The Project Gutenberg EBook of Klein Zaches, genannt Zinnober, by E. T. A. Hoffmann

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Title: Klein Zaches, genannt Zinnober

Author: E. T. A. Hoffmann

Release Date: October, 2005  [EBook #9200]
[This file was first posted on September 15, 2003]

Edition: 10

Language: German

Character set encoding: US-ASCII

*** START OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, KLEIN ZACHES, GENANNT ZINNOBER ***








This text has been derived from HTML files at "Projekt Gutenberg - DE"
(http://www.gutenberg2000.de/etahoff/zaches/zaches.htm), prepared by
Gerd Bouillon.



Klein Zaches
genannt Zinnober

Ein Maerchen

E.T.A. Hoffmann







Erstes Kapitel: Der kleine Wechselbalg. - Dringende Gefahr einer
    Pfarrersnase. - Wie Fuerst Paphnutius in seinem Lande die
    Aufklaerung einfuehrte und die Fee Rosabelverde in ein
    Fraeuleinstift kam.

Zweites Kapitel: Von der unbekannten Voelkerschaft, die der Gelehrte
    Ptolomaeus Philadelphus auf seinen Reisen entdeckte. - Die
    Universitaet Kerepes. - Wie dem Studenten Fabian ein Paar
    Reitstiefel um den Kopf flogen und der Professor Mosch Terpin den
    Studenten Balthasar zum Tee einlud.

Drittes Kapitel: Wie Fabian nicht wusste, was er sagen sollte. -
    Candida und Jungfrauen, die nicht Fische essen duerfen. - Mosch
    Terpins literarischer Tee. - Der junge Prinz.

Viertes Kapitel: Wie der italienische Geiger Sbiocca den Herrn
    Zinnober in den Kontrabass zu werfen drohte, und der Referendarius
    Pulcher nicht zu auswaertigen Angelegenheiten gelangen konnte. -
    Von Maut-Offizianten und zurueckbehaltenen Wundern fuers Haus. -
    Balthasars Bezauberung durch einen Stockknopf.

Fuenftes Kapitel: Wie Fuerst Barsanuph Leipziger Lerchen und Danziger
    Goldwasser fruehstueckte, einen Butterfleck auf die Kasimirhose
    bekam und den Geheimen Sekretaer Zinnober zum Geheimen Spezialrat
    erhob. - Die Bilderbuecher des Doktors Prosper Alpanus. - Wie
    ein Portier den Studenten Fabian in den Finger biss, dieser ein
    Schleppkleid trug und deshalb verhoehnt wurde. - Balthasars
    Flucht.

Sechstes Kapitel: Wie der Geheime Spezialrat Zinnober in seinem
    Garten frisiert wurde und im Grase ein Taubad nahm. - Der
    Orden des gruengefleckten Tigers. - Gluecklicher Einfall eines
    Theaterschneiders. - Wie das Fraeulein von Rosenschoen sich
    mit Kaffee begoss und Prosper Alpanus ihr seine Freundschaft
    versicherte.

Siebentes Kapitel: Wie der Professor Mosch Terpin im fuerstlichen
    Weinkeller die Natur erforschte. - Mycetes Belzebub. -
    Verzweiflung des Studenten Balthasar. - Vorteilhafter Einfluss
    eines wohleingerichteten Landhauses auf das haeusliche Glueck.
    - Wie Prosper Alpanus dem Balthasar eine schildkroetene Dose
    ueberreichte und davonritt.

Achtes Kapitel: Wie Fabian seiner langen Rockschoesse halber fuer
    einen Sektierer und Tumultuanten gehalten wurde. - Wie Fuerst
    Barsanuph hinter den Kaminschirm trat und den Generaldirektor der
    natuerlichen Angelegenheiten kassierte. - Zinnobers Flucht aus
    Mosch Terpins Hause. - Wie Mosch Terpin auf einem Sommervogel
    ausreiten und Kaiser werden wollte, dann aber zu Bette ging.

Neuntes Kapitel: Verlegenheit eines treuen Kammerdieners. - Wie die
    alte Liese eine Rebellion anzettelte und der Minister Zinnober
    auf der Flucht ausglitschte. - Auf welche merkwuerdige Weise der
    Leibarzt des Fuersten Zinnobers jaehen Tod erklaerte. - Wie Fuerst
    Barsanuph sich betruebte, Zwiebeln ass, und wie Zinnobers Verlust
    unersetzlich blieb.

Letztes Kapitel: Wehmuetige Bitten des Autors. - Wie der Professor
    Mosch Terpin sich beruhigte und Candida niemals verdriesslich
    werden konnte. - Wie ein Goldkaefer dem Doktor Prosper Alpanus
    etwas ins Ohr summte, dieser Abschied nahm und Balthasar eine
    glueckliche Ehe fuehrte.



Erstes Kapitel

Der kleine Wechselbalg. - Dringende Gefahr einer Pfarrersnase. - Wie
Fuerst Paphnutius in seinem Lande die Aufklaerung einfuehrte und die
Fee Rosabelverde in ein Fraeuleinstift kam.

Unfern eines anmutigen Dorfes, hart am Wege, lag auf dem von der
Sonnenglut erhitzten Boden hingestreckt ein armes zerlumptes
Bauerweib. Vom Hunger gequaelt, vor Durst lechzend, ganz
verschmachtet, war die Unglueckliche unter der Last des im Korbe hoch
aufgetuermten duerren Holzes, das sie im Walde unter den Baeumen und
Straeuchern muehsam aufgelesen, niedergesunken, und da sie kaum zu
atmen vermochte, glaubte sie nicht anders, als dass sie nun wohl
sterben, so sich aber ihr trostloses Elend auf einmal enden werde.
Doch gewann sie bald so viel Kraft, die Stricke, womit sie den
Holzkorb auf ihrem Ruecken befestigt, loszunesteln und sich langsam
heraufzuschieben auf einen Grasfleck, der gerade in der Naehe stand.
Da brach sie nun aus in laute Klagen: "Muss," jammerte sie, "muss mich
und meinen armen Mann allein denn alle Not und alles Elend treffen?
Sind wir denn nicht im ganzen Dorfe die einzigen, die aller Arbeit,
alles sauer vergessenen Schweisses ungeachtet in steter Armut bleiben
und kaum so viel erwerben, um unsern Hunger zu stillen? - Vor drei
Jahren, als mein Mann beim Umgraben unseres Gartens die Goldstuecke in
der Erde fand, ja, da glaubten wir, das Glueck sei endlich eingekehrt
bei uns und nun kaemen die guten Tage; aber was geschah! - Diebe
stahlen das Geld, Haus und Scheune brannten uns ueber dem Kopfe weg,
das Getreide auf dem Acker zerschlug der Hagel, und um das Mass
unseres Herzeleids vollzumachen bis ueber den Rand, strafte uns der
Himmel noch mit diesem kleinen Wechselbalg, den ich zu Schand' und
Spott des ganzen Dorfs gebar. - Zu St.-Laurenztag ist nun der Junge
drittehalb Jahre gewesen und kann auf seinen Spinnenbeinchen nicht
stehen, nicht gehen und knurrt und miaut, statt zu reden, wie eine
Katze. Und dabei frisst die unselige Missgeburt wie der staerkste
Knabe von wenigstens acht Jahren, ohne dass es ihm im mindesten was
anschlaegt. Gott erbarme sich ueber ihn und ueber uns, dass wir den
Jungen grossfuettern muessen uns selbst zur Qual und groesserer Not;
denn essen und trinken immer mehr und mehr wird der kleine Daeumling
wohl, aber arbeiten sein Lebetage nicht! Nein, nein, das ist mehr
als ein Mensch aushalten kann auf dieser Erde! - Ach koennt' ich nur
sterben - nur sterben!" Und damit fing die Arme an zu weinen und zu
schluchzen, bis sie endlich, vom Schmerz uebermannt, ganz entkraeftet
einschlief. -

Mit Recht konnte das Weib ueber den abscheulichen Wechselbalg klagen,
den sie vor drittehalb Jahren geboren. Das, was man auf den ersten
Blick sehr gut fuer ein seltsam verknorpeltes Stueckchen Holz
haette ansehen koennen, war naemlich ein kaum zwei Spannen hoher,
missgestalteter Junge, der von dem Korbe, wo er querueber gelegen,
heruntergekrochen, sich jetzt knurrend im Grase waelzte. Der Kopf stak
dem Dinge tief zwischen den Schultern, die Stelle des Rueckens vertrat
ein kuerbisaehnlicher Auswuchs, und gleich unter der Brust hingen
die haselgertduennen Beinchen herab, dass der Junge aussah wie ein
gespalteter Rettich. Vom Gesicht konnte ein stumpfes Auge nicht viel
entdecken, schaerfer hinblickend, wurde man aber wohl die lange spitze
Nase, die aus schwarzen struppigen Haaren hervorstarrte, und ein
Paar kleine, schwarz funkelnde Aeuglein gewahr, die, zumal bei den
uebrigens ganz alten, eingefurchten Zuegen des Gesichts, ein klein
Alraeunchen kundzutun schienen. -

Als nun, wie gesagt, das Weib ueber ihren Gram in tiefen Schlaf
gesunken war und ihr Soehnlein sich dicht an sie herangewaelzt
hatte, begab es sich, dass das Fraeulein von Rosenschoen, Dame des
nahegelegenen Stifts, von einem Spaziergange heimkehrend, des Weges
daherwandelte. Sie blieb stehen und wurde, da sie von Natur fromm
und mitleidig, bei dem Anblick des Elends, der sich ihr darbot, sehr
geruehrt. "O du gerechter Himmel," fing sie an, "wieviel Jammer und
Not gibt es doch auf dieser Erde! - Das unglueckliche Weib! - Ich
weiss, dass sie kaum das liebe Leben hat, da arbeitet sie ueber ihre
Kraefte und ist vor Hunger und Kummer hingesunken! - Wie fuehle ich
jetzt erst recht empfindlich meine Armut und Ohnmacht! Ach, koennt'
ich doch nur helfen, wie ich wollte! - Doch das, was mir noch uebrig
blieb, die wenigen Gaben, die das feindselige Verhaengnis mir nicht zu
rauben, nicht zu zerstoeren vermochte, die mir noch zu Gebote stehen,
die will ich kraeftig und getreu nuetzen, um dem Leidwesen zu steuern.
Geld, haette ich auch darueber zu gebieten, wuerde dir gar nichts
helfen, arme Frau, sondern deinen Zustand vielleicht noch gar
verschlimmern. Dir und deinem Mann, euch beiden ist nun einmal
Reichtum nicht beschert, und wem Reichtum nicht beschert ist, dem
verschwinden die Goldstuecke aus der Tasche, er weiss selbst nicht
wie, er hat davon nichts als grossen Verdruss und wird, je mehr Geld
ihm zustroemt, nur desto aermer. Aber ich weiss es, mehr als alle
Armut, als alle Not, nagt an deinem Herzen, dass du jenes kleine
Untierchen gebarst, das sich wie eine boese unheimliche Last an dich
haengt, die du durch das Leben tragen musst. - Gross - schoen - stark
- verstaendig, ja, das alles kann der Junge nun einmal nicht werden,
aber es ist ihm vielleicht noch auf andere Weise zu helfen." - Damit
setzte sich das Fraeulein nieder ins Gras und nahm den Kleinen auf den
Schoss. Das boese Alraeunchen straeubte und spreizte sich, knurrte und
wollte das Fraeulein in den Finger beissen, _die_ sprach aber: "Ruhig,
ruhig, kleiner Maikaefer!" und strich leise und linde mit der flachen
Hand ihm ueber den Kopf von der Stirn herueber bis in den Nacken.
Allmaehlich glaettete sich waehrend des Streichelns das struppige Haar
des Kleinen aus, bis es gescheitelt, an der Stirne fest anliegend, in
huebschen weichen Locken hinabwallte auf die hohen Schultern und den
Kuerbisruecken. Der Kleine war immer ruhiger geworden und endlich fest
eingeschlafen. Da legte ihn das Fraeulein Rosenschoen behutsam dicht
neben der Mutter hin ins Gras, besprengte diese mit einem geistigen
Wasser aus dem Riechflaeschchen, das sie aus der Tasche gezogen, und
entfernte sich dann schnellen Schrittes.

Als die Frau bald darauf erwachte, fuehlte sie sich auf wunderbare
Weise erquickt und gestaerkt. Es war ihr, als habe sie eine tuechtige
Mahlzeit gehalten und einen guten Schluck Wein getrunken. "Ei," rief
sie aus, "wie ist mir doch in dem bisschen Schlaf so viel Trost,
so viel Munterkeit gekommen! - Aber die Sonne ist schon bald herab
hinter den Bergen, nun fort nach Hause!" - Damit wollte sie den Korb
aufpacken, vermisste aber, als sie hineinsah, den Kleinen, der in
demselben Augenblick sich aus dem Grase aufrichtete und weinerlich
quaekte. Als nun die Mutter sich nach ihm umschaute, schlug sie vor
Erstaunen die Haende zusammen und rief - "Zaches - Klein Zaches, wer
hat dir denn unterdessen die Haare so schoen gekaemmt! - Zaches -
Klein Zaches, wie huebsch wuerden dir die Locken kleiden, wenn du
nicht solch ein abscheulich garstiger Junge waerst! - Nun, komm nur,
komm! - hinein in den Korb!" Sie wollte ihn fassen und quer ueber das
Holz legen, da strampelte aber Klein Zaches mit den Beinen, grinste
die Mutter an und miaute sehr vernehmlich: "Ich mag nicht!" - "Zaches!
- Klein Zaches!" schrie die Frau ganz ausser sich, "wer hat dich denn
unterdessen reden gelehrt? Nun! wenn du solch schoen gekaemmte Haare
hast, wenn du so artig redest, so wirst du auch wohl laufen koennen."
Die Frau huckte den Korb auf den Ruecken, Klein Zaches hing sich an
ihre Schuerze, und so ging es fort nach dem Dorfe.

Sie mussten bei dem Pfarrhause vorueber, da begab es sich, dass der
Pfarrer mit seinem juengsten Knaben, einem bildschoenen goldlockigen
Jungen von drei Jahren, in seiner Haustuere stand. Als der nun die
Frau mit dem schweren Holzkorbe und mit Klein Zaches, der an ihrer
Schuerze baumelte, daherkommen sah, rief er ihr entgegen: "Guten
Abend, Frau Liese, wie geht es Euch - Ihr habt ja eine gar zu schwere
Buerde geladen, Ihr koennt ja kaum mehr fort, kommt her, ruht Euch ein
wenig aus auf dieser Bank vor meiner Tuere, meine Magd soll Euch einen
frischen Trunk reichen!" - Frau Liese liess sich das nicht zweimal
sagen, sie setzte ihren Korb ab und wollte eben den Mund oeffnen, um
dem ehrwuerdigen Herrn all ihren Jammer, ihre Not zu klagen, als Klein
Zaches bei der raschen Wendung der Mutter das Gleichgewicht verlor und
dem Pfarrer vor die Fuesse flog. Der bueckte sich rasch nieder und hob
den Kleinen auf, indem er sprach: "Ei, Frau Liese, Frau Liese, was
habt Ihr da fuer einen bildschoenen allerliebsten Knaben! Das ist ja
ein wahrer Segen des Himmels, ein solch wunderbar schoenes Kind zu
besitzen." Und damit nahm er den Kleinen in die Arme und liebkoste ihn
und schien es gar nicht zu bemerken, dass der unartige Daeumling gar
haesslich knurrte und mauzte und den ehrwuerdigen Herrn sogar in die
Nase beissen wollte. Aber Frau Liese stand ganz verbluefft vor dem
Geistlichen und schaute ihn an mit aufgerissenen starren Augen und
wusste gar nicht, was sie denken sollte. "Ach, lieber Herr Pfarrer,"
begann sie endlich mit weinerlicher Stimme, "ein Mann Gottes, wie Sie,
treibt doch wohl nicht seinen Spott mit einem armen ungluecklichen
Weibe, das der Himmel, mag er selbst wissen warum, mit diesem
abscheulichen Wechselbalge gestraft hat!" "Was spricht," erwiderte der
Geistliche sehr ernst, "was spricht Sie da fuer tolles Zeug, liebe
Frau! von Spott - Wechselbalg - Strafe des Himmels - ich verstehe Sie
gar nicht und weiss nur, dass Sie ganz verblendet sein muss, wenn Sie
Ihren huebschen Knaben nicht recht herzlich liebt. - Kuesse mich,
artiger kleiner Mann!" - Der Pfarrer herzte den Kleinen, aber Zaches
knurrte: "Ich mag nicht!" und schnappte aufs neue nach des Geistlichen
Nase. - "Seht die arge Bestie!" rief Liese erschrocken; aber in dem
Augenblick sprach der Knabe des Pfarrers: "Ach, lieber Vater, du bist
so gut, du tust so schoen mit den Kindern, die muessen wohl alle dich
recht herzlich lieb haben!" "O hoert doch nur," rief der Pfarrer,
indem ihm die Augen vor Freude glaenzten, "O hoert doch nur, Frau
Liese, den huebschen verstaendigen Knaben, Euren lieben Zaches, dem
Ihr so uebelwollt. Ich merk' es schon, Ihr werdet Euch nimmermehr was
aus dem Knaben machen, sei er auch noch so huebsch und verstaendig.
Hoert, Frau Liese, ueberlasst mir Euer hoffnungsvolles Kind zur Pflege
und Erziehung. Bei Eurer drueckenden Armut ist Euch der Knabe nur
eine Last, und mir macht es Freude, ihn zu erziehen wie meinen eignen
Sohn!" -

Liese konnte vor Erstaunen gar nicht zu sich selbst kommen, ein
Mal ueber das andere rief sie: "Aber, lieber Herr Pfarrer - lieber
Herr Pfarrer, ist denn das wirklich Ihr Ernst, dass Sie die kleine
Ungestalt zu sich nehmen und erziehen und mich von der Not befreien
wollen, die ich mit dem Wechselbalg habe?" - Doch, je mehr die
Frau die abscheuliche Haesslichkeit ihres Alraeunchens dem Pfarrer
vorhielt, desto eifriger behauptete dieser, dass sie in ihrer tollen
Verblendung gar nicht verdiene, vom Himmel mit dem herrlichen Geschenk
eines solchen Wunderknaben gesegnet zu sein, bis er zuletzt ganz
zornig mit Klein Zaches auf dem Arm hineinlief in das Haus und die
Tuere von innen verriegelte.

Da stand nun Frau Liese wie versteinert vor des Pfarrers Haustuere
und wusste gar nicht, was sie von dem allem denken sollte. "Was um
aller Welt willen," sprach sie zu sich selbst, "ist denn mit unserm
wuerdigen Herrn Pfarrer geschehen, dass er in meinen Klein Zaches
so ganz und gar vernarrt ist und den einfaeltigen Knirps fuer einen
huebschen, verstaendigen Knaben haelt? - Nun! helfe Gott dem lieben
Herrn, er hat mir die Last von den Schultern genommen und sie sich
selbst aufgeladen, mag er nun zusehen, wie er sie traegt! - Hei! wie
leicht geworden ist nun der Holzkorb, da Klein Zaches nicht mehr
darauf sitzt und mit ihm die schwerste Sorge!" -

Damit schritt Frau Liese, den Holzkorb auf dem Ruecken, lustig und
guter Dinge fort ihres Weges! - -

Wollte ich auch zurzeit noch gaenzlich darueber schweigen, du
wuerdest, guenstiger Leser, dennoch wohl ahnen, dass es mit dem
Stiftsfraeulein von Rosenschoen, oder wie sie sich sonst nannte,
Rosengruenschoen, eine ganz besondere Bewandtnis haben muesse. Denn
nichts anders war es wohl, als die geheimnisvolle Wirkung ihres
Kopfstreichelns und Haarausglaettens, dass Klein Zaches von dem
gutmuetigen Pfarrer fuer ein schoenes und kluges Kind angesehn und
gleich wie sein eignes aufgenommen wurde. Du koenntest, lieber Leser,
aber doch, trotz deines vortrefflichen Scharfsinns, in falsche
Vermutungen geraten oder gar zum grossen Nachteil der Geschichte
viele Blaetter ueberschlagen, um nur gleich mehr von dem mystischen
Stiftsfraeulein zu erfahren; besser ist es daher wohl, ich erzaehle
dir gleich alles, was ich selbst von der wuerdigen Dame weiss.

Fraeulein von Rosenschoen war von grosser Gestalt, edlem
majestaetischen Wuchs und etwas stolzem, gebietendem Wesen. Ihr
Gesicht, musste man es gleich vollendet schoen nennen, machte, zumal
wenn sie wie gewoehnlich in starrem Ernst vor sich hinschaute, einen
seltsamen, beinahe unheimlichen Eindruck, was vorzueglich einem ganz
besondern fremden Zuge zwischen den Augenbrauen zuzuschreiben, von dem
man durchaus nicht recht wusste, ob ein Stiftsfraeulein dergleichen
wirklich auf der Stirne tragen koenne. Dabei lag aber auch oft,
vorzueglich zur Rosenzeit bei heiterm schoenen Wetter, so viel
Huld und Anmut in ihrem Blick, dass jeder sich von suessem
unwiderstehlichen Zauber befangen fuehlte. Als ich die Gnaedige zum
ersten- und letztenmal zu schauen das Vergnuegen hatte, war sie dem
Ansehen nach eine Frau in der hoechsten, vollendetsten Bluete ihrer
Jahre, auf der hoechsten Spitze des Wendepunktes, und ich meinte, dass
mir grosses Glueck beschieden, die Dame noch eben auf dieser Spitze
zu erblicken und ueber ihre wunderbare Schoenheit gewissermassen zu
erschrecken, welches sich dann sehr bald nicht mehr wuerde zutragen
koennen. Ich war im Irrtum. Die aeltesten Leute im Dorf versicherten,
dass sie das gnaedige Fraeulein gekannt haetten schon so lange als
sie daechten, und dass die Dame niemals anders ausgesehen habe, nicht
aelter, nicht juenger, nicht haesslicher, nicht huebscher als eben
jetzt. Die Zeit schien also keine Macht zu haben ueber sie, und schon
dieses konnte manchem verwunderlich vorkommen. Aber noch manches
andere trat hinzu, worueber sich jeder, ueberlegte er es recht
ernstlich, ebensosehr wundern, ja zuletzt aus der Verwunderung, in die
er verstrickt, gar nicht herauskommen musste. Fuers erste offenbarte
sich ganz deutlich bei dem Fraeulein die Verwandtschaft mit den
Blumen, deren Namen sie trug. Denn nicht allein, dass kein Mensch auf
Erden solche herrliche tausendblaettrige Rosen zu ziehen vermochte,
als sie, so spriessten auch aus dem schlechtesten duerresten Dorn,
den sie in die Erde steckte, jene Blumen in der hoechsten Fuelle
und Pracht hervor. Dann war es gewiss, dass sie auf einsamen
Spaziergaengen im Walde laute Gespraeche fuehrte mit wunderbaren
Stimmen, die aus den Baeumen, aus den Bueschen, aus den Quellen und
Baechen zu toenen schienen. Ja, ein junger Jaegersmann hatte sie
belauscht, wie sie einmal mitten im dicksten Gehoelz stand und
seltsame Voegel mit buntem glaenzenden Gefieder, die gar nicht im
Lande heimisch, sie umflatterten und liebkosten und in lustigem Singen
und Zwitschern ihr allerlei froehliche Dinge zu erzaehlen schienen,
worueber sie lachte und sich freute. Daher kam es denn auch, dass
Fraeulein von Rosenschoen zu jener Zeit, als sie in das Stift
gekommen, bald die Aufmerksamkeit aller Leute in der Gegend anregte.
Ihre Aufnahme in das Fraeuleinstift hatte der Fuerst befohlen; der
Baron Praetextatus von Mondschein, Besitzer des Gutes, in dessen Naehe
jenes Stift lag, dem er als Verweser vorstand, konnte daher nichts
dagegen einwenden, ungeachtet ihn die entsetzlichsten Zweifel
quaelten. Vergebens war naemlich sein Muehen geblieben, in Rixners
Turnierbuch und andern Chroniken die Familie Rosengruenschoen
aufzufinden. Mit Recht zweifelte er aus diesem Grunde an der
Stiftsfaehigkeit des Fraeuleins, die keinen Stammbaum mit
zweiunddreissig Ahnen aufzuweisen hatte, und bat sie zuletzt ganz
zerknirscht, die hellen Traenen in den Augen, doch sich um des Himmels
willen wenigstens nicht Rosengruenschoen, sondern Rosenschoen zu
nennen, denn in diesem Namen sei doch noch einiger Verstand und
ein Ahnherr moeglich. - Sie tat ihm das zu Gefallen. - Vielleicht
aeusserte sich des gekraenkten Praetextatus Groll gegen das ahnenlose
Fraeulein auf diese - jene Weise und gab zuerst Anlass zu der boesen
Nachrede, die sich immer mehr und mehr im Dorfe verbreitete. Zu jenen
zauberhaften Unterhaltungen im Walde, die indessen sonst nichts auf
sich hatten, kamen naemlich allerlei bedenkliche Umstaende, die von
Mund zu Mund gingen und des Fraeuleins eigentliches Wesen in gar
zweideutiges Licht stellten. Mutter Anne, des Schulzen Frau,
behauptete keck, dass, wenn das Fraeulein stark zum Fenster heraus
niese, allemal die Milch im ganzen Dorfe sauer wuerde. Kaum hatte sich
dies aber bestaetigt, als sich das Schreckliche begab. Schulmeisters
Michel hatte in der Stiftskueche gebratene Kartoffeln genascht und war
von dem Fraeulein darueber betroffen worden, die ihm laechelnd mit
dem Finger drohte. Da war dem Jungen das Maul offen stehen geblieben,
gerade als haett' er eine gebratene brennende Kartoffel darin sitzen
immerdar, und er musste fortan einen Hut mit vorstehender breiter
Krempe tragen, weil es sonst dem Armen ins Maul geregnet haette.
Bald schien es gewiss zu sein, dass das Fraeulein sich darauf
verstand, Feuer und Wasser zu besprechen, Sturm und Hagelwolken
zusammenzutreiben, Weichselzoepfe zu flechten etc., und niemand
zweifelte an der Aussage des Schafhirten, der zur Mitternachtsstunde
mit Schauer und Entsetzen gesehen haben wollte, wie das Fraeulein
auf einem Besen brausend durch die Luefte fuhr, vor ihr her ein
ungeheurer Hirschkaefer, zwischen dessen Hoernern blaue Flammen hoch
aufleuchteten! - Nun kam alles in Aufruhr, man wollte der Hexe zu
Leibe, und die Dorfgerichte beschlossen nichts Geringeres, als das
Fraeulein aus dem Stift zu holen und sie ins Wasser zu werfen, damit
sie die gewoehnliche Hexenprobe bestehe. Der Baron Praetextatus liess
alles geschehen und sprach laechelnd zu sich selbst: "So geht es
simplen Leuten ohne Ahnen, die nicht von solch altem guten Herkommen
sind, wie der Mondschein." Das Fraeulein, unterrichtet von dem
bedrohlichen Unwesen, fluechtete nach der Residenz, und bald darauf
erhielt der Baron Praetextatus einen Kabinettsbefehl vom Fuersten
des Landes, mittelst dessen ihm bekannt gemacht, dass es keine Hexen
gaebe, und befohlen wurde, die Dorfgerichte fuer die naseweise Gier,
Schwimmkuenste eines Stiftsfraeuleins zu schauen, in den Turm werfen,
den uebrigen Bauern und ihren Weibern aber andeuten zu lassen, bei
empfindlicher Leibesstrafe von dem Fraeulein Rosenschoen nicht
schlecht zu denken. Sie gingen in sich, fuerchteten sich vor der
angedrohten Strafe und dachten fortan gut von dem Fraeulein, welches
fuer beide, fuer das Dorf und fuer die Dame Rosenschoen, die
erspriesslichsten Folgen hatte.

In dem Kabinett des Fuersten wusste man recht gut, dass das Fraeulein
von Rosenschoen niemand anders war, als die sonst beruehmte
weltbekannte Fee Rosabelverde. Es hatte mit der Sache folgende
Bewandtnis:

Auf der ganzen weiten Erde war wohl sonst kaum ein anmutigeres Land
zu finden, als das kleine Fuerstentum, worin das Gut des Baron
Praetextatus von Mondschein lag, worin das Fraeulein von Rosenschoen
hauste, kurz, worin sich das alles begab, was ich dir, geliebter
Leser, des breiteren zu erzaehlen eben im Begriff stehe.

Von einem hohen Gebirge umschlossen, glich das Laendchen mit seinen
gruenen, duftenden Waeldern, mit seinen blumigen Auen, mit seinen
rauschenden Stroemen und lustig plaetschernden Springquellen, zumal
da es gar keine Staedte, sondern nur freundliche Doerfer und hin und
wieder einzeln stehende Palaeste darin gab, einem wunderbar herrlichen
Garten, in dem die Bewohner wie zu ihrer Lust wandelten, frei von
jeder drueckenden Buerde des Lebens. Jeder wusste, dass Fuerst
Demetrius das Land beherrsche; niemand merkte indessen das mindeste
von der Regierung, und alle waren damit gar wohl zufrieden. Personen,
die die volle Freiheit in all ihrem Beginnen, eine schoene Gegend,
ein mildes Klima liebten, konnten ihren Aufenthalt gar nicht besser
waehlen als in dem Fuerstentum, und so geschah es denn, dass unter
andern auch verschiedene vortreffliche Feen von der guten Art,
denen Waerme und Freiheit bekanntlich ueber alles geht, sich dort
angesiedelt hatten. Ihnen mocht' es zuzuschreiben sein, dass sich
beinahe in jedem Dorfe, vorzueglich aber in den Waeldern sehr oft die
angenehmsten Wunder begaben und dass jeder, von dem Entzuecken, von
der Wonne dieser Wunder ganz umflossen, voellig an das Wunderbare
glaubte und, ohne es selbst zu wissen, eben deshalb ein froher, mithin
guter Staatsbuerger blieb. Die guten Feen, die sich in freier Willkuer
ganz dschinnistanisch eingerichtet, haetten dem vortrefflichen
Demetrius gern ein ewiges Leben bereitet. Das stand indessen nicht in
ihrer Macht. Demetrius starb, und ihm folgte der junge Paphnutius in
der Regierung. Paphnutius hatte schon zu Lebzeiten seines Herrn Vaters
einen stillen innerlichen Gram darueber genaehrt, dass Volk und
Staat nach seiner Meinung auf die heilloseste Weise vernachlaessigt,
verwahrlost wurde. Er beschloss zu regieren und ernannte sofort seinen
Kammerdiener Andres, der ihm einmal, als er im Wirtshause hinter den
Bergen seine Boerse liegen lassen, sechs Dukaten geborgt und dadurch
aus grosser Not gerissen hatte, zum ersten Minister des Reichs. "Ich
will regieren, mein Guter!" rief ihm Paphnutius zu. Andres las in den
Blicken seines Herrn, was in ihm vorging, warf sich ihm zu Fuessen und
sprach feierlich: "Sire! die grosse Stunde hat geschlagen! - durch Sie
steigt schimmernd ein Reich aus maechtigem Chaos empor! - Sire! hier
fleht der treueste Vasall, tausend Stimmen des armen ungluecklichen
Volks in Brust und Kehle! - Sire! - fuehren Sie die Aufklaerung
ein!" - Paphnutius fuehlte sich durch und durch erschuettert von
dem erhabenen Gedanken seines Ministers. Er hob ihn auf, riss ihn
stuermisch an seine Brust und sprach schluchzend: "Minister - Andres
- ich bin dir sechs Dukaten schuldig - noch mehr - mein Glueck - mein
Reich! - o treuer, gescheuter Diener!" -

Paphnutius wollte sofort ein Edikt mit grossen Buchstaben drucken und
an allen Ecken anschlagen lassen, dass von Stund' an die Aufklaerung
eingefuehrt sei und ein jeder sich darnach zu achten habe. "Bester
Sire!" rief indessen Andres, "bester Sire! so geht es nicht!" - "Wie
geht es denn, mein Guter?" sprach Paphnutius, nahm seinen Minister
beim Knopfloch und zog ihn hinein in das Kabinett, dessen Tuere er
abschloss.

