend, ganz verschmachtet,
war die Unglckliche unter der Last des im Korbe hoch aufgetrmten
drren Holzes, das sie im Walde unter den Bumen und Struchern mhsam
aufgelesen, niedergesunken, und da sie kaum zu atmen vermochte,
glaubte sie nicht anders, als da sie nun wohl sterben, so sich aber
ihr trostloses Elend auf einmal enden werde. Doch gewann sie bald
so viel Kraft, die Stricke, womit sie den Holzkorb auf ihrem Rcken
befestigt, loszunesteln und sich langsam heraufzuschieben auf einen
Grasfleck, der gerade in der Nhe stand. Da brach sie nun aus in laute
Klagen: "Mu," jammerte sie, "mu mich und meinen armen Mann allein
denn alle Not und alles Elend treffen? Sind wir denn nicht im ganzen
Dorfe die einzigen, die aller Arbeit, alles sauer vergessenen
Schweies ungeachtet in steter Armut bleiben und kaum so viel
erwerben, um unsern Hunger zu stillen? - Vor drei Jahren, als mein
Mann beim Umgraben unseres Gartens die Goldstcke in der Erde fand,
ja, da glaubten wir, das Glck sei endlich eingekehrt bei uns und nun
kmen die guten Tage; aber was geschah! - Diebe stahlen das Geld,
Haus und Scheune brannten uns ber dem Kopfe weg, das Getreide auf
dem Acker zerschlug der Hagel, und um das Ma unseres Herzeleids
vollzumachen bis ber den Rand, strafte uns der Himmel noch mit diesem
kleinen Wechselbalg, den ich zu Schand' und Spott des ganzen Dorfs
gebar. - Zu St.-Laurenztag ist nun der Junge drittehalb Jahre gewesen
und kann auf seinen Spinnenbeinchen nicht stehen, nicht gehen und
knurrt und miaut, statt zu reden, wie eine Katze. Und dabei frit die
unselige Migeburt wie der strkste Knabe von wenigstens acht Jahren,
ohne da es ihm im mindesten was anschlgt. Gott erbarme sich ber ihn
und ber uns, da wir den Jungen grofttern mssen uns selbst zur
Qual und grerer Not; denn essen und trinken immer mehr und mehr wird
der kleine Dumling wohl, aber arbeiten sein Lebetage nicht! Nein,
nein, das ist mehr als ein Mensch aushalten kann auf dieser Erde! -
Ach knnt' ich nur sterben - nur sterben!" Und damit fing die Arme an
zu weinen und zu schluchzen, bis sie endlich, vom Schmerz bermannt,
ganz entkrftet einschlief. -

Mit Recht konnte das Weib ber den abscheulichen Wechselbalg klagen,
den sie vor drittehalb Jahren geboren. Das, was man auf den ersten
Blick sehr gut fr ein seltsam verknorpeltes Stckchen Holz
htte ansehen knnen, war nmlich ein kaum zwei Spannen hoher,
migestalteter Junge, der von dem Korbe, wo er querber gelegen,
heruntergekrochen, sich jetzt knurrend im Grase wlzte. Der Kopf stak
dem Dinge tief zwischen den Schultern, die Stelle des Rckens vertrat
ein krbishnlicher Auswuchs, und gleich unter der Brust hingen
die haselgertdnnen Beinchen herab, da der Junge aussah wie ein
gespalteter Rettich. Vom Gesicht konnte ein stumpfes Auge nicht viel
entdecken, schrfer hinblickend, wurde man aber wohl die lange spitze
Nase, die aus schwarzen struppigen Haaren hervorstarrte, und ein Paar
kleine, schwarz funkelnde uglein gewahr, die, zumal bei den brigens
ganz alten, eingefurchten Zgen des Gesichts, ein klein Alrunchen
kundzutun schienen. -

Als nun, wie gesagt, das Weib ber ihren Gram in tiefen Schlaf
gesunken war und ihr Shnlein sich dicht an sie herangewlzt hatte,
begab es sich, da das Frulein von Rosenschn, Dame des nahegelegenen
Stifts, von einem Spaziergange heimkehrend, des Weges daherwandelte.
Sie blieb stehen und wurde, da sie von Natur fromm und mitleidig,
bei dem Anblick des Elends, der sich ihr darbot, sehr gerhrt. "O du
gerechter Himmel," fing sie an, "wieviel Jammer und Not gibt es doch
auf dieser Erde! - Das unglckliche Weib! - Ich wei, da sie kaum das
liebe Leben hat, da arbeitet sie ber ihre Krfte und ist vor Hunger
und Kummer hingesunken! - Wie fhle ich jetzt erst recht empfindlich
meine Armut und Ohnmacht! Ach, knnt' ich doch nur helfen, wie ich
wollte! - Doch das, was mir noch brig blieb, die wenigen Gaben, die
das feindselige Verhngnis mir nicht zu rauben, nicht zu zerstren
vermochte, die mir noch zu Gebote stehen, die will ich krftig und
getreu ntzen, um dem Leidwesen zu steuern. Geld, htte ich auch
darber zu gebieten, wrde dir gar nichts helfen, arme Frau, sondern
deinen Zustand vielleicht noch gar verschlimmern. Dir und deinem Mann,
euch beiden ist nun einmal Reichtum nicht beschert, und wem Reichtum
nicht beschert ist, dem verschwinden die Goldstcke aus der Tasche,
er wei selbst nicht wie, er hat davon nichts als groen Verdru und
wird, je mehr Geld ihm zustrmt, nur desto rmer. Aber ich wei es,
mehr als alle Armut, als alle Not, nagt an deinem Herzen, da du jenes
kleine Untierchen gebarst, das sich wie eine bse unheimliche Last an
dich hngt, die du durch das Leben tragen mut. - Gro - schn - stark
- verstndig, ja, das alles kann der Junge nun einmal nicht werden,
aber es ist ihm vielleicht noch auf andere Weise zu helfen." - Damit
setzte sich das Frulein nieder ins Gras und nahm den Kleinen auf den
Scho. Das bse Alrunchen strubte und spreizte sich, knurrte und
wollte das Frulein in den Finger beien, _die_ sprach aber: "Ruhig,
ruhig, kleiner Maikfer!" und strich leise und linde mit der flachen
Hand ihm ber den Kopf von der Stirn herber bis in den Nacken.
Allmhlich glttete sich whrend des Streichelns das struppige Haar
des Kleinen aus, bis es gescheitelt, an der Stirne fest anliegend, in
hbschen weichen Locken hinabwallte auf die hohen Schultern und den
Krbisrcken. Der Kleine war immer ruhiger geworden und endlich fest
eingeschlafen. Da legte ihn das Frulein Rosenschn behutsam dicht
neben der Mutter hin ins Gras, besprengte diese mit einem geistigen
Wasser aus dem Riechflschchen, das sie aus der Tasche gezogen, und
entfernte sich dann schnellen Schrittes.

Als die Frau bald darauf erwachte, fhlte sie sich auf wunderbare
Weise erquickt und gestrkt. Es war ihr, als habe sie eine tchtige
Mahlzeit gehalten und einen guten Schluck Wein getrunken. "Ei," rief
sie aus, "wie ist mir doch in dem bichen Schlaf so viel Trost, so
viel Munterkeit gekommen! - Aber die Sonne ist schon bald herab
hinter den Bergen, nun fort nach Hause!" - Damit wollte sie den Korb
aufpacken, vermite aber, als sie hineinsah, den Kleinen, der in
demselben Augenblick sich aus dem Grase aufrichtete und weinerlich
qukte. Als nun die Mutter sich nach ihm umschaute, schlug sie vor
Erstaunen die Hnde zusammen und rief - "Zaches - Klein Zaches, wer
hat dir denn unterdessen die Haare so schn gekmmt! - Zaches - Klein
Zaches, wie hbsch wrden dir die Locken kleiden, wenn du nicht solch
ein abscheulich garstiger Junge wrst! - Nun, komm nur, komm! - hinein
in den Korb!" Sie wollte ihn fassen und quer ber das Holz legen, da
strampelte aber Klein Zaches mit den Beinen, grinste die Mutter an und
miaute sehr vernehmlich: "Ich mag nicht!" - "Zaches! - Klein Zaches!"
schrie die Frau ganz auer sich, "wer hat dich denn unterdessen reden
gelehrt? Nun! wenn du solch schn gekmmte Haare hast, wenn du so
artig redest, so wirst du auch wohl laufen knnen." Die Frau huckte
den Korb auf den Rcken, Klein Zaches hing sich an ihre Schrze, und
so ging es fort nach dem Dorfe.

Sie muten bei dem Pfarrhause vorber, da begab es sich, da der
Pfarrer mit seinem jngsten Knaben, einem bildschnen goldlockigen
Jungen von drei Jahren, in seiner Haustre stand. Als der nun die Frau
mit dem schweren Holzkorbe und mit Klein Zaches, der an ihrer Schrze
baumelte, daherkommen sah, rief er ihr entgegen: "Guten Abend, Frau
Liese, wie geht es Euch - Ihr habt ja eine gar zu schwere Brde
geladen, Ihr knnt ja kaum mehr fort, kommt her, ruht Euch ein wenig
aus auf dieser Bank vor meiner Tre, meine Magd soll Euch einen
frischen Trunk reichen!" - Frau Liese lie sich das nicht zweimal
sagen, sie setzte ihren Korb ab und wollte eben den Mund ffnen, um
dem ehrwrdigen Herrn all ihren Jammer, ihre Not zu klagen, als Klein
Zaches bei der raschen Wendung der Mutter das Gleichgewicht verlor und
dem Pfarrer vor die Fe flog. Der bckte sich rasch nieder und hob
den Kleinen auf, indem er sprach: "Ei, Frau Liese, Frau Liese, was
habt Ihr da fr einen bildschnen allerliebsten Knaben! Das ist ja
ein wahrer Segen des Himmels, ein solch wunderbar schnes Kind zu
besitzen." Und damit nahm er den Kleinen in die Arme und liebkoste ihn
und schien es gar nicht zu bemerken, da der unartige Dumling gar
hlich knurrte und mauzte und den ehrwrdigen Herrn sogar in die
Nase beien wollte. Aber Frau Liese stand ganz verblfft vor dem
Geistlichen und schaute ihn an mit aufgerissenen starren Augen und
wute gar nicht, was sie denken sollte. "Ach, lieber Herr Pfarrer,"
begann sie endlich mit weinerlicher Stimme, "ein Mann Gottes, wie Sie,
treibt doch wohl nicht seinen Spott mit einem armen unglcklichen
Weibe, das der Himmel, mag er selbst wissen warum, mit diesem
abscheulichen Wechselbalge gestraft hat!" "Was spricht," erwiderte
der Geistliche sehr ernst, "was spricht Sie da fr tolles Zeug, liebe
Frau! von Spott - Wechselbalg - Strafe des Himmels - ich verstehe Sie
gar nicht und wei nur, da Sie ganz verblendet sein mu, wenn Sie
Ihren hbschen Knaben nicht recht herzlich liebt. - Ksse mich,
artiger kleiner Mann!" - Der Pfarrer herzte den Kleinen, aber Zaches
knurrte: "Ich mag nicht!" und schnappte aufs neue nach des Geistlichen
Nase. - "Seht die arge Bestie!" rief Liese erschrocken; aber in dem
Augenblick sprach der Knabe des Pfarrers: "Ach, lieber Vater, du bist
so gut, du tust so schn mit den Kindern, die mssen wohl alle dich
recht herzlich lieb haben!" "O hrt doch nur," rief der Pfarrer, indem
ihm die Augen vor Freude glnzten, "O hrt doch nur, Frau Liese,
den hbschen verstndigen Knaben, Euren lieben Zaches, dem Ihr so
belwollt. Ich merk' es schon, Ihr werdet Euch nimmermehr was aus
dem Knaben machen, sei er auch noch so hbsch und verstndig. Hrt,
Frau Liese, berlat mir Euer hoffnungsvolles Kind zur Pflege und
Erziehung. Bei Eurer drckenden Armut ist Euch der Knabe nur eine
Last, und mir macht es Freude, ihn zu erziehen wie meinen eignen
Sohn!" -

Liese konnte vor Erstaunen gar nicht zu sich selbst kommen, ein Mal
ber das andere rief sie: "Aber, lieber Herr Pfarrer - lieber Herr
Pfarrer, ist denn das wirklich Ihr Ernst, da Sie die kleine Ungestalt
zu sich nehmen und erziehen und mich von der Not befreien wollen,
die ich mit dem Wechselbalg habe?" - Doch, je mehr die Frau die
abscheuliche Hlichkeit ihres Alrunchens dem Pfarrer vorhielt, desto
eifriger behauptete dieser, da sie in ihrer tollen Verblendung gar
nicht verdiene, vom Himmel mit dem herrlichen Geschenk eines solchen
Wunderknaben gesegnet zu sein, bis er zuletzt ganz zornig mit Klein
Zaches auf dem Arm hineinlief in das Haus und die Tre von innen
verriegelte.

Da stand nun Frau Liese wie versteinert vor des Pfarrers Haustre und
wute gar nicht, was sie von dem allem denken sollte. "Was um aller
Welt willen," sprach sie zu sich selbst, "ist denn mit unserm wrdigen
Herrn Pfarrer geschehen, da er in meinen Klein Zaches so ganz und
gar vernarrt ist und den einfltigen Knirps fr einen hbschen,
verstndigen Knaben hlt? - Nun! helfe Gott dem lieben Herrn, er
hat mir die Last von den Schultern genommen und sie sich selbst
aufgeladen, mag er nun zusehen, wie er sie trgt! - Hei! wie leicht
geworden ist nun der Holzkorb, da Klein Zaches nicht mehr darauf sitzt
und mit ihm die schwerste Sorge!" -

Damit schritt Frau Liese, den Holzkorb auf dem Rcken, lustig und
guter Dinge fort ihres Weges! - -

Wollte ich auch zurzeit noch gnzlich darber schweigen, du wrdest,
gnstiger Leser, dennoch wohl ahnen, da es mit dem Stiftsfrulein von
Rosenschn, oder wie sie sich sonst nannte, Rosengrnschn, eine ganz
besondere Bewandtnis haben msse. Denn nichts anders war es wohl, als
die geheimnisvolle Wirkung ihres Kopfstreichelns und Haarausglttens,
da Klein Zaches von dem gutmtigen Pfarrer fr ein schnes und
kluges Kind angesehn und gleich wie sein eignes aufgenommen wurde.
Du knntest, lieber Leser, aber doch, trotz deines vortrefflichen
Scharfsinns, in falsche Vermutungen geraten oder gar zum groen
Nachteil der Geschichte viele Bltter berschlagen, um nur gleich mehr
von dem mystischen Stiftsfrulein zu erfahren; besser ist es daher
wohl, ich erzhle dir gleich alles, was ich selbst von der wrdigen
Dame wei.

Frulein von Rosenschn war von groer Gestalt, edlem majesttischen
Wuchs und etwas stolzem, gebietendem Wesen. Ihr Gesicht, mute man es
gleich vollendet schn nennen, machte, zumal wenn sie wie gewhnlich
in starrem Ernst vor sich hinschaute, einen seltsamen, beinahe
unheimlichen Eindruck, was vorzglich einem ganz besondern fremden
Zuge zwischen den Augenbrauen zuzuschreiben, von dem man durchaus
nicht recht wute, ob ein Stiftsfrulein dergleichen wirklich auf der
Stirne tragen knne. Dabei lag aber auch oft, vorzglich zur Rosenzeit
bei heiterm schnen Wetter, so viel Huld und Anmut in ihrem Blick, da
jeder sich von sem unwiderstehlichen Zauber befangen fhlte. Als ich
die Gndige zum ersten- und letztenmal zu schauen das Vergngen hatte,
war sie dem Ansehen nach eine Frau in der hchsten, vollendetsten
Blte ihrer Jahre, auf der hchsten Spitze des Wendepunktes, und ich
meinte, da mir groes Glck beschieden, die Dame noch eben auf dieser
Spitze zu erblicken und ber ihre wunderbare Schnheit gewissermaen
zu erschrecken, welches sich dann sehr bald nicht mehr wrde zutragen
knnen. Ich war im Irrtum. Die ltesten Leute im Dorf versicherten,
da sie das gndige Frulein gekannt htten schon so lange als sie
dchten, und da die Dame niemals anders ausgesehen habe, nicht lter,
nicht jnger, nicht hlicher, nicht hbscher als eben jetzt. Die Zeit
schien also keine Macht zu haben ber sie, und schon dieses konnte
manchem verwunderlich vorkommen. Aber noch manches andere trat hinzu,
worber sich jeder, berlegte er es recht ernstlich, ebensosehr
wundern, ja zuletzt aus der Verwunderung, in die er verstrickt, gar
nicht herauskommen mute. Frs erste offenbarte sich ganz deutlich
bei dem Frulein die Verwandtschaft mit den Blumen, deren Namen sie
trug. Denn nicht allein, da kein Mensch auf Erden solche herrliche
tausendblttrige Rosen zu ziehen vermochte, als sie, so sprieten auch
aus dem schlechtesten drresten Dorn, den sie in die Erde steckte,
jene Blumen in der hchsten Flle und Pracht hervor. Dann war es
gewi, da sie auf einsamen Spaziergngen im Walde laute Gesprche
fhrte mit wunderbaren Stimmen, die aus den Bumen, aus den Bschen,
aus den Quellen und Bchen zu tnen schienen. Ja, ein junger
Jgersmann hatte sie belauscht, wie sie einmal mitten im dicksten
Gehlz stand und seltsame Vgel mit buntem glnzenden Gefieder, die
gar nicht im Lande heimisch, sie umflatterten und liebkosten und
in lustigem Singen und Zwitschern ihr allerlei frhliche Dinge zu
erzhlen schienen, worber sie lachte und sich freute. Daher kam es
denn auch, da Frulein von Rosenschn zu jener Zeit, als sie in das
Stift gekommen, bald die Aufmerksamkeit aller Leute in der Gegend
anregte. Ihre Aufnahme in das Fruleinstift hatte der Frst befohlen;
der Baron Prtextatus von Mondschein, Besitzer des Gutes, in dessen
Nhe jenes Stift lag, dem er als Verweser vorstand, konnte daher
nichts dagegen einwenden, ungeachtet ihn die entsetzlichsten Zweifel
qulten. Vergebens war nmlich sein Mhen geblieben, in Rixners
Turnierbuch und andern Chroniken die Familie Rosengrnschn
aufzufinden. Mit Recht zweifelte er aus diesem Grunde an der
Stiftsfhigkeit des Fruleins, die keinen Stammbaum mit zweiunddreiig
Ahnen aufzuweisen hatte, und bat sie zuletzt ganz zerknirscht, die
hellen Trnen in den Augen, doch sich um des Himmels willen wenigstens
nicht Rosengrnschn, sondern Rosenschn zu nennen, denn in diesem
Namen sei doch noch einiger Verstand und ein Ahnherr mglich. - Sie
tat ihm das zu Gefallen. - Vielleicht uerte sich des gekrnkten
Prtextatus Groll gegen das ahnenlose Frulein auf diese - jene Weise
und gab zuerst Anla zu der bsen Nachrede, die sich immer mehr und
mehr im Dorfe verbreitete. Zu jenen zauberhaften Unterhaltungen im
Walde, die indessen sonst nichts auf sich hatten, kamen nmlich
allerlei bedenkliche Umstnde, die von Mund zu Mund gingen und des
Fruleins eigentliches Wesen in gar zweideutiges Licht stellten.
Mutter Anne, des Schulzen Frau, behauptete keck, da, wenn das
Frulein stark zum Fenster heraus niese, allemal die Milch im ganzen
Dorfe sauer wrde. Kaum hatte sich dies aber besttigt, als sich das
Schreckliche begab. Schulmeisters Michel hatte in der Stiftskche
gebratene Kartoffeln genascht und war von dem Frulein darber
betroffen worden, die ihm lchelnd mit dem Finger drohte. Da war dem
Jungen das Maul offen stehen geblieben, gerade als htt' er eine
gebratene brennende Kartoffel darin sitzen immerdar, und er mute
fortan einen Hut mit vorstehender breiter Krempe tragen, weil es sonst
dem Armen ins Maul geregnet htte. Bald schien es gewi zu sein, da
das Frulein sich darauf verstand, Feuer und Wasser zu besprechen,
Sturm und Hagelwolken zusammenzutreiben, Weichselzpfe zu flechten
etc., und niemand zweifelte an der Aussage des Schafhirten, der zur
Mitternachtsstunde mit Schauer und Entsetzen gesehen haben wollte, wie
das Frulein auf einem Besen brausend durch die Lfte fuhr, vor ihr
her ein ungeheurer Hirschkfer, zwischen dessen Hrnern blaue Flammen
hoch aufleuchteten! - Nun kam alles in Aufruhr, man wollte der Hexe
zu Leibe, und die Dorfgerichte beschlossen nichts Geringeres, als das
Frulein aus dem Stift zu holen und sie ins Wasser zu werfen, damit
sie die gewhnliche Hexenprobe bestehe. Der Baron Prtextatus lie
alles geschehen und sprach lchelnd zu sich selbst: "So geht es
simplen Leuten ohne Ahnen, die nicht von solch altem guten Herkommen
sind, wie der Mondschein." Das Frulein, unterrichtet von dem
bedrohlichen Unwesen, flchtete nach der Residenz, und bald darauf
erhielt der Baron Prtextatus einen Kabinettsbefehl vom Frsten des
Landes, mittelst dessen ihm bekannt gemacht, da es keine Hexen
gbe, und befohlen wurde, die Dorfgerichte fr die naseweise Gier,
Schwimmknste eines Stiftsfruleins zu schauen, in den Turm werfen,
den brigen Bauern und ihren Weibern aber andeuten zu lassen, bei
empfindlicher Leibesstrafe von dem Frulein Rosenschn nicht schlecht
zu denken. Sie gingen in sich, frchteten sich vor der angedrohten
Strafe und dachten fortan gut von dem Frulein, welches fr beide,
fr das Dorf und fr die Dame Rosenschn, die ersprielichsten Folgen
hatte.

In dem Kabinett des Frsten wute man recht gut, da das Frulein von
Rosenschn niemand anders war, als die sonst berhmte weltbekannte Fee
Rosabelverde. Es hatte mit der Sache folgende Bewandtnis:

Auf der ganzen weiten Erde war wohl sonst kaum ein anmutigeres Land zu
finden, als das kleine Frstentum, worin das Gut des Baron Prtextatus
von Mondschein lag, worin das Frulein von Rosenschn hauste, kurz,
worin sich das alles begab, was ich dir, geliebter Leser, des
breiteren zu erzhlen eben im Begriff stehe.

Von einem hohen Gebirge umschlossen, glich das Lndchen mit seinen
grnen, duftenden Wldern, mit seinen blumigen Auen, mit seinen
rauschenden Strmen und lustig pltschernden Springquellen, zumal da
es gar keine Stdte, sondern nur freundliche Drfer und hin und wieder
einzeln stehende Palste darin gab, einem wunderbar herrlichen Garten,
in dem die Bewohner wie zu ihrer Lust wandelten, frei von jeder
drckenden Brde des Lebens. Jeder wute, da Frst Demetrius das Land
beherrsche; niemand merkte indessen das mindeste von der Regierung,
und alle waren damit gar wohl zufrieden. Personen, die die volle
Freiheit in all ihrem Beginnen, eine schne Gegend, ein mildes Klima
liebten, konnten ihren Aufenthalt gar nicht besser whlen als in dem
Frstentum, und so geschah es denn, da unter andern auch verschiedene
vortreffliche Feen von der guten Art, denen Wrme und Freiheit
bekanntlich ber alles geht, sich dort angesiedelt hatten. Ihnen
mocht' es zuzuschreiben sein, da sich beinahe in jedem Dorfe,
vorzglich aber in den Wldern sehr oft die angenehmsten Wunder
begaben und da jeder, von dem Entzcken, von der Wonne dieser Wunder
ganz umflossen, vllig an das Wunderbare glaubte und, ohne es selbst
zu wissen, eben deshalb ein froher, mithin guter Staatsbrger blieb.
Die guten Feen, die sich in freier Willkr ganz dschinnistanisch
eingerichtet, htten dem vortrefflichen Demetrius gern ein ewiges
Leben bereitet. Das stand indessen nicht in ihrer Macht. Demetrius
starb, und ihm folgte der junge Paphnutius in der Regierung.
Paphnutius hatte schon zu Lebzeiten seines Herrn Vaters einen stillen
innerlichen Gram darber genhrt, da Volk und Staat nach seiner
Meinung auf die heilloseste Weise vernachlssigt, verwahrlost wurde.
Er beschlo zu regieren und ernannte sofort seinen Kammerdiener
Andres, der ihm einmal, als er im Wirtshause hinter den Bergen seine
Brse liegen lassen, sechs Dukaten geborgt und dadurch aus groer Not
gerissen hatte, zum ersten Minister des Reichs. "Ich will regieren,
mein Guter!" rief ihm Paphnutius zu. Andres las in den Blicken
seines Herrn, was in ihm vorging, warf sich ihm zu Fen und sprach
feierlich: "Sire! die groe Stunde hat geschlagen! - durch Sie steigt
schimmernd ein Reich aus mchtigem Chaos empor! - Sire! hier fleht
der treueste Vasall, tausend Stimmen des armen unglcklichen Volks
in Brust und Kehle! - Sire! - fhren Sie die Aufklrung ein!" -
Paphnutius fhlte sich durch und durch erschttert von dem erhabenen
Gedanken seines Ministers. Er hob ihn auf, ri ihn strmisch an seine
Brust und sprach schluchzend: "Minister - Andres - ich bin dir sechs
Dukaten schuldig - noch mehr - mein Glck - mein Reich! - o treuer,
gescheuter Diener!" -

Paphnutius wollte sofort ein Edikt mit groen Buchstaben drucken und
an allen Ecken anschlagen lassen, da von Stund' an die Aufklrung
eingefhrt sei und ein jeder sich darnach zu achten habe. "Bester
Sire!" rief indessen Andres, "bester Sire! so geht es nicht!" - "Wie
geht es denn, mein Guter?" sprach Paphnutius, nahm seinen Minister
beim Knopfloch und zog ihn hinein in das Kabinett, dessen Tre er
abschlo.

"Sehen Sie," begann Andres, als er seinem Frsten gegenber auf einem
kleinen Taburett Platz genommen, "sehen Sie, gndigster Herr! - die
Wirkung Ihres frstlichen Edikts wegen der Aufklrung wrde vielleicht
verstrt werden auf hliche Weise, wenn wir nicht damit eine Maregel
verbinden, die zwar hart scheint, die indessen die Klugheit gebietet.
- Ehe wir mit der Aufklrung vorschreiten, d. h. ehe wir die Wlder
umhauen, den Strom schiffbar machen, Kartoffeln anbauen, die
Dorfschulen verbessern, Akazien und Pappeln anpflanzen, die Jugend ihr
Morgen- und Abendlied zweistimmig absingen, Chausseen anlegen und die
Kuhpocken einimpfen lassen, ist es ntig, alle Leute von gefhrlichen
Gesinnungen, die keiner Vernunft Gehr geben und das Volk durch lauter
Albernheiten verfhren, aus dem Staate zu verbannen - Sie haben
Tausendundeine Nacht gelesen, bester Frst, denn ich wei, da Ihr
durchlauchtig seliger Herr Papa, dem der Himmel eine sanfte Ruhe im
Grabe schenken mge, dergleichen fatale Bcher liebte und Ihnen, als
Sie sich noch der Steckenpferde bedienten und vergoldete Pfefferkuchen
verzehrten, in die Hnde gab. Nun also! - Aus jenem vllig konfusen
Buche werden Sie, gndigster Herr, wohl die sogenannten Feen kennen,
gewi aber nicht ahnen, da sich verschiedene von diesen gefhrlichen
Personen in Ihrem eignen lieben Lande hier ganz in der Nhe Ihres
Palastes angesiedelt haben und allerlei Unfug treiben." "Wie? - was
sagt Er? - Andres! Minister! - Feen! - hier in meinem Lande?" - So
rief Frst, indem er ganz erblat in die Stuhllehne zurcksank. -
"Ruhig, mein gndigster Herr," fuhr Andres fort, "ruhig knnen wir
bleiben, sobald wir mit Klugheit gegen jene Feinde der Aufklrung zu
Felde ziehen. Ja! - Feinde der Aufklrung nenne ich sie, denn nur sie
sind, die Gte Ihres seligen Herrn Papas mibrauchend, daran schuld,
da der liebe Staat noch in gnzlicher Finsternis darniederliegt. Sie
treiben ein gefhrliches Gewerbe mit dem Wunderbaren und scheuen sich
nicht, unter dem Namen Poesie ein heimliches Gift zu verbreiten, das
die Leute ganz unfhig macht zum Dienste in der Aufklrung. Dann haben
sie solche unleidliche polizeiwidrige Gewohnheiten, da sie schon
deshalb in keinem kultivierten Staate geduldet werden drften. So z.B.
entblden sich die Frechen nicht, sowie es ihnen einfllt, in den
Lften spazieren zu fahren mit vorgespannten Tauben, Schwnen, ja
sogar geflgelten Pferden. Nun frage ich aber, gndigster Herr,
verlohnt es sich der Mhe, einen gescheuten Akzisetarif zu entwerfen
und einzufhren, wenn es Leute im Staate gibt, die imstande sind,
jedem leichtsinnigen Brger unversteuerte Waren in den Schornstein
zu werfen, wie sie nur wollen? - Darum, gndigster Herr, - sowie die
Aufklrung angekndigt wird, fort mit den Feen! - Ihre Palste werden
umzingelt von der Polizei, man nimmt ihnen ihre gefhrliche Habe und
schafft sie als Vagabonden fort nach ihrem Vaterlande, welches, wie
Sie, gndigster Herr, aus Tausendundeiner Nacht wissen werden, das
Lndchen Dschinnistan ist." "Gehen Posten nach diesem Lande, Andres?"
so fragte der Frst. "Zurzeit nicht," erwiderte Andres, "aber
vielleicht lt sich nach eingefhrter Aufklrung eine Journaliere
dorthin mit Nutzen einrichten." - "Aber Andres," fuhr der Frst fort,
"wird man unser Verfahren gegen die Feen nicht hart finden? - Wird das
verwhnte Volk nicht murren?" - "Auch dafr," sprach Andres, "auch
dafr wei ich ein Mittel. Nicht alle Feen, gndigster Herr, wollen
wir fortschicken nach Dschinnistan, sondern einige im Lande behalten,
sie aber nicht allein aller Mittel berauben, der Aufklrung schdlich
zu werden, sondern auch zweckdienliche Mittel anwenden, sie zu
ntzlichen Mitgliedern des aufgeklrten Staats umzuschaffen. Wollen
sie sich nicht auf solide Heiraten einlassen, so mgen sie unter
strenger Aufsicht irgendein ntzliches Geschft treiben, Socken
stricken fr die Armee, wenn es Krieg gibt, oder sonst. Geben Sie
acht, gndigster Herr, die Leute werden sehr bald an die Feen, wenn
sie unter ihnen wandeln, gar nicht mehr glauben, und das ist das
beste. So gibt sich alles etwanige Murren von selbst. - Was brigens
die Utensilien der Feen betrifft, so fallen sie der frstlichen
Schatzkammer heim, die Tauben und Schwne werden als kstliche Braten
in die frstliche Kche geliefert, mit den geflgelten Pferden kann
man aber auch Versuche machen, sie zu kultivieren und zu bilden zu
ntzlichen Bestien, indem man ihnen die Flgel abschneidet und sie
zur Stallftterung gibt, die wir doch hoffentlich zugleich mit der
Aufklrung einfhren werden." -

Paphnutius war mit allen Vorschlgen seines Ministers auf das hchste
zufrieden, und schon andern Tages wurde ausgefhrt, was beschlossen
war.

An allen Ecken prangte das Edikt wegen der eingefhrten Aufklrung,
und zu gleicher Zeit brach die Polizei in die Palste der Feen, nahm
ihr ganzes Eigentum in Beschlag und fhrte sie gefangen fort.

Mag der Himmel wissen, wie es sich begab, da die Fee Rosabelverde die
einzige von allen war, die wenige Stunden vorher, ehe die Aufklrung
hereinbrach, Wind davon bekam und die Zeit nutzte, ihre Schwne
in Freiheit zu setzen, ihre magischen Rosenstcke und andere
Kostbarkeiten beiseite zu schaffen. Sie wute nmlich auch, da sie
dazu erkoren war, im Lande zu bleiben, worin sie sich, wiewohl mit
groem Widerwillen, fgte.

berhaupt konnten es weder Paphnutius noch Andres begreifen, warum
die Feen, die nach Dschinnistan transportiert wurden, eine solche
bertriebene Freude uerten und ein Mal ber das andere versicherten,
da ihnen an aller Habe, die sie zurcklassen mssen, nicht das
mindeste gelegen. "Am Ende," sprach Paphnutius entrstet, "am Ende ist
Dschinnistan ein viel hbscherer Staat wie der meinige, und sie lachen
mich aus mitsamt meinem Edikt und meiner Aufklrung, die jetzt erst
recht gedeihen soll!" -

Der Geograph sollte mit dem Historiker des Reichs ber das Land
umstndlich berichten.

Beide stimmten darin berein, da Dschinnistan ein erbrmliches Land
sei, ohne Kultur, Aufklrung, Gelehrsamkeit, Akazien und Kuhpocken,
eigentlich auch gar nicht existiere. Schlimmeres knne aber einem
Menschen oder einem ganzen Lande wohl nicht begegnen, als gar nicht zu
existieren.

Paphnutius fhlte sich beruhigt.

Als der schne blumige Hain, in dem der verlassene Palast der Fee
Rosabelverde lag, umgehauen wurde, und beispielshalber Paphnutius
selbst smtlichen Bauerlmmeln im nchsten Dorfe die Kuhpocken
eingeimpft hatte, pate die Fee dem Frsten in dem Walde auf, durch
den er mit dem Minister Andres nach seinem Schlo zurckkehren wollte.
Da trieb sie ihn mit allerlei Redensarten, vorzglich aber mit einigen
unheimlichen Kuntstckchen, die sie vor der Polizei geborgen, dermaen
in die Enge, da er sie um des Himmels willen bat, doch mit einer
Stelle des einzigen und daher besten Fruleinstifts im ganzen Lande
vorliebzunehmen, wo sie, ohne sich an das Aufklrungsedikt zu kehren,
schalten und walten knne nach Belieben.

Die Fee Rosabelverde nahm den Vorschlag an und kam auf diese Weise in
das Fruleinstift, wo sie sich, wie schon erzhlt worden, das Frulein
von Rosengrnschn, dann aber, auf dringendes Bitten des Baron
Prtextatus von Mondschein, das Frulein von Rosenschn nannte.



Zweites Kapitel

Von der unbekannten Vlkerschaft, die der Gelehrte Ptolomus
Philadelphus auf seinen Reisen entdeckte. - Die Universitt Kerepes. -
Wie dem Studenten Fabian ein Paar Reitstiefel um den Kopf flogen und
der Professor Mosch Terpin den Studenten Balthasar zum Tee einlud.