"Sehen Sie," begann Andres, als er seinem Fuersten gegenueber auf
einem kleinen Taburett Platz genommen, "sehen Sie, gnaedigster Herr!
- die Wirkung Ihres fuerstlichen Edikts wegen der Aufklaerung wuerde
vielleicht verstoert werden auf haessliche Weise, wenn wir nicht damit
eine Massregel verbinden, die zwar hart scheint, die indessen die
Klugheit gebietet. - Ehe wir mit der Aufklaerung vorschreiten, d. h.
ehe wir die Waelder umhauen, den Strom schiffbar machen, Kartoffeln
anbauen, die Dorfschulen verbessern, Akazien und Pappeln anpflanzen,
die Jugend ihr Morgen- und Abendlied zweistimmig absingen, Chausseen
anlegen und die Kuhpocken einimpfen lassen, ist es noetig, alle Leute
von gefaehrlichen Gesinnungen, die keiner Vernunft Gehoer geben und
das Volk durch lauter Albernheiten verfuehren, aus dem Staate zu
verbannen - Sie haben Tausendundeine Nacht gelesen, bester Fuerst,
denn ich weiss, dass Ihr durchlauchtig seliger Herr Papa, dem der
Himmel eine sanfte Ruhe im Grabe schenken moege, dergleichen fatale
Buecher liebte und Ihnen, als Sie sich noch der Steckenpferde
bedienten und vergoldete Pfefferkuchen verzehrten, in die Haende gab.
Nun also! - Aus jenem voellig konfusen Buche werden Sie, gnaedigster
Herr, wohl die sogenannten Feen kennen, gewiss aber nicht ahnen, dass
sich verschiedene von diesen gefaehrlichen Personen in Ihrem eignen
lieben Lande hier ganz in der Naehe Ihres Palastes angesiedelt haben
und allerlei Unfug treiben." "Wie? - was sagt Er? - Andres! Minister!
- Feen! - hier in meinem Lande?" - So rief Fuerst, indem er ganz
erblasst in die Stuhllehne zuruecksank. - "Ruhig, mein gnaedigster
Herr," fuhr Andres fort, "ruhig koennen wir bleiben, sobald wir mit
Klugheit gegen jene Feinde der Aufklaerung zu Felde ziehen. Ja! -
Feinde der Aufklaerung nenne ich sie, denn nur sie sind, die Guete
Ihres seligen Herrn Papas missbrauchend, daran schuld, dass der liebe
Staat noch in gaenzlicher Finsternis darniederliegt. Sie treiben ein
gefaehrliches Gewerbe mit dem Wunderbaren und scheuen sich nicht,
unter dem Namen Poesie ein heimliches Gift zu verbreiten, das die
Leute ganz unfaehig macht zum Dienste in der Aufklaerung. Dann haben
sie solche unleidliche polizeiwidrige Gewohnheiten, dass sie schon
deshalb in keinem kultivierten Staate geduldet werden duerften. So
z.B. entbloeden sich die Frechen nicht, sowie es ihnen einfaellt, in
den Lueften spazieren zu fahren mit vorgespannten Tauben, Schwaenen,
ja sogar gefluegelten Pferden. Nun frage ich aber, gnaedigster Herr,
verlohnt es sich der Muehe, einen gescheuten Akzisetarif zu entwerfen
und einzufuehren, wenn es Leute im Staate gibt, die imstande sind,
jedem leichtsinnigen Buerger unversteuerte Waren in den Schornstein
zu werfen, wie sie nur wollen? - Darum, gnaedigster Herr, - sowie die
Aufklaerung angekuendigt wird, fort mit den Feen! - Ihre Palaeste
werden umzingelt von der Polizei, man nimmt ihnen ihre gefaehrliche
Habe und schafft sie als Vagabonden fort nach ihrem Vaterlande,
welches, wie Sie, gnaedigster Herr, aus Tausendundeiner Nacht wissen
werden, das Laendchen Dschinnistan ist." "Gehen Posten nach diesem
Lande, Andres?" so fragte der Fuerst. "Zurzeit nicht," erwiderte
Andres, "aber vielleicht laesst sich nach eingefuehrter Aufklaerung
eine Journaliere dorthin mit Nutzen einrichten." - "Aber Andres," fuhr
der Fuerst fort, "wird man unser Verfahren gegen die Feen nicht hart
finden? - Wird das verwoehnte Volk nicht murren?" - "Auch dafuer,"
sprach Andres, "auch dafuer weiss ich ein Mittel. Nicht alle Feen,
gnaedigster Herr, wollen wir fortschicken nach Dschinnistan, sondern
einige im Lande behalten, sie aber nicht allein aller Mittel berauben,
der Aufklaerung schaedlich zu werden, sondern auch zweckdienliche
Mittel anwenden, sie zu nuetzlichen Mitgliedern des aufgeklaerten
Staats umzuschaffen. Wollen sie sich nicht auf solide Heiraten
einlassen, so moegen sie unter strenger Aufsicht irgendein nuetzliches
Geschaeft treiben, Socken stricken fuer die Armee, wenn es Krieg gibt,
oder sonst. Geben Sie acht, gnaedigster Herr, die Leute werden sehr
bald an die Feen, wenn sie unter ihnen wandeln, gar nicht mehr
glauben, und das ist das beste. So gibt sich alles etwanige Murren von
selbst. - Was uebrigens die Utensilien der Feen betrifft, so fallen
sie der fuerstlichen Schatzkammer heim, die Tauben und Schwaene werden
als koestliche Braten in die fuerstliche Kueche geliefert, mit den
gefluegelten Pferden kann man aber auch Versuche machen, sie zu
kultivieren und zu bilden zu nuetzlichen Bestien, indem man ihnen die
Fluegel abschneidet und sie zur Stallfuetterung gibt, die wir doch
hoffentlich zugleich mit der Aufklaerung einfuehren werden." -

Paphnutius war mit allen Vorschlaegen seines Ministers auf das
hoechste zufrieden, und schon andern Tages wurde ausgefuehrt, was
beschlossen war.

An allen Ecken prangte das Edikt wegen der eingefuehrten Aufklaerung,
und zu gleicher Zeit brach die Polizei in die Palaeste der Feen, nahm
ihr ganzes Eigentum in Beschlag und fuehrte sie gefangen fort.

Mag der Himmel wissen, wie es sich begab, dass die Fee Rosabelverde
die einzige von allen war, die wenige Stunden vorher, ehe die
Aufklaerung hereinbrach, Wind davon bekam und die Zeit nutzte, ihre
Schwaene in Freiheit zu setzen, ihre magischen Rosenstoecke und andere
Kostbarkeiten beiseite zu schaffen. Sie wusste naemlich auch, dass sie
dazu erkoren war, im Lande zu bleiben, worin sie sich, wiewohl mit
grossem Widerwillen, fuegte.

Ueberhaupt konnten es weder Paphnutius noch Andres begreifen, warum
die Feen, die nach Dschinnistan transportiert wurden, eine solche
uebertriebene Freude aeusserten und ein Mal ueber das andere
versicherten, dass ihnen an aller Habe, die sie zuruecklassen muessen,
nicht das mindeste gelegen. "Am Ende," sprach Paphnutius entruestet,
"am Ende ist Dschinnistan ein viel huebscherer Staat wie der meinige,
und sie lachen mich aus mitsamt meinem Edikt und meiner Aufklaerung,
die jetzt erst recht gedeihen soll!" -

Der Geograph sollte mit dem Historiker des Reichs ueber das Land
umstaendlich berichten.

Beide stimmten darin ueberein, dass Dschinnistan ein erbaermliches
Land sei, ohne Kultur, Aufklaerung, Gelehrsamkeit, Akazien und
Kuhpocken, eigentlich auch gar nicht existiere. Schlimmeres koenne
aber einem Menschen oder einem ganzen Lande wohl nicht begegnen, als
gar nicht zu existieren.

Paphnutius fuehlte sich beruhigt.

Als der schoene blumige Hain, in dem der verlassene Palast der Fee
Rosabelverde lag, umgehauen wurde, und beispielshalber Paphnutius
selbst saemtlichen Bauerluemmeln im naechsten Dorfe die Kuhpocken
eingeimpft hatte, passte die Fee dem Fuersten in dem Walde auf, durch
den er mit dem Minister Andres nach seinem Schloss zurueckkehren
wollte. Da trieb sie ihn mit allerlei Redensarten, vorzueglich aber
mit einigen unheimlichen Kuntstueckchen, die sie vor der Polizei
geborgen, dermassen in die Enge, dass er sie um des Himmels
willen bat, doch mit einer Stelle des einzigen und daher besten
Fraeuleinstifts im ganzen Lande vorliebzunehmen, wo sie, ohne sich
an das Aufklaerungsedikt zu kehren, schalten und walten koenne nach
Belieben.

Die Fee Rosabelverde nahm den Vorschlag an und kam auf diese Weise
in das Fraeuleinstift, wo sie sich, wie schon erzaehlt worden, das
Fraeulein von Rosengruenschoen, dann aber, auf dringendes Bitten des
Baron Praetextatus von Mondschein, das Fraeulein von Rosenschoen
nannte.



Zweites Kapitel

Von der unbekannten Voelkerschaft, die der Gelehrte Ptolomaeus
Philadelphus auf seinen Reisen entdeckte. - Die Universitaet Kerepes.
- Wie dem Studenten Fabian ein Paar Reitstiefel um den Kopf flogen und
der Professor Mosch Terpin den Studenten Balthasar zum Tee einlud.

In den vertrauten Briefen, die der weltberuehmte Gelehrte Ptolomaeus
Philadelphus an seinen Freund Rufin schrieb, als er sich auf weiten
Reisen befand, ist folgende merkwuerdige Stelle enthalten:

"Du weisst, mein lieber Rufin, dass ich nichts in der Welt so fuerchte
und scheue, als die brennenden Sonnenstrahlen des Tages, welche
die Kraefte meines Koerpers aufzehren und meinen Geist dermassen
abspannen und ermatten, dass alle Gedanken in ein verworrenes Bild
zusammenfliessen und ich vergebens darnach ringe, auch nur irgendeine
deutliche Gestaltung in meiner Seele zu erfassen. Ich pflege daher in
dieser heissen Jahreszeit des Tages zu ruhen, nachts aber meine Reise
fortzusetzen, und so befand ich mich dann auch in voriger Nacht auf
der Reise. Mein Fuhrmann hatte sich in der dicken Finsternis von dem
rechten, bequemen Wege verirrt und war unversehens auf die Chaussee
geraten. Ungeachtet ich aber durch die harten Stoesse, die es hier
gab, in dem Wagen hin und her geschleudert wurde, so dass mein Kopf
voller Beulen einem mit Walnuessen gefuellten Sack nicht unaehnlich
war, erwachte ich doch aus dem tiefen Schlafe, in den ich versunken,
nicht eher, bis ich mit einem entsetzlichen Ruck aus dem Wagen heraus
auf den harten Boden stuerzte. Die Sonne schien mir hell ins Gesicht,
und durch den Schlagbaum, der dicht vor mir stand, gewahrte ich die
hohen Tuerme einer ansehnlichen Stadt. Der Fuhrmann lamentierte sehr,
da nicht allein die Deichsel, sondern auch ein Hinterrad des Wagens
an dem grossen Stein, der mitten auf der Chaussee lag, gebrochen, und
schien sich wenig oder gar nicht um mich zu kuemmern. Ich hielt, wie
es dem Weisen ziemt, meinen Zorn zurueck und rief dem Kerl bloss
sanftmuetig zu, er sei ein verfluchter Schlingel, er moege bedenken,
dass Ptolomaeus Philadelphus, der beruehmteste Gelehrte seiner Zeit,
auf dem St- saesse, und Deichsel Deichsel und Rad Rad sein lassen. Du
kennst, mein lieber Rufin, die Gewalt, die ich ueber das menschliche
Herz uebe, und so geschah es denn auch, dass der Fuhrmann
augenblicklich aufhoerte zu lamentieren und mir mit Huelfe des
Chausseeinnehmers, vor dessen Haeuslein sich der Unfall begeben, auf
die Beine half. Ich hatte zum Glueck keinen sonderlichen Schaden
gelitten und war imstande, langsam auf der Strasse fortzuwandeln,
waehrend der Fuhrmann den zerbrochenen Wagen muehsam nachschleppte.
Unfern des Tors der Stadt, die ich in blauer Ferne gesehen, begegneten
mir nun aber viele Leute von solch wunderlichem Wesen und in solch
seltsamer Kleidung, dass ich mir die Augen rieb, um zu erforschen,
ob ich wirklich wache oder ob nicht vielleicht ein toller neckhafter
Traum mich eben in ein fremdes fabelhaftes Land versetze. - Diese
Leute, die ich mit Recht fuer Bewohner der Stadt, aus deren Tor
ich sie kommen sah, halten durfte, trugen lange, sehr weite Hosen,
nach Art der Japaneser zugeschnitten, von koestlichem Zeuge, Samt,
Manchester, feinem Tuch oder auch wohl bunt durchwirkter Leinwand, mit
Tressen oder huebschen Baendern und Schnueren reichlich besetzt, dazu
kleine Kinderroecklein, kaum den Unterleib bedeckend, meistens von
sonnenheller Farbe, nur wenige gingen schwarz. Die Haare hingen
ungekaemmt in natuerlicher Wildheit auf Schultern und Ruecken herab,
und auf dem Kopf sass ein kleines seltsames Muetzchen. Manche hatten
den Hals ganz entbloesst nach der Weise der Tuerken und Neugriechen,
andere dagegen trugen um Hals und Brust ein Stueckchen weisse
Leinwand, beinahe einem Hemdekragen aehnlich, wie Du, geliebter Rufin,
sie auf den Bildern unserer Vorfahren gesehen haben wirst. Ungeachtet
diese Leute saemtlich sehr jung zu sein schienen, war doch ihre
Sprache tief und rauh, jede ihrer Bewegungen ungelenk, und mancher
hatte einen schmalen Schatten unter der Nase, als sitze dort ein
Stutzbaertchen. Aus den Hinterteilen der kleinen Roecke mancher ragte
ein langes Rohr hervor, an dem grosse seidene Quasten baumelten.
Andere hatten diese Roehre hervorgezogen und kleine - groessere -
manchmal auch sehr grosse wunderlich geformte Koepfe unten daran
befestigt, aus denen sie, oben durch ein ganz spitz zulaufendes
Roehrchen hineinblasend, auf geschickte Weise kuenstliche Dampfwolken
aufsteigen zu lassen wussten. Andre trugen breite blitzende Schwerter
in den Haenden, als wollten sie dem Feinde entgegenziehen; noch andere
hatten kleine Behaeltnisse von Leder oder Blech umgehaengt oder ueber
den Ruecken geschnallt. Du kannst denken, lieber Rufin, dass ich,
der ich durch sorgliches Betrachten jeder mir neuen Erscheinung mein
Wissen zu bereichern suche, stillstand und mein Auge fest auf die
seltsamen Leute heftete. Da versammelten sie sich um mich her,
schrien ganz gewaltig: 'Philister - Philister!' - und schlugen eine
entsetzliche Lache auf. - Das verdross mich. Denn, geliebter Rufin,
gibt es fuer einen grossen Gelehrten etwas Kraenkenderes, als fuer
einen von dem Volke gehalten zu werden, das vor vielen tausend Jahren
mittelst eines Eselkinnbackens erschlagen wurde? - Ich nahm mich
zusammen in der mir angebornen Wuerde und sprach laut zu dem
sonderbaren Volk um mich her, dass ich hoffe, mich in einem
zivilisierten Staat zu befinden, und dass ich mich an Polizei und
Gerichtshoefe wenden wuerde, um die mir zugefuegte Unbill zu raechen.
Da brummten sie alle; auch die, die bisher noch nicht gedampft, zogen
die dazu bestimmten Maschinen aus der Tasche, und alle bliesen mir die
dicken Dampfwolken ins Gesicht, welche, wie ich nun erst merkte, ganz
unertraeglich stanken und meine Sinne betaeubten. Dann spachen sie
eine Art Fluch ueber mich aus, dessen Worte ich ihrer Graesslichkeit
halber Dir, geliebter Rufin, gar nicht wiederholen mag. Nur mit tiefem
Grausen kann ich selbst daran denken. Endlich verliessen sie mich
unter lautem Hohngelaechter, und mir war's, als wenn das Wort:
Hetzpeitsche in den Lueften verhalle! - Mein Fuhrmann, der alles mit
angehoert, mit angesehen, rang die Haende und sprach: 'Ach mein lieber
Herr! nun das geschehen ist, was geschah, so gehen Sie beileibe nicht
in jene Stadt hinein! Kein Hund, wie man zu sagen pflegt, wuerde ein
Stueck Brot von Ihnen nehmen und stete Gefahr Sie bedrohen, geprue-'
Ich liess den Wackern nicht ausreden, sondern wandte meine Schritte
so schnell, als es nur gehen mochte, nach dem naechsten Dorfe. In dem
einsamen Kaemmerlein des einzigen Wirtshauses dieses Dorfes sitze
ich und schreibe Dir, mein geliebter Rufin, dieses alles! - Soviel
es moeglich ist, werde ich Nachrichten einziehen von dem fremden
barbarischen Volke, das in jener Stadt hauset. Von ihren Sitten -
Gebraeuchen - von ihrer Sprache u.s.w. habe ich mir schon manches
hoechst Seltsame erzaehlen lassen und werde Dir getreulich alles
mitteilen etc. etc."

Du gewahrst, o mein geliebter Leser, dass man ein grosser Gelehrter
und doch mit sehr gewoehnlichen Erscheinungen im Leben unbekannt sein,
und doch ueber Weltbekanntes in die wunderlichsten Traeume geraten
kann. Ptolomaeus Philadelphus hatte studiert und kannte nicht
einmal Studenten und wusste nicht einmal, dass er in dem Dorfe
Hoch-Jakobsheim sass, das bekanntlich dicht bei der beruehmten
Universitaet Kerepes liegt, als er seinem Freunde von einer
Begebenheit schrieb, die sich in seinem Kopfe zum seltsamsten
Abenteuer umgeformt hatte. Der gute Ptolomaeus erschrak, als er
Studenten begegnete, die froehlich und guter Dinge ueber Land zogen zu
ihrer Lust. Welche Angst haette ihn ueberfallen, waere er eine Stunde
frueher in Kerepes angekommen, und haette ihn der Zufall vor das
Haus des Professors der Naturkunde Mosch Terpin gefuehrt! - Hunderte
von Studenten haetten, aus dem Hause herausstroemend, ihn umringt,
laermend disputierend etc., und noch wunderliche Traeume waeren ihm in
den Kopf gekommen ueber diesem Gewirr, ueber diesem Getreibe.

Die Kollegia Mosch Terpins wurden naemlich in ganz Kerepes am
haeufigsten besucht. Er war, wie gesagt, Professor der Naturkunde, er
erklaerte, wie es regnet, donnert, blitzt, warum die Sonne scheint bei
Tage und der Mond des Nachts, wie und warum das Gras waechst etc., so
dass jedes Kind es begreifen musste. Er hatte die ganze Natur in ein
kleines niedliches Kompendium zusammengefasst, so dass er sie bequem
nach Gefallen handhaben und daraus fuer jede Frage die Antwort wie
aus einem Schubkasten herausziehen konnte. Seinen Ruf begruendete
er zuerst dadurch, als er es nach vielen physikalischen Versuchen
gluecklich herausgebracht hatte, dass die Finsternis hauptsaechlich
von Mangel an Licht herruehre. Dies, sowie, dass er eben
jene physikalischen Versuche mit vieler Gewandtheit in nette
Kunststueckchen umzusetzen wusste und gar ergoetzlichen Hokuspokus
trieb, verschaffte ihm den unglaublichen Zulauf. - Erlaube, mein
guenstiger Leser, dass, da du da viel besser wie der beruehmte
Gelehrte Ptolomaeus Philadelphus Studenten kennst, da du nichts von
seiner traeumerischen Furchtsamkeit weist, ich dich nun nach Kerepes
fuehre vor das Haus des Professors Mosch Terpin, als er eben sein
Kollegium beendet. Einer unter den herausstroemenden Studenten fesselt
sogleich deine Aufmerksamkeit. Du gewahrst einen wohlgestalteten
Juengling von drei- bis vierundzwanzig Jahren, aus dessen dunkel
leuchtenden Augen ein innerer reger, herrlicher Geist mit beredten
Worten spricht. Beinahe keck wuerde sein Blick zu nennen sein, wenn
nicht die schwaermerische Trauer, wie sie auf dem ganzen blassen
Antlitz liegt, einem Schleier gleich die brennenden Strahlen
verhuellte. Sein Rock von schwarzem feinen Tuch, mit gerissenem Samt
besetzt, ist beinahe nach altteutscher Art zugeschnitten, wozu der
zierliche blendendweisse Spitzenkragen, sowie das Samtbarett, das
auf den schoenen kastanienbraunen Locken sitzt, ganz gut passt. Gar
huebsch steht ihm diese Tracht deshalb, weil er seinem ganzen Wesen,
seinem Anstande in Gang und Stellung, seiner bedeutungsvollen
Gesichtsbildung nach wirklich einer schoenen frommen Vorzeit
anzugehoeren scheint und man daher nicht eben an die Ziererei denken
mag, wie sie in kleinlichem Nachaeffen missverstandener Vorbilder
in ebenso missverstandenen Anspruechen der Gegenwart oft an der
Tagesordnung ist. Dieser junge Mann, der dir, geliebter Leser, auf
den ersten Blick so wohlgefaellt, ist niemand anders als der Student
Balthasar, anstaendiger, vermoegender Leute Kind, fromm - verstaendig
- fleissig - von dem ich dir, o mein Leser, in der merkwuerdigen
Geschichte, die ich aufzuschreiben unternommen, gar vieles zu
erzaehlen gedenke. -

Ernst, in Gedanken vertieft, wie es seine Art war, wandelte Balthasar
aus dem Kollegium des Professors Mosch Terpin dem Tore zu, um sich,
statt auf den Fechtboden, in das anmutige Waeldchen zu begeben, das
kaum ein paar hundert Schritte von Kerepes liegt. Sein Freund Fabian,
ein huebscher Bursche von muntrem Ansehen und ebensolcher Gesinnung,
rannte ihm nach und ereilte ihn dicht vor dem Tore.

"Balthasar!" - rief nun Fabian laut, "Balthasar, nun, willst du wieder
heraus in den Wald und wie ein melancholischer Philister einsam
umherirren, waehrend tuechtige Burschen sich wacker ueben in der edlen
Fechtkunst! - Ich bitte dich, Balthasar, lass doch endlich ab von
deinem naerrischen, unheimlichen Treiben und sei wieder recht munter
und froh, wie du es sonst wohl warst. Komm! - wir wollen uns in ein
paar Gaengen versuchen, und willst du denn noch heraus, so lauf' ich
wohl mit dir."

"Du meinst es gut," erwiderte Balthasar, "du meinst es gut, Fabian,
und deswegen will ich nicht mit dir grollen, dass du mir manchmal auf
Steg und Weg nachlaeufst wie ein Besessener und mich um manche Lust
bringst, von der du keinen Begriff hast. Du gehoerst nun einmal zu den
seltsamen Leuten, die jeden, den sie einsam wandeln sehn, fuer einen
melancholischen Narren halten und ihn auf ihre Weise handhaben und
kurieren wollen, wie jener Hofschranz den wuerdigen Prinzen Hamlet,
der dem Maennlein dann, als er versicherte, sich nicht auf das
Floetenblasen zu verstehen, eine tuechtige Lehre gab. Damit will ich
dich, lieber Fabian, nun zwar verschonen, uebrigens dich aber recht
herzlich bitten, dass du dir zu deiner edlen Fechterei mit Rapier
und Hieber einen andern Kumpan suchen und mich ruhig meinen Weg
fortwandeln lassen moegest." "Nein, nein," rief Fabian lachend, "so
entkommst du mir nicht, mein teurer Freund! - Willst du mit mir nicht
auf den Fechtboden, so gehe ich mit dir heraus in das Waeldchen.
Es ist die Pflicht des treuen Freundes, dich in deinem Truebsinn
aufzuheitern. Komm nur, lieber Balthasar, komm nur, wenn du es denn
nicht anders haben willst."

Damit fasste er den Freund unter den Arm und schritt ruestig mit ihm
von dannen. Balthasar biss in stillem Ingrimm die Zaehne zusammen und
beharrte in finsterm Schweigen, waehrend Fabian in einem Zuge Lustiges
und Lustiges erzaehlte. Es lief viel Albernes mit unter, welches immer
zu geschehen pflegt beim lustigen Erzaehlen in einem Zuge.

Als sie nun endlich in die kuehlen Schatten des duftenden Waldes
traten, als die Buesche wie in sehnsuechtigen Seufzern fluesterten,
als die wunderbaren Melodien der rauschenden Baeche, die Lieder des
Waldgefluegels fernhin toenten und den Widerhall weckten, der ihnen
aus den Bergen antwortete, da stand Balthasar ploetzlich still
und rief, indem er die Arme weit ausbreitete, als woll' er Baum
und Gebuesch liebend umfangen: "O, nun ist mir wieder wohl! -
unbeschreiblich wohl!" - Fabian schaute den Freund etwas verbluefft
an, wie einer, der nicht klug werden kann aus des andern Rede, der gar
nicht weiss, was er damit anfangen soll. Da fasste Balthasar seine
Hand und rief voll Entzuecken: "Nicht wahr, Bruder, nun geht dir
auch das Herz auf, nun begreifst du auch das selige Geheimnis der
Waldeinsamkeit?" - "Ich verstehe dich nicht ganz, lieber Bruder,"
erwiderte Fabian, "aber wenn du meinst, dass dir ein Spaziergang hier
im Walde wohl tut, so bin ich voellig deiner Meinung. Gehe ich nicht
auch gern spazieren, zumal in guter Gesellschaft, in der man ein
vernuenftiges lehrreiches Gespraech fuehren kann? - Z.B. ist es wohl
eine wahre Lust, mit unserm Professor Mosch Terpin ueber Land zu
gehen. Der kennt jedes Pflaenzchen, jedes Graeschen und weiss, wie es
heisst mit Namen und in welche Klasse es gehoert, und versteht sich
auf Wind und Wetter -" "Halt ein," rief Balthasar, "ich bitte dich,
halt ein! - Du beruehrst etwas, das mich toll machen koennte, gaeb' es
sonst keinen Trost dafuer. Die Art, wie der Professor ueber die Natur
spricht, zerreisst mein Inneres. Oder vielmehr, mich fasst dabei
ein unheimliches Grauen, als saeh' ich den Wahnsinnigen, der in
geckenhafter Narrheit Koenig und Herrscher ein selbst gedrehtes
Strohpueppchen liebkost, waehnend, die koenigliche Braut zu umhalsen!
Seine sogenannten Experimente kommen mir vor wie eine abscheuliche
Verhoehnung des goettlichen Wesens, dessen Atem uns in der Natur
anweht und in unserm innersten Gemuet die tiefsten heiligsten Ahnungen
aufregt. Oft gerat' ich in Versuchung, ihm seine Glaeser, seine
Phiolen, seinen ganzen Kram zu zerschmeissen, daecht' ich nicht daran,
dass der Affe ja nicht ablaesst mit dem Feuer zu spielen, bis er sich
die Pfoten verbrennt. - Sieh, Fabian, diese Gefuehle aengstigen mich,
pressen mir das Herz zusammen in Mosch Terpins Vorlesungen, und wohl
mag ich euch dann tiefsinniger und menschenscheuer vorkommen als
jemals. Mir ist dann zumute, als wollten die Haeuser ueber meinem Kopf
zusammenstuerzen, eine unbeschreibliche Angst treibt mich heraus aus
der Stadt. Aber hier, hier erfuellt bald mein Gemuet eine suesse Ruhe.
Auf den blumigen Rasen gelagert, schaue ich herauf in das weite Blaue
des Himmels, und ueber mir, ueber den jubelnden Wald hinweg ziehen
die goldnen Wolken wie herrliche Traeume aus einer fernen Welt
voll seliger Freuden! - O mein Fabian, dann erhebt sich aus meiner
eignen Brust ein wunderbarer Geist, und ich vernehm' es, wie er in
geheimnisvollen Worten spricht mit den Bueschen - mit den Baeumen, mit
den Wogen des Waldbachs, und nicht vermag ich die Wonne zu nennen, die
dann in suessem wehmuetigen Bangen mein ganzes Wesen durchstroemt!"
- "Ei," rief Fabian, "ei, das ist nun wieder das alte ewige Lied von
Wehmut und Wonne und sprechenden Baeumen und Waldbaechen. Alle deine
Verse strotzen von diesen artigen Dingen, die ganz passabel ins Ohr
fallen und mit Nutzen verbraucht werden, sobald man nichts weiter
dahinter sucht. - Aber sage mir, mein vortrefflichster Melancholikus,
wenn dich Mosch Terpins Vorlesungen in der Tat so entsetzlich
kraenken und aergern, sage mir nur, warum in aller Welt du in jede
hineinlaeufst, warum du keine einzige versaeumst und dann freilich
jedesmal stumm und starr mit geschlossen Augen dasitzest wie ein
Traeumender?" - "Frage mich," erwiderte Balthasar, indem er die
Augen niederschlug, "frage mich darum nicht, lieber Freund! - Eine
unbekannte Gewalt zieht mich jeden Morgen hinein in Mosch Terpins
Haus. Ich fuehle im voraus meine Qualen, und doch kann ich nicht
widerstehen, ein dunkles Verhaengnis reisst mich fort!" - "Ha - ha,"
- lachte Fabian hell auf, "ha ha ha - wie fein - wie poetisch, wie
mystisch! Die unbekannte Gewalt, die dich hineinzieht in Mosch Terpins
Haus, liegt in den dunkelblauen Augen der schoenen Candida! - Dass
du bis ueber die Ohren verliebt bist in des Professors niedliches
Toechterlein, das wissen wir alle laengst, und darum halten wir dir
deine Fantasterei, dein naerrisches Wesen zugute. Mit Verliebten
ist es nun nicht anders. Du befindest dich im ersten Stadium der
Liebeskrankheit und musst in spaeten Juenglingsjahren dich zu all den
seltsamen Possen bequemen, die wir, ich und viele andere, dem Himmel
sei es gedankt! ohne ein grosses zuschauendes Publikum auf der Schule
durchmachten. Aber glaube mir, mein suesses Herz -"

Fabian hatte indessen seinen Freund Balthasar wieder beim Arme gefasst
und war mit ihm rasch weitergeschritten. Eben jetzt traten sie heraus
aus dem Dickicht auf den breiten Weg, der mitten durch den Wald
fuehrte. Da gewahrte Fabian, wie aus der Ferne ein Pferd ohne Reiter,
in eine Staubwolke gehuellt, herantrabte. - "Hei, hei!" rief er,
sich in seiner Rede unterbrechend, "hei, hei, da ist eine verfluchte
Schindmaehre durchgegangen und hat ihren Reiter abgesetzt - die
muessen wir fangen und nachher den Reiter suchen im Walde." Damit
stellte er sich mitten in den Weg.

Naeher und naeher kam das Pferd, da war es, als wenn von beiden Seiten
ein Paar Reitstiefel in der Luft auf und nieder baumelten und auf
dem Sattel etwas Schwarzes sich rege und bewege. Dicht vor Fabian
erschallte ein langes gellendes Prrr - Prrr - und in demselben
Augenblick flogen ihm auch ein Paar Reitstiefel um den Kopf, und
ein kleines seltsames, schwarzes Ding kugelte hin, ihm zwischen die
Beine. Mauerstill stand das grosse Pferd und beschnueffelte mit lang
vorgestrecktem Halse sein winziges Herrlein, das sich im Sande waelzte
und endlich muehsam auf die Beine richtete. Dem kleinen Knirps steckte
der Kopf tief zwischen den hohen Schultern, er war mit seinem Auswuchs
auf Brust und Ruecken, mit seinem kurzen Leibe und seinen hohen
Spinnenbeinchen anzusehen wie ein auf eine Gabel gespiesster Apfel,
dem man ein Fratzengesicht eingeschnitten. Als nun Fabian dies
seltsame kleine Ungetuem vor sich stehen sah, brach er in ein lautes
Gelaechter aus. Aber der Kleine drueckte sich das Barettlein, das er
vom Boden aufgerafft, trotzig in die Augen und fragte, indem er Fabian
mit wilden Blicken durchbohrte, in rauhem, tief heiserem Ton: "Ist
dies der rechte Weg nach Kerepes?" - "Ja, mein Herr!" antwortete
Balthasar mild und ernst und reichte dem Kleinen die Stiefel hin,
die er zusammengesucht hatte. Alles Muehen des Kleinen, die Stiefel
anzuziehen, blieb vergebens, er stuelpte einmal uebers andere um und
waelzte sich stoehnend im Sande. Balthasar stellte beide Stiefel
aufrecht zusammen, hob den Kleinen sanft in die Hoehe und steckte,
ihn ebenso niederlassend, beide Fuesschen in die zu schwere und weite
Futterale. Mit stolzem Wesen, die eine Hand in die Seite gestemmt, die
andere ans Barett gelegt, rief der Kleine: "Gratias, mein Herr!" und
schritt nach dem Pferde hin, dessen Zuegel er fasste. Alle Versuche,
den Steigbuegel zu erreichen oder hinaufzuklimmen auf das grosse Tier,
blieben indessen vergebens. Balthasar, immer ernst und mild, trat
hinzu und hob den Kleinen in den Steigbuegel. Er mochte sich wohl
einen zu starken Schwung gegeben haben, denn in demselben Augenblick,
als er oben sass, lag er auf der andern Seite auch wieder unten.
"Nicht so hitzig, allerliebster Mosje!" rief Fabian, indem er aufs
neue in ein schallendes Gelaechter ausbrach. "Der Teufel ist Ihr
allerliebster Mosje," schrie der Kleine ganz erbost, indem er sich
den Sand von den Kleidern klopfte, "ich bin Studiosus, und wenn Sie
desgleichen sind, so ist es Tusch, dass Sie mir wie ein Hasenfuss
ins Gesicht lachen, und Sie muessen sich morgen in Kerepes mit mir
schlagen!" "Donner," rief Fabian immerfort lachend, "Donner, das ist
mal ein tuechtiger Bursche, ein Allerweltskerl, was Courage betrifft
und echten Komment". Und damit hob er den Kleinen, alles Zappelns und
Straeubens ungeachtet, in die Hoehe und setzte ihn aufs Pferd, das
sofort mit seinem Herrlein lustig wiehernd davontrabte. - Fabian hielt
sich beide Seiten, er wollte vor Lachen ersticken. - "Es ist grausam,"
sprach Balthasar, "einen Menschen auszulachen, den die Natur auf
solche entsetzliche Weise verwahrlost hat, wie den kleinen Reiter
dort. Ist er wirklich Student, so musst du dich mit ihm schlagen, und
zwar, laeuft's auch sonst gegen alle akademische Sitte, auf Pistolen,
da er weder Rapier noch Hieber zu fuehren vermag." - "Wie ernst,"
sprach Fabian, "wie ernst, wie truebselig du das alles wieder nimmst,
mein lieber Freund Balthasar. Nie ist's mir eingefallen, eine
Missgeburt auszulachen. Aber sage mir, darf solch ein knorpliger
Daeumling sich auf ein Pferd setzen, ueber dessen Hals er nicht
wegzuschauen vermag? Darf er die Fuesslein in solch verrucht weite
Stiefeln stecken? darf er eine knapp anschliessende Kurtka mit tausend
Schnueren und Troddeln und Quasten, darf er solch ein verwunderliches
Samtbarett tragen? darf er solch ein hochmuetiges, trotziges Wesen
annehmen? darf er sich solche barbarische heisere Laute abzwingen?
- Darf er das alles, frage ich, ohne mit Recht als eingefleischter
Hasenfuss ausgelacht zu werden? - Aber ich muss hinein, ich muss den
Rumor mit anschauen, den es geben wird, wenn der ritterliche Studiosus
einzieht auf seinem stolzen Rosse! Mit dir ist doch heute einmal
nichts anzufangen! - Gehab' dich wohl!" - Spornstreichs rannte Fabian
durch den Wald nach der Stadt zurueck. - Balthasar verliess den
offenen Weg und verlor sich in das dichteste Gebuesch, da sank er
hin auf einen Moossitz, erfasst, ja ueberwaeltigt von den bittersten
Gefuehlen. Wohl mocht' es sein, dass er die holde Candida wirklich
liebte, aber er hatte diese Liebe wie ein tiefes, zartes Geheimnis
in dem Innersten seiner Seele vor allen Menschen, ja vor sich selbst
verschlossen. Als nun Fabian so ohne Hehl, so leichtsinnig darueber
sprach, war es ihm, als rissen rohe Haende in frechem Uebermut die
Schleier von dem Heiligenbilde herab, die zu beruehren er nicht
gewagt, als muesse nun die Heilige auf ihn selbst ewig zuernen. Ja,
Fabians Worte schienen ihm eine abscheuliche Verhoehnung seines ganzen
Wesens, seiner suessesten Traeume.

"Also," rief er in Uebermass seines Unmuts aus, "also fuer einen
verliebten Gecken haeltst du mich, Fabian! - fuer einen Narren, der in
Mosch Terpins Vorlesungen laeuft, um wenigstens eine Stunde hindurch
mit der schoenen Candida unter einem Dache zu sein, der in dem Walde
einsam umherstreift, um auf elende Verse zu sinnen an die Geliebte
und sie noch erbaermlicher aufzuschreiben, der die Baeume verdirbt,
alberne Namenszuege in ihre glatten Rinden einschneidend, der in
Gegenwart des Maedchens kein gescheutes Wort zu Markte bringt, sondern
nur seufzt und aechzt und weinerliche Gesichter schneidet, als litt'
er an Kraempfen, der verwelkte Blumen, die sie am Busen trug, oder gar
den Handschuh, den sie verlor, auf der blossen Brust traegt - kurz,
der tausend kindische Torheiten begeht! - Und darum, Fabian, neckst du
mich, und darum lachen mich wohl alle Burschen aus, und darum bin ich
samt der innern Welt, die mir aufgegangen, vielleicht ein Gegenstand
der Verspottung. - Und die holde - liebliche herrliche Candida -"

Als er diesen Namen aussprach, fuhr es ihm durchs Herz wie ein
gluehender Dolchstich! - Ach! - eine innere Stimme fluesterte ihm in
dem Augenblick sehr vernehmlich zu, dass er ja nur eben Candidas wegen
in Mosch Terpins Haus gehe, dass er Verse mache an die Geliebte, dass
er ihre Namen einschneide in das Laubholz, dass er in ihrer Gegenwart
verstumme, seufze, aechze, dass er verwelkte Blumen, die sie verlor,
auf der Brust trage, dass er mithin ja wirklich in alle Torheiten
verfalle, wie sie ihm Fabian nur vorruecken koenne. - Erst jetzt
fuehlte er es recht, wie unaussprechlich er die schoene Candida liebe,
aber auch zugleich, dass seltsam genug sich die reinste innigste Liebe
im aeussern Leben etwas geckenhaft gestalte, welches wohl der tiefen
Ironie zuzurechnen, die die Natur in alles menschliche Treiben gelegt.
Er mochte recht haben, ganz unrecht war es indessen, dass er sich
darueber sehr zu aergern begann. Traeume, die ihn sonst umfingen,
waren verloren, die Stimmen des Waldes klangen ihm wie Hohn und Spott,
er rannte zurueck nach Kerepes.

"Herr Balthasar - mon cher Balthasar" - rief es ihn an. Er schlug den
Blick auf und blieb festgezaubert stehen, denn ihm entgegen kam der
Professor Mosch Terpin, der seine Tochter Candida am Arme fuehrte.
Candida begruesste den zur Bildsaeule Erstarrten mit der heitern
freundlichen Unbefangenheit, die ihr eigen. "Balthasar, mon cher
Balthasar," rief der Professor, "Sie sind in der Tat der fleissigste,
mir der liebste von meinen Zuhoerern! - O mein Bester, ich merk' es
Ihnen an, Sie lieben die Natur mit all ihren Wundern, wie ich, der ich
einen wahren Narren daran gefressen! - Gewiss wieder botanisiert in
unserm Waeldchen! - Was Erspriessliches gefunden? - Nun! - lassen Sie
uns naehere Bekanntschaft machen. - Besuchen Sie mich - jederzeit
willkommen - Koennen zusammen experimentieren - Haben Sie schon meine
Luftpumpe gesehen? - Nun! - mon cher - morgen abend versammelt sich
ein freundschaftlicher Zirkel in meinem Hause, welcher Tee mit
Butterbrot konsumieren und sich in angenehmen Gespraechen erlustigen
wird, vermehren Sie ihn durch Ihre werte Person - Sie werden einen
sehr anziehenden jungen Mann kennen lernen, der mir ganz besonders
empfohlen - Bon soir, mon cher - Guten Abend, Vortrefflicher - a
revoir - Auf Wiedersehen! - Sie kommen doch morgen in die Vorlesung? -
Nun - mon cher, Adieu!" - Ohne Balthasars Antwort abzuwarten, schritt
der Professor Mosch Terpin mit seiner Tochter von dannen.

Balthasar hatte in seiner Bestuerzung nicht gewagt, die Augen
aufzuschlagen, aber Candidas Blicke brannten hinein in seine Brust,
er fuehlte den Hauch ihres Atems, und suesse Schauer durchbebten sein
innerstes Wesen.

Entnommen war ihm aller Unmut, er schaute voll Entzuecken der holden
Candida nach, bis sie in den Laubgaengen verschwand. Dann kehrte er
langsam in den Wald zurueck, um herrlicher zu traeumen als jemals.



Drittes Kapitel

Wie Fabian nicht wusste, was er sagen sollte. - Candida und
Jungfrauen, die nicht Fische essen duerfen. - Mosch Terpins
literarischer Tee. - Der junge Prinz.

Fabian gedachte, als er den Richtsteig quer durch den Wald lief, dem
kleinen wunderlichen Knirps, der vor ihm davongetrabt, doch wohl
noch zuvorzukommen. Er hatte sich geirrt, denn aus dem Gebuesch
heraustretend, gewahrte er ganz in der Ferne, wie noch ein anderer
stattlicher Reiter sich zu dem Kleinen gesellte und wie nun beide
in das Tor von Kerepes hineinritten. - "Hm!" sprach Fabian zu sich
selbst, "ist der Nussknacker auf seinem grossen Pferde auch schon vor
mir angelangt, so komme ich doch noch zeitig genug zu dem Spektakel,
den es geben wird bei seiner Ankunft. Ist das seltsame Ding wirklich
ein Studiosus, so weiset man nach dem 'Gefluegelten Ross' und haelt
er dort an mit seinem gellenden _Prr_ - _Prr!_ - und wirft die
Reitstiefel voran und sich selbst nach und tut, wenn die Bursche
lachen, wild und trotzig - nun! dann ist das tolle Possenspiel
fertig!" -

Als Fabian nun die Stadt erreicht, glaubte er in den Strassen, auf
dem Wege nach dem "Gefluegelten Ross" lauter lachenden Gesichtern
zu begegnen. Dem war aber nicht so. Alle Leute gingen ruhig und
ernst vorueber. Ebenso ernsthaft spazierten auf dem Platz vor dem
"Gefluegelten Ross" mehrere Akademiker, die sich dort versammelt,
miteinander sprechend, auf und nieder. Fabian war ueberzeugt, dass der
Kleine wenigstens hier nicht angekommen sein muesse, da gewahrte er,
einen Blick ins Tor des Gasthauses werfend, dass soeben das sehr
kennbare Pferd des Kleinen nach dem Stall gefuehrt wurde. Auf den
ersten besten seiner Bekannten sprang er nun los und fragte, ob denn
nicht ein ganz seltsamer wunderlicher Knirps herangetrabt sei. - Der,
den Fabian fragte, wusste ebensowenig etwas davon als die uebrigen,
denen Fabian nun erzaehlte, was sich mit ihm und dem Daeumling, der
ein Student sein wollen, begeben. Alle lachten sehr, versicherten
indessen, dass ein solches Ding, wie das, was er beschreibe,
keineswegs angelangt. Wohl waeren aber vor kaum zehn Minuten zwei sehr
stattliche Reiter auf schoenen Pferden im Gasthause zum "Gefluegelten
Ross" abgestiegen. "Sass der eine von ihnen auf dem Pferde, das eben
nach dem Stall gefuehrt wurde?" so fragte Fabian. "Allerdings,"
erwiderte einer, "allerdings. Der, der auf jenem Pferde sass, war
von etwas kleiner Statur, aber von zierlichem Koerperbau, angenehmen
Gesichtszuegen und hatte die schoensten Lockenhaare, die man sehen
kann. Dabei zeigte er sich als den vortrefflichsten Reiter, denn er
schwang sich mit einer Behendigkeit, mit einem Anstande vom Pferde
herab, wie der erste Stallmeister unseres Fuersten." - "Und," rief
Fabian, "und verlor nicht die Reitstiefel und kugelte euch nicht vor
die Fuesse?" - "Gott behuete," erwiderten alle einstimmig, "Gott
behuete! - was denkst du Bruder! solch ein tuechtiger Reiter wie
der Kleine!" - Fabian wusste gar nicht, was er sagen sollte. Da kam
Balthasar die Strasse herab. Auf den stuerzte Fabian los, zog ihn
heran und erzaehlte, wie der kleine Knirps, der ihnen vor dem Tor
begegnet und vom Pferde herabgefallen, hier eben angekommen sei und
von allen fuer einen schoenen Mann von zierlichem Gliederbau und fuer
den vortrefflichsten Reiter gehalten werde. "Du siehst," erwiderte
Balthasar ernst und gelassen, "du siehst, lieber Bruder Fabian, dass
nicht alle so wie du ueber unglueckliche, von der Natur verwahrloste
Menschen lieblos spottend herfallen." - "Aber du mein Himmel,"
fiel ihm Fabian ins Wort, "hier ist ja gar nicht von Spott und
Lieblosigkeit die Rede, sondern nur davon, ob ein drei Fuss hohes
Kerlein, der einem Rettich gar nicht unaehnlich, ein schoener
zierlicher Mann zu nennen?" - Balthasar musste, was Wuchs und Ansehen
des kleinen Studenten betraf, Fabians Aussage bestaetigen. Die andern
versicherten, dass der kleine Reiter ein huebscher zierlicher Mann
sei, wogegen Fabian und Balthasar fortwaehrend behaupteten, sie
haetten nie einen scheusslicheren Daeumling erblickt. Dabei blieb es,
und alle gingen voll Verwunderung auseinander.

Der spaete Abend brach ein, die beiden Freunde begaben sich zusammen
nach ihrer Wohnung. Da fuhr es dem Balthasar, selbst wusste er nicht
wie, heraus, dass er dem Professor Mosch Terpin begegnet, der ihn
auf den folgenden Abend zu sich geladen. "Ei, du gluecklicher," rief
Fabian, "ei, du uebergluecklicher Mensch! - da wirst du dein Liebchen,
die huebsche Mamsell Candida, sehen, hoeren, sprechen!" - Balthasar,
aufs neue tief verletzt, riss sich los von Fabian und wollte fort.
Doch besann er sich, blieb stehen und sprach, seinen Verdruss mit
Gewalt niederkaempfend: "Du magst recht haben, lieber Bruder, dass
du mich fuer einen albernen verliebten Gecken haeltst, ich bin es
vielleicht wirklich. Aber diese Albernheit ist eine tiefe schmerzhafte
Wunde, die meinem Gemuet geschlagen, und die, auf unvorsichtige Weise
beruehrt, im heftigeren Weh mich zu allerlei Tollheit aufreizen
koennte. Darum, Bruder, wenn du mich wirklich lieb hast, so nenne mir
nicht mehr den Namen Candida!" - "Du nimmst," erwiderte Fabian, "du
nimmst, mein lieber Freund Balthasar, die Sache wieder entsetzlich
tragisch, und anders laesst sich das auch in deinem Zustande nicht
erwarten. Aber um mit dir nicht in allerlei haesslichen Zwiespalt zu
geraten, verspreche ich, dass der Name Candida nicht eher ueber meine
Lippen kommen soll, bis du selbst mir Gelegenheit dazu gibst. Nur
so viel erlaube mir heute noch zu sagen, dass ich allerlei Verdruss
vorausgehe, in den dich dein Verliebtsein stuerzen wird. Candida
ist ein gar huebsches herrliches Maegdlein, aber zu deiner
melancholischen, schwaermerischen Gemuetsart passt sie ganz und gar
nicht. Wirst du naeher mit ihr bekannt, so wird ihr unbefangenes
heitres Wesen dir Mangel an Poesie, die du ueberall vermissest,
scheinen. Du wirst in allerlei wunderliche Traeumereien geraten, und
das Ganze wird mit entsetzlichem eingebildeten Weh und genuegender
Verzweiflung tumultuarisch enden. - Uebrigens bin ich ebenso wie du
auf morgen zu unserm Professor eingeladen, der uns mit sehr schoenen
Experimenten unterhalten wird! - Nun gute Nacht, fabelhafter Traeumer!
Schlafe, wenn du schlafen kannst vor solch wichtigem Tage wie der
morgende!"

Damit verliess Fabian den Freund, der in tiefes Nachdenken versunken.
- Fabian mochte nicht ohne Grund allerlei pathetische Ungluecksmomente
voraussehen, die sich mit Candida und Balthasar wohl zutragen konnten;
denn beider Wesen und Gemuetsart schien in der Tat Anlass genug dazu
zu geben.

Candida war, jeder musste das eingestehen, ein bildhuebsches Maedchen,
mit recht ins Herz hinein strahlenden Augen und etwas aufgeworfenen
Rosenlippen. Ob ihre uebrigens schoenen Haare, die sie in wunderlichen
Flechten gar fantastisch aufzunesteln wusste, mehr blond oder mehr
braun zu nennen, habe ich vergessen, nur erinnere ich mich sehr gut
der seltsamen Eigenschaft, dass sie immer dunkler und dunkler wurden,
je laenger man sie anschaute. Von schlankem hohen Wuchs, leichter
Bewegung, war das Maedchen, zumal in lebenslustiger Umgebung,
die Huld, die Anmut selbst, und man uebersah es bei so vielem
koerperlichen Reiz sehr gern, dass Hand und Fuss vielleicht kleiner
und zierlicher haetten gebaut sein koennen. Dabei hatte Candida
Goethes "Wilhelm Meister", Schillers Gedichte und Fouques "Zauberring"
gelesen und beinahe alles, was darin enthalten, wieder vergessen;
spielte ganz passabel das Pianoforte, sang sogar zuweilen dazu; tanzte
die neuesten Francaisen und Gavotten und schrieb die Waschzettel mit
einer feinen leserlichen Hand. Wollte man durchaus an dem lieben
Maedchen etwas aussetzen, so war es vielleicht, dass sie etwas zu tief
sprach, sich zu fest einschnuerte, sich zu lange ueber einen neuen
Hut freute und zuviel Kuchen zum Tee verzehrte. Ueberschwenglichen
Dichtern war freilich noch vieles andere an der huebschen Candida
nicht recht, aber was verlangen die auch alles. Fuers erste wollen
sie, dass das Fraeulein ueber alles, was sie von sich verlauten
lassen, in ein somnambueles Entzuecken gerate, tief seufze, die Augen
verdrehe, gelegentlich auch wohl was weniges ohnmaechtle oder gar
zurzeit erblinde als hoechste Stufe der weiblichsten Weiblichkeit.
Dann muss besagtes Fraeulein des Dichters Lieder singen nach der
Melodie, die ihm (dem Fraeulein) selbst aus dem Herzen gestroemt,
augenblicklich aber davon krank werden und selbst auch wohl Verse
machen, sich aber sehr schaemen, wenn es herauskommt, ungeachtet die
Dame dem Dichter ihre Verse, auf sehr feinem wohlriechenden Papier mit
zarten Buchstaben geschrieben, selbst in die Haende spielte, der dann
auch seinerseits vor Entzuecken darueber erkrankt, welches ihm gar
nicht zu verdenken ist. Es gibt poetische Aszetiker, die noch weiter
gehen und es aller weiblichen Zartheit entgegen finden, dass ein
Maedchen lachen, essen und trinken und sich zierlich nach der Mode
kleiden sollte. Sie gleichen beinahe dem heiligen Hieronymus, der
den Jungfrauen verbietet Ohrgehaenge zu tragen und Fische zu essen.
Sie sollen, so gebietet der Heilige, nur etwas zubereitetes Gras
geniessen, bestaendig hungrig sein, ohne es zu fuehlen, sich in
grobe, schlecht genaehte Kleider huellen, die ihren Wuchs verbergen,
vorzueglich aber eine Person zur Gefaehrtin waehlen, die ernsthaft,
bleich, traurig und etwas schmutzig ist! -

Candida war durch und durch ein heitres unbefangenes Wesen, deshalb
ging ihr nichts ueber ein Gespraech, das sich auf den leichten
luftigen Schwingen des unverfaenglichsten Humors bewegte. Sie lachte
recht herzlich ueber alles Drollige; sie seufzte nie, als wenn
Regenwetter ihr den gehofften Spaziergang verdarb oder, aller Vorsicht
ungeachtet, der neue Shawl einen Fleck bekommen hatte. Dabei blickte,
gab es wirklichen Anlass dazu, ein tiefes inniges Gefuehl hindurch,
das nie in schale Empfindelei ausarten durfte, und so mochte mir
und dir, geliebter Leser, die wir nicht zu den Ueberschwenglichen
gehoeren, das Maedchen eben ganz recht sein. Sehr leicht konnte es
mit Balthasar sich anders verhalten! - Doch bald muss es sich ja wohl
zeigen, inwiefern der prosaische Fabian richtig prophezeit hatte oder
nicht! -

Dass Balthasar vor lauter Unruhe, vor unbeschreiblichem suessen Bangen
die ganze Nacht hindurch nicht schlafen konnte: was war natuerlicher
als das. Ganz erfuellt von dem Bilde der Geliebten, setzte er sich hin
an den Tisch und schrieb eine ziemliche Anzahl artiger wohlklingender
Verse nieder, die in einer mystischen Erzaehlung von der Liebe der
Nachtigall zur Purpurrose seinen Zustand schilderten. Die wollt' er
mitnehmen in Mosch Terpins literarischen Tee und damit losfahren auf
Candidas unbewahrtes Herz, wenn und wie es nur moeglich.

Fabian laechelte ein wenig, als er, der Verabredung gemaess, zur
bestimmten Stunde kam, um seinen Freund Balthasar abzuholen, und ihn
zierlicher geputzt fand, als er ihn jemals gesehen. Er hatte einen
gezackten Kragen von den feinsten Bruessler Kanten umgetan, sein
kurzes Kleid mit geschlitzten Aermeln war von gerissenem Samt. Und
dazu trug er franzoesische Stiefeln mit hohen spitzen Absaetzen und
silbernen Fransen, einen englischen Hut vom feinsten Kastor und
daenische Handschuhe. So war er ganz deutsch gekleidet, und der Anzug
stand ihm ueber alle Massen gut, zumal er sein Haar schoen kraeuseln
lassen und das kleine Stutzbaertchen wohl aufgekaemmt hatte.

Das Herz bebte dem Balthasar vor Entzuecken, als in Mosch Terpins
Hause Candida ihm entgegentrat, ganz in der Tracht der altdeutschen
Jungfrau, freundlich, anmutig in Blick und Wort, im ganzen Wesen,
wie man sie immer zu sehen gewohnt. "Mein holdseligstes Fraeulein!"
seufzte Balthasar aus dem Innersten auf, als Candida, die suesse
Candida selbst, eine Tasse dampfenden Tee ihm darbot. Candida schaute
ihn aber an mit leuchtenden Augen und sprach: "Hier ist Rum und
Maraschino, Zwieback und Pumpernickel, lieber Herr Balthasar, greifen
Sie doch nur gefaelligst zu nach Ihrem Belieben!" Statt aber auf
Rum und Maraschino, Zwieback oder Pumpernickel zu schauen oder
gar zuzugreifen, konnte der begeisterte Balthasar den Blick voll
schmerzlicher Wehmut der innigsten Liebe nicht abwenden von der holden
Jungfrau und rang nach Worten, die aus tiefster Seele aussprechen
sollten, was er eben empfand. Da fasste ihn aber der Professor der
Aesthetik, ein grosser baumstarker Mann, mit gewaltiger Faust von
hinten, drehte ihn herum, dass er mehr Teewasser auf den Boden
verschuettete, als eben schicklich, und rief mit donnernder Stimme:
"Bester Lukas Kranach, saufen Sie nicht das schnoede Wasser, Sie
verderben sich den deutschen Magen total - dort im andern Zimmer hat
unser tapfere Mosch eine Batterie der schoensten Flaschen mit edlem
Rheinwein aufgepflanzt, die wollen wir sofort spielen lassen!" - Er
schleppte den ungluecklichen Juengling fort.

Doch aus dem Nebenzimmer trat ihnen der Professor Mosch Terpin
entgegen, ein kleines, sehr seltsames Maennlein an der Hand fuehrend
und laut rufend: "Hier, meine Damen und Herren, stelle ich Ihnen einen
mit den seltensten Eigenschaften hochbegabten Juengling vor, dem
es nicht schwer fallen wird, sich Ihr Wohlwollen, Ihre Achtung zu
erwerben. Es ist der junge Herr Zinnober, der erst gestern auf unsere
Universitaet gekommen und die Rechte zu studieren gedenkt!" - Fabian
und Balthasar erkannten auf den ersten Blick den kleinen wunderlichen
Knirps, der vor dem Tore ihnen entgegengesprengt und vom Pferde
gestuerzt war.

"Soll ich," sprach Fabian leise zu Balthasar, "soll ich denn noch das
Alraeunchen herausfordern auf Blasrohr oder Schusterpfriem? Anderer
Waffen kann ich mich doch nicht bedienen wider diesen furchtbaren
Gegner."

"Schaeme dich," erwiderte Balthasar, "schaeme dich, dass du den
verwahrlosten Mann verspottest, der, wie du hoerst, die seltensten
Eigenschaften besitzt und _so_ durch geistigen Wert das ersetzt, was
die Natur ihm an koerperlichen Vorzuegen versagte." Dann wandte er
sich zum Kleinen und sprach: "Ich hoffe nicht, bester Herr Zinnober,
dass Ihr gestriger Fall vom Pferde etwa schlimme Folgen gehabt haben
wird?" Zinnober hob sich aber, indem er einen kleinen Stock, den er in
der Hand trug, hinten unterstemmte, auf den Fussspitzen in die Hoehe,
so dass er dem Balthasar beinahe bis an den Guertel reichte, warf den
Kopf in den Nacken, schaute mit wildfunkelnden Augen herauf und sprach
in seltsam schnurrendem Basston: "Ich weiss nicht, was Sie wollen,
wovon Sie sprechen, mein Herr! Vom Pferde gefallen? - _ich_ vom Pferde
gefallen? - Sie wissen wahrscheinlich nicht, dass ich der beste Reiter
bin, den es geben kann, dass ich niemals vom Pferde falle, dass ich
als Freiwilliger unter den Kuerassieren den Feldzug mitgemacht und
Offizieren und Gemeinen Unterricht gab im Reiten auf der Manege! - hm
hm - vom Pferde fallen - ich vom Pferde fallen!" - Damit wollte er
sich rasch umwenden, der Stock, auf den er sich gestuetzt, glitt aber
aus, und der Kleine torkelte um und um, dem Balthasar vor die Fuesse.
Balthasar griff herab nach dem Kleinen, ihm aufzuhelfen, und beruehrte
dabei unversehens sein Haupt. Da stiess der Kleine einen gellenden
Schrei aus, dass es im ganzen Saal widerhallte und die Gaeste
erschrocken auffuhren von ihren Sitzen. Man umringte den Balthasar
und fragte durcheinander, warum er denn um des Himmels willen so
entsetzlich geschrieen. "Nehmen Sie es nicht uebel, bester Herr
Balthasar," sprach der Professor Mosch Terpin, "aber das war ein etwas
wunderlicher Spass. Denn wahrscheinlich wollten Sie uns doch glauben
machen, es trete hier jemand einer Katze auf den Schwanz!" "Katze
Katze - weg mit der Katze!" rief eine nervenschwache Dame und fiel
sofort in Ohnmacht, und mit dem Geschrei: "Katze - Katze" - rannten
ein paar alte Herren, die an derselben Idiosynkrasie litten, zur Tuere
hinaus.

Candida, die ihr ganzes Riechflaeschchen auf die ohnmaechtige Dame
ausgegossen, sprach leise zu Balthasar: "Aber was richten Sie auch
fuer Unheil an mit Ihrem haesslichen gellenden Miau, lieber Herr
Balthasar!"

Dieser wusste gar nicht, wie ihm geschah. Glutrot im ganzen Gesicht
vor Unwillen und Scham, vermochte er kein Wort herauszubringen, nicht
zu sagen, dass es ja der kleine Herr Zinnober und nicht _er_ gewesen,
der so entsetzlich gemauzt.

Der Professor Mosch Terpin sah des Juenglings schlimme Verlegenheit.
Er nahte sich ihm freundlich und sprach: "Nun, nun, lieber Herr
Balthasar, sein Sie doch nur ruhig. Ich habe wohl alles bemerkt.
Sich zur Erde bueckend, auf allen Vieren huepfend, ahmten Sie den
gemisshandelten grimmigen Kater herrlich nach. Ich liebe sonst sehr
dergleichen naturhistorische Spiele, doch hier im literarischen Tee"
- "Aber," platzte Balthasar heraus, "aber, vortrefflichster Herr
Professor, ich war es ja nicht." - "Schon gut - schon gut," fiel ihm
der Professor in die Rede. Candida trat zu ihnen. "Troeste mir,"
sprach der Professor zu dieser, "troeste mir doch den guten Balthasar,
der ganz betreten ist ueber alles Unheil, was geschehen."

Der gutmuetigen Candida tat der arme Balthasar, der ganz verwirrt mit
niedergesenktem Blick vor ihr stand, herzlich leid. Sie reichte ihm
die Hand und lispelte mit anmutigem Laecheln: "Es sind aber auch recht
komische Leute, die sich so entsetzlich vor Katzen fuerchten."

Balthasar drueckte Candidas Hand mit Inbrunst an die Lippen. Candida
liess den seelenvollen Blick ihrer Himmelsaugen auf ihm ruhen. Er war
verzueckt in den hoechsten Himmel und dachte nicht mehr an Zinnober
und Katzengeschrei. - Der Tumult war vorueber, die Ruhe wieder
hergestellt. Am Teetisch sass die nervenschwache Dame und genoss
mehreren Zwieback, den sie in Rum tunkte, versichernd, an dergleichen
erlabe sich das von feindlicher Macht bedrohte Gemuet, und dem jaehen
Schreck folge sehnsuechtig Hoffen! -

Auch die beiden alten Herren, denen draussen wirklich ein fluechtiger
Kater zwischen die Beine gelaufen, kehrten beruhigt zurueck und
suchten, wie mehrere andere, den Spieltisch.

Balthasar, Fabian, der Professor der Aesthetik, mehrere junge Leute
setzten sich zu den Frauen. Herr Zinnober hatte sich indessen eine
Fussbank herangerueckt und war mittelst derselben auf das Sofa
gestiegen, wo er nun in der Mitte zwischen zwei Frauen sass und stolze
funkelnde Blicke um sich warf.

Balthasar glaubte, dass der rechte Augenblick gekommen, mit seinem
Gedicht von der Liebe der Nachtigall zur Purpurrose hervorzuruecken.
Er aeusserte daher mit der gehoerigen Verschaemtheit, wie sie bei
jungen Dichtern im Brauch ist, dass er, duerfe er nicht fuerchten,
Ueberdruss und Langeweile zu erregen, duerfe er auf guetige Nachsicht
der geehrten Versammlung hoffen, es wagen wolle, ein Gedicht, das
juengste Erzeugnis seiner Muse, vorzulesen.

Da die Frauen schon hinlaenglich ueber alles verhandelt, was sich
Neues in der Stadt zugetragen, die Maedchen den letzten Ball bei dem
Praesidenten gehoerig durchgesprochen und sogar ueber die Normalform
der neuesten Huete einig worden, da die Maenner unter zwei Stunden
nicht auf weitere Speis- und Traenkung rechnen durften, so wurde
Balthasar einstimmig aufgefordert, der Gesellschaft ja den herrlichen
Genuss nicht vorzuenthalten.

Balthasar zog das sauber geschriebene Manuskript hervor und las.

Sein eignes Werk, das in der Tat aus wahrhaftem Dichtergemuet mit
voller Kraft, mit regem Leben hervorgestroemt, begeisterte ihn mehr
und mehr. Sein Vortrag, immer leidenschaftlicher steigend, verriet die
innere Glut des liebenden Herzens. Er bebte vor Entzuecken, als leise
Seufzer - manches leise Ach - der Frauen, mancher Ausruf der Maenner:
"Herrlich - vortrefflich - goettlich!" ihn ueberzeugten, dass sein
Gedicht alle hinriss.

Endlich hatte er geendet. Da riefen alle: "Welch ein Gedicht! -
welche Gedanken - welche Fantasie - was fuer schoene Verse - welcher
Wohlklang - Dank - Dank Ihnen, bester Herr Zinnober, fuer den
goettlichen Genuss" -

"Was? wie?" rief Balthasar; aber niemand achtete auf ihn, sondern
stuerzte auf Zinnober zu, der sich auf dem Sofa blaehte wie ein
kleiner Puter und mit widriger Stimme schnarchte: "Bitte recht sehr -
bitte recht sehr - muessen so vorlieb nehmen! - ist eine Kleinigkeit,
die ich erst vorige Nacht aufschrieb in aller Eil'!" - Aber der
Professor der Aesthetik schrie: "Vortrefflicher - goettlicher
Zinnober! Herzensfreund, ausser mir bist du der erste Dichter, den es
jetzt gibt auf Erden! - Komm an meine Brust, schoene Seele!" - Damit
riss er den Kleinen vom Sofa auf in die Hoehe und herzte und kuesste
ihn. Zinnober betrug sich dabei sehr ungebaerdig. Er arbeitete mit den
kleinen Beinchen auf des Professors dickem Bauch herum und quaekte:
"Lass mich los - lass mich los - es tut mir weh - weh - weh ich kratz'
dir die Augen aus - ich beiss' dir die Nase entzwei!" - "Nein," rief
der Professor, indem er den Kleinen niedersetzte auf den Sofa, "nein,
holder Freund, keine zu weit getriebene Bescheidenheit!" - Mosch
Terpin war nun auch vom Spieltisch herangetreten, der nahm Zinnobers
Haendchen, drueckte es und sprach sehr ernst: "Vortrefflich, junger
Mann! - nicht zuviel, nein, nicht genug sprach man mir von dem hohen
Genius, der Sie beseelt." "Wer ist's," rief nun wieder der Professor
der Aesthetik in voller Begeisterung aus, "wer ist's von euch
Jungfrauen, der dem herrlichen Zinnober sein Gedicht, das das innigste
Gefuehl der reinsten Liebe ausspricht, lohnt durch einen Kuss?"

Da stand Candida auf, nahete sich, volle Glut auf den Wangen, dem
Kleinen, kniete nieder und kuesste ihn auf den garstigen Mund mit
blauen Lippen. "Ja," schrie nun Balthasar, wie vom Wahnsinn ploetzlich
erfasst, "ja, Zinnober - goettlicher Zinnober, du hast das tiefsinnige
Gedicht gemacht von der Nachtigall und der Purpurrose, dir gebuehrt
der herrliche Lohn, den du erhalten!" -

Und damit riss er den Fabian ins Nebenzimmer hinein und sprach: "Tu
mir den Gefallen und schaue mich recht fest an und dann sage mir
offen und ehrlich, ob ich der Student Balthasar bin oder nicht, ob du
wirklich Fabian bist, ob wir in Mosch Terpins Hause sind, ob wir im
Traume liegen - ob wir naerrisch sind - zupfe mich an der Nase oder
ruettle mich zusammen, damit ich nur erwache aus diesem verfluchten
Spuk!" -

"Wie magst," erwiderte Fabian, "wie magst du dich denn nur so toll
gebaerden aus purer heller Eifersucht, weil Candida den Kleinen
kuesste. Gestehen musst du doch selbst, dass das Gedicht, welches
der Kleine vorlas, in der Tat vortrefflich war." - "Fabian," rief
Balthasar mit dem Ausdruck des tiefsten Erstaunens, "was sprichst du
denn?" "Nun ja," fuhr Fabian fort, "nun ja, das Gedicht des Kleinen
war vortrefflich, und gegoennt hab' ich ihm Candidas Kuss. -
Ueberhaupt scheint hinter dem seltsamen Maennlein allerlei zu stecken,
das mehr wert ist als eine schoene Gestalt. Aber was auch selbst
seine Figur betrifft, so kommt er mir jetzt nichts weniger als so
abscheulich vor wie anfangs. Beim Ablesen des Gedichts verschoenerte
die innere Begeisterung seine Gesichtszuege, so dass er mir oft ein
anmutiger wohlgewachsener Juengling zu sein schien, ungeachtet er doch
kaum ueber den Tisch hervorragte. Gib deine unnuetze Eifersucht auf,
befreunde dich als Dichter mit dem Dichter!"

"Was," schrie Balthasar voll Zorn, "was? - noch befreunden mit dem
verfluchten Wechselbalge, den ich erwuergen moechte mit diesen
Faeusten?"

"So," sprach Fabian, "so verschliessest du dich denn aller Vernunft.
Doch lass uns in den Saal zurueckkehren, wo sich etwas Neues begeben
muss, da ich laute Beifallsrufe vernehme."

Mechanisch folgte Balthasar dem Freunde in den Saal.

Als sie eintraten, stand der Professor Mosch Terpin allein in
der Mitte, die Instrumente noch in der Hand, womit er irgendein
physikalisches Experiment gemacht, starres Staunen im Gesicht. Die
ganze Gesellschaft hatte sich um den kleinen Zinnober gesammelt, der,
den Stock untergestemmt, auf den Fussspitzen dastand und mit stolzem
Blick den Beifall einnahm, der ihm von allen Seiten zustroemte.
Man wandte sich wieder zum Professor, der ein anderes sehr artiges
Kunststueckchen machte. Kaum war es fertig, als wiederum alle, den
Kleinen umringend, riefen: "Herrlich - vortrefflich, lieber Herr
Zinnober!" -

Endlich sprang auch Mosch Terpin zu dem Kleinen hin und rief zehnmal
staerker als die uebrigen: "Herrlich - vortrefflich, lieber Herr
Zinnober!"

Es befand sich in der Gesellschaft der junge Fuerst Gregor, der
auf der Universitaet studierte. Der Fuerst war von der anmutigsten
Gestalt, die man nur sehen konnte, und dabei war sein Betragen so edel
und ungezwungen, dass sich die hohe Abkunft, die Gewohnheit, sich in
den vornehmsten Kreisen zu bewegen, darin deutlich aussprach.

Fuerst Gregor war es nun, der gar nicht von Zinnober wich und ihn
als den herrlichsten Dichter, den geschicktesten Physiker ueber alle
Massen lobte.

Seltsam war die Gruppe, die beide, zusammenstehend, bildeten. Gegen
den herrlich gestalteten Gregor stach gar wunderlich das winzige
Maennlein ab, das mit hoch emporgereckter Nase sich kaum auf den
duennen Beinchen zu erhalten vermochte. Alle Blicke der Frauen waren
hingerichtet, aber nicht auf den Fuersten, sondern auf den Kleinen,
der, sich auf den Fussspitzen hebend, immer wieder herabsank und so
hinauf und hinunter wankte wie ein Cartesianisches Teufelchen.

Der Professor Mosch Terpin trat zu Balthasar und sprach: "Was sagen
Sie zu meinem Schuetzling, zu meinem lieben Zinnober? Viel steckt
hinter dem Mann, und nun ich ihn so recht anschaue, ahne ich wohl die
eigentliche Bewandtnis, die es mit ihm haben mag. Der Prediger, der
ihn erzogen und mir empfohlen hat, drueckt sich ueber seine Abkunft
sehr geheimnisvoll aus. Betrachten Sie aber nur den edlen Anstand,
sein vornehmes, ungezwungenes Betragen. Er ist gewiss von fuerstlichem
Gebluet, vielleicht gar ein Koenigssohn!" - In dem Augenblick wurde
gemeldet, das Mahl sei angerichtet. Zinnober torkelte ungeschickt hin
zur Candida, ergriff taeppisch ihre Hand und fuehrte sie nach dem
Speisesaal.