In den vertrauten Briefen, die der weltberhmte Gelehrte Ptolomus
Philadelphus an seinen Freund Rufin schrieb, als er sich auf weiten
Reisen befand, ist folgende merkwrdige Stelle enthalten:

"Du weit, mein lieber Rufin, da ich nichts in der Welt so frchte
und scheue, als die brennenden Sonnenstrahlen des Tages, welche
die Krfte meines Krpers aufzehren und meinen Geist dermaen
abspannen und ermatten, da alle Gedanken in ein verworrenes Bild
zusammenflieen und ich vergebens darnach ringe, auch nur irgendeine
deutliche Gestaltung in meiner Seele zu erfassen. Ich pflege daher in
dieser heien Jahreszeit des Tages zu ruhen, nachts aber meine Reise
fortzusetzen, und so befand ich mich dann auch in voriger Nacht auf
der Reise. Mein Fuhrmann hatte sich in der dicken Finsternis von dem
rechten, bequemen Wege verirrt und war unversehens auf die Chaussee
geraten. Ungeachtet ich aber durch die harten Ste, die es hier gab,
in dem Wagen hin und her geschleudert wurde, so da mein Kopf voller
Beulen einem mit Walnssen gefllten Sack nicht unhnlich war,
erwachte ich doch aus dem tiefen Schlafe, in den ich versunken, nicht
eher, bis ich mit einem entsetzlichen Ruck aus dem Wagen heraus auf
den harten Boden strzte. Die Sonne schien mir hell ins Gesicht, und
durch den Schlagbaum, der dicht vor mir stand, gewahrte ich die hohen
Trme einer ansehnlichen Stadt. Der Fuhrmann lamentierte sehr, da
nicht allein die Deichsel, sondern auch ein Hinterrad des Wagens an
dem groen Stein, der mitten auf der Chaussee lag, gebrochen, und
schien sich wenig oder gar nicht um mich zu kmmern. Ich hielt, wie es
dem Weisen ziemt, meinen Zorn zurck und rief dem Kerl blo sanftmtig
zu, er sei ein verfluchter Schlingel, er mge bedenken, da Ptolomus
Philadelphus, der berhmteste Gelehrte seiner Zeit, auf dem St- se,
und Deichsel Deichsel und Rad Rad sein lassen. Du kennst, mein lieber
Rufin, die Gewalt, die ich ber das menschliche Herz be, und so
geschah es denn auch, da der Fuhrmann augenblicklich aufhrte zu
lamentieren und mir mit Hlfe des Chausseeinnehmers, vor dessen
Huslein sich der Unfall begeben, auf die Beine half. Ich hatte zum
Glck keinen sonderlichen Schaden gelitten und war imstande, langsam
auf der Strae fortzuwandeln, whrend der Fuhrmann den zerbrochenen
Wagen mhsam nachschleppte. Unfern des Tors der Stadt, die ich in
blauer Ferne gesehen, begegneten mir nun aber viele Leute von solch
wunderlichem Wesen und in solch seltsamer Kleidung, da ich mir die
Augen rieb, um zu erforschen, ob ich wirklich wache oder ob nicht
vielleicht ein toller neckhafter Traum mich eben in ein fremdes
fabelhaftes Land versetze. - Diese Leute, die ich mit Recht fr
Bewohner der Stadt, aus deren Tor ich sie kommen sah, halten durfte,
trugen lange, sehr weite Hosen, nach Art der Japaneser zugeschnitten,
von kstlichem Zeuge, Samt, Manchester, feinem Tuch oder auch wohl
bunt durchwirkter Leinwand, mit Tressen oder hbschen Bndern und
Schnren reichlich besetzt, dazu kleine Kinderrcklein, kaum den
Unterleib bedeckend, meistens von sonnenheller Farbe, nur wenige
gingen schwarz. Die Haare hingen ungekmmt in natrlicher Wildheit auf
Schultern und Rcken herab, und auf dem Kopf sa ein kleines seltsames
Mtzchen. Manche hatten den Hals ganz entblt nach der Weise der
Trken und Neugriechen, andere dagegen trugen um Hals und Brust ein
Stckchen weie Leinwand, beinahe einem Hemdekragen hnlich, wie Du,
geliebter Rufin, sie auf den Bildern unserer Vorfahren gesehen haben
wirst. Ungeachtet diese Leute smtlich sehr jung zu sein schienen, war
doch ihre Sprache tief und rauh, jede ihrer Bewegungen ungelenk, und
mancher hatte einen schmalen Schatten unter der Nase, als sitze dort
ein Stutzbrtchen. Aus den Hinterteilen der kleinen Rcke mancher
ragte ein langes Rohr hervor, an dem groe seidene Quasten baumelten.
Andere hatten diese Rhre hervorgezogen und kleine - grere -
manchmal auch sehr groe wunderlich geformte Kpfe unten daran
befestigt, aus denen sie, oben durch ein ganz spitz zulaufendes
Rhrchen hineinblasend, auf geschickte Weise knstliche Dampfwolken
aufsteigen zu lassen wuten. Andre trugen breite blitzende Schwerter
in den Hnden, als wollten sie dem Feinde entgegenziehen; noch andere
hatten kleine Behltnisse von Leder oder Blech umgehngt oder ber den
Rcken geschnallt. Du kannst denken, lieber Rufin, da ich, der ich
durch sorgliches Betrachten jeder mir neuen Erscheinung mein Wissen
zu bereichern suche, stillstand und mein Auge fest auf die seltsamen
Leute heftete. Da versammelten sie sich um mich her, schrien ganz
gewaltig: 'Philister - Philister!' - und schlugen eine entsetzliche
Lache auf. - Das verdro mich. Denn, geliebter Rufin, gibt es fr
einen groen Gelehrten etwas Krnkenderes, als fr einen von dem Volke
gehalten zu werden, das vor vielen tausend Jahren mittelst eines
Eselkinnbackens erschlagen wurde? - Ich nahm mich zusammen in der mir
angebornen Wrde und sprach laut zu dem sonderbaren Volk um mich her,
da ich hoffe, mich in einem zivilisierten Staat zu befinden, und
da ich mich an Polizei und Gerichtshfe wenden wrde, um die mir
zugefgte Unbill zu rchen. Da brummten sie alle; auch die, die bisher
noch nicht gedampft, zogen die dazu bestimmten Maschinen aus der
Tasche, und alle bliesen mir die dicken Dampfwolken ins Gesicht,
welche, wie ich nun erst merkte, ganz unertrglich stanken und meine
Sinne betubten. Dann spachen sie eine Art Fluch ber mich aus, dessen
Worte ich ihrer Grlichkeit halber Dir, geliebter Rufin, gar nicht
wiederholen mag. Nur mit tiefem Grausen kann ich selbst daran denken.
Endlich verlieen sie mich unter lautem Hohngelchter, und mir war's,
als wenn das Wort: Hetzpeitsche in den Lften verhalle! - Mein
Fuhrmann, der alles mit angehrt, mit angesehen, rang die Hnde und
sprach: 'Ach mein lieber Herr! nun das geschehen ist, was geschah, so
gehen Sie beileibe nicht in jene Stadt hinein! Kein Hund, wie man zu
sagen pflegt, wrde ein Stck Brot von Ihnen nehmen und stete Gefahr
Sie bedrohen, gepr-' Ich lie den Wackern nicht ausreden, sondern
wandte meine Schritte so schnell, als es nur gehen mochte, nach dem
nchsten Dorfe. In dem einsamen Kmmerlein des einzigen Wirtshauses
dieses Dorfes sitze ich und schreibe Dir, mein geliebter Rufin, dieses
alles! - Soviel es mglich ist, werde ich Nachrichten einziehen von
dem fremden barbarischen Volke, das in jener Stadt hauset. Von ihren
Sitten - Gebruchen - von ihrer Sprache u.s.w. habe ich mir schon
manches hchst Seltsame erzhlen lassen und werde Dir getreulich alles
mitteilen etc. etc."

Du gewahrst, o mein geliebter Leser, da man ein groer Gelehrter und
doch mit sehr gewhnlichen Erscheinungen im Leben unbekannt sein, und
doch ber Weltbekanntes in die wunderlichsten Trume geraten kann.
Ptolomus Philadelphus hatte studiert und kannte nicht einmal
Studenten und wute nicht einmal, da er in dem Dorfe Hoch-Jakobsheim
sa, das bekanntlich dicht bei der berhmten Universitt Kerepes
liegt, als er seinem Freunde von einer Begebenheit schrieb, die sich
in seinem Kopfe zum seltsamsten Abenteuer umgeformt hatte. Der gute
Ptolomus erschrak, als er Studenten begegnete, die frhlich und
guter Dinge ber Land zogen zu ihrer Lust. Welche Angst htte ihn
berfallen, wre er eine Stunde frher in Kerepes angekommen, und
htte ihn der Zufall vor das Haus des Professors der Naturkunde
Mosch Terpin gefhrt! - Hunderte von Studenten htten, aus dem Hause
herausstrmend, ihn umringt, lrmend disputierend etc., und noch
wunderliche Trume wren ihm in den Kopf gekommen ber diesem Gewirr,
ber diesem Getreibe.

Die Kollegia Mosch Terpins wurden nmlich in ganz Kerepes am
hufigsten besucht. Er war, wie gesagt, Professor der Naturkunde, er
erklrte, wie es regnet, donnert, blitzt, warum die Sonne scheint bei
Tage und der Mond des Nachts, wie und warum das Gras wchst etc., so
da jedes Kind es begreifen mute. Er hatte die ganze Natur in ein
kleines niedliches Kompendium zusammengefat, so da er sie bequem
nach Gefallen handhaben und daraus fr jede Frage die Antwort wie aus
einem Schubkasten herausziehen konnte. Seinen Ruf begrndete er zuerst
dadurch, als er es nach vielen physikalischen Versuchen glcklich
herausgebracht hatte, da die Finsternis hauptschlich von Mangel an
Licht herrhre. Dies, sowie, da er eben jene physikalischen Versuche
mit vieler Gewandtheit in nette Kunststckchen umzusetzen wute und
gar ergtzlichen Hokuspokus trieb, verschaffte ihm den unglaublichen
Zulauf. - Erlaube, mein gnstiger Leser, da, da du da viel besser wie
der berhmte Gelehrte Ptolomus Philadelphus Studenten kennst, da du
nichts von seiner trumerischen Furchtsamkeit weist, ich dich nun nach
Kerepes fhre vor das Haus des Professors Mosch Terpin, als er eben
sein Kollegium beendet. Einer unter den herausstrmenden Studenten
fesselt sogleich deine Aufmerksamkeit. Du gewahrst einen
wohlgestalteten Jngling von drei- bis vierundzwanzig Jahren, aus
dessen dunkel leuchtenden Augen ein innerer reger, herrlicher Geist
mit beredten Worten spricht. Beinahe keck wrde sein Blick zu nennen
sein, wenn nicht die schwrmerische Trauer, wie sie auf dem ganzen
blassen Antlitz liegt, einem Schleier gleich die brennenden Strahlen
verhllte. Sein Rock von schwarzem feinen Tuch, mit gerissenem Samt
besetzt, ist beinahe nach altteutscher Art zugeschnitten, wozu der
zierliche blendendweie Spitzenkragen, sowie das Samtbarett, das auf
den schnen kastanienbraunen Locken sitzt, ganz gut pat. Gar hbsch
steht ihm diese Tracht deshalb, weil er seinem ganzen Wesen, seinem
Anstande in Gang und Stellung, seiner bedeutungsvollen Gesichtsbildung
nach wirklich einer schnen frommen Vorzeit anzugehren scheint
und man daher nicht eben an die Ziererei denken mag, wie sie
in kleinlichem Nachffen miverstandener Vorbilder in ebenso
miverstandenen Ansprchen der Gegenwart oft an der Tagesordnung ist.
Dieser junge Mann, der dir, geliebter Leser, auf den ersten Blick
so wohlgefllt, ist niemand anders als der Student Balthasar,
anstndiger, vermgender Leute Kind, fromm - verstndig - fleiig -
von dem ich dir, o mein Leser, in der merkwrdigen Geschichte, die ich
aufzuschreiben unternommen, gar vieles zu erzhlen gedenke. -

Ernst, in Gedanken vertieft, wie es seine Art war, wandelte Balthasar
aus dem Kollegium des Professors Mosch Terpin dem Tore zu, um sich,
statt auf den Fechtboden, in das anmutige Wldchen zu begeben, das
kaum ein paar hundert Schritte von Kerepes liegt. Sein Freund Fabian,
ein hbscher Bursche von muntrem Ansehen und ebensolcher Gesinnung,
rannte ihm nach und ereilte ihn dicht vor dem Tore.

"Balthasar!" - rief nun Fabian laut, "Balthasar, nun, willst du wieder
heraus in den Wald und wie ein melancholischer Philister einsam
umherirren, whrend tchtige Burschen sich wacker ben in der edlen
Fechtkunst! - Ich bitte dich, Balthasar, la doch endlich ab von
deinem nrrischen, unheimlichen Treiben und sei wieder recht munter
und froh, wie du es sonst wohl warst. Komm! - wir wollen uns in ein
paar Gngen versuchen, und willst du denn noch heraus, so lauf' ich
wohl mit dir."

"Du meinst es gut," erwiderte Balthasar, "du meinst es gut, Fabian,
und deswegen will ich nicht mit dir grollen, da du mir manchmal auf
Steg und Weg nachlufst wie ein Besessener und mich um manche Lust
bringst, von der du keinen Begriff hast. Du gehrst nun einmal zu den
seltsamen Leuten, die jeden, den sie einsam wandeln sehn, fr einen
melancholischen Narren halten und ihn auf ihre Weise handhaben und
kurieren wollen, wie jener Hofschranz den wrdigen Prinzen Hamlet, der
dem Mnnlein dann, als er versicherte, sich nicht auf das Fltenblasen
zu verstehen, eine tchtige Lehre gab. Damit will ich dich, lieber
Fabian, nun zwar verschonen, brigens dich aber recht herzlich bitten,
da du dir zu deiner edlen Fechterei mit Rapier und Hieber einen
andern Kumpan suchen und mich ruhig meinen Weg fortwandeln lassen
mgest." "Nein, nein," rief Fabian lachend, "so entkommst du mir
nicht, mein teurer Freund! - Willst du mit mir nicht auf den
Fechtboden, so gehe ich mit dir heraus in das Wldchen. Es ist die
Pflicht des treuen Freundes, dich in deinem Trbsinn aufzuheitern.
Komm nur, lieber Balthasar, komm nur, wenn du es denn nicht anders
haben willst."

Damit fate er den Freund unter den Arm und schritt rstig mit ihm
von dannen. Balthasar bi in stillem Ingrimm die Zhne zusammen und
beharrte in finsterm Schweigen, whrend Fabian in einem Zuge Lustiges
und Lustiges erzhlte. Es lief viel Albernes mit unter, welches immer
zu geschehen pflegt beim lustigen Erzhlen in einem Zuge.

Als sie nun endlich in die khlen Schatten des duftenden Waldes
traten, als die Bsche wie in sehnschtigen Seufzern flsterten,
als die wunderbaren Melodien der rauschenden Bche, die Lieder des
Waldgeflgels fernhin tnten und den Widerhall weckten, der ihnen aus
den Bergen antwortete, da stand Balthasar pltzlich still und rief,
indem er die Arme weit ausbreitete, als woll' er Baum und Gebsch
liebend umfangen: "O, nun ist mir wieder wohl! - unbeschreiblich
wohl!" - Fabian schaute den Freund etwas verblfft an, wie einer, der
nicht klug werden kann aus des andern Rede, der gar nicht wei, was
er damit anfangen soll. Da fate Balthasar seine Hand und rief voll
Entzcken: "Nicht wahr, Bruder, nun geht dir auch das Herz auf, nun
begreifst du auch das selige Geheimnis der Waldeinsamkeit?" - "Ich
verstehe dich nicht ganz, lieber Bruder," erwiderte Fabian, "aber wenn
du meinst, da dir ein Spaziergang hier im Walde wohl tut, so bin ich
vllig deiner Meinung. Gehe ich nicht auch gern spazieren, zumal in
guter Gesellschaft, in der man ein vernnftiges lehrreiches Gesprch
fhren kann? - Z.B. ist es wohl eine wahre Lust, mit unserm Professor
Mosch Terpin ber Land zu gehen. Der kennt jedes Pflnzchen, jedes
Grschen und wei, wie es heit mit Namen und in welche Klasse es
gehrt, und versteht sich auf Wind und Wetter -" "Halt ein," rief
Balthasar, "ich bitte dich, halt ein! - Du berhrst etwas, das mich
toll machen knnte, gb' es sonst keinen Trost dafr. Die Art, wie
der Professor ber die Natur spricht, zerreit mein Inneres. Oder
vielmehr, mich fat dabei ein unheimliches Grauen, als sh' ich den
Wahnsinnigen, der in geckenhafter Narrheit Knig und Herrscher ein
selbst gedrehtes Strohpppchen liebkost, whnend, die knigliche Braut
zu umhalsen! Seine sogenannten Experimente kommen mir vor wie eine
abscheuliche Verhhnung des gttlichen Wesens, dessen Atem uns in der
Natur anweht und in unserm innersten Gemt die tiefsten heiligsten
Ahnungen aufregt. Oft gerat' ich in Versuchung, ihm seine Glser,
seine Phiolen, seinen ganzen Kram zu zerschmeien, dcht' ich nicht
daran, da der Affe ja nicht ablt mit dem Feuer zu spielen, bis er
sich die Pfoten verbrennt. - Sieh, Fabian, diese Gefhle ngstigen
mich, pressen mir das Herz zusammen in Mosch Terpins Vorlesungen, und
wohl mag ich euch dann tiefsinniger und menschenscheuer vorkommen als
jemals. Mir ist dann zumute, als wollten die Huser ber meinem Kopf
zusammenstrzen, eine unbeschreibliche Angst treibt mich heraus aus
der Stadt. Aber hier, hier erfllt bald mein Gemt eine se Ruhe.
Auf den blumigen Rasen gelagert, schaue ich herauf in das weite Blaue
des Himmels, und ber mir, ber den jubelnden Wald hinweg ziehen die
goldnen Wolken wie herrliche Trume aus einer fernen Welt voll seliger
Freuden! - O mein Fabian, dann erhebt sich aus meiner eignen Brust
ein wunderbarer Geist, und ich vernehm' es, wie er in geheimnisvollen
Worten spricht mit den Bschen - mit den Bumen, mit den Wogen des
Waldbachs, und nicht vermag ich die Wonne zu nennen, die dann in sem
wehmtigen Bangen mein ganzes Wesen durchstrmt!" - "Ei," rief Fabian,
"ei, das ist nun wieder das alte ewige Lied von Wehmut und Wonne und
sprechenden Bumen und Waldbchen. Alle deine Verse strotzen von
diesen artigen Dingen, die ganz passabel ins Ohr fallen und mit Nutzen
verbraucht werden, sobald man nichts weiter dahinter sucht. - Aber
sage mir, mein vortrefflichster Melancholikus, wenn dich Mosch Terpins
Vorlesungen in der Tat so entsetzlich krnken und rgern, sage mir
nur, warum in aller Welt du in jede hineinlufst, warum du keine
einzige versumst und dann freilich jedesmal stumm und starr mit
geschlossen Augen dasitzest wie ein Trumender?" - "Frage mich,"
erwiderte Balthasar, indem er die Augen niederschlug, "frage mich
darum nicht, lieber Freund! - Eine unbekannte Gewalt zieht mich jeden
Morgen hinein in Mosch Terpins Haus. Ich fhle im voraus meine Qualen,
und doch kann ich nicht widerstehen, ein dunkles Verhngnis reit mich
fort!" - "Ha - ha," - lachte Fabian hell auf, "ha ha ha - wie fein
- wie poetisch, wie mystisch! Die unbekannte Gewalt, die dich
hineinzieht in Mosch Terpins Haus, liegt in den dunkelblauen Augen
der schnen Candida! - Da du bis ber die Ohren verliebt bist in des
Professors niedliches Tchterlein, das wissen wir alle lngst, und
darum halten wir dir deine Fantasterei, dein nrrisches Wesen zugute.
Mit Verliebten ist es nun nicht anders. Du befindest dich im ersten
Stadium der Liebeskrankheit und mut in spten Jnglingsjahren dich zu
all den seltsamen Possen bequemen, die wir, ich und viele andere, dem
Himmel sei es gedankt! ohne ein groes zuschauendes Publikum auf der
Schule durchmachten. Aber glaube mir, mein ses Herz -"

Fabian hatte indessen seinen Freund Balthasar wieder beim Arme gefat
und war mit ihm rasch weitergeschritten. Eben jetzt traten sie heraus
aus dem Dickicht auf den breiten Weg, der mitten durch den Wald
fhrte. Da gewahrte Fabian, wie aus der Ferne ein Pferd ohne Reiter,
in eine Staubwolke gehllt, herantrabte. - "Hei, hei!" rief er, sich
in seiner Rede unterbrechend, "hei, hei, da ist eine verfluchte
Schindmhre durchgegangen und hat ihren Reiter abgesetzt - die mssen
wir fangen und nachher den Reiter suchen im Walde." Damit stellte er
sich mitten in den Weg.

Nher und nher kam das Pferd, da war es, als wenn von beiden Seiten
ein Paar Reitstiefel in der Luft auf und nieder baumelten und auf
dem Sattel etwas Schwarzes sich rege und bewege. Dicht vor Fabian
erschallte ein langes gellendes Prrr - Prrr - und in demselben
Augenblick flogen ihm auch ein Paar Reitstiefel um den Kopf, und
ein kleines seltsames, schwarzes Ding kugelte hin, ihm zwischen die
Beine. Mauerstill stand das groe Pferd und beschnffelte mit lang
vorgestrecktem Halse sein winziges Herrlein, das sich im Sande wlzte
und endlich mhsam auf die Beine richtete. Dem kleinen Knirps steckte
der Kopf tief zwischen den hohen Schultern, er war mit seinem Auswuchs
auf Brust und Rcken, mit seinem kurzen Leibe und seinen hohen
Spinnenbeinchen anzusehen wie ein auf eine Gabel gespieter Apfel, dem
man ein Fratzengesicht eingeschnitten. Als nun Fabian dies seltsame
kleine Ungetm vor sich stehen sah, brach er in ein lautes Gelchter
aus. Aber der Kleine drckte sich das Barettlein, das er vom Boden
aufgerafft, trotzig in die Augen und fragte, indem er Fabian mit
wilden Blicken durchbohrte, in rauhem, tief heiserem Ton: "Ist dies
der rechte Weg nach Kerepes?" - "Ja, mein Herr!" antwortete Balthasar
mild und ernst und reichte dem Kleinen die Stiefel hin, die er
zusammengesucht hatte. Alles Mhen des Kleinen, die Stiefel
anzuziehen, blieb vergebens, er stlpte einmal bers andere um und
wlzte sich sthnend im Sande. Balthasar stellte beide Stiefel
aufrecht zusammen, hob den Kleinen sanft in die Hhe und steckte,
ihn ebenso niederlassend, beide Fchen in die zu schwere und weite
Futterale. Mit stolzem Wesen, die eine Hand in die Seite gestemmt, die
andere ans Barett gelegt, rief der Kleine: "Gratias, mein Herr!" und
schritt nach dem Pferde hin, dessen Zgel er fate. Alle Versuche,
den Steigbgel zu erreichen oder hinaufzuklimmen auf das groe Tier,
blieben indessen vergebens. Balthasar, immer ernst und mild, trat
hinzu und hob den Kleinen in den Steigbgel. Er mochte sich wohl einen
zu starken Schwung gegeben haben, denn in demselben Augenblick, als
er oben sa, lag er auf der andern Seite auch wieder unten. "Nicht so
hitzig, allerliebster Mosje!" rief Fabian, indem er aufs neue in ein
schallendes Gelchter ausbrach. "Der Teufel ist Ihr allerliebster
Mosje," schrie der Kleine ganz erbost, indem er sich den Sand von den
Kleidern klopfte, "ich bin Studiosus, und wenn Sie desgleichen sind,
so ist es Tusch, da Sie mir wie ein Hasenfu ins Gesicht lachen, und
Sie mssen sich morgen in Kerepes mit mir schlagen!" "Donner," rief
Fabian immerfort lachend, "Donner, das ist mal ein tchtiger Bursche,
ein Allerweltskerl, was Courage betrifft und echten Komment". Und
damit hob er den Kleinen, alles Zappelns und Strubens ungeachtet, in
die Hhe und setzte ihn aufs Pferd, das sofort mit seinem Herrlein
lustig wiehernd davontrabte. - Fabian hielt sich beide Seiten, er
wollte vor Lachen ersticken. - "Es ist grausam," sprach Balthasar,
"einen Menschen auszulachen, den die Natur auf solche entsetzliche
Weise verwahrlost hat, wie den kleinen Reiter dort. Ist er wirklich
Student, so mut du dich mit ihm schlagen, und zwar, luft's auch
sonst gegen alle akademische Sitte, auf Pistolen, da er weder Rapier
noch Hieber zu fhren vermag." - "Wie ernst," sprach Fabian, "wie
ernst, wie trbselig du das alles wieder nimmst, mein lieber Freund
Balthasar. Nie ist's mir eingefallen, eine Migeburt auszulachen.
Aber sage mir, darf solch ein knorpliger Dumling sich auf ein Pferd
setzen, ber dessen Hals er nicht wegzuschauen vermag? Darf er die
Flein in solch verrucht weite Stiefeln stecken? darf er eine knapp
anschlieende Kurtka mit tausend Schnren und Troddeln und Quasten,
darf er solch ein verwunderliches Samtbarett tragen? darf er solch ein
hochmtiges, trotziges Wesen annehmen? darf er sich solche barbarische
heisere Laute abzwingen? - Darf er das alles, frage ich, ohne mit
Recht als eingefleischter Hasenfu ausgelacht zu werden? - Aber ich
mu hinein, ich mu den Rumor mit anschauen, den es geben wird, wenn
der ritterliche Studiosus einzieht auf seinem stolzen Rosse! Mit
dir ist doch heute einmal nichts anzufangen! - Gehab' dich wohl!" -
Spornstreichs rannte Fabian durch den Wald nach der Stadt zurck. -
Balthasar verlie den offenen Weg und verlor sich in das dichteste
Gebsch, da sank er hin auf einen Moossitz, erfat, ja berwltigt von
den bittersten Gefhlen. Wohl mocht' es sein, da er die holde Candida
wirklich liebte, aber er hatte diese Liebe wie ein tiefes, zartes
Geheimnis in dem Innersten seiner Seele vor allen Menschen, ja vor
sich selbst verschlossen. Als nun Fabian so ohne Hehl, so leichtsinnig
darber sprach, war es ihm, als rissen rohe Hnde in frechem bermut
die Schleier von dem Heiligenbilde herab, die zu berhren er nicht
gewagt, als msse nun die Heilige auf ihn selbst ewig zrnen. Ja,
Fabians Worte schienen ihm eine abscheuliche Verhhnung seines ganzen
Wesens, seiner sesten Trume.

"Also," rief er in berma seines Unmuts aus, "also fr einen
verliebten Gecken hltst du mich, Fabian! - fr einen Narren, der in
Mosch Terpins Vorlesungen luft, um wenigstens eine Stunde hindurch
mit der schnen Candida unter einem Dache zu sein, der in dem Walde
einsam umherstreift, um auf elende Verse zu sinnen an die Geliebte und
sie noch erbrmlicher aufzuschreiben, der die Bume verdirbt, alberne
Namenszge in ihre glatten Rinden einschneidend, der in Gegenwart des
Mdchens kein gescheutes Wort zu Markte bringt, sondern nur seufzt und
chzt und weinerliche Gesichter schneidet, als litt' er an Krmpfen,
der verwelkte Blumen, die sie am Busen trug, oder gar den Handschuh,
den sie verlor, auf der bloen Brust trgt - kurz, der tausend
kindische Torheiten begeht! - Und darum, Fabian, neckst du mich, und
darum lachen mich wohl alle Burschen aus, und darum bin ich samt
der innern Welt, die mir aufgegangen, vielleicht ein Gegenstand der
Verspottung. - Und die holde - liebliche herrliche Candida -"

Als er diesen Namen aussprach, fuhr es ihm durchs Herz wie ein
glhender Dolchstich! - Ach! - eine innere Stimme flsterte ihm in dem
Augenblick sehr vernehmlich zu, da er ja nur eben Candidas wegen in
Mosch Terpins Haus gehe, da er Verse mache an die Geliebte, da er
ihre Namen einschneide in das Laubholz, da er in ihrer Gegenwart
verstumme, seufze, chze, da er verwelkte Blumen, die sie verlor, auf
der Brust trage, da er mithin ja wirklich in alle Torheiten verfalle,
wie sie ihm Fabian nur vorrcken knne. - Erst jetzt fhlte er es
recht, wie unaussprechlich er die schne Candida liebe, aber auch
zugleich, da seltsam genug sich die reinste innigste Liebe im uern
Leben etwas geckenhaft gestalte, welches wohl der tiefen Ironie
zuzurechnen, die die Natur in alles menschliche Treiben gelegt. Er
mochte recht haben, ganz unrecht war es indessen, da er sich darber
sehr zu rgern begann. Trume, die ihn sonst umfingen, waren verloren,
die Stimmen des Waldes klangen ihm wie Hohn und Spott, er rannte
zurck nach Kerepes.

"Herr Balthasar - mon cher Balthasar" - rief es ihn an. Er schlug den
Blick auf und blieb festgezaubert stehen, denn ihm entgegen kam der
Professor Mosch Terpin, der seine Tochter Candida am Arme fhrte.
Candida begrte den zur Bildsule Erstarrten mit der heitern
freundlichen Unbefangenheit, die ihr eigen. "Balthasar, mon cher
Balthasar," rief der Professor, "Sie sind in der Tat der fleiigste,
mir der liebste von meinen Zuhrern! - O mein Bester, ich merk' es
Ihnen an, Sie lieben die Natur mit all ihren Wundern, wie ich, der ich
einen wahren Narren daran gefressen! - Gewi wieder botanisiert in
unserm Wldchen! - Was Ersprieliches gefunden? - Nun! - lassen Sie
uns nhere Bekanntschaft machen. - Besuchen Sie mich - jederzeit
willkommen - Knnen zusammen experimentieren - Haben Sie schon meine
Luftpumpe gesehen? - Nun! - mon cher - morgen abend versammelt sich
ein freundschaftlicher Zirkel in meinem Hause, welcher Tee mit
Butterbrot konsumieren und sich in angenehmen Gesprchen erlustigen
wird, vermehren Sie ihn durch Ihre werte Person - Sie werden einen
sehr anziehenden jungen Mann kennen lernen, der mir ganz besonders
empfohlen - Bon soir, mon cher - Guten Abend, Vortrefflicher - a
revoir - Auf Wiedersehen! - Sie kommen doch morgen in die Vorlesung? -
Nun - mon cher, Adieu!" - Ohne Balthasars Antwort abzuwarten, schritt
der Professor Mosch Terpin mit seiner Tochter von dannen.

Balthasar hatte in seiner Bestrzung nicht gewagt, die Augen
aufzuschlagen, aber Candidas Blicke brannten hinein in seine Brust,
er fhlte den Hauch ihres Atems, und se Schauer durchbebten sein
innerstes Wesen.

Entnommen war ihm aller Unmut, er schaute voll Entzcken der holden
Candida nach, bis sie in den Laubgngen verschwand. Dann kehrte er
langsam in den Wald zurck, um herrlicher zu trumen als jemals.



Drittes Kapitel

Wie Fabian nicht wute, was er sagen sollte. - Candida und Jungfrauen,
die nicht Fische essen drfen. - Mosch Terpins literarischer Tee. -
Der junge Prinz.

Fabian gedachte, als er den Richtsteig quer durch den Wald lief, dem
kleinen wunderlichen Knirps, der vor ihm davongetrabt, doch wohl
noch zuvorzukommen. Er hatte sich geirrt, denn aus dem Gebsch
heraustretend, gewahrte er ganz in der Ferne, wie noch ein anderer
stattlicher Reiter sich zu dem Kleinen gesellte und wie nun beide
in das Tor von Kerepes hineinritten. - "Hm!" sprach Fabian zu sich
selbst, "ist der Nuknacker auf seinem groen Pferde auch schon vor
mir angelangt, so komme ich doch noch zeitig genug zu dem Spektakel,
den es geben wird bei seiner Ankunft. Ist das seltsame Ding wirklich
ein Studiosus, so weiset man nach dem 'Geflgelten Ro' und hlt
er dort an mit seinem gellenden _Prr_ - _Prr!_ - und wirft die
Reitstiefel voran und sich selbst nach und tut, wenn die Bursche
lachen, wild und trotzig - nun! dann ist das tolle Possenspiel
fertig!" -

Als Fabian nun die Stadt erreicht, glaubte er in den Straen, auf
dem Wege nach dem "Geflgelten Ro" lauter lachenden Gesichtern
zu begegnen. Dem war aber nicht so. Alle Leute gingen ruhig und
ernst vorber. Ebenso ernsthaft spazierten auf dem Platz vor dem
"Geflgelten Ro" mehrere Akademiker, die sich dort versammelt,
miteinander sprechend, auf und nieder. Fabian war berzeugt, da der
Kleine wenigstens hier nicht angekommen sein msse, da gewahrte er,
einen Blick ins Tor des Gasthauses werfend, da soeben das sehr
kennbare Pferd des Kleinen nach dem Stall gefhrt wurde. Auf den
ersten besten seiner Bekannten sprang er nun los und fragte, ob denn
nicht ein ganz seltsamer wunderlicher Knirps herangetrabt sei. - Der,
den Fabian fragte, wute ebensowenig etwas davon als die brigen,
denen Fabian nun erzhlte, was sich mit ihm und dem Dumling, der
ein Student sein wollen, begeben. Alle lachten sehr, versicherten
indessen, da ein solches Ding, wie das, was er beschreibe, keineswegs
angelangt. Wohl wren aber vor kaum zehn Minuten zwei sehr stattliche
Reiter auf schnen Pferden im Gasthause zum "Geflgelten Ro"
abgestiegen. "Sa der eine von ihnen auf dem Pferde, das eben nach dem
Stall gefhrt wurde?" so fragte Fabian. "Allerdings," erwiderte einer,
"allerdings. Der, der auf jenem Pferde sa, war von etwas kleiner
Statur, aber von zierlichem Krperbau, angenehmen Gesichtszgen und
hatte die schnsten Lockenhaare, die man sehen kann. Dabei zeigte er
sich als den vortrefflichsten Reiter, denn er schwang sich mit einer
Behendigkeit, mit einem Anstande vom Pferde herab, wie der erste
Stallmeister unseres Frsten." - "Und," rief Fabian, "und verlor nicht
die Reitstiefel und kugelte euch nicht vor die Fe?" - "Gott behte,"
erwiderten alle einstimmig, "Gott behte! - was denkst du Bruder!
solch ein tchtiger Reiter wie der Kleine!" - Fabian wute gar nicht,
was er sagen sollte. Da kam Balthasar die Strae herab. Auf den
strzte Fabian los, zog ihn heran und erzhlte, wie der kleine Knirps,
der ihnen vor dem Tor begegnet und vom Pferde herabgefallen, hier eben
angekommen sei und von allen fr einen schnen Mann von zierlichem
Gliederbau und fr den vortrefflichsten Reiter gehalten werde. "Du
siehst," erwiderte Balthasar ernst und gelassen, "du siehst, lieber
Bruder Fabian, da nicht alle so wie du ber unglckliche, von der
Natur verwahrloste Menschen lieblos spottend herfallen." - "Aber du
mein Himmel," fiel ihm Fabian ins Wort, "hier ist ja gar nicht von
Spott und Lieblosigkeit die Rede, sondern nur davon, ob ein drei Fu
hohes Kerlein, der einem Rettich gar nicht unhnlich, ein schner
zierlicher Mann zu nennen?" - Balthasar mute, was Wuchs und Ansehen
des kleinen Studenten betraf, Fabians Aussage besttigen. Die andern
versicherten, da der kleine Reiter ein hbscher zierlicher Mann sei,
wogegen Fabian und Balthasar fortwhrend behaupteten, sie htten nie
einen scheulicheren Dumling erblickt. Dabei blieb es, und alle
gingen voll Verwunderung auseinander.