In voller Wut rannte der unglueckliche Balthasar durch die finstre
Nacht, durch Sturmwind und Regen fort, nach Hause.



Viertes Kapitel

Wie der italienische Geiger Sbiocca den Herrn Zinnober in den
Kontrabass zu werfen drohte, und der Referendarius Pulcher nicht zu
auswaertigen Angelegenheiten gelangen konnte. - Von Maut-Offizianten
und zurueckbehaltenen Wundern fuers Haus. - Balthasars Bezauberung
durch einen Stockknopf.

Auf einem hervorragenden bemoosten Gestein im einsamsten Walde sass
Balthasar und schaute gedankenvoll hinab in die Tiefe, in der ein Bach
schaeumend fortbrauste zwischen Felsstuecken und dicht verwachsenem
Gestruepp. Dunkle Wolken zogen daher und tauchten nieder hinter den
Bergen; das Rauschen der Baeume, der Gewaesser ertoente wie ein
dumpfes Winseln, und dazwischen kreischten Raubvoegel, die aus dem
finstern Dickicht aufstiegen in den weiten Himmelsraum und sich
nachschwangen dem fliehenden Gewoelk. -

Dem Balthasar war, als vernehme er in den wunderbaren Stimmen des
Waldes die trostlose Klage der Natur, als muesse er selbst untergehen
in dieser Klage, als sei sein ganzes Sein nur das Gefuehl des tiefsten
unverwindlichsten Schmerzes. Das Herz wollte ihm springen vor Wehmut,
und indem haeufige Traenen aus seinen Augen troepfelten, war es,
als blickten die Geister des Waldstroms zu ihm herauf und streckten
schneeweisse Arme empor aus den Wellen, ihn hinabzuziehen in den
kuehlen Grund.

Da schwebte aus weiter Ferne durch die Luefte daher heller froehlicher
Hoernerklang und legte sich troestend an seine Brust, und die
Sehnsucht erwachte in ihm und mit ihr suesses Hoffen. Er sah umher,
und indem die Hoerner forttoenten, duenkten ihm die gruenen Schatten
des Waldes nicht mehr so traurig, nicht mehr so klagend das Rauschen
des Windes, das Fluestern der Gebuesche. Er kam zu Worten.

"Nein," rief er aus, indem er aufsprang von seinem Sitz und mit
leuchtendem Blick in die Ferne schaute, "nein, noch verschwand nicht
alle Hoffnung! - Nur zu gewiss ist es, dass irgendein duestres
Geheimnis, irgendein boeser Zauber verstoerend in mein Leben
getreten ist, aber ich breche diesen Zauber, und sollt' ich darueber
untergehen! Als ich endlich hingerissen, uebermannt von dem Gefuehl,
das meine Brust zersprengen wollte, der holden, suessen Candida meine
Liebe gestand, las ich denn nicht in ihren Blicken, fuehlte ich nicht
an dem Druck ihrer Hand meine Seligkeit? - Aber sowie das verdammte
kleine Ungetuem sich sehen laesst, ist ihm alle Liebe zugewandt.
An ihr, der vermaledeiten Missgeburt, haengen Candidas Augen, und
sehnsuechtige Seufzer entfliehen ihrer Brust, wenn der taeppische
Junge sich ihr naehert oder gar ihre Hand beruehrt. - Es muss mit ihm
irgendeine geheimnisvolle Bewandtnis haben, und sollt' ich an alberne
Ammenmaerchen glauben, ich wuerde behaupten, der Junge sei verhext und
koenne es, wie man zu sagen pflegt, den Leuten antun. Ist es nicht
toll, dass alle ueber das missgestaltete, durch und durch verwahrloste
Maennlein spotten und lachen und dann wieder, tritt der Kleine
dazwischen, ihn als den verstaendigsten, gelehrtesten, ja
wohlgestaltetsten Herrn Studiosum ausschreien, der sich eben unter uns
befindet? - Was sage ich! geht es mir nicht beinahe selbst so, kommt
es mir nicht auch oft vor, als sei Zinnober gescheut und huebsch? -
Nur in Candidas Gegenwart hat der Zauber keine Macht ueber mich, da
ist und bleibt Herr Zinnober ein dummes, abscheuliches Alraeunchen. -
Doch! - ich stemme mich entgegen der feindlichen Macht, eine dunkle
Ahnung ruht tief in meinem Innern, irgend etwas Unerwartetes werde mir
die Waffe in die Hand geben wider den boesen Unhold!" -

Balthasar suchte den Rueckweg nach Kerepes. In einem Baumgange
fortwandernd, bemerkte er auf der Landstrasse einen kleinen bepackten
Reisewagen, aus dem ihm jemand mit einem weissen Tuch freundlich
zuwinkte. Er trat heran und erkannte Herrn Vincenzo Sbiocca,
weltberuehmten Virtuosen auf der Geige, den er wegen seines
vortrefflichen ausdrucksvollen Spiels ueber alle Massen hochschaetzte
und bei dem er schon seit zwei Jahren Unterricht genommen. "Gut,"
rief Sbiocca, indem er aus dem Wagen sprang, "gut, mein lieber Herr
Balthasar, mein teurer Freund und Schueler, gut, dass ich Sie hier
noch treffe, um von Ihnen herzlichen Abschied nehmen zu koennen."

"Wie," sprach Balthasar, "wie Herr Sbiocca, Sie verlassen doch nicht
Kerepes, wo alles Sie ehrt und achtet, wo keiner Sie missen mag?"

"Ja," erwiderte Sbiocca, indem ihm alle Glut des innern Zorns ins
Gesicht trat, "ja, Herr Balthasar, ich verlasse einen Ort, in dem die
Leute saemtlich naerrisch sind, der einem grossen Irrenhause gleicht.
- Sie waren gestern nicht in meinem Konzert, da Sie ueber Land
gegangen, sonst haetten Sie mir beistehen koennen gegen das rasende
Volk, dem ich unterlegen."

"Was ist geschehen, um tausend Himmels willen, was ist geschehen?"
rief Balthasar.

"Ich spiele," fuhr Sbiocca fort, "das schwierigste Konzert von Viotti.
Es ist mein Stolz, meine Freude. Sie haben es von mir gehoert, es hat
Sie nie unbegeistert gelassen. Gestern war ich, wohl mag ich es sagen,
ganz vorzueglich bei guter Laune - anima mein' ich, heitren Geistes
- spirito alato mein' ich. Kein Violinspieler auf der ganzen weiten
Erde, Viotti selbst haette mir nicht nachgespielt. Als ich geendet,
bricht der Beifall mit aller Wut los - furore mein' ich, wie ich
erwartet. Geige unter dem Arm trete ich vor, mich hoeflichst zu
bedanken. - Aber! was muss ich sehen, was muss ich hoeren! - Alles,
ohne mich nur im mindesten zu beachten, draengt sich nach einer Ecke
des Saals und schreit: 'Bravo - bravissimo, goettlicher Zinnober!
- welch ein Spiel - welche Haltung, welcher Ausdruck, welche
Fertigkeit!' - Ich renne hin, draenge mich durch! - da steht ein drei
Spannen hoher verwachsener Kerl und schnarrt mit widriger Stimme:
'Bitte, bitte, recht sehr, habe gespielt, wie es in meinen Kraeften
stand, bin freilich nunmehr der staerkste Violinist in Europa und den
uebrigen bekannten Weltteilen.' 'Tausend Teufel,' schrie ich, 'wer hat
denn gespielt, ich oder der Erdwurm da!' - Und als der Kleine immer
fortschnarcht: 'Bitte, bitte ergebenst,' will ich auf ihn los und
ihn fassen, in die ganze Applikatur greifend. Aber da stuerzen sie
auf mich los und reden wahnsinniges Zeug von Neid, Eifersucht und
Missgunst. Unterdessen ruft einer: 'Und welche Komposition!' und alle
einstimmig rufen hintendrein: 'Und welche Komposition - goettlicher
Zinnober! - sublimer Komponist!' Noch aerger als zuvor schrie ich:
'Ist denn alles rasend - besessen? das Konzert war von Viotti, und ich
- ich - der weltberuehmte Vincenzo Sbiocca hat es gespielt!' Aber nun
packen sie mich fest, sprechen von italienischer Tollheit - rabbia
mein' ich, von seltsamen Zufaellen, bringen mich mit Gewalt in ein
Nebenzimmer, behandeln mich wie einen Kranken, wie einen Wahnsinnigen.
Nicht lange dauert es, so stuerzt Signora Bragazzi hinein und faellt
ohnmaechtig nieder. Ihr war es ergangen wie mir. Sowie sie ihre Arie
geendet, erdroehnte der Saal von dem: 'Brava - bravissima - Zinnober,'
und alle schrien, keine solche Saengerin gaeb' es mehr auf Erden als
Zinnober, und der schnarchte wieder sein verfluchtes: 'Bitte - bitte!'
- Signora Bragazzi liegt im Fieber und wird baldigst verscheiden; ich
meinesteils rette mich durch die Flucht vor dem wahnsinnigen Volke.
Leben Sie wohl, bester Herr Balthasar! - Sehn Sie etwa den Signorino
Zinnober, so sagen Sie ihm gefaelligst, er moege sich nicht irgendwo
in einem Konzert blicken lassen, in dem ich zugegen. Unfehlbar wuerd'
ich ihn sonst bei seinen Kaeferbeinchen packen und durchs F-Loch
in den Kontrabass schmeissen, da koenne er denn zeit seines Lebens
Konzerte spielen und Arien singen, wie er nur Lust haette. Leben
Sie wohl, mein geliebter Balthasar, und legen Sie die Violine nicht
beiseite!" - Damit umarmte Herr Vincenzo Sbiocca den vor Staunen
erstarrten Balthasar und stieg in den Wagen, der schnell davonrollte.

"Hab' ich denn nicht recht," sprach Balthasar zu sich selbst, "hab'
ich denn nicht recht, das unheimliche Ding, der Zinnober, ist verhext
und tut es den Leuten an." - In dem Augenblick rannte ein junger
Mensch vorueber, bleich - verstoert, Wahnsinn und Verzweiflung im
Antlitz. Dem Balthasar fiel es schwer aufs Herz. Er glaubte in dem
Juenglinge einen seiner Freunde erkannt zu haben und sprang ihm daher
schnell nach in den Wald.

Kaum zwanzig - dreissig Schritte gelaufen, wurde er den Referendarius
Pulcher gewahr, der unter einem grossen Baume stehen geblieben und mit
himmelwaerts gerichtetem Blick also sprach: "Nein! - nicht laenger
dulden diese Schmach! - Alle Hoffnung des Lebens ist dahin! - jede
Aussicht nur ins Grab gerichtet - Fahre wohl - Leben - Welt - Hoffnung
- Geliebte." -

Und damit riss der verzweiflungsvolle Referendarius eine Pistole aus
dem Busen und drueckte sie sich an die Stirne.

Balthasar stuerzte mit Blitzesschnelle auf ihn zu, schleuderte ihm die
Pistole weit weg aus der Hand und rief: "Pulcher! um Gottes willen,
was ist dir, was tust du!"

Der Referendarius konnte einige Minuten hindurch nicht zu sich
selbst kommen. Er war halb ohnmaechtig niedergesunken auf den Rasen;
Balthasar hatte sich zu ihm gesetzt und sprach troestende Worte, wie
er es nur vermochte, ohne die Ursache von Pulchers Verzweiflung zu
wissen.

Hundertmal hatte Balthasar gefragt, was dem Referendarius denn
Schreckliches geschehen, das den schwarzen Gedanken des Selbstmords in
ihm rege gemacht. Da seufzte Pulcher endlich tief auf und begann: "Du
kennst, lieber Freund Balthasar, meine bedraengte Lage, du weisst,
wie ich all meine Hoffnung auf die Stelle des geheimen Expedienten
gesetzt, die bei dem Minister der auswaertigen Angelegenheiten offen;
du weisst, mit welchem Eifer, mit welchem Fleiss ich mich darauf
vorbereitet. Ich hatte meine Ausarbeitungen eingereicht, die, wie ich
zu meiner Freude erfuhr, den vollsten Beifall des Ministers erhalten.
Mit welcher Zuversicht stellte ich mich heute vormittag zur
muendlichen Pruefung! - Ich fand im Zimmer einen kleinen,
missgeschaffenen Kerl, den du wohl unter dem Namen des Herrn Zinnober
kennen wirst. Der Legationsrat, dem die Pruefung uebertragen, trat mir
freundlich entgegen und sagte mir, zu derselben Stelle, die ich zu
erhalten wuensche, habe sich auch Herr Zinnober gemeldet, er werde uns
_beide_ daher pruefen. Dann raunte er mir leise ins Ohr: 'Sie haben
von Ihrem Mitbewerber nichts zu befuerchten, bester Referendarius,
die Arbeiten, die der kleine Zinnober eingereicht, sind erbaermlich!'
Die Pruefung begann, keine Frage des Rats liess ich unbeantwortet.
Zinnober wusste nichts, gar nichts; statt zu antworten, schnarchte
und quaekte er unvernehmliches Zeug, das niemand verstand, fiel auch,
indem er ungebaerdig mit den Beinchen strampelte, ein paarmal vom
hohen Stuhl herab, so dass ich ihn wieder hinaufheben musste. Mir
bebte das Herz vor Vergnuegen; die freundlichen Blicke, die der
Rat dem Kleinen zuwarf, hielt ich fuer die bitterste Ironie. - Die
Pruefung war beendigt. Wer schildert meinen Schreck, mir war es, als
wenn ein jaeher Blitz mich klaftertief hineinschluege in den Boden,
als der Rat den Kleinen umarmte, zu ihm sprach: 'Herrlicher Mensch! -
welche Kenntnis - welcher Verstand - welcher Scharfsinn!' - dann zu
mir: 'Sie haben mich sehr getaeuscht, Herr Referendarius Pulcher - Sie
wissen ja gar nichts! Und - nehmen Sie es mir nicht uebel, die Art,
wie Sie sich zur Pruefung ermutigt haben moegen, laeuft gegen alle
Sitte, gegen allen Anstand! - Sie konnten sich ja gar nicht auf dem
Stuhl erhalten, Sie fielen ja herab, und Herr Zinnober musste Sie
aufrichten. Diplomatische Personen muessen fein nuechtern sein und
besonnen. - Adieu, Herr Referendarius!' - Noch hielt ich alles fuer
ein tolles Gaukelspiel. Ich wagte es, ich ging hin zum Minister. Er
liess mir heraussagen, wie ich mich unterstehen koenne, ihn noch
mit meinem Besuch zu behelligen, nach der Art, wie ich mich in der
Pruefung bewiesen - er wisse schon alles! Der Posten, zu dem ich
mich gedraengt, sei schon vergeben an Herrn Zinnober! - So hat mir
irgendeine hoellische Macht alle Hoffnung geraubt, und ich will ein
Leben freiwillig opfern, das dem dunklen Verhaengnis anheimgefallen!
Verlass mich!" -

"Nimmermehr," rief Balthasar, "erst hoere mich an!"

Er erzaehlte nun alles, was er von Zinnober wusste seit seiner ersten
Erscheinung vor dem Tor von Kerepes; wie es ihm mit dem Kleinen
ergangen im Mosch Terpins Hause; was er eben jetzt von Vincenzo
Sbiocca vernommen. "Es ist nur zu gewiss," sprach er dann, "dass
allem Beginnen der unseligen Missgeburt irgend etwas Geheimnisvolles
zum Grunde liegt, und glaube mir, Freund Pulcher, - ist irgendein
hoellischer Zauber im Spiele, so kommt es nur darauf an, ihm mit
festem Sinn entgegen zu treten, der Sieg ist gewiss, wenn nur der Mut
vorhanden. - Darum nicht verzagt, kein zu rascher Entschluss. Lass uns
vereint dem kleinen Hexenkerl zu Leibe gehen!" -

"Hexenkerl," rief der Referendarius mit Begeisterung, "ja Hexenkerl,
ein ganz verfluchter Hexenkerl ist der Kleine, das ist gewiss! - Doch
Bruder Balthasar, was ist uns denn, liegen wir im Traume? - Hexenwesen
- Zaubereien - ist es denn damit nicht vorbei seit langer Zeit?
Hat denn nicht vor vielen Jahren Fuerst Paphnutius der Grosse die
Aufklaerung eingefuehrt und alles tolle Unwesen, alles Unbegreifliche
aus dem Lande verbannt, und doch soll noch dergleichen verwuenschte
Contrebande sich eingeschlichen haben? - Wetter! das muesste man ja
gleich der Polizei anzeigen und den Maut-Offizianten! - Aber nein,
nein - nur der Wahnsinn der Leute oder, wie ich beinahe fuerchte,
ungeheure Bestechung ist schuld an unserm Unglueck. - Der verwuenschte
Zinnober soll unermesslich reich sein. Er stand neulich vor der
Muenze, und da zeigten die Leute mit Fingern nach ihm und riefen:
'Seht den kleinen huebschen Papa! - dem gehoert alles blanke Gold, was
da drinnen gepraegt wird!'"

"Still," erwiderte Balthasar, "still, Freund Referendarius, mit dem
Golde zwingt es der Unhold nicht, es ist etwas anderes dahinter!
- Wahr, dass Fuerst Paphnutius die Aufklaerung einfuehrte zu Nutz
und Frommen seines Volks, seiner Nachkommenschaft, aber manches
Wunderbare, Unbegreifliche ist doch noch zurueckgeblieben. Ich meine,
man hat noch so fuers Haus einige huebsche Wunder zurueckbehalten.
Z.B. noch immer wachsen aus lumpichten Samenkoernern die hoechsten,
herrlichsten Baeume, ja sogar die mannigfaltigsten Fruechte und
Getreidearten, womit wir uns den Leib stopfen. Erlaubt man ja wohl
noch gar den bunten Blumen, den Insekten auf ihren Blaettern und
Fluegeln die glaenzendsten Farben, selbst die allerverwunderlichsten
Schriftzuege zu tragen, von denen kein Mensch weiss, ob es Oel ist,
Guasche oder Aquarellmanier, und kein Teufel von Schreibmeister kann
die schmucke Kurrentschrift lesen, geschweige denn nachschreiben!
Hoho! Referendarius, ich sage dir, es geht in meinem Innern zuweilen
Absonderliches vor! - Ich lege die Pfeife weg und schreite im Zimmer
auf und ab, und eine seltsame Stimme fluestert, ich sei selbst ein
Wunder, der Zauberer Mikrokosmus hantiere in mir und treibe mich an zu
allerlei tollen Streichen! - Aber, Referendarius, dann laufe ich fort
und schaue hinein in die Natur und verstehe alles, was die Blumen, die
Gewaesser zu mir sprechen, und mich umfaengt selige Himmelslust!" -

"Du sprichst im Fieber," rief Pulcher; aber Balthasar, ohne auf ihn
zu achten, streckte die Arme aus, wie von inbruenstiger Sehnsucht
erfasst, nach der Ferne. "Horche doch nur," rief Balthasar, "horche
doch nur, o Referendarius, welche himmlische Musik im Rauschen des
Abendwindes durch den Wald ertoent! - Hoerst du wohl, wie die Quellen
staerker erheben ihren Gesang? wie die Buesche, die Blumen einfallen
mit lieblichen Stimmen?" -

Der Referendarius hielt das Ohr hin, um die Musik zu erhorchen, von
der Balthasar sprach. "In der Tat," fing er dann an, "in der Tat, es
wehen Toene durch den Wald, die die anmutigsten, herrlichsten sind,
welche ich in meinem Leben gehoert und die mir tief in die Seele
dringen. Doch ist es nicht der Abendwind, nicht die Buesche, nicht die
Blumen sind es, die so singen, vielmehr deucht es mir, als wenn jemand
in der Ferne die tiefsten Glocken einer Harmonika anstriche."

Pulcher hatte recht. Wirklich glichen die vollen, immer staerker und
staerker anschwellenden Akkorde, die immer naeher hallten, den Toenen
einer Harmonika, deren Groesse und Staerke aber unerhoert sein musste.
Als nun die Freunde weiter vorschritten, bot sich ihnen ein Schauspiel
dar, so zauberhaft, dass sie vor Erstaunen erstarrt - fest gewurzelt -
stehen blieben. In geringer Entfernung fuhr ein Mann langsam durch den
Wald, beinahe chinesisch gekleidet, nur trug er ein weitbauschiges
Barett mit schoenen Schwungfedern auf dem Haupte. Der Wagen glich
einer offenen Muschel von funkelndem Kristall, die beiden hohen Raeder
schienen von gleicher Masse. Sowie sie sich drehten, erklangen die
herrlichen Harmonikatoene, die die Freunde schon aus der Ferne
gehoert. Zwei schneeweisse Einhoerner mit goldenem Geschirr zogen den
Wagen, auf dem statt des Fuhrmanns ein Silberfasan sass, die goldnen
Leinen im Schnabel haltend. Hintenauf sass ein grosser Goldkaefer,
der mit den flimmernden Fluegeln flatternd, dem wunderbaren Mann in
der Muschel Kuehlung zuzuwehen schien. Sowie er bei den Freunden
vorueberkam, nickte er ihnen freundlich zu. In dem Augenblick fiel aus
dem funkelnden Knopf des langen Rohrs, das der Mann in der Hand trug,
ein Strahl auf Balthasar, so dass er einen brennenden Stich tief in
der Brust fuehlte und mit einem dumpfen Ach! zusammenfuhr. -

Der Mann blickte ihn an und laechelte und winkte noch freundlicher als
zuvor. Sowie das zauberische Fuhrwerk im dichten Gebuesch verschwand,
noch im sanften Nachhallen der Harmonikatoene, fiel Balthasar, ganz
ausser sich vor Wonne und Entzuecken, dem Freunde um den Hals und
rief: "Referendarius, wir sind gerettet! - jener ist's, der Zinnobers
versuchten Zauber bricht!" -

"Ich weiss nicht," sprach Pulcher, "ich weiss nicht, wie mir in diesem
Augenblick zumute, ob ich wache, ob ich traeume; aber so viel ist
gewiss, dass ein unbekanntes Wonnegefuehl mich durchdringt und dass
Trost und Hoffnung in meine Seele wiederkehrt."



Fuenftes Kapitel

Wie Fuerst Barsanuph Leipziger Lerchen und Danziger Goldwasser
fruehstueckte, einen Butterfleck auf die Kasimirhose bekam und den
Geheimen Sekretaer Zinnober zum Geheimen Spezialrat erhob. - Die
Bilderbuecher des Doktors Prosper Alpanus. - Wie ein Portier den
Studenten Fabian in den Finger biss, dieser ein Schleppkleid trug und
deshalb verhoehnt wurde. - Balthasars Flucht.

Es ist nicht laenger zu verhehlen, dass der Minister der auswaertigen
Angelegenheiten, bei dem Herr Zinnober als Geheimer Expedient
angenommen, ein Abkoemmling jenes Barons Praetextatus von Mondschein
war, der den Stammbaum der Fee Rosabelverde in den Turnierbuechern und
Chroniken vergebens suchte. Er hiess wie sein Ahnherr Praetextatus von
Mondschein, war von der feinsten Bildung, den angenehmsten Sitten,
verwechselte niemals das Mich und Mir, das Ihnen und Sie, schrieb
seinen Namen mit franzoesischen Lettern sowie ueberhaupt eine
leserliche Hand und arbeitete sogar zuweilen selbst, vorzueglich wenn
das Wetter schlecht war. Fuerst Barsanuph, ein Nachfolger des grossen
Paphnutz, liebte ihn zaertlich, denn er hatte auf jede Frage eine
Antwort, spielte in den Erholungsstunden mit dem Fuersten Kegel,
verstand sich herrlich aufs Geld-Negoz und suchte in der Gavotte
seinesgleichen.

Es gab sich, dass der Baron Praetextatus von Mondschein den Fuersten
eingeladen hatte zum Fruehstueck auf Leipziger Lerchen und ein
Glaeschen Danziger Goldwasser. Als er nun hinkam in Mondscheins Haus,
fand er im Vorsaal unter mehreren angenehmen diplomatischen Herren
den kleinen Zinnober, der, auf seinem Stock gestemmt, ihn mit seinen
Aeugelein anfunkelte und, ohne sich weiter an ihn zu kehren, eine
gebratene Lerche ins Maul steckte, die er soeben vom Tische gemaust.
Sowie der Fuerst den Kleinen erblickte, laechelte er ihn gnaedig an
und sprach zum Minister: "Mondschein! was haben Sie da fuer einen
kleinen, huebschen, verstaendigen Mann in Ihrem Hause? - Es ist gewiss
derselbe, der die wohl stilisierten und schoen geschriebenen Berichte
verfertigt, die ich seit einiger Zeit von Ihnen erhalte?" "Allerdings,
gnaedigster Herr," erwiderte Mondschein. "Mir hat das Geschick ihn
zugefuehrt als den geistreichsten, geschicktesten Arbeiter in meinem
Bureau. Er nennt sich Zinnober, und ich empfehle den jungen herrlichen
Mann ganz vorzueglich Ihrer Huld und Gnade, mein bester Fuerst! - Erst
seit wenigen Tagen ist er bei mir." "Und ebendeshalb," sprach ein
junger huebscher Mann, der sich indessen genaehert, "und ebendeshalb
hat, wie Ew. Exzellenz zu bemerken erlauben werden, mein kleiner
Kollege noch gar nichts expediert. Die Berichte, die das Glueck
hatten, von Ihnen, mein durchlauchtigster Fuerst, mit Wohlgefallen
bemerkt zu werden, sind von mir verfasst." "Was wollen Sie!" fuhr der
Fuerst ihn zornig an. - Zinnober hatte sich dicht an den Fuersten
geschoben und schmatzte, die Lerche verzehrend, vor Gier und Appetit.
- Der junge Mensch war es wirklich, der jene Berichte verfasst, aber:
"Was wollen Sie," rief der Fuerst, "Sie haben ja noch gar nicht die
Feder angeruehrt? - Und dass Sie dicht bei mir gebratene Lerchen
verzehren, so dass, wie ich zu meinem grossen Aerger bemerken muss,
meine neue Kasimirhose bereits einen Butterfleck bekommen, dass Sie
dabei so unbillig schmatzen, ja! - alles das beweiset hinlaenglich
Ihre voellige Untauglichkeit zu jeder diplomatischen Laufbahn! - Gehen
Sie fein nach Hause und lassen Sie sich nicht wieder vor mir sehen,
es sei denn, Sie braechten mir eine nuetzliche Fleckkugel fuer meine
Kasimirhose. - Vielleicht wird mir dann wieder gnaedig zumute!" Dann
zum Zinnober: "Solche Juenglinge, wie Sie, werter Zinnober, sind eine
Zierde des Staats und verdienen ehrenvoll ausgezeichnet zu werden! -
Sie sind Geheimer Spezialrat, mein Bester!" - "Danke schoenstens,"
schnarrte Zinnober, indem er den letzten Bissen hinunterschluckte und
sich das Maul wischte mit beiden Haendchen, "danke schoenstens, ich
werd' das Ding schon machen, wie es mir zukommt."

"Wackres Selbstvertrauen," sprach der Fuerst mit erhobener Stimme,
"wackres Selbstvertrauen zeugt von der innern Kraft, die dem wuerdigen
Staatsmann inwohnen muss!" - Und auf diesen Spruch nahm der Fuerst ein
Schnaepschen Goldwasser, welches der Minister selbst ihm darreichte
und das ihm sehr wohl bekam. - Der neue Rat musste Platz nehmen
zwischen dem Fuersten und Minister. Er verzehrte unglaublich viel
Lerchen und trank Malaga und Goldwasser durcheinander und schnarrte
und brummte zwischen den Zaehnen und hantierte, da er kaum mit
der spitzen Nase ueber den Tisch reichen konnte, gewaltig mit den
Haendchen und Beinchen.

Als das Fruehstueck beendigt, riefen beide, der Fuerst und der
Minister: "Er ist ein englischer Mensch, dieser Geheime Spezialrat!" -
"Du siehst," sprach Fabian zu seinem Freunde Balthasar, "du siehst so
froehlich aus, deine Blicke leuchten in besonderen Feuer. - Du fuehlst
dich gluecklich? - Ach, Balthasar, du traeumst vielleicht einen
schoenen Traum, aber ich muss dich daraus erweckendes ist Freundes
Pflicht!"

"Was hast du, was ist geschehen?" fragte Balthasar bestuerzt.

"Ja," fuhr Fabian fort, "ja! - ich muss es dir sagen! Fasse dich
nur, mein Freund! - Bedenke, dass vielleicht kein Unfall in der Welt
schmerzlicher trifft und doch leichter zu verwinden ist, als eben
dieser! - Candida" -

"Um Gott," schrie Balthasar entsetzt, "Candida! - was ist mit Candida?
- ist sie hin - ist sie tot?"

"Ruhig," sprach Fabian weiter, "ruhig, mein Freund! - nicht tot ist
Candida, aber so gut als tot fuer dich! - Wisse, dass der kleine
Zinnober Geheimer Spezialrat geworden und so gut als versprochen ist
mit der schoenen Candida, die, Gott weiss wie, in ihn ganz vernarrt
sein soll."

Fabian glaubte, dass Balthasar nun losbrechen werde in ungestueme,
verzweiflungsvolle Klagen und Verwuenschungen. Statt dessen sprach er
mit ruhigem Laecheln: "Ist es nichts weiter als das, so gibt es keinen
Unfall, der mich betrueben koennte."

"Du liebst Candida nicht mehr?" fragte Fabian voll Erstaunen.

"Ich liebe," erwiderte Balthasar, "ich liebe das Himmelskind, das
herrliche Maedchen mit aller Inbrunst, mit aller Schwaermerei, die nur
in eines Juenglings Brust sich entzuenden kann! Und ich weiss - ach
ich weiss es, dass Candida mich wieder liebt, dass nur ein verruchter
Zauber sie umstrickt haelt, aber bald loese ich die Bande dieses
Hexenwesens, bald vernichte ich den Unhold, der die Arme betoert." -

Balthasar erzaehlte nun dem Freunde ausfuehrlich von dem wunderbaren
Mann, dem er in dem seltsamsten Fuhrwerk im Walde begegnet. Er
schloss damit, dass, sowie aus dem Stockknopf des zauberischen Wesens
ein Strahl in seine Brust gefunkelt, der feste Gedanken in ihm
aufgegangen, dass Zinnober nichts sei als ein Hexenmaennlein, dessen
Macht jener Mann vernichten werde.

"Aber," rief Fabian, als der Freund geendet, "aber Balthasar, wie
kannst du nur auf solches tolles, wunderliches Zeug verfallen? - Der
Mann, den du fuer einen Zauberer haeltst, ist niemand anders als der
Doktor Prosper Alpanus, der unfern der Stadt auf seinem Landhause
wohnt. Wahr ist es, dass die wunderlichsten Geruechte von ihm
verbreitet werden, so dass man ihn beinahe fuer einen zweiten
Cagliostro halten moechte; aber daran ist er selbst schuld. Er liebt
es, sich in mystisches Dunkel zu huellen, den Schein eines mit den
tiefsten Geheimnissen der Natur vertrauten Mannes anzunehmen, der
unbekannten Kraeften gebietet, und dabei hat er die bizarrsten
Einfaelle. So ist zum Beispiel sein Fuhrwerk so seltsam beschaffen,
dass ein Mensch, der von lebhafter feuriger Fantasie ist, wie du, mein
Freund, wohl dahin gebracht werden kann, alles fuer eine Erscheinung
aus irgendeinem tollen Maerchen zu halten. Hoere also! - Sein
Kabriolett hat die Form einer Muschel und ist ueber und ueber
versilbert, zwischen den Raedern ist eine Drehorgel angebracht,
welche, sowie der Wagen faehrt, von selbst spielt. Das, was du fuer
einen Silberfasan hieltest, war gewiss sein kleiner weissgekleideter
Jockey, so wie du gewiss die Blaetter des ausgespreiteten
Sonnenschirms fuer die Fluegeldecken eines Goldkaefers hieltest.
Seinen beiden weissen Pferdchen laesst er grosse Hoerner anschrauben,
damit es nur recht fabelhaft aussehn soll. Uebrigens ist es richtig,
dass der Doktor Alpanus ein schoenes spanisches Rohr traegt mit einem
herrlich funkelnden Kristall, der oben darauf sitzt als Knopf und
von dessen wunderlicher Wirkung man viel Fabelhaftes erzaehlt oder
vielmehr luegt. Den Strahl dieses Kristalls soll naemlich kaum ein
Auge ertragen. Verhuellt ihn der Doktor mit einem duennen Schleier und
richtet man nun den festen Blick darauf, so soll das Bild der Person,
das man in dem innersten Gedanken traegt, ausserhalb wie in einem
Hohlspiegel erscheinen." "In der Tat," fiel Balthasar dem Freunde ins
Wort, "in der Tat? Erzaehlt man das? - Was spricht man denn wohl noch
weiter von dem Herrn Doktor Prosper Alpanus?"

"Ach," erwiderte Fabian, "verlange doch nur nicht, dass ich von den
tollen Fratzen und Possen viel reden soll. Du weisst ja, dass es
noch bis jetzt abenteuerliche Leute gibt, die der gesunden Vernunft
entgegen an alle sogenannte Wunder alberner Ammenmaerchen glauben."

"Ich will dir gestehen," fuhr Balthasar fort, "dass ich genoetigt bin,
mich selbst zu der Partie dieser abenteuerlichen Leute ohne gesunde
Vernunft zu schlagen. Versilbertes Holz ist kein glaenzendes
durchsichtiges Kristall, eine Drehorgel toent nicht wie eine
Harmonika, ein Silberfasan ist kein Jockey und ein Sonnenschirm kein
Goldkaefer. Entweder war der wunderbare Mann, dem ich begegnete, nicht
der Doktor Prosper Alpanus, von dem du sprichst, oder der Doktor
herrscht wirklich ueber die ausserordentlichsten Geheimnisse."

"Um," sprach Fabian, "um dich ganz von deinen seltsamen Traeumereien
zu heilen, ist es am besten, dass ich dich geradezu hinfuehre zu dem
Doktor Prosper Alpanus. Dann wirst du es selbst verspueren, dass der
Herr Doktor ein ganz gewoehnlicher Arzt ist und keineswegs spazieren
faehrt mit Einhoernern, Silberfasanen und Goldkaefern."

"Du sprichst," erwiderte Balthasar, indem ihm die Augen hell
auffunkelten, "du sprichst, mein Freund, den innigsten Wunsch meiner
Seele aus. - Wir wollen uns nur gleich auf den Weg machen."