Der spte Abend brach ein, die beiden Freunde begaben sich zusammen
nach ihrer Wohnung. Da fuhr es dem Balthasar, selbst wute er nicht
wie, heraus, da er dem Professor Mosch Terpin begegnet, der ihn
auf den folgenden Abend zu sich geladen. "Ei, du glcklicher," rief
Fabian, "ei, du berglcklicher Mensch! - da wirst du dein Liebchen,
die hbsche Mamsell Candida, sehen, hren, sprechen!" - Balthasar,
aufs neue tief verletzt, ri sich los von Fabian und wollte fort. Doch
besann er sich, blieb stehen und sprach, seinen Verdru mit Gewalt
niederkmpfend: "Du magst recht haben, lieber Bruder, da du mich
fr einen albernen verliebten Gecken hltst, ich bin es vielleicht
wirklich. Aber diese Albernheit ist eine tiefe schmerzhafte Wunde, die
meinem Gemt geschlagen, und die, auf unvorsichtige Weise berhrt,
im heftigeren Weh mich zu allerlei Tollheit aufreizen knnte. Darum,
Bruder, wenn du mich wirklich lieb hast, so nenne mir nicht mehr den
Namen Candida!" - "Du nimmst," erwiderte Fabian, "du nimmst, mein
lieber Freund Balthasar, die Sache wieder entsetzlich tragisch, und
anders lt sich das auch in deinem Zustande nicht erwarten. Aber um
mit dir nicht in allerlei hlichen Zwiespalt zu geraten, verspreche
ich, da der Name Candida nicht eher ber meine Lippen kommen soll,
bis du selbst mir Gelegenheit dazu gibst. Nur so viel erlaube mir
heute noch zu sagen, da ich allerlei Verdru vorausgehe, in den
dich dein Verliebtsein strzen wird. Candida ist ein gar hbsches
herrliches Mgdlein, aber zu deiner melancholischen, schwrmerischen
Gemtsart pat sie ganz und gar nicht. Wirst du nher mit ihr bekannt,
so wird ihr unbefangenes heitres Wesen dir Mangel an Poesie, die
du berall vermissest, scheinen. Du wirst in allerlei wunderliche
Trumereien geraten, und das Ganze wird mit entsetzlichem
eingebildeten Weh und gengender Verzweiflung tumultuarisch enden.
- brigens bin ich ebenso wie du auf morgen zu unserm Professor
eingeladen, der uns mit sehr schnen Experimenten unterhalten wird! -
Nun gute Nacht, fabelhafter Trumer! Schlafe, wenn du schlafen kannst
vor solch wichtigem Tage wie der morgende!"

Damit verlie Fabian den Freund, der in tiefes Nachdenken versunken.
- Fabian mochte nicht ohne Grund allerlei pathetische Unglcksmomente
voraussehen, die sich mit Candida und Balthasar wohl zutragen konnten;
denn beider Wesen und Gemtsart schien in der Tat Anla genug dazu zu
geben.

Candida war, jeder mute das eingestehen, ein bildhbsches Mdchen,
mit recht ins Herz hinein strahlenden Augen und etwas aufgeworfenen
Rosenlippen. Ob ihre brigens schnen Haare, die sie in wunderlichen
Flechten gar fantastisch aufzunesteln wute, mehr blond oder mehr
braun zu nennen, habe ich vergessen, nur erinnere ich mich sehr gut
der seltsamen Eigenschaft, da sie immer dunkler und dunkler wurden,
je lnger man sie anschaute. Von schlankem hohen Wuchs, leichter
Bewegung, war das Mdchen, zumal in lebenslustiger Umgebung, die Huld,
die Anmut selbst, und man bersah es bei so vielem krperlichen Reiz
sehr gern, da Hand und Fu vielleicht kleiner und zierlicher htten
gebaut sein knnen. Dabei hatte Candida Goethes "Wilhelm Meister",
Schillers Gedichte und Fouqus "Zauberring" gelesen und beinahe alles,
was darin enthalten, wieder vergessen; spielte ganz passabel das
Pianoforte, sang sogar zuweilen dazu; tanzte die neuesten Franaisen
und Gavotten und schrieb die Waschzettel mit einer feinen leserlichen
Hand. Wollte man durchaus an dem lieben Mdchen etwas aussetzen,
so war es vielleicht, da sie etwas zu tief sprach, sich zu fest
einschnrte, sich zu lange ber einen neuen Hut freute und zuviel
Kuchen zum Tee verzehrte. berschwenglichen Dichtern war freilich noch
vieles andere an der hbschen Candida nicht recht, aber was verlangen
die auch alles. Frs erste wollen sie, da das Frulein ber alles,
was sie von sich verlauten lassen, in ein somnambles Entzcken
gerate, tief seufze, die Augen verdrehe, gelegentlich auch wohl was
weniges ohnmchtle oder gar zurzeit erblinde als hchste Stufe der
weiblichsten Weiblichkeit. Dann mu besagtes Frulein des Dichters
Lieder singen nach der Melodie, die ihm (dem Frulein) selbst aus dem
Herzen gestrmt, augenblicklich aber davon krank werden und selbst
auch wohl Verse machen, sich aber sehr schmen, wenn es herauskommt,
ungeachtet die Dame dem Dichter ihre Verse, auf sehr feinem
wohlriechenden Papier mit zarten Buchstaben geschrieben, selbst in
die Hnde spielte, der dann auch seinerseits vor Entzcken darber
erkrankt, welches ihm gar nicht zu verdenken ist. Es gibt poetische
Aszetiker, die noch weiter gehen und es aller weiblichen Zartheit
entgegen finden, da ein Mdchen lachen, essen und trinken und sich
zierlich nach der Mode kleiden sollte. Sie gleichen beinahe dem
heiligen Hieronymus, der den Jungfrauen verbietet Ohrgehnge zu tragen
und Fische zu essen. Sie sollen, so gebietet der Heilige, nur etwas
zubereitetes Gras genieen, bestndig hungrig sein, ohne es zu fhlen,
sich in grobe, schlecht genhte Kleider hllen, die ihren Wuchs
verbergen, vorzglich aber eine Person zur Gefhrtin whlen, die
ernsthaft, bleich, traurig und etwas schmutzig ist! -

Candida war durch und durch ein heitres unbefangenes Wesen, deshalb
ging ihr nichts ber ein Gesprch, das sich auf den leichten luftigen
Schwingen des unverfnglichsten Humors bewegte. Sie lachte recht
herzlich ber alles Drollige; sie seufzte nie, als wenn Regenwetter
ihr den gehofften Spaziergang verdarb oder, aller Vorsicht ungeachtet,
der neue Shawl einen Fleck bekommen hatte. Dabei blickte, gab es
wirklichen Anla dazu, ein tiefes inniges Gefhl hindurch, das nie
in schale Empfindelei ausarten durfte, und so mochte mir und dir,
geliebter Leser, die wir nicht zu den berschwenglichen gehren, das
Mdchen eben ganz recht sein. Sehr leicht konnte es mit Balthasar sich
anders verhalten! - Doch bald mu es sich ja wohl zeigen, inwiefern
der prosaische Fabian richtig prophezeit hatte oder nicht! -

Da Balthasar vor lauter Unruhe, vor unbeschreiblichem sen Bangen
die ganze Nacht hindurch nicht schlafen konnte: was war natrlicher
als das. Ganz erfllt von dem Bilde der Geliebten, setzte er sich hin
an den Tisch und schrieb eine ziemliche Anzahl artiger wohlklingender
Verse nieder, die in einer mystischen Erzhlung von der Liebe der
Nachtigall zur Purpurrose seinen Zustand schilderten. Die wollt' er
mitnehmen in Mosch Terpins literarischen Tee und damit losfahren auf
Candidas unbewahrtes Herz, wenn und wie es nur mglich.

Fabian lchelte ein wenig, als er, der Verabredung gem, zur
bestimmten Stunde kam, um seinen Freund Balthasar abzuholen, und ihn
zierlicher geputzt fand, als er ihn jemals gesehen. Er hatte einen
gezackten Kragen von den feinsten Brler Kanten umgetan, sein kurzes
Kleid mit geschlitzten rmeln war von gerissenem Samt. Und dazu trug
er franzsische Stiefeln mit hohen spitzen Abstzen und silbernen
Fransen, einen englischen Hut vom feinsten Kastor und dnische
Handschuhe. So war er ganz deutsch gekleidet, und der Anzug stand ihm
ber alle Maen gut, zumal er sein Haar schn kruseln lassen und das
kleine Stutzbrtchen wohl aufgekmmt hatte.

Das Herz bebte dem Balthasar vor Entzcken, als in Mosch Terpins
Hause Candida ihm entgegentrat, ganz in der Tracht der altdeutschen
Jungfrau, freundlich, anmutig in Blick und Wort, im ganzen Wesen, wie
man sie immer zu sehen gewohnt. "Mein holdseligstes Frulein!" seufzte
Balthasar aus dem Innersten auf, als Candida, die se Candida selbst,
eine Tasse dampfenden Tee ihm darbot. Candida schaute ihn aber an mit
leuchtenden Augen und sprach: "Hier ist Rum und Maraschino, Zwieback
und Pumpernickel, lieber Herr Balthasar, greifen Sie doch nur
geflligst zu nach Ihrem Belieben!" Statt aber auf Rum und Maraschino,
Zwieback oder Pumpernickel zu schauen oder gar zuzugreifen, konnte
der begeisterte Balthasar den Blick voll schmerzlicher Wehmut der
innigsten Liebe nicht abwenden von der holden Jungfrau und rang nach
Worten, die aus tiefster Seele aussprechen sollten, was er eben
empfand. Da fate ihn aber der Professor der sthetik, ein groer
baumstarker Mann, mit gewaltiger Faust von hinten, drehte ihn herum,
da er mehr Teewasser auf den Boden verschttete, als eben schicklich,
und rief mit donnernder Stimme: "Bester Lukas Kranach, saufen Sie
nicht das schnde Wasser, Sie verderben sich den deutschen Magen total
- dort im andern Zimmer hat unser tapfere Mosch eine Batterie der
schnsten Flaschen mit edlem Rheinwein aufgepflanzt, die wollen wir
sofort spielen lassen!" - Er schleppte den unglcklichen Jngling
fort.

Doch aus dem Nebenzimmer trat ihnen der Professor Mosch Terpin
entgegen, ein kleines, sehr seltsames Mnnlein an der Hand fhrend und
laut rufend: "Hier, meine Damen und Herren, stelle ich Ihnen einen mit
den seltensten Eigenschaften hochbegabten Jngling vor, dem es nicht
schwer fallen wird, sich Ihr Wohlwollen, Ihre Achtung zu erwerben. Es
ist der junge Herr Zinnober, der erst gestern auf unsere Universitt
gekommen und die Rechte zu studieren gedenkt!" - Fabian und Balthasar
erkannten auf den ersten Blick den kleinen wunderlichen Knirps, der
vor dem Tore ihnen entgegengesprengt und vom Pferde gestrzt war.

"Soll ich," sprach Fabian leise zu Balthasar, "soll ich denn noch das
Alrunchen herausfordern auf Blasrohr oder Schusterpfriem? Anderer
Waffen kann ich mich doch nicht bedienen wider diesen furchtbaren
Gegner."

"Schme dich," erwiderte Balthasar, "schme dich, da du den
verwahrlosten Mann verspottest, der, wie du hrst, die seltensten
Eigenschaften besitzt und _so_ durch geistigen Wert das ersetzt, was
die Natur ihm an krperlichen Vorzgen versagte." Dann wandte er sich
zum Kleinen und sprach: "Ich hoffe nicht, bester Herr Zinnober, da
Ihr gestriger Fall vom Pferde etwa schlimme Folgen gehabt haben wird?"
Zinnober hob sich aber, indem er einen kleinen Stock, den er in der
Hand trug, hinten unterstemmte, auf den Fuspitzen in die Hhe, so da
er dem Balthasar beinahe bis an den Grtel reichte, warf den Kopf in
den Nacken, schaute mit wildfunkelnden Augen herauf und sprach in
seltsam schnurrendem Baton: "Ich wei nicht, was Sie wollen, wovon
Sie sprechen, mein Herr! Vom Pferde gefallen? - _ich_ vom Pferde
gefallen? - Sie wissen wahrscheinlich nicht, da ich der beste Reiter
bin, den es geben kann, da ich niemals vom Pferde falle, da ich
als Freiwilliger unter den Krassieren den Feldzug mitgemacht und
Offizieren und Gemeinen Unterricht gab im Reiten auf der Mange! - hm
hm - vom Pferde fallen - ich vom Pferde fallen!" - Damit wollte er
sich rasch umwenden, der Stock, auf den er sich gesttzt, glitt aber
aus, und der Kleine torkelte um und um, dem Balthasar vor die Fe.
Balthasar griff herab nach dem Kleinen, ihm aufzuhelfen, und berhrte
dabei unversehens sein Haupt. Da stie der Kleine einen gellenden
Schrei aus, da es im ganzen Saal widerhallte und die Gste
erschrocken auffuhren von ihren Sitzen. Man umringte den Balthasar
und fragte durcheinander, warum er denn um des Himmels willen so
entsetzlich geschrieen. "Nehmen Sie es nicht bel, bester Herr
Balthasar," sprach der Professor Mosch Terpin, "aber das war ein etwas
wunderlicher Spa. Denn wahrscheinlich wollten Sie uns doch glauben
machen, es trete hier jemand einer Katze auf den Schwanz!" "Katze
Katze - weg mit der Katze!" rief eine nervenschwache Dame und fiel
sofort in Ohnmacht, und mit dem Geschrei: "Katze - Katze" - rannten
ein paar alte Herren, die an derselben Idiosynkrasie litten, zur Tre
hinaus.

Candida, die ihr ganzes Riechflschchen auf die ohnmchtige Dame
ausgegossen, sprach leise zu Balthasar: "Aber was richten Sie auch fr
Unheil an mit Ihrem hlichen gellenden Miau, lieber Herr Balthasar!"

Dieser wute gar nicht, wie ihm geschah. Glutrot im ganzen Gesicht vor
Unwillen und Scham, vermochte er kein Wort herauszubringen, nicht zu
sagen, da es ja der kleine Herr Zinnober und nicht _er_ gewesen, der
so entsetzlich gemauzt.

Der Professor Mosch Terpin sah des Jnglings schlimme Verlegenheit.
Er nahte sich ihm freundlich und sprach: "Nun, nun, lieber Herr
Balthasar, sein Sie doch nur ruhig. Ich habe wohl alles bemerkt.
Sich zur Erde bckend, auf allen Vieren hpfend, ahmten Sie den
gemihandelten grimmigen Kater herrlich nach. Ich liebe sonst sehr
dergleichen naturhistorische Spiele, doch hier im literarischen Tee"
- "Aber," platzte Balthasar heraus, "aber, vortrefflichster Herr
Professor, ich war es ja nicht." - "Schon gut - schon gut," fiel ihm
der Professor in die Rede. Candida trat zu ihnen. "Trste mir," sprach
der Professor zu dieser, "trste mir doch den guten Balthasar, der
ganz betreten ist ber alles Unheil, was geschehen."

Der gutmtigen Candida tat der arme Balthasar, der ganz verwirrt mit
niedergesenktem Blick vor ihr stand, herzlich leid. Sie reichte ihm
die Hand und lispelte mit anmutigem Lcheln: "Es sind aber auch recht
komische Leute, die sich so entsetzlich vor Katzen frchten."

Balthasar drckte Candidas Hand mit Inbrunst an die Lippen. Candida
lie den seelenvollen Blick ihrer Himmelsaugen auf ihm ruhen. Er war
verzckt in den hchsten Himmel und dachte nicht mehr an Zinnober und
Katzengeschrei. - Der Tumult war vorber, die Ruhe wieder hergestellt.
Am Teetisch sa die nervenschwache Dame und geno mehreren Zwieback,
den sie in Rum tunkte, versichernd, an dergleichen erlabe sich das
von feindlicher Macht bedrohte Gemt, und dem jhen Schreck folge
sehnschtig Hoffen! -

Auch die beiden alten Herren, denen drauen wirklich ein flchtiger
Kater zwischen die Beine gelaufen, kehrten beruhigt zurck und
suchten, wie mehrere andere, den Spieltisch.

Balthasar, Fabian, der Professor der sthetik, mehrere junge Leute
setzten sich zu den Frauen. Herr Zinnober hatte sich indessen
eine Fubank herangerckt und war mittelst derselben auf das Sofa
gestiegen, wo er nun in der Mitte zwischen zwei Frauen sa und stolze
funkelnde Blicke um sich warf.

Balthasar glaubte, da der rechte Augenblick gekommen, mit seinem
Gedicht von der Liebe der Nachtigall zur Purpurrose hervorzurcken.
Er uerte daher mit der gehrigen Verschmtheit, wie sie bei jungen
Dichtern im Brauch ist, da er, drfe er nicht frchten, berdru und
Langeweile zu erregen, drfe er auf gtige Nachsicht der geehrten
Versammlung hoffen, es wagen wolle, ein Gedicht, das jngste Erzeugnis
seiner Muse, vorzulesen.

Da die Frauen schon hinlnglich ber alles verhandelt, was sich
Neues in der Stadt zugetragen, die Mdchen den letzten Ball bei dem
Prsidenten gehrig durchgesprochen und sogar ber die Normalform der
neuesten Hte einig worden, da die Mnner unter zwei Stunden nicht
auf weitere Speis- und Trnkung rechnen durften, so wurde Balthasar
einstimmig aufgefordert, der Gesellschaft ja den herrlichen Genu
nicht vorzuenthalten.

Balthasar zog das sauber geschriebene Manuskript hervor und las.

Sein eignes Werk, das in der Tat aus wahrhaftem Dichtergemt mit
voller Kraft, mit regem Leben hervorgestrmt, begeisterte ihn mehr und
mehr. Sein Vortrag, immer leidenschaftlicher steigend, verriet die
innere Glut des liebenden Herzens. Er bebte vor Entzcken, als leise
Seufzer - manches leise Ach - der Frauen, mancher Ausruf der Mnner:
"Herrlich - vortrefflich - gttlich!" ihn berzeugten, da sein
Gedicht alle hinri.

Endlich hatte er geendet. Da riefen alle: "Welch ein Gedicht! - welche
Gedanken - welche Fantasie - was fr schne Verse - welcher Wohlklang
- Dank - Dank Ihnen, bester Herr Zinnober, fr den gttlichen Genu" -

"Was? wie?" rief Balthasar; aber niemand achtete auf ihn, sondern
strzte auf Zinnober zu, der sich auf dem Sofa blhte wie ein kleiner
Puter und mit widriger Stimme schnarchte: "Bitte recht sehr - bitte
recht sehr - mssen so vorlieb nehmen! - ist eine Kleinigkeit, die ich
erst vorige Nacht aufschrieb in aller Eil'!" - Aber der Professor der
sthetik schrie: "Vortrefflicher - gttlicher Zinnober! Herzensfreund,
auer mir bist du der erste Dichter, den es jetzt gibt auf Erden! -
Komm an meine Brust, schne Seele!" - Damit ri er den Kleinen vom
Sofa auf in die Hhe und herzte und kte ihn. Zinnober betrug sich
dabei sehr ungebrdig. Er arbeitete mit den kleinen Beinchen auf des
Professors dickem Bauch herum und qukte: "La mich los - la mich los
- es tut mir weh - weh - weh ich kratz' dir die Augen aus - ich bei'
dir die Nase entzwei!" - "Nein," rief der Professor, indem er den
Kleinen niedersetzte auf den Sofa, "nein, holder Freund, keine zu weit
getriebene Bescheidenheit!" - Mosch Terpin war nun auch vom Spieltisch
herangetreten, der nahm Zinnobers Hndchen, drckte es und sprach sehr
ernst: "Vortrefflich, junger Mann! - nicht zuviel, nein, nicht genug
sprach man mir von dem hohen Genius, der Sie beseelt." "Wer ist's,"
rief nun wieder der Professor der sthetik in voller Begeisterung
aus, "wer ist's von euch Jungfrauen, der dem herrlichen Zinnober sein
Gedicht, das das innigste Gefhl der reinsten Liebe ausspricht, lohnt
durch einen Ku?"

Da stand Candida auf, nahete sich, volle Glut auf den Wangen, dem
Kleinen, kniete nieder und kte ihn auf den garstigen Mund mit blauen
Lippen. "Ja," schrie nun Balthasar, wie vom Wahnsinn pltzlich erfat,
"ja, Zinnober - gttlicher Zinnober, du hast das tiefsinnige Gedicht
gemacht von der Nachtigall und der Purpurrose, dir gebhrt der
herrliche Lohn, den du erhalten!" -

Und damit ri er den Fabian ins Nebenzimmer hinein und sprach: "Tu mir
den Gefallen und schaue mich recht fest an und dann sage mir offen und
ehrlich, ob ich der Student Balthasar bin oder nicht, ob du wirklich
Fabian bist, ob wir in Mosch Terpins Hause sind, ob wir im Traume
liegen - ob wir nrrisch sind - zupfe mich an der Nase oder rttle
mich zusammen, damit ich nur erwache aus diesem verfluchten Spuk!" -

"Wie magst," erwiderte Fabian, "wie magst du dich denn nur so toll
gebrden aus purer heller Eifersucht, weil Candida den Kleinen kte.
Gestehen mut du doch selbst, da das Gedicht, welches der Kleine
vorlas, in der Tat vortrefflich war." - "Fabian," rief Balthasar
mit dem Ausdruck des tiefsten Erstaunens, "was sprichst du denn?"
"Nun ja," fuhr Fabian fort, "nun ja, das Gedicht des Kleinen war
vortrefflich, und gegnnt hab' ich ihm Candidas Ku. - berhaupt
scheint hinter dem seltsamen Mnnlein allerlei zu stecken, das mehr
wert ist als eine schne Gestalt. Aber was auch selbst seine Figur
betrifft, so kommt er mir jetzt nichts weniger als so abscheulich
vor wie anfangs. Beim Ablesen des Gedichts verschnerte die innere
Begeisterung seine Gesichtszge, so da er mir oft ein anmutiger
wohlgewachsener Jngling zu sein schien, ungeachtet er doch kaum ber
den Tisch hervorragte. Gib deine unntze Eifersucht auf, befreunde
dich als Dichter mit dem Dichter!"

"Was," schrie Balthasar voll Zorn, "was? - noch befreunden mit dem
verfluchten Wechselbalge, den ich erwrgen mchte mit diesen Fusten?"

"So," sprach Fabian, "so verschlieest du dich denn aller Vernunft.
Doch la uns in den Saal zurckkehren, wo sich etwas Neues begeben
mu, da ich laute Beifallsrufe vernehme."

Mechanisch folgte Balthasar dem Freunde in den Saal.

Als sie eintraten, stand der Professor Mosch Terpin allein in
der Mitte, die Instrumente noch in der Hand, womit er irgendein
physikalisches Experiment gemacht, starres Staunen im Gesicht. Die
ganze Gesellschaft hatte sich um den kleinen Zinnober gesammelt, der,
den Stock untergestemmt, auf den Fuspitzen dastand und mit stolzem
Blick den Beifall einnahm, der ihm von allen Seiten zustrmte. Man
wandte sich wieder zum Professor, der ein anderes sehr artiges
Kunststckchen machte. Kaum war es fertig, als wiederum alle, den
Kleinen umringend, riefen: "Herrlich - vortrefflich, lieber Herr
Zinnober!" -

Endlich sprang auch Mosch Terpin zu dem Kleinen hin und rief zehnmal
strker als die brigen: "Herrlich - vortrefflich, lieber Herr
Zinnober!"

Es befand sich in der Gesellschaft der junge Frst Gregor, der auf
der Universitt studierte. Der Frst war von der anmutigsten Gestalt,
die man nur sehen konnte, und dabei war sein Betragen so edel und
ungezwungen, da sich die hohe Abkunft, die Gewohnheit, sich in den
vornehmsten Kreisen zu bewegen, darin deutlich aussprach.

Frst Gregor war es nun, der gar nicht von Zinnober wich und ihn als
den herrlichsten Dichter, den geschicktesten Physiker ber alle Maen
lobte.

Seltsam war die Gruppe, die beide, zusammenstehend, bildeten. Gegen
den herrlich gestalteten Gregor stach gar wunderlich das winzige
Mnnlein ab, das mit hoch emporgereckter Nase sich kaum auf den
dnnen Beinchen zu erhalten vermochte. Alle Blicke der Frauen waren
hingerichtet, aber nicht auf den Frsten, sondern auf den Kleinen,
der, sich auf den Fuspitzen hebend, immer wieder herabsank und so
hinauf und hinunter wankte wie ein Cartesianisches Teufelchen.

Der Professor Mosch Terpin trat zu Balthasar und sprach: "Was sagen
Sie zu meinem Schtzling, zu meinem lieben Zinnober? Viel steckt
hinter dem Mann, und nun ich ihn so recht anschaue, ahne ich wohl die
eigentliche Bewandtnis, die es mit ihm haben mag. Der Prediger, der
ihn erzogen und mir empfohlen hat, drckt sich ber seine Abkunft sehr
geheimnisvoll aus. Betrachten Sie aber nur den edlen Anstand, sein
vornehmes, ungezwungenes Betragen. Er ist gewi von frstlichem
Geblt, vielleicht gar ein Knigssohn!" - In dem Augenblick wurde
gemeldet, das Mahl sei angerichtet. Zinnober torkelte ungeschickt
hin zur Candida, ergriff tppisch ihre Hand und fhrte sie nach dem
Speisesaal.

In voller Wut rannte der unglckliche Balthasar durch die finstre
Nacht, durch Sturmwind und Regen fort, nach Hause.



Viertes Kapitel

Wie der italienische Geiger Sbiocca den Herrn Zinnober in den
Kontraba zu werfen drohte, und der Referendarius Pulcher nicht zu
auswrtigen Angelegenheiten gelangen konnte. - Von Maut-Offizianten
und zurckbehaltenen Wundern frs Haus. - Balthasars Bezauberung durch
einen Stockknopf.

Auf einem hervorragenden bemoosten Gestein im einsamsten Walde sa
Balthasar und schaute gedankenvoll hinab in die Tiefe, in der ein Bach
schumend fortbrauste zwischen Felsstcken und dicht verwachsenem
Gestrpp. Dunkle Wolken zogen daher und tauchten nieder hinter den
Bergen; das Rauschen der Bume, der Gewsser ertnte wie ein dumpfes
Winseln, und dazwischen kreischten Raubvgel, die aus dem finstern
Dickicht aufstiegen in den weiten Himmelsraum und sich nachschwangen
dem fliehenden Gewlk. -

Dem Balthasar war, als vernehme er in den wunderbaren Stimmen des
Waldes die trostlose Klage der Natur, als msse er selbst untergehen
in dieser Klage, als sei sein ganzes Sein nur das Gefhl des tiefsten
unverwindlichsten Schmerzes. Das Herz wollte ihm springen vor Wehmut,
und indem hufige Trnen aus seinen Augen trpfelten, war es, als
blickten die Geister des Waldstroms zu ihm herauf und streckten
schneeweie Arme empor aus den Wellen, ihn hinabzuziehen in den khlen
Grund.

Da schwebte aus weiter Ferne durch die Lfte daher heller frhlicher
Hrnerklang und legte sich trstend an seine Brust, und die Sehnsucht
erwachte in ihm und mit ihr ses Hoffen. Er sah umher, und indem die
Hrner forttnten, dnkten ihm die grnen Schatten des Waldes nicht
mehr so traurig, nicht mehr so klagend das Rauschen des Windes, das
Flstern der Gebsche. Er kam zu Worten.

"Nein," rief er aus, indem er aufsprang von seinem Sitz und mit
leuchtendem Blick in die Ferne schaute, "nein, noch verschwand nicht
alle Hoffnung! - Nur zu gewi ist es, da irgendein dstres Geheimnis,
irgendein bser Zauber verstrend in mein Leben getreten ist, aber
ich breche diesen Zauber, und sollt' ich darber untergehen! Als
ich endlich hingerissen, bermannt von dem Gefhl, das meine Brust
zersprengen wollte, der holden, sen Candida meine Liebe gestand, las
ich denn nicht in ihren Blicken, fhlte ich nicht an dem Druck ihrer
Hand meine Seligkeit? - Aber sowie das verdammte kleine Ungetm sich
sehen lt, ist ihm alle Liebe zugewandt. An ihr, der vermaledeiten
Migeburt, hngen Candidas Augen, und sehnschtige Seufzer entfliehen
ihrer Brust, wenn der tppische Junge sich ihr nhert oder gar ihre
Hand berhrt. - Es mu mit ihm irgendeine geheimnisvolle Bewandtnis
haben, und sollt' ich an alberne Ammenmrchen glauben, ich wrde
behaupten, der Junge sei verhext und knne es, wie man zu sagen
pflegt, den Leuten antun. Ist es nicht toll, da alle ber das
migestaltete, durch und durch verwahrloste Mnnlein spotten und
lachen und dann wieder, tritt der Kleine dazwischen, ihn als den
verstndigsten, gelehrtesten, ja wohlgestaltetsten Herrn Studiosum
ausschreien, der sich eben unter uns befindet? - Was sage ich! geht es
mir nicht beinahe selbst so, kommt es mir nicht auch oft vor, als sei
Zinnober gescheut und hbsch? - Nur in Candidas Gegenwart hat der
Zauber keine Macht ber mich, da ist und bleibt Herr Zinnober ein
dummes, abscheuliches Alrunchen. - Doch! - ich stemme mich entgegen
der feindlichen Macht, eine dunkle Ahnung ruht tief in meinem Innern,
irgend etwas Unerwartetes werde mir die Waffe in die Hand geben wider
den bsen Unhold!" -

Balthasar suchte den Rckweg nach Kerepes. In einem Baumgange
fortwandernd, bemerkte er auf der Landstrae einen kleinen bepackten
Reisewagen, aus dem ihm jemand mit einem weien Tuch freundlich
zuwinkte. Er trat heran und erkannte Herrn Vincenzo Sbiocca,
weltberhmten Virtuosen auf der Geige, den er wegen seines
vortrefflichen ausdrucksvollen Spiels ber alle Maen hochschtzte und
bei dem er schon seit zwei Jahren Unterricht genommen. "Gut," rief
Sbiocca, indem er aus dem Wagen sprang, "gut, mein lieber Herr
Balthasar, mein teurer Freund und Schler, gut, da ich Sie hier noch
treffe, um von Ihnen herzlichen Abschied nehmen zu knnen."

"Wie," sprach Balthasar, "wie Herr Sbiocca, Sie verlassen doch nicht
Kerepes, wo alles Sie ehrt und achtet, wo keiner Sie missen mag?"

"Ja," erwiderte Sbiocca, indem ihm alle Glut des innern Zorns ins
Gesicht trat, "ja, Herr Balthasar, ich verlasse einen Ort, in dem die
Leute smtlich nrrisch sind, der einem groen Irrenhause gleicht. -
Sie waren gestern nicht in meinem Konzert, da Sie ber Land gegangen,
sonst htten Sie mir beistehen knnen gegen das rasende Volk, dem ich
unterlegen."

"Was ist geschehen, um tausend Himmels willen, was ist geschehen?"
rief Balthasar.

"Ich spiele," fuhr Sbiocca fort, "das schwierigste Konzert von Viotti.
Es ist mein Stolz, meine Freude. Sie haben es von mir gehrt, es hat
Sie nie unbegeistert gelassen. Gestern war ich, wohl mag ich es sagen,
ganz vorzglich bei guter Laune - anima mein' ich, heitren Geistes
- spirito alato mein' ich. Kein Violinspieler auf der ganzen weiten
Erde, Viotti selbst htte mir nicht nachgespielt. Als ich geendet,
bricht der Beifall mit aller Wut los - furore mein' ich, wie ich
erwartet. Geige unter dem Arm trete ich vor, mich hflichst zu
bedanken. - Aber! was mu ich sehen, was mu ich hren! - Alles, ohne
mich nur im mindesten zu beachten, drngt sich nach einer Ecke des
Saals und schreit: 'Bravo - bravissimo, gttlicher Zinnober! - welch
ein Spiel - welche Haltung, welcher Ausdruck, welche Fertigkeit!' -
Ich renne hin, drnge mich durch! - da steht ein drei Spannen hoher
verwachsener Kerl und schnarrt mit widriger Stimme: 'Bitte, bitte,
recht sehr, habe gespielt, wie es in meinen Krften stand, bin
freilich nunmehr der strkste Violinist in Europa und den brigen
bekannten Weltteilen.' 'Tausend Teufel,' schrie ich, 'wer hat denn
gespielt, ich oder der Erdwurm da!' - Und als der Kleine immer
fortschnarcht: 'Bitte, bitte ergebenst,' will ich auf ihn los und ihn
fassen, in die ganze Applikatur greifend. Aber da strzen sie auf mich
los und reden wahnsinniges Zeug von Neid, Eifersucht und Migunst.
Unterdessen ruft einer: 'Und welche Komposition!' und alle einstimmig
rufen hintendrein: 'Und welche Komposition - gttlicher Zinnober! -
sublimer Komponist!' Noch rger als zuvor schrie ich: 'Ist denn alles
rasend - besessen? das Konzert war von Viotti, und ich - ich - der
weltberhmte Vincenzo Sbiocca hat es gespielt!' Aber nun packen sie
mich fest, sprechen von italienischer Tollheit - rabbia mein' ich,
von seltsamen Zufllen, bringen mich mit Gewalt in ein Nebenzimmer,
behandeln mich wie einen Kranken, wie einen Wahnsinnigen. Nicht lange
dauert es, so strzt Signora Bragazzi hinein und fllt ohnmchtig
nieder. Ihr war es ergangen wie mir. Sowie sie ihre Arie geendet,
erdrhnte der Saal von dem: 'Brava - bravissima - Zinnober,' und alle
schrien, keine solche Sngerin gb' es mehr auf Erden als Zinnober,
und der schnarchte wieder sein verfluchtes: 'Bitte - bitte!' -
Signora Bragazzi liegt im Fieber und wird baldigst verscheiden; ich
meinesteils rette mich durch die Flucht vor dem wahnsinnigen Volke.
Leben Sie wohl, bester Herr Balthasar! - Sehn Sie etwa den Signorino
Zinnober, so sagen Sie ihm geflligst, er mge sich nicht irgendwo in
einem Konzert blicken lassen, in dem ich zugegen. Unfehlbar wrd' ich
ihn sonst bei seinen Kferbeinchen packen und durchs F-Loch in den
Kontraba schmeien, da knne er denn zeit seines Lebens Konzerte
spielen und Arien singen, wie er nur Lust htte. Leben Sie wohl,
mein geliebter Balthasar, und legen Sie die Violine nicht beiseite!"
- Damit umarmte Herr Vincenzo Sbiocca den vor Staunen erstarrten
Balthasar und stieg in den Wagen, der schnell davonrollte.

"Hab' ich denn nicht recht," sprach Balthasar zu sich selbst, "hab'
ich denn nicht recht, das unheimliche Ding, der Zinnober, ist verhext
und tut es den Leuten an." - In dem Augenblick rannte ein junger
Mensch vorber, bleich - verstrt, Wahnsinn und Verzweiflung im
Antlitz. Dem Balthasar fiel es schwer aufs Herz. Er glaubte in dem
Jnglinge einen seiner Freunde erkannt zu haben und sprang ihm daher
schnell nach in den Wald.

Kaum zwanzig - dreiig Schritte gelaufen, wurde er den Referendarius
Pulcher gewahr, der unter einem groen Baume stehen geblieben und
mit himmelwrts gerichtetem Blick also sprach: "Nein! - nicht lnger
dulden diese Schmach! - Alle Hoffnung des Lebens ist dahin! - jede
Aussicht nur ins Grab gerichtet - Fahre wohl - Leben - Welt - Hoffnung
- Geliebte." -

Und damit ri der verzweiflungsvolle Referendarius eine Pistole aus
dem Busen und drckte sie sich an die Stirne.

Balthasar strzte mit Blitzesschnelle auf ihn zu, schleuderte ihm die
Pistole weit weg aus der Hand und rief: "Pulcher! um Gottes willen,
was ist dir, was tust du!"

Der Referendarius konnte einige Minuten hindurch nicht zu sich selbst
kommen. Er war halb ohnmchtig niedergesunken auf den Rasen; Balthasar
hatte sich zu ihm gesetzt und sprach trstende Worte, wie er es nur
vermochte, ohne die Ursache von Pulchers Verzweiflung zu wissen.

Hundertmal hatte Balthasar gefragt, was dem Referendarius denn
Schreckliches geschehen, das den schwarzen Gedanken des Selbstmords
in ihm rege gemacht. Da seufzte Pulcher endlich tief auf und begann:
"Du kennst, lieber Freund Balthasar, meine bedrngte Lage, du weit,
wie ich all meine Hoffnung auf die Stelle des geheimen Expedienten
gesetzt, die bei dem Minister der auswrtigen Angelegenheiten offen;
du weit, mit welchem Eifer, mit welchem Flei ich mich darauf
vorbereitet. Ich hatte meine Ausarbeitungen eingereicht, die, wie ich
zu meiner Freude erfuhr, den vollsten Beifall des Ministers erhalten.
Mit welcher Zuversicht stellte ich mich heute vormittag zur mndlichen
Prfung! - Ich fand im Zimmer einen kleinen, migeschaffenen Kerl,
den du wohl unter dem Namen des Herrn Zinnober kennen wirst. Der
Legationsrat, dem die Prfung bertragen, trat mir freundlich entgegen
und sagte mir, zu derselben Stelle, die ich zu erhalten wnsche, habe
sich auch Herr Zinnober gemeldet, er werde uns _beide_ daher prfen.
Dann raunte er mir leise ins Ohr: 'Sie haben von Ihrem Mitbewerber
nichts zu befrchten, bester Referendarius, die Arbeiten, die der
kleine Zinnober eingereicht, sind erbrmlich!' Die Prfung begann,
keine Frage des Rats lie ich unbeantwortet. Zinnober wute
nichts, gar nichts; statt zu antworten, schnarchte und qukte er
unvernehmliches Zeug, das niemand verstand, fiel auch, indem er
ungebrdig mit den Beinchen strampelte, ein paarmal vom hohen Stuhl
herab, so da ich ihn wieder hinaufheben mute. Mir bebte das Herz vor
Vergngen; die freundlichen Blicke, die der Rat dem Kleinen zuwarf,
hielt ich fr die bitterste Ironie. - Die Prfung war beendigt. Wer
schildert meinen Schreck, mir war es, als wenn ein jher Blitz mich
klaftertief hineinschlge in den Boden, als der Rat den Kleinen
umarmte, zu ihm sprach: 'Herrlicher Mensch! - welche Kenntnis -
welcher Verstand - welcher Scharfsinn!' - dann zu mir: 'Sie haben mich
sehr getuscht, Herr Referendarius Pulcher - Sie wissen ja gar nichts!
Und - nehmen Sie es mir nicht bel, die Art, wie Sie sich zur Prfung
ermutigt haben mgen, luft gegen alle Sitte, gegen allen Anstand! -
Sie konnten sich ja gar nicht auf dem Stuhl erhalten, Sie fielen ja
herab, und Herr Zinnober mute Sie aufrichten. Diplomatische Personen
mssen fein nchtern sein und besonnen. - Adieu, Herr Referendarius!'
- Noch hielt ich alles fr ein tolles Gaukelspiel. Ich wagte es,
ich ging hin zum Minister. Er lie mir heraussagen, wie ich mich
unterstehen knne, ihn noch mit meinem Besuch zu behelligen, nach der
Art, wie ich mich in der Prfung bewiesen - er wisse schon alles!
Der Posten, zu dem ich mich gedrngt, sei schon vergeben an Herrn
Zinnober! - So hat mir irgendeine hllische Macht alle Hoffnung
geraubt, und ich will ein Leben freiwillig opfern, das dem dunklen
Verhngnis anheimgefallen! Verla mich!" -

"Nimmermehr," rief Balthasar, "erst hre mich an!"

Er erzhlte nun alles, was er von Zinnober wute seit seiner ersten
Erscheinung vor dem Tor von Kerepes; wie es ihm mit dem Kleinen
ergangen im Mosch Terpins Hause; was er eben jetzt von Vincenzo
Sbiocca vernommen. "Es ist nur zu gewi," sprach er dann, "da allem
Beginnen der unseligen Migeburt irgend etwas Geheimnisvolles zum
Grunde liegt, und glaube mir, Freund Pulcher, - ist irgendein
hllischer Zauber im Spiele, so kommt es nur darauf an, ihm mit
festem Sinn entgegen zu treten, der Sieg ist gewi, wenn nur der Mut
vorhanden. - Darum nicht verzagt, kein zu rascher Entschlu. La uns
vereint dem kleinen Hexenkerl zu Leibe gehen!" -

"Hexenkerl," rief der Referendarius mit Begeisterung, "ja Hexenkerl,
ein ganz verfluchter Hexenkerl ist der Kleine, das ist gewi! - Doch
Bruder Balthasar, was ist uns denn, liegen wir im Traume? - Hexenwesen
- Zaubereien - ist es denn damit nicht vorbei seit langer Zeit? Hat
denn nicht vor vielen Jahren Frst Paphnutius der Groe die Aufklrung
eingefhrt und alles tolle Unwesen, alles Unbegreifliche aus dem Lande
verbannt, und doch soll noch dergleichen verwnschte Contrebande sich
eingeschlichen haben? - Wetter! das mte man ja gleich der Polizei
anzeigen und den Maut-Offizianten! - Aber nein, nein - nur der
Wahnsinn der Leute oder, wie ich beinahe frchte, ungeheure Bestechung
ist schuld an unserm Unglck. - Der verwnschte Zinnober soll
unermelich reich sein. Er stand neulich vor der Mnze, und da zeigten
die Leute mit Fingern nach ihm und riefen: 'Seht den kleinen hbschen
Papa! - dem gehrt alles blanke Gold, was da drinnen geprgt wird!'"

"Still," erwiderte Balthasar, "still, Freund Referendarius, mit dem
Golde zwingt es der Unhold nicht, es ist etwas anderes dahinter!
- Wahr, da Frst Paphnutius die Aufklrung einfhrte zu Nutz
und Frommen seines Volks, seiner Nachkommenschaft, aber manches
Wunderbare, Unbegreifliche ist doch noch zurckgeblieben. Ich meine,
man hat noch so frs Haus einige hbsche Wunder zurckbehalten.
Z.B. noch immer wachsen aus lumpichten Samenkrnern die hchsten,
herrlichsten Bume, ja sogar die mannigfaltigsten Frchte und
Getreidearten, womit wir uns den Leib stopfen. Erlaubt man ja wohl
noch gar den bunten Blumen, den Insekten auf ihren Blttern und
Flgeln die glnzendsten Farben, selbst die allerverwunderlichsten
Schriftzge zu tragen, von denen kein Mensch wei, ob es l ist,
Guasche oder Aquarellmanier, und kein Teufel von Schreibmeister kann
die schmucke Kurrentschrift lesen, geschweige denn nachschreiben!
Hoho! Referendarius, ich sage dir, es geht in meinem Innern zuweilen
Absonderliches vor! - Ich lege die Pfeife weg und schreite im Zimmer
auf und ab, und eine seltsame Stimme flstert, ich sei selbst ein
Wunder, der Zauberer Mikrokosmus hantiere in mir und treibe mich an zu
allerlei tollen Streichen! - Aber, Referendarius, dann laufe ich fort
und schaue hinein in die Natur und verstehe alles, was die Blumen, die
Gewsser zu mir sprechen, und mich umfngt selige Himmelslust!" -

"Du sprichst im Fieber," rief Pulcher; aber Balthasar, ohne auf ihn zu
achten, streckte die Arme aus, wie von inbrnstiger Sehnsucht erfat,
nach der Ferne. "Horche doch nur," rief Balthasar, "horche doch nur,
o Referendarius, welche himmlische Musik im Rauschen des Abendwindes
durch den Wald ertnt! - Hrst du wohl, wie die Quellen strker
erheben ihren Gesang? wie die Bsche, die Blumen einfallen mit
lieblichen Stimmen?" -

Der Referendarius hielt das Ohr hin, um die Musik zu erhorchen, von
der Balthasar sprach. "In der Tat," fing er dann an, "in der Tat, es
wehen Tne durch den Wald, die die anmutigsten, herrlichsten sind,
welche ich in meinem Leben gehrt und die mir tief in die Seele
dringen. Doch ist es nicht der Abendwind, nicht die Bsche, nicht die
Blumen sind es, die so singen, vielmehr deucht es mir, als wenn jemand
in der Ferne die tiefsten Glocken einer Harmonika anstriche."

Pulcher hatte recht. Wirklich glichen die vollen, immer strker und
strker anschwellenden Akkorde, die immer nher hallten, den Tnen
einer Harmonika, deren Gre und Strke aber unerhrt sein mute. Als
nun die Freunde weiter vorschritten, bot sich ihnen ein Schauspiel
dar, so zauberhaft, da sie vor Erstaunen erstarrt - fest gewurzelt -
stehen blieben. In geringer Entfernung fuhr ein Mann langsam durch den
Wald, beinahe chinesisch gekleidet, nur trug er ein weitbauschiges
Barett mit schnen Schwungfedern auf dem Haupte. Der Wagen glich
einer offenen Muschel von funkelndem Kristall, die beiden hohen Rder
schienen von gleicher Masse. Sowie sie sich drehten, erklangen die
herrlichen Harmonikatne, die die Freunde schon aus der Ferne gehrt.
Zwei schneeweie Einhrner mit goldenem Geschirr zogen den Wagen, auf
dem statt des Fuhrmanns ein Silberfasan sa, die goldnen Leinen im
Schnabel haltend. Hintenauf sa ein groer Goldkfer, der mit den
flimmernden Flgeln flatternd, dem wunderbaren Mann in der Muschel
Khlung zuzuwehen schien. Sowie er bei den Freunden vorberkam, nickte
er ihnen freundlich zu. In dem Augenblick fiel aus dem funkelnden
Knopf des langen Rohrs, das der Mann in der Hand trug, ein Strahl auf
Balthasar, so da er einen brennenden Stich tief in der Brust fhlte
und mit einem dumpfen Ach! zusammenfuhr. -

Der Mann blickte ihn an und lchelte und winkte noch freundlicher als
zuvor. Sowie das zauberische Fuhrwerk im dichten Gebsch verschwand,
noch im sanften Nachhallen der Harmonikatne, fiel Balthasar, ganz
auer sich vor Wonne und Entzcken, dem Freunde um den Hals und rief:
"Referendarius, wir sind gerettet! - jener ist's, der Zinnobers
versuchten Zauber bricht!" -

"Ich wei nicht," sprach Pulcher, "ich wei nicht, wie mir in diesem
Augenblick zumute, ob ich wache, ob ich trume; aber so viel ist
gewi, da ein unbekanntes Wonnegefhl mich durchdringt und da Trost
und Hoffnung in meine Seele wiederkehrt."



Fnftes Kapitel

Wie Frst Barsanuph Leipziger Lerchen und Danziger Goldwasser
frhstckte, einen Butterfleck auf die Kasimirhose bekam und den
Geheimen Sekretr Zinnober zum Geheimen Spezialrat erhob. - Die
Bilderbcher des Doktors Prosper Alpanus. - Wie ein Portier den
Studenten Fabian in den Finger bi, dieser ein Schleppkleid trug und
deshalb verhhnt wurde. - Balthasars Flucht.

Es ist nicht lnger zu verhehlen, da der Minister der auswrtigen
Angelegenheiten, bei dem Herr Zinnober als Geheimer Expedient
angenommen, ein Abkmmling jenes Barons Prtextatus von Mondschein
war, der den Stammbaum der Fee Rosabelverde in den Turnierbchern und
Chroniken vergebens suchte. Er hie wie sein Ahnherr Prtextatus von
Mondschein, war von der feinsten Bildung, den angenehmsten Sitten,
verwechselte niemals das Mich und Mir, das Ihnen und Sie, schrieb
seinen Namen mit franzsischen Lettern sowie berhaupt eine leserliche
Hand und arbeitete sogar zuweilen selbst, vorzglich wenn das Wetter
schlecht war. Frst Barsanuph, ein Nachfolger des groen Paphnutz,
liebte ihn zrtlich, denn er hatte auf jede Frage eine Antwort,
spielte in den Erholungsstunden mit dem Frsten Kegel, verstand sich
herrlich aufs Geld-Negoz und suchte in der Gavotte seinesgleichen.

Es gab sich, da der Baron Prtextatus von Mondschein den Frsten
eingeladen hatte zum Frhstck auf Leipziger Lerchen und ein Glschen
Danziger Goldwasser. Als er nun hinkam in Mondscheins Haus, fand er im
Vorsaal unter mehreren angenehmen diplomatischen Herren den kleinen
Zinnober, der, auf seinem Stock gestemmt, ihn mit seinen ugelein
anfunkelte und, ohne sich weiter an ihn zu kehren, eine gebratene
Lerche ins Maul steckte, die er soeben vom Tische gemaust. Sowie der
Frst den Kleinen erblickte, lchelte er ihn gndig an und sprach zum
Minister: "Mondschein! was haben Sie da fr einen kleinen, hbschen,
verstndigen Mann in Ihrem Hause? - Es ist gewi derselbe, der die
wohl stilisierten und schn geschriebenen Berichte verfertigt, die ich
seit einiger Zeit von Ihnen erhalte?" "Allerdings, gndigster Herr,"
erwiderte Mondschein. "Mir hat das Geschick ihn zugefhrt als den
geistreichsten, geschicktesten Arbeiter in meinem Bureau. Er nennt
sich Zinnober, und ich empfehle den jungen herrlichen Mann ganz
vorzglich Ihrer Huld und Gnade, mein bester Frst! - Erst seit
wenigen Tagen ist er bei mir." "Und ebendeshalb," sprach ein junger
hbscher Mann, der sich indessen genhert, "und ebendeshalb hat, wie
Ew. Exzellenz zu bemerken erlauben werden, mein kleiner Kollege noch
gar nichts expediert. Die Berichte, die das Glck hatten, von Ihnen,
mein durchlauchtigster Frst, mit Wohlgefallen bemerkt zu werden, sind
von mir verfat." "Was wollen Sie!" fuhr der Frst ihn zornig an. -
Zinnober hatte sich dicht an den Frsten geschoben und schmatzte, die
Lerche verzehrend, vor Gier und Appetit. - Der junge Mensch war es
wirklich, der jene Berichte verfat, aber: "Was wollen Sie," rief der
Frst, "Sie haben ja noch gar nicht die Feder angerhrt? - Und da Sie
dicht bei mir gebratene Lerchen verzehren, so da, wie ich zu meinem
groen rger bemerken mu, meine neue Kasimirhose bereits einen
Butterfleck bekommen, da Sie dabei so unbillig schmatzen, ja! -
alles das beweiset hinlnglich Ihre vllige Untauglichkeit zu jeder
diplomatischen Laufbahn! - Gehen Sie fein nach Hause und lassen Sie
sich nicht wieder vor mir sehen, es sei denn, Sie brchten mir eine
ntzliche Fleckkugel fr meine Kasimirhose. - Vielleicht wird mir dann
wieder gndig zumute!" Dann zum Zinnober: "Solche Jnglinge, wie Sie,
werter Zinnober, sind eine Zierde des Staats und verdienen ehrenvoll
ausgezeichnet zu werden! - Sie sind Geheimer Spezialrat, mein Bester!"
- "Danke schnstens," schnarrte Zinnober, indem er den letzten Bissen
hinunterschluckte und sich das Maul wischte mit beiden Hndchen,
"danke schnstens, ich werd' das Ding schon machen, wie es mir
zukommt."

"Wackres Selbstvertrauen," sprach der Frst mit erhobener Stimme,
"wackres Selbstvertrauen zeugt von der innern Kraft, die dem wrdigen
Staatsmann inwohnen mu!" - Und auf diesen Spruch nahm der Frst ein
Schnpschen Goldwasser, welches der Minister selbst ihm darreichte und
das ihm sehr wohl bekam. - Der neue Rat mute Platz nehmen zwischen
dem Frsten und Minister. Er verzehrte unglaublich viel Lerchen und
trank Malaga und Goldwasser durcheinander und schnarrte und brummte
zwischen den Zhnen und hantierte, da er kaum mit der spitzen Nase
ber den Tisch reichen konnte, gewaltig mit den Hndchen und Beinchen.

Als das Frhstck beendigt, riefen beide, der Frst und der Minister:
"Er ist ein englischer Mensch, dieser Geheime Spezialrat!" - "Du
siehst," sprach Fabian zu seinem Freunde Balthasar, "du siehst so
frhlich aus, deine Blicke leuchten in besonderen Feuer. - Du fhlst
dich glcklich? - Ach, Balthasar, du trumst vielleicht einen schnen
Traum, aber ich mu dich daraus erweckendes ist Freundes Pflicht!"

"Was hast du, was ist geschehen?" fragte Balthasar bestrzt.

"Ja," fuhr Fabian fort, "ja! - ich mu es dir sagen! Fasse dich
nur, mein Freund! - Bedenke, da vielleicht kein Unfall in der Welt
schmerzlicher trifft und doch leichter zu verwinden ist, als eben
dieser! - Candida" -

"Um Gott," schrie Balthasar entsetzt, "Candida! - was ist mit Candida?
- ist sie hin - ist sie tot?"

"Ruhig," sprach Fabian weiter, "ruhig, mein Freund! - nicht tot
ist Candida, aber so gut als tot fr dich! - Wisse, da der kleine
Zinnober Geheimer Spezialrat geworden und so gut als versprochen ist
mit der schnen Candida, die, Gott wei wie, in ihn ganz vernarrt sein
soll."

Fabian glaubte, da Balthasar nun losbrechen werde in ungestme,
verzweiflungsvolle Klagen und Verwnschungen. Statt dessen sprach er
mit ruhigem Lcheln: "Ist es nichts weiter als das, so gibt es keinen
Unfall, der mich betrben knnte."

"Du liebst Candida nicht mehr?" fragte Fabian voll Erstaunen.

"Ich liebe," erwiderte Balthasar, "ich liebe das Himmelskind, das
herrliche Mdchen mit aller Inbrunst, mit aller Schwrmerei, die nur
in eines Jnglings Brust sich entznden kann! Und ich wei - ach ich
wei es, da Candida mich wieder liebt, da nur ein verruchter Zauber
sie umstrickt hlt, aber bald lse ich die Bande dieses Hexenwesens,
bald vernichte ich den Unhold, der die Arme betrt." -

Balthasar erzhlte nun dem Freunde ausfhrlich von dem wunderbaren
Mann, dem er in dem seltsamsten Fuhrwerk im Walde begegnet. Er
schlo damit, da, sowie aus dem Stockknopf des zauberischen Wesens
ein Strahl in seine Brust gefunkelt, der feste Gedanken in ihm
aufgegangen, da Zinnober nichts sei als ein Hexenmnnlein, dessen
Macht jener Mann vernichten werde.

"Aber," rief Fabian, als der Freund geendet, "aber Balthasar, wie
kannst du nur auf solches tolles, wunderliches Zeug verfallen? - Der
Mann, den du fr einen Zauberer hltst, ist niemand anders als der
Doktor Prosper Alpanus, der unfern der Stadt auf seinem Landhause
wohnt. Wahr ist es, da die wunderlichsten Gerchte von ihm verbreitet
werden, so da man ihn beinahe fr einen zweiten Cagliostro halten
mchte; aber daran ist er selbst schuld. Er liebt es, sich in
mystisches Dunkel zu hllen, den Schein eines mit den tiefsten
Geheimnissen der Natur vertrauten Mannes anzunehmen, der unbekannten
Krften gebietet, und dabei hat er die bizarrsten Einflle. So ist
zum Beispiel sein Fuhrwerk so seltsam beschaffen, da ein Mensch, der
von lebhafter feuriger Fantasie ist, wie du, mein Freund, wohl dahin
gebracht werden kann, alles fr eine Erscheinung aus irgendeinem
tollen Mrchen zu halten. Hre also! - Sein Kabriolett hat die Form
einer Muschel und ist ber und ber versilbert, zwischen den Rdern
ist eine Drehorgel angebracht, welche, sowie der Wagen fhrt, von
selbst spielt. Das, was du fr einen Silberfasan hieltest, war gewi
sein kleiner weigekleideter Jockey, so wie du gewi die Bltter des
ausgespreiteten Sonnenschirms fr die Flgeldecken eines Goldkfers
hieltest. Seinen beiden weien Pferdchen lt er groe Hrner
anschrauben, damit es nur recht fabelhaft aussehn soll. brigens ist
es richtig, da der Doktor Alpanus ein schnes spanisches Rohr trgt
mit einem herrlich funkelnden Kristall, der oben darauf sitzt als
Knopf und von dessen wunderlicher Wirkung man viel Fabelhaftes erzhlt
oder vielmehr lgt. Den Strahl dieses Kristalls soll nmlich kaum ein
Auge ertragen. Verhllt ihn der Doktor mit einem dnnen Schleier und
richtet man nun den festen Blick darauf, so soll das Bild der Person,
das man in dem innersten Gedanken trgt, auerhalb wie in einem
Hohlspiegel erscheinen." "In der Tat," fiel Balthasar dem Freunde ins
Wort, "in der Tat? Erzhlt man das? - Was spricht man denn wohl noch
weiter von dem Herrn Doktor Prosper Alpanus?"

"Ach," erwiderte Fabian, "verlange doch nur nicht, da ich von den
tollen Fratzen und Possen viel reden soll. Du weit ja, da es noch
bis jetzt abenteuerliche Leute gibt, die der gesunden Vernunft
entgegen an alle sogenannte Wunder alberner Ammenmrchen glauben."

"Ich will dir gestehen," fuhr Balthasar fort, "da ich gentigt bin,
mich selbst zu der Partie dieser abenteuerlichen Leute ohne gesunde
Vernunft zu schlagen. Versilbertes Holz ist kein glnzendes
durchsichtiges Kristall, eine Drehorgel tnt nicht wie eine Harmonika,
ein Silberfasan ist kein Jockey und ein Sonnenschirm kein Goldkfer.
Entweder war der wunderbare Mann, dem ich begegnete, nicht der Doktor
Prosper Alpanus, von dem du sprichst, oder der Doktor herrscht
wirklich ber die auerordentlichsten Geheimnisse."

"Um," sprach Fabian, "um dich ganz von deinen seltsamen Trumereien zu
heilen, ist es am besten, da ich dich geradezu hinfhre zu dem Doktor
Prosper Alpanus. Dann wirst du es selbst verspren, da der Herr
Doktor ein ganz gewhnlicher Arzt ist und keineswegs spazieren fhrt
mit Einhrnern, Silberfasanen und Goldkfern."

"Du sprichst," erwiderte Balthasar, indem ihm die Augen hell
auffunkelten, "du sprichst, mein Freund, den innigsten Wunsch meiner
Seele aus. - Wir wollen uns nur gleich auf den Weg machen."

Bald standen sie vor dem verschlossenen Gattertor des Parks, in
dessen Mitte das Landhaus des Doktor Alpanus lag. "Wie kommen wir nur
hinein?" sprach Fabian. "Ich denke, wir klopfen," erwiderte Balthasar
und fate den metallenen Klpfel, der dicht beim Schlosse angebracht
war.

Sowie er den Klpfel aufhob, begann ein unterirdisches Murmeln wie
ein ferner Donner und schien zu verhallen in der tiefsten Tiefe. Das
Gattertor drehte sich langsam auf, sie traten ein und wanderten fort
durch einen langen, breiten Baumgang, durch den sie das Landhaus
erblickten. "Sprst du," sprach Fabian, "hier etwas Auerordentliches,
Zauberisches?" "Ich dchte," erwiderte Balthasar, "die Art, wie sich
das Gattertor ffnete, wre doch nicht so ganz gewhnlich gewesen,
und dann wei ich nicht, wie mich hier alles so wunderbar, so magisch
anspricht. - Gibt es denn wohl auf weit und breit solche herrliche
Bume als eben hier in diesem Park? - Ja, mancher Baum, manches
Gebsch scheint ja mit seinen glnzenden Stmmen und smaragdenen
Blttern einem fremden unbekannten Lande anzugehren." -

Fabian bemerkte zwei Frsche von ungewhnlicher Gre, die schon von
dem Gattertor an zu beiden Seiten der Wandelnden mitgehpft waren.
"Schner Park," rief Fabian, "in dem es solch Ungeziefer gibt!" und
bckte sich nieder, um einen kleinen Stein aufzuheben, mit dem er nach
den lustigen Frschen zu werfen gedachte. Beide sprangen ins Gebsch
und guckten ihn mit glnzenden menschlichen Augen an. "Wartet,
wartet!" rief Fabian, zielte nach dem einen und warf. In dem
Augenblick qukte aber ein kleines hliches Weib, das am Wege sa:
"Grobian! schmei' Er nicht ehrliche Leute, die hier im Garten mit
saurer Arbeit ihr bichen Brot verdienen mssen." - "Komm nur, komm,"
murmelte Balthasar entsetzt, denn er merkte wohl, da der Frosch sich
gestaltet zum alten Weibe. Ein Blick ins Gebsch berzeugte ihn, da
der andere Frosch, jetzt ein kleines Mnnlein geworden, sich mit
Ausjten des Unkrauts beschftigte. -

Vor dem Landhause befand sich ein groer schner Rasenplatz, auf dem
die beiden Einhrner weideten, whrend die herrlichsten Akkorde in den
Lften erklangen.

"Siehst du wohl, hrst du wohl?" sprach Balthasar.

"Ich sehe nichts weiter," erwiderte Fabian, "als zwei kleine Schimmel,
die Gras fressen, und was so in den Lften tnt, sind wahrscheinlich
aufgehngte olsharfen."

Die herrliche einfache Architektur des mig groen, einstckigen
Landhauses entzckte den Balthasar. Er zog an der Klingelschnur,
sogleich ging die Tre auf, und ein groer strauartiger, ganz
goldgelb gleiender Vogel stand als Portier vor den Freunden.

"Nun seh'," sprach Fabian zu Balthasar, "nun seh' einmal einer die
tolle Livree! - Will man auch nachher dem Kerl ein Trinkgeld geben,
hat er wohl eine Hand, es in die Westentasche zu schieben?"

Und damit wandte er sich zu dem Strau, packte ihn bei den glnzenden
Flaumfedern, die unter dem Schnabel an der Kehle wie ein reiches Jabot
sich aufplusterten, und sprach: "Meld' Er uns bei dem Herrn Doktor,
mein scharmanter Freund!" - Der Strau sagte aber nichts als:
_"Quirrrr"_ - und bi den Fabian in den Finger. "Tausend Sapperment,"
schrie Fabian, "der Kerl ist doch wohl am Ende ein verfluchter Vogel!"

In demselben Augenblick ging eine innere Tre auf, und der Doktor
selbst trat den Freunden entgegen. - Ein kleiner dnner, blasser Mann!
- Er trug ein kleines samtnes Mtzchen auf dem Haupte, unter dem
schnes Haar in langen Locken hervorstrmte, ein langes erdgelbes
indisches Gewand und kleine rote Schnrstiefelchen, ob mit buntem
Pelz oder dem glnzenden Federbalg eines Vogels besetzt, war nicht
zu unterscheiden. Auf seinem Antlitz lag die Ruhe, die Gutmtigkeit
selbst, nur schien es seltsam, da, wenn man ihn recht nahe, recht
scharf anblickte, es war, als schaue aus dem Gesicht noch ein
kleineres Gesichtchen wie aus einem glsernen Gehuse heraus.

"Ich erblickte," sprach nun leise und etwas gedehnt mit anmutigem
Lcheln Prosper Alpanus, "ich erblickte Sie, meine Herrn, aus dem
Fenster, ich wute auch wohl schon frher, wenigstens was Sie
betrifft, lieber Herr Balthasar, da Sie zu mir kommen wrden. -
Folgen Sie mir geflligst!" -

Prosper Alpanus fhrte sie in ein hohes rundes Zimmer, rings umher mit
himmelblauen Gardinen behngt. Das Licht fiel durch ein oben in der
Kuppel angebrachtes Fenster herab und warf seine Strahlen auf den
glnzend polierten, von einer Sphinx getragenen Marmortisch, der
mitten im Zimmer stand. Sonst war durchaus nichts Auerordentliches in
dem Gemach zu bemerken.

"Worin kann ich Ihnen dienen?" fragte Prosper Alpanus.

Da fate sich Balthasar zusammen, erzhlte, was sich mit dem kleinen
Zinnober begeben von seinem ersten Erscheinen in Kerepes an, und
schlo mit der Versicherung, wie in ihm der feste Gedanke aufgegangen,
da er, Prosper Alpanus, der wohlttige Magus sei, der Zinnobers
verworfenem, abscheulichem Zauberwerk Einhalt tun werde.

Prosper Alpanus blieb schweigend in tiefen Gedanken stehen. Endlich,
nachdem wohl ein paar Minuten vergangen, begann er mit ernster
Miene und tiefem Ton: "Nach allem, was Sie mir erzhlt, Balthasar,
unterliegt es gar keinem Zweifel, da es mit dem kleinen Zinnober eine
besondere geheimnisvolle Bewandtnis hat. - Aber man mu frs erste den
Feind kennen, den man bekmpfen, die Ursache wissen, deren Wirkung man
zerstren will. - Es steht zu vermuten, da der kleine Zinnober nichts
anders ist, als ein Wurzelmnnlein. Wir wollen doch gleich nachsehen."

Damit zog Prosper Alpanus an einer von den seidenen Schnren, die rund
umher an der Decke des Zimmers herabhingen. Eine Gardine rauschte
auseinander, groe Folianten in ganz vergoldeten Einbnden wurden
sichtbar, und eine zierliche, luftig leichte Treppe von Zedernholz
rollte hinab. Prosper Alpanus stieg diese Treppe heran und holte aus
der obersten Reihe einen Folianten, den er auf den Marmortisch legte,
nachdem er ihn mit einem groen Bschel blinkender Pfauenfedern
sorgfltig abgestaubt. "Dies Werk," sprach er dann, "handelt von den
Wurzelmnnern, die smtlich darin abgebildet; vielleicht finden Sie
Ihren feindlichen Zinnober darunter, und dann ist er in unsere Hnde
geliefert."

Als Prosper Alpanus das Buch aufschlug, erblickten die
Freunde eine Menge sauber illuminierter Kupfertafeln, die die
allerverwunderlichsten migestaltetsten Mnnlein mit den tollsten
Fratzengesichtern darstellten, die man nur sehen konnte. Aber sowie
Prosper eins dieser Mnnlein auf dem Blatt berhrte, wurd' es
lebendig, sprang heraus und gaukelte und hpfte auf dem Marmortisch
gar possierlich umher und schnappte mit den Fingerchen und machte mit
den krummen Beinchen die allerschnsten Pirouetten und Entrechats
und sang dazu Quirr, Quapp, Pirr, Papp, bis es Prosper bei dem Kopfe
ergriff und wieder ins Buch legte, wo es sich alsbald ausglttete und
ausplttete zum bunten Bilde.

Auf dieselbe Weise wurden alle Bilder des Buchs durchgesehen, aber so
oft schon Balthasar rufen wollte: "Dies ist er, dies ist Zinnober!" so
mute er doch, genauer hinblickend, zu seinem Leidwesen wahrnehmen,
da das Mnnlein keinesweges Zinnober war.

"Das ist doch wunderlich genug," sprach Prosper Alpanus, als das Buch
zu Ende. - "Doch," fuhr er fort, "mag Zinnober vielleicht gar ein
Erdgeist sein. Sehen wir nach."

Damit hpfte er mit seltener Behendigkeit abermals die Zederntreppe
herauf, holte einen andern Folianten, stubte ihn suberlich ab, legte
ihn auf den Marmortisch und schlug ihn auf, sprechend: "Dies Werk
handelt von den Erdgeistern, vielleicht haschen wir den Zinnober in
diesem Buche." Die Freunde erblickten wiederum eine Menge sauber
illuminierter Kupfertafeln, die abscheulich hliche braungelbe
Unholde darstellten. Und wie sie Prosper Alpanus berhrte, erhoben sie
weinerlich qukende Klagen und krochen endlich schwerfllig heraus und
wlzten sich knurrend und chzend auf dem Marmortische herum, bis der
Doktor sie wieder hineindrckte ins Buch.

Auch unter diesen hatte Balthasar den Zinnober nicht gefunden.

"Wunderlich, hchst wunderlich," sprach der Doktor und versank in
stummes Nachdenken.