Bald standen sie vor dem verschlossenen Gattertor des Parks, in
dessen Mitte das Landhaus des Doktor Alpanus lag. "Wie kommen wir nur
hinein?" sprach Fabian. "Ich denke, wir klopfen," erwiderte Balthasar
und fasste den metallenen Kloepfel, der dicht beim Schlosse angebracht
war.

Sowie er den Kloepfel aufhob, begann ein unterirdisches Murmeln wie
ein ferner Donner und schien zu verhallen in der tiefsten Tiefe.
Das Gattertor drehte sich langsam auf, sie traten ein und wanderten
fort durch einen langen, breiten Baumgang, durch den sie das
Landhaus erblickten. "Spuerst du," sprach Fabian, "hier etwas
Ausserordentliches, Zauberisches?" "Ich daechte," erwiderte Balthasar,
"die Art, wie sich das Gattertor oeffnete, waere doch nicht so ganz
gewoehnlich gewesen, und dann weiss ich nicht, wie mich hier alles
so wunderbar, so magisch anspricht. - Gibt es denn wohl auf weit und
breit solche herrliche Baeume als eben hier in diesem Park? - Ja,
mancher Baum, manches Gebuesch scheint ja mit seinen glaenzenden
Staemmen und smaragdenen Blaettern einem fremden unbekannten Lande
anzugehoeren." -

Fabian bemerkte zwei Froesche von ungewoehnlicher Groesse, die schon
von dem Gattertor an zu beiden Seiten der Wandelnden mitgehuepft
waren. "Schoener Park," rief Fabian, "in dem es solch Ungeziefer
gibt!" und bueckte sich nieder, um einen kleinen Stein aufzuheben, mit
dem er nach den lustigen Froeschen zu werfen gedachte. Beide sprangen
ins Gebuesch und guckten ihn mit glaenzenden menschlichen Augen an.
"Wartet, wartet!" rief Fabian, zielte nach dem einen und warf. In dem
Augenblick quaekte aber ein kleines haessliches Weib, das am Wege
sass: "Grobian! schmeiss' Er nicht ehrliche Leute, die hier im Garten
mit saurer Arbeit ihr bisschen Brot verdienen muessen." - "Komm nur,
komm," murmelte Balthasar entsetzt, denn er merkte wohl, dass der
Frosch sich gestaltet zum alten Weibe. Ein Blick ins Gebuesch
ueberzeugte ihn, dass der andere Frosch, jetzt ein kleines Maennlein
geworden, sich mit Ausjaeten des Unkrauts beschaeftigte. -

Vor dem Landhause befand sich ein grosser schoener Rasenplatz, auf dem
die beiden Einhoerner weideten, waehrend die herrlichsten Akkorde in
den Lueften erklangen.

"Siehst du wohl, hoerst du wohl?" sprach Balthasar.

"Ich sehe nichts weiter," erwiderte Fabian, "als zwei kleine Schimmel,
die Gras fressen, und was so in den Lueften toent, sind wahrscheinlich
aufgehaengte Aeolsharfen."

Die herrliche einfache Architektur des maessig grossen, einstoeckigen
Landhauses entzueckte den Balthasar. Er zog an der Klingelschnur,
sogleich ging die Tuere auf, und ein grosser straussartiger, ganz
goldgelb gleissender Vogel stand als Portier vor den Freunden.

"Nun seh'," sprach Fabian zu Balthasar, "nun seh' einmal einer die
tolle Livree! - Will man auch nachher dem Kerl ein Trinkgeld geben,
hat er wohl eine Hand, es in die Westentasche zu schieben?"

Und damit wandte er sich zu dem Strauss, packte ihn bei den
glaenzenden Flaumfedern, die unter dem Schnabel an der Kehle wie ein
reiches Jabot sich aufplusterten, und sprach: "Meld' Er uns bei dem
Herrn Doktor, mein scharmanter Freund!" - Der Strauss sagte aber
nichts als: _"Quirrrr"_ - und biss den Fabian in den Finger. "Tausend
Sapperment," schrie Fabian, "der Kerl ist doch wohl am Ende ein
verfluchter Vogel!"

In demselben Augenblick ging eine innere Tuere auf, und der Doktor
selbst trat den Freunden entgegen. - Ein kleiner duenner, blasser
Mann! - Er trug ein kleines samtnes Muetzchen auf dem Haupte, unter
dem schoenes Haar in langen Locken hervorstroemte, ein langes
erdgelbes indisches Gewand und kleine rote Schnuerstiefelchen, ob
mit buntem Pelz oder dem glaenzenden Federbalg eines Vogels besetzt,
war nicht zu unterscheiden. Auf seinem Antlitz lag die Ruhe, die
Gutmuetigkeit selbst, nur schien es seltsam, dass, wenn man ihn recht
nahe, recht scharf anblickte, es war, als schaue aus dem Gesicht noch
ein kleineres Gesichtchen wie aus einem glaesernen Gehaeuse heraus.

"Ich erblickte," sprach nun leise und etwas gedehnt mit anmutigem
Laecheln Prosper Alpanus, "ich erblickte Sie, meine Herrn, aus dem
Fenster, ich wusste auch wohl schon frueher, wenigstens was Sie
betrifft, lieber Herr Balthasar, dass Sie zu mir kommen wuerden. -
Folgen Sie mir gefaelligst!" -

Prosper Alpanus fuehrte sie in ein hohes rundes Zimmer, rings umher
mit himmelblauen Gardinen behaengt. Das Licht fiel durch ein oben in
der Kuppel angebrachtes Fenster herab und warf seine Strahlen auf den
glaenzend polierten, von einer Sphinx getragenen Marmortisch, der
mitten im Zimmer stand. Sonst war durchaus nichts Ausserordentliches
in dem Gemach zu bemerken.

"Worin kann ich Ihnen dienen?" fragte Prosper Alpanus.

Da fasste sich Balthasar zusammen, erzaehlte, was sich mit dem
kleinen Zinnober begeben von seinem ersten Erscheinen in Kerepes
an, und schloss mit der Versicherung, wie in ihm der feste Gedanke
aufgegangen, dass er, Prosper Alpanus, der wohltaetige Magus sei, der
Zinnobers verworfenem, abscheulichem Zauberwerk Einhalt tun werde.

Prosper Alpanus blieb schweigend in tiefen Gedanken stehen. Endlich,
nachdem wohl ein paar Minuten vergangen, begann er mit ernster
Miene und tiefem Ton: "Nach allem, was Sie mir erzaehlt, Balthasar,
unterliegt es gar keinem Zweifel, dass es mit dem kleinen Zinnober
eine besondere geheimnisvolle Bewandtnis hat. - Aber man muss fuers
erste den Feind kennen, den man bekaempfen, die Ursache wissen, deren
Wirkung man zerstoeren will. - Es steht zu vermuten, dass der kleine
Zinnober nichts anders ist, als ein Wurzelmaennlein. Wir wollen doch
gleich nachsehen."

Damit zog Prosper Alpanus an einer von den seidenen Schnueren, die
rund umher an der Decke des Zimmers herabhingen. Eine Gardine rauschte
auseinander, grosse Folianten in ganz vergoldeten Einbaenden wurden
sichtbar, und eine zierliche, luftig leichte Treppe von Zedernholz
rollte hinab. Prosper Alpanus stieg diese Treppe heran und holte aus
der obersten Reihe einen Folianten, den er auf den Marmortisch legte,
nachdem er ihn mit einem grossen Bueschel blinkender Pfauenfedern
sorgfaeltig abgestaubt. "Dies Werk," sprach er dann, "handelt von den
Wurzelmaennern, die saemtlich darin abgebildet; vielleicht finden Sie
Ihren feindlichen Zinnober darunter, und dann ist er in unsere Haende
geliefert."

Als Prosper Alpanus das Buch aufschlug, erblickten die
Freunde eine Menge sauber illuminierter Kupfertafeln, die die
allerverwunderlichsten missgestaltetsten Maennlein mit den tollsten
Fratzengesichtern darstellten, die man nur sehen konnte. Aber sowie
Prosper eins dieser Maennlein auf dem Blatt beruehrte, wurd' es
lebendig, sprang heraus und gaukelte und huepfte auf dem Marmortisch
gar possierlich umher und schnappte mit den Fingerchen und machte mit
den krummen Beinchen die allerschoensten Pirouetten und Entrechats
und sang dazu Quirr, Quapp, Pirr, Papp, bis es Prosper bei dem Kopfe
ergriff und wieder ins Buch legte, wo es sich alsbald ausglaettete und
ausplaettete zum bunten Bilde.

Auf dieselbe Weise wurden alle Bilder des Buchs durchgesehen, aber so
oft schon Balthasar rufen wollte: "Dies ist er, dies ist Zinnober!" so
musste er doch, genauer hinblickend, zu seinem Leidwesen wahrnehmen,
dass das Maennlein keinesweges Zinnober war.

"Das ist doch wunderlich genug," sprach Prosper Alpanus, als das Buch
zu Ende. - "Doch," fuhr er fort, "mag Zinnober vielleicht gar ein
Erdgeist sein. Sehen wir nach."

Damit huepfte er mit seltener Behendigkeit abermals die Zederntreppe
herauf, holte einen andern Folianten, staeubte ihn saeuberlich ab,
legte ihn auf den Marmortisch und schlug ihn auf, sprechend: "Dies
Werk handelt von den Erdgeistern, vielleicht haschen wir den Zinnober
in diesem Buche." Die Freunde erblickten wiederum eine Menge sauber
illuminierter Kupfertafeln, die abscheulich haessliche braungelbe
Unholde darstellten. Und wie sie Prosper Alpanus beruehrte, erhoben
sie weinerlich quaekende Klagen und krochen endlich schwerfaellig
heraus und waelzten sich knurrend und aechzend auf dem Marmortische
herum, bis der Doktor sie wieder hineindrueckte ins Buch.

Auch unter diesen hatte Balthasar den Zinnober nicht gefunden.

"Wunderlich, hoechst wunderlich," sprach der Doktor und versank in
stummes Nachdenken.

"Der Kaeferkoenig," fuhr er dann fort, "der Kaeferkoenig kann es
nicht sein, denn der ist, wie ich gewiss weiss, eben jetzt anderswo
beschaeftigt; Spinnenmarschall auch nicht, denn Spinnenmarschall ist
zwar haesslich, aber verstaendig und geschickt, lebt auch von seiner
Haende Arbeit, ohne sich andrer Taten anzumassen. - Wunderlich - sehr
wunderlich." -

Er schwieg wieder einige Minuten, so dass man allerlei wunderbare
Stimmen, die bald in einzelnen Lauten, bald in vollen anschwellenden
Akkorden ringsumher ertoenten, deutlich vernahm. "Sie haben ueberall
und immerfort recht artige Musik, lieber Herr Doktor," sprach Fabian.
Prosper Alpanus schien gar nicht auf Fabian zu achten, er fasste nur
den Balthasar ins Auge, indem er erst beide Arme nach ihm ausstreckte
und dann die Fingerspitzen gegen ihn hin bewegte, als besprenge er ihn
mit unsichtbaren Tropfen.

Endlich fasste der Doktor Balthasars beide Haende und sprach mit
freundlichem Ernst: "Nur die reinste Konsonanz des psychischen
Prinzips im Gesetz des Dualismus beguenstigt die Operation, die ich
jetzt unternehmen werde. Folgen Sie mir!" -

Die Freunde folgten dem Doktor durch mehrere Zimmer, die ausser
einigen seltsamen Tieren, die sich mit Lesen - Schreiben - Malen -
Tanzen beschaeftigten, eben nichts Merkwuerdiges enthielten, bis
sich zwei Fluegeltueren oeffneten, und die Freunde vor einen dichten
Vorhang traten, hinter den Prosper Alpanus verschwand und sie in
dicker Finsternis liess. Der Vorhang rauschte auseinander, und die
Freunde befanden sich in einem, wie es schien, eirunden Saal, in dem
ein magisches Helldunkel verbreitet. Es war, betrachtete man die
Waende, als verloere sich der Blick in unabsehbare gruene Haine und
Blumenauen mit plaetschernden Quellen und Baechen. Der geheimnisvolle
Duft eines unbekannten Aroma wallte auf und nieder und schien die
suessen Toene der Harmonika hin und her zu tragen. Prosper Alpanus
erschien ganz weissgekleidet wie ein Brahmin und stellte in die Mitte
des Saals einen grossen runden Kristallspiegel, ueber den er einen
Flor warf.

"Treten Sie," sprach er dumpf und feierlich, "treten Sie vor diesen
Spiegel, Balthasar, richten Sie Ihre festen Gedanken auf Candida
- _wollen_ Sie mit ganzer Seele, dass sie sich Ihnen zeige in dem
Moment, der jetzt existiert in Raum und Zeit" -

Balthasar tat, wie ihm geheissen, indem Prosper Alpanus sich hinter
ihn stellte und mit beiden Haenden Kreise um ihn beschrieb.

Wenige Sekunden hatte es gedauert, als ein blaeulicher Duft aus
dem Spiegel wallte. Candida, die holde Candida erschien in ihrer
lieblichen Gestalt mit aller Fuelle des Lebens! Aber neben ihr, dicht
neben ihr sass der abscheuliche Zinnober und drueckte ihr die Haende,
kuesste sie - Und Candida hielt den Unhold mit einem Arm umschlungen
und liebkoste ihn! - Balthasar wollte laut aufschreien, aber Prosper
Alpanus fasste ihn bei beiden Schultern hart an, und der Schrei
erstickte in der Brust. "Ruhig," sprach Prosper leise, "ruhig
Balthasar! - Nehmen Sie dies Rohr und fuehren Sie Streiche gegen den
Kleinen, doch ohne sich von der Stelle zu ruehren." Balthasar tat es
und gewahrte zu seiner Lust, wie der Kleine sich kruemmte, umstuelpte,
sich auf der Erde waelzte! - In der Wut sprang er vorwaerts, da
zerrann das Bild in Dunst und Nebel, und Prosper Alpanus riss den
tollen Balthasar mit Gewalt zurueck, laut rufend: "Halten Sie ein! -
zerschlagen Sie den magischen Spiegel, so sind wir alle verloren! -
Wir wollen in das Helle zurueck." - Die Freunde verliessen auf des
Doktors Geheiss den Saal und traten in ein anstossendes helles Zimmer.

"Dem Himmel," rief Fabian, tief Atem schoepfend, "dem Himmel sei
gedankt, dass wir aus dem verwuenschten Saal heraus sind. Die schwuele
Luft hat mir beinahe das Herz abgedrueckt, und dann die albernen
Taschenspielereien dazu, die mir in tiefer Seele zuwider sind." -

Balthasar wollte antworten, als Prosper Alpanus eintrat. "Es ist,"
sprach er, "es ist nunmehr gewiss, dass der missgestaltete Zinnober
weder ein Wurzelmann noch ein Erdgeist ist, sondern ein gewoehnlicher
Mensch. Aber es ist eine geheime zauberische Macht im Spiele, die zu
erkennen mir bis jetzt noch nicht gelungen, und ebendeshalb kann ich
auch noch nicht helfen. - Besuchen Sie mich bald wieder, Balthasar,
wir wollen dann sehen, was weiter zu beginnen. Auf Wiedersehn!" -

"Also," sprach Fabian, dicht an den Doktor hinantretend, "also ein
Zauberer sind Sie, Herr Doktor, und koennen mit all Ihrer Zauberkunst
nicht einmal dem kleinen erbaermlichen Zinnober zu Leibe? - Wissen Sie
wohl, dass ich Sie mitsamt Ihren bunten Bildern, Pueppchen, magischen
Spiegeln, mit all Ihrem fratzenhaften Kram fuer einen rechten
ausgemachten Charlatan halte? - Der Balthasar, der ist verliebt und
macht Verse, dem koennen Sie allerlei Zeug einreden, aber bei mir
kommen Sie schlecht an! - Ich bin ein aufgeklaerter Mensch und
statuiere durchaus keine Wunder!"

"Halten Sie," erwiderte Prosper Alpanus, indem er staerker und
herzlicher lachte, als man es ihm nach seinem ganzen Wesen wohl
zutrauen konnte, "halten Sie das, wie Sie wollen. Aber - bin ich
gleich nicht eben ein Zauberer, so gebiete ich doch ueber huebsche
Kunststueckchen." "Aus Wieglebs 'Magie' wohl oder sonst!" - rief
Fabian. "Nun da finden Sie an unserm Professor Mosch Terpin Ihren
Meister und duerfen sich mit ihm nicht vergleichen, denn der ehrliche
Mann zeigt uns immer, dass alles natuerlich zugeht und umgibt sich
gar nicht mit solcher geheimnisvoller Wirtschaft, als Sie, mein Herr
Doktor. - Nun, ich empfehle mich Ihnen gehorsamst!"

"Ei," sprach der Doktor, "sie werden doch nicht so im Zorn von mir
scheiden?"

Und damit strich er dem Fabian an beiden Armen einige Mal leise herab
von der Schulter bis zum Handgelenk, dass diesem ganz besonders zumute
wurde und er beklommen rief: "Was machen Sie denn, Herr Doktor!" -
"Gehen Sie, meine Herrn," sprach der Doktor, "Sie, Herr Balthasar,
hoffe ich recht bald wiederzusehen. - Bald wird die Huelfe gefunden
sein!"

"Er bekommt doch kein Trinkgeld, mein Freund," rief Fabian im
Herausgehen dem goldgelben Portier zu und fasste ihm nach dem Jabot.
Der Portier sagte aber wieder nichts als _"Quirrr"_ und biss abermals
den Fabian in den Finger.

"Bestie!" rief Fabian und rannte von dannen.

Die beiden Froesche ermangelten nicht, die beiden Freunde hoeflich
zu geleiten bis ans Gattertor, das sich mit einem dumpfen Donner
oeffnete und schloss. - "Ich weiss," sprach Balthasar, als er auf
der Landstrasse hinter dem Fabian herwandelte, "ich weiss gar nicht,
Bruder, was du heute fuer einen seltsamen Rock angezogen hast mit
solch entsetzlich langen Schoessen und solch kurzen Aermeln."

Fabian gewahrte zu seinem Erstaunen, dass sein kurzes Roeckchen
hinterwaerts bis zur Erde herabgewachsen, dass dagegen die sonst ueber
die Gnuege langen Aermel hinaufgeschrumpft waren bis an den Ellbogen.

"Tausend Donner, was ist das!" rief er und zog und zupfte an den
Aermeln und rueckte die Schultern. Das schien auch zu helfen, aber wie
sie nun durchs Stadttor gingen, so schrumpften die Aermel herauf, so
wuchsen die Rockschoesse, dass alles Ziehens und Zupfens und Rueckens
ungeachtet die Aermel bald hoch oben an der Schulter sassen, Fabians
nackte Arme preisgebend, dass bald sich ihm eine Schleppe nachwaelzte,
laenger und laenger sich dehnend. Alle Leute standen still und lachten
aus vollem Halse, die Strassenbuben rannten dutzendweise jubelnd und
jauchzend ueber den langen Talar und rissen Fabian um, und wie er sich
wieder aufraffte, fehlte kein Stueckchen von der Schleppe, nein! -
sie war noch laenger geworden. Und immer toller und toller wurde
Gelaechter, Jubel und Geschrei, bis sich endlich Fabian, halb
wahnsinnig, in ein offnes Haus stuerzte. - Sogleich war auch die
Schleppe verschwunden.

Balthasar hatte gar nicht Zeit, sich ueber Fabians seltsame
Verzauberung viel zu verwundern; denn der Referendarius Pulcher fasste
ihn, riss ihn fort in eine abgelegene Strasse und sprach: "Wie ist
es moeglich, dass du nicht schon fort bist, dass du dich hier noch
sehen lassen kannst, da der Pedell mit dem Verhaftsbefehl dich schon
verfolgt." - "Was ist das, wovon sprichst du?" fragte Balthasar voll
Erstaunen. "So weit," fuhr der Referendarius fort, "so weit riss dich
der Wahnsinn der Eifersucht hin, dass du das Hausrecht verletztest,
feindlich einbrechend in Mosch Terpins Haus, dass du den Zinnober
ueberfielst bei seiner Braut, dass du den missgestalteten Daeumling
halb tot pruegeltest!" - "Ich bitte dich," schrie Balthasar, "den
ganzen Tag war ich ja nicht in Kerepes, schaendliche Luegen." - "O
still, still," fiel ihm Pulcher ins Wort, "Fabians toller unsinniger
Einfall, ein Schleppkleid anzuziehen, rettet dich. Niemand achtet
jetzt deiner! - Entziehe dich nur der schimpflichen Verhaftung, das
uebrige wollen wir denn schon ausfechten. Du darfst nicht mehr in
deine Wohnung! - Gib mir die Schluessel, ich schicke dir alles nach. -
Fort nach Hoch-Jakobsheim!"

Und damit riss der Referendarius den Balthasar fort durch entlegene
Gassen, durchs Tor hin nach dem Dorfe Hoch-Jakobsheim, wo der
beruehmte Gelehrte Ptolomaeus Philadelphus sein merkwuerdiges Buch
ueber die unbekannte Voelkerschaft der Studenten schrieb.



Sechstes Kapitel

Wie der Geheime Spezialrat Zinnober in seinem Garten frisiert wurde
und im Grase ein Taubad nahm. - Der Orden des gruengefleckten Tigers.
- Gluecklicher Einfall eines Theaterschneiders. - Wie das Fraeulein
von Rosenschoen sich mit Kaffee begoss und Prosper Alpanus ihr seine
Freundschaft versicherte.

Der Professor Mosch Terpin schwamm in lauter Wonne. "Konnte," sprach
er zu sich selbst, "konnte mir denn etwas Gluecklicheres begegnen,
als dass der vortreffliche Geheime Spezialrat in mein Haus kam als
Studiosus? - Er heiratet meine Tochter - er wird mein Schwiegersohn,
durch ihn erlange ich die Gunst des vortrefflichen Fuersten Barsanuph
und steige nach auf der Leiter, die mein herrliches Zinnoberchen
hinaufklimmt. - Wahr ist es, dass es mir oft selbst unbegreiflich
vorkommt, wie das Maedchen, die Candida, so ganz und gar vernarrt sein
kann in den Kleinen. Sonst sieht das Frauenzimmer wohl mehr auf ein
huebsches Aeussere, als auf besondere Geistesgaben, und schaue ich
denn nun zuweilen das Spezialmaennlein an, so ist es mir, als ob er
nicht ganz huebsch zu nennen - sogar - bossu - still - St - St - die
Waende haben Ohren - Er ist des Fuersten Liebling, wird immer hoeher
steigen - hoeher hinauf und ist mein Schwiegersohn!" -

Mosch Terpin hatte recht, Candida aeusserte die entschiedenste Neigung
fuer den Kleinen und sprach, gab hie und da einer, den Zinnobers
seltsamer Spuk nicht berueckt hatte, zu verstehen, dass der Geheime
Spezialrat doch eigentlich ein fatales missgestaltetes Ding sei,
sogleich von den wunderschoenen Haaren, womit ihn die Natur begabt.

Niemand laechelte aber, wenn Candida also sprach, haemischer als der
Referendarius Pulcher.

Dieser stellte dem Zinnober nach auf Schritten und Tritten, und hierin
stand ihm getreulich der Geheime Sekretaer Adrian bei, ebenderselbe
junge Mensch, den Zinnobers Zauber beinahe aus dem Bureau des
Ministers verdraengt haette, und der des Fuersten Gunst nur durch die
vortreffliche Fleckkugel wieder gewann, die er ihm ueberreichte.

Der Geheime Spezialrat Zinnober bewohnte ein schoenes Haus mit einem
noch schoeneren Garten, in dessen Mitte sich ein mit dichtem Gebuesch
umgebener Platz befand, auf dem die herrlichsten Rosen bluehten. Man
hatte bemerkt, dass allemal den neunten Tag Zinnober bei Tagesanbruch
leise aufstand, sich, so sauer es ihm werden mochte, ohne alle
Huelfe des Bedienten ankleidete, in den Garten hinabstieg und in den
Gebueschen verschwand, die jenen Platz umgaben.

Pulcher und Adrian, irgendein Geheimnis ahnend, wagten es in einer
Nacht, als Zinnober, wie sie von seinem Kammerdiener erfahren, vor
neun Tagen jenen Platz besucht hatte, die Gartenmauer zu uebersteigen
und sich in den Gebueschen zu verbergen.

Kaum war der Morgen angebrochen, als sie den Kleinen daherwandeln
sahen, schnupfend und prustend, weil ihm, da er mitten durch ein
Blumenbeet ging, die tauichten Halme und Stauden um die Nase schlugen.

Als er auf dem Rasenplatz bei den Rosen angekommen, ging ein
suesstoenendes Wehen durch die Buesche, und durchdringender wurde
der Rosenduft. Eine schoene verschleierte Frau mit Fluegeln an den
Schultern schwebte herab, setzte sich auf den zierlichen Stuhl, der
mitten unter den Rosenbueschen stand, nahm mit den leisen Worten:
"Komm, mein liebes Kind," den kleinen Zinnober und kaemmte ihm mit
einem goldenen Kamm sein langes Haar, das den Ruecken hinabwallte.
Das schien dem Kleinen sehr wohl zu tun, denn er blinzelte mit den
Aeugelein und streckte die Beinchen lang aus und knurrte und murrte
beinahe wie ein Kater. Das hatte wohl fuenf Minuten gedauert, da
strich noch einmal die zauberische Frau mit einem Finger dem Kleinen
die Scheitel entlang, und Pulcher und Adrian gewahrten einen schmalen,
feuerfarb glaenzenden Streif auf dem Haupte Zinnobers. Nun sprach die
Frau: "Lebe wohl, mein suesses Kind! - Sei klug, sei klug, so wie du
kannst!" Der Kleine sprach: "Adieu, Muetterchen, klug bin ich genug,
du brauchst mir das gar nicht so oft zu wiederholen." -

Die Frau erhob sich langsam und verschwand in den Lueften.

Pulcher und Adrian waren starr vor Erstaunen. Als nun aber Zinnober
davonschreiten wollte, sprang der Referendarius hervor und rief laut:
"Guten Morgen, Herr Geheimer Spezialrat! ei, wie schoen haben Sie
sich frisieren lassen!" Zinnober schaute sich um und wollte, als er
den Referendarius erblickte, schnell davonrennen. Ungeschickt und
schwaechlich auf den Beinchen, wie er nun aber war, stolperte er und
fiel in das hohe Gras, das die Halme ueber ihn zusammenschlug, und
er lag im Taubade. Pulcher sprang hinzu und half ihm auf die Beine,
aber Zinnober schnarrte ihn an: "Herr, wie kommen Sie hier in meinen
Garten! scheren Sie sich zum Teufel!" Und damit huepfte und rannte er,
so rasch er nur vermochte, hinein ins Haus.

Pulcher schrieb dem Balthasar diese wunderbare Begebenheit und
versprach seine Aufmerksamkeit auf das kleine zauberische Ungetuem zu
verdoppeln. Zinnober schien ueber das, was ihm widerfahren, trostlos.
Er liess sich zu Bette bringen und stoehnte und aechzte so, dass die
Kunde, wie er ploetzlich erkrankt, bald zum Minister Mondschein, zum
Fuersten Barsanuph gelangte.

Fuerst Barsanuph schickte sogleich seinen Leibarzt zu dem kleinen
Liebling.

"Mein vortrefflichster Geheimer Spezialrat," sprach der Leibarzt,
als er den Puls befuehlt, "Sie opfern sich auf fuer den Staat.
Angestrengte Arbeit hat Sie aufs Krankenbett geworfen, anhaltendes
Denken Ihnen das unsaegliche Leiden verursacht, das Sie empfinden
muessen. Sie sehen im Antlitz sehr blass und eingefallen aus,
aber Ihr wertes Haupt glueht schrecklich! - Ei, ei! - doch
keine Gehirnentzuendung? Sollte das Wohl des Staats dergleichen
hervorgebracht haben? Kaum moeglich! - Erlauben Sie doch!" Der
Leibarzt mochte wohl denselben roten Streif auf Zinnobers Haupte
gewahren, den Pulcher und Adrian entdeckt hatten. Er wollte, nachdem
er einige magnetische Striche aus der Ferne versucht, den Kranken
auch verschiedentlich angehaucht, worueber dieser merklich mauzte und
quinkelierte, nun mit der Hand hinfahren ueber das Haupt und beruehrte
dasselbe unversehens. Da sprang Zinnober, schaeumend vor Wut, in die
Hoehe und gab mit seinem kleinen Knochenhaendchen dem Leibarzt, der
sich gerade ganz ueber ihn hingebeugt, eine solche derbe Ohrfeige,
dass es im ganzen Zimmer widerhallte.

"Was wollen Sie," schrie Zinnober, "was wollen Sie von mir, was
krabbeln Sie mir herum auf meinem Kopfe! Ich bin gar nicht krank,
ich bin gesund, ganz gesund, werde gleich aufstehen und zum Minister
fahren in die Konferenz; scheren Sie sich fort!" -

Der Leibarzt eilte ganz erschrocken von dannen. Als er aber dem
Fuersten Barsanuph erzaehlte, wie es ihm ergangen, rief dieser
entzueckt aus: "Was fuer ein Eifer fuer den Dienst des Staats! -
welche Wuerde, welche Hoheit im Betragen! - welch ein Mensch, dieser
Zinnober!" -

"Mein bester Geheimer Spezialrat," sprach der Minister Praetextatus
von Mondschein zu dem kleinen Zinnober, "wie herrlich ist es, dass
Sie, Ihrer Krankheit nicht achtend, in die Konferenz kommen. Ich habe
in der wichtigen Angelegenheit mit dem Kakatukker Hofe ein Memoire
entworfen - _selbst_ entworfen und bitte, dass _Sie_ es dem Fuersten
vortragen, denn Ihr geistreicher Vortrag hebt das Ganze, fuer dessen
Verfasser mich dann der Fuerst anerkennen soll." - Das Memoire, womit
Praetextatus glaenzen wollte, hatte aber niemand anders verfasst, als
Adrian.

Der Minister begab sich mit dem Kleinen zum Fuersten. Zinnober zog das
Memoire, das ihm der Minister gegeben, aus der Tasche und fing an zu
lesen. Da es damit aber nun gar nicht recht gehen wollte und er nur
lauter unverstaendliches Zeug murrte und schnurrte, nahm ihm der
Minister das Papier aus den Haenden und las selbst.

Der Fuerst schien ganz entzueckt, er gab seinen Beifall zu erkennen,
ein Mal ueber das andere rufend: "Schoen - gut gesagt - herrlich -
treffend!" -

Sowie der Minister geendet, schritt der Fuerst geradezu los auf
den kleinen Zinnober, hob ihn in die Hoehe, drueckte ihn an seine
Brust, gerade dahin, wo ihm (dem Fuersten) der grosse Stern des
gruengefleckten Tigers sass, und stammelte und schluchzte, waehrend
ihm haeufige Traenen aus den Augen flossen: "Nein! - solch ein Mann -
solch ein Talent! - solcher Eifer - solche Liebe - es ist zu viel - zu
viel!" Dann gefasster: "Zinnober! - ich erhebe Sie hiermit zu meinem
Minister! - Bleiben Sie dem Vaterlande hold und treu, bleiben Sie ein
wackrer Diener der Barsanuphe, von denen Sie geehrt - geliebt werden."
Und nun sich mit verdruesslichem Blick zum Minister wendend: "Ich
bemerke, lieber Baron von Mondschein, dass seit einiger Zeit Ihre
Kraefte nachlassen. Ruhe auf Ihren Guetern wird Ihnen heilbringend
sein! - Leben Sie wohl!" -

Der Minister von Mondschein entfernte sich, unverstaendliche Worte
zwischen den Zaehnen murmelnd und funkelnde Blicke werfend auf
Zinnober, der sich nach seiner Art sein Stoeckchen in den Ruecken
gestemmt, auf den Fussspitzen hoch in die Hoehe hob und stolz und keck
umherblickte.

"Ich muss," sprach nun der Fuerst, "ich muss Sie, mein lieber
Zinnober, gleich Ihrem hohen Verdienst gemaess auszeichnen; empfangen
Sie daher aus meinen Haenden den Orden des gruengefleckten Tigers!"

Der Fuerst wollte ihm nun das Ordensband, das er sich in der
Schnelligkeit von dem Kammerdiener reichen lassen, umhaengen; aber
Zinnobers missgestalteter Koerperbau bewirkte, dass das Band durchaus
nicht normalmaessig sitzen wollte, indem es sich bald ungebuehrlich
heraufschob, bald ebenso hinabschlotterte.

Der Fuerst war in dieser so wie in jeder andern solchen Sache, die
das eigentlichste Wohl des Staats betraf, sehr genau. Zwischen
dem Hueftknochen und dem Steissbein, in schraeger Richtung drei
Sechzehnteil Zoll aufwaerts vom letztern, musste das am Bande
befindliche Ordenszeichen des gruengefleckten Tigers sitzen. Das
war nicht herauszubringen. Der Kammerdiener, drei Pagen, der Fuerst
legten Hand an, alles Muehen blieb vergebens. Das verraeterische Band
rutschte hin und her, und Zinnober begann unmutig zu quaeken: "Was
hantieren Sie doch so schrecklich an meinem Leibe herum, lassen Sie
doch das dumme Ding haengen, wie es will, Minister bin ich doch nun
einmal und bleib' es!" -

"Wofuer," sprach nun der Fuerst zornig, "wofuer habe ich denn
Ordensraete, wenn ruecksichts der Baender solche tolle Einrichtungen
existieren, die ganz meinem Willen entgegenlaufen? - Geduld, mein
lieber Minister Zinnober! bald soll das anders werden!"

Auf Befehl des Fuersten musste sich nun der Ordensrat versammeln, dem
noch zwei Philosophen sowie ein Naturforscher, der eben, vom Nordpol
kommend, durchreiste, beigesellt wurden, die ueber die Frage, wie
auf die geschickteste Weise dem Minister Zinnober das Band des
gruengefleckten Tigers anzubringen, beratschlagen sollten. Um
fuer diese wichtige Beratung gehoerige Kraefte zu sammeln, wurde
saemtlichen Mitgliedern aufgegeben, acht Tage vorher nicht zu denken;
um dies besser ausfuehren zu koennen und doch taetig zu bleiben im
Dienste des Staats, aber sich indessen mit dem Rechnungswesen zu
beschaeftigen. Die Strassen vor dem Palast, wo die Ordensraete,
Philosophen und Naturforscher ihre Sitzung halten sollten, wurden mit
dickem Stroh belegt, damit das Gerassel der Wagen die weisen Maenner
nicht stoere, und ebendaher durfte auch nicht getrommelt, Musik
gemacht, ja nicht einmal laut gesprochen werden in der Naehe des
Palastes. Im Palast selbst tappte alles auf dicken Filzschuhen umher,
und man verstaendigte sich durch Zeichen.