"Der Kferknig," fuhr er dann fort, "der Kferknig kann es
nicht sein, denn der ist, wie ich gewi wei, eben jetzt anderswo
beschftigt; Spinnenmarschall auch nicht, denn Spinnenmarschall ist
zwar hlich, aber verstndig und geschickt, lebt auch von seiner
Hnde Arbeit, ohne sich andrer Taten anzumaen. - Wunderlich - sehr
wunderlich." -

Er schwieg wieder einige Minuten, so da man allerlei wunderbare
Stimmen, die bald in einzelnen Lauten, bald in vollen anschwellenden
Akkorden ringsumher ertnten, deutlich vernahm. "Sie haben berall
und immerfort recht artige Musik, lieber Herr Doktor," sprach Fabian.
Prosper Alpanus schien gar nicht auf Fabian zu achten, er fate nur
den Balthasar ins Auge, indem er erst beide Arme nach ihm ausstreckte
und dann die Fingerspitzen gegen ihn hin bewegte, als besprenge er ihn
mit unsichtbaren Tropfen.

Endlich fate der Doktor Balthasars beide Hnde und sprach mit
freundlichem Ernst: "Nur die reinste Konsonanz des psychischen
Prinzips im Gesetz des Dualismus begnstigt die Operation, die ich
jetzt unternehmen werde. Folgen Sie mir!" -

Die Freunde folgten dem Doktor durch mehrere Zimmer, die auer einigen
seltsamen Tieren, die sich mit Lesen - Schreiben - Malen - Tanzen
beschftigten, eben nichts Merkwrdiges enthielten, bis sich zwei
Flgeltren ffneten, und die Freunde vor einen dichten Vorhang
traten, hinter den Prosper Alpanus verschwand und sie in dicker
Finsternis lie. Der Vorhang rauschte auseinander, und die Freunde
befanden sich in einem, wie es schien, eirunden Saal, in dem ein
magisches Helldunkel verbreitet. Es war, betrachtete man die Wnde,
als verlre sich der Blick in unabsehbare grne Haine und Blumenauen
mit pltschernden Quellen und Bchen. Der geheimnisvolle Duft eines
unbekannten Aroma wallte auf und nieder und schien die sen Tne
der Harmonika hin und her zu tragen. Prosper Alpanus erschien ganz
weigekleidet wie ein Brahmin und stellte in die Mitte des Saals einen
groen runden Kristallspiegel, ber den er einen Flor warf.

"Treten Sie," sprach er dumpf und feierlich, "treten Sie vor diesen
Spiegel, Balthasar, richten Sie Ihre festen Gedanken auf Candida -
_wollen_ Sie mit ganzer Seele, da sie sich Ihnen zeige in dem Moment,
der jetzt existiert in Raum und Zeit" -

Balthasar tat, wie ihm geheien, indem Prosper Alpanus sich hinter ihn
stellte und mit beiden Hnden Kreise um ihn beschrieb.

Wenige Sekunden hatte es gedauert, als ein blulicher Duft aus
dem Spiegel wallte. Candida, die holde Candida erschien in ihrer
lieblichen Gestalt mit aller Flle des Lebens! Aber neben ihr, dicht
neben ihr sa der abscheuliche Zinnober und drckte ihr die Hnde,
kte sie - Und Candida hielt den Unhold mit einem Arm umschlungen
und liebkoste ihn! - Balthasar wollte laut aufschreien, aber Prosper
Alpanus fate ihn bei beiden Schultern hart an, und der Schrei
erstickte in der Brust. "Ruhig," sprach Prosper leise, "ruhig
Balthasar! - Nehmen Sie dies Rohr und fhren Sie Streiche gegen den
Kleinen, doch ohne sich von der Stelle zu rhren." Balthasar tat es
und gewahrte zu seiner Lust, wie der Kleine sich krmmte, umstlpte,
sich auf der Erde wlzte! - In der Wut sprang er vorwrts, da zerrann
das Bild in Dunst und Nebel, und Prosper Alpanus ri den tollen
Balthasar mit Gewalt zurck, laut rufend: "Halten Sie ein! -
zerschlagen Sie den magischen Spiegel, so sind wir alle verloren!
- Wir wollen in das Helle zurck." - Die Freunde verlieen auf des
Doktors Gehei den Saal und traten in ein anstoendes helles Zimmer.

"Dem Himmel," rief Fabian, tief Atem schpfend, "dem Himmel sei
gedankt, da wir aus dem verwnschten Saal heraus sind. Die schwle
Luft hat mir beinahe das Herz abgedrckt, und dann die albernen
Taschenspielereien dazu, die mir in tiefer Seele zuwider sind." -

Balthasar wollte antworten, als Prosper Alpanus eintrat. "Es ist,"
sprach er, "es ist nunmehr gewi, da der migestaltete Zinnober weder
ein Wurzelmann noch ein Erdgeist ist, sondern ein gewhnlicher Mensch.
Aber es ist eine geheime zauberische Macht im Spiele, die zu erkennen
mir bis jetzt noch nicht gelungen, und ebendeshalb kann ich auch noch
nicht helfen. - Besuchen Sie mich bald wieder, Balthasar, wir wollen
dann sehen, was weiter zu beginnen. Auf Wiedersehn!" -

"Also," sprach Fabian, dicht an den Doktor hinantretend, "also ein
Zauberer sind Sie, Herr Doktor, und knnen mit all Ihrer Zauberkunst
nicht einmal dem kleinen erbrmlichen Zinnober zu Leibe? - Wissen Sie
wohl, da ich Sie mitsamt Ihren bunten Bildern, Pppchen, magischen
Spiegeln, mit all Ihrem fratzenhaften Kram fr einen rechten
ausgemachten Charlatan halte? - Der Balthasar, der ist verliebt und
macht Verse, dem knnen Sie allerlei Zeug einreden, aber bei mir
kommen Sie schlecht an! - Ich bin ein aufgeklrter Mensch und
statuiere durchaus keine Wunder!"

"Halten Sie," erwiderte Prosper Alpanus, indem er strker und
herzlicher lachte, als man es ihm nach seinem ganzen Wesen wohl
zutrauen konnte, "halten Sie das, wie Sie wollen. Aber - bin ich
gleich nicht eben ein Zauberer, so gebiete ich doch ber hbsche
Kunststckchen." "Aus Wieglebs 'Magie' wohl oder sonst!" - rief
Fabian. "Nun da finden Sie an unserm Professor Mosch Terpin Ihren
Meister und drfen sich mit ihm nicht vergleichen, denn der ehrliche
Mann zeigt uns immer, da alles natrlich zugeht und umgibt sich gar
nicht mit solcher geheimnisvoller Wirtschaft, als Sie, mein Herr
Doktor. - Nun, ich empfehle mich Ihnen gehorsamst!"

"Ei," sprach der Doktor, "sie werden doch nicht so im Zorn von mir
scheiden?"

Und damit strich er dem Fabian an beiden Armen einige Mal leise herab
von der Schulter bis zum Handgelenk, da diesem ganz besonders zumute
wurde und er beklommen rief: "Was machen Sie denn, Herr Doktor!" -
"Gehen Sie, meine Herrn," sprach der Doktor, "Sie, Herr Balthasar,
hoffe ich recht bald wiederzusehen. - Bald wird die Hlfe gefunden
sein!"

"Er bekommt doch kein Trinkgeld, mein Freund," rief Fabian im
Herausgehen dem goldgelben Portier zu und fate ihm nach dem Jabot.
Der Portier sagte aber wieder nichts als _"Quirrr"_ und bi abermals
den Fabian in den Finger.

"Bestie!" rief Fabian und rannte von dannen.

Die beiden Frsche ermangelten nicht, die beiden Freunde hflich zu
geleiten bis ans Gattertor, das sich mit einem dumpfen Donner ffnete
und schlo. - "Ich wei," sprach Balthasar, als er auf der Landstrae
hinter dem Fabian herwandelte, "ich wei gar nicht, Bruder, was du
heute fr einen seltsamen Rock angezogen hast mit solch entsetzlich
langen Schen und solch kurzen rmeln."

Fabian gewahrte zu seinem Erstaunen, da sein kurzes Rckchen
hinterwrts bis zur Erde herabgewachsen, da dagegen die sonst ber
die Gnge langen rmel hinaufgeschrumpft waren bis an den Ellbogen.

"Tausend Donner, was ist das!" rief er und zog und zupfte an den
rmeln und rckte die Schultern. Das schien auch zu helfen, aber wie
sie nun durchs Stadttor gingen, so schrumpften die rmel herauf, so
wuchsen die Rocksche, da alles Ziehens und Zupfens und Rckens
ungeachtet die rmel bald hoch oben an der Schulter saen, Fabians
nackte Arme preisgebend, da bald sich ihm eine Schleppe nachwlzte,
lnger und lnger sich dehnend. Alle Leute standen still und lachten
aus vollem Halse, die Straenbuben rannten dutzendweise jubelnd und
jauchzend ber den langen Talar und rissen Fabian um, und wie er sich
wieder aufraffte, fehlte kein Stckchen von der Schleppe, nein! - sie
war noch lnger geworden. Und immer toller und toller wurde Gelchter,
Jubel und Geschrei, bis sich endlich Fabian, halb wahnsinnig, in ein
offnes Haus strzte. - Sogleich war auch die Schleppe verschwunden.

Balthasar hatte gar nicht Zeit, sich ber Fabians seltsame
Verzauberung viel zu verwundern; denn der Referendarius Pulcher fate
ihn, ri ihn fort in eine abgelegene Strae und sprach: "Wie ist es
mglich, da du nicht schon fort bist, da du dich hier noch sehen
lassen kannst, da der Pedell mit dem Verhaftsbefehl dich schon
verfolgt." - "Was ist das, wovon sprichst du?" fragte Balthasar voll
Erstaunen. "So weit," fuhr der Referendarius fort, "so weit ri dich
der Wahnsinn der Eifersucht hin, da du das Hausrecht verletztest,
feindlich einbrechend in Mosch Terpins Haus, da du den Zinnober
berfielst bei seiner Braut, da du den migestalteten Dumling halb
tot prgeltest!" - "Ich bitte dich," schrie Balthasar, "den ganzen Tag
war ich ja nicht in Kerepes, schndliche Lgen." - "O still, still,"
fiel ihm Pulcher ins Wort, "Fabians toller unsinniger Einfall, ein
Schleppkleid anzuziehen, rettet dich. Niemand achtet jetzt deiner!
- Entziehe dich nur der schimpflichen Verhaftung, das brige wollen
wir denn schon ausfechten. Du darfst nicht mehr in deine Wohnung!
- Gib mir die Schlssel, ich schicke dir alles nach. - Fort nach
Hoch-Jakobsheim!"

Und damit ri der Referendarius den Balthasar fort durch entlegene
Gassen, durchs Tor hin nach dem Dorfe Hoch-Jakobsheim, wo der berhmte
Gelehrte Ptolomus Philadelphus sein merkwrdiges Buch ber die
unbekannte Vlkerschaft der Studenten schrieb.



Sechstes Kapitel

Wie der Geheime Spezialrat Zinnober in seinem Garten frisiert wurde
und im Grase ein Taubad nahm. - Der Orden des grngefleckten Tigers.
- Glcklicher Einfall eines Theaterschneiders. - Wie das Frulein
von Rosenschn sich mit Kaffee bego und Prosper Alpanus ihr seine
Freundschaft versicherte.

Der Professor Mosch Terpin schwamm in lauter Wonne. "Konnte," sprach
er zu sich selbst, "konnte mir denn etwas Glcklicheres begegnen,
als da der vortreffliche Geheime Spezialrat in mein Haus kam als
Studiosus? - Er heiratet meine Tochter - er wird mein Schwiegersohn,
durch ihn erlange ich die Gunst des vortrefflichen Frsten Barsanuph
und steige nach auf der Leiter, die mein herrliches Zinnoberchen
hinaufklimmt. - Wahr ist es, da es mir oft selbst unbegreiflich
vorkommt, wie das Mdchen, die Candida, so ganz und gar vernarrt sein
kann in den Kleinen. Sonst sieht das Frauenzimmer wohl mehr auf ein
hbsches uere, als auf besondere Geistesgaben, und schaue ich denn
nun zuweilen das Spezialmnnlein an, so ist es mir, als ob er nicht
ganz hbsch zu nennen - sogar - bossu - still - St - St - die Wnde
haben Ohren - Er ist des Frsten Liebling, wird immer hher steigen -
hher hinauf und ist mein Schwiegersohn!" -

Mosch Terpin hatte recht, Candida uerte die entschiedenste Neigung
fr den Kleinen und sprach, gab hie und da einer, den Zinnobers
seltsamer Spuk nicht berckt hatte, zu verstehen, da der Geheime
Spezialrat doch eigentlich ein fatales migestaltetes Ding sei,
sogleich von den wunderschnen Haaren, womit ihn die Natur begabt.

Niemand lchelte aber, wenn Candida also sprach, hmischer als der
Referendarius Pulcher.

Dieser stellte dem Zinnober nach auf Schritten und Tritten, und hierin
stand ihm getreulich der Geheime Sekretr Adrian bei, ebenderselbe
junge Mensch, den Zinnobers Zauber beinahe aus dem Bureau des
Ministers verdrngt htte, und der des Frsten Gunst nur durch die
vortreffliche Fleckkugel wieder gewann, die er ihm berreichte.

Der Geheime Spezialrat Zinnober bewohnte ein schnes Haus mit einem
noch schneren Garten, in dessen Mitte sich ein mit dichtem Gebsch
umgebener Platz befand, auf dem die herrlichsten Rosen blhten. Man
hatte bemerkt, da allemal den neunten Tag Zinnober bei Tagesanbruch
leise aufstand, sich, so sauer es ihm werden mochte, ohne alle
Hlfe des Bedienten ankleidete, in den Garten hinabstieg und in den
Gebschen verschwand, die jenen Platz umgaben.

Pulcher und Adrian, irgendein Geheimnis ahnend, wagten es in einer
Nacht, als Zinnober, wie sie von seinem Kammerdiener erfahren, vor
neun Tagen jenen Platz besucht hatte, die Gartenmauer zu bersteigen
und sich in den Gebschen zu verbergen.

Kaum war der Morgen angebrochen, als sie den Kleinen daherwandeln
sahen, schnupfend und prustend, weil ihm, da er mitten durch ein
Blumenbeet ging, die tauichten Halme und Stauden um die Nase schlugen.

Als er auf dem Rasenplatz bei den Rosen angekommen, ging ein
stnendes Wehen durch die Bsche, und durchdringender wurde der
Rosenduft. Eine schne verschleierte Frau mit Flgeln an den Schultern
schwebte herab, setzte sich auf den zierlichen Stuhl, der mitten unter
den Rosenbschen stand, nahm mit den leisen Worten: "Komm, mein liebes
Kind," den kleinen Zinnober und kmmte ihm mit einem goldenen Kamm
sein langes Haar, das den Rcken hinabwallte. Das schien dem Kleinen
sehr wohl zu tun, denn er blinzelte mit den ugelein und streckte
die Beinchen lang aus und knurrte und murrte beinahe wie ein Kater.
Das hatte wohl fnf Minuten gedauert, da strich noch einmal die
zauberische Frau mit einem Finger dem Kleinen die Scheitel entlang,
und Pulcher und Adrian gewahrten einen schmalen, feuerfarb glnzenden
Streif auf dem Haupte Zinnobers. Nun sprach die Frau: "Lebe wohl,
mein ses Kind! - Sei klug, sei klug, so wie du kannst!" Der Kleine
sprach: "Adieu, Mtterchen, klug bin ich genug, du brauchst mir das
gar nicht so oft zu wiederholen." -

Die Frau erhob sich langsam und verschwand in den Lften.

Pulcher und Adrian waren starr vor Erstaunen. Als nun aber Zinnober
davonschreiten wollte, sprang der Referendarius hervor und rief laut:
"Guten Morgen, Herr Geheimer Spezialrat! ei, wie schn haben Sie
sich frisieren lassen!" Zinnober schaute sich um und wollte, als er
den Referendarius erblickte, schnell davonrennen. Ungeschickt und
schwchlich auf den Beinchen, wie er nun aber war, stolperte er und
fiel in das hohe Gras, das die Halme ber ihn zusammenschlug, und
er lag im Taubade. Pulcher sprang hinzu und half ihm auf die Beine,
aber Zinnober schnarrte ihn an: "Herr, wie kommen Sie hier in meinen
Garten! scheren Sie sich zum Teufel!" Und damit hpfte und rannte er,
so rasch er nur vermochte, hinein ins Haus.

Pulcher schrieb dem Balthasar diese wunderbare Begebenheit und
versprach seine Aufmerksamkeit auf das kleine zauberische Ungetm zu
verdoppeln. Zinnober schien ber das, was ihm widerfahren, trostlos.
Er lie sich zu Bette bringen und sthnte und chzte so, da die
Kunde, wie er pltzlich erkrankt, bald zum Minister Mondschein, zum
Frsten Barsanuph gelangte.

Frst Barsanuph schickte sogleich seinen Leibarzt zu dem kleinen
Liebling.

"Mein vortrefflichster Geheimer Spezialrat," sprach der Leibarzt, als
er den Puls befhlt, "Sie opfern sich auf fr den Staat. Angestrengte
Arbeit hat Sie aufs Krankenbett geworfen, anhaltendes Denken Ihnen das
unsgliche Leiden verursacht, das Sie empfinden mssen. Sie sehen im
Antlitz sehr bla und eingefallen aus, aber Ihr wertes Haupt glht
schrecklich! - Ei, ei! - doch keine Gehirnentzndung? Sollte das Wohl
des Staats dergleichen hervorgebracht haben? Kaum mglich! - Erlauben
Sie doch!" Der Leibarzt mochte wohl denselben roten Streif auf
Zinnobers Haupte gewahren, den Pulcher und Adrian entdeckt hatten. Er
wollte, nachdem er einige magnetische Striche aus der Ferne versucht,
den Kranken auch verschiedentlich angehaucht, worber dieser merklich
mauzte und quinkelierte, nun mit der Hand hinfahren ber das Haupt und
berhrte dasselbe unversehens. Da sprang Zinnober, schumend vor Wut,
in die Hhe und gab mit seinem kleinen Knochenhndchen dem Leibarzt,
der sich gerade ganz ber ihn hingebeugt, eine solche derbe Ohrfeige,
da es im ganzen Zimmer widerhallte.

"Was wollen Sie," schrie Zinnober, "was wollen Sie von mir, was
krabbeln Sie mir herum auf meinem Kopfe! Ich bin gar nicht krank,
ich bin gesund, ganz gesund, werde gleich aufstehen und zum Minister
fahren in die Konferenz; scheren Sie sich fort!" -

Der Leibarzt eilte ganz erschrocken von dannen. Als er aber dem
Frsten Barsanuph erzhlte, wie es ihm ergangen, rief dieser entzckt
aus: "Was fr ein Eifer fr den Dienst des Staats! - welche Wrde,
welche Hoheit im Betragen! - welch ein Mensch, dieser Zinnober!" -

"Mein bester Geheimer Spezialrat," sprach der Minister Prtextatus von
Mondschein zu dem kleinen Zinnober, "wie herrlich ist es, da Sie,
Ihrer Krankheit nicht achtend, in die Konferenz kommen. Ich habe
in der wichtigen Angelegenheit mit dem Kakatukker Hofe ein Memoire
entworfen - _selbst_ entworfen und bitte, da _Sie_ es dem Frsten
vortragen, denn Ihr geistreicher Vortrag hebt das Ganze, fr dessen
Verfasser mich dann der Frst anerkennen soll." - Das Memoire, womit
Prtextatus glnzen wollte, hatte aber niemand anders verfat, als
Adrian.

Der Minister begab sich mit dem Kleinen zum Frsten. Zinnober zog das
Memoire, das ihm der Minister gegeben, aus der Tasche und fing an zu
lesen. Da es damit aber nun gar nicht recht gehen wollte und er nur
lauter unverstndliches Zeug murrte und schnurrte, nahm ihm der
Minister das Papier aus den Hnden und las selbst.

Der Frst schien ganz entzckt, er gab seinen Beifall zu erkennen,
ein Mal ber das andere rufend: "Schn - gut gesagt - herrlich -
treffend!" -

Sowie der Minister geendet, schritt der Frst geradezu los auf den
kleinen Zinnober, hob ihn in die Hhe, drckte ihn an seine Brust,
gerade dahin, wo ihm (dem Frsten) der groe Stern des grngefleckten
Tigers sa, und stammelte und schluchzte, whrend ihm hufige Trnen
aus den Augen flossen: "Nein! - solch ein Mann - solch ein Talent!
- solcher Eifer - solche Liebe - es ist zu viel - zu viel!" Dann
gefater: "Zinnober! - ich erhebe Sie hiermit zu meinem Minister! -
Bleiben Sie dem Vaterlande hold und treu, bleiben Sie ein wackrer
Diener der Barsanuphe, von denen Sie geehrt - geliebt werden." Und
nun sich mit verdrlichem Blick zum Minister wendend: "Ich bemerke,
lieber Baron von Mondschein, da seit einiger Zeit Ihre Krfte
nachlassen. Ruhe auf Ihren Gtern wird Ihnen heilbringend sein! -
Leben Sie wohl!" -

Der Minister von Mondschein entfernte sich, unverstndliche Worte
zwischen den Zhnen murmelnd und funkelnde Blicke werfend auf
Zinnober, der sich nach seiner Art sein Stckchen in den Rcken
gestemmt, auf den Fuspitzen hoch in die Hhe hob und stolz und keck
umherblickte.

"Ich mu," sprach nun der Frst, "ich mu Sie, mein lieber Zinnober,
gleich Ihrem hohen Verdienst gem auszeichnen; empfangen Sie daher
aus meinen Hnden den Orden des grngefleckten Tigers!"

Der Frst wollte ihm nun das Ordensband, das er sich in der
Schnelligkeit von dem Kammerdiener reichen lassen, umhngen; aber
Zinnobers migestalteter Krperbau bewirkte, da das Band durchaus
nicht normalmig sitzen wollte, indem es sich bald ungebhrlich
heraufschob, bald ebenso hinabschlotterte.

Der Frst war in dieser so wie in jeder andern solchen Sache, die
das eigentlichste Wohl des Staats betraf, sehr genau. Zwischen dem
Hftknochen und dem Steibein, in schrger Richtung drei Sechzehnteil
Zoll aufwrts vom letztern, mute das am Bande befindliche
Ordenszeichen des grngefleckten Tigers sitzen. Das war nicht
herauszubringen. Der Kammerdiener, drei Pagen, der Frst legten Hand
an, alles Mhen blieb vergebens. Das verrterische Band rutschte hin
und her, und Zinnober begann unmutig zu quken: "Was hantieren Sie
doch so schrecklich an meinem Leibe herum, lassen Sie doch das dumme
Ding hngen, wie es will, Minister bin ich doch nun einmal und bleib'
es!" -

"Wofr," sprach nun der Frst zornig, "wofr habe ich denn Ordensrte,
wenn rcksichts der Bnder solche tolle Einrichtungen existieren, die
ganz meinem Willen entgegenlaufen? - Geduld, mein lieber Minister
Zinnober! bald soll das anders werden!"

Auf Befehl des Frsten mute sich nun der Ordensrat versammeln, dem
noch zwei Philosophen sowie ein Naturforscher, der eben, vom Nordpol
kommend, durchreiste, beigesellt wurden, die ber die Frage, wie
auf die geschickteste Weise dem Minister Zinnober das Band des
grngefleckten Tigers anzubringen, beratschlagen sollten. Um fr
diese wichtige Beratung gehrige Krfte zu sammeln, wurde smtlichen
Mitgliedern aufgegeben, acht Tage vorher nicht zu denken; um dies
besser ausfhren zu knnen und doch ttig zu bleiben im Dienste des
Staats, aber sich indessen mit dem Rechnungswesen zu beschftigen.
Die Straen vor dem Palast, wo die Ordensrte, Philosophen und
Naturforscher ihre Sitzung halten sollten, wurden mit dickem Stroh
belegt, damit das Gerassel der Wagen die weisen Mnner nicht stre,
und ebendaher durfte auch nicht getrommelt, Musik gemacht, ja nicht
einmal laut gesprochen werden in der Nhe des Palastes. Im Palast
selbst tappte alles auf dicken Filzschuhen umher, und man verstndigte
sich durch Zeichen.

Sieben Tage hindurch vom frhsten Morgen bis in den spten Abend
hatten die Sitzungen gedauert, und noch war an keinen Beschlu zu
denken.

Der Frst, ganz ungeduldig, schickte ein Mal ber das andere hin und
lie ihnen sagen, es solle in des Teufels Namen ihnen doch endlich
etwas Gescheutes einfallen. Das half aber ganz und gar nichts.

Der Naturforscher hatte soviel mglich Zinnobers Natur erforscht,
Hhe und Breite seines Rckenauswuchses genommen und die genaueste
Berechnung darber dem Ordensrat eingereicht. Er war es auch, der
endlich vorschlug, ob man nicht den Theaterschneider bei der Beratung
zuziehen wolle.

So seltsam dieser Vorschlag erscheinen mochte, wurde er doch in der
Angst und Not, in der sich alle befanden, einstimmig angenommen.

Der Theaterschneider Herr Kees war ein beraus gewandter, pfiffiger
Mann. Sowie ihm der schwierige Fall vorgetragen worden, sowie er
die Berechnungen des Naturforschers durchgesehen, war er mit dem
herrlichsten Mittel, wie das Ordensband zum normalmigen Sitzen
gebracht werden knne, bei der Hand.

An Brust und Rcken sollten nmlich eine gewisse Anzahl Knpfe
angebracht und das Ordensband daran geknpft werden. Der Versuch
gelang ber die Maen wohl.

Der Frst war entzckt und billigte den Vorschlag des Ordensrates, den
Orden des grngefleckten Tigers nunmehro in verschiedene Klassen zu
teilen, nach der Anzahl der Knpfe, womit er gegeben wurde. Z.B. Orden
des grngefleckten Tigers mit zwei Knpfen - mit drei Knpfen etc. Der
Minister Zinnober erhielt als ganz besondere Auszeichnung, die sonst
kein anderer verlangen knne, den Orden mit zwanzig brillantierten
Knpfen, denn gerade zwanzig Knpfe erforderte die wunderliche Form
seines Krpers.

Der Schneider Kees erhielt den Orden des grngefleckten Tigers mit
zwei goldnen Knpfen und wurde, da der Frst ihn, seines glckliches
Einfalls ungeachtet, fr einen schlechten Schneider hielt und sich
daher nicht von ihm kleiden lassen wollte, zum Wirklichen Geheimen
Gro-Kostmierer des Frsten ernannt. -

Aus dem Fenster seines Landhauses sah der Doktor Prosper Alpanus
gedankenvoll herab in seinen Park. Er hatte die ganze Nacht hindurch
sich damit beschftigt, Balthasars Horoskop zu stellen und manches
dabei herausgebracht, was sich auf den kleinen Zinnober bezog. Am
wichtigsten das, was sich mit dem Kleinen im Garten begeben, als er
von Adrian und Pulcher belauscht wurde. Eben wollte Prosper Alpanus
seinen Einhrnern zurufen, da sie die Muschel herbeifhren mchten,
weil er fort wolle nach Hoch-Jakobsheim, als ein Wagen daherrasselte
und vor dem Gattertor des Parks still hielt. Es hie, das
Stiftsfrulein von Rosenschn wnsche den Herrn Doktor zu sprechen.
"Sehr willkommen," sprach Prosper Alpanus, und die Dame trat hinein.
Sie trug ein langes schwarzes Kleid und war in Schleier gehllt wie
eine Matrone. Prosper Alpanus, von einer seltsamen Ahnung ergriffen,
nahm sein Rohr und lie die funkelnden Strahlen des Knopfs auf die
Dame fallen. Da war es, als zuckten rauschend Blitze um sie her,
und sie stand da im weien durchsichtigen Gewande, glnzende
Libellenflgel an den Schultern, weie und rote Rosen durch das Haar
geflochten. - "Ei, ei," lispelte Prosper, nahm das Rohr unter seinen
Schlafrock, und sogleich stand die Dame wieder im vorigen Kostm da.

Prosper Alpanus lud sie freundlich ein, sich niederzulassen. Frulein
von Rosenschn sagte nun, wie es lngst ihre Absicht gewesen, den
Herrn Doktor in seinem Landhause aufzusuchen, um die Bekanntschaft
eines Mannes zu machen, den die ganze Gegend als einen hochbegabten,
wohlttigen Weisen rhme. Gewi werde er ihre Bitte gewhrend, sich
des nahe gelegenen Fruleinstifts rztlich anzunehmen, da die alten
Damen darin oft krnkelten und ohne Hlfe blieben. Prosper Alpanus
erwiderte hflich, da er zwar schon lngst die Praxis aufgegeben,
aber doch ausnahmsweise die Stiftsdamen besuchen wolle, wenn es not
tte, und fragte dann, ob sie selbst, das Frulein von Rosenschn,
vielleicht an irgendeinem bel leide. Das Frulein versicherte, da
sie nur dann und wann ein rheumatisches Zucken in den Gliedern fhle,
wenn sie sich an der Morgenluft erkltet, jetzt aber ganz gesund sei,
und begann irgendein gleichgltiges Gesprch. Prosper fragte, ob sie,
da es noch frher Morgen, vielleicht eine Tasse Kaffee nehmen wolle;
die Rosenschn meinte, da Stiftsfruleins dergleichen niemals
verschmhten. Der Kaffee wurde gebracht, aber so sehr sich auch
Prosper mhen mochte, einzuschenken, die Tassen blieben leer,
ungeachtet der Kaffee aus der Kanne strmte. "Ei, ei" lchelte Prosper
Alpanus, "das ist bser Kaffee! - Wollten Sie, mein bestes Frulein,
doch nur lieber selbst den Kaffee eingieen."

"Mit Vergngen," erwiderte das Frulein und ergriff die Kanne. Aber
ungeachtet kein Tropfen aus der Kanne quoll, wurde doch die Tasse
voller und voller, und der Kaffee strmte ber auf den Tisch, auf
das Kleid des Stiftsfruleins. - Sie setzte schnell die Kanne hin,
sogleich war der Kaffee spurlos verschwunden. Beide, Prosper Alpanus
und das Stiftsfrulein, schauten sich nun eine Weile schweigend an mit
seltsamen Blicken.

"Sie waren," begann nun die Dame, "Sie waren, mein Herr Doktor, gewi
mit einem sehr anziehenden Buche beschftigt, als ich eintrat."

"In der Tat," erwiderte der Doktor, "enthlt dieses Buch gar
merkwrdige Dinge."

Damit wollte er das kleine Buch in vergoldetem Einbande, das vor ihm
auf dem Tisch lag, aufschlagen. Doch das blieb ein ganz vergebliches
Mhen, denn mit einem lauten Klipp, Klapp schlug das Buch sich immer
wieder zusammen. "Ei, ei," sprach Prosper Alpanus, "versuchen _Sie_
sich doch mit dem eigensinnigen Dinge hier, mein wertes Frulein!"

Er reichte der Dame das Buch hin, das, sowie sie es nur berhrte, sich
von selbst aufschlug. Aber alle Bltter lsten sich los und dehnten
sich aus zum Riesenfolio und rauschten umher im Zimmer.

Erschrocken fuhr das Frulein zurck. Nun schlug der Doktor das Buch
zu mit Gewalt, und alle Bltter verschwanden.

"Aber," sprach nun Prosper Alpanus mit sanftem Lcheln, indem er sich
von seinem Sitze erhob, "aber mein bestes gndiges Frulein, was
verderben wir die Zeit mit solchen schnden Tafelknsten; denn anders
als ordinre Tafelkunststcke sind es doch nicht, die wir bis jetzt
getrieben, schreiten wir doch lieber zu hheren Dingen." "Ich will
fort!" rief das Frulein und erhob sich vorn Sitze.

"Ei," sprach Prosper Alpanus, "das mchte doch wohl nicht recht gut
angehen ohne meinen Willen; denn, meine Gndige, ich mu es Ihnen nur
sagen, Sie sind jetzt ganz und gar in meiner Gewalt."

"In Ihrer Gewalt," rief das Frulein zornig, "in Ihrer Gewalt, Herr
Doktor? - Trichte Einbildung!"

Und damit breitete sich ihr seidnes Kleid aus, und sie schwebte als
der schnste Trauermantel auf zur Decke des Zimmers. Doch sogleich
sauste und brauste auch Prosper Alpanus ihr nach als tchtiger
Hirschkfer. Ganz ermattet flatterte der Trauermantel herab und rannte
als kleines Muschen auf dem Boden umher. Aber der Hirschkfer sprang
miauend und prustend ihm nach als grauer Kater. Das Muschen erhob
sich wieder als glnzender Kolibri, da erhoben sich allerlei seltsame
Stimmen rings um das Landhaus, und allerlei wunderbare Insekten
sumseten herbei, mit ihnen seltsames Waldgeflgel, und ein goldnes
Netz spann sich um die Fenster. Da stand mit einemmal die Fee
Rosabelverde, in aller Pracht und Hoheit strahlend, im glnzenden
weien Gewande, den funkelnden Diamantgrtel umgetan, weie und rote
Rosen durch die dunklen Locken geflochten, mitten im Zimmer. Vor ihr
der Magus im goldgestickten Talar, eine glnzende Krone auf dem Haupt,
das Rohr mit dem feuerstrahlenden Knopf in der Hand.

Rosabelverde schritt zu auf den Magus, da entfiel ihrem Haar ein
goldner Kamm und zerbrach, als sei er von Glas, auf dem Marmorboden.

"Weh mir! - weh mir!" rief die Fee.

Pltzlich sa wieder das Stiftsfrulein von Rosenschn im schwarzen
langen Kleide am Kaffeetisch, und ihr gegenber der Doktor Prosper
Alpanus.

"Ich dchte," sprach Prosper Alpanus sehr ruhig, indem er in die
chinesischen Tassen den herrlichsten dampfenden Kaffee von Mokka ohne
Hindernis einschenkte, "ich dchte, mein bestes gndiges Frulein, wir
wten beide nun hinlnglich, wie wir miteinander daran sind. - Sehr
leid tut es mir, da Ihr schner Haarkamm zerbrach auf meinem harten
Fuboden."

"Nur meine Ungeschicklichkeit," erwiderte das Frulein, mit Behagen
den Kaffee einschlrfend, "ist schuld daran. Auf diesen Boden mu man
sich hten, etwas fallen zu lassen, denn irr' ich nicht, so sind diese
Steine mit den wunderbarsten Hieroglyphen beschrieben, welche manchem
nur gewhnliche Marmoradern bednken mchten."

"Abgenutzte Talismane, meine Gndige," sprach Prosper, "abgenutzte
Talismane sind diese Steine, nichts weiter."

"Aber bester Doktor," rief das Frulein, "wie ist es mglich, da wir
uns nicht kennen lernten seit der frhesten Zeit, da wir nicht ein
einziges Mal zusammentrafen auf unseren Wegen?"

"Diverse Erziehung, beste Dame," erwiderte Prosper Alpanus,
"diverse Erziehung ist lediglich daran schuld! Whrend Sie als das
hoffnungsvollste Mdchen in Dschinnistan sich ganz Ihrer reichen
Natur, Ihrem glcklichen Genie berlassen konnten, war ich, ein
trbseliger Student, in den Pyramiden eingeschlossen und hrte
Kollegia bei dem Professor Zoroaster, einem alten Knasterbart, der
aber verdammt viel wute. Unter der Regierung des wrdigen Frsten
Demetrius nahm ich meinen Wohnsitz in diesem kleinen anmutigen
Lndchen."

"Wie," sprach das Frulein, "und wurden nicht verwiesen, als Frst
Paphnutius die Aufklrung einfhrte?" "Keineswegs," antwortete
Prosper, "es gelang mir vielmehr, mein eignes Ich ganz zu verhllen,
indem ich mich mhte, Aufklrungssachen betreffend, ganz besondere
Kenntnisse zu beweisen in allerlei Schriften, die ich verbreitete. Ich
bewies, da ohne des Frsten Willen es niemals donnern und blitzen
msse, und da wir schnes Wetter und eine gute Ernte einzig und
allein seinen und seiner Noblesse Bemhungen zu verdanken, die in den
innern Gemchern darber sehr weise beratschlage, whrend das gemeine
Volk drauen auf dem Acker gepflgt und geset. Frst Paphnutius erhob
mich damals zum Geheimen Oberaufklrungs-Prsidenten, eine Stelle,
die ich mit meiner Hlle wie eine lstige Brde abwarf, als der Sturm
vorber. - Insgeheim war ich ntzlich, wie ich konnte. Das heit, was
wir, ich und Sie, meine Gndige, wahrhaft ntzlich nennen. - Wissen
Sie wohl, bestes Frulein, da _ich_ es war, der Sie warnte vor dem
Einbrechen der Aufklrungspolizei? - da _ich_ es bin, dem Sie noch
das Besitztum der artigen Schelchen verdanken, die Sie mir vorhin
gezeigt? - O mein Gott! liebe Stiftsdame, schauen Sie doch nur aus
diesen Fenstern! - Erkennen Sie denn nicht mehr diesen Park, in dem
Sie so oft lustwandelten und mit den freundlichen Geistern sprachen,
die in den Bschen - Blumen - Quellen wohnen? - Diesen Park hab' ich
gerettet durch meine Wissenschaft. Er steht noch da wie zur Zeit des
alten Demetrius. Frst Barsanuph bekmmert sich, dem Himmel sei es
gedankt, nicht viel um das Zauberwesen, er ist ein leutseliger Herr
und lt jeden gewhren, jeden zaubern, so viel er Lust hat, sobald
er es sich nur nicht merken lt und die Abgaben richtig zahlt. So
leb' ich hier, wie Sie, liebe Dame, in Ihrem Stift, glcklich und
sorgenfrei!" -

"Doktor," rief das Frulein, indem ihr die Trnen aus den Augen
strzten, "Doktor, was sagen Sie! - welche Aufklrungen! - ja, ich
erkenne diesen Hain, wo ich die seligsten Freuden geno! - Doktor! -
edelster Mann, dem ich so viel zu verdanken! - Und Sie knnen meinen
kleinen Schtzling so hart verfolgen?" -

"Sie haben," erwiderte der Doktor, "Sie haben, mein bestes Frulein,
von Ihrer angebornen Gutmtigkeit hingerissen, Ihre Gaben an einen
Unwrdigen verschleudert. Zinnober ist und bleibt, Ihrer gtigen Hlfe
ungeachtet, ein kleiner migestalteter Schlingel, der nun, da der
goldne Kamm zerbrochen, ganz in meine Hand gegeben ist."

"Haben Sie Mitleiden, o Doktor!" flehte das Frulein.

"Aber schauen Sie doch nur geflligst her," sprach Prosper, indem er
dem Frulein Balthasars Horoskop, das er gestellt hatte, vorhielt.

Das Frulein blickte hinein und rief dann voll Schmerz: "Ja! - wenn es
so beschaffen ist, so mu ich wohl weichen der hheren Macht. - Armer
Zinnober!" -

"Gestehen Sie, bestes Frulein," sprach der Doktor lchelnd, "gestehen
Sie, da die Damen oft sich in dem Bizarrsten sehr wohl gefallen,
den Einfall, den der Augenblick gebar, rastlos und rcksichtslos
verfolgend und jedes schmerzliche Berhren anderer Verhltnisse nicht
achtend! - Zinnober mu sein Schicksal verben, aber dann soll er
noch zu unverdienter Ehre gelangen. Damit huldige ich Ihrer Macht,
Ihrer Gte, Ihrer Tugend. mein sehr wertes gndigstes Frulein!"

"Herrlicher, vortrefflicher Mann," rief das Frulein, "bleiben Sie
mein Freund!" -

"Immerdar," erwiderte der Doktor. "Meine Freundschaft, meine innige
Zuneigung zu Ihnen, holde Fee, wird nie aufhren. Wenden Sie sich
getrost an mich in allen bedenklichen Fllen des Lebens, und - o
trinken Sie Kaffee bei mir, sooft es Ihnen zu Sinne kommt."

"Leben Sie wohl, mein wrdigster Magus, nie werd' ich Ihre Huld, nie
diesen Kaffee vergessen!" So sprach das Frulein und erhob sich, von
innerer Rhrung ergriffen, zum Scheiden.

Prosper Alpanus begleitete sie ans Gattertor, whrend alle wunderbare
Stimmen des Waldes auf die lieblichste Weise erklangen.

Vor dem Tor stand, statt des Fruleins Wagen, die mit den Einhrnern
bespannte Kristallmuschel des Doktors, hinter der der Goldkfer seine
glnzenden Flgel ausbreitete. Auf dem Bock sa der Silberfasan und
kuckte, die goldnen Zgel im Schnabel haltend, das Frulein mit klugen
Augen an.

In die seligste Zeit ihres herrlichsten Feenlebens fhlte sich die
Stiftsdame versetzt, als der Wagen, herrlich tnend, durch den
duftenden Wald rauschte.



Siebentes Kapitel

Wie der Professor Mosch Terpin im frstlichen Weinkeller die Natur
erforschte. - Mycetes Belzebub. - Verzweiflung des Studenten
Balthasar. - Vorteilhafter Einflu eines wohleingerichteten Landhauses
auf das husliche Glck. - Wie Prosper Alpanus dem Balthasar eine
schildkrtene Dose berreichte und davonritt.

Balthasar, der sich in dem Dorfe Hoch-Jakobsheim versteckt hielt,
bekam von dem Referendarius Pulcher aus Kerepes einen Brief des
Inhalts: "Unsere Angelegenheiten, bester Freund Balthasar, gehen immer
schlechter und schlechter. Unser Feind, der abscheuliche Zinnober, ist
Minister der auswrtigen Angelegenheiten geworden und hat den groen
Orden des grngefleckten Tigers mit zwanzig Knpfen erhalten. Er hat
sich aufgeschwungen zum Liebling des Frsten und setzt alles durch,
was er will. Professor Mosch Terpin ist ganz auer sich, er blht sich
auf im dummen Stolz. Durch seines knftigen Schwiegersohns Vermittlung
hat er die Stelle des Generaldirektors smtlicher natrlicher
Angelegenheiten im Staate erhalten, eine Stelle, die ihm viel Geld und
eine Menge anderer Emolumente einbringt. Als benannter Generaldirektor
zensiert und revidiert er die Sonnen- und Mondfinsternisse sowie
die Wetterprophezeiungen in den im Staate erlaubten Kalendern und
erforscht insbesondere die Natur in der Residenz und deren Bereich.
Dieser Beschftigung halber bekommt er aus den frstlichen Waldungen
das seltenste Geflgel, die raresten Tiere, die er, um eben ihre Natur
zu erforschen, braten lt und auffrit. Ebenso schreibt er jetzt
(wenigstens gibt er es vor) eine Abhandlung darber, warum der Wein
anders schmeckt als Wasser und auch andere Wirkungen uert, die er
seinem Schwiegersohn zueignen will. Zinnober hat es bewirkt, da
Mosch Terpin der Abhandlung wegen alle Tage im frstlichen Weinkeller
studieren darf. Er hat schon einen halben Oxhoft alten Rheinwein sowie
mehrere Dutzend Flaschen Champagner verstudiert und ist jetzt an ein
Fa Alikante geraten. - Der Kellermeister ringt die Hnde! - So ist
dem Professor, der, wie Du weit, das grte Leckermaul auf Erden,
geholfen, und er wrde das bequemste Leben von der Welt fhren, mte
er oft nicht, wenn ein Hagelschlag die Felder verwstet hat, pltzlich
ber Land, um den frstlichen Pchtern zu erklren, warum es gehagelt
hat, damit die dummen Teufel ein bichen Wissenschaft bekommen, sich
knftig vor dergleichen hten knnen und nicht immer Erla der Pacht
verlangen drfen, einer Sache halber, die niemand verschuldet, als sie
selbst.

"Der Minister kann die Tracht Schlge, die Du ihm erteilt, nicht
verwinden. Er hat Dir Rache geschworen. Du wirst Dich gar nicht mehr
in Kerepes sehen lassen drfen. Auch mich verfolgt er sehr, weil ich
seine geheimnisvolle Art, sich von einer geflgelten Dame frisieren
zu lassen, erlauscht habe. - Solange Zinnober des Frsten Liebling
bleibt, werde ich wohl auf keinen ordentlichen Posten Anspruch
machen knnen. Mein Unstern will es, da ich immer mit der Migeburt
zusammengerate, wo ich es gar nicht ahne, und auf eine Weise, die mir
fatal werden mu. Neulich ist der Minister in vollem Staat, mit Degen,
Stern und Ordensband, im zoologischen Kabinett und hat sich nach
seiner gewhnlichen Weise, den Stock untergestemmt, auf den Fuspitzen
schwebend, an den Glasschrank hingestellt, wo die seltensten
amerikanischen Affen stehen. Fremde, die das Kabinett besehen, treten
heran, und einer, den kleinen Wurzelmann erblickend, ruft laut aus:
'Ei! - was fr ein allerliebster Affe! - welch niedliches Tier! - die
Zierde des ganzen Kabinetts! - Ei, wie heit das hbsche fflein?
woher des Landes?'

"Da spricht der Aufseher des Kabinetts sehr ernsthaft, indem er
Zinnobers Schulter berhrte: 'Ja, ein sehr schnes Exemplar, ein
vortrefflicher Brasilianer, der sogenannte Mycetes Belzebub - Simia
Belzebub Linnei - niger, barbatus, podiis caudaque apice brunneis -
Brllaffe' -

"'Herr,' - prustet nun der Kleine den Aufseher an, 'Herr, ich glaube,
Sie sind wahnsinnig oder neunmal des Teufels, ich bin kein Belzebub
caudaque - kein Brllaffe, ich bin Zinnober, der Minister Zinnober,
Ritter des grngefleckten Tigers mit zwanzig Knpfen!' - Nicht weit
davon stehe ich und breche - htt' es das Leben gekostet auf der
Stelle, ich konnte mich nicht zurckhalten - aus in ein wieherndes
Gelchter.

"'Sind Sie auch da, Herr Referendarius?' schnarcht er mich an, indem
rote Glut aus seinen Hexenaugen funkelt.

"Gott wei, wie es kam, da die Fremden ihn immerfort fr den schnsten
seltensten Affen hielten, den sie jemals gesehen, und ihn durchaus
mit Lampertsnssen fttern wollten, die sie aus der Tasche gezogen.
Zinnober geriet nun so ganz auer sich, da er vergebens nach
Atem schnappte und die Beinchen ihm den Dienst versagten. Der
herbeigerufene Kammerdiener mute ihn auf den Arm nehmen und
hinabtragen in die Kutsche.

"Selbst kann ich mir aber nicht erklren, warum mir diese Geschichte
einen Schimmer von Hoffnung gibt. Es ist der erste Tort, der dem
kleinen verhexten Unding geschehen.

"So viel ist gewi, da Zinnober neulich am frhen Morgen sehr verstrt
aus dem Garten gekommen ist. Die geflgelte Frau mu ausgeblieben
sein, denn vorbei ist es mit den schnen Locken. Das Haar soll ihm
struppig auf dem Rcken herabhngen und Frst Barsanuph gesagt haben:
'Vernachlssigen Sie nicht so sehr Ihre Toilette, bester Minister,
ich werde Ihnen meinen Friseur schicken!' - worauf denn Zinnober
sehr hflich geuert, er werde den Kerl zum Fenster herausschmeien
lassen, wenn er kme. 'Groe Seele! man kommt Ihnen nicht bei,' hat
dann der Frst gesprochen und dabei sehr geweint!

"Lebe wohl, liebster Balthasar! gib nicht alle Hoffnung auf und
verstecke Dich gut, damit sie Dich nicht greifen!" -

Ganz in Verzweiflung darber, was ihm der Freund geschrieben, rannte
Balthasar tief hinein in den Wald und brach aus in laute Klagen.

"Hoffen soll ich," rief er, "hoffen soll ich noch, da jede Hoffnung
verschwunden, da alle Sterne untergegangen und dstere - dstere Nacht
mich Trostlosen umfngt? Unseliges Verhngnis! - ich unterliege der
finstren Macht, die verderblich in mein Leben getreten! - Wahnsinn,
da ich auf Rettung hoffte von Prosper Alpanus, von diesem Prosper
Alpanus, der mich selbst mit hllischen Knsten verlockte und mich
forttrieb von Kerepes, indem er die Prgel, die ich dem Spiegelbilde
erteilen mute, auf Zinnobers wahrhaftigen Rcken regnen lie!" "Ach
Candida! - Knnt' ich nur das Himmelskind vergessen! - Aber mchtiger,
strker als jemals glht der Liebesfunke in mir! - berall sehe ich
die holde Gestalt der Geliebten, die mit sem Lcheln sehnschtig die
Arme nach mir ausstreckt! - Ich wei es ja! - du liebst mich, holde
se Candida, und das ist eben mein hoffnungsloser ttender Schmerz,
da ich dich nicht zu retten vermag aus der heillosen Verzauberung,
die dich befangen! - Verrterischer Prosper! was tat ich dir, da du
mich so grausam fftest!" -

Die tiefe Dmmerung war eingebrochen, alle Farben des Waldes schwanden
hin in dumpfes Grau. Da war es, als leuchte ein besonderer Glanz
wie aufflammender Abendschein durch Baum und Gebsch, und tausend
Insektlein erhoben sich mit rauschendem Flgelschlage sumsend in die
Lfte. Leuchtende Goldkfer schwangen sich hin und her, und dazwischen
flatterten buntgeputzte Schmetterlinge und streuten duftenden
Blumenstaub um sich her. Das Wispern und Sumsen wurde zu sanfter,
sflsternder Musik, die sich trstend legte an Balthasars zerrissene
Brust. ber ihm funkelte strker strahlend der Glanz. Er schaute
hinauf und erblickte staunend Prosper Alpanus, der auf einem
wunderbaren Insekt, das einer in den herrlichsten Farben prunkenden
Libelle nicht unhnlich, daherschwebte.

Prosper Alpanus senkte sich herab zu dem Jngling, an dessen Seite
er Platz nahm, whrend die Libelle aufflog in ein Gebsch und in den
Gesang einstimmte, der durch den ganzen Wald tnte.

Er berhrte des Jnglings Stirne mit den wundervoll glnzenden Blumen,
die er in der Hand trug, und sogleich entzndete sich in Balthasars
Innerm frischer Lebensmut.

"Du tust," sprach nun Prosper Alpanus mit sanfter Stimme, "du tust mir
groes Unrecht, lieber Balthasar, da du mich grausam und verrterisch
schiltst in dem Augenblick, als es mir gelungen ist, Herr zu werden
des Zaubers, der dein Leben verstrt, als ich, um nur schneller dich
zu finden, dich zu trsten, mich auf mein buntes Lieblingsrlein
schwinge und herbeireite, mit allem versehen, was zu deinem Heil
dienen kann. - Doch nichts ist bittrer als Liebesschmerz, nichts
gleicht der Ungeduld eines in Liebe und Sehnsucht verzweifelnden
Gemts. - Ich verzeihe dir, denn mir ist es selbst nicht besser
gegangen, als ich vor ungefhr zweitausend Jahren eine indische
Prinzessin liebte, Balsamine geheien, und dem Zauberer Lothos, der
mein bester Freund war, in der Verzweiflung den Bart ausri, weshalb
ich, wie du siehst, selbst keinen trage, damit mir nicht hnliches
geschehe. - Doch dir dies alles weitluftig zu erzhlen, wrde wohl
hier an sehr unrechtem Orte sein, da jeder Liebende nur von seiner
Liebe hren mag, die er allein der Rede wert hlt, so wie jeder
Dichter nur seine Verse gern vernimmt. Also zur Sache! - Wisse, da
Zinnober die verwahrloste Migeburt eines armen Bauerweibes ist und
eigentlich Klein Zaches heit. Nur aus Eitelkeit hat er den stolzen
Namen Zinnober angenommen. Das Stiftsfrulein von Rosenschn oder
eigentlich die berhmte Fee Rosabelverde, denn niemand anders ist jene
Dame, fand das kleine Ungetm am Wege. Sie glaubte, alles, was die
Natur dem Kleinen stiefmtterlich versagt, dadurch zu ersetzen, wenn
sie ihn mit der seltsamen geheimnisvollen Gabe beschenkte, vermge der
alles, was in seiner Gegenwart irgendein anderer Vortreffliches denkt,
spricht oder tut, auf _seine_ Rechnung kommen, ja da er in der
Gesellschaft wohlgebildeter, verstndiger, geistreicher Personen
auch fr wohlgebildet, verstndig und geistreich geachtet werden und
berhaupt allemal fr den vollkommensten der Gattung, mit der er im
Konflikt, gelten mu.

"Dieser sonderbare Zauber liegt in drei feuerfarbglnzenden Haaren,
die sich ber den Scheitel des Kleinen ziehen. Jede Berhrung dieser
Haare, sowie berhaupt des Hauptes, mute dem Kleinen schmerzhaft,
ja verderblich sein. Deshalb lie die Fee sein von Natur dnnes,
struppiges Haar in dicken anmutigen Locken hinabwallen, die, des
Kleinen Haupt schtzend, zugleich jenen roten Streif versteckten und
den Zauber strkten. Jeden neunten Tag frisierte die Fee selbst den
Kleinen mit einem goldnen magischen Kamm, und diese Frisur vernichtete
jedes auf Zerstrung des Zaubers gerichtete Unternehmen. Aber den Kamm
selbst hat ein krftiger Talisman, den ich der guten Fee, als sie mich
besuchte, unterzuschieben wute, vernichtet.

"Es kommt jetzt nur darauf an, ihm jene drei feuerfarbnen Haare
auszureien, und er sinkt zurck in sein voriges Nichts! - Dir, mein
lieber Balthasar, ist diese Entzauberung vorbehalten. Du hast Mut,
Kraft und Geschicklichkeit, du wirst die Sache ausfhren, wie es sich
gehrt. Nimm dieses kleine geschliffene Glas, nhere dich dem kleinen
Zinnober, wo du ihn findest, richte deinen scharfen Blick durch dieses
Glas auf sein Haupt, frei und offen werden die drei roten Haare sich
ber das Haupt des Kleinen ziehen. Packe ihn fest an, achte nicht auf
das gellende Katzengeschrei, das er ausstoen wird, reie ihm mit
einem Ruck die drei Haare aus und verbrenne sie auf der Stelle. Es ist
notwendig, da die Haare mit _einem_ Ruck ausgerissen und _sogleich_
verbrannt werden, denn sonst knnten sie noch allerlei verderbliche
Wirkungen uern. Richte daher dein vorzglichstes Augenmerk darauf,
da du die Haare geschickt und fest erfassest und den Kleinen
berfllst, wenn gerade ein Feuer oder ein Licht in der Nhe
befindlich." -

"O Prosper Alpanus," rief Balthasar, "wie schlecht habe ich diese
Gte, diesen Edelmut durch mein Mitrauen verdient! - Wie fhle ich es
so in tiefer Brust, das nun mein Leiden endigt, da alles Himmelsglck
mir die goldnen Tore erschliet!" -

"Ich liebe," fuhr Prosper Alpanus fort, "ich liebe Jnglinge, die so
wie du, mein Balthasar, Sehnsucht und Liebe im reinen Herzen tragen,
in deren Innerm noch jene herrlichen Akkorde widerhallen, die dem
fernen Lande voll gttlicher Wunder angehren, das meine Heimat ist.
Die glcklichen, mit dieser inneren Musik begabten Menschen sind
die einzigen, die man Dichter nennen kann, wiewohl viele auch so
gescholten werden, die den ersten besten Brummba zur Hand nehmen,
darauf herumstreichen und das verworrene Gerassel der unter ihrer
Faust sthnenden Saiten fr herrliche Musik halten, die aus ihrem
eignen Innern heraustnt. - Dir ist, ich wei es, mein geliebter
Balthasar, dir ist es zuweilen so, als verstndest du die murmelnden
Quellen, die rauschenden Bume, ja, als sprche das aufflammende
Abendrot zu dir mit verstndlichen Worten! - Ja, mein Balthasar! -
in diesen Momenten verstehst du wirklich die wunderbaren Stimmen der
Natur, denn aus deinem eignen Innern erhebt sich der gttliche Ton,
den die wundervolle Harmonie des tiefsten Wesens der Natur entzndet.
- Da du Klavier spielst, o Dichter, so wirst du wissen, da dem
angeschlagenen Ton die ihm verwandten Tne nachklingen. - Dieses
Naturgesetz dient zu mehr als zum schalen Gleichnis! - Ja, o Dichter,
du bist ein viel besserer, als es manche glauben, denen du deine
Versuche, die innere Musik mit Feder und Tinte zu Papier zu bringen,
vorgelesen. Mit diesen Versuchen ist es nicht weit her. Doch hast du
im historischen Stil einen guten Wurf getan, als du mit pragmatischer
Breite und Genauigkeit die Geschichte von der Liebe der Nachtigall zur
Purpurrose aufschriebst, welche sich unter meinen Augen begeben. - Das
ist eine ganz artige Arbeit" -

Prosper Alpanus hielt inne, Balthasar blickte ihn ganz verwundert an
mit groen Augen, er wute gar nicht, was er dazu sagen sollte, da
Prosper das Gedicht, welches er fr das fantastischste hielt, das er
jemals aufgeschrieben, fr einen historischen Versuch erklrte.

"Du magst," fuhr Prosper Alpanus fort, indem ein anmutiges Lcheln
sein Gesicht berstrahlte, "du magst dich wohl ber meine Reden
verwundern, dir mag berhaupt manches seltsam an mir vorkommen.
Bedenke aber, da ich nach dem Urteil aller vernnftigen Leute eine
Person bin, die nur im Mrchen auftreten darf, und du weit, geliebter
Balthasar, da solche Personen sich wunderlich gebrden und tolles
Zeug schwatzen knnen, wie sie nur mgen, vorzglich wenn hinter allem
doch etwas steckt, was gerade nicht zu verwerfen. - Nun aber weiter!
- Nahm sich die Fee Rosabelverde des migestalteten Zinnober so
eifrig an, so bist du, mein Balthasar, nun ganz und gar mein lieber
Schtzling. Hre also, was ich fr dich zu tun gesonnen! - Der
Zauberer Lothos besuchte mich gestern, er brachte mir tausend Gre,
aber auch tausend Klagen von der Prinzessin Balsamine, die aus dem
Schlafe erwacht ist und in den sen Tnen des Chartah Bhade, jenes
herrlichen Gedichts, das unsere erste Liebe war, sehnende Arme nach
mir ausstreckt. Auch mein alter Freund, der Minister Yuchi, winkt mir
freundlich zu vom Polarstern. - Ich mu fort nach dem fernsten Indien!
- Mein Landgut, das ich verlasse, wnsche ich in keines andern Besitz
zu sehen als in dem deinigen. Morgen gehe ich nach Kerepes und lasse
eine frmliche Schenkungsurkunde ausfertigen, in der ich als dein
Oheim auftrete. Ist nun Zinnobers Zauber gelst, trittst du vor den
Professor Mosch Terpin hin als Besitzer eines vortrefflichen Landguts,
eines betrchtlichen Vermgens, und wirbst du um die Hand der schnen
Candida, so wird er in voller Freude dir alles gewhren. Aber noch
mehr! - Ziehst du mit deiner Candida ein in mein Landhaus, so ist das
Glck deiner Ehe gesichert. Hinter den schnen Bumen wchst alles,
was das Haus bedarf; auer den herrlichsten Frchten der schnste Kohl
und tchtiges schmackhaftes Gemse berhaupt, wie man es weit und
breit nicht findet. Deine Frau wird immer den ersten Salat, die ersten
Spargel haben. Die Kche ist so eingerichtet, da die Tpfe niemals
berlaufen und keine Schssel verdirbt, solltest du auch einmal eine
ganze Stunde ber die Essenszeit ausbleiben. Teppiche, Stuhl- und
Sofa-Bezge sind von der Beschaffenheit, da es bei der grten
Ungeschicklichkeit der Dienstboten unmglich bleibt, einen Fleck
hineinzubringen, ebenso zerbricht kein Porzellan, kein Glas, sollte
sich auch die Dienerschaft deshalb die grte Mhe geben und es auf
den hrtesten Boden werfen. Jedesmal endlich, wenn deine Frau waschen
lt, ist auf dem groen Wiesenplan hinter dem Hause das allerschnste
heiterste Wetter, sollte es auch rings umher regnen, donnern und
blitzen. Kurz, mein Balthasar, es ist dafr gesorgt, da du das
husliche Glck an deiner holden Candida Seite ruhig und ungestrt
genieest! -

"Doch nun ist es wohl an der Zeit, da ich heimkehre und in
Gemeinschaft mit meinem Freunde Lothos die Anstalten zu meiner
baldigen Abreise beginne. Lebe wohl, mein Balthasar!" -

Damit pfiff Prosper ein- zweimal der Libelle, die alsbald sumsend
herbeiflog. Er zumte sie auf und schwang sich in den Sattel. Aber
schon im Davonschweben hielt er pltzlich an und kehrte um zu
Balthasar. -

"Beinahe," sprach er, "htte ich deinen Freund Fabian vergessen. In
einem Anfall schalkischer Laune habe ich ihn fr seinen Vorwitz zu
hart gestraft. In dieser Dose ist das enthalten, was ihn trstet!" -

Prosper reichte dem Balthasar ein kleines, blank poliertes
schildkrtenes Dschen hin, das er ebenso einsteckte, wie die kleine
Lorgnette, die er erst zur Entzauberung Zinnobers von Prosper
erhalten.

Prosper Alpanus rauschte nun fort durch das Gebsch, indem die Stimmen
des Waldes strker und anmutiger ertnten.

Balthasar kehrte zurck nach Hoch-Jakobsheim, alle Wonne, alles
Entzcken der sesten Hoffnung im Herzen.



Achtes Kapitel

Wie Fabian seiner langen Rocksche halber fr einen Sektierer
und Tumultuanten gehalten wurde. - Wie Frst Barsanuph hinter
den Kaminschirm trat und den Generaldirektor der natrlichen
Angelegenheiten kassierte. - Zinnobers Flucht aus Mosch Terpins Hause.
- Wie Mosch Terpin auf einem Sommervogel ausreiten und Kaiser werden
wollte, dann aber zu Bette ging.

In der frhesten Morgendmmerung, als Wege und Straen noch einsam,
schlich sich Balthasar hinein nach Kerepes und lief augenblicklich
zu seinem Freunde Fabian. Als er an die Stubentre pochte, rief eine
kranke matte Stimme: "Herein!" -

Bleich - entstellt, hoffnungslosen Schmerz im Antlitz, lag Fabian auf
dem Bette. "Um des Himmels willen," rief Balthasar, "um des Himmels
willen - Freund! sprich! - was ist dir widerfahren?"

"Ach Freund," sprach Fabian mit gebrochener Stimme, indem er sich
mhsam in die Hhe richtete, "mit mir ist es aus, rein aus. Der
verfluchte Hexenspuk, den, ich wei es, der rachschtige Prosper
Alpanus ber mich gebracht, strzt mich ins Verderben!" -

"Wie ist das mglich?" fragte Balthasar; "Zauberei, Hexenspuk,
du glaubtest sonst an dergleichen nicht." "Ach," fuhr Fabian mit
weinerlicher Stimme fort, "ach, ich glaube jetzt an alles, an Zauberer
und Hexen und Erdgeister und Wassergeister, an den Rattenknig und
die Alraunwurzel - an alles, was du willst. Wem das Ding so auf den
Hals tritt wie mir, der gibt sich wohl! - Du erinnerst dich an den
hllischen Skandal mit meinem Rocke, als wir von Prosper Alpanus
kamen! - Ja! wr' es nur dabei geblieben! - Sieh dich doch etwas um in
meinem Zimmer, lieber Balthasar!" -

Balthasar tat es und gewahrte an allen Wnden rings umher eine Unzahl
von Fracks, berrcken, Kurtken von allem mglichen Zuschnitt, von
allen mglichen Farben. "Wie," rief er, "willst du einen Kleiderkram
anlegen, Fabian?"

"Spotte nicht," erwiderte Fabian, "spotte nicht, lieber Freund. Alle
diese Kleider lie ich anfertigen von den berhmtesten Schneidern,
immer hoffend, endlich einmal der unseligen Verdammnis zu entgehen,
die auf meinen Rcken ruht, aber umsonst. Sowie ich den schnsten
Rock, der mir steht wie angegossen an den Leib, nur einige Minuten
trage, rutschen die rmel mir an die Schultern herauf, und die Sche
schwnzeln mir nach sechs Ellen lang. In der Verzweiflung lie ich mir
jenen Spenzer mit den eine Welt langen Pierrotsrmeln machen: 'Rutscht
nur, rmel,' dacht' ich, 'dehnt euch nur aus, Sche, so kommt alles
ins Gleiche': aber! - ganz dasselbe wie mit allen andern Rcken war
es in wenigen Minuten! Alle Kunst und Kraft der mchtigsten Schneider
richtete nichts aus gegen den verwnschten Zauber! Da ich verhhnt,
verspottet wurde, wo ich mich nur blicken lie, versteht sich von
selbst, aber bald veranlate meine unverschuldete Hartnckigkeit,
immer wieder in einem solch verteufelten Rock zu erscheinen, ganz
andere Urteile. Das Geringste war noch, da die Frauen mich grenzenlos
eitel und abgeschmackt schalten, da ich aller Sitte entgegen mich
durchaus mit nackten Armen, sie wahrscheinlich fr sehr schn haltend,
sehen lassen wolle. Die Theologen aber schrien mich bald fr einen
Sektierer aus, stritten sich nur, ob ich zur Sekte der rmelianer oder
Schianer zu rechnen, waren aber darin einig, da beide Sekten hchst
gefhrlich zu nennen, da beide vollkommene Freiheit des Willens
statuierten und sich erfrechten zu denken, was sie wollten.
Diplomatiker hielten mich fr einen schnden Aufwiegler. Sie
behaupteten, ich wolle durch meine langen Rocksche Unzufriedenheit
im Volke erregen und es aufsssig machen gegen die Regierung, gehre
berhaupt zu einem geheimen Bunde, dessen Zeichen ein kurzer rmel
sei. Schon seit langer Zeit fnden sich hie und da Spuren der
Kurzrmler, die ebenso zu frchten als die Jesuiten, ja noch mehr,
da sie sich bemhten, berall die jedem Staate schdliche Poesie
einzufhren, und an der Infallibilitt der Frsten zweifelten. Kurz! -
das Ding wurde ernster und ernster, bis mich der Rektor zitieren lie.
Ich sah mein Unglck vorher, wenn ich einen Rock anzog, erschien also
in der Weste. Darber wurde der Mann zornig, er glaubte, ich wolle ihn
verhhnen, und fuhr auf mich los, ich solle binnen acht Tagen in einem
vernnftigen anstndigen Rock vor ihm erscheinen, widrigenfalls er
ohne alle Gnade die Relegation ber mich aussprechen wrde. - Heute
geht der Termin zu Ende! - O ich Unglcklicher! - O verdammter Prosper
Alpanus!" -

"Halt ein," rief Balthasar, "halt ein, lieber Freund Fabian, schmle
nicht auf meinen teuern lieben Oheim, der mir ein Landgut geschenkt
hat. Auch mit _dir_ meint er es gar nicht so bse, ungeachtet er,
ich mu es gestehen, den Vorwitz, womit du ihm begegnetest, zu hart
gestraft hat. - Doch ich bringe Hlfe! - er sendet dir dies Dschen,
welches alle deine Leiden enden soll."

Damit zog Balthasar das kleine schildkrtene Dschen, welches er
von Prosper Alpanus erhalten, aus der Tasche und berreichte es dem
trostlosen Fabian.

"Was soll," Sprach dieser, "was soll mir denn der dumme Quark helfen?
wie kann ein kleines schildkrtenes Dschen Einflu haben auf die
Gestaltung meiner Rcke?" "Das wei ich nicht," erwiderte Balthasar,
"aber mein lieber Oheim kann und wird mich nicht tuschen, ich habe
das vollste Zutrauen zu ihm; darum ffne nur die Dose, lieber Fabian,
wir wollen sehen, was darin enthalten."

Fabian tat es - und aus der Dose quoll ein herrlich gemachter
schwarzer Frack von dem feinsten Tuche hervor. Beide, Fabian und
Balthasar, konnten sich des lauten Ausrufs der hchsten Verwunderung
nicht erwehren.

"Ha, ich verstehe dich," rief Balthasar begeistert, "ha, ich verstehe
dich, mein Prosper, mein teurer Oheim! Dieser Rock wird passen, wird
allen Zauber lsen." -

Fabian zog den Rock ohne weiteres an, und was Balthasar geahnet, traf
wirklich ein. Das schne Kleid sa dem Fabian, wie noch niemals ihm
eins gesessen, und an Rutschen der rmel, an Verlngerung der Sche
war nicht zu denken.

Ganz auer sich vor Freude, beschlo Fabian nun sogleich in seinem
neuen wohlpassenden Rock zum Rektor hinzulaufen und alles ins Gleiche
zu bringen.

Balthasar erzhlte nun seinem Freunde Fabian ausfhrlich, wie sich
alles begeben mit Prosper Alpanus, und wie dieser ihm die Mittel in
die Hand gegeben, dem heillosen Unwesen des migestalteten Dumlings
ein Ende zu machen. Fabian, der ein ganz anderer worden, da ihn alle
Zweifelsucht ganz verlassen, rhmte Prospers hohen Edelmut ber alle
Maen und erbot sich, bei Zinnobers Entzauberung hlfreiche Hand zu
leisten. In dem Augenblick gewahrte Balthasar aus dem Fenster seinen
Freund, den Referendarius Pulcher, der ganz trbsinnig um die Ecke
schleichen wollte. Fabian steckte auf Balthasars Gehei den Kopf zum
Fenster heraus und winkte und rief dem Referendarius zu, er mge doch
nur gleich heraufkommen.

Sowie Pulcher eintrat, rief er gleich: "Was hast du denn fr einen
herrlichen Rock an, lieber Fabian!" Dieser sagte aber, Balthasar werde
ihm alles erklren, und lief fort zum Rektor.

Als nun Balthasar dem Referendarius alles ausfhrlich erzhlt, was
sich zugetragen, sprach dieser. "Gerade an der Zeit ist es nun, da
der abscheuliche Unhold tot gemacht wird. Wisse, da er heute seine
feierliche Verlobung mit Candida feiert, da der eitle Mosch Terpin
ein groes Fest gibt, wozu er selbst den Frsten geladen. Gerade bei
diesem Feste wollen wir eindringen in des Professors Haus und den
Kleinen berfallen. An Lichtern im Saal wird's nicht fehlen zum
augenblicklichen Verbrennen der feindseligen Haare."