Sieben Tage hindurch vom fruehsten Morgen bis in den spaeten Abend
hatten die Sitzungen gedauert, und noch war an keinen Beschluss zu
denken.

Der Fuerst, ganz ungeduldig, schickte ein Mal ueber das andere hin und
liess ihnen sagen, es solle in des Teufels Namen ihnen doch endlich
etwas Gescheutes einfallen. Das half aber ganz und gar nichts.

Der Naturforscher hatte soviel moeglich Zinnobers Natur erforscht,
Hoehe und Breite seines Rueckenauswuchses genommen und die genaueste
Berechnung darueber dem Ordensrat eingereicht. Er war es auch, der
endlich vorschlug, ob man nicht den Theaterschneider bei der Beratung
zuziehen wolle.

So seltsam dieser Vorschlag erscheinen mochte, wurde er doch in der
Angst und Not, in der sich alle befanden, einstimmig angenommen.

Der Theaterschneider Herr Kees war ein ueberaus gewandter, pfiffiger
Mann. Sowie ihm der schwierige Fall vorgetragen worden, sowie er
die Berechnungen des Naturforschers durchgesehen, war er mit dem
herrlichsten Mittel, wie das Ordensband zum normalmaessigen Sitzen
gebracht werden koenne, bei der Hand.

An Brust und Ruecken sollten naemlich eine gewisse Anzahl Knoepfe
angebracht und das Ordensband daran geknoepft werden. Der Versuch
gelang ueber die Massen wohl.

Der Fuerst war entzueckt und billigte den Vorschlag des Ordensrates,
den Orden des gruengefleckten Tigers nunmehro in verschiedene Klassen
zu teilen, nach der Anzahl der Knoepfe, womit er gegeben wurde. Z.B.
Orden des gruengefleckten Tigers mit zwei Knoepfen - mit drei Knoepfen
etc. Der Minister Zinnober erhielt als ganz besondere Auszeichnung,
die sonst kein anderer verlangen koenne, den Orden mit zwanzig
brillantierten Knoepfen, denn gerade zwanzig Knoepfe erforderte die
wunderliche Form seines Koerpers.

Der Schneider Kees erhielt den Orden des gruengefleckten Tigers
mit zwei goldnen Knoepfen und wurde, da der Fuerst ihn, seines
glueckliches Einfalls ungeachtet, fuer einen schlechten Schneider
hielt und sich daher nicht von ihm kleiden lassen wollte, zum
Wirklichen Geheimen Gross-Kostuemierer des Fuersten ernannt. -

Aus dem Fenster seines Landhauses sah der Doktor Prosper Alpanus
gedankenvoll herab in seinen Park. Er hatte die ganze Nacht hindurch
sich damit beschaeftigt, Balthasars Horoskop zu stellen und manches
dabei herausgebracht, was sich auf den kleinen Zinnober bezog. Am
wichtigsten das, was sich mit dem Kleinen im Garten begeben, als er
von Adrian und Pulcher belauscht wurde. Eben wollte Prosper Alpanus
seinen Einhoernern zurufen, dass sie die Muschel herbeifuehren
moechten, weil er fort wolle nach Hoch-Jakobsheim, als ein Wagen
daherrasselte und vor dem Gattertor des Parks still hielt. Es hiess,
das Stiftsfraeulein von Rosenschoen wuensche den Herrn Doktor zu
sprechen. "Sehr willkommen," sprach Prosper Alpanus, und die Dame
trat hinein. Sie trug ein langes schwarzes Kleid und war in Schleier
gehuellt wie eine Matrone. Prosper Alpanus, von einer seltsamen Ahnung
ergriffen, nahm sein Rohr und liess die funkelnden Strahlen des Knopfs
auf die Dame fallen. Da war es, als zuckten rauschend Blitze um sie
her, und sie stand da im weissen durchsichtigen Gewande, glaenzende
Libellenfluegel an den Schultern, weisse und rote Rosen durch das Haar
geflochten. - "Ei, ei," lispelte Prosper, nahm das Rohr unter seinen
Schlafrock, und sogleich stand die Dame wieder im vorigen Kostuem da.

Prosper Alpanus lud sie freundlich ein, sich niederzulassen. Fraeulein
von Rosenschoen sagte nun, wie es laengst ihre Absicht gewesen, den
Herrn Doktor in seinem Landhause aufzusuchen, um die Bekanntschaft
eines Mannes zu machen, den die ganze Gegend als einen hochbegabten,
wohltaetigen Weisen ruehme. Gewiss werde er ihre Bitte gewaehrend,
sich des nahe gelegenen Fraeuleinstifts aerztlich anzunehmen, da die
alten Damen darin oft kraenkelten und ohne Huelfe blieben. Prosper
Alpanus erwiderte hoeflich, dass er zwar schon laengst die Praxis
aufgegeben, aber doch ausnahmsweise die Stiftsdamen besuchen wolle,
wenn es not taete, und fragte dann, ob sie selbst, das Fraeulein von
Rosenschoen, vielleicht an irgendeinem Uebel leide. Das Fraeulein
versicherte, dass sie nur dann und wann ein rheumatisches Zucken in
den Gliedern fuehle, wenn sie sich an der Morgenluft erkaeltet, jetzt
aber ganz gesund sei, und begann irgendein gleichgueltiges Gespraech.
Prosper fragte, ob sie, da es noch frueher Morgen, vielleicht
eine Tasse Kaffee nehmen wolle; die Rosenschoen meinte, dass
Stiftsfraeuleins dergleichen niemals verschmaehten. Der Kaffee wurde
gebracht, aber so sehr sich auch Prosper muehen mochte, einzuschenken,
die Tassen blieben leer, ungeachtet der Kaffee aus der Kanne stroemte.
"Ei, ei" laechelte Prosper Alpanus, "das ist boeser Kaffee! - Wollten
Sie, mein bestes Fraeulein, doch nur lieber selbst den Kaffee
eingiessen."

"Mit Vergnuegen," erwiderte das Fraeulein und ergriff die Kanne. Aber
ungeachtet kein Tropfen aus der Kanne quoll, wurde doch die Tasse
voller und voller, und der Kaffee stroemte ueber auf den Tisch, auf
das Kleid des Stiftsfraeuleins. - Sie setzte schnell die Kanne hin,
sogleich war der Kaffee spurlos verschwunden. Beide, Prosper Alpanus
und das Stiftsfraeulein, schauten sich nun eine Weile schweigend an
mit seltsamen Blicken.

"Sie waren," begann nun die Dame, "Sie waren, mein Herr Doktor, gewiss
mit einem sehr anziehenden Buche beschaeftigt, als ich eintrat."

"In der Tat," erwiderte der Doktor, "enthaelt dieses Buch gar
merkwuerdige Dinge."

Damit wollte er das kleine Buch in vergoldetem Einbande, das vor ihm
auf dem Tisch lag, aufschlagen. Doch das blieb ein ganz vergebliches
Muehen, denn mit einem lauten Klipp, Klapp schlug das Buch sich immer
wieder zusammen. "Ei, ei," sprach Prosper Alpanus, "versuchen _Sie_
sich doch mit dem eigensinnigen Dinge hier, mein wertes Fraeulein!"

Er reichte der Dame das Buch hin, das, sowie sie es nur beruehrte,
sich von selbst aufschlug. Aber alle Blaetter loesten sich los und
dehnten sich aus zum Riesenfolio und rauschten umher im Zimmer.

Erschrocken fuhr das Fraeulein zurueck. Nun schlug der Doktor das Buch
zu mit Gewalt, und alle Blaetter verschwanden.

"Aber," sprach nun Prosper Alpanus mit sanftem Laecheln, indem er sich
von seinem Sitze erhob, "aber mein bestes gnaediges Fraeulein, was
verderben wir die Zeit mit solchen schnoeden Tafelkuensten; denn
anders als ordinaere Tafelkunststuecke sind es doch nicht, die wir bis
jetzt getrieben, schreiten wir doch lieber zu hoeheren Dingen." "Ich
will fort!" rief das Fraeulein und erhob sich vorn Sitze.

"Ei," sprach Prosper Alpanus, "das moechte doch wohl nicht recht gut
angehen ohne meinen Willen; denn, meine Gnaedige, ich muss es Ihnen
nur sagen, Sie sind jetzt ganz und gar in meiner Gewalt."

"In Ihrer Gewalt," rief das Fraeulein zornig, "in Ihrer Gewalt, Herr
Doktor? - Toerichte Einbildung!"

Und damit breitete sich ihr seidnes Kleid aus, und sie schwebte als
der schoenste Trauermantel auf zur Decke des Zimmers. Doch sogleich
sauste und brauste auch Prosper Alpanus ihr nach als tuechtiger
Hirschkaefer. Ganz ermattet flatterte der Trauermantel herab
und rannte als kleines Maeuschen auf dem Boden umher. Aber der
Hirschkaefer sprang miauend und prustend ihm nach als grauer
Kater. Das Maeuschen erhob sich wieder als glaenzender Kolibri, da
erhoben sich allerlei seltsame Stimmen rings um das Landhaus, und
allerlei wunderbare Insekten sumseten herbei, mit ihnen seltsames
Waldgefluegel, und ein goldnes Netz spann sich um die Fenster.
Da stand mit einemmal die Fee Rosabelverde, in aller Pracht und
Hoheit strahlend, im glaenzenden weissen Gewande, den funkelnden
Diamantguertel umgetan, weisse und rote Rosen durch die dunklen Locken
geflochten, mitten im Zimmer. Vor ihr der Magus im goldgestickten
Talar, eine glaenzende Krone auf dem Haupt, das Rohr mit dem
feuerstrahlenden Knopf in der Hand.

Rosabelverde schritt zu auf den Magus, da entfiel ihrem Haar ein
goldner Kamm und zerbrach, als sei er von Glas, auf dem Marmorboden.

"Weh mir! - weh mir!" rief die Fee.

Ploetzlich sass wieder das Stiftsfraeulein von Rosenschoen im
schwarzen langen Kleide am Kaffeetisch, und ihr gegenueber der Doktor
Prosper Alpanus.

"Ich daechte," sprach Prosper Alpanus sehr ruhig, indem er in die
chinesischen Tassen den herrlichsten dampfenden Kaffee von Mokka ohne
Hindernis einschenkte, "ich daechte, mein bestes gnaediges Fraeulein,
wir wuessten beide nun hinlaenglich, wie wir miteinander daran sind. -
Sehr leid tut es mir, dass Ihr schoener Haarkamm zerbrach auf meinem
harten Fussboden."

"Nur meine Ungeschicklichkeit," erwiderte das Fraeulein, mit Behagen
den Kaffee einschluerfend, "ist schuld daran. Auf diesen Boden muss
man sich hueten, etwas fallen zu lassen, denn irr' ich nicht, so sind
diese Steine mit den wunderbarsten Hieroglyphen beschrieben, welche
manchem nur gewoehnliche Marmoradern beduenken moechten."

"Abgenutzte Talismane, meine Gnaedige," sprach Prosper, "abgenutzte
Talismane sind diese Steine, nichts weiter."

"Aber bester Doktor," rief das Fraeulein, "wie ist es moeglich, dass
wir uns nicht kennen lernten seit der fruehesten Zeit, dass wir nicht
ein einziges Mal zusammentrafen auf unseren Wegen?"

"Diverse Erziehung, beste Dame," erwiderte Prosper Alpanus,
"diverse Erziehung ist lediglich daran schuld! Waehrend Sie als das
hoffnungsvollste Maedchen in Dschinnistan sich ganz Ihrer reichen
Natur, Ihrem gluecklichen Genie ueberlassen konnten, war ich, ein
truebseliger Student, in den Pyramiden eingeschlossen und hoerte
Kollegia bei dem Professor Zoroaster, einem alten Knasterbart, der
aber verdammt viel wusste. Unter der Regierung des wuerdigen Fuersten
Demetrius nahm ich meinen Wohnsitz in diesem kleinen anmutigen
Laendchen."

"Wie," sprach das Fraeulein, "und wurden nicht verwiesen, als Fuerst
Paphnutius die Aufklaerung einfuehrte?" "Keineswegs," antwortete
Prosper, "es gelang mir vielmehr, mein eignes Ich ganz zu verhuellen,
indem ich mich muehte, Aufklaerungssachen betreffend, ganz besondere
Kenntnisse zu beweisen in allerlei Schriften, die ich verbreitete. Ich
bewies, dass ohne des Fuersten Willen es niemals donnern und blitzen
muesse, und dass wir schoenes Wetter und eine gute Ernte einzig
und allein seinen und seiner Noblesse Bemuehungen zu verdanken,
die in den innern Gemaechern darueber sehr weise beratschlage,
waehrend das gemeine Volk draussen auf dem Acker gepfluegt
und gesaeet. Fuerst Paphnutius erhob mich damals zum Geheimen
Oberaufklaerungs-Praesidenten, eine Stelle, die ich mit meiner Huelle
wie eine laestige Buerde abwarf, als der Sturm vorueber. - Insgeheim
war ich nuetzlich, wie ich konnte. Das heisst, was wir, ich und Sie,
meine Gnaedige, wahrhaft nuetzlich nennen. - Wissen Sie wohl, bestes
Fraeulein, dass _ich_ es war, der Sie warnte vor dem Einbrechen der
Aufklaerungspolizei? - dass _ich_ es bin, dem Sie noch das Besitztum
der artigen Saechelchen verdanken, die Sie mir vorhin gezeigt? - O
mein Gott! liebe Stiftsdame, schauen Sie doch nur aus diesen Fenstern!
- Erkennen Sie denn nicht mehr diesen Park, in dem Sie so oft
lustwandelten und mit den freundlichen Geistern sprachen, die in den
Bueschen - Blumen - Quellen wohnen? - Diesen Park hab' ich gerettet
durch meine Wissenschaft. Er steht noch da wie zur Zeit des alten
Demetrius. Fuerst Barsanuph bekuemmert sich, dem Himmel sei es
gedankt, nicht viel um das Zauberwesen, er ist ein leutseliger Herr
und laesst jeden gewaehren, jeden zaubern, so viel er Lust hat, sobald
er es sich nur nicht merken laesst und die Abgaben richtig zahlt. So
leb' ich hier, wie Sie, liebe Dame, in Ihrem Stift, gluecklich und
sorgenfrei!" -

"Doktor," rief das Fraeulein, indem ihr die Traenen aus den Augen
stuerzten, "Doktor, was sagen Sie! - welche Aufklaerungen! - ja, ich
erkenne diesen Hain, wo ich die seligsten Freuden genoss! - Doktor! -
edelster Mann, dem ich so viel zu verdanken! - Und Sie koennen meinen
kleinen Schuetzling so hart verfolgen?" -

"Sie haben," erwiderte der Doktor, "Sie haben, mein bestes Fraeulein,
von Ihrer angebornen Gutmuetigkeit hingerissen, Ihre Gaben an einen
Unwuerdigen verschleudert. Zinnober ist und bleibt, Ihrer guetigen
Huelfe ungeachtet, ein kleiner missgestalteter Schlingel, der nun, da
der goldne Kamm zerbrochen, ganz in meine Hand gegeben ist."

"Haben Sie Mitleiden, o Doktor!" flehte das Fraeulein.

"Aber schauen Sie doch nur gefaelligst her," sprach Prosper, indem er
dem Fraeulein Balthasars Horoskop, das er gestellt hatte, vorhielt.

Das Fraeulein blickte hinein und rief dann voll Schmerz: "Ja! - wenn
es so beschaffen ist, so muss ich wohl weichen der hoeheren Macht. -
Armer Zinnober!" -

"Gestehen Sie, bestes Fraeulein," sprach der Doktor laechelnd,
"gestehen Sie, dass die Damen oft sich in dem Bizarrsten sehr
wohl gefallen, den Einfall, den der Augenblick gebar, rastlos und
ruecksichtslos verfolgend und jedes schmerzliche Beruehren anderer
Verhaeltnisse nicht achtend! - Zinnober muss sein Schicksal
verbuessen, aber dann soll er noch zu unverdienter Ehre gelangen.
Damit huldige ich Ihrer Macht, Ihrer Guete, Ihrer Tugend. mein sehr
wertes gnaedigstes Fraeulein!"

"Herrlicher, vortrefflicher Mann," rief das Fraeulein, "bleiben Sie
mein Freund!" -

"Immerdar," erwiderte der Doktor. "Meine Freundschaft, meine innige
Zuneigung zu Ihnen, holde Fee, wird nie aufhoeren. Wenden Sie sich
getrost an mich in allen bedenklichen Faellen des Lebens, und - o
trinken Sie Kaffee bei mir, sooft es Ihnen zu Sinne kommt."

"Leben Sie wohl, mein wuerdigster Magus, nie werd' ich Ihre Huld, nie
diesen Kaffee vergessen!" So sprach das Fraeulein und erhob sich, von
innerer Ruehrung ergriffen, zum Scheiden.

Prosper Alpanus begleitete sie ans Gattertor, waehrend alle wunderbare
Stimmen des Waldes auf die lieblichste Weise erklangen.

Vor dem Tor stand, statt des Fraeuleins Wagen, die mit den Einhoernern
bespannte Kristallmuschel des Doktors, hinter der der Goldkaefer seine
glaenzenden Fluegel ausbreitete. Auf dem Bock sass der Silberfasan
und kuckte, die goldnen Zuegel im Schnabel haltend, das Fraeulein mit
klugen Augen an.

In die seligste Zeit ihres herrlichsten Feenlebens fuehlte sich die
Stiftsdame versetzt, als der Wagen, herrlich toenend, durch den
duftenden Wald rauschte.



Siebentes Kapitel

Wie der Professor Mosch Terpin im fuerstlichen Weinkeller die
Natur erforschte. - Mycetes Belzebub. - Verzweiflung des Studenten
Balthasar. - Vorteilhafter Einfluss eines wohleingerichteten
Landhauses auf das haeusliche Glueck. - Wie Prosper Alpanus dem
Balthasar eine schildkroetene Dose ueberreichte und davonritt.

Balthasar, der sich in dem Dorfe Hoch-Jakobsheim versteckt hielt,
bekam von dem Referendarius Pulcher aus Kerepes einen Brief des
Inhalts: "Unsere Angelegenheiten, bester Freund Balthasar, gehen immer
schlechter und schlechter. Unser Feind, der abscheuliche Zinnober, ist
Minister der auswaertigen Angelegenheiten geworden und hat den grossen
Orden des gruengefleckten Tigers mit zwanzig Knoepfen erhalten. Er hat
sich aufgeschwungen zum Liebling des Fuersten und setzt alles durch,
was er will. Professor Mosch Terpin ist ganz ausser sich, er blaeht
sich auf im dummen Stolz. Durch seines kuenftigen Schwiegersohns
Vermittlung hat er die Stelle des Generaldirektors saemtlicher
natuerlicher Angelegenheiten im Staate erhalten, eine Stelle, die
ihm viel Geld und eine Menge anderer Emolumente einbringt. Als
benannter Generaldirektor zensiert und revidiert er die Sonnen- und
Mondfinsternisse sowie die Wetterprophezeiungen in den im Staate
erlaubten Kalendern und erforscht insbesondere die Natur in der
Residenz und deren Bereich. Dieser Beschaeftigung halber bekommt er
aus den fuerstlichen Waldungen das seltenste Gefluegel, die raresten
Tiere, die er, um eben ihre Natur zu erforschen, braten laesst und
auffrisst. Ebenso schreibt er jetzt (wenigstens gibt er es vor) eine
Abhandlung darueber, warum der Wein anders schmeckt als Wasser und
auch andere Wirkungen aeussert, die er seinem Schwiegersohn zueignen
will. Zinnober hat es bewirkt, dass Mosch Terpin der Abhandlung wegen
alle Tage im fuerstlichen Weinkeller studieren darf. Er hat schon
einen halben Oxhoft alten Rheinwein sowie mehrere Dutzend Flaschen
Champagner verstudiert und ist jetzt an ein Fass Alikante geraten. -
Der Kellermeister ringt die Haende! - So ist dem Professor, der, wie
Du weisst, das groesste Leckermaul auf Erden, geholfen, und er wuerde
das bequemste Leben von der Welt fuehren, muesste er oft nicht, wenn
ein Hagelschlag die Felder verwuestet hat, ploetzlich ueber Land, um
den fuerstlichen Paechtern zu erklaeren, warum es gehagelt hat, damit
die dummen Teufel ein bisschen Wissenschaft bekommen, sich kuenftig
vor dergleichen hueten koennen und nicht immer Erlass der Pacht
verlangen duerfen, einer Sache halber, die niemand verschuldet, als
sie selbst.

"Der Minister kann die Tracht Schlaege, die Du ihm erteilt, nicht
verwinden. Er hat Dir Rache geschworen. Du wirst Dich gar nicht mehr
in Kerepes sehen lassen duerfen. Auch mich verfolgt er sehr, weil ich
seine geheimnisvolle Art, sich von einer gefluegelten Dame frisieren
zu lassen, erlauscht habe. - Solange Zinnober des Fuersten Liebling
bleibt, werde ich wohl auf keinen ordentlichen Posten Anspruch machen
koennen. Mein Unstern will es, dass ich immer mit der Missgeburt
zusammengerate, wo ich es gar nicht ahne, und auf eine Weise, die
mir fatal werden muss. Neulich ist der Minister in vollem Staat, mit
Degen, Stern und Ordensband, im zoologischen Kabinett und hat sich
nach seiner gewoehnlichen Weise, den Stock untergestemmt, auf den
Fussspitzen schwebend, an den Glasschrank hingestellt, wo die
seltensten amerikanischen Affen stehen. Fremde, die das Kabinett
besehen, treten heran, und einer, den kleinen Wurzelmann erblickend,
ruft laut aus: 'Ei! - was fuer ein allerliebster Affe! - welch
niedliches Tier! - die Zierde des ganzen Kabinetts! - Ei, wie heisst
das huebsche Aefflein? woher des Landes?'

"Da spricht der Aufseher des Kabinetts sehr ernsthaft, indem er
Zinnobers Schulter beruehrte: 'Ja, ein sehr schoenes Exemplar, ein
vortrefflicher Brasilianer, der sogenannte Mycetes Belzebub - Simia
Belzebub Linnei - niger, barbatus, podiis caudaque apice brunneis -
Bruellaffe' -

"'Herr,' - prustet nun der Kleine den Aufseher an, 'Herr, ich glaube,
Sie sind wahnsinnig oder neunmal des Teufels, ich bin kein Belzebub
caudaque - kein Bruellaffe, ich bin Zinnober, der Minister Zinnober,
Ritter des gruengefleckten Tigers mit zwanzig Knoepfen!' - Nicht weit
davon stehe ich und breche - haett' es das Leben gekostet auf der
Stelle, ich konnte mich nicht zurueckhalten - aus in ein wieherndes
Gelaechter.

"'Sind Sie auch da, Herr Referendarius?' schnarcht er mich an, indem
rote Glut aus seinen Hexenaugen funkelt.

"Gott weiss, wie es kam, dass die Fremden ihn immerfort fuer den
schoensten seltensten Affen hielten, den sie jemals gesehen, und ihn
durchaus mit Lampertsnuessen fuettern wollten, die sie aus der Tasche
gezogen. Zinnober geriet nun so ganz ausser sich, dass er vergebens
nach Atem schnappte und die Beinchen ihm den Dienst versagten.
Der herbeigerufene Kammerdiener musste ihn auf den Arm nehmen und
hinabtragen in die Kutsche.

"Selbst kann ich mir aber nicht erklaeren, warum mir diese Geschichte
einen Schimmer von Hoffnung gibt. Es ist der erste Tort, der dem
kleinen verhexten Unding geschehen.

"So viel ist gewiss, dass Zinnober neulich am fruehen Morgen sehr
verstoert aus dem Garten gekommen ist. Die gefluegelte Frau muss
ausgeblieben sein, denn vorbei ist es mit den schoenen Locken. Das
Haar soll ihm struppig auf dem Ruecken herabhaengen und Fuerst
Barsanuph gesagt haben: 'Vernachlaessigen Sie nicht so sehr Ihre
Toilette, bester Minister, ich werde Ihnen meinen Friseur schicken!' -
worauf denn Zinnober sehr hoeflich geaeussert, er werde den Kerl zum
Fenster herausschmeissen lassen, wenn er kaeme. 'Grosse Seele! man
kommt Ihnen nicht bei,' hat dann der Fuerst gesprochen und dabei sehr
geweint!

"Lebe wohl, liebster Balthasar! gib nicht alle Hoffnung auf und
verstecke Dich gut, damit sie Dich nicht greifen!" -

Ganz in Verzweiflung darueber, was ihm der Freund geschrieben, rannte
Balthasar tief hinein in den Wald und brach aus in laute Klagen.

"Hoffen soll ich," rief er, "hoffen soll ich noch, da jede Hoffnung
verschwunden, da alle Sterne untergegangen und duestere - duestere
Nacht mich Trostlosen umfaengt? Unseliges Verhaengnis! - ich
unterliege der finstren Macht, die verderblich in mein Leben getreten!
- Wahnsinn, dass ich auf Rettung hoffte von Prosper Alpanus, von
diesem Prosper Alpanus, der mich selbst mit hoellischen Kuensten
verlockte und mich forttrieb von Kerepes, indem er die Pruegel, die
ich dem Spiegelbilde erteilen musste, auf Zinnobers wahrhaftigen
Ruecken regnen liess!" "Ach Candida! - Koennt' ich nur das Himmelskind
vergessen! - Aber maechtiger, staerker als jemals glueht der
Liebesfunke in mir! - Ueberall sehe ich die holde Gestalt der
Geliebten, die mit suessem Laecheln sehnsuechtig die Arme nach mir
ausstreckt! - Ich weiss es ja! - du liebst mich, holde suesse Candida,
und das ist eben mein hoffnungsloser toetender Schmerz, dass ich
dich nicht zu retten vermag aus der heillosen Verzauberung, die dich
befangen! - Verraeterischer Prosper! was tat ich dir, dass du mich so
grausam aefftest!" -

Die tiefe Daemmerung war eingebrochen, alle Farben des Waldes
schwanden hin in dumpfes Grau. Da war es, als leuchte ein besonderer
Glanz wie aufflammender Abendschein durch Baum und Gebuesch, und
tausend Insektlein erhoben sich mit rauschendem Fluegelschlage sumsend
in die Luefte. Leuchtende Goldkaefer schwangen sich hin und her,
und dazwischen flatterten buntgeputzte Schmetterlinge und streuten
duftenden Blumenstaub um sich her. Das Wispern und Sumsen wurde
zu sanfter, suessfluesternder Musik, die sich troestend legte an
Balthasars zerrissene Brust. Ueber ihm funkelte staerker strahlend der
Glanz. Er schaute hinauf und erblickte staunend Prosper Alpanus, der
auf einem wunderbaren Insekt, das einer in den herrlichsten Farben
prunkenden Libelle nicht unaehnlich, daherschwebte.

Prosper Alpanus senkte sich herab zu dem Juengling, an dessen Seite er
Platz nahm, waehrend die Libelle aufflog in ein Gebuesch und in den
Gesang einstimmte, der durch den ganzen Wald toente.

Er beruehrte des Juenglings Stirne mit den wundervoll glaenzenden
Blumen, die er in der Hand trug, und sogleich entzuendete sich in
Balthasars Innerm frischer Lebensmut.

"Du tust," sprach nun Prosper Alpanus mit sanfter Stimme, "du tust
mir grosses Unrecht, lieber Balthasar, da du mich grausam und
verraeterisch schiltst in dem Augenblick, als es mir gelungen ist,
Herr zu werden des Zaubers, der dein Leben verstoert, als ich, um
nur schneller dich zu finden, dich zu troesten, mich auf mein buntes
Lieblingsroesslein schwinge und herbeireite, mit allem versehen,
was zu deinem Heil dienen kann. - Doch nichts ist bittrer als
Liebesschmerz, nichts gleicht der Ungeduld eines in Liebe und
Sehnsucht verzweifelnden Gemuets. - Ich verzeihe dir, denn mir ist es
selbst nicht besser gegangen, als ich vor ungefaehr zweitausend Jahren
eine indische Prinzessin liebte, Balsamine geheissen, und dem Zauberer
Lothos, der mein bester Freund war, in der Verzweiflung den Bart
ausriss, weshalb ich, wie du siehst, selbst keinen trage, damit mir
nicht Aehnliches geschehe. - Doch dir dies alles weitlaeuftig zu
erzaehlen, wuerde wohl hier an sehr unrechtem Orte sein, da jeder
Liebende nur von seiner Liebe hoeren mag, die er allein der Rede wert
haelt, so wie jeder Dichter nur seine Verse gern vernimmt. Also zur
Sache! - Wisse, dass Zinnober die verwahrloste Missgeburt eines armen
Bauerweibes ist und eigentlich Klein Zaches heisst. Nur aus Eitelkeit
hat er den stolzen Namen Zinnober angenommen. Das Stiftsfraeulein
von Rosenschoen oder eigentlich die beruehmte Fee Rosabelverde, denn
niemand anders ist jene Dame, fand das kleine Ungetuem am Wege. Sie
glaubte, alles, was die Natur dem Kleinen stiefmuetterlich versagt,
dadurch zu ersetzen, wenn sie ihn mit der seltsamen geheimnisvollen
Gabe beschenkte, vermoege der alles, was in seiner Gegenwart irgendein
anderer Vortreffliches denkt, spricht oder tut, auf _seine_ Rechnung
kommen, ja dass er in der Gesellschaft wohlgebildeter, verstaendiger,
geistreicher Personen auch fuer wohlgebildet, verstaendig und
geistreich geachtet werden und ueberhaupt allemal fuer den
vollkommensten der Gattung, mit der er im Konflikt, gelten muss.

"Dieser sonderbare Zauber liegt in drei feuerfarbglaenzenden Haaren,
die sich ueber den Scheitel des Kleinen ziehen. Jede Beruehrung dieser
Haare, sowie ueberhaupt des Hauptes, musste dem Kleinen schmerzhaft,
ja verderblich sein. Deshalb liess die Fee sein von Natur duennes,
struppiges Haar in dicken anmutigen Locken hinabwallen, die, des
Kleinen Haupt schuetzend, zugleich jenen roten Streif versteckten und
den Zauber staerkten. Jeden neunten Tag frisierte die Fee selbst den
Kleinen mit einem goldnen magischen Kamm, und diese Frisur vernichtete
jedes auf Zerstoerung des Zaubers gerichtete Unternehmen. Aber den
Kamm selbst hat ein kraeftiger Talisman, den ich der guten Fee, als
sie mich besuchte, unterzuschieben wusste, vernichtet.

"Es kommt jetzt nur darauf an, ihm jene drei feuerfarbnen Haare
auszureissen, und er sinkt zurueck in sein voriges Nichts! - Dir, mein
lieber Balthasar, ist diese Entzauberung vorbehalten. Du hast Mut,
Kraft und Geschicklichkeit, du wirst die Sache ausfuehren, wie es
sich gehoert. Nimm dieses kleine geschliffene Glas, naehere dich dem
kleinen Zinnober, wo du ihn findest, richte deinen scharfen Blick
durch dieses Glas auf sein Haupt, frei und offen werden die drei roten
Haare sich ueber das Haupt des Kleinen ziehen. Packe ihn fest an,
achte nicht auf das gellende Katzengeschrei, das er ausstossen wird,
reisse ihm mit einem Ruck die drei Haare aus und verbrenne sie auf der
Stelle. Es ist notwendig, dass die Haare mit _einem_ Ruck ausgerissen
und _sogleich_ verbrannt werden, denn sonst koennten sie noch allerlei
verderbliche Wirkungen aeussern. Richte daher dein vorzueglichstes
Augenmerk darauf, dass du die Haare geschickt und fest erfassest und
den Kleinen ueberfaellst, wenn gerade ein Feuer oder ein Licht in der
Naehe befindlich." -

"O Prosper Alpanus," rief Balthasar, "wie schlecht habe ich diese
Guete, diesen Edelmut durch mein Misstrauen verdient! - Wie fuehle
ich es so in tiefer Brust, das nun mein Leiden endigt, dass alles
Himmelsglueck mir die goldnen Tore erschliesst!" -

"Ich liebe," fuhr Prosper Alpanus fort, "ich liebe Juenglinge, die so
wie du, mein Balthasar, Sehnsucht und Liebe im reinen Herzen tragen,
in deren Innerm noch jene herrlichen Akkorde widerhallen, die dem
fernen Lande voll goettlicher Wunder angehoeren, das meine Heimat ist.
Die gluecklichen, mit dieser inneren Musik begabten Menschen sind
die einzigen, die man Dichter nennen kann, wiewohl viele auch so
gescholten werden, die den ersten besten Brummbass zur Hand nehmen,
darauf herumstreichen und das verworrene Gerassel der unter ihrer
Faust stoehnenden Saiten fuer herrliche Musik halten, die aus ihrem
eignen Innern heraustoent. - Dir ist, ich weiss es, mein geliebter
Balthasar, dir ist es zuweilen so, als verstuendest du die murmelnden
Quellen, die rauschenden Baeume, ja, als spraeche das aufflammende
Abendrot zu dir mit verstaendlichen Worten! - Ja, mein Balthasar! -
in diesen Momenten verstehst du wirklich die wunderbaren Stimmen der
Natur, denn aus deinem eignen Innern erhebt sich der goettliche Ton,
den die wundervolle Harmonie des tiefsten Wesens der Natur entzuendet.
- Da du Klavier spielst, o Dichter, so wirst du wissen, dass dem
angeschlagenen Ton die ihm verwandten Toene nachklingen. - Dieses
Naturgesetz dient zu mehr als zum schalen Gleichnis! - Ja, o Dichter,
du bist ein viel besserer, als es manche glauben, denen du deine
Versuche, die innere Musik mit Feder und Tinte zu Papier zu bringen,
vorgelesen. Mit diesen Versuchen ist es nicht weit her. Doch hast du
im historischen Stil einen guten Wurf getan, als du mit pragmatischer
Breite und Genauigkeit die Geschichte von der Liebe der Nachtigall zur
Purpurrose aufschriebst, welche sich unter meinen Augen begeben. - Das
ist eine ganz artige Arbeit" -

Prosper Alpanus hielt inne, Balthasar blickte ihn ganz verwundert an
mit grossen Augen, er wusste gar nicht, was er dazu sagen sollte, dass
Prosper das Gedicht, welches er fuer das fantastischste hielt, das er
jemals aufgeschrieben, fuer einen historischen Versuch erklaerte.