Noch manches hatten die Freunde gesprochen und miteinander verabredet,
als Fabian eintrat mit vor Freude glnzendem Gesicht.

"Die Kraft," sprach er, "die Kraft des Rocks, der der schildkrtenen
Dose entquollen, hat sich herrlich bewhrt. Sowie ich eintrat bei dem
Rektor, lchelte er zufrieden. 'Ha' redete er mich an, 'ha! - ich
gewahre, mein lieber Fabian, da Sie zurckgekommen sind von Ihrer
seltsamen Verirrung! - Nun! Feuerkpfe wie Sie lassen sich leicht
hinreien zu dem Extremen! - Fr religise Schwrmerei habe ich Ihr
Beginnen niemals gehalten - mehr falsch verstandener Patriotismus
- Hang zum Auerordentlichen, gesttzt auf das Beispiel der Heroen
des Altertums. - Ja, das lasse ich gelten, solch ein schner,
wohlpassender Rock! - Heil dem Staate, Heil der Welt, wenn hochherzige
Jnglinge solche Rcke tragen, mit solchen passenden rmeln und
Schen. Bleiben Sie treu, Fabian, bleiben Sie treu solcher Tugend,
solchem wackren Sinn, daraus entsprot wahre Heldengre!' - Der
Rektor umarmte mich, indem helle Trnen ihm in die Augen traten.
Selbst wei ich nicht, wie ich dazu kam, die kleine schildkrtene
Dose, aus der der Rock entstanden und die ich nun in dessen Tasche
gesteckt, hervorzuziehen. 'Bitte!' sprach der Rektor, indem er Daum
und Zeigefinger zusammenspitzte. Ohne zu wissen, ob wohl Tabak
darin enthalten, klappte ich die Dose auf. Der Rektor griff hinein,
schnupfte, fate meine Hand, drckte sie stark, Trnen liefen ihm ber
die Wangen; er sprach tiefgerhrt: 'Edler Jngling! - eine schne
Prise! - Alles ist vergeben und vergessen, speisen Sie bei mir heut
mittags!' - Ihr seht, Freunde, all mein Leiden hat ein Ende, und
gelingt uns heute, wie es anders gar nicht zu erwarten steht, die
Entzauberung Zinnobers, so seid auch ihr fortan glcklich!" -

In dem mit hundert Kerzen erleuchteten Saal stand der kleine
Zinnober im scharlachroten gestickten Kleide, den groen Orden des
grngefleckten Tigers mit zwanzig Knpfen umgetan, Degen an der Seite,
Federhut unterm Arm. Neben ihm die holde Candida brutlich geschmckt,
in aller Anmut und Jugend strahlend. Zinnober hatte ihre Hand gefat,
die er zuweilen an den Mund drckte und dabei recht widrig grinste und
lchelte. Und jedesmal berflog dann ein hheres Rot Candidas Wangen,
und sie blickte den Kleinen an mit dem Ausdruck der innigsten Liebe.
Das war denn wohl recht graulich anzusehen, und nur die Verblendung,
in die Zinnobers Zauber alle versetzte, war schuld daran, da man
nicht, ergrimmt ber Candidas heillose Verstrickung, den kleinen
Hexenkerl packte und ins Kaminfeuer warf. Rings um das Paar im Kreise
in ehrerbietiger Entfernung hatte sich die Gesellschaft gesammelt. Nur
Frst Barsanuph stand neben Candida und mhte sich, bedeutungsvolle
gndige Blicke umherzuwerfen, auf die indessen niemand sonderlich
achtete. Alles hatte nur Auge fr das Brautpaar und hing an Zinnobers
Lippen, der hin und wieder einige unverstndliche Worte schnurrte,
denen jedesmal ein leises Ach! der hchsten Bewunderung, das die
Gesellschaft ausstie, folgte.

Es war an dem, da die Verlobungsringe gewechselt werden sollten.
Mosch Terpin trat in den Kreis mit einem Prsentierteller, auf dem
die Ringe funkelten. Er rusperte sich - Zinnober hob sich auf den
Fuspitzen so hoch als mglich, beinahe reichte er der Braut an den
Ellbogen. - Alles stand in der gespanntesten Erwartung - da lassen
sich pltzlich fremde Stimmen hren, die Tre des Saals springt auf,
Balthasar dringt ein, mit ihm Pulcher - Fabian! - Sie brechen durch
den Kreis - "Was ist das, was wollen die Fremden?" ruft alles
durcheinander. -

Frst Barsanuph schreit entsetzt: "Aufruhr - Rebellion - Wache!" und
springt hinter den Kaminschirm. - Mosch Terpin erkennt den Balthasar,
der dicht bis zum Zinnober vorgedrungen, und ruft: "Herr Studiosus!
- Sind Sie rasend - sind Sie von Sinnen? - wie knnen Sie sich
unterstehen, hier einzudringen in die Verlobung! - Leute -
Gesellschaft - Bediente, werft den Grobian zur Tre hinaus!" -

Aber ohne sich nur im mindesten an irgend etwas zu kehren, hat
Balthasar schon Prospers Lorgnette hervorgezogen und richtet durch
dieselbe den festen Blick auf Zinnobers Haupt. Wie vom elektrischen
Strahl getroffen, stt Zinnober ein gellendes Katzengeschrei aus, da
der ganze Saal widerhallt. Candida fllt ohnmchtig auf einen Stuhl;
der eng geschlossene Kreis der Gesellschaft stubt auseinander. -
Klar vor Balthasars Augen liegt der feuerfarbglnzende Haarstreif, er
spring zu auf Zinnober - fat ihn, der strampelt mit den Beinchen und
strubt sich und kratzt und beit.

"Angepackt - angepackt!" ruft Balthasar; da fassen Fabian und Pulcher
den Kleinen, da er sich nicht zu regen und zu bewegen vermag, und
Balthasar fat sicher und behutsam die roten Haare, reit sie mit
einem Ruck vom Haupte herab, springt an den Kamin, wirft sie ins
Feuer, sie prasseln auf, es geschieht ein betubender Schlag, alle
erwachen wie aus dem Traum. - Da steht der kleine Zinnober, der sich
mhsam aufgerafft von der Erde, und schimpft und schmlt und befiehlt,
man solle die frechen Ruhestrer, die sich an der geheiligten Person
des ersten Ministers im Staate vergriffen, sogleich packen und ins
tiefste Gefngnis werfen! Aber einer frgt den andern: "Wo kommt denn
mit einemmal der kleine purzelbumige Kerl her? - was will das kleine
Ungetm?" - Und wie der Dumling immerfort tobt und mit den Fchen
den Boden stampft und immer dazwischen ruft: "Ich bin der Minister
Zinnober - ich bin der Minister Zinnober - der grngefleckte Tiger mit
zwanzig Knpfen!" da bricht alles in ein tolles Gelchter aus. Man
umringt den Kleinen, die Mnner heben ihn auf und werfen sich ihn zu
wie einen Fangball; ein Ordensknopf nach dem andern springt ihm vom
Leibe - er verliert den Hut - den Degen, die Schuhe. - Frst Barsanuph
kommt hinter dem Kaminschirm hervor und tritt hinein mitten in den
Tumult. Da kreischt der Kleine: "Frst Barsanuph - Durchlaucht -
retten Sie Ihren Minister - Ihren Liebling! - Hlfe - Hlfe - der
Staat ist in Gefahr - der grngefleckte Tiger - Weh - weh!" - Der
Frst wirft einen grimmigen Blick auf den Kleinen und schreitet dann
rasch vorwrts nach der Tre. Mosch Terpin kommt ihm in den Weg, den
fat er, zieht ihn in die Ecke und spricht mit zornfunkelnden Augen:
"Sie erdreisten sich, Ihrem Frsten, Ihrem Landesvater hier eine dumme
Komdie vorspielen zu wollen? - Sie laden mich ein zur Verlobung
Ihrer Tochter mit meinem wrdigen Minister Zinnober, und statt
meines Ministers finde ich hier eine abscheuliche Migeburt, die
Sie in glnzende Kleider gesteckt? - Herr, wissen Sie, da das ein
landesverrterischer Spa ist, den ich strenge ahnden wrde, wenn
Sie nicht ein ganz alberner Mensch wren, der ins Tollhaus gehrt.
- Ich entsetze Sie des Amts als Generaldirektor der natrlichen
Angelegenheiten und verbitte mir alles weitere Studieren in meinem
Keller! - Adieu!"

Dann strmte er fort.

Aber Mosch Terpin strzte zitternd vor Wut los auf den Kleinen, fate
ihn bei den langen struppigen Haaren und rannte mit ihm hin nach dem
Fenster: "Hinunter mit dir," schrie er, "hinunter mit dir, schndliche
heillose Migeburt, die mich so schmachvoll hintergangen, mich um
alles Glck des Lebens gebracht hat!"

Er wollte den Kleinen hinabstrzen durch das geffnete Fenster, doch
der Aufseher des zoologischen Kabinetts, der auch zugegen, sprang mit
Blitzesschnelle hinzu, fate den Kleinen und entri ihn Mosch Terpins
Fusten. "Halten Sie ein," sprach der Aufseher, "halten Sie ein, Herr
Professor, vergreifen Sie sich nicht an frstlichem Eigentum. Es ist
keine Migeburt, es ist der Mycetes Belzebub, Simia Belzebub, der dem
Museo entlaufen." "Simia Belzebub - Simia Belzebub!" ertnte es von
allen Seiten unter schallendem Gelchter. Doch kaum hatte der Aufseher
den Kleinen auf den Arm genommen und ihn recht angesehen, als er
unmutig ausrief: "Was sehe ich! - das ist ja nicht Simia Belzebub, das
ist ja ein schnder hlicher Wurzelmann! Pfui! - pfui" -

Und damit warf er den Kleinen in die Mitte des Saals. Unter dem lauten
Hohngelchter der Gesellschaft rannte der Kleine quiekend und knurrend
durch die Tre fort die Treppe herab - fort, fort nach seinem Hause,
ohne da ihn ein einziger von seinen Dienern bemerkt.

Whrenddessen, da sich dies alles im Saale begab, hatte sich
Balthasar in das Kabinett entfernt, wo man, wie er wahrgenommen, die
ohnmchtige Candida hingebracht. Er warf sich ihr zu Fen, drckte
ihre Hnde an seine Lippen, nannte sie mit den sesten Namen. Sie
erwachte endlich mit einem tiefen Seufzer, und als sie den Balthasar
erblickte, da rief sie voll Entzcken:

"Bist du endlich - endlich da, mein geliebter Balthasar! Ach, ich bin
ja beinahe vergangen vor Sehnsucht und Liebesschmerz! - und immer
erklangen mir die Tne der Nachtigall, von denen berhrt, der
Purpurrose das Herzblut entquillt!" -

Nun erzhlte sie, alles, alles um sich her vergessend, wie ein bser
abscheulicher Traum sie verstrickt, wie es ihr vorgekommen, als habe
sich ein hlicher Unhold an ihr Herz gelegt, dem sie ihre Liebe
schenken mssen, weil sie nicht anders gekonnt. Der Unhold habe sich
zu verstellen gewut, da er ausgesehen wie Balthasar; und wenn sie
recht lebhaft an Balthasar gedacht, habe sie zwar gewut, da der
Unhold nicht Balthasar, aber dann sei es ihr wieder auf unbegreifliche
Weise gewesen, als msse sie den Unhold lieben, eben um Balthasars
willen.

Balthasar klrte ihr so viel auf, als es geschehen konnte, ohne ihre
ohnehin aufgeregten Sinne ganz und gar zu verwirren. Dann folgten,
wie es unter Liebesleuten nicht anders zu geschehen pflegt, tausend
Versicherungen, tausend Schwre ewiger Liebe und Treue. Und dabei
umfingen sie sich und drckten sich mit der Inbrunst der innigsten
Zrtlichkeit an die Brust und waren ganz und gar umflossen von aller
Wonne, von allem Entzcken des hchsten Himmels.

Mosch Terpin trat ein, hnderingend und lamentierend, mit ihm kamen
Pulcher und Fabian, die immerfort, jedoch vergebens trsteten.

"Nein," rief Mosch Terpin, "nein, ich bin ein total geschlagener
Mann! - nicht mehr Generaldirektor der natrlichen Angelegenheiten im
Staate. - Kein Studium mehr im frstlichen Keller - die Ungnade des
Frsten - ich gedachte Ritter zu werden des grngefleckten Tigers,
wenigstens mit fnf Knpfen. - Alles aus! - Was wird nur Se. Exzellenz
der wrdige Minister Zinnober dazu sagen, wenn er hrt, da ich eine
schnde Migeburt, den Simia Belzebub cauda prehensili, oder was wei
ich sonst, fr ihn gehalten! - O Gott, auch sein Ha wird auf mich
lasten! - Alikante! - Alikante!" -

"Aber, bester Professor," trsteten die Freunde - "verehrter
Generaldirektor, bedenken Sie doch nur, da es gar keinen Minister
Zinnober mehr gibt! - Sie haben sich ganz und gar nicht vergriffen,
der ungestaltete Knirps hat vermge der Zaubergabe, die er von der Fee
Rosabelverde erhalten, Sie ebensogut getuscht, wie uns alle!" -

Nun erzhlte Balthasar, wie sich alles begeben von Anfang an. Der
Professor horchte und horchte, bis Balthasar geendet, da rief er:
"Wach' ich! - trum' ich - Hexen - Zauberer - Feen - magische Spiegel
- Sympathien - soll ich an den Unsinn glauben" -

"Ach liebster Herr Professor," fiel Fabian ein, "htten Sie nur eine
Zeitlang einen Rock getragen mit kurzen rmeln und langer Schleppe, so
wie ich, Sie wrden schon an alles glauben, da es eine Lust wre!" -

"Ja," rief Mosch Terpin, "ja, es ist alles so - ja! - ein verhextes
Untier hat mich getuscht - ich stehe nicht mehr auf den Fen -
ich schwebe auf zur Decke -Prosper Alpanus holt mich ab - ich reite
aus auf einem Sommervogel - ich la mich frisieren von der Fee
Rosabelverde - von dem Stiftsfrulein Rosenschn, und werde Minister!
- Knig - Kaiser!" -

Und damit sprang er im Zimmer umher und schrie und juchzte, da
alle fr seinen Verstand frchteten, bis er ganz erschpft in einen
Lehnsessel sank. Da nahten sich ihm Candida und Balthasar. Sie
sprachen davon, wie sie sich so innig, so ber alles liebten, wie sie
gar nicht ohne einander leben knnten, und das war recht wehmtig
anzuhren, weshalb Mosch Terpin auch wirklich etwas weinte. "Alles,"
sprach er schluchzend, "alles, was ihr wollt, Kinder! - heiratet
euch, liebt euch - hungert zusammen, denn ich gebe der Candida keinen
Groschen mit" -

Was das Hungern betrfe, sprach Balthasar lchelnd, so hoffe er morgen
den Herrn Professor zu berzeugen, da davon wohl niemals die Rede
sein knne, da sein Oheim Prosper Alpanus hinlnglich fr ihn gesorgt.

"Tue das," sprach der Professor matt, "tue das, mein lieber Sohn, wenn
du kannst, und zwar morgen; denn soll ich nicht in Wahnsinn verfallen,
soll mir der Kopf nicht zerspringen, so mu ich sofort zu Bette
gehen!" -

Er tat das wirklich auf der Stelle.



Neuntes Kapitel

Verlegenheit eines treuen Kammerdieners. - Wie die alte Liese eine
Rebellion anzettelte und der Minister Zinnober auf der Flucht
ausglitschte. - Auf welche merkwrdige Weise der Leibarzt des Frsten
Zinnobers jhen Tod erklrte. - Wie Frst Barsanuph sich betrbte,
Zwiebeln a, und wie Zinnobers Verlust unersetzlich blieb.

Der Wagen des Ministers Zinnober hatte beinahe die ganze Nacht
vergeblich vor Mosch Terpins Hause gehalten. Ein Mal ber das andere
versicherte man dem Jger, Se. Exzellenz mten schon lange die
Gesellschaft verlassen haben; der meinte aber dagegen, das sei ganz
unmglich, da Se. Exzellenz doch wohl nicht im Regen und Sturm zu
Fu nach Hause gerannt sein wrde. Als nun endlich alle Lichter
ausgelscht und die Tren verschlossen wurden, mute der Jger zwar
fortfahren mit dem leeren Wagen, im Hause des Ministers weckte er aber
sogleich den Kammerdiener und fragte, ob denn ums Himmels willen und
auf welche Art der Minister nach Hause gekommen. "Se. Exzellenz,"
erwiderte der Kammerdiener leise dem Jger ins Ohr, "Se. Exzellenz
sind gestern eingetroffen in spter Dmmerung, das ist ganz gewi -
liegen im Bette und schlafen. - Aber! - o mein guter Jger! - wie -
auf welche Weise! - ich will Ihnen alles erzhlen - doch Siegel auf
den Mund - ich bin ein verlornen Mann, wenn Se. Exzellenz erfahren,
da ich es war auf dem finstern Korridor! - ich komme um meinen
Dienst, denn Se. Exzellenz sind zwar von kleiner Statur, besitzen aber
auerordentlich viel Wildheit, alterieren sich leicht, kennen sich
selbst nicht im Zorn, haben noch gestern eine schnde Maus, die
durch Sr. Exzellenz Schlafzimmer zu hpfen sich unterfangen, mit dem
blank gezogenen Degen durch und durch gerannt. - Nun gut! - Also
in der Dmmerung nehme ich mein Mntelchen um und will ganz sachte
hinberschleichen ins Weinstbchen zu einer Partie Tric-Trac, da
schurrt und schlurrt mir etwas auf der Treppe entgegen und kommt mir
auf dem finstern Korridor zwischen die Beine und schlgt hin auf den
Boden und erhebt ein gellendes Katzengeschrei und grunzt dann wie - o
Gott - Jger! - halten Sie das Maul, edler Mann, sonst bin ich hin!
- kommen Sie ein wenig nher - und grunzt dann, wie unsere gndige
Exzellenz zu grunzen pflegt, wenn der Koch die Klberkeule verbraten
oder ihm sonst im Staate was nicht recht ist."

Die letzten Worte hatte der Kammerdiener dem Jger mit vorgehaltener
Hand ins Ohr gesprochen. Der Jger fuhr zurck, schnitt ein
bedenkliches Gesicht und rief: "Ist es mglich!" -

"Ja," fuhr der Kammerdiener fort, "es war unbezweifelt unsere gndige
Exzellenz, was mir auf dem Korridor durch die Beine fuhr. Ich vernahm
nun deutlich, wie der Gndige in den Zimmern die Sthle heranrckte
und sich die Tre eines Zimmers nach dem andern ffnete, bis er in
sein Schlafkabinett angekommen. Ich wagt' es nicht nachzugehen,
aber ein paar Stndchen nachher schlich ich mich an die Tre des
Schlafkabinetts und horchte. Da schnarchten die liebe Exzellenz ganz
auf die Weise, wie es zu geschehen pflegt, wenn Groes im Werke.
- Jger! 'es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als unsere
Weisheit sich trumt,' das hrt' ich einmal auf dem Theater einen
melancholischen Prinzen sagen, der ganz schwarz ging und sich vor
einem ganz in grauen Pappendeckel gekleideten Mann sehr frchtete. -
Jger! - es ist gestern irgend etwas Erstaunliches geschehen, das die
Exzellenz nach Hause trieb. Der Frst ist bei dem Professor gewesen,
vielleicht uerte er das und das - irgendein hbsches Reformchen -
und da ist nun der Minister gleich drber her, luft aus der Verlobung
heraus und fngt an zu arbeiten fr das Wohl der Regierung. - Ich
hrt's gleich am Schnarchen; ja Groes, Entscheidendes wird geschehen!
- O Jger - vielleicht lassen wir alle ber kurz oder lang uns wieder
die Zpfe wachsen! - Doch, teurer Freund, lassen Sie uns hinabgehen
und als treue Diener an der Tre des Schlafzimmers lauschen, ob Se.
Exzellenz auch noch ruhig im Bette liegen und die inneren Gedanken
ausarbeiten."

Beide, der Kammerdiener und der Jger, schlichen sich hin an die Tre
und horchten. Zinnober schnurrte und orgelte und pfiff durch die
wundersamsten Tonarten. Beide Diener standen in stummer Ehrfurcht, und
der Kammerdiener sprach tiefgerhrt: "Ein groer Mann ist doch unser
gndige Herr Minister!" -

Schon am frhsten Morgen entstand unten im Hause des Ministers
ein gewaltiger Lrm. Ein altes, erbrmlich in lngst verblichenen
Sonntagsstaat gekleidetes Bauerweib hatte sich ins Haus gedrngt und
dem Portier angelegen, sie sogleich zu ihrem Shnlein, zu Klein Zaches
zu fhren. Der Portier hatte sie bedeutet, da Se. Exzellenz der Herr
Minister von Zinnober, Ritter des grngefleckten Tigers mit zwanzig
Knpfen, im Hause wohne, und niemand von der Dienerschaft Klein Zaches
hiee oder so genannt werde. Da hatte das Weib aber ganz tolljubelnd
geschrien, der Herr Minister Zinnober mit zwanzig Knpfen, das sei
eben ihr liebes Shnlein, der Klein Zaches. Auf das Geschrei des
Weibes, auf die donnernden Flche des Portiers war alles aus dem
ganzen Hause zusammengelaufen, und das Getse wurde rger und rger.
Als der Kammerdiener hinabkam, um die Leute auseinander zu jagen, die
Se. Exzellenz so unverschmt in der Morgenruhe strten, warf man eben
das Weib, die alle fr wahnsinnig hielten, zum Hause heraus.

Auf die steinernen Stufen des gegenberstehenden Hauses setzte sich
nun das Weib hin und schluchzte und lamentierte, da das grobe Volk da
drinnen sie nicht zu ihrem Herzensshnlein, zu dem Klein Zaches, der
Minister geworden, lassen wolle. Viele Leute versammelten sich nach
und nach um sie her, denen sie immer und immer wiederholte, da der
Minister Zinnober niemand anders sei, als ihr Sohn, den sie in der
Jugend Klein Zaches geheien; so da die Leute zuletzt nicht wuten,
ob sie die Frau fr toll halten oder gar ahnen sollten, da wirklich
was an der Sache.

Die Frau wandte nicht die Augen weg von Zinnobers Fenster. Da schlug
sie mit einemmal eine helle Lache auf, klopfte die Hnde zusammen und
rief jubelnd berlaut: "Da ist er - da ist er, mein Herzensmnnlein -
mein kleines Koboldchen - Guten Morgen, Klein Zaches! - Guten Morgen,
Klein Zaches!" - Alle Leute kuckten hin, und als sie den kleinen
Zinnober gewahrten, der in seinem gestickten Scharlachkleide, das
Ordensband des grngefleckten Tigers umgehngt, vor dem Fenster stand,
das hinabging bis an den Fuboden, so da seine ganze Figur durch die
groen Scheiben deutlich zu sehen, lachten sie ganz bermig und
lrmten und schrien: "Klein Zaches - Klein Zaches! Ha, seht doch den
kleinen geputzten Pavian - die tolle Migeburt - das Wurzelmnnlein
- Klein Zaches! Klein Zaches!" - Der Portier, alle Diener Zinnobers
rannten heraus, um zu erschauen, worber das Volk denn so unmig
lache und jubiliere. Aber kaum erblickten sie ihren Herren, als sie
noch rger als das Volk im tollsten Gelchter schrien: "Klein Zaches -
Klein Zaches - Wurzelmann - Dumling - Alraun!" -

Der Minister schien erst jetzt zu gewahren, da der tolle Spuk auf der
Strae niemand anderm gelte, als ihm selbst. Er ri das Fenster auf,
schaute mit zornfunkelnden Augen herab, schrie, raste, machte seltsame
Sprnge vor Wut - drohte mit Wache - Polizei - Stockhaus und Festung.

Aber je mehr die Exzellenz tobte im Zorn, desto rger wurde Tumult und
Gelchter, man fing an mit Steinen - Obst - Gemse oder was man eben
zur Hand bekam, nach dem unglcklichen Minister zu werfen - er mute
hinein! -

"Gott im Himmel," rief der Kammerdiener entsetzt, "aus dem Fenster der
gndigen Exzellenz kuckte ja das kleine abscheuliche Ungetm heraus -
Was ist das? - wie ist der kleine Hexenkerl in die Zimmer gekommen?" -
Damit rannte er hinauf, aber so wie vorher fand er das Schlafkabinett
des Ministers fest verschlossen. Er wagte leise zu pochen! - Keine
Antwort! -

Indessen war, der Himmel wei, auf welche Weise, ein dumpfes Gemurmel
im Volke entstanden, das kleine lcherliche Ungetm dort oben sei
wirklich Klein Zaches, der den stolzen Namen Zinnober angenommen und
sich durch allerlei schndlichen Lug und Trug aufgeschwungen. Immer
lauter und lauter erhoben sich die Stimmen. "Hinunter mit der kleinen
Bestie - hinunter - klopft dem Klein Zaches die Ministerjacke aus -
sperrt ihn in den Kficht - lat ihn fr Geld sehen auf dem Jahrmarkt!
- Beklebt ihn mit Goldschaum und beschert ihn den Kindern zum
Spielzeug! - Hinauf - hinauf!" - Und damit strmte das Volk an gegen
das Haus.

Der Kammerdiener rang verzweiflungsvoll die Hnde. "Rebellion - Tumult
- Exzellenz - machen Sie auf - retten Sie sich!" - so schrie er; aber
keine Antwort, nur ein leises Sthnen lie sich vernehmen.

Die Haustre wurde eingeschlagen, das Volk polterte unter wildem
Gelchter die Treppe herauf.

"Nun gilt's," sprach der Kammerdiener und rannte mit aller Macht an
gegen die Tre des Kabinetts, da sie klirrend und rasselnd aus den
Angeln sprang. - Keine Exzellenz - kein Zinnober zu finden! -

"Exzellenz - gndigste Exzellenz - vernehmen Sie denn nicht die
Rebellion? - Exzellenz - gndigste Exzellenz, wo hat sie denn der -
Gott verzeih' mir die Snde, wo geruhen Sie sich denn zu befinden!"

So schrie der Kammerdiener, in heller Verzweiflung durch die Zimmer
rennend. Aber keine Antwort, kein Laut, nur der spottende Widerhall
tnte von den Marmorwnden. Zinnober schien spurlos, tonlos
verschwunden. - Drauen war es ruhiger geworden, der Kammerdiener
vernahm die tiefe klangvolle Stimme eines Frauenzimmers, die zum Volke
sprach, und gewahrte, durchs Fenster blickend, wie die Menschen nach
und nach, leise miteinander murmelnd, das Haus verlieen, bedenkliche
Blicke hinaufwerfend nach den Fenstern.

"Die Rebellion scheint vorber," sprach der Kammerdiener, "nun wird
die gndige Exzellenz wohl hervorkommen aus ihrem Schlupfwinkel."

Er ging nach dem Schlafkabinett zurck, vermutend, dort werde der
Minister sich doch wohl am Ende befinden.

Er warf sphende Blicke rings umher, da wurde er gewahr, wie aus einem
schnen silbernen Henkelgef, das immer dicht neben der Toilette
zu stehen pflegte, weil es der Minister als ein teures Geschenk des
Frsten sehr wert hielt, ganz kleine dnne Beinchen hervorstarrten.

"Gott - Gott," schrie der Kammerdiener entsetzt, "Gott! - Gott! -
tuscht mich nicht alles, so gehren die Beinchen dort Sr. Exzellenz
dem Herrn Minister Zinnober, meinem gndigen Herrn!" - Er trat
hinan, er rief, durchbebt von allen Schauern des Schrecks, indem er
herabschaute: "Exzellenz - Exzellenz - um Gott, was machen Sie - was
treiben Sie da unten in der Tiefe!"

Da aber Zinnober still blieb, sah der Kammerdiener wohl die Gefahr
ein, in der die Exzellenz schwebte, und da es an der Zeit sei, allen
Respekt beiseite zu setzen. Er packte den Zinnober bei den Beinchen
- zog ihn heraus! - Ach tot - tot war die kleine Exzellenz! Der
Kammerdiener brach aus in lautes Jammern; der Jger, die Dienerschaft
eilte herbei, man rannte nach dem Leibarzt des Frsten. Indessen
trocknete der Kammerdiener seinen armen unglcklichen Herrn ab mit
saubern Handtchern, legte ihn ins Bett, bedeckte ihn mit seidenen
Kissen, so da nur das kleine verschrumpfte Gesichtchen sichtbar
blieb.

Hinein trat nun das Frulein von Rosenschn. Sie hatte erst, der
Himmel wei, auf welche Art, das Volk beruhigt. Nun schritt sie zu auf
den entseelten Zinnober, ihr folgte die alte Liese, des kleinen Zaches
leibliche Mutter. - Zinnober sah in der Tat hbscher aus im Tode, als
er jemals in seinem ganzen Leben ausgesehen. Die kleinen ugelein
waren geschlossen, das Nschen sehr wei, der Mund zum sanften Lcheln
ein wenig verzogen, aber vor allen Dingen wallte das dunkelbraune Haar
in den schnsten Locken herab. ber das Haupt hin strich das Frulein
den Kleinen, und in dem Augenblick blitzte in mattem Schimmer ein
roter Streif hervor.

"Ha," rief das Frulein, indem ihr die Augen vor Freude glnzten, "ha,
Prosper Alpanus! - hoher Meister, du hltst Wort! - Verbt ist sein
Verhngnis und mit ihm alle Schmach!"

"Ach," sprach die alte Liese, "ach du lieber Gott, das ist ja doch
wohl nicht mein kleiner Zaches, so hbsch hat der niemals ausgesehen.
Da bin ich doch nun ganz umsonst nach der Stadt gegangen, und Ihr habt
mir gar nicht gut geraten, mein gndiges Frulein!" -

"Murrt nur nicht, Alte," erwiderte das Frulein, "httet Ihr nur
meinen Rat ordentlich befolgt, und wret Ihr nicht frher, als ich
hier war, in dies Haus gedrungen, alles stnde fr Euch besser. - Ich
wiederhole es, der Kleine, der dort tot im Bette liegt, ist gewi und
wahrhaftig Euer Sohn, Klein Zaches!"

"Nun," rief die Frau mit leuchtenden Augen, "nun wenn die kleine
Exzellenz dort wirklich mein Kind ist, so erb' ich ja wohl all die
schnen Sachen, die hier rings umherstehen, das ganze Haus mit allem,
was drinnen ist?"

"Nein," sprach das Frulein, "das ist nun ganz und gar vorbei, Ihr
habt den rechten Augenblick verfehlt, Geld und Gut zu gewinnen. - Euch
ist, ich habe es gleich gesagt, Euch ist nun einmal Reichtum nicht
beschieden." -

"So darf ich," fuhr die Frau fort, indem ihr die Trnen in die Augen
traten, "so darf ich denn nicht wenigstens mein armes kleines Mnnlein
in die Schrze nehmen und nach Hause tragen? - Unser Herr Pfarrer hat
so viel hbsche ausgestopfte Vgelein und Eichktzchen, der soll mir
meinen Klein Zaches ausstopfen lassen, und ich will ihn auf meinen
Schrank stellen, wie er da ist im roten Rock mit dem breiten Bande und
dem groen Stern auf der Brust, zum ewigen Andenken!" -

"Das ist," rief das Frulein beinahe unwillig, "das ist ein ganz
einfltiger Gedanke, das geht ganz und gar nicht an!" -

Da fing das Weib an zu schluchzen, zu klagen, zu lamentieren. "Was
hab' ich," sprach sie, "nun davon, da mein Klein Zaches zu hohen
Wrden, zu groem Reichtum gelangt ist! - Wr' er nur bei mir
geblieben, htt' ich ihn nur aufgezogen in meiner Armut, niemals wr'
er in jenes verdammte silberne Ding gefallen, er lebte noch, und ich
htt' vielleicht Freude und Segen von ihm gehabt. Trug ich ihn so
herum in meinem Holzkorb, Mitleiden htten die Leute gefhlt und mir
manches schne Stcklein Geld zugeworfen, aber nun" -

Es lieen sich Tritte im Vorsaal vernehmen, das Frulein trieb die
Alte hinaus, mit der Weisung, sie solle unten vor der Tre warten, im
Wegfahren wolle sie ihr ein untrgliches Mittel vertrauen, wie sie all
ihre Not, all ihr Elend mit einemmal enden knne.

Nun trat Rosabelverde noch einmal dicht an den Kleinen heran und
sprach mit der weichen bebenden Stimme des tiefen Mitleids:

"Armer Zaches! - Stiefkind der Natur! - ich hatt' es gut mit dir
gemeint! - Wohl mocht' es Torheit sein, da ich glaubte, die uere
schne Gabe, womit ich dich beschenkt, wrde hineinstrahlen in dein
Inneres und eine Stimme erwecken, die dir sagen mte: 'Du bist
nicht der, fr den man dich hlt, aber strebe doch nur an, es dem
gleichzutun, auf dessen Fittichen du Lahmer, Unbefiederter dich
aufschwingst!' - Doch keine innere Stimme erwachte. Dein trger toter
Geist vermochte sich nicht emporzurichten, du lieest nicht nach in
deiner Dummheit, Grobheit, Ungebrdigkeit - Ach! - wrst du nur ein
geringes Etwas weniger, ein kleiner ungeschlachter Rpel geblieben, du
entgingst dem schmachvollen Tode! - Prosper Alpanus hat dafr gesorgt,
da man dich jetzt im Tode wieder dafr hlt, was du im Leben durch
meine Macht zu sein schienst. Sollt' ich dich vielleicht gar noch
wiederschauen als kleiner Kfer - flinke Maus oder behende Eichkatze,
so soll es mich freuen! - Schlafe wohl, Klein Zaches!" -

Indem Rosabelverde das Zimmer verlie, trat der Leibarzt des Frsten
mit dem Kammerdiener hinein.

"Um Gott," rief der Arzt, als er den toten Zinnober erblickte und
sich berzeugte, da alle Mittel, ihn ins Leben zu rufen, vergeblich
bleiben wrden, "um Gott, wie ist das zugegangen, Herr Kmmerer?"

"Ach," erwiderte dieser, "ach, lieber Herr Doktor, die Rebellion oder
die Revolution, es ist all eins, wie Sie es nennen wollen, tobte und
hantierte drauen auf dem Vorsaale ganz frchterlich. Se. Exzellenz,
besorgt um ihr teures Leben, wollten gewi in die Toilette
hineinflchten, glitschten aus und" -

"So ist," sprach der Doktor feierlich und bewegt, "so ist er aus
Furcht zu sterben gar gestorben!"

Die Tre sprang auf, und hinein strzte Frst Barsanuph mit
verbleichtem Antlitz, hinter ihm her sieben noch bleichere
Kammerherrn.