"Du magst," fuhr Prosper Alpanus fort, indem ein anmutiges Laecheln
sein Gesicht ueberstrahlte, "du magst dich wohl ueber meine Reden
verwundern, dir mag ueberhaupt manches seltsam an mir vorkommen.
Bedenke aber, dass ich nach dem Urteil aller vernuenftigen Leute
eine Person bin, die nur im Maerchen auftreten darf, und du weisst,
geliebter Balthasar, dass solche Personen sich wunderlich gebaerden
und tolles Zeug schwatzen koennen, wie sie nur moegen, vorzueglich
wenn hinter allem doch etwas steckt, was gerade nicht zu verwerfen. -
Nun aber weiter! - Nahm sich die Fee Rosabelverde des missgestalteten
Zinnober so eifrig an, so bist du, mein Balthasar, nun ganz und
gar mein lieber Schuetzling. Hoere also, was ich fuer dich zu tun
gesonnen! - Der Zauberer Lothos besuchte mich gestern, er brachte
mir tausend Gruesse, aber auch tausend Klagen von der Prinzessin
Balsamine, die aus dem Schlafe erwacht ist und in den suessen Toenen
des Chartah Bhade, jenes herrlichen Gedichts, das unsere erste Liebe
war, sehnende Arme nach mir ausstreckt. Auch mein alter Freund, der
Minister Yuchi, winkt mir freundlich zu vom Polarstern. - Ich muss
fort nach dem fernsten Indien! - Mein Landgut, das ich verlasse,
wuensche ich in keines andern Besitz zu sehen als in dem
deinigen. Morgen gehe ich nach Kerepes und lasse eine foermliche
Schenkungsurkunde ausfertigen, in der ich als dein Oheim auftrete.
Ist nun Zinnobers Zauber geloest, trittst du vor den Professor
Mosch Terpin hin als Besitzer eines vortrefflichen Landguts, eines
betraechtlichen Vermoegens, und wirbst du um die Hand der schoenen
Candida, so wird er in voller Freude dir alles gewaehren. Aber noch
mehr! - Ziehst du mit deiner Candida ein in mein Landhaus, so ist
das Glueck deiner Ehe gesichert. Hinter den schoenen Baeumen waechst
alles, was das Haus bedarf; ausser den herrlichsten Fruechten der
schoenste Kohl und tuechtiges schmackhaftes Gemuese ueberhaupt, wie
man es weit und breit nicht findet. Deine Frau wird immer den ersten
Salat, die ersten Spargel haben. Die Kueche ist so eingerichtet, dass
die Toepfe niemals ueberlaufen und keine Schuessel verdirbt, solltest
du auch einmal eine ganze Stunde ueber die Essenszeit ausbleiben.
Teppiche, Stuhl- und Sofa-Bezuege sind von der Beschaffenheit, dass
es bei der groessten Ungeschicklichkeit der Dienstboten unmoeglich
bleibt, einen Fleck hineinzubringen, ebenso zerbricht kein Porzellan,
kein Glas, sollte sich auch die Dienerschaft deshalb die groesste
Muehe geben und es auf den haertesten Boden werfen. Jedesmal endlich,
wenn deine Frau waschen laesst, ist auf dem grossen Wiesenplan hinter
dem Hause das allerschoenste heiterste Wetter, sollte es auch rings
umher regnen, donnern und blitzen. Kurz, mein Balthasar, es ist dafuer
gesorgt, dass du das haeusliche Glueck an deiner holden Candida Seite
ruhig und ungestoert geniessest! -

"Doch nun ist es wohl an der Zeit, dass ich heimkehre und in
Gemeinschaft mit meinem Freunde Lothos die Anstalten zu meiner
baldigen Abreise beginne. Lebe wohl, mein Balthasar!" -

Damit pfiff Prosper ein- zweimal der Libelle, die alsbald sumsend
herbeiflog. Er zaeumte sie auf und schwang sich in den Sattel. Aber
schon im Davonschweben hielt er ploetzlich an und kehrte um zu
Balthasar. -

"Beinahe," sprach er, "haette ich deinen Freund Fabian vergessen. In
einem Anfall schalkischer Laune habe ich ihn fuer seinen Vorwitz zu
hart gestraft. In dieser Dose ist das enthalten, was ihn troestet!" -

Prosper reichte dem Balthasar ein kleines, blank poliertes
schildkroetenes Doeschen hin, das er ebenso einsteckte, wie die
kleine Lorgnette, die er erst zur Entzauberung Zinnobers von Prosper
erhalten.

Prosper Alpanus rauschte nun fort durch das Gebuesch, indem die
Stimmen des Waldes staerker und anmutiger ertoenten.

Balthasar kehrte zurueck nach Hoch-Jakobsheim, alle Wonne, alles
Entzuecken der suessesten Hoffnung im Herzen.



Achtes Kapitel

Wie Fabian seiner langen Rockschoesse halber fuer einen Sektierer
und Tumultuanten gehalten wurde. - Wie Fuerst Barsanuph hinter
den Kaminschirm trat und den Generaldirektor der natuerlichen
Angelegenheiten kassierte. - Zinnobers Flucht aus Mosch Terpins Hause.
- Wie Mosch Terpin auf einem Sommervogel ausreiten und Kaiser werden
wollte, dann aber zu Bette ging.

In der fruehesten Morgendaemmerung, als Wege und Strassen noch einsam,
schlich sich Balthasar hinein nach Kerepes und lief augenblicklich zu
seinem Freunde Fabian. Als er an die Stubentuere pochte, rief eine
kranke matte Stimme: "Herein!" -

Bleich - entstellt, hoffnungslosen Schmerz im Antlitz, lag Fabian auf
dem Bette. "Um des Himmels willen," rief Balthasar, "um des Himmels
willen - Freund! sprich! - was ist dir widerfahren?"

"Ach Freund," sprach Fabian mit gebrochener Stimme, indem er sich
muehsam in die Hoehe richtete, "mit mir ist es aus, rein aus. Der
verfluchte Hexenspuk, den, ich weiss es, der rachsuechtige Prosper
Alpanus ueber mich gebracht, stuerzt mich ins Verderben!" -

"Wie ist das moeglich?" fragte Balthasar; "Zauberei, Hexenspuk,
du glaubtest sonst an dergleichen nicht." "Ach," fuhr Fabian mit
weinerlicher Stimme fort, "ach, ich glaube jetzt an alles, an Zauberer
und Hexen und Erdgeister und Wassergeister, an den Rattenkoenig und
die Alraunwurzel - an alles, was du willst. Wem das Ding so auf den
Hals tritt wie mir, der gibt sich wohl! - Du erinnerst dich an den
hoellischen Skandal mit meinem Rocke, als wir von Prosper Alpanus
kamen! - Ja! waer' es nur dabei geblieben! - Sieh dich doch etwas um
in meinem Zimmer, lieber Balthasar!" -

Balthasar tat es und gewahrte an allen Waenden rings umher eine Unzahl
von Fracks, Ueberroecken, Kurtken von allem moeglichen Zuschnitt, von
allen moeglichen Farben. "Wie," rief er, "willst du einen Kleiderkram
anlegen, Fabian?"

"Spotte nicht," erwiderte Fabian, "spotte nicht, lieber Freund. Alle
diese Kleider liess ich anfertigen von den beruehmtesten Schneidern,
immer hoffend, endlich einmal der unseligen Verdammnis zu entgehen,
die auf meinen Roecken ruht, aber umsonst. Sowie ich den schoensten
Rock, der mir steht wie angegossen an den Leib, nur einige Minuten
trage, rutschen die Aermel mir an die Schultern herauf, und die
Schoesse schwaenzeln mir nach sechs Ellen lang. In der Verzweiflung
liess ich mir jenen Spenzer mit den eine Welt langen Pierrotsaermeln
machen: 'Rutscht nur, Aermel,' dacht' ich, 'dehnt euch nur aus,
Schoesse, so kommt alles ins Gleiche': aber! - ganz dasselbe wie mit
allen andern Roecken war es in wenigen Minuten! Alle Kunst und Kraft
der maechtigsten Schneider richtete nichts aus gegen den verwuenschten
Zauber! Dass ich verhoehnt, verspottet wurde, wo ich mich nur
blicken liess, versteht sich von selbst, aber bald veranlasste
meine unverschuldete Hartnaeckigkeit, immer wieder in einem solch
verteufelten Rock zu erscheinen, ganz andere Urteile. Das Geringste
war noch, dass die Frauen mich grenzenlos eitel und abgeschmackt
schalten, da ich aller Sitte entgegen mich durchaus mit nackten Armen,
sie wahrscheinlich fuer sehr schoen haltend, sehen lassen wolle. Die
Theologen aber schrien mich bald fuer einen Sektierer aus, stritten
sich nur, ob ich zur Sekte der Aermelianer oder Schoessianer zu
rechnen, waren aber darin einig, dass beide Sekten hoechst gefaehrlich
zu nennen, da beide vollkommene Freiheit des Willens statuierten und
sich erfrechten zu denken, was sie wollten. Diplomatiker hielten mich
fuer einen schnoeden Aufwiegler. Sie behaupteten, ich wolle durch
meine langen Rockschoesse Unzufriedenheit im Volke erregen und es
aufsaessig machen gegen die Regierung, gehoere ueberhaupt zu einem
geheimen Bunde, dessen Zeichen ein kurzer Aermel sei. Schon seit
langer Zeit faenden sich hie und da Spuren der Kurzaermler, die ebenso
zu fuerchten als die Jesuiten, ja noch mehr, da sie sich bemuehten,
ueberall die jedem Staate schaedliche Poesie einzufuehren, und an
der Infallibilitaet der Fuersten zweifelten. Kurz! - das Ding wurde
ernster und ernster, bis mich der Rektor zitieren liess. Ich sah mein
Unglueck vorher, wenn ich einen Rock anzog, erschien also in der
Weste. Darueber wurde der Mann zornig, er glaubte, ich wolle ihn
verhoehnen, und fuhr auf mich los, ich solle binnen acht Tagen
in einem vernuenftigen anstaendigen Rock vor ihm erscheinen,
widrigenfalls er ohne alle Gnade die Relegation ueber mich aussprechen
wuerde. - Heute geht der Termin zu Ende! - O ich Ungluecklicher! - O
verdammter Prosper Alpanus!" -

"Halt ein," rief Balthasar, "halt ein, lieber Freund Fabian, schmaele
nicht auf meinen teuern lieben Oheim, der mir ein Landgut geschenkt
hat. Auch mit _dir_ meint er es gar nicht so boese, ungeachtet er,
ich muss es gestehen, den Vorwitz, womit du ihm begegnetest, zu hart
gestraft hat. - Doch ich bringe Huelfe! - er sendet dir dies Doeschen,
welches alle deine Leiden enden soll."

Damit zog Balthasar das kleine schildkroetene Doeschen, welches er
von Prosper Alpanus erhalten, aus der Tasche und ueberreichte es dem
trostlosen Fabian.

"Was soll," Sprach dieser, "was soll mir denn der dumme Quark helfen?
wie kann ein kleines schildkroetenes Doeschen Einfluss haben auf die
Gestaltung meiner Roecke?" "Das weiss ich nicht," erwiderte Balthasar,
"aber mein lieber Oheim kann und wird mich nicht taeuschen, ich habe
das vollste Zutrauen zu ihm; darum oeffne nur die Dose, lieber Fabian,
wir wollen sehen, was darin enthalten."

Fabian tat es - und aus der Dose quoll ein herrlich gemachter
schwarzer Frack von dem feinsten Tuche hervor. Beide, Fabian und
Balthasar, konnten sich des lauten Ausrufs der hoechsten Verwunderung
nicht erwehren.

"Ha, ich verstehe dich," rief Balthasar begeistert, "ha, ich verstehe
dich, mein Prosper, mein teurer Oheim! Dieser Rock wird passen, wird
allen Zauber loesen." -

Fabian zog den Rock ohne weiteres an, und was Balthasar geahnet, traf
wirklich ein. Das schoene Kleid sass dem Fabian, wie noch niemals
ihm eins gesessen, und an Rutschen der Aermel, an Verlaengerung der
Schoesse war nicht zu denken.

Ganz ausser sich vor Freude, beschloss Fabian nun sogleich in seinem
neuen wohlpassenden Rock zum Rektor hinzulaufen und alles ins Gleiche
zu bringen.

Balthasar erzaehlte nun seinem Freunde Fabian ausfuehrlich, wie sich
alles begeben mit Prosper Alpanus, und wie dieser ihm die Mittel in
die Hand gegeben, dem heillosen Unwesen des missgestalteten Daeumlings
ein Ende zu machen. Fabian, der ein ganz anderer worden, da ihn alle
Zweifelsucht ganz verlassen, ruehmte Prospers hohen Edelmut ueber alle
Massen und erbot sich, bei Zinnobers Entzauberung huelfreiche Hand zu
leisten. In dem Augenblick gewahrte Balthasar aus dem Fenster seinen
Freund, den Referendarius Pulcher, der ganz truebsinnig um die Ecke
schleichen wollte. Fabian steckte auf Balthasars Geheiss den Kopf zum
Fenster heraus und winkte und rief dem Referendarius zu, er moege doch
nur gleich heraufkommen.

Sowie Pulcher eintrat, rief er gleich: "Was hast du denn fuer einen
herrlichen Rock an, lieber Fabian!" Dieser sagte aber, Balthasar werde
ihm alles erklaeren, und lief fort zum Rektor.

Als nun Balthasar dem Referendarius alles ausfuehrlich erzaehlt, was
sich zugetragen, sprach dieser. "Gerade an der Zeit ist es nun, dass
der abscheuliche Unhold tot gemacht wird. Wisse, dass er heute seine
feierliche Verlobung mit Candida feiert, dass der eitle Mosch Terpin
ein grosses Fest gibt, wozu er selbst den Fuersten geladen. Gerade
bei diesem Feste wollen wir eindringen in des Professors Haus und
den Kleinen ueberfallen. An Lichtern im Saal wird's nicht fehlen zum
augenblicklichen Verbrennen der feindseligen Haare."

Noch manches hatten die Freunde gesprochen und miteinander verabredet,
als Fabian eintrat mit vor Freude glaenzendem Gesicht.

"Die Kraft," sprach er, "die Kraft des Rocks, der der schildkroetenen
Dose entquollen, hat sich herrlich bewaehrt. Sowie ich eintrat bei dem
Rektor, laechelte er zufrieden. 'Ha' redete er mich an, 'ha! - ich
gewahre, mein lieber Fabian, dass Sie zurueckgekommen sind von Ihrer
seltsamen Verirrung! - Nun! Feuerkoepfe wie Sie lassen sich leicht
hinreissen zu dem Extremen! - Fuer religioese Schwaermerei habe ich
Ihr Beginnen niemals gehalten - mehr falsch verstandener Patriotismus
- Hang zum Ausserordentlichen, gestuetzt auf das Beispiel der Heroen
des Altertums. - Ja, das lasse ich gelten, solch ein schoener,
wohlpassender Rock! - Heil dem Staate, Heil der Welt, wenn hochherzige
Juenglinge solche Roecke tragen, mit solchen passenden Aermeln und
Schoessen. Bleiben Sie treu, Fabian, bleiben Sie treu solcher Tugend,
solchem wackren Sinn, daraus entsprosst wahre Heldengroesse!' - Der
Rektor umarmte mich, indem helle Traenen ihm in die Augen traten.
Selbst weiss ich nicht, wie ich dazu kam, die kleine schildkroetene
Dose, aus der der Rock entstanden und die ich nun in dessen Tasche
gesteckt, hervorzuziehen. 'Bitte!' sprach der Rektor, indem er Daum
und Zeigefinger zusammenspitzte. Ohne zu wissen, ob wohl Tabak
darin enthalten, klappte ich die Dose auf. Der Rektor griff hinein,
schnupfte, fasste meine Hand, drueckte sie stark, Traenen liefen ihm
ueber die Wangen; er sprach tiefgeruehrt: 'Edler Juengling! - eine
schoene Prise! - Alles ist vergeben und vergessen, speisen Sie bei mir
heut mittags!' - Ihr seht, Freunde, all mein Leiden hat ein Ende, und
gelingt uns heute, wie es anders gar nicht zu erwarten steht, die
Entzauberung Zinnobers, so seid auch ihr fortan gluecklich!" -

In dem mit hundert Kerzen erleuchteten Saal stand der kleine
Zinnober im scharlachroten gestickten Kleide, den grossen Orden des
gruengefleckten Tigers mit zwanzig Knoepfen umgetan, Degen an der
Seite, Federhut unterm Arm. Neben ihm die holde Candida braeutlich
geschmueckt, in aller Anmut und Jugend strahlend. Zinnober hatte ihre
Hand gefasst, die er zuweilen an den Mund drueckte und dabei recht
widrig grinste und laechelte. Und jedesmal ueberflog dann ein hoeheres
Rot Candidas Wangen, und sie blickte den Kleinen an mit dem Ausdruck
der innigsten Liebe. Das war denn wohl recht graulich anzusehen, und
nur die Verblendung, in die Zinnobers Zauber alle versetzte, war
schuld daran, dass man nicht, ergrimmt ueber Candidas heillose
Verstrickung, den kleinen Hexenkerl packte und ins Kaminfeuer warf.
Rings um das Paar im Kreise in ehrerbietiger Entfernung hatte sich die
Gesellschaft gesammelt. Nur Fuerst Barsanuph stand neben Candida und
muehte sich, bedeutungsvolle gnaedige Blicke umherzuwerfen, auf die
indessen niemand sonderlich achtete. Alles hatte nur Auge fuer das
Brautpaar und hing an Zinnobers Lippen, der hin und wieder einige
unverstaendliche Worte schnurrte, denen jedesmal ein leises Ach! der
hoechsten Bewunderung, das die Gesellschaft ausstiess, folgte.

Es war an dem, dass die Verlobungsringe gewechselt werden sollten.
Mosch Terpin trat in den Kreis mit einem Praesentierteller, auf dem
die Ringe funkelten. Er raeusperte sich - Zinnober hob sich auf den
Fussspitzen so hoch als moeglich, beinahe reichte er der Braut an den
Ellbogen. - Alles stand in der gespanntesten Erwartung - da lassen
sich ploetzlich fremde Stimmen hoeren, die Tuere des Saals springt
auf, Balthasar dringt ein, mit ihm Pulcher - Fabian! - Sie brechen
durch den Kreis - "Was ist das, was wollen die Fremden?" ruft alles
durcheinander. -

Fuerst Barsanuph schreit entsetzt: "Aufruhr - Rebellion - Wache!" und
springt hinter den Kaminschirm. - Mosch Terpin erkennt den Balthasar,
der dicht bis zum Zinnober vorgedrungen, und ruft: "Herr Studiosus!
- Sind Sie rasend - sind Sie von Sinnen? - wie koennen Sie sich
unterstehen, hier einzudringen in die Verlobung! - Leute -
Gesellschaft - Bediente, werft den Grobian zur Tuere hinaus!" -

Aber ohne sich nur im mindesten an irgend etwas zu kehren, hat
Balthasar schon Prospers Lorgnette hervorgezogen und richtet durch
dieselbe den festen Blick auf Zinnobers Haupt. Wie vom elektrischen
Strahl getroffen, stoesst Zinnober ein gellendes Katzengeschrei
aus, dass der ganze Saal widerhallt. Candida faellt ohnmaechtig auf
einen Stuhl; der eng geschlossene Kreis der Gesellschaft staeubt
auseinander. - Klar vor Balthasars Augen liegt der feuerfarbglaenzende
Haarstreif, er spring zu auf Zinnober - fasst ihn, der strampelt mit
den Beinchen und straeubt sich und kratzt und beisst.

"Angepackt - angepackt!" ruft Balthasar; da fassen Fabian und Pulcher
den Kleinen, dass er sich nicht zu regen und zu bewegen vermag, und
Balthasar fasst sicher und behutsam die roten Haare, reisst sie mit
einem Ruck vom Haupte herab, springt an den Kamin, wirft sie ins
Feuer, sie prasseln auf, es geschieht ein betaeubender Schlag, alle
erwachen wie aus dem Traum. - Da steht der kleine Zinnober, der
sich muehsam aufgerafft von der Erde, und schimpft und schmaelt
und befiehlt, man solle die frechen Ruhestoerer, die sich an der
geheiligten Person des ersten Ministers im Staate vergriffen, sogleich
packen und ins tiefste Gefaengnis werfen! Aber einer fraegt den
andern: "Wo kommt denn mit einemmal der kleine purzelbaeumige Kerl
her? - was will das kleine Ungetuem?" - Und wie der Daeumling
immerfort tobt und mit den Fuesschen den Boden stampft und immer
dazwischen ruft: "Ich bin der Minister Zinnober - ich bin der Minister
Zinnober - der gruengefleckte Tiger mit zwanzig Knoepfen!" da bricht
alles in ein tolles Gelaechter aus. Man umringt den Kleinen, die
Maenner heben ihn auf und werfen sich ihn zu wie einen Fangball; ein
Ordensknopf nach dem andern springt ihm vom Leibe - er verliert den
Hut - den Degen, die Schuhe. - Fuerst Barsanuph kommt hinter dem
Kaminschirm hervor und tritt hinein mitten in den Tumult. Da kreischt
der Kleine: "Fuerst Barsanuph - Durchlaucht - retten Sie Ihren
Minister - Ihren Liebling! - Huelfe - Huelfe - der Staat ist in Gefahr
- der gruengefleckte Tiger - Weh - weh!" - Der Fuerst wirft einen
grimmigen Blick auf den Kleinen und schreitet dann rasch vorwaerts
nach der Tuere. Mosch Terpin kommt ihm in den Weg, den fasst er, zieht
ihn in die Ecke und spricht mit zornfunkelnden Augen: "Sie erdreisten
sich, Ihrem Fuersten, Ihrem Landesvater hier eine dumme Komoedie
vorspielen zu wollen? - Sie laden mich ein zur Verlobung Ihrer
Tochter mit meinem wuerdigen Minister Zinnober, und statt meines
Ministers finde ich hier eine abscheuliche Missgeburt, die Sie
in glaenzende Kleider gesteckt? - Herr, wissen Sie, dass das ein
landesverraeterischer Spass ist, den ich strenge ahnden wuerde, wenn
Sie nicht ein ganz alberner Mensch waeren, der ins Tollhaus gehoert.
- Ich entsetze Sie des Amts als Generaldirektor der natuerlichen
Angelegenheiten und verbitte mir alles weitere Studieren in meinem
Keller! - Adieu!"

Dann stuermte er fort.

Aber Mosch Terpin stuerzte zitternd vor Wut los auf den Kleinen,
fasste ihn bei den langen struppigen Haaren und rannte mit ihm hin
nach dem Fenster: "Hinunter mit dir," schrie er, "hinunter mit
dir, schaendliche heillose Missgeburt, die mich so schmachvoll
hintergangen, mich um alles Glueck des Lebens gebracht hat!"

Er wollte den Kleinen hinabstuerzen durch das geoeffnete Fenster, doch
der Aufseher des zoologischen Kabinetts, der auch zugegen, sprang
mit Blitzesschnelle hinzu, fasste den Kleinen und entriss ihn Mosch
Terpins Faeusten. "Halten Sie ein," sprach der Aufseher, "halten
Sie ein, Herr Professor, vergreifen Sie sich nicht an fuerstlichem
Eigentum. Es ist keine Missgeburt, es ist der Mycetes Belzebub, Simia
Belzebub, der dem Museo entlaufen." "Simia Belzebub - Simia Belzebub!"
ertoente es von allen Seiten unter schallendem Gelaechter. Doch kaum
hatte der Aufseher den Kleinen auf den Arm genommen und ihn recht
angesehen, als er unmutig ausrief: "Was sehe ich! - das ist ja nicht
Simia Belzebub, das ist ja ein schnoeder haesslicher Wurzelmann! Pfui!
- pfui" -

Und damit warf er den Kleinen in die Mitte des Saals. Unter dem
lauten Hohngelaechter der Gesellschaft rannte der Kleine quiekend
und knurrend durch die Tuere fort die Treppe herab - fort, fort nach
seinem Hause, ohne dass ihn ein einziger von seinen Dienern bemerkt.

Waehrenddessen, dass sich dies alles im Saale begab, hatte sich
Balthasar in das Kabinett entfernt, wo man, wie er wahrgenommen,
die ohnmaechtige Candida hingebracht. Er warf sich ihr zu Fuessen,
drueckte ihre Haende an seine Lippen, nannte sie mit den suessesten
Namen. Sie erwachte endlich mit einem tiefen Seufzer, und als sie den
Balthasar erblickte, da rief sie voll Entzuecken:

"Bist du endlich - endlich da, mein geliebter Balthasar! Ach, ich bin
ja beinahe vergangen vor Sehnsucht und Liebesschmerz! - und immer
erklangen mir die Toene der Nachtigall, von denen beruehrt, der
Purpurrose das Herzblut entquillt!" -

Nun erzaehlte sie, alles, alles um sich her vergessend, wie ein boeser
abscheulicher Traum sie verstrickt, wie es ihr vorgekommen, als habe
sich ein haesslicher Unhold an ihr Herz gelegt, dem sie ihre Liebe
schenken muessen, weil sie nicht anders gekonnt. Der Unhold habe sich
zu verstellen gewusst, dass er ausgesehen wie Balthasar; und wenn sie
recht lebhaft an Balthasar gedacht, habe sie zwar gewusst, dass der
Unhold nicht Balthasar, aber dann sei es ihr wieder auf unbegreifliche
Weise gewesen, als muesse sie den Unhold lieben, eben um Balthasars
willen.

Balthasar klaerte ihr so viel auf, als es geschehen konnte, ohne ihre
ohnehin aufgeregten Sinne ganz und gar zu verwirren. Dann folgten,
wie es unter Liebesleuten nicht anders zu geschehen pflegt, tausend
Versicherungen, tausend Schwuere ewiger Liebe und Treue. Und dabei
umfingen sie sich und drueckten sich mit der Inbrunst der innigsten
Zaertlichkeit an die Brust und waren ganz und gar umflossen von aller
Wonne, von allem Entzuecken des hoechsten Himmels.

Mosch Terpin trat ein, haenderingend und lamentierend, mit ihm kamen
Pulcher und Fabian, die immerfort, jedoch vergebens troesteten.

"Nein," rief Mosch Terpin, "nein, ich bin ein total geschlagener Mann!
- nicht mehr Generaldirektor der natuerlichen Angelegenheiten im
Staate. - Kein Studium mehr im fuerstlichen Keller - die Ungnade des
Fuersten - ich gedachte Ritter zu werden des gruengefleckten Tigers,
wenigstens mit fuenf Knoepfen. - Alles aus! - Was wird nur Se.
Exzellenz der wuerdige Minister Zinnober dazu sagen, wenn er
hoert, dass ich eine schnoede Missgeburt, den Simia Belzebub cauda
prehensili, oder was weiss ich sonst, fuer ihn gehalten! - O Gott,
auch sein Hass wird auf mich lasten! - Alikante! - Alikante!" -

"Aber, bester Professor," troesteten die Freunde - "verehrter
Generaldirektor, bedenken Sie doch nur, dass es gar keinen Minister
Zinnober mehr gibt! - Sie haben sich ganz und gar nicht vergriffen,
der ungestaltete Knirps hat vermoege der Zaubergabe, die er von der
Fee Rosabelverde erhalten, Sie ebensogut getaeuscht, wie uns alle!" -

Nun erzaehlte Balthasar, wie sich alles begeben von Anfang an. Der
Professor horchte und horchte, bis Balthasar geendet, da rief er:
"Wach' ich! - traeum' ich - Hexen - Zauberer - Feen - magische Spiegel
- Sympathien - soll ich an den Unsinn glauben" -

"Ach liebster Herr Professor," fiel Fabian ein, "haetten Sie nur eine
Zeitlang einen Rock getragen mit kurzen Aermeln und langer Schleppe,
so wie ich, Sie wuerden schon an alles glauben, dass es eine Lust
waere!" -

"Ja," rief Mosch Terpin, "ja, es ist alles so - ja! - ein verhextes
Untier hat mich getaeuscht - ich stehe nicht mehr auf den Fuessen -
ich schwebe auf zur Decke -Prosper Alpanus holt mich ab - ich reite
aus auf einem Sommervogel - ich lass mich frisieren von der Fee
Rosabelverde - von dem Stiftsfraeulein Rosenschoen, und werde
Minister! - Koenig - Kaiser!" -

Und damit sprang er im Zimmer umher und schrie und juchzte, dass alle
fuer seinen Verstand fuerchteten, bis er ganz erschoepft in einen
Lehnsessel sank. Da nahten sich ihm Candida und Balthasar. Sie
sprachen davon, wie sie sich so innig, so ueber alles liebten, wie sie
gar nicht ohne einander leben koennten, und das war recht wehmuetig
anzuhoeren, weshalb Mosch Terpin auch wirklich etwas weinte. "Alles,"
sprach er schluchzend, "alles, was ihr wollt, Kinder! - heiratet
euch, liebt euch - hungert zusammen, denn ich gebe der Candida keinen
Groschen mit" -

Was das Hungern betraefe, sprach Balthasar laechelnd, so hoffe er
morgen den Herrn Professor zu ueberzeugen, dass davon wohl niemals die
Rede sein koenne, da sein Oheim Prosper Alpanus hinlaenglich fuer ihn
gesorgt.

"Tue das," sprach der Professor matt, "tue das, mein lieber Sohn, wenn
du kannst, und zwar morgen; denn soll ich nicht in Wahnsinn verfallen,
soll mir der Kopf nicht zerspringen, so muss ich sofort zu Bette
gehen!" -

Er tat das wirklich auf der Stelle.



Neuntes Kapitel

Verlegenheit eines treuen Kammerdieners. - Wie die alte Liese eine
Rebellion anzettelte und der Minister Zinnober auf der Flucht
ausglitschte. - Auf welche merkwuerdige Weise der Leibarzt des
Fuersten Zinnobers jaehen Tod erklaerte. - Wie Fuerst Barsanuph sich
betruebte, Zwiebeln ass, und wie Zinnobers Verlust unersetzlich blieb.

Der Wagen des Ministers Zinnober hatte beinahe die ganze Nacht
vergeblich vor Mosch Terpins Hause gehalten. Ein Mal ueber das andere
versicherte man dem Jaeger, Se. Exzellenz muessten schon lange die
Gesellschaft verlassen haben; der meinte aber dagegen, das sei ganz
unmoeglich, da Se. Exzellenz doch wohl nicht im Regen und Sturm zu
Fuss nach Hause gerannt sein wuerde. Als nun endlich alle Lichter
ausgeloescht und die Tueren verschlossen wurden, musste der Jaeger
zwar fortfahren mit dem leeren Wagen, im Hause des Ministers weckte er
aber sogleich den Kammerdiener und fragte, ob denn ums Himmels willen
und auf welche Art der Minister nach Hause gekommen. "Se. Exzellenz,"
erwiderte der Kammerdiener leise dem Jaeger ins Ohr, "Se. Exzellenz
sind gestern eingetroffen in spaeter Daemmerung, das ist ganz gewiss -
liegen im Bette und schlafen. - Aber! - o mein guter Jaeger! - wie -
auf welche Weise! - ich will Ihnen alles erzaehlen - doch Siegel auf
den Mund - ich bin ein verlornen Mann, wenn Se. Exzellenz erfahren,
dass ich es war auf dem finstern Korridor! - ich komme um meinen
Dienst, denn Se. Exzellenz sind zwar von kleiner Statur, besitzen aber
ausserordentlich viel Wildheit, alterieren sich leicht, kennen sich
selbst nicht im Zorn, haben noch gestern eine schnoede Maus, die durch
Sr. Exzellenz Schlafzimmer zu huepfen sich unterfangen, mit dem blank
gezogenen Degen durch und durch gerannt. - Nun gut! - Also in der
Daemmerung nehme ich mein Maentelchen um und will ganz sachte
hinueberschleichen ins Weinstuebchen zu einer Partie Tric-Trac, da
schurrt und schlurrt mir etwas auf der Treppe entgegen und kommt mir
auf dem finstern Korridor zwischen die Beine und schlaegt hin auf den
Boden und erhebt ein gellendes Katzengeschrei und grunzt dann wie - o
Gott - Jaeger! - halten Sie das Maul, edler Mann, sonst bin ich hin!
- kommen Sie ein wenig naeher - und grunzt dann, wie unsere gnaedige
Exzellenz zu grunzen pflegt, wenn der Koch die Kaelberkeule verbraten
oder ihm sonst im Staate was nicht recht ist."

Die letzten Worte hatte der Kammerdiener dem Jaeger mit vorgehaltener
Hand ins Ohr gesprochen. Der Jaeger fuhr zurueck, schnitt ein
bedenkliches Gesicht und rief: "Ist es moeglich!" -

"Ja," fuhr der Kammerdiener fort, "es war unbezweifelt unsere gnaedige
Exzellenz, was mir auf dem Korridor durch die Beine fuhr. Ich vernahm
nun deutlich, wie der Gnaedige in den Zimmern die Stuehle heranrueckte
und sich die Tuere eines Zimmers nach dem andern oeffnete, bis er
in sein Schlafkabinett angekommen. Ich wagt' es nicht nachzugehen,
aber ein paar Stuendchen nachher schlich ich mich an die Tuere des
Schlafkabinetts und horchte. Da schnarchten die liebe Exzellenz ganz
auf die Weise, wie es zu geschehen pflegt, wenn Grosses im Werke.
- Jaeger! 'es gibt mehr Dinge im Himmel und auf Erden, als unsere
Weisheit sich traeumt,' das hoert' ich einmal auf dem Theater einen
melancholischen Prinzen sagen, der ganz schwarz ging und sich vor
einem ganz in grauen Pappendeckel gekleideten Mann sehr fuerchtete. -
Jaeger! - es ist gestern irgend etwas Erstaunliches geschehen, das die
Exzellenz nach Hause trieb. Der Fuerst ist bei dem Professor gewesen,
vielleicht aeusserte er das und das - irgendein huebsches Reformchen
- und da ist nun der Minister gleich drueber her, laeuft aus der
Verlobung heraus und faengt an zu arbeiten fuer das Wohl der
Regierung. - Ich hoert's gleich am Schnarchen; ja Grosses,
Entscheidendes wird geschehen! - O Jaeger - vielleicht lassen wir alle
ueber kurz oder lang uns wieder die Zoepfe wachsen! - Doch, teurer
Freund, lassen Sie uns hinabgehen und als treue Diener an der Tuere
des Schlafzimmers lauschen, ob Se. Exzellenz auch noch ruhig im Bette
liegen und die inneren Gedanken ausarbeiten."

Beide, der Kammerdiener und der Jaeger, schlichen sich hin an die
Tuere und horchten. Zinnober schnurrte und orgelte und pfiff durch die
wundersamsten Tonarten. Beide Diener standen in stummer Ehrfurcht, und
der Kammerdiener sprach tiefgeruehrt: "Ein grosser Mann ist doch unser
gnaedige Herr Minister!" -

Schon am fruehsten Morgen entstand unten im Hause des Ministers ein
gewaltiger Laerm. Ein altes, erbaermlich in laengst verblichenen
Sonntagsstaat gekleidetes Bauerweib hatte sich ins Haus gedraengt
und dem Portier angelegen, sie sogleich zu ihrem Soehnlein, zu Klein
Zaches zu fuehren. Der Portier hatte sie bedeutet, dass Se. Exzellenz
der Herr Minister von Zinnober, Ritter des gruengefleckten Tigers mit
zwanzig Knoepfen, im Hause wohne, und niemand von der Dienerschaft
Klein Zaches hiesse oder so genannt werde. Da hatte das Weib aber
ganz tolljubelnd geschrien, der Herr Minister Zinnober mit zwanzig
Knoepfen, das sei eben ihr liebes Soehnlein, der Klein Zaches. Auf das
Geschrei des Weibes, auf die donnernden Flueche des Portiers war alles
aus dem ganzen Hause zusammengelaufen, und das Getoese wurde aerger
und aerger. Als der Kammerdiener hinabkam, um die Leute auseinander zu
jagen, die Se. Exzellenz so unverschaemt in der Morgenruhe stoerten,
warf man eben das Weib, die alle fuer wahnsinnig hielten, zum Hause
heraus.

Auf die steinernen Stufen des gegenueberstehenden Hauses setzte sich
nun das Weib hin und schluchzte und lamentierte, dass das grobe Volk
da drinnen sie nicht zu ihrem Herzenssoehnlein, zu dem Klein Zaches,
der Minister geworden, lassen wolle. Viele Leute versammelten sich
nach und nach um sie her, denen sie immer und immer wiederholte, dass
der Minister Zinnober niemand anders sei, als ihr Sohn, den sie in
der Jugend Klein Zaches geheissen; so dass die Leute zuletzt nicht
wussten, ob sie die Frau fuer toll halten oder gar ahnen sollten, dass
wirklich was an der Sache.

Die Frau wandte nicht die Augen weg von Zinnobers Fenster. Da schlug
sie mit einemmal eine helle Lache auf, klopfte die Haende zusammen und
rief jubelnd ueberlaut: "Da ist er - da ist er, mein Herzensmaennlein
- mein kleines Koboldchen - Guten Morgen, Klein Zaches! - Guten
Morgen, Klein Zaches!" - Alle Leute kuckten hin, und als sie den
kleinen Zinnober gewahrten, der in seinem gestickten Scharlachkleide,
das Ordensband des gruengefleckten Tigers umgehaengt, vor dem Fenster
stand, das hinabging bis an den Fussboden, so dass seine ganze Figur
durch die grossen Scheiben deutlich zu sehen, lachten sie ganz
uebermaessig und laermten und schrien: "Klein Zaches - Klein Zaches!
Ha, seht doch den kleinen geputzten Pavian - die tolle Missgeburt -
das Wurzelmaennlein - Klein Zaches! Klein Zaches!" - Der Portier, alle
Diener Zinnobers rannten heraus, um zu erschauen, worueber das Volk
denn so unmaessig lache und jubiliere. Aber kaum erblickten sie ihren
Herren, als sie noch aerger als das Volk im tollsten Gelaechter
schrien: "Klein Zaches - Klein Zaches - Wurzelmann - Daeumling -
Alraun!" -

Der Minister schien erst jetzt zu gewahren, dass der tolle Spuk auf
der Strasse niemand anderm gelte, als ihm selbst. Er riss das Fenster
auf, schaute mit zornfunkelnden Augen herab, schrie, raste, machte
seltsame Spruenge vor Wut - drohte mit Wache - Polizei - Stockhaus und
Festung.

Aber je mehr die Exzellenz tobte im Zorn, desto aerger wurde Tumult
und Gelaechter, man fing an mit Steinen - Obst - Gemuese oder was man
eben zur Hand bekam, nach dem ungluecklichen Minister zu werfen - er
musste hinein! -

"Gott im Himmel," rief der Kammerdiener entsetzt, "aus dem Fenster
der gnaedigen Exzellenz kuckte ja das kleine abscheuliche Ungetuem
heraus - Was ist das? - wie ist der kleine Hexenkerl in die Zimmer
gekommen?" - Damit rannte er hinauf, aber so wie vorher fand er das
Schlafkabinett des Ministers fest verschlossen. Er wagte leise zu
pochen! - Keine Antwort! -

Indessen war, der Himmel weiss, auf welche Weise, ein dumpfes Gemurmel
im Volke entstanden, das kleine laecherliche Ungetuem dort oben sei
wirklich Klein Zaches, der den stolzen Namen Zinnober angenommen und
sich durch allerlei schaendlichen Lug und Trug aufgeschwungen. Immer
lauter und lauter erhoben sich die Stimmen. "Hinunter mit der kleinen
Bestie - hinunter - klopft dem Klein Zaches die Ministerjacke aus
- sperrt ihn in den Kaeficht - lasst ihn fuer Geld sehen auf dem
Jahrmarkt! - Beklebt ihn mit Goldschaum und beschert ihn den Kindern
zum Spielzeug! - Hinauf - hinauf!" - Und damit stuermte das Volk an
gegen das Haus.

Der Kammerdiener rang verzweiflungsvoll die Haende. "Rebellion -
Tumult - Exzellenz - machen Sie auf - retten Sie sich!" - so schrie
er; aber keine Antwort, nur ein leises Stoehnen liess sich vernehmen.

Die Haustuere wurde eingeschlagen, das Volk polterte unter wildem
Gelaechter die Treppe herauf.

"Nun gilt's," sprach der Kammerdiener und rannte mit aller Macht an
gegen die Tuere des Kabinetts, dass sie klirrend und rasselnd aus den
Angeln sprang. - Keine Exzellenz - kein Zinnober zu finden! -

"Exzellenz - gnaedigste Exzellenz - vernehmen Sie denn nicht die
Rebellion? - Exzellenz - gnaedigste Exzellenz, wo hat sie denn der -
Gott verzeih' mir die Suende, wo geruhen Sie sich denn zu befinden!"

So schrie der Kammerdiener, in heller Verzweiflung durch die Zimmer
rennend. Aber keine Antwort, kein Laut, nur der spottende Widerhall
toente von den Marmorwaenden. Zinnober schien spurlos, tonlos
verschwunden. - Draussen war es ruhiger geworden, der Kammerdiener
vernahm die tiefe klangvolle Stimme eines Frauenzimmers, die zum Volke
sprach, und gewahrte, durchs Fenster blickend, wie die Menschen nach
und nach, leise miteinander murmelnd, das Haus verliessen, bedenkliche
Blicke hinaufwerfend nach den Fenstern.

"Die Rebellion scheint vorueber," sprach der Kammerdiener, "nun wird
die gnaedige Exzellenz wohl hervorkommen aus ihrem Schlupfwinkel."

Er ging nach dem Schlafkabinett zurueck, vermutend, dort werde der
Minister sich doch wohl am Ende befinden.

Er warf spaehende Blicke rings umher, da wurde er gewahr, wie aus
einem schoenen silbernen Henkelgefaess, das immer dicht neben der
Toilette zu stehen pflegte, weil es der Minister als ein teures
Geschenk des Fuersten sehr wert hielt, ganz kleine duenne Beinchen
hervorstarrten.

"Gott - Gott," schrie der Kammerdiener entsetzt, "Gott! - Gott! -
taeuscht mich nicht alles, so gehoeren die Beinchen dort Sr. Exzellenz
dem Herrn Minister Zinnober, meinem gnaedigen Herrn!" - Er trat
hinan, er rief, durchbebt von allen Schauern des Schrecks, indem er
herabschaute: "Exzellenz - Exzellenz - um Gott, was machen Sie - was
treiben Sie da unten in der Tiefe!"

Da aber Zinnober still blieb, sah der Kammerdiener wohl die Gefahr
ein, in der die Exzellenz schwebte, und dass es an der Zeit sei, allen
Respekt beiseite zu setzen. Er packte den Zinnober bei den Beinchen
- zog ihn heraus! - Ach tot - tot war die kleine Exzellenz! Der
Kammerdiener brach aus in lautes Jammern; der Jaeger, die Dienerschaft
eilte herbei, man rannte nach dem Leibarzt des Fuersten. Indessen
trocknete der Kammerdiener seinen armen ungluecklichen Herrn ab mit
saubern Handtuechern, legte ihn ins Bett, bedeckte ihn mit seidenen
Kissen, so dass nur das kleine verschrumpfte Gesichtchen sichtbar
blieb.

Hinein trat nun das Fraeulein von Rosenschoen. Sie hatte erst, der
Himmel weiss, auf welche Art, das Volk beruhigt. Nun schritt sie zu
auf den entseelten Zinnober, ihr folgte die alte Liese, des kleinen
Zaches leibliche Mutter. - Zinnober sah in der Tat huebscher aus im
Tode, als er jemals in seinem ganzen Leben ausgesehen. Die kleinen
Aeugelein waren geschlossen, das Naeschen sehr weiss, der Mund zum
sanften Laecheln ein wenig verzogen, aber vor allen Dingen wallte das
dunkelbraune Haar in den schoensten Locken herab. Ueber das Haupt hin
strich das Fraeulein den Kleinen, und in dem Augenblick blitzte in
mattem Schimmer ein roter Streif hervor.

"Ha," rief das Fraeulein, indem ihr die Augen vor Freude glaenzten,
"ha, Prosper Alpanus! - hoher Meister, du haeltst Wort! - Verbuesst
ist sein Verhaengnis und mit ihm alle Schmach!"

"Ach," sprach die alte Liese, "ach du lieber Gott, das ist ja doch
wohl nicht mein kleiner Zaches, so huebsch hat der niemals ausgesehen.
Da bin ich doch nun ganz umsonst nach der Stadt gegangen, und Ihr habt
mir gar nicht gut geraten, mein gnaediges Fraeulein!" -

"Murrt nur nicht, Alte," erwiderte das Fraeulein, "haettet Ihr nur
meinen Rat ordentlich befolgt, und waeret Ihr nicht frueher, als ich
hier war, in dies Haus gedrungen, alles stuende fuer Euch besser. -
Ich wiederhole es, der Kleine, der dort tot im Bette liegt, ist gewiss
und wahrhaftig Euer Sohn, Klein Zaches!"

"Nun," rief die Frau mit leuchtenden Augen, "nun wenn die kleine
Exzellenz dort wirklich mein Kind ist, so erb' ich ja wohl all die
schoenen Sachen, die hier rings umherstehen, das ganze Haus mit allem,
was drinnen ist?"

"Nein," sprach das Fraeulein, "das ist nun ganz und gar vorbei, Ihr
habt den rechten Augenblick verfehlt, Geld und Gut zu gewinnen. - Euch
ist, ich habe es gleich gesagt, Euch ist nun einmal Reichtum nicht
beschieden." -

"So darf ich," fuhr die Frau fort, indem ihr die Traenen in die
Augen traten, "so darf ich denn nicht wenigstens mein armes kleines
Maennlein in die Schuerze nehmen und nach Hause tragen? - Unser Herr
Pfarrer hat so viel huebsche ausgestopfte Voegelein und Eichkaetzchen,
der soll mir meinen Klein Zaches ausstopfen lassen, und ich will
ihn auf meinen Schrank stellen, wie er da ist im roten Rock mit
dem breiten Bande und dem grossen Stern auf der Brust, zum ewigen
Andenken!" -

"Das ist," rief das Fraeulein beinahe unwillig, "das ist ein ganz
einfaeltiger Gedanke, das geht ganz und gar nicht an!" -

Da fing das Weib an zu schluchzen, zu klagen, zu lamentieren. "Was
hab' ich," sprach sie, "nun davon, dass mein Klein Zaches zu hohen
Wuerden, zu grossem Reichtum gelangt ist! - Waer' er nur bei mir
geblieben, haett' ich ihn nur aufgezogen in meiner Armut, niemals
waer' er in jenes verdammte silberne Ding gefallen, er lebte noch, und
ich haett' vielleicht Freude und Segen von ihm gehabt. Trug ich ihn so
herum in meinem Holzkorb, Mitleiden haetten die Leute gefuehlt und mir
manches schoene Stuecklein Geld zugeworfen, aber nun" -

Es liessen sich Tritte im Vorsaal vernehmen, das Fraeulein trieb die
Alte hinaus, mit der Weisung, sie solle unten vor der Tuere warten, im
Wegfahren wolle sie ihr ein untruegliches Mittel vertrauen, wie sie
all ihre Not, all ihr Elend mit einemmal enden koenne.

Nun trat Rosabelverde noch einmal dicht an den Kleinen heran und
sprach mit der weichen bebenden Stimme des tiefen Mitleids:

"Armer Zaches! - Stiefkind der Natur! - ich hatt' es gut mit dir
gemeint! - Wohl mocht' es Torheit sein, dass ich glaubte, die aeussere
schoene Gabe, womit ich dich beschenkt, wuerde hineinstrahlen in dein
Inneres und eine Stimme erwecken, die dir sagen muesste: 'Du bist
nicht der, fuer den man dich haelt, aber strebe doch nur an, es dem
gleichzutun, auf dessen Fittichen du Lahmer, Unbefiederter dich
aufschwingst!' - Doch keine innere Stimme erwachte. Dein traeger toter
Geist vermochte sich nicht emporzurichten, du liessest nicht nach in
deiner Dummheit, Grobheit, Ungebaerdigkeit - Ach! - waerst du nur ein
geringes Etwas weniger, ein kleiner ungeschlachter Ruepel geblieben,
du entgingst dem schmachvollen Tode! - Prosper Alpanus hat dafuer
gesorgt, dass man dich jetzt im Tode wieder dafuer haelt, was du im
Leben durch meine Macht zu sein schienst. Sollt' ich dich vielleicht
gar noch wiederschauen als kleiner Kaefer - flinke Maus oder behende
Eichkatze, so soll es mich freuen! - Schlafe wohl, Klein Zaches!" -

Indem Rosabelverde das Zimmer verliess, trat der Leibarzt des Fuersten
mit dem Kammerdiener hinein.

"Um Gott," rief der Arzt, als er den toten Zinnober erblickte und sich
ueberzeugte, dass alle Mittel, ihn ins Leben zu rufen, vergeblich
bleiben wuerden, "um Gott, wie ist das zugegangen, Herr Kaemmerer?"

"Ach," erwiderte dieser, "ach, lieber Herr Doktor, die Rebellion oder
die Revolution, es ist all eins, wie Sie es nennen wollen, tobte und
hantierte draussen auf dem Vorsaale ganz fuerchterlich. Se. Exzellenz,
besorgt um ihr teures Leben, wollten gewiss in die Toilette
hineinfluechten, glitschten aus und" -

"So ist," sprach der Doktor feierlich und bewegt, "so ist er aus
Furcht zu sterben gar gestorben!"

Die Tuere sprang auf, und hinein stuerzte Fuerst Barsanuph mit
verbleichtem Antlitz, hinter ihm her sieben noch bleichere
Kammerherrn.

"Ist es wahr, ist es wahr?" rief der Fuerst; aber sowie er des Kleinen
Leichnam erblickte, prallte er zurueck und sprach, die Augen gen
Himmel gerichtet, mit dem Ausdruck des tiefsten Schmerzes: "O
Zinnober!" - Und die sieben Kammerherrn riefen dem Fuersten nach: "O
Zinnober!" und holten, wie es der Fuerst tat, die Schnupftuecher aus
der Tasche und hielten sie sich vor die Augen.

"Welch ein Verlust," begann nach einer Weile des lautlosen Jammers der
Fuerst, "welch ein unersetzlicher Verlust fuer den Staat! - Wo einen
Mann finden, der den Orden des gruengefleckten Tigers mit zwanzig
Knoepfen mit _der_ Wuerde traegt, als mein Zinnober! - Leibarzt, und
Sie konnten mir _den_ Mann sterben lassen! - Sagen Sie - wie ging das
zu, wie mochte das geschehen - was war die Ursache - woran starb der
Vortreffliche?" -

Der Leibarzt beschaute den Kleinen sehr sorgsam, befuehlte manche
Stellen ehemaliger Pulse, strich das Haupt entlang, raeusperte sich
und begann: "Mein gnaedigster Herr! Sollte ich mich begnuegen, auf der
Oberflaeche zu schwimmen, ich koennte sagen, der Minister sei an dem
gaenzlichen Ausbleiben des Atems gestorben, dies Ausbleiben des Atems
sei bewirkt durch die Unmoeglichkeit Atem zu schoepfen, und diese
Unmoeglichkeit wieder nur herbeigefuehrt durch das Element, durch den
Humor, in den der Minister stuerzte. Ich koennte sagen, der Minister
sei auf diese Weise einen humoristischen Tod gestorben, aber fern
von mir sei diese Seichtigkeit, fern von mir die Sucht, alles aus
schnoeden physischen Prinzipien erklaeren zu wollen, was nur im Gebiet
des rein Psychischen seinen natuerlichen unumstoesslichen Grund
findet. - Mein gnaedigster Fuerst, frei sei des Mannes Wort! - Den
ersten Keim des Todes fand der Minister im Orden des gruengefleckten
Tigers mit zwanzig Knoepfen!" -

"Wie," rief der Fuerst, indem er den Leibarzt mit zorngluehenden Augen
anfunkelte, "wie! - was sprechen Sie? - der Orden des gruengefleckten
Tigers mit zwanzig Knoepfen, den der Selige zum Wohl des Staats mit so
vieler Anmut, mit so vieler Wuerde trug? - _der_ Ursache seines Todes?
- Beweisen Sie mir das, oder - Kammerherrn, was sagt ihr dazu?"

"Er muss beweisen, er muss beweisen, oder" - riefen die sieben blassen
Kammerherrn, und der Leibarzt fuhr fort:

"Mein bester gnaedigster Fuerst, ich werd' es beweisen, also kein
_oder_! - Die Sache haengt folgendermassen zusammen: Das schwere
Ordenszeichen am Bande, vorzueglich aber die Knoepfe auf dem Ruecken
wirkten nachteilig auf die Ganglien des Rueckgrats. Zu gleicher Zeit
verursachte der Ordensstern einen Druck auf jenes knotige fadichte
Ding zwischen dem Dreifuss und der obern Gekroespulsader, das wir
das Sonnengeflecht nennen, und das in dem labyrinthischen Gewebe der
Nervengeflechte praedominiert. Dies dominierende Organ steht in der
mannigfaltigsten Beziehung mit dem Zerebralsystem, und natuerlich war
der Angriff auf die Ganglien auch diesem feindlich. Ist aber nicht
die freie Leitung des Zerebralsystems die Bedingung des Bewusstseins,
der Persoenlichkeit, als Ausdruck der vollkommensten Vereinigung des
Ganzen in einem Brennpunkt? Ist nicht der Lebensprozess die Taetigkeit
in beiden Sphaeren, in dem Ganglien- und Zerebralsystem? - Nun! genug,
jener Angriff stoerte die Funktionen des psychischen Organism. Erst
kamen finstre Ideen von unerkannten Aufopferungen fuer den Staat durch
das schmerzhafte Tragen jenes Ordens u.s.w., immer verfaenglicher
wurde der Zustand, bis gaenzliche Disharmonie des Ganglien- und
Zerebralsystems endlich gaenzliches Aufhoeren des Bewusstseins,
gaenzliches Aufgeben der Persoenlichkeit herbeifuehrte. Diesen Zustand
bezeichnen wir aber mit dem Worte _Tod_! - Ja, gnaedigster Herr! -
der Minister hatte bereits seine Persoenlichkeit aufgegeben, war
also schon mausetot, als er hineinstuerzte in jenes verhaengnisvolle
Gefaess. - So hatte sein Tod keine physische, wohl aber eine
unermesslich tiefe psychische Ursache." -

"Leibarzt," sprach der Fuerst unmutig, "Leibarzt, Sie schwatzen nun
schon eine halbe Stunde, und ich will verdammt sein, wenn ich eine
Silbe davon verstehe. Was wollen Sie mit Ihrem Physischen und
Psychischen?"

"Das physische Prinzip," nahm der Arzt wieder das Wort, "ist die
Bedingung des rein vegetativen Lebens, das psychische bedingt dagegen
den menschlichen Organism, der nur in dem Geiste, in der Denkkraft das
Triebrad der Existenz findet."

"Noch immer," rief der Fuerst im hoechsten Unmut, "noch immer verstehe
ich Sie nicht, Unverstaendlicher!"

"Ich meine," sprach der Doktor, "ich meine, Durchlauchtiger, dass das
Physische sich bloss auf das rein vegetative Leben ohne Denkkraft,
wie es in Pflanzen stattfindet, das Psychische aber auf die Denkkraft
bezieht. Da diese nun im menschlichen Organism vorwaltet, so muss der
Arzt immer bei der Denkkraft, bei dem Geist anfangen und den Leib nur
als Vasallen des Geistes betrachten, der sich fuegen muss, sobald der
Gebieter es will."

"Hoho!" rief der Fuerst, "hoho, Leibarzt, lassen Sie das gut sein! -
Kurieren Sie meinen Leib, und lassen Sie meinen Geist ungeschoren,
von dem habe ich noch niemals Inkommoditaeten verspuert. Ueberhaupt,
Leibarzt, Sie sind ein konfuser Mann, und stuende ich hier nicht an
der Leiche meines Ministers und waere geruehrt, ich wuesste, was ich
taete! - Nun Kammerherrn! vergiessen wir noch einige Zaehren hier am
Katafalk des Verewigten und gehen wir dann zur Tafel."

Der Fuerst hielt das Schnupftuch vor die Augen und schluchzte, die
Kammerherrn taten desgleichen, dann schritten sie alle von dannen.
Vor der Tuere stand die alte Liese, welche einige Reihen der
allerschoensten goldgelben Zwiebeln ueber den Arm gehaengt hatte, die
man nur sehen konnte. Des Fuersten Blick fiel zufaellig auf diese
Fruechte. Er blieb stehen, der Schmerz verschwand aus seinem Antlitz,
er laechelte mild und gnaedig, er sprach: "Hab' ich doch in meinem
Leben keine solche schoene Zwiebeln gesehen, die muessen von dem
herrlichsten Geschmack sein. Verkauft Sie die Ware, liebe Frau?"

"O ja," erwiderte Liese mit einem tiefen Knix, "o ja, gnaedigste
Durchlaucht, von dem Verkauf der Zwiebeln naehre ich mich duerftig,
so gut es gehn will! - Sie sind suess wie purer Honig, belieben Sie,
gnaedigster Herr?"

Damit reichte sie eine Reihe der staerksten glaenzendsten Zwiebeln dem
Fuersten hin. Der nahm sie, laechelte, schmatzte ein wenig und rief
dann: "Kammerherrn! geb' mir einer einmal sein Taschenmesser her." Ein
Messer erhalten, schaelte der Fuerst nett und sauber eine Zwiebel ab
und kostete etwas von dem Mark.

"Welch ein Geschmack, welche Suesse, welche Kraft, welches Feuer!"
rief er, indem ihm die Augen glaenzten vor Entzuecken, "und dabei ist
es mir, als saeh' ich den verewigten Zinnober vor mir stehen, der mir
zuwinkte und zulispelte: 'Kaufen Sie - essen Sie diese Zwiebeln, mein
Fuerst - das Wohl des Staats erfordert es!'" - Der Fuerst drueckte
der alten Liese ein paar Goldstuecke in die Hand, und die Kammerherrn
mussten saemtliche Reihen Zwiebeln in die Taschen schieben. Noch mehr!
- er verordnete, dass niemand anders die Zwiebellieferung fuer die
fuerstlichen Dejeuners haben sollte als Liese. So kam die Mutter des
Klein Zaches, ohne gerade reich zu werden, aus aller Not, aus allem
Elend, und gewiss war es wohl, dass ihr ein geheimer Zauber der guten
Fee Rosabelverde dazu verhalf.

Das Leichenbegaengnis des Ministers Zinnober war eins der
praechtigsten, das man jemals in Kerepes gesehen; der Fuerst, alle
Ritter des gruengefleckten Tigers folgten der Leiche in tiefer Trauer.
Alle Glocken wurden gezogen, ja sogar die beiden Boeller, die der
Fuerst behufs der Feuerwerke mit schweren Kosten angeschafft, mehrmals
geloest. Buerger - Volk - alles weinte und lamentierte, dass der Staat
seine beste Stuetze verloren und wohl niemals mehr ein Mann von dem
tiefen Verstande, von der Seelengroesse, von der Milde, von dem
unermuedlichen Eifer fuer das allgemeine Wohl, wie Zinnober, an das
Ruder der Regierung kommen werde.

In der Tat blieb auch der Verlust unersetzlich; denn niemals fand sich
wieder ein Minister, dem der Orden des gruengefleckten Tigers mit
zwanzig Knoepfen so an den Leib gepasst haben sollte, wie dem
verewigten unvergesslichen Zinnober.



Letztes Kapitel

Wehmuetige Bitten des Autors. - Wie der Professor Mosch Terpin sich
beruhigte und Candida niemals verdriesslich werden konnte. - Wie ein
Goldkaefer dem Doktor Prosper Alpanus etwas ins Ohr summte, dieser
Abschied nahm und Balthasar eine glueckliche Ehe fuehrte.

Es ist nun an dem, dass der, der fuer dich, geliebter Leser, diese
Blaetter aufschreibt, von dir scheiden will, und dabei ueberfaellt
ihn Wehmut und Bangen. - Noch vieles, vieles wuesste er von den
merkwuerdigen Taten des kleinen Zinnober, und er haette, wie er denn
nun ueberhaupt zu der Geschichte aus dem Innern heraus unwiderstehlich
angeregt wurde, wahre Lust daran gehabt, dir, o mein Leser, noch das
alles zu erzaehlen. Doch! - rueckblickend auf alle Ereignisse, wie sie
in den neun Kapiteln vorgekommen, fuehlt er wohl, dass darin schon so
viel Wunderliches, Tolles, der nuechternen Vernunft Widerstrebendes
enthalten, dass er, noch mehr dergleichen anhaeufend, Gefahr laufen
muesste, es mit dir, geliebter Leser, deine Nachsicht missbrauchend,
ganz und gar zu verderben. Er bittet dich in jener Wehmut, in jenem
Bangen, das ploetzlich seine Brust beengte, als er die Worte: "Letztes
Kapitel" schrieb, du moegest mit recht heitrem, unbefangenem Gemuet es
dir gefallen lassen, die seltsamen Gestaltungen zu betrachten, ja sich
mit ihnen zu befreunden, die der Dichter der Eingebung des spukhaften
Geistes, Phantasus geheissen, verdankt, und dessen bizarrem,
launischem Wesen er sich vielleicht zu sehr ueberliess. - Schmolle
deshalb nicht mit beiden, mit dem Dichter und mit dem launischen
Geiste! - Hast du, geliebter Leser, hin und wieder ueber manches
recht im Innern gelaechelt, so warst du in der Stimmung, wie sie der
Schreiber dieser Blaetter wuenschte, und dann, so glaubt er, wirst du
ihm wohl vieles zugute halten! -

Eigentlich haette die Geschichte mit dem tragischen Tode des kleinen
Zinnober schliessen koennen. Doch ist es nicht anmutiger, wenn statt
eines traurigen Leichenbegaengnisses eine froehliche Hochzeit am Ende
steht?

So werde denn noch kuerzlich der holden Candida und des gluecklichen
Balthasars gedacht. -

Der Professor Mosch Terpin war sonst ein aufgeklaerter, welterfahrner
Mann, der dem weisen Spruch: Nil admirari gemaess sich seit vielen,
vielen Jahren ueber nichts in der Welt zu verwundern pflegte. Aber
jetzt geschah es, dass er, all seine Weisheit aufgebend, sich immer
fort und fort verwundern musste, so dass er zuletzt klagte, wie er
nicht mehr wisse, ob er wirklich der Professor Mosch Terpin sei, der
ehemals die natuerlichen Angelegenheiten im Staate dirigiert, und
ob er noch wirklich, Kopf in die Hoehe, auf seinen lieben Fuessen
einherspaziere.

Zuerst verwunderte er sich, als Balthasar ihm den Doktor
Prosper Alpanus als seinen Oheim vorstellte und dieser ihm die
Schenkungsurkunde vorwies, vermoege der Balthasar Besitzer des eine
Stunde von Kerepes entfernten Landhauses nebst Waldung, Aecker und
Wiesen wurde; als er in dem Inventario, kaum seinen Augen trauend,
koestliche Geraetschaften, ja Gold- und Silberbarren erwaehnt
gewahrte, deren Wert den Reichtum der fuerstlichen Schatzkammer bei
weitem ueberstieg. Dann verwunderte er sich, als er den praechtigen
Sarg, in dem Zinnober lag, durch Balthasars Lorgnette anschaute,
und es ihm auf einmal war, als habe es nie einen Minister Zinnober,
sondern nur einen kleinen ungeschlachten, ungebaerdigen Knirps
gegeben, den man faelschlicherweise fuer einen verstaendigen, weisen
Minister Zinnober gehalten.

Bis auf den hoechsten Grad stieg aber Mosch Terpins Verwunderung, als
Prosper Alpanus ihn im Landhause umherfuehrte, ihm seine Bibliothek
und andere sehr wunderbare Dinge zeigte, ja selbst einige sehr
anmutige Experimente machte mit seltsamen Pflanzen und Tieren.

Dem Professor ging der Gedanke auf, es sei wohl mit seinem
Naturforschen ganz und gar nichts, und er saesse in einer herrlichen
bunten Zauberwelt wie in einem Ei eingeschlossen. Dieser Gedanke
beunruhigte ihn so sehr, dass er zuletzt klagte und weinte wie ein
Kind. Balthasar fuehrte ihn sofort in den geraeumigen Weinkeller, in
dem er glaenzende Faesser und blinkende Flaschen erblickte. Besser
als in dem fuerstlichen Weinkeller, meinte Balthasar, koenne er hier
studieren und in dem schoenen Park die Natur hinlaenglich erforschen.

Hierauf beruhigte sich der Professor.

Balthasars Hochzeit wurde auf dem Landhause gefeiert. Er - die Freunde
Fabian - Pulcher - alle erstaunten ueber Candidas hohe Schoenheit,
ueber den zauberischen Reiz, der in ihrem Anzuge, in ihrem ganzen
Wesen lag. - Es war auch wirklich ein Zauber, der sie umfloss, denn
die Fee Rosabelverde, die, allen Groll vergessend, der Hochzeit als
Stiftsfraeulein von Rosenschoen beiwohnte, hatte sie selbst gekleidet
und mit den schoensten, herrlichsten Rosen geschmueckt. Nun weiss man
aber wohl, dass der Anzug gut stehen muss, wenn eine Fee dabei Hand
anlegt. Ausserdem hatte Rosabelverde der holden Braut einen praechtig
funkelnden Halsschmuck verehrt, der eine magische Wirkung dahin
aeusserte, dass sie, hatte sie ihn umgetan, niemals ueber
Kleinigkeiten, ueber ein schlecht genesteltes Band, ueber einen
missratenen Haarschmuck, ueber einen Fleck in der Waesche oder
sonst verdriesslich werden konnte. Diese Eigenschaft, die ihr der
Halsschmuck gab, verbreitete eine besondere Anmut und Heiterkeit auf
ihrem ganzen Antlitz.

Das Brautpaar stand im hoechsten Himmel der Wonne, und - so herrlich
wirkte der geheime weise Zauber Alpans - hatte doch noch Blick und
Wort fuer die Herzensfreunde, welche versammelt. Prosper Alpanus und
Rosabelverde, beide sorgten dafuer, dass die schoensten Wunder den
Hochzeitstag verherrlichten. Ueberall toenten aus Bueschen und Baeumen
suesse Liebeslaute, waehrend sich schimmernde Tafeln erhoben mit den
herrlichsten Speisen, mit Kristallflaschen belastet, aus denen der
edelste Wein stroemte, welcher Lebensglut durch alle Adern der Gaeste
goss.

Die Nacht war eingebrochen, da spannen sich feuerflammende Regenbogen
ueber den ganzen Park, und man sah schimmernde Voegel und Insekten,
die sich auf und ab schwangen, und wenn sie die Fluegel schuettelten,
staeubten Millionen Funken hervor, die in ewigem Wechsel allerlei
holde Gestalten bildeten, welche in der Luft tanzten und gaukelten
und im Gebuesch verschwanden. Und dabei toente staerker die Musik des
Waldes, und der Nachtwind strich daher, geheimnisvoll saeuselnd und
suesse Duefte aushauchend.

Balthasar, Candida, die Freunde erkannten den maechtigen Zauber
Alpans, aber Mosch Terpin, halb berauscht, lachte laut und meinte,
hinter allem stecke niemand anders, als der Teufelskerl, der
Operndekorateur und Feuerwerker des Fuersten.

Schneidende Glockentoene erhallten. Ein glaenzender Goldkaefer schwang
sich herab, setzte sich auf Prosper Alpanus' Schulter und schien ihm
leise etwas ins Ohr zu sumsen.

Prosper Alpanus erhob sich von seinem Sitz und sprach ernst und
feierlich: "Geliebter Balthasar - holde Candida - meine Freunde! - Es
ist nun an der Zeit - Lothos ruft - ich muss scheiden." -

Darauf nahte er sich dem Brautpaar und sprach leise mit ihnen. Beide,
Balthasar und Candida, waren sehr geruehrt, Prosper schien ihnen
allerlei gute Lehren zu geben, er umarmte beide mit Inbrunst.

Dann wandte er sich an das Fraeulein von Rosenschoen und sprach
ebenfalls leise mit ihr - wahrscheinlich gab sie ihm Auftraege in
Zauber- und Feen-Angelegenheiten, die er willig uebernahm.

Indessen hatte sich ein kleiner kristallner Wagen, mit zwei
schimmernden Libellen bespannt, die der Silberfasan fuehrte, aus den
Lueften hinabgesenkt.

"Lebt wohl - lebt wohl!" rief Prosper Alpanus, stieg in den Wagen
und schwebte empor ueber die flammenden Regenbogen hinweg, bis sein
Fuhrwerk zuletzt in den hoechsten Lueften erschien wie ein kleiner
funkelnder Stern, der sich endlich hinter den Wolken verbarg.

"Schoene Mongolfiere," schnarchte Mosch Terpin und versank, von der
Kraft des Weines uebermannt, in tiefen Schlaf.

- Balthasar, der Lehren des Prosper Alpanus eingedenk, den Besitz
des wunderbaren Landhauses wohl nutzend, wurde in der Tat ein guter
Dichter, und da die uebrigen Eigenschaften, die Prosper ruecksichts
der holden Candida an dem Besitztum geruehmt, sich ganz und gar
bewaehrten, Candida auch niemals den Halsschmuck, den ihr das
Stiftsfraeulein von Rosenschoen als Hochzeitsgabe beschert, ablegte,
so konnt' es nicht fehlen, dass Balthasar die gluecklichste Ehe in
aller Wonne und Herrlichkeit fuehrte, wie sie nur jemals ein Dichter
mit einer huebschen jungen Frau gefuehrt haben mag -

So hat aber das Maerchen von Klein Zaches genannt Zinnober nun
wirklich ganz und gar ein froehliches

                                      Ende.




*** END OF THE PROJECT GUTENBERG EBOOK, KLEIN ZACHES, GENANNT ZINNOBER ***

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