"Ist es wahr, ist es wahr?" rief der Frst; aber sowie er des Kleinen
Leichnam erblickte, prallte er zurck und sprach, die Augen gen Himmel
gerichtet, mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes: "O Zinnober!" -
Und die sieben Kammerherrn riefen dem Frsten nach: "O Zinnober!" und
holten, wie es der Frst tat, die Schnupftcher aus der Tasche und
hielten sie sich vor die Augen.

"Welch ein Verlust," begann nach einer Weile des lautlosen Jammers der
Frst, "welch ein unersetzlicher Verlust fr den Staat! - Wo einen
Mann finden, der den Orden des grngefleckten Tigers mit zwanzig
Knpfen mit _der_ Wrde trgt, als mein Zinnober! - Leibarzt, und Sie
konnten mir _den_ Mann sterben lassen! - Sagen Sie - wie ging das
zu, wie mochte das geschehen - was war die Ursache - woran starb der
Vortreffliche?" -

Der Leibarzt beschaute den Kleinen sehr sorgsam, befhlte manche
Stellen ehemaliger Pulse, strich das Haupt entlang, rusperte sich
und begann: "Mein gndigster Herr! Sollte ich mich begngen, auf der
Oberflche zu schwimmen, ich knnte sagen, der Minister sei an dem
gnzlichen Ausbleiben des Atems gestorben, dies Ausbleiben des Atems
sei bewirkt durch die Unmglichkeit Atem zu schpfen, und diese
Unmglichkeit wieder nur herbeigefhrt durch das Element, durch den
Humor, in den der Minister strzte. Ich knnte sagen, der Minister sei
auf diese Weise einen humoristischen Tod gestorben, aber fern von mir
sei diese Seichtigkeit, fern von mir die Sucht, alles aus schnden
physischen Prinzipien erklren zu wollen, was nur im Gebiet des rein
Psychischen seinen natrlichen unumstlichen Grund findet. - Mein
gndigster Frst, frei sei des Mannes Wort! - Den ersten Keim des
Todes fand der Minister im Orden des grngefleckten Tigers mit zwanzig
Knpfen!" -

"Wie," rief der Frst, indem er den Leibarzt mit zornglhenden Augen
anfunkelte, "wie! - was sprechen Sie? - der Orden des grngefleckten
Tigers mit zwanzig Knpfen, den der Selige zum Wohl des Staats mit so
vieler Anmut, mit so vieler Wrde trug? - _der_ Ursache seines Todes?
- Beweisen Sie mir das, oder - Kammerherrn, was sagt ihr dazu?"

"Er mu beweisen, er mu beweisen, oder" - riefen die sieben blassen
Kammerherrn, und der Leibarzt fuhr fort:

"Mein bester gndigster Frst, ich werd' es beweisen, also kein
_oder_! - Die Sache hngt folgendermaen zusammen: Das schwere
Ordenszeichen am Bande, vorzglich aber die Knpfe auf dem Rcken
wirkten nachteilig auf die Ganglien des Rckgrats. Zu gleicher Zeit
verursachte der Ordensstern einen Druck auf jenes knotige fadichte
Ding zwischen dem Dreifu und der obern Gekrspulsader, das wir das
Sonnengeflecht nennen, und das in dem labyrinthischen Gewebe der
Nervengeflechte prdominiert. Dies dominierende Organ steht in der
mannigfaltigsten Beziehung mit dem Zerebralsystem, und natrlich war
der Angriff auf die Ganglien auch diesem feindlich. Ist aber nicht die
freie Leitung des Zerebralsystems die Bedingung des Bewutseins, der
Persnlichkeit, als Ausdruck der vollkommensten Vereinigung des Ganzen
in einem Brennpunkt? Ist nicht der Lebensproze die Ttigkeit in
beiden Sphren, in dem Ganglien- und Zerebralsystem? - Nun! genug,
jener Angriff strte die Funktionen des psychischen Organism. Erst
kamen finstre Ideen von unerkannten Aufopferungen fr den Staat durch
das schmerzhafte Tragen jenes Ordens u.s.w., immer verfnglicher
wurde der Zustand, bis gnzliche Disharmonie des Ganglien- und
Zerebralsystems endlich gnzliches Aufhren des Bewutseins,
gnzliches Aufgeben der Persnlichkeit herbeifhrte. Diesen Zustand
bezeichnen wir aber mit dem Worte _Tod_! - Ja, gndigster Herr! - der
Minister hatte bereits seine Persnlichkeit aufgegeben, war also schon
mausetot, als er hineinstrzte in jenes verhngnisvolle Gef. - So
hatte sein Tod keine physische, wohl aber eine unermelich tiefe
psychische Ursache." -

"Leibarzt," sprach der Frst unmutig, "Leibarzt, Sie schwatzen nun
schon eine halbe Stunde, und ich will verdammt sein, wenn ich eine
Silbe davon verstehe. Was wollen Sie mit Ihrem Physischen und
Psychischen?"

"Das physische Prinzip," nahm der Arzt wieder das Wort, "ist die
Bedingung des rein vegetativen Lebens, das psychische bedingt dagegen
den menschlichen Organism, der nur in dem Geiste, in der Denkkraft das
Triebrad der Existenz findet."

"Noch immer," rief der Frst im hchsten Unmut, "noch immer verstehe
ich Sie nicht, Unverstndlicher!"

"Ich meine," sprach der Doktor, "ich meine, Durchlauchtiger, da das
Physische sich blo auf das rein vegetative Leben ohne Denkkraft, wie
es in Pflanzen stattfindet, das Psychische aber auf die Denkkraft
bezieht. Da diese nun im menschlichen Organism vorwaltet, so mu der
Arzt immer bei der Denkkraft, bei dem Geist anfangen und den Leib nur
als Vasallen des Geistes betrachten, der sich fgen mu, sobald der
Gebieter es will."

"Hoho!" rief der Frst, "hoho, Leibarzt, lassen Sie das gut sein! -
Kurieren Sie meinen Leib, und lassen Sie meinen Geist ungeschoren,
von dem habe ich noch niemals Inkommoditten versprt. berhaupt,
Leibarzt, Sie sind ein konfuser Mann, und stnde ich hier nicht an der
Leiche meines Ministers und wre gerhrt, ich wte, was ich tte! -
Nun Kammerherrn! vergieen wir noch einige Zhren hier am Katafalk des
Verewigten und gehen wir dann zur Tafel."

Der Frst hielt das Schnupftuch vor die Augen und schluchzte, die
Kammerherrn taten desgleichen, dann schritten sie alle von dannen. Vor
der Tre stand die alte Liese, welche einige Reihen der allerschnsten
goldgelben Zwiebeln ber den Arm gehngt hatte, die man nur sehen
konnte. Des Frsten Blick fiel zufllig auf diese Frchte. Er blieb
stehen, der Schmerz verschwand aus seinem Antlitz, er lchelte mild
und gndig, er sprach: "Hab' ich doch in meinem Leben keine solche
schne Zwiebeln gesehen, die mssen von dem herrlichsten Geschmack
sein. Verkauft Sie die Ware, liebe Frau?"

"O ja," erwiderte Liese mit einem tiefen Knix, "o ja, gndigste
Durchlaucht, von dem Verkauf der Zwiebeln nhre ich mich drftig,
so gut es gehn will! - Sie sind s wie purer Honig, belieben Sie,
gndigster Herr?"

Damit reichte sie eine Reihe der strksten glnzendsten Zwiebeln dem
Frsten hin. Der nahm sie, lchelte, schmatzte ein wenig und rief
dann: "Kammerherrn! geb' mir einer einmal sein Taschenmesser her." Ein
Messer erhalten, schlte der Frst nett und sauber eine Zwiebel ab und
kostete etwas von dem Mark.

"Welch ein Geschmack, welche Se, welche Kraft, welches Feuer!" rief
er, indem ihm die Augen glnzten vor Entzcken, "und dabei ist es mir,
als sh' ich den verewigten Zinnober vor mir stehen, der mir zuwinkte
und zulispelte: 'Kaufen Sie - essen Sie diese Zwiebeln, mein Frst
- das Wohl des Staats erfordert es!'" - Der Frst drckte der alten
Liese ein paar Goldstcke in die Hand, und die Kammerherrn muten
smtliche Reihen Zwiebeln in die Taschen schieben. Noch mehr! -
er verordnete, da niemand anders die Zwiebellieferung fr die
frstlichen Dejeuners haben sollte als Liese. So kam die Mutter des
Klein Zaches, ohne gerade reich zu werden, aus aller Not, aus allem
Elend, und gewi war es wohl, da ihr ein geheimer Zauber der guten
Fee Rosabelverde dazu verhalf.

Das Leichenbegngnis des Ministers Zinnober war eins der prchtigsten,
das man jemals in Kerepes gesehen; der Frst, alle Ritter des
grngefleckten Tigers folgten der Leiche in tiefer Trauer. Alle
Glocken wurden gezogen, ja sogar die beiden Bller, die der Frst
behufs der Feuerwerke mit schweren Kosten angeschafft, mehrmals
gelst. Brger - Volk - alles weinte und lamentierte, da der Staat
seine beste Sttze verloren und wohl niemals mehr ein Mann von
dem tiefen Verstande, von der Seelengre, von der Milde, von dem
unermdlichen Eifer fr das allgemeine Wohl, wie Zinnober, an das
Ruder der Regierung kommen werde.

In der Tat blieb auch der Verlust unersetzlich; denn niemals fand
sich wieder ein Minister, dem der Orden des grngefleckten Tigers mit
zwanzig Knpfen so an den Leib gepat haben sollte, wie dem verewigten
unvergelichen Zinnober.



Letztes Kapitel

Wehmtige Bitten des Autors. - Wie der Professor Mosch Terpin sich
beruhigte und Candida niemals verdrielich werden konnte. - Wie ein
Goldkfer dem Doktor Prosper Alpanus etwas ins Ohr summte, dieser
Abschied nahm und Balthasar eine glckliche Ehe fhrte.

Es ist nun an dem, da der, der fr dich, geliebter Leser, diese
Bltter aufschreibt, von dir scheiden will, und dabei berfllt ihn
Wehmut und Bangen. - Noch vieles, vieles wte er von den merkwrdigen
Taten des kleinen Zinnober, und er htte, wie er denn nun berhaupt zu
der Geschichte aus dem Innern heraus unwiderstehlich angeregt wurde,
wahre Lust daran gehabt, dir, o mein Leser, noch das alles zu
erzhlen. Doch! - rckblickend auf alle Ereignisse, wie sie in den
neun Kapiteln vorgekommen, fhlt er wohl, da darin schon so viel
Wunderliches, Tolles, der nchternen Vernunft Widerstrebendes
enthalten, da er, noch mehr dergleichen anhufend, Gefahr laufen
mte, es mit dir, geliebter Leser, deine Nachsicht mibrauchend, ganz
und gar zu verderben. Er bittet dich in jener Wehmut, in jenem Bangen,
das pltzlich seine Brust beengte, als er die Worte: "Letztes Kapitel"
schrieb, du mgest mit recht heitrem, unbefangenem Gemt es dir
gefallen lassen, die seltsamen Gestaltungen zu betrachten, ja sich
mit ihnen zu befreunden, die der Dichter der Eingebung des spukhaften
Geistes, Phantasus geheien, verdankt, und dessen bizarrem, launischem
Wesen er sich vielleicht zu sehr berlie. - Schmolle deshalb nicht
mit beiden, mit dem Dichter und mit dem launischen Geiste! - Hast
du, geliebter Leser, hin und wieder ber manches recht im Innern
gelchelt, so warst du in der Stimmung, wie sie der Schreiber dieser
Bltter wnschte, und dann, so glaubt er, wirst du ihm wohl vieles
zugute halten! -

Eigentlich htte die Geschichte mit dem tragischen Tode des kleinen
Zinnober schlieen knnen. Doch ist es nicht anmutiger, wenn statt
eines traurigen Leichenbegngnisses eine frhliche Hochzeit am Ende
steht?

So werde denn noch krzlich der holden Candida und des glcklichen
Balthasars gedacht. -

Der Professor Mosch Terpin war sonst ein aufgeklrter, welterfahrner
Mann, der dem weisen Spruch: Nil admirari gem sich seit vielen,
vielen Jahren ber nichts in der Welt zu verwundern pflegte. Aber
jetzt geschah es, da er, all seine Weisheit aufgebend, sich immer
fort und fort verwundern mute, so da er zuletzt klagte, wie er nicht
mehr wisse, ob er wirklich der Professor Mosch Terpin sei, der ehemals
die natrlichen Angelegenheiten im Staate dirigiert, und ob er noch
wirklich, Kopf in die Hhe, auf seinen lieben Fen einherspaziere.

Zuerst verwunderte er sich, als Balthasar ihm den Doktor
Prosper Alpanus als seinen Oheim vorstellte und dieser ihm die
Schenkungsurkunde vorwies, vermge der Balthasar Besitzer des eine
Stunde von Kerepes entfernten Landhauses nebst Waldung, cker und
Wiesen wurde; als er in dem Inventario, kaum seinen Augen trauend,
kstliche Gertschaften, ja Gold- und Silberbarren erwhnt gewahrte,
deren Wert den Reichtum der frstlichen Schatzkammer bei weitem
berstieg. Dann verwunderte er sich, als er den prchtigen Sarg, in
dem Zinnober lag, durch Balthasars Lorgnette anschaute, und es ihm
auf einmal war, als habe es nie einen Minister Zinnober, sondern nur
einen kleinen ungeschlachten, ungebrdigen Knirps gegeben, den man
flschlicherweise fr einen verstndigen, weisen Minister Zinnober
gehalten.

Bis auf den hchsten Grad stieg aber Mosch Terpins Verwunderung, als
Prosper Alpanus ihn im Landhause umherfhrte, ihm seine Bibliothek und
andere sehr wunderbare Dinge zeigte, ja selbst einige sehr anmutige
Experimente machte mit seltsamen Pflanzen und Tieren.

Dem Professor ging der Gedanke auf, es sei wohl mit seinem
Naturforschen ganz und gar nichts, und er se in einer herrlichen
bunten Zauberwelt wie in einem Ei eingeschlossen. Dieser Gedanke
beunruhigte ihn so sehr, da er zuletzt klagte und weinte wie ein
Kind. Balthasar fhrte ihn sofort in den gerumigen Weinkeller, in dem
er glnzende Fsser und blinkende Flaschen erblickte. Besser als in
dem frstlichen Weinkeller, meinte Balthasar, knne er hier studieren
und in dem schnen Park die Natur hinlnglich erforschen.

Hierauf beruhigte sich der Professor.

Balthasars Hochzeit wurde auf dem Landhause gefeiert. Er - die Freunde
Fabian - Pulcher - alle erstaunten ber Candidas hohe Schnheit, ber
den zauberischen Reiz, der in ihrem Anzuge, in ihrem ganzen Wesen
lag. - Es war auch wirklich ein Zauber, der sie umflo, denn die
Fee Rosabelverde, die, allen Groll vergessend, der Hochzeit als
Stiftsfrulein von Rosenschn beiwohnte, hatte sie selbst gekleidet
und mit den schnsten, herrlichsten Rosen geschmckt. Nun wei man
aber wohl, da der Anzug gut stehen mu, wenn eine Fee dabei Hand
anlegt. Auerdem hatte Rosabelverde der holden Braut einen prchtig
funkelnden Halsschmuck verehrt, der eine magische Wirkung dahin
uerte, da sie, hatte sie ihn umgetan, niemals ber Kleinigkeiten,
ber ein schlecht genesteltes Band, ber einen miratenen Haarschmuck,
ber einen Fleck in der Wsche oder sonst verdrielich werden konnte.
Diese Eigenschaft, die ihr der Halsschmuck gab, verbreitete eine
besondere Anmut und Heiterkeit auf ihrem ganzen Antlitz.

Das Brautpaar stand im hchsten Himmel der Wonne, und - so herrlich
wirkte der geheime weise Zauber Alpans - hatte doch noch Blick und
Wort fr die Herzensfreunde, welche versammelt. Prosper Alpanus und
Rosabelverde, beide sorgten dafr, da die schnsten Wunder den
Hochzeitstag verherrlichten. berall tnten aus Bschen und Bumen
se Liebeslaute, whrend sich schimmernde Tafeln erhoben mit den
herrlichsten Speisen, mit Kristallflaschen belastet, aus denen der
edelste Wein strmte, welcher Lebensglut durch alle Adern der Gste
go.

Die Nacht war eingebrochen, da spannen sich feuerflammende Regenbogen
ber den ganzen Park, und man sah schimmernde Vgel und Insekten,
die sich auf und ab schwangen, und wenn sie die Flgel schttelten,
stubten Millionen Funken hervor, die in ewigem Wechsel allerlei holde
Gestalten bildeten, welche in der Luft tanzten und gaukelten und im
Gebsch verschwanden. Und dabei tnte strker die Musik des Waldes,
und der Nachtwind strich daher, geheimnisvoll suselnd und se Dfte
aushauchend.

Balthasar, Candida, die Freunde erkannten den mchtigen Zauber Alpans,
aber Mosch Terpin, halb berauscht, lachte laut und meinte, hinter
allem stecke niemand anders, als der Teufelskerl, der Operndekorateur
und Feuerwerker des Frsten.

Schneidende Glockentne erhallten. Ein glnzender Goldkfer schwang
sich herab, setzte sich auf Prosper Alpanus' Schulter und schien ihm
leise etwas ins Ohr zu sumsen.

Prosper Alpanus erhob sich von seinem Sitz und sprach ernst und
feierlich: "Geliebter Balthasar - holde Candida - meine Freunde! - Es
ist nun an der Zeit - Lothos ruft - ich mu scheiden." -

Darauf nahte er sich dem Brautpaar und sprach leise mit ihnen. Beide,
Balthasar und Candida, waren sehr gerhrt, Prosper schien ihnen
allerlei gute Lehren zu geben, er umarmte beide mit Inbrunst.

Dann wandte er sich an das Frulein von Rosenschn und sprach
ebenfalls leise mit ihr - wahrscheinlich gab sie ihm Auftrge in
Zauber- und Feen-Angelegenheiten, die er willig bernahm.

Indessen hatte sich ein kleiner kristallner Wagen, mit zwei
schimmernden Libellen bespannt, die der Silberfasan fhrte, aus den
Lften hinabgesenkt.

"Lebt wohl - lebt wohl!" rief Prosper Alpanus, stieg in den Wagen
und schwebte empor ber die flammenden Regenbogen hinweg, bis sein
Fuhrwerk zuletzt in den hchsten Lften erschien wie ein kleiner
funkelnder Stern, der sich endlich hinter den Wolken verbarg.

"Schne Mongolfiere," schnarchte Mosch Terpin und versank, von der
Kraft des Weines bermannt, in tiefen Schlaf.

- Balthasar, der Lehren des Prosper Alpanus eingedenk, den Besitz
des wunderbaren Landhauses wohl nutzend, wurde in der Tat ein guter
Dichter, und da die brigen Eigenschaften, die Prosper rcksichts der
holden Candida an dem Besitztum gerhmt, sich ganz und gar bewhrten,
Candida auch niemals den Halsschmuck, den ihr das Stiftsfrulein von
Rosenschn als Hochzeitsgabe beschert, ablegte, so konnt' es nicht
fehlen, da Balthasar die glcklichste Ehe in aller Wonne und
Herrlichkeit fhrte, wie sie nur jemals ein Dichter mit einer hbschen
jungen Frau gefhrt haben mag -

So hat aber das Mrchen von Klein Zaches genannt Zinnober nun wirklich
ganz und gar ein frhliches

                            Ende.








End of the Project Gutenberg EBook of Klein Zaches, genannt Zinnober, by 
E. T. A. Hoffmann

*** END OF THIS PROJECT GUTENBERG EBOOK KLEIN ZACHES, GENANNT ZINNOBER ***

***** This file should be named 9200-8.txt or 9200-8.zip *****
This and all associated files of various formats will be found in:
        http://www.gutenberg.org/9/2/0/9200/

Produced by Gerd Bouillon from files at Projekt Gutenberg-DE.
Updated editions will replace the previous one--the old editions will
be renamed.

Creating the works from print editions not protected by U.S. copyright
law means that no one owns a United States copyright in these works,
so the Foundation (and you!) can copy and distribute it in the United
States without permission and without paying copyright
royalties. Special rules, set forth in the General Terms of Use part
of this license, apply to copying and distributing Project
Gutenberg-tm electronic works to protect the PROJECT GUTENBERG-tm
concept and trademark. Project Gutenberg is a registered trademark,
and may not be used if you charge for the eBooks, unless you receive
specific permission. If you do not charge anything for copies of this
eBook, complying with the rules is very easy. You may use this eBook
for nearly any purpose such as creation of derivative works, reports,
performances and research. They may be modified and printed and given
away--you may do practically ANYTHING in the United States with eBooks
not protected by U.S. copyright law. Redistribution is subject to the
trademark license, especially commercial redistribution.

START: FULL LICENSE

THE FULL PROJECT GUTENBERG LICENSE
PLEASE READ THIS BEFORE YOU DISTRIBUTE OR USE THIS WORK

To protect the Project Gutenberg-tm mission of promoting the free
distribution of electronic works, by using or distributing this work
(or any other work associated in any way with the phrase "Project
Gutenberg"), you agree to comply with all the terms of the Full
Project Gutenberg-tm License available with this file or online at
www.gutenberg.org/license.

Section 1. General Terms of Use and Redistributing Project
Gutenberg-tm electronic works

1.A. By reading or using any part of this Project Gutenberg-tm
electronic work, you indicate that you have read, understand, agree to
and accept all the terms of this license and intellectual property
(trademark/copyright) agreement. If you do not agree to abide by all
the terms of this agreement, you must cease using and return or
destroy all copies of Project Gutenberg-tm electronic works in your
possession. If you paid a fee for obtaining a copy of or access to a
Project Gutenberg-tm electronic work and you do not agree to be bound
by the terms of this agreement, you may obtain a refund from the
person or entity to whom you paid the fee as set forth in paragraph
1.E.8.

1.B. "Project Gutenberg" is a registered trademark. It may only be
used on or associated in any way with an electronic work by people who
agree to be bound by the terms of this agreement. There are a few
things that you can do with most Project Gutenberg-tm electronic works
even without complying with the full terms of this agreement. See
paragraph 1.C below. There are a lot of things you can do with Project
Gutenberg-tm electronic works if you follow the terms of this
agreement and help preserve free future access to Project Gutenberg-tm
electronic works. See paragraph 1.E below.

1.C. The Project Gutenberg Literary Archive Foundation ("the
Foundation" or PGLAF), owns a compilation copyright in the collection
of Project Gutenberg-tm electronic works. Nearly all the individual
works in the collection are in the public domain in the United
States. If an individual work is unprotected by copyright law in the
United States and you are located in the United States, we do not
claim a right to prevent you from copying, distributing, performing,
displaying or creating derivative works based on the work as long as
all references to Project Gutenberg are removed. Of course, we hope
that you will support the Project Gutenberg-tm mission of promoting
free access to electronic works by freely sharing Project Gutenberg-tm
works in compliance with the terms of this agreement for keeping the
Project Gutenberg-tm name associated with the work. You can easily
comply with the terms of this agreement by keeping this work in the
same format with its attached full Project Gutenberg-tm License when
you share it without charge with others.

1.D. The copyright laws of the place where you are located also govern
what you can do with this work. Copyright laws in most countries are
in a constant state of change. If you are outside the United States,
check the laws of your country in addition to the terms of this
agreement before downloading, copying, displaying, performing,
distributing or creating derivative works based on this work or any
other Project Gutenberg-tm work. The Foundation makes no
representations concerning the copyright status of any work in any
country outside the United States.

1.E. Unless you have removed all references to Project Gutenberg:

1.E.1. The following sentence, with active links to, or other
immediate access to, the full Project Gutenberg-tm License must appear
prominently whenever any copy of a Project Gutenberg-tm work (any work
on which the phrase "Project Gutenberg" appears, or with which the
phrase "Project Gutenberg" is associated) is accessed, displayed,
performed, viewed, copied or distributed:

  This eBook is for the use of anyone anywhere in the United States and
  most other parts of the world at no cost and with almost no
  restrictions whatsoever. You may copy it, give it away or re-use it
  under the terms of the Project Gutenberg License included with this
  eBook or online at www.gutenberg.org. If you are not located in the
  United States, you'll have to check the laws of the country where you
  are located before using this ebook.

1.E.2. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is
derived from texts not protected by U.S. copyright law (does not
contain a notice indicating that it is posted with permission of the
copyright holder), the work can be copied and distributed to anyone in
the United States without paying any fees or charges. If you are
redistributing or providing access to a work with the phrase "Project
Gutenberg" associated with or appearing on the work, you must comply
either with the requirements of paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 or
obtain permission for the use of the work and the Project Gutenberg-tm
trademark as set forth in paragraphs 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.3. If an individual Project Gutenberg-tm electronic work is posted
with the permission of the copyright holder, your use and distribution
must comply with both paragraphs 1.E.1 through 1.E.7 and any
additional terms imposed by the copyright holder. Additional terms
will be linked to the Project Gutenberg-tm License for all works
posted with the permission of the copyright holder found at the
beginning of this work.

1.E.4. Do not unlink or detach or remove the full Project Gutenberg-tm
License terms from this work, or any files containing a part of this
work or any other work associated with Project Gutenberg-tm.

1.E.5. Do not copy, display, perform, distribute or redistribute this
electronic work, or any part of this electronic work, without
prominently displaying the sentence set forth in paragraph 1.E.1 with
active links or immediate access to the full terms of the Project
Gutenberg-tm License.

1.E.6. You may convert to and distribute this work in any binary,
compressed, marked up, nonproprietary or proprietary form, including
any word processing or hypertext form. However, if you provide access
to or distribute copies of a Project Gutenberg-tm work in a format
other than "Plain Vanilla ASCII" or other format used in the official
version posted on the official Project Gutenberg-tm web site
(www.gutenberg.org), you must, at no additional cost, fee or expense
to the user, provide a copy, a means of exporting a copy, or a means
of obtaining a copy upon request, of the work in its original "Plain
Vanilla ASCII" or other form. Any alternate format must include the
full Project Gutenberg-tm License as specified in paragraph 1.E.1.

1.E.7. Do not charge a fee for access to, viewing, displaying,
performing, copying or distributing any Project Gutenberg-tm works
unless you comply with paragraph 1.E.8 or 1.E.9.

1.E.8. You may charge a reasonable fee for copies of or providing
access to or distributing Project Gutenberg-tm electronic works
provided that

* You pay a royalty fee of 20% of the gross profits you derive from
  the use of Project Gutenberg-tm works calculated using the method
  you already use to calculate your applicable taxes. The fee is owed
  to the owner of the Project Gutenberg-tm trademark, but he has
  agreed to donate royalties under this paragraph to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation. Royalty payments must be paid
  within 60 days following each date on which you prepare (or are
  legally required to prepare) your periodic tax returns. Royalty
  payments should be clearly marked as such and sent to the Project
  Gutenberg Literary Archive Foundation at the address specified in
  Section 4, "Information about donations to the Project Gutenberg
  Literary Archive Foundation."

* You provide a full refund of any money paid by a user who notifies
  you in writing (or by e-mail) within 30 days of receipt that s/he
  does not agree to the terms of the full Project Gutenberg-tm
  License. You must require such a user to return or destroy all
  copies of the works possessed in a physical medium and discontinue
  all use of and all access to other copies of Project Gutenberg-tm
  works.

* You provide, in accordance with paragraph 1.F.3, a full refund of
  any money paid for a work or a replacement copy, if a defect in the
  electronic work is discovered and reported to you within 90 days of
  receipt of the work.

* You comply with all other terms of this agreement for free
  distribution of Project Gutenberg-tm works.

1.E.9. If you wish to charge a fee or distribute a Project
Gutenberg-tm electronic work or group of works on different terms than
are set forth in this agreement, you must obtain permission in writing
from both the Project Gutenberg Literary Archive Foundation and The
Project Gutenberg Trademark LLC, the owner of the Project Gutenberg-tm
trademark. Contact the Foundation as set forth in Section 3 below.

1.F.

1.F.1. Project Gutenberg volunteers and employees expend considerable
effort to identify, do copyright research on, transcribe and proofread
works not protected by U.S. copyright law in creating the Project
Gutenberg-tm collection. Despite these efforts, Project Gutenberg-tm
electronic works, and the medium on which they may be stored, may
contain "Defects," such as, but not limited to, incomplete, inaccurate
or corrupt data, transcription errors, a copyright or other
intellectual property infringement, a defective or damaged disk or
other medium, a computer virus, or computer codes that damage or
cannot be read by your equipment.

1.F.2. LIMITED WARRANTY, DISCLAIMER OF DAMAGES - Except for the "Right
of Replacement or Refund" described in paragraph 1.F.3, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation, the owner of the Project
Gutenberg-tm trademark, and any other party distributing a Project
Gutenberg-tm electronic work under this agreement, disclaim all
liability to you for damages, costs and expenses, including legal
fees. YOU AGREE THAT YOU HAVE NO REMEDIES FOR NEGLIGENCE, STRICT
LIABILITY, BREACH OF WARRANTY OR BREACH OF CONTRACT EXCEPT THOSE
PROVIDED IN PARAGRAPH 1.F.3. YOU AGREE THAT THE FOUNDATION, THE
TRADEMARK OWNER, AND ANY DISTRIBUTOR UNDER THIS AGREEMENT WILL NOT BE
LIABLE TO YOU FOR ACTUAL, DIRECT, INDIRECT, CONSEQUENTIAL, PUNITIVE OR
INCIDENTAL DAMAGES EVEN IF YOU GIVE NOTICE OF THE POSSIBILITY OF SUCH
DAMAGE.

1.F.3. LIMITED RIGHT OF REPLACEMENT OR REFUND - If you discover a
defect in this electronic work within 90 days of receiving it, you can
receive a refund of the money (if any) you paid for it by sending a
written explanation to the person you received the work from. If you
received the work on a physical medium, you must return the medium
with your written explanation. The person or entity that provided you
with the defective work may elect to provide a replacement copy in
lieu of a refund. If you received the work electronically, the person
or entity providing it to you may choose to give you a second
opportunity to receive the work electronically in lieu of a refund. If
the second copy is also defective, you may demand a refund in writing
without further opportunities to fix the problem.

1.F.4. Except for the limited right of replacement or refund set forth
in paragraph 1.F.3, this work is provided to you 'AS-IS', WITH NO
OTHER WARRANTIES OF ANY KIND, EXPRESS OR IMPLIED, INCLUDING BUT NOT
LIMITED TO WARRANTIES OF MERCHANTABILITY OR FITNESS FOR ANY PURPOSE.

1.F.5. Some states do not allow disclaimers of certain implied
warranties or the exclusion or limitation of certain types of
damages. If any disclaimer or limitation set forth in this agreement
violates the law of the state applicable to this agreement, the
agreement shall be interpreted to make the maximum disclaimer or
limitation permitted by the applicable state law. The invalidity or
unenforceability of any provision of this agreement shall not void the
remaining provisions.

1.F.6. INDEMNITY - You agree to indemnify and hold the Foundation, the
trademark owner, any agent or employee of the Foundation, anyone
providing copies of Project Gutenberg-tm electronic works in
accordance with this agreement, and any volunteers associated with the
production, promotion and distribution of Project Gutenberg-tm
electronic works, harmless from all liability, costs and expenses,
including legal fees, that arise directly or indirectly from any of
the following which you do or cause to occur: (a) distribution of this
or any Project Gutenberg-tm work, (b) alteration, modification, or
additions or deletions to any Project Gutenberg-tm work, and (c) any
Defect you cause.

Section 2. Information about the Mission of Project Gutenberg-tm

Project Gutenberg-tm is synonymous with the free distribution of
electronic works in formats readable by the widest variety of
computers including obsolete, old, middle-aged and new computers. It
exists because of the efforts of hundreds of volunteers and donations
from people in all walks of life.

Volunteers and financial support to provide volunteers with the
assistance they need are critical to reaching Project Gutenberg-tm's
goals and ensuring that the Project Gutenberg-tm collection will
remain freely available for generations to come. In 2001, the Project
Gutenberg Literary Archive Foundation was created to provide a secure
and permanent future for Project Gutenberg-tm and future
generations. To learn more about the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation and how your efforts and donations can help, see
Sections 3 and 4 and the Foundation information page at
www.gutenberg.org Section 3. Information about the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

The Project Gutenberg Literary Archive Foundation is a non profit
501(c)(3) educational corporation organized under the laws of the
state of Mississippi and granted tax exempt status by the Internal
Revenue Service. The Foundation's EIN or federal tax identification
number is 64-6221541. Contributions to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation are tax deductible to the full extent permitted by
U.S. federal laws and your state's laws.

The Foundation's principal office is in Fairbanks, Alaska, with the
mailing address: PO Box 750175, Fairbanks, AK 99775, but its
volunteers and employees are scattered throughout numerous
locations. Its business office is located at 809 North 1500 West, Salt
Lake City, UT 84116, (801) 596-1887. Email contact links and up to
date contact information can be found at the Foundation's web site and
official page at www.gutenberg.org/contact

For additional contact information:

    Dr. Gregory B. Newby
    Chief Executive and Director
    gbnewby@pglaf.org

Section 4. Information about Donations to the Project Gutenberg
Literary Archive Foundation

Project Gutenberg-tm depends upon and cannot survive without wide
spread public support and donations to carry out its mission of
increasing the number of public domain and licensed works that can be
freely distributed in machine readable form accessible by the widest
array of equipment including outdated equipment. Many small donations
($1 to $5,000) are particularly important to maintaining tax exempt
status with the IRS.

The Foundation is committed to complying with the laws regulating
charities and charitable donations in all 50 states of the United
States. Compliance requirements are not uniform and it takes a
considerable effort, much paperwork and many fees to meet and keep up
with these requirements. We do not solicit donations in locations
where we have not received written confirmation of compliance. To SEND
DONATIONS or determine the status of compliance for any particular
state visit www.gutenberg.org/donate

While we cannot and do not solicit contributions from states where we
have not met the solicitation requirements, we know of no prohibition
against accepting unsolicited donations from donors in such states who
approach us with offers to donate.

International donations are gratefully accepted, but we cannot make
any statements concerning tax treatment of donations received from
outside the United States. U.S. laws alone swamp our small staff.

Please check the Project Gutenberg Web pages for current donation
methods and addresses. Donations are accepted in a number of other
ways including checks, online payments and credit card donations. To
donate, please visit: www.gutenberg.org/donate

Section 5. General Information About Project Gutenberg-tm electronic works.

Professor Michael S. Hart was the originator of the Project
Gutenberg-tm concept of a library of electronic works that could be
freely shared with anyone. For forty years, he produced and
distributed Project Gutenberg-tm eBooks with only a loose network of
volunteer support.

Project Gutenberg-tm eBooks are often created from several printed
editions, all of which are confirmed as not protected by copyright in
the U.S. unless a copyright notice is included. Thus, we do not
necessarily keep eBooks in compliance with any particular paper
edition.

Most people start at our Web site which has the main PG search
facility: www.gutenberg.org

This Web site includes information about Project Gutenberg-tm,
including how to make donations to the Project Gutenberg Literary
Archive Foundation, how to help produce our new eBooks, and how to
subscribe to our email newsletter to hear about new eBooks.